Die Résistance franςaise - Mythos oder Wirklichkeit?
- Gliederung der Arbeit - -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------Einleitung: Von de Gaulles Résistance-Aufruf zum „Résistancialisme gaullien“
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------1.) Der historische Hintergrund:
1.1. Frankreich im Schatten des Nationalsozialismus 1.2. Entstehung und Aufstieg der Résistance
2.) Der gaullistische Mythos vom ehrenhaften, tapfer Widerstand leistenden Frankreich
3.) Die Überprüfung des Mythos an der Wirklichkeit - was bleibt davon übrig? 3.1. Die Haltung der Bevölkerung war weder résistante noch collaborationiste 3.2. Die im Widerstand geeinte Nation? Die Résistance war keine Einheitsbewegung 3.3. De Gaulles Akzeptanz als Chef der Résistance war keine Selbstverständlichkeit 3.4. Frankreich hat sich nicht „aus eigener Kraft“ befreit 3.5. Die dunklen Momente der Résistance wurden verklärt
4.) Noch ein unbekannter Soldat? Mittel und Medien der Mythifizierung
5.) Die gesellschaftliche und politische Funktion des Résistance-Mythos 5.1. Neugründung einer zusammengebrochenen Nation: Frankreich auf der Suche nach sozialer Stabilität und psychischer Heilung
5.2. Ein kollektiver Gedächtnisverlust zu Gunsten des Interêt national?
6.) Entwicklungslinien in der Erinnerung an die années noires
6.1. Der résistancialisme gaullien und die verdrängte Wirklichkeit 6.2. Kehrtwende: Die Darstellung der Résistance ab 1968
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------Fazit: Vom résistancialisme gaullien zu einer Neubewertung der Résistance
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Die Résistance franςaise - Mythos oder Wirklichkeit?
Einleitung: Von de Gaulles Résistance-Aufruf zum „résistancialisme gaullien“
„Paris! Geschmähtes Paris! Gebrochenes Paris! Gemärtyrtes Paris! Aber befreites Paris! Befreit aus eigener Kraft, befreit durch sein Volk mit der Unterstützung der Armeen Frankreichs, unter Mithilfe und Mitwirkung ganz Frankreichs, eines Frankreichs, das kämpft, dieses einzigen, wahren, ewigen Frankreichs.“ 1
Mit diesen „symbolträchtigen Worten“ 2 wandte sich General Charles de Gaulle, Résistance- Begründerund selbst ernannter Führer des Freien Frankreichs (La France libre), am 25. August 1944 unmittelbar nach der Befreiung von Paris an die Bewohner der Stadt sowie an alle Bürger des Landes. „Inmitten überschäumender Begeisterung“ 3 sorgte de Gaulle mit seinem Triumphzug durch das befreite Paris und seiner anschließenden Balkon-Rede vom Rathaus nicht nur für ein „unvergessenes historisches Ereignis mit außerordentlicher Symbolkraft“. 4 Vielmehr dürfte es dem umjubelten General darum gegangen sein, gleich bei seiner Ankunft in Paris die Herzen aller Franzosen zu erreichen und seine ganz persönliche „Geschichtsauffassung“ durchzusetzen.
De Gaulle hatte während der vier Jahre, in denen Frankreich durch die Nazis beherrscht und besetzt gehalten wurde (Juni 1940 - August 1944) und die er selbst im Exil verbrachte, eine „certaine idée de la France“ 5 entwickelt sowie eine bisweilen sehr eigenwillige Sichtweise der historischen Ereignisse. Diese Geschichtsauffassung wollte de Gaulle nach der Befreiung des Landes in der Öffentlichkeit durchsetzen und so zeichnete er in seinen Ansprachen stets das Bild eines heldenhaft im Widerstand engagierten Frankreichs. Eines Frankreichs, das mit Ausnahme einer Minderheit von Verrätern, deren Werk die schändliche collaboration mit Hitler gewesen sei, geschlossen hinter dem Chef der Résistance stand und das sich schließlich selbst, par lui-même, aus eigener Kraft befreite. 6
1 Im Original: „Paris! Paris outragé! Paris brisé! Paris matyrisé! Mais Paris libéré! Libéré par lui-même, libéré
par son peuple avec le concours des armées de la France, avec l’appui et le concours de la France toute entière,
de la France qui se bat, de la seule France, de la vraie France, de la France éternelle.“
Nachzulesen bei: Köhler, Anja: Vichy und die französischen Intellektuellen. Die années noires im Spiegel
autobiographischer Texte. Tübingen/Bonn 2000, S. 67.
2 Köhler, S. 67.
3 Estèbe, Jean: Frankreich: Hauptstadt Vichy, in: Christadler, Marieluise und Uterwedde, Henrik (Hg.):
Länderbericht Frankreich (Bundeszentrale für politische Bildung). Bonn 1999, S. 73.
4 Köhler, S. 67.
5 Agulhon, Maurice: De Gaulle - Histoire, symbole, mythe. Plon 2000, S. 13.
6 u.a. Köhler, S. 67.
1
Der bekannte französische Historiker und Vichy-Experte Henry Rousso, dem mit Le syndrome de Vichy ein viel beachtetes Referenzwerk der neueren Vichy-Forschung gelungen ist, sieht in der Balkon-Rede des triumphierenden Generals eine Art „Grundsteinlegung“ für die Konstruktion gaullistischer Résistance-Mythen, die Rousso in ihrer Gesamtheit als Résistencialisme gaullien bezeichnet. 7 Sein Kollege Jean Estèbe 8 berichtet darüber, dass sich die de Gaulleschen Mythen von der Résistance in der Öffentlichkeit durchsetzen konnten:
„Das vom Gaullismus entworfene Ideal beherrschte ein Vierteljahrhundert die Medien und Veröffentlichungen. Während dieser Zeit verblasste die Erinnerung an das Vichy- Regime,ohne dass der gaullistische Mythos verschwand. Das schöne Bild eines vollkommen im Widerstand engagierten Frankreichs war so weit von der Wirklichkeit entfernt, dass ein vollkommener Gedächtnisverlust bequemer war.“ 9
Ausgehend von diesem Zitat Estèbes will meine Arbeit in erster Linie zeigen, weshalb „das schöne Bild eines vollkommen im Widerstand engagierten Frankreichs [...] so weit von der Wirklichkeit entfernt“ ist. Es geht um die Überprüfung des gaullistischen Résistance-Mythos an der historischen Wirklichkeit (Abschnitt 3). In fünf knappen Thesen will ich versuchen, die Behauptung Estèbes zu stützen. Zuvor wird das Thema in seinen historischen Kontext eingeordnet (Abschnitt 1) und die Bezeichnung gaullistischer Mythos präzisiert (Abschnitt 2).
Im vierten Teil der Arbeit werde ich kurz und ohne jedweden Anspruch auf Vollständigkeit einige Mittel und Medien vorstellen, die zur Mythifizierung des Themas beigetragen haben, ehe dann im fünften Abschnitt der Frage nach der gesellschaftlichen und politischen Funktion des Résistance-Mythos nachgegangen wird. Einerseits orientiere ich mich dabei an Colin Nettelbecks These von der „Suche nach sozialer Stabilität und psychischer Heilung“ 10 (Abschnitt 5.1), andererseits darf natürlich Estèbes Vorwurf des „vollkommenen Gedächtnisverlusts“ (siehe oben) nicht unbehandelt bleiben (Abschnitt 5.2). Da sich im sechsten und letzten Abschnitt der Arbeit eine Analyse der „Entwicklungslinien“ 11 in der historischen Forschung sowie in der Erinnerung an die années noires anschließt, möchte ich an dieser Stelle ausnahmsweise auf die sonst übliche wissenschaftliche Literaturkritik verzichten und diesbezüglich auf Abschnitt 6 verweisen.
7 vgl. Köhler, S. 67.
8 Dr. phil. Jean Estèbe (1933-1997) war zuletzt Professor für Neuere Geschichte an der Universität Toulouse;
zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören: Les juifs à Toulouse et en Midi toulousain au temps de Vichy
(Toulouse 1996), Les ministres de la République (Paris 1982).
9 Estèbe, S. 75.
10 Nettelbeck, Colin: Kurskorrektur: Die Darstellung des Zweiten Weltkriegs in Frankreich ab 1968, in:
Hirschfeld, Gerhard und Marsh, Patrick (Hg.): Kollaboration in Frankreich. Frankfurt/Main 1991, S. 266-309.
11 vgl. Köhler, S. 65-99.
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1.1) Der historische Hintergrund: Frankreich im Schatten des Nationalsozialismus Als die beiden Weltimperien Frankreich und Großbritannien am 3. September 1939 Nazi-Deutschland unmittelbar nach dessen Überfall auf Polen einmütig den Krieg erklärten, war eigentlich nicht davon auszugehen, dass Hitlers Wehrmacht nur neun Monate später auch den Erzfeind Frankreich derart mühelos in die Knie gezwungen haben wird. Die verheerende Niederlage der französischen Armee am 13. Mai 1940 in den Ardennen 12 brachte dem Drôle de guerre ein ebenso überraschendes wie eindeutiges Ende. Dem ungeordneten Rückzug der Armee folgte die Massenflucht der Zivilbevölkerung in den Süden 13 , wohin ihr schließlich auch die Regierung Reynaud folgte. Und so konnte die deutsche Wehrmacht am 14. Juni 1940 nahezu kampflos in Paris einmarschieren. 14
Inmitten dieses Chaos wurde Marschall Pétain, der ruhmreiche Sieger von Verdun 15 , von Staatspräsident Albert Lebrun mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. 16 Pétain, der sowohl im rechten als auch im linken Lager Vertrauen genoss, hielt es für sinnvoll, um nutzloses Blutvergießen auf französischer Seite zu vermeiden, schnell mit den Deutschen zu verhandeln und rief die eigene Bevölkerung am 17. Juni 1940 in einer Rundfunkansprache zur Waffenniederlegung auf. Diese Entscheidung „wurde 1940 von einer überwältigenden Mehrheit der Franzosen getragen“, betont nicht nur Schmale 17 , der dies in erster Linie in der ungeheuren Popularität Pétains begründet sieht. Als am nächsten Tag, dem 18. Juni 1940, mit Unterstaatssekretär Charles de Gaulle ein sehr viel weniger bekannter Mann 18 über Radio BBC London A tous les Franςais appellierte 19 , den Kampf gegen die Deutschen „quoi qu’il arrive“ fortzusetzen, verhallte sein Aufruf „beinahe ungehört“. 20
Der Waffenstillstand mit Hitler wurde am 22. Juni 1940 unterzeichnet und Pétains frühes Einlenken schien dem geschlagenen Frankreich tatsächlich gewisse Zugeständnisse gebracht zu haben. So wurden zwar der Norden des Landes und die Atlantikküste besetztes Gebiet, aber im Süden sollte Frankreich eine zone libre erhalten bleiben, ebenso wie seine Kolonien
12 Estèbe, S. 62.
13 Rund sechs Millionen Menschen ergriffen vor den einrückenden deutschen Truppen die Flucht; Estèbe, S. 62.
14 Schmale, Wolfgang: Geschichte Frankreichs (16 Karten). o.O. o.J., S. 265f.
15 General Pétain machte sich im Ersten Weltkrieg in der Schlacht um Verdun als Befehlshaber der frz. Truppen
einen Namen als „Held von Verdun“; laut Mythos hatten Pétains Truppen dort unter großem Einsatz lange Zeit
dem überlegenen Feind getrotzt, sich dann aber zurückgezogen, um noch mehr Blutvergießen zu vermeiden.
16 Estèbe, S. 62f.
17 Schmale, S. 270f.
18 De Gaulle war in der Regierung Reynaud noch für einige Tage Unterstaatssekretär für Verteidigung gewesen,
ehe er am 17. Juni 1940 mit seiner Familie nach London flüchtete; nachzulesen bei: Schunck, Peter: Geschichte
Frankreichs. Von Heinrich IV. bis zur Gegenwart. München/Zürich o.J., S. 423.
19 Der später berühmt gewordene Appell de Gaulles vom 18. Juni 1940 ist im Original u.a. nachzulesen im
Internet unter: (http://partisans.ifrance.com/partisans).
20 Schmale, S. 270.
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und seine intakt gebliebene Kriegsmarine. „Ingesamt hielt Pétain also noch einige Trümpfe in der Hand“, urteilt Jean Estèbe. 21 Die Alternative wäre gewesen, das Land vollständig dem Gegner zu überlassen, in der Hoffnung, dass Hitler und die Wehrmacht nicht auf Dauer in der Lage sein würden, die Besatzungsmacht aufrecht zu erhalten. 22 Ob dies die Entwicklung des Zweiten Weltkrieges nachhaltig beeinflusst hätte und ob es der französischen Bevölkerung dann besser oder schlechter gegangen wäre, lässt sich natürlich nicht mehr rekonstruieren.
Innenpolitisch sammelten sich um Pétain herum Männer der extremen Rechten, um per Verfassungsänderung die für die Kriegsniederlage verantwortlich gemachte parlamentarische Demokratie zu Gunsten einer Diktatur abzuschaffen. In einer Art Ermächtigungsgesetz wurde am 10. Juli 1940 23 „alle Macht [...] der Autorität und Verantwortlichkeit des Marschalls Pétain“ unterstellt. 24 Der 84-Jährige richtete in dem kleinen, im Zentralmassiv gelegenen Kurort Vichy 25 innerhalb weniger Wochen ein konservativ-autoritäres Regime ein, das sich „trotz aller Nähe zum Faschismus nicht mit diesem gleichsetzen lässt“, wie Schunck 26 meint. Und Estèbe schreibt dazu: „Insgesamt ähnelte das Vichy-Regime wegen seiner Betonung der Rolle der Notabeln und der Kirche sowie seiner Ablehnung einer Einheitspartei eher dem System Francos als dem Nationalsozialismus.“ 27 Doch unabhängig davon, wie Vichy systemtheoretisch einzuordnen ist: In der politischen Realität entwickelte sich das Regime im Laufe der Jahre zunehmend zu einer „Marionette Hitlers“ 28 und biederte sich dem Nationalsozialismus auch ideologisch immer mehr an. Die von Pétain und Pierre Laval 29 propagierte Révolution nationale (u.a. Abschaffung der Gewerkschaften, Einschränkung des Rechtsstaats, Stärkung des Polizeiwesens, Ersatz der republikanischen Ideale Liberté, Égalité, Fraternité durch die „neuen Ideale“ Travail, Famille, Patrie) bildete die Grundlage für eine umfassende Staatkollaboration mit Hitler 30 (u.a. wirtschaftliche Unterstützungsleistungen und militärische Hilfe im „Kampf gegen den Bolschewismus“). Eine Streitfrage bleibt die Verantwortung Vichys im Zusammenhang mit der Judenverfolgung und dem Holocaust. 31
21 Estèbe, S. 63.
22 Schmale, S. 271.
23 Von den in Frankreich verbliebenen Parlamentariern stimmten 569 für die Verfassungsänderung, 80 dagegen
und 17 Abgeordnete enthielten sich der Stimme; obwohl die Abstimmung ohne militärischen, polizeistaatlichen
oder außenpolitischen Druck statt fand, erhielt die Initiative breite Zustimmung, teils sogar bei den Sozialisten.
24 Schmale, S. 267.
25 Vichy verfügte als beliebter Kurort über ausreichend Hotels und Gaststätten, um die aus Paris geflohenen
Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung ohne Probleme unterzubringen.
26 Schunck, S. 415.
27 Estèbe, S. 65.
28 Estèbe, S. 71.
29 Von Pétain ernannter erster Regierungchef des Vichy-Regimes (Juli-Dezember 1940); kam im April 1942
wieder zurück an die Macht und leitete dann eine „Kurskorrektur“ (Annäherung an Deutschland) ein.
30 Estèbe, S. 63ff.
31 vgl. u.a. Estèbe S. 68, Schunck S. 415f., Schmale S. 276f.
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1.2) Der historische Hintergrund: Entstehung und Aufstieg der Résistance
Parallel zur innenpolitischen Entwicklung hin zu einer Diktatur entstand in der französischen Zivilgesellschaft ein Mouvement de la Résistance. Wobei Schmale zutreffenderweise bemerkt, dass „der Begriff Résistance eine Vielzahl von Gruppen und Bewegungen bezeichnet, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und zunächst unkoordiniert entstanden.“ 32 Weiterhin betont er: „Zwischen La France Libre von General de Gaulle und anderen in Frankreich tätigen Gruppen bestand anfangs kaum eine Verbindung. [...] Gestalt nahm die Résistance ab dem Sommer 1941 an, als klar wurde, dass Hitler keinerlei konstruktive Pläne für Europa besaß.“ Halten wir an dieser Stelle fest, dass - wenn wir über die Résistance sprechen - grundsätzlich eine Unterscheidung zwischen de Gaulles Exilwiderstand und der Résistance intérieure notwendig ist, ebenso ein In-Betracht-Ziehen zeitlicher Veränderungen.
Résistance intérieure
Die Résistance intérieure bestand zu Beginn aus vielen kleinen Gruppierungen, die lange Zeit nicht einmal in Kontakt zueinander standen. Estèbe berichtet, dass sich in diesen Gruppen meist „kaum bekannte Kämpfer, die (noch) keine Karriere gemacht hatten“ zusammenfanden. „Sie engagierten sich [...] mehr oder weniger zufällig, weil sie mit dem ein oder anderen Widerstandskämpfer befreundet waren.“ 33 Untergrundpublikationen machten den Anfang ihrer Aktivitäten aus, erst mit der Zeit kamen aggressivere Aktionsfelder wie Sabotageakte oder Militärspionage hinzu. 34 Im Laufe des Jahres 1941 bildeten sich schließlich die ersten überlokalen Gruppen heraus. Im „freien“ Süden entwickelten sich die sozialistische Gruppe Libération-Sud, die eher katholisch geprägte Bewegung Combat sowie die Gruppe Franc-Tireur, die Republikaner und Linkssozialisten zu vereinigen suchte. Im Norden, wo der Widerstand noch gefährlicher war, radikalisierten sich die Gruppen (u.a. Libération-Nord, Défense de la France, Ceux de la Résistance, Ceux de la Libération) in der Regel schneller. 35
Insgesamt erscheint die Résistance intérieure in dieser Anfangsphase (1940-1941) noch sehr schwach. 36 Dies lag am geringen Organisationsgrad der Gruppen, andererseits aber auch an der abwartenden Haltung der Bevölkerung. Erst als sich das Regime mit der Rückkehr Lavals im April 1942 zunehmend radikalisierte 37 , schlug die Stimmung im Land allmählich um.
32 Schmale, S. 278f.
33 Estèbe, S. 66.
34 Schmale, S. 279.
35 Baruch, Marc Olivier: Das Vichy-Regime. Frankreich 1940-1944. Stuttgart 1999, S. 158.
36 Estèbe, S. 68.
37 u.a. verschärftes Eingreifen der Miliz gegen „Abtrünnige“ sow Einführung des Zwangsarbeitsdienstes
(Service de Travail obligatoire) im Januar 1943.
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Immer mehr Menschen betrieben die Résistance passive 38 und auch der aktive Widerstand gewann durch das Hinzustoßen des kommunistischen Front National 39 an Dynamik. Im rechten Lager bildeten sich ebenfalls Widerstandsgruppen, die vor allem Zulauf von aktiven oder ehemaligen französischen Soldaten erhielten. 40 Insgesamt waren im Sommer 1944 etwa eine Million Franzosen im Widerstand engagiert. 41
Estèbe weist zu Recht darauf hin, dass der Grat zwischen Regime-Treue und Widerstand oft ein sehr schmaler war. „Diese individuellen Entwicklungen waren je nach ihren Phasen komplex und ambivalent, wobei oft nicht ganz klar ist, welchem Lager der Betreffende angehörte.“ 42 Der Fall des späteren sozialistischen Staatspräsidenten Franςois Mitterand ist hierfür ein gutes Beispiel. 43 Die eigentliche Zäsur, was die öffentliche Akzeptanz Vichys betrifft, liegt nach Einschätzung Köhlers 44 in der „vollständigen Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen im November 1942“. 45 Doch im Hinblick auf den großen Zulauf, den die Résistance dadurch erhielt, muss auch die Einführung des Service de Travail obligatoire (STO) im Januar 1943 als wichtiger Einschnitt gelten. Tausende junger Franzosen verschanzten sich, um der Zwangsarbeit in Deutschland zu entgehen, in den Wäldern („maquis“) und nahmen den bewaffneten Kampf mit Polizei, Gendarmerie und Gestapo auf. 46
Es ist mir im Rahmen dieser Arbeit natürlich unmöglich, auf die organisatorischen Besonderheiten und die teils sehr gegensätzlichen Zielsetzungen all dieser Gruppierungen einzugehen. Man bekommt aber sicher bereits einen Eindruck von der „Komplexität und Diffusität des Widerstandes“, wie Baruch 47 es nennt. Diese Gegensätze überwunden zu haben ist das Verdienst von Jean Moulin. 48 Der frühere Präfekt von Chartres war im Herbst 1942 bei einem Besuch in London von de Gaulle beauftragt worden, die Koordinierung der Widerstandsgruppen im Land voranzutreiben. Um die einzelnen Gruppen leichter zur Kooperation bewegen zu können, stattete de Gaulle seinen Abgesandten mit Finanzmitteln
38 In den Fabriken des Nordens wurde langsamer gearbeitet, jüdische Bekannte wurden im Haus versteckt, etc.
39 Die Kommunisten hatten sich wegen des Hitler-Stalin-Pakts lange Zeit nicht aktiv am Widerstand beteiligt;
erst nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion (Juni 1941) nahmen kommunistische Gruppen den Kampf auf. Der
Front National und die FTP-MOI entwickelten sich bis zur Befreiung zur stärksten Bewegung in der Résistance.
40 Estèbe, S. 67.
41 Estèbe, S. 71f.
42 Estèbe, S. 67.
43 vgl. Joffrin, Laurent u. Raffy, Serge: Les mystères qui restent, in: Le Nouvel Observateur, Nr. 1558 v.
15.September 1994, S. 30-33.
44 Köhler, S. 55f.
45 Als Reaktion auf die Landung der Alliierten in Nordafrika marschierten deutsch-italienische Truppen im
November 1942, entgegen der Waffenstillstandsvereinbarungen von 1940, in die Südzone de Landes ein, was
heftige Proteste in der französischen Bevölkerung hervorrief.
46 Estèbe, S. 71f.
47 Baruch, S. 159.
48 Schunck, S. 432.
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aus. 49 Ein erster wichtiger Schritt war die Fusion der drei großen Bewegungen im Süden (Libération-Sud, Combat, Franc-Tireur) zu den Mouvements unis de Résistance (MUR).
Mit der Gründung des Conseil national de la Résistance (CNR) im Mai 1943 in Paris war es Moulin schließlich trotz aller Schwierigkeiten gelungen, „ein für alle Widerstandsgruppen des Landes gemeinsames Konsultativgremium zu schaffen“ 50 , dem auch Vertreter von Parteien und Gewerkschaften angehörten. Moulin, dessen große Leistung nicht nur die Unification des innerfranzösischen Widerstands war, sondern auch das Durchsetzen der Akzeptanz de Gaulles als Repräsentant aller Franςais libres nach außen hin (selbst im Lager der Kommunisten und Sozialisten), wurde einen Monat später am 21. Juni 1943 in Lyon verhaftet und von der Gestapo zu Tode gefoltert. 51 Der von ihm geschaffene Conseil national de la Résistance spielte bis zur Befreiung 1944 in mehrfacher Hinsicht eine wichtige Rolle, u.a. was die Versorgung militanter Maquis-Gruppen mit Waffen und Lebensmitteln betrifft.
La France Libre
Im Gegensatz zu Marschall Pétain gab sich der politisch ebenso unerfahrene wie unbekannte Oberst de Gaulle im Juni 1940 keinen Illusionen hin über die „neue Rolle Frankreichs in einem dauerhaft von Deutschland beherrschten Europa“. 52 De Gaulle, von 1927 bis 1929 als Kommandant eines Jägerbataillons in Trier stationiert 53 , hatte Hitlers Mein Kampf gelesen. Seine Vision war eine völlig andere: Frankreich sollte sich auf Seiten der Alliierten am Krieg gegen Hitler beteiligen, um seine Großmachtstellung langfristig zu wahren. 54 Über BBC London rief de Gaulle seine Landsleute am 18. Juni 1940 dazu auf, „die Flamme des französischen Widerstands quoi qu’il arrive nicht erlöschen“ zu lassen. 55
„In kurzen Sätzen voll verhaltener Leidenschaft wies de Gaulle darauf hin“, so berichtet Schunck über den später berühmt gewordenen Appell des 18. Juni, „dass Frankreich nicht endgültig verloren sei. Der Krieg sei mit dem Kampf um das französische Mutterland nicht beendet, sondern werde ein Weltkrieg, und in diesem werde Frankreich mit seinen Verbündeten der Stärkere sein.“ De Gaulle, der Recht behalten sollte, wollte die Grande Nation unbedingt weiter im Krieg halten und hätte sich dafür auch dem Befehl höherstehender
49 Nachzulesen unter: (http://partisans.ifrance.com/partisans).
50 Baruch, S. 157-159.
51 Schunck, S. 432f.
52 Estèbe, S. 64.
53 Schunck, S. 421.
54 Estèbe, S. 66.
55 Schunck, S. 423f.
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Generäle in Nordafrika unterstellt 56 , sofern diese den Krieg fortgeführt hätten. Weil er jedoch diesbezüglich nur Absagen erhielt, ließ er sich am 28. Juni 1940 von der britischen Regierung als Chef des Franςais libres anerkennen. Noch im gleichen Sommer schlossen sich die Länder Französisch-Äquatorialafrikas (Tschad, Kamerun, Kongo, Zentralafrika, Gabun) der Initiative an, aber der strategisch wichtigere Teil des Kolonialreichs (insbesondere Nordafrika, Westafrika, Syrien) blieb Vichy treu. Auch die Amerikaner setzten in dieser Phase noch auf Pétain, „in der Hoffnung, ihn zu einer Wiederaufnahme des Kampfes zu bewegen“. Und als sich de Gaulle im Sommer 1941 in Folge der Auseinandersetzungen um Syrien auch noch mehrfach und heftig mit den Engländern gestritten hatte, erschien seine Position als Chef des Franςais libres stark geschwächt. 57
Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 sollte laut Schunck die Wende bringen: „De Gaulle erkannte die Chance, trotz aller ideologischen Gegensätze, in der bedrängten Sowjetunion einen Verbündeten und ein Gegengewicht zu der Dominanz der Angelsachsen zu gewinnen [...] und entsandte eine Fliegerstaffel zur Unterstützung.“ 58 Dieser Schachzug sicherte ihm später die Anerkennung durch die französischen Kommunisten und befreite ihn vom Phlegma, ein Mann der Engländer zu sein. 59 Überhaupt erkannte de Gaulle allmählich die große Bedeutung der Résistance intérieure für seine Pläne und traf sich mit verschiedenen Vertretern, ehe er Jean Moulin im Herbst 1942 mit der Aufgabe der Unification betraute.
Der Umstand, dass der von Jean Moulin geschaffene Conseil national de la Résistance (CNR) bei seiner Gründung im Mai 1943 den nicht unumstrittenen General de Gaulle als „obersten Repräsentanten des französischen Widerstands“ anerkannt hatte, führte schließlich dazu, dass ihn kurze Zeit später auch die Alliierten als Chef des Franςais libres akzeptieren mussten. Nach ihrer Landung in Nordafrika im November 1942 hatten die Amerikaner zwar noch versucht, auf französischer Seite mit General Giraud „ihren“ Mann in die Führungsposition zu hieven. Doch „gestützt auf den Conseil national de la Résistance wahrte de Gaulle seine Machtansprüche“ und führte das Freie Frankreich, wie es sein Ziel gewesen war, an der Seite der Alliierten zurück in den Krieg gegen Deutschland. 60
56 Schunck, S. 425.
57 Schunck, S. 426-429.
58 Schunck, S. 429f.
59 Estèbe, S. 68.
60 Baruch, S. 154-157.
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2.) Der gaullistische Mythos vom ehrenhaften, tapfer Widerstand leistenden Frankreich
Colin Nettelbeck 61 skizziert den gaullistischen Geschichtsmythos, der von 1944/45 bis etwa 1968/70 die historische Wahrnehmung in Frankreich bestimmt hat, wie folgt: 62
„Nachdem Frankreich in den dreißiger Jahren durch eine unfähige Führung und durch parteipolitische Flügelkämpfe demoralisiert war, unterlag es 1940 den besseren deutschen Waffen und wurde von seinen britischen Verbündeten im Stich gelassen. Selbst als das Land von der brutalen Armee, die es vier Jahre lang besetzt hielt, ausgeblutet wurde, leistete es tapferen Widerstand - von außen durch de Gaulles Freies Frankreich und von innen durch mehrere Geheimorganisationen.“
„Frankreich erhielt seine Freiheit und Ehre zurück, als es die Deutschen vertriebnatürlich ein wenig von den Alliierten unterstützt. Die wenigen Schurken, die Deutschland geholfen hatten, wurden bei der Säuberung eliminiert, allen voran die kollaborationistische Vichy-Regierung [...]. Frankreich konnte wieder stolz als geeinte Nation auftreten, zumal nach seiner historischen Beteiligung an dem schonungslosen Kampf gegen die hitlerischen Besatzer [...].“
Im Rückblick klänge diese Rhetorik „hohl, ja sogar etwas lächerlich“, befindet Nettelbeck. Gleichwohl beherrschte sie knapp 25 Jahre lang die Veröffentlichungen und Medien. Die große Mehrheit der Bevölkerung nahm die eigenwillige Geschichtsinterpretation dankbar an, berichtet etwa Jean Estèbe: 63
„Das schöne Bild eines vollkommen im Widerstand engagierten Frankreichs war so weit von der Wirklichkeit entfernt, dass ein vollkommener Gedächtnisverlust bequemer war [als die Aufarbeitung der Vichy-Vergangenheit]. [...] Die Franzosen akzeptierten nur zu gerne das Spiegelbild, das der Führer des Freien Frankreichs ihnen vorhielt. [...] Wenn man ihm [de Gaulle] Glauben schenken darf, so waren die Franzosen mit Ausnahme einer Handvoll von Verrätern ihrem Chef de la Résistance während dieser vier Jahre gefolgt und hatten sich ehrenhaft verhalten [...].“
61 Nettelbeck, Colin: Kurskorrektur: Die Darstellung des Zweiten Weltkriegs in Frankreich ab 1968, in:
Hirschfeld, Gerhard und Marsh, Patrick (Hg.): Kollaboration in Frankreich. Frankfurt/Main 1991, S. 266-309.
62 Nettelbeck, S. 270f.
63 Estèbe, S. 74f.
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Von besonderer Bedeutung für die Konzeption des gesamten gaullistischen Geschichtsmythos ist nach Ansicht Köhlers eine breit gefasste, abstrakte Definition des Begriffs Résistance: 64
„Der Begriff Résistance meint nach diesem Verständnis weniger die diversen Organisationen der Résistance und ihre Akteure. Es handelt sich vielmehr um eine abstrakte Konzeption, in der - durch den Widerstand de Gaulles, der sich als Verkörperung des ewigen Frankreichs sieht - Frankreich in seiner Gesamtheit kraft seiner Person Widerstand geleistet hat.“
Diese „sehr abstrakte Konzeption der Résistance“ diente der französischen Gesellschaft nach 1944/45 als „Identifikationsmodell“. 65 Das gaullistische Résistance-Verständnis grenzt niemanden aus, ein jeder Franzose konnte und durfte sich der Résistance zugehörig fühlen. Und je stärker sich die de Gaullesche Vergangenheitsinterpretation im Lauf der Jahre durchgesetzt hatte, desto größer war nach Einschätzung Köhlers die „integrative Wirkung“ des gaullistischen Widerstandsmythos und desto stärker hatte sich „die Allgemeinheit diese spezielle Sicht der Dinge zu ihrer eigenen gemacht“. 66
Wenngleich sich Grundelemente der Mythifizierung bereits 1944-1958 erkennen lassen, so entfaltete der Résistancialisme gaullien „erst nach Rückkehr de Gaulles an die Macht 1958 sein ganzes Wirkungspotential“, stellt Köhler 67 in Anlehnung an Henry Rousso 68 fest. „Nun erst stand de Gaulle das Instrumentarium zur Verfügung, die mémoire gaulliste zu einer mémoire officielle werden zu lassen.“ Höhepunkt dieser Entwicklung sei 1964 die Überführung der Asche Jean Moulins ins Pariser Pantheon gewesen (siehe Abschnitt 4), anlässlich derer André Malraux 69 in einer Rede „den Kern des Résistancialisme gaullien in Worte fasst“: 70
„Le général assumait alors le Non du premier jour; le maintien du combat, quel qu’en fût le lieu, quel qu’en fût la forme; enfin le destin de la France. [...] Chaque groupe de résistants pouvait se légitimer par l’allié qui l’armait et le soutenait, voire par son seul courage; le général de Gaulle seul pouvait appeler les mouvements de Résistance à l’union entre eux, car c’était à travers lui seul que la France livrait un seul combat.“
64 Köhler, S. 67.
65 Köhler, S. 68.
66 Köhler, S. 68f.
67 Köhler, S. 76.
68 Rousso, Henry: Le syndrome de Vichy.
69 Nachzulesen bei: Malraux, André: Oraisons funèbres. Paris 1971, S. 121f.
70 Köhler, S. 76.
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3.) Die Überprüfung des Mythos an der Wirklichkeit - was bleibt davon übrig? „Hohl, ja sogar etwas lächerlich“ klingt also die gaullistische Geschichtsdarstellung in den Ohren Nettelbecks (vgl. oben). Ein vernichtendes Urteil, das er dort fällt, aber ein Urteil, das ich nach Auswertung zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Résistance nachvollziehen und teilen kann. Weil sich im Rahmen dieser Arbeit unmöglich alle Elemente des gaullistischen Résistance-Mythos auf ihren historischen Wahrheitsgehalt hin überprüfen lassen, beschränke ich mich im Folgenden darauf, den Mythos an Hand fünf mir besonders bedeutsam erscheinender Thesen als wirklichkeitsverdrehend zu entlarven.
3.1. Die Haltung der Bevölkerung war weder résistante noch collaborationiste „Wenn man ihm [de Gaulle] Glauben schenken darf, so waren die Franzosen mit Ausnahme einer Handvoll von Verrätern ihrem Chef de la Résistance während dieser vier Jahre [bedingungslos] gefolgt [...]“, umschreibt Jean Estèbe 71 eine weit verbreitete Lüge der gaullistischen Geschichtsschreibung, nämlich die des antifaschistischen, freiheitsliebenden Franzosen, der vom Tag des deutschen Einmarsches in Paris an (14. Juni 1940) sofort und ohne Zögern den (ideologischen?) Befreiungskampf aufnimmt. Die Wahrheit nimmt sich anders aus: Der Waffenstillstand vom 25. Juni 1940 wurde trotz aller Härten von der großen Mehrheit der französischen Bevölkerung begrüßt. 72 Die Sehnsucht nach Wiederherstellung von Ordnung und Sicherheit war schlicht größer als das patriotische Freiheitsstreben.
„Zunächst bildeten sowohl die Anhänger de Gaulles als auch die fanatischen Kollaborateure verschwindende Minderheiten“, berichtet Schunck 73 . Und Estèbe schreibt über die Haltung der Bevölkerung: „Das Hauptproblem des Durchschnittsfranzosen war weder Collaboration noch Résistance, sondern die Versorgung mit Lebensmitteln“. 74 Unter diesen Bedingungen formierte sich der Widerstand gegen die Politik Vichys nur zögernd; von einer grundsätzlich resistanten, antikollaborativen Haltung kann daher nicht die Rede sein. 75 Das Bild eines vollkommen im Widerstand engagierten Frankreichs trifft nicht zu. „Erst spät erkannten die meisten Franzosen, dass die Regierung nur deutsche Politik ausführte“, glaubt Nettelbeck 76 und ergänzt: „Auch das Wort erkennen ist nur im Nachhinein angemessen: Die meisten Menschen wussten kaum, was vor sich ging. [...] Sehr genau wussten sie allerdings, dass [...] es immer schwierig wurde, sich zu ernähren und zu kleiden.“
71 Estèbe, S. 74f.
72 Schunck, S. 413.
73 Schunck, S. 414.
74 Estèbe, S. 69.
75 Martens, Stefan: Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Vichy-Regimes, in: Hinrichs, Ernst (Hg.): Kleine
Geschichte Frankreichs. Stuttgart 2000, S. 407.
76 Nettelbeck, S. 273.
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Der Versuch liegt nahe, die moralische Mittelmäßigkeit der französischen Bevölkerung zu verurteilen. Doch darum soll und darf es an dieser Stelle nicht gehen, ganz abgesehen davon, dass man sich die Dinge damit zu einfach machen würde, wie Jean Estèbe 77 zu Recht feststellt: „Insgesamt gesehen lässt sich die Haltung der Bevölkerung nicht auf eine einfache Formel bringen. Individuelle und milieubedingte Unterschiede müssen berücksichtigt werden. Daneben spielt der zeitliche Ablauf eine wichtige Rolle. Die abwartende Haltung nahm im Lauf der Zeit unterschiedliche Färbungen an: Vertrauen in das Regime (1940), Ablehnung der Nationalen Revolution (1941/42) und zunehmende Solidarität mit der Résistance (1943/44).“ Vielmehr geht es mir an dieser Stelle um die Dekonstruktion des Mythos vom vier Jahre lang tapfer Widerstand leistenden, antifaschistischen Durchschnittsfranzosen. Die Résistance war keine Massenbewegung und schon gar keine Frage der Ideologie. Denn selbst als 1943 eine deutsche Niederlage immer wahrscheinlicher wurde, schlug sich die französische Bevölkerung längst nicht eindeutig auf Seite der Widerstandskämpfer, bemerkt Baruch 78 : „Des ambivalences existaient par rapport aux maquis, envers lesquels l’opinion éprouva des solidarités réelles et des sentiments d’hostilité nés de la peur de représailles et de violences.“
3.2. Die im Widerstand geeinte Nation? Die Résistance war keine Einheitsbewegung
„[...] mit Unterstützung und Mithilfe ganz Frankreichs, eines Frankreichs, das kämpft, dieses einen, wahren, ewigen Frankreichs [...].“ 79 Der Einzug in Paris am 25. August 1944 war für General de Gaulle, Chef der Provisorischen Übergangsregierung, natürlich nicht der Moment, bestehende Gräben in der Gesellschaft zu vertiefen. Sein Blick ging nach vorne und sah eine zerrüttete, am Rande des Bürgerkriegs stehende Nation, die so schnell wie möglich wieder in sich vereint werden musste. Der naheliegendste, kleinste gemeinsame Nenner war die zurückeroberte Unabhängigkeit und so ließ Regierungschef de Gaulle keine Gelegenheit aus, den Menschen im Land zu erklären, dass dieser Erfolg nur möglich gewesen sei, weil doch tous les Franςais gemeinsam und einträchtig an einem Strang gezogen hatten.
Der Vermittlung des Wir-Gefühls wegen wurde die historische Wahrheit vernachlässigt. Frankreich war zwischen 1940 und 1944 von der „Nationalen Einheit“ im gaullistischen Sinne so weit entfernt wie Vichy von der Demokratie. Nettelbeck meint sogar: Wenn die französische Nation in jener Zeit überhaupt in irgend etwas vereint war, dann nicht im
77 Estèbe, S. 70.
78 Baruch, Marc Olivier: Le régime de Vichy, S. 105.
79 Im französischen Original nachzulesen bei: Köhler, Anja: Vichy und die französischen Intellektuellen. Die
années noires im Spiegel autobiographischer Texte. Tübingen/Bonn 2000, S. 67.
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Widerstand, sondern „in ihrer Erleichterung, nicht mehr am Krieg beteiligt zu sein“. 80 Wenngleich ich diese Einschätzung, quasi die Umkehrung der gaullistischen Version von der im Widerstand geeinten Nation, nicht vollständig teile, gibt es keinen Zweifel daran, dass die französische Gesellschaft der frühen 1940er Jahre zutiefst gespalten war, und zwar nicht nur in Kollaborateure, „Anpasser“ und Widerständler, sondern auch innerhalb des jeweiligen Lagers gab es teils schwere Zerwürfnisse. So agierten beispielsweise die einzelnen Gruppen der Résistance i.d.R. getrennt voneinander, unorganisiert und nicht selten verfolgten sie unterschiedliche Ziele. 81 Erst gegen Ende des Krieges, als eine deutsche Niederlage immer wahrscheinlicher wurde, konnte der Conseil national de la Résistance eine „Einheit der Aktion“ 82 durchsetzen. Doch Frankreich 1943/44 deswegen als eine „vereint hinter der Résistance stehende Nation“ zu bezeichnen, geht Baruchs Einwand folgend, die maquis hätten ebenso Abneigung wie Unterstützung erfahren (vgl. oben) 83 , eindeutig zu weit.
Ungeachtet dessen, wie man den Zustand der Nation 1943/44 beurteilt, stellt sich natürlich die Frage, ob die Résistance dazu beigetragen hat, politische und ideologische Differenzen nachhaltig zu überwinden. Schmale verneint dies deutlich: „Während gegen Ende des Krieges und vor der Libération eine Einheit der Aktion durchzusetzen war und die politischen Divergenzen in den Hintergrund traten, war es mit dieser Einheit nach Kriegsende bald vorbei.“ 84 Dagegen schreibt Schunck zum gleichen Thema: „Zwischen den verschiedenen politischen Kräften in Frankreich bestand bei der Aufarbeitung der Vergangenheit [auch nach der Befreiung] noch längere Zeit Übereinstimmung.“ 85 Führt man sich die politische Entwicklung des après-guerre vor Augen, so wird meines Erachtens schnell deutlich, dass die Erfahrung der Résistance die traditionellen Differenzen nicht überwinden konnte. 86 Bereits während der Phase der épuration, also in der unmittelbaren Fortsetzung der Résistance, brechen einerseits die alten Konflikte wieder auf, andererseits kommen nach Ansicht Schuncks neue hinzu: „Die Säuberung hinterließ einen bitteren Nachgeschmack, da sich viele Anhänger Vichys von der nationalen Gemeinschaft ausgestoßen fühlten.“ 87
80 Nettelbeck, S. 272.
81 Martens, S. 407.
82 Schmale, S. 280.
83 Baruch, Marc Olivier: Le régime de Vichy. Paris 1996, S.105.
84 Schmale, S. 280.
85 Schunck, S. 465.
86 Köhler, S. 73-75.
87 Schunck, S. 465.
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3.3. De Gaulles Akzeptanz als Chef der Résistance war keine Selbstverständlichkeit
„Wenn man ihm [de Gaulle] Glauben schenken darf, so waren die Franzosen mit Ausnahme einer Handvoll von Verrätern ihrem Chef de la Résistance während dieser vier Jahre [bedingungslos] gefolgt [...].“ 88 Der aufmerksame Leser möge mir verzeihen, wenn ich diese Textpassage Estèbes für den normalen Geschmack überstrapaziere. Aber sie bringt so wunderbar treffend zum Ausdruck, wie weit der gaullistische Mythos bisweilen von der Wirklichkeit entfernt ist. Zu keinem Zeitpunkt der Résistance war Charles de Gaulle ihr unumstrittener, von allen Aktivisten anerkannter Führer - schon gar nicht zu Beginn. Zwar sicherte ihm auf internationaler Ebene der britische Premier Winston Churchill sehr bald die Unterstützung Großbritanniens zu, aber die intra-nationale Anerkennung musste sich der selbst ernannte Chef der Freien Franzosen erst hart erkämpfen. De Gaulles Akzeptanz als Begründer und Führer der Widerstandsbewegung war also keine Selbstverständlichkeit. 89
So gibt etwa Nettelbeck zu bedenken, dass „die öffentliche Meinung in der Frage, wo der Kriegsfeind und wo die Verbündeten standen, tief gespalten war. [...] Vielen Franzosen erschien de Gaulle nicht als Held, sondern als Verräter, der seine Kommandantur in Frankreich verlassen und das Verbrechen begangen hatte, mit den betrügerischen Briten zu paktieren.“ 90 Die Vorkommnisse von Mers-el-Kébir 91 hatten für eine sehr anglophobe Haltung der Bevölkerung gesorgt und somit auch dem Ansehen de Gaulles geschadet. Insbesondere linksorientierte Widerstandsgruppen hegten große Vorbehalte gegen „den Mann der Engländer“ und agierten bis ins Jahr 1944 hinein ohne jeden Kontakt zum vermeintlichen Chef de la Résistance - eine Position, die dem General nach 1945 gern zugeschrieben wird, die er jedoch in Wahrheit nie eingenommen hatte. Zumal diese Rolle sowohl organisatorisch, als auch emotional wohl noch eher dem Aktivisten Jean Max Moulin zufiel als dem Exilpolitiker de Gaulle. Und so stellt sich mir die Frage, ob André Malraux 92 , als er 1964 behauptete, „le géneral de Gaulle seul pouvait appeler les mouvements de Résistance à l’union entre eux, car c’était à travers lui seul que la France livrait un seul combat“, die historischen Tatsachen nicht besser kannte oder aber aus legitimationspolitischen Gründen heraus bewusst verdrehte.
88 Estèbe, S. 74.
89 Martens, S. 407.
90 Nettelbeck, S. 272.
91 Die eigentlich verbündeten Briten hatten dort am 7. Juli 1940 ein Teil der französischen Flotte versenkt, damit
dieser nicht in deutsche Hände fallen konnte.
92 vgl. Köhler, S. 76.
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3.4. Frankreich hat sich nicht „aus eigener Kraft“ befreit
„Frankreich erhielt seine Freiheit und Ehre zurück, als es die Deutschen vertrieb - natürlich ein wenig von den Alliierten unterstützt.“ Was Colin Nettelbeck 93 hier zugegebenermaßen etwas überpointiert beschreibt, bildete über viele Jahre hinweg die Grundlage aller gaullistischen Erzählungen von der Befreiung Frankreichs. „Befreites Paris! Befreit aus eigener Kraft, befreit durch sein Volk unter Mitwirkung der Armeen Frankreichs [...]“ 94 , lässt der siegreiche General beim triumphvollen Einmarsch in Paris keinen Zweifel daran aufkommen, wer als Urheber der Libération zu gelten hat - die französische Nation natürlich.
Nun ist es aber unter Historikern heute weitgehend unumstritten, dass die militärischen Mittel der Résistance - trotz des enormen personellen Zulaufs während der letzten Kriegsmonate 95 im Sommer 1944 bei weitem nicht ausgereicht hätten, die militärisch überlegene, wenngleich geschwächte Besatzungsmacht aus eigener Kraft aus dem Land zu vertreiben. Ohne das entschlossene Eingreifen der Alliierten wäre die Libération 1944 nicht möglich gewesen, urteilt beispielsweise der französische Historiker Semelin. 96 Der Beitrag, den französische Widerstandskämpfer zur Befreiung des Landes geleistet haben, sei „eher symbolisch zu bewerten“ als strategisch, allen anders lautenden Bekundungen von alliierter Seite zum Trotz.
Estèbe schlägt in die gleiche Kerbe: „Es war nicht die Résistance, die Frankreich befreit hat (wie dies in der anschließenden Feststimmung oft behauptet wurde), wenngleich sie dazu beigetragen hat.“ 97 Unbestritten ist, dass die Résistance an der Befreiungsoffensive im Sommer 1944 beteiligt war: De Gaulle unterstellte die in Nordafrika ausgehobenen Truppen des Freien Frankreichs (FFL) dem alliierten Oberbefehl, General König befehligte die Forces Franςaises de l‘intérieur (FFI). Paris hatte sich in einem Aufstand bereits vor Ankunft der Alliierten gegen die Deutschen erhoben, zahlreiche Ortschaften im ganzen Land wurden von lokalen Kampfgruppen ohne jede Hilfe der Alliierten eingenommen. 98 Und dennoch lässt es sich nicht von der Hand weisen, dass der am 25. August 1944 in Paris besiegelte Rückzug der deutschen Truppen nicht auf einen Sieg der Résistance zurückzuführen ist. 99
93 Nettelbeck, S. 270.
94 Im französischen Original nachzulesen bei: Köhler, Anja: Vichy und die französischen Intellektuellen. Die
années noires im Spiegel autobiographischer Texte. Tübingen/Bonn 2000, S. 67.
95 Die Landung der Alliierten in Nordafrika (Nov. 1943) und sieben Monate später in der Normandie löste in der
Bevölkerung eine solche Begeisterung aus, dass bewaffnete Widerstandsgruppen neue Mitglieder teils wieder
nach Hause schicken mussten, weil sie nicht über genügend Waffen verfügten; nachzulesen bei: Estèbe, S. 72.
96 Semelin, J.: Qu’est-ce que résister?, in: Esprit (revue), Ausgabe 1/1994, S. 62.
97 Estèbe, S. 72.
98 Nicht selten rächte sich die SS jedoch brutal dafür und bestrafte nach Zurückeroberung der Dörfer die
Zivilbevölkerung. Der berühmteste, weil grausamste Fall ist das kleine Dorf Oradour-sur-Glane, wo die SS am
10. Juni 1944 642 Menschen, darunter Kinder, erschoss oder bei lebendigem Leibe verbrannte; Baruch, S. 167.
99 Baruch, S. 167
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Die gaullistische Interpretation („Befreit aus eigener Kraft“) kann also zu Recht ins Reich der Mythen und Fabeln verwiesen werden. Dass eine derartige Fehleinschätzung nichtsdestotrotz über Jahrzehnte hinweg Politik, Gesellschaft und Geschichtsschreibung determiniert hat und bis zum heutigen Tag in gewisser Weise noch immer das französische Kollektivgedächtnis beeinflusst, ist nach Ansicht Semelins nicht weiter erstaunlich: „Le risque est grand de glorifier une résistance qui ne fut en mesure que de perturber l’ordre de l’ennemi [...].“ 100 Und die Washington Post versucht in einem Kommentar zum gleichen Thema die Erklärung:
„Ce qui a sauvé l’honneur des Franςais après la guerre, c’est le mythe de la Résistance, l’idée que les Franςais se sont libérés par leurs propres moyens. Une théorie absurde, bien sûr. [...] Mais le mythe d’un puissant mouvement de résistance local a servi de fondement à la vie culturelle et politique franςaise d’après-guerre. Il a permis à la France de croire en elle-même.“ 101
3.5. Die dunklen Momente der Résistance wurden verklärt
„Frankreich erhielt seine Freiheit und Ehre zurück, als es die Deutschen vertrieb [...]. Die wenigen Schurken, die Deutschland geholfen hatten, wurden bei der Säuberung eliminiert.“ 102 Vor allem aus dem politisch rechten Lager, wo ehemalige Vichy-Anhänger zu Hause sind, kam es nach 1945 zunehmend zu Kritik an der Einseitigkeit der Vergangenheitsdarstellung. 103 Die Kritik richtet sich in erster Linie gegen die so genannten Résistants de la onzième heure, die sich in buchstäblich letzter Minute der anderen Seite angeschlossen hatten, um - so der Vorwurf - später aus ihrer angeblichen Résistance-Zugehörigkeit soziales und politisches Kapital zu schlagen. In der Tat spielen in der gaullistischen Geschichtsdarstellung Dauer, Intensität und Motivation der Résistance-Mitgliedschaft oft keine herausragende Rolle.
Ein weiterer Kritikpunkt, der aus dem rechten Lager kommt, ist die lange Zeit sehr positive Darstellung des kommunistischen Widerstands. Köhler 104 beschreibt den Vorwurf wie folgt: Den kommunistischen Kampfgruppen, die durch die Radikalisierung des Widerstands entscheidend dazu beigetragen haben, dass der bewaffnete Befreiungskampf beinahe zum Bürgerkrieg eskaliert wäre, sei es doch im Grunde weniger um die Befreiung Frankreichs gegangen als um die Zerstörung der bestehenden staatlichen Ordnung. Eine Behauptung, auf
100 Semelin, S. 62.
101 Nachzulesen unter: (http://www.courrierinternational.com/numeros/647/064704901.asp?TYPE=archives)
102 Nettelbeck, S. 270f.
103 vgl. Köhler, S. 70.
104 Köhler, S. 70.
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die einzugehen mir im Rahmen dieser Arbeit unmöglich ist, die aber deutlich machen soll, wie ambivalent die Résistance bisweilen beurteilt werden kann.
Joffrin/Raffy weisen in ihrem Aufsatz Les mystères qui restent 105 darauf hin, dass auch die Haltung der Résistance zum sich verschärfenden Antisemitismus durchaus ambivalent zu bewerten ist. Keine Widerstandsgruppe, weder aus der Résistance intérieure noch der von London aus agierende de Gaulle, haben die lois discriminatoires verurteilt, die Vichy im Oktober 1940 erlassen hat, übrigens nicht auf Geheiß Hitlers, sondern aus eigenen Motiven. 106 Selbst als der Antisemitismus in Frankreich ab 1942 immer schärfere Konturen annahm und sich weite Teile der Zivilbevölkerung zunehmend darüber empörten, hielt sich der organisierte Widerstand weiter auf Distanz zu diesem Thema. Insbesondere de Gaulle legte laut Joffrin/Raffy stets Wert darauf, dass seine Bewegung in erster Linie um die Befreiung Frankreichs kämpfe und nicht um die Verteidigung der Grundrechte französischer Juden.
Noch viel deutlicher wird die Ambivalenz, wenn wir die Ereignisse in die Betrachtung einbeziehen, die vor, während und unmittelbar nach der Befreiung erfolgten. Die verbitterten Kämpfe zwischen Vichy-Miliz und Résistance hatten das Land an den Rande eines Bürgerkrieges getrieben 107 , gewaltsame „Säuberungsaktionen“ kosteten Tausenden Menschen das Leben und versetzten die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken. Verübt und ausgeführt u.a. von Mitgliedern der Résistance, weshalb ich strikt gegen eine Trennung beider Phänomene bin. Für mich ist die épuration ein bedauernswerter Fortsatz der Résistance, und somit ein untrennbarer Bestandteil, den es ebenso zu beleuchten gilt wie die „strahlenden Seiten“ des Widerstands. Die meisten Nachkriegsdarstellungen verherrlichten dagegen die Aktionen der Résistance, eine differenziertere Auseinandersetzung blieb meist aus. Und selbst Baruch führt noch 1996 in seinem Kapitel Auf dem Weg zum Bürgerkrieg 108 alle verübten Schandtaten auffallend einseitig auf die Anhänger Vichys und die Deutschen zurück, während die Résistance darin grundsätzlich „sauber“ bleibt.
Eine vereinfachte Sicht der Dinge, so scheint mir. Lässt sich die hohe Gewaltbereitschaft vieler Widerstandsgruppen während der Kampfhandlungen der Jahre 1943/44 auf Grund der bürgerkriegsähnlichen Zustände im Land sowie der radikalisierten, verhärteten Fronten vielleicht noch entschuldigend in Kauf nehmen (und selbst darüber lässt sich streiten), so muss die Brutalität und Rücksichtslosigkeit, mit der manche Gruppen im Sommer 1944 aus
105 Joffrin, Laurent u. Raffy, Serge: Les mystères qui restent; in: Le Nouvel Observateur, Nr. 1558 vom
15.September 1994, S. 30-33.
106 vgl. Köhler, S. 54f., Nettelbeck S. 274.
107 Baruch, S. 167.
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Rachemotiven heraus zurückschlugen, in aller Klarheit und Schärfe verurteilt werden. Ein Teil der an der Résistance beteiligten Kräfte nutzte das politische Machtvakuum hemmungslos aus zur Abrechnung mit innenpolitischen Feinden. Vor allem im Süden des Landes, also in den Gebieten, die nicht von den alliierten Truppen, sondern von den Forces franςaises de l’interieur (FFI) befreit worden waren, entlud sich das vorhandene Gewaltpotential auf besonders blutige Art und Weise. „Zu den Opfern gehörten nicht nur Vichy-Beamte und Angehörige der Vichy-Miliz, sondern auch Industrielle, Geistliche und ehemalige sozialistische oder bürgerliche Parteifunktionäre“, erinnert Martens. 109 Zählungen zufolge wurden im Rahmen der „spontanen Säuberungsaktionen“ etwa 10000 Menschen 110 ohne jede rechtliche Grundlage 111 ermordet. Auch diese dunkle Kehrseite der Medaille gehört zur Geschichte der Résistance. Leider wurde und wird sie in der kollektiven Erinnerung an den Widerstand gerne ausgeblendet.
4.) Noch ein Unbekannter Soldat? Mittel und Medien der Mythifizierung
In diesem Teil der Arbeit werde ich kurz und ohne Anspruch auf Vollständigkeit einige Mittel und Medien vorstellen, die meiner Meinung nach zur Mythifizierung des Themas beigetragen haben. Es handelt sich dabei um einige wenige exemplarische Fälle, an Hand derer deutlich werden soll, wie sehr das Thema Résistance in Frankreich mitunter überhöht wurde. Insbesondere in den zehn Jahren von 1958 bis 1968, als de Gaulle zum zweiten Mal an der Spitze des französischen Staates stand, lässt sich ein regelrechter Résistance-Kult beobachten. Maurice Agulhon sieht das u.a. auch in der Person de Gaulles begründet: „Comme Charles de Gaulle aime la patrie, il aime les monuments, les fêtes et les espaces qui évoquent les grands moments de son Histoire, notamment à Paris.“ 112
In der französischen Hauptstadt muss man tatsächlich nicht lange suchen, um auf Denkmäler oder Gedenktafeln zu treffen, die an die Résistance erinnern. Zahlreiche Straßen, Plätze und öffentliche Einrichtungen (z.B. Schulen) sind hier, wie im ganzen Land, nach berühmt gewordenen Widerstandskämpfern benannt. Der für Gaullisten vielleicht beeindruckendste und wichtigste Ort der Erinnerung ist die Gedenkstätte auf dem Mont Valérien bei Paris. Hier sind 1944 im Beisein von de Gaulle in einer feierlichen Zeremonie sechs Compagnons de la Libération begraben worden. Seither wird dort jährlich am 18. Juni, dem Jahrestag des
108 Baruch, S. 166-168.
109 Martens, S. 407.
110 Estèbe, S. 73.
111 vgl. Schmale, S. 363.
112 Agulhon, Maurice: De Gaulle - Histoire, symbole, mythe. Plon 2000, S. 127.
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Résistance-Aufrufs de Gaulles via BBC London, in einer groß angelegten Feier stellvertretend allen Opfern der Résistance gedacht. In der Regel erscheint der französische Staatspräsident, um einen Kranz am Heldengrab abzulegen. 113
Gleiches gilt für die Gedenkstätte von Georges Mandel, einem im Befreiungskampf 1944 von paramilitärischen Vichy-Soldaten getöteten Widerstandsführer. „Hier ruht Georges Mandel, ermordet vom französischen Feind am 7. Juli 1944“, steht dort am Mahnmal geschrieben. Darin zeigt sich einmal mehr die gaullistische Geschichtsverdrehung: Der französische Feind hat weder Namen noch Gesicht; im Fall Mandel waren es Franzosen, die ihn getötet haben. 114 Weitere wichtige Gedenkstätten der Résistance befinden sich in Le Vercors 115 sowie auf dem Plateau des Glières, wo etwa 500 Widerstandskämpfer im Februar 1944 zunächst einem Angriff der Vichy-Miliz getrotzt hatten, einen Monat später jedoch einem 5000 Mann starken Kommando der Waffen SS zum Opfer fielen. 116 Unweit von Lyon steht ferner eine große Jean-Moulin-Gedenkstätte, die laut Inschrift dem „Organisateur de la Résistance - Hero et Matyr - Jean Moulin“ gewidmet ist. De Gaulle soll hier 1953, anläßlich des zehnten Todestages Moulins, einen Ehrenkranz niedergelegt haben. 117
Um die Figur Jean Moulins herum baute sich in jenen Jahren ohnehin ein bemerkenswerter Personen-Kult auf. Höhepunkt war unbestritten die feierliche Überführung seiner sterblichen Überreste ins Pariser Panthéon am 19. Dezember 1964. Die Art und Weise der pompösen Inszenierung einerseits sowie allein die Tatsache, dass der Widerstandskämpfer Jean Moulin überhaupt Einzug erhalten hat in diesen „Tempel des Vaterlandes“ 118 und dort Seite an Seite begraben liegt mit republikanischen Helden wie Voltaire, Rousseau und Mirabeau, lässt darauf schließen, wie wichtig es dem gaullistischen Nachkriegsfrankreich war, zwischen den Helden der Französischen Revolution und den Helden der Résistance 119 eine Verbindung herzustellen. Noch heute legen viele Franzosen Blumen am Sarg Jean Moulins nieder, ebenso wie an der Grabstätte Charles de Gaulles in Colombey-les-Deux-Eglises, die laut Agulhon in auffallender simplicité gehalten sei. 120
113 Nachzulesen im Internet: (www.mont-valerien.fr)
114 Baruch, Marc Olivier: Le régime de Vichy. Paris 1996, S. 93.
115 Dort starben im Juli 1944 mehrere Tausend Widerstandskämpfer bei einem Vergeltungsschlag der Waffen SS.
116 Nachzulesen unter: (http://partisans.ifrance.com/partisans).
117 Nachzulesen unter: (www.charles-de-gaulle.org)
118 Das Pantheon ist eine mächtige Ehrenhalle am linken Seine-Ufer in Paris, die seit der Frz. Revolution 1789
als eine „Grabstätte für berühmte Männer“ fungiert; laut Bestimmung der Nationalversammlung werden in
diesem „Tempel des Vaterlandes“ nur Franzosen beigesetzt, die sich um ihr Volk besonder verdient gemacht
haben. Derzeit ruhen dort 57 Männer und Frauen; nachzulesen bei: Lesourd, Paul: Das Pantheon. Paris 1965.
119 Neben Jean Moulin liegt auch Felix Eboué im Pantheon begraben, der sich bereits im Juli 1940 als
Gouverneur Kameruns als erster Kolonialmachtinhaber überhaupt dem Exilwiderstands de Gaulles anschloss.
120 Agulhon, S. 7f.
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Neben dem 18. Juni (Jahrestag des Résistance-Aufrufs de Gaulles, 1940) und dem 6. Juni (Landung der Alliierten in der Normandie, 1944) wird in Frankreich der Résistance auch am 8. Mai in besonderer Weise gedacht, dem Tag der deutschen Kapitulation im Jahr 1945, der in Frankreich Jour de la Libération heißt und nationaler Feiertag ist. Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene erinnern an diesem Tag an die Opfer Vichys, an die Opfer der Deportationen und der Résistance. Im Mittelpunkt des öffentlichen Gedenkens steht die Résistance am 11. November jeden Jahres. Insbesondere in den Schulen und Universitäten wird dann der Demonstrationen vom 11. November 1940 gedacht, als sich einige Hundert Pariser Studenten als Reaktion auf die Festnahme des Physik-Professors Paul Langevin am Triumphbogen versammelt hatten. Die Kundgebung jedoch als „une des premières réactions de masse“ 121 zu bezeichnen, geht meinem Kenntnisstand zufolge zu weit.
Zwei weitere wichtige Medien, die zur Mythifizierung der Résistance beigetragen haben, sind das Buch und der Film. Nach 1944/45 erfreute sich in Frankreich zunächst vor allem die so genannte Littérature clandestine aus der Zeit des Widerstands großer Beliebtheit, u.a. Les Amants d’Avignon (Laurent Daniel), La Marque de l’homme (Claude Morgan), Le Temps mort (Claude Aveline). In den 1950er/1960er Jahren erschienen dann eine ganze Reihe von Spielfilmen zum Thema Résistance (u.a. La Rose et la Réséda, Le Silence de la Mer, Un condamné à mort s’est echappé, L’armée des Ombres, Nous, La bataille du rail), die im Großen und Ganzen sehr oberflächlich und einseitig bleiben. „Auch wenn man nicht wissenschaftlich exakt bestimmen kann, inwieweit die frühen Romane und Filme wirklich zum kollektiven Erinnern beitrugen, fördern sie das Verständnis erheblich“, meint Nettelbeck und erläutert: „Als Politik, Justiz und Bildungswesen die Probleme klären wollten, indem sie unangenehme Wahrheiten übertünchten, begannen Romanciers und Filmemacher, zahllose Geschichten zu erzählen, die heute noch zeigen, was [damals] kollektiv erinnert wurde.“ 122
121 Nachzulesen unter: (http://partisans.ifrance.com/partisans).
122 Nettelbeck, S. 269.
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5.) Die gesellschaftliche und politische Funktion des Résistance-Mythos
Etienne Franςois und Hagen Schulze teilen in ihrem Aufsatz Das emotionale Fundament der Nationen 123 die Ansicht des frz. Religionswissenschaftlers Ernest Renan (1823-1892) 124 , dass Nationen „geistige Wesen“ seien, „Gemeinschaften, die existieren, solange sie in den Köpfen und Herzen der Menschen sind und die erlöschen, wenn sie nicht mehr gedacht und gewollt werden.“ 125 Demzufolge seien Nationen stets darum bemüht, ihre Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit hervorzuheben. Dem politischen Gaullisme ein solches Bemühen zu attestieren, dürfte nicht schwer fallen. Ein wichtiges Mittel im Rahmen der Hervorhebung der Einzigartigkeit, also der Grandeur einer Nation sind historische Mythen: Der Rückbezug auf große Ereignisse der nationalen Geschichte bzw. die Beschwörung großer Augenblicke der Vergangenheit. Franςois/Schulze stellen unmissverständlich klar, dass es den Erzählern solcher Mythen i.d.R. nicht um eine objektive Darstellung der Vergangenheit geht, sondern um eine „Nutzbarmachung kollektiver Erinnerungen“. Geschichte wird „in den Dienst der Gegenwart und der Zukunft der Nation gestellt“. Dieselbe soll sich in diesen Mythen wiedererkennen, sich nach innen vereinigen und nach außen von anderen Nationen abgrenzen. Da stört es nicht, wenn Mythen „in aller Regel von begrenzter Realität“ sind und eine „mehr erträumte als wirkliche Vergangenheit“ wiedergeben. 126 Um eine „erträumte Vergangenheit“ handelt es sich auch bei den gaullistischen Résistance-Darstellungen und im Folgenden wird beschrieben, wie diese Vergangenheit im Falle Frankreichs „in den Dienst der Gegenwart und der Zukunft der Nation“ gestellt wurde.
5.1. Neugründung einer zusammengebrochenen Nation: Frankreich auf der Suche nach sozialer Stabilität und „psychischer Heilung“
Trotz der vergleichsweise kurzen Dauer der militärischen Kampfhandlungen hatte der Krieg Frankreich schwer getroffen. 127 Die Wirtschaft war völlig zusammengebrochen und die Gesellschaft stark angeschlagen: Zerrüttet durch die vielfältigen Eindrücke der années noires, traumatisiert durch die Gewaltwelle, die libération und épuration ins Land gespült hatten, sollte sie ganz nebenbei auch noch den politischen Verfall der Grande Nation verkraften.
123 Francois, Etienne u. Schulze, Hagen: Das emotionale Fundament der Nationen, in: Flacke, Monika (Hg.):
Mythen der Nationen: Ein europäisches Panorama. München/Berlin 1998, S. 17-32.
124 Renan, Ernest: Was ist eine Nation?, in: Jeismann, Michael u. Ritter, Henning (Hg.): Grenzfälle. Über alten
und neuen Nationalismus. Leipzig 1993, S. 290-311, S. 308f.
125 Francois/Schulze, S. 17f.
126 Francois/Schulze, S. 18f.
127 Menyesch, Dieter: Die Entwicklung Frankreichs seit 1945, in: Informationen zur politischen Bildung, Nr. 186
(Frankreich), Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn/München 1994, S. 4f.
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„Die geographischen Spaltungen wurden durch soziale, politische und ethnische vertieft“, berichtet Nettelbeck. „Welchen Maßstab man auch anlegt, immer ergibt sich ein Bild des Verfalls. Frankreich, das sich für eine Großmacht in jedem Sinne des Wortes gehalten hatte [...], zerfiel, weitgehend ohne es zu merken.“ 128
Politisch brauchte das Land in dieser Situation eine „väterliche Identifikationsfigur“, die nach Ansicht Estèbes nur de Gaulle sein konnte. „Der Führer des Freien Frankreichs nahm in den Herzen der Bevölkerung den Platz ein, den Pétain innegehabt hatte.“ 129 Sein Verdienst war es, dass sich Frankreich an den letzten Operationen gegen Deutschland beteiligte und somit im Rahmen der Internationalen Konferenz von Yalta als Siegermacht anerkannt wurde. Der verloren geglaubte Status einer Großmacht blieb - zumindest auf dem Papier - erhalten.
Psychische Heilung für die angeschlagene Grande Nation?
Emotional reichte der somit errungene Siegermacht-Status jedoch bei weitem nicht aus, dem gedemütigten französischen Volk sein Selbstwertgefühl zurück zu verleihen. Und genau deshalb machten die Gaullisten die Erfahrungen der Résistance zum Mythos. Sie feierten die Résistance, sie feierten ihren „Erlöser“ de Gaulle und vor allem feierten sich die Franzosen selbst, ihre moralische Mittelmäßigkeit weitgehend ausblendend. Die Erinnerung an den ehrenhaften Widerstandskampf bestimmte mehr und mehr das Denken und Handeln aller Franzosen; die mémoire gaulliste wurde zunehmend zur mémoire officielle sowie zum nationalen Motor für Erneuerung und Wiederaufbau - auch in emotionaler Hinsicht: „Der Mythos förderte die psychische Heilung der angeschlagenen französischen Seele und entschädigte die Bevölkerung dafür, dass Frankreichs internationaler Einfluss schwand.“ 130
Die Kernbotschaft des Mythos bestand darin, dass die Grande Nation - personifiziert durch ihren wahren und einzigen Vertreter Charles de Gaulle - im Kampf gegen den Faschismus Größe bewiesen habe. De Gaulle lud das Volk dazu ein, mögliche „Fehler“ auszublenden und statt dessen die Größe der Widerstandskämpfer zu rühmen. Die Franzosen nahmen de Gaulles Einladung an und teilten fortan dessen Idée de la France, die Agulhon wie folgt umschreibt:
„Pour de Gaulle, la France, c’est un État et un peuple. Leur combinaison forme la Nation. Sa vision de l’Histoire [...] repose sur la dialectique d’un peuple enfant et d’un État paternel. Les Franςais font les fautes et le génie de la patrie les répare.“ 131
128 Nettelbeck, S. 273.
129 Estèbe, S. 73.
130 Nettelbeck, S. 271.
131 Agulhon, S. 97.
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Ein neues Wir-Gefühl? Die Résistance und die zurückeroberte Unabhängigkeit
Die vielleicht noch größere Herausforderung bestand darin, eine zutiefst zerrüttete, ideologisch gespaltene Gesellschaft wieder zu einer „nationalen Einheit“ zu machen. Der sich breit machende Mythos von der Résistance franςaise kam da gerade recht. Ja ich gehe sogar so weit zu sagen: Was die Résistance als solche nicht geschafft hat (vgl. Abschnitt 3.2.), nämlich die Verbrüderung gesellschaftlicher Gruppen unterschiedlicher Interessen, gelang in den darauf folgenden Jahren dem gaullistischen Mythos von der Résistance.
Colin Nettelbeck attestiert dem résistancialisme gaullien, stabilisierend auf die Gesellschaft gewirkt zu haben, indem er bestehende Konflikte kaschierte, wenn auch nicht löste 132 . Maurice Agulhon kommt in seinen Überlegungen De Gaulle - Histoire, symbole, mythe zu dem Schluss, dass der vermeintliche Chef de la Résistance die französische Nachkriegsnation ähnlich universell repräsentierte und personifizierte wie es Jeanne d’Arc im Mittelalter oder Napoléon im 19. Jahrhundert getan haben. 133 Das Erstaunliche daran sei, dass ausgerechnet im gaullistischen Résistance-Mythos ein Konsens zu erreichen war, wo doch de Gaulle politisch eindeutig dem rechten Lager zugeordnet werden kann. Für Frankreichs Linke habe es jedoch kein Problem dargestellt, diesen Mythos nach und nach zu assimilieren.
Für Pieter Lagrou 134 ist es nicht weniger erstaunlich, wie sehr die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Frankreich bisweilen funktionalisiert wurde, vor allem im „gaullistischen Jahrzehnt“ 1958-1968. Weil die Einheit der Nation in diesen Jahren stets oberstes Ziel aller Politik war, stünde auch die Erinnerung ganz im Dienste der Nation: Individuelle Résistance- Erfahrungenwurden ebenso wie das ganz persönliche Leid einzelner Opfer zur „nationalen Erfahrung“ propagiert („pars pro toto“). 135 Im Laufe der Jahre sei eine künstlich erzeugte „nationale Gemeinschaft und Einheit des Leidens und des Heldentums“ entstanden. 136 Allerdings wurden nach Ansicht Lagrous innerhalb dieser Gemeinschaft bestimmte Opfergruppen (Juden, Zwangsarbeiter) bewusst marginalisiert, während „politische Märtyrer“, also die vielen verhafteten, deportierten oder ermordeten Mitglieder der Résistance, im Mittelpunkt des Erinnerns standen. Die Gaullisten schlossen „zufällige“ Opfer
132 Nettelbeck, S. 271.
133 Agulhorn, S. 159ff.
134 Lagrou, Pieter: Zur Geschichte der Erinnerung in Frankreich, in: Knigge, Volkhard u. Frei, Norbert (Hg.):
Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München 2002, S. 163-175.
135 Lagrou, S. 164.
136 Lagrou, S. 173.
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aus dem nationalen Gedenken weitgehend aus, während den „Helden des Widerstands“ auf Grund ihrer vorbildlich patriotischen Haltung „nationale Ehre und Anerkennung“ gebührte.
Insgesamt betrachtet stimmen Lagrou, Agulhon und Nettelbeck jedoch darüber ein, dass die den französischen Widerstandskampf überhöhenden gaullistischen Mythen dazu beigetragen haben, dass im Frankreich der 1950/60er Jahre die erhoffte partei- und klassenübergreifende Identifikation mit dem gaullistischen Staat zunemend statt fand. Dies bestätigen beispielsweise auch die Aussagen von Zeitzeuge Jean-Pierre Vernant: 137
„Quand je rencontre quelqu’un que je ne connais pas et dont je sais qu’il a été un résistant actif, même si c’est un adversaire politique, j’éprouve un sentiment d’appartenance: Il est des nôtres. [...] Le fait d’avoir pris ensemble, avec passion, des risques très grands m’a conduit à ne plus les voir [les adversaires politiques; Anm. d. Verf.] de la même facon. [...] L’amitié, c’est aussi cela: s’accorder avec quelqu’un qui est différent de soi pour construire quelque chose de commun.“
5.2. Ein kollektiver Gedächtnisverlust zu Gunsten des Intérêt national 138 ?
De Gaulle hatte früh erkannt, dass die Erinnerung an Vichy störend war für seine „Politik des Nationalen Interesses“. Wie sollte eine Nation, die Grandeur auch im moralischen Sinne für sich in Anspruch nahm, bekennen, dass sich ein Teil ihrer Söhne am schlimmsten Genozid der Geschichte beteiligt hatte und Hitlers Schergen auch sonst in hohem Maße zugearbeitet worden war? Weil dies so unglaublich unvereinbar war, suchten die Gaullisten nach geeigneten Mitteln und Wegen, die französische Kollektivvorstellung vom Zweiten Weltkrieg dahingehend zu beeinflussen, dass sich die Erinnerung an die années noires entweder ganz ausnahm - oder aber Frankreich in einem besonders positiven Licht dastehen ließ.
Beide Strategien fielen auf fruchtbaren Boden. „Die Franzosen akzeptierten nur zu gerne das schmeichelhafte Spiegelbild, das der Führer des befreiten Frankreichs ihnen vorhielt“ 139 , meint Estèbe. Und Köhler ergänzt, dass die Sehnsucht nach Stabilität, Ruhe und einer Phase der gesellschaftlichen Harmonie so groß war, dass es nicht weiter erstaunlich sei, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung dem kollektiven Gedächtnisverlust anschloss: „Den Wunsch vieler Franzosen, diese Zeit einfach zu vergessen, bringt treffend die Formulierung André Mornets
137 Vernant, Jean-Pierre: Entre mythe et politique. Paris 1996; in Auszügen nachzulesen unter (Internet):
(http://www.ac-rouen.fr/pedagogie/equipes/lettres/annales/a34.html)
138 Bezeichnung für die von General de Gaulle verfolgte „Politik des Nationalen Interesses“: Der Staat ist der
Nation untergeordnet und strebt danach, sie zu „überhöhen und in die Kontinuität der Geschichte einzuordnen“.
Nachzulesen in: Herder, Politik-Lexikon, Bay. Landeszentrale für politische Bildung. Freiburg 1995, S. 86.
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zum Ausdruck, der in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahre 1949 die Okkupationszeit als Quatre années à rayer de notre histoire bezeichnet.“ 140
Nur: Wie war das denn überhaupt möglich? Ohne die Haltung der französischen Bevölkerung bewerten zu wollen, stellt sich mir die Frage, wie sich die Ereignisse der Jahre 1940 bis 1944 denn so einfach verdrängen ließen. Ist es wirklich vorstellbar, dass sich aus der Erinnerung an jene Zeit die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen, die sich in Frankreich während der années noires zugetragen haben, kollektiv ausnahmen? Der Fall des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Franςois Mitterand ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Im Spätsommer 1994, in den letzten Tagen seiner Amtszeit, in Folge einer Biographie-Veröffentlichung 141 in die Kritik geraten auf Grund seiner nebulösen Vichy-Vergangenheit, verteidigte sich der durch Krankheit schwer gezeichnete Präsident mit dem Hinweis, er habe vom Ausmaß der Verbrechen an französischen Juden damals nichts gewusst. „Mitterand spricht für die Menschen seiner Generation“, urteilt der französische Historiker Eric Conan. „Er schlüpft in die Haut eines Durchschnittsfranzosen, der nichts wusste. Nur: Er selbst war kein Durchschnittsfranzose, sondern er war in Vichys Gängen der Macht zu Hause und musste wissen, was dort passierte.“ 142
139 Estèbe, S. 75.
140 Köhler, S. 51.
141 Pean, Pierre: Une jeunesse franςaise. Paris 1994.
142 Joffrin, Laurent u. Raffy, Serge: Les mystères qui restent, in: Le Nouvel Observateur, Nr. 1558 v.
15.September 1994, S. 30-33.
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6.) Entwicklungslinien in der Erinnerung an die années noires
Ich habe bereits mehrfach erwähnt, dass sich die gaullistischen Mythen etwas mehr als zwei Jahrzehnte hindurch gehalten haben. Köhler wählt die studentischen Unruhen im Mai 1968 als Einschnitt 143 , Estèbe den Film Le chagrin et la pitié aus dem Jahr 1971. 144 Doch ganz egal, wann genau wir die Kehrtwende in der Darstellung des Zweiten Weltkriegs in Frankreich letztendlich auch ansetzen, sie fällt stets eng zusammen mit dem Ende der Ära de Gaulle. Deshalb teile ich die Einschätzung Nettelbecks, der schreibt:
„Wenn ich hier 1968 als Einschnitt wähle, so nicht wegen der Mini-Revolution jenes Jahres, sondern weil dieses Jahr eine historische Wende brachte - die sich nur teilweise in der Agitation von Studenten und Arbeitern äußerte. 1968 endete das Jahrzehnt der Herrschaft Charles de Gaulles und mit ihm der gaullistische Mythos nicht weil de Gaulle diesen Mythos als einziger verbreitet hätte, sondern weil er der wortreichste, beharrlichste und politisch mächtigste Exponent dieses Mythos war.“ 145
6.1. Der résistancialisme gaullien und die verdrängte Wirklichkeit
In Anlehnung an Henry Rousso 146 nenne ich die Zeit von der libération bis zum Rücktritt de Gaulles 1968 eine Phase der Verdrängung („refoulement“) und der unvollendeten Trauerarbeit („Le deuil inachevé“). 147 Der Mythos vom in der Résistance vereinten Frankreich, das sich schließlich selbst vom Joch der Unterdrückung befreite, bestimmte etwa 25 Jahre lang die öffentliche Wahrnehmung, wenngleich Köhler differenzierend bemerkt:
„Auch wenn sich die Grundelemente der de Gaulleschen Geschichtsinterpretation bereits kurz nach der Libération herauskristallisieren, ist sie zu diesem Zeitpunkt [...] noch weit davon entfernt, jene interpretative Übermacht zu besitzen, wie sie ihr in den 50er und 60er Jahren zuteil wird. 148 [....] Sein ganzes Wirkungspotential entfaltet der résistancialisme gaullien erst nach der Rückkehr de Gaulles an die Macht 1958.“ 149
Nun ist über Wesen, Vermittlung und Funktion des so genannten résistancialisme gaullien bereits viel gesagt worden. Stellt sich nach wie vor die Frage, wie diese Form der Geschichtsauslegung zur „interpretativen Übermacht“ im Frankreich der 1950er/60er Jahre werden konnte. Estèbe weist darauf hin, dass das schöne Bild eines vollkommen im
143 Köhler, S. 76f.
144 Estèbe, S. 75.
145 Nettelbeck, S. 268.
146 Rousso, Henry: Le syndrome de Vichy. o.O.o.J.
147 vgl. Köhler, S. 65.
148 Köhler, S. 68.
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Widerstand engagierten Frankreichs für die Bevölkerung natürlich insofern bequem war, als man sich dadurch unbequeme Fragen über die (eigene?) Vergangenheit ersparte. „Dieses Unbehagen hat die öffentliche Meinung lange daran gehindert, die Zeit der Kollaboration klar zu akzeptieren“, mutmaßt Estèbe 150 , wobei seine Kritik auch eindeutig die Historikerzunft einschließt: „Dabei lässt sich zwischen öffentlicher Meinung, die in dem Ruf steht, irrational zu sein, und den Arbeiten der Historiker keine klare Trennungslinie ziehen.“
Anja Köhler nennt einen weiteren wichtigen Grund, weshalb sich in Frankreich lange Zeit keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema ergibt, die kollektive Erinnerung dagegen von Mythen geprägt wird: „Die Aufarbeitung des Vichy-Regimes steht nach der Libération völlig unter dem Eindruck der Ereignisse und somit im Zeichen der Fortsetzung der guerre franco-franςaise.“ Die Wissenschaft habe sich im après-guerre davor gedrückt, sich in diesen schwelenden Konflikt einzumischen: „In den fünfziger und sechziger Jahren findet Vichy kaum wissenschaftliche Beachtung.“ 151
In den wenigen Arbeiten dieser Zeit setzt sich neben der so genannten Verschwörungstheorie, wonach die Umstände des Regime-Wechsels und des Waffenstillstandes 1940 durch eine feige Verschwörung rechtsextremer Kräfte zu Stande gekommen sein sollen, vor allem die unter dem Schlagwort double-jeu bekannt gewordene These von Aron/Elgey 152 durch. Demnach habe sich Vichy nur vordergründig auf eine Kollaboration mit Deutschland eingelassen, gleichzeitig aber Geheimverhandlungen mit den Alliierten geführt. 153
6.2. Kehrtwende: Die Darstellung der Résistance ab 1968/70
Das vom résistancialisme gaullien entworfene Bild beherrschte rund 25 Jahre die öffentliche Meinung, die Medien und die meisten Veröffentlichungen in Frankreich. Dann kam es zu einem abrupten Umschwung, als eine im Geiste der 68er Bewegung revoltierende Generation, die Vichy nicht selbst erlebt hatte, nach Aufklärung verlangte. Eine Generation, die nicht mehr vergessen, verdrängen, verklären wollte, sondern endlich begreifen und verstehen. 154
Ein Zeichen dieses Wandels war der Film Le chagrin et la pitié von Marcel Ophuls (1971), der insbesondere das abwartende Verhalten der Durchschnittsfranzosen jener Zeit anklagt. „Ophuls‘ Film richtet sich nicht gegen die Résistance“, urteilt Köhler, „er wendet sich jedoch
149 Köhler, S. 76.
150 Estèbe, S. 74.
151 Köhler, S. 57.
152 Aron, Robert u. Elgey, Georgette: Histoire de Vichy 1940-1944. Paris 1954.
153 Vgl. Köhler, S. 57f.
154 Estèbe, S. 75.
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eindeutig gegen den Mythos des résistancialisme gaullien.“ 155 Der Film mit einer Länge von fast fünf Stunden deckt schonungslos die Diskrepanz auf zwischen persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen und der historischen Realität. Ophuls macht deutlich, wie sehr die Franzosen ihre eigene Erinnerung verdrängt hatten zu Gunsten der gaullistischen Geschichtsversion.
Auf wissenschaftlicher Seite gelang dem Amerikaner Robert Paxton 1972 die entscheidende Wende. 156 Sein 1973 in der französischen Version erschienenes La France de Vichy legt u.a. schonungslos die französischen Initiativen bei der Judenverfolgung offen, so dass die Kollaborateure in einem ganz anderen Licht erscheinen. Deutlich widerspricht Paxton der These vom double-jeu: „Il n’y a eu ni double jeu, ni passivité d’un Vichy attentiste, il y a eu une constante et illusoire politique de collaboration.“ 157 Die Reaktionen auf das Buch waren laut Köhler vielseitig, „von Empörung bis hin zu verhaltenem Applaus“. Unbestritten habe Paxtons Werk eine Wende im Bereich der historischen Forschung eingeleitet, wenngleich der wirkliche „Durchbruch“ noch auf sich warten ließ. In den 1970er Jahren wurden beim Thema Vichy nämlich längst nicht alle Tabus gebrochen, erst der Regierungswechsel 1981 zu Gunsten der Sozialisten habe dem Prozess der Aufarbeitung zusätzliche Dynamik verliehen: „Seit Mitte der 80er Jahre nimmt die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Vichy-Regime stetig zu“, wobei die veränderte Sichtweise dazu geführt habe, dass „zuvor vernachlässigte Aspekte stärker untersucht werden.“ 158 Köhler denkt dabei in erster Linie an die zunehmende Thematisierung der antisemitischen politique d’exclusion sowie an die Diskussionen darüber, ob das Regime als faschistisch bezeichnet werden könne oder nicht.
Die Résistance wird von dieser Dynamik dagegen kaum erfasst, hat Köhler festgestellt: „Während das Vichy-Regime heute zu den am besten erforschten Gebieten der französischen Geschichte gehört, kann man dies von der Résistance, trotz ihres außerordentlichen Einflusses auf das französische Geschichtsbild, erstaunlicherweise nicht behaupten.“ 159 Über die Résistance werde wenig Wissenschaftliches geschrieben, dafür umso mehr Triviales. Semelin 160 rät deshalb zu besonderer Vorsicht, wenn es um Veröffentlichungen zur Résistance geht, deren Intention ganz offensichtlich weniger die Aufklärung als die Verklärung sei: „Souvent il s’agit en premier lieu de cultiver le culte de l’homme providentiel, magnifier les faits d’armes et de sacraliser les victimes.“ Azéma/Bédarida 161 teilen die Sorgen Semelins
155 Köhler, S. 77f.
156 Paxton, Robert: Vichy France - Old Guard and New Order. o.O. 1972.
157 Vgl. Köhler, S. 59.
158 Köhler, S. 59f.
159 Köhler, S. 63.
160 Semelin, J.: Qu’est-ce que résister?, in: Esprit (revue), ed. 1/1994, S. 62.
161 Azéma, Jean-Pierre u. Bédarida, Franςois: L’historisation de la Résistance, in: Esprit (revue), ed. 1/94, S. 19.
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und äußern sich ähnlich konsterniert über die fortschreitende „Verwässerung“ des Themas Résistance: „La production historique concernant la Résistance a longtemps été une hybridation entre la science et le mythe, et dans certains aspects elle l’est toujours.“
Conan/Lindenberg 162 vermuten die Ursache dafür in der Vielfalt der innerhalb der Résistance vorhandenen ideologischen Strömungen. Dies habe dazu beigetragen, dass sich bis heute kein einheitliches Bild vom Widerstand zeichnen lässt und jedes „Lager“ nach wie vor seine individuelle Sichtweise durchzusetzen versucht. Anders ausgedrückt: Die eine Histoire de la Résistance gibt es nicht, dafür existieren umso mehr Histoires über die Résistance. 163
Während sich mir diese Argumentation nicht unbedingt erschließen mag, messe ich der Analyse von Azéma/Bédarida 164 ungleich höheren Wert bei. Den wichtigsten Grund, weshalb sich französische Historiker offenbar nicht stärker an das Thema heran trauen und die Résistance in der Forschung noch immer ein Schattendasein fristet, sehen die beiden darin, dass der französische Widerstand auch nach mehr als 50 Jahren kein bloßes historisches Faktum sei, sondern nach wie vor eine bedeutsame Funktion für das nationale Selbstverständnis Frankreichs einnehme. 165 Unterstützt wird diese Einschätzung beispielsweise durch ein Zitat Lucie Aubracs, der berühmten Mitbegründerin von Libération-Sud: „La Résistance reste, un demi-siècle après la victoire sur les envahisseurs nazis, l’exemple de l’engagement volontaire de Franςais et d’étrangers accueillis dans le pays des Droits de l’Homme, pour retrouver les valeurs de la démocratie et la dignité du citoyen.“ 166 Dieses Zitat macht meines Erachtens deutlich, wie wichtig der Rekurs auf die Résistance für das nationale Selbstverständnis im „pays des Droits de l’Homme“ auch heute noch ist.
Ganz egal, wo die hemmenden Ursachen liegen - bis zur endgültigen Dekonstruktion der von 1944 bis 1968 beständig aufgebauten gaullistischen Mythen ist es noch ein weiter Weg. „Noch ist das Unternehmen nicht abgeschlossen“, glaubt Estèbe 167 , und Nettelbeck gibt zu bedenken: „Selbst wenn es im heutigen Frankreich endlich Texte gibt, in denen die Ereignisse der Jahre 1939 bis 1944 zutreffend dargestellt werden, dürfte es noch einige Zeit dauern, bevor sich diese Geschichte auf breiter Basis als Wahrheit durchsetzt.“ 168
162 Conan, Eric u. Lindenberg, D.: Pourquoi y a-t-il une affaire Moulin?, in: Esprit (revue), ed. 1/94, S. 5-18.
163 vgl. Köhler, S. 63-65.
164 Azéma, Jean-Pierre u. Bédarida, Franςois: L’historisation de la Résistance, in: Esprit (revue), ed. 1/94, S. 19.
165 vgl. Köhler, S. 63.
166 Nachzulesen im Internet unter: (www.musee-de-la-resistance.com)
167 Estèbe, S. 76.
168 Nettelbeck, S. 267.
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Fazit: Vom résistancialisme gaullien zu einer Neubewertung der Résistance
Der résistancialisme gaullien war für das Frankreich der Nachkriegszeit nicht irgendein historischer Mythos - er war der Gründungsmythos schlechthin. Die Résistance vererbte der Vierten Republik Institutionen und Personen 169 , übergab ihr Werte und Normen und verlieh ihr politische und gesellschaftliche Legitimität. Die französische Nachkriegsnation verstand sich in gewisser Weise als institutionalisierte Fortführung der Résistance, wobei ganz bewusst niemand ausgegrenzt werden sollte. Jeder Franzose war eingeladen, sich mit der gemeinsam errungenen, im Widerstand gegen Hitler vereinten Nation auf seine Weise zu identifizieren.
Darüber hinaus bot die Résistance dem befreiten Frankreich die einzigartige Möglichkeit zu einer positiven Identitätsstiftung. Statt im Gefühl der schmachvollen Niederlage und ihrer noch schmachvolleren Konsequenzen für das geschwächte Empire zu verharren, bemühte sich die Vierte Republik (1945-1958) um ein positives Selbstverständnis. Der von rechten wie linken Gruppen gleichermaßen getragene Gründungsmythos von der Résistance vermochte dies weitgehend zu leisten, wenngleich eine gewisse Spannung zwischen dem „Wunsch zu Erinnern“ einerseits und dem „Bedürfnis zu Vergessen“ andererseits bestehen blieb.
Mit der Rückkehr de Gaulles im Sommer 1958 an die Macht erhält die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Frankreich eine neue Couleur: Was bisher vorwiegend individuell ablief, wird jetzt zur nationalen Erfahrung erhoben, wo es bisher Spannungen gab (vgl. oben), wird jetzt patriotisch übertüncht. Die von de Gaulle verfolgte Politik stützte sich, neben der fundamentalen Idee vom Interêt national, auf die historischen Mythen um die Résistance. So ist es auch sicher kein Zufall, dass die Einweihung vieler Gedenkstätten und Denkmäler (u.a. Les Musées de la Résistance, Le Mémorial de la Déportation) sowie die staatsaktliche Überführung der Moulin-Überreste ins Pantheon zeitlich ins „gaullistische Jahrzehnt“ fallen.
Die von staatlicher Seite in den Jahren 1958-1968 inszenierte Überhöhung der gaullistischen Widerstandsbewegung u d die Heroisierung ihrer Lichtgestalten haben u.a. dazu geführt, dass die eigentlichen Akteure der Résistance, die vielen anonymen Männer und Frauen, die ihr Scherflein im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten zum letztendlichen Gelingen des Befreiungskampfes beigetragen haben, vielfach in Vergessenheit geraten sind. Im kollektiven Gedächtnis der Franzosen hat die Résistance zwar unbestritten einen sehr bedeutsamen Platz eingenommen, wird aber häufig von den großen nationalen Helden dominiert.
169 Der Übergangsregierung 1944/45 gehörten in erster Linie Mitglieder des „Conseil National de la Résistance“
(CNR) an; auch die ersten Wahlen am 21. Oktober 1945 bestätigten diese Entwicklung.
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Wenngleich sich seit 1970 und spätestens seit den 1980er Jahren eine bemerkenswerte Wende in der Vichy-Forschung ergeben hat, ist die Aufarbeitung der verdrängten Vergangenheit in Frankreich noch längst nicht abgeschlossen. Der résistancialisme gaullien hat über Jahrzehnte hinweg die öffentliche Wahrnehmung geprägt, sein Einfluss auf das Kollektivgedächtnis ist nach wie vor groß. Bis zur endgültigen Dekonstruktion der Mythen ist es noch ein weiter Weg. In vielerlei Hinsicht ist es ein schmerzhafter Weg, denn „Vichy, das ist die Leiche im Schrank, über die man in besseren Kreisen nur ungern spricht“, erinnert Estèbe. 170
Aber es ist auf jeden Fall auch ein zwingend erforderlicher Weg, denn im Sinne der Opfer muss eine offene Auseinandersetzung möglich sein mit den zahlreichen Menschenrechtsverletzungen, die sich während der années noires auf französischem Boden ereignet haben. Es ist meines Erachtens unzulässig, die vier schwarzen Jahre aus der nationalen Geschichte auszuklammern, während die Résistance bei jeder Gelegenheit ins Rampenlicht gerückt wird.
Was die Résistance betrifft, so ist dieser Weg zurück in die Vergangenheit meiner Meinung nach auch ein Weg, den es sich zu gehen lohnt. Denn es ist ja nicht so, dass vom französischen Widerstand nichts mehr übrig bleibt, wenn erst einmal die Mythen zerstört sind. Vielmehr geht es darum, die wirklichen Leistungen der französischen Résistance in den Mittelpunkt zu stellen. Die Résistance hat Frankreich weder vom Nationalsozialismus befreit noch die Nation zu einer Einheit gemacht. Aber sie hat dazu beigetragen, dass sich immer mehr Menschen im Land darüber bewusst geworden sind, dass Größenwahn und jede Form von Totalitarismus zwangsläufig in Krieg, Leid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit enden. Die Résistance hat bei vielen Franzosen das Bewusstsein geschaffen für Friede, Verständigung und Demokratie in Europa. Die wahre Leistung der Résistance liegt somit im „Bemühen, unter den Bedingungen des Untergrunds die Grundlagen einer politisch stabilen und gerechten sowie demokratischen internationalen und europäischen Ordnung“ durchdacht zu haben. 171 Jahre bevor Adenauer und de Gaulle sowie später die Römischen Verträge die ersten Schritte in Richtung einer europäischen Einigung gehen, hatten viele französische Widerstandskämpfer den Gedanken eines geeinten Europas sowie eines neuen Völkerbundes im Kopf. 172 Eine wahre „Pionierleistung“, die sich u.a. darin bemerkbar macht, dass die meisten Anhänger der Résistance gegen eine Vergeltung an Deutschland plädierten, statt dessen für eine demokratische Erneuerung Deutschlands und dessen Einbindung in Europa.
170 Estèbe, S. 62.
171 Schmale, S. 281.
172 vgl. Schmale, S. 278ff.
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Quellen- und Literaturverzeichnis:
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(Internet): (http://www.ac-rouen.fr/pedagogie/equipes/lettres/annales/a34.html)
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