Deutsche Ingenieure und Wissenschaftler zwischen Gleichschaltung,
Weltkrieg und kaltem Krieg (1933 - 1948) - ein Beitrag zur historischen
Friedens- und Konfliktforschung
- Das Verantwortungsproblem -
Dissertation (B)
zur Erlangung des akademischen Grades
doctor scientiae philosophiae (Dr. sc. phil.)
vorgelegt dem Senat des Wissenschaftlichen Rates der
Humboldt Universität zu Berlin
Rektor Prof. Dr. sc. theol. Heinrich Fink
vorgelegt von
Dr. rer. oec. Wolfgang Horlamus, geb. Vogel
geb. am 23. September 1950 in Berlin
Gutachter:
Prof. Dr. sc. phil. Günter Paulus
Prof. Dr. sc. phil. Laurenz Demps
Prof. Dr. sc. oec. Walter Becker
Die vorliegende Schrift wurde
· dem Fakultätsrat eingereicht am 31. August 1990
· verteidigt am 27. September 1991
· für das Fachgebiet Wissenschaftsgeschichte angenommen durch Beschluss
der Habilitationskommission des Fachbereiches Philosophie,
Geschichtswissenschaften, Bibliotheks- und Informationswissenschaften der
Humboldt-Universität zu Berlin am 14. Januar 1992
· gemäß § 18 der Habilitationsordnung vom März 1993 als
habilitationsgleichwertig zum Zeitpunkt ihrer Erbringung am 27. Oktober 1993
urkundlich anerkannt
INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS ___________________________________________________3
Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen ______________________________________5
0. Vorwort _________________________________________________________________8
Anmerkungen zum Vorwort ______________________________________________19
1. Wissenschaft und Technik für Aufrüstung und Krieg___________________________20
1.1. Zwischen "Gleichschaltung" und Anpassung, Verfolgung und Vertreibung ___22
1.2. Die Militarisierung von Wissenschaft und Technik ________________________32
1.3. Ingenieure und Technikwissenschaftler wider den Krieg ___________________51
Anmerkungen und Quellen zum 1. Kapitel __________________________________64
2.
Entmilitarisierung - Alliierte Siegermächte und das wissenschaftlich-technische
Potential der Deutschen nach dem Kriege ______________________________________73
2.1. Zwischen Verbot und Wiedergeburt - die technisch-wissenschaftlichen Vereine
nach 1945 ______________________________________________________________74
2.2. Das Alliierte Kontrollgesetz Nr. 25 zur Regelung und Überwachung der
naturwissenschaftlichen Forschung_________________________________________82
2.3. Militärische Forschung und Entwicklung im Dienst der Siegermächte ________91
Anmerkungen und Quellen zum 2. Kapitel _________________________________109
3. Das Verantwortungsproblem und die Bestrebungen um eine national einheitliche
Technikerbewegung als Moment der deutschen Friedensregelung _________________120
3.1. Akademischer Nachwuchs für die Friedenswirtschaft _____________________123
3.2. Der Erste Deutsche Technikertag______________________________________137
3.3. Die Spaltung der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister Berlins vor dem
Hintergrund zunehmender internationaler Spannungen ______________________154
3.4. Ingenieure und Wissenschaftler in der Volkskongressbewegung für Einheit und
gerechten Frieden ________________________________________________________163
Anmerkungen und Quellen zum 3. Kapitel _________________________________190
Quellen- und Literaturverzeichnis ___________________________________________207
1. ungedruckte Quellen ____________________________________________________207
1.1. Archivalien ________________________________________________________207
1.2. Befragungen _______________________________________________________208
2. gedruckte Quellen und Literatur___________________________________________209
Tabellenverzeichnis _______________________________________________________260
Thesen: Deutsche Ingenieure und Wissenschaftler zwischen Gleichschaltung, Weltkrieg
und kaltem Krieg (1933 - 1948) - ein Beitrag zur historischen Friedens- und
Konfliktforschung ________________________________________________________261
Aus den Gutachten: _______________________________________________________277
Günter Paulus _________________________________________________________277
Laurenz Demps ________________________________________________________278
Walter Becker _________________________________________________________279
5
Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen
A 4
Apparat 4 (V 2)
AAW
Zentrales Archiv der Akademie der Wissenschaften,
AEG
Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft AG
AfA
Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände
AfA-Bund
Allgemeiner freier Angestelltenbund
ADGB
Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund
ADW
Akademie der Wissenschaften der DDR zu Berlin
AG
Aktiengesellschaft
Akbau
Deutsche Akademie für Bauforschung
APK
Archiv beim Präsidium der Kammer der Technik, Berlin
ANRNF
Archiv des Nationalrates der Nationalen Front des Demokratischen
Deutschland
ATG
Automobil- und Flugzeugtechnische Gesellschaft
BDCh
Bund Deutscher Chemiker
BDM
Bund Deutscher Mädel
BGA
Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin
BMW
Bayerische Motorenwerke
BRD
Bundesrepublik Deutschland
Butab
Bund der technischen Angestellten und Beamten
Butib
Bund der technisch-industriellen Beamten
BV
Bezirksverein
BzG
Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung
CDU
Christlich-Demokratische Union
DAF
Deutsche Arbeitsfront
DAG
Deutsche Angestellten-Gewerkschaft
DAW
Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin
DECHEMA
Deutsche Gesellschaft für chemisches Apparatewesen
DGB
Deutscher Gewerkschaftsbund
DGfB
Deutsche Gesellschaft für Bauwesen
DGFM
Deutsche Gesellschaft für Metallkunde im VDI; später: Metall und
Erzverein Deutscher Gießereifachleute (VDG)
DIN
Deutsches Institut für Normung
DDR
Deutsche Demokratische Republik
DKV
Deutscher Kälteverein
DNA
Deutscher Normenausschuss
DTV
Deutscher Techniker-Verband
DVGW
Deutscher Verein von Gas- und Wasserfachmännern
DWK
Deutsche Wirtschaftskommission für die sowjetische
Besatzungszone
ERP
European Recovery Program (Europäisches Wiederauf-
bauprogramm)
FDGB
Freier Deutscher Gewerkschaftsbund
FEANI
Federation Europeenne d' Associations Nationales d' Ingenieurs
6
FIANI
Federation Internationale des Societes d' Ingenieurs des
Techniques
Fi 103
Flügelrakete V 1 der Fieseler Werke GmbH
FIAT
Field Intelligence Agency Technical
GDMuB
Gesellschaft Deutscher Metallhütten- und Bergleute
GG
Deutsche Glastechnische Gesellschaft
GTW
Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister
HJ
Hitlerjugend
Ing.
Ingenieur
IG
Industriegewerkschaft
IG Farben
Interessengemeinschaft Farben
IKIA
Internationaler Kongress für Ingenieursausbildung
I.T.A.
Ingenieur-Technische Abteilung der NSDAP
KDAI
Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure
KDT
Kammer der Technik
KdT,
K.d.T.(frühe Schreibweise der Abkürzung) Kammer der Technik
KPD
Kommunistische Partei Deutschlands
KWI
Kaiser-Wilhelm-Institut
KZ
Konzentrationslager
LDPD
Liberal-Demokratische Partei Deutschlands
Me 262
Strahlenflugzeug der Messerschmitt AG/Bayerische Flugzeugwerke
MG
Maschinengewehr
MPG
Max-Planck-Gesellschaft
MWD
Ministerstwo Wnutrennich Del (russ. = Ministerium
für Innere Angelegenheiten der UdSSR)
NADI
Normenausschuss der Deutschen Industrie
NATO
North Atlantic Treaty Organization
NDPD
National-Demokratische Partei Deutschlands
NKWD
Narodny Komissariat Wnutrennich Del
(russ. = Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten der UdSSR)
NASA
Nationalsozialistische Angestellten-Gewerkschaft
Norsk Hydro
Norsk Hydro Elektrisk Kvaelstof A/S
Nr.
Nummer
NSBDT
Nationalsozialistischer Bund Deutscher Technik
NSDAP
Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
NSDStB
Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund
OMGUS
Office of Military Gouvernment, United States (Amerikanische
Militärregierung für Deutschland)
OSSAWAKIM Verstümmelte Wiedergabe von Ossoaviachim; russ.
Abkürzung für Obtschestwo sodejstvija oborone aviazionnonnui
chemitschestkomu stroitjestvu - Gesellschaft zur Unterstützung
der Luftfahrt und des Chemischen Aufbaus
OT
Organisation Todt
Pg.
Parteigenosse der NSDAP
RAD
Reichsarbeitsdienst
7
RDF
Reichsverband Deutscher Feuerwehringenieure
RDT
Reichsbund Deutscher Technik
RFI
Reichsvereinigung Freiberuflicher Ingenieure
RGO
Rote Gewerkschaftsopposition
SA
Sturmabteilung
SED
Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
SMAD
Sowjetische Militäradministration
SPD
Sozialdemokratische Partei Deutschlands
SS
Schutzstaffel der NSDAP
t
Tonnen (Maßeinheit)
Teno
Technische Nothilfe
TH
Technische Hochschule
TU
Technische Universität
u. a.
unter anderem
UGO
Unabhängige Gewerkschaftsorganisation
UdSSR
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
UN
United Nations (Vereinte Nationen)
USA
United States of America
V 1, V 2
"Vergeltungswaffen" (Fi 103, A 4)
VAM
Verband für Autogene Metallbearbeitung
VBG
Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes von 1821
VDChn
Verein Deutscher Chemikerinnen
VDDI
Verband Deutscher Diplomingenieure
VDE
Verband Deutscher Elektrotechniker
VDEh
Verein Deutscher Eisenhüttenleute
VDF
Verein Deutscher Färber
VDHI
Verein Deutscher Heizungsingenieure
VDI
Verein Deutscher Ingenieure
VDI-N
VDI-Nachrichten
VDI-Z
VDI-Zeitschrift
VDK
Verband Deutscher Kulturtechniker
VDRI
Verein Deutscher Revisions-Ingenieure
vgl.
vergleiche
VPI's
Very important persons
VsöCh
Verband selbständiger öffentlicher Chemiker Deutschlands
VTW
Verband der Techniker und Werkmeister
WAG
Wehrtechnische Arbeitsgemeinschaft
W. H.
Wolfgang Horlamus (bei Einfügungen des Verfassers)
WVV
Wissenschaftlicher Verein für Verkehrswesen
z. B.
zum Beispiel
ZGA
Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin
ZfG
Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
ZVDI
Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure
HORLAMUS
VORWORT
8
0. Vorwort
Die griechische Mythologie stellt die Göttin der Wissenschaft, Pallas Athene, in
Waffen, mit Helm, Speer und Schild (Schützerin Athens in Krieg und Frieden) und
gelegentlich mit einer Eule (röm. Minerva) dar.
Das war ein
Wissenschaftsverständnis, das sich über Jahrhunderte halten konnte. Den
lateinischen Ausspruch "Si vis pacem, para belum" bezeichnete Karl Marx als eines
der Dogmen bigotter Politik, die größtes Unheil angerichtet hätten. Dieses Unheil
wurde unter Mitwirkung von Wissenschaft und Technik ständig vergrößert. In beiden
Weltkriegen waren Ingenieure und Wissenschaftler mehrheitlich bereit, im Interesse
ihres Vaterlandes Destruktivkräfte zu entwickeln, deren Funktion im Töten und Zer-
stören lag. Mit der Erfindung der Atombombe zum Ausgang des Zweiten Welt-
krieges wurde eine Massenvernichtungswaffe geschaffen, mit der es technisch mög-
lich wurde, die Gattung Mensch auszurotten.
Weltweit sind gegenwärtig nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 500 000
und zwei Millionen Wissenschaftler und Ingenieure in der Rüstungsforschung,
-entwicklung und -produktion beschäftigt. Beinahe zwangsläufig stellt sich daher die
Frage nach der Friedensverantwortung der Wissenschaftler und Ingenieure. - Diese
Frage ist aber in ihrer ethischen und politischen Bestimmung nicht neu, sie erhält
jedoch in einer waffenstarrenden Welt, die längst die overkill-Kapazität überschritten
hat, eine besondere Brisanz. Allein für die Rüstungsmaschinerie der USA wurden
seit Kriegsende mehr als 70 verschiedene Atomwaffentypen entwickelt: von Atom-
minen und Minisprengköpfen für die Artillerie bis zu den Vielfach-Sprengköpfen für
U-Boot- und Interkontinental-Raketen und den Megatonnen-Bomben für die Bomber
der strategischen Luftflotte. Fast 60 000 Nuklearwaffen wurden allein in den USA für
die nuklearen Waffenkammern produziert. In der Sowjetunion gibt es kaum weniger.
Deutsche Wissenschaftler und Ingenieure haben ihren Teil dazu beigetragen, dass
es soweit kommen konnte. Was haben sie aber dagegen unternommen, dass es
soweit kam?
HORLAMUS
VORWORT
9
Wenn von der Verantwortung der Ingenieure und Wissenschaftler zur Verhinderung
des militärischen Missbrauchs von Wissenschaft und Technik die Rede ist, so
scheint die Lösung auf den ersten Blick darin zu bestehen, dass sich diese soziale
Gruppe der Gesellschaft mit ihrem spezifischen Platz in der gesellschaftlichen
Arbeitsteilung den Militärs nur verweigern bräuchte, um ihnen damit die
wissenschaftlich-technischen Voraussetzungen für die Rüstung zu entziehen. In der
Tat knüpft diese Vorstellung an pazifistische Ideen zur Befriedung der Gesellschaft
an. Doch in der bisherigen Geschichte fand dieser Gedanke bislang weder unter
den Politikern und Militärs noch unter den im militärischen Bereich tätigen
Ingenieuren und Wissenschaftlern Widerhall.
Größere Aufmerksamkeit finden dagegen in den 80er Jahren Vorschläge zur
Abrüstung und Rüstungskonversion, die durch ein verändertes politisches
Kräfteverhältnis in der Welt reale Chancen erhielten. Rüstungskonversion im
materiellen wie im personellen Sinne wirft jedoch Probleme auf, die - selbst wenn
der staatliche Wille zu ihrer Realisierung vorhanden ist - nicht unterschätzt werden
dürfen. Konversion ist mit sozialen Folgeerscheinungen und hohen finanziellen
Aufwendungen verbunden, die verträglich zu bewältigen sind. Nicht ausgeräumte
und neue politische Konflikte stellen zudem Abrüstung und Rüstungskonversion
immer wieder in Frage.
Solange es in der Welt grundlegende politische Interessengegensätze gibt und
Politiker bereit sind, diese Interessengegensätze gestützt auf oder mittels
militärischer Macht auszutragen, werden sich immer Menschen finden, die ihre
spezifischen Fähigkeiten in den Dienst der einen oder anderen Interessengruppe
stellen. Auch Ingenieure und Wissenschaftler unterscheiden sich hierin nicht von
anderen Menschen. Das Problem der Verhinderung des Missbrauchs von
Wissenschaft und Technik trägt also einen viel allgemeineren Charakter und lässt
sich nicht auf die Taten und "Untaten" der Männer und Frauen von Wissenschaft
und Technik reduzieren, die sie scheinbar durch ihre Mitwirkung an der Rüstung
HORLAMUS
VORWORT
10
und im Militärwesen begingen.
Friedensengagement ist stets historisch konkret, existiert nie außerhalb sozialer und
politischer Prozesse. Neben der all gemeinen staatsbürgerlichen Pflicht zur
Friedensbewahrung können Wissenschaftler und Ingenieure eine spezifische
Verantwortung wahrnehmen. Sie ergibt sich aus ihrer Sachkenntnis auf einem
bestimmten Spezialgebiet, ist verbunden mit einer
notwendige
Kompetenzerweiterung, mit der sachkundig über die Anwendungsmöglichkeit der
Ergebnisse der eigen Arbeit geurteilt und öffentlich potentielle Gefahren
missbräuchlicher Nutzung angezeigt werden. Zudem können Wissenschaftler und
Ingenieure mit ihrem Sozialprestige, das sie in der Gesellschaft genießen, auch
politisch wirksam werden, um einen Missbrauch von Wissenschaft und Technik zu
verhindern.
Untersucht werden deshalb die Möglichkeiten und Bedingungen zur Verhinderung
des militärischen Missbrauchs von Wissenschaft und Technik bei der Durchsetzung
politischer Interessen im Spannungsbogen zwischen Kriegsvorbereitung - Krieg -
Kapitulation - Nicht-Krieg-und-noch-nicht-Frieden und dem Kalten Krieg. Das waren
Zeiten, in denen Friedensverantwortung kaum gefragt, verboten, verdrängt und,
kaum neu erwacht, zum Gegenstand machtpolitischer Auseinandersetzungen
wurde. Das wirft Fragen auf, die der Historiker alleine nicht beantworten kann: Es
geht um den moralischen und politischen Stellenwert des Friedens, es geht um
Schuld und Verantwortung der Wissenschaftler und Ingenieure für den Missbrauch
von Wissenschaft und Technik. Wer entscheidet darüber, ob eine Erfindung
friedlichen Zwecken zugeführt oder zur Perfektion des bereits vorhandenen
Waffenarsenals genutzt werden soll? Ist die militärische Nutzung von
wissenschaftlich-technischen Entwicklungen a priori friedensgefährdend? Welche
Möglichkeiten haben Wissenschaftler und Ingenieure im gesamtgesellschaftlichen
Bedingungsgefüge, den Missbrauch von Wissenschaft und Technik zu verhindern?
Und wie wurde diese Verantwortung wahrgenommen? Hat die Entwicklung und
HORLAMUS
VORWORT
11
Perfektionierung der Kriegstechnik Fortschritte für die Menschheitsgeschichte
gebracht?
Der innere Frieden als Untersuchungsgegenstand wurde nur dort behandelt, wo er
in Verbindung zum äußeren Frieden steht. Um zu klären, wie trotz Systemkonflikt
zwischen Ost und West in einer Zeit des Kalten Krieges nach dem Zweiten
Weltkrieg in Europa die bisher längste Friedensperiode erhalten werden konnte,
obwohl sich auf deutschem Boden das konzentrierteste Militärpotential der beiden
politischen Weltsysteme gegenüberstand, und wie sich gerade deutsche
Wissenschaftler und Ingenieure in dieses Gefüge einpassten, um ihre
Friedensverantwortung wahrzunehmen, müssen die Wurzeln dieser Entwicklung
aufgedeckt werden. Sie reichen bis in das Vorfeld des Zweiten Weltkrieges. Ein
Verständnis der Nachkriegsentwicklung und die Erklärung der Entstehungsbe-
dingungen der Friedensbewegung ist ohne diesen historischen Rückgriff nicht
möglich, so dass sich der Verfasser entgegen ursprünglichen Vorstellung dafür
entschieden hat, in einem ersten Kapitel die Mitschuld deutscher Wissenschaftler
und Ingenieure für den Missbrauch von Wissenschaft und Technik bzw. die
Wahrnehmung ihrer Verantwortung zur Verhinderung dieses Missbrauches vor und
während des Zweiten Weltkrieges zu umreißen.
Wissenschaftler und Ingenieure nahmen wichtige Stellungen in Wirtschaft und
Industrie des Dritten Reiches ein. Aber sie nutz ten sie mehrheitlich nicht, um sich
gegen Kriegsgefahr und Krieg zur Wehr zu setzen. Mehrheitlich standen sie - sich
politisch neutral gebend und nationalpatriotisch-konservativ denkend - unter dem
Einfluss der nationalsozialistischen Kräfte, die 1933 die Macht übernommen hatten.
Ihr patriotischer Glaube konnte selbst durch den Krieg nicht erschüttert werden. Es
trifft zu, wie 1939 der britische Physiker und Wissenschaftshistoriker John Desmont
Bernal begründete, warum Intellektuelle ihren Einfluss gegen Krieg und
Kriegsgefahren nicht besser zur Geltung brachten. Er schrieb: "Gegen den Krieg
kann man nur dann erfolgreichen kämpfen, wenn man seinen gesellschaftlichen und
HORLAMUS
VORWORT
12
ökonomischen Charakter voll verstanden hat, und von einem solchen Verständnis
sind die Wissenschaftler noch weit entfernt. Andererseits wird es unmöglich sein,
die konstruktiven und die destruktiven Aspekte der Wissenschaft voneinander zu
trennen, solange nicht die Staatsbürger und ihre gewählten Körperschaften die
Funktion, welche die Wissenschaft heutzutage im Frieden und im Kriege hat, und
die Rolle, die sie bei richtiger Organisation spielen könnte, viel besser
verstehen."/1/
Die Millionen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg unter der Kriegsmaschinerie zu
leiden hatten, begriffen, dass Wissenschaft und Technik weit davon entfernt waren,
der Menschheit zum Wohl und Segen zu gereichen. Der Wert von Wissenschaft
und Technik selbst wurde in Zweifel gezogen, und schließlich waren die Ingenieure
und Wissenschaftler gezwungen, diesen Aufschrei zur Kenntnis zu nehmen. Im
Nachkriegsdeutschland führte dies besonders unter den durch das Kriegserlebnis
geprägten Intellektuellen allmählich zu der Einsicht, dass die Anwendung von
Wissenschaft und Technik für den Krieg die schlimmste Prostitution ihres Berufes
sei. Mehr als andere hat das Problem von Wissenschaft und Krieg Wissenschaftler
und Ingenieure bewogen, über ihre eigenen Untersuchungen, Entdeckungen und
Entwicklungen hinauszublicken und sich für den Gebrauch, den die Gesellschaft
von diesen Entdeckungen macht, zu interessieren. Es ist dem Historiker Karl- Heinz
Ludwig zuzustimmen, der im Zusammenhang mit der Rolle der Ingenieure während
des Zweiten Weltkrieges schrieb: "Technische Arbeit und technisch-wissenschaft-
liche Gemeinschaftsarbeit müssen sich in ihrer eigen- und in ihrer fremdbestimmten
historischen Funktion ständig selbst kritisch überprüfen, um sich als schöpferische
Tätigkeit in Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Auf gaben des technischen,
ökonomischen und sozialen Fortschritts qualifizieren und zugleich ethisch verant-
worten zu können."/2/
In Ost- und Westdeutschland geschah dies gleichermaßen und doch auf
unterschiedliche Weise, da in Deutschland der insbesondere zwischen den USA
HORLAMUS
VORWORT
13
und der Sowjetunion ausgetragene Systemkonflikt auf die individuellen und
gesamtgesellschaftlichen Wertvorstellungen durchschlug. Aufzuwerfen ist die
Frage, warum es trotz der während der Zeit des Faschismus diskreditierten und
durch den Alliierten Kontrollrat verbotenen technisch-wissenschaftlichen Vereine
und einer systematisch verfolgten Wiederaufrüstung nicht zu der Wiederholung des
nach 1918 in Deutschland verhängnisvollen Zyklus des Missbrauches von
Wissenschaft und Krieg in einem neuen Krieg kam? War es möglicherweise gerade
die Aufspaltung der Welt durch den Kalten Krieg, welche der Reproduktion eines
schon einmal durchlebten Zyklus den Weg verstellte?
In der DDR war es bis zum Herbst 1989 nicht opportun diesen Gegenstand frei von
dogmatischen Paradigmen zu erforschen. Den noch haben gerade die
Wissenschaftshistoriker der DDR solide Vorleistungen auf dem Gebiet der
historischen Friedensforschung erbracht, an die der Verfasser anknüpfen und
aufbauen konnte.
Der Umbruch, der seit November 1989 in diesem Land vonstatten ging, erfordert es,
die Vergangenheit einer Gesellschaft, die sich Sozialismus und Frieden auf die
Fahnen schrieb, grundsätzlich neu zu durchdenken und neu zu bewerten. Dabei
gibt es Anzeichen dafür, dass DDR-Historiker dazu neigen, eher den "real
existierenden Sozialismus", wie er sich in 40 Jahren herausgebildet hat, einer
grundlegenden und differenzierteren Analyse und Kritik zu unterwerfen als die
Friedens- und Sicherheitspolitik der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR.
Bedenkt man, dass heute selbst in der UdSSR von Historikern die sowjetische
Sicherheitskonzeption der frühen Nachkriegszeit und der 50er Jahre kritisch
neubewertet wird, so wird es schon allein aus diesem Grunde schlüssig, dass die
1945 bis Anfang der 50er Jahre maßgeblich durch Stalin bestimmte Friedens- und
Sicherheitspolitik der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR, ebenfalls einer
kritischen Neubewertung bedarf.
Mag man sich darüber streiten, ob die DDR bald nur noch eine "Fußnote in der
HORLAMUS
VORWORT
14
Geschichte" sein wird, so bleibt die Frage legitim, wie und wo das Engagement von
namhaften Natur- und Technikwissenschaftlern sowie von oft namenlos gebliebenen
Ingenieuren und Technikern dieses Landes als friedensbewahrend in Geschichte,
Gegenwart und Zukunft einzuordnen ist. Welche Erfahrungen
ihres
Friedensengagements müssten in all ihrer Widersprüchlichkeit für die Nachwelt
bewahrt und aufgearbeitet werden? Es ist bezeichnend, dass bis heute keine Ge-
schichte der Friedensbewegung der DDR geschrieben wurde. Eine evolutionäre
Theorie des Friedensengagements der naturwissenschaftlich-technischen
Intelligenz gibt es ebenfalls nicht. Es besteht die Gefahr, dass angesichts der poli-
tischen Veränderungen in Osteuropa der Friedens- und Abrüstungsproblematik in
der Öffentlichkeit immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch das, was an
Friedensengagement mobilisierend wirkte und nicht schlechthin nur als
systemstabilisierend von SED und Staat instrumentalisiert wurde, darf nicht in Ver-
gessenheit geraten.
Die Darstellung des zweiten und dritten Kapitels erfolgt des halb bewusst aus einer
Sicht, die auch Verständnis und Aufklärung über die Vorgeschichte der DDR mit
vergleichenden Bezügen zur Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland
bringen soll. So werden vor allem Entwicklungslinien der Persönlichkeiten von
Wissenschaft und Technik nachvollzogen, die später in der Friedensbewegung der
DDR aktiv wurden oder mit ihr im Zusammenhang standen. Erstmalig wurden hierzu
die Nachlässe von Hans Heinrich Franck, dem 2. Präsidenten der Kammer der
Technik, und von Walter Friedrich, dem langjährigen Vorsitzenden des
Friedensrates der DDR, im Zentralen Archiv der Akademie der Wissenschaften zu
Berlin studiert.
Territorial konzentriert sich der Autor vor allem auf den Bereich der sowjetischen
Besatzungszone und den Berliner Raum. In diesem Zusammenhang ein Wort zur
ausdrücklichen Bezugnahme des Autors auf Berlin in einer Zeit, in der man des
Hauptstadt-Rummels der Honeckerära überdrüssig wurde und sich alle
HORLAMUS
VORWORT
15
Aufmerksamkeit auf den südlichen Raum der DDR zu richten schien. Zur Darstel-
lung der Geschichte der sozialen und politischen Entwicklung der wis-
senschaftlich-technischen Intelligenz im sächsischen Raum und auch in Mecklen-
burg-Vorpommern liegen Dissertationen vor, auf die in dieser Arbeit bezug genom-
men wurde. Neben dem industriellen sächsischen Ballungsraum nahm Berlin als ein
weiteres Zentrum von Wissenschaft und Technik und politischer Machtkonzentration
unbestreitbar eine besondere Stellung ein, da sich hier der Systemkonflikt am
augenscheinlichsten manifestierte. Die unterschiedlichen Vorstellungen über eine
zukünftige Friedensordnung Deutschlands wurden hier auf engstem Territorium
ausgefochten.
Einige Eigenarten und Besonderheiten der Entwicklung des tech-
nisch-wissenschaftlichen Lebens in Berlin wurden bisher völlig ignoriert und drohen,
in Vergessenheit zu geraten. Das betrifft z. B. die Rolle, die die Technische
Universität Berlin-Charlottenburg für die sowjetische Besatzungszone spielte,
ebenso, wie die Geschichte der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister, die
in der jüngeren Geschichtsschreibung über den FDGB nicht vorkommt. Erstmalig
konnte ich Einsicht in noch erhaltene Unter lagen der Gewerkschaft der Techniker
und Werkmeister Groß-Berliner FDGB nehmen. Diese Quellen, die erst jüngst
zugänglich wurden, befanden sich im Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB Berlin
in der Wallstraße. Mit ihnen wurde es möglich, die Stellung der
Technikwissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Werkmeister Berlins, die im
FDGB organisiert waren, zur Berlin-Krise von 1948/49 - in der eine latente
Kriegsgefahr bestand - zu unter suchen und zu bewerten.
Der Autor kommt nicht umhin, in einigen Passagen der Arbeit einige
Zusammenhänge darzustellen, die vom unmittelbaren Gegen stand des Themas
wegzuführen scheinen. Ausgehend von der These, dass jedes Friedensengagement
weitgehend durch die Umstände geprägt wird, die das soziale und politische Umfeld
der Akteure ausmachen, stellt sich der Gesamtzusammenhang letztlich immer
HORLAMUS
VORWORT
16
wieder her. Zugleich werden Sichtweisen auf bislang kaum beachtete Bereiche eröf-
fnete und Anregungen gegeben - für Forschungsgebiete, die bisher in der
Historiographie noch brach lagen.
Mit der Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung auf dem östlichen Territorium
Deutschlands konnte unter Zuhilfenahme der vergleichenden Methode der Darstel-
lung mit anderen deutschen Territorien das Umfeld für die Entstehungsbedingungen
der Friedensbewegung der DDR und das Engagement der wissenschaftlich-
technischen Intelligenz in ihr erklärt und eingeordnet werden. Ihre
Friedensverantwortung ließ sich dabei nicht auf Friedensbewegung im engeren
Verständnis des Begriffes - als organisierte oder spontane Massenaktion für
bestimmte Friedensziele - reduzieren. Die vielschichtigen und heterogenen
nationalen und Friedensbestrebungen, die nach dem zweiten Weltkrieg in
Deutschland artikuliert wurden, entsprangen einem politischen Kräfteverhältnis, das
weitestgehend durch die Besatzungsmächte bestimmt wurde. Anderseits versuchten
Ingenieure und Wissenschaftler dabei ihre Empfindungen und Erfahrungen
einzubringen, die aus dem Kriegserlebnis resultierten. Darum wurde der Versuch
unternommen, mit biographischen Skizzen von namhaften Wissenschaftlern und
Ingenieuren und mit einer exemplarischen Darstellung ausgewählter
Rüstungsforschung und -entwicklung mit ihren Folgen in einer konkret-historischen
politischen Situation aufzuzeigen, was Menschen dieses Berufsstandes bewog, sich
für den Frieden zu engagieren.
Diskreditiert wurden die Bemühungen um eine Friedenslösung für Deutschland
ebenso wie das Engagement für die Erhaltung des Weltfriedens dadurch, dass sie
seit 1947/48 zunehmend durch die SED auch zum Instrument ihrer Politik gemacht
wurde, womit die Friedensidee ihren parteipolitisch neutralen Anspruch verlor. Dies
war auch ein Grund dafür, weshalb sie in den Westzonen nicht den erhofften
Wiederhall fand. Studien von zum Teil erstmalig genutzt ten Quellen im Archiv des
Nationalrates der Nationalen Front und bisher nicht öffentlich zugängliche
HORLAMUS
VORWORT
17
Archivalien des Präsidiums der Kammer der Technik, die der Autor einsehen
konnte, belegen diese Ansicht.
Die vorliegende Schrift kann - obwohl sie schwerpunktmäßig nicht so angelegt ist -
auch als ein Beitrag zur Aufarbeitung der Vorgeschichte der Friedensbewegung der
DDR verstanden werden, mit der es möglich wird, historische Erfahrungen für
Formen, Methoden und Ziele für ein Friedensengagement in der Gegenwart anzu-
bieten. Von dem ursprünglichen Vorhaben, den Platz der wissenschaftlich-
technischen Intelligenz in der Friedensbewegung der DDR darzustellen, musste
abgegangen werden, da nach der bisherigen Quellenlage, aber auch durch die
Krise, in die die DDR-Zeitgeschichtsschreibung
- insbesondere die der
DDR-Geschichte geraten ist - das Projekt zum Scheitern verurteilt wäre, wenn nicht
eine der bisher üblichen Schönschreibungen herauskommen sollte. Die mir durch
das Stadtarchiv Berlin gewährte Möglichkeit, in Akten des Berliner Friedensrates
einzusehen, lässt bereits darauf schließen, dass die Friedensbewegung der DDR
mit ähnlichen Problemen behaftet war, die auch das sozialistische Experiment
scheitern ließen. Totalitäre Tendenzen in Friedenskampagnen taten der Sache Ab-
bruch. Der Versuch, eine spezielle Arbeitsgruppe der technischen Intelligenz im
Deutschen Friedenskomitee bzw. im Friedensrat zu bilden, scheiterte. Als man
Anfang der 60er Jahre meinte, dass die Friedensbewegung bewusstseinsbildende
Funktion erfüllt habe, unter grub die SED ihr die soziale Basis, indem die 1950
vielfach spontan entstandenen regionalen Friedenskomitees administrativ aufgelöst
wurden.
Verschiedene Problemstellungen, die Gegenstand dieser Arbeit sind, gehörten vor
kurzer Zeit in der DDR noch zu Tabubereichen. Zu nennen ist beispielsweise die
Beteiligung deutscher Ingenieure und Wissenschaftler an Entwicklungen auf dem
Gebiet der Rüstung in der Sowjetunion. Weiterhin ist das Problem der sogenannten
Westarbeit zu nennen. Es umfasst den ganzen Bereich der zum Teil mit konspi-
rativen Methoden organisierten Versuche, in der Zeit des Kalten Krieges nationale
HORLAMUS
VORWORT
18
und friedenspolitische Vorstellungen der SED über alle gesellschaftlichen
Organisationen und Gremien (Kammer der Technik, FDGB, Deutsches
Friedenskomitee usw.) in die Westzonen bzw. in die BRD und nach Westberlin zu
tragen und dort Verbündete zu gewinnen.
In der vorliegenden Arbeit werden Biographien einiger Persönlichkeiten von
Wissenschaft und Technik herangezogen, die Protagonisten der Friedensbewegung
der DDR waren, zum Teil aber nicht in die Geschichtspropaganda der SED passten
und deshalb als Unpersonen behandelt wurden. Gerade aus der Friedensbewegung
kamen Persönlichkeiten wie Robert Havemann - langjähriger Vor sitzender des
Berliner Friedenskomitees -, die gegen die Erstarrungen eines entarteten,
stalinistischen und zunehmend bürokratisierten Sozialismus opponierten.
Andererseits war die Friedensbewegung ein Hauptfeld der geistigen und politischen
Auseinandersetzung zwischen den Systemen, und es konnte z. B. vom Autor bisher
nicht ergründet werden, ob Heinz Barwich - Atomphysiker und einst Vizepräsident
des Deutschen Friedensrates - eines ihrer Opfer war.
Der Verfasser dieser Schrift räumt ein, dass verschiedene hier angebotene
Sichtweisen einer weiteren Diskussion
und pluralistischen Meinungsbildung
bedürfen. Zu vieles ist bisher in der Historiographie unausgesprochen oder einfach
noch nicht er forscht, als dass hier schon immer gleich eine abgerundete verall-
gemeinernde Wertung getroffen werden konnte. Angesichts der Komplexität der
untersuchten Problematik und der Neubewertung vieler internationaler Ereignisse
an Hand neuer Quellen und einer veränderten Sichtweise auf die Geschichte ist
sich der Autor dessen bewusst, dass verschiedene Aspekte, die in dieser Arbeit in
einer äußerst dynamischen Zeit untersucht und zu Papier gebracht wurden, schon
morgen relativiert oder korrigiert werden könnten. Doch wie jede Wissenschaft, so
ist auch die Historiographie einem ständigen Erkenntnisprozess unterworfen, und
man kann die Suche nach der historischen Wahrheit kaum beflügeln, wenn man
warten wollte, bis sie gefunden sei.
HORLAMUS
VORWORT
19
Bedanken möchte ich mich bei den Wissenschaftlern und Archivaren, die mir durch
kritische Hinweise und zur Verfügungsstellung von bislang kaum genutzten Quellen
neue Möglichkeiten der Erkenntnis erschlossen, wodurch die vorliegenden
Untersuchungsergebnisse vorgelegt werden konnten. Besonders bin ich meiner
Frau zu Dank verpflichtet, die manche Belastung im Interesse des Abschlusses
dieser Arbeit auf sich nahm.
Anmerkungen zum Vorwort
/1/
Bernal, J. D.: Die soziale Funktion der Wissenschaft. Hrsg. von Helmut
Steiner. Nach dem Originaltitel von 1939. Berlin 1986, S. 201.
/2/
Ludwig, K.-H.: Widersprüchlichkeit der technisch-wissenschaftlichen
Gemeinschaftsarbeit im Dritten Reich. In: Technikgeschichte. Heft 3/1973,
S. 253.
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1. Wissenschaft und Technik für Aufrüstung und Krieg
Nur wenige der mit der Volkszählung vom 16. Juni 1933 statistisch erfassten 202
574 Ingenieure und Techniker in Deutschland konnten zum Beginn der 30er Jahre
voraussehen, dass das faschistische Regime die qualitative und quantitative
Substanz der einst zu Weltgeltung gelangten deutschen Wissenschaft und Technik
bald weitestgehend untergraben wird und dass ihre Leistungen selbst zum
Zerstören und zum Töten missbraucht würden.
Tabelle 1: Zahl der Ingenieure und Techniker im Deutschen Reich nach der
Volkszählung vom 16. Juni 1933
Deutsches Reich
insgesamt
männlich
weiblich
Ingenieure und Techniker
insgesamt:
in selbständiger Stellung
in abhängiger Stellung
202 574
20 376
182 198
201 958
20 339
181 619
616
37
579
In abhängiger Stellung
erwerbstätig
erwerbslos
122 873
59 325
122 494
59 125
379
200
/1/
Das massenhafte soziale Elend unter den Werktätigen während der
Weltwirtschaftskrise verschonte die technische Intelligenz nicht und machte sie
empfänglich für die demagogischen Versprechungen der Führerschaft der NSDAP.
Mehrheitlich erkannten sie nicht, dass die von den Nazis propagierten
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Bestandteil der Vorbereitungen eines zweiten
Weltkrieges waren. Dies war schwierig, da sich die Nazis hinter der Maske der
Friedfertigkeit verbargen. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Masse der
HORLAMUS
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1
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Ingenieure und Wissenschaftler den Frieden als Wert achteten und friedvoll waren.
Um sie für die Rüstung zu gewinnen, konnten die Nationalsozialisten zunächst ihre
Kriegsziele nicht offen verkünden. Mit einer perfektionier, ten Friedensdemagogie
konnte die Führerschaft der NSdAP die Aufrüstung
Deutschlands als
lebensnotwendig und friedensfördernd für die Zukunft des Deutschen Reiches
propagieren. Offen gestand Hitler 1938 ein:
"Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu
reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens und der
Friedensabsichten war es mir möglich, dem deutschen Volk Stück für Stück die
Freiheit zu erringen und ihm die Rüstung zu geben, die immer wieder für den
nächsten Schritt als Voraussetzung notwendig war."/2/
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1.1. Zwischen "Gleichschaltung" und Anpassung, Verfolgung und Vertreibung
Gerade die heranwachsende junge Intelligenz wurde während der
Weltwirtschaftskrise von einer großen Zukunftsungewißheit erfasst. Von den etwa
40000 Studenten der Technischen Hoch- und Fach, schulen schlossen Anfang der
30er Jahre etwa 8000 Studenten jährlich ihre Studien ab. Durchschnittlich fanden -
wie aus einem Zeitzeugenbericht vom März 1931 hervorgeht - nur etwa 20 v. H.
Absolventen eine Stellung. 10 v. H. studierten weiter, 20 v. H. nahmen irgendeine
Tätigkeit außerhalb ihres Berufes an. Der Rest von etwa 50 v. H. blieb ohne jedes
Einkommen. Diplom-Ingenieure, die keine eigene Wohnung besaßen, kein warmes
Essen mehr kannten und die sich glücklich schätzten, wenn sie mit gleich welcher
Arbeit - als Geschirrspüler, als Zigarrenverkäufer oder als Eintänzer - einige
Reichsmark verdienen konnten, waren keine Seltenheit./3/
Diese Situation erleichterte es den Nazis, mit ihrem Programm zur "zivilen"
Arbeitsbeschaffung und mit interessanten technisch- wissenschaftlichen
Aufgabenstellungen vor allem in den Technischen Hochschulen, aber auch in den
technisch-wissenschaftlichen Vereinen und in der Industrie politischen Einfluss zu
gewinnen. In die höchsten technischen Bildungsstätten drangen die Nazis frühzeitig
über die Studentenorganisationen ein. Beispiels, weise stimmten bei den
Studentenwahlen an der Technischen Hoch, schule Berlin-Charlottenburg im
Wintersemester 1930/31 rund 62 Prozent der Studenten für Vertreter des NSDStB.
Von den 410 Hochschullehrern und Assistenten dieser Hochschule bekannten sich
1932 siebenunddreißig öffentlich zur NSDAP. Dieser Anteil wuchs rasch. Bis 1941
traten an dieser TH etwa zwei Drittel der Hochschullehrer der NSDAP bei. Rund ein
Drittel der Hochschullehrer widerstand bis 1944 der Vereinnahmung durch die
NSDAP./4/ An den anderen Technischen Hoch- und Fachschulen Deutschlands sah
es ähnlich aus./5/
HORLAMUS
KAPITEL
1
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Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurden
Gesetze zur Reglementierung der Hochschulen erlassen, und es gab zunehmende
staatliche Eingriffe in das akademische Leben. An den Universitäten und
Technischen Hochschulen wurden nicht nur sämtliche Wahlämter vom Rektor
abwärts mit Männern besetzt, die von der Nazipartei benannt wurden, sondern auch
als hohe Verwaltungsbeamte reine Nazifunktionäre eingesetzt, die nur selten etwas
von Wissenschaft verstanden und im allgemeinen so erzogen waren, dass sie auf
jede intellektuelle Betätigung verächtlich herabblickten. Dabei ging einer der großen
Vorzüge des deutschen Wissenschaftlers, sein Gefühl, in der Gemeinschaft eine
wichtige und geachtete Persönlichkeit zu sein, mehr und mehr verloren. Begonnene
wissenschaftliche Arbeiten liefen noch so lange auf Grund ihrer eigenen Trägheit
weiter, bis irgendein rassischer oder politischer Grund gefunden wurde, um die
jeweiligen Wissenschaftler oder Techniker oder ihre Arbeit zur Zielscheibe von
Angriffen zu machen. Die erste Auswirkung bestand in der Zerstörung des
spontanen Charakters der wissenschaftlichen Arbeit; Originalität wurde
gefährlich./6/
Die Hochschulautonomie ging verloren, ohne dass sich die Hochschullehrerschaft
ernsthaft dagegen wehrte. Es war für die Nazis nicht sonderlich schwer, die
Loyalität oder zumindest den Gehorsam der Wissenschaftler und Ingenieure zu
gewinnen. Eine der Ursachen hierfür mag im Charakter und in der Ausbildung
dieser Intellektuellen liegen. Sie waren allzu sehr in ihrer Arbeit versponnen, allzu
sehr mit der Maschinerie des Staates und der Industrie verbunden und allzu sehr
von einem ihnen leicht aufzupfropfendem Patriotismus erfüllt. Außerdem wurden
ihre Reihen sehr geschickt gespalten, indem Juden und Sozialisten zu
Angriffsobjekten der Nazis ausersehen wurden. Die Berufung vieler Wissenschaftler
und Ingenieure auf die Politikfreiheit von Wissenschaft und Technik diente häufig
nur der Bemäntelung ihres "Patriotismus" oder eines nationalistischen
Konservatismus, dessen Manipulierbarkeit und Integrationsfähigkeit sich unter der
Nazi-Diktatur verhängnisvoll auswirkte. Bereits am 3.März 1933 setzten sich 300
HORLAMUS
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Hochschullehrer in einem Aufruf zur Reichstagswahl für das faschistische Regime
ein. 1934/1935 hatte die NSDAP die deutschen Hochschulen unter voller Kontrolle.
Der 1937 aus seinem Lehramt an der Technischen Hochschule in Berlin-
Charlottenburg wegen "politischer Unzuverlässigkeit" vertriebene und von den
Gefolgsleuten der NSDAP gemaßregelte Chemiker Hans Heinrich Franck stellte im
März 1949 aus Anlass der 15O-Jahrfeier dieser technischen Lehr- und
Bildungsstätte rückblickend fest: "Die Fanfaren der 'Machtübernahme' fanden ein
schnell sich steigerndes Echo. Preußischer Konservatismus war sich oft ein
Prellbock gegen die anstürmenden Nazipraktiken und Parolen. Aber die für die
Rüstung anlaufende Technik, die damit gestellten Aufgaben und die beruflichen und
persönlichen Möglichkeiten ließen die Professoren die rücksichtslosen Eingriffe in
die Selbstverwaltung ertragen und machten sie mit einigen Aus, nahmen zu
folgsamen Trabanten einer Wehr- und Waffenideologie, die ihre Krönung in einem
Kavallerieoffizier als Rektor und in der Wehrtechnischen Fakultät fand. Hier war der
Bankrott eines auf seine bürgerliche Kultur stolzen Zeitalters deutlich."/7/
Mit Beginn des Sommersemesters 1933 wurde an der Technischen Hochschule in
Berlin-Charlottenburg der aktive Nazi Achim von Arnim zum Ordentlichen Professor
für "Wehrverfassung" gemacht; ein Jahr darauf avancierte er zum ersten
nationalsozialistischen Rektor der Technischen Hochschule. Schlüsselfigur des
Aufbaus der Rüstungstechnik an der Hochschule war Karl Becker, Ordinarius für
technische Physik, ab 1935 für Wehrtechnik, Physik und Ballistik. Becker war
zugleich als General am Heereswaffenamt tätig, dessen Leitung er 1938 übernahm.
Sein Reich war die im Herbst 1933 gebildete "Fakultät für Allgemeine Technologie",
die 1935 in "Wehrtechnische Fakultät" (WTF) umbenannt wurde, womit sie ihre
eigentliche Bestimmung deutlich offenbarte./8/
Zusammenfassend müssen verschiedene sich gegenseitig bedingende
Ursachenkomplexe für die relativ bruchlose Integrationsbereitschaft der Natur- und
Technikwissenschaftler sowie der Ingenieure und Techniker in das politische
HORLAMUS
KAPITEL
1
25
System des Faschismus genannt werden: Die prinzipielle Indifferenz der meisten
Angehörigen der technischen Intelligenz gegenüber gesellschaftlichen
und
politischen Problemen - verbunden mit einer politisch konservativen Einstellung -
verbaute vielen das Erkennen der eigentlichen, unmenschlichen Absichten der
Nazis. Von Arbeitslosigkeit und wachsender berufsständischer Verunsicherung
betroffen, hofften viele Ingenieure und Wissenschaftler auf neue
Aufgabenstellungen, die ihnen nicht nur Arbeit sondern ebenso eine höhere
gesellschaftliche Anerkennung und die Zurückdrängung einer sich bereits in der
Zeit der Weimarer Republik ausbreitenden Technikkritik bringen sollte. Die
Hoffnungen bestätigten sich nur in dem Maße, wie sie mit den Aufrüstungsplänen
der Nationalsozialisten über, einstimmten. Hinzu kam, dass noch im Verlauf des
Jahres 1933 immer mehr jüdische Wissenschaftler, aber auch Ingenieure ihren
Beruf nicht mehr ausüben durften.
Am 7. April 1933 erließ die nationalsozialistische Reichsregierung das "Gesetz zur
Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Insbesondere mit dem sogenannten
Arierparagraphen schuf sie sich eine pseudorechtliche Regelung, mit dem sie den
Antisemitismus zur Staatsdoktrin erhob. Mit den Begriffen "Arier" und "arisch"
gelangten neue und fiktive Normen in die Gesetzgebung und Praxis der
Gesellschaft, die bis dahin nur in der Demagogie der Nazifaschisten und anderer
reaktionärer Kräfte existierten. Bereits Mitte 1933 waren nach Angaben des
Londoner Academic Concil über 750 Wissenschaftler als politische Gegner des
Naziregimes oder als "Nichtarier" in Deutschland entlassen worden. Im weiteren
wurden insgesamt über 2 000 Gelehrte - etwa ein Drittel der hauptamtlichen
deutschen Hochschullehrer - ihrer Ämter enthoben oder zur "freiwilligen" Aufgabe
ihrer Positionen genötigt, weil sie "nicht geeignet" oder "nicht arisch" waren./9/ Viele
der entlassenen Wissenschaftler, oft Spitzenvertreter ihrer Fachgebiete, verließen
das Land.
Zwischen 1931 und 1938 emigrierten nach Ermittlungen von Wolfgang Schlicker
HORLAMUS
KAPITEL
1
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etwa 3120 Angehörige des Lehrkörpers von deutschen Universitäten und
Hochschulen ins Ausland. Unter diesen Emigranten befanden sich 451 Vertreter der
experimentellen Naturwissenschaften und 384 Technikwissenschaftler. Allein von
den Physikern, die einst in Deutschland wissenschaftliche Erkenntnis, se mit
Weltgeltung hervorbrachten, wurden etwa 25 Prozent vertrieben./10/ Zu ihnen
gehörten solche berühmten Gelehrten wie Max Born, Peter Debye, Max Delbrück,
Albert Einstein, James Franck, Erwin Schrödinger, Leo Szilard und Eugen Wigner,
die sämtlich Nobelpreisträger waren oder es später wurden.
Als am 2. Mai 1933 Angehörige der faschistischen Terrororganisationen SA und SS
in allen Teilen Deutschlands schlagartig die Gewerkschaftshäuser und
-
einrichtungen überfielen, gingen sie auch gegen den Bund der technischen
Angestellten und Beamten (Butab) vor. Diese traditionsreiche berufsständische
Gewerkschaftsorganisation, in der vor allem Techniker und nichtgraduierte
Ingenieure organisiert waren und in der u. a. Gewerkschaftsfunktionäre wie Max
Günther, Erich Händeler, Arthur Queißer, Otto Schweitzer und Hermann Waschow
wirkten, ging 1919 aus einer Verschmelzung des Deutschen Techniker-Verbandes
mit dem Bund technisch-industrieller Beamter (Butib) hervor. Noch im April 1933
gab der Gesamtvorstand des Butab in Berlin eine Loyalitätsbekundung gegenüber
der Reichsregierung ab. Man hoffte, sich dadurch den Übergriffen der Nazis
entziehen zu können. Doch vergeblich, die führenden Gewerkschaftsfunktionäre
wurden, soweit man ihrer habhaft werden konnte, inhaftiert. Die
Gewerkschaftsvermögen wurden beschlagnahmt. Ein Großteil dieser Gelder floss in
die Rüstung. Die Mitglieder der einstigen Gewerkschaftsorganisation wurden
zwangsmäßig in den Deutschen Techniker-Verband der Nationalsozialistischen
Angestellten-Gewerkschaft (NSA) über, führt. 1935 wurde die NSA in die Deutsche
Arbeitsfront (DAF) eingegliedert./11/ In ihr waren Unternehmer und Beschäftigte zur
"Sicherung des Arbeitsfriedens" zusammengefasst.
Die Technische Nothilfe (Teno), die schon während der Weimarer Republik
HORLAMUS
KAPITEL
1
27
teilweise zu einem staatlichen Instrument zur Wahrung von Unternehmerinteressen
umfunktioniert wurde, nutzen die Nationalsozialisten nicht nur gegen Arbeiter im
eigenen Land, sondern sie setzten sie vor allem ein, um ihre Annexions- und
Eroberungsfeldzüge technisch abzusichern. Die Technische Nothilfe entstand 1919
als freikorpsähnliche militärische Formation, deren erste Nothelfer aus Heeres- und
Marineingenieuren sowie technischem Hilfspersonal bestand. In der Zeit der
Weimarer Republik wirkte die Teno mehrfach im engen Zusammenspiel mit Polizei
und Reichs, wehr, um Streikkämpfe der Arbeiter abzuwürgen. Weiterhin kam sie bei
Katastrophenfällen zum Einsatz. Außer bei Brand- und
Überschwemmungskatastrophen übernahm die Teno dann bald den Gas- und
Luftschutzdienst. Schließlich trat die Teno erstmals bei der Annexion Österreichs
1938 in Erscheinung, um "für den Fall jüdisch-marxistischer Störversuche" Gewehr
bei Fuß zu stehen. Auch in der Tschechoslowakei sammelten 1938/39 sogenannte
Technische Kommandos "erste Erfahrungen bei der Instandsetzung kriegswichtiger
Betriebe", die dann im zweiten Weltkrieg im großen Stil ausgewertet und angewandt
wurden. Die Technischen Kommandos schlossen sich der Wehrmacht an. Zuerst
ein Instrument der Polizei, geriet die Technische Nothilfe, zunehmend militarisiert,
am 10. September 1943 unter das Kommando von SS-Gruppenführer Schmelcher
und schließlich ganz in den Befehlsbereich der berüchtigten Schutzstaffel Heinrich
Himmlers./12/
Die Vorstände der technisch-wissenschaftlichen Vereine und
Ingenieurorganisationen stellten sich nach 1933 frühzeitig auf Nationalsozialismus
und Militarismus ein. Sie ließen sich relativ widerstandslos "gleichschalten", wenn
dies auch nicht in der ursprünglich von Feder beabsichtigten Inszenierung geschah.
Zum Zwecke der Unterordnung der technisch-wissenschaftlichen Vereine unter ihre
Ziele gründete die NSDAP nämlich 1931 den Kampfbund Deutscher Architekten und
Ingenieure (KDAI) und schuf eine Ingenieur-Technische Abteilung (I.T.A.) der
Partei, die unter Führung des Ingenieurs und "Wirtschaftstheoretikers" der NSDAP
Gottfried Feder stand./13/ Diese neuen Organisationsformen wurden jedoch von
HORLAMUS
KAPITEL
1
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den traditionsbewussten Technikern, Ingenieuren und Architekten nicht im
erwarteten Maße angenommen. Deshalb löste man Ende Mai 1934 den KDAI auf,
aber nur, um ihn im Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik (NSBDT)
aufgehen zu lassen./14/ Der NSBDT, der zunächst unter Führung von Fritz Todt
stand und nach dessen Tod im Jahre 1942 von Albert Speer angeführt wurde,
ordnete sich als Dachverband alle technisch-wissenschaftlichen Vereine unter. Die
Mitglieder und Führungskräfte der alten Vereine, die sich der ab 1934 forcierten
Gleichschaltung nicht unterwerfen wollten, wurden von ihren Posten entbunden
oder aus, geschlossen.
Offen bekannten sich die Vereinsspitzen zum neuen Regime und bekundeten - wie
dies z. B. beim einflussreichen Verein Deutscher Ingenieure mit seinen 28 140
Mitgliedern im Frühjahr 1933 geschah - ihre vorbehaltlose Bereitschaft, "die
technischen-wissenschaftliche Arbeit in den Dienst der nationalsozialistischen
Wirtschaftsordnung zu stellen" und erklärten den Arierparagraphen des
Berufsbeamtengesetzes für verbindlich./15/ Frühzeitig und im Widerspruch zu den
Festlegungen des Versailler Vertrages stellte der VDI die Möglichkeiten des Vereins
für wehrtechnische Aufgaben zur Verfügung. Diese Entwicklung schilderte VDI-
Direktor Dr. Ude in seiner Stuttgarter Rede vom 31.Januar 1942: "Die unmittelbare
Beschäftigung mit wehrtechnischen Aufgaben wurde aufs neue kurz nach der
Machtergreifung 1933 in die Wege geleitet. Bereits bei den vorbereitenden
Maßnahmen zur Aufrüstung hatte der VDI Gelegenheit, wenn auch in getarnter
Form, seine Kräfte in den Dienst der Wehrmacht zu stellen. Im Einvernehmen mit
dem Heereswaffenamt wurden über die neugeschaffene Fachstelle CW-Lehrgänge
für die Fertigung von Heeresgerät eingerichtet. Diese Lehrgänge erstreck, ten sich
auf Geschosse, MG-Teile, Leichtmetallzünder und Stahlhülsen. Es wurden
innerhalb der nächsten Jahre nach 1934 25 Lehrgänge in 15 verschiedenen Städten
durchgeführt. Die Beteiligung war freiwillig, die gesamte organisatorische und
fachliche Vorbereitung zur Durchführung lag in den Händen des VDI. Nach
Beendigung dieses Auftrages hat der damalige Chef des Wehrmachtamtes, General
HORLAMUS
KAPITEL
1
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Keitel, dem VDI den Dank für diese Arbeit ausgesprochen und sie gewürdigt. Die in
diesen Lehrgängen geschulten Ingenieure bildeten den Stamm für die Durchführung
weiterer Auf, gaben, die seit Beginn des Krieges auf wehrtechnischem und wehr,
wirtschaftlichem Gebiet dem VDI übertragen wurden."/16/
Die nationalsozialistische und militärische Ausrichtung des VDI erfolgte mit einer
derartigen Perfektion, dass ihm 1937 auf seiner Jahreshauptversammlung in Kiel
von Dr.-Ing. Fritz Todt bescheinigt wurde, dass er als stärkste Säule des NSBDT
den Weg der "inneren Umstellung im Laufe der zurückliegenden drei Jahre
erfolgreich und im richtigen Tempo" gegangen sei. Er habe es verstanden, sich mit
seinen Einrichtungen "in ganz hervorragendem
Maße an den großen Aufgaben zu beteiligen, die gerade das Dritte Reich der
Technik gestellt hat."/17/
In ähnlicher Form verlief die Entwicklung in allen anderen Ingenieurverbänden./18/
So bekannte z. B. der Verband Deutscher Diplom-Ingenieure (VDDI) unmittelbar
nach der Machtübernahme, dass er seit seiner Gründung im Jahre 1909 auf dem
Führerprinzip aufgebaut und seitdem an vorderster Front "im Kampf gegen
Liberalismus, Reaktion und Marxismus"/19/ gestanden habe. Er folge "begeistert
und geschlossen dem Rufe unseres Führers im Ringen um die Ehre und Freiheit
der Nation"/20/ Der VDDI, der 1933 etwa 10000 Mitglieder zählte, schloss sich
unmittelbar nach Januar 1933 der Gruppe um Feder an, geriet aber in den
folgenden Jahren, letztlich wegen seiner hartnäckigen Versuche, eine führende
Rolle unter den technischen Verbänden zu spielen, mit der NSDAP in Konflikt und
löste sich schließlich 1938 auf.
Im Januar 1934 hatte der VDDI einen Arierparagraphen in seine Satzung
aufgenommen. Seitdem fand man in der Liste seiner Gründungsmitglieder keinen
Namen prominenter jüdischer Ingenieure und Hochschullehrer mehr. Gestrichen
wurde z. B. der Name Georg Schlesingers, der schon zuvor seine Professur an der
HORLAMUS
KAPITEL
1
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Technischen Hochschule in Berlin verloren hatte. Seit 1904 hatte Schlesinger an
dieser Hochschule den Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe inne.
In seiner Vorlesungsreihe "Fertigung, Fabrikbetriebe und Fabrikorganisation"
kombinierte er technische und betriebswirtschaftliche Fragestellungen und schuf
schon 1918 eine "Arbeitsstelle für industrielle Psychotechnik", die später zu einem
eigenen Institut ausgebaut wurde. Seine Studien zum amerikanischen Taylorsystem
regten beispielsweise 1925 in dem Zwickauer Horch-Automobilwerken
umfangreiche Rationalisierungen an, die eine Produktionssteigerung der
Automobilproduktion von 1,8 auf 10 Stück pro Tag zur Folge hatte.
Widersprüchlich stellte sich die Lage in der Privatindustrie dar. Zum Teil beugte
man sich devot der antisemitischen und "antimarxistischen" Personalpolitik des
nationalsozialistischen Regimes, brachte ihr aber unter Umständen auch
erheblichen Wider, stand entgegen. Das modernste und leistungsfähigste Potential
angewandter Naturwissenschaft und Technik befand sich nämlich in den
Forschungseinrichtungen der wissenschaftsintensiven Konzerne. Dort ließ man sich
von übergreifenden Naziaktivisten nicht ohne weiteres hineinregieren. Zum einen
war die Personalpolitik der Konzerne schon von jeher darauf ausgerichtet, bei den
hier beschäftigten Ingenieuren, Technikern und Wissenschaftlern unbedingte
Konformität mit den Interessen der Unternehmensführung zu sichern. Andererseits
waren die Interessen einiger Konzerne nicht so absolut auf die Nazipartei
festgelegt, dass sich für diesen oder jenen hochbegabten und nicht zu sehr
"belasteten" Fachmann, dem das Berufsbeamtengesetz ein Verbleiben in
staatlichen Institutionen oder höheren Bildungseinrichtungen unmöglich gemacht
hatte, nicht noch einen Unterschlupf in einer industriellen Forschungsstätte finden
ließ. Dies hatte nichts mit aktivem Antifaschismus, viel aber mit einer Strategie
geschickter Profitsicherung zu tun./21/
Letztlich wurde mit der dritten Entlassungswelle in den Jahren 1937/38 jenen
jüdischen Industrieforschern und Ingenieuren die Existenz unmöglich gemacht,
HORLAMUS
KAPITEL
1
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welche noch als Mitarbeiter jüdischer Firmen oder als selbständige Beratende
Ingenieure oder aber als stille Teilhaber von Firmen hatten überleben können./22/
Wolfgang Mock untersuchte in einem vom VDI unterstützten Forschungsprojekt die
Umstände und Lebensverhältnisse der jüdischen Ingenieure, die aus Deutschland
und Österreich nach Großbritannien emigrierten. Dabei schätzte er die Zahl der
deutschsprachigen Ingenieure, die aus Wirtschaft, Industrie und Hochschulen
vertrieben, vor den faschistischen Judenverfolgungen fliehen konnten und in die
USA, nach Großbritannien, Palästina, in das britische Empire und nach Südamerika
emigrierten auf 2500./23/ Unvergleichlich höher muss die Zahl jener jüdischer und
"marxistischer" Ingenieure und Wissenschaftler gewesen sein, die nicht emigrieren
konnten. Sie wurden zunehmend aus der Gesellschaft ausgegrenzt und führten in
den Jahren nach 1933 mit ihren Familien ein Leben auf Abruf. In den meisten Fällen
folgte den Demütigungen der Abtransport in die Zuchthäuser und
Konzentrationslager, wo viele den Tod fanden. 81 Prozent der deutschen Juden
wurden in den faschistischen Konzentrationslagern ermordet oder erlagen den
Torturen der SS-Schergen in diesen Lagern./24/ Unter ihnen waren Menschen
jeden Alters und Geschlechts sowie aller Berufsgruppen.
HORLAMUS
KAPITEL
1
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1.2. Die Militarisierung von Wissenschaft und Technik
Seit 1933 wurde systematisch alles, was sich in der Sphäre von Wissenschaft und
Technik unmittelbaren Rüstungszwecken unter, ordnen ließ, durchgreifend von den
faschistischen Machthabern militarisiert und auf die Kriegsvorbereitung
ausgerichtet. Die Großindustrie setzte sich im Verein mit der neuen Regierung für
die Aufhebung aller Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg auferlegten
Rüstungsbeschränkungen ein. Beispielsweise verabschiedete der Reichsverband
der Deutschen Eisenindustrie am 16. Januar 1933 eine Denkschrift, die dem Chef
des Heereswaffenamtes Generalleutnant Alfred von Vollard-Bockelberg zu den
Genfer Verhandlungen über die internationale Regelung von
Kriegswaffenherstellung und -handel übergeben wurde. Darin wurde gefordert:
"Auf Grund der prinzipiellen Anerkennung der Gleichberechtigung Deutschlands in
Rüstungsfragen
- nicht etwa erst in Verfolg einer Verständigung über
Kontrollkonventionen - muss das Kriegsgerätegesetz aufgehoben werden.
Die deutsche Privatwirtschaft muss auf Grund eingehender Erwägungen jede
Kontrolle von Kriegswaffenherstellung und Kriegswaffenhandel grundsätzlich
ablehnen."/25/
Am 14. Oktober 1933 verließ Deutschland schließlich die Abrüstungskommission,
da es volle Handlungsfreiheit für seine Wiederaufrüstung anstrebte. Fünf Tage
später erfolgte sein Aus, tritt aus dem Völkerbund. Die staatlichen Rüstungsaufträge
der Reichsregierung Hitlers erlangten schon 1934 eine überragende Bedeutung
gegenüber der sogenannten zivilen Arbeitsbeschaffung. Im April 1934 wurde
untersagt, unmittelbar und sogar vor Jahren begonnene öffentliche Arbeiten
fertigzustellen, wenn ihre militärische Bedeutung nicht klar erwiesen war./26/
Führende Politiker der NSDAP im Ingenieursstand wie Feder, Speer und Todt
HORLAMUS
KAPITEL
1
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spielten eine dominierende Rolle bei der ideologischen Ausrichtung der Natur- und
Technikwissenschaftler, der Ingenieure sowie Techniker auf die Kriegsziele
Hitlerdeutschlands. Spitzenunternehmer, die oft auch in den Vorständen von
wissenschaftlich-technischen Vereinen saßen, unterstützten diesen Kurs
bekanntlich massiv materiell und ideell. Kanonenkönig Krupp beispielsweise, der
der Vorsitzende eines im Mai 1933 gegründeten Kuratoriums "Adolf-Hitler-Spende
der deutschen Wirtschaft" war, zählte mindestens seit 1943/27/ zu den Vorstands,
mitgliedern des VDI, dem größten technisch-wissenschaftlichen Vereins im NSBDT.
Dem Rüstungsbeirat des Reichwehrwirtschaftsministeriums gehörten Vertreter der
wichtigsten Konzerne, die einst den guten Ruf der deutschen Industrie und Technik
mitbegründeten, an. Genannt seien hier Robert Bosch, Konrad von Borsig, Wilhelm
Keppler, Carl Krauch, Paul Reusch, Hermann Röchling, Carl Friedrich von Siemens,
Fritz Springorum, Fritz Thyssen und Albert Vögler./28/
In diesen Kreisen war man sich dessen voll bewusst, dass Hitler und seine engsten
Gefolgsleute Kurs auf einen Krieg nahmen. Dem Rüstungsbeirat gehörten jene
einflussreichen Vertreter aus Wissenschaft und Technik an, die als Unternehmer
und intellektuelle Manager, als Geldgeber, konzeptionelle Denker und Strategen im
faschistischen Machtapparat, in Rüstungsindustrie und "Wehrforschung" halfen, den
Krieg zielstrebig vorzubereiten und zu führen. Unter ihnen waren
Hauptkriegsverbrecher, die - soweit sie gefasst wurden und man sie nicht als
unersetzliche Industrieführer und Rüstungsfachleute unter den Schutz
verschiedener Alliierter Sonderkommandos stellte - nach dem 2. Weltkrieg von
internationalen Militärtribunalen wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die
Menschlichkeit und gegen den Frieden verurteilt wurden.
Der Fall Röchling sei hier exemplarisch geschildert: Im August 1936 richtete dieser
Industrielle, der 1934 vom Verband Deut, scher Ingenieure mit der Grashof-
Gedenkmünze ausgezeichnet worden war/29/, eine geheime und persönliche
Denkschrift an Hitler mit "Gedanken über die Vorbereitung zum Kriege und seine
HORLAMUS
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Durchführung". Darin bekannte er prophetisch: "Der kommende Krieg wird in erster
Linie ein Krieg der Technik sein, wobei höchste Technik, höchster Mannesmut und
größte Kraft zur Ertragung von Entbehrungen vielleicht den Sieg ermöglichen..."
Schließlich forderte Röchling unmissverständlich: "Jeder aus der Etappe, jeder aus
der Heimat muss auch an der Front seine Haut zu Markte tragen."/30/
Der Verfasser dieser Denkschrift war Geschäftsführer der Röchlingschen-Eisen-
und-Stahlwerke. Er saß in den Aufsichtsräten der Stahlwerke Röchling-Buderus, der
Heinrich Lenz AG, der Commerzbank, der Brown-Boweri AG in Mannheim, der
Maschinenfabrik Buckau R. Wolf AG in Magdeburg und in den Grubenvorständen
Hastenbach und Carl Alexander in Basweiler. Er gehörte zudem den Vorständen der
großen Industrieorganisationen und der technische- wissenschaftlichen Vereine, so
denen des Reichsverbandes Deut, scher Industrie und des Vereins Deutscher
Eisenhüttenleute, an. Als Wehrwirtschaftsführer trug Röchling für die Umstellung
fast der gesamten deutschen Eisen- und Stahlindustrie auf Kriegsproduktion
Verantwortung. Er gehörte also zu den 87 Monopolvertretern, die dem von Göring
gebildeten Wehrwirtschaftsrat angehörten. Sie wurden im Dezember 1938 zu
Wehrwirtschaftsführern mit weitreichenden Befugnissen ernannt. Während des
zweiten Weltkrieges dachte Röchling nicht daran, "an der Front seine Haut zu
Markte" zu tragen. Er übernahm als Vorsitzender der Reichsvereinigung Eisen im
Wirtschaftsstab Ost, einer ebenfalls Hermann Göring unterstellten
kriegswirtschaftlichen Spezialorganisation zur Ausplünderung okkupierter Gebiete
in Polen und der Sowjetunion, die "Patenschaft" über die Eisen- und
Stahlproduktion jener Territorien.
Im besetzen Frankreich wirkte Röchling in den Departements Moselle und Meurthe
et Moselle als "Reichsbeauftragter" der Eisenindustrie. Das berüchtigte
Konzentrations- und Arbeitslager Etzenhofen wurde unter der Bevölkerung das
"Privat-KZ Röchling" genannt. Hermann Röchling wurde im Juli 1948 von dem
Generaltribunal der französischen Regierung wegen Verbrechen gegen den
HORLAMUS
KAPITEL
1
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Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sieben
Jahren Gefängnis verurteilt. Im Berufungsverfahren wurde dieses Urteil im Januar
1949 auf zehn Jahre Gefängnis erhöht./31/
Doch nicht alle exponierten Vertreter, die der technischen Intelligenz zuzurechnen
sind, unterstützten den Kriegskurs des faschistischen Regimes. Einer von ihnen war
der Mitbegründer und erste Vorsitzende des Normenausschusses der Deutschen
Industrie (NADI) und einstige VDI-Direktor (1920 - 1932), Waldemar Hellmich.
Zunächst erhoffte sich Hellmich vom Nationalsozialismus eine neue Sinngebung für
das technische Schaffen/32/, trat aber schon nach ersten Erfahrungen mit dem
Nationalsozialismus von seinem Direktorenposten zurück und leitete dann in
Süddeutschland einen Industriebetrieb.
Mehrheitlich wurde jedoch die wissenschaftlich-technische Intelligenz durch
Wehrdienst und Dienstverpflichtungen in der Rüstungsindustrie einer dem Frieden
dienenden Arbeit entfremdet. Bereits im ersten Kriegsjahr zog die Wehrmacht etwa
ein Drittel aller Wissenschaftler zum aktiven Militärdienst ein. Für alle laufenden
Forschungen, die nicht "kriegswichtig" waren, hatte dies entscheidende
Konsequenzen. Die Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Konstrukteure
wurden fast ausschließlich an ihrem Beitrag für die Rüstung gemessen.
Da man für die Kriegsführung vor allem Soldaten brauchte, wurden auch immer
weniger junge Männer zum Studium zugelassen (Vgl. Tabelle 2). Die Anzahl der
Studenten wurde drastisch vermindert, ganz abgesehen davon, dass die
Universitäten und Hoch, schulen jüdischen Studenten verschlossen blieben. Jede
effektive Ausbildung der zugelassenen Studenten wurde mehr und mehr unmöglich
gemacht. Arbeitsdienst und Wehrpflicht beanspruchten Jahre potentieller Arbeit,
und auch während der eigentlichen Ausbildung lag der Nachdruck gänzlich auf der
"Stählung" von Körper und Charakter und nicht auf der Entwicklung der Intelligenz.
Intellektuelles Streben, insbesondere jeder Versuch zu kritischer Objektivität,
wurden zu definitiven Schranken für das Vorwärts, kommen./33/ Besonders
HORLAMUS
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36
verstärkt widmete man sich der Ausbildung von Wehrtechnikern und Ingenieur-
Offizieren. Ebenso wurde die Ausbildung von Diplomingenieuren für die
Rüstungsbetriebe und Rüstungskommandos an allen Fakultäten der Technischen
Hochschulen vorangetrieben./34/ Was hier als nationale Verantwortung der
Ingenieure und Wissenschaftler verstanden wurde, nämlich sich mit dem beruflichen
Können und Wissen für die Rüstungsziele und die Kriegspolitik der NSDAP
einzusetzen, sollte sich später als verantwortungslos und Unglück für das deutsche
Volk und für die von ihm unterjochten Völker Europas erweisen.
Tabelle 2: Studierende an Technischen Hochschulen und Bergakademien im
Deutschen Reich von 1929/30 bis 1941
Jahr
Technische
Hochschulen
Bergakademien
1929/30
22.650
424
1930/31
23.749
452
1931/32
22.540
400
1932/33
20.431
363
1933/34
17.104
298
1934/35
13.099
203
1935/36
11.794
214
1936/37
10.776
200
1937/38
9.466
180
1938/39
11.092
196
1939/40
6.184
-
1941(1)
6.955
113
/35/
Nachdem im Winter 1941/42 die Blitzkriegsstrategie gescheitert war, wurde
HORLAMUS
KAPITEL
1
37
versucht, dem staatsmonopolistischen Lenkungsmechanismus auf dem Gebiet der
Rüstung und Rüstungsforschung mehr Effizienz abzuzwingen. In enger
Zusammenarbeit mit den führenden Vertretern des Kapitals engagierten sich hier
vor allem die Reichsminister für Bewaffnung und Munition Todt und Speer. Ein
Ergebnis dieses Zusammenwirkens bestand z. B. darin, dass neben den
traditionellen Bereichen der Schwerindustrie mehr und mehr die chemischen und
elektrotechnischen Konzerne eine höhere rüstungsstrategische Wertigkeit und
damit lukrative Aufträge erhielten. Es gab eben nur die drei Industriezweige, die
groß genug und hinreichend monopolisiert waren, um sich wissenschaftliche
Forschung dieser Größenordnung leisten zu können. Die Wissenschaftler und
Ingenieure verweigerten sich nicht. Im Vorfeld des 2. Weltkrieges wurde übrigens
von den Regierungen aller entwickelter Industrienationen Wissenschaft und Technik
als nützliches militärisches Hilfsinstrument angesehen. In Hilterdeutschland wurde
Wissenschaft und Technik schließlich ausschließlich diesem Zweck untergeordnet.
Der einst unter der Präsidentschaft Beckers gegründete Reichsforschungsrat hatte
den Erwartungen der Naziführerschaft nicht entsprochen. Karl Becker beging 1940
Selbstmord. Im Juni 1942 wurde unter dem Druck der sich verschlechternden
militärischen Lage auf Initiative Speers ein zweiter Reichsforschungsrat gebildet. Mit
Göring an der Spitze und unter energischem Einfluss der forschungsintensiven
Industriekonzerne sollten die Forschungsergebnisse der führenden Männer der
deutschen Wissenschaft und Technik für die Kriegsführung zusammengefasst zu
höchsten Ergebnissen führen. Die Forschungsgruppenleiter wurden zum großen
Teil aus dem ersten Forschungsrat übernommen./36/ Dem Schutz der
Zivilbevölkerung vor den im Herbst und Winter 1942 immer stärker werdenden
Bombenangriff widmete man sich kaum.
Manfred von Ardenne, der am 2. Januar 1945 durch Göring in den
Reichsforschungsrat berufen wurde, berichtet in seiner Autobiographie über seine
vergeblichen Bemühungen, Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung
HORLAMUS
KAPITEL
1
38
anzuregen. Unter dem Eindruck der Bombardements im zweiten Halbjahr des
Jahres 1942 hatte er eine Denkschrift mit konkreten Vorschlägen zur Bildung eines
wissenschaftlichen Rates verfasst: "Dabei stimulierte mich," so von Ardenne, "das
starke Interesse des später im Zusammenhang mit den Ereignissen des 20. Juli
1944 hingerichteten Generalmajors Thiele und des Chefs der Berliner
Rüstungskommandos, Generalmajor Hillert. Diese beiden Generäle, die sich
vielfach für die Milderung des hereinbrechenden Unglücks verwandten, erhofften
von einem wissenschaftlichen Rat neue Einflussmöglichkeiten auf die 'Nach mir die
Sintflut-Weisungen der letzten Hitlerzeit."/37/
Ardennes und auch ähnlich geartete Bemühungen von anderen Forschern - wie z.
B. von Max Planck - zur Schaffung eines Einflussinstrumentes in Richtung Vernunft,
Menschlichkeit, Zivilbevölkerungsschutz scheiterten jedoch. Hier spiegelte sich nicht
schlechthin die Missachtung von Wissenschaft und Technik durch die Gefolgsleute
der NSDAP, sondern deren bewusste Missachtung des Menschen wider. "Und," so
resümiert von Ardenne, "gegen diese waren Gesuche, Empfehlungen und
Denkschriften, wissenschaftliche Räte und Kommissionen, war das ganze
Instrumentarium zur Beschwörung der Vernunft machtlos, sinnlos, ja vielleicht sogar
gefährlich, weil es selbst bei scharfer subjektiver Distanz objektiv in mancher
Situation immer noch etwas Loyalität des Verhaltens ein, schließen konnte."/38/
Manch ein Wissenschaftler sah deshalb das "Ausweichen" auf Gebiete der
Grundlagenforschung als Möglichkeit an, sich den gesellschaftlichen Zwängen der
Instrumentalisierung von Wissenschaft und Technik für den Krieg zu entziehen.
Ab September 1943 setzte sich der Reichforschungsrat gegenüber der Wehrmacht
für die Entpflichtung von 5000 Naturwissenschaft, lern und Ingenieuren ein. Noch
hegte man nämlich Hoffnungen, dass von ihnen entwickelte "Wunderwaffen"
kriegsentscheidende Wirkungen ausgehen könnten. Bis Ende 1943 waren jedoch
lediglich 25 Prozent der angeforderten Wissenschaftler und Techniker von der
Wehrmacht entlassen worden./39/
HORLAMUS
KAPITEL
1
39
Ansporn zum "Durchhalten" sollten z. B. einem von Kriegsmüdigkeit gezeichneten
deutschen Volk die mit viel Propagandalärm umgebenen "Vergeltungs-Waffen" sein.
Nachdem die englische Luftwaffe im August 1943 die Raketenschmiede
Peenemünde an der Ostsee weitgehend zerstört hatte, bauten die
nationalsozialistischen Machthaber den Kohnstein, eine Hügelkette bei Nordhausen
in Thüringen, zum Zentrum der Produktion der sogenannten V 2-Waffen und des
Strahlflugzeuges Me 262 aus. Tief unter der Erde wurde hier fieberhaft die
Entwicklung und Produktion dieser Kriegswaffen vorangetrieben. Seit Ende 1943
wurden 35 Rüstungsforschungsstellen von Universitäten, wissenschaftlichen
Institutionen, Rüstungskonzernen und Firmen in diesem Komplex angesiedelt und
organisatorisch in der Entwicklungsgemeinschaft Mittelbau zusammengeschlossen.
Das Forschungs- und Entwicklungspotential er, reichte hier einen sehr hohen
Konzentrationsgrad. Im Frühjahr 1945 waren im Mittelbaukomplex etwa 7750
Wissenschaftler und Techniker tätig./40/
60 000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager "Mittelbau Dora" presste die SS in
den bombensicheren Stollen zur Arbeit. Mehr als 20 000 Menschen kamen in
diesem Lager ums Leben. Als "Geheimnis, träger" sollten die Häftlinge, die aus
verschiedenen Ländern kamen, nach Anweisung der Lagerkommandantur das
Lager "nur über den Schornstein" wieder verlassen dürfen./41/ Ähnlich sah es in
anderen unterirdischen Produktionsanlagen aus. Der Unmenschlichkeit der SS-
Soldateska stand die Brutalität, mit der die Flugzeugindustriellen "ihre" KZ-Häftlinge
behandelten, in nichts nach. Die Lebensverhältnisse in den Stollen bei Gusen zum
Bei, spiel, wohin Messerschmitt den Hauptteil der Produktion von Me- 262-
Flugzeugen verlagern ließ, waren - wie der Historiker Olaf Groehler schreibt - nach
Zeugenaussagen "schlimmer als die Hölle, waren schlimmer als der Steinbruch von
Mauthausen; die Zivilisten bei Messerschmitt waren schlimmer als die SS"./42/
Und in nichts unterschieden sich diese Verhältnisse, von denen bei Heinkel in
Oranienburg oder in Barth, von denen bei BMW, Dornier oder Siemens. Im März
HORLAMUS
KAPITEL
1
40
1944 wurden 36 000 KZ-Häftlinge von der Flugzeugindustrie ausgebeutet, ihre
Anzahl sollte auf 90 000 erhöht werden. Ein Großteil davon rekrutierte sich aus
ungarischen Juden, von denen die Industrie 12 000 anforderte, die von der SS ab
27. Juni 1944 "gebündelt" zu je 500 "Stück" "abgegeben" wurden. Für die
Verlagerung der Flugzeugindustrie in bomben, sichere unterirdische Stollen und
Hallen wurden zunächst 100 000 KZ-Häftlinge eingesetzt. Die bedeutendsten
unterirdischen Fabrik, anlagen befanden sich, wie schon erwähnt, im Kohnstein
(Mittel, werk GmbH) sowie für die Produktion der Me 262 von Messerschmitt in
Kahla und Kammsdorf, für Junkers in Staßfurt, für AGO bei Aschersleben, für
Henschel bei Berlin, für Daimler-Benz bei Heidelberg und für BMW bei Markirch./43/
Die Entscheidung zur Produktion der V-Waffen war bereits gefallen, nachdem der
Atomphysiker Werner Heisenberg im Frühsommer 1942 vor Speer, Milch und
anderen Führern der NSDAP erklärte, dass es aus wirtschaftlichen Gründen nicht
möglich sei, in kürzerer Frist eine deutsche Atombombe herzustellen. Wegen der
immer komplizierter werdenden Kriegslage und der wirtschaftlichen Situation
Deutschlands wurde entschieden, dass die Anstrengungen der Wissenschaftler auf
den Bau einer "Uranmaschine" zu konzentrieren seien./44/ Der Verzicht der
Wehrmachtsführung auf die Weiterarbeit an einer Atomwaffe ersparte den am
Uranproblem arbeitenden deutschen Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern
eine schwere moralische Entscheidung, vor die sie durch einen Befehl zur
Herstellung einer einsatzfähigen Atombombe gestellt worden wären. Am 7.Juli 1943
setzte Hitler das A 4-Programm an die Spitze der Dringlichkeitsstufen des
deutschen Rüstungsprogramms. "Apparat 4" nannten die Entwickler simpel die von
der Nazipropaganda als "Wunderwaffe" offerierte V 2.
Nach 1942 - nachdem die Wehrmachtsführung das Interesse an der militärischen
Nutzung der Atomenergie verloren hatte - wurden in der Gruppe um Heisenberg die
Versuche mit dem Kernreaktor fortgesetzt. Dies geschah vor allem aus dem Motiv
heraus, wie Heisenberg bekundete, die Forschungsergebnisse für die Zeit nach
HORLAMUS
KAPITEL
1
41
dem Kriege zu nutzen./45/ Heisenbergs Haltung war also zwiespältig. Er war sich
offenbar über das Ausmaß der Gefahr nicht bewusst, als er die Leitung des
deutschen "Uranprojektes" übernahm und sich nicht verweigerte. Ihm kam
entgegen, dass die Wehrmachtsführung nicht voll den militärischen Wert einer
Atombombe ermessen und kalkulieren konnte. Er verstand es, dem Gremium den
ungeheuren Entwicklungsaufwand und die Kosten so drastisch zu schildern, dass
unter den komplizierten Kriegsbedingungen Abstand von der Arbeit an der Bombe
genommen wurde. Heisenberg empfand zwar die Vorstellung, dass Hitler die
Atombombe in die Hand bekommen könnte, als grässlich./46/ Aber nicht alle am
deutschen Uranprojekt Beteilig, ten dachten so.
Aufzeichnungen von Gesprächen der in englischer Gefangenschaft befindlichen
deutschen Atomwissenschaftler/47/ vom 6.August 1945 zufolge äußerten sich die
Anwesenden sehr unterschiedlich zu dieser Frage. Während Otto Hahn als einer
der Entdecker der Urankernspaltung tief erschüttert von der Nachricht des us-
amerikanischen Atombombenabwurfes über Hiroshima war und spontan äußerte:
"Damit habe ich nichts zu tun!"/48/, äußerte sich Prof. Walther Gerlach, der seit
1944 im Reichsforschungsrat Bevollmächtigter für Kernphysik des Reichsmarshalls
Göring war, bekümmert, dass es Deutschland im Gegensatz zu den USA nicht
gelungen sei, die Atombombe herzustellen/49/. Otto Hahn, der selbst nicht am
Uran-Projekt des Heereswaffenamtes beteiligt war, bekannte in seiner
Autobiographie: "Ich hätte unter allen Umständen abgelehnt, an einer Atombombe
mitzuarbeiten."/50/ Walther Gerlach gehörte 1957 zu den Mitunterzeichnern der
Göttinger Erklärung, die am 13. April 1957 vom Leiter des Max-Planck-Instituts für
Physik in Göttingen, Prof. Dr. Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker, im Namen
von 18 deutschen Atomwissenschaftlern veröffentlicht wurde, und in der die
Unterzeichner ihre Sorge und ihre Bedenken zu den Plänen einer atomaren
Bewaffnung der Bundeswehr zum Ausdruck brachten.
Warum damals Natur- und Technikwissenschaftler das hitlerdeutsche
HORLAMUS
KAPITEL
1
42
Kernwaffenprojekt überhaupt angingen, versuchte David Irving aus den Gesprächen
vom 6. August 1945 folgendermaßen zusammenzufassen: "Abgesehen von ihrer
natürlichen Wissbegier und dem Wunsch 'dabei zusein', wenn große Entdeckungen
gemacht wurden, gab es noch andere Gründe. Mattauch erklärte es: Wir waren froh,
weil es uns die Möglichkeit gab, unsere jungen Männer vor der Einberufung zu
schützen und die wissenschaftliche Forschung auf die Weise fortzusetzen, an die
wir gewöhnt waren. Und als einer der jungen betroffenen Physiker gab von
Weizsäcker an, dass er die Aufträge für militärische Forschungen im Jahr 1939 vom
Heereswaffenamt angenommen habe, weil seine anderen Forschungen ihn nicht
vom Wehrdienst befreit hätten."/51/
Dieses Erklärungsmuster bleibt jedoch insofern unvollständig, da zumindest die
aktiven Parteigänger der NSDAP unter diesen Wissenschaftlern den Willen hatten,
dem "Führer" eine "Wunderwaffe" mit bis dahin unbekannter Wirkung für den
"Endsieg" in die Hände zu geben. Ihren Beleg findet diese These in der Erklärung
Dr. Bagges, die Irving einige
Seiten zuvor zitierte. Bagge warf in der
Gesprächsrunde von Fram Hall ein: "Ich halte es für wider, sinnig, dass von
Weizsäcker erklärt, er habe nicht gewollt, dass die Arbeit Erfolg hat: Das mag für
seinen Fall zutreffen, aber nicht für uns alle."/52/ In Kriegszeiten konnten
Wissenschaftler und Ingenieure natürlich stets davon überzeugt werden, dass die
Sache ihres Landes gerecht sei und dass sie sich daher ohne Gewissensbisse der
Verbesserung der Kriegskunst verschreiben könnten. Das war bereits im Ersten
Weltkrieg so, und man verhielt sich im Zweiten Weltkrieg nicht anders, zumal es die
Nationalsozialisten mit ihrer raffinierten Propaganda und Demagogie immer wieder
verstanden, den Krieg als erforderlich und gewinnbar darzustellen. Die
Entscheidung zur Teilnahme an der Rüstungsforschung und -entwicklung zur
Vervollkommnung der Kriegstechnik wurde dabei den Ingenieuren und Technikern
durch die Alternative erleichtert, entweder Gefängnis oder aber einen noch
unerfreulicheren direkten Militärdienst in Kauf nehmen zu müssen. Hinzu kam, dass
die Wissenschaftler nicht damit zufrieden waren, an materiellen Zerstörungen
HORLAMUS
KAPITEL
1
43
mitzuwirken, sondern dass sie sich verpflichtet fühlten, Wissenschaftler und
Ingenieure sowie Wissenschaft und Technik der Feindesländer zu verunglimpfen.
Jedes Quäntchen von wissenschaftlichem Internationalismus war
verlorengegangen./53/
Dem deutschen Volk blieb im Gegensatz zum japanischen Volk die grausame
Erfahrung mit der Atombombe als Mittel der "Kriegsentscheidung" erspart. Noch
während des Zweiten Weltkrieges musste der deutsche Kernreaktor wegen der
zunehmenden angloamerikanischen Luftangriffe auf Berlin nach Haigerloch bei
Stuttgart umgesetzt werden. Das für den Reaktor benötigte Schwere Wasser
versiegte bald, denn am 27. März 1943 gelang es britischen Kommandotrupps und
norwegischen Widerstandkämpfern das im von Deutschland okkupierten Norwegen
gelegene Kraftwerk Norsk Hydro, das Schweres Wasser für die deutsche
Atomforschung herstellte, zu sprengen./54/ Der im württembergischen Haigerloch
wiedererrichtete, nie kritisch gewordene deutsche Atomreaktor wurde Mitte April
1945 durch eine us-amerikanische Spezialeinheit demontiert und
abtransportiert./55/
Die V-Waffen, sowohl die Flügelbomben vom Typ Fi 103 ("V 1") wie die A 4-
Raketen ("V 2"), erzielten - obwohl militärtechnisch bedeutsam - aus einer Reihe
von Gründen nicht die erstrebte militärische Wirkung, zumal sie kaum gegen
militärische Objekte eingesetzt wurden. Die Fi 103 war eine reine Terrorwaffe, die
dazu bestimmt war, Panik und Einsetzen vor allem unter der britischen
Zivilbevölkerung zu verbreiten. Nach einer missglückten Generalprobe am 12. Juni
1944 befahl die faschistische Führung am 16. Juni 1944 den Fernbeschuss
Londons. 244 Projektile wurden gestartet. Bis zum 22. Juni 1944 waren es 1 000
Stück. Insgesamt wurden bis zum 29. März 1945 10 492 Projektile gegen Ziele in
Südengland und gegen London verschossen. Über 3 000 fielen sofort nach dem
Start durch technische Mängel aus. Von den übrigen 7 488 wurden 1 847 von
britischen Jagdflugzeugen, 1 878 von Flakartillerie und 232 von Ballonsperren
HORLAMUS
KAPITEL
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44
abgefangen. 2 419 fielen auf London, der Rest auf Südengland. Insgesamt wurden
von den Flugkörpern 6 363 Engländer getötet und 17 981 verletzt. Dank der
wirksamen britischen Luftverteidigung, die sich mit großem Erfolg rasch auf die
Abwehr dieser Waffe einstellte, sowie durch ein ausgedehntes Warnsystem blieben
die Auswirkungen dieser Angriffe begrenzt. Ab Ende 1944 wurden auch Antwerpen
(8 696 Stück) und Lüttich (3 141 Stück) beschossen./56/
Mit der A 4, der sogenannten V 2, die vom Heereswaffenamt unter Leitung von
Walter Dornberger und Wernher von Braun in Peenemünde entwickelt worden war
und dann im Kohnstein und in anderen Betrieben produziert wurde, besaß die
Wehrmacht eine Waffe, gegen die es 1944/45 noch keine Abwehr gab. Von diesen
blind wirkenden ballistischen Raketengeschossen, die wahl- und nahezu lautlos ihre
Opfer heimsuchten, wurden vom 8. September bis 13.Oktober 1944 21 auf Paris
gezielt, von denen 19 ihr Ziel erreichten, 1 403 richteten sich gegen London und
Südengland, von denen zwischen dem 8. September 1944 und 27. März 1945 1 054
einschlugen, und 2 050 gegen Antwerpen, Brüssel und Lüttich, die ab 13. Oktober
1944 in das Terrorbombardement einbezogen wurden.
Bis zum 5. April 1945 gingen 1 675 Raketen in Belgien nieder. Von 3 474 Projektilen
erreichten nur 2 748 das Zielgebiet. Jede fünfte Rakete fiel aus. Weitere 10 bis 12
Prozent aller V 2- Raketen mussten bereits vor dem Abschuss wegen technischer
Mängel an die Mittelwerk GmbH im Kohnstein zurückgegeben werden. Fast ein
Drittel dieser Raketen fiel demnach für den vor allem gegen die Zivilbevölkerung
gerichteten Einsatz aus./57/ Wie hoch dabei der Anteil zu bemessen ist, den
Häftlinge trotz strengster Überwachung durch Sabotage und anderen Formen des
Widerstandes an diesen hohen Ausfallquote hatten, wurde jüngst in der
Veröffentlichung, auf die schon Bezug genommen wurde, von den Historikern
Erhard Pachaly und Kurt Pelny untersucht./58/ Vielen Belgiern und Engländern
rettete der Widerstand der Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora das Leben. War die
Anwendung der V-Waffen zwar nicht mehr von kriegsentscheidender Bedeutung, so
HORLAMUS
KAPITEL
1
45
wurde sie doch von den Engländern zum Anlass genommen, um die
Luftkriegsführung gegen das Hinterland Hitlerdeutschlands zu verschärfen.
Die militärischen Entwicklungen deutscher Wissenschaftler und Konstrukteure auf
anderen militärtechnischen Gebieten - z. B. bei Luftwaffe und Marine sowie in der
Elektronik - beeinflussten trotz beachtenswerter Ergebnisse den Kriegsverlauf nicht
mehr./59/ Im Juli 1944 waren noch 14600 Mann in der Rüstungsforschung dienst,
verpflichtet und deshalb vom Fronteinsatz befreit./60/ Die Versuche, in letzter
Minute mit Hilfe eines massiven Kriegseinsatzes von Wissenschaft und Technik das
Blatt zu wenden, blieben selbst in der Führerschaft der NSDAP umstritten und
letztlich aussichtslos.
Auf kriegstechnischem Gebiet gewannen die Verbündeten der Antihitlerkoalition
eine erdrückende Überlegenheit. Beispiels, weise konnte die konsequente
Entwicklung des Radars in Großbritannien, die sich auf Forschungen von Watson-
Watt gründete, breit, gefächert eingesetzt, einen erheblichen Teil des
Aggressionspotentials der faschistischen Luftwaffe und U-Bootflotte lahm legen. In
Deutschland waren entsprechende Arbeiten, unter anderem von Manfred von
Ardenne, nicht beachtet worden./61/
Selbst Ansätze, im letzten Aufgebot die Rüstungskooperation unter eine
maßgebliche Verantwortung der Ingenieure zu stellen, waren nichts weiter als ein
hoffnungsloser technokratischer Versuch, den Untergang des Dritten Reiches
aufzuhalten. So forderte der Leiter des nationalsozialistischen Hauptamtes für
Technik und Reichswalter des NS-Bundes Deutscher Technik (NSBDT),
Reichsminister Albert Speer, in einem Appell zum Jahresbeginn 1944 die "Männer
der Technik" auf, "Schulter an Schulter mit dem bewährten Rüstungsarbeiter ... die
befohlenen Ziele durch äußerste Pflichterfüllung" für das kommende Jahr zu
erreichen, um die "entscheidende Probe" für die "unbesiegbare Front und den
Führer zu bestehen"./62/
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KAPITEL
1
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Am 9. Juni 1944 verkündete Speer vor Industriellen ein straf, fes Reglement.
Zukünftig sollten 21 Hauptausschüsse die Endfertigung der Rüstung verantworten
und 12 Ringe, die die hierzu notwendigen Zulieferungen zu gewährleisten hatten,
umfassend die wichtigste Rüstungs- und Kriegsproduktion steuern. Dieser
Organisationsmechanismus konnte sich - nach Speers Angaben - auf die
"ehrenamtliche" Mitarbeit von etwa 6000 Technikern und Ingenieuren aus den
Rüstungsbetrieben gründen. Ihnen wurde im Interesse der deutschen Kriegsführung
u. a. der "bedingungslose Erfahrungsaustausch ohne Rücksicht auf Schutzrechte"
abgefordert./63/
Der Verein Deutscher Ingenieure, der zum Beginn des 6. Kriegsjahres erneut "auf
die Aufgabe, die die Kriegslage fordert", ausgerichtet wurde, unterstützte diesen
Kurs bedingungslos. Er erfasste - wie es VDI-Vorsitzender Hanns Benkert, zugleich
Vorstandsmitglied der Siemens-Schuckertwerke AG, ausdrückte - mit 60000
Mitgliedern (vgl. Tabelle 3) "eine ganze Armee von Ingenieuren", die den Auftrag
hatte, "neben den Ringen und Ausschüssen des Reichsministeriums für Rüstung
und Kriegsproduktion in die Breite zu gehen."/64/
HORLAMUS
KAPITEL
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Tabelle 3: Mitglieder des Vereins Deutscher Ingenieure 1930 - 1944
Jahr
Mitgliederzahl
1930
30 788
1931
30 268
1932
29 513
1933
28 140
1934
29 450
1935
33 700 (ca.)
1936
36 300 (ca.)
1937
38 755 (ca.)
1938
42 856
1939
46 761
1940
50 120
1941
54 895
1942
57 349
1943
57 757
1944
60 000 (ca.)
/65/
Während so den Ingenieuren und Technikern scheinbar "höchste Verantwortung"
für den Ausgang des Krieges übertragen wurde, trafen einen Monat nach der Rede
Speers vor den Industriellen namhafte Beamte und Militärs des
nationalsozialistischen Staatsapparates mit führenden Vertretern der Industrie im
Strasbourger Hotel "Rotes Haus" zusammen, um zu beraten, wie man das
militärwissenschaftliche und rüstungstechnische Potential der deutschen Industrie
und, in enger Verbindung damit, Führungskräfte der NSDAP über den drohenden
HORLAMUS
KAPITEL
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Zusammenbruch hinwegretten könne.
Aus einem Agentenbericht jener Zeit an das US State Department ist zu entnehmen,
dass am 10. August 1944 in dem genannten Strasbourger Hotel zwei Sitzungen
stattfanden./66/ In der zweiten Sitzung, die von Dr. Bosse vom Reichsministerium
für Rüstung und Kriegsproduktion geleitet wurde und an der nur ein enger Kreis von
Eingeweihten, nämlich Vertreter von Heco, Krupp und Röchling teilnahmen, wurde
zum Ausdruck gebracht, dass der Krieg praktisch verloren sei. Er müsse aber so
lange fortgesetzt werden, bis eine Garantie der Einheit Deutschlands erlangt werde.
Es sei erforderlich, dass die großen Werke in Deutschland kleine technische
Dienststellen und Büros aufbauen, die völlig unabhängig erscheinen und in keiner
ersichtlichen Beziehung zu den Werken stehen. Diese Büros sollten Pläne und
Pausen von neuesten Waffen erhalten, ebenfalls alle Unterlagen, die sie benötigen,
um ihre Forschungen fortzusetzen. Weiterhin plante man, diese Büros in großen
Städten zu errichten, wo sie leicht verborgen werden könnten, oder in kleinen
Städten in der Nähe von Elektrizitätswerken, wo vorgegeben würden, sie
beschäftigten sich mit der Ausnutzung von Wärmeenergie. Die Existenz dieser
Büros sollte nur einem engen Kreis von Industriellen und Führungskräften der
NSDAP bekannt sein.
Man rechnete damit, dass nach dem Zusammenbruch die höchsten Führer der
NSDAP als Kriegsverbrecher verurteilt würden. Dennoch sollten eine Reihe weniger
bekannte, aber vertraute Mitglieder der NSDAP in Zusammenarbeit mit den
Industriellen als technische Spezialisten oder als Angehörige von Forschungs- und
Entwicklungsbüros in verschiedenen Fabriken Deutschlands untergebracht werden,
um sie zu gegebener Zeit wieder in politische und wirtschaftsleitende Ämter bringen
zu können./67/ Tatsächlich tauch, ten nach 1945 zahlreiche "Beauftragte"
verschiedener Konzerne auf, um eine politische Karriere in neu gebildeten
demokratischen Parteien zu starten.
So wandte sich beispielsweise der Siemens-Oberingenieur Georg Mierwald aus
HORLAMUS
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Werdau in Sachsen im Juli 1945 mit dem Wunsch an die Berliner Zentrale der
LDPD, eine demokratisch-liberale Volkspartei auf Ortsebene zu bilden. In einem
Organisationsbericht der LDPD des Landesverbandes Sachsen hieß es dazu:
"Zwickau ... bittet dafür zu sorgen, dass nicht von Berlin aus - wie in letzter Zeit
mehrfach geschehen - Bescheinigungen zur Gründung von Ortsgruppen ausgestellt
werden, die sich hinterher als ausgesprochene Fehlgriffe erweisen. So wurde für
Werdau ein Oberingenieur Mierwald von Siemens eingesetzt, der jetzt als Gestapo-
Agent und Nazi-Spitzel verhaftet worden ist."/68/
Ein anderer "Beauftragter" war Carl-Hubert Schwennicke. Er studierte 1926 bis
1931 Elektrotechnik und Wirtschaftswissenschaften in Berlin. Seit 1933 war er bei
der Siemens & Halske AG als Sachbearbeiter für Personalwesen sowie als
Direktionsassistent und seit 1936 als Referatsleiter tätig. Unter dem
Wehrwirtschaftsführer und Direktor von Witzleben wurde er schließlich 1942 als
handlungsbevollmächtigter Leiter des Angestelltenreferates bei der Siemens &
Halske AG und den Siemens-Schuckert- Werken AG eingesetzt. Am 6. August 1946
gelang es ihm, sich an die Spitze des Landesverbandes der Berliner LDPD zu
setzen, nachdem er zuvor bereits Stellvertreter des Vorsitzenden im Landesverband
war./69/
Zusammenfassend kann man feststellen, dass während des Krieges von den
meisten Ingenieuren und Techniker die Aufgaben erfüllt wurden, die Ihnen das
Regime im Rüstungsbereich und der Wehrforschung zuordnete. Manche von ihnen
waren sogar in politikwirksamen wissenschaftlich-technischen Gremien tätig und
halfen direkt, die Eroberungspolitik Hitlerdeutschlands mit ihrem spezifischen
Wissen und Können zu stützen. Allerdings lassen sich auch in diesem Falle keine
pauschalen Schlüsse ziehen. Das Maß der moralischen Schuld oder Mitschuld lässt
sich dort, wo es nicht von strafrechtlicher Relevanz war, nur schwer bestimmen.
Um die Wehrmacht mit hochmoderner Kampftechnik auszurüsten, tolerierten oder
billigten manche einflussreichen Rüstungsfachleute alle Mittel, mit denen dieses
HORLAMUS
KAPITEL
1
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Ziel erreicht werden konnte. Wernher von Braun wusste z. B. um die
Lebensbedingungen im KZ Mittelbau Dora, wo Häftlinge die von ihm und seinem
Entwicklerstab konstruierten V-Waffen produzierten, ohne dass er seinen Einfluss
gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen für die KZ- Häftlinge und gegen die
Züchtigungsmethoden, die die SS praktizierte, geltend machte.
Für viele Ingenieure und Wissenschaftler war es dagegen schwierig, sich einer
Verantwortung gegen ein verbrecherisches System bewusst zu werden, das sie in
ihrer Mehrheit zu jener Zeit selbst nicht voll durchschauten bzw. dem sie ideologisch
verfallen waren. Manch einer, der sich vor den Konflikt zwischen Ethik und
Pragmatismus oder Anpassung gestellt sah, entschied sich im Interesse des
eigenen Überlebens zugunsten eines pragmatischen Handelns. Die moralische
Verantwortlichkeit wurde in diesem Falle auf die Politiker abgeschoben. Unter der
Schutzbehauptung eines angeblich unpolitischen Wissenschaftlers und Technikers
konnte man mit einem ruhigerem Gewissen leben. Auf Grund des Verlaufes und
Ausganges des Krieges fühlten sich jedoch einige Ingenieure und Wissenschaftler
verpflichtet, ihre Verantwortung zu über, denken und Schlussfolgerungen für die
Zukunft zu ziehen. Andere wiederum wollten unbehelligt bleiben, wiesen jede
politische und ethische Verantwortung für das Geschehene von sich. Eine kritische
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fand bei ihnen nicht statt. Manch einer
nutze sich bietende Gelegenheiten, um in unverdächtiger Stellung als technischer
Berater zu fungieren oder Arbeitsangebote im Ausland wahrzunehmen.
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1.3. Ingenieure und Technikwissenschaftler wider den Krieg
Über Kriegsgegnerschaft und Widerstand von Technikern, Ingenieuren sowie von
Natur- und Technikwissenschaftlern während der Zeit des Faschismus gibt es
bislang keine geschlossene Überblicksdarstellung. Dies hängt u. a. mit dem Defizit
der DDR- Historiographie bei der Erforschung der Mittelschichten als soziale Körper
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammen./70/ Eine weitgehende
Erforschung dieser Seite der gesellschaftlichen Wirksamkeit bleibt jedoch für das
historische Selbstverständnis der technischen Intelligenz von Belang, zumal das
Wirken für die Beendigung des Krieges und ein vorbehaltloses
Friedensengagement in jener Zeit mehr und mehr zum wesentlichen Inhalt des
Antifaschismus wurde. Da der Widerstandskampf gegen Faschismus und Krieg sehr
vielfältig motiviert war und zudem nicht vorrangig sozialstrukturell determiniert wird,
lässt es sich ermessen, wo die Klippen bei der Erforschung dieses Gegenstandes
liegen. Anderseits gibt es vor allem von Wissenschaftshistorikern der DDR
Untersuchungen auf diesem Gebiet./71/
Dabei scheint es sich zu bestätigen, dass es unter mit elitärem Selbstverständnis
behafteten Mitgliedern der etablierten technisch-wissenschaftlichen Vereine weniger
aktive Antifaschisten als unter den einstigen Gewerkschaftsmitgliedern des Butab
gab. Die widerspruchs- und widerstandslos hingenommene Gleichschaltung der
Vereine mag nur ein Beleg dafür sein. Dagegen lassen sich unter den
gewerkschaftlich organisierten Technikern und Ingenieuren, die schon in der Zeit
der Weimarer Republik antifaschistisch gesinnt waren, jene Persönlichkeiten finden,
die durch Solidarität mit Verfolgten und Gleichgesinnten sowie mit konspirativen
Mitteln und Sabotage gegen Faschismus und Krieg aktiv wurden.
Ende der 20er Jahre gelang es beispielsweise den Ingenieuren Max Günther (SPD)
und Fritz Rossignol (KPD) im Berlin-Brandenburgischen Bund der technischen
Angestellten und Beamten zwischen sozialdemokratisch und kommunistisch
HORLAMUS
KAPITEL
1
52
orientierten Ingenieuren und Technikern eine antifaschistische Einheitsfront zu
bilden. Die von Rossignol organisierte kommunistische Gruppe im Butab zählte
1928 in Berlin 120 Mitglieder. Als sich Rossignol gegen eine von der KPD
geforderte Abspaltung dieser Gruppe und deren Aufnahme in die Revolutionäre
Gewerkschaftsopposition (RGO) aussprach und im Interesse der
Gewerkschaftseinheit an der Mitarbeit im Butab festhielt, wurde er von
linkssektiererischen Kräften der KPD 1929 aus der Partei ausgeschlossen./72/
Nach dem Verbot des Butab wurden Max Günther und Fritz Rossignol mehrfach von
den Nazis verhaftet. Sie beteiligten sich trotzdem immer wieder an verschiedenen
Widerstandsaktionen.
In der illegalen Arbeit hielten die erprobten
Gewerkschaftsfunktionäre zusammen, die als Ingenieure und leitende Angestellte
oft in recht wichtigen Funktionen der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet waren. Die
Gruppe verteilte antifaschistisches Druckmaterial, das zum Teil durch den Inhaber
der Deutschen Getriebe G. m. b. H. Mylius aus dem Ausland beschafft wurde und
half Angehörigen von verhafteten Antifaschisten und rassistisch Verfolgten. Sie
gewährte Fluchthilfe und verbarg zum Tode verurteilte Häftlinge. Ohne die in der
Weimarer Zeit in Gemeinschaft und Vertrauen geknüpften Kontakte wäre diese
Form des antifaschistischen Engagements unter den Bedingungen der Illegalität
kaum realisierbar gewesen.
Anfang 1943 trat der religiöse Sozialist Bernhard Göring an Max Günther heran.
Göring war einst Sekretär des Gewerkschaftsführers der Angestellten Siegfried
Auffhäuser und hatte nun in Berlin unter den Gewerkschaftern eine zentrale
Widerstandsgruppe gebildet. Die Aktionen, die diese Gruppe unternahm, wurden
mit dem früheren Vorsitzenden des AfA-Bundes Siegfried Auffhäuser, der ins
Ausland emigrieren musste, abgestimmt. So besaß Bernhard Göring zuverlässige
Informationen über die Putschvorbereitung gegen Hitler. Er bat Günther, an diesen
Aktionen mitzuwirken. Günther erklärte sich bereit und bezog dabei die noch aktiven
Butab-Leute und den kommunistisch orientierten Kreis um Rossignol ein. Günther
HORLAMUS
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53
berichtete darüber in der Deutschen Volkszeitung vom 20.Juli1945: "Obwohl ich
Bedenken bezüglich der Pläne der höheren Militärs hatte ..., gab ich die gewünschte
Zusage, denn es erschien mir ... wichtiger, eine Aktion zum Sturze Hitlers,
gleichgültig von welcher Seite sie komme, zu unterstützen."/73/
Günther unterrichtete die kleine Gruppe Berliner Funktionäre des verbotenen Butab
und den ehemaligen Vorsitzenden der Fachgruppe Metallindustrie. Rossignol
informierte die illegal arbeitende Ingenieur-Gruppe der KPD. Der ebenfalls mit ihnen
in Verbindung stehende Direktor der Leipziger Köllmann-Werke Dr. Wolf, gang
Heinze benachrichtigte einen anderen Kreis Berliner und Leipziger Intellektueller.
Anfang Juli 1944 erhielt Günther von Bernhard Göring die Information, dass die
Aktion gegen Hitler unmittelbar bevorstehe. Alle Eingeweihten wurden daraufhin in
erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Sie kamen jedoch nicht zum Zuge, da das
Attentat gegen Hitler bekanntlich scheiterte./74/
Insgesamt bleibt jedoch festzustellen, dass nur wenige Vertreter der
wissenschaftlich-technischen Intelligenz als konsequente Hitlergegner auftraten. Die
Mehrheit der Ingenieure und Wissenschaftler passte sich dem System an oder
resignierte vor wachsender Gewaltherrschaft und Rechtlosigkeit. Dass sich diese
soziale Gruppe im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen jedoch besonders
passiv oder reaktionär verhalten hatte, ist nicht belegt. Viele Intellektuelle
unterschätzten in den ersten Jahren nach 1933 noch die Stabilität der Diktatur und
den möglichen Spielraum des geistigen Widerstandes. Bald mussten sie aber
erkennen, dass offen bekundeter Antifaschismus in jenen Jahren lebensgefährlich
werden konnte. Manche sahen in der inneren Emigration die einzige Möglichkeit
des Auflehnens gegen das totalitäre Terrorregime.
Im Ausland konnten deutsche Emigranten mit anderen Mitteln gegen Krieg und
Faschismus vorgehen. Das umstrittenste Beispiel hierfür ist wohl die direkte oder
vermittelnde Mitwirkung aus Deutschland vertriebener Wissenschaftler und
Ingenieure am Bau der amerikanischen Atombombe. Vor allem die Sorge, dass die
HORLAMUS
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1
54
deutsche Wehrmacht zuerst diese Massenvernichtungswaffe in die Hände
bekommen könnte, um sie kriegsentscheidend einzusetzen, motivierte die
Beteiligten am Manhattan-Projekt.
Die im Lande verbliebenen Antifaschisten mussten sich den gesellschaftlichen und
politischen Bedingungen zumindest soweit anpassen, dass sie sich nicht vorsätzlich
den Gefahren von Verrat und Denunziation aussetzten. Dies war nicht leicht, wenn
sie trotzdem ihren humanistischen Idealen treu bleiben und etwas gegen den Krieg
unternehmen wollten. Und sie konnten sich aus dem System nicht herauslösen,
wollten aber ihre Menschenwürde bewahren. Obwohl viele Techniker, Ingenieure,
Wissenschaftler und Architekten wussten, wofür sie arbeiteten, konnten sie sich aus
existenziellen Gründen nicht verweigern. Auf die Vielschichtigkeit dieses Problems
macht z. B. der Architekt Hermann Henselmann in seinem autobiographischen Buch
"Drei Reisen nach Berlin" aufmerksam: "Ich musste, obwohl Antifaschist, dennoch
für die Faschisten bauen. Ich half beim Bau von Werken zur Erzeugung von
synthetischem Benzin in Ruhland und Zeitz. Sie wurden Produktionsanlagen auf der
Grundlage damaliger Spitzenleistungen von Wissenschaft und Technik. An ihnen
waren die führenden deutschen Baukonzerne ebenso beteiligt wie die AEG, Junkers
und die IG Farben. Ich arbeite mit etwa zehn Kollegen im Entwurfsbüro und in
engem Zusammenwirken mit allen Spezialisten. Wir waren nicht dumm genug, um
nicht zu wissen, dass diese Anlagen der Kriegsvorbereitung dienten. Wir sollten
Mitmacher, aber nicht Mitwisser sein. Selbst unser Chef Werner Issel, ein
bedeutender Industriebauer, der zum Beispiel das Großkraftwerk Klingenberg in
Berlin als Architekt geschaffen hatte, war alles andere als ein Nazi und kannte
meine Einstellung, obwohl oder gerade weil sein Sohn ein äußerst engagierter SS-
Mann war. Hin und wieder versuchte ich mich diesem Teufelskreis zu entziehen. Ich
arbeitete eine Zeit, lang für Berliner Wohnungsbaugenossenschaften..."/75/
Mancherorts führte die Auflehnung gegen Faschismus und Krieg politisch und
weltanschaulich unterschiedlich orientierte Menschen zusammen, wie in den
HORLAMUS
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1
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Darlegungen weiter oben bereits gezeigt wurde. Als weiteres Beispiel sei hier auf
die von dem Ingenieur Robert Uhrig geleitete Berliner Widerstandsorganisation
verwiesen. Diese Berliner Gebietsorganisation, die sich vor dem Krieg gebildet
hatte, knüpfte Verbindungen zu verschiedenen Widerstandsgruppen, deren
parteipolitische und soziale Zusammensetzung nicht homogen war. Robert Uhrig
wirkte mit Arbeitern, Handwerkern, Angestellten, Ärzten, Künstlern,
Wissenschaftlern sowie Vertretern der technischen Intelligenz zusammen. So hatte
er z. B. Kontakt zu einer Gruppe von Ingenieuren und Technikern der Deutschen
Waffen- und Munitionsfabrik AG. Eine weitere Beziehung der Uhrig-Gruppe gab es
zu dem bei der C. Lorenz AG in Berlin Tempelhof tätigen Mathematiker Dr. Josef
Naas./76/
Naas hatte während des Krieges einige parteilose Intellektuellen um sich
gesammelt, zu denen u. a. Dr. Karl Deutsch, Physiker bei der AEG, und Dr. Alfons
Kauffeldt, Angestellter bei der Firma Telefunken, gehörten. Letzterer hielt die
Verbindung zu Robert Uhrig aufrecht. In maßgeblichen Stellungen und mit
vielfältigen Einblicken in die Rüstungsindustrie Hitlerdeutschlands konnten diese
antifaschistischen Intellektuellen Informationen über
die Produktion, die
Rohstofflage, die Stimmung unter den Angestellten und aus Kreisen führender
Wirtschaftsfunktionäre zusammentragen, die für die mündliche und schriftliche
Aufklärung im Widerstand genutzt wurden./77/
Bedenkt man, dass ein hohes Maß der Rüstungsproduktion durch die "Mobilisierung
aller Häftlingsarbeitskräfte" der Konzentrationslager und durch Kriegsgefangene
geleistet wurde, so verdienen die Widerstandsaktionen unter den Häftlingen
besondere Beachtung. Die Front zog immer mehr Arbeitskräfte aus dem Lande ab.
Und nachdem die Blitzkriegsstrategie gescheitert war, fehlten immer mehr Waffen,
Ausrüstungsgegenstände und Munition. Der Riesenkonzern IG Farben erkannte als
einer der ersten den profitbringenden Wert der Häftlingsarbeitskraft bei einem
Einsatz in den konzerneigenen Betrieben. Andere Unternehmen folgten und griffen
HORLAMUS
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diese Erfahrung schnell auf. Der Einsatz von KZ-Häftlingen in der unmittelbaren
Rüstungsproduktion begann 1942, wurde 1943 gesteigert und brach bis zum Ende
des Krieges nicht ab. Verantwortlich für den Häftlingseinsatz war die SS./78/ Selbst
zu qualifizierteren Arbeiten setzte man Häftlinge ein. Dies geschah z. B. in der
Mittelwerk GmbH im Kohnstein, die u. a. die A 4-Rakete entwickelte und
produzierte. Speer notierte unter dem 30. September/1. Oktober 1943 im
"Führerhauptquartier": "... Die Abgabe von technischen Führungskräften aus den
Gefängnissen für die A 4 KZ Lager hält der Führer für durchaus richtig. Es soll
dieser Weg weiter verfolgt werden."/79/ In allen Bereichen und Abteilungen des
Mittelwerkes
- wie Montage, elektrische Geräte, Zellenbau, Presserei,
Oberflächenschutz und Maschinenfertigung - wurden die Arbeiten unmittelbar an
den Raketen fast nur von Häftlingen ausgeführt. In den Abteilungen
Werkserhaltung, Lager, wesen, Magazine und Transport arbeiteten, von wenigen
Ausnahmen abgesehen, ebenfalls ausschließlich Häftlinge. Die Häftlinge arbeiteten
an modernsten technischen Anlagen. Deshalb traf die Werksleitung besondere
Maßnahmen hinsichtlich des zu erwartenden Widerstandes der Häftlinge.
Trotzdem konnte im KZ-Mittelbau Dora eine internationale Widerstandsorganisation
unter Leitung des ehemaligen kommunistischen Abgeordneten des preußischen
Landtages Albert Kuntz wirksam werden. Kuntz stützte sich in seiner Arbeit auf den
Jagdflieger Oberleutnant Jelewoi aus Odessa, der unter dem Namen Semjon Grinko
im Lager lebte. Die französische Organisation vertrat Paul Blassy, die polnische
Janko Pobureny und Zbysek Dubinski. Eine Hauptaufgabe des Widerstandes war
die Sabotage. Elektroingenieure und Schwachstromtechniker wurden sofort von der
Widerstandsgruppe erfasst. Sie erhielten einen Arbeitsplatz bei der Montage der
Steuervorrichtung am Ende des Torpedos und hatten die Anweisung, die Produktion
mit allen Mitteln zu verlangsamen bzw. so zu stören, das kein Verdacht aufkommen
konnte. Die Sabotageakte an den V-Geschossen durften keinem Zufall überlassen
werden, wenn sie wirksam sein sollten, ohne dass die Beteiligten von der SS
ermittelt und hingerichtet werden konnten. So wurde erst nach der Kontrolle der
HORLAMUS
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Waffen die Spannung in den Kreisen der Empfangsapparate verändert, die
Leitungen der Energieversorgung beschädigt und ähnliches. Als von Peenemünde
und Bleißen (einer anderen Raketenfabrik) alarmierende Gerüchte und später
scharfe Beschwer, den über den ständig zunehmenden Ausschuss eintrafen, wurde
das KZ Mittelbau-Dora mit Spitzeln und Agenten durchsetzt. Dennoch gab die
Widerstandsorganisation den ungleichen Kampf nicht auf. Die Sabotage an der V 1
leitete der Franzose Caruana. Bei der Schlussmontage weiterte er unauffällig die
Mündung der Einspritzdüse, so dass die Reichweite der fliegenden Bombe
unberechenbar wurde. Sowjetische Kriegsgefangene leisteten Sabotage an der V 2.
Beim Montieren der Rakete veränderten sie kaum merklich den Neigungswinkel der
Schwanzflügel, was die Treffsicherheit der Rakete verringerte.
Im Sommer 1944 kam der technischen Verwaltung des Mittelwerkes unter den
Direktoren Rickhey, Sawatzki und Rudolph der Verdacht, dass die Beschwerden
aus Bleißen und Peenemünde über Fehler, Mängel und Ausfälle der zugelieferten
Waffen ihre Ursache in Sabotageaktionen haben könnten. Darauf wurde der
Spitzeleinsatz unter den Häftlingen intensiviert. Im November 1944 gelang der SS
schließlich der Einbruch in die illegale Widerstandsorganisation. Verhaftungen,
Verhöre, Misshandlungen folgten. In der Nacht vom 22. zum 23. Januar 1945 wurde
der Leiter der Widerstandsgruppe Albert Kuntz ermordet./80/
Es lassen sich hier nur einige Beispiele für Formen des Widerstandes gegen
Faschismus und Krieg in Deutschland zeigen. Es wird jedoch deutlich, dass
Ingeneure und Techniker ebenfalls an dieser gefährlichen und illegalen Front
standen, weil sie ein anderes Verständnis von Nationalpatriotismus hatten, als die
Masse der Vertreter der technischen Intelligenz, die über den technischen Ablauf
der Rüstungsproduktion wachten bzw. an der Entwicklung, Konstruktion und
Produktion der Waffen beteiligt waren, ohne dabei zu erkennen, in welche Richtung
diese Entwicklung führen musste.
Ein anderes Verständnis von Nationalpatriotismus hatte auch Fritz Georg
HORLAMUS
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Houtermans. Mit für einen Außenstehende nichtssagendem Telegramm leitete er
Informationen an einen Hauptgegner Hitlerdeutschlands weiter, die wahrscheinlich
einen unmittelbaren Einfluss auf die Beschleunigung des us-amerikanisch-britische
Atomprojektes hatte. Die Hintergründe und Zusammenhänge der Houtermans-
Botschaft klärte der Wissenschaftshistoriker Friedrich Herneck auf und publizierte
sie 1976./81/
Fritz Georg Houtermans war Physiker. Er promovierte 1927 bei James Franck in
Göttingen. Nach seiner Promotion arbeitete er mehrere Jahre als Oberassistent von
Gustav Hertz am Physikalischen Institut der Technischen Hochschule Berlin-
Charlottenburg, wo er sich 1932 habilitierte. Nach dem 30. Januar 1933 emigrierte
Houtermans über England in die Sowjetunion. Von 1935 bis 1937 leitete er in
Charkow ein Labor am Ukrainischen Physikalisch-Technischen Institut. In dieser
Zeit publizierte er u. a. gemeinsam mit dem sowjetischen Kernphysiker I. W.
Kurtschatow über Probleme der Neutronenphysik.
In den Jahren 1936 - 1938, als Stalin politische Schauprozesse gegen einstig
Mitkämpfer Lenins und angebliche ausländische Agenten inszenieren ließ, wurde
Houtermans unter falschen Anschuldigungen verhaftet und in eine der
Gefängniszellen Berijas geworfen. Nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen
Freundschafts- und Grenzvertrages vom 28.September 1939 wurde Houtermans
nach Deutschland ausgewiesen. Hier fiel er der Gestapo in die Hände und wurde
erneut eingesperrt. Dank der Bemühungen namhafter Fachkollegen wurde er nach
drei Monaten freigelassen, durfte aber nicht in staatlichen Instituten arbeiten. Auf
Vermittlung von Max von Laue fand Houtermans am 1. Januar 1941 eine Anstellung
im Privatlaboratorium bei Manfred von Ardenne in Berlin-Lichterfelde, wo er den
"Plutonium-Weg" zur Gewinnung von nuklearen Sprengstoffen theoretisch
erforschte. Im August 1941 verfasste er einen 39seitigen Geheimbericht "Zur Frage
der Auslösung von Kern- Kettenreaktionen", in dem er die Spaltbarkeit und
Perspektive des Plutoniums voraussagte./82/
HORLAMUS
KAPITEL
1
59
Houtermans war vom Stand der deutschen kernphysikalischen Forschungen
unterrichtet und schickte über den Umweg aus der Schweiz an den aus Deutschland
vertriebenen Physiker Eugene Paul Wigner, der an
der amerikanischen
Atomwaffenproduktion unmittel, bar beteiligt war, die telegrafische Nachricht: "Beeilt
Euch! Wir sind nahe daran."/83/ Diese bestimmte Nachricht bestärkte Wigner Ende
1942 in der Annahme, dass die deutsche Atombombe spätestens im Dezember
1944 einsatzbereit sein würde. Houtermans, über, schätzte allerdings ebenso wie
die amerikanische Aufklärung die tatsächlichen Möglichkeiten zur kriegstechnischen
Nutzung der Kernenergie in Hitlerdeutschland.
Der illegale aktive Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime war für die
Beteiligten stets ein Handeln unter Lebensgefahr. Auf "Hochverrat" stand die
Todesstrafe. Es blieb der Gestapo z. B. nicht verborgen, dass die Uhrig-Gruppe
rüstungstechnische Angaben an die Sowjetunion weiterleitete. Beispiels, weise
übergab der seit 1938 eng mit Robert Uhrig zusammenarbeitende Sozialdemokrat
Leopold Tomschik der Gruppe im Frühjahr 1941 technische Unterlagen aus den
BMW-Flugzeugmotorenwerken, die über die Verbesserung und Leistungssteigerung
verschiedener Motortypen Auskunft gaben. Tomschik arbeitete als Ingenieur seit
Mitte der zwanziger Jahre bei verschiedenen Berliner Firmen. Für seine fachliche
Arbeit erhielt er durchweg gute Zeugnisse. Dank seiner beruflichen Qualifikation
wurde er 1939 als Konstrukteur im BMW Flugmotorenwerk Brandenburg in Spandau
dienstverpflichtet. Zu, nächst konstruierte er Motorenteile bis zur werkstattreifen
Zeichnung. Später war er direkt an der Motorenerprobung beteiligt. Er bereitete
Versuche im Flugbetrieb vor, führte sie durch und wertete sie aus.
Leopold Tomschik arbeite selbst in der Leitung der Uhrig- Gruppe mit und
organisierte obendrein in dem Spandauer Flugmotorenwerk eine antifaschistische
Betriebsgruppe. Am 4.Februar 1942 wurde Leopold Tomschik im Zusammenhang
mit der Festnahme anderer Mitglieder der Uhrig-Gruppe verhaftet und ins
Zuchthaus Brandenburg-Görden verschleppt. Hier ging der 41jährige Ingenieur in
HORLAMUS
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60
der Nacht zum 21. August 1944 - an diesem Tag sollte er hingerichtet werden - in
den Freitod./84/
Ingenieure in Verantwortung für die technischen Prozesse waren bei Ausfällen und
Havarien in der Rüstungsproduktion zu allererst den Verdächtigungen auf Sabotage
und Wehrkraftzersetzung aus, gesetzt. Obwohl die Zahl jener, die den Mut und das
politische Verständnis für diese Art von Widerstand aufbrachten, im Vergleich zu
denen, die blind dem Führer ins Unglück folgten, gering war, brachten die wenigen
mancherorts die Rüstungsmaschinerie ins Stocken. In der Leipziger Hugo
Schneider AG (Husag) machten Widerstandskämpfer und Kriegsgefangene sowie
Zwangsarbeiter Zünder von Panzerfäusten sowie Minen unbrauchbar. Sie
schweißten Lafetten von Flakgeschützen unvorschriftsmäßig. Nachdem ein Be,
triebsteil der Köllmann-Werke aus Leipzig nach Hartha verlagert worden war,
veranlasste sein Direktor Wolfgang Heinze, die im März 1944 aufgenommene
Fertigung von Panzergetrieben weiterzuführen, obwohl diese wegen
Typenänderung eigentlich eingestellt werden musste. Es wurden hier also nicht
weiterverwendbare Getriebe her, gestellt. Wolfgang Heinze fiel der
Verhaftungswelle nach dem 20.Juli 1944 zum Opfer. Am 12. Januar 1945 wurde er
hinge, richtet./85/
Viele Widerstandskämpfer mussten in den Tod gehen, weil sie mit ihren beherzten
Aktionen für eine schnelle Beendigung des Krieges wirken wollten, um das Leben
Tausender zu retten. Die Mordbilanz des Zuchthauses Brandenburg ist ein Beleg
dafür. So wurden vom 22. August 1940 bis zum 20. April 1945 in Brandenburg 2042
Menschen hingerichtet. 1807 davon aus politischen Gründen. Von diesen 1807
Opfern wurden 498 wegen Hochverrats, 538 wegen Wehrkraftzersetzung, 654
wegen Kriegsdienstverweigerung, ideellen Landesverrats, Feindbegünstigung und
97 auf Grund faschistischer Ausnahmegesetze zum Tode verurteilt. 363, d. h. etwa
20 Prozent der 1807 Mordopfer waren Ingenieure und Techniker./86/
Tabelle 4: Politischen Morde im Zuchthaus Brandenburg (22. 8. 1940 - 20. 4. 1945)
HORLAMUS
KAPITEL
1
61
Unter den 1 807 Opfern waren:
Arbeiter
775
Techniker/Ingenieure
363
Angestellte
234
Selbständige
97
Bauern
79
Intellektuelle
53
Künstler
49
Berufssoldaten
35
Beamte
38
Geistliche
21
Schüler/Studenten
22
/87/
Zu den in der Untersuchungshaft der Polizeigefängnisse, auf den Richtstätten der
Zuchthäuser und in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches zu Tode
Gemarterten, Erschlagenen und Hinge, richteten gehörten der Chemiker Ernst
Fürstenberg, der Architekt Erich Gloeden, Dr. Ing. Paul Hatschek, der Direktor
Wolfgang Heinze, der Architekt Herbert Richter-Luckau, der Ing. Dr. Alfred
Mehlhemmer, der Ingenieur Leopold Tomschik und Robert Uhrig.
Die Zahl der Wissenschaftler und Techniker, die bewusst und organisiert gegen
Faschismus und Krieg auftraten, reichte nicht aus, um ernsthaft den Missbrauch von
HORLAMUS
KAPITEL
1
62
Wissenschaft und Technik während des Krieges zu verhindern. Manches Leben
wurde aber gerettet, da einige Terrorwaffen unbrauchbar gemacht werden konnten
oder die Produktion von Waffen und Munition verzögert wurde. Diejenigen
Antifaschisten, die überlebten, waren durch ihren Widerstand gegen die
Nazibarbarei dazu legitimiert, in die erste Reihe derer zu treten, die sich nach dem
Sieg der Antihitlerkoalition über den Faschismus für die umfassende Wahrnehmung
der dem deutschen Volk gebotenen Chance zur Errichtung einer dauerhaften
Friedensordnung einzusetzen. Zu Ihnen gehörten in Berlin und in der sowjetischen
Besatzungszone u. a. Bernhard Göring, Max Günther, Robert Havemann, Hermann
Henselmann, Hermann Ley, Jonny Löhr, Josef Naas, Robert Rompe, Fritz
Rossignol, Hugo Schrade und Klaus Zweilling. Auch in den westlichen
Besatzungszonen gab es diese Kräfte, die aktiv in das politische Leben eingriffen.
Durchsetzen konnten sich dabei vor allem die Exponenten des Widerstandes, die
bürgerlich-demokratische Strukturen anstrebten, ähnlich, wie sie in der Zeit der
Weimarer
Republik bestanden. So kam es auch dazu, dass manche
Persönlichkeiten, die einst aktiv Widerstand geleistet hatten und von der Gestapo
verfolgt wurden, infolge des mit der Spaltung Deutschlands aufbrechenden
Systemkonflikts zwischen Ost- und Westdeutschland in einen unversöhnlichen
ideologischen Gegensatz gerieten. Andere wiederum, wie z.B. der erste Berliner
Oberbürgermeister, Dr.-Ing. Arthur Werner, waren nur zu einem Intermezzo berufen,
um den Keimen einer antifaschistischen Demokratie in Deutschland zum
Durchbruch zu verhelfen, bevor die professionellen Politiker wieder das Steuer
übernahmen.
Nicht alle Deutschen hielten die Menschen, die sich während der Nazizeit gegen
Faschismus und Krieg wehrten, für geeignet, das deutsche Volk unter Obhut der
Siegermächte aus der materiellen und geistigen Katastrophe herauszuführen.
Diejenigen, die nach 1945 immer noch von einem sieghaften Ende des Krieges
träum, ten und die Feldzüge der Wehrmacht in Gedanken wie ein verlorenes
Kartenspiel mit guten Trümpfen in den verschiedensten Varianten erörterten,
HORLAMUS
KAPITEL
1
63
wärmten die Legende von der fünften Kolonne wieder auf, die schon nach der
Niederlage Deutschlands im Ersten Welt, krieg unter expansionslüsternen
Strategen herumgeisterte. Ihre Vorstellung von einer nationalen Verantwortung
gegenüber dem eigenen Volk und gegenüber anderen Nationen war eine andere.
Sie wollten ihre Arbeit fortsetzen, die sie am 8. Mai 1945 unter, brechen mussten.
Viele Ingenieure und Wissenschaftler - deren Prototyp Albert Speer gewesen sein
könnte - sahen sich lediglich als Organisatoren und Techniker, denen nazistische
Auffassungen und Politik überhaupt fremd gewesen wären. Speer betrachtete seine
Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Regierung vor dem Nürnberger Gericht
nur als einen tragischen Umstand, ein Missgeschick. Er war eben nur Fachmann,
ein Ingenieur, der seine Talente auch in jeder anderen Regierung mit gleichem
Erfolg angewandt hätte. Schließlich verstieg er sich sogar zu der Behauptung, dass
er nicht etwa ein Gesinnungsgenosse von Hitler, sondern selbst ein Widerständler
gewesen wäre, der sich der Zerstörung deutscher Städte, wie sie Hitler angesichts
der vorrückenden Alliierten befohlen hatte, widersetzt habe. Diese Auffassung vom
Widerstand konnte bei denen, die in den Konzentrationslagern für die deutsche
Rüstungsindustrie, die Speer befehligte, unsägliche Qualen erlitten und denen
unzählige Lagerkameraden zum Opfer fielen, kaum auf Verständnis stoßen. Hierin
liegt eine Ursache dafür, warum in der sowjetischen Besatzungszone jede Regung
des alten Systems mit Argwohn bedacht und verbal bekämpft wurde und die
Entnazifizierung konsequent und entsprechend dem Schuldmaß, mit dem sich
einstige NSDAP-Mitglieder und Gefolgsleute von SS und Gestapo beladen hatten,
vollzogen wurde. Dass dabei eine differenziertere Aufarbeitung verschiedener
Momente der Geschichte auf der Strecke blieb, hatte Konsequenzen für den in der
DDR tradierten Antifaschismus.
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
64
Anmerkungen und Quellen zum 1. Kapitel
/1/
Statistik des Deutschen Reiches. Band 453/Heft 3, S. 74. Zit. in: Mock,
Wolfgang: Technische Intelligenz im Exil: Verreibung und Emigration
deutschsprachiger Ingenieure nach Großbritannien 1933 - 1945. Düsseldorf
1986, S. 22. - Die Statistik enthält einige Ungenauigkeiten, da nicht
unterschieden wird, zwischen Abgängern der Technischen Hochschulen
und den Höheren Technischen Lehranstalten und solchen Ingenieurtiteln,
die - wie der des Oberingenieurs - von der Industrie verliehen wurde.
Ebenso ist der Begriff des Technikers in der Statistik nicht genau definiert.
Die Chemie-, Vermessungs- und Schiffsingenieure sowie die Ingenieure des
Bau- und Baunebengewerbes sind nicht unter der Rubrik der Ingenieure
und Techniker ausgewiesen, sondern unter den Berufen des jeweiligen
Gewerbezweiges, sind aber auch dort nicht einzeln aufgeführt. Weiterhin
dürften Ingenieure aufgrund ihrer aktuellen Berufstätigkeit z. B.
Patentanwalt, Eigentümer o. ä. angegeben haben, und deshalb nicht unter
der Rubrik "Ingenieur" zu finden sein.
/2/
Rede Adolf Hitlers vor der deutschen Presse (10. November 1938). Zit. in:
Vierteljahresheft für Zeitgeschichte, Heft 2, Stuttgart 1958, S. 182 f.
/3/
Viefhaus, Erwin: Ingenieure in der Weimarer Republik: Bildungs-, Berufs-
und Gesellschaftspolitik 1918 bis 1933. In: Technik, Ingenieure und
Gesellschaft. Geschichte des Vereins Deutscher Ingenieure 1856 - 1981.
Düsseldorf 1981, S.336.
/4/
Schröder-Werle, Renate: Chronik zur Geschichte der Technischen
Universität Berlin. In: Wissenschaft und Gesellschaft. Beiträge zur
Geschichte der Technischen Universität Berlin 1879 - 1979. Zweiter Band.
Berlin/Heidelberg/New York 1979, S.19.
/5/
Geschichte der Technischen Universität Dresden. Berlin 1988, S. 155 ff;
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
65
Geschichte der Bergstadt Freiberg. Hrsg. von Hans-Heinz Kasper und
Eberhard Wächtler. Weimar 1986, S. 288 f; Jenak, R.: Der Missbrauch der
Wissenschaft in der Zeit des Faschismus, dargestellt am Beispiel der TH
Dresden. Dissertation A. Berlin 1964; Die Deutsche Universität im Dritten
Reich. Berlin 1966.
/6/
Bernal, John Desmond: Die soziale Funktion der Wissenschaft. Hrsg. von
Helmut Steiner. (nach dem Originaltitel von 1939) Berlin 1986. S. 227.
/7/
Zentrales Archiv der Akademie der Wissenschaften der DDR. Berlin (AAW):
Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 106.
/8/
Ebert, Hans/Rupieper, Herrmann-Josef: Technische Wissenschaft und
nationalsozialistische Rüstungspolitik: Die Wehrtechnische Fakultät der TH
Berlin 1933 - 1945. In: Wissenschaft und Gesellschaft. Erster Band.
Berlin/Heidelberg/New York 1979, S. 469 - 491.
/9/
Wissenschaft in Berlin. Von den Anfängen bis zum Neubeginn nach 1945.
Autorenkollektiv unter Leitung von Hubert Laitko. Berlin 1987, S. 518.
/10/
Schlicker, Wolfgang: Physiker im faschistischen Deutschland. Zum
Geschehen um eine naturwissenschaftlich-technische Grundlagendisziplin
seit 1933. In: Jahrbuch für Geschichte. Bd. 27. Berlin 1983, S. 118 f.
/11/
70 Jahre Technikerbewegung. 50 Jahre Gewerkschaft. Festschrift zum 4.
Deutschen Technikertag in Mannheim am 1. und 2. Mai 1954. Hrsg. von:
Deutsche Angestellten-Gewerkschaft. Hamburg o. J. (1954), S. 97 ff. - Vgl.
auch: Mohr, Werner: Dreifaches Jubiläum der früheren Techniker-
Gewerkschaften im Jahre 1954. In: Die Technische Gemeinschaft. Heft
21/1954, S. 479. - Giersch, Reinhard: Deutsche Arbeitsfront (DAF) 1933 -
1945. In: Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und
kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789 - 1945). In
vier Bänden. Band 1. Leipzig 1983, S.548ff.
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
66
/12/
Könnemann, Erwin: Technische Nothilfe (Teno) 1919 - 1945. In: Lexikon zur
Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und
Verbände in Deutschland (1789 - 1945). In vier Bänden. Band 4. Leipzig
1986, S. 191 - 194. - Kater, Michael H.: Die "Technische Nothilfe" im
Spannungsfeld von Arbeiterunruhen, Unternehmerinteressen und
Parteipolitik. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Jg. 27 (1979), Heft 1,
S. 77 f.
/13/Ludwig, Karl-Heinz: Der VDI als Gegenstand der Parteipolitik 1933 bis 1945. In:
Technik, Ingenieure und..., S. 407.
/14/
Ebenda, S. 418.
/15/
Wissenschaft in Berlin..., S. 556.
/16/
Zit. in: Händeler, Erich: Zum Wiederaufbau der ehrenamtlichen technisch-
wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit. Berlin 1947, S. 23 f.
/17/
Zit. in: Ebenda, S. 8. - Vgl. auch: Ludwig, Karl-Heinz: Vereinsarbeit im
Dritten Reich 1933 - 1945. In: Technik, Ingenieure und..., S. 438.
/18/
Mock, Wolfgang: Die Technische Intelligenz..., S. 61 f. - Vgl. auch: Ludwig,
Karl-Heinz: Vereinsarbeit im Dritten Reich..., S. 429 ff.
/19/
Verband Deutscher Diplomingenieure (Hrsg.): Dem Ziele entgegen. Berlin
1934, S. 118. Zit. in: Mock, Wolfgang: Die Technische Intelligenz..., S. 61.
/20/
Braunkohle. Jg. 32 (1933). S. 880. Zit. in: Mock, Wolfgang: Die Technische
Intelligenz..., S. 61.
/21/
Wissenschaft in Berlin..., S. 408.
/22/
Mock, Wolfgang: Technische Intelligenz..., S. 67.
/23/
Ebenda, S. 25.
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
67
/24/
Kühnrich, Heinz: Der KZ-Staat 1933 - 1945. Berlin 1983, S.165.
/25/
Kühnl, Reinhard: Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten.
Köln 1987, S. 154.
/26/
Mottek, Hans/Becker, Walter/Schröter, Alfred: Wirtschaftsgeschichte
Deutschlands. Ein Grundriss. Band III. Berlin 1975, S 313. - Eine detaillierte
Darstellung des Prozesses der Militarisierung von Wissenschaft und
Technik verbietet sich im Rahmen dieser Arbeit. Verwiesen sei auf
weiterführende Literatur, so u. a. von Ludwig, Karl-Heinz: Technik und
Ingenieure im Dritten Reich. Düsseldorf 1979. - Eichholtz, Dietrich:
Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 - 1945. Berlin 1969. -
Hartkopf, Werner: Die Akademie der Wissenschaften der DDR. Ein Beitrag
zu ihrer Geschichte. Berlin 1975, S. 107 ff. - Schlicker, Wolfgang/Glaser, J.:
Tendenzen und Konsequenzen faschistischer Wissenschaftspolitik nach
dem 30. Januar 1933. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft
10/1983, S. 881 - 895. - Wissenschaft in Berlin..., S. 502 ff.
/27/
Über die Zusammensetzung des VDI-Vorstandes für die Jahre 1942/43
liegen keine Angaben vor: Technik, Ingenieure und..., S. 589. - Vgl. auch:
Händeler, Erich: Zum Wiederaufbau..., S. 11. - Im Jahre 1944 gehörten zum
Krupp-Konzern 138 "eigene" Konzentrationslager in Deutschland und auf
den okkupierten Territorien in Österreich, Polen und in der
Tschechoslowakei. Während des zweiten Weltkrieges starben in den
Krupp-Werken über 10 000 Männer, Frauen und Kinder durch Hunger und
unmenschliche Behandlung oder wurden ermordet. Vgl.: Der zweite
Weltkrieg 1939 - 1945. Kurze Geschichte. Berlin 1985, S. 602.
/28/
Kühnl, Reinhard: Der deutsche Faschismus..., S. 309 ff.
/29/
Z.VDI im NSBDT, Bd. 88 (1944), Nr. 35/36, S. 466.
/30/
Dokument aus dem Bestand des Nürnberger Nachfolgeprozesses Fall 11.
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
68
Bd. XXII. Bl. 284 - 293. Archiv der Hauptkommission zur Untersuchung der
Naziverbrechen in Polen, Warschau. Zit. nach der auszugsweisen
Veröffentlichung des Dokuments in: Scheel, Klaus: Krieg über Ätherwellen.
NS-Rundfunk und Monopole 1933 - 1945. Berlin 1970, S. 269.
/31/
Der zweite Weltkrieg 1939 - 1945. Kurze Geschichte. Berlin 1985 S. 318 f. -
Raddatz, Karl: Totengräber Deutschlands. Berlin 1952, S. 72 f.
/32/
Ludwig, Karl-Heinz: Der VDI als Gegenstand..., S. 412.
/33/
Bernal, John Desmond: Die soziale Funktion..., S. 228.
/34/
Ebert, Hans/Rupieper, Herrmann-Josef: Technische..., S. 485.
/35/
Titze, Hartmut: Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte. Band I.
Hochschulen. Das Hochschulstudium in Preußen und Deutschland 1820 -
1940. Göttingen 1987, S. 30.
/36/
Wissenschaft in Berlin..., S. 572 ff.; Zierold, Kurt: Forschungsförderung in
drei Epochen. Wiesbaden 1968, S. 244.
/37/
Ardenne, Manfred von: Ein glückliches Leben für Technik und Forschung.
Autobiographie. Berlin 1982, S. 142.
/38/
Ebenda, S. 143.
/39/
Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik 1933 - 1945. Ein Zeit, bild der
faschistischen Diktatur. Berlin 1988, S. 488. - Wissenschaft in Berlin..., S.
576.
/40/
Pachaly, Erhard/Pelny, Kurt: Konzentrationslager Mittelbau- Dora. Zum
Widerstandskampf im KZ Dora 1943 bis 1945. Berlin 1990, S. 53.
/41/
Ebenda, S. 5, 54. - Kühnrich, Heinz: Der KZ-Staat..., S. 130. - Mammach,
Klaus: Widerstand 1939
- 1945. Geschichte der deutschen
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
69
antifaschistischen Widerstandsbewegung im Inland und in der Emigration.
Berlin 1987, S. 244.
/42/
Groehler, Olaf: Geschichte des Luftkrieges 1910 bis 1980. Berlin 1981, S.
415.
/43/
Ebenda.
/44/
Franke, Martin: Otto Hahn (1879 - 1986). In: Bekenntnisse zum Frieden.
Naturwissenschaftler und Mediziner des 20. Jahrhunderts im Kampf um
Frieden und Abrüstung. Hrsg. von Irene Strube, Ingrid Kästner und Sonja
Brentjes. Berlin 1989. S. 300. - Stolz, Werner: Otto Hahn/Lise Meitner.
Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und
Mediziner. Band 64. Leipzig 1989, S. 59.
/45/
Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. München 1972, S. 208.
/46/
Schreier, Wolfgang: Werner Heisenberg (1901- 1976). In: Bekenntnisse
zum Frieden..., S. 312.
/47/
Im Landhaus Farm Hall bei Cambridge waren Erich Bagge, Kurt Diebner,
Walther Gerlach, Otto Hahn, Paul Harteck, Werner Heisenberg, Horst
Korsching, Max von Laue, Carl Friedrich von Weizsäcker und Karl Wirtz
interniert.
/48/
Zit. in: Herneck, Friedrich: Bahnbrecher des Atomzeitalters. Große
Naturforscher von Maxwell bis Heisenberg. Berlin 1968, S. 471.
/49/
Irving, David: Der Traum von der deutschen Atombombe. Gütersloh 1967,
S. 16
/50/
Hahn, Otto: Mein Leben. München 1968, S. 190.
/51/
Irving, David: Der Traum..., S. 45.
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
70
/52/
Ebenda, S. 16.
/53/
Bernal, John Desmond: Die soziale Funktion..., S. 196.
/54/
Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik..., S. 449. - Klaus, Georg/Porst,
Peter: Atomkraft - Atomkrieg? Berlin o. J. (4. Auflage), S.31.
/55/
Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik..., S. 451.
/56/
Groehler, Olaf: Geschichte des Luftkrieges ...1, S. 447 f.
/57/
Ebenda, S. 450 f.
/58/
Vgl. auch: Kapitel 1.3.
/59/
Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik..., S. 448.
/60/
Himmler schrieb im Juli 1944 an SS-Obergruppenführer Jütler: "Ich hörte, es
ist beabsichtigt, die für die deutsche Wehrforschung sichergestellten Kräfte
in Höhe von 14 600 Mann bei den jetzigen Aushebungen mit zu erfassen
(SE-IV-Einziehungsaktion). Ich ersuche diese Einziehungsaktion auf dem
Wehrforschungssektor sofort anzuhalten, da ich den Abbau unserer
Forschung für Wahnsinn halte." Zit. in: Irving, David: Der Traum..., S. 226.
/61/
Wissenschaft in Berlin..., S. 575; Ardenne, Manfred von: Ein glückliches
Leben..., S. 129 f.
/62/
Z.VDI im NSBDT. Bd. 88 (1944). Nr. 1/2, S. 1.
/63/
Benkert, Hanns: Unsere Aufgaben im Neuen Jahr. In: Z.VDI im NSBDT,
Bd. 88 (1944). Nr. 1/2, S. 1.
/64/
Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik..., S. 529.
/65/
Technik, Ingenieure und..., S. 561.
/66/
Konzern-Strategie. Agentenbericht an das US State Department vom
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
71
7. November 1944 (Auszug). In: Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik...,
S. 534.
/67/
Ebenda.
/68/
Persönliches Archiv Prof. Dr. Dieckmann (PAD) im Zentralen Parteiarchiv
der LDPD. Zit. in: Behrendt, Armin: Wilhelm Külz. Aus dem Leben eines
Suchenden. Berlin 1987, S. 194.
/69/
Behrendt, Armin: Wilhelm Külz. Aus dem Leben..., S. 194 f./70/ Bramke,
Werner: Der antifaschistische Widerstand in der Geschichtsschreibung der
DDR in den achtziger Jahren. Forschungsstand und Probleme. In: Aus
Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament".
B 28/88, 8.Juli 1988, S. 30.
/71/
VI. Rostocker Wissenschaftstheoretisches Symposium "Wissenschaftler und
Studenten im Antifaschismus" vom 1. bis 3.Februar 1988 an der Sektion
Geschichte der Wilhelm-Pieck- Universität Rostock.
/72/
Gespräch mit Fritz Rossignol am 14. März 1989. - Rossignol gehörte nach
1945 ebenso wie Max Günther zu den Mitbegründern des Verbandes
(später: der Gewerkschaft) der Techniker und Werkmeister in Berlin und zu
den Gründungsmitgliedern der Kammer der Technik. Vgl. auch:
Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin: Nr. B 47 und B 57.
/73/
Günther, Max: Erinnerungen eines Beteiligten. In: Deutsche Volkszeitung,
Nr. 33 vom 20. Juli 1945. Zit. in: Stelzner, Egon: Die Herausbildung und
Entwicklung der Kammer der Technik 1945/46 - 1955. Dissertation B.
Freiberg 1985, S. 18.
/74/
Mammach, Klaus: Widerstand 1939 - 1945..., S. 157, 257, 269, 271. - Kühn,
Kurt: Akademiker als Kampfgefährten. Wolfgang Heinze und anderen
Freunden zum Gedenken. In: Forum. Heft 7/1947. S. 253 f. - Stelzner, Egon:
Die Herausbildung und Entwicklung der Kammer..., S. 18 f. - Beier, Gerhard:
HORLAMUS
KAPITEL 1 Anmerkungen
72
Die illegale Reichsleitung der Gewerkschaften. In: Löwenthal,
Richard/Mühlen, Patrik von zur (Hrsg.): Widerstand und Verweigerung in
Deutschland 1933 bis 1945. Bonn 1982, S. 34 f.
/75/
Henselmann, Hermann: Drei Reisen nach Berlin. Berlin 1981. S. 158.
/76/
Kraushaar, Luise: Berliner Kommunisten im Kampf gegen den Faschismus
1936 - 1942. Berlin 1981, S. 169, 266, 267, 273, 274, 290, 308.
/77/
Ebenda, S. 169. - Vgl.: Mammach, Klaus: Widerstand 1939 - 1945..., S. 44f.
/78/
Kühnrich, Heinz: Der KZ-Staat..., S. 106 ff.
/79/
National Archives of the United States T 73, R. 179 B 3391398. Zitiert in:
Pachaly, Erhard/Pelny, Kurt: Konzentrationslager..., S. 65 f.
/80/
Zusammenfassende Darstellung nach: Pachaly, Erhard/Pelny, Kurt:
Konzentrationslager..., S. 133 ff.
/81/
Herneck, Friedrich: Eine alarmierende Botschaft. Neues zur Geschichte der
amerikanischen Atombombe. In: spectrum, Heft 1/1976, S. 32 - 34; NTM,
Heft 1/1976, Chronik.
/82/
Ardenne, Manfred von: Ein glückliches Leben..., S. 135 f.
/83/
Vgl. ebenda und Herneck, Friedrich: Einstein und sein Weltbild. (3.,
durchgesehene Auflage) Berlin 1986, S. 300 f.
/84/
Kraushaar, Luise: Berliner Kommunisten..., S. 77, 184, 262, 303; Mammach,
Klaus: Widerstand 1939 - 1945..., S. 64.
/85/
Mammach, Klaus: Widerstand 1939 - 1945..., S 157, 257, 269, 271.
/86/
Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik..., S.540.
/87/
Ebenda
HORLAMUS
KAPITEL
2
73
2. Entmilitarisierung - Alliierte Siegermächte und das
wissenschaftlich-technische Potential der Deutschen
nach dem Kriege
Die wenigsten erlebten den 8. Mai 1945 als den Tag der Befreiung./1/ In dieser
Frage unterschieden sich Ingenieure, Wissenschaftler und Techniker nicht von
anderen Berufsgruppen und Bevölkerungskreisen. Die Menschen befanden sich
nach dem Zusammenbruch des Naziregimes in einer tiefen sozialen, moralischen
und geistigen Krise. Das Ausmaß der Zerstörungen war im Materiellen wie im
Ideellen groß. Durch englische und amerikanische Bombardements auf deutsche
Städte sowie durch die sinnlose Gegen, wehr des letzten Aufgebots des
Volkssturms und der Wehrmacht gegen die vorrückenden Alliierten Truppen wurden
kurz vor Ende des Krieges nicht nur Wohnraum und Infrastrukturen zerstört,
sondern es fanden noch viele Zivilisten, vor allem Frauen, Kinder und Greise den
Tod. Väter und Söhne waren im Krieg gefallen oder vermisst. Die Umsiedlertrecks
zogen durchs Land und suchten eine neue Bleibe.
Unmittelbar nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehr, macht waren durch
die Alliierten Siegermächte 8,1 Millionen Personen interniert. Aus der Haft
entlassen, schlugen sie sich auf oft abenteuerliche Weise bis zu ihren Heimatorten
durch, um zu ihren nächsten Angehörigen zu kommen, ungewiss, ob sie noch am
Leben waren. Noch im März 1947 befanden sich über 2 Millionen ehemalige
Offiziere und Soldaten der Wehrmacht sowie dienstverpflichtete Zivilisten in
Kriegsgefangenschaft der Alliierten und hatten oft keinerlei Kontakt zu den nächsten
Angehörigen./2/ Ob zu Hause, in den Lagern oder aus der Heimat vertrieben - die
nunmehr gegebene Möglichkeit einer friedlichen, selbstbestimmten demokratischen
und antifaschistischen Entwicklung wurde nur von wenigen gesehen. Man fühlte
sich besiegt, rechtlos, der nationalen Würde beraubt und in eine "Sackgasse
getrieben"./3/ Erst allmählich begriffen viele, wie ihre Arbeit für einen unseligen
Vernichtungsfeldzug missbraucht wurde. Noch schwerer fiel ihnen die Einsicht, dass
HORLAMUS
KAPITEL
2
74
sie für den Missbrauch von Wissenschaft und Technik Mitschuld trugen und dass
sie dafür zumindest eine moralisch Verantwortung zu tragen hatten.
2.1. Zwischen Verbot und Wiedergeburt - die technisch-wissenschaftlichen
Vereine nach 1945
Der Alliierte Kontrollrat in Berlin, der am 5. Juni 1945 die oberste Regierungsgewalt
für ganz Deutschland übernahm, erließ am 10. Oktober 1945 das Gesetz Nr. 2. zur
"Auflösung und Liquidierung der Naziorganisationen". Mit diesem Gesetz wurden all
diese Organisationen für das gesamte deutsche Territorium verboten./4/ Zu den hier
namentlich genannten Naziorganisationen gehörte das Hauptamt für Technik sowie
der NSBDT und die ihm angeschlossenen technisch-wissenschaftlichen Vereine./5/
Das Verbot der technisch-wissenschaftlichen Vereine eröffnete den Ingenieuren und
Technikwissenschaftlern aber nicht zwangsläufig die Möglichkeit für eine
Selbstbesinnung, die in eine neue demokratische, antimilitaristische Vereinspolitik
führte. Obwohl bereits im Zuge der Befreiung Berlins Generaloberst N. E. Bersarin,
an den damals die gesamte administrative und politische Macht laut
Bevollmächtigung des Kommandos der Roten Armee über, ging, am 28. April 1945
befahl, die NSDAP und alle ihr angegliederten Organisationen aufzulösen und
deren weitere Tätigkeit zu verbieten/6/, gab es verschiedene Versuche, die
bisherige technisch-wissenschaftliche Vereinsarbeit nahtlos weiterzuführen.
Im zerbombten VDI-Gebäude in Berlin bildete sich beispielsweise ein
kommissarischer Vorstand mit einer provisorischen Geschäftsstelle des Vereins
Deutscher Ingenieure. Dieser Vorstand versuchte an die Arbeiten wieder
anzuknüpfen, die noch bis in die letzten Monate des Krieges hinein geleistet worden
waren./7/ Als Leiter der wiederinstallierten Geschäftsstelle, die die Fortführung der
Vereinsarbeit für ganz Deutschland sichern sollte, setzte der einstige VDI-Direktor
Pg. Dr.-Ing. Hans Ude den Konteradmiral a. D. Ing. Ernst Friedrich ein./8/ Friedrich
war während des Krieges Mitglied des Ältestenrates des VDI. 1944 berief man ihn
zum Ehrenmitglied des Vereins. Begründet wurde diese Würdigung damit, dass er
HORLAMUS
KAPITEL
2
75
"einer ganzen Generation von Marineingenieuroffizieren Lehrmeister und Vorbild
geworden sei" und
im VDI in gleicher Weise "soldatische Pflichterfüllung und Kameradschaft" vorgelebt
habe. Weiter hieß es in der Verleihungsurkunde: "Sein besonderes Wirken galt der
Wehrtechnik."/9/
An der Spitze des Vereinsbüros stand also nach der bedingungslosen Kapitulation
des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht ein Admiral, der als erster
Ingenieur-Offizier einen solchen Rang erreicht hatte und der im Auftrage der
Wehrmacht in Zeiten der getarnten Wiederaufrüstung des Deutschen Reiches unter
Benutzung des VDI als Deckmantel rüstungswirtschaftliche Schulungskurse
durchführte./10/ Diese Rechnung ging jedoch nicht auf. Am 22.November 1945
erschien in der Berliner Geschäftstelle ein vom Groß-Berliner Magistrat eingesetzter
Treuhänder mit dem Auftrag, den VDI gemäß dem Gesetz Nr. 2 des Alliierten
Kontrollrates zu liquidieren./11/ Nach dem Gesetz waren jegliche Immobilien,
Einrichtungen, Fonds, Konten, Archive, Akten und alles andere Eigentum der
aufgelösten Organisation zu beschlagnahmen.
Die vom Berliner Magistrat verfügte Liquidation wurde jedoch in der Geschäftstelle
des verbotenen VDI nicht vorbehaltlos hin, genommen, denn am 1. Dezember 1945
musste der Treuhänder Fritz Damrow an den Magistrat berichten: "Auch jetzt noch
ist eine ganze Anzahl ehemaliger Mitglieder der NSDAP beschäftigt worden,
darunter mindestens 1 aktiver Nationalsozialist im Sinne der internationalen
Militärregierung. Darüber hinaus ist uns bekannt, dass der Verein sowohl unter
seinen Mitgliedern wie auch unter seinen Angestellten eine große Anzahl
sogenannter 'national Gesinnter' beschäftigte bzw. führte, die früher sowohl wie
auch jetzt noch dem Militarismus wohl geneigt sind und die bei Auf, tauchen einer
entsprechenden Regierung oder Kräftegruppe sich wieder ohne weiteres mit dem
ganzen Vereinsapparat zur Verfügung stellen würden."/12/
Außerhalb Berlins gelang es früheren Vereinsmitgliedern in den westlichen
HORLAMUS
KAPITEL
2
76
Besatzungszonen, auf regionaler Ebene die Vereinstätigkeit wiederzubeleben,
obwohl das Gesetz Nr. 2 des Alliierten Kontrollrates in Deutschland im Artikel 1,
Absatz 3 ausdrücklich festgelegte, dass die Neubildung irgendeiner der im Gesetz
angeführten Organisationen, ob unter dem gleichen oder unter einem anderen
Namen, verboten sei. Den ersten Verstoß gegen dieses Gesetz billigten Beamte der
britische Militärregierung in ihrer Besatzungszone. So erwirkte am 13. November
1945 der Direktor der Werkzeugmaschinenfabrik Schieß AG, Ernst Grund, bei der
zu, ständigen Militärbehörde eine vorläufige Genehmigung zur Wiederaufnahme der
Arbeiten des Niederrheinischen Bezirksvereins. Innerhalb kurzer Zeit gab es bereits
mehrere Bezirksvereine in der britischen Besatzungszone. Am 26. August 1946
schließlich genehmigte die britische Militärregierung die Tätigkeit des VDI für die
gesamte Zone, so dass am 12. September 1946 in Düsseldorf die Wiedergründung
des VDI erfolgen konnte./13/
Die in der amerikanischen und französischen Besatzungszone liegenden
süddeutschen Bezirksvereine wurden über die Neugründung des VDI in Düsseldorf
informiert. Auf einer Beratung im November 1946 beschloss man, bei der
amerikanischen Militärregierung die Genehmigung für einen Zusammenschluss der
in ihrem Einzugsgebiet liegenden Bezirksvereine mit dem in der britischen Zone
genehmig, ten VDI zu beantragen. Offenbar um sich für einen Neubeginn zu
legitimieren, hatte man zuvor einen vorläufigen Bericht über die Einstellung der
Arbeit des VDI verfasst. Darin hieß es u. a.: "Es ist nicht Aufgabe eines technisch-
wissenschaftlichen Vereins, Politik zu treiben, weder im Sinne der Bemühungen um
den Frieden, noch in Richtung der Pflege eines militärischen Geistes."/14/
Den Antrag auf Neuzulassung billigten die Behörenden der amerikanischen
Militärregierung bald. Auch die französische Militärbehörde erteilte eine
entsprechende Genehmigung. Seit Anfang 1947 konnte der VDI wieder einige
hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigen, "darunter mehrere aus der früheren Berliner
Zeit"./15/ Ob die Engländer tatsächlich vorhatten, wie Georg Lehmann von der
Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister Berlins von kompetenter Stelle
HORLAMUS
KAPITEL
2
77
wissen wollte, die Genehmigung zum Wiederaufbau des VDI zurückzuziehen,
sofern über die Technikersparten des
Gewerkschaftsbundes eine
Technikerorganisation auf demokratischer Grundlage gebildet worden wäre, bleibt
ungeklärt./16/ Die Ge, schichte der technisch-wissenschaftlich Gemeinschaftsarbeit
in den Westzonen gestaltete sich jedenfalls so, wie sie beispielsweise der Ingenieur
Karl Hauser von der Hauptgruppe der Techniker der IG Metall Hessen voraussah:
Wenn erst einmal die alten technischen Fachvereine unter unmittelbarem
Unternehmereinfluss wiederentstehen werden, wird es unmöglich sein, dort eine
Kammer der Technik zu gründen./17/
Als am 6. und 7. Dezember 1947 in Peine die Zentrale Technikerkommission der
Deutschen Angestellten-Gewerkschaft der britischen Besatzungszone über die
Trennung von technisch-wissenschaftlicher und berufsständischer Arbeit bei
Wahrung der wechselseitigen Interessen beider Seiten beriet, sollte ein Vor, schlag
für die Organisierung der technischen Gemeinschaftsarbeit im Rahmen einer
Kammer der Technik nach dem Vorbild der sowjetischen Besatzungszone erarbeitet
werden. Zugleich bildete sich der Sachverständigen-Ausschuss dieser Kommission
einen Standpunkt über die wiedergegründeten technisch-wissenschaftlichen
Vereine. Dort hieß es: "Die Stellungnahme der Gewerkschaften zu den
vorhandenen und zugelassenen technisch-wissenschaftlichen Fach, verbänden wird
abhängig sein von deren Verhalten den gewerkschaftlichen Bestrebungen
gegenüber. Der Wiedererrichtung dieser Vereine muss jedoch aus den
verschiedensten Gründen mit betonter Zurückhaltung begegnet werden. Den
Gewerkschaftsmitgliedern kann weder ein Beitritt zu diesen Fachverbänden noch
eine Austritt empfohlen werden. Soweit Gewerkschaftsmitglieder sich in den
technisch-wissenschaftlichen Vereinigungen betätigen, sollten sie dazu angehalten
werden, dies im Sinne der gewerkschaftlichen Bestrebungen zur Neuordnung
technischer Gemeinschaftsarbeit zu tun."/18/
Wenn der VDI, der während des Zweiten Weltkrieges der größte technisch-
wissenschaftliche Verein im NSBDT war, personell und organisatorisch versuchte,
HORLAMUS
KAPITEL
2
78
seine Arbeit nahtlos weiterzuführen und sich mit dem Anspruch auf Erneuerung dem
Verbot des Alliier, ten Kontrollgesetz Nr. 2 widersetzte, so bestätigt sich aus
heutiger Sicht manch zeitgenössisches Urteil, das Parallelen zur Entwicklung dieses
Vereins im Dritten Reich befürchtete und somit verhängnisvolle Entwicklungen
voraussah, nicht. Die gesellschaftlichen Umstände verhinderten eine Wiederholung
dessen, was sich nach 1933 in den wissenschaftlich-technischen Vereinen
abspielte. Dennoch waren damals - in einer Zeit der Zuspitzung des alten Krieges -
die Befürchtungen nicht unbegründet, dass in diesen Vereinen nicht die richtigen
Lehren aus der Geschichte gezogen würden und einem Missbrauch von
Wissenschaft und Technik wieder Vorschub geleistet werden könnte. Es war also
nur folgerichtig, wenn sich damals antifaschistische Kräfte konsequent gegen die
Wiederbelebungsversuche stellten, zumal sie sich damit in Übereinstimmung mit
den Beschlüssen der Alliierten befanden.
Aber nicht nur den Wiederbelebungsversuchen des VDI stellten sich diese Kräfte
entgegen. Als z. B. zwei Monate nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches im
neu gebildeten Groß-Berliner Magistrat bekannt wurde, dass in der Birkbuschstraße
in Steglitz 15Mann der einstigen Technischen Nothilfe damit beschäftigt waren, ihre
Geschäfte fortzuführen, unterband der Magistrat diese Aktivitäten. Auch in anderen
Bezirken Berlins bestanden Keimzellen dieser Organisation. So erschienen am 8.
Juni 1945 in der Bezirksverwaltung von Berlin-Friedrichshain zwei Herren der
Technischen Nothilfe (Teno) mit einem Schreiben des Oberabteilungsführers
Rubach, um die Genehmigung für die Weiterarbeit der Teno zu erwirken./19/
Am 3. Juli 1945 wies der Berliner Oberbürgermeister Dr.-Ing. Arthur Werner alle
Bezirksbürgermeister in einem Rundschreiben an, jede Bestrebung, die Existenz der
Technischen Nothilfe fort, zuführen, nicht zuzulassen./20/ Fünf Jahre später, im
Herbst 1950, entstand in der Bundesrepublik Deutschland auf Initiative des
einstigen Leiters der Technischen Nothilfe Otto Lummitzsch der "Zivile
Ordnungsdienst" bzw. die "Dienststelle Lummitzsch im Bundesinnenministerium". Im
August 1953 wurde dann die zwischen, zeitlich aufgebaute Organisation durch
HORLAMUS
KAPITEL
2
79
Erlass des Bundesinnenministers als eine "nicht-rechtsfähige Bundesanstalt" unter
dem Etikett "Technisches Hilfswerk" fortgeführt. Als Begründung hatte Lummitzsch
"die politische und militärische Entwicklung und Zielsetzung der Sowjetzone"
angegeben./21/
Besonders massiv versuchten sich einstige Mitglieder der alten technisch-
wissenschaftlichen Vereine einer demokratischen Neuorientierung der technisch-
wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit in Form einer Kammer der Technik zu
widersetzen, obwohl oder gerade weil die Bildung einer derartigen Kammer in der
Gewerkschaftsbewegung große Aufmerksamkeit fand (Vgl. Kapitel 3.2.). Statt
dessen bemühte sich der ehemalige Geschäftsführer des Reichsbundes deutscher
Technik, Verlohr, diesen Reichsbund wieder aufzubauen und ihn zu einer
Dachorganisation aller noch bestehen, den oder zukünftigen technischen Vereine
werden zu lassen. Wirtschaftstreuhänder Becker wirkte für die Gründung eines
Reichsverbandes der in Technik und Wirtschaft freiberuflich schaffenden
Ingenieure./22/ In Berlin wandte sich der kommissarische Rektor der Technischen
Hochschule Prof. Dr. Georg Schnadel am 10. September 1945 im Namen des VDI,
des Verbandes Deutscher Architekten und Ingenieur-Vereine, des Vereins
Deutscher Chemiker, des Vereins Deutscher Elektrotechniker, des Deutschen
Vereins der Gas- und Wassermänner, der Deutschen Lichttechnischen
Gesellschaft, des Deutschen Normenausschusses, der Gesellschaft für technische
Physik, der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Schiffstechnischen
Gesellschaft in einem Schreiben an Bürger, meister Paul Schwenk vom Groß-
Berliner Magistrat gegen eine antifaschistisch-demokratische Neuorientierung der
technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit im Rahmen einer neu zu
bildenden Kammer der Technik./23/
Die alten technisch-wissenschaftlichen Vereine waren durch ihre bedingungslose
Konformität mit dem nationalsozialistischen Staat und durch ihre Rolle bei der
Forcierung der Rüstungsproduktion schwer belastet. Als in Berlin der Verband der
Deutschen Elektrotechniker trotzdem bis in das Frühjahr 1946 hinein seine Tätigkeit
HORLAMUS
KAPITEL
2
80
fortsetzte, verwies die Alliierte Kommandantur der Stadt Berlin auf ihrer 35. Sitzung
am 7. Mai 1946 ausdrücklich noch einmal auf das Alliierte Kontrollgesetz Nr. 2 hin
und beauftragte den Berliner Oberbürgermeister, den Elektrotechnikerbund in Berlin
unverzüglich aufzulösen. Im Falle der Nichtbefolgung des Verbotes drohte sie
strafrechtliche Konsequenzen an./24/
Das Problem bestand nunmehr darin, dass für die erforderlichen technischen-
wissenschaftlichen Aufgaben einerseits alte Organisationsformen und zum Teil
auch die von ihnen aufgestellten technischen Vorschriften aufgehoben waren,
anderseits sich aber nur schwer neue Strukturen entwickelten, in deren Rahmen die
praktischen, technisch-wissenschaftlichen Arbeiten zum Wiederaufbau der
Wirtschaft stattfinden konnten. Aus der einstigen gewerkschaftlichen
Technikerbewegung stammte die Idee, dieses Vakuum durch die Gründung eines
"Parlaments" der Ingenieure und Wissenschaftler einer Kammer der Technik,
auszufüllen. Die Initiatoren dieses Parlaments erwirkten bei den Führern der
Arbeiterparteien und bei den Militärbehörden in der sowjetischen Besatzungszone
Zustimmung für diese Initiative. Am 8. Mai 1946 wurde durch die SMAD die
Genehmigung zur Gründung einer Kammer der Technik in der sowjetischen
Besatzungszone ausgestellt./25/ Man war sich da, rüber einig, dass das düstere
Kapitel in der deutschen Geschichte keine Wiederholung finden darf: "Die Kammer
der Technik will die technische Wissenschaft, Forschung und Praxis mit dem Ziel
plan, mäßig fördern, den technischen Fortschritt unmittelbar der menschlichen
Gesellschaft für friedliche Zwecke nutzbar zu machen und alle unmittelbaren und
mittelbaren kriegerischen oder militärischen Möglichkeiten ausschalten. Sie wird
darüber wachen, dass die Entwicklung der Technik in Deutschland nicht nur durch
einseitige Interessen privatkapitalistischer Monopole und Konzerne gehemmt oder
für kriegerische Zwecke missbraucht, sondern zum Wohle der Menschen in den
Dienst des Friedens und der Zivilisation gestellt wird."/26/
Am 26. Juni 1946 trat erstmalig das Organisationskomitee der Kammer der Technik
zusammen und beschloss den Gründungsaufruf. In ihm verurteilten die
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Unterzeichner den Missbrauch von Wissenschaft und Technik während des Krieges
und orientierten die technische Intelligenz auf eine friedliche Zukunft./27/ In der
zweiten Sitzung am 16. Juli 1946 nahm das Komitee die Rahmensatzung der
Kammer der Technik an./28/ Bald konnten die Voraussetzungen geschaffen werden,
um eine Organisationsstruktur der Kammer auf Landesebene zu schaffen. Am 22.
Januar 1947 wurde in Erfurt die Thüringer Landeskammer gegründete. Ihr folgten
am 9. Februar 1947 in Halle die Landeskammer Sachsen-Anhalt, am 16. Mai 1947
in Dresden die Landeskammer Sachsen, am 20. Juni 1947 in Potsdam die
Landeskammer Brandenburg und am 21. April 1948 in Schwerin die Landeskammer
Mecklenburg-Vorpommern.
Die Gründungsversammlung der Berliner Kammer der Technik fand nicht, wie
ursprünglich vorgesehen, am 30. Juli 1946 statt, da es in der Berliner Gewerkschaft
der Techniker und Werkmeister Auseinandersetzungen über die Satzung der
Kammer gab. Schließlich verzögerte die Spaltung der Technikerbewegung in Berlin
ihre Gründung ein weiteres Mal, so dass die Zentrale der Kammer zwar ihren Sitz in
Berlin - Unter den Linden Nr. 12 - hatte, der Berliner Bezirksausschuss aber erst
nach der Spaltung Berlins am 20. März 1949 entstand und auf das Ostberliner
Gebiet beschränkt blieb. Drei Jahre nach ihrer Gründung gliederte sich die Kammer
der Technik in einen Hauptausschuss, fünf Landeskammern, 39 Bezirksausschüsse,
112 kleinere Sektionen sowie neun Fachabteilungen. Fünf wissenschaftlich-
technische Zeitschriften wurden von der KDT 1949 herausgegeben. Die Zahl ihrer
Mitglieder wuchs von 1904 im Jahre 1946 auf 27 908 im Jahre 1949 an./29/
Die in den westlichen Besatzungszonen vollzogene Wieder- oder Neugründung der
einstigen technisch-wissenschaftlichen Vereine widersprach zwar dem Alliierten
Kontrollgesetz Nr. 2, die britische, amerikanische und schließlich auch die
französische Militärregierung erteilten dennoch die Lizenz zum Neuaufbau dieser
Vereine. Das war dadurch möglich, dass die einstimmig zu fassenden Beschlüsse
des Alliierten Kontrollrates lediglich Grundlage für die Arbeit der Militärregierungen
in der jeweiligen Besatzungszone waren und mit entsprechenden Anordnungen und
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Befehlen für die jeweilige Zone konkretisiert, für verbindlich erklärt und kontrolliert
werden mussten. Der unterschiedliche Umgang mit den Kontrollratsbeschlüssen in
den jeweiligen Besatzungszonen war ein weiteres Indiz für den wieder stärker
werdenden Systemkonflikt zwischen den Westmächten einerseits und der
Sowjetunion andererseits.
2.2. Das Alliierte Kontrollgesetz Nr. 25 zur Regelung und Überwachung der
naturwissenschaftlichen Forschung
Als Bestandteil des Entmilitarisierung und Entnazifizierung wurden 1946 durch den
Alliierten Kontrollrat detaillierte Beschlüsse gefasst, die ebenso wie das Gesetz Nr.
2 verhindern sollten, dass die Potenzen der deutschen Wissenschaft und Technik
erneut für eine Kriegsvorbereitung missbraucht werden könnten. Dazu gehörten:
· der Befehl Nr. 4. des Alliierten Kontrollrates zur "Einziehung von Literatur und
Werken nationalsozialistischen und militärischen Charakters" vom 13. Mai
1946/30/;
· die Direktive Nr. 38 des Alliierten Kontrollrates mit "Richtlinien über die
Verhaftung und Bestrafung von Kriegsverbrechern, aktiven Nazis und
Militaristen" vom 12. Oktober 1946./31/ Sie betraf u. a. auch alle Amtsträger
des NS- Bundes Deutscher Technik, soweit sie nicht unter die Gruppe der
Hauptschuldigen fielen und von Internationalen Militärgerichten zu verurteilen
waren;
· das Gesetz Nr. 43 des Alliierten Kontrollrates vom 20. Dezember 1946 über
das "Verbot der Herstellung und Lagerung von Kriegsmaterial", das erlassen
wurde, um die Wiederaufrüstung Deutschlands zu verhindern./32/
Von maßgeblicher Bedeutung bei der Unterbindung eines Missbrauches deutscher
Wissenschaft und Technik sollte das Alliierte Kontrollgesetz Nr. 25 zur "Regelung
und Überwachung der naturwissenschaftlichen Forschung" sein./33/ Es wurde nach
ausführlicher Beratung und Abstimmung am 29.April 1946 durch den Alliierten
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Kontrollrat in Deutschland erlassen, "um naturwissenschaftlichen Forschungen für
militärische Zwecke und ihre praktische Anwendung für solche Zwecke zu
verhindern, und um sie auf anderen Gebieten, wo sie ein Kriegspotential schaffen
könnten, zu überwachen und sie in friedliche Bahnen zu lenken"./34/
In dem Gesetz wurden die Begriffe der "angewandten" und "grundlegenden"
Forschung genau definiert. Alle Forschungen und Ausrüstungen, die rein oder
wesentlich militärischer Natur waren, verbot dieses Gesetz ausdrücklich. Andere
Forschungsgebiete wurden von der vorherigen schriftlichen Genehmigung des
Zonenbefehlshabers abhängig gemacht. Sie wurden dann in der Wahl ihrer Mittel
eingeschränkt, wenn diese eine mögliche militärische Anwendung offen ließen.
Völlig verboten waren die Gebiete der angewandten Kernphysik, der Aero- und
Hydrodynamik im Bereich des Flugzeug- und Schiffbaues, des Raketen- und
Düsenantriebes. Verboten waren weiterhin die Benutzung elektrischer, infraroter
und akustischer Wellen zur Ausmachung von festen Gegenständen, die Ortung
oder Peilung von Fahrzeugen zu Wasser, zu Lande und in der Luft sowie bestimmte
Sicherungsmethoden im Nachrichtenwesen. Im Bereich der Chemie waren die
Herstellungsmethoden für bestimmte, eventuell als Gift, gas dienende Stoffe,
hochwertige Oxydationsmittel, brand- und raucherzeugende Substanzen untersagt,
ebenso die Forschung über genau definierte Sprengstoffe, Giftgase,
Raketentreibstoffe und hochgiftige Bakterien- oder Pflanzenstoffe.
In diesem Gesetz wurden außerdem die Forschungsgebiete genannt, die nach
vorheriger Genehmigung durch die zuständigen Militärbehörden weiter erlaubt
waren. Dazu gehörte die Anwendung der oben genannten Wellenarten zur zivilen
Nachrichtenübermittlung, Kugel- und Rollenlager, sowie in der Chemie die
modernen, in Deutschland lange vor dem Kriege entwickelten Methoden der
Hochdrucksynthesen für Ammoniak, Methylalkohol und Treibstoffe, für
synthetisches Gummi und die Verwertungsmethoden für Stoffe, die an sich auch
militärischen Zwecken dienen könnten. Die erlaubte Forschung musste in
genehmigten Forschungsinstitutionen betrieben werden. Ehemalige aktive
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Mitglieder der NSDAP, die als höhere Angestellte und Wissenschaftler gewirkt
hatten, waren zu entlassen. Die Institutsleitungen hatten regelmäßig Berichte zu
erstatten. Dem Zonenbefehlshaber war Einblick in alle Bereiche einschließlich
Geschäftsführung, Mittel, Materialien und Einrichtungen sowie Personal zu
gewähren. Die Leiter der Institute waren bei Verstößen gegen das Gesetz
strafrechtlich zu belangen.
In Kreisen der Wissenschaft und Technik wurde dieses Gesetz, wie der Prorektor
der Technischen Universität Berlin Prof. Dr. Hans Heinrich Franck im Berliner
Telegraf vom 9. Mai 1946 vermerkte, "mit Unruhe und Spannung" erwartet./35/ Über
den Umgang mit diesem Gesetz und seine Wertung gab es unter den
Naturwissenschaftlern und Technikern offenbar unterschiedliche Auffassungen.
Franck nahm beispielsweise im Telegraf unter der Überschrift "Friedliche
Wissenschaft" öffentlich Stellung. Er prophezeite, dass nunmehr auch von Seiten
der Forschung jeglicher Wiederaufbau der militärischen Rüstung verhindert würde.
Damit würde die Vernichtung des Kriegspotentials durch Demontage sowie
Einschränkung der Wirtschaft durch Begrenzung der Produktion ergänzt
werden./36/ Der Rektor der Technischen Universität Walter Kucharski, der die
Nachfolge des ersten Kommissarischen Rektors Schnadels angetreten hatte, hielt
es jedoch nicht für opportun, dass sich ein Professor dieser Universität derart
öffentlich positioniert./37/ In diesem Zwiespalt zwischen Franck und Kucharski
spiegelt sich eine unterschiedliche Auffassung darüber wider, in welcher Form der
Wissenschaftler seine Verantwortung zur Verhinderung des Missbrauchs von
Wissenschaft wahrnehmen soll. Vielfach wurde eben weiterhin gefordert, politische
und fachliches Handeln strikt zu trennen und sich jeglicher Meinungsäußerung über
Regierungsentscheidungen - in diesem Falle - der Militärregierungen zu enthalten.
Kucharskis konsequente antifaschistische und antimilitaristische Haltung stand
jedoch außer Zweifel. Das kommt z. B. darin zum Ausdruck, dass er sich bereits vor
dem Erlas des Alliierten Kontrollgesetzes Nr. 25 gegen die Fortsetzung der bis
dahin in Berlin gepflegten Fächer des Seeschiffbaus und des Flugzeugbaus
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aussprach, "da ein Antrag auf deren Fortsetzung zu leicht den Argwohn erregen
könnte, man wollte oder könnte die Möglichkeit erneuter, auf kriegerische Zwecke
gerichteter Tätigkeiten schaffen."/38/ In diesem Zusammenhang gab er zu
bedenken, dass bei üblem Willen auch in anderen Fächern die Möglichkeit der
kriegstechnischen Nutzung bestehe. Er war sich jedoch sicher, "dass die heute an
der Technischen Hochschule maßgebenden Persönlichkeiten nach scharfer
Sichtung und Auswahl alle derartigen gegen die Moral und Menschlichkeit
gerichteten Bestrebungen verabscheuen, für jede Kontrolle ihrer Lehr- und
Forschungstätigkeit offen und außerdem bereit sind, entsprechende bindende
Erklärungen in ernsthaftester Form abzugeben."/39/ Die Eröffnung der Fakultät für
Bergbau und Hüttenwesen stand an der Technischen Universität nicht zur
Diskussion. Man war sich zwar darüber im klaren, dass auf diesem Gebiete in
Zukunft eine große Anzahl qualifizierter Techniker gebraucht würde, aber durch die
Entlassung aller ehemaligen NSDAP-Mitglieder standen in Berlin die notwendigen
Fachkräfte nicht mehr zur Verfügung.
Die Entnazifizierung wurde an der Technischen Universität unter dem Rektorat
Kucharskis vergleichsweise konsequent betrieben. In späteren Jahren, als sich das
allgemeine politische Klima in dieser Frage geändert hatte, fanden etliche der
bereits Entlassenen wieder Aufnahme an der Technischen Universität. Das
Hauptproblem der Entnazifizierung - jedenfalls, wie sie in den Westzonen
Deutschland und den Westsektoren Berlins betrieben wurde -, stellt Peter Brandt
fest, lag in dem formalen Kriterium der Parteimitgliedschaft: "Die 'unpolitisch'-
konservative, elitäre und antidemokratische Tradition eines großen Teils der
deutschen Wissenschaftler und Ingenieure wurde durch die
Entnazifizierungsmaßnahmen überhaupt nicht berührt."/40/
Wie die Entnazifizierung so wurde auch die Einhaltung des Alliierten
Kontrollgesetzes Nr. 25 zur "Regelung und Überwachung der
naturwissenschaftlichen Forschung" in den vier Beatzungszonen Deutschlands und
den Sektoren Berlins unterschiedlich gehandhabt. Die Interessen der jeweiligen
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Militärregierung bestimmten wesentlich den Handlungsspielraum für
Forschungsmöglichkeiten in den wieder arbeitenden Einrichtungen und
Institutionen. Als Zeitzeuge für diese Feststellung sei hier gleich Robert Havemann
zitiert. Havemann wirkte während der Nazizeit in den Widerstandsgruppen "Neu
Beginnen" und "Europäische Union". Nach Verhaftung, Verhören und Folterungen
wurde er am 16. Dezember 1943 vor dem "Volksgerichtshof" zum Tode verurteilt.
Wegen "kriegswichtiger" Forschungen Havemanns wurde jedoch von
einflussreichen Kollegen er, wirkt, dass die Vollstreckung des Urteils aufgeschoben
wurde. und schließlich nicht mehr ausgeführt werden konnte. So erlebte am 27.
April 1945 - an Tuberkulose und Typhus erkrankt - die Befreiung der im Zuchthaus
Brandenburg Gefangenen durch sowjetische Soldaten. Nach der Befreiung Berlins
wurde Havemann durch die sowjetischen Militärbehörden als "Präsident" der Kaiser-
Wilhelm- Gesellschaft und Verwaltungsleiter ihrer Dahlemer Institute ein, gesetzt
werden. Nach Einzug der westlichen Alliierten lagen die Dahlemer Institute im
amerikanischen Sektor von Berlin, so dass diese Institute nunmehr im Einlugbereich
der amerikanischen Behör, den lagen.
Havemann erinnerte sich: "Ich wurde zunächst Leiter der Verwaltung dieser oben
genannten Institute und hatte in dieser Eigenschaft ständig mit der amerikanischen
Militärregierung zu tun... Unsere Tätigkeit im Kaiser-Wilhelm-Institut am
Faradayweg, dem jetzigen Max-Planck-Institut für physikalische Chemie , musste
unter dem Vorwand durchgeführt werden, dass wir nicht forschten, sondern uns nur
auf mögliche spätere Forschungsarbeiten vorbereiteten, unsere Laboratorien wieder
in Ordnung brächten, die Apparate säuberten, reinigten und reparierten, schon
bestimmte Pläne für Forschung ausarbeiteten. Wir durften aber nicht forschen. Das
Ganze war natürlich ein reines Affentheater: Jeder wusste, dass in Wirklichkeit sich
dort viele Leute versammelt hatten, die die ernste Absicht hatten, neue
wissenschaftliche Forschungen auf den verschiedensten Gebieten durchzuführen.
Ich richtete mir in dem ehemaligen weltberühmten Haberschen Institut in Dahlem
auch eine eigene Forschungsabteilung ein und gewann eine Reihe von sehr
begabten und guten Mitarbeitern. Wir fingen an, alle möglichen analytischen
HORLAMUS
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Forschungen, Obduktionsspektren verschiedener Stoffe durchzuführen, bis
schließlich die Amerikaner nicht mehr mit mir einverstanden waren und einen
Vorwand suchten, mich von dort zu entfernen. Da wurde plötzlich zum erstenmal
entdeckt, dass ich dem Kontrollratsgesetz Nr. 25 zuwider, gehandelt hätte: Ich hätte
widerrechtliche wissenschaftliche Forschung ermöglicht und gestattet und dazu
ermutigt. Aus diesem Grunde wurde ich als Leiter der Verwaltung der Kaiser-
Wilhelm- Institute fristlos entlassen. Ich blieb aber weiter Mitarbeiter, und zwar
Abteilungsleiter im Institut, und konnte meine eigene wissenschaftliche Forschung
unabhängig von diesem Verbot weiter betreiben. Das war gegen Ende 1947."/41/
Eigentlich hatten sich bei einer Umfrage die Direktoren der Kaiser-Wilhelm-
Gesellschaft für Otto Hahn als neuen Präsidenten ausgesprochen. Hahn erfuhr dies
noch während seiner Internierung in England von Max Planck. Zögernd willigte
Hahn ein, dieses schwierige, aber für den Wiederaufbau der deutschen
Wissenschaft wichtige Amt anzunehmen. Nachdem am 3.Januar 1946 sein
gemeinsamer Zwangsaufenthalt mit anderen deutschen Atomwissenschaftlern in
England beendet war, ließ er sich in der wenig zerstörten Universitätsstadt
Göttingen nieder. Im Alter von 67 Jahren über, nahm Otto Hahn am 1. April 1946 die
Leitung der de jure nicht mehr bestehenden, weil durch Beschluss des Alliierten
Kontrollrates aufgelösten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Nach harten, oft
entmutigenden Verhandlungen gelang es ihm 1946, zunächst der britischen
Militärregierung die Zustimmung zur Neugründung der Gesellschaft in der von ihr
verwalteten Besatzungszone abzuringen. Diese Genehmigung wurde unter der
Voraussetzung erteilt, dass diese wissenschaftliche Gesellschaft ihren alten Namen
ablegt. Max Planck erklärte sein Einverständnis, dass die Gesellschaft künftig
seinen Namen tragen dürfe./42/
So trat die in Göttingen gegründet Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der
Wissenschaften, bestehend aus den Instituten, die sich in der britischen Zone
befanden - später kamen die der amerikanischen Besatzungszone hinzu -, am 25.
Februar 1948 die Rechtsnachfolge der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft an.
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Natur- und Technikwissenschaftler fanden hier ein interessantes Betätigungsfeld.
Der bereits zitierte Murray kommentierte 1948 diesen Neubeginn in der
altehrwürdigen Universitätsstadt mit den Worten: "Die Wissenschaftler, die in den
sechs Instituten für reine Naturwissenschaften im Gebäude der ehemaligen
Aerodynamischen Forschungsanstalt Göttingen arbeiten, können sich über die
Einrichtung, welche der des Cavendish-Laboratoriums gleichwertig ist, kaum
beklagen; aber was diese Wissenschaftler so sehr befriedigt, muss wohl darin
liegen, dass die Wissenschaft in der gleichen Richtung reorganisiert wird, die
bereits nach dem ersten Weltkrieg eingeschlagen wurde, 'zurück zum status quo' ist
die Weltanschauung des durchschnittlichen deutschen Wissenschaftlers.
Abteilungsleiter, sowohl in den 'Max-Planck-Instituten' wie in den Universitäten
arbeiten soweit wie möglich auf ihren alten Spezialgebieten oder, wenn dieses
wegen des Kontrollgesetzes Nr.25 nicht geht, auf angrenzenden Gebieten."/43/
Murray reflektierte mit seiner Beobachtung ein psychologisches Moment, das -
abgesehen von dem zu berücksichtigenden zeitpolitischen Hintergrund seiner
Äußerung - dem Wesen und der Spezifik der wissenschaftlichen Arbeit und ihrer
Eigendynamik entspricht. Der Wissenschaftshistoriker und Physiker John Desmond
Bernal skizzierte dieses Phänomen in seinem Werk über die soziale Funktion der
Wissenschaft, in dem er darauf hinwies, dass der Wissenschaftler eine
Persönlichkeit von ausgeprägter psychologischer Anomalität sei. Er sei besessen
davon, seine Neugierde um ihrer selbst willen zu befriedigen, und um dazu in der
Lage zu sein, wäre er bereit, sich jeder Art von Lebensführung anzupassen, die der
Erfüllung seines Hauptanliegens die geringsten geistigen und materiellen
Schwierigkeiten verursacht. Abgesehen davon sei Wissenschaft eine höchst
zufriedenstellende Beschäftigung; geht man ihr nach, so wird das Interesse an
äußeren Dingen abgelenkt, und sie bietet denen Trost und Zuflucht, welche sich
durch die Ereignisse der Umwelt bedrückt fühlen. Dass dieses factum gerade in der
Nachkriegsphase von großer Brisanz war, braucht nicht belegt zu werden. "Die
weitaus meisten Wissenschaftler sind daher vermutlich, solange ihre Wissenschaft
nicht bedroht ist," schrieb Bernal 1939, "die gefügigsten und ordentlichsten Bürger.
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Könnte das kapitalistische System ohne Krieg und Faschismus auskommen, so
könnte es mit Sicherheit auf die ständige Unterstützung der wissenschaftlichen
Mitarbeiter und sogar vieler der bedeutendsten Wissenschaftler ihrer Zeit
zählen."/44/
Wie in der britischen Besatzungszone versuchten auch in der sowjetischen
Besatzungszone Ingenieure und Wissenschaftler gleich nach dem Krieg ihr
fachliches Können und Wissen unter den neuen Bedingungen anzuwenden. Dazu
hatten sie u. a. in durch die Sowjetische Militäradministration geschaffenen
Technischen Büros (auch "technische Sowjetkommissionen" genannt) Gelegenheit.
Hier wurden Forschungen betrieben, verschiedene Projekte, technische
Beschreibungen und Übersichten erarbeitet, die im Auftrage für verschiedene
sowjetische Volkskommissariate, ab März 1946 Ministerien, der UdSSR
entstanden./45/ In diesen Büros fanden über konkrete Forschungsaufträge vor allem
Mitarbeiter von wissenschaftlichen Instituten und technischen Bildungseinrichtungen
Arbeit. Anderseits war es der sowjetischen Militäradministration möglich, die
naturwissenschaftliche Forschung zu überwachen. Nach Schätzungen des Rektors
der Technischen Universität Berlin waren z. B. im Juli 1946 etwa 40 - 50 Prozent
des Lehrkörpers mit sowjetischen Aufträgen beschäftigt./46/ Ähnlich sah es an der
Bergakademie Freiberg und an der Technischen Hochschule Dresden aus.
In welchen Umfang hier auch rüstungswichtige Forschungen weitergeführt wurden,
ist bislang nicht untersucht worden. Zum einen waren die erforderlichen Quellen, die
sich wahrscheinlich in der Sowjetunion befinden, noch nicht zugänglich. Zum
anderen passte eine solche Fragestellung in der Historiographie der DDR bisher
nicht in das Bild eines friedlichen Wissenschaftlers und Ingenieurs, der seine
Lehren aus der Vergangenheit gezogen hatte. Tatsächlich widerspricht diese
Möglichkeit nicht der historischen Logik der Nachkriegsentwicklung. So führte
beispielsweise der Eisenhüttenspezialist Prof. Dr.-Ing. Eduard Maurer, der 1946 bis
1948 Forschungsleiter am Sowjetisch-Technischen-Büro Eisen in Freiberg tätig war,
u. a. Aufträge für das Metallurgische Büro des sowjetischen Rüstungsministeriums
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aus. Maurer war international anerkannter Spezialist für die Erforschung, Prüfung
und Herstellung von Edelstählen mit hoher Festigkeit./47/ Welche Bedeutung diese
Themen u. a. für die Waffenentwicklung haben, muss hier nicht näher ausgeführt
werden.
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2.3. Militärische Forschung und Entwicklung im Dienst der Siegermächte
Auf der Krimkonferenz der drei Alliierten Mächte UdSSR, USA und Großbritannien
vom 4. - 11. Februar 1945 in Jalta waren sich Stalin, Roosevelt und Churchill
darüber einig, dass Deutschland zu verpflichten ist, den Schaden, den es den
verbündeten Nationen im Laufe des Krieges zugefügt hatte, durch Sachleistungen
wiedergut, zumachen. Reparationen sollten dabei vorrangig jene Länder er, halten,
die die Hauptlast des Krieges getragen, die größten Verluste erlitten und den Sieg
über den Feind organisiert haben. Die Entnahme der Reparationen erfolgte den
Beschlüssen gemäß in drei verschiedenen Formen: Zum einen ging es um
Leistungen aus dem deutschen Nationaleigentum (Ausrüstungen,
Werkzeugmaschinen, Schiffe, rollendes Material, deutsche Auslandsinvestitionen,
Aktien von deutschen Industrie-, Verkehrs-, Schifffahrts- und anderen Betrieben...) ,
wobei diese Entnahmen hauptsächlich mit dem Ziel erfolgen sollten, das
Kriegspotential Deutschlands zu vernichten. Diese einmalige Form der
Reparationsleistung war innerhalb von zwei Jahren abzuschließen. Zweitens
mussten jährliche Warenlieferungen aus der laufenden Produktion innerhalb eines
Zeitraumes, dessen Dauer später festgelegt werden sollte, erbracht werden. Und
schließlich war als dritte Reparationsform die "Nutzung deutscher Arbeit"
vorgesehen./48/
Bezüglich der Nutzung des technisch-wissenschaftlichen Potentials und der
deutschen Spezialisten verfolgten die Alliierten eine andere Strategie als nach dem
1. Weltkrieg: Damals versuch, ten die siegreichen Alliierten in Friedensverträgen
ihre Vormachtstellung zu verewigen, indem sie die Naturwissenschaft und Technik
der Deutschen als Kriegsbeute zu übernehmen trachteten. Da Staatsbeamte und
Industrielle jedoch unter Wissenschaft mehr eine Sammlung magischer Rezepte als
einen lebendigen Organismus verstanden, der die gesamte ökonomische und
soziale Struktur der Gesellschaft durchdringt, war das einzige, was sie taten, sich
einige geheimgehaltene Herstellungsverfahren für Farbstoffe und Sprengstoffe
anzueignen, um ihren eigenen Spezialisten die Mühe zu ersparen, sie selber
HORLAMUS
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herauszufinden. Damit überließen sie es den deutschen Wissenschaftlern und
Ingenieuren, das militärische Gleichgewicht, das mit Waffengewalt zerstört worden
war, durch ihren Arbeitseifer wieder zu verändern./49/ Nach dem zweiten Weltkrieg
wollten die Alliierten Siegermächte jedoch nicht mehr nur die Patente,
Konstruktionen und Materialien der deutschen Rüstungsforschung und Waffen
übernehmen, sondern man versuchte auf den Gebieten, auf denen die Deutschen
einen Entwicklungsvorsprung hatten, die vollständigen Strukturen der
Rüstungsforschung und den Stand der Waffenentwicklung zu erkunden und
gegebenen, falls samt Wissenschaftler und Hilfspersonal zu übernehmen.
Schon bevor in Jalta diese Vereinbarungen zwischen den Alliierten getroffen
wurden, hatten sich Großbritannien und die USA darauf eingestellt, zielstrebig diese
Strategie zu verfolgen. Zu diesem Zweck wurden verschiedene Unternehmungen
gebildet, die in Begleitung oder z. T. sogar vor den einrückenden Truppen der
Besatzungsmächte eintrafen. Sie klärten vor allem Bereiche der
Rüstungsentwicklung und Kriegsproduktion aber auch andere Be, reiche von
Forschung, Entwicklung und Industrie auf, um gegebenenfalls all das als
Kriegsbeute mitzunehmen, was als lohnend erschien.
Eine der amerikanisch-britischen Unternehmungen war die Alsos- Mission, die im
Spätsommer 1944 nach der Landung alliierter Truppen in Frankreich ihre Arbeit
aufnahm. Sie hatte die Aufgabe elf Bereiche zu bearbeiten: "Das Uranproblem;
bakteriologische Waffen; Organisation der feindlichen wissenschaftlichen
Forschung; Luftfahrtforschung; Annäherungszünder; deutsche
Forschungseinrichtungen für ferngelenkte Geschosse; die Beteiligung des
Ministeriums Speer an der Forschung; Chemische Forschung; Bitumenöl-
Entwicklung; verschiedene Fragen."/50/
Angesichts des mit hohem materiellen und finanziellen Mitteln forcierten
Manhattanprojektes hatten die Amerikaner und Engländer ein besonderes Interesse
an der Aufklärung der Entwicklungsarbeiten zur kriegstechnischen Nutzung der
Atomenergie durch Hitlerdeutschland. Abwehroffiziere, die den Atomphysiker
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Frederic Joliot-Curie ausfindig machten, erfuhren von diesem, dass die Deutschen
bei dem Uranproblem keine nennenswerten Fortschritte gemacht hätten und
keineswegs in Lage wären, eine Atombombe herzustellen. Am 29.August 1944
wurde Joliot-Curie nach London geflogen, um dort Näheres über die Arbeit
deutscher Physiker, die in seinem Laboratorium während der Zeit der Okkupation
gearbeitet hatten - es waren u. a. Prof. Erich Schumann, Dr. Kurt Diebner, Prof.
Walter Bothe, Prof. Abraham Esau, Prof. Wolgang Gentner und Dr. Erich Bagge -,
zu berichten./51/ All die Genannten deutschen Wissenschaftler waren mit dem
hitlerdeutschen Uranprojekt und der Wehrforschung befasst. Erich Schumann
arbeitete beispielsweise seit 1922 als Physiker für die Reichswehr, leitete seit 1934
die Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes und wurde 1938 zum Chef des
Abteilung Wissenschaft im Reichskriegsministerium berufen./52/
Nach einer zeitweiligen Unterbrechung nahm gegen Ende Februar 1945 - also nach
der Krim-Konferenz - die Alsos-Mission ihre Arbeit wieder auf. Dabei operierte sie
nicht nur in den zu, künftigen Besatzungszonen der westlichen Alliierten, sondern
diese Spezialeinheit wurde auch in den Gebieten Deutschlands wirksam, die im
Einzugsbereich der vorrückenden sowjetischen Truppen lagen bzw. die nach dem
Sieg über den Faschismus zur sowjetisches Besatzungszone gehören sollten.
Vereinbarungsgemäß hätte jede Besatzungsmacht die Pflicht gehabt, alle Fabriken,
Forschungsinstitute, Laboratorien, Prüfstellen, technische Unter, lagen, Patente,
Pläne, Zeichnungen und Erfindungen im vorgefundenen, möglichst unversehrten
Zustand an den Verbündeten zu übergeben, der die zukünftige Besatzungshoheit im
jeweiligen Gebiet nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands ausüben
wird. Doch die Amerikaner hielten sich nicht an diese Vereinbarung. So wurde
beispielsweise auf Empfehlung des militärischen Leiters der Alsos-Mission, General
Groves, mit Zustimmung des Kommandierenden Generals der amerikanischen
Strategischen Luftwaffe in Europa am frühen Nachmittag des 15. März 1945 das
Werk der Auergesellschaft in Oranienburg aus großer Höhe bombardiert und völlig
zerstört. Dieses Werk, das eine wichtige Rolle bei der Uranmetallaufbereitung
spielte, sollte nicht in die Hände der vorrückenden Truppen der Sowjetarmee
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fallen./53/
Am 12. April 1945 zogen die amerikanischen Besatzungstruppen in
Stadtilm/Thüringen ein. Hier befand sich das kernphysikalische Laboratorium des
Heereswaffenamtes, das unter Leitung von Dr. Kurt Diebner arbeitete. Die Gestapo
hatte jedoch bereits am 8. April 1945 Diebner und seine Forschungsgruppe samt
Material und Geheimakten evakuiert. Nur der zurückgelassene Dr. Berkei, der von
Anfang an am Uranprojekt des Heereswaffenamtes mitgearbeitet hatte, konnte von
den Amerikanern festgenommen und über das Projekt verhört werden. Außerdem
fand man aufschlussreiche Akten, Teile des Uranmeilers, viel Ausrüstung, Zähler
usw./54/ Im Raum Staßfurt entdeckte eine amerikanische Spezialeinheit in einem
Salzbergwerk gelagertes Uranerz aus Belgisch-Kongo. Die 1100 Tonnen Erz
wurden unverzüglich abtransportiert./55/ Offenbar war es selbst deutschen Stellen
daran gelegen, dass im Verlaufe der letzten Kriegshandlungen Spezialisten und
Ausrüstungen in die Gebiete verlagert wurden, die in die Hände der Amerikaner
oder Engländer fielen. So berichtet z. B. Manfred von Ardenne davon, dass ihm kurz
vor dem Durchbruch der sowjetischen Truppen bei Küstrin vom deutschen
Rüstungskommando eine Bescheinigung ausgestellt wurde, die es ihm ermöglicht
hätte, zusammen mit seiner Familie sowie den meisten Anlagen und Dokumenten
Berlin zu verlassen und einen Ort westlich der Elbe aufzusuchen./56/
Im Rahmen der Alsos-Mission wurden alle die Atomforscher, die aufgespürt werden
konnten, festgenommen und verhört. Es herrschte ja Kriegsrecht. Ein Teil der
Wissenschaftler wurde sofort in die USA geflogen, andere, die zeitweilig in
englischer Gefangenschaft waren, kehrten ab 1946 in die westlichen
Besatzungszonen zurück. Noch vor den Atomphysikern wurden Anfang April 1945
durch ein amerikanisches Sonderkommando alle Raketenexperten, die am 17.
Februar 1945 aus Peenemünde evakuiert wurden, festgenommen: Unter ihnen
befand sich der militärische Leiter der Anstalt General Dr. Dornberger und der
Konstrukteur Wernher von Braun./57/ Die Vermutung, die damals United Press über
den Zweck dieser Aktion anstellte, bestätigten sich./58/ Es ging um die Auswertung
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der Erfahrungen und des Wissens deutscher Experten bei der Entwicklung von V-
Waffen. Sie waren für zukünftige Waffenentwicklungen der Siegermächte von
militärstrategischer Bedeutung. Aus der unzerstört gebliebenen unterirdischen
Produktionsstätte von V- Waffen des Konzentrationslagers "Mittelbau Dora" im
Kohnstein wurden von den Amerikanern alle fertigen Waffen aus dem Berg und in
die USA geschafft.
Am 22. Mai 1945 fuhr der erste von neun Zügen mit Raketenmaterial ab. Insgesamt
wurden 341 Eisenbahnwaggons mit 400 Tonnen Material zum Zusammenbau von
100 Raketen abtransportiert. Wurden die in Nordhausen verbliebenen
Raketenspezialisten zumindest vorübergehend festgenommen, so gingen die
Wissenschaftler und Ingenieure, die unter Leitung von Wernher von Braun standen
und nach Nordbayern geflüchtet waren, völlig straffrei aus. Mit den amerikanischen
Behörden handelten sie ihre zukünftigen Arbeitsverträge aus und ließen sich mit
ihren Familien in die USA bringen. 115 Wissenschaftler und Konstrukteure wurden
in einem ersten Schub in die Vereinigten Staaten, nach White Sand, gebracht.
Ihnen folgten bald weitere Fachkräfte, die in den USA halfen, die erbeuteten
Raketen zu montieren und funktionstüchtig zu machen. Sie setzten in den USA ihre
in Peenemünde und Nord, hausen begonnene Arbeit fort, und am 14. März 1946
wurde die erste V 2, die noch im Mittelwerk von Häftlingen zusammengebaut
worden war, in White Sand gezündet. So mündete die Raketenforschung
Nazideutschlands in das Raketenbauprogramm der USA. Die erbeutete deutsche V
2-Rakete hatte den Amerikanern 50 Millionen Dollar und 5 Jahre Forschungsarbeit
erspart./59/
Auch in anderen Bereichen wurden solche Beutefeldzüge gemacht, bevor die
amerikanischen Truppen das Gebiet an die sowjetische Besatzungsmacht
übergaben, so dass in diesem Fall von einer gemeinsamen Nutzung der deutschen
Waffen und Forschungseinrichtungen durch die Mächte der Anti-Hitler-Koalition
nicht die Rede sein konnte. Ein solches Verhalten war ebenfalls dem Systemkonflikt
geschuldet, der zwar gegenüber dem gemeinsamen Kriegsfeind noch neutralisiert
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werden konnte, nach dem Sieg über den Faschismus jedoch wieder mit neuen
weltpolischen Zielen aufriss. Besonderen Wert legten die Amerikaner auf deutsche
Fachkräfte, die - nach ihrem technischen Wissen und Können ausgewählt -
belastende Momente ihrer Vergangenheit im faschistischen Deutschland mit Hilfe
amerikanischer Dienststellen vertuschen konnten. Auf Be, treiben des CIC sorgten
Einheiten der Us-army bei ihrem Abzug aus Thüringen und weiten Gebieten
Sachsens für eine stabsmäßig organisierte Abwerbung von Spezialisten. Von der
Leipziger Universität wurden beispielsweise etwa 30 Professoren und Dozenten, da,
runter einige Mediziner, und aus Betrieben der Leipziger Gegend ca. 120 Techniker
und Ingenieure abgeworben./60/
Eine der us-amerikanischen Geheimaktionen nach der bedingungslosen
Kapitulation Deutschlands ist unter dem Decknamen "Paper Clip" bekannt
geworden. Sie gestattete deutschen Wissenschaft, lern, Ingenieuren,
Konstrukteuren und Industrieführern, die aktive Nazis gewesen waren, die
Einbürgerung in den USA. Normalerweise verboten die Einwanderungsgesetze in
den USA die Aufnahme von Kriegsverbrechern und aktiven Nationalsozialisten. Um
diese Gesetze zu umgehen und führende Wissenschaftler und Ingenieure
anzuwerben, sollen Personalakten, die durch eine Büroklammer (paper clip)
gekennzeichnet waren, so frisiert worden sein, dass die Belastung des Betroffenen
durch seine nazistische Vergangenheit nicht mehr zu erkennen war. In den Jahren
1945 bis 1952 kamen allein unter dem Codenamen "Paper Clip" 632 Spezialisten in
die USA. Vorrang hatten Wissenschaftler, die in irgendeiner Weise kriegswichtige
Forschung betrieben hatten. Wirksam wurde hierbei z. B. die Organisation "FIAT".
"Field Intelligence Agency Technical" war eine Agentur, die verantwortlich "für die
Koordination der Inbetriebnahme von Personal" zeichnete. Aufgabe dieser Agentur
war es vornehmlich, sich der Wissenschaftler anzunehmen, die von sowjetischen
Stellen Angebote zur Arbeit in der UdSSR er, hielten./61/
Die von den US-Amerikanern nach 1945 übernommenen Spezialisten waren in ihrer
Geisteshaltung nicht mit den Ingenieuren und Wissenschaftlern zu vergleichen, die
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von der Nazidiktatur rassisch oder/und politisch verfolgt, ab 1933 nach England, in
die USA oder andere Länder emigrierten. Einige der nunmehr in die USA Gereisten
mögen sich wohl kaum, wie ihre einst aus Deutsch, land vertriebenen
Berufskollegen, zur Wahrung humanistischer Ideale ins Ausland begeben haben.
Sie waren dem nationalsozialistischen Regime ergeben gewesen oder sogar seine
Parteigänger und haben sich den Ungeist des Nationalsozialismus nicht wider,
setzt. Dem Ruf nach Amerika folgend versuchten sie sich jetzt in Erwartung eines
angenehmeren Lebens, der Last dieser Mitverantwortung zu entziehen. Auch hat
sie das Kriegserlebnis nur in wenigen Fällen für ein öffentliches
Friedensengagement motiviert - ihre Namen finden sich kaum unter den
Friedenskapellen der Nach, kriegsjahrzehnte./62/ Engagierte Vertreter der
amerikanischen Öffentlichkeit protestierten gegen diese Art der
Einwanderungspolitik. So wandten sich am 1. Januar 1947 vierzig führende
Persönlichkeiten der USA, unter ihnen Albert Einstein, in einer Erklärung an das
State Departement und das Kriegsministerium gegen die Hinzuziehung deutscher
Fachkräfte für militärische und industrielle Forschungsarbeiten. Man wandte sich
außerdem gegen die geplante Einwanderung von zusätzlich tausend deutschen
Spezialisten in die USA./63/
Einige Konstrukteure und Mitarbeiter der ehemaligen deutschen
Raketenentwicklung waren nicht von der Aktion "Paper Clip" erfasst worden bzw.
nahmen die amerikanischen Angebote nicht an. So war es sowjetischen Fachleuten
mit Hilfe von deutschen Spezialisten möglich, bestimmte Entwicklungen auf diesem
Gebiet nachzuvollziehen. In der sowjetischen Besatzungszone gab es an den
verschiedensten Orten während des Krieges Zulieferbetriebe für das
Raketenprogramm, so dass man auch Einzelteile von Waffen und Raketen sowie
Unterlagen fand. In Bleicherode und Kleinbodungen gelang es, eine kleine
Stückzahl des A 4 zu Test- und Studienzwecken nachzubauen. Die Ergebnisse
dieser Arbeit fasste eine Spezialistengruppe unter dem Raketenkonstrukteur Sergej
Koroljow 1947 in einer dreizehnbändigen "Materialsammlung zum Studium der
erbeuteten reaktiven Technik" zusammen. Am 18. Oktober 1947 wurde auf dem
HORLAMUS
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Übungsgelände Kapustin Jar, Gebiet Astrachan, auf der Basis einer
wiederhergestellten V 2 der erste Start einer sowjetischen ballistischen Rakete
vollzogen./64/
Die Raketenspezialisten, Flugzeugkonstrukteure, Atomwissenschaftler und andere
Spezialisten, die nach dem Krieg auf verschiedenen Wegen in die Sowjetunion
kamen, um dort mit ihrer Arbeitskraft einen Anteil zur Wiedergutmachung zu leisten,
mögen tendenziell in ihrer Geisteshaltung, auch unter Berücksichtigung individueller
Besonderheiten ähnlich Vorstellungen gehabt haben, wie ihre Berufskollegen, die
Arbeitsangebote in den USA angenommen hatten. Physiker, Chemiker, Ingenieure,
Techniker und andere Fachleute wurden 1945 direkt von sowjetischen Stellen unter
Zusicherung günstiger Arbeitsbedingungen angeworben, kamen aus sowjetischen
Kriegsgefangenenlagern oder wurden im Oktober 1946 in Deutschland von der
NKWD festgenommen und mit ihren Familien, angehörigen und einem Teil ihres
Hausrates in die Sowjetunion gebracht, um dort beim Wiederaufbau der zerstörten
Wirtschaft und in anderen Bereichen tätig zu werden. Unter ihnen waren
Persönlichkeiten wie Manfred von Ardenne, Heinz Barwich, Brunolf Baade, Gustav
Hertz, Max Steenbeck und Peter Adolf Thiessen, die nach ihrer Rückkehr aus der
Sowjetunion Mitte der 50er Jahre ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihren Einfluss nicht
nur in die wissenschaftlich-technische Entwicklung der DDR sondern auch in die
nationale und internationale Friedensbewegungen einbrachten. Andere Schicksale
einst ausgewiesener Spezialisten, wie z. B. die der Atomwissenschaftler L. R. Döpel
und K. Geib, die ebenfalls in der Sowjetunion waren, sind bislang noch nicht
aufgeklärt bzw. blieben in der Historiographie der DDR bisher unerwähnt./65/
Wie viele
deutsche Wissenschaftler und Ingenieure insgesamt in
Kriegsgefangenenlagern, Betrieben und Instituten zu Wiedergutmachungsarbeiten
herangezogen wurden, kann nicht mit Bestimmtheit festgestellt werden. Jedoch geht
aus einer jüngst veröffentlichten Gesprächsnotiz Otto Grotewohls hervor, dass nach
dem Stand vom 23. 7. 1953 in der Sowjetunion 580 "Spezialisten" nebst 826
Familienangehörigen arbeiteten./66/ Aber nicht alle Wissenschaftler und Ingenieure
HORLAMUS
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waren "Spezialisten". Im Dezember 1954 sprachen Grotewohl und Molotow über die
Rückkehr der in der Sowjetunion "festgehaltenen" Deutschen, die nach 1933 dorthin
emigriert waren oder nach 1945 in die Sowjetunion kamen. Gegen, stand der
Verhandlung war ebenfalls die Entlassung von Kriegs, gefangenen und nach dem
Kriege Deportierter. Konkrete Absprachen wurden über die deutschen Spezialisten,
Wissenschaftler und Techniker geführt, für die die Übersiedlung nach Deutschland
vorbereitet wurde. Im Jahre 1955 konnte ein Großteil des bei dieser Unterredung
angesprochenen Personenkreise in die DDR oder BRD heimkehren. In ihrer
Überzahl wählten die Spezialisten die DDR als Heimat, in der sie selbst bald zur
Förderung der Wissenschafts- und Technologieentwicklung beitrugen. Nur wenige
der wieder zurückgekehrten Fachleute - wie z. B. Nicolaus Riehl - entschieden sich
für einen Neuanfang in der BRD oder in einem anderen Land.
Der Experimentalphysiker Prof. Fritz Bernhard, der 1939 sein Studium als
Diplomingenieur abschloss und seit 1942 unter Manfred von Ardenne in Berlin-
Lichterfelde im Auftrage der Forschungsanstalt der Deutschen Reichspost arbeitete,
gehörte mit zu den Fachkräften, die 1945 von sowjetischen Hochschullehrern und
Ingenieuren in Uniform angeworben wurden: "Wir haben uns schnell dazu
entschließen können," stellte er rückblickend fest, "in die Sowjetunion zu gehen,
sahen wir doch in dem zusammengebrochenen Deutschland keine
Lebensgrundlagen mehr, dort aber eine Chance zu neuen Aufgaben."/67/ Für die
deutschen Spitzenwissenschaftler wurden eigens Institute eingerichtet, die z. T. mit
parallel zu sowjetischen Arbeiten laufenden Forschungsaufgaben betraut wurden.
Das Institut unter Leitung von Gustav Hertz befand sich in Agudseri, 7 Kilometer
entfernt von Sinop, wo sich das technisch- physikalische Institut unter Leitung von
Manfred von Ardenne befand, das später mit dem Namen "Suchumi Institut für
elektronische Physik" durch die Offenlegung der bis dahin geheimgehaltenen
Forschungsergebnisse auf der ersten Genfer Atomkonferenz im Jahre 1955 auch
international bekannt wurde.
In der Aufbauphase dieser Institute wurden die Belegschaften durch deutsche
HORLAMUS
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2
100
Kriegsgefangene verstärkt. Über die dem Hertzschen und seinem Institut
zugeführten Wissenschaftler, Techniker und Handwerker aus den
Kriegsgefangenenlagern schreibt Manfred von Ardenne in seiner Autobiografie:
"Wahrscheinlich rettete dieser Beschluss manchem der dafür herangezogenen
Männer das Leben, denn bei der unmittelbar nach Beendigung des Hitlerkrieges
allgemein herrschenden Nahrungsmittelnot und den Seuchen, die unter den
gefangenen Soldaten zunächst grassierten, war die Sterblichkeit auch in den
Gefangenenlagern hoch. Dafür hatten die Betroffenen allerdings damit zu rechnen,
einige Jahre länger als ihre Kameraden in der Sowjetunion zu bleiben."/68/ Nach
Untersuchungen des sowjetischen Historikers Wladimir Galizki starben in der
Kriegsgefangenschaft auf dem Gebiet der Sowjetunion 356 687 deutsche
Kriegsgefangene. Das waren 14,9 Prozent der Gesamtzahl der Gefangenen. Im
Vergleich dazu seien folgende Zahlen genannt: Von den 5,7 Millionen sowjetischen
Kriegsgefangenen, die Deutsch, land während des Krieges machte, kamen 3,3
Millionen, das entspricht einer Todesrate von 57 Prozent, in den Lagern der
Deutschen um./69/
Max Steenbeck, der als technischer Physiker während des Krieges in den Berliner
Siemens-Schuckert-Werken zunächst als Leiter einer wissenschaftlichen Abteilung
tätig war und bald darauf die Gesamtleitung des Stromrichterwerkes in
Siemensstadt übernahm, ist ein prominenter Zeitzeuge, der die geistige Situation
vieler
Intellektueller in den Kriegsgefangenenlagern aus eigenem Erleben
schilderte. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Berlin wurde er am
25. April 1945 verhaftet und kam in sowjetische Kriegsgefangenschaft./70/ In einem
Lager mit mehreren tausend Zivilgefangenen war er in einem Bereich interniert, wo
vorrangig Studierte und Beamte aus dem Berliner Raum zusammen, gefasst waren -
Industrielle, Kaufleute, leitende Bankbeamte, Ingenieure aus Rüstungsbetrieben,
Ärzte, Lehrer, auch einige Großbauern und Polizeibeamte. Diese Intellektuellen mit
ihrer unterschiedlichen Herkunft und der bis zuletzt eingenommenen "gehobenen"
Stellung vermochten es nicht, sich Vorstellungen über ihre reale Perspektive zu
machen oder aber zumindest voneinander über die wirklichen Gründe ihrer Lage
HORLAMUS
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etwas zu lernen, wie Steenbeck feststellte: "Eine übergeordnete einigende Idee
fehlte völlig, die zum Beispiel die Kommunisten in den Konzentrationslagern unter
viel schlechteren Bedingungen erfüllt und ihnen dort Kraft gegeben hatte. Den
meisten von uns war ihre Welt zusammen, gebrochen oder - für manche noch
schlimmer - ihre persönliche Existenzgrundlage und damit der Sinn des bisherigen
Lebens. Alle kamen aus Stellungen, wo man auf sie gehört hatte. Hier wollte keiner
zuhören, jeder war mit eigenen, jeweils anderen Gedanken erfüllt; es gab kein
gemeinsam zu bewältigendes Schicksal."/71/
Nur wenige der in die Sowjetunion geratenen Fachleute kamen in Institute, die mit
einem Sonderstatus versehen waren. Manche Ingenieure und Techniker, die in der
Sowjetunion zu verschiedenen Wiedergutmachungsleistungen herangezogen
wurden, waren nach dem Krieg in sogenannten "Speziallagern des NKWD/MWD".
In den 11 Speziallagern, die es in der sowjetischen Besatzungszone gab und die
zum Teil auf dem Gelände ehemaliger deutscher Konzentrationslager hermetisch
von der Außenwelt abgeschirmt waren, wurden einstige SS-Schergen und KZ-
Wächter, hohe Amtsträger der NSDAP, Wehrmachtsoffiziere und fanatische
Werwolfjungen festgehalten, die nach den Beschlüssen der Alliierten zu isolieren
waren. Nach Angaben des sowjetischen Außenministeriums saßen in diesen Lagern
in der Zeit von 1945 bis 1950 insgesamt 122671 Deutsche ein. Davon starben
42889 Menschen in Folge von Krankheiten. Geschuldet war diese hohe
Sterblichkeit der katastrophalen Ernährungslage in der ersten Nachkriegsmonaten,
hinzu kamen die großen Tuberkulosewellen der Jahre 1946 und 1947. Andere
starben an Entkräftung oder erlagen unter normalen Umständen heilbaren
Krankheiten. 756 Personen wurden zum Tode verurteilt. Das waren etwa 0,6
Prozent der Internierten. 45262 Personen wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.
12770 wurden in die Sowjetunion deportiert, 6680 in Kriegsgefangenenlager
überführt. 14202 Häftlinge wurden 1950 zur weiteren Strafverbüßung bzw.
Aburteilung dem Ministerium des Innern der DDR übergeben./72/ Die Umstände der
Nachkriegszeit schlossen es nicht aus, dass unter den Gefangenen auch Personen
waren, die als nominelle Pgs. oder parteilose Bürger ohne gerichtliche
HORLAMUS
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Untersuchung, denunziert oder einfach von der Straße weggeholt, einsaßen.
Wie schwer es heute ist, auf der Grundlage von Zeitzeugenbefragungsunterlagen
zu werten, ob das Maß der Mitschuld derjenigen, die Rahmen der tausendfach
praktizierten Dienstverpflichtung die Kriegsmittel technisch perfektionierten, zu recht
oder unrecht interniert wurden, liegt nahe. Worin unterschied sich ihre
Mitverantwortung für die Kriegsverbrechen des Naziregimes von der der Soldaten,
die an der Front für "Volk und Führer" kämpften und in Kriegsgefangenschaft
gerieten? Ist das Maß ihrer Mitverantwortung geringer oder größer als das
derjenigen Offiziere und Soldaten, die die von ihnen entwickelten Waffen gegen
Menschen zum Töten einsetzten? Geschildert sei hier der Fall des Ingenieurs Horst
Kuhfeld/73/.
Im Alter von 26 Jahren nahm Horst Kuhfeld 1936 als Ingenieur im Rüstungsbetrieb
"Kurt Heber G. m. b. H.", der im Auftrage des Reichswehrministeriums für Flugzeuge
Abwurfvorrichtungen für Bomben entwickelte und zur Serienproduktion brachte, eine
Tätigkeit an. 1937 wurde dieser Betrieb dem Reichsluftfahrtministerium unterstellt
und in "Mechanische Werkstätten Neubrandenburg G.m.b.H." umbenannt. In
diesem Betrieb, der 2000 Beschäftigte hatte, wurde Kuhfeld 1939 Oberingenieur
und Stellvertreter des Werkdirektors. 1944 baute man in diesem Betrieb eine gegen
Luft- und Erdbeobachtung getarnte Außenproduktionsanlage, den sogenannten
Waldbau. In diesem, Ingenieur Kuhfeld direkt unterstellten Bereich wurden
Rudermaschinen, Lage-Kreiselsysteme und Höhenregler für die Flügelrakete "V 1"
produziert. Ab 1944 wurde im Waldbau ebenfalls unter Leitung von Horst Kuhfeld
eine Fließlinie der Nullserie für die drahtgesteuerte Panzerfaust "Rotkäppchen", der
weltweit ersten Panzerabwehrlenkrakete, aufgebaut. Noch 1945 kamen in Breslau
einige dieser Panzerfäuste zum Einsatz.
Kuhfeld, der nach eigenen Angaben nominelles Mitglied der NSDAP war, installierte
Anfang 1945 Notstromaggregate für sowjetische Institutionen in Neubrandenburg.
Im Juni 1945 wurde er verhaftet und in Fünfeichen interniert. Nach 3 Monaten Haft
wurde er in die Sowjetunion überführt, wo er in der Nähe von Moskau mit etwa 20
HORLAMUS
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103
weiteren Internierten in einer Forschungs- und Entwicklungsgruppe für
automatische Flugzeugsteuersysteme arbeitete. Außerhalb der Arbeitszeit waren
die Gefangenen in einem bewachten Haus untergebracht. Die Verbindung zu den
Familien in der Heimat konnte nur über Kriegsgefangenen-Kartenvordrucke
erfolgen. 1956 wurde Horst Kuhfeld in die DDR entlassen, wo er bis zu seiner
Berentung als technischer Direktor in den Elektro-Apparate-Werken Berlin-Treptow
arbeitete.
Manch Ingenieur, Techniker, Physiker oder Chemiker kam auch ohne den Umweg
über die Internierungslager in die Sowjetunion, um dort Wiedergutmachung zu
leisten. Im Oktober 1946 wurden im Rahmen einer nächtlichen Aktion technische
Spezialisten festgenommen und mit ihren Familienangehörigen und einem Teil des
Hausrates mit unbekanntem Ziel abtransportiert./74/ Zu den im Oktober 1946
verhafteten gehörte z. B. Erich Apel. Erich Apel war nach seinem Wehrdienst von
1940 bis 1945 als Ingenieur in der Heeresversuchsstelle Peenemünde, in den
Elektro-Mechanischen Werken Karlshagen und in anderen Betrieben
dienstverpflichtet. Nach dem Kriege arbeitete er bis Ende 1945 in Craja (Kreis
Worbis) und Judenbach in der Landwirtschaft, wurde dann kommissarischer
Schulleiter der Berufsschule Steinach und danach bis Oktober 1946 Hauptingenieur
bei der Sowjetisch-Technischen Kommission in Bleicherode. Nach seiner Rückkehr
aus der Sowjetunion im Sommer 1952 wurde er in wirtschaftsleitende Funktionen
von Wissenschaft und Technik eingesetzt. Seit März 1962 gehörte er dem
Forschungsrat der DDR und dessen Vorstand an. Außerdem wirkte er im Rat für
friedliche Anwendung für Atomenergie, der 1955 unter Vorsitz von Gustav Hertz
gegründet wurde, als dessen Mit, glied. Schließlich war Erich Apel von 1963 bis zu
seinem Selbst, mord am 3. Dezember 1965 Vorsitzender der Staatlichen
Plankommission der DDR./75/
Es ist heute wohl kaum noch nachzuvollziehen, welchen Anteil deutsche
Wissenschaftler
und Techniker an der Entwicklung der sowjetischen
Rüstungsforschung und -entwicklung nach 1945 hatten. Dies kann auch nicht
HORLAMUS
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Gegenstand dieser Arbeit sein. Es gilt jedoch das Phänomen einzuordnen, dass
Wissenschaftler und Ingenieure, die in der deutschen Kriegsproduktion
dienstverpflichtet waren oder an Projekten des Heereswaffenamtes freiwillig
mitarbeiteten, nunmehr fast nahtlos ihre Arbeit in der Sowjetunion weiterführten und
diese als Dienst zur Sicherung des Weltfriedens verstehen sollten. Dieser
Widerspruch löst sich auf, weil die Wahrnahme von politischer Verantwortung stets
im Zusammenhang mit politischen Einsichten steht, die letztlich erst mit
historischem Abstand besser zu werten sind, aber in der jeweiligen konkreten
Situation gewonnen werden und zum Handeln motivieren. Nach einem verlorenen
Krieg und im Angesicht der potentiellen Gefahr eines amerikanischen
Atomwaffenmonopol im weltweiten Systemkonflikt sprach vieles dafür, dass sich
nunmehr deutsche Wissenschaftler und Ingenieure in der Sowjetunion für die
Schaffung der wissenschaftlich-technischen Voraussetzungen für ein atomares Patt
zwischen den beiden Weltsystemen entschieden.
Natürlich hatten die deutschen Wissenschaftler und Ingenieure als Besiegte kaum
die Möglichkeit sich in dem Moment unbelastet und frei zu entscheiden, als man an
sie die Frage richtete, ob sie bereit wären, an den Verteidigungsaufgaben der
Sowjetunion mitzuwirken. Vor einer besonders schweren Prüfung standen wohl
diejenigen Forscher, die aufgefordert wurden, an der Entwicklung der sowjetischen
Atombombe mitzuwirken.
In einer bestimmten Hinsicht unterschied sich die Situation 1945 von der, die 1933
herrschte, als auf Initiative deutscher Emigranten das Manhatan-Projekt in den USA
in Angriff genommen wurde, an dem auch deutsche Wissenschaftler und Ingenieure
mit, arbeiteten. Trotz der Warnungen von Albert Einstein, Leo Szilard, James
Franck und anderen Persönlichkeiten hatte sich Truman für den militärisch nicht zu
rechtfertigenden Abwurf zweier Atom, bomben über Hiroshima und Nagasaki
entschieden, um gegenüber der Sowjetunion eine Politik des "big stick" betreiben zu
können. Die Weltöffentlichkeit war schockiert von der Wirkung dieser
Massenvernichtungswaffen, obwohl damals das volle Ausmaß dieser Tragödie noch
HORLAMUS
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2
105
nicht bekannt war.
Die Nachrichten von Hiroshima und Nagasaki erreichten eben, falls die deutschen
Atomwissenschaftler in der Sowjetunion. Und sie sollten sich für die Mitarbeit an der
Bombe entscheiden? - Als Max Steenbeck nach seiner unerwarteten Entlassung
aus dem Gefangenenlager und einem ihm zuteilgewordenen Genesungsurlaub von
dem sowjetischen Physiker Prof. Artzimowitsch in Moskau gefragt wurde, ob er
bereit wäre, an der sowjetischen Atombombe mitzuarbeiten, hatte er einen Tag
Bedenkzeit: "Die erste spontane Reaktion war ganz selbstverständlich 'ohne mich'...
Die eigentliche Schwierigkeit lag im Emotionalen. Wir Deutschen hatten solange
Zeit die Sowjetunion als Hauptfeind gesehen, und die vernichtende Niederlage
Hitlerdeutschlands ging dann vor allem auch auf ihr Konto. Und nun auf diese
Weise für die Macht der Sowjetunion arbeiten?..." Doch er zog den Schluss: "Wenn
ein drohender Krieg durch sowjetische Atombomben abzuwenden war, mussten
diese allerdings bald zur Verfügung stehen. Der 'ohne-mich'-Standpunkt war dann
falsch. Hätten die Amerikaner irgendwo mit ihrer Atombombe nur öffentlich
demonstriert: Seht, das haben wir - hätten sie sie nicht mit brutalem Zynismus
wirklich eingesetzt, schlimmer noch, als es die Bombardierung von Dresden war -,
ich weiß nicht, ob ich damals bereit gewesen wäre, an der Entwicklung sowjetischer
Bomben mitzuarbeiten - aus Sympathie für den Kommunismus jedenfalls nicht. Wir
sollten zwar nur im Vorfeld der Bombe arbeiten, das beruhigte etwas, aber ich war
mir auch der Unlogik dieser Einstellung von Anfang an bewusst - wie schon
während des Krieges, als es mir sympathisch erschien, nur an der Räumung von
Minen zu arbeiten und daher nicht unmittelbar an der Tötung von Menschen
beteiligt zu sein."/76/
Auch Manfred von Ardenne, der bereits in seinem Lichterfelder Laboratorium an
kernphysikalischen Untersuchungen saß, entschied sich damals mit den
Spezialisten seines Teams, einen schwierigen Teil im Komplex der
Atomwaffenherstellung zu übernehmen - die Verfahrensentwicklung für die
Reinstherstellung des Uranisotops 235. Manfred von Ardenne hatte sich für die
HORLAMUS
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106
Entwicklung des großtechnischen Verfahren zur Trennung der Uranisotope - ein
Verfahren, das sowohl für die friedliche Nutzung zur Energiegewinnung als auch für
die Atombewaffnung notwendig war
- nach eingehender Diskussion mit
verantwortlichen sowjetischen Politikern in der Gewissheit entschieden, dass seine
Arbeit der Erhaltung des Weltfriedens diene./77/
Auch aus heutiger Sicht mag diese Entscheidung ihre Rechtfertigung finden, selbst
wenn nunmehr das sowjetische Sicherheitskonzept der Nachkriegszeit sogar unter
Historikern aus der UdSSR umstritten ist und einer wissenschaftlichen Diskussion
zur Neubewertung unterzogen wird. Tatsächlich wurde die unter Truman praktizierte
Politik des Containment von einer Reihe militärischer Planungen begleitet, die den
Einsatz von Atomwaffen gegen die Sowjetunion einkalkulierten. Die militärisch
schwächere Position der Sowjetunion auf atomarem Gebiet sollte ausgenutzt
werden, um einen Krieg gegen sie gewinnbar zu machen. Schon am 3.November
1945 gab das Vereinigte Aufklärungskomitee der USA in Erwartung der weiter
vorgesehenen atomaren Aufrüstung seine ersten Empfehlungen zu möglichen
Bombenangriffen auf zwanzig "lohnende Ziele". Gemeint waren Großstädte (an der
Spitze Moskau), "in denen Forschungszentren, Spezialbetriebe und die wichtigsten
Regierungs- und Verwaltungsstellen am stärksten konzentriert" sind: "Ihre Wahl
gewährleistet eine maximale Nutzung der Potenzen der Atomwaffen", hieß es in
diesem streng geheimen Dokument./78/
Man rechnete nicht damit, dass die Sowjetunion den atomaren Vorsprung der USA
in kurzer Frist aufholen könne, und wollte ihr und dem Rest der Welt einen "pax
americana" aufzwingen. Nur wenigen Fachleuten war bekannt, dass die
sowjetischen Physiker J. B. Seldawitsch und J. B. Chariton im Sommer 1939 den
theoretischen Beweis für die Kettenreaktion der Kernspaltung erbracht hatten. Als
sie das Problem der "kritischen Masse" des Isotops U235 entdeckten und
publizierten, waren sie den Forschungsergebnissen, die in den USA vorlagen,
voraus. Die Warnungen, die Pjotr Kapiza im Oktober 1941 in der "Iswestija" und in
dem sowjetischen "Mitteilungsblatt der Akademie der Wissenschaften" gegen die
HORLAMUS
KAPITEL
2
107
Entwicklung der Atombombe vorbrachte, stießen ebenso auf Unverständnis wie sein
Vorschlag, mit den Engländern und Amerikanern im Rahmen eines gemeinsamen
Projektes zur Entwicklung der Atom, bombe zusammenzuarbeiten. Derartige
Angebote, ob sie öffentlich oder im privaten Rahmen erörtert wurden, lehnten die
Regierungsvertreter der westlichen Allliierten während wie nach dem zweiten
Weltkrieg ab.
Trotz der hohen Belastungen von Gesellschaft und Wirtschaft durch den Überfall
Deutschlands auf die Sowjetunion sah sich Stalin genötigt, die Forschungen und
Entwicklungsarbeiten zur militärischen Nutzung der Atomenergie im
Sicherheitsinteresse des Landes voranzutreiben. 1943 wurde deshalb eine zentrale
Arbeitsgruppe unter Leitung von I. W. Kurtschatow gebildet, die die Arbeiten an dem
Uranprojekt fortsetzte. Als Stalin auf der Potsdamer Konferenz von Truman in
Andeutungen von der erfolg, reichen Kernwaffenversuchsdetonation in New Mexiko
erfuhr, wies er an, die Arbeiten am sowjetischen Atomvorhaben zu beschleunigen.
Am 25. Dezember 1946 konnte der erste europäische Uranium-Graphit-Reaktor bei
Moskau in Betrieb genommen werden. Am 29. August 1949 zündet die Sowjetunion
ihre erste Atombombe./79/
Anteil daran hatten auch deutsche Ingenieure und Wissenschaftler. In ihren
Autobiographien und anderen Veröffentlichungen wiesen die deutschen
Spezialisten darauf hin, dass die sowjetische Atomphysik bereits vor ihrem
Eintreffen einen hohen Stand er, reicht hatte und ihr Beitrag an dem materiell,
finanziell und personell gigantischen Projekt zum Bau der Atombombe nur
vergleichsweise gering sein konnte./80/ Sie waren sich jedoch darüber im klaren,
dass ihre Arbeit politisch und moralisch als Beitrag zur Schaffung eines
strategischen Gleichgewichtes der atomaren Militärpotentiale zwischen den
Systemen in Ost und West zu werten sei. Auch Otto Hahn sah in der ersten
getesteten sowjetischen Atombombe ein stabilisierendes Moment für den
Weltfrieden. Anderseits warnten namhafte Kernphysiker und Chemiker zusammen
mit Medizinern und anderen Spezialisten seit Mitte der 50er Jahre mit immer mehr
HORLAMUS
KAPITEL
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108
Nachdruck davor, dass die unaufhörliche Anhäufung von atomaren Waffen in der
Welt die Gefahr einer unkontrollierten Selbstvernichtung der Menschheit erhöhen
kann. Manfred von Ardenne gehörte zu den ersten Atomphysikern, die der
Öffentlichkeit Vorschläge zur "Verwendung der für militärische Zwecke angehäuften
Weltvorräte an Spaltmaterial zum Wohle der Menschheit" unterbreitete. Er
bedauerte damals, dass die günstige physikalische Situation nicht genutzt wurde,
die riesigen in den Nachkriegsjahren aufgesammelten Vorräte an Spaltmaterial und
an Uran 238 statt als Super-Explosivstoff für Tod und Vernichtung in den
Atomkraftwerken der Zukunft als Super-Brennstoff zur Erzeugung von
Elektroenergie und Wärmeenergie zu verwenden. In den politischen Erörterungen
hätte dieser Gedanke nur merkwürdig wenig Beachtung gefunden: "Man könnte also
den zunächst für militärische Zwecke betriebenen gewaltigen Aufwand, der den
Lebensstandard der Völker auf beiden Seiten seit 1945 stark belastet hat, noch
nachträglich und im Laufe der kommenden Jahrzehnte fast verlustfrei zum Wohle
der Menschen einsetzen. Die Natur selbst hat unserer Generation hier einen Weg
offengehalten, der uns vom Abgrund fort in eine gesicherte Zukunft führen
könnte."/81/ Mag die physikalisch-technologische Problemstellung der Nutzung der
Atomenergie in diesem Umfang aus umwelt- und sicherheitspolitischen
Überlegungen heraus heute umstritten sein oder abgelehnt werden, so bleibt das
politisch-moralische Anliegen, das Manfred von Ardenne hier vertrat, höchst brisant
und aktuell.
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
109
Anmerkungen und Quellen zum 2. Kapitel
/1/
Max Steenbeck erreichte im Gefangenenlager Schwiebus die Nachricht von
der bedingungslosen Kapitulation. Er erinnerte sich: "Wir - viele der
Deutschen - fügten uns an diesem Tage, widerwillig oder apathisch, wie
einem Schicksal. Wir Männer saßen gefangen in Lagern, unsere Frauen
und Kinder mussten allein fertig werden mit einer Welt, die durch Gewalt,
Hass und Mord aus den Fugen geraten war - und das durch unsere Schuld.
Nein, ich jedenfalls fühlte mich damals, am achten Mai
neunzehnhundertfünfundvierzig, durchaus nicht befreit; vielleicht befreit von
dem ständigen Gedanken: Lebst du morgen überhaupt noch? Aber das war
doch gleichgültig geworden gegenüber einem Leben, wie wir es nun vor uns
sahen." Steenbeck, Max: Impulse und Wirkungen. Schritte auf meinem
Lebensweg. Berlin 1980, S. 151.
/2/
Meinicke, Wolfgang: Zur Entnazifizierung in der sowjetischen
Besatzungszone unter Berücksichtigung von Aspekten politischer und
sozialer Veränderungen (1945 - 1948). Dissertation A. Berlin 1983, S. 247 f.
- Unbekannte Zahlen. Über das Schicksal der sowjetischen und deutschen
Kriegsgefangenen im zweiten Weltkrieg. In: Neue Zeit (Moskau). Heft
24/1990, S. 27 - 29.
/3/
Tjulpanow, Sergej: Deutschland nach dem Kriege (1945 - 1949). Berlin
1987, S. 37 f.
/4/
Amtsblatt des Kontrollrates in Deutschland, Berlin Nr. 1 vom 29. Oktober
1945, S. 19 f. - Kurt Mauel führt fälschlich an, dass das Verbot des VDI "mit
dem Befehl Nr. 2 des sowjetischen Marshalls Shukow begründet" worden
sei. (Mauel, Kurt: Die technisch-wissenschaftliche Arbeit des VDI. In:
Technik, Ingenieure und Gesellschaft..., Fußnote S. 509).
/5/
Händeler, Erich: Zum Wiederaufbau der ehrenamtlichen technisch-
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
110
wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit. Berlin 1947, S. 6 f.: "Nach einem
von der Reichsverwaltung des NSBDT aufgestellten Verzeichnis handelte
es sich dabei um folgende Vereine, die dem NS-Bund Deutscher Technik
angeschlossen waren: Verein Deutscher Ingenieure (VDI) - Automobil- und
Flugzeugtechnische Gesellschaft (ATG) - Deutscher Kälteverein (DKV) -
Reichsvereinigung Freiberuflicher Ingenieure (RFI) - Verein zur Beförderung
des Gewerbefleißes von 1821 (VBG) - Verein Deutscher Revisions-
Ingenieure (VDRI) - Verein Deutscher Heizungsingenieure (VDHI) - Max
Eyth-Gesellschaft zur Förderung der Landtechnik - Rouleaux-Gesellschaft -
Schiffbautechnische Gesellschaft - Verband Deutscher Elektrotechniker
(VDE) - Deutscher Verein von Gas- und Wasserfachmännern (DVGW) -
Bund Deutscher Chemiker (BDCh) - Verband selbständiger öffentlicher
Chemiker Deutschlands (VöCh) - Dechma, Deutsche Gesellschaft für
chemisches Apparatewesen - Verein Deutscher Chemikerinnen (VDChn) -
Deutscher Azetylenverein - Verband für Autogene Metallbearbeitung (VAM)
- Verein Deutscher Färber (VDF) - Reichsausschuss für Metallschutz -
Verein der Zellstoff- und Papierchemiker und -ingenieure - Deutsche
Chemische Gesellschaft - Deutsche Bunsen-Gesellschaft für angewandte
physikalische Chemie - Verein Deutscher Zuckertechniker - Verein
Deutscher Eisenhüttenleute (VDEh) - Gesellschaft Deutscher Metallhütten-
und Bergleute (GDMuB) - Deutsche Gesellschaft für Metallkunde im VDI
(DGfM) - später: Metall und Erz - Verein Deutscher Gießereifachleute (VDG)
- Deutsche Glastechnische Gesellschaft (GG) - Verein Deutscher Bergleute
- Deutsche Gesellschaft für Mineralölförderung - Deutsche Gesellschaft für
Bauwesen (DGfB) - Deutscher Beton-Verein - Deutscher Stahlbau-Verband
- Tiefbohrtechnischer Verein
- Reichsverband Deutscher
Feuerwehringenieure (RDF) - Deutsche Akademie für Bauforschung
(Akbau) - Deutsche Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung -
Deutsche kulturtechnische Gesellschaft
- Verband Deutscher
Kulturtechniker (VDK) - Deutscher Verein für Vermessungswesen -
Forschungsgesellschaft für das Straßenwesen
- Hafenbautechnische
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
111
Gesellschaft
- Reichsverband der deutschen Wasserwirtschaft
-
Wissenschaftlicher Verein für Verkehrswesen (WVV)."
/6/
Verordnungsblatt der Stadt Berlin. Ausgabe Nr. 1 vom 10. Juli 1945, S. 2.
/7/
Mauel, Kurt: Die technisch-wissenschaftliche Arbeit des VDI 1946 bis 1981.
In: Technik, Ingenieure und..., S.455.
/8/
Egon Stelzner hat aus Akten des Archivs beim Präsidium der Kammer der
Technik diese Anstrengungen rekonstruiert: Stelzner, Egon: Die
Herausbildung und Entwicklung der Kammer der Technik 1945/46 - 1955.
Dissertation (B). Freiberg 1985, S. 34 f.
/9/
Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure im NSBDT. Bd. 88, Nr. 45/46,
11. November 1944, S. 632.
/10/
Stelzner, Egon: Die Herausbildung und Entwicklung der..., S. 35.
/11/
100 Jahre Berliner Bezirksverein. In: VDI-Nachrichten. Nr. 22, 27. Oktober
1956, S. 9.
/12/
Archiv des Präsidiums der Kammer der Technik, Berlin (APK): Nr. 44. Zit. in:
Stelzner, Egon: Die Herausbildung und Entwicklung der..., S. 35.
/13/
Mauel, Kurt: Die technisch-wissenschaftliche Arbeit des VDI..., S. 456 f. -
Hortleder, Gerd: Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs. Zum politischen
Verhalten der Technischen Intelligenz in Deutschland. Frankfurt am Main
1970, S. 185.
/14/
Vorläufiger Bericht über die Einstellung des VDI zum Nationalsozialismus,
zum Militarismus und zum Monopolkapitalismus während der Jahre 1933 -
1945. o. J. (1947). VDI-Archiv.
- Zit. in: Hortleder, Gerd: Das
Gesellschaftsbild des Ingenieurs..., S. 137.
/15/
Fünf Jahre Wiederaufbau im VDI. In: VDI-Zeitschrift. Bd. 93, 11. September
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
112
1951, Nr. 26, S. 821 - 823. - Mauel, Kurt: Die technisch-wissenschaftliche
Arbeit des VDI..., S. 456 f., S. 510.
/16/
Aktenvermerk über die Vorbereitung des Deutschen Technikertages, 12.
September 1947. Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin (ZGA):
IG Eisenbahn, Nr. 5/231/779.
/17/
ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0145.
/18/
Niederschrift über die Beratung des Sachverständigen-Auschusses der
Zentralen Techniker-Kommission des Deutschen Gewerkschaftsbundes für
die britische Besatzungszone zur Neuordnung der technischen
Gemeinschaftsarbeit am 6. und 7. Dezember 1947, (Abschrift/Md). In: ZGA:
Bundesvorstand Nr. 0145.
/19/
Stadtarchiv Berlin: Rep. 101 Nr. 235.
/20/
Stadtarchiv Berlin: Rep 101, Nr. 235.
/21/
Kater, Michael H.: Die "Technische Nothilfe" im Spannungsfeld..., S. 79. -
Die Remilitarisierung der Bundesrepublik im Jahre 1956. Hrsg. vom
Ausschuss für Deutsche Einheit. o. O., o. J., S. 36 f.
/22/
Stelzner, Egon: Die Herausbildung und Entwicklung der..., S. 33.
/23/
Kirste, Peter/Pellmann, Dietmar/Stelzner, Egon: Beiträge zur Geschichte der
Kammer der Technik, Heft 1, 1945 - 1949. (unv. Manuskript). 5 f.
/24/
Die Technik. Heft 1/1946, S. 3.
/25/
Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin (BGA): Nr. B 47. - Rekus,
Johannes/Jonas, Wolfgang: Die Kraft der Gemeinschaft. 15 Jahre Kammer
der Technik. Berlin 1961, S. 75.
/26/
Günther, Max: Die Satzungen der Kammer der Technik. In: Die Technik.
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
113
Heft 6/1946, S. 263.
/27/
An die technische Intelligenz. In: Die Technik. Heft 1/1946, S. 4.
/28/
Rekus, Johannes/Jonas, Wolfgang: Die Kraft der ..., S. 23.
/29/
K.d.T. Bezirk Groß-Berlin an SMAD vom 26. 3. 1949. In: APK: Nr. 45. - Die
Kammer der Technik, der aktive Mittelpunkt des technischen Lebens. In:
Mitteilung der K.d.T. (Berlin). Heft 4/1949, S. 1. - Schneider, Michael: Die
Politik der SED zur Entwicklung des Bündnisses von Arbeiterklasse und
wissenschaftlich-technischer Intelligenz in der volkseigenen Industrie der
DDR in den ersten Jahren der sozialistischen Umgestaltung (1949 - 1955).
Dissertation A. Leipzig 1988, S. 13. - Rekus, Johannes/Jonas, Wolfgang:
Die Kraft ..., S. 82.
/30/
Amtsblatt des Kontrollrates in Deutschland, Berlin Nr. 7/1946, S. 151. - Vgl.
auch: Die Technik, Nr. 9/1948, S. 392.
/31/
Amtsblatt des Kontrollrates..., Nr. 11/1946, S. 184 f.
/32/
Amtsblatt des Kontrollrates..., Nr. 13/1946, S. 234 f.
/33/
Amtsblatt des Kontrollrates..., Nr. 6/1946, S. 138
- 143.
- Die
Durchführungsbestimmungen zum Alliierten Kontrollgesetz Nr. 25 für die
sowjetische Besatzungszone wurden als Anlage zum Befehl Nr. 79 des
Oberkommandierenden der SMAD vom 9.April 1947 beigefügt:
Zentralverordnungsblatt Nr. 3/1947, S. 35 - 37 - Vgl. auch: Die Technik. Heft
9/1948, S. 391 f.
/34/
Amtsblatt des Kontrollrates..., Nr. 6/1946, S. 141.
/35/
Zentrales Archiv der Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin (AAW):
Nachlass H. H. Franck, Nr. 126.
/36/
Ebenda.
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
114
/37/
Ebenda, Nr. 174. - Walter Kucharski hatte die Nachfolge Schnadels
angetreten, nachdem dieser von einem Aufenthalt in Westdeutschland nicht
zurückkehrte. Kucharski, der wählend der Abwesenheit Schnadels bereits
dessen Geschäfte geführt hatte, war nach der Neueröffnung der
Technischen Universität bis September 1947 deren erster durch den Senat
bestimmter Rektor.
/38/
AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 174. - Kucharski, Walter:
Gedanken zur Wiedereröffnung der Technischen Hochschule Berlin vom
8. Dezember 1945, 4 f.
/39/
Ebenda, S. 5.
/40/
Brandt, Peter: Wiederaufbau und Reform. Die Technische Universität Berlin
1945 - 1950. In: Wissenschaft und Gesellschaft. Beiträge zur Geschichte
der Technischen Universität Berlin. Hrsg. von Reihard Rürup. Erster Band.
Berlin/Heidelberg/New York 1979, S. 506.
/41/
Havemann, Robert: Ein deutscher Kommunist. Rückblicke und Perspektiven
aus der Isolation. Hrsg. von Manfred Wilke, mit einem Nachwort von
Leonardo Radice. Reinbeck b. Hamburg 1978, S. 69.
/42/
Stolz, Werner: Otto Hahn/Lise Meitner. Biographien hervorwagender
Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner. Band 64. Leipzig 1989,
S. 6 f.
/43/
Murray, R. C.: Wissenschaft und Wissenschaftler im heutigen Deutschland.
In: Forum. Heft 5/1949, S. 170.
/44/
Bernal, John Desmond: Die soziale Funktion der Wissenschaft. Hrsg. von
Helmut Steiner. (nach dem Originaltitel von 1939) Berlin 1986, S. 385.
/45/
Stadtarchiv Berlin: Rep. 101, Nr. 235. - Meister, Bernd: Grundzüge der
Politik der SED zur Formierung der technischen Hochschulen in der
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
115
Übergangsperiode. Dissertation B. Leipzig 1985, S. 9. - Geschichte der
Bergstadt Freiberg. Hrsg. von Hans-Heinz Kasper und Eberhard Wächtler.
Weimar 1986, S. 308 f.
/46/
Brandt, Peter: Wiederaufbau und Reform..., S. 499.
/47/
AAW: Nachlass von Hans Heinrich Franck, Nr. 214.
/48/
Protokoll über die Verhandlungen zwischen den drei Regierungschefs auf
der Krimkonferenz zur Frage der deutschen Reparationen in Form von
Sachleistungen. In: Die Sowjetunion auf internationalen Konferenzen
während des Großen Vaterländischen Krieges 1941 bis 1945. Band 4. Die
Krim (Jalta)konferenz der höchsten Repräsentanten der drei alliierten
Mächte - UdSSR, USA und Großbritannien (4. - 11. Februar 1945).
Dokumentensammlung. Moskau/Berlin 1986, S. 227. - Manfred von Ardenne
hatte z. B. durch Abhörung ausländischer Rundfunksendungen Kenntnis
von der Festlegung im Jalta-Vertrag, "die Arbeit deutscher Spezialisten und
Wissenschaftler den Siegerstaaten zur Verfügung zu stellen, um sie so
durch ihre Leistungen zur Wiedergutmachung der angerichteten materiellen
Schäden beitragen zu lassen." (Ardenne, Manfred von: Ein glückliches
Leben für Technik und Forschung. Autobiographie. Berlin 1982, S. 153).
/49/
Bernal, John Desmond: Die soziale Funktion..., S. 186.
/50/
Irving, David: Der Traum von der deutschen Atombombe. Gütersloh 1967,
S. 215.
/51/
Ebenda, S. 218.
/52/
Wissenschaft in Berlin. Von den Anfängen bis zum Neubeginn nach 1945.
Berlin 1987, S. 538.
/53/
Groehler, Olaf: Geschichte des Luftkrieges 1910 bis 1980. Berlin 1981,
S. 458.
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
116
/54/
Irving, David: Der Traum..., S. 245.
/55/
Auf der Elften Sitzung der Potsdamer Konferenz am 31. Juli 1945 brachte
Stalin im Zusammenhang mit den Reparationen die Frage auf die
Entnahmen, die die Engländer aus der russischen Besatzungszone vor
deren Einnahme durch die sowjetischen Truppen vorgenommen hatten. Es
handele sich um den Abtransport von Waren und Ausrüstungen. Überdies
gäbe es eine Niederschrift des sowjetischen Militärkommandos darüber,
dass die amerikanischen Behörden vom gleichen Territorium 11000
Waggons weggeschafft haben: Das Potsdamer Abkommen.
Dokumentensammlung. Berlin 1979, S. 174.
/56/
Ardenne, Manfred von: Ein glückliches Leben..., S. 150 f.
/57/
Bergschicker, Heinz: Deutsche Chronik..., S. 451.
/58/
Kesing's Archiv der Gegenwart vom 24. August 1945, S. 395.
/59/
Pachaly, Erhard/Pelny, Kurt: Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Zum
Widerstandskampf im KZ Dora 1943 bis 1945. Berlin 1990, S. 215. - Stulz,
Percy: Schlaglicht Atom. Berlin 1973, S. 130 f.
/60/
Thöns, Kerstin: Die politische und soziale Entwicklung der Intelligenz des
Landes Sachsen von 1945 bis 1949. Dissertation (A). Berlin 1987, S. 34.
/61/
Werner, Petra: Otto Warburg. Von der Zellphysiologie zur Krebsforschung.
Biografie. Berlin 1988, S. 284.
- Pachaly, Erhard/Pelny, Kurt:
Konzentrationslager..., S. 214, S. 216.
/62/
Erck, Alfred: Zur humanistisch-aufklärerischen Tradition im
Friedensengagement der naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz im
Imperialismus der Gegenwart. In: Philosophie und Frieden: Beiträge zum
Friedensgedanken in der deutschen Klassik. Collegium philosophicum
Jenense. Heft 6/1985, S. 211.
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
117
/63/
Werner, Petra: Otto Warburg..., S. 285.
/64/
Pachaly, Erhard/Pelny, Kurt: Konzentrationslager ..., S. 217f. - Stache,
Peter: Sowjetische Raketen im Dienst von Wissenschaft und Verteidigung.
Berlin 1987, S. 101 f.
/65/
Diese Probleme wurden bislang in der Historiographie der DDR kaum
thematisiert, geschweige denn tiefgehender analysiert. Originalquellen,
wenn überhaupt vorhanden, dürften nur in der Sowjetunion zu finden sein.
Grundlage der nachfolgenden Ausführungen sind autobiographische
Arbeiten, Interviews sowie zeitgenössische Aussagen von Betroffenen aus
der zweien Hälfte der fünfziger Jahre. Auch Irving konnte sich vielfach nur
auf Mutmaßungen in dieser Frage stützen: Irving, David: Der Traum..., S.
256 ff. - Hans Heinrich Franck nahm übrigens in einem Brief an Georg
Graue am 22. 3. 1955 noch an, dass Riehl "in die DDR zurückkehren wird".
AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 212.
/66/
Archiv des Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin: Notizen
Grotewohls von einem Gespräch mit Molotow im Dezember 1954 über die
Rückkehr Deutscher aus der UdSSR. - Erstveröffentlichung in: Neues
Deutschland (B), 24./25. März 1990, Nr. 71, S. 13.
/67/
Ochel, Michael: Die Straßenbahn fährt nur bergauf. Gedanken und
Meinungen des Physikers Prof. em. Dr. Fritz Behrendt. In: Berliner Zeitung
vom 9./10. September 1989, Nr. 217, S. 9.
/68/
Ardenne, Manfred von: Ein glückliches Leben..., S. 162. - Vgl. auch:
S. 168 f., S. 190.
/69/
Unbekannte Zahlen. Über das Schicksal der sowjetischen und deutschen
Kriegsgefangenen im zweiten Weltkrieg. In: Neue Zeit (Moskau). Heft
24/1990, S. 27 - 29.
/70/
AAW: Akademieleitung, Personalia Steenbeck, Nr. 444.
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
118
/71/
Steenbeck, Max: Impulse und Wirkungen. Schritte auf meinem Lebensweg.
Berlin 1980, S. 157.
/72/
Historisches Bezirksmuseum Neubrandenburg, Befragungsprotokoll vom 7.
4. 1982; Rep. Q - 277. - Diese Angaben wurden mir durch Herrn Dieter
Krüger vom Historischen Bezirksmuseum Neubrandenburg
freundlicherweise übersandt. (Schreiben vom 14. 3. 1990).
/73/
Namen weiterer Ingenieure und Techniker, die nach 1945 in Fünfeichen
interniert wurden sind: Alois Weber, ein Spezialist aus Peenemünde; Ling
Chang, ein chinesischer Ingenieur von Siemens aus Berlin; Dietrich
(Vorname nicht bekannt), Ingenieur, Berlin; Kurt Schlegel, Ingenieur,
Teterow; Hans Schneider, Ingenieur, Teterow; Hans Schulbin, Techniker,
Teterow. Korrespondenz: Schreiben von Dieter Krüger vom 14. 3. 1990. -
Vgl. auch: Freie Erde, Nr. 35 vom 10.2. 1990. - Berliner Zeitung Nr. 71 vom
24./25. März 1990, S. 3. - Range. H. P.: Das Konzentrationslager
Fünfeichen 1945 - 1948. Ratzeburg 1989.
/74/
Als "Aktion OSSAWAKIM" wurde in einem der "Bonner Berichte aus Mittel-
und Ostdeutschland" des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen
der BRD diese Verhaftungswelle bezeichnet: Leutwein, Alfred: Die
"Technische Intelligenz" in der sowjetischen Besatzungszone. Bonn 1953,
S. 38.
/75/
Rost, E.: Erich Apel. In: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.
Biographisches Lexikon. Berlin 1970, S. 11 f.
/76/
Steenbeck, Max: Impulse und Wirkungen..., S. 175, 176, 177.
/77/
Ardenne, Manfred von: Ein glückliches Leben..., S. 234, vgl. auch S. 163
u. S. 209.
/78/
20 Atombombenziele in der Sowjetunion - Empfehlungen des Vereinigten
Aufklärungskomitees (3. 11. 1945). In: Greiner, Bernd/Steinhaus, Kurt: Auf
HORLAMUS
KAPITEL 2 Anmerkungen
119
dem Weg zum 3. Weltkrieg? Amerikanische Kriegspläne gegen die UdSSR.
Ein Dokumentation. Köln 1980, S. 75 f. Was die amerikanischen
Präsidenten daran hinderte, Atomwaffen zur Lösung internationaler
Konflikte einzusetzen, analysiert beispielsweise Karaganow in einer
Artikelserie der Neuen Zeit: Karaganow, S.: Die Bombe und der Präsident.
In: Neue Zeit (Moskau) Nr. 5/1988, S. 29 ff., Nr. 6/1988, S. 26 ff., Nr. 7/1988,
S. 30 ff.
/79/
Weiterführende Literatur- und Quellenangaben sind in einem 30seitigen
unveröffentlichten Manuskript des Autors zu finden: Horlamus, Wolfgang:
Verantwortung zwischen Krieg und Frieden - deutsche Natur- und
Technikwissenschaftler und die Atombombe (1939 - 1949). (masch.
Manuskript, Berlin, April 1989).
/80/
Vgl.
Fußnote/76/
und/77/
sowie Hertz, Gustav:
Quantensprünge und Isotopentrennung: In: Lange, Gert/Mörke, Joachim:
Wissenschaft im Interview. Leipzig/Jena/Berlin 1979, S. 63. - Kuczera,
Josef: Gustav Hertz. Leipzig 1985, S. 60 ff. und S. 72 f. - Thiessen, Peter
Adolf: Der Aufbau des Sozialismus und die Wissenschaft. In: Die Technik.
Heft 10/1958, S. 158 ff.
/81/
Mit einem Schreiben vom 7. Mai 1990 überließ Prof. Manfred von Ardenne
mir den Text seiner Rede, die er am 23. April 1956 vor dem Nationalrat der
Nationalen Front des demokratischen Deutschlands zu diesem Thema hielt,
und die er als Reprint wiederum am 1. Januar 1988 als Neujahrswunsch von
bleibender Aktualität versandte.
HORLAMUS
KAPITEL
3
120
3. Das Verantwortungsproblem und die Bestrebungen um
eine national einheitliche Technikerbewegung als Moment
der deutschen Friedensregelung
Diejenigen Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler, die aus der Gefangenschaft
in ihre Heimatorte nach Deutschland zurück, kehrten oder im Verborgenen die
Wirren der letzten Tage des Krieges überlebt hatten, standen vor einem
Trümmerhaufen. Der Krieg hatte das Land verändert. Wie in der gesamten
Bevölkerung war bei ihnen nach all dem Erlebten eine tiefe Friedenssehnsucht
verbreitet. In absehbarer Zeit konnten keine himmelsstürmenden Projekte auf der
Tagesordnung von Wissenschaft und Technik stehen. Noch drang bis Deutschland
kaum der Schreckensschein der Atomblitze, die in Japan binnen von Sekunden
Zehntausende Menschenopfer forderten. Nur einige Gelehrte blickten über den
Horizont des eigenen Elends, und erahnten eine Gefahr bisher unbekannten
Ausmaßes, die mit der atomaren Massenvernichtungswaffe auf die Menschheit
zukommen konnte.
"Nie wieder Krieg!", "Nie wieder fasst ein Deutscher ein Gewehr an!", das waren
aber Losungen, die überall verstanden und angenommen wurden. Kein Ingenieur
und Wissenschaftler sollte mehr seine Fähigkeiten in den Dienst der
Waffenschmiede stellten. Hans Heinrich Franck, der vom Sommersemester 1946
bis zum Sommersemester 1947 das Amt des Prorektors der Technischen Universität
Berlin-Charlottenburg innehatte und die Fachabteilung Chemische Technik in der
Kammer der Technik leitete, meinte: "Wir wollen keine Technik mehr, die andere
und uns selbst mordet. Wir wollen keine Sklaven mehr, die im 'Frieden' ein dem
Glück der Welt ewig verschlossenes Leben führen, nur um aufzurüsten und im
Kriege als geduckte Hunde in unmenschlicher Grausamkeit wie in Belsen oder
Auschwitz, in Lidice oder St. Omer die Technik als Helferin des Wahnsinns zu
missbrauchen." /1/ Um den Missbrauch von Wissenschaft und Technik zu
verhindern, sollte man Technologien und Verfahren finden, die nicht zur
HORLAMUS
KAPITEL
3
121
Waffenentwicklung umschaltbar sind. Mit seinem zweiten Gedanken verlieh Franck
einer verständlichen Hoffnung Ausdruck. Sie war aber insofern technizistisch und
unrealistisch, da viele wissenschaftlich-technische Entwicklungen zum Nutzen oder
zum Schaden der Menschen gebraucht werden können, und die Verhinderung des
Missbrauches von Wissenschaft und Technik nicht allein in der Verantwortung der
Ingenieure und Techniker liegt.
Enno Heidebroek, der Präsident der Kammer der Technik, machte darauf
aufmerksam, indem er sich gegen eine Überspitzung des Verantwortungsproblems
wandte. Man dürfe nicht den Ingenieuren und Technikern aller Art die Schuld und
Verantwortung für den chaotischen Zustand der menschlichen Gesellschaft nach
dem Zwei, ten Weltkrieg geben. Ob mit der Technik Missbrauch getrieben werde,
hinge auch nicht von der Weltanschauung des Ingenieurs oder Technikers, der sie
entwickelte, ab. Die Technik sei "weder gut noch böse, weder moralisch noch
unmoralisch und damit auch die Arbeit an ihr und zu ihr", führte Heidebroek in
einem Beitrag zur Ingenieurarbeit und -erziehung aus./2/ Ob der Techniker fromm
oder nicht fromm, ob er gläubiger Christ oder Atheist, habe mit der Qualität und dem
Wert seiner Arbeit nichts zu tun. Die Technik und die mit ihr auf das engste
verbundenen Naturwissenschaften könnten nichts anderes leisten, als der
Menschheit ein möglichst vollkommnes Werkzeug im Dienste und zur Förderung
des menschlichen Fortschritts und der allgemeinen Wohlfahrt zu liefern. Dieses
Instrument aber für die Wohlfahrt der Menschheit richtig einzusetzen, jeden
Missbrauch von zerstörerischen Kräften zu verhindern sei "eine Erziehungsaufgabe
für alle gesellschaftlichen Faktoren: die Politiker, die Pädagogen, die Träger aller
großen sozialen und demokratischen Organisationen, die politischen Parteien,
insbesondere auch die Gewerkschaften." /3/ Diese Gedanken wollte Heidenbroek
auf dem vom 21.Juli bis 9. August 1947 in Darmstadt stattfindenden Internationalen
Kongress für Ingenieurausbildung vortragen. Auf ihm berieten 300 deutsche und 70
ausländische Fachleute aus 15 Ländern zu den Themenkomplexen: Technik als
ethische und kulturellen Aufgabe; zum Stand der Ingenieurausbildung in der Welt
sowie zur Studentenauswahl und soziale Fragen. Infolge einer Pass-Sperre konnte
HORLAMUS
KAPITEL
3
122
Heidebroek zu diesem Kongress jedoch nicht anreisen.
Übereinstimmend wurde auf dem Kongress die Verpflichtung her, vorgehoben, die
jeder Ingenieur gegenüber seinem Werk habe. Mehr als jeder andere müsse er
darüber wachen, dass mit dem Ergebnis seiner schöpferischen Arbeit kein
Missbrauch getrieben wird. Er würde das mit Aussicht auf Erfolg nur tun können,
wenn er sich schon als Student durch Aneignung einer genügend breiten
Bildungsgrundlage zu einer Persönlichkeit entwickelte, die stets das Rechte zu
erkennen und tun fähig sei. Ob dabei das Christentum oder allgemeine humanitäre
Ideen für seine ethische Grundhaltung bestimmend seien, solle Sache des
Einzelnen bleiben./4/ Die Kongressteilnehmer sahen deshalb das Ziel jeglicher
Menschenbildung in einem neuen Humanismus. Dieser Standpunkt wurde von den
demokratisch gesinnten Gelehrten an den Technischen Hoch, schulen
Deutschlands mehrheitlich geteilt. Der Humanismus sollte nach den Schrecken des
Krieges eine Renaissance erleben.
HORLAMUS
KAPITEL
3
123
3.1. Akademischer Nachwuchs für die Friedenswirtschaft
Die Umstellung auf die Friedenswirtschaft wäre ohne die Wiederaufnahme der
Ausbildung des wissenschaftlich-technischen Nachwuchses ohne Perspektive
geblieben. Die Zahl der ausgebildeten Ingenieure ging in den Jahren des Krieges
ständig zurück. Viele Techniker, Werkmeister, Ingenieure, Architekten und
technisch orientierten Mathematiker, Physiker und Chemiker waren während des
Krieges gefallen, befanden sich in Kriegsgefangenen, lagern oder wurden ins
Ausland abgeworben. Ein Mangel an Fachkräften war die Folge. Der amtierende
Rektor der Technischen Hochschule Berlins Walter Kucharski schätzte Ende 1945
ein, dass man in naher Zukunft mit einem Defizit von 40000 bis 50000
Diplomingenieuren (bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 50 Millionen Menschen)
rechnen müsse: "Die Verluste durch den Krieg sind gerade bezüglich der für den
technischen Nachwuchs in Frage kommenden Altersklasse so furchtbar gewesen,
dass auch unter den geänderten Verhältnissen von einem Überfluss nicht die Rede
sein kann. Im Gegenteil, es zeigen sich schon heute an den wenigen Stellen, an
denen noch oder wieder qualifiziert gearbeitet werden kann, ausgesprochene
Mangelerscheinungen, und auf jeden Fall wird nach einigen Jahren, wenn von einer
nennenswerten Industrie wieder gesprochen werden kann, ein beträchtliches
Bedürfnis an qualifizierten Ingenieuren bestehen." /5/
Die Universitäten und Technischen Hochschulen waren beschädigt oder stark
zerstört, personell wie materiell kaum arbeitsfähig. Besonders prekär war die Lage
in den Universitätsstädten, die unmittelbar zum Kriegesschauplatz wurden oder von
Bombenangriffen der anglo-amerikanischen Luftflotte zerstört wurden. 80 Prozent
der Gebäude der Technischen Universität Dresden fielen zum Bei, spiel bei den
verheerenden Bombenangriffen am 13. und 14. Februar 1945 in Schutt und Asche,
während die Rüstungsindustrie am Stadtrand fast unbehelligt blieb. Das Werk der
anglo-amerikanischen Bomber wollte der Rektor der TH Dresden, Prof. Wilhelm
HORLAMUS
KAPITEL
3
124
Jost, ein fanatisches NSDAP-Mitglied, vollenden. In einer Dienstbesprechung etwa
14 Tage vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen versuchte er, Hitlers Nero-
Befehl vom 19. März 1945 zur Zerstörung aller Industrie-, Verkehrs- und
Versorgungsanlagen in Deutschland für den Bereich der Hochschule
durchzusetzen. Diesem Verlangen wider, setzte sich der damals noch anwesende
Teil des Lehrkörpers, u. a. die Professoren Walter Pauer, Hans Hahn, Arthur Simon,
Enno Heidebroek und Willibald Lichtenheldt energisch. In den letzten Wochen des
Krieges wurde der Lehrbetrieb völlig eingestellt, die noch erhaltenen Gebäude von
Wehrmachtseinheiten oder Lazaretten belegt und die verbliebenen
Hochschulangehörigen zu Schanzarbeiten und im Volkssturm eingesetzt./6/
Bald, nachdem am 8. Mai die Truppen des 32. Gardeschützenkorps der
1. Ukrainischen Front nach heftigen Kämpfen die Stadt Dresden und mit ihr die
Technische Hochschule befreiten, fanden sich Aufbauwillige, die halfen, die
Trümmer zu beseitigen und die Voraussetzungen für den Lehr- und
Forschungsbetrieb zu schaffen. Im Juli 1946 meldet der neue Rektor Heidebroek
der Landesverwaltung Sachsen die Bereitschaft der Hochschule für die
Wiederaufnahme des Lehrbetriebes. Mit dem Befehl Nr. 237 vom 2.August1946
genehmigte die SMAD den Antrag der Landesregierung Sachsen auf
Wiedereröffnung der Hochschule zum 1. Oktober 1946. Nachdem bekannt wurde,
dass an der Technischen Hochschule wieder gelehrt werden würde, gingen bei der
Hochschulleitung 2600 An, träge auf Zulassung zum Studium ein. Am 21. Oktober
1946 konnte schließlich der Lehrbetrieb in drei Fakultäten (Pädagogische Fakultät,
Fakultät für kommunale Wirtschaft, Fakultät für Forstwissenschaften) mit
453 Studierenden aufgenommen werden.
Auf einem festlichen Akt in der Dresdner Tonhalle wurde am 18.September 1946 die
Technische Hochschule wiedereröffnet. An der Feierstunde nahmen als Vertreter
der sowjetischen Militärverwaltung der Leiter der Abteilung Volksbildung, Professor
Solotuchin und die Generale Professor Skorotunow und Dudorow, der Präsident der
Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung, Paul Wandel, der Präsident der
HORLAMUS
KAPITEL
3
125
Landesverwaltung Sachsen, Dr. h. c. Rudolf Friedrichs, der Oberbürgermeister der
Landeshauptstadt Dresden, Dr. Gustav Leissner, und weitere Persönlichkeiten des
öffentlichen Lebens teil. Alle Festredner verwiesen auf die Verantwortung der
Lehrenden und Studierenden, ihr Wissen und ihre Schöpferkraft in den Dienst des
Friedens zu stellen. Landespräsident Friedrichs erklärte: "Es gilt zu verhindern,
dass mit dem Werk der Erfinder und Ingenieure Missbrauch getrieben wird, dass
Technik gegen die Kultur - und die Maschinen gegen die Menschen - eingesetzt
werden. Wissenschaft und Technik müssen eingesetzt werden für den Fortschritt
der Menschheit und für die friedliche Zusammenarbeit der Völker." /7/
Rektor Heidebroek erhoffte in seiner Ansprache, dass im Anblick der Atombombe
das Weltgewissen endlich wachgerüttelt werde. Er forderte zudem, dass die
Entfesselung eines Krieges im Grundgesetz der Vereinten Nationen als ein
Verbrechen an der Menschheit schlechthin gegeißelt werden sollte: "Wir sind
schließlich so weit gekommen," führte er weiter aus, "dass durch die Entwicklung
der technischen Waffen der Krieg den Krieg selbst zerstören, d. h. durch die
unendlichen Leiden fast der gesamten Menschheit rein praktisch für alle Zukunft
überhaupt unmöglich und unvorstellbar erscheinen muss, wenn noch ein Rest von
sittlicher Vernunft in der Menschheit verblieben ist." /8/ Heidebroek selbst hatte
beide Weltkriege mitgemacht und wusste, wovon er sprach. 1915 wurde er im
sogenannten Kriegshilfsdienst in die technische Leitung eines kriegswichtigen
Betriebes, des Fahrzeugwerkes Eisenach, später BMW, abkommandiert. Seine
Aufgabe bestand hauptsächlich im Auf, bau und der Leitung eines neuen Werkes
für die Massenproduktion von 75-mm-Geschützrohren und Verschlüssen. Nach
1933, als die Lehr- und Forschungsaufgaben in Deutschland wieder in wachsendem
Maße der militärischen Aufrüstung und der Vorbereitung der Wirtschaft auf
Kriegsbedingungen untergeordnet wurden, bestimmte diese Entwicklung auch seine
Forschungsarbeit an der Technischen Hochschule in Dresden. Seit dem 1. April
1931 hatte Prof. Heidebroek an dieser Hochschule den Lehrstuhl für
Maschinenkunde und Fördertechnik inne. Die Gleitlagerforschung, der er sich
insbesondere widmete, wurde nach Kriegsbeginn auf die Untersuchung des
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Einsatzes synthetischer Schmieröle und auf die Ablösung importierter Lagermetalle
durch Ersatzstoffe gerichtet.
Im Herbst 1939 wurde Prof. Heidebroek, vermutlich auf Grund seiner praktischen
Erfahrungen in der Betriebswirtschaft und Betriebsorganisation, zur Betriebsleitung
in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde kommandiert, in der Raketenwaffen
entwickelt wurden. Als im Februar 1940 seine Lebensgefährtin plötzlich schwer
erkrankte und nach einer Operation verstarb, gelang es ihm, aus diesem Anlas
seine Entlassung aus der Heeresversuchsanstalt durchzusetzen. Später konnte er
weiteren direkten Kriegseinsätzen mit Geschick ausweichen. Offensichtlich gelangte
er allmählich zu der Erkenntnis, dass seine wissenschaftliche Tätigkeit wider Willen
die faschistische Kriegsmaschinerie unter, stützte./9/ Als erster Nachkriegsrektor
der Technischen Hoch, schule wollte Heidebroek nunmehr als Humanist und
liberaler Demokrat dafür wirken, dass nicht noch einmal Missbrauch mit
Wissenschaft und Technik betrieben werden konnte.
Dies war unter der Last der Kriegsfolgen, die das deutsche Volk zu tragen hatte,
nicht immer einfach. Nicht selten wurde notdürftig Instandgesetztes oder unversehrt
Gebliebenes zu Reparationsleistungen für die Siegermächte demontiert und
abtransportiert. Die einstige Subordination von Wissenschaft und Technik unter die
Kriegsziele der NSDAP gab den Siegermächten das Recht, durch Demontagen
einen Teil der erlittenen materiellen Schäden auszugleichen. Von der Technischen
Hochschule Dresden waren beispielsweise mindestens drei Dutzend
Wissenschaftler, unter ihnen Heidebroek, am V-Waffenprojekt in Peenemünde
beteiligt. Auch deshalb wurde die TH zu Reparationsleistungen verpflichtet. Von
Anfang August bis Dezember 1945 wurden zugunsten des Reparationsfonds gemäß
Abschnitt 4 des Potsdamer Abkommens Leistungen entnommen. Die Reparationen
der Technischen Hochschule Dresden für die Sowjetunion in Form von Apparaturen
und Büchern beliefen sich wertmäßig auf 2.773.608 Reichsmark./10/
Auch aus der Technischen Hochschule Berlin, die mit ihrer Wehrtechnischen
Fakultät zu einem Zentrum der Rüstungsforschung während der Nazizeit ausgebaut
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127
worden war, aber weniger Zerstörungen als die Dresdner Hochschule aufwies,
ließen die sowjetischen Militärbehörden zwischen Mai und Juli 1945 den größten
Teil der Ausrüstungen, namentlich des Maschinenparks demontieren. Erstmals war
die Technische Hochschule in Charlottenburg am 1.März 1943 bombardiert worden.
Ein schwerer Luftangriff in der Nacht vom 22. zum 23. November 1943 setzte das
Hauptgebäude in Brand. Weitere Bombenangriffe gab es im Sommer 1944. Die
Gebäude der Wehrtechnischen Fakultät hatten den Krieg relativ unbeschadet
überstanden. Das Hauptgebäude wies einen durchschnittlichen Be,
schädigungsgrad von 48 Prozent auf. Das Dach war völlig zerstört. Größere
Verluste gab es in der Fachbibliothek der Hochschule. Von der ursprünglich 250000
Bände umfassenden Bibliothek waren ganze 9500 Bände sowie 3500
Zeitschriftenexemplare erhalten; 50000 Bände waren ausgelagert. Gleich nach
Kriegsende beging die Bevölkerung massive, vor allem Holz- und Metalldiebstähle,
gegen die die Hochschule machtlos war./11/
Trotzdem versuchte man den Lehr- und Forschungsbetrieb wieder in Gang zu
bringen. Am 2. Juni 1945 wurde an der Technische Hochschule, zunächst kurzfristig
unter dem Vorsitz von Gustav Hertz, dann unter Georg Schnadel und ab Herbst
1945 unter Walter Kucharski ein Arbeitsausschuss zur Wiedereröffnung der
Hochschule gebildet. Der Arbeitsausschuss stellte den ersten provisorischen Etat
auf, arbeitete Lehrpläne aus, führte "Vorkurse" durch, um den Kriegsstudenten die
Gelegenheit zu geben, ihre Kenntnisse aufzufrischen, und begann mit der
Entnazifizierung. Der am 19. 8. 1945 in sein Amt eingesetzte Magistrat von Groß-
Berlin stellt einen Tag später 220000 RM für die Instandsetzung der TH-Gebäude
bereit. Eine Räum- und Bergungskolonne, der ehemalige Studenten wie Ordinarien
angehörten, machte unterdessen die noch bestehen, den Gebäude winterfest.
Am 9. April 1946 konnte dann mit Ansprachen u. a. des britischen Generalmajors E.
P. Nares und in Anwesenheit des Berliner Oberbürgermeisters Dr. Ing. Arthur
Werner die einstige Technische Hochschule als Technische Universität mit
zunächst drei Fakultäten neueröffnet werden. Nares versäumte es in seiner
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Ansprache nicht, darauf hinzuweisen, dass die Technische Hochschule "eine der
Stützen der technischen Entwicklung jener ungeheuren Kriegsmaschinerie war, mit
deren Hilfe das nationalsozialistische Deutschland andere Völker angegriffen und
unterdrückt hatte"./12/ Mit dem neuen Namen der Universität sollte an dieser
akademischen Bildungsstätte, an der während der Nazizeit unter den traditionell
"unpolitischen" Technikern fast zwei Drittel des Lehrkörpers NSDAP-Mitglieder
waren, ein neuer Geist einziehen.
Diesem Geist fühlten sich Walter Kucharski und Hans Heinrich Franck verpflichtet,
als sie 1945 Verhandlungen mit dem Berliner Magistrat (Dr. Winzer, Dr. Kaufheld)
und der englischen Seite über die Neueröffnung der Technische Hochschule
aufnahmen./13/ Insbesondere Hans Heinrich Franck, der zunächst Prorektor der
Technischen Universität war und bald darauf Dekan der Fakultät für Allgemeine
Wissenschaften wurde, setzte sich maßgeblich für die Einführung des
humanistischen Studiums an der Charlottenburger Universität ein: "Gerade weil die
Disziplinen der Technik ein viel detaillierteres Beherrschen spezialistischer
Wissensgebiete verlangen, muss dieser gefährlichen, zwar den 'Fachmann'
züchtenden, aber den freien und offenen Menschen vernichtenden
Materialbesessenheit eine Weitläufigkeit, Offenheit und Empfänglichkeit für den
universalen Gedanken der Humanität als Gegengewicht entgegengestellt werden.",
argumentierte er./14/ Die Forderung nach dem humanistischen Studium war
politisch nicht fest, gelegt und fand daher Zustimmung oder zumindest Duldung. Die
Einführung des humanistischen Studium im Jahre 1948/1949 war, wie der Historiker
Peter Brandt feststellt, "nicht eine, sondern die Reform der Technischen Universität
schlechthin." /15/ Die Technische Universität blieb mit diesem Studium aber unter
den westdeutschen Technischen Hochschulen isoliert.
Die im britischen Sektor Berlins gelegene Technische Universität bildete zum
damaligen Zeitpunkt in einem nicht unbedeutenden Maße den akademischen
Nachwuchs vorrangig für den Raum Groß-Berlin und für die sowjetische
Besatzungszone aus: Eine Tatsache, die bislang von den DDR-Historikern nicht
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reflektiert wurde, da dies offensichtlich nicht in das Ost-West-Denkklischee passte.
Selbst während der Berliner Krise 1948/49 gingen noch maßgebliche Vertreter der
Zentralverwaltung für Volksbildung, der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und
der Kammer der Technik in der sowjetischen Besatzungszone davon aus, dass aus
technisch-wissenschaftlicher Sicht die sowjetisch besetzte Zone und Groß-Berlin
das Hinterland der Technischen Universität bilden, aus dem die Studierenden an
dieser Lehranstalt stammen. "Ebenso haben die Absolventen der Technischen
Universität in starkem Maße nach Beendigung ihres Studium eine Tätigkeit in
diesen Bereichen aufgenommen", schrieb der Vizepräsident der Kammer der
Technik Max Günther am 17. Januar 1949 an Oberstleutnant Ponisowski von der
Informationsabteilung der SMAD, um eine Genehmigung zur Teilnahme an der 150-
Jahr-Feier der Technischen Universität aus Anlas 150. Gründungsjahres der
Bauakademie zu erwirken./16/
Die von den Besatzungsmächten unterstützte Wieder- bzw. Neueröffnung der
deutschen Universitäten und Hochschulen war in doppelter Hinsicht eine Investition
in die Zukunft. Zum einen wurden damit die bildungspolitischen Voraussetzungen
für die künftige wirtschaftliche Entwicklung geschaffen. Andererseits wurde das Ziel
verfolgt, der akademischen Jugend eine an humanistischen und demokratischen
Werten orientierte Perspektive zu geben, die dem Fortschritt und einer dauerhaften
Friedensordnung verpflichtet war. Der Rektor der Technischen Hochschule
München folgerte dementsprechend: "Die Umerziehung der deutschen Jugend ist
eine Schicksalsfrage des deutschen Volkes. Wenn ihre Lösung nicht gelingt, wird
wieder eine Entwicklung heraufbeschworen werden, wie wir sie nach 1919 erlebt
haben. Eine der wichtigsten Aufgaben der Hochschule ist es, die Jugend zu
Staatsbürgern mit politischem Verständnis zu erziehen. Die Kräfte für diese
Erziehungsarbeit müssen aus dem Christentum und dem Humanismus als den
Grundlagen der abendländischen Kultur strömen." /17/ Der Ungeist des
Nationalsozialismus sollte ein für allemal von den deutschen Hochschulen und
Universitäten verbannt werden.
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Als die Siegermächte die Eröffnung akademischer Bildungsstätten nach dem Kriege
genehmigten, war dies eine durchaus nicht voraussetzungslose Geste, wie
beispielsweise der damalige Präsident der Zentralverwaltung für Volksbildung in der
sowjetischen Besatzungszone Wandel feststellte: "Um die Eröffnung unserer
Universitäten wenige Monate nach dem völligen Zusammenbruch Deutschlands
richtig zu würdigen," wandte er sich in der ersten Nummer des "Forums" an die
Jugend, "muss man sich vergegenwärtigen, dass eine der ersten Maßnahmen der in
fremde Länder ein, brechenden faschistischen Eroberer die Schließung der
Universitäten der anderen Völker war. Im Interesse Deutschlands wurden Bildungs-
und Kulturstätten in Trümmer gelegt, die Intelligenz in Polen, Dänemark, Norwegen,
Frankreich, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und all den anderen Ländern in
Todeslagern dezimiert, um die Kraft zu selbständigem nationalen Leben zu
brechen." /18/ Es wäre also wahrhaft keine Vergütung für eigene Leistungen, führte
er fort, sondern Vertrauenskredit der Völker, dass man ihre Genehmigung und Hilfe
zum Studium und zur Neufundierung des Kultur- und Geisteslebens erhalten habe.
Obwohl in den vier Besatzungszonen Deutschlands Anfang 1947 bereits 22
Universitäten (einschließlich der Technischen Universität Berlin) und 8 Technische
Hochschulen ihren Lehrbetrieb wieder aufgenommen hatten /19/, blieb die Situation
für die Lehrkräfte und Studenten kompliziert. Viele Studienbewerber mussten
abgelehnt werden, da die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichten. Zu Beginn des
Wintersemesters 1946/47 wurden bei der Berliner und der Technischen Universität
Charlottenburg 3500 Studenten und Studentinnen, unter ihnen 2 300 aus Berlin, für
das weitere Studium nicht mehr zugelassen./20/ Zeitweilig war es so, wie auf dem
1. Studentenkongress der sowjetischen Besatzungszone vom 19. - 21. Juni 1947 in
Halle festgestellt wurde, dass von 10 Studienbewerbern nur einer angenommen
werden konnte./21/ Doch trotz vieler materieller und personeller Schwierigkeiten lief
die Ausbildung akademischer Techniker in allen Besatzungszonen Deutschlands
wieder an. Im Wintersemester 1946/47 konnten z.B. in der britischen
Besatzungszone die Technischen Hochschulen in Aachen 250, in Hannover 940, in
Braunschweig 1390 und die Bergakademie Clausthal 199 Studenten
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immatrikulieren./22/
Überall fehlten jedoch einsatzfähige Hochschullehrer. Obwohl man sich vielerorts
um die Rückkehr von ins Ausland emigrierten ehemaligen Universitäts- und
Hochschulangehörigen bemühte, waren diese Anstrengungen nur selten von Erfolg
gekrönt. Dies vor allem deshalb, da die Arbeitsbedingungen in Deutschland nicht
gerade einladend waren. An seinen Professorenkollegen Otto Gerngroß in der
Türkei, der sich nach den Arbeitsmöglichkeiten an der Technischen Universität in
Berlin erkundigte, schrieb beispielsweise Hans Heinrich Franck: "Wir lebten im
Winter alle zusammen in einem Zimmer, sind knapp mit Licht, knapp mit Heizung,
haben nichts anzuziehen, haben, wenn wir nichts vom Ausland geschickt
bekommen, wenig zu essen und können nur viel Theater, Musik und Vorträge sehen
bzw. hören. Also viel Geist und wenig Materialien. Ebenso sieht es in der
Hochschule aus. Es gibt im Chemisch-Technischen Institut nur einen Raum mit 4
Arbeitsplätzen und einen zweiten Raum mit einem Arbeitsplatz. Alles andere ist
zerstört. Dagegen existiert noch der alte Witt'sche Hörsaal. In diesem Hörsaal habe
ich im Winter bei 3 bis 4 Grad Kälte im Raum gelesen, die Studenten und
Studentinnen schwer vermummt. Lichtbilder, Zeichnungen, Apparate, Einrichtungen
irgendwelcher Art gibt es noch nicht. Die Aufstellung irgendwelcher komplizierter
Apparaturen im Laboratorium ist fast unmöglich." /23/
In Berlin, der einstigen Metropole von Wissenschaft und Technik sah es besonders
trostlos aus. Viele Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und der Physikalisch-
Technischen Reichsanstalt waren während des Krieges verlagert worden. Das
Durchschnittsalter der 51 ordentlichen Mitglieder der Preußischen Akademie der
Wissenschaften zu Berlin lag über 60 Jahre. Ende 1945 hielten sich 29 von ihnen in
den westlichen Besatzungszonen auf, fünf im Ausland. Zur "außerordentlichen
Gesamtsitzung" am 6. Juni 1945 im Gemeindehaus Zehlendorf erschienen zwölf
Mitglieder, darunter ein einziger Gelehrter, der zur mathematisch-
naturwissenschaftlichen Klasse gehörte. Von zwölf Mitgliedern hatte man sich
getrennt, weil sie direkt oder indirekt an den Verbrechen der faschistischen Diktatur
HORLAMUS
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beteiligt waren./24/
Auch an den Universitäten und Hochschulen waren ein Großteil der Professoren
und Dozenten ehemalige NSDAP-Mitglieder und mussten anfangs generell aus den
Universitäten und Hochschulen entfernt werden. Im Land Sachsen wurden z. B. von
der Technischen Hochschule Dresden, der Universität Leipzig und der
Bergakademie Freiberg 247 Professoren und Dozenten wegen aktiver
Mitgliedschaft in der NSDAP und ihren Gliederungen entlassen./25/ Ähnlich mag es
in anderen Ländern ausgesehen haben (vgl. Tabelle 5). Nach einem Bericht des
Alliierten Kontrollrates aus dem Jahre 1947 waren in der sowjetischen
Besatzungszone insgesamt 837 Angehörige des Lehrkörpers von den Hochschulen
der sowjetischen Besatzungszone entfernt worden./26/
Tabelle 5: Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder unter den Intellektuellen des
Landes Mecklenburg-Vorpommern nach 1945
Ärzte, Apotheker, Dentisten, Veterinäre
31,16 Prozent
Chemiker
21,65 Prozent
Ingenieure und Techniker
27,01 Prozent
Rechtsanwälte
19,79 Prozent
Agronomen
19,87 Prozent
Schriftsteller und Redakteure
16,56 Prozent
Kunstschaffende
14,72 Prozent
Lehrer und Hochschullehrer
29,88 Prozent
Angestellte (ab Vergütungsgruppe V) und leitende
kaufmännische Angestellte
20,36 Prozent
Entsprechend den Beschlüssen des Alliierten Kontrollrates war es erlaubt, an
Hochschulen und Universitäten ehemalige nominelle Mitglieder der NSDAP zum
Studium zuzulassen. Ihre Zahl durfte aber in keiner Disziplin 10 Prozent der
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Gesamtzahl der Studenten überschreiten. Wie diese Bestimmungen in den
einzelnen Besatzungszonen umgesetzt wurden, hing von der jeweiligen
Militärregierung ab, die die politischen und wissenschaftlichen
Zulassungsbedingungen kontrollierte und genehmigte. Besonders streng wurden
die Bestimmungen in der sowjetischen Besatzungszone gehandhabt./28/ Da die
Zahl der Studienbewerber erheblich über der der Studienplätze lag - sie betrug im
Durchschnitt das 2 bis 2,5fache, lag aber anfangs noch erheblich darüber - wurden
hier nominelle Mitglieder der NSDAP nur in dem Fall aufgenommen, wenn sie sich
bereits für den Neuaufbau in der sowjetischen Besatzungszone engagiert hatten.
Das hatte zur Folge, dass der Anteil dieser Studenten an der Gesamtzahl nur 1,3
Prozent betrug. Ehemalige Berufsoffiziere wurden an den Hochschulen der
sowjetischen Besatzungszone nicht zugelassen. Lediglich Reserveoffiziere bis zum
Dienstgrad Oberleutnant konnten nach individueller Prüfung die Immatrikulation
erhalten./29/ Außerdem wurde die Studentenschaft in der sowjetischen
Besatzungszone verpflichtet, die Rektoren "bei der Bekämpfung militärischen und
faschistischen Ungeistes und bei der Förderung fortschrittlichen, demokratischen
Denkens und Handelns" /30/ an den Universitäten und Hochschulen zu
unterstützen. In den westlichen Besatzungszonen betrug der Anteil ehemaliger
NSDAP-Mitglieder und aktiver Offiziere unter den Studenten nach offiziellen
Angaben 15 Prozent./31/
Für die meisten jungen Menschen, die nach dem Kriege an die Universitäten und
Hochschulen kamen, war das Kriegserlebnis das wesentliche Moment der geistigen
Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Von den 4.777 im ersten
Nachkriegssemester an den sechs Universitäten der sowjetischen Besatzungszone
und Berlins zugelassenen männlichen Studenten waren z. B. 74,1 Prozent aktive
Kriegsteilnehmer; darunter waren noch vor kurzer Zeit:
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· 41,1 Prozent in Mannschaftsdienstgraden
· 36,9 Prozent in Unteroffiziersgraden und
· 6,1 Prozent in Offiziersgraden der Wehrmacht.
· 78,7 Prozent der in diesem Semester zugelassenen insgesamt 8171
Studenten waren parteipolitisch nicht gebunden.
Ehemalige Mitglieder der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädchen "waren
am stärksten vertreten"./32/
In den einzelnen Besatzungszonen gab es in der Praxis eine unterschiedliche
Vergangenheitsbewertung. So wurde von Vertretern der amerikanischen
Militärregierung 1947 festgestellt, dass sich unter der Münchner Studentenschaft
1403 ehemalige NSDAP-Mitglieder befanden, was ungefähr 15 Prozent der
gesamten Münchner Hörerschaft entsprach. Rund die Hälfte aller einstigen Pgs.
wurde der Fragebogenfälschung verdächtigt. Sie sollten auf Anordnung des Chefs
der US-Militärregierung Bayerns von der Münchner Universität entfernt werden./33/
Auf dem zweiten Studententag in der britischen Besatzungszone vom 23. bis 25.
Januar 1947 in Hamburg diskutierte man kontrovers darüber, wie man sich gegen,
über ehemaligen Offizieren der Wehrmacht verhalten solle, die studieren wollten.
Ein Sprecher der Hamburger Universität forderte unter anderem, nur solche
jugendlichen Bewerber vom Hochschulstudium auszuschließen, die als
Kriegsverbrecher galten. Die Zulassungsparagraphen gegen aktive Offiziere sollten
aufgehoben und die Kriegsjahrgänge bevorzugt zugelassen werden. Ein aus Berlin
angereister Student fragte jedoch, "warum gerade heute die Militaristen bevorzugt
werden sollten, wo Tausende von jungen antimilitaristische Menschen noch vor den
Toren der zertrümmerten Universitäten auf eine Zulassung warten." /34/ Ein
Heidelberger Studentenvertreter meinte, dass es in der amerikanischen
Besatzungszone dieses Offiziersproblem gar nicht mehr gäbe. Lediglich einstige
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Berufsoffiziere vom Range eines Generals müssen die Zulassung zum Studium
über die Besatzungsmacht beantragen./35/
Dadurch, dass die Entnazifizierung in den einzelnen
Besatzungszonen
unterschiedlich gehandhabt wurde, konnte man alsbald eine "Zonenwanderung"
beobachten. Jeder Belastete versuchte sich in die Zone zu begeben, in der er die
mildeste Behandlung erhoffen konnte. Unabhängige Berufe strömten in die britische
Zone, weil sie dort oft überhaupt keiner Entnazifizierung unterlagen. Für Angehörige
verbrecherischer Organisationen war es, soweit sie sich keiner Kriegsverbrechen zu
verantworten hatten, in der amerikanischen Zone günstiger, weil sie dort nicht den
Makel des Vorbestraftseins auf sich zu nehmen hatten. Hohe Beamte und
Versorgungsexperten fuhren am besten in die französische Zone, wenn sie bereit
waren, die separatistische Politik der französischer Militärregierung zu
unterstützen./36/
Diese Eigentümlichkeiten fehlten in der sowjetischen Besatzungszone. Auf dem
Wege der Entnazifizierung wurden hier erst einmal Tausende nazistisch belastete
Vertreter der Intelligenz "beiseite geschoben". Die von der Entnazifizierung
erfassten Vertreter der Intelligenz waren deshalb gezwungen, zunächst ihren
einstigen sozialen Status aufzugeben. Arbeitslos, als Arbeiter in Industrie und
Handel, der Land- und Forstwirtschaft oder im Verkehrswesen hatten sie über einige
Jahre auf eine für sie ungewohnte Art einen Beitrag zur Wiedergutmachung zu
leisten. Auch dies war ein Grund dafür, dass diejenigen, die in anderen
Besatzungszonen einer ihrer Qualifikation entsprechenden Arbeit fanden, sich
dorthin begaben. Lediglich bei der medizinischen Intelligenz konnte unter den
Nachkriegsbedingungen, unter denen die Sterberate hochgeschnellt war und
Seuchen drohten, dieser radikale Schnitt nicht vollzogen werden. Hier war an einen
kurzfristigen Ersatz aller nazistisch belasteten Ärzte nicht zu denken./37/ Ehemalige
Wehrmachtsoffiziere hatten, soweit sie sich nicht ohnehin in Kriegsgefangenschaft
befanden, eingeschränkte staatsbürgerliche Rechte.
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In den westlichen Besatzungszonen wurden 1947/48 zahlreiche ehemalige Offiziere
mit Billigung der Besatzungsbehörden in den Verwaltungsorganen bis zur
Landesebene Ämter übernehmen./38/ Andere entschieden sich für ein
Universitätsstudium. Auf dem 2. Studententag der britischen Besatzungszone hatte
man dagegen keine Einwände. In einer vom Studententag angenommenen
Resolution hieß es: "Die Studentenschaft ist der Ansicht, dass Nationalsozialismus
und Militarismus den gleichen Wurzeln einer mehrhundert, jährigen Entwicklung des
Nationalismus in Deutschland entspringen. Die meisten ehemaligen aktiven
Offiziere wurden in ihrer Berufswahl - durchschnittlich im Alter von siebzehn Jahren
- durch die Umwelt bestimmt und können deswegen nicht für ihren im jugendlichen
Alter gefassten Entschluss verantwortlich gemacht werden..." /39/ Bei den
Studentenvertretern aus dem "Osten", die - wie z. B. die Studentin Sabine Schürer-
Wagner - als Gäste an dem Studentenkongress teilnahmen, stieß diese Haltung auf
Unverständnis. Zu den Wahlen der Studentenvertretungen an den sechs
Universitäten der sowjetischen Besatzungszone am 6. Februar 1947 orientierte man
darauf, sich gegen das Auftreten einzelner Kandidaten zu wenden, die
pronazistische und promilitärische Gedankengänge zeigten, und durch die die
gegebenen Grundlagen der Universität, ihre demokratische Haltung und dadurch
das Vertrauen der Besatzungsmacht in Frage gestellt würden./40/
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3.2. Der Erste Deutsche Technikertag
Die Sorgen des Alltags im Nachkriegsdeutschland waren darauf gerichtet, die
Trümmer zu beseitigen, die Grundbedingungen der menschlichen Existenz zu
sichern und schließlich die noch produktionsfähigen Betriebe, den Verkehr und die
Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigen wieder in Gang zu
bringen. So fragte man die Ingenieure und Techniker zunächst: Kann man ver,
schüttete, verrostete Präzisionsmaschinen wieder einsatzfähig machen? Wie
gesprengte Brücken wieder herrichten? Wie die Bauern mit Gerät versorgen? Wie
waren die Trümmer der zerbombten Städte zu verwerten oder zu beseitigen?
Wohnungen wurden gebraucht, um die vielen Umsiedler und Obdachlosen
unterzubringen. Zerstörte Energie- und Wasserleitungen, ein lahmgelegtes
Verkehrssystem waren in Gang zu bringen, um Leben und Gesundheit der
Überleben, den des Krieges zu retten. Das waren die dringlichsten Forderungen des
Tages. Hinzu kam die Verpflichtung zur Wiedergutmachung der Kriegsschäden
gegenüber den Siegermächten. Für die Masse der Menschen blieb zunächst nur
wenig Zeit, über das Vergangene und die eigene Mitverantwortung an dem
Kriegsgeschehen nachzudenken.
Ganz praktische Aufgaben mussten zuerst organisiert angegangen und mit
Sachkenntnis unterstützt werden. Wer sollte sich den technischen Anforderungen
unter diesen fast hoffnungslos er, scheinenden Bedingungen annehmen?
Gewerkschafter, die die Zeit des Faschismus überlebt hatten, Sozialdemokraten,
Christdemokraten, Liberale und Kommunisten sammelten die Kräfte, versuchten
Verbindungen neu zu knüpfen und einen demokratischen Neubeginn zu wagen.
Einen besonderen Stellenwert hatten dabei die Gewerkschaften. Die
gewerkschaftliche Entwicklung der Technikerbewegung war nach 1945 eng mit der
Entwicklung der Angestelltenbewegung verknüpft. Die Uneinheitlichkeit in den
Organisationsformen war darauf zurückzuführen, dass es über den lokalen Bereich
hinaus kaum Verständigungsmöglichkeiten gab und die Bestimmungen der
Besatzungsmächte engere Verbindungen erschwerten. Immerhin schlossen sich in
HORLAMUS
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den Gebieten Niedersachsen, Rheinland-Westfalen, Schleswig-Holstein sowie in
den Hansestädten Bremen und Hamburg bald Techniker und Ingenieure in
Berufsgruppen zusammen. Auch in der sowjetischen Besatzungszone sollte sich in
der vor allem auf Initiative von Bernhard Göring aufgebauten Gewerkschaft der
Angestellten im FDGB neben dem Verband der kaufmännischen und
Bankangestellten ein Verband der Techniker und Werkmeister bilden, was
allerdings nur in Berlin erfolgte.
In der britischen Zone hatte sich z. B. in Bremen ein "Verband der technischen
Angestellten, Werkmeister und Beamten" formiert, der bis zum Zeitpunkt seiner
Verschmelzung mit der Deutschen Angestelltengewerkschaft der britischen
Besatzungszone am 1. Juli 1947 immerhin 1 170 Mitglieder zählte./41/ In Hamburg
konstituierte sich am 1. Juli 1945 eine Ortsgruppe der Deutschen Angestellten
Gewerkschaft mit vier Berufsgruppen. Eine war die der technischen Angestellten, in
der vor allem Werkmeister, Techniker, Schiffsingenieure und Kapitäne organisiert
waren./42/ In der amerikanischen Besatzungszone entwickelte sich die
Gewerkschaftsbewegung verzögert und uneinheitlich. In einer größeren Anzahl von
Fällen wurden Angestelltenverbände, darunter auch Technikerverbände, auf
örtlicher oder auch auf Landesebene gebildet. In Hessen gab es innerhalb des
Freien Gewerkschaftsbundes der IG Metall eine Hauptfachgruppe der Techniker,
die sich Chancen für die Bildung einer Kammer der Technik in diesem Land
ausrechnete, da Hessen im Gegensatz zu den übrigen süddeutschen und
norddeutschen Ländern unter einem stärkeren Einfluss der Arbeiterparteien stand,
die an einer neuen demokratischen Orientierung der technisch-wissenschaftlichen
Gemeinschaftsarbeit interessiert waren. Im Rhein- und Ruhrgebiet organisierten
sich die technischen Angestellten, darunter befanden sich Ingenieure, Techniker
und Werkmeister, überwiegend nach dem Industriegewerkschaftsprinzip./43/
In der sowjetischen Besatzungszone wurden die Ingenieure, Techniker und
Werkmeister - einer Forderung Walter Ulbrichts folgend - nach dem Prinzip "ein
Betrieb - eine Gewerkschaft" bald in die Industriegewerkschaften integriert. Nur in
HORLAMUS
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Berlin konnte die Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister im FDGB und nach
der Spaltung des Groß-Berliner FDGB im Sommer 1948 auch in der Unabhängigen
Gewerkschaftsopposition (UGO) eine eigenständige Rolle spielen. Sie hatte 1947
ca. 17000 Mitglieder./44/ Das waren immerhin 60Prozent aller im Beruf stehenden
Ingenieure, Techniker und Werkmeister Berlins./45/ Erst 1950 ging die GTW des
Berliner FDGB in die Industriegewerkschaften auf./46/ Wieder in anderen Gebieten
entstanden Arbeitsgemeinschaften der technischen Intelligenz, die sich später der
Kammer der Technik anschlossen. Im Land Thüringen gab es z. B. in Suhl einen
"Verband der sozialistischen Intelligenz", und in Schmalkalden wurde eine
"Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Wirtschaftler und Techniker" gegründet. Beide
schlossen sich später der Thüringer Landeskammer der Technik an./47/
All diese Gruppen widmeten sich in Verbindung mit den sozialen Problemen ihrer
Mitglieder auch den dringlichsten technischen Anforderungen für den Wiederaufbau
und die Ingangsetzung der Be, triebe. Friedensengagement in der Nachkriegszeit
hieß zu aller, erst, die Zerstörungen zu überwinden, die der Krieg hinterlassen
hatte. In Groß-Berlin, wo beispielsweise im Juli 1945 auf Initiative von Max Günther,
Erich Händeler und Fritz Rossignol ein Arbeitsausschuss eines Verbandes der
Techniker und Werkmeister im FDGB gebildet wurde, beriet man
Sofortmaßnahmen, die geeignet erschienen, um die gröbsten Schäden zu beheben
und das Leben - wenn auch zunächst unter primitivsten Bedingungen - möglich und
erträglich zu machen. Dies ging nicht ohne ein enges Miteinander mit den Behörden
der Besatzungsmächte und den neu entstandenen demokratischen
Verwaltungsorganen. Misstrauen und Vorbehalte mussten abgebaut werden. In
seiner autobiografischen Niederschrift erinnerte sich Fritz Rossignol: "Sobald den
Ingenieuren die von Hitler eingebleute Angst vor den Bolschewiki wich, wuchs die
Einsicht, dass sie dringend gebraucht wurden. Und sie kamen auch, sie
übernahmen mit die Leitung der sequestierten Betriebe der Kriegsgewinnler und
Kriegsverbrecher. Oft besiegelte in diesen ersten Tagen bei dem einen, eine
Unterredung mit sowjetischen Offizieren, bei anderen ein 'Sto-Gramm' die
Entscheidung, an der Beseitigung der Trümmer und der Ingangsetzung noch
HORLAMUS
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vorhandener Betriebsteile mitzuwirken. Und sie arbeiteten in den ersten Wochen
und Monaten
ohne Lohn und Gehalt, begünstigt durch eine höhere
Lebensmittelkarte." /48/
Es gab zunächst genügend Arbeit für nicht oder wenig durch die faschistische
Vergangenheit belastete Ingenieure und Techniker auf den verschiedensten
Gebieten. In Groß-Berlin waren von 1562000 Wohnungen nur 370000 unbeschädigt
geblieben. Allein in den dichtbesiedelten Arbeiterwohngebieten im Berliner Osten
waren 185000 Wohnungen zerstört. Von 38 Gasbehältern waren 37 beschädigt. Die
acht Gaswerke, beschädigt zu 50 - 60 Prozent, hatten ihre Arbeit eingestellt. Das
Gasleitungsnetz war zu 99,8 Prozent kaputt. Die 19 Wasserwerke waren zwar nur
zum Teil zerstört, aber 2000 Schäden am Rohrnetz legten die Wasserversorgung
lahm. Vom 4300 km langen Straßennetz waren 1350 km zerstört, darunter vor allem
die Hauptverkehrsadern und die Ausfahrtstraßen. Von 166 größeren
Straßenbrücken waren 122 zerstört.../49/
Die Fachleute für die Gas-, Wasser-, Energiewerke, für die verkehrstechnischen
Anlagen, für die landwirtschaftliche Technik waren durch die "Verlagerungspolitik"
der Nationalsozialisten und die Folgen des Zusammenbruches selbst in alle Winde
zerstreut und mussten ermittelt und zusammengeführt werden. Binnen kurzer Zeit
gelang es dem Kreis um Max Günther, eine Kartei von mehreren tausend
Spezialisten auf allen wichtigen Fachgebieten aufzubauen. Diese Kartei wurde für
die Arbeit des Magistrats von Groß-Berlin bald zu einer unentbehrlichen Hilfe
wurde. So kam es z. B. bei der Instandsetzung der Brücken nicht nur darauf an,
Brückenbauingenieure und andere einschlägige Fachleute zur Verfügung zu haben.
Es musste auch festgestellt werden, wo sich geeignete Brückenbaugeräte,
Hebezeuge, Schweißapparaturen usw. befanden, welche Firmen der Berliner
Metallindustrie auf Grund des Zustandes ihrer Materialvorräte und anderer
Voraussetzungen für die Instandsetzung von Brücken eingesetzt werden könnten. In
einer Versammlung von etwa 120 Brückenbauingenieuren konnte diese Aufgabe
erörtert werden und so entstand der erste Plan für die Instandsetzung der Brücken.
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Er konnte dem Magistrat von Groß- Berlin und den zuständigen Wirtschaftstellen
zur Verfügung gestellt werden. Es entstanden erste technische, nach Sachgebieten
gegliederte Arbeitsgemeinschaften, die die Strukturen der zukünftigen Kammer der
Technik vorzeichneten./50/
Nachdem sich in Deutschland knapp zwei Jahre nach dem Krieg die Ingenieure,
Techniker und Werkmeister im Rahmen der Gewerkschaftsbewegung auf lokaler,
Landes- und Zonenebene organisatorisch neu gesammelt hatten, war es
naheliegend, dass diese Berufsgruppen über die Zonengrenzen hinweg eine
einheitliche Technikerbewegung anstrebten. Noch waren die Hoffnungen nicht
aufgeben, dass ein geeintes Deutschland mit einem Friedensvertrag als
gleichberechtigter Partner in die internationale Gemeinschaft
der Völker
aufgenommen würde. Doch wollte man nicht nur warten, bis sich die Alliierten in der
deutschen Frage einig wurden.
Viele Ingenieure und Wissenschaftler traten dafür ein, die Schwierigkeiten der
Nachkriegsperiode beim erforderlichen wirtschaftlich-industriellen Neuaufbau
Deutschlands unter der Nutzung des vereinten wissenschaftlich-technischen
Potentials aller Besatzungszonen zu überwinden. Die Gewerkschaften setzten sich
dafür ein, dass allen Wissenschaftlern und Ingenieuren die Zusammenhänge
zwischen der technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung
stärker ins Bewusstsein rückten. Nur die klare Erkenntnis der Wechselbeziehungen
und der gegenseitigen Bedingtheit technischer und gesellschaftlicher Vorgänge und
Funk, tionen könne gewährleisten, dass alle Möglichkeiten der Technik zur
Besserung und schließlich zur Gesundung der Wirtschaft aktiviert werden
würden./51/ Die Einheit Deutschlands wurde dabei als ein Schlüsselproblem in Ost
und West angesehen. Hans Jendretzky, der Vorsitzende des FDGB in der
sowjetischen Besatzungszone bezeichnete z. B. auf der Tagung des
Hauptausschusses der Kammer der Technik am 2. Juni 1947 in Berlin die
Wiederherstellung der Einheit Deutschlands als Grundbedingung für die
Überwindung der wirtschaftlichen Not./52/ Hans Heinrich Franck, der nach dem
HORLAMUS
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3
142
Kriege eine Professur für chemische Technologie an der Technischen Universität
Berlin-Charlottenburg inne hatte und dem für knapp 2 Jahre gleichzeitig die Leitung
der Stickstoffwerke Pisteritz in der sowjetischen Besatzungszone übertragen wurde,
schätzte mit seinen praktischen Erfahrungen im Frühjahr 1947 ein, "dass positive
Erfolge nur durch Öffnung der Zonen, grenzen und bei einer wirklichen
Wiederingangsetzung der Neuproduktion möglich sind. Wir leben auch nach 2
Jahren noch immer aus Vorräten, Ausweichmaterialien und mit
Behelfskonstruktionen. Wir leben aus ... einer 'Verzehrwirtschaft', deren Ende sich
immer deutlicher abzeichnet. Dadurch ist die wirtschaftliche Situation bereits
derartig ungünstig, dass wir eine interalliierte Regelung auf irgendeiner Konferenz
nicht mehr abwarten können, sondern mit allen Zonen einen gemeinsamen Weg
des Austausches und der Zusammenarbeit suchen müssen. Das bedeutet aber
nicht nur engen Kontakt mit unseren eigenen Besatzungsbehörden, sondern auch
Fühlungnahme mit den anderen Zonenregierungen und Besatzungsmächten." /53/
Auf Gewerkschaftsebene waren diese Kontakte bereits angebahnt.
Die gewerkschaftliche Technikerbewegung hatte das Ziel, Wissenschaft und
Technik für das Wohl aller Deutschen, durch Zonen, grenzen unbehindert,
einzusetzen. Zugleich musste sich die entmilitarisierte deutsche Wissenschaft und
Technik einen in einer friedlichen Völkergemeinschaft international geachteten Platz
erarbeiten. Das Ringen um die Einheit der Technikerbewegung bildete in diesem
Sinne ein in den Gesamtprozess der deutschen Friedensregelung eingebettetes
Problem der gesamtgesellschaftlichen Einheitsbestrebungen. Als Bindeglied
erschien zunächst der als Negation des Kriegserlebnisses verbreitete Pazifismus.
Pazifistische Auffassungen, wie sie beispielsweise Erich Albrecht von der
Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister auf der Groß- Berliner
Delegiertenkonferenz des FDGB Ende März 1947 vortrug, fanden überzeugte
Zustimmung und vorbehaltlose Unterstützung. Einen historischen Vergleich ziehend
beklagte Albrecht: "Unsere uns 1918 in den Schoß gefallene Rolle, als waffenlose
Nation eine für die Schaffung eines dauerhaften Völkerfriedens beispielhafte
Mission zu erfüllen, haben wir nicht zu lösen vermocht. Wir sind entschlossen, diese
HORLAMUS
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3
143
unsere historische Aufgabe diesmal als grundsätzliche Pazifisten mit heißem
Herzen durchzuführen..." /54/ Dieser Pazifismus wurde fast ausnahmslos von der
gesamten Bevölkerung angenommen. Und es wurden Hoffnungen in eine friedvolle
Zukunft gesetzt, die jedoch im politischen Klima des kalten Krieges bald wieder
erschüttert werden sollten.
Der Ansatz hierfür ergab sich schon allein aus der Tatsache, dass die weitgehend
pazifistische Friedensstimmung unter den Technikern, Werkmeistern, Ingenieuren,
Konstrukteuren, Architekten sowie den technisch orientierten Mathematikern,
Physikern und Chemikern im Nachkriegsdeutschland im Konkreten vielschichtig
motiviert war. Sie gründete sich auf sehr unterschiedliche weltanschauliche,
politische und moralische Positionen. Deshalb gingen bald die Meinungen darüber
auseinander, welche der auf den Außenministerkonferenzen vorgebrachten
Interessen der alliierten Siegermächte den Friedensprozess in Deutschland fördern
oder hem, men würden. Zum Teil fühlte man sich nur als Spielball der Siegermächte
und bezweifelte, ob das deutsche Volk tatsächlich ein Mitspracherecht bei der
Aushandlung eines Friedensvertrages für Deutschland besäße. Die gemeinsamen
sozialen Interessen wollte man jedoch mit einer einheitlichen
Gewerkschaftsorganisation durchsetzen. "Die Situation erfordert, dass für die
Organisierung der technischen Angestellten und Beamten in ganz Deutsch, land
eine einheitliche Form gefunden wird, die die besten Aussichten für die restlose
gewerkschaftliche Erfassung bietet", hieß es in der Entschließung der
Interzonenkonferenz der technischen Angestellten, die vom 21. bis 22. März 1947 in
Braun, schweig stattfand./55/ An der Interzonenkonferenz nahmen
Technikervertreter aus der amerikanischen, der englischen und der sowjetischen
Besatzungszone teil. Den Delegierten aus der französischen Zone verweigerten die
französischen Militärbehörden die Ausreise nach Braunschweig.
Auf dieser Konferenz, die vom Vorstandsmitglied der Deutschen Angestellten-
Gewerkschaft in Hamburg Hans Geiser geleitet wurde, behandelte man Fragen, die
die Technik und die Techniker in allen Besatzungszonen gleichermaßen berührten.
HORLAMUS
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3
144
Das waren Fragen des technischen Schul- und Bildungswesens, die Mitwirkung in
Wirtschaftskörperschaften und Beiräten sowie die Regelung der Arbeits- und
Entlohnungsbedingungen für die Techniker. Aus der sowjetischen Besatzungszone
trug der Vizepräsident der Kammer der Technik Max Günther Gedanken über "Neue
Organisationsformen für die technisch-wissenschaftliche Arbeit im demokratischen
Deutsch, land" vor.
Der Blick für zukünftige Aufgaben versperrte den Delegierten nicht die Sicht auf die
Vergangenheit. Die Konferenz gedachte all jenen Kollegen, die Opfer der
nationalsozialistischen Regimes geworden waren. Zu ihnen gehörte der letzte
Geschäftsführer des BUTAB Otto Schweitzer sowie der im Konzentrationslager
umgekommene einst im BUTAB hauptamtlich tätig gewesene Steiger Aug. Bauer
aus Essen./56/ Der Wiederbelebung der alten technisch- wissenschaftlichen
Vereine in den westlichen Besatzungszonen sollte entgegentreten werden, indem
angeregt wurde, eine Dokumentation über die politische Ausrichtung dieser Vereine
während der Zeit des Faschismus zusammenzustellen./57/
Erich Albrecht, Stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Techniker und
Werkmeister im FDGB Groß-Berlin, verdeutlichte in seinen Ausführungen
insbesondere den Zusammenhang zwischen technischem Schaffen und politischen
Handeln. Rück, blickend schätzte er ein, dass der Techniker dem politischen Leben
indifferent gegenüberstand und sein Können auf dem Gebiete der an sich
tendenzlosen Technik und Wissenschaft, in Unkenntnis der politischen
Zusammenhänge, für strategische Zwecke Missbrauchen ließ. Daraus müsse man
schlussfolgern, erklärte Albrecht vor den Versammelten, dass auch der Techniker in
Zukunft Politiker und nicht nur Fachsimpler sein dürfe. Der Techniker müsse vom
Stand, punkt einer "wissenschaftlich-pazifistischen Gestaltung der Technik
ausgehend, den Weg zum Wiederaufbau eines friedlichen Zwecken dienenden
Produktionsapparates" suchen. Vorbedingungen dieses Weges seien die
Beendigung der Demontagen sowie die Leistung von Reparationen aus der
laufenden Produktion./58/ Schließlich wurde von den Delegierten beschlossen,
HORLAMUS
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3
145
einen Technikertag für ganz Deutschland einzuberufen, auf dem die Einigung der
deutschen Technikerbewegung unter Teilnahme von Delegierten aus allen vier
Besatzungszonen Deutschlands vorbereitet werden sollte. Zu Mit, gliedern der
vorbereitenden Kommission des Deutschen Technikertages wurden Hans Geiser -
Hannover, Julius Hubing - Braun, schweig, Arthur Queißer - Hamburg, Karl Hauser -
Frankfurt/Main, Max Müller - Leipzig und Hermann Waschow - Berlin gewählt.
Bereits im Juli 1945 waren die Gründungsmitglieder des Verbandes der technischen
Angestellten im FDGB Berlin zu der Auffassung gelangt, dass sowohl die
Zielsetzung der technischen Aufgabenstellung als auch die Mittel und Methoden der
technisch- wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit angesichts des Missbrauch von
Wissenschaft und Technik während des Zweiten Weltkrieges einer grundlegenden
Reform bedurften. Diese Aufgabe sollte nicht den einstigen Vereinen vorbehalten
bleiben, "weil diese Vereine, unter militärischem und unter monopolkapitalistischem
Einfluss stehend, Träger und Stützen der deutschen Rüstung waren"./59/
Als Alternative wurde eine Kammer der Technik als überparteiliche
gewerkschaftliche Organisation der Werktätigen gegründet, mit deren Hilfe die
friedliche Entwicklung des technischen Fortschritts in Deutschland gesichert und
breiteste Bevölkerungsschichten zur aktiven Teilnahme an die Aufgaben der
Technik herangeführt werden sollten. Die Organisatoren der Kammer der Technik
strebten eine Kammer der Technik für ganz Deutschland an./60/ Auch in den
westlichen Besatzungszonen sah man in einer solchen Kammer ein geeignetes
Gegengewicht zu den alten unter, nehmerfreundlichen technisch-wissenschaftlichen
Vereinen. In Hessen hatten schon im Mai 1946 die in der Gewerkschaft Metall zu
einer Fachgruppe zusammengeschlossenen Techniker den zuständigen
Gewerkschaftsleitungen Vorschläge zur Bildung einer Kammer der Technik
unterbreitet, die Zustimmung fanden. Die süddeutschen Gewerkschaftsverbände
hielten sich jedoch zurück./61/ Der Hauptberufsgruppenvorstand der Techniker in
der DAG organisierte eine ausführliche Besprechung über die Errichtung einer
Kammer der Technik in der britischen Zone./62/ In einem Bericht über die Tätigkeit
HORLAMUS
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der Kammer der Technik der sowjetischen Zone vom 11. März 1947 schätzte Max
Günther ein: "Im Gegensatz zu den in Berlin erkennbaren Widerständen, die nicht
zuletzt auch von der Berliner SPD getragen werden, hat die Kammer der Technik in
den nicht russisch besetzten Zonen Deutschlands große Beachtung und Sympathie
gefunden." /63/ Tatsächlich erweckte die in der sowjetischen Zone praktizierte neue
Organisationsform der technisch- wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit gerade
unter den Gewerkschaftern Aufmerksamkeit. Ende März sprach, wie schon erwähnt,
Günther in Braunschweig auf der Interzonenkonferenz der gewerkschaftlichen
organisierten Angestellten im über die Kammer der Technik der Ostzone und fand
seinen Eindruck bestätigt./64/ Der Erste Deutsche Technikertag in Berlin sah es
dann sogar in einer einstimmig gefassten Entschließung für als dringend
erforderlich an, "dass von den Gewerkschaften in allen Teilen Deutschlands die
wissenschaftliche Gemeinschaftsarbeit der technischen Intelligenz in engster
Fühlung mit den werktätigen Schichten des Volkes organisiert wird, wie es in der
Kammer der Technik der sowjetischen Besatzungszone bereits geschehen ist"./65/
Offenbar hatten aber die neuen Formen der wissenschaftlich- technischen
Gemeinschaftsarbeit starke Gegner. Von ihnen wurde die Kammer der Technik zu
einer staatlichen Organisation mit Zwangsmitgliedschaft bzw. zu einem Instrument
kommunistischer Politik abqualifiziert, um die Idee von einem demokratischen
"Parlament" der Wissenschaftler und Ingenieure - wie sich die Kammer selbst
verstand - zu diskreditieren. Großer Widerstand ging vor allem, von den
wiedergegründeten technisch-wissenschaftlichen Vereinen in den Westzonen aus.
Der Erste Deutsche Technikertag nahm am 25. September 1947 in Berlin im Haus
der Deutschen Zentralverwaltungen in der Leipziger Straße mit 74 Delegierten aus
der amerikanischen, der britischen sowie der sowjetischen Besatzungszone und aus
Berlin seine Arbeit auf./66/ Die erwarteten Teilnehmer aus der französischen Zonen
hatten wie schon zuvor zur Interzonenkonferenz in Braunschweig von den
französischen Militärbehörden keine Ausreisevisa erhalten. Die zahlenmäßig
stärksten Delegationen kamen aus der britischen und der sowjetischen
HORLAMUS
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3
147
Besatzungszone./67/ Als Vertreter der Militärregierungen nahmen für Großbritanien
Major Fisher und für die Sowjetunion Major Kogan an der Konferenz teil. Zu den
Gästen des Technikertages gehörten der schleswig-holsteinische Ministerpräsident
und Ehrenpräsident der Ingenieure, Architekten und Techniker in der DAG Hermann
Lüdemann und der Vorsitzende des FGDB Hans Jendretzky. Weitere Vertreter von
den Zentralverwaltungen und vom Magistrat von Groß-Berlin, die sich mit
Begrüßungsansprachen an die Delegierten wandten, unterstrichen die Bedeutung,
die dem Technikertag beigemessen wurde./68/ Es war das erstemal seit 1933, dass
deutsche Techniker auf dieser Ebene Gelegenheit hatten, über ihre ureigensten
Forderungen, ihre wirtschaftlichen und beruflichen Angelegenheiten zu beraten./69/
Zugleich standen politische Fragen zur deutschen Einheit und zum Friedensbeitrag
der gewerkschaftlich organisierten Techniker zur Debatte.
Als Vertreter der sowjetischen Militärregierung mahnte Major Kogan, dass die
deutschen Techniker niemals wieder den Weg beschreiten dürften, der schon
einmal ins Verderben geführt hatte. Die Techniker gehörten an die Seite der
fortschrittlichen Kräfte, mit denen sie ihre Anstrengungen für den Aufbau eines
friedlichen Deutschlands vereinen sollten./70/ Darüber war man sich einig. "Die
deutschen Techniker, ohne Unterschied der Vorbildung und Berufsstellung, die ihre
berufliche und sozialpolitische Vertretung in einer einheitlichen, alle Arbeitnehmer
umfassenden parteipolitisch und religiös neutralen Gewerkschaftsbewegung er,
blicken, stellen sich bewusst auf den Boden der Friedenstechnik.", hieß es in einer
einstimmig auf dem Technikertag angenommenen Entschließung./71/ Und Hans
Geiser aus Hannover, der wie Erich Händeler aus Berlin über den "Techniker in der
Gewerkschaftsbewegung in Vergangenheit und Gegenwart" sprach, bezeichnete es
als eine Aufgabe des Technikers, im Sinne des Völkerfriedens zu wirken. In einer
Togenmahnung gedachten die Delegierten der während der Nazizeit ermordeten
Funktionäre und Mitglieder der Technikerorganisation./72/
Auch in anderer Hinsicht musste sich der Technikertag mit der Vergangenheit
beschäftigen. Die Kriegsfolgen waren lange nicht überwunden und trotz einer
HORLAMUS
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3
148
Vielzahl technischer Aufgabenstellungen war Zukunftsungeweißtheit bei vielen
verbreitet. Insbesondere die Jugend stand vielerorts der geistigen und politischen
Entwicklung Deutschlands relativ teilnahmslos gegenüber. Die Ursachen hierfür
waren im Nachwirken der einstigen national, sozialistischen Erziehung, die
Enttäuschung über das Versagen eines großen Teils der älteren Generation, die
verlorene nationale Identität durch den Vorwurf der Kollektivschuld an alle
Deutschen sowie in unzureichenden materiellen Existenzbedingungen zu
suchen./73/ Enno Heidebroek, der über die "Ziele und Aufgaben der Kammer der
Technik" sprach, forderte die Delegierten des Technikertages deshalb auf, das
technische Erfahrungswissen der älteren Generation an den Nachwuchs zu
übertragen und das aus den Kriegszeiten gerettete, aber verstreute technische
Schrifttum zu sammeln und neues zu schaffen./74/ Als Rektor der Technischen
Hochschule Dresdens sah Heidebroek, dass trotz vieler Schwierigkeiten schon ein
geistiger Aufbruch unter den Studenten zu erkennen sei. Bei anderer Gelegenheit
stellte er fest, dass die studentische Jugend aus dem Krampf und dem Nihilismus
der letzten Jahre allmählich erwache: "Wir erleben heute schon auf studentischen
Kongressen eine erfreuliche Reife und einen Elan, der über das Gezänk
berufsmäßiger Parteipolitik alten Stils hinwegstürmt zu einer echten
Volksgemeinschaft. Sie will keine eiskalte wissenschaftliche Abstraktion, sondern
bluterfülltes Leben. Sie will Demokratie nicht vordoziert, sondern vorgelebt
haben."/75/
Bezüglich der deutschen Einheit und der angestrebten deutschen Wirtschaftsform
konnten die Delegierten des Ersten Deutschen Technikertages noch einheitliche
Positionen finden. Der Technikertag bekannte sich in einer Entschließung "zur
politischen und wirtschaftlichen Einheit Deutschlands und einer republikanisch-
sozialen und demokratischen Staats- und Wirtschaftsreform mit sozialistischer
Zielstellung"./76/ Die Entschließung re, flektierte mit dieser Zielsetzung eine damals
auch unter den Technikern und Ingenieuren weit verbreitete antimonopolistische,
sozialistische und einem demokratischen Staatswesen verpflichtete Stimmung. Auf
einer parallel zum Technikertag von der Gewerkschaft der Techniker und
HORLAMUS
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149
Werkmeister organisierten Kundgebung vor Berliner Werktätigen, sprach der
sozialdemokratische Ministerpräsident Schleswig-Holsteins Hermann Lüdemann
zum Thema "Wir bauen das neue Deutschland"./77/ Sich auch später wiederholt
zur politischen Verantwortung des Technikers bekennend, legte er auf dieser
Kundgebung seine Auffassung zur Krieg-Frieden-Problematik dar: Kapitalismus und
Nationalismus seien die beiden Hauptursachen des Krieges und die größte
Weltgefahr. Ein Streik aller Techniker der Welt könne die wirksamste Waffe gegen
einen neuen Krieg sein... Nur durch das Verdrängen der Profitsucht könne eine
friedliche auf Bedarfsdeckung gerichtete Wirtschaft herbeigeführt werden, sagte er
vor den Kundgebungsteilnehmern./78/
Obwohl man sich auf dem Technikertag über die Bildung einer aus 10 Mitgliedern
bestehenden Interzonalen Technikerkommission einigte, die die Beschlüsse des
Ersten Technikertages in die Tat umsetzen sollte, wuchsen insbesondere zwischen
den Funktionären des FDGB und der DAG die politischen Differenzen über den
Weg zur Einheit. In der Kommission sollten je zwei Mitglieder aus den vier
Besatzungszonen und aus Berlin mitwirken. Zum Vorsitzenden wurde Hermann
Waschow - Berlin, zum Stellvertretenden Vorsitzen, den Arthur Queißer - Hamburg
und zum Schriftführer Karl Hauser - Frankfurt/Main gewählt. Die Kollegen aus der
sowjetischen Besatzungszone beteiligten sich an drei der fünf Sitzungen der Inter,
zonalen Technikerkommission./79/ An dem Zweiten Deutschen Technikertag vom
17. bis 19. April 1948 in Bremen nahm kein Gewerkschaftsvertreter des FDGB mehr
teil.
Gewisse Unstimmigkeiten bezüglich der Einheitsbestrebungen zeichneten sich
jedoch schon im Vorfeld der Vorbereitungen des Ersten Deutschen Technikertages
ab. Im Prinzip ergaben sich diese aus den unterschiedlichen parteipolitischen
Interessen zwischen den überwiegend sozialdemokratischen
Gewerkschaftsfunktionären der Westzonen und Gewerkschaftsfunktionären der
Ostzonen, die zwar häufig auch einst ihre politische Heimat in der SPD hatten, aber
nach der Vereinigung von SPD und KPD in der sowjetischen Besatzungszone
HORLAMUS
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150
nunmehr der SED angehörten. Hinzu kam der verschiedenartige politische Einfluss
der Besatzungsmächte in den vier Besatzungszonen, die den gewerkschaftlichen
Handlungsspielraum beeinflussten oder sogar einengten, wie dies in der
französischen Besatzungszone der Fall war.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, obwohl in allen Besatzungszonen
anerkannt wurde, dass die Einheit der Technikerbewegung eine
Grundvoraussetzung für eine Friedenswirtschaft mit sozialistischen
Zielvorstellungen sei, führten der gesamtgesellschaftlich weiter fortschreitende
Spaltungsprozess Deutschlands und totalitäre Ansprüche Organisationsmonopol
gewerkschaftlicher Interessenvertretung für die Ingenieure und Techniker in der
DAG, im FDGB und im DGB schließlich zu keiner einheitlichen gewerkschaftlichen
Interessenvertretung der wissenschaftlich- technischen Intelligenz. Auch die von
allen Seiten angestrebte Kammer der Technik wurde nur in der sowjetischen
Besatzungszone und im sowjetischen Sektor Berlins aufgebaut. Der gemeinsam
vorhandene und in verschiedensten Formen zum Ausdruck gebrachte Friedenswille,
konnte nicht das einigende Moment für alle Wissenschaftler, Ingenieure und
Techniker bilden, da die politischen und moralischen Sichtweisen auf den
Friedensprozess unterschiedlich, ja gegensätzlicher Natur waren und in keinem
direkten Zusammenhang zu den beruflichen Interessen dieser Gruppe der
Intelligenz standen. Die politisch neutralen moralischen Positionen zur Aufarbeitung
des Verantwortungsproblems in den wissenschaftlich-technischen Vereinen wurden
größtenteils von sich als Sozialisten verstehenden Gewerkschaftern abgelehnt./80/
Jedoch gingen die politischen Auffassungen über den Weg zu einer deutschen
Friedensregelung auseinander. Gegensätzliche Auffassungen zogen sich quer
durch alle Bevölkerungsschichten, polarisierten sich zunehmend auch zwischen
Ost- und Westdeutschland und mündeten in Interessengegensätzen, die im Klima
des Kalten Krieges erstarrten.
Im Westberliner "Telegraf" wurde die Kammer der Technik als "Deckmantel" der
SED bezeichnet, mit dem Techniker, Ingenieure und Architekten von der Hoffnung
HORLAMUS
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3
151
verführt werden sollten, "bei der Umgestaltung der Ostzonen- und
Ostsektorenwirtschaft durch den 'Zweijahrplan' bedeutsame technische Aufgaben
erfüllen und dabei eine gesicherte materielle Versorgung erwarten zu können". Die
Technikwissenschaftler, die sich für wirtschaftlichen Wiederaufbau in der
sowjetischen Besatzungszone engagierten und für die Einheit Deutschlands
eintraten, wurden als "mit Pajoks gekaufte Professoren" gescholten./81/ Im Sommer
1948 fand die letzte Interzonenkonferenz der deutschen Gewerkschaften statt.
Schon zuvor war der gewerkschaftliche Kontakt auf offizieller Ebene zwischen den
Technikern und Ingenieuren in Ost und West beendet worden. Die Bemühungen,
die Max Günther im Januar 1948 noch unternahm, um mit dem Vorstandsmitglied
der DAG Ing. Arthur Queißer in Kontakt zu kommen und
Meinungsverschiedenheiten auszuräumen, blieben ergebnislos./82/ Die
Technikerbewegung in Ost und West war auseinandergebrochen. Da die
wissenschaftlich- technischen Vereine in den Westzonen ihre alten Satzungen und
Organisationsformen wieder aufnahmen, hatte sich auch keine Form der
Zusammenarbeit mit der Kammer der Technik finden lassen, und es gab auch auf
diesem Gebiet "eine völlige Spaltung der Deutschen Technik", wie es der Präsident
der Kammer der Technik Heidebroek ausdrückte./83/
Der Zweite Deutsche Technikertag wurde vom 17. bis 19. April 1948 in Bremen
abgehalten. Die Friedensfrage war wiederum ein wichtiger Tagesordnungspunkt der
Beratungen. Dr. Erich Bagge vom Max-Planck-Institut in Göttingen sprach im
Rahmen einer technisch-wissenschaftlichen Veranstaltung über das Thema: "Die
Auswertung der Atomenergie für Friedenszwecke". Und der schleswig-holsteinische
Ministerpräsident Hermann Lüdemann forderte in seinem Vortrag über "Technik und
Politik": "Jeder Techniker - ein Politiker, nur dann bleibt die menschliche
Gesellschaft vor weiterem Unheil bewahrt, und weder nationaler Dünkel noch
wirtschaftlicher Expansionsdrang gefährden den künftigen Weltfrieden."/84/ Das
verdeutlicht, dass die gewerkschaftliche Technikerbewegung im Westen
Deutschlands, insbesondere in der britischen Besatzungszone, unter
Berücksichtigung der Lehren aus der Vergangenheit politische Konsequenzen
HORLAMUS
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152
technischer Entwicklungen erörterte.
Der Zweite Technikertag war vor allem eine Veranstaltung der Technikerbewegung
aus der britischen Besatzungszone. Er hatte keinen interzonalen Charakter mehr.
Mit der Forderung, die technische Forschung und Planung künftig nur dem Wohle
der Menschheit und einer friedlichen Entwicklung der Völker dienstbar zu machen,
bildeten Bevollmächtigte des Angestelltenverbandes Württemberg- Baden und die
Berufsgruppe "Technische Angestellte und Beamte" am 20./22. November 1948 in
Stuttgart den "Techniker-Hauptausschuss für die vereinigten Wirtschaftsgebiete"
der Bizone./85/ Der Erste Deutsche Technikertag war somit der letzte Akt des
gemeinschaftlichen Ringens maßgeblicher gewerkschaftlicher Kräfte in Ost und
West, um die Einheit der deutschen Technikerbewegung anzustreben. Am zwei
Jahre nach dem Ersten Deutschen Technikertag stattfindenden Kongress
"Technische Intelligenz und Nationale Front" der Kammer der Technik in Berlin
nahmen zwar westdeutsche Vertreter - unter ihnen auch VDI-Mitglieder - teil, die
ihren Willen zur nationalen Einheit Deutschlands und zur Einheit der deutschen
Technikerbewegung demonstrieren wollten. Doch unter den Teilnehmern befanden
sich bereits keine Gewerkschaftsführer oder andere repräsentative Vertreter aus der
Technikerbewegung der Westzonen mehr.
Die von Gewerkschaftsvertretern in den Besatzungszonen Deutschlands
angestrebte Einheit scheiterte an Gegensätzen über den Weg zu ihr. Einmütig
gefasste Beschlüsse ließen sich - wie die Entwicklung von der Braunschweiger
Interzonenkonferenz über den Ersten Deutschen Technikertag bis zum Scheitern
der Arbeit der Interzonalen Techniker-Kommission zeigte - nicht realisieren. Mit den
wissenschaftlich-technischen Vereinen kam es noch nicht einmal ansatzweise zu
den Gesprächen, wie sie anfänglich noch zwischen den Gewerkschaftern in Ost und
West geführt wurden./86/
Soweit sich Techniker und Ingenieure um die deutsche und internationale
Friedenslösung bemühten, war 1947 - trotz anders lautender Versicherungen /87/ -
dieses Engagement keineswegs mehr parteipolitisch und weltanschaulich neutral.
HORLAMUS
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153
Auf den Außenministerkonferenzen konnten sich die Siegermächte nicht auf eine für
alle Seiten akzeptable Friedenslösung für Deutschland einigen. Die Spaltung
Deutschlands war letztlich die Konsequenz des Auseinanderbrechens der
Antihitlerkoalition, deren Hinter, gründe heute wieder zu einem Gegenstand der
Diskussion geworden sind. Die Friedensvorstellungen sowohl in der nationalen
Frage (über die Bedingungen für einen Friedensvertrag mit Deutschland) als auch
in der internationalen Entwicklung (über ein weltweites Sicherheitskonzept) wurden
in den Besatzungszonen der unter, schiedlichen Sicherheitskonzeption und
Militärstrategie der jeweiligen Siegermacht untergeordnet.
HORLAMUS
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3.3. Die Spaltung der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister Berlins
vor dem Hintergrund zunehmender internationaler Spannungen
Berlin war der Dom, auf dem die internationalen Spannungen und Streitigkeiten
ausgetragen wurden, wie es der Chemiker und zu jener Zeit als Dekan der
Allgemeinen Fakultät der Technischen Universität Berlin wirkende Hans Heinrich
Franck ausdrückte: Jede Besatzungsmacht hatte eine andere Auffassung von
Wirtschaft und Politik, von menschlicher Freiheit, Frieden und Kultur. "Dadurch
werden wir hier hin- und hergerissen zwischen den verschiedenen Anschauungen
und Möglichkeiten", schrieb Hans Heinrich Franck Ende November in einem Brief
an Ilse Hayn nach New York./88/ Andererseits gewann Berlin allmählich eine
Vielfalt, die ihr wieder den Charakter einer internationalen Stadt verlieh. An seinen
Sohn Peter schrieb er: "Berlin mit seinen 4 Besatzungsmächten entwickelt sich auf
die Dauer immer mehr zu einer Art Fußballplatz, aus dem die 4 Mächte Fußball
spielen und mit ihren politischen Methoden uns dabei auf dem Platz herumjagen.
Wir sind nur Objekt, und jeglicher Versuch, uns in die Diskussion einzuschalten,
missglückt. Es zeigt sich auf die Dauer, dass Besatzung schlechthin ein absolutes
Unglück ist und in jeder Form den Nationalismus des besetzten Landes fördert.
Wenn nun noch in der politischen Diskussion, die ja eine Diskussion zwischen
Sozialismus und Kapitalismus ist, die kapitalistischen Mächte diejenigen politischen
Gruppen des besetzten Landes, die der kapitalistischen Anschauung näher stehen,
durch ihre Verwaltungsmaß, nahmen ansprechen und im Grunde selbst als
Hilfstruppen gebrauchen, dann kannst Du Dir vorstellen, wie sich das Ganze
entwickelt." /89/
Im Mai noch hatte Franck von einem französischen Oberst das Angebot bekommen,
für in der französischen Zone befindliche IG- Farben-Fabriken eine Gemischte
deutsch-französische Gesellschaft aufzubauen./90/ Nunmehr gab er zu bedenken,
ob er sich auf Grund seiner politischen Einstellung "in den westlichen Zonen noch
HORLAMUS
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155
einer tatsächlichen demokratischen Freiheit erfreuen könnte, da ja die Gegner der
amerikanischen Weltanschauung nicht mehr mit Glacéhandschuhen angefasst
werden sollen."/91/ Er nahm damit indirekt auf die Truman-Doktrin Bezug, die der
amerikanische Präsident am 12. März 1947 vor beiden Häusern des Kongresses
verkündete. Mit dieser Doktrin proklamierte Truman die Spaltung der Welt./92/
Wie sich die Politiker des Groß-Berliner Magistrats in dieses Szenario einordneten,
zeigte im Frühjahr 1947 die Affäre um den Oberbürgermeister Otto Ostrowski. Er
wurde von seiner eigenen Partei, der SPD, am 17. April 1947 zum Rücktritt
veranlasst. Anlass hierfür waren Gespräche, die er um der Linderung der
Wirtschaftsnot der Berliner Bevölkerung willen mit dem sowjetischen
Stadtkommandanten aufnahm, sowie der Versuch, mit dem SED-Landes, vorstand
ein auf drei Monate befristetes Arbeitsprogramm von SED und SPD zur Behebung
der brennendsten Not der Bevölkerung auszuhandeln./93/ Franck, der nach eigenen
Angaben seit 1920 Sozialdemokrat war und 1946 der SED beitrat, hatte die
Entscheidung der SPD in einem anderen Brief an seinen Sohn Peter mit den
Worten kommentiert: "Ganz egal, wie weit dieses Verhalten (von Ostrowski - W. H.)
einen Fehler darstellte oder nicht, jedenfalls ist das Verhalten seiner Partei wieder
ein so typischer Rückfall in die Methoden der Weimarer Republik, so dass man den
ersten Versuch, parlamentarisch-demokratisch in Berlin zu regieren, wieder als
völlig gescheitert betrachten muss. Ich kann nicht leugnen, dass ich in Bezug auf
die politische Entwicklung missmutig, beinahe hoffnungslos bin. Alles was
geschieht, sei es in der Außenpolitik, sei es in der Innenpolitik, sei es durch
Deutsche oder durch Besatzungsmächte, kann nicht dazu dienen, um der
deutschen Jugend ein leuchtendes Ziel in bezug auf demokratische Entwicklung zu
geben." /94/
An den politischen Gegensätzen, die zur Spaltung Berlins führ, ten, zerbrach auch
die einheitliche Technikerbewegung Berlins./95/ Dabei ging von der Gewerkschaft
der Techniker und Werkmeister und der Gewerkschaft der kaufmännischen und
Büroangestellten im FDGB die Spaltung der Berliner Einheitsgewerkschaft aus./96/
HORLAMUS
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3
156
Es lag ebenfalls an der spezifischen Situation in Berlin, dass sich hier bis zum
Ausgang der Berlin-Krise von 1948/49 weder eine Groß-Berliner KDT noch ein
Bezirksverein des VDI etablieren konnten. Zwar hatten schon zur Magistratssitzung
am 23. Februar 1946 Otto Winzer und Paul Schwenk die Vorlage Nr. 85/46
eingereicht. Die Vorlage sah vor, vorbehaltlich der Zustimmung durch die Alliierten,
für den Bereich Berlin eine "Kammer der Technik Berlin" zu schaffen./97/ Die
Gründung dieser Kammer hätte den Vorteil gegenüber der Vielheit der früheren
wissenschaftlichen Vereine, dass die auf technischem Gebiet Schaffenden nicht
mehr mehreren Vereinen angehören bräuchten, da in der neuen Organisation die
Zusammenarbeit auf allen Gebieten gewährleistet würde. Die für den 30. Juli 1946
geplante Gründungskundgebung der Kammer musste jedoch abgesagt werden, da
es in der Diskussion über die Satzung der Kammer zu keinem einheitlichen
Standpunkt kam./98/ Zwar war man sich darin einig, "eine Kammer der Technik zu
schaffen, die die Werte der technisch-wissenschaftlichen Vereine, die nicht der
Kriegsvorbereitung und der Aufrüstung dienten, erhalten und in zeitgemäßem
Rahmen weiterführen sollte"./99/ Zu dem Bewahrenswerten zählten vor allem die
Ausbildungsarbeit, die Vortragsreihen, der kollegiale Erfahrungsaustausch sowie
die Kenntnisvermittlung durch Literatur und Publizistik./100/
Doch nicht einig war man sich darüber, welchen Einfluss die Gewerkschaft und die
Deutsche Wirtschaftskommission (DWK) auf die Kammer haben sollten. So lehnte
der Stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister
Berlins Erich Albrecht auf Grund des "undemokratischen" Aufbaus der "inzwischen
für die Ostzone ins Leben gerufenen KdT" auf der Zweiten Außerordentlichen
Delegiertenkonferenz der GTW des FDGB Groß-Berlins am 16. Dezember 1947
eine Organisationsstruktur, wie sie in der sowjetischen Besatzungszone für die
Kammer der Technik existierte, ab. Statt dessen schlug er vor, die
Organisationsform zu wählen, die sich ihre Aufgaben aus ihrem Mitgliederkreis
selbst stelle. Anderenfalls bestünde die Gefahr des Überwucherns staatlicher
Einflüsse oder solcher von Dritten. Nach der Satzung der KDT waren die
Leitungsgremien der Kammer der Technik in der sowjetischen Besatzungszone zu
HORLAMUS
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einem Drittel aus durch den FDGB auserwählter Mitglieder, zu einem Drittel aus
durch die DWK bestätigten Personen sowie im übrigen aus Fachkräften zusammen,
gesetzt, an deren antifaschistischer Gesinnung kein Zweifel bestand. Unter der
Obhut des FDGB sollte der Kammer eine demokratische Entwicklung garantiert
werden. Die KDT war finanziell nicht selbständig und erhob keine Mitgliedsbeiträge.
In der Kontroverse um den demokratischen Charakter der Kammer der Technik
verwies Hermann Waschow auf die Gefahren, die sich ergeben könnten, wenn die
Kammer ausschließlich Aufgaben der Techniker und nicht zugleich auch
gesellschaftliche Aufgaben beachten würde./101/Mit diesem Argument wollte er den
Einfluss anderer gesellschaftlicher Kräfte auf die Kammer legitimiert sehen. Tat,
sächlich war jedoch, wie die Entwicklung der KDT bis zu ihrem 1.Kongress im
Dezember 1955 deutlich machte, die fehlende juristische Selbständigkeit der
Kammer ein entschiedener Mangel für die Wahrnehmung ihrer vom Standpunkt der
Technik bestimmten gesellschaftlichen Verantwortung. Die Kammer der Technik war
der Herausforderung nicht gewachsen, die alten technisch-wissenschaftlichen
Vereine - z. B. den VDI - qualitativ zu ersetzen. Auch waren die gesellschaftliche
und politische Einbindung der KDT nicht mit der des VDI zu vergleichen.
Das wird mit Blick auf den am 1. September 1949 wieder lizenzierten Berliner
Bezirksverein des VDI deutlich./102/ Eine gesellschafts-politische Zielsetzung des
wiedergegründeten Bezirksvereins zeigte sich, als - knapp ein Jahr nach seiner
Neuzulassung - in Westberlin am 21. und 22. Juni 1950 ein VDI-Treffen "auf
bedrohtem Posten vor den Toren einer anderen Welt", wie sich der VDI-Vorsitzende
Hans Bluhm ausdrückte, stattfand. 1 000 Ingenieure aus Ost und West hatten sich
damals im Festsaal der Technischen Universität zusammengefunden. Der
Vorsitzende des Gesamtvereins, der zugleich Direktor bei der AEG war, versicherte
bei dieser Gelegenheit den Versammelten, dass der gesamte VDI hinter dem
Berliner Bezirksverein stehe, "damit unsere Bastion im Osten nicht verloren geht,
sondern dereinst einmal wieder der Mittel, punkt eines einzigen freien deutschen
Vaterlandes werde." /103/ Es war ein im Geiste der Adenauerpolitik liegendes
Vaterlandsverständnis. Die zur gleichen Zeit durch einen Aufruf der Kammer der
HORLAMUS
KAPITEL
3
158
Technik "An alle deutschen Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker" begleitete
Kampagne des Weltfriedensrates zur Ächtung der Atombombe fand auf dem VDI-
Treffen keine Resonanz./104/
Nach der Spaltung der GTW, die mit der Umlagerung der Mitgliederkarteien und der
Umsiedlung des überwiegend sozialdemokratischen Vorstandes aus der im
sowjetischen Sektor befindlichen Wallstraße in die im amerikanischen Sektor
Berlins liegende Bernburger Straße 24/25 am 1. September 1947 begann und im
Sommer 1948 endgültig vollzogen war, konstituierte sich im Rahmen des Berliner
FDGB ein aus 15 Mitgliedern bestehender Organisationsausschuss der
Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister. Er erhielt seine Impulse aus einer
Arbeitsgemeinschaft der SED-Techniker beim Landesverband der SED Groß-Berlin,
die sich im September 1947 aus einigen Mitgliedern der Gewerkschaft der
Techniker und Werkmeister gebildet hatte./105/ Von der ursprünglich geplanten
Neuwahl des Vorstandes riet der FDGB-Vorstand Groß- Berlins zunächst ab, da die
unklare Situation nach der Spaltung der GTW erst eine Konsolidierung der Kräfte in
der Organisation erforderlich mache./106/ Als Gründe für die Spaltung der Berliner
Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister wurden von Seiten des FDGB in
einer "Stellungnahme zu den bisherigen und zukünftigen Aufgaben der GTW" eine
"zu große Toleranz gegenüber oppositionellen Kollegen", "nicht genügende
Konsequenz bei der Durchsetzung der gewerkschaftspolitischen Linie" sowie die
Tatsache genannt, dass die Techniker und Werkmeister auf Grund ihrer sozialen
Stellung in der Vergangenheit enger an die Unternehmer gebunden waren, was
deshalb am besten "für die demagogischen Forderungen der UGO" zugänglich
machte./107/
Auf der 1. Funktionärskonferenz zur Neukonstituierung der GTW im FDGB am 17.
Juni 1948, an der 250 Kollegen aus Ost- und Westberlin teilnahmen, erhoben die
Gewerkschaftsfunktionäre den Anspruch, die Arbeit des Gründungsvorstandes der
Jahre 1945/46 fortzuführen /108/um im "fortschrittlichen Sinne" die Spaltung durch
die UGO zu parieren /109/.Der Neuaufbau der unter FDGB- Einfluss stehenden
HORLAMUS
KAPITEL
3
159
Gewerkschaft der Techniker konnte in den Westsektoren Berlins nur mühevoll und
mit wenig Erfolg vollzogen werden, zumal die amerikanische Militärreagierung am
8. Juni 1948 die Schließung sämtlicher Büros des FDGB im ihrem Sektor verfügte
und sie am darauffolgenden Tag der UGO übergab. Dem FDGB wurde jegliche
Tätigkeit im amerikanischen Sektor untersagt. Ähnliches geschah im britischen und
französischen Sektor./110/Außerdem wurde die Wirksamkeit der GTW des FDGB in
den westlichen Bezirken dadurch erschwert, dass die meisten Betriebe nicht
produzierten und die einstigen Mitglieder durch die Funktionäre nur persönlich an
ihrem Wohnort erreicht werden konnten. Paul Wolter, der neue 2. Vorsitzende der
GTW des FDGB berichtete im August 1948
über Bemühungen zur
Mitgliederwerbung: "Im Bezirk Wedding ist die Arbeit besonders schwer, da
Wedding eine Hochburg der UGO ist. Jedoch ist auch dort ein Sekretär der GTW
eingesetzt. Die Arbeit in Spandau und Siemensstadt ist fast unmöglich, da unsere
Kollegen zu den dortigen Betrieben keinen Zutritt haben. In den Bezirken Tempelhof
und Steglitz ist die Arbeit gleichfalls schwierig, während in Neuköln und Schöneberg
einigermaßen gearbeitet werden kann." /111/
Schließlich bemerkte Wolter noch, dass sich ein Großteil der Kollegen abwartend
verhielte. Die Mitgliederzahl der GTW des FDGB in den Westberliner Stadtbezirken
sank gegenüber dem Mai 1948 von 10294 auf 1109 Mitglieder im August 1948. In
der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg, wo noch bis zum August 1948
Beauftragte des FDGB in den Studentischen Zulassungskommissionen als Vertreter
der Öffentlichkeit wirksam waren, wurde durch Anordnung von Stadtrat Walter May
dieses bisherige Aufgabengebiet an UGO-Vertreter übergeben. Der Einfluss der
GTW/FDGB war nach einer Angabe vom November 1949 mit 88 organisierten
Mitgliedern bei einer Belegschaftsstärke der TH von 2 586 fast bedeutungslos. Auf
der letzten Mitgliederversammlung am 16. Mai 1950 der GTW/FDGB Berlin-
Charlottenburg waren nur noch 13 Mitglieder an, wesend. Schon zu Beginn des
Jahres berichtete Bezirkssekretär Braune aus Charlottenburg von
Auflösungserscheinungen der GTW./112/Wie hoch der Anteil der GTW-Mitglieder
des FDGB war, die in Westberlin wohnten und in Ostberlin arbeiteten, wurde
HORLAMUS
KAPITEL
3
160
statistisch nicht erfasst. Immerhin waren noch Anfang der 50er Jahre bis zu
10 Prozent der Beschäftigten der Betriebe Ostberlins und seiner Randgebiete
Westberliner.
Tabelle 6: Mitglieder der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister des FDGB
Groß-Berlins
Monat/Jahr
Mitglieder
zusammen
Stadtbezirke
Berlin (West)
Stadtbezirke
Berlin (Ost)
Sep. 1945*
3 200
April 1946*
15 247
Feb. 1947
16 509
Mai 1948
17 959
10 294
7 665
Aug. 1948
4 848
1 109
3 739
Sept. 1948
7 892
1 543
6 349
Okt. 1948
8 635
1 666
6 969
Ø 1949
8 900
1 700
7 200
*bis 1946 Verband der Techniker und Werkmeister(VTW) /113/
In ihren friedenspolitischen Zielvorstellungen folgte die Gewerkschaft der Techniker
und Werkmeister im FDGB Groß-Berlins nach 1948 den Orientierungen der SED
bzw. denen der Volkskongressbewegung. Sie war in diesem Sinne also weder
politisch neutral, noch entwickelte sie eigenständige Friedensvorstellungen, die
berufsspezifische Erfahrungen und Interessen der Ingenieure und Techniker in
dieser Frage zur Grundlage nahmen. Dennoch waren diese Manifestationen, die an
die furchtbaren Folgen des ersten und des zweiten Weltkrieges erinnerten,
durchaus ernsthaft und in Hoffnung auf die Überwindung bestehender Konflikte
gerichtet: "Wir leiden unter den Nachwirkungen der Kriegshandlungen und haben
kein Mitbestimmungsrecht auf die Entwicklung der Friedensverhandlung", hieß es in
einer der zahllosen damals verabschiede, ten Entschließungen. In dieser
allgemeinen Form, mit der eine suggestive Frage an andere Berufskollegen
HORLAMUS
KAPITEL
3
161
gerichtet wurde, wollte man in Ost und West Anhänger gewinnen, wenn es hieß:
"Wollen wir nicht die künstlich geschaffenen Zonengrenzen beiseite schieben und
gemeinsam für eine geeinte Gewerkschaft, für Aufnahme in den
Weltgewerkschaftsbund, für ein einiges Deutschland für einen gerechten Frieden
und für den Abzug aller Besatzungstruppen kämpfen?" /114/ Von Seiten der UGO
wurden diese Angebote als kommunistische Manöver abgelehnt oder man reagierte
gar nicht erst auf diese Vorschläge.
Ökonomisch gelang des den Westmächten, sich durch die Einführung der B-Mark in
den Westsektoren Berlins am 24. Juni 1948 einen "Außenposten" im sowjetischen
Besatzungsgebiet zu schaffen. Fünf Tage zuvor hatte die SMAD zum Schutz der
Wirtschaft der sowjetischen Besatzungszone die Sperrung aller Arten des Güter-
und Kraftfahrzeugverkehrs aus den Westzonen einschließlich des Verkehrs auf der
Autobahn Berlin-Helmstedt angeordnet. Die USA reagierten am 26. Juni mit der
militärisch perfekt organisierten "Operation Vittles" (Luftbrücke). Großbritannien
schloss sich am 30. Juni dieser Operation an, Frankreich billigte sie. Die Berlin-
Krise von 1948/49 war nur wenige Monate nach Beendigung des Zweiten
Weltkrieges das Anzeichen einer neuerlichen Kriegsgefahr. Erst nach 462 Tagen -
nämlich am 30. September 1949 - wurde die mit militärischer Perfektion organisierte
Luftbrücke beendet und "als größte Leistung der Luftfahrtgeschichte in
Friedenszeiten" gefeiert./115/
Die Haltung, die die Gewerkschaftsführung der GTW im FDGB zum Berlin-Problem
einnahm/116/, unterschied sich genau wie die Begrüßung der Aktionen der
internationalen Friedensbewegungen /117/ nicht von der, die auch andere
Organisationen, z. B. die Kammer der Technik, der Kulturbund oder die Gesellschaft
zum Studium der Kultur der Sowjetunion (der im Juli 1949 in Gesellschaft für
Deutsch-Sowjetische Freundschaft umbenannten Massenorganisation), einnahmen.
Die auf Versammlungen verabschiedeten Resolutionen, Entschließungen und
Aufrufe waren demonstrative Meinungsäußerungen, die sich in Stil und Inhalt
glichen. Eine substantielle Diskussion über diese Fragen in den Versammlungen
HORLAMUS
KAPITEL
3
162
und Delegiertenkonferenzen der Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker konnte
an Hand der Quellen nicht nachgewiesen werden. Sie wurde wohl kaum geführt. Die
Veranstaltungen forderten in dieser Frage Bekenntnisse ab. Vor allem wurde immer
wieder politisches Engagement im Sinne der sowjetischen Außen- und
Sicherheitspolitik erwartet./118/ Dies um so mehr zu einer Zeit, da selbst Konrad
Adenauer einen bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion nicht
ausschloss./119/
Auf höchster Ebene in der SED, im Deutschen Volksrat und im FDGB Vorgedachtes
wurde - zumindest in den Funktionärsversammlungen der KDT und der GTW -
unkritisch nachvollzogen. Trotzdem war diese Art der öffentlichen
Willensbekundung wohl nicht nur ein politisch-ideologisches Ritual. Vielmehr stand
dahinter auch die Sorge, dass nur kurze Zeit nach dem Kriege durch den Konflikt
der Weltmächte der kaum erreichte Friedenszustand wieder gestört werden könnte.
Die Funktionäre der Technikerbewegung im FDGB drückten also auf diese Weise
überwiegend ein ehrliches Bekenntnis zu einer Friedenspolitik aus, die von den
politischen Hauptkräften in der sowjetischen Besatzungszone bzw. später dann in
der DDR formuliert und vertreten wurde. Die Formen, in denen die Konflikte
ausgetragen wurden, waren weder von Seiten des Westens noch von Seiten des
Ostens einer Entspannung dienlich. Die Westberliner Zeitung "Der Sozialdemokrat"
ließ am 17. August 1948 z. B. verlauten: "Berlin ist einen Krieg wert." /120/ Und die
SED warnte das deutsche Volk davor, "sich aufs neue von Kriegsprovokateuren
Missbrauchen zu lassen" und geißelte die "Politik der Zersetzung und Kriegshetze",
die von den "Einpeitschern der Kriegs- und Antisowjethetze" ausginge./121/ Dieses
Wortgefecht wurde begleitet von Demonstrationen militärischer Macht der
Siegermächte. Eine reale Einschätzung einer wahrscheinlichen oder tatsächlichen
Kriegsgefahr war unter diesen Bedingungen für die Ingenieure, Werkmeister und
Wissenschaftler genauso schwer wie für andere Schichten der Bevölkerung.
HORLAMUS
KAPITEL
3
163
3.4. Ingenieure und Wissenschaftler in der Volkskongressbewegung für Einheit
und gerechten Frieden
Die Londoner Außenministerkonferenz tagte vom 25. November bis zum 15.
Dezember 1947 und blieb in der deutschen Frage ohne Ergebnis. Die westlichen
Alliierten hatten Molotows Antrag abgelehnt, die vom 1. Deutschen Volkskongress
für Einheit und gerechten Frieden gewählte 17köpfige Delegation zur Londoner
Konferenz zuzulassen. Der Delegation sollten u. a. der Präsident der Deutschen
Akademie der Wissenschaften zu Berlin Johannes Stroux und auch zwei
Ingenieure, nämlich Dr.-Ing. Hans Haugordy Direktor der Deutschen Edelstahl-
Werke in Dortmund und Dr.-Ing. Franz Kolb - Chemiker und Betriebsrat der Dunlop-
Werke Hanau, angehören./122/ Dieser Anteil von Ingenieuren war gemäß der
Zusammensetzung des Volkskongresses, der sich als gewählter Repräsentant aller
Schichten der Bevölkerung in Ost und West verstand, bestimmt. (Die Tabelle 6 zeigt
die Struktur der technischen Intelligenz nach den Ländern in der sowjetischen
Besatzungszone.) Unter den 2 215 Delegierten des 1. Deutschen Volkskongresses
befanden sich z. B. 39 Ingenieure, unter den 1 989 Delegierten des 2. Kongresses
74 Ingenieure und Techniker, und schließlich gehörten zu den 2 088 Teilnehmern
des 3. Deutschen Volkskongresses 47 Ingenieure und Techniker aus der sowje-
tischen Besatzungszone und 19 aus den Westzonen./123/
Tabelle 7
: Zahl der Ingenieure, Techniker sowie Beschäftigten artverwandter Berufe in
den Ländern der sowjetischen Besatzungszone (ohne Berlin) 1947
Länder
Insgesamt
darunter Frauen
Sachsen
3O 840
4 334
Sachsen-Anhalt
21 313
2 129
Thüringen
12 136
1 329
Brandenburg
9 415
1 199
Mecklenburg
5 509
792
zusammen
79 213
9 783
/124/
HORLAMUS
KAPITEL
3
164
Ingenieur Karl Hauser berichtete vor dem 1. Deutschen Volkskongresses am 7. 12.
1947 über den Ersten Deutschen Technikertag. Die dort angenommenen
Entschließungen, hätten eine Übereinstimmung zur wirtschaftlichen und politischen
Einheit Deutschlands, zum demokratischen Neuaufbau, zur absoluten
Friedenstechnik und für eine allgemeine Völkerverständigung dokumentiert. Und er
schlussfolgerte: "Die Forderungen und Ziele der deutschen Technikerschaft decken
sich mithin vollkommen mit den Zielen und Forderungen unseres
Volkskongresses."/125/ Diese Annahme bestätigte sich jedoch nicht. Die
Zurückhaltung der Ingenieure und Technikwissenschaftler war in diesen politischen
Fragen im allgemeinen sehr groß.
Für die Techniker der sowjetischen Besatzungszone leitete der Vizepräsident der
Kammer der Technik Max Günther deshalb das Erfordernis ab, die Kammer der
Technik stärker ideologisch auszurichten./126/ Auf der Geschäftsführerkonferenz
der Landeskammern der Zentralkammer der KDT vom 23./24. Januar 1948
bekundete Günther: "Durch die veränderte Situation infolge des ergebnislosen
Verlaufes der Londoner Konferenz und der Frankfurter Besprechungen ergibt sich
für die K.d.T. eine Richtungsänderung. Es vom Techniker erwartet, dass er sich
eindeutig für die K.d.T. entscheidet. Es wird kein parteipolitisches Bekenntnis mit
Festlegung auf eine politische Linie verlangt. Der ideologischen Aufklärung muss
mehr Raum gegeben werden..."/127/ Im Zuge dieser Ausrichtungsbemühungen
erfolgte dann innerhalb der Leitungsgremien in der KDT die Auseinandersetzung
über die Frage, wie die der Technik ihr gesellschaftliches Anliegen zur Förderung
technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit parteipolitisch neutral und
überparteilich vertreten kann.
Diese Diskussion mündete letztlich in einem Erklärungsmuster, nach dem
Überparteilichkeit zur Gefahr würde, "wenn sie die stetige Verneinung
fortschrittlicher wirtschaftspolitischer Maßnahmen
decken soll"./128/ Dieses
Verständnis ermöglichte es, parteipolitische Neutralität relativ willkürlich zu
interpretieren. Zudem trug die Diskussion scholastische und demagogische Züge,
HORLAMUS
KAPITEL
3
165
die andererseits von den Mitgliedern der Kammer der Technik eine im Sinne des
"Friedenslagers" und der Volkskongressbewegung geartetes politisches Bekenntnis
gefordert wurde. Natürlich konnte ein solches politisches Bekenntnis nicht
erzwungen werden, und im beruflichen Alltag war es ausreichend, wenn sich die
Repräsentanten der "alten" Intelligenz loyal verhielten und ihre Arbeit im Interesse
des wirtschaftlichen Wiederaufbaus engagiert verrichteten. Auf "ideologischem"
Gebiet wurde jedoch anderes gefordert. So erklärte der Vizepräsident der Kammer
der Technik Max Günther, der sich von Anbeginn um die Anbahnung von
Beziehungen zu Ingenieuren in den Westzonen bemühte und nach der
Umstrukturierung der KDT ab Februar 1951 bis zum Sommer 1952 ausschließlich
für die "Westarbeit", d. h. für die Zusammenarbeit mit der BRD, zuständig war, dass
es in der Frage von Krieg oder Frieden keine Neutralität geben könne, und der
Techniker eindeutig für das "Friedenslager" Partei ergreifen müsse. Nach dem
damals üblichen Sprachgebrauch beinhaltete diese Forderung die Identifikation mit
der sowjetischen Außenpolitik. Zugleich verwahrte sich Günther gegen das
Neutralitätskonzept des Nauheimer Kreises um Ulrich Noack, das unter den
Intellektuellen in Ost und West auf Interesse stieß, und verwarf es als eine
Utopie./129/
Noacks Vorstellungen zielten auf ein neutralisiertes, friedliches und soziales
Deutschland, das sich als auseinanderhaltende und beschwichtigende Kraft
zwischen die bewaffneten Weltgegensätze stellen könnte, die nach dem Kriege in
Deutschland aufeinander prallten. Auf Grund einer von Ost und West gemeinsam
garantierten Mittelstellung sollte Deutschland keinen der regionalen Staatenbünde
beitreten, sondern mit der Schweiz, Osterreich und vielleicht Finnland eine
isolierende und die Weltgegensätze und ihre Reibungen abschwächende
Sondergruppe bilden. In einer neuen Haltung eines großen bisher machtpolitisch
aktiven europäischen Volkes könnte - so Noacks Vorschlag - der Ansatzpunkt für
eine Entwicklung liegen, die hinüberführt vom machtpolitischen Denken
Vergangenheit durch eine Reformation politischer Gesinnung zu einem
freiheitlichen und weltverbindenden Denken und Handeln der Zukunft./13O/ Die
HORLAMUS
KAPITEL
3
166
Regierenden in den Westzonen brachten Noacks vorschlagen ebenfalls wenig
Sympathie entgegen.
Gleichfalls stand man den von Politikern der sowjetischen Besatzungszone
ausgehenden Aktivitäten für eine durch das Volk selbstbestimmte deutsche
Friedenslösung sehr zurückhaltend, igno
rant oder ablehnend gegenüber, zumal viele
Initiativen als kommunistische Manöver abqualifiziert wurden, selbst wenn sie von der CDU
oder der LDPD kamen. Dem "Aufruf zu einem deutschen Volkskongress für Einheit und
gerechten Frieden" des Parteivorstandes der SED vom 26. November 1947 folgten in den
Westzonen kaum etablierte Ingenieure und Wissenschaftler.
Der I. Deutsche Volkskongress erhielt aus Westdeutschland Zustimmungsschreiben
- z. B. durch den Rektor der Technischen Hochschule Hannover Prof. Dr.-Ing. O.
Flachsbart /13l/ Diese waren aber eher als Höflichkeitsbekundungen zu verstehen.
Zwischen dem und II. Deutschen Volkskongress waren in den vorbereitenden
Ausschüssen für die Volkskongresse in Bremen, Nieder-Sachsen, Schleswig-
Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern, Hamburg und Rheinland-Pfalz
einige nationalbewusste Intellektuelle wirksam, die gegen eine Spaltung
Deutschlands durch die Gründung eines separaten Westzonenstaates auftraten.
Gestützt auf das nationale Anliegen dieser Bewegung in allen Besatzungszonen
ersuchte der Ständige Ausschuss der Volkskongressbewegung für Einheit und
gerechten Frieden den Alliierten Kontrollrat, einen Deutschen Konsultationsrat
zuzulassen, eine Volksabstimmung über die Einheit Deutschlands zu gestatten, eine
Verfassung und ein Wahlgesetz für freie Wahlen zur einer Deutschen
Nationalversammlung ausarbeiten sowie die Bildung einer deutschen zentralen
Regierung vorbereiten zu lassen. Die Leitungsgremien Kammer der Technik und der
Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister im FDGB unterstützen diese
Initiativen.
Inhaltlich stimmte z. B. die Funktionärsversammlung der Gewerkschaft der
Techniker und Werkmeister am 28. März 1948 den Vorschlagen des Deutschen
Volksrates vom 18. März 1948 zu. In der Entschließung wurden die vom Volksrat
HORLAMUS
KAPITEL
3
167
erhobenen Forderungen wörtlich übernommen:
1. Ausarbeitung von Grundsätzen für einen Friedensvertrag auf der Grundlage der
Beschlüsse von Jalta und Potsdam.
2. Herstellung der administrativen und wirtschaftlichen Einheit Deutschlands.
3. Wiederherstellung der Währungseinheit für ganz Deutschland und Aufhebung
der Wirtschafts- und Verkehrsschranken zwischen den Zonen.
4. Bildung einer vorläufigen, zentralen Regierung Deutschlands aus Vertretern der
demokratischen Parteien und Organisationen; ihre Zusammensetzung muss eine
dauerhafte Friedenspolitik gewährleisten.
5. Einberufung einer Friedenskonferenz, an der die vorläufige demokratische
Regierung Deutschlands teilnimmt.
Die Spezifik der Rolle der Ingenieure und Techniker im Friedensprozess wurde
nicht zum Ausdruck gebracht. Statt dessen folgte man dem zentralen Beschlüssen
des Deutschen Volksrates und begrüßte seinen Beschluss, dem Parlamentarischen
Rat in Bonn und dem bizonalen Wirtschaftsrat in Frankfurt den Vorschlag zu
unterbreiten, an einer gemeinsamen Tagung teilzunehmen, um über die Einheit
Deutschlands, den Abschluss eines baldigen Friedens und den Abzug der
Besatzungstruppen zu beraten./132/ Mitglieder der Gewerkschaft der Techniker und
Werkmeister beteiligten sich an vom 2. Deutschen Volkskongress für Einheit und
gerechten Frieden beschlossenen Volksbegehren für einen Volksentscheid über die
Einheit Deutschlands. Die Stimmen dafür wurden in der Zeit 23. Mai bis 13. Juni
1948 gesammelt.
In den Westsektoren hatte man andere Vorstellungen von der :sehen Einheit. Die
Westmächte nahmen auf einen separaten deutschen Teilstaat Kurs, der in das
System der Westmächte integriert werden sollte. Es durften keine Plakate "Für die
Einheit Deutschlands" oder "Für die Durchführung des Volksbegehrens" geklebt
werden./133/ Im amerikanischen Sektor Berlins wurden 87 Personen verhaftet, die
HORLAMUS
KAPITEL
3
168
für das Volksbegehren warben, im französischen Sektor wurde dieses Eintreten für
die Einheit Deutschlands überhaupt untersagt. Insgesamt gaben 821 286 Berliner
Volksbegehren durch Unterschrift ihre Zustimmung. Das waren 35 Prozent der
teilnahmeberechtigten Berliner./134/
Angesichts der Wirkung der Volkskongresse für Niedersachsen Schleswig-Holstein
untersagten die Besatzungsbehörden die Kongresse, die in den anderen
westdeutschen Ländern vorbereitet wurden. Es folgte schließlich das Verbot der
gesamten Volkskongressbewegung für Einheit und gerechten Frieden./l35/ Von den
Besatzungsbehörden der Westmächte und den Parteiführungen von CDU und SPD
in den Westzonen wurde die Volkskongressbewegung wie später auch die
Bewegung der Intellektuellen für die Ächtung der Atomwaffen abgelehnt, da sie
nicht in das Europakonzept der Westmächte passten. Dagegen erhielten
friedenspolitische Orientierungen, wie es im Friedensausschuss des Deutschen
Volksrates diskutiert und entwickelt wurde, von den Parteiführern der LDPD und der
CDU der sowjetischen Besatzungszone, so von dem 194S verstorbenen Wilhelm
Külz sowie von Otto Nuschke und Georg Zeringer, wesentliche Anregungen.
Im Deutschen Volksrat waren namhafte Hochschullehrer aus dem Bereich der
Naturwissenschaft und Technik sowie Ingenieure und Techniker vertreten. Zu ihnen
gehörten: Robert Bieri, Gertrud Böhm, Otto Freyhoff, Walter Friedrich, Robert
Havemann, Enno Heidebroek, Hermann Henselmann, Hanns Hopp, Friedrich
Möglich, Hans Reingruber, Günther Rienäcker, Robert Rompe, Ellen Ruschmann,
Herbert Sedlaczek, Rudolf Schwarzer, Johannes Trost, Gustav Wirth, Hermann
Waschow und Alfred Wunderlich./136/ Im Friedensausschuss des Deutschen
Volksrates, der sich am
15. April 1948 mit dem Ziel konstituierte, Grundsätze für den
Abschluss es Friedensvertrages aufzustellen, war der Ingenieur Otto Freyhoff
vertreten./137/
Die in der Volkskongressbewegung liegende Chance für eine demokratische
Selbstbestimmung der Deutsehen im Bemühen um den Absch1uß eines
Friedensvertrages wurde dagegen von den Wissenschaftlern und Ingenieuren
HORLAMUS
KAPITEL
3
169
Westdeutschlands nicht gleichermaßen ausgetestet. Die westdeutsche Prominenz
aus Wissenschaft und Technik nahm kaum Notiz von der Volkskongressbewegung.
Als das Sekretariat des Ständigen Ausschusses des Deutschen Volkskongresses u.
a. alle Rektoren der Universitäten und Technischen Hochschulen der Westzonen
zum 2. Deutschen Volkskongress, der am 17. und 18. März 1948 stattfand,
einlud/138/, erhielt es von fast allen Rektoren höfliche, aber bestimmte
Absagen./139/ Lediglich die Technische Hochschule Hannover soll laut einer zum
Kongress angefertigten Aufstellung wiederum - wie schon zum 1. Volkskongress -
eine Zustimmungserklärung durch ihren Rektor Prof. Kosselek übersandt
haben./14O/
Eine ähnliche Erfahrung machte ein Jahr später der Rektor der Humboldt Universität
zu Berlin Walter Friedrich, als er am 31. März 1949 einen Brief an alle Rektoren der
Universitäten und
Hochschulen der westlichen Besatzungszonen richtete. Vor dem
Hintergrund der bevorstehenden Bildung des Militärbündnisses der NATO und der
atomaren Militärstrategie der USA forderte er seine Kollegen auf, sobald wie möglich
zusammenzutreten, um über die dringenden Probleme Deutschlands und über den
Beitrag der Universitäten und Hochschulen zur Erhaltung des Friedens zu beraten,
erinnerte daran, dass man den akademischen Lehrern häufig den Vorwurf gemacht
hätte, geschwiegen und daher nicht verhindert zu haben, dass das deutsche Volk den
Weg durch Krieg ins Unglück ging. Und er forderte: "Lassen Sie deshalb uns
gemeinsam jetzt das tun, was die Verantwortung unserem Volk gegenüber uns gebietet.
Lassen Sie uns an der Seite der Besten der Welt - und zu en gehören die größten der
akademischen Lehrer aller Länder für die Erhaltung des Friedens eintreten; lassen Sie
uns insbesondere zur Wahrung der Lebensinteressen unseres Volkes nicht -, dass
unser Land zu einer Schachfigur irgend eines Bündnissystems gemacht wird ."/14l/
Die Reaktion auf diesen Brief war für den Strahlenforscher und Biophysiker Walter
Friedrich /142/ eine Enttäuschung. Während seine Kollegen aus der sowjetischen
Besatzungszone auf einen ähnlichen Brief vom 20. März 1949 /143/ positiv
reagierten, erhielt er von den Rektoren der Universitäten und Hochschulen kaum
eine Resonanz./144/ Unter den eingegangenen Antworten dürfte diejenige von
HORLAMUS
KAPITEL
3
170
Magnifizenz Ludwig Raiser von der Georg-August-Universität symptomatisch für die
Meinung der Mehrheit der damals amtierenden Rektoren Westdeutschlands
gewesen sein:
,,Der Wunsch nach Erhaltung des Friedens und die Sorge, dieser Frieden könnte
nur wenige Jahre nach dem Ende es letzten Krieges von neuem bedroht sein,
bewegt die Angehörigen der Georg-August-Universität nicht weniger als diejenigen
der ostdeutschen Hochschulen, in deren Namen Sie sprechen.
Wir sind indessen der Meinung, dass die Machtlosigkeit, in der sich Deutschland
heute befindet, und wohl auch die Erinnerung daran, dass der letzte Krieg gerade
Deutschland ausgegangen war, der deutschen Stimme in den weltpolitischen
Strömungen keinen Widerhall zu geben vermögen. Unter diesen Umständen
glauben wir mit einer Kundgebung, die Gefahr läuft, als leere Demonstration zu
wirken, nichts Gutes zu schaffen und sehen daher für unseren Teil davon ab, uns
an der von Ihnen angeregten Aktion zu beteiligen ."/145/
Hinzu kam, dass es in den Westzonen und der späteren Bundesrepublik
Deutschland offiziell nicht gerne gesehen wurde, dass sich Wissenschaftler zu
politischen Zusammenhängen äußerten. Bekannt sind die Vorwürfe Adenauers aus
dem Jahre 1957 gegenüber den ,,Göttinger Achtzehn". Doch bereits wenige Monate
nach der Gründer Bundesrepublik Deutschland wurde eine solcher Standpunkt
regierungsoffiziell. So wandte sich der Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss
aus Anlass der "Woche der deutschen Wissenschaft", die vom 1. - 5. August 1950
stattfand, gegen Bestrebungen der Wissenschaft, "unmittelbaren Einfluss auf die
politischen Geschicke der Nation zu nehmen"./146/
Viele Wissenschaftler und Ingenieure hielten sich in den ersten Jahren nach dem
Kriege mit der Offenlegung ihrer politischen Ansichten zurück. Dies, zumal sie durch
ihre Erfahrungen der Politik in der Vergangenheit gezeichnet waren. Ganz in diesem
Sinne verhielten sich die technisch-wissenschaftlich Vereine der Westzonen
politisch neutral. Dennoch setzten sie sich der ihrer Vergangenheit, aus der sie
HORLAMUS
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nicht politisch unberührt hervorgingen, auseinander. Dies wird u. a. an der
Nachkriegsentwicklung des größten wiedergegründeten technisch-
wissenschaftlichen Vereins - des VDI - deutlich.
Vom 7. bis 9. September 1948 fand in München mit der Hauptversammlung des
VDI, der 1. Jahreshauptversammlung nach dem Kriege, die technisch-
wissenschaftliche Vereinsarbeit ihren zwischen Tradition und Neubeginn liegenden
Fortgang. In seinem Festvortrag "Deutsches und amerikanisches Wesen als
komplementäre Eigenarten" wies der Kurator des VDI, Rudolf Plank eine Richtung
der Vereinsarbeit, die aus der internationalen Isolation des Vereins, wie sie während
der Zeit der Nazidiktatur herrschte, herausführen sollte. Den USA gestand er den
Anspruch "für eine weltpolitische Führung und Lenkung" zu. In Europa könne dieser
Anspruch am besten über Deutschland realisiert werden. Zugleich solle
Deutschland als "Mittler zwischen Amerika und Russland" fungieren, äußerte Plank
auf der Münchner Tagung./147/
Die Amerikaner selbst gestanden Deutschland jedoch diese Mittlerrolle nicht zu. Ihr
europäisches Wiederaufbauprogramm (ERP) hatte neben der Ankurbelung der
Wirtschaft im westeuropäischen Raum und der Ausdehnung des wirtschaftlichen
Einflusses der USA auf Europa zwecks Oberwindung eigener Krisensymptome eine
militärische Komponente. So waren sich die Vereinigten Stabschefs der USA
darüber einig, dass ein "Unterstützungsprogramm der Vereinigten Staaten für
Länder außerhalb der sowjetischen Welt ... sicherlich das Erreichen einer
allgemeinen und umfassenden Übereinstimmung und eines Friedensabkommens
verhindern" würde./l48/
Im Falle eines "ideologisches Krieges" brauchten die USA die Unterstützung der
alten Welt, wobei die potentiell stärkste Militärmacht dieses Gebietes - nach dieser
Einschätzung - Deutschland sei. "Mit einem wiedererstarkten Deutschland, das auf
der Seite der westlichen Alliierten kämpft", wäre es möglich, den Armeen der
ideologischen Gegner so lange zu widerstehen, "bis die Vereinigten Staaten
ausreichend große Streitkräfte mobilisiert und ins Feld geführt haben, um ihnen eine
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Niederlage zu bereiten". Weiter hieß es deshalb: "Der wirtschaftliche
Wiederaufstieg Deutschlands ist daher vom Standpunkt der Sicherheit der
Vereinigten Staaten von vorrangiger Bedeutung.. ."/149/ Dem Ausbau des
technisch-wissenschaftlichen Potentials wurde - wie aus dem Memorandum No. 7
des Nationalen Sicherheitsrates vom 30. März 1948 ersichtlich wird - ein
besonderer Stellenwert beigemessen. Diese Vorstellungen blieben bekanntlich nicht
nur auf dem Papier stehen. Zu den dringlichsten Aufgaben des
Wiederaufbauprogramms zählte man u. a.: "Unterstützung des Ausbaus des
Militärpotentials ausgewählter nichtkommunistischer Nationen durch die Lieferung
von Werkzeugmaschinen zum Ausbau ihrer Rüstungsindustrien und von
technischen Informationen zur Erleichterung der Standardisierung von Waffen
sowie, soweit praktikabel, durch die Ausstattung mit militärischer Ausrüstung und
durch technische Beratung"./15O/ Der dem USA-Kriegsministerium im Januar 1948
unterbreitete Clay-plan zur Aufstellung einer westdeutschen Armee - alsbald von
Adenauer mit Sympathie bedacht und unterstützt - und die Vorstellungen über den
Platz westdeutscher Unternehmen bei der Wiederaufrüstung bargen die Gefahr,
dass Deutsche erneut Wissenschaft und Technik zu kriegerischen Zwecken
missbrauchen könnten.
Viele Ingenieure und Wissenschaftler ahnten jedoch nicht, was sich hinter den
Kulissen der großen Politik abspielte. Sie wollten, dass Technik und Wissenschaft
ihren Wert als Helfer der Mensch zurückerhielten. Daraus besannen sich einstige
und neue Mitglieder der technisch-wissenschaftlichen Vereine auf die historischen
Fundamente, die einst die Qualität der technisch-wissenschaftlichen Arbeit in
diesen Vereinen bis zum Ende der Weimarer Republik bestimmten. Die meisten
Ingenieure und Wissenschaftler setzten sich zwar nicht bewusst mit der
kompromittierten Vereinsarbeit im Dritten Reich auseinander, sie wollten jedoch
nicht wieder dort anfangen, wo sie von den gleichgeschalten Vorständen im NSBDT
einst hingesteuert wurden. Man erinnerte sich z.B. im VDI daran, dass dieser Verein
1856 von 23 begabten Ingenieuren in Alexisbad gegründet wurde und im Zuge der
industriellen Revolution Maßgebliches zur Entwicklung der deutschen Industrie und
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173
Technik geleistet hatte. An seiner Spitze standen damals Männer wie der
Hüttenmeister des Eisenhüttenwerkes Trippstadt bei Kaiserslautern, Friedrich Euler,
der Eichamtsvorsitzende und Lehrer am Königlichen Gewerbeinstitut Berlin, Franz
Grashof, und der Ingenieur der Henrichshütte bei Hattingen d. Ruhr, Richard
Peters./15l/ Die Anknüpfung an ehrwürdige Traditionen half manch einem der 15
OOO bis 1948 wieder zum VDI zählenden Mitglieder, die nationalsozialistische
Phase im Vereinsieben bewusstseinsmäßig zu tilgen oder aus humanistischen
Motiven heraus zu bewältigen.
Zu ihnen gehörte Waldemar Hellmich. Seine Erfahrung mit dem Nationalsozialismus
gab er nach 1945 an die technisch Schaffenden mit den Worten weiter: "Was wir
erlebt haben, war nicht nur eine Krise, ein unglückliches Zusammentreffen äußerer
Umstände. Es war zutiefst eine geistige und seelische Katastrophe, ein
Zusammenbruch unseres bisherigen Denkens, dessen Führung wir uns selbstsicher
anvertraut hatten, weil es uns Erfolge in unserer menschlichen Entwicklung
vortäuschte, in Wirklichkeit uns aber menschlich um Jahrhunderte zurückwarf."/152/
Hellmich regte deshalb die Formulierung eines Ehrenkodexes an, der den Ingenieur
verpflichten sollte, seine Arbeit nur zum Wohle der Menschen zu verrichten. Diese
Anregung griff der Vorstand des VDI auf. Um seinen einstigen Einfluss
zurückzugewinnen und um sich mit der Verantwortung der Ingenieure in der
Vergangenheit auseinander zusetzen, organisierte er eine Reihe von
Veranstaltungen, die dem Problemkreis Mensch - Technik - Gesellschaft gewidmet
wurden. Diese Veranstaltungen, die maßgeblich zur Wiedergewinnung eines
ethischen Wertebewusstseins unter den in Wissenschaft und Technik tätigen
Intellektuellen in Westdeutschland bzw. in der BRD beitrugen, wurden bisher in der
Geschichtsschreibung der DDR aus ,,klassenmäßiger" Sichtweise meist negativ
bewertet./153/
Hier bedarf es m. E. insofern einer grundlegenden Korrektur, als dass man diesen
Veranstaltungen einen legitimen Stellenwert in geistigen Auseinandersetzung um
die gesellschaftliche Verantwortung der technisch Schaffenden beimessen muss.
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Gerade die , Diskussion um den Ehrenkodex des Ingenieurs innerhalb des VDI, seit
1948 öffentlich geführt wurde und schließlich 195O auf Sondertagung des VDI in
Kassel über die "Verantwortung des Ingenieurs" in der Verabschiedung des
"Bekenntnisses des Ingenieurs" mündete, verdeutlicht das. Dass es sich hierbei um
eine konservative Form der Vergangenheitsaufarbeitung handelte, die von einer
durch die Vereinsspitze betriebenen Begnadigungskampagne für durch alliierte
Gerichte verurteilte Kriegsverbrecher begleitet wurde, ist eine andere Tatsache.
Dieser Zusammenhang weist auf Widersprüche bei Respektierung dieser
Auseinandersetzung mit dem Verantwortungsproblem innerhalb des VDI hin./154/
Bewusst wurde in dem "Bekenntnis" jeder direkte Bezug zum Friedensbegriff
vermieden. Getreu dem Leitsatz "si vis pacem, para bellum" argumentierte auf der
Kasseler Tagung des VDI Prof. O. Kraemer dagegen, "die Waffenherstellung in
einem Standesgesetz
kurzerhand unter Berufsverbote zu bringen. Man kann sich der Einsicht nicht
verschließen, dass man aus Selbsterhaltungsgründen gerüstet sein muss, wenn der
Nachbar eine Waffe hat, und es wird einem immer wieder das Argument vorgesetzt
werden, dass eine starke Rüstung ein besseres Mittel zu Erhaltung eines
dauerhaften Friedens sei als Schwäche, die den bösen Nachbarn reizt."/155/
Eine tiefergehende politische Diskussion über die Ursachen des zweiten
Weltkrieges und dem Schuldanteil der deutschen Ingenieure am Missbrauch von
Wissenschaft und Technik hat im VDI wie auch in anderen wiedergegründeten
technisch-wissenschaftlichen Vereinen trotz des "Bekenntnisses des Ingenieurs" nie
stattgefunden. Erst in den 7Oer Jahren fand dieses Kapitel der Geschichte des VDI
insbesondere durch die Arbeiten des Historikers Karl-Heinz Ludwig ihre
Aufarbeitung.
Auf der Jahrestagung des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute am 17./18.
November 1949 nahmen Wehrwirtschaftsführer und Unternehmer des Dritten
Reiches teil, deren Betriebe im Krieg gewaltige Gewinne gemacht hatten. Unter
HORLAMUS
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ihnen war das einstige Mitglied des VDEh Dipl. Ing. Rudolf Blohm, der, durch den
Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg verurteilt, zur Teilnahme an der
Tagung aus dem Gefängnis beurlaubt wurde. Ihn feierten die 2 000
Kongressteilnehmer als Märtyrer. Später wirkte er als Aufsichtsratsvorsitzender der
Blohm & Voß AG, Hamburg, und Leiter des Hauptausschusses für Schiffbau in der
Arbeitsgemeinschaft für Wehrtechnik der Bundesrepublik Deutschland. In einer
Entschließung beschloss der Kongress des VDEh, sich dafür einzusetzen, dass
noch alle in Haft befindlichen durch Alliierte Gerichte verurteilten Kriegsverbrecher
wieder freigelassen werden sollten./156/ Das Gleiche wurde auf der SO. und auf der
81. Jahreshauptversammlung des VDI 1950 und 1951 vom VDI-Direktor Hans
Bluhm gefordert./157/ Unwidersprochen fand die Forderung nach Freilassung von
Alfried Krupp von Bohlen und Hallbach sowie von Hermann und Ernst Röchling als
Akt im Geist der Versöhnung die Zustimmung der Versammelten.
Bezeichnenderweise wurden auf ihrem Höhepunkt des Kalten Krieges Anfang der
5O Jahre in der BRD eine Reihe von Kriegsverbrechern wieder auf freien Fuß
gesetzt, bevor sie ihr Haftstrafe verbüßt hatten. Einer repräsentativen
demoskopischen Umfrage zufolge, die im September 1952 in der BRD durchgeführt
wurde, waren z. B. 50 Prozent der Befragten der Auffassung, dass der ehemalige
Leiter des Hauptamtes für Technik der NSDAP und Reichsminister für Bewaffnung
und Kriegsproduktion Albert Speer, der vom Nürnberger Gericht wegen Verbrechen
gegen Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 2O
Jahren Haft verurteilt wurde, zu Unrecht im Gefängnis säße./158/
Noch Jahre nach dem Krieg waren Ingenieure und Naturwissenschaftler der
Meinung, dass sie während der Zeit des Faschismus lediglich ihre soldatische
Pflicht erfüllt hätten und in diesem e sich nicht moralisch zu verantworten hätten.
Man war vielfach nicht bereit, die historischen Ergebnisse des zweiten Weltkrieges
anzuerkennen. Dr.-Ing. Willi Hatlapa aus Unkel am Rhein brachte das in einem Brief
an Max Günther mit den Worten zum Ausdruck: "Nicht nur deutsche Ingenieure
haben Kriegsmaterial konstruiert, sondern auch Ingenieure aus anderen Staaten.
Viele Ingenieure sind im Kriege lieber in Rüstungsbetrieben als Soldaten.
HORLAMUS
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Wir haben uns nicht nur über die Barbarei des Nationalsozialismus zu beklagen,
sondern auch über das unmenschliche Vertreibungen von Millionen Deutscher aus
ihren Wohnsitzen und über das Bombardieren nichtmilitärischer Anlagen.. ."/159/
Der Soziologe Gerd-Rudolf Hortleder verallgemeinerte in einer Leitstudie zum
Gesellschaftsbild des Ingenieurs diese tendenziell vorherrschende Geisteshaltung,
indem er zusammenfasst: "Zahlreiche Ingenieure und vor allem der VDI haben die
Epoche 1933 - 1945 nicht als Bruch, sondern im äußersten Fall als missliebige
vorübergehende Störung empfunden. Sie sind äußerlich unbelastet und teilweise
innerlich unberührt aus diesen Jahren hervorgegangen. Die Tatsache, dass ihr
Idealismus in jenen Jahren missbraucht worden ist, wurde nicht reflektiert, so dass
eine realitätsferne, idealistisch geprägte Einstellung zur gesellschaftlichen Umwelt
ungebrochen in die Gegenwart hinüber gerettet werden konnte."/16O/ Selbst
Vorstandsmitglieder verschiedener Bezirksvereine, die während der Zeit des
Faschismus in Führungspositionen der Vereine saßen, hatten den Wechsel
unbeschadet überstanden, wie Hortleder bei seinen Nachforschungen
feststellte./16l/
Ähnliche Beobachtungen über das Verhalten von Natur- und
Technikwissenschaftlern machte ein britischer Zeitzeuge 1943. R.C.Murray, damals
Generalsekretär der Association of Scientific Workers Großbritanniens, machte als
Mitglied einer Gewerkschaftsdelegation eine Informationsreise durch die britische
Zone sowie durch den britischen Sektor Berlins. Murray hielt sich einige Tage in
Göttingen auf, führte dort Gespräche mit Persönlichkeiten der Max-Planck-
Gesellschaft und kam mit Militärbeamten der Forschungsabteilung der
Besatzungsbehörde zusammen. In Berlin besuchte Murray mehrere
Forschungsabteilungen größerer Betriebe und war an der Technischen Universität
zu Gast. Ergänzt wurden seine Eindrücke durch Fahrten nach Düsseldorf und Köln.
Im Ergebnis seiner Erkundungen stellte er fest, dass kaum einer der von ihm
befragten Wissenschaftler Konsequenzen aus der Niederlage des Hitlerfaschismus
gezogen hatte: "Die meisten, die während der Kriegsjahre militärische Forschung
betrieben, wünschten durchaus auf dieser Linie unter allliierter Kontrolle weiter-
HORLAMUS
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177
reiten, besonders als es klar wurde, dass sich dabei eine Möglichkeit bot,
Deutschland zu verlassen ."/162/ Mag diese Aussage tendenziell zutreffen, so ist sie
jedoch rückblickend zu relativieren. Bedeutende Gelehrte wie Max Planck, Otto
Hahn und Walter Heisenberg erkannten die Gefahren, die sich vor allem aus dem
militärischen Missbrauch der Atomenergie für die Menschheit ergeben konnten, und
warnten die Öffentlichkeit nach 1945 wiederholt diesen Gefahren. Sie traten
deshalb nach dem Zweiten Weltkrieg für die friedliche Nutzung der Atomenergie
und für die Verhinderung ihres Missbrauchs ein.
Unter den Bedingungen einer weiteren Verhärtung der Fronten des Kalten Krieges
konnten Funktionäre und leitende Ingenieure und Wissenschaftler, die in der
sowjetischen Besatzungszone ihren Wirkungsbereich fanden, keine differenzierte
Sicht auf die technisch-wissenschaftliche Entwicklung in Westdeutschland auf-
bringen. Manch einem erschien die Entwicklung von Wissenschaft und Technik dort
eben allein und ausschließlich als eine Fortsetzung der Arbeit, wie sie im Dritten
Reich von den gleichen Menschen gelenkt und geführt wurden. Die politische
Zurückhaltung, die viele Wissenschaftler und Ingenieure in den Westzonen an den
Tag legten, hatte verschiedene Ursachen. In der 5owjetischen Besatzungszone
wertete man sie als ein Übel, welches den Missbrauch von Wissenschaft und
Technik während der Zeit des Faschismus erst möglich gemacht hatte. Die
Schlussfolgerung, Faschismus erst möglich gemacht hatte. Die Schlussfolgerung,
dass der Techniker deshalb auch politischen Fragen gegenüber aufgeschlossen
sein müsste, wurde jedoch einseitig interpretiert und diente letztlich zu einer
ideologischen Ausrichtung der wissenschaftlich-technischen Intelligenz, die in eine
Sackgasse führte. Enno Heidebroek gehörte zu den Wissenschaftlern, die die
Gefahr einer solchen Entwicklung voraussahen. Er wandte sich gegen die
Versuche, den Teilnehmern von Veranstaltungen der Kammer der Technik immer
wieder "parteipolitisch gefärbte Ansprachen" vorzusetzen, weil dadurch
maßgebliche Fachleute von der Mitarbeit in der Kammer der Technik ferngehalten
würden./163/
HORLAMUS
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Nach Heidebroeks Vorstellung sollte die ehrenamtliche technisch-wissenschaftliche
Gemeinschaftsarbeit demokratisch neuorientiert werden. 1948 setzte er sich noch
als Präsident der Kammer der Technik in einer damals kaum beachteten Denkschrift
mit den objektiven Erfordernissen einer zukünftigen Gestaltung der
technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit in der sowjetischen
Besatzungszone auseinander./164/ Seine Erfahrungen, die er auch dank seiner von
1923 - 1926 währenden Mitgliedschaft im Vorstand des VDI einbringen konnte,
wurden damals missachtet, und man intrigierte im Zuge verstärkter Tendenzen der
Stalinisierung in der sowjetischen Besatzungszone, vor allem im, Zusammenhang
mit der Besetzung wichtiger Funktionen im öffentlichen und gesellschaftlichen
Leben mit SED-Mitgliedern, gegen ihn.
Während der Ministerpräsident der Landesregierung Sachsens Max Seydewitz in
einem Schreiben vom 30. September 1948 ausdrücklich die Tätigkeit der Kammer
der Technik unter Heidebroeks Präsidentschaft würdigte /165/, denunzierte der
Vizepräsident der Kammer der Technik Max Günther in einem Schreiben vom 25.
10. 1948 an die zentrale Abteilung Wirtschaftspolitik der SED in Berlin seinen
Vorgesetzten: "Man darf Heidebroek nicht nach seinen gelegentlich gehaltenen
Reden in der Öffentlichkeit beurteilen, die hier und da fortschrittlich getarnt sind,
sondern man muss ihn nach seiner geistigen Grundhaltung einschätzen, die in
seinen Briefen an uns und in seinem Briefwechsel mit Angehörigen der technischen
Intelligenz im Westen Deutschlands zum Ausdruck kommt. Heidebroek sieht das
Ideal der technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit in den alten technisch-
wissenschaftlichen Vereinen und ist in der Tradition dieser Vereine tief und
unbelehrbar verankert. Er wünscht die fachliche Isolierung und glaubt, dass uns die
andersgearteten Verhältnisse in Westdeutschland auf diesem Gebiet nichts
angehen; er vermeidet infolgedessen jede Kritik an der guten alten Tradition der
technisch-wissenschaftlichen Vereine der Vergangenheit und an den Zuständen in
den wieder neugewählten Vereinen dieser Art im Westen Deutschlands. Er ist trotz
gegenteiliger Versicherungen Gegner der Reformen auf ökonomischem und
gesellschaftlichem Gebiet in der Ostzone und bringt das auch immer wieder für
HORLAMUS
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jeden, der hören kann, in seinen Reden zum Ausdruck. In seiner Eigenschaft als
Präsident der Kammer der Technik hat er natürlich Gelegenheit, diese seine
geistige Grundhaltung, wenn auch in vorsichtiger Form, zu propagieren, was zu
einer Aufspaltung der geologischen Haltung der technischen Intelligenz in der
sowjetischen Besatzungszone führen könnte ."/166/
Tatsächlich wollte Heidebroek an bewährte Traditionen der alten technisch-
wissenschaftlichen Vereine anknüpfen, zugleich aber den gesellschaftlichen
Bedingungen gemäß stärker demokratische Elemente in die Organisation der
technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit einbringen. Davon konnten sich
die maßgeblichen Stellen in der sowjetischen Besatzungszone an Hand seiner
Denkschrift überzeugen, die Heidebroek zur Prüfung an die Geschäftsführende
Kommission des Hauptausschusses der Kammer der Technik, an die
Landeskammern, an die Deutsche Wirtschaftskommission, an den Bundesvorstand
des FDGB und an weitere beteiligte (Persönlichkeiten versandte.
Obwohl Heidebroek zwischen seiner fachlichen und politischen Arbeit zu
unterscheiden verstand, waren ihm durchaus die Zusammenhänge zwischen Politik,
Gesellschaft, Wissenschaft und Technik klar. Deshalb wusste er auch, dass die
Ursachen für die Spaltung der Technikerbewegung in den unterschiedlichen
gesellschaftspolitischen Orientierungen in Ost und West lagen. So warnte er vor
einer vorschnellen und ausschließlichen Orientierung der sowjetischen
Besatzungszone auf eine sozialistische Wirtschaftsordnung, wie sie
verschiedentlich im Sommer 1948 gefordert wurde. Der Sektor der freien Betriebe
müsse ein unabdingbarer Bestandteil der Wirtschaft bleiben. "Die Frage der
Totalsozialisierung setzt im Zusammenhang mit dem 2-Jahresplan irgendwie
aufzuwerfen, würde" - so Heidebroek - "das Aufhören der Blockpolitik bedeuten, den
Wirtschaftsplan gefährden und die Arbeitsfreudigkeit vieler maßgeblicher
Mitarbeiter der K.d.T. lähmen. Die Spaltung Deutschlands wäre endgültig
besiegelt."/167/
Andererseits war Heidebroek darüber besorgt, dass durch die Wiederbelebung der
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180
alten technisch-wissenschaftlichen Vereine in den Westzonen die Chance für eine
Neuorientierung der technisch-wissenschaftlichen Gemeinschaftsarbeit nach
gewerkschaftlichen Prinzipien für ganz Deutschland in Frage gestellt wurde: "Da
diese Vereine im wesentlichen ihre alten Satzungen und Organisationsformen
wieder aufnahmen," folgerte Heidebroek in seiner Denkschrift über den zukünftigen
organisatorischen Aufbau der Kammer der Technik, "ist auch auf diesem Gebiet
eine völlige Spaltung der Deutschen Technik eingetreten..."/168/ Als einen
wesentlichen Grund hierfür nannte er "die vom Westen ausgehenden bedauerlichen
Spaltungsmaßnahmen, durch die der Kontrollrat als oberstes Organ
der
Besatzungsmächte immer mehr ausgeschaltet und die Einigung der
gesamtdeutschen Gewerkschaftsbewegung verhindert wurde."/169/ Trotzdem setzte
Heidebroek noch Hoffnung in das Zusammenfinden der Wissenschaftler und
Techniker in Ost und West, eine Hoffnung, die sich allerdings von der
vorherrschenden Auffassung im Berliner Geschäftsführenden Hauptausschuss der
Kammer der Technik unterschied. An den Hauptausschuss gewandt bemerkte er:
Man könne auf die Fachkollegen im Westen nicht am besten "durch Schimpfen,
sondern durch vorbildliche Leistungen fortschrittlich einwirken."/170/ Man dürfe die
Kammer der Technik, die sich als überparteiliche Organisation versteht, nicht
benutzen, um parteipolitische Gegensätze auszutragen. Um technischen Fortschritt
in Geiste echter Demokratie zu fördern, hätte man genügend zu tun.
In dem Bemühen, die Ingenieure und Technikwissenschaftler politisch zu
interessieren, entfachten die Funktionäre in der sowjetischen Besatzungszone
zunehmend Propagandakampagnen, die, statt zu überzeugen, viele abstießen. Man
könne es wirklich einem mit den Sorgen des Tages und berghohen Schwierigkeiten
überlasteten Ingenieur oder Betriebsleiter nicht verdenken, wenn er seine kostbare
Zeit nicht an zwecklosen Unterredungen mit Leuten verschwenden will, die seine
Sprache nicht verstehen, schrieb Enno Heidebroek an Günther in Auswertung der
Außerordentlichen Tagung der KDT vom 3. August 1948 zu den Aufgaben der
technischen Intelligenz bei der Erfüllung der Wirtschaftspläne in der Ostzone.
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Und er riet: "Die K.d.T. soll durch ihre technischen Leistungen Propaganda
machen; sie soll Fachleute von Rang herausstellen, aber keine
pseudopädagogische Festreden veranstalten oder laienhaft über Dinge
hinwegreden."/17l/ Ähnlich sahen es andere Wissenschaftler. Auf der
Kulturkonferenz der SED warnte beispielsweise Hans Heinrich Franck davor, die
"terminologische Funktionärsfanfaren" loszulassen, und äußerte in seinem
Diskussionsbeitrag die Bitte: "... geben Sie uns die geistige Gedankenfreiheit, uns
so auszudrücken, wie wir es wollen. Lassen Sie uns Freiheit, mit neuen Worten den
neuen Begriffen zum gleichen Ziel im Sinne der Vereinheitlichung Deutschlands und
der Gewinnung einer neuen Kultur zu gehen ."/172/ Mit Applaus wurde ihm
zugestimmt, doch es änderte sich kaum etwas. Die "terminologischen
Funktionärsfanfaren" wurden weiter geblasen. Und wer das nicht wollte oder konnte,
hatte die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Das erste prominenteste Opfer der 1948 erfolgten "Umorientierung" KDT wurde
schließlich der erste Präsident der Kammer der Technik, Enno Heidebroek, selbst.
Den Unmut seines Stellvertreters Max Günther musste Heidebroek z, B. schon
allein dadurch erwecken, dass er die Entwicklung der deutschen Friedenslösung
etwas zurückhaltender und weniger kämpferisch beurteilte. Am 7. August 1948
äußerte Heidebroek gegenüber Günther in dem schon zitierten Schreiben, dass
man abwarten müsse, wie sich das deutsche Volk einmal "nach Friedensschluss, d.
h. nach Abzug aller Besatzungsmächte seine wirtschaftliche und gesellschaftliche
Struktur einrichten wird..."./173/
Was mag Max Günther bewogen haben, als er am 19. August 1948 einem Brief an
den Vorsitzenden der sächsischen Landeskammer Kurt Koloc über Heidebroek
urteilte, ,,dass er Zusammenhänge zwischen technischer und gesellschaftlicher
Entwicklung nicht erörtert wissen will, ... dass er die Arbeit der K. d. T. auf rein
konkrete, fachliche Gegenstände abgestellt wissen will"?/174/ In Wahrheit konnte
sich der Präsident der Kammer der Technik nicht mit der vordergründigen
ideologischen Ausrichtung der Kammer auf eine sozialistische Planwirtschaft
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zentralistischer Prägung identifizieren, die die Privatwirtschaft völlig ausschalten
sollte. Doch der Vorwurf Günthers war, wie schon deutlich wurde, völlig
unbegründet. Vielmehr musste Heidebroek gehen, weil er sich auf dem Höhepunkt
einer politischen und wirtschaftlichen Weichenstellung in der sowjetischen
Besatzungszone nicht mit denen in Übereinstimmung fand, die ,,zu offenkundig nach
den Bestrebungen des extremen Flügels der SED" tendierten./175/ Auf einer in
Heidebroeks Abwesenheit durchgeführten Sitzung des Hauptausschusses der KDT
bemängelte Patentanwalt Richard Linde: ,,... es fehlt die ideologische Führung der
Kammer der Technik durch ihren Präsidenten", und fasste mit diesem Satz den
Tenor der in der Diskussion vorgebrachten Argumente gegen den abwesenden
Präsidenten zusammen./176/ Folgerichtig beschloss die Geschäftsführende
Kommission des Haupthauschusses der KDT am 3. Januar 1949, Heidebroek nicht
mehr für die Präsidentschaft der KDT zu nominieren./177/ Sein Nachfolger wurde
Hans Heinrich Franck./178/ Für den 72jährigen Heidebroek, der 1949 sogar Mitglied
der provisorischen Volkskammer und Abgeordneter des Sächsischen Landtages
wurde, entfiel damit eine beschwerliche Verantwortung, die seine ohnehin knapp
bemessene Zeit zur Forschung beschnitt. Die Sächsische Akademie der
Wissenschaften zu Leipzig hatte ihn 194S ihrem Mitglied ernannt. Für seine
Arbeiten auf dem Gebiet der Lager-- und Schmierungsforschung, die internationale
Anerkennung fanden, wurde ihm 1952 der Nationalpreis für Wissenschaft und
Technik der Deutschen Demokratischen Republik verliehen.
Die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich seit 1948 in - sowjetischen
Besatzungszone vollzogen, fanden nicht die ungeteilte Zustimmung der Ingenieure
und Technikwissenschaftler, die in Ostdeutschland wohnten und arbeiteten. Man
kritisierte, dass die SED nicht den Wert des einzelnen in der gesellschaftlichen
Entwicklung anerkenne, dass sie keine klare Haltung zur Frage der Freiheit der
Forschung und der Stellung des Individuums in der Wissenschaft habe. Schließlich
warf man der SED vor, dass sie in Deutschland eine Parteidiktatur anstrebe./179/
Manch einer dem sich die Möglichkeit bot - zog daraus die Konsequenz und
siedelte in eine der Westzonen oder nach Westberlin über. Viele Ingenieur waren in
HORLAMUS
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den Betrieben der Ostzone sozial schlechter gestellt als manch ein Arbeiter, so dass
sie sich in ihrer sozialen Stellung unterbewertet -fühlten. Auch wurden einstige
Verbindungen zu Unternehmen genutzt, deren Leitungen sich in die Westzonen
abgesetzt hatten, um sich gegen Entprivatisierungen und Enteignung schützen.
Abwerbung von qualifizierten Arbeitskräfte war in Zeiten wirtschaftlicher Konjunktur
ein normales Gebaren marktwirtschaftlichen Unternehmertums./180/ Der
wirtschaftlichen Not gehorchend schlugen viele Ingenieure und Wissenschaftler
lukrative Angebote nicht aus, wenn sie sich zudem noch ideologisch bedrängt
fühlten. Kurt Gehlhoff, Hauptschriftleiter der Zeitschrift "Die Technik", erklärte seine
Übersiedlung in den amerikanischen Sektor Berlins in einem Brief vom 12.
Dezember 1948 an den Vizepräsidenten der KDT Max Günther so: ,,Die Gründe für
meine Entscheidung sind einmal persönlicher Art... Ich habe aber nicht die Absicht,
mich hinter diesen äußeren Gründen zu verstecken und will nicht verschweigen,
dass mir die äußeren Schwierigkeiten vielleicht als tragbar erscheinen würden,
wenn ich den in der Ostzone gesteuerten politischen Kurs voll bejahen könnte. Sie
wissen aus vielen Unterhaltungen, dass ich nicht auf der Seite der westlichen
Reaktion stehe und dass meine scharfe Ablehnung des Faschismus nicht etwa erst
seit 1945 besteht, sondern von Anfang an unbeirrbar von mir festgehalten worden
ist." Er erkenne, dass sich der politische Kurs der SED zwar wesentlich in seinen
Zielen, ,,aber nicht in seinen Methoden von dem des Nationalsozialismus
unterscheidet."/18l/ In Berlin, der "Fronstadt" des Kalten Krieges, war die Animosität
der Werkmeister, Ingenieure und Wissenschaftler - wie bereits dargestellt
gegenüber der Politik der SED stärker ausgeprägt. In den anderen Ländern der
sowjetischen Besatzungszone zeigte man sich gegenüber der SED damals noch
aufgeschlossener. Der Organisierungsgrad der technischen Intelligenz war bezogen
auf ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung ähnlich hoch wie bei den Indu-
striearbeitern. Nach einer Aufstellung in der Wochenschrift der SED "Neuer Weg"
waren im Mai 1947 zwischen 14,7 Prozent (Sachsen-Anhalt) und 26 Prozent
(Mecklenburg) der Ingenieure und Techniker in der SED organisiert. In Berlin waren
es lediglich 4 Prozent./182/ Mit Hilfe der Volkskongressbewegung für Einheit und
gerechten Frieden sollten gemeinsam mit Vertretern aus allen Schichten der
HORLAMUS
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Bevölkerung auch Ingenieure und Wissenschaftler für eine Entwicklungsrichtung
gewonnen werden, die in sich widersprüchlich war.
Die ernsthaften Bestrebungen, die Gefahren eines neuerlichen Krieges und der
Spaltung Deutschlands abzuwenden, wurden vielfach wieder durch die Methoden,
dieses Ziel zu erreichen, zunichte gemacht. Viel zu durchsichtig waren die
Bemühungen mancher Funktionäre, die Volkskongressbewegung als Instrument der
Politik der SED umzufunktionieren, so dass der noch geringere Widerhall dieser
Bewegung in den Westzonen verständlich wird. Hinzu kam, dass die Außenpolitik in
der sowjetischen Besatzungszone weitestgehend von Stalin bestimmt wurde. Er
wollte dafür, dass die Sowjetunion die Hauptlast bei der Niederwerfung des
gemeinsamen Gegners der Antihitlerkoalition tragen musste, nicht den USA und
Großbritannien den Einfluss auf Europa alleine überlassen. One World, American
Century und Pax Americana bildeten die Leitlinien der amerikanischen
Deutschlandpolitik. Unter diesem Gesichtspunkt musste die 3owjetunion das
Europäische Hilfswerk als Versuch zur Untergrabung ihres Einflusses in Europa
ansehen. Nicht ohne Bedeutung war zudem die militärische Komponente des ERP,
die offen gegen die UdSSR gerichtet war.
Aus heutiger Sicht steht natürlich die Frage neu, ob es richtig war, den Marshallplan
abzulehnen, für den Preis des Ausbaus sowjetischer Einflusssphären in Osteuropa.
Zeitgenossen, die damals nicht ohne Berechtigung den Marshallplan als Instrument
des alten Krieges gegen die Sowjetunion bezeichneten, konnten nicht absehen,
dass das sowjetische Modell, das den osteuropäischen Staaten empfohlen und
durch Berater nahe gebracht wurde und in seiner Abstraktion den Vorstellungen
sozialistischer Politik entsprach, nicht die Überlegenheit bringen sollte, die die
Agitation und Propaganda versprach. Gerade durch die zentralistische,
bürokratisch-administrativen Ausrichtung aller gesellschaftlichen Sphären wurden
letztlich die Potenzen zur Entwicklung der Produktivkräfte in Wissenschaft und
Technik trotz beachtenswerter Teilergebnisse gehemmt. Letztlich blieb die
sozialistische Planwirtschaft, wie sie sich im osteuropäischen Raum in der Zeit nach
HORLAMUS
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dem Zeiten Weltkrieg entwickelte, auch auf wissentlich-technischen Gebiet dem
marktwirtschaftlichen Modell Amerikas und Westeuropas unterlegen. Die
Verteidigungswürdigkeit des sowjetischen Modells stand jedoch damals bei denen,
die nicht ohne Berechtigung davon ausgingen, dass sich revolutionäre Bewegungen
in Osteuropa und Asien behaupten würden, außer Zweifel, Diese
Systemauseinandersetzung war real vorhanden und lässt sich im Nachhinein nicht
uminterpretieren.
Nur zu oberflächlich war aber die Propaganda, die dem kapitalistischen System jede
Friedensfähigkeit absprach und daraus den Schluss zog, dass man für den
Sozialismus sein müsse, wenn man den wolle. Mit dieser These war eine ernsthafte
Mobilisierung Verbündeten für die Friedensbewegung in Westeuropa nicht zu
erreichen. Dieses Konfliktes waren sich manche Wissenschaftler und Ingenieure
bewusst, die gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands motiviert waren. In der
Friedensbewegung, die sich 1948/49 herausbildete und 1950 mit dem Stockholmer
Appell zur Ächtung der Atombombe eine Massenbasis gewann, sahen diese
Vertreter nicht als mobilisierende Kraft zur Verhinderung eines militärischen
Missbrauches von Wissenschaft und Technik. Ungezählte Exemplare des Aufrufes
zur Ächtung der Atombombe verschickten oder überbrachten Ingenieure und
Wissenschaftler der DDR an ihre Berufskollegen in der BRD oder nach West-Berlin.
Die Reaktionen auf diese Initiative waren meist enttäuschend, obwohl sich recht
frühzeitig vor allem Wissenschaftler der Max--Planck-Gesellschaft gegen den
Missbrauch der befreiten Atomenergie aussprachen. Die Fronten des Kalten
Krieges hatten sich schließlich Sommer 195O mit dem Beginn des Korea-Krieges
soweit verfestigt, dass das Anliegen des Stockholmer Appells von vielen
Ingenieuren und Wissenschaftlern der Westeuropäischen Staaten und
insbesondere in der BRD häufig nicht als ernsthafte Warnung von integren
Berufskollegen sondern mehr als eine verfolgungswürdige, kommunistische
Propagandaaktivität verstanden wurde. Die Truman-Doktrin von der Spaltung der
Welt begünstigte ebenso wie die im Osten vertretene stalinistische Zweilagertheorie
dieses Vorurteil.
HORLAMUS
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Ein Teil der Arglosigkeit gegenüber der atomaren Kriegsgefahr lag jedoch auch
darin begründet, dass Anfang der 50er Jahre einige Fragen, die den Wirkungsgrad
und die verheerenden Folgen von Atombombenexplosionen betrafen, trotz
Hiroshima und Nagasaki weitestgehend unbekannt und selbst unter den Gelehrten
umstritten waren. Die Strahlenkrankheit und die genetischen Folgeschäden durch
Kernstrahlung sowie meteorologische und klimatische Veränderungen, die im
Zusammenhang mit dem radioaktiven Fallout stehen, wurden erst später bekannt
und alarmierten dann die Weltöffentlichkeit.
Zudem fühlten sich viele Ingenieure und Wissenschaftler nicht national von der
Bombe betroffen: 1946 wurde durch das alliierte Kontrollgesetz Nr. 2 in Deutschland
im wesentlichen die angewandte kernphysikalische Forschung verboten. Die
Uranförderung in der Wismut stand unter sowjetischer Kontrolle und Nutzung. Der
Versuchreaktor in Haigerloch war demontiert. Und zu Beginn der 5Oer Jahre wurde
in keinem der beiden neuen gebildeten deutschen Staaten die Absicht geäußert,
Atomwaffen herzustellen, zu lagern oder die Verfügung darüber zu erlangen. Selbst
die USA hatten zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Stationierungsabsichten für
derartige Waffen kundgetan. Diese Situation änderte sich erst 1953/54./183/
Verantwortung wahrzunehmen, um den Missbrauch von Wissenschaft und Technik
zu verhindern, wird durch politische und ethische Momente determiniert. Diese
Momente bedingen sich gegenseitig können nicht losgelöst von den
Verantwortungsträgern und den zeitlichen Umständen betrachtet werden. Die
Mitwirkung deutscher Atomwissenschaftler und Ingenieure am hitlerdeutschen,
britisch-amerikanischen und sowjetischen Atomprojekt war nicht nur unterschiedlich
motiviert, sondern erfordert eine differenzierte ethische und politische Wertung, wie
im 1. und 2. Kapitel gezeigt wurde. Allerdings ändern sich die Wertmaßstäbe mit
wachsender Erkenntnis über die Folgen eines möglichen Missbrauchs von
HORLAMUS
KAPITEL
3
187
Wissenschaft und Technik. Nach den Atomexplosionen über Hiroshima und
Nagasaki forderten Wissenschaftler und Techniker wie Heidebroek, dass das
Weltgewissen endlich wachgerüttelt werde. Die Entfesselung eines Krieges sollte
ihrer Meinung nach in einer Charta Vereinten Nationen als ein Verbrechen an der
Menschheit gegeißelt werden, da durch die Entwicklung der Waffentechnik der
Krieg den Krieg selbst zerstören würde. Allein der Gedanke, an unermessliche Leid,
das ein neuerlicher Krieg über die gesamte Menschheit brächte, müsse einen
solchen Krieg verhindern, wenn wie Heidebroek weiter bemerkte - noch ein Rest
von sittlicher Vernunft in der Menschheit verblieben sei. Dieser Standpunkt wurde
ebenfalls durch Albert Einsteins Auffassung bestätigt, der feststellte: "Das Ziel der
Sicherung des internationalen Friedens ist von den wirklich bedeutenden Menschen
früherer Generationen in seiner Wichtigkeit erkannt worden. Die Entwicklung der
Technik in unserer Zeit aber macht dies ethische Postulat zu einer Existenzfrage für
die heutige zivilisierte Menschheit und aktive Teilnahme an der Lösung des
Friedensproblems zu einer Gewissensfrage, der kein der moralischen
Verantwortung bewusster Mensch ausweichen kann."/184/ Diese Erkenntnisse von
bedeutenden Gelehrten gingen jedoch unter in den machtpolitischen Ausein-
ersetzungen der Großmächte, in die sich ost- und westdeutsche Politiker und
Propagandisten einschalteten, und sollte erst vierzig Jahre später unter dem Begriff
des "neuen Denkens" von Politikern wie Olof Palme und Michail Gorbatschow in
den Dialog zwischen den Großmächten neu eingebracht werden.
Als mündige Staatsbürger sind alle Wissenschaftler und Ingenieure verpflichtet,
nach besten Kräften und Vermögen politische und gesellschaftliche Verantwortung
zu übernehmen./185/ In Wechselwirkung dazu steht die Gesamtverantwortung aller
Staatsbürger für die Verhinderung eines Missbrauches von Wissenschaft und
Technik. Rüstung gefährdet den Frieden. Rüstungskonversion mit ebensoviel
Mitteln staatlich gestützt wie bisher die Rüstung, könnte der Bewältigung globaler
Probleme der Menschheit dienlich sein.
Aber statt den im Wesen internationalen Charakter von Wissenschaft und Technik
HORLAMUS
KAPITEL
3
188
als Mittel zur Lösung globaler Probleme der Menschheit und zur Verständigung der
Völker zu nutzen, wurde mit Leistungen der Wissenschaftler und Ingenieure
gewetteifert, um die Überlegenheit des einen über das andere Gesellschaftssystems
zu demonstrieren. Ich kann deshalb Albert Einstein nur zustimmen, der Anfang der
50er Jahre in einem Beitrag zur ,,Canadian Education Week" für Lehrer und Schüler
in Ottawa feststellte: "Es ist meiner Meinung nach nicht vernünftig von 'our way of
life' oder dem der Russen überhaupt zu sprechen. In beiden Fällen handelt es sich
um eine Sammlung von Traditionen und Gewohnheiten, die kein organisches
Ganzes bilden. Es ist gewiss besser, sich zu fragen, was für Einrichtungen und
Traditionen für Menschen schädlich und welche nützlich sind, welche das Leben
glücklicher, welche es schmerzlicher machen. Man muss dann das als besser
Erkannte einzuführen versuchen, unabhängig davon, ob es gegenwärtig bei uns
oder sonst wo realisiert ist ."/186/ Doch es fehlte der politische Wille, den
Systemkonflikt zivilisiert auszutragen. Das war mit ein Grund dafür, warum die
Chance für eine Entmilitarisierung der deutschen Wissenschaft und Technik nach
Zweiten Weltkrieg ein weiteres Mal vergeben wurde.
Erkenntnisgewinn ist geistiges Potential an Wissen über Beziehungen und Gesetze
der Natur, der Gesellschaft und des Bewusstseins, das auch militärisch verwendbar
sein kann, ohne damit automatisch gegen den Frieden gerichtet zu sein.
Technologien als Herrschaftsmittel des Menschen lassen sich als Produktiv- und als
Destruktivmittel einsetzen. Die Entscheidungen darüber, wie Wissenschaft und
Technik genutzt wird, fällen nicht in erster Linie ihre Schöpfer, sondern diejenigen,
die über die Ergebnisse von Wissenschaft und Technik verfügen. Es war stets ein
zähes Ringen, wenn sich die menschliche Vernunft gegen einseitige politische
Machtinteressen durchsetzen sollte.
Gerade deshalb sind Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker verpflichtet, ihr
spezifisches Wissen und Können einzubringen, um ihre politische und moralische
Mitverantwortung zur Verhinderung eines Missbrauches von Wissenschaft und
Technik in der Gesellschaft wahrzunehmen. Hierzu sei noch einmal Einstein aus
HORLAMUS
KAPITEL
3
189
dem eben genannten Beitrag zitiert: "Die Entdeckung der atomistischen
Kettenreaktion braucht den Menschen so wenig Vernichtung zu bringen, wie die
Erfindung der Zündhölzer Wir müssen nur all das tun, was den Missbrauch der
Mittel beseitigt. Beim heutigen Stand der technischen Mittel kann uns nur eine
übernationale Organisation schützen, verbunden mit einer hinreichend starken
Exekutivgewalt. Wenn wir dies eingesehen haben, werden wir auch die Kraft finden,
für die Sicherung des Menschengeschlechts nötigen Opfer zu bringen. Jeder
einzelne von uns wäre schuld daran, wenn das Ziel nicht rechtzeitig erreicht würde.
Die Gefahr ist, dass jeder untätig darauf wartet, dass andere für ihn handeln ."/187/
Wissenschaftler und Ingenieure haben also die Verantwortung, vor der
Öffentlichkeit über ihr Tun und Handeln Rechenschaft zu liegen und die Möglichkeit
missbräuchlicher Anwendung wissenschaftlich-technischer Ergebnisse aufzuzeigen
und zu verhindern. Einseitiges Spezialistentum von Wissenschaftlern und
Ingenieuren kann zu einer Form der politischen Verantwortungslosigkeit werden,
mehr noch, es kann zu tiefer Verstrickung in die Schuld am Tode von Millionen
Menschen führen, wie die Untersuchung gezeigt hat. Das humanistische Bemühen
hervorragender Wissenschaftler und Ingenieure um eine dem Frieden dienende
Entwicklung von Wissenschaft und Technik nach 1945 wurde in der sowjetischen
Besatzungszone gefördert aber dann von der neuen Macht immer mehr
instrumentalisiert, um die Öffentlichkeit für den sozialistischen Entwicklungsweg
einzunehmen. Die Folgen - dass Naturwissenschaftler und Techniker sowohl in der
Ostzone als auch in den Westzonen gesellschaftlichen Problemen gegenüber auf
Distanz gingen
- bescherten ein Erbe, das bis in unsere Tage wirkt.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
190
Anmerkungen und Quellen zum 3. Kapitel
/1/
Zentrales Archiv der Akademie der Wissenschaften, Berlin (AAW): Nachlass
Hans Heinrich Franck, Nr. 84. - Vermutlich handelt es sich bei diesem im
Nachlass befindlichen mehrseitigen Redemanuskript um ein Referat, das
Franck auf der ursprünglich für den 30. Juli 1946 geplanten
Gründungskundgebung der Kammer der Technik im Berliner Admiralspalast
(Staatsoper) halten wollte. Aus der bereits gedruckt vorliegenden Einladung
ist ersichtlich, dass Franck über "Aufgaben und Ziele der Kammer der
Technik" sprechen wollte. (Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB,
Berlin: Industriegewerkschaft Eisenbahn, Nr. 5/231/779).
/2/
Heidebroek, Enno: Problematik der Ingenieurarbeit und -erziehung. In: Die
Technik. Heft 1/1948, S. 2.
/3/
Ebenda.
/4/
Simon, K.: Internationaler Kongress für Ingenieurausbildung in Darmstadt.
In: VDI-Zeitschrift. Heft 2/1948, S. 53.
/5/
AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 174. - Kucharski, Walter:
Gedanken und Vorschläge zur Wiedereröffnung der Technischen
Hochschule Berlin vom 8. 12. 1945.
/6/
Klaus, Werner/Sollmann, Heinz/Stüwing, Dieter: Enno Heidebroek (1876 -
1955). In: Bedeutende Gelehrte der Technischen Universität Dresden. Band
1. Veröffentlichung der Technischen Universität Dresden. Altenburg 1989,
S. 58. - Geschichte der Technischen Universität Dresden. Berlin 1988, S.
164 f., S. 172, u. S. 176 f.
/7/
Zit. in: Geschichte der Technischen Universität Dresden. Berlin 1988, S.
177.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
191
/8/
Heidebroek, Enno: Die neue Hochschule (Ansprache zur Neueröffnung der
Technischen Hochschule am 18. September 1946). In: Die Technik. Nr.
6/1946, S. 258. - Vgl. auch: Heidebroek, Enno: Problematik der
Ingenieurarbeit und -erziehung. In: Die Technik. Nr. 1/1948, S. 2.
/9/
Klaus, Werner/Sollmann, Heinz/Stüwing, Dieter: Enno Heidebroek (1876 -
1955)..., S. 50 und 57.
/10/
Geschichte der Technischen Universität Dresden...S. 176. - Bedeutende
Gelehrte der Technischen Universität Dresden. Band 1. Veröffentlichung
der Technischen Universität Dresden. Altenburg 1989, S. 65.
/11/
Schröder-Werle, Renate: Chronik zur Geschichte der Technischen
Universität Berlin. In: Wissenschaft und Gesellschaft..., Zweiter Band, S.
24.
/12/
Eröffnungsansprache von Major-General E. P. Nares nebst Antwort des
Rektors der Technischen Universität und Ansprache des
Oberbürgermeisters der Stadt Berlin, gehalten am 9. April 1946 (Berlin
1946), S. 6. Zit. in: Rürup, Reinhard: Die Technische Universität Berlin 1879
- 1979: Grundzüge und Probleme ihrer Geschichte. In: Wissenschaft und
Gesellschaft..., Erster Band, S. 5.
/13/
AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 174.
/14/
Ebenda, Nr. 81.
/15/
Brandt, Peter: Wiederaufbau und Reform..., S. 516. - Doch nur wenig
später, im Mai 1950, wurde Franck unter den Bedingungen einer
angeheizten Atmosphäre des Kalten Krieges vom Westberliner Stadtrat
Walter May trotz anerkannt fachlicher und pädagogischer Qualifikation von
der Technischen Universität wegen "probkommunistischer Tätigkeit" auf
Grund seiner aktiven SED-Mitgliedschaft entlassen. Das war 13 Jahre nach
der Vertreibung aus seinem Lehramt durch die nationalsozialistischen
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
192
Machthaber für Hans Heinrich Franck die zweite Entlassung aus politischen
Gründen von der gleichen Einrichtung: Ebenda S. 511 und AAW: Nachlass
Hans Heinrich Franck, Nr. 214, Lebenslauf vom 1.November 1954, S. 2.
/16/
ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0146. Selbst die Delegierten von der im
britischen Sektor gelegenen Technischen Universität, die am 2.
Studententag der britischen Besatzungszone vom 23. bis 25. Januar 1947
teilnahmen, wurden in Hamburg von den dortigen Delegierten zum Osten
gehörig gerechnet. (Schürer- Wagner, Sabine: Zweiter Studententag der
britischen Zone. In: Forum. Heft 2/1947, S. 67). Am 10. Januar 1948 wandte
sich der Landesverband der Berliner SPD mit den Hinweis an die britische
Militärregierung, dass die Technische Universität aufgehört
habe
"Pflanzstätte geistiger Freiheit" zu sein. Sie sei auf dem Wege, "sich in ihrer
geistigen Haltung mehr und mehr der Einstellung der Berliner Bevölkerung
... zu entfremden und eine Hochburg kommunistischer Prägung zu sein".
Zitiert in: Brandt, Peter: Wiederaufbau und Reform..., S. 512.
/17/
Zitiert in: Forum. Heft 1/1947, S. 4.
/18/
Wandel, Paul: Das neue Hochschulstudium. In: Forum. Nr. 1/1947, S. 2.
/19/
Forum. Nr. 1/1947, Deckblatt.
/20/
Forum. Nr. 2/1947, S. 73.
/21/
Forum. Nr. 6/1947, S. 224.
/22/
Forum. Nr. 1/1947, S. 34.
/23/
AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck Nr. 209, Franck an Gerngroß am
10. 7. 1947.
/24/
Hartkopf, Werner: Die Akademie der Wissenschaften der DDR. Ein Beitrag
zu ihrer Geschichte. Berlin 1975, S. 164 ff. - Wissenschaft in Berlin. Von
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
193
den Anfängen bis zum Neubeginn nach 1945. Berlin 1987, S. 635 ff.
/25/
Staatsarchiv Dresden, Landesregierung Sachsen, Ministerpräsident Nr. 221,
Bl. 130, nach: Thöns, Kerstin: Die politische und soziale Entwicklung der
Intelligenz des Landes Sachsen von 1945 bis 1949. Dissertation (A). Berin
1987, S. 32. - Vgl. auch: Meister, Bernd: Grundzüge der Politik der SED zur
Formierung der technischen Hochschulen in der Übergangsperiode. Phil.
Dissertation (B). KMU Leipzig 1985S. 6 - 8, S. 10, S. 11. - Brandt, Peter:
Widerauf, bau und Reform..., S. 505 ff. - Geschichte der Technischen
Universität Dresden. 1928 - 1988. Berlin 1988, S. 174.
/26/
Köhler, Roland/Kraus, Aribert/Methfessel, Wolfgang: Geschichte des
Hochschulwesens (1945
- 1961): Überblick. In: Studien zur
Hochschulentwicklung. Heft 69. Berlin 1976, S. 14.
/27/
Stadtarchiv Schwerin, Ministerpräsident, Nr. 1033/1/. - Zit. in: Baudis, Klaus:
Die Politik der Landesparteiorganisation der SED in Mecklenburg zur
Herstellung und Entwicklung des Bündnisses von Arbeiterklasse und
Intelligenz unter besonderer Berücksichtigung der wissenschaftlich-
technischen Intelligenz (1945/46 - 1950). Dissertation (B). Rostock 1987,
S. 9.
/28/
In der sowjetischen Besatzungszone durften nicht zugelassen werden:
1. alle ehemaligen Mitglieder der NSDAP, unabhängig davon, in welchem
Jahr sie geboren wurden;
2. alle ehemaligen Führer der HJ und des BDM im Range eines
Sturmführers oder anderer hoher Ämter (Jungstammführer,
Mädelringführerin, Jungmädelringführerin) bzw. Mitglieder
dieser
Organisationen, die in ihnen eine aktive Tätigkeit entfaltet haben;
3. alle ehemaligen Angehörigen von Ordensburgen und
nationalsozialistischen Erziehungsanstalten;
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
194
4. alle ehemaligen Mitglieder der SA und SS;
5. alle ehemaligen aktiven Offiziere des Heeres, der Luftwaffe, der Marine
und der Polizei. Alle ehemaligen aktiven RAD- und OT-Führer sowie alle
aktiven Führer der Speer-Einheiten;
6. alle ehemaligen Reserveoffiziere, die im Range eines Oberleutnants und
höher standen;
7. Kinder, deren Eltern angesehene aktive Mitglieder der NSDAP und
deren Gliederungen waren, oder gegen deren Eltern von Seiten der
Besatzungsmächte besondere Maßnahmen ergriffen wurden (z. B.
Verhaftungen), wenn infolge der faschistischen Erziehung dieser Kinder
eine Gefahr für die demokratische Entwicklung der Studentenschaft
besteht.
Die unter 1 bis 7 Genannten durften jedoch studieren, wenn sie
dokumentarisch belegen konnten, dass sie während oder nach dem Kriege
gegen den Faschismus gekämpft haben, oder wenn bei den jüngeren
Jahrgängen von 1920 an eine Kommission einstimmig zu der Auffassung
kam, dass eine Gewähr für die Entwicklung im demokratischen Sinne
gegeben ist. Der Prozentsatz der zum Studium zugelassenen ehemaligen
Mitglieder der NSDAP durfte nicht mehr als 2, der der ehemaligen Offiziere
nicht mehr als 2,5 betragen. Quelle: Böhme, R: Berlin. Gesichte einer
Universität. In: Forum. Heft 1/1947, S. 15.
/29/
Nikitin, Petr Iwanowitsch: Damals wurde das Fundament der
demokratischen und sozialistischen Entwicklung des Hochschulwesens der
DDR gelegt. In: Köhler, Roland/Schulz, Hans-Jürgen (Hrsg.): Erinnerungen
sowjetischer Hochschuloffiziere 1943
- 1949. Studien zur
Hochschulentwicklung. Nr. 81. Berlin 1977, S. 24.
/30/
Vorläufiges Statut der Studentenschaft der Universität (Hochschule). In:
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
195
Forum. Heft 1/1947, S. 32. - Vgl. auch: P. W. (Wandel, Paul): Von den
Verpflichtungen unserer Hochschulen. In: Forum. Heft 3/1947, S. 203.
/31/
Köhler, Fritz: Frieden, Wissenschaft und die Verantwortung der Gelehrten.
Zur demokratischen Bewegung der humanistischen Wissenschaftler in der
Bundesrepublik. Berlin 1969, S. 59.
/32/
ZGA: Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Nr. 168, Zit. in: Herrnberger,
Ekerhard: Gewerkschaftliche Interessenvertretung an den Universitäten,
Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen 1945 - 1953. Zur
Herausbildung der Gewerkschaft Wissenschaft. Dissertation (A), Bernau
1989, S. 59 f. - Vgl. auch: Forum. Heft 1/1947, S. 16.
/33/
Forum. Heft 10/1947, S. 365.
/34/
Schürer-Wagner, Sabine: Zweiter Studententag der britischen Zone. In:
Forum. Heft 2/1947, S. 68.
/35/
Ebenda.
/36/
Meinicke, Wolfgang: Zur Entnazifizierung in der sowjetischen
Besatzungszone unter Berücksichtigung von Aspekten politischer und
sozialer Veränderungen (1945 - 1948). Dissertation (A). Berlin 1983. S. 78 f.
/37/
Prokop, Siegfried: Zu Aspekten der Entwicklung der alten Intelligenz
während der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung in der
sowjetischen Besatzungszone. In: Geistig- kulturelle Beziehungen und
Prozesse in der Periode der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung. -
Zur Soziologie des Neubeginns nach dem zweiten Weltkrieg in der
sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Berlin 1986, S. 70.
/38/
Militärgeschichte der BRD. Abriss. Berlin 1989, S. 21 f.
/39/
Schürer-Wagner, Sabine: Zweiter Studententag der britischen...,S. 67.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
196
/40/
Forum. Heft 2/1947, S. 69
/41/
70 Jahre Technikerbewegung. 50 Jahre Gewerkschaft. Hamburg o. J.
(1954), S. 126 ff.
/42/
Ebenda, S. 110 ff.
/43/
ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0145. - Lehmann, G.: Zum kommenden
Technikertag: Warum Berufsgewerkschaft? In: Der Techniker. Nr. 6/7 1947,
S. 1 - 3.
/44/
Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB Berlin. Berlin (BGA): Nr. 1375.
/45/
Der Techniker. Heft 3/4/1947, S. 7.
/46/
Bis heute ist die Entwicklung der knapp fünf Jahre bestehenden
Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister nicht aufgearbeitet worden. In
der "Geschichte des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes", Berlin 1982,
wird sie nicht einmal erwähnt.
/47/
Haßkerl, Angelika: Die Geschichte der Entwicklung und Wirksamkeit der
Landeskammer der Kammer der Technik Thüringen 1946/47 bis 1952 und
der Bezirksverbände Erfurt, Gera und Suhl 1952 bis Anfang 1959.
Dissertation (A). Leipzig 1988, S. 16.
/48/
BGA: Nr. B 47. -Biografie von Fritz Rossignol, Teil II, S. 51.
/49/
Die Befreiung Berlins 1945. Eine Dokumentation. Herausgegeben und
eingeleitet von Klaus Scheel. Berlin 1985, S. 198.
/50/
AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 128.
/51/
Hauptausschuss der Kammer der Technik. In: Die Technik. Heft 7/1947, S.
344.
/52/
Ebenda, S. 343.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
197
/53/
Brief Francks an den Präsidenten der Deutschen Zentralverwaltung der
Industrie in der sowjetischen Besatzungszone Leo Skrzypczynski, vom 30.
5. 1947. In: AAW: Hans Heinrich Franck, Nr. 210.
/54/
Albrecht, Erich: Gewerkschaften und Entnazifizierung. In: Der Techniker.
Heft 3/4 1947, S. 3.
/55/
70 Jahre Technikerbewegung. 50 Jahre Gewerkschaft. Festschrift zum 4.
Deutschen Technikertag in Mannheim am 1. und 2. Mai 1954. Hamburg, o.
J. (1954), S. 124.
/56/
Ebenda.
/57/
Stelzner, Egon.: Die Herausbildung und Entwicklung der Kammer der
Technik 1945/46 - 1955. Dissertation B. Freiberg 1985, S. 65. -Der einstige
Geschäftsführer des Butab Erich Händeler, der nach 1945 als
Hauptausschussmitglied der Kammer der Technik und in verschiedenen
zentralen Funktionen des FDGB tätig war, legte 1947 unter Nutzung
zahlreicher aus der Zeit des Nationalsozialismus stammender
Originalquellen der technisch-wissenschaftlichen Vereine eine Schrift vor,
die die politische und ideologische Verflechtung dieser Vereine mit dem
Naziregime offen legte. Diese Schrift diente als Aufklärungsmaterial über
die ideologische Ausrichtung dieser Vereine während der Nazizeit und
wurde vom FDGB und von der Kammer der Technik verbreitet. (Händeler,
Erich: Zum Wiederaufbau der ehrenamtlichen technisch-wissenschaftlichen
Gemeinschaftsarbeit. Hatten die technisch-wissenschaftlichen Vereine
wirklich nur fachliche Ziele? Herausgegeben vom Vorstand des Freien
Deutschen Gewerkschaftsbundes Berlin/Kammer der Technik. Berlin 1947.)
Teilweise stieß diese Broschüre auf Befremden von Ingenieuren und
Technikern, da sie "der Bedeutung des VDI nicht gerecht werde".
(Gründungsversammlung der KDT- Betriebsgruppe Filmfabrik Agfa-Wolfen
am 15. 7. 1949, Protokoll vom 16. 7. 1949 In: Zentrales
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
198
Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin (ZGA): Bundesvorstand, Nr. 0145). -
Der Bremer Historiker Karl-Heinz Ludwig wertet die Händeler- Broschüre als
"politische Zweckschrift, die die gestellte Frage vor allem nach Zitierungen
patriotischer Aussprüche von Vereinsführern negativ beantwortet". (Ludwig,
Karl- Heinz: Vereinsarbeit im Dritten Reich 1933 - 1945. In: Technik,
Ingenieure und Gesellschaft... S. 453 f., Fußnote 60) Ludwig relativiert im
Gegensatz zu Händeler die Rolle des VDI als Teilhaber an den Kriegszielen
des Naziregimes bzw. als willfähriges Werkzeug des NSDAP, insbesondere
des NSBDT, indem er zwischen rein fachlicher Vereinsarbeit und der Politik
der Führungsspitze des Vereins unterscheidet. Es kann so jedoch nicht
erklärt werden, warum die Alliierten den VDI als stärkste Säule des NSBDT
als Organisation nach dem Kriege verboten hatten. Der VDI muss so als
Opfer des Regimes erscheinen, was vielleicht - wie im ersten Kapitel
aufgezeigt - für viele Mitglieder nicht aber für den Verein und seine Führung
insgesamt zutraf.
/58/
Erste Interzonen-Konferenz der technischen Angestellten. In: Der
Techniker. Heft 5/1957, S. 1.
/59/
Günther, Max: Die Kammer der Technik. In: Die Technik. Heft 1/1946, S. 3. -
Vgl. auch: 4. GTW-Konferenz vom 24. März 1950, Protokoll S. 141. In: BGA:
Nr. 1365.
/60/
Günther, Max: Die Satzungen der Kammer der Technik. In: Die Technik.
Heft 6/1946, S. 261.
/61/
ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0145.
/62/
70 Jahre Technikerbewegung..., S. 160.
/63/
Tätigkeitsbericht der Kammer der Technik für die sowjetische Zone für den
Zeitraum von November 1946 bis zum 10. März 1947 an die SMAD, Major
Poniskowski, vom 11. März 1947. ZGA: Bundesvorstand, Nr. 1470.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
199
/64/
Pressemitteilung des FDGB über die Braunschweiger Konferenz vom 26.
März 1947, ZGA: Bundesvorstand, Nr. 0145. - Vgl. auch: Magü (Günther,
Max): Um die deutsche Kammer der Technik. In: Einheit. Heft 5/1947, S.
498.
/65/
70 Jahre Technikerbewegung..., S. 139.
/66/
Pressemitteilung vom 29. 9. 1947, ZGA: Bundesvorstand, Nr. 2760.
/67/
Hermann Waschow und Herbert Überfeld an Bernhard Göring vom 25. Juli
1947, ZGA: Gewerkschaft der Angestellten, Nr. 2.
/68/
Deutscher Technikertag. In: Der Techniker. Heft 10/1947, S. 1 - 3.
/69/
70 Jahre Technikerbewegung..., S. 137.
/70/
Pressemitteilung vom 29. 9. 1947...
/71/
7 0 Jahre Technikerbewegung..., S. 139.
/72/
Pressemitteilung vom 29. 9. 1947...
/73/
Forum. Heft 2/1948, S. 56 f.
/74/
Deutscher Technikertag in Berlin. In: Die Technik. Heft 11/1947, S. 511.
/75/
Heidebroek. Enno: Problematik der...
/76/
70 Jahre Technikerbewegung..., S. 139.
/77/
Der Ingenieur Hermann Lüdemann war der erste Geschäftsführer des 1904
gegründeten Bundes technisch-industrieller Beamter. 1920 wurde er in den
Preußischen Landtag gewählt, dem er bis 1929 angehörte. Zwei Jahre,
nämlich 1920 und 1921 übte er das Amt des preußischen Finanzministers
aus. Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er von 1933 - 1935 in KZ-
Haft genommen. Nach dem Kriege begann er seine politische Arbeit als 2.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
200
Landesgeschäftsführer der SPD in Mecklenburg-Vorpommern, wurde
danach Parteisekretär der SPD in Berlin. 1946 wurde er schließlich Minister
des Innern und Stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig- Holstein.
1947 - 1949 war er Ministerpräsident dieses Landes. Er war bekannt als ein
Gegner der Vereinigung von SPD und KPD. Deshalb hatten offenbar auch
die Techniker der Industriegewerkschaften des FDGB beschlossen, sich
nicht an der von der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister
organisierten Kundgebung zu beteiligen. (Aktenvermerk des
Organisationsausschusses für den Deutschen Technikertag vom 15. 9.
1947, S. 3. In: Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin: IG
Eisenbahn 5/231/779. - Zur Person Lüdemanns vgl. u. a.: Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland in 5 Bänden. Band 1. Theodor Eschenburg.
Jahre der Besatzung 1945 - 1949. Stuttgart/Wiesbaden 1983, S. 599).
/78/
Pressemitteilung vom 29. 9. 1947...
/79/
70 Jahre Technikerbewegung..., S. 144.
- Die Ursachen für das
Auseinanderbrechen der Interzonalen Technikerkommission müssen von
ähnlicher politischer Natur wie für das Scheitern der Interzonenkonferenzen
der deutschen Gewerkschaften gewesen sein. In obiger Denkschrift wird
hierzu nichts Näheres ausgeführt. Der in beschränkter Auflagenhöhe in
Berlin herausgegebene und bis März 1948 vier Mal erschienene
"Informationsdienst" der Interzonalen Technikerkommission war im
Zentralen Gewerkschaftsarchiv des FDGB nicht aufzufinden. (Fritz
Rossignol über Hermann Waschow als Vorsitzenden dieser
Technikerkommission befragt, konnte zur Person Waschow und seine
Aktivitäten in dieser Kommission keine zweckdienliche Auskunft geben.)
/80/
Hauser, Karl: Ingenieure und Arbeiterschaft. In: Einheit. Heft 10/1947.
/81/
Sirenentöne für Techniker. Telegraf vom 31. März 1949. In: AAW: Nachlass
Hans Heinrich Franck, Nr. 333.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
201
/82/
Max Günther an Arthur Queißer, 14. 1. 1948. In: Zentrales
Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin: Bundesvorstand, Nr. 0145.
/83/
Denkschrift über den zukünftigen organisatorischen Ausbau der K.d.T. von
Professor Dr.-Ing. Enno Heidebroek, Präsident der Kammer der Technik, S.
1 f. In: ZGA: Bundesvorstand, Nr. 1470.
/84/
70 Jahre Technikerbewegung..., S. 141.
/85/
Ebenda, S. 145.
- Vgl. auch: Beschlüsse des Sachverständigen-
Ausschusses der Zonalen Techniker-Kommission des deutschen
Gewerkschaftsbundes der britischen Besatzungszone zur Errichtung einer
Vereinigung für technische Gemeinschaftsarbeit, (Abschrift) In: Zentrales
Gewerkschaftsarchiv des FDGB, Berlin: Bundesvorstand, Nr. 0145.
/86/
Max Günther berichtete Anfang 1947 über den Versuch, bereits im Sommer
1945 mit ehemaligen Vorstandsmitgliedern der technisch-wissenschaftlichen
Vereine über die Neuorganisation der technisch-wissenschaftlichen
Gemeinschaftsarbeit zu sprechen, "um auch sie von der Unmöglichkeit der
bisher eingenommenen Haltung zu überzeugen und ihre Mitarbeit in einer
neu zu schaffenden Organisation, nämlich in der Schaffung der Kammer der
Technik, zu erwirken. Der Versuch hat einen geradezu deprimierenden
Eindruck auf uns gemacht, denn es zeigte sich mit aller Deutlichkeit, dass
die Vertreter dieser Vereine gar nicht begriffen hatten, welche
katastrophalen Verlagerungen sich in der deutschen Wirtschaft durch den
Zusammenbruch vollzogen hatten; noch mehr waren sie weit davon entfernt,
aus der Tragödie des deutschen Volkes irgendwelche vernünftigen
Schlüsse zu ziehen." Max Günther, Referat-Disposition vom Januar 1947.
In: Archiv beim Präsidium der Kammer der Technik, Berlin: Nr. 2. -Zit. in:
Stelzner, Egon: Die Herausbildung und Entwicklung der Kammer der
Technik 1945/46 - 1955. Dissertation B. Freiberg 1985, S. 36 f.
/87/
Die Diskussion im FDGB und in der Kammer der Technik darüber, was
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
202
parteipolitische Neutralität sei, fand im Spätsommer 1948 vor dem
Hintergrund vereinfachender Anschauungen vom bipolaren Charakter der
Welt (Truman-Doktrin und "Zwei-Lager-Theorie" Stalins) und dem
Beschluss des Parteivorstandes der SED vom 29. Juli 1948 über die
"Säuberung von entarteten und feindlichen Elementen", die "eine
sowjetfeindliche Haltung bekunden", ihren Höhepunkt. - Vgl. z. B.:
Niederschrift über die Sitzung der Geschäftsführenden Kommission des
Hauptausschusses der Kammer der Technik am 7. September 1848. In:
Archiv beim Präsidium der Kammer der Technik, Berlin (APK): Nr. 71.
/88/
Hans Heinrich Franck an Ilse Hayn in New York, Berlin, den 29. November
1947. In: AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 209.
/89/
Hans Heinrich Franck an Peter G. Franck in Washington, Berlin, den 29.
November 1947. In: AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 209.
/90/
Ebenda.
/91/
Ebenda.
/92/
Handbuch der Verträge 1871 - 1964. Verträge und andere Dokumente aus
der Geschichte der internationalen Beziehungen. Hrsg. von Helmuth
Stoecker unter Mitarbeit von Adolf Rüger. Berlin 1968, S. 432 f.. -Vgl. auch:
Drechsel, Karl: Die USA zwischen Antihitlerkoalition und Kaltem Krieg.
Berlin 1986, S. 280 ff. - Kahn, Helmut Wolfgang: Der kalte Krieg. Band 1.
Spaltung und Wahn der Stärke 1945 bis 1986. Köln 1986, S. 88 ff. -Loth,
W.: Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941 - 155.
München 1980.
/93/
Keiderling, Gerhard: Berlin 1945
- 1986. Berlin 1987, S. 208.
-
Ders.: Die Berliner Krise 1948/49. Berlin 1982, S. 33. - Berlin. Behauptung
von Freiheit und Selbstverwaltung 1946 - 1948, Herausgegeben im Auftrage
des Senats von Berlin. Berlin 1959, S. 157, 200.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
203
/94/
Hans Heinrich Franck an Peter Franck in Washington, Berlin, den 14. April
1947. In: AAW: Nachlass Hans Heinrich Franck, Nr. 209.
/95/
Eine zeitgemäße Aufarbeitung der Geschichte der Technikerbewegung
Berlins kann hier aus thematischen Gründen nicht erfolgen. In jüngeren
historiographischen Arbeiten über die Gewerkschaftsbewegung blieb diese
Bewegung bisher völlig unbeachtet, da sie nicht in das von der SED
favorisierte Schema und vom FDGB praktizierte Organisationsprinzip "Ein
Betrieb - eine Gewerkschaft" passte. Einige Quellen blieben jedoch u. a. im
Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB Berlin erhalten. Auch in der
Dissertation von Egon Stelzner gibt es Hinweise, die die Spaltung dieser
Bewegung aus der Sicht des einstigen FDGB bewerten. (Stelzner, Egon:
Die Herausbildung und Entwicklung der Kammer der Technik 1945/46 -
1955. Dissertation B. Freiberg 1985, S. 70 ff.) Neben der Auswertung des
Informationsblattes der GTW "Der Techniker" dürften zwei weitere
Publikationen von Interesse sein, die unmittelbar als eine Reaktion des
FDGB Groß-Berlin auf die Bildung der UGO publiziert und propagiert
wurden: Die Schuldigen an der Spaltung der Gewerkschaft von Groß-Berlin.
Eine Sammlung von Tatsachenmaterial über die Vorgänge in der Berliner
Gewerkschaftsbewegung. Herausgegeben vom Vorstand des FDGB Groß-
Berlin. 2 Teile, o. O., o. J. (Berlin 1948) sowie Bednareck, Horst/Griep,
Günter: Der Kampf um die einheitliche Berlin Gewerkschaftsbewegung 1945
- 1948. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Heft 7/1959, S. 1622 -
1639.
/96/
Redebeitrag von Fritz Rossignol auf der 1. Funktionärskonferenz der GTW
am 17. Juni 1948. In: BGA: Nr. 8894. - "Entschließung zur Lage in der
Gewerkschaft der kaufmännischen und Büroangestellten", angenommen auf
der Sitzung des Zentralvorstandes der Gewerkschaft der Angestellten im
FDGB vom 30. 6. bis 1. 7. 1948 in Eisenach. In: ZGA: Gewerkschaft der
Angestellten, Nr. 3. - Vgl. auch: Wolter, Paul H.: Ein Wendepunkt. In: Der
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
204
Techniker (Berlin). Heft 1/1949, S. 2.
/97/
Stadtarchiv Berlin: Rep. 101, Blatt 235.
/98/
Stelzner, Egon: Die Herausbildung und Entwicklung der Kammer der
Technik 1945/46 - 1955. Dissertation B. Freiberg 1985, S. 72 f.
/99/
Wanzlik, Arthur: Die "Kammer der Technik" - ein Kampfobjekt? In: Der
Techniker (Berlin). Heft 1/1948, S. 1.
/100/
Redemanuskript von Hans Heinrich Franck zur ursprünglich geplanten
Gründungsversammlung der KDT in Berlin, S. 10 f. In: AAW: Nachlass Hans
Heinrich Franck, Nr. 84.
/101/
Zweite Außerordentliche Delegiertenkonferenz der Gewerkschaft der
Techniker und Werkmeister. In: Der Techniker (Berlin), Heft 1/1948, S. 3 f.
/102/
100 Jahre Berliner Bezirksverein. In: VDI-Nachrichten. Nr. 22, 27. Oktober
1956, S. 9.
/103/
VDI-Treffen Berlin. In: VDI-Zeitschrift. Heft 24/1950 S. 670 f. - Vgl. auch:
VDI-Nachrichten. Nr. 12, 22. Juni 1950, S. 6. - VDI-Nachrichten. Nr. 13, 7.
Juli 1950, S. 6.
/104/
Horlamus, Wolfgang: Friedensbewegung und wissenschaftlich-technische
Intelligenz der DDR in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre. (Beitrag auf der
interdisziplinären wissenschaftlichen Konferenz der Friedrich-Schiller-
Universität Jena "Friedenserhaltung und Friedensgestaltung. Historische
Verantwortung der Wissenschaftler heute", 7. und 8. September 1989).
/105/
Unter den 23 Vorstandsmitgliedern der GTW Groß-Berlin war 1949 nur Otto
Friderici parteilos. Die anderen Mitglieder des Vorstandes - Carl Nürnberg
(1. Vorsitzender), Paul Wolter (2. Vorsitzender), Walter Müller
(Geschäftsführer), Hermann Waschow, Max Günther, Fritz Rossignol, Paul
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
205
Beck, Rudolf Müller, Friedrich Lebrecht, Paul Lange, Wilhelm Schober,
Hermann Hündorf, Friedrich Giessler, Arthur Boerner, Alfred Marohn, Hans
Harzenetter, Karl Zemmlin, Werner Otto, Arthur Hildebrandt, Herbert
Spitzer, Franz Knippenberg und Erwin Killian - gehörten der SED an. - BGA:
Nr. 827.
/106/
Stellungnahme zu den bisherigen und zukünftigen Aufgaben der GTW.
Leitungssitzung vom 28. 10. 1948. In: BGA: Nr. 8893. - Vgl. auch: Nr. 1356
und 1375.
/107/
Ebenda.
/108/
Bericht Paul Wolter vom 23. Juli 1948. In: BGA: Nr. 1375.
/109/
Günther, Max: Klarheit. In: Der Techniker (Berlin). Nr. 2 - 7/1948, S. 8. - Vgl.
auch: Bericht des GTW-Vorstandes vom 24. März 1950 auf der 4.
Delegiertenkonferenz der GTW, S. 15. In: BGA: Nr. 1356.
/110/
Keiderling, Gerhard: Berlin 1945 - 1986. Berlin 1987, S. 273. - Die
Schuldigen an der Spaltung der Gewerkschaft von Groß-Berlin. Eine
Sammlung von Tatsachenmaterial über die Vorgänge in der Berliner
Gewerkschaftsbewegung. Herausgegeben vom Vorstand des FDGB Groß-
Berlin. Teil 2, o. O., o. J. (Berlin 1948), S. 76.
/111/
Protokoll über eine Sitzung vom 10. August 1948 in der Wallstraße. Paul
Wolter bei Paul Walter vom FDGB Groß- Berlin. In: BGA: Nr. 1375.
/112/
Statistischer Bericht des GTW-Bezirkssekretärs Braune vom 14. November
1949. In: BGA: Nr. 8895. - Weitere Berichte: Ebenda.
/113/
Zusammengestellt nach: Aus dem Bericht des Vorstandes der GTW des
FDGB Groß-Berlin auf der 4. Delegiertenkonferenz der GTW am 24. März
1950, S. 16 f. In: BGA: Nr. 1356. - Ebenda, Nr. 1375. - Der Techniker. Heft
3/4, S. 7.
HORLAMUS
KAPITEL 3 Anmerkungen
206
/114/
Für den Frieden. In: Der Techniker (Berlin), Heft 4/1949, S. 15.
/115/
Berlin. Ringen um Einheit und Wiederaufbau 1948 - 1951. Herausgegeben
im Auftrage des Senats von Berlin. Berlin 1962, S. 432.
/116/
Resolution der Versammlung der Bezirksleitungen und Betriebsfunktionäre
der GTW im FDGB Groß-Berlin. In: BGA: Nr. 8894. - Die Schuldigen an der
Spaltung der Gewerkschaft von Groß-Berlin. Eine Sammlung von
Tatsachenmaterial über die Vorgänge in der Berliner
Gewerkschaftsbewegung. Herausgegeben vom Vorstand des FDGB Groß-
Berlin. Teil 1, o. O., o. J. (Berlin 1948), S. 22.
/117/
Entschließung der Funktionärsversammlung der Gewerkschaft der
Techniker und Werkmeister vom 28. März 1948. In:
Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB Berlin: Nr. 8894.
/118/
So wurde auf verschiedene Weise - wie hier im "Techniker" - immer wieder
gefordert: "Jeder Wissenschaftler, die ganze Intelligenz in West und Ost
muss sich nicht nur beruflich, wirtschaftlich, sondern auch politisch
orientieren. Keiner darf länger dulden, dass unser Vaterland, in Stücke
gerissen, zu einem Brandherd in Europa, zum Aufmarschgebiet fremder
Armeen und zu einer Figur im Schachspiel imperialistischer Großmächte
gemacht wird." Auch Dich geht es an! In: Der Techniker (Berlin), Heft
7/1949. S. 25. - Vgl. auch: Walter, Paul H.: Zur Lage der technischen
Intelligenz in Berlin. In: Der Techniker (Berlin), Heft 8/1949. S. 30.
/119/
Kahn, Helmut Wolgang: Der kalte Krieg. Band 1. Spaltung und Wahn der
Stärke 1945 bis 1986. Köln 1986, S. 163 f.
/120/
Zit. in: Keiderling, Gerhard: Berlin 1945 - 1986. Berlin 1987, S. 285.
/121/
Entschließung des Parteivorstandes der SED vom 16. September 1948:
Gegen Kriegshetze und Provokateure. In: Dokumente der SED. Bd. II, Berlin
1950, S. 89 f.
HORLAMUS
QUELLEN & LITERATUR
207
Quellen- und Literaturverzeichnis
1. ungedruckte Quellen
1.1. Archivalien
Zentrales Archiv der Akademie der Wissenschaften der DDR. Berlin. (AAW):
Bestand Akademieleitung Nr.: 1; 29; 32; 34; 35; 110; 111; 112; 116; 117; 157; 378;
378/2; 444; VA 10957/1; 501; 523; 554; 555; 655.
Nachlass Hans Heinrich Franck Nr.: 6; 8; 9; 14; 15; 18; 20; 21; 24; 25; 27; 28; 29;
32; 77; 79; 81; 83; 84; 86; 90; 92; 93; 95; 96; 97; 99; 102; 103; 106; 109; 111; 113;
115; 116; 119; 120; 124; 125; 126; 128; 130; 150; 152; 156; 16O; 162; 173; 174;
175; 176; 177; 183; 197; 198; 209; 210; 211; 212; 213; 214; 215; 216; 325; 330;
330; 334; 342; 346.
Nachlass Walter Friedrich Nr.: 149; 151; 152; 153; 156; 157; 158; 164; 165; 167;
171; 172; 173; 175; 176; 268; 372; 373; 374; 375; 376; 377; 378; 379; 384; 385;
386; 430; 450; 506; 527; 545; 567; 577; 624; 676.
Zentrales Gewerkschaftsarchiv des FDGB. Berlin. (ZGA FDGB):
Bundesvorstand Nr.: 2/-/544; 18/-/774; 21/500/5704; 0120; 0145; 1470; 2760; 4008;
4074; 4089; 4090; 4131; 4140; 4176; 4517; 4599; 4645; 6040; 6068; 6803; 6805.
Gewerkschaft der Angestellten Nr.: 1; 2; 3.
Industriegewerkschaft Eisenbahn Nr.: 5/231/779.
Gewerkschaft Wissenschaft Nr.: 3; 5; 20.
Archiv beim Präsidium der Kammer der Technik. Berlin. (APK)
Vorläufige Bestandsnr.: 4; 23; 24;71.
Archiv des Nationalrates der Nationalen Front der DDR. Berlin. (ANRNF).
Nr.:
0030 DV 001; 0032 DV 003; 0037 DV 008; 0038 DV 009; 0056 DV 027; 0057 DV
028; 0061 DV 032; 0065 DV 036; 0066 DV 037; 0075 DV 046; 0076 DV 047; 0078
DV 049; 0079 DV 050; 0083 DV 054; 0084 DV 055;
HORLAMUS
QUELLEN & LITERATUR
208
1880; 1881; 1889; 1899; 1910; 1911; 2470;
0257-013-017; 0319-014-019; 0325-014-025; 0327-014-027; 0330-014-030;
0334-014-034; 0336-014-036; 0337-014-037; 0340-014-040; 0342-014-042;
0344-014-044; 0349-014-049; 2519-402-019; 2534-402-034; 3118-440-018;
4005-410-005; 4006-410-006; 4632-514-011; 4677-500-007; 4696-501-006;
4723-502-007; 4780-504-008; 4782-504-010; 4808-505-007; 4837-506-008;
4838-506-009; 4864-507-004; 4868-507-008; 4870-507-010; 4871-507-011;
4896-508-006; 4902-508-012; 4956-509-016; 5045-512-009; 5084-513-013.
Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB Berlin. (BGA FDGB Berlin). Nr.:
B 47; B 57; D 110; D 111; 827; 1355; 1356; 1375; 8893; 8894; 8895; 8896; 8899;
8900;
Stadtarchiv Berlin:
Rep. 101, Nr. 235
Rep. 831, Nr.: 1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 10; 11; 12; 13; 14; 15; 17; 19; 21; 22; 40; 41;
46; 47; 48; 49; 50; 51; 56; 58; 60; 61; 62; 63; 64; 65; 71; 72; 74.
Universitätsarchiv der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Rep. N 88, BB 181 bzw. Stier, F.: Lebensskizzen der Dozenten und Professoren an
der Universität Jena 1548/58 - 1958. Band 1, A- E. Jena 1960 (Manuskript), Bl. 192
1.2. Befragungen
Fritz Rathig am 13. 10. 1988 und am 6. 12. 1988 (mündlich)
Schreiben von Fritz Rathig vom 18. September 1989
Fritz Rossignol am 14. 3. 1989 (mündlich)
Schreiben aus dem Forschungsinstitut Manfred von Ardenne in Dresden vom 7.
Mai 1990
Schreiben von Ralf Stöhr vom 17. Oktober 1989
Schreiben von Dieter Krüger vom 14. März 1990
HORLAMUS
QUELLEN & LITERATUR
209
2. gedruckte Quellen und Literatur
.A
Abrüstung - Wissenschaft - Verantwortung. Berlin 1978
Achalkazi, D.: Woher die Kälte kam. Eine neue Sicht der Ursachen des kalten
Krieges. In: Neue Zeit (Moskau). Heft 21/1990, S. 20 - 22.
Ackermann, A.: Reine oder angewandte Naturwissenschaft? In: Aufbau. Heft 5/1947
Agsten, R./Bogisch, M./Orth, W.: LDPD 1945 bis 1961 im festen Bündnis mit der
Arbeiterklasse und ihrer Partei. Berlin 1987
Albrecht, E.: Gewerkschaften und Entnazifizierung. In: Der Techniker. Heft 3/4/1947,
S. 3
Albrecht, U.: Die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. Analyse und
Dokumentation. Köln 1980
Albrecht, U: Politik und Waffengeschäft. München 1972
Alperovitz, G.: Atomare Diplomatie - Hiroshima und Potsdam. München 1966
Amerikanische Unterstützung anderer Länder
- Dokument der Vereinigten
Stabschefs (9. 4. 1947). In: Greiner, B./Steinhaus, K.: Auf dem Weg zum 3.
Weltkrieg? Amerikanische Kriegspläne gegen die UdSSR. Eine Dokumentation.
Köln 1980
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1945 - 1948
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Arbeiterschaft, Technik, Intelligenz. Berlin 1949
Ardenne, M. v.: Ein glückliches Leben für Technik und Forschung. Autobiographie.
6. überarbeitete und ergänzte Auflage. Berlin 1982
Ardenne, M. v.: Eine glückliche Jugend im Zeichen der Technik. Berlin o. J. (1962)
Ardenne, M. v.: Zur Verantwortung der Wissenschaftler in unserer Zeit. Berlin 1985
Auch Dich geht es an! In: Der Techniker (Berlin), Heft 7/1949.
Aufbruch in unsere Zeit. Erinnerungen an die Tätigkeit der Gewerkschaften von
1945 bis zur Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1976
Autorenkollektiv: Militärgeschichte der BRD. Abriß: 1949 bis zur Gegenwart. Berlin
1983
Autorenkollektiv: Die Philosophie des Friedens im Kampf gegen die Ideologie des
Krieges. Berlin 1984
Autorenkollektiv: Zeittafel zur Militärgeschichte der Deutschen Demokratischen
Republik 1949 bis 1984. Berlin 1985
Autorenkollektiv: Zur Entwicklung der Klassen und Schichten in der DDR. Berlin
1977
.B
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Badstübner, R.: Friedenssicherung und deutsche Frage. Vom Untergang des
"Reiches" bis zur deutschen Zweistaatlichkeit (1943 bis 1949). Berlin 1990
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Barthel, H.: Die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen der DDR. Zur
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Bedeutende Gelehrte der Technischen Universität Dresden. Band 1. Ernst Hartig
(1836 - 1900), Enno Heidebroek (1876 - 1955), Kurt Schwabe (1905 - 1983).
Veröffentlichung der Technischen Universität Dresden. Altenburg 1989
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Behrendt, A.: Die Interzonenkonferenz der deutschen Gewerkschaften. Berlin 1960
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Verweigerung in Deutschland 1933 bis 1945. Bonn 1982
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Bleuel, H. P./Klinnert, E.: Deutsche Studenten auf dem Weg ins Dritte Reich.
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München 1965
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DDR in den achtziger Jahren. Forschungsstand und Probleme. In: Aus Politik und
Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament". B 28/88, 8. Juli 1988
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HORLAMUS
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230
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Zyklus Wisenschaft - Technik - Produktion. Wissenschaftstheoretische Studie zur
Wechselwirkung von wissenschaftlicher und technischer Revolution im 20.
Jahrhundert. Von einem Autorenkollektiv und Leitung von E. Albrecht. Berlin 1982
HORLAMUS
TABELLENVERZEICHNIS
260
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Zahl der Ingenieure und Techniker im Deutschen Reich nach der
Volkszählung vom 16. Juni 1933...20
Tabelle 2: Studierende an Technischen Hochschulen und Bergakademien im
Deutschen Reich von 1929/30 bis 1941...36
Tabelle 3: Mitglieder des Vereins Deutscher Ingenieure 1930 - 1944 ...47
Tabelle 4: Politischen Morde im Zuchthaus Brandenburg (22. 8. 1940 - 20. 4. 1945)
...60
Tabelle 5: Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder unter den Intellektuellen des
Landes Mecklenburg-Vorpommern nach 1945 ...132
Tabelle 6: Mitglieder der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister des FDGB
Groß-Berlins...160
Tabelle 7
: Zahl der Ingenieure, Techniker sowie Beschäftigten artverwandter Berufe in
den Ländern der sowjetischen Besatzungszone (ohne Berlin) 1947
...163
HORLAMUS
THESEN
261
Thesen: Deutsche Ingenieure und Wissenschaftler zwischen
Gleichschaltung, Weltkrieg und kaltem Krieg (1933 - 1948) -
ein Beitrag zur historischen Friedens- und
Konfliktforschung
1. Untersucht wurde in seiner historischen Konkretion das Friedensengagement
jener sozialen Gruppe innerhalb der Intelligenz, die als sozialer Träger innovativ
Qualität und Tempo des technischen Fortschritts im Reproduktionszyklus
Wissenschaft -
Technik - Produktion bestimmt. Die Möglichkeit der ambivalenten An-
wendung technischer Mittel rückte die Frage nach der Verantwortung der
Wissenschaftler und Techniker zur Verhinderung eines Missbrauchs von Wissenschaft
und Technik in den Mittelpunkt. Für den Zeitraum zwischen Gleichschaltung, Weltkrieg
und kaltem Krieg wurden dabei Stetigkeit und Wandel bei der Wahrnehmung dieser
Verantwortung im Spannungsfeld von allgemeinen staatsbürgerlichen Pflichten und
individuellem Handlungsspielraum zur Friedensbewahrung betrachtet. Gegenüber
vielen bisher in der DDR erschienenen Publikationen, die meist arbeitsteilig entweder
die Zeit bis zum Ende des Weltkrieges oder aber seit dem "Neubeginn" nach 1945
behandelten, ermöglicht die zusammenhängende Untersuchung des Zeitraumes
zwischen 1933 und 1948, einerseits die Dominanz des Pazifismus unter weiten Teilen
der wissenschaftlich-technischen Intelligenz nach 1945 aus den Kriegserfahrungen
heraus zu erklären. Anderseits war festzustellen, dass dieser Pazifismus politisch,
ethisch und emotional sehr unterschiedlich motiviert war. Auf einer neuen Stufe
gesellschaftlicher Evolution nach dem Zweiten Weltkrieg, die in eine Koevolution
HORLAMUS
THESEN
262
unterschiedlicher politischer und sozialer Systeme in einer Nation mündete, standen
hinter den offiziellen Friedensbekundungen in Ost und West divergierende, mit
Feindbildern operierende Militär- und Sicherheitsstrategien. Der von der Gewerk-
schaftsbewegung der Techniker und Ingenieure ausgehende Anspruch, sich bewusst
auf den Boden der Friedenstechnik zu stellen und jegliche Einflussnahme
unproduktiver monopolistischer und machtpolitischer Kräfte auf die künftige Ge-
staltung der Technik zu verhindern, zerbrach an dem Ost-West-Konflikt und der
Spaltung Deutschlands.
2. Die Überlegungen, die zur Bearbeitung dieses Themas führten, waren
konzeptionell mit dem wissenschaftlichen Profil der Forschungsgruppe zur Geschichte
der Intelligenzpolitik unter Leitung von Prof. Dr. sc. Peter Kirste an der Universität
Leipzig abgestimmt. Außerdem deckten sie sich mit den Aufgaben der historischen
Friedensforschung, wie sie schwerpunktmäßig unter Leitung von Prof. Dr. sc. Günter
Paulus und Prof. Dr. sc. Alfred Schröter an der Hochschule für Ökonomie Berlin
betrieben wurde. Das Thema selbst ist im Bereich der historischen Friedens- und Kon-
fliktforschung angesiedelt. Der innere Friede als Untersuchungsgegenstand wurde nur
dort behandelt, wo er in Verbindung zum äußeren Frieden stand. Zugleich stellte sich
der Habilitand die Aufgabe, sozialgeschichtliche Entwicklungsmomente der
wissenschaftlich- technischen Intelligenz qualitativ und quantitativ zu erfassen.
In der DDR war es bis zum Herbst 1989 nicht opportun, ein derartiges Thema frei
von dogmatischen Verengungen zu erforschen. Dessen unbeschadet erzielten gerade
die Wissenschaftshistoriker der DDR u. a. auf dem Gebiet der Friedensforschung
international beachtete Ergebnisse, an die der Verfasser anknüpfen und aufbauen
konnte. Bemerkenswerte Forschungen liegen zum Friedensengagement von Natur-
und Technikwissenschaftlern vor. Es gibt jedoch keine detaillierteren und
ernstzunehmenden Arbeiten zu diesem Gegen stand, die die Ingenieure und Techniker
HORLAMUS
THESEN
263
als zahlenmäßig stärksten Berufsstand innerhalb der wissenschaftlich-technischen
Intelligenz in derartige Analysen einbeziehen.
Ein wichtiges Anliegen des Verfassers war es, themenbezogen die
DDR-Geschichtsschreibung kritisch zu bewerten und durch eine umfangreiche
Sichtung und Auswertung von archivarischen Quellen, die bis zum Abschluss der
Archivstudien zugänglich wurden, grundsätzlich neu zu durchdenken und zu bewerten.
Erstmalig wurde vom Verfasser die Geschichte der Gewerkschaft der Techniker und
Werkmeister im FDGB Berlin berücksichtigt. In der bisherigen Geschichtsschreibung
des FDGB wurde diese mit einem gewissen Sonderstatus versehene über fünf Jahre
bestehende Gewerkschaft der technisch Schaffenden, die vor allem im öffentlichen
Dienst aber auch in Großbetrieben Berlins tätig waren, übergangen und nicht einmal
erwähnt. Es wurde für legitim gehalten, im Untersuchungszeitraum nach 1945 den
Schwerpunkt auf die sowjetische Besatzungszone zu legen, ohne dabei auf die
komparative Methode, die die Betrachtung der anderen Besatzungszonen als
Pendant ein bezog, zu verzichten. Zukünftigen Vorhaben wäre es vorbehalten, das
Gesamtterritorium Nachkriegsdeutschlands zu erfassen.
Die vorgelegte Arbeit gründet sich wesentlich auf einer umfassenden Auswertung von
Akten und Beständen aus dem Zentralen Archiv der Akademie der Wissenschaften zu
Berlin, dem Archiv beim Präsidium der Kammer der Technik zu Berlin, dem einstigen
Zentralen Gewerkschaftsarchiv beim FDGB-Bundesvorstand, dem
Bezirksgewerkschaftsarchiv des FDGB Berlin und dem Archiv des Deutschen
Volksrates bzw. dem Archiv des Nationalrates der Nationalen Front des demo-
kratischen Deutschland. Obwohl es dem Habilitanden zum Entstehungszeitpunkt
dieser Arbeit nicht möglich war, solche Be stände wie z. B. die des VDI-Archivs in
Düsseldorf, der Archive der Technischen Universität Berlin, der Deutschen
Angestellten Gewerkschaft in Hamburg oder des Technischen Museums von München
HORLAMUS
THESEN
264
zu nutzen, fußen die Untersuchungen auf aussagefähigen archivarischen Quellen, die
zum Teil erstmalig eingesehen werden konnten und viel neues, bisher unbekanntes
Material zur geschichtlichen Rolle der wissenschaftlich-technischen Intelligenz zu
Tage förderten und helfen können, auf diesem Forschungsfeld Lücken zu schließen.
Während zur politischen und Sozialgeschichte der Ingenieure für die Zeit des
Nationalsozialismus und nach 1945 für das Territorium der westlichen
Besatzungszonen und der Bundesrepublik Deutschland fundierte Publikationen
vorliegen, auf die Bezug genommen wird, steht die politische und sozialgeschichtliche
Erforschung der Entwicklung der Ingenieure und Technikwissenschaftler der
sowjetischen Besatzungszone noch in den Anfängen. Erste fundierte Dissertationen zu
diesem Problemkreis wurden in der DDR u. a. von Egon Stelzner, Klaus Baudis und
Kerstin Thöns vorgelegt.
Neuland hat der Verfasser gegenstandsbezogen bei der Erforschung der
Vorgeschichte der Friedensbewegung betreten. Eine evolutionäre Theorie des
Friedensengagements der wissenschaftlich-technischen Intelligenz steht
- wie
Karl-Friedrich Wessel und Hans-Dieter Urbig feststellten - bislang noch aus. Eine
Geschichte der Friedensbewegung der DDR wurde ebenfalls noch nicht geschrieben.
Um hier Sichtweisen anzubieten, wurde der Schwerpunkt im zweiten und dritten
Kapitel darauf gelegt, Entwicklungslinien von Persönlichkeiten aus Wissenschaft und
Technik nachzuzeichnen, die später in der Friedensbewegung der DDR aktiv wurden
oder mit ihr im Zusammenhang standen. Hierzu gehören auch Persönlichkeiten, die -
wie Robert Havemann oder Heinz Barwich - vor dem Herbst 1989 offiziell für die
Historiographie als Unpersonen galten. Erstmalig wurden die Nachlässe von Hans
Heinrich Franck, dem 2. Präsidenten der Kammer der Technik, und von Walter
Friedrich, dem einstigen Rektor der Humboldt Universität, Präsident der Deutschen
Akademie der Wissenschaften zu Berlin und langjährige Präsident des Friedensrates
der DDR, im Zentralen Archiv der Akademie der Wissenschaften zu Berlin gesichtet
HORLAMUS
THESEN
265
und ausgewertet. Der Habilitand kam zu folgenden Schlussfolgerungen und wichtigen
Ergebnissen in seiner Arbeit:
3. Die Gleichschaltung der technisch-wissenschaftlichen Vereine, der Technischen
Hochschulen und die allmähliche Umstellung aller Bereiche der Wirtschaft auf eine
verdeckte Kriegsvorbereitung im Dritten Reich unter Umgehung der Bestimmungen des
Versailler Vertrages war eine wesentliche Voraussetzung, um einer allgemeinen
Militarisierung von Wissenschaft und Technik in Hitlerdeutschland den Weg zu be-
reiten. Die Mitglieder und Führungskräfte der technisch-wissenschaftliche Vereine und
die Hochschullehrer, die sich der ab 1934 forcierten Gleichschaltung nicht unterwerfen
wollten, wurden von ihren Posten entbunden oder ausgeschlossen. Es war für die
NSDAP-Führung nicht sonderlich schwer, die Loyalität oder zumindest den Gehorsam
der Wissenschaftler und Ingenieure zu gewinnen. Eine der Ursachen dafür lag im
Charakter und in der Ausbildung dieser Intellektuellen. Sie waren von den
technisch-wissenschaftlichen Problemstellungen gefesselt, ohne dass sie ernsthaft
über die möglichen politischen und sozialen Folgewirkungen ihrer Tätigkeit
nachdachten. Sie waren eng mit der Maschinerie des Staates und der Industrie
verbunden und von einem trügerischen Patriotismus erfüllt. Durch eine kombinierte
sozialpolitische und Friedensdemagogie gelang es der nationalsozialistischen Führer-
schaft, das Ausmaß und die Absichten ihrer Aufrüstungspläne zunächst zu
verschleiern. Begünstigt wurde diese Taktik dadurch, dass die meisten Angehörigen
der wissenschaftlich-technischen Intelligenz gesellschaftlichen und politischen
Problemen indifferent gegenüberstanden. So wurde ihnen die Einsicht erschwert, dass
das nationalsozialistische Regime den internationalen Charakter von Wissenschaft
und Technik zunehmend untergrub und für nationalistische und rassistische, gegen
andere Völker gerichtete aggressive Ziele einsetzen und missbrauchen wollte. Die
Berufung auf die Politikfreiheit von Wissenschaft und Technik diente objektiv der
Bemäntelung eines nationalen Konservatismus, dessen Manipulierbarkeit und
HORLAMUS
THESEN
266
Integrationsfähigkeit sich unter der Nazidiktatur verhängnisvoll aus wirkte. Andererseits
entsprach die Auffassung von der Politikfreiheit der Wissenschaft einem humani-
stischen Wissenschaftsethos, das von den nationalsozialistischen Machthabern bald
per vertiert und zerbrochen wurde. Durch die Verfolgung jüdischer Mitbürger und
politisch Andersdenkender wurden die Wissenschaftler und Ingenieure diszipliniert,
ohne dass sie sich mit den betroffenen Berufskollegen solidarisiert hätten. Allein
zwischen 1931 und 1938 mussten etwa 3 120 Angehörige des Lehrkörpers von
deutschen Universitäten und Hochschulen ins Ausland emigrieren. Unter diesen
Emigranten befanden sich 451 Vertreter der experimentellen Naturwissenschaften und
384 Technikwissenschaftler. Von den Physikern, die in Deutschland weltweit be-
achtete wissenschaftliche Forschungsergebnisse vorlegten, wurden etwa 25 Prozent
vertrieben. Zu ihnen gehörten solche Gelehrten wie Max Born, Peter Debye, Max
Delbrück, Albert Einstein, James Franck, Erwin Schrödinger, Leo Szilard und Eugen
Wigner, die sämtlich Nobel preisträger waren oder es später wurden.
4. Führende Politiker der NSDAP im Ingenieursstand wie Gottfried Feder, Albert
Speer und Fritz Todt spielten eine dominierende Rolle bei der ideologischen Aus-
richtung der Natur- und Technikwissenschaftler, der Ingenieure sowie Techniker auf
die Kriegsziele Hitlerdeutschlands. Spitzenunternehmer, die auch Vorstandsmitglieder
von technisch-wissenschaftlichen Vereinen waren, unterstützten diesen Kurs materiell
und ideell. In diesen Kreisen war man sich dessen bewusst, dass Hitler und seine
engsten Gefolgsleute Kurs auf einen Krieg nahmen. Dem Rüstungsbeirat gehörten
jene einflussreichen Vertreter aus Wissenschaft und Technik an, die als Unternehmer
und intellektuelle Manager, als Geldgeber, konzeptionelle Denker und Strategen im
Machtapparat, in Rüstungsindustrie und "Wehrforschung" halfen, den Krieg
zielstrebig vorzubereiten und zu führen. Nicht alle exponierten Vertreter aus
Wissenschaft und Technik unterstützten den Kriegskurs des Regimes. Die Haltung
manch eines namhaften Gelehrten war aber auch zwiespältig.
HORLAMUS
THESEN
267
5. Die Naziführung stand vor dem Widerspruch zwischen ihrer eigenen
Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit einerseits und dem Erfordernis der
Kriegsführung, Wissenschaftler und Ingenieure für die Rüstungsforschung und
-entwicklung sowie für die Waffenproduktion zu benötigen andererseits. Da man für
die Kriegsführung vor allem Soldaten brauchte, sanken die Zulassungszahlen der
Studenten an den Technischen Hochschulen und Bergakademien rapide. Eine
effektive Ausbildung der Studenten war weitestgehend unmöglich. In der Studienzeit
lag der Nachdruck gänzlich auf der "Stählung" von Körper und Charakter und nicht auf
der Entwicklung der Intelligenz. Intellektuelles Streben, insbesondere jeder Versuch
zu kritischer Objektivität, wurden zu definitiven Schranken für das Vorwärtskommen.
Besonders zahlreich wurden Wehrtechniker und Ingenieur-Offiziere ausgebildet.
Ebenso wurde an allen Fakultäten der Technischen Hochschulen die Ausbildung von
Diplomingenieuren für die Rüstungsbetriebe und Rüstungskommandos
vorangetrieben. Bereits im ersten Kriegsjahr zog die Wehrmacht etwa ein Drittel aller
Wissenschaftler zum aktiven Militärdienst ein. Die noch verbliebenen Wissenschaftler,
Ingenieure, Techniker und Konstrukteure maß die Führerschaft der NSDAP fast
ausschließlich an ihrem Beitrag für die Rüstung. Für viele Ingenieure und Wis-
senschaftler war es schwierig, sich einer Verantwortung gegen ein System bewusst zu
werden, das sie in ihrer Mehrheit zu jener Zeit selbst nicht durchschauten bzw. dem
sie ideologisch verfallen waren. Manch einer, der sich vor den Konflikt zwischen Ethik
und Anpassung gestellt sah, entschied sich im Interesse des eigenen Überlebens
zugunsten pragmatischen Handelns. Die moralische Verantwortung für das eigene Tun
überließ man der übergeordneten Führerschaft.
6. Eine Minderheit der Ingenieure und Wissenschaftler stand aktiv im Widerstand
gegen Faschismus und Krieg. Dieser Widerstand war politisch und ethisch vielfältig
motiviert und keinesfalls sozial oder primär intellektuell determiniert. Die Mitglieder der
etablierten technisch-wissenschaftlichen Vereine mit elitärem Selbstverständnis
HORLAMUS
THESEN
268
waren weniger engagiert als die einstigen Gewerkschaftsmitglieder des Butab. Die Zahl
der Wissenschaftler und Techniker, die bewusst und organisiert gegen Faschismus
und Krieg auftraten, reichte nicht aus, um ernsthaft den Missbrauch von
Wissenschaft und Technik während des Krieges zu verhindern. Mancher
Wissenschaftler, Ingenieur oder Techniker gab sich jedoch in Lebensgefahr, um
Leben anderer zu retten. Beispielsweise waren unter den 1 807 im Zuchthaus Bran-
denburg vom 22. August 1940 bis zum 20. April 1945 wegen Hochverrats,
Wehrkraftzersetzung, Kriegsdienstverweigerung, ideellen Landesverrats,
Feindbegünstigung oder auf Grund nazistischer Ausnahmegesetze zu Tode
Verurteilten, 363 Mordopfer Ingenieure und Techniker. Das waren etwa 20 Prozent der
aus politischen Gründen in Brandenburg Ermordeten. In welchem Grade diese Zahl
repräsentativ ist, wäre noch zu erforschen. Ingenieure und Techniker halfen, Terror-
waffen unbrauchbar zu machen, die Produktion von Waffen und Munition zu verzögern
oder militärisches Wissen an Informanten der Antihitlerkoalition weiterzugeben.
7. Bezüglich der Nutzung des technisch-wissenschaftlichen Potentials und der
deutschen Spezialisten hatten die Alliierten eine andere Strategie als nach dem Ersten
Weltkrieg. Nunmehr wollten sie auf den Gebieten, auf denen die Deutschen einen
militärtechnischen Entwicklungsvorsprung hatten, die vollständigen Strukturen der
Rüstungsforschung und den Stand der Waffenentwicklung erkunden und gegebenen-
falls samt Wissenschaftlern und Hilfspersonal übernehmen. Dies geschah unter
Bedingungen, die bereits durch Merkmale gekennzeichnet waren, wie sie sich in der
Zeit der Zuspitzung des Kalten Krieges 1947/48 weiter ausprägen sollten. Bei den von
den jeweiligen Alliierten Siegermächten "erbeuteten" oder angeworbenen Spezialisten
wurde die politische Vergangenheit gegenüber der fachlichen Kompetenz in den
Hinter grund gestellt, um Vorlauf auf dem Gebiet der Rüstungsforschung und
-entwicklung für die eigenen machtpolitischen Interessen zu nutzen. Nunmehr sollten
und konnten die Wissenschaftler und Ingenieure, die in der deutschen
HORLAMUS
THESEN
269
Kriegsproduktion dienstverpflichtet waren oder an Projekten des Heereswaffenamtes
freiwillig mitarbeiteten, ihre Arbeit bei den Siegermächten weiterführen und als Dienst
zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens verstehen. Hier wird deutlich, wie die indivi-
duelle Wahrnehmung von politischer Verantwortung stets im Zusammenhang mit
gesamtgesellschaftlichen Zwängen steht. Die Tragweite mancher persönlichen
Entscheidung kann manchmal erst aus einer historischen Rückschau verstanden
werden, und auch dies schließt eine spätere Veränderung der Wertmaßstäbe, die aus
neuen Sichtweisen späterer Generationen resultiert, nicht aus. Die Rolle die nach den
Vorstellungen der Alliierten deutsche Wissenschaftler und Ingenieure im Ost-West-
Konflikt zu spielen hatten, war letztlich gegen die Möglichkeit einer Entmilitarisierung
der deutschen Wissenschaft und Technik gerichtet, wenn diese Entwicklung auch im
Widerspruch zum erklär ten Ziel der Antihitlerkoalition stand.
8. Der Alliierte Kontrollrat in Deutschland erließ 1946 verschiedene Befehle,
Direktiven und Gesetze, die auf die Unterbindung des Missbrauches von Wissenschaft
und Technik zielten. Dazu gehörte das am 29. April 1946 durch den Alliierten
Kontrollrat erlassene Kontrollgesetz Nr. 25 zur "Regelung und Überwachung der
naturwissenschaftlichen Forschung". Die Einhaltung dieser Gesetze wurde in den vier
Besatzungszonen Deutschlands und den Sektoren Berlins unterschiedlich
gehandhabt. Die Interessen der jeweiligen Militärregierung bestimmten wesentlich den
Handlungsspielraum für Forschungsmöglichkeiten in den wieder arbeitenden
Einrichtungen und Institutionen. Dort, wo es möglich war, führten die Wissenschaftler
und Ingenieure ihre begonnenen Arbeiten fort. Das galt auch für die sowjetische Be-
satzungszone. So hatte die sowjetische Militäradministration Technische Büros (auch
"technische Sowjetkommissionen" genannt) geschaffen, in denen Forschungen be-
trieben, verschiedene Projekte, technische Beschreibungen und Übersichten erarbeitet
wurden, die im Auftrage für verschiedene sowjetische Volkskommissariate (ab März
1946 Ministerien) der UdSSR entstanden. Nach Schätzungen des Rektors der Tech-
HORLAMUS
THESEN
270
nischen Universität Berlin waren z. B. im Juli 1946 etwa 40 - 50 Prozent des
Lehrkörpers mit sowjetischen Aufträgen beschäftigt, die zum Teil militärischer Natur
waren. Ähnlich sah es an der Bergakademie Freiberg und an der Technischen
Hochschule Dresden aus.
9. Das Verbot der technisch-wissenschaftlichen Vereine mit dem Kontrollratsgesetz
Nr. 2 eröffnete den Ingenieuren und Technikwissenschaftlern die Möglichkeit für eine
Selbstbesinnung, die in eine neue demokratische, antimilitaristische Vereinspolitik
hätte führen können. Nach der bedingungslosen Kapitulation wurde von Mitgliedern
der durch ihren Rüstungsbeitrag diskreditieren Vereine zunächst versucht, die
technisch-wissenschaftliche Vereinsarbeit nahtlos weiterzuführen. In Berlin verbot die
Alliierte Kommandantur bis 1949 jegliche Vereinstätigkeit der einst dem NSBDT
angeschlossenen Vereine. Außerhalb Berlins wurde jedoch mit Billigung der
Militärbehörden zunächst in der britischen und dann auch in der amerikanischen
Besatzungszone auf regionaler Ebene die Vereinstätigkeit wiederbelebt. Die Epoche
1933 - 1945 hatten viele Vereinsmitglieder nicht als Bruch, sondern im äußersten Fall
als missliebige vorübergehende Störung empfunden. Sie waren äußerlich unbelastet
und teilweise innerlich unberührt aus diesen Jahren hervorgegangen. Die Tatsache,
dass ihr Idealismus in jenen Jahren missbraucht worden ist, wurde nicht reflektiert,
sodass eine realitätsferne, idealistisch geprägte Einstellung zur gesellschaftlichen
Umwelt ungebrochen in die Gegenwart hinüber gerettet wurde. Anderseits wollte
manch ein Ingenieur und Wissenschaftler nicht wieder dort anfangen, wo er von den
gleichgeschalteten Vor ständen im NSBDT einst hingesteuert wurde. Die Anknüpfung
an Traditionen der Vereinsgründer half manch einem der 15 000 bis 1948 wieder zum
VDI zählenden Mitglieder, die nationalsozialistische Phase im Vereinsleben
bewusstseinsmäßig zu tilgen oder aus humanistischen Motiven heraus zu bewältigen.
Um sich mit der Verantwortung der Ingenieure in der Vergangenheit auseinander
zusetzen, organisierte der VDI eine Reihe von massenwirksamen Veranstaltungen, die
HORLAMUS
THESEN
271
dem Problemkreis Mensch - Technik Gesellschaft gewidmet wurden. Diese
Veranstaltungen, die maßgeblich zur Wiedergewinnung eines ethischen
Wertebewusstseins unter den in Wissenschaft und Technik tätigen Intellektuellen in
Westdeutsch land bzw. in der BRD beitrugen, wurden bisher in der Ge-
schichtsschreibung der DDR aus "klassenmäßiger" Sicht meist negativ bewertet. Hier
bedarf es m. E. insofern einer grundlegenden Korrektur, als dass diesen
Veranstaltungen ein legitimer Stellenwert in der geistigen Auseinandersetzung um die
gesellschaftliche Verantwortung der technisch Schaffenden beizumessen ist. Gerade
die Diskussion um den Ehrenkodex des Ingenieurs innerhalb des VDI, die seit 1948
öffentlich geführt wurde und schließlich 1950 auf der Sondertagung des VDI in Kassel
über die "Verantwortung des Ingenieurs" in der Verabschiedung des "Bekenntnisses
des Ingenieurs" mündete, verdeutlicht das. Dass es sich hierbei um eine konservative
Form der Vergangenheitsaufarbeitung handelte, die von einer durch die Vereinsspitze
betriebenen Begnadigungskampagne für durch alliierte Gerichte verurteilte
Kriegsverbrecher begleitet wurde, ist eine andere Tatsache. Dieser Zusammenhang
weist auf Widersprüche bei Respektierung dieser Auseinandersetzung mit dem Ver-
antwortungsproblem innerhalb des VDI hin. Dennoch bestätigt sich aus heutiger Sicht
manch zeitgenössisches Urteil, das Parallelen zur Entwicklung dieser Vereine im
Dritten Reich befürchtete und somit verhängnisvolle Entwicklungen voraussah, nicht.
Trotzdem waren Ingenieure und Naturwissenschaftler noch Jahre nach dem Krieg der
Meinung, dass sie während der Zeit des Faschismus lediglich ihre soldatische Pflicht
er füllt hätten und in diesem Sinne sich nicht moralisch zu verantworten hätten. Sie
waren vielfach nicht bereit, die historischen Ergebnisse des zweiten Weltkrieges
anzuerkennen. Anderseits gab es aber vor allem unter den namhaften Gelehrten wie
Max Planck, Otto Hahn und Walter Heisenberg frühzeitig mahnende Stimmen, die
Lehren aus dem Krieg gezogen hatten und wiederholt öffentlich vor den Gefahren
warnten, die sich vor allem aus dem militärischen Missbrauch der Atomenergie für die
HORLAMUS
THESEN
272
Menschheit ergeben könnten.
10. Das Ringen um die Einheit der Techniker und Ingenieure innerhalb der
Gewerkschaftsbewegung in der Nachkriegszeit bildete ein in den Gesamtprozess der
deutschen Friedensregelung eingebettetes Problem. Als Bindeglied erschien zunächst
der als Negation des Kriegserlebens verbreitete Pazifismus. Dennoch war diese
Friedensstimmung unter den Technikern, Werkmeistern, Ingenieuren, Konstrukteuren,
Architekten sowie den technisch orientierten Mathematikern, Physikern und Chemikern
im Nachkriegsdeutschland im Konkreten vielschichtig motiviert. Sie gründete sich auf
sehr unterschiedliche weltanschauliche, politische und moralische Positionen. Des-
halb gingen bald die Meinungen darüber auseinander, welche der auf den Außen-
ministerkonferenzen vorgebrachten Interessen der alliierten Siegermächte den
Friedensprozess in Deutschland fördern oder hemmen würden. Zum Teil fühlte man
sich nur als Spielball der Siegermächte und bezweifelte, ob das deutsche Volk tat-
sächlich ein Mitspracherecht bei der Aushandlung eines Friedensvertrages für
Deutschland besäße. Friedensengagement im Alltag der Nachkriegszeit hieß zualler-
erst, die Zerstörungen zu überwinden, die der Krieg hinterlassen hatte. Die
Gewerkschaften waren in diesem Zusammenhang besonders aktiv. Aus der einstigen
gewerkschaftlichen Technikerbewegung stammte die Idee, den belasteten
technisch-wissenschaftlichen Vereinen ein "Parlament" der Ingenieure und Wissen-
schaftler, eine Kammer der Technik, entgegenzusetzen. Seine Initiatoren wollten die
technische Wissenschaft, Forschung und Praxis mit dem Ziel planmäßig fördern, den
technischen Fortschritt unmittelbar der menschlichen Gesellschaft für friedliche
Zwecke nutzbar zu machen und alle unmittelbaren und mittelbaren kriegerischen oder
militärischen Möglichkeiten auszuschalten. Ähnliche Ziele hatten andere
Technikerorganisationen, die sich regional zuerst in der britischen und dann auch in
den anderen Besatzungszonen bildeten. Nachdem sich in Deutschland knapp zwei
Jahre nach dem Krieg die Ingenieure, Techniker und Werkmeister im Rahmen der
HORLAMUS
THESEN
273
Gewerkschaftsbewegung auf lokaler, Landes- und Zonenebene organisatorisch neu
gesammelt hatten, war es naheliegend, dass diese Berufsgruppen über die
Zonengrenzen hinweg eine einheitliche Technikerbewegung anstrebten. Der Erste
Deutsche Technikertag vom 25. bis 27 September 1947 in Berlin bekannte sich in einer
einmütig verabschiedeten Entschließung zur politischen und wirtschaftlichen Einheit
Deutschlands und zu einer republikanisch-sozialen und demokratischen Staats- und
Wirtschaftsreform mit sozialistischer Zielstellung. Dennoch führte der gesamtgesell-
schaftlich weiter fort schreitende Spaltungsprozess Deutschlands und totalitäre
Ansprüche über das Organisationsmonopol gewerkschaftlicher Interessenvertretung
für die Ingenieure und Techniker in der DAG, im FDGB und im DGB schließlich zu
keiner einheitlichen gewerkschaftlichen Interessenvertretung der wissen-
schaftlich-technischen Intelligenz. Einstimmig gefasste Beschlüsse ließen sich - wie
die Entwicklung von der Braunschweiger Interzonenkonferenz über den Ersten
Deutschen Technikertag bis zum Scheitern der Arbeit der Interzonalen
Techniker-Kommission zeigte
- nicht realisieren. Zwischen den wissen-
schaftlich-technischen Vereinen und der Kammer der Technik kam es noch nicht
einmal ansatzweise zu solchen Gesprächen, wie sie anfänglich noch zwischen den
Gewerkschaftern in Ost und West geführt wurden.
11. Soweit sich Techniker und Ingenieure um die deutsche und internationale
Friedenslösung bemühten, war 1947 - trotz anders lautender Versicherungen - dieses
Engagement keineswegs parteipolitisch und weltanschaulich neutral, wie die
Untersuchungen für das Gebiet der sowjetischen Besatzungszone zeigten. Die auf
Versammlungen verabschiedeten Resolutionen, Entschließungen und Aufrufe waren
demonstrative Meinungsäußerungen, die sich in Stil und Inhalt glichen. Eine
substantielle Diskussion über diese Fragen in den Versammlungen und Dele-
giertenkonferenzen der Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker konnte an Hand der
Quellen nicht nachgewiesen werden. Die Veranstaltungen forderten in dieser Frage
HORLAMUS
THESEN
274
Bekenntnisse ab. Vor allem wurde immer wieder politisches Engagement im Sinne der
sowjetischen Außen- und Sicherheitspolitik erwartet. Auf höchster Ebene in der SED,
im Deutschen Volksrat und im FDGB Vorgedachtes wurde - zumindest in den Funk-
tionärsversammlungen der KDT und der GTW - unkritisch nachvollzogen. Trotzdem
war diese Art der öffentlichen Willensbekundung nicht nur ein politisch-ideologisches
Ritual. Vielmehr stand dahinter auch die Sorge, dass nur kurze Zeit nach dem Kriege
durch den Konflikt der Weltmächte der kaum erreichte Friedenszustand wieder gestört
werden könnte. Die Formen, in denen die Konflikte ausgetragen wurden, waren weder
von Seiten des Westens noch von Seiten des Ostens einer Entspannung dienlich.
Eine reale Einschätzung einer wahrscheinlichen oder tatsächlichen Kriegsgefahr war
unter diesen Bedingungen für die Ingenieure, Werkmeister und Wissenschaftler
genauso schwer wie für andere Schichten der Bevölkerung. Spezifische Interessen der
Ingenieure und Techniker im Friedensprozess und in der Volkskongressbewegung
spielten kaum ein Rolle.
12. Im Deutschen Volksrat, der 1948 in Berlin auf dem II. Deutschen Volkskongress
gewählt wurde, waren namhafte Hochschullehrer aus dem Bereich der
Naturwissenschaft und Technik sowie Ingenieure und Techniker vertreten. Zu ihnen
gehörten: Robert Bieri, Gertrud Böhm, Otto Freyhoff, Walter Friedrich, Robert
Havemann, Enno Heidebroek, Hermann Henselmann, Hanns Hopp, Friedrich Möglich,
Hans Reingruber, Günther Rienäcker, Robert Rompe, Ellen Ruschmann, Herbert
Sedlaczek, Rudolf Schwarzer, Johannes Trost, Gustav Wirth, Hermann Waschow und
Alfred Wunderlich. Im Friedensausschuss des Deutschen Volksrates, der sich am 15.
April 1948 mit dem Ziel konstituierte, Grundsätze für den Abschluss eines
Friedensvertrages aufzustellen, war der Ingenieur Otto Freyhoff vertreten. Die
westdeutsche Prominenz aus Wissenschaft und Technik nahm kaum Notiz von der
Volkskongressbewegung. Die in der Volkskongressbewegung liegende Chance für
eine demokratische Selbstbestimmung der Deutschen im Bemühen um den Abschluss
HORLAMUS
THESEN
275
eines Friedensvertrages wurde von ihr nicht gleicher maßen ausgetestet. Die
Reaktionen insbesondere aus der amerikanischen und der britischen Besatzungszone
- die französische Besatzungszone unterlag bekanntlich einer längeren politischen
Quarantänezeit - machten deutlich, dass man derartige Friedensappelle des Ostens
nicht unterstützte, da befürchtete wurde, dass diese Willensäußerungen keine
ernsthafte Wirkung und als leere Demonstration wirken könnten. Außerdem ging man
in den Westzonen und der späteren Bundesrepublik Deutschland davon aus, dass
sich Wissenschaftler zu politischen Zusammenhängen offiziell nicht zu positionieren
hätten.
13. Unter den Bedingungen einer weiteren Verhärtung der Fron ten des kalten
Krieges konnten Funktionäre und leitende Ingenieure und Wissenschaftler, die in der
sowjetischen Besatzungszone ihren Wirkungsbereich fanden, kaum ein Verständnis für
die mangelnde politische Parteinahme für den "Frieden" durch die Mehrheit ihrer
Berufskollegen in Westdeutschland aufbringen. Die politische Zurückhaltung, die viele
Wissenschaftler und Ingenieure in den Westzonen an den Tag legten, hatte jedoch
verschiedene Ursachen. In der sowjetischen Besatzungszone wertete man sie als ein
Übel, welches den Missbrauch von Wissenschaft und Technik während der Zeit des
Faschismus erst möglich gemacht hatte. Die Schlussfolgerung, dass der Techniker
deshalb auch politischen Fragen gegenüber aufgeschlossen sein müsste, wurde
jedoch einseitig interpretiert. Ausdruck des Theoriedefizits der SED war die
Propaganda, die dem westlichen System jede Friedensfähigkeit absprach und daraus
den Schluss zog, dass man für den Sozialismus sein müsse, wenn man den Frieden
wolle. Mit dieser These war eine zukünftige Mobilisierung von Verbündeten für die
Friedensbewegung in Westeuropa nicht zu erreichen. Dieses Konfliktes waren sich
manche Wissenschaftler und Ingenieure bewusst, die bald gegen die
Wiederaufrüstung Deutschlands auftraten. Das humanistische Be mühen
hervorragender Wissenschaftler und Ingenieure um eine dem Frieden dienende Ent-
HORLAMUS
THESEN
276
wicklung von Wissenschaft und Technik nach 1945 wurde in der sowjetischen
Besatzungszone gefördert, aber dann von der neuen Macht immer mehr
instrumentalisiert, um die Öffentlichkeit für den sozialistischen Entwicklungsweg
einzunehmen. Die Folge - dass Naturwissenschaftler und Techniker sowohl in der
Ostzone als auch in den Westzonen gesellschaftlichen Problemen gegenüber Distanz
suchten
- bescherten ein Erbe, das bis in unsere Tage
wirkt.
HORLAMUS
aus
den GUTACHTEN
277
Aus den Gutachten:
Günter Paulus
Es beweist des Autors Gespür für die Dialektik der Geschichte, dass er, mit der
Wende, 1945 als Achse, zwei so extrem gegensätzliche Geschichtsperioden wie die
von 1933 1945 und die von 1945 und die von 1945 1948 in einen großen
thematischen Zusammenhang zwingt. Was seine historische Figuration betriff
,,deutsche Ingenieure und Wissenschaftler", so war es für diese zuerst die Zeit der
Hybris, sodann die Zeit der Katharsis...
Man muss W. Horlamus einfühlsame Geschichte der Verstrickung von Wissenschaftler
und Technikern gelesen haben, um nachempfinden zu können, was sie damals
bewegte...
Was W. Horlamus im 3. m. E. inhaltsreichsten Kapitel über die Auseinandersetzungen
auf dem Ersten Deutschen Technikertag, über die Tragik der Spaltung und des
Untergangs der Gewerkschaft der Techniker und Werkmeister, über das Engagement
von Wissenschaftler und Techniker in der damaligen Volkskongressbewegung für
Einheit und gerechten Frieden, quellenmäßig dokumentiert, wird bleibenden Wert
behalten, auch und gerade angesichts der Gefahr, dass Geschichte nicht
aufgearbeitet, sondern verdrängt werden könnte...
HORLAMUS
aus
den GUTACHTEN
278
Laurenz Demps
Der Feststellung des Vf. Ist zuzustimmen, dass eine Arbeit dieser Art und mit der
vorliegenden Aussage in der EX-DDR nicht hätte verfasst werden können, da sowohl
ideologische Hemmungen als auch Deformationen in der Herangehensweise der
Forschung sie unmöglich bzw. wiederum nur auf Detailfragen beschränkt hätten.
Gleichfalls ist es richtig, dass der Ansatz der Forschung gegen war und wohl auch in
Zukunft bleiben wird...
Zu Recht macht der Vf. Immer wieder auf das Parallelogramm der Zeitumstände,
Leitlinien der Politik sowie die Weltlage aufmerksam, in die Wissenschaftler und
Techniker gestellt waren und sie sich mit ihrer eigenen Weltsicht einbrachten und
zurecht zu finden hatten.
Hier kommt der Vf. Schon fast in den Bereich der Psychologie, ungeachtet dessen,
gehören diese Aussagen zu den starken Seiten der Arbeit. Weiterhin macht der Autor
immer wieder auf die Widersprüchlichkeit politischer Leitlinien aufmerksam, die
verwirrend genug waren und die von den betroffenen Personen Haltungen und
Wertungen abverlangten, mit den sie zu Objekten der Politik wurden...
Der Wert der Quellenbefragung ist vermerkt worden, der wissenschaftlich Apparat ist
ohne Tadel und bereichert die Aussagen des Textes...
HORLAMUS
aus
den GUTACHTEN
279
Walter Becker
Unter den Bedingungen einer arbeitsteiligen Wirtschaft und den verschiedenen
Fertigungsstrukturen sowie der unterschiedlichen Fertigungstiefen ergeben sich sehr
schwierige Probleme bei der Bewertung von Verantwortlichkeiten der Wissenschaftler
und Techniker auf für den Missbrauch der Erfindungen.
Otto Hahn suchte bekanntlich bei seinen Forschungen, die fast 40 Jahre dauerten,
nicht nach der Uranmaschine oder Atombombe; er suchte Transurane und fand eine
Möglichkeit zur nuklearen Technologie. Hätten die USA auch ohne Fehldiagnose von
Albert Einstein das Atombombenprojekt gestartet?
Nicht an jedem Punkt der wissenschaftlich-technischen Forschungen sind die
Konsequenzen übersehbar, das hat auch zu manchen falschen Positionen gegenüber
Wissenschaftlern und Techniker geführt, die der Autor im 3. Kapitel herausarbeitet.
Man wird künftig diesen Problemen sowohl durch eine Verstärkung des
Wissenschaftsethos als auch internationale Abkommen und die internationale
Föderation der Wissenschaftler und Techniker wirksam begegnen...
Mit seiner Dissertation erbrachte der Kandidat eine beachtliche wissenschaftliche
Leistung auf einem komplizierten und vielschichtigen Gebiet. Seine Leistung verdient
besondere Anerkennung, weil sie in einer Zeit des Übergangs erbracht wurde. Die
historischen Ausgangspunkte der Dissertation sind für die Friedens- und
Konfliktforschung, die Wissenschaftsgeschichte und nicht zuletzt die Philosophie von
besonderer Bedeutung...
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