Am 25. Juli 1978 wurde in Manchester Louise Brown geboren: das weltweit erste durch „In-Vitro-Fertilisation“ (IVF) und anschließenden Embryonentransfer (ET) gezeugte Baby. Ihre Geburt krönte die über 18 Jahre andauernde Forschungsarbeit des Retortenbabypioniers Robert Edwards, der erstmals 1960 die Möglichkeit einer Zeugung im Reagenzglas in Erwägung gezogen hatte. Um dieses erste Retortenbaby herzustellen, verbrauchten die Mediziner Edwards und Steptoe, sein Mitstreiter, etwa 200 Embryonen. Etwa zeitgleich mit der Mutter Louise Browns waren 3 weitere Frauen durch IVF und ET schwanger, von denen indes keine ein lebensfähiges Kind zur Welt brachte: ein triploider Embryo ging nach einigen Wochen ab, ein weiterer überlebte seine durch invasive pränatale Tests ausgelöste Frühgeburt nur um ein paar Stunden und der letzte Embryo wurde nach Feststellung von Trisomie 21 (Down-Syndrom) abgetrieben.1
Am 27. Februar 1986 kam das erste deutsche „Tiefkühlbaby“ zur Welt. Nachdem man der Mutter im April 1984 neun Eizellen entnommen hatte, konnten acht davon befruchtet und von diesen acht schließlich drei in die Gebärmutter verpflanzt werden. Eine Schwangerschaft trat nicht ein. Die restlichen fünf befruchteten Eizellen wurden mit einer speziellen Technik eingefroren und bei –196°C in flüssigem Stickstoff aufbewahrt. Beim Auftauen im Juni 1985 waren drei der fünf Eizellen noch intakt und wurden der Mutter eingepflanzt - Ergebnis war Anna Katharina, das erste deutsche Baby, das aus der Kälte kam.
Was 1978 eine absolute Sensation war, ist heute bereits Routine geworden. Die IVF hat sich in vielen Ländern etabliert und weltweit gibt es mittlerweile weit über 300.000 IVF-Kindern.2
Diese Methode, die eigentlich unfruchtbaren Paaren doch noch zu einem eigenen Kind verhelfen kann, ist freilich spätestens auf den zweiten Blick ethisch alles andere als unproblematisch. So ist die Erfolgsrate von IVF-Behandlungen nach wie vor relativ gering, die Verlustrate von Embryonen dafür hoch und die Liste der sich aus dieser Methode ergebenden Folgeprobleme ziemlich lang. In der vorliegenden Arbeit sollen nun die ethischen Probleme beleuchtet werden, die IVF und eine Folgetechnologie, die Präimplantationsdiagnostik (PID) mit sich bringen. In einem ersten Teil der Arbeit wird zunächst auf das technische Verfahren bei der IVF eingegangen, um die nötigen Informationen zum Verständnis der weiteren Teile der Arbeit bereitzustellen, [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. In-Vitro Fertilisation
2.1. Das technische Verfahren
2.2. Zahlen und Fakten zur IVF
3. Das Lebensrecht des Embryos
3.1. Mehrlingsschwangerschaften und selektiver Fetozid
3.2. Der rechtliche Status des Embryos
3.3. Kritische Betrachtung des Umgangs mit Embryonen im Rahmen von IVF
4.Präimplantationsdiagnostik
4.1.Problemfelder der PID
4.2. Rechtliche Aspekte der PID
4.2.1. Die europäische Ebene
4.2.2. Diskussion um die rechtliche Fixierung der PID in der BRD
5. (K)eine Zukunftsmusik
6. Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die ethischen Problematiken, die mit der In-Vitro-Fertilisation (IVF) sowie deren Folgetechnologien, insbesondere der Präimplantationsdiagnostik (PID), verbunden sind, und hinterfragt den moralischen Status des Embryos im Kontext aktueller medizinischer Reproduktionspraktiken.
- Technische Grundlagen und Statistiken der IVF-Behandlung
- Das Lebensrecht des Embryos und die Praxis der Embryonenselektion
- Rechtliche Rahmenbedingungen der PID in Deutschland und Europa
- Die Problematik der Mehrlingsschwangerschaften und des selektiven Fetozids
- Ethische Implikationen der Geschlechtsselektion mittels moderner Reproduktionstechnologien
Auszug aus dem Buch
3.1. Mehrlingsschwangerschaften und selektiver Fetozid
Wie oben bereits erwähnt, kommt es im Rahmen von IVF-Behandlungen relativ oft zu unerwünschten Mehrlingsschwangerschaften. Unerwünscht deshalb, weil bereits Zwillinge zu Risikoschwangerschaften führen können, beim gleichzeitigen Austragen von noch mehr Feten kommt es häufig zu Frühgeburten, Mißbildungen oder zur Geburt nicht lebensfähiger Kinder. Auch für die Mutter bedeuten derartige Schwangerschaften eine erhebliche Gefährdung.
Um diese Risiken zu verringern, wird empfohlen, die Anzahl der auszutragenden Feten auf drei oder weniger zu reduzieren. Dieser „selektive Fetozid“, also das gezielte Töten überzähliger Mehrlinge im Mutterleib, scheint wegen der hohen Gefährdung der Mutter durch die Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch gerechtfertigt.
Hält nun der zuständige Mediziner einen derartigen Eingriff zum Wohle der Mutter für angebracht, kann der Fetozid im Verlauf des ersten Schwangerschaftstrimester durchgeführt werden. Die Abtötung eines oder mehrerer Embryonen erfolgt entweder durch gezielte Injektionen mit einem Herzgift in die Brust des etwa drei cm großen Embryos, durch Gefäßembolisation oder direkt ins Herz gespritzten Fibrinkleber. Problematisch dabei ist, daß das Herz eines Embryos außerordentlich widerstandsfähig ist und es laut einer Studie der Mount Sinai School of Medicine (New York) immer wieder Fälle gibt, bei denen sich der Embryo wieder erholt, nachdem die Nadel nach etwa einer Minute Herzstillstand herausgezogen wurde. In diesen Fällen muß die Prozedur nach einer Woche wiederholt werden weil der Embryo nach dem ersten Eingriff schwere Schäden davongetragen haben könnte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert die historische Entwicklung der IVF seit 1978 und stellt die ethische Fragwürdigkeit der Methode im Hinblick auf Erfolgsraten und Folgeprobleme dar.
2. In-Vitro Fertilisation: Das Kapitel beschreibt den medizinischen Prozess der IVF von der hormonellen Stimulation bis zum Embryonentransfer und liefert statistische Daten zur Anwendung.
3. Das Lebensrecht des Embryos: Hier wird der ethische Konflikt zwischen Kinderwunsch und der Inkaufnahme des Verlusts oder der Tötung von Embryonen thematisiert.
4.Präimplantationsdiagnostik: Dieser Abschnitt analysiert die genetische Diagnostik an Embryonen, die damit verbundenen moralischen Dilemmata und die rechtliche Situation in der BRD und Europa.
5. (K)eine Zukunftsmusik: Dieses Kapitel behandelt die Kommerzialisierung von Reproduktionstechniken, insbesondere die patentierte Geschlechtswahl mittels „Microsort“.
6. Ausblick: Der Ausblick hinterfragt die gesellschaftlichen Konsequenzen des Fortpflanzungstourismus und die ethische Bewertung einer grenzenlosen Erfüllung von Kinderwünschen.
Schlüsselwörter
In-Vitro-Fertilisation, Präimplantationsdiagnostik, Bioethik, Embryonenschutzgesetz, selektiver Fetozid, Reproduktionsmedizin, Embryonen, Genetik, Fortpflanzungstechniken, Geschlechtswahl, Sterilität, Mehrlingsschwangerschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den ethischen Problemen, die durch die In-Vitro-Fertilisation und die damit verbundene Präimplantationsdiagnostik in unserer modernen Gesellschaft entstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen den rechtlichen Status des Embryos, medizinische Risiken wie Mehrlingsschwangerschaften und die ethische Debatte um die Selektion von menschlichem Leben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die moralischen und rechtlichen Widersprüche aufzuzeigen, die sich aus der Anwendung von IVF- und PID-Verfahren ergeben, besonders im Hinblick auf den Schutz des ungeborenen Lebens.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse, die Auswertung von Statistiken renommierter Institutionen sowie die juristische Auseinandersetzung mit dem deutschen Embryonenschutzgesetz.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert technische Verfahren der IVF, die Problematik des Lebensschutzes für Embryonen, rechtliche Aspekte der PID und neue Entwicklungen wie die Geschlechtswahl mittels „Microsort“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind In-Vitro-Fertilisation, Präimplantationsdiagnostik, Bioethik, Embryonenschutz, Geschlechtsselektion und Fortpflanzungsmedizin.
Warum ist der selektive Fetozid ethisch so problematisch?
Der Fetozid ist problematisch, da er das gezielte Töten von Mehrlingen darstellt, die durch IVF-Verfahren entstanden sind, wobei das ungeborene Leben als „überzählig“ betrachtet wird.
Wie unterscheiden sich die Regelungen zur PID in Europa?
Die PID-Regelungen variieren stark, da sie in die nationale Gesetzgebung fallen; während sie in einigen Ländern wie Österreich streng reguliert ist, findet sie in anderen ohne spezifische Gesetze Anwendung.
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- Susanne Stangl (Author), 2002, Probleme der In Vitro Fertilisation und der Präimplantationsdiagnostik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10912