Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2.1. Die Nahostpolitik der USA während des Kalten Krieges 5
2.2. Die USA und der Libanon 10
3. Der Libanesische Bürgerkrieg 1975-1990 12
4.1. Die Nahostpolitik der Reagan-Administration 15
4.2. Die Aussenpolitik der Reagan-Administration während der Libanon-Krise 19
4.2.1. Die Exekutive und der Kongress 19
4.2.2. Von der "Operation Frieden für Galiläa" bis zur Entsendung der
Multinational Force II 20
4.2.3. Die Multinational Force II: vom peacekeeper zum peace-enforcer 21
5. Fazit 25
Bibliographie 28
2
1. Einleitung
Trotz des US-amerikanischen Neokolonialismus im Nahen- und Mittleren Osten seit den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 hat die US-Aussenpolitik vor dieser Zäsur eine erstaunliche Zurückhaltung in Fragen des Interventionismus erkennen lassen. Dies dürfte nicht allein der katastrophal ausgegangenen, humanitären Intervention in Somalia 1993 zuzurechnen sein, sondern auch anderen Beispielen missglückter Interventionen. Das wohl augenfälligste Beispiel vor 1993 ereignete sich gut zehn Jahre vor Somalia im Zedernland des Nahen Ostens. Die ebenfalls gescheiterte Intervention in den libanesischen Bürgerkrieg in den Jahren 1982-1984 wurde einerseits von der abschreckenden Erfahrung in Vietnam beeinflusst, andererseits aber auch von der erfolgreichen Intervention in den kürzeren libanesischen Bürgerkrieg von 1958, als die Eisenhower-Doktrin erstmals in Tat umgesetzt wurde. Eine kurzgefasste Narration der Ereignisse im Libanon von 1982-1984 lässt folgende Kausalitäten erkennen: Nach der geglückten Evakuation der von der Israeli Defense Force (IDF) in Westbeirut eingekesselten PLO-Kombattanten führte der voreilige Abzug der Multinational Force I (MNF) zu einem Sicherheitsvakuum, in dem die Ermordung des neu gewählten libanesischen Präsidenten Bashir Jumayyil und die Massaker von Sabra und Shatila kausal aufeinander folgten. Kurz darauf kehrte die MNF genauso voreilig zurück wie sie abgezogen worden war. Die immer engere Kooperation mit der "legitimen" libanesischen Regierung und ihrer Armee - in Wirklichkeit nur eine weitere Miliz - beschleunigte die Transformation der MNF II von einem neutralen zu einem kombattanten Akteur, die in der Schlacht um die strategisch wichtige Ortschaft Suq al-Gharb ausserhalb Beiruts ihren klarsten Ausdruck fand. Die Zäsur von Suq al-Gharb war allerdings wieder nur möglich, nachdem sich die IDF aus dem Beiruter Umland zurückgezogen hatte und erneut ein Sicherheitsvakuum hinterliess.
Der Wandel zum Kombattanten verschärfte die Animositäten gegen die MNF II unter den verschiedenen libanesischen und nicht-libanesischen Milizen und war somit mitverantwortlich für den Terroranschlag auf die Hauptquartiere des amerikanischen bzw.
1 Tanter, Raymond: Who's at the helm? Lessons from Lebanon. Boulder 1990. p. 227.
3
französischen Kontingentes vom 23.10.1983, bei dem 241 US-Marineinfanteristen am Beiruter Flughafen ums Leben kamen. Der Schock dieses Tages und die weiterhin erfolglose Mission erzwangen alsbald die Verlegung der Marines in die libanesischen Küstengewässer und schliesslich den endgültigen Abzug im März des darauffolgenden Jahres. Wird der aussenpolitische Entscheidungsapparat der USA im Hinblick auf eine mögliche Intervention als Drei-Ebenen-Modell gedacht, in dem sich die Metaebene der aussenpolitischen Ideologie, die institutionelle Rollenverteilung und die Implementation von disponiblen Ressourcen miteinander verschränken, so lässt sich auch die letztlich gescheiterte Libanon-Intervention unter diesen drei Aspekten erklären. Das Debakel von 1982-1984 liegt in der Prädominanz dreier Faktoren im aussenpolitischen Entscheidungsprozess der US-Nahostpolitik dieser Jahre begründet, die in einer Krisenzeit zwangsläufig ein Dreiecksverhältnis wechselseitiger Inkongruenz bildeten:
1. Die bipolar-globalistische Logik des Reaganismus
2. Die interdepartementale Rivalität während der Intervention in Abwesenheit einer präsidentiellen Führungsrolle
3. Die illusionäre Strategie im Hinblick auf das Mittel-Ziel-Verhältnis
3 Werke analysieren die US-Partizipation an der MNF II im Rahmen des aussenpolitischen Entscheidungsprozesses aus je institutioneller und militärischer Perspektive. 2 Raymond Tanters 3 Analyse beleuchtet die intra- und interdepartementalen Auseinandersetzungen (interagency process), während Ralph A. Hallenbecks und Anthony McDermotts/Kjell Skjelsbaeks Beiträge den Schwerpunkt mehr auf militärische Machbarkeit bzw. Friedenssicherung legen. 4 Daneben wurde auf eine Fülle an Beiträgen zur kontextuellen Einbettung der Thematik zurückgegriffen, namentlich Abhandlungen zur Nahostpolitik der USA und zum libanesischen Bürgerkrieg (siehe Bibliographie). Neben diesem Fundus an Sekundärliteratur wurden darüber hinaus für die Thematik relevante Dokumente der US-
2 Einevierter Beitrag zum Thema musste unberücksichtigt bleiben: Hammel, Eric: The root. The marines in
Beirut, August 1982-February 1984. New York 1985.
Die Literaturrecherche für die Behandlung der vorliegenden Thematik umfasste den Gesamtkatalog der
Universität Freiburg i. Br., den interbibliothekarischen Katalog der Deutschschweiz (NEBIS) und die Datenbank
WISO-WAO (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Literatur - World Affairs Online).
3 Tanter war während der Libanonkrise stellvertretender Chef des Nahostbüros des Nationalen Sicherheitsrates.
4 Hallenbeck, Ralph A.: Military Force as an Instrument of U.S. Foreign Policy. Intervention in Lebanon, August
1982-February 1984. New York 1991.
McDermott, Anthony und Kjell Skjelsbaek (eds.): The Multinational Force in Beirut 1982-1984. Miami 1991.
4
Aussenpolitik eingesehen. 5 In der recherchierten und ausgewerteten Literatur ist die tatsächliche Einflussnahme und Rolle des US-Kongresses bzw. des Präsidenten nur schwach dokumentiert. Da die relevanten Abhandlungen die Libanon-Intervention ausschliesslich im Rahmen des intra- und interdepartementalen Entscheidungskomplexes zu erhellen versuchen, scheinen in diesem Bereich Forschungsdefizite zu bestehen. Ausserdem wird die Intervention kaum aus der Sicht der am libanesischen Bürgerkrieg beteiligten Akteure untersucht. In einem ersten Schritt werden die generelle US-Nahostpolitik und die generelle Aussenpolitik gegenüber dem Libanon bis zur Intervention 1982 erörtert. Beide diese Aspekte bilden die Grundlage für die Beantwortung des in der These erstgenannten Faktors. Darauf ist ein Eingehen auf den libanesischen Bürgerkrieg als Grundlage für die Beantwortung des dritten Faktors unabdingbar, da dieser Aspekt in den drei aufgelisteten Hauptwerken vernachlässigt wird. In diesem kontextuellen Rahmen dient die Diskussion der Reaganschen Nahostpolitik - insbesondere während der Libanonkrise - der Substantiierung des ersten und zweiten Faktors. Schliesslich soll im spezifischeren Teil der dritte Faktor im Bezug auf die Mission der MNF II analysiert werden.
2.1. Die Nahostpolitik der USA während des Kalten Krieges (unter besonderer Berücksichtigung des levantinischen Themenkomplexes) Herbert Dittgen erkennt drei zentrale Faktoren des aussenpolitischen Entscheidungsprozesses der USA: die ideologisch-kulturelle Grundlage, gesellschaftliche Kanäle zur Beeinflussung der Aussenpolitik und das Mächteverhältnis zwischen Präsident und Kongress. 6 Alle drei Faktoren spielen auch in der allgemeinen US-Aussenpolitik gegenüber der Levante und insbesondere in Krisenzeiten wie jener während der Libanon-Intervention eine zentrale Rolle. Eine Zäsur in der allgemeinen US-Nahostpolitik bildet der 2. Weltkrieg, der den Übergang von einem attentive detachment zu einem oblivious engagement in der US-Nahostpolitik markiert. 7 Im Rahmen dieses problematischen Engagements wurde trotz aller Rückschläge wie der hier diskutierten Libanon-Intervention eine beständige Interessentrias im Nahen- und Mittleren Osten mit relativem Erfolg gesichert: die Eindämmung des sowjetischen Einflusses auf die Region, die Stabilität und wirtschaftliche
5 Siehe hierzu in der Bibliographie vor allem die Dokumentauswahl zum Nahen Osten und zur Libanon-
Intervention des Department of State für die Jahre 1977-1984.
6 Dittgen, Herbert: Amerikanische Demokratie und Weltpolitik. Aussenpolitik in den Vereinigten Staaten.
Paderborn 1998. p. 17.
7 Amirahmadi, Hooshang (ed.): The United States and the Middle East. A Search for New Perspectives. Albany
1993. p. 7.
5
Offenheit der an Öl und Gas reichhaltigen Geosynklinale vom Nordirak bis zum Oman (Golfregion) und die Existenzsicherung Israels. 8
Die Ideologie, die einer Aussenpolitik zugrunde liegt, verursacht diese zwar nicht direkt, doch definiert sie den Kontext in dem sich letztere überhaupt abspielen kann und zeigt somit deren Möglichkeiten und Grenzen auf. 9 Ideologische Einflüsse aus der aussenpolitischen Elite aber auch aus gesellschaftlichen Gruppierungen können deshalb für politische Grenzüberschreitungen im Nahen Osten, die in Fiaskos mündeten, verantwortlich gemacht werden. 10 Grundlegend für die US-Nahostpolitik während des Kalten Krieges war und ist eine manichäische Eigen- und Fremdinterpretation in bezug auf die Sowjetunion, die eine beinahe metaphysische Binarität impliziert. 11 Dieses ideologische Grundmoment entwickelte sich zu einer Kultur der immerwährenden Wachsamkeit zugunsten nationaler Interessen (national security culture). 12 Da diese Obsession fortwährend institutionalisiert wurde (bspw. in Form des National Security Councils), mussten zu deren Legitimierung nationale Interessen globalisiert werden, womit eine Omnipräsenz des nationalen Interesses einherging. 13 Somit wurden die Grundlagen für das globale Containment der sowjetischen Einflusssphäre gelegt, deren Eindämmung sowie Zurückdrängung massgeblich von George F. Kennan gestaltet wurden. 14 Das Containment bediente sich zu seiner innenpolitischen Vermarktung sowohl der Dominotheorie als auch der Munich analogy. 15 Die Dominotheorie ging von einer Kettenreaktion des sowjetischen Einflusses aus, sobald dieser ein Land erfasst hätte, während die Munich analogy auf das letztlich fatale Appeasement gegenüber Hitler-Deutschland von 1938 als abschreckendes Beispiel verwies. Beide Aspekte zogen unweigerlich eine gerechtfertigte oder auch ungerechtfertigte Inflation der sowjetischen Gefahr nach sich, die in den vielen Containment-Doktrinen (viele mit direktem Bezug zum Nahen Osten) ihren Ausdruck fand. Die 1958 vom Libanon in Anspruch genommene Eisenhower-Doktrin versprach Unterstützung - selbst in Form von direkten Interventionen
8 Quandt, William B.: "America and the Middle East: A Fifty-Year Overview." in: The Middle East Journal.
Washington 38 (1984) 2. p. 59 und Hudson, Michael C.: "To Play the Hegemon: Fifty Years of US Policy
Toward the Middle East" in: The Middle East Journal. Washington 50 (1996) 3. p. 329.
9 See, Jennifer W.: "Ideology" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encyclopedia of American Foreign Policy.
Vol. 2. New York 2002. p. 190/195.
10 Barakat, Halim (ed.): Toward a Viable Lebanon. Washington 1988. p. 229.
11 Selverstone, Marc Jay: "Doctrines" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encyclopedia of American Foreign
Policy. Vol. 2. New York 2002. p. 528.
12 Rossi, Lorenza: Who shall guard the guardians themselves?: an analysis of US strategy in the Middle East
since 1945. Bern 1998. p. 220-221.
13 Brands, H.W.: "The National Interest" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encyclopedia of American
Foreign Policy. Vol. 2. New York 2002. p. 480.
14 Siracusa, Joseph M.: "The Munich Analogy" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encyclopedia of American
Foreign Policy. Vol. 2. New York 2002. p. 447.
15 Selverstone, Marc Jay: "Doctrines" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encyclopedia of American Foreign
Policy. Vol. 2. New York 2002. p. 531. und Siracusa (2002), p. 452.
6
wie im Libanon - für befreundete Regime, die in scheinbar sowjetische Bedrängnis geraten waren. 16 Unter dem Eindruck der Vietnam-Erfahrung forderte die Nixon-Doktrin zwar ein verstärktes Eigenengagement dieser Regime, doch die iranische Revolution und die sowjetische Intervention in Afghanistan Ende der 70er Jahre markierten einen erneuten Wechsel zu offensiverem Containment im Sinne der Carter-Doktrin. 17 Kernstück des Containments war der Versuch, die Staaten an der südlichen Sowjetperipherie durch bi- und multilaterale Verträge in verschiedene Allianzen zusammenzuschweissen, um so einen cordon sanitaire für den Nahen- und Mittleren Osten zu bilden. 18 Der Sowjetunion wurde dabei unerbittlicher Expansionismus unterstellt, dessen oftmals offensichtliche Inexistenz dem Erfolg der US-Eindämmungsstrategien zugerechnet wurde. 19 Im Laufe der 70er Jahre verdrängte das Vietnam-Syndrom die Munich analogy, wodurch Fragen des direkt-offensiven Interventionismus mit erhöhter Zurückhaltung behandelt wurden. 20
Der regionale Status quo, dessen Stabilisierung von den USA permanent verfolgt wurde, sah sich alsbald mit der Gefahr eines nicht selten soziorevolutionären und damit sowjetisch protegierten Nationalismus konfrontiert. Das diesen Bewegungen innewohnende Destabilisierungspotenzial diente den USA regelmässig als Vorwand, um direkt oder indirekt zugunsten des Status quo zu intervenieren. 21 Neben nationalistischer Dekolonisierung und vermeintlicher Sowjetexpansion entwickelten sich politische Oppositionsbewegungen, die unter dem Begriff des "Islamismus" zusammengefasst werden, zur dritten Destabilisierungsgefahr. 22
Zudem wurde in der Nahostregion eine Konfrontation zwischen den Grossmächten mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit erwartet, weil sich Regionalkonflikte gemäss vorherrschender Meinung explosionsartig zu Globalkonflikten hätten entladen können. 23 In historischer Retrospektive war das Konfrontationspotenzial erheblich geringer, da es nur während den Nahostkriegen von 1967 und 1973 Anzeichen einer möglichen Eskalation gab;
16 Amirahmadi (1993), p. 42.
17 Jäger, Wolfgang (ed.): Regierungssystem der USA: Lehr- und Handbuch. München 1998. p. 370 und Jones,
Howard (ed.): Safeguarding the Republic. Essays and Documents in American Foreign Relations 1980-1991.
New York 1996. p. 327.
18 Lenczowski, George: American Presidents and the Middle East. Durham 1990. p. 203.
19 Amirahmadi (1993), p. 43/53.
20 Siracusa (2002), p. 454. Das Vietnam-Syndrom sollte erst durch die erfolgreiche Kampagne zur Befreiung
Kuwaits 1991 endgültig ausgetrieben werden. siehe dazu: Little, Douglas: American orientalism: the United
States and the Middle East since 1945. London 2002. p. 229.
21 Rossi (1998), p. 300/29.
22 Amirahmadi (1993), p. 12.
23 Chomsky, Noam: The Fateful Triangle. The United States, Israel and the Palestinians. Boston 1983. p. 449
und Gambone, Michael D.: Documents of American Diplomacy. From the American Revolution to the Present.
Westport 2002. p. 408.
7
auch der Höhepunkt des sowjetischen Engagements im Nahen Osten fällt zwischen diese beiden Daten. 24 Abgesehen von der sowjetischen Invasion in Afghanistan hat die tatsächliche Nahostpolitik der Sowjetunion nie der Expansionsangst der US-Aussenpolitik entsprochen, doch wurde genau diese Passivität dem Erfolg der Containment-Strategien zugeschrieben. 25 Für den Bipolarismus des Kalten Krieges waren Patron-Klient-Beziehungen zwischen den Grossmächten und regionalen Staaten kennzeichnend, wobei im westlichen Lager Israel an der Spitze einer nahöstlichen Klientelhierarchie stand. Diesen Patron-Klient-Beziehungen wird aber insbesondere im Nahen Osten viel zu viel Bedeutung in der Erklärung lokaler Ereignisse beigemessen. Der libanesische Bürgerkrieg, in dem sich interne und externe Patrons und Klienten in einem Interessengewirr gegenüberstanden, gilt als Paradebeispiel für die Beschränktheit des Grossmachteinflusses auf lokale Verbündete. 26 Gerade weil der Nahe Osten nie strikte Bipolarität aufwies, konnten lokale Klienten wie Israel gegenüber den USA und Syrien gegenüber der Sowjetunion die Grossmachtpolitik erheblich unterlaufen. 27 Die USA konnten Israel ausserdem nicht beliebig instrumentalisieren, da es ein Frontstaat ist und über eine massive politische Basis in den USA verfügt. 28 Syrien genoss vor allem nach seiner Intervention in den ersten Konflikt des libanesischen Bürgerkrieges 1976 ein hohes Mass an Autonomie gegenüber der Sowjetunion, da die Präsenz von syrischen Truppen im Libanon als wirkungsvolle Abschreckung einer israelischen Intervention gewertet wurde. 29 Allerdings wäre die Sowjetunion nur widerwillig auf Seiten Syriens im Libanon interveniert, da dieser keinen zentralen Fokus des Ost-West-Konfliktes darstellte. 30 Er blieb zweitrangig, auch wenn seit 1980 ein Freundschafts- und Kooperationsabkommen zwischen dem sozialistischen Patron und seinem Klienten bestand, in dem aber die Interventionsverpflichtung der Sowjetunion nur sehr schwammig umschrieben war (Artikel 10). 31 Die Sowjetunion rüstete dafür Syrien nach der israelischen Invasion in den Libanon von 1982 massiv auf, als es nach israelisch-syrischen Kämpfen zu empfindlichen militärischen Verlusten auf syrischer Seite gekommen war. 32
24 Little (2002), p. 242-3 und Pawelka, Peter (ed.): Der Vordere Orient an der Schwelle zum 21. Jahrhundert:
Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Opladen 1999.
25 Amirahmadi (1993), p. 46.
26 Rabinovich, Itamar: The War for Lebanon, 1970-1985. Ithaca 1985. p. 93.
27 Inbar, Efraim: "Great Power Mediation: The USA and the May 1983 Israeli-Lebanese Agreement". in: Journal
of Peace Research. Oslo 2 (1991) 1. p. 71.
28 Tanter (1990), p. 126.
29 Weinberger, Naomi Joy: Syrian Intervention in Lebanon. The 1975-76 Civil War. New York 1986. p. 291.
30 Quandt, William B.: "Reagan's Lebanon Policy: Trial and Error." in: The Middle East Journal. Washington 38
(1984) 2. p. 252.
31 Rabinovich (1985), p. 94 und Moore, John Norton (ed.): The Arab-Israeli Conflict. Vol IV: The Difficult
Search for Peace (1975-1988). Part One. Princeton 1991. p. 856.
32 Lenczowski (1990), p. 225.
8
Zudem wurde Syrien von amerikanischer Seite mehrmals produktiv in Kooperation eingebunden und konnte deshalb nicht exklusiv dem Sowjetlager, geschweige denn einer sowjetisch-syrischen Klientelaxe zugerechnet werden. Der im Zeichen des syrischisraelischen Entflechtungsabkommens nach dem Oktoberkrieg 1973 begonnene Dialog mit Syrien unter Ford und Carter relativierte sogar die syrische Intervention 1976 in den Libanon. 33 Henry Kissinger wertete in diesem Zusammenhang die anfänglich den Libanon stabilisierende Rolle Syriens als höchst verantwortungsvoll. In der Zeit von 1975-6 konnte Syrien im Libanon sogar eher als US-Klient betrachtet werden, nachdem es auf Seiten der von maronitischen Kräften dominierten Status-quo-Koalition interveniert war. 34 Die farbenblinde Zurechnung Syriens zum Sowjetlager durch die Reagan-Administration verkannte denn auch die mannigfaltigen Schattierungen der Asadschen Aussenpolitik und sollte sich im Libanon als äusserst kontraproduktiv herausstellen. 35 Die Wichtigkeit einer differenzierteren Sicht auf Asads Interessen im Libanon hätte nicht zuletzt durch seinen direkten Einfluss auf wichtige Milizen im Bürgerkrieg gegeben sein müssen. 36
Die unverbrüchliche Unterstützung Israels durch die USA begann mit der Eisenhower-Administration und vervollständigte sich, als der Nahostkrieg von 1967 das strategische Potenzial Israels im Nahen Osten unmissverständlich vor Augen führte. Israel mauserte sich von einer liability zu einem asset in der amerikanischen Nahostpolitik. 37 Trotzdem oder gerade wegen dieser Bedeutung war es den USA nach dem Beginn der israelischen Invasion in den Libanon von 1982 nicht möglich, Sanktionsdrohungen gegenüber Israel in die Tat umzusetzen. 38 Selbst der illegale Einsatz von US-Waffen während der Invasion zu offensiven Zwecken wurde entgegen den Bestimmungen des Arms Export Control Act akzeptiert. 39 Aufgrund des beispiellosen Machtzuwachses des American Israeli Political Action Committee (AIPAC) als wichtigstem Organ der Israel-Lobby im aussenpolitischen Entscheidungsprozess während der Reagan-Ära erschwerte sich jede Form israelkritischer Politik. 40 Seit der Besetzung der palästinensischen Gebiete von 1967 besassen die USA durch die im Camp David Prozess erarbeitete Formel "Land für Frieden" ein gewichtiges Druckmittel sowohl gegenüber moderaten als auch gegenüber radikalen arabischen Staaten. 41 Diese
33 Weinberger (1986), p. 298.
34 Ibd., p. 301.
35 Kaufman, Burton I. (ed.): The Arab Middle East and the United States. Inter-Arab Rivalry and Superpower
Diplomacy. New York 1996. p. 135.
36 McDermott (1991), p. 136.
37 Lenczowski (1990), p. 282 und Amirahmadi (1993), p. 13.
38 Lenczowski (1990), p. 220.
39 Ibd., 220/267.
40 Rossi (1998), p. 137.
41 Quandt (1984 1 ), p. 65.
9
Formel setzte allerdings eine Politik des divide et impera voraus, damit eine vereinigte arabische Verhandlungsmacht verhindert würde. Das von Kissinger geschaffene Verhandlungsmodell ging von bilateralen, von den USA vermittelten Friedensschlüssen aus, während in der Carter-Ära Anstrengungen in Richtung einer umfassenderen Verhandlungsstrategie unternommen wurden. 42 Die Reagan-Administration übernahm weitgehend das Kissinger-Modell, zu dem auch die Ablehnung der PLO als direktem Verhandlungspartner gehörte. 43 Die Reagan-Administration nannte diese bilaterale Machtpolitik "create more Egypts" in Anspielung auf den bilateralen Friedensschluss zwischen Israel und Ägypten und dem gescheiterten Friedensabkommen zwischen Israel und der libanesischen Regierung unter Amin Jumayyil. 44
2.2. Die USA und der Libanon
Mit dem Beginn des Kalten Krieges übernahmen die USA von Frankreich die Patronage über den Libanon, der bis anhin lediglich von kultureller (American University of Beirut) und missionarischer Bedeutung gewesen war. 45 Als moderater arabischer Staat, dessen Elite traditionell starke Beziehungen zum Westen pflegte und dessen politisches System von den USA für frei und demokratisch gehalten wurde, stellte der Libanon zwar kein prioritäres Interesse, wohl aber einen politischen Vorteil im Nahen Osten dar. 46 Die libanesische Gesellschaft wurde kollektiv als den amerikanischen Werten verpflichtet gesehen. 47 Beirut war zudem bis zum Ausbruch des libanesischen Bürgerkrieges das Zentrum der US-Präsenz im Nahen Osten. 48
Von 1976, d.h. seit der syrischen Intervention in den Libanon im Rahmen einer panarabischen Friedenstruppe, bis 1982 bewegte sich der Libanon im Hintergrund der US-Nahostpolitik und erhielt trotz des bestialischen Bürgerkrieges kaum Aufmerksamkeit. 49 Der Libanon wurde als Nebenschauplatz des Kalten Krieges und des arabisch-israelischen Konflikts gänzlich vom Camp David Prozess und von der iranischen Revolution überschattet. 50 Die Jahre 1982-1984, in die die Libanon-Intervention fiel, markierten den Höhepunkt des US-Engagements, nach welchem der Libanon fast vollständig vernachlässigt
42 Weinberger (1986), p. 307 und Friedlander, Melvin A.: Conviction and Credence. US Policymaking in the
Middle East. Boulder 1991. p. 5.
43 Lenczowski (1990), p. 213.
44 Department of State. American Foreign Policy. Basic Documents, 1982. Washington 1983. p. 819.
45 Collings, Deirdre (ed.): Peace for Lebanon? From War to Reconstruction. Boulder 1994. p. 138/141.
46 Department of State. American Foreign Policy. Basic Documents, 1983. Washington 1985. p. 736. und
Collings (1994), p. 138/141.
47 Department of State. American Foreign Policy. Basic Documents, 1977-1980. Washington 1983. p. 778/795.
48 Barakat (1988), p. 210.
49 Rabinovich (1985), p. 90.
50 Ibd., p. 91.
10
wurde. 51 Durch den Bürgerkrieg und das Scheitern der MNF II mutierte der Libanon aus amerikanischer Sicht von einer convenience zu einer inconvenience im nahöstlichen Kontext. 52
Die schwache Konnotation dieser beiden Kategorien weist darauf hin, dass die USA keine vitalen Interessen im Libanon zu sichern hatten. Ansonsten wäre eine genuine Opferbereitschaft essentiell gewesen, um den Erfolg der MNF II zu gewährleisten. 53 Trotzdem hatte der Libanon im grösseren levantinischen Kontext nicht nur für die USA einen besonderen Stellenwert. Er bildete einen winzigen Pufferstaat zwischen Syrien und Israel, zweier theoretischer Grossmachtklienten und somit die potenzielle Bühne einer Weltmachtkonfrontation. 54 Auf jeden Fall bildet der Zedernstaat einen hyperstrategischen Lokus. Winslow vergleicht ihn mit den vier zentralen Feldern eines Schachbretts, wo Machtkämpfe besonders brutal und unnachgiebig ausgetragen würden. 55 Vom geostrategischen Standpunkt könnte der Libanon durchaus das demographische Gewicht Ägyptens, das finanzielle Gewicht Saudi Arabiens oder das ideologische Gewicht Syriens teilen. 56
1958 wurde der damalige libanesische Bürgerkrieg von der Eisenhower-Administration als Mikrokosmos des Ost-West-Gegensatzes interpretiert, obwohl sie erkannte, dass ein Teil der Problematik innerlibanesischer Provenienz war und deshalb der Bürgerkrieg nur indirekt mit der bipolaren Konstellation verbunden werden konnte. 57 Die Administration übte sich deshalb in höchster Vorsicht, eine mögliche Intervention aus Furcht vor Präzedenz im Lichte der Eisenhower-Doktrin erscheinen zu lassen und stellte sogar Konditionen auf, deren Erfüllung erst eine Militärintervention ermöglichen würde. 58 Als die neu gegründete United Arab Republic (UAR) auf den Libanon Druck auszuüben begann und die Juli-Revolution im Irak stattfand, wurden 14'000 Marineinfanteristen in den Libanon entsandt. 59 Die Operation Blue Bat von 1958 wurde als perfektes Beispiel einer Intervention in die Dritten Welt verstanden, um die Integrität und das politische System eines pro-westlichen Staates zu garantieren. 60 Nichtsdestotrotz distanzierte sich die Eisenhower-Administration im
51 Alnwick, Kenneth J. und Thomas Fabyanic (eds.): Warfare in Lebanon. Washington 1988. p. 1.
52 Collings (1994), p. 146.
53 Quandt (1984 2 ), p. 250.
54 Taylor (1991), p. 99 und Alnwick (1988), p. 91.
55 Winslow, Charles: Lebanon. War and Politics in a Fragmented Society. London 1996. p. 6.
56 Lenczowski (1990), p. 217.
57 Lesch, David W.: The Middle East and the United States. A Historical and Political Reassessment. Boulder
1996. p. 147-148.
58 Ibd., p. 155-156.
59 Ouaiss, Makram: "Lebanon" in: Jentleson, Bruce W. et al. (eds.): Encyclopedia of U.S. Foreign Relations.
Vol. 3. New York 1997. p. 57.
60 Alnwick (1988), p. 33 und Little (2002), p. 234.
11
Gegensatz zur Reagan-Administration ostentativ von den politischen Ambitionen der herrschenden aussenpolitischen Clique um Präsident Camille Chamoun. 61 Auch wurde bei dieser Intervention Syrien im Rahmen der UAR als essentieller Akteur mit legitimen Interessen im Libanon nicht übergangen. 62
3. Der Libanesische Bürgerkrieg (1975-1990)
Der Ursprung der modernen libanesischen Republik liegt in der französischen Mandatszeit der Levante, als aus dem osmanischen Autonomiegebiet des Jabal Lubnān (Mont Liban) der Etat du Grand Liban durch Angliederung von Küstenstädten und Gebieten des Hinterlandes kreiert wurde. 63 Da die so entstandene Koexistenz von verschiedenen konfessionellen Gruppierungen keine klaren Mehr- und Minderheitenverhältnisse geschaffen hatte, entstand durch fehlende Assimilation ein Zustand der permanenten Konkurrenz, die die Zentralregierung konstant in Frage stellte. 64 Ein tribaler Konfessionalismus, der auf quasiautonomen, sozio-politischen Gruppierungen basierte, wurde zur dominanten politischen Strukturierungskraft der modernen Republik, aber auch zu deren gefährlichster Quelle der Instabilität. 65 Der Pacte National von 1943 ging als elitäre Formel des Interessenausgleichs aus einer doppelten Negation hervor: Nein zu einer Annäherung an einen westlichen Patron (v.a. Frankreich) sowie Nein zur Annäherung an den Panarabismus. 66 Nach dem massiven Influx der PLO nach deren Vertreibung aus Jordanien 1970 wurde das delikate Gleichgewicht zwischen den Konfessionen zerstört, als sich die mobilisierende Shī‘a aus dem Südlibanon mit dem palästinensischen Widerstand zu einer regelrechten Reformopposition verband und ausländische Allianzen auch von der maronitischen Elite zur Hilfe genommen wurden. 67 Der Bürgerkrieg drehte sich um zwei Themenkomplexe, die die multiplen Bruchlinien der libanesischen Gesellschaft voll zum Vorschein brachten: erstens die sozioökonomischen Ungleichheiten, regionalen Disparitäten, konfessionellen Rivalitäten und ideologischen Konflikte und zweitens die libanesisch-palästinensischen, d.h. gesamtarabischen, Beziehungen. 68 Der zweite Themenkomplex wird von Hanf auch "Ersatzkrieg um Palästina"
61 Weinberger (1986), p. 295-296.
62 McDermott (1991), p. 238.
63 Bieber, Florian: Bosnien-Herzegowina und der Libanon im Vergleich: Historische Entwicklung und
Politisches System vor dem Bürgerkrieg. Sinzheim 1999. p. 64.
64 Abul-Husn, Latif: The Lebanese Conflict. Looking Inward. Boulder 1998. p. 17.
65 Collings (1994), p. 19 und Abul-Husn (1998), p. 14/55.
66 Collings (1994), p. 70.
67 Abul-Husn, Latif (1998), p. 2-3. und Hall, David Locke: The Reagan Wars. A Constitutional Perspective on
War Powers and the Presidency. Boulder 1991. p. 136.
68 Collings (1994), p. 19-20.
12
genannt. 69 Im ersten wie auch im zweiten Themenkomplex stand sich eine Koalition von Verfechtern des Status quo einerseits und von Revisionisten andererseits gegenüber, wobei sich diese einfache Dualität nur für das Anfangsstadium des Bürgerkrieges aufrechterhalten lässt. 70
Die sich im Laufe des Konfliktgeschehens herausbildende Hyperkomplexität des Konfliktgemenges wurde alsbald nicht nur für externe Interventionisten zu einem erheblichen Handlungshindernis. 71 Auch um das Scheitern der MNF II nachvollziehen zu können, muss dem hyperkomplexen Handlungsumfeld in und um Beirut Rechnung getragen werden. 72 Winslow erkennt in der libanesischen Konfliktstruktur fünf ineinander übergehende Konfliktebenen: acts of violence, turf battles, proxy wars, intercommunal wars und state wars. Dieser von ihm betitelte war complex bot keiner Partei eine eindeutige Siegeschancegetreu der libanesischen Konfliktbewältigungsformel lā ġālib wa lā maġlūb (kein Gewinner und kein Verlierer). 73 Hanf zählt bis 1988 ganze 14 Konfliktkonstellationen, in denen sich seit 1975 alle möglichen Gruppierungen gegenseitig bekämpften. 74 Die Hyperkomplexität der libanesischen Gesellschaft hängt von Ausgleich ab, weil jede Form der Hegemonie einer Faktion unweigerlich den Zusammenbruch nach sich zieht. 75 Der Terminus der "Libanonisierung" weist auf die unüberschaubare Fragmentierung eines Konfliktkomplexes hin. 76 Bereits 1981 wurden 40 Milizen gezählt, die teils libanesischen und teils nicht-libanesischen Ursprungs waren. 77 Die traditionelle Permeabilität des libanesischen Gemeinwesens, d.h. die Suche endogener Kräfte nach exogenen Verbündeten zwecks Machtzuwachses, lässt denn auch die Trennung zwischen Innen- und Aussenpolitik weniger scharf ausfallen. 78 Der libanesische Pluralismus hat ständig zu Patron-Klient-Beziehungen geführt, weshalb das libanesische Gemeinwesen stark von auswärtigen Kräften penetriert war. 79 Auch wenn der Libanon von 1982-1988 unter Amin Jumayyil eine legale Regierung besass, wurde deren aussenpolitische Legitimität und Einheitlichkeit von substaatlichen Faktionen unterminiert. 80
69 Hanf, Theodor: "Libanon-Konflikt" in: Steinbach, Udo und Rüdiger Robert (eds.): Der Nahe und Mittlere
Osten. 1: Grundlagen, Strukturen und Problemfelder. Opladen 1988. p. 663.
70 Abul-Husn (1998), p. 3-4.
71 O'Ballance, Edgar: Civil War in Lebanon, 1975-92. New York 1998. p. 218.
72 McDermott (1991), p. 80.
73 Winslow (1996), p. 213.
74 Hanf (1988), p. 668-676.
75 Quandt (1994 2 ), p. 237.
76 Collings (1994), p. 17.
77 O'Ballance (1998), p. 110.
78 Collings (1994), p. 69.
79 McDermott (1991), p. 248.
80 Collings (1994), p. 75.
13
Bereits vor der Gründung des Staates Israel gab es eine ideelle Verbundenheit zwischen der maronitische Minderheitselite und gewissen Zionisten, die ihre Konkretisierung in der israelischen Finanz- und Militärhilfe an die Lebanese Front von 1976-1982 fand. 81 Die Defacto-Stellvertretung Israels im Südlibanon unter Major Haddad, die nach der israelischen Strafaktion gegen die PLO von 1978 eingerichtet worden war, sollte die israelischen Interessen noch bis ins Jahr 2000 vertreten. 82 Syrien hatte neben seinen eigenen Truppen ebenfalls Stellvertretermilizen im Hobbesian jungle des Libanon, die grösstenteils dem Reformistenlager angehörten. 83 Somit verwundert es kaum, dass libanesische Verschwörungstheoretiker externen Faktoren die ausschliessliche Schuld für die Implosion des libanesischen Gemeinwesens geben. 84
Vor der israelischen Invasion von 1982 war die syrische Intervention das klarste Anzeichen einer möglichen Globalisierung des Libanonkonflikts. 85 Letztere erfolgte erstaunlicherweise auf Seiten der Status-quo-Koalition, um einen drohenden Sieg der Revisionisten oder ein Auseinanderbrechen des Libanon zu verhindern. Ein weiteres radikales Nachbarregime (neben dem Irak) hätte Syriens levantinischen Hegemonialanspruch torpedieren können. 86 So hatte denn auch die an der Konferenz von Riyadh gebildete Arab Deterrence Force, die als Deckmantel für die Stationierung von 30'000 syrischen Truppen im Libanon diente, eine anfängliche Stabilisierung zur Folge. 87 Diese massive Präsenz eines theoretischen Sowjet-Klienten wurde sowohl von den USA als auch von Israel allerdings allmählich für problematisch gehalten. Das Scheitern der MNF II, die Vernachlässigung des Libanon durch die USA und der Rückzug der IDF in und aus dem Südlibanon erlaubten Syrien eine Konsolidierung seiner Hegemonie über den Zedernstaat. Diese wurde offiziell anerkannt durch das Abkommen von T ā’if, das den Bürgerkrieg beendete, nachdem Syrien an der Kampagne zur Befreiung Kuwaits teilgenommen hatte. 88 Die Gründe für die erfolgreiche Verwirklichung der syrischen Vormacht liegen aber tiefer. Die Asymmetrie zwischen einem lauen Engagement der Reagan-Administration vor und
81 Rabinovich (1985), p. 104 und Hallenbeck (1991), p. 4.
82 Tanter (1990), p. 11.
83 Collings (1994), p. 75-6. und Alnwick (1988), p. 91.
84 AbuKhalid, As'ad: Historical Dictionary of Lebanon. Asian Historical Dictionaires, No. 30. Lanham 1998. p.
53.
85 Ma'oz, Moshe und Avner Yaniv (eds.): Syria under Assad. Domestic Constraints and Regional Risks. London
1986. p. 224.
86 Rabinovich (1985), p. 48.
87 Ma'oz (1986), p. 213; O'Ballance (1998), p. 59; Hallenbeck (1991), p. 3.
88 Collings (1994), p. 144.
14
während der MNF II - Operation und einem intensiven, beständigen und langfristigen Engagement Syriens war wohl ausschlaggebender. 89
4.1. Die Nahostpolitik der Reagan-Administration
Im Gegensatz zur Reagan-Administration orientierte sich die Carter-Administration bis zur sowjetischen Invasion in Afghanistan und der Formulierung der Carter-Doktrin an einem regionalistischen und idealistischen Paradigma (Menschrechtspolitik). 90 Während der gesamten Carter-Administration dominierte die Nahostregion die aussenpolitische Agenda, was zusammen mit dem hohen persönlichen Einsatz Carters den bahnbrechenden Erfolg des Camp David Prozesses ermöglichte. 91 Die Betonung von komplexen Politikansätzen, um der regionalen Politik des Nahen Ostens gerecht zu werden und die gescheiterte Operation Eagle Claw zur Befreiung des amerikanischen Botschaftspersonals in Teheran wurden Carter im Wahlkampf aber zum Verhängnis. 92 Reagan propagierte eine bewusste Abkehr von jeder regionalen Fokussierung, da diese von der vermeintlich verkannten Sowjetexpansion selbst ausgeschlossen würde. 93
In diesem Zusammenhang lassen sich fünf Leitmotive der Nahostpolitik der Reagan-Administration erkennen: erstens würde die Hauptgefahr der US-Nahostpolitik vom sowjetischen Expansionismus in die Golfregion ausgehen; zweitens sollte dem arabischisraelischen Konflikt weniger Bedeutung beigemessen werden; drittens würde eine konzeptuelle Trennung zwischen der Golfregion und dem arabisch-israelischen Konflikt vorgenommen werden; viertens seien regionale Nahostkonflikte lediglich Ausfluss der globalen Ost-West-Problematik und fünftens würde der Aktionismus der PLO im Kontext des internationalen Terrorismus verortet werden. 94 Der Libanonkonflikt rückte damit in ein neues Licht und damit auch die verschiedenen im Libanon operierenden Akteure (namentlich die Lebanese Front und die syro-palästinensischen Gruppierungen). 95 Nach der missglückten Phase der direkten Intervention von 1982-1984 kehrte die Reagan-Administration zur Libanonpolitik ihrer Vorgängerinnen zurück, die Syriens Präsenz im Libanon als potenziell stabilisierend werteten. 96
89 Hanf (1988), p. 674.
90 Jäger (1998), p. 374 und Brands, H.W.: Into the Labyrinth. The United States and the Middle East 1945-1993.
New York 1994. p. 172.
91 Lenczowski (1990), p. 157-8.
92 Brands (1994), p. 170 und Hogan, Joseph (ed.): The Reagan years. The Record in Presidential leadership.
Manchester 1990. p. 265.
93 Chadda, Maya: Paradox of Power. The United States in Southwest Asia, 1973-1993. New York 1994. p. 27.
94 Ma'oz (1986), p. 214-215.
95 Rabinovich (1985), p. 46.
96 Ma'oz (1986), p. 222.
15
Die Triebfedern dieser Nahostpolitik wurden auch in anderen Regionen sichtbar. Chadda nennt sie Globalismus, Unilateralismus und Interventionismus. 97 Ihnen zugrunde lag das Credo des Reaganism, das darauf abzielte, die der Weltführungsrolle der USA entsprechenden Interessen klar zu definieren, die Projektion amerikanischer Macht glaubwürdiger zu gestalten und somit den aussenpolitischen Entscheidungsprozess zugunsten stärkerer Kohärenz zu straffen. Dies implizierte eine massive Aufrüstung mit dem Ziel amerikanischer Superiorität und nicht Parität gegenüber der Sowjetunion, eine neue Bereitschaft zu offensiver Machtdemonstration und die Wiederherstellung von weltweitem Prestige. 98 Für den Nahen Osten bedeutete dies eine neue Sicherheitsinfrastruktur, verstärkte strategische Kooperation mit Regionalmächten und eine sichtbare US-Präsenz in der Golfregion. 99
Nachdem der Fokus der 70er Jahre auf die Interdependenz in regionalen Beziehungen gerichtet war, erhielten die vermeintlich omnipräsente Sowjetgefahr und der internationale Terrorismus Priorität. 100 Der Glaube an ein sowjetisches Grossprojekt zur Übernahme der Weltherrschaft kommt nirgends besser zum Ausdruck als in einer Rede von Ronald Reagan am 8. März 1983, in der er davor warnt, die "aggressive impulses of an evil empire" mit lediglich "simple-minded appeasement" konterkarieren zu wollen. 101 Da es in einer solchen bipolaren Weltsicht keine Peripherien geben kann, wurde auch von regionalen Konflikten Abstand genommen - nicht zuletzt vom arabisch-israelischen. 102 Dieser Bipolarismus entlarvte alle radikalen arabischen Regime zwangsläufig als regionale Agenten der Sowjetunion, was später die Logik der Reagan-Doktrin gegen linke (Befreiungs-) Bewegungen bestimmte. 103
Die tatsächlich von der Sowjetunion direkt oder durch ihre regionalen Klienten ausgehende Gefahr erscheint in historischer Rückschau als hochgespielt und in einem eklatanten Missverhältnis zur regionalen Sicherheitsinfrastruktur stehend. 104 Beispielsweise
97 Chadda (1986), p. 127-129.
98 Hogan (1990), p. 262/265. und Jäger (1998), p. 359.
99 Chadda (1986), p. 123.
100 Hogan (1990), p. 264 und Department of State: American Foreign Policy. Current Documents, 1984.
Washington 1986. p. 476/484.
101 Chadda (1986), p. 125 und Valone, Stephen J. (ed.): Two Centuries of U.S. Foreign Policy. The Documentary
Record. Westport 1995. p. 173.
102 Chadda (1986), p. 145 und Hellmann, Gunther: Weltmachtrivalität und Kooperation in regionalen Konflikten.
Die USA und die Sowjetunion in den Kriegen des Nahen und Mittleren Ostens, 1973-1991. Baden-Baden 1993.
p. 52.
103 Kaufman (1996), p. 23 und Selverstone (2002), p. 536.
104 Chadda (1986), p. 147. Am 1. Januar 1983 wurde die Rapid Deployment Force in der Golfregion massiv
ausgebaut und einem neu geschaffenen United States Central Command (USCENTCOM) unterstellt. in
Sarkesian, Sam C. et al.: U.S. National Security Policy and Strategy. Documents and Policy Proposals. New
York 1988. p. 251. Hierzu sei noch angemerkt, dass 51 hohe Entscheidungsträger der Reagan-Administration
16
erwiesen sich die Befürchtungen als falsch, die Festigung der syrischen Hegemonie über den Libanon nach dem amerikanischen Rückzug aus dem Libanon würde diesen in ein sowjetisches Protektorat verwandeln. 105 Abschreckung, Ausdauer und Kompromisslosigkeit gegenüber der Sowjetunion und ihrem Klienten Syrien wurden betont. Allein diese Haltung des "Realismus" (George Shultz) hätte zu merklichen Erfolgen geführt. 106 Dieser Realismus wäre im Hinblick auf den Libanonkonflikt allerdings nur umsetzbar gewesen, wenn nicht die Abwesenheit einer überzeugenden präsidentiellen Führung auch ein Glaubwürdigkeitsdefizit mit sich gebracht hätte. 107 Reagan befürwortete eine Kabinettsregierung, in der jedem Departementsvorsteher eine hohe Autonomie zugestanden wurde. 108 In dieser Regierungspraxis bewegte sich der Präsident bewusst ausserhalb des aussenpolitischen Entscheidungsprozesses, obwohl solch eine Logik mit dem amerikanischen Regierungssystem nicht vereinbar ist. 109 Um trotz eines präsidentiellen Defizits Glaubwürdigkeit zu bewahren, wurde aufwendig in symbolische Aussenpolitik und Rhetorik investiert, da sehr oft innenpolitische Themen im Vordergrund standen. 110 Es wurde denn auch konstatiert, als das Libanon-Debakel nicht mehr zu beschönigen war, dass eine der grössten Herausforderungen im Nahen Osten die amerikanische Glaubwürdigkeit sei und dass Rhetorik möglichst vermieden werden müsse. 111
Auf dem angesprochene Bipolarismus bzw. Anti-Regionalismus gründete sich die erste grosse Initiative der ersten Reagan-Administration: der strategic consensus. 112 Die Reaganites strebten im Nahen Osten eine neue Eindämmungsallianz an, obwohl alle vorherigen aufgrund regionaler Komplexität gescheitert waren. Dieser strategische Konsens ging von einer strategischen Einheit aus, die die Türkei, den Nahen Osten, die Golfregion, das Horn von Afrika und Pakistan umfassen würde. 113 Zwei (falsche) Annahmen sollten die Machbarkeit dieses Konzepts garantieren: erstens würden moderate arabische Staaten mit Israel kooperien und zweitens würden erstere die Sowjetunion und nicht Israel als primäre Sicherheitsgefahr sehen. 114 Diese grossangelegte Strategie scheiterte alsbald, nachdem der vom AIPAC rigoros
dem Committee on the Present Danger angehörten, in dem sich die amerikanische Kritik an weltpolitischer
Détente bündelte. in Graebner, Norman A.: "Idealism and Realism" in: DeConde, Alexander et al. (eds.):
Encyclopedia of American Foreign Policy. Vol. 3. New York 2002. p. 325.
105 Hallenbeck (1991), p. 132.
106 Shultz, George P.: Turmoil and Triumph. My Years as Secretary of State. New York 1993. p. 286. und
Department of State (1986), p. 566.
107 Quandt (1984 2 ), p. 242-3.
108 Hallenbeck (1991), p. 149.
109 Jäger (1998), p. 425 und Dittgen (1998), p. 86.
110 Jäger (1998), p. 388 und Hogan (1990), p. 267.
111 Department of State (1986), p. 486.
112 Barakat (1988), p. 213.
113 Department of State: American Foreign Policy. Basic Documents, 1981. Washington 1984. p. 659.
114 Lenczowski (1990), p. 213.
17
bekämpfte saudiarabische AWACS-Kauf die amerikanische Glaubwürdigkeit angeschwärzt hatte und als lediglich Ägypten und der Oman sich bereit erklärten, in einen Sicherheitsgürtel integriert zu werden. 115
Israel hätte als militärischer Hegemon das Kernstück, in den Worten des Verteidigungsministers Caspar Weinberger "the strategic asset", des strategischen Konsenses bilden sollen, worin der verstärkte Einfluss der Israel-Lobby und des neokonservativen Establishments sichtbar wurde, die den nahöstlichen Komplex zugunsten Israels verzerrten. 116 Ende November wurde das Strategic Cooperation Agreement zwischen Israel und den USA in der Form eines Memorandum of Understanding geschlossen, was die damalige Likud-Regierung ermutigte, den Golan völkerrechtswidrig zu annektieren und das im Bau befindliche Kernkraftwerk Osirak im Irak zu bombardieren. 117 Neben obigem Projekt eines strategischen Konsenses lancierte Reagan kurz nach der Evakuierung Westbeiruts eine Friedensinitiative für den arabisch-israelischen Konflikt, nachdem der Libanon endlich befriedet schien. 118 Der Reagan-Plan postulierte eine Föderation von selbstverwalteten Palästinensergebieten mit dem jordanischen Königreich, schloss somit einen unabhängigen Staat von vornherein aus und delegierte die Repräsentation der Palästinenser an Jordanien. 119 Seine gänzliche Abhängigkeit von König Hussein wurde klar, als dieser mit Yasir Arafat nicht übereinkommen konnte und der Plan scheiterte. 120 Obwohl Israel selbst vehement gegen den Plan vorgegangen war, da dieser der Likud-Ideologie der befreiten Gebiete "Judäa und Samaria" widersprach, wurde die strategische Kooperation mit Israel intensiviert. 121
Neben dem Bipolarismus und der tiefen Kooperation mit Israel wurde der internationale Terrorismus zu einer neuen Richtlinie der Reagan-Administration, nachdem der Libanon zu einem fruchtbaren Boden für gewaltsame Bewegungen jeder Couleur geworden war. 122 Nach der MNF II gab der nationale Sicherheitsrat die Direktive Nr. 138 heraus, in der dem (islamistischen) Terrorismus im gesamten Nahen und Mittleren Osten der Kampf angesagt wurde, ohne dessen politische Wurzeln anzuerkennen. 123
115 Fraser T.C.: The USA and the Middle East Since World War 2. London 1989. p. 162 und Hacke, Christian:
Amerikanische Nahost-Politik. Kontinuität und Wandel von Nixon bis Reagan. Wien 1985. p. 245.
116 Barakat (1988), p. 213 und Rossi (1998), p. 137.
117 Lenczowski (1990), p. 263 und Jäger (1998), p. 380.
118 Kaufman (1996), p. 29.
119 Jones (1992), p. 355 und Taylor (1991), p. 100.
120 Fraser (1989), p. 179. und Hanf, Theodor: Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im
Libanon. Baden-Baden 1990.
121 Lenczowski (1990), p. 266 und Taylor (1991), p. 100.
122 Rossi (1998), p. 241 und Alnwick (1988), p. 3.
123 Simpson, Christopher: National Security Directives of the Reagan and Bush Administrations. The
Declassified History of U.S. Political and Military Policy, 1981-1991. Boulder 1995. p. 366.
18
4.2. Die Aussenpolitik der Reagan-Administration während der Libanonkrise
4.2.1. Die Exekutive und der Kongress
Der Erfolg des amerikanischen interagency process (interdepartementaler Entscheidungsprozess) beruht auf einer delikaten Balance zwischen dem Weissen Hauses, dem Department of State (DoS) und dem Department of Defense (DoD). Bei einer aktiven präsidentiellen Vermittlung und Führung kann eine ausgewogene Synthese zwischen militärischen Mitteln und Diplomatie das Endergebnis sein. 124 In der Reagan-Administration fehlten aber die bürokratischen Mechanismen für solche Synergien, da die Entscheidungsprozesse zwar gleichzeitig, wegen der Kabinettsdisziplin aber getrennt abliefen. 125 Diese bürokratischen Mängel wurden noch verschärft durch die Defizite an Informationen über den Libanon durch die Zerstörung der US-Botschaft 1983 und die eklatante Ignoranz vieler Entscheidungsträger hinsichtlich des libanesischen war complex. 126 Da präsidentielle Führung praktisch inexistent war, trachteten die einzelnen Departemente nach Dominanz des Entscheidungsprozesses, was unweigerlich zu Reibungen führte. 127 Etwa 70% der Interaktionszeit zwischen den Departementen soll für die Austragung von "schoolboy scuffles" (in den Worten Alexander Haigs) verwandt worden sein. 128 Diese Differenzen wogen umso schwerwiegender, als genau in Krisenzeiten wie der Entsendung der MNF II die Präsidentschaft eine kohärente Politik hätte garantieren sollen. 129 Synergien wurden vor allem durch die tiefe Kluft zwischen den Positionen von DoS ("hawkish") und DoD ("dovish") verhindert, da das DoD dazu neigte, die Problemlösung innerhalb des Libanon zu suchen. 130 Ausserdem sollte im strategisch zweitrangigen Libanon keine Militäraktion begonnen werden, ohne dass deren Ausgang und das dafür notwendige Mittel-Ziel-Verhältnis abgewogen werden könnten. 131 Das Pentagon und die Joint Chiefs of Staff erkannten unter dem Eindruck des Vietnam-Syndroms in der MNF II das grösste Missverhältnis zwischen Mitteln und Zielen, das es je in der amerikanischen Militärgeschichte gegeben haben soll. 132 Obwohl der zweite Aussenminister unter Reagan, George Shultz, in völligem Gegensatz zu seinem Vorgänger, Alexander Haig, als pro-arabisch angesehen wurde, vertraten beide den gleichzeitigen Einsatz von Diplomatie und
124 Tanter (1990), p. 2-3.
125 Hallenbeck (1991), p. 73/148.
126 Barakat (1988), p. 228 und McDermott (1991), p. x.
127 Friedlander (1991), p. 1 und Dittgen (1998), p. 85.
128 McDermott (1991), p. 256 und Haig Jr., Alexander M.: Caveat. Realism, Reagan, and Foreign Policy. London
1984. p. 355-356.
129 Tanter (1990), p. 33/87.
130 Barakat (1988), p. 13/226.
131 Ibd., 279/281-282.
132 McDermott (1991), p. 53.
19
Waffengewalt, während Caspar Weinberger vom DoD der Diplomatie klar den Vorzug gab. 133 Tanter kritisiert die Zögerlichkeit des DoD, Militärgewalt an Diplomatie zu koppeln und sieht in Syriens militärisch-diplomatischer Mixtur den Schlüssel zu dessen langfristigen Erfolg. Bis zur fatalen Schlacht um Suq al-Gharb habe diplomacy sans force vorgeherrscht, wonach force sans diplomacy die US-Mission in den Ruin getrieben hätte. 134 Obgleich das Scheitern der MNF II bereits während ihrer Mission absehbar war, gelang es dem Kongress im Jahr 1983 trotz zweimaligem Versuch nicht, seine power of the purse einzusetzen, um die Aussenpolitik der Exekutive zu unterbinden. 135 Dagegen kam der War Powers Act erstmals seit dessen Verabschiedung als parlamentarisches Kontrollmittel gegen die Nixon-Regierung zum Zuge, nachdem US-Truppen erstmals seit Vietnam über 60 Tage eingesetzt worden waren. 136 Die Multinational Force in Lebanon Resolution gewährte den US-Truppen aber aus wahltaktischen Gründen eine Fristverlängerung von 18 Monat, wodurch sich der Kongress selbst ausschaltete. 137
4.2.2. Von der Operation "Frieden für Galiläa" bis zur Entsendung der Multinational Force II
Der israelische Verteidigungsminister unter Menachem Begin, Ariel Sharon, wollte die PLO-Angriffe aus dem Libanon auf israelisches Territorium endgültig unterbinden, indem die PLO im Libanon zerstört und eine pro-israelische Regierung eingesetzt würde. 138 Die Reagan-Administration betrachtete die Invasion vom Juni 1982 als strategische Chance, um den Libanon Israel anzunähern. 139 Die zur Evakuierung der PLO konstituierte MNF (französische, italienische und amerikanische Truppen) sollte unter anderem die Wiederherstellung der Souveränität und Autorität der legalen libanesischen Regierung fördern. 140 Diese ausserordentlich komplexe Aufgabe sollte von lediglich 2000 ausländischen Truppen ausgeführt werden. 141 Als das Beiruter Gebiet nach dem ordnungsgemässen Abzug der PLO
133 Tanter (1990), p. 72; Hallenbeck (1991), p. xiv; Yaniv, Avner: Dilemmas of Security. Politics, Strategy, and
the Israeli Experience in Lebanon. New York 1987. p. 141.
134 Tanter (1990), p. 87/128.
135 Jäger (1998), p. 431 und Committee on Foreign Affairs: Congress and Foreign Policy 1983. U.S. House of
Representatives. U.S. Government Printing Office. Washington 1984. p. 12.
136 McDermott (1991), p. 64 und Smith, Edwin M.: "War Powers Resolution" in: Jentleson, Bruce W. et al.
(eds.): Encyclopedia of U.S. Foreign Relations. Vol. 4. New York 1997. p. 300.
137 Department of State (1985), p. 786.
138 Barakat (1988), p. 214.
139 Hallenbeck (1991), p. 9-10.
140 Department of State (1985 1 ), p. 837.
141 Fraser (1989), p. 174.
20
stabilisiert schien, wurde die MNF abgezogen, was aber ein Sicherheitsvakuum hinterliess, indem sich die israelisch-phalangistischen Massaker von Sabra and Shatila ereigneten. 142 Die illusionäre Strategie, die im interagency process der USA während den Missionen der MNF I und MNF II vorherrschten, manifestierte sich deutlich in den Fehleinschätzungen bezüglich des Wiederaufbaus der libanesischen Armee und in dem von den USA vermittelten bilateralen "Friedensabkommen" zwischen dem Libanon und Israel vom 17. Mai 1983. Den amerikanischen Bemühungen, die libanesische Armee wiederaufzubauen lag ein best-case scenario zugrunde, wonach die milizähnliche Truppe der gewählten Regierung in eine respektable Kraft verwandelt werden sollte, die die staatliche Autorität über den ganzen Libanon ausdehnen würde. 143 Neben der Tatsache, dass die Stärke und Legitimität der Armee eher von intralibanesischer Versöhnung abhing als von amerikanischer Hilfe, wurden keine anderen Milizen in dieses Wiederaufbauprogramm integriert. 144 Das Abkommen vom 17. Mai zwischen der Regierung Amin Jumayyil und Israel sollte den Kriegszustand und alle feindlichen Handlungen zwischen den beiden Staaten beenden und eine quasi-israelische Sicherheitszone im Südlibanon institutionalisieren. 145 In einem vertraulichen Nebenabkommen wurde vereinbart, dass sich die IDF erst nach dem Rückzug aller anderen ausländischen Truppen, inklusive der Syrer, bis zur Sicherheitszone zurückziehen würde. 146 In Barakat (ed.) wird der gänzliche Ausschluss der Syrer vom 17. Mai-Abkommen als "wishful thinking" der US-Vermittler diskreditiert. 147
4.2.3. Die Multinational Force II: Vom peacekeeper zum peace-enforcer Die Wiederentsendung der Multinational Force (MNF II) entsprang den
Schuldgefühlen, die sich bei den partizipierenden Kontingenten unter dem Eindruck der Massaker von Sabra und Shatila breit gemacht hatten. 148 1400 amerikanische Marines sollten neben einem italienischen (1400) und einem französischen (1500) Kontingent im südlichen Sektor von Westbeirut um den Flughafen operieren. 149 Die MNF II war von Anfang an falsch konzipiert: die nationalen Kontingente operierten im diffizilen Umfeld von Beirut autonom und ohne übergeordnete Befehlsgewalt. 150 Das amerikanische Kontingent stand im
142 Barakat (1988), p. 216.
143 Barakat (1988), p. 225 und Pelcovits, Nathan A.: Peacekeeping on Arab-Israeli Fronts. Lessons from the
Sinai and Lebanon. Boulder 1984. p. 43.
144 Hallenbeck (1991), p. 20 und Barakat (1988), p. 218.
145 Barakat (1988), p. 219.
146 O'Ballance (1998), p. 125.
147 Barakat (1988), p. 225.
148 Ibd., p. 217.
149 Fraser (1989), p. 179.
150 McDermott (1991), p. 254-255.
21
Spannungsfeld zwischen einer sehr langen, klassisch-militärischen chain of command durch das USEUCOM in Europa und einem viel kürzeren diplomatischen Verhandlungsweg. 151 Die geringen Kapazitäten der MNF II verunmöglichten eine produktive Ausnutzung der durchaus zuversichtlich stimmenden Situation im Libanon Ende 1982: die Libanesen waren kriegsmüde, die Syrer geschwächt durch die israelischen Angriffe auf ihre Truppen im Libanon und die Israelis mussten sich wegen dem innerisraelischen Skandal um Sabra und Shatila zügeln. 152 Hinzu kam eine veritable Wiederaufbaustimmung, die mit einem klaren Mandat der MNF II und einer diesem Mandat angemessenen Truppenstärke hätte produktiv umgesetzt werden können. 153
Der erhoffte Erfolg der MNF II ging hingegen von folgenden 4 überaus realitätsfernen Annahmen aus: erstens würde die Truppe in einem relativ friedvollen Gebiet operieren; zweitens würde die libanesische Armee die Sicherheit des Einsatzgebietes gewährleisten können; drittens würde die Mission von nur sehr kurzer Dauer sein und viertens würde die Truppe im Falle eines Angriffes sofort evakuiert werden. 154 Die eigentliche Mission der MNF II beschränkte sich damit auf den schwammigen Begriff einer internationalen "presence"; der übertriebene Symbolismus dieser Präsenz verdeutlichte die absichtlich demilitarisierte Mission, der das DoD zustimmen konnte. 155
Kurioserweise war die Sicherheit des amerikanischen Kontingents der MNF II abhängig von der IDF, die die Präsenz der libanesischen Armee in Suq al-Gharb, einem wichtigen strategischen Ort im Shuf-Gebirge oberhalb Beiruts sicherte. 156 Von Suq al-Gharb aus hätten die Marines am Beiruter Flughafen unter direkten Artilleriebeschuss geraten können. Der syrische Abnützungskrieg gegen die IDF-Positionen im Shuf und der innerisraelische Disput um die IDF im Libanon bewirkten im September 1983 den Rückzug der israelischen Truppen auf die Höhe des Flusses Awali im Südlibanon. 157 Als in dem um Suq al-Gharb geschaffenen Sicherheitsvakuum die libanesische Armee durch die drusische Oppositionsmiliz in Bedrängnis geraten war, vollzog sich der Wandel der MNF II vom Neutralen zum Kombattanten, als die Drusen von US-Schiffen vor der Küste Beiruts massiv bombardiert wurden. 158 Bald stellte sich heraus, dass die libanesische Armee ihre Verluste in Suq al-Gharb gegenüber den USA hochgespielt hatte und deshalb das ziellose Bombardement ins
151 Hallenbeck (1991), p. 30/73.
152 McDermott (1991), p. 132.
153 Hanf (1990), p. 346.
154 Barakat (1988), p. 285.
155 Hallenbeck (1991), p. 31-32/35. Die letztlich zeitlich unbefristete Mission hatte im DoD Erinnerungen an
Vietnam geweckt. in Yaniv (1987), p. 144.
156 Yaniv (1987), p. 207 und Hallenbeck (1991), p. 81.
157 Kaufman (1996), p. 134; Collings (1994), p. 75; O'Ballance (1998), p. 128.
158 Hall (1991), p. 141.
22
Hinterland des Shuf unverhältnismässig gewesen war. 159 Auf jeden Fall konnte der Beschuss der Drusen nicht als "aggressive self-defence" der US-Truppen gegen Oppositionsmilizen gerechtfertigt werden, obwohl die Verteidigung der libanesischen Armee in Suq al-Gharb als Selbstverteidigung der Marines galt. 160 Die eigentlich legitime Selbstverteidigung des US-Kontingents wurde von anderen Milizen mit dessen offener Unterstützung der libanesischen Armee gleichgesetzt. 161 Damit war die MNF II aus der Sicht der libanesischen Oppositionsgruppen zu einer weiteren Miliz im Bürgerkrieg mutiert. 162 Tanter behauptet wohl nicht zu unrecht, dass die zweite Zäsur der MNF II, die Terrorattacken auf das amerikanische und französische Kontingent vom 23. Oktober 1983, ihre Wurzeln in der amerikanischen Parteinahme von Suq al-Gharb gehabt hätte. 163 Um die amerikanische Partizipation an der MNF II weiterhin zu legitimieren, wurde der Libanon von der Reagan-Administration stellvertretend für den ganzen Nahen Osten zu einem vitalen Interesse erhoben und die Anschläge in die Achse Sowjetunion-Syrien-Shiiten/Drusen eingefügt. 164 In offiziellen Verlautbarungen hiess es, dass die USA militärisch vor Ort seien, um den Verlust des Libanon/des Nahen Ostens an den Sowjetblock zu verhindern. 165 Allerdings wurde nicht darauf eingegangen, wie eine kleine Truppe ohne klares Mandat, dies bewerkstelligen sollte.
Damit eine peacekeeping-Mission gelingen kann, müssen mehrere Bedingungen erfüllte werden, die bei der MNF II offensichtlich nicht gegeben waren. Erstens darf Waffengewalt ausschliesslich für die Selbstverteidigung angewandt werden. Dies war im Fall von Suq al-Gharb trotz dessen strategischer Bedeutung nicht der Fall. Zweitens müssen die militärische Mission und ihre politische Einbettung ein kohärentes und rationales Mandat aufweisen. Diesem Kriterium genügte die symbolhafte Präsenz der MNF II in keiner Weise. Weiter sollte die Mission diversifizierten Ursprungs sein und nicht aus einem Lager stammen wie die Nato-Mächte USA, Frankreich und Italien. Schliesslich verlangt eine kohärente Mission ein vereintes Kommando unter ziviler Führung und nicht mehrere voneinander weitgehend unabhängig operierende Militärkommandos wie bei der MNF II. 166 Das Debakel der MNF II verdeutlicht, dass peacekeeping nur durch die Optik eines abgebrühten Pragmatismus möglich ist. Bei Bürgerkriegen, in denen wie im Libanon die Fronten kaum auszumachen sind,
159 Tanter (1990), p. 225.
160 Barakat (1988), p. 220.
161 McDermott (1991), p. 46-47.
162 Collings (1994), p. 144.
163 Tanter (1990), p. 115/116. Der Blutzoll dieses einen Tages überstieg alle US-Verluste im Nahen Osten,
einschliesslich des 2. Golfkriegs. in Quandt (1984 1 ), p. 69.
164 Sarkesian (1988), p. 379.
165 Lenczowski (1990), p. 224.
166 McDermott (1991), p. 21/23/28-29.
23
erschwert sich die Mission um ein Vielfaches, weil um jeden Preis versucht werden muss, als nicht von einer Partei kooptiert zu erscheinen. Die Zielvorgaben müssen klar umrissen sein und den eingesetzten Mitteln entsprechen. Zudem ist der geopolitisch Kontext vor einem Einsatz genauestens einzuschätzen. Das Mandat der MNF II war statisch, obwohl sie in einem hyperkomplexen, dynamischen Umfeld operieren sollte. 167 Im libanesischen Fall konnte die Gleichung peacekeeping = non-intervention nicht aufgehen: jede externe Kraft verwandelte sich zwangsweise in eine intervenierende Variable. 168 Das bereits angesprochene Missverhältnis zwischen hohen politischen Zielen und bescheidenen militärischen Mitteln musste in einem hyperstrategischen Umfeld wie dem libanesischen noch spannungsgeladener ausfallen. 169 McDermott spricht im Bezug auf die Ziele der MNF II zusätzlich noch von einer "cognitive dissonance" zwischen lang- und kurzfristigen Zielen, die eine "operational dissonance" nach sich gezogen hätte und damit die Wirksamkeit der Mission unterhöhlt hätte. 170 Nach deren Scheitern wurde in einer offiziellen Stellungnahme die Kluft zwischen idealistischen Zielen und praktischen Mitteln zugegeben. 171 1983 hatte der Aussenminister George Shultz allerdings noch das Abschreckungspotenzial des amerikanischen MNF-II-Kontingentes gelobt: "I will not allow anyone to cast doubt on how formidable even this small number of marines can be." 172 Wie beim Abschluss des 17. Mai-Abkommens und dem beschleunigten Wiederaufbau der libanesischen Armee bauten die US-Ziele im Libanon auf einer Art Umkehrung des Murphy's law auf: Alles, was gut gehen könnte, würde gut gehen. 173 Wohl nur so lassen sich folgende Ambitionen der US-Administration unter Berücksichtigung des Mitteleinsatzes überhaupt nachvollziehen: "a permanent cessation of hostilities, establishment of a strong, representative central government, withdrawal of all foreign forces, restoration of control by the Lebanese Government throughout the country". 174 Der von Präsident Amin Jumayyil gegenüber der Reagan-Administration propagierte Mythos einer latenten libanesischen Eintracht, die nach dem Abzug aller externer Mächte zum Vorschein käme, trug zu dem "game of mutual illusions" zwischen der libanesischen und amerikanischen Regierung bei. 175 Erstaunlicherweise hatte das medial ausgeschlachtete Fiasko in und vor Beirut kaum negative Konsequenzen für die Reagan-Administration, da eine effiziente
167 McDermott, p. 68-70/192.
168 Ibd., p. 124.
169 Quandt (1984 2 ), p. 253.
170 McDermott (1991), p. 43.
171 Department of State (1986), p. 485.
172 Department of State (1985), p. 781.
173 McDermott (1991), p. 39.
174 Department of State (1985 1 ), p. 856.
175 McDermott (1991), p. 57/187.
24
Schadensbegrenzungsstrategie verfolgt wurde. 176 Womöglich aus wahltaktischen Gründen ging der Long-Report über den Terroranschlag vom 23. Oktober 1983 nicht auf eine potenzielle Verantwortung Reagans ein, obwohl dessen Nachlässigkeit die interdepartementalen Konflikte erst hatte ausbrechen lassen. 177 Das anbrechende Wahljahr 1984 hatte zweifelsohne den Abbruch der Mission beschleunigt, da im vierten Jahr der Präsidentschaft keine aussenpolitischen Misserfolge verziehen werden. 178 Als der Long-Report im Dezember 1983 veröffentlicht wurde, umging Reagan eine Auseinandersetzung mit den Befunden innerhalb der Administration, indem er einfach die gesamte Verantwortung für den Anschlag persönlich auf sich nahm. 179
5. Fazit
"And we're not bugging out; we're just going to a little more defensible position." 180 Mit diesen Worten beschrieb Ronald Reagan das redeployment der Marines in die libanesischen Küstengewässer vor Beirut, was selbst ein Euphemismus für den Anfang vom Ende einer kläglich gescheiterten Mission war. Bis eine Woche vor dem Abzug wurde behauptet, dass die USA im Libanon vitale Interessen zu sichern hätten. 181 Diese rhetorische Aufbauschung der Rolle des Libanon im Ost-West-Konflikt konnte nicht über dessen stete Zweitrangigkeit in der amerikanischen Nahostpolitik vor und sogar nach dem 2. Weltkrieg hinwegtäuschen. Der für den Kalten Krieg besonders im Nahen Osten charakteristische Bipolarismus erhielt unter der Reagan-Administration nochmals eine pointierte Konnotation, indem der globale Zweikampf der Mächte nahezu metaphysisch überhöht wurde. Dass dabei die Realität von regionalen Konflikten (wie jene des libanesischen Bürgerkrieges trotz seiner supraregionalen Implikationen) massiv verzerrt werden musste, tritt in der heutigen multipolaren Welt mit ihrem wachsenden Bewusstsein und ihrer Sensibilität für Interdependenzen ganz besonders zutage.
Das eingangs genannte oblivious engagement der USA im Nahen Osten musste sich denn auch in diesem verabsolutierten Bipolarismus besonders eindrücklich manifestieren. Traditionelle Faktoren der neuzeitlichen US-Nahostpolitik wie die Bewahrung des regionalen Status quo, die Inflation der Sowjetgefahr und die Schematisierung der Region in fixe Patron-Klient-Relationen sollten zusammen mit der ideologisch begründeten Omnipräsenz des
176 Rabinovich (1985), p. 183. und Dittgen (1998), p. 229.
177 Hallenbeck (1991), p. 124.
178 Dittgen (1998), p. 211und Brands (1994), p. 177.
179 Hallenbeck (1991), p. 125.
180 Department of State (1986), p. 581.
181 Barakat (1988), p. 222.
25
nationalen Interesses die Komplexitäten der hyperstrategischen Levante verhängnisvoll reduzieren. Komplexitätsreduktion als Grundlage für Intervention erwies sich im Falle des libanesischen Bürgerkrieges als besonders oblivious. Der auf dieser Basis operierende aussenpolitische Entscheidungsprozess wurde durch das Defizit an präsidentiellem Management im interagency process an der Herausbildung von Synergien gehindert, die eine straffe Implementation der zur Verfügung stehenden Ressourcen hätten gewährleisten können. Dadurch wäre die aus dem Reaganschen Bipolarismus entsprungene Komplexitätsreduktion zumindest teilweise kompensiert worden. Stattdessen wurde eine illusionäre Strategie verfolgt, deren eklatantes Missverhältnis zwischen tatsächlich eingesetzten Ressourcen und gesetzten Zielen bereits während dem Einsatz der MNF II zu massiver Kritik an der Mission hätte führen müssen. Im äusserst permeablen Libanon konnte externe Intervention nicht die Wirksamkeit entfalten wie in Gebieten, in denen endogene Kräfte nicht zwangsläufig exogene Kräfte mobilisieren. Da im Falle des libanesischen Bürgerkrieges Intervention nicht monopolisierbar war, konnte auch das peacekeeping der MNF II a priori zu keinem Erfolg führen. Vor dem Hintergrund der Debipolarisierung nach dem Auseinanderfall der Sowjetunion dürfte hierin ein wesentlicher Unterschied zum Neokolonialismus der Bush-Administration nach 911 bestehen. Den USA steht seit dem Ende des Vietnam-Syndroms durch den Erfolg des 2. Golfkrieges auch ausserhalb des Nahen Ostens keine militärische Macht gegenüber, die ihnen ihr Monopol auf Intervention strittig machen könnte. Gerade deshalb werden Globalismus, Interventionismus und Unilateralismus des derzeitigen Bushism im Vergleich denselben drei Kategorien im Reaganism noch folgenschwerer. Auch die heutige Aussenpolitik der USA verfolgt einen ausgesprochen globalistischen Ansatz in ihrer weltweiten Kampagne gegen den internationalen Terrorismus, während regionale Problematiken und Komplexitäten zwangläufig in den Hintergrund treten. Damit kann von einem neuen Bipolarismus die Rede sein, der sich auch aus einer manichäischen Ideologie speist. In dieser Konstellation kann das Epizentrum der nahöstlichen Konflikte - der arabisch-israelische - keine bahnbrechenden Fortschritte erwarten, wie sie durch Carters Fokus auf regionale Interdependenz ermöglicht wurden. Das halbherzige Engagement der Bush-Administration für eine arabisch-israelische Konfliktlösung nach Regimewechseln in Afghanistan und im Irak zeugt von diesem neuen Anti-Regionalismus. Da die Likud-Partei die nächsten Jahre die israelische Kolonisierung der palästinensischen Gebiete vorantreiben wird, dürfen mit Blick auf den Rechtskonservatismus von Reagan und
26
Bush und dem militanten (Neo-)Zionismus Begins höchstens düstere Prognosen für die Zukunft der Region erstellt werden.
27
Bibliographie
AbuKhalil, As'ad: Historical Dictionary of Lebanon. Asian Historical Dictionnaries, No. 30. Lanham
1998.
Abul-Husn, Latif: The Lebanese Conflict: Looking Inward. Boulder 1998. Alnwick, Kenneth J. und Thomas Fabyanic (eds.): Warfare in Lebanon. Washington 1988. Amirahmadi, Hooshang (ed.): The United States and the Middle East. A Search for New Perspectives.
Albany 1993.
Barakat, Halim (ed.): Toward a Viable Lebanon. Washington 1988.
Bieber, Florian: Bosnien-Herzegowina und der Libanon im Vergleich: Historische Entwicklung und
Politisches System vor dem Bürgerkrieg. Sinzheim 1999.
Brands, H.W.: Into the Labyrinth: The United States and the Middle East 1945-1993. New York 1994. "The National Interest" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encyclopedia of American Foreign
Policy. Vol 2. New York 2002.
Chadda, Maya: Paradox of Power: The United States in Southwest Asia, 1973-1984. Santa Barbara
1986.
Chomsky, Noam: The Fateful Triangle: The United States, Israel and the Palestinians. Boston 1983. Collings, Deirdre (ed.): Peace for Lebanon? From War to Reconstruction. Boulder 1994. Committee on Foreign Affairs: Congress and Foreign Policy 1983. U.S. House of Representatives.
U.S. Government Printing Office. Washington 1984.
Department of State: American Foreign Policy: Basic Documents, 1977-1980. Washington 1983. American Foreign Policy: Current Documents, 1981. Washington 1984. American Foreign Policy: Current Documents, 1982. Washington 1985 1 . American Foreign Policy: Current Documents, 1983. Washington 1985 2 .
American Foreign Policy: Current Documents, 1984. Washington 1986.
Dittgen, Herbert: Amerikanische Demokratie und Weltpolitik: Aussenpolitik in den Vereinigten
Staaten. Paderborn 1998.
Fraser, T.G.: The USA and the Middle East since World War 2. London 1989. Friedlander, Melvin A.: Conviction and Credence: US Policymaking in the Middle East. Boulder
1991.
Gambone, Michael D.: Documents of American Diplomacy: From the American Revolution to the
Present. Westport 2002.
28
Graebner, Norman A.: "Realism and Idealism" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encylopedia of
American Foreign Policy. Vol 3. New York 2002.
Hacke, Christian: Amerikanische Nahost-Politik: Kontinuität und Wandel von Nixon bis Reagan.
Wien 1985.
Haig Jr., Alexander M.: Caveat: Realism, Reagan, and Foreign Policy. London 1984. Hall, David Locke: The Reagan Wars: A Constitutional Perspective on War Powers and the
Presidency. Boulder 1991.
Hallenbeck, Ralph A.: Military Force as an Instrument of U.S. Foreign Policy: Intervention in
Lebanon, August 1982-February 1984. New York 1991.
Hanf, Theodor: "Libanon-Konflikt" in: Steinbach, Udo und Rüdiger Robert (eds.): Der Nahe und
Mittlere Osten. 1: Grundlagen, Strukturen und Problemfelder. Opladen 1988. p. 663-679. Koexistenz im Krieg: Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon. Baden-Baden 1990. Hellman, Gunther: Weltmachtrivalität und Kooperation in regionalen Konflikten: Die USA und die
Sowjetunion in den Kriegen des Nahen und Mittleren Ostens, 1973-1991. Baden-Baden 1993. Hogan, Joseph (ed.): The Reagan years: The Record in Presdential leadership. Manchester 1990. Hudson, Michael C.: "To Play the Hegemon: Fifty Years of US Policy Toward the Middle East" in:
The Middle East Journal. Washington 50 (1996) 3. p. 329-343.
Inbar, Efraim: "Great Power Mediation: The USA and the May 1983 Israeli-Lebanese Agreement" in:
Journal of Peace Research. Oslo. 28 (1991) 1. p. 71-84.
Jäger, Wolfgang (ed.): Regierungssystem der USA: Lehr- und Handbuch. München 1998. Jones, Howard (ed.): Safeguarding the Republic: Essays and Documents in American Foreign
Relations 1890-1991. New York 1992.
Kaufman, Burton I. (ed.): The Arab Middle East and the United States: Inter-Arab Rivalry and
Superpower Diplomacy. New York 1996.
Lenczowski, George: American Presidents and the Middle East. Durham 1990. Lesch, David W.: The Middle East and the United States. A Historical and Political Reassessment.
Boulder 1996.
Little, Douglas: American orientalism: the United States and the Middle East since 1945. London
2002.
Ma'oz, Moshe und Avner Yaniv (eds.): Syria under Assad: Domestic Constraints and Regional Risks.
London 1986.
McDermott, Anthony und Kjell Skjelsbaek (eds.): The Multinational Force in Beirut 1982-1984.
Miami 1991.
Moore, John Norton (ed.): The Arab-Israeli Conflict. Vol. IV: The Difficult Search for Peace (1975-
1988). Part One. Princeton 1991.
O'Ballance, Edgar: Civil War in Lebanon, 1975-92. New York 1998.
29
Ouaiss, Makram: "Lebanon" in: Jentleson, Bruce W. et al. (eds.): Encyclopedia of U.S. Foreign
Relations. Vol. 3. New York 1997. p. 55-60.
Pawelka, Peter (ed.): Der Vordere Orient an der Schwelle zum 21. Jahrhundert: Politik, Wirtschaft,
Gesellschaft. Opladen 1999.
Pelcovits, Nathan A.: Peacekeeping on Arab-Israeli Fronts: Lessons from the Sinai and Lebanon.
Boulder 1984.
Quandt, William B.: "America and the Middle East: A Fifty-Year Overview" in: The Middle East
Journal. Washington 38 (1984 1 ) 2. p. 59-73.
"Reagan's Lebanon Policy: Trial and Error." The Middle East Journal. Washington 38 (1984 2 ) 2.
p. 237-254.
Rabinovich, Itamar: The War for Lebanon, 1970-1985. Ithaca 1985.
Rossi, Lorenza: Who shall guard the guardians themselves? An analysis of US strategy in the Middle
East since 1945. Bern 1998.
Sarkesian, Sam C. et al. : U.S. National Security Policy and Strategy: Documents and Policy
Proposals. New York 1988.
See, Jennifer W.: "Ideology" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encylopedia of American Foreign
Policy. Vol 2. New York 2002.
Selverstone, Marc Jay: "Doctrines" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encylopedia of American
Foreign Policy. Vol 1. New York 2002.
Shultz, George P.: Turmoil and Triumph: My Years as Secretary of State. New York 1993. Simpson, Christopher: National Security Directives of the Reagan and Bush Administrations: The
Declassified History of U.S. Political and Military Policy, 1981-1991. Boulder 1995. Siracusa, Joseph M.: "The Munich Analogy" in: DeConde, Alexander et al. (eds.): Encylopedia of
American Foreign Policy. Vol 3. New York 2002.
Smith, Edwin M.: "War Powers Resolution" in: Jentleson, Bruce W. et al. (eds.): Encyclopedia of U.S.
Foreign Relations. Vol. 4. New York 1997. p. 299-302. Tanter, Raymond: Who's at the helm? Lessons of Lebanon. Boulder 1990. Taylor, Alan R.: The Superpowers and the Middle East. Syracuse 1991.
Valone, Stephen J. (ed.): Two Centuries of U.S. Foreign Policy: The Documentary Record. Westport
1995.
Weinberger, Naomi Joy: Syrian Intervention in Lebanon: The 1975-76 Civil War. New York 1986. Winslow, Charles: Lebanon: War and Politics in a Fragmented Society. London 1996. Yaniv, Avner: Dilemmas of Security: Politics, Strategy, and the Israeli Experience in Lebanon. New
York 1987.
30
Arbeit zitieren:
David Jan Slavicek, 2003, Die US-Intervention in den libanesischen Bürgerkrieg: Die gescheiterte Mission der Multinational Force II im Rahmen der US-Nahostpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
David Jan Slavicek hat den Text Die US-Intervention in den libanesischen Bürgerkrieg: Die gescheiterte Mission der Multinational Force II im Rahmen der US-Nahostpolitik veröffentlicht
David Jan Slavicek hat einen neuen Text hochgeladen
Peacekeepers and Their Wives: American Participation in the Multinatio...
David R. Segal, Mady W. Segal, Mady Wechsler Segal
OOPS! Boom! an Analysis of Fratricide in US Naval Surface and Submarin...
Lars P. Hagendorf-Orloff
The European Union and Human Security: External Interventions and Miss...
Mary Martin, Mary Kaldor
Reflections and Remembrances: Veterans of the United States Army Air F...
Veterans of the U. S. Army Air Forces, O Veterans of the U. S. Army Air Forces, William T. Y'Blood
Reconstructing Iraq: Insights, Challenges, and Missions for Military F...
Conrad C. Crane, W. Andrew Terrill
0 Kommentare