„Sonntag Abend, 18.00 Uhr Jugendgottesdienst in der Stadtkirche !!!!“ So wird häufig auf Plakaten, in Lokalzeitungen, Gemeindebriefen oder Kirchenrundschreiben geworben.
Doch wer wird hier umworben, und was verbirgt sich hinter dem sog. „Jugendgottesdienst“ ? Diesen Fragen werde ich im folgenden Kapitel nachgehen.
1. Begrifflichkeit „Jugend“
Wenn wir von Jugendgottesdiensten reden, ist es erst mal wichtig zu wissen, welcher Altersabschnitt in unserer Gesellschaft als „Jugend“ gilt. Die lexikalische Erklärung hierzu heißt: „Jugend ist der Wachstumsabschnitt bis zur Reife eines Lebewesens; beim Menschen die Phase der körperlichen und geistigen Entwicklung zwischen Kindheit und abgeschlossener Pubertät, aber auch des Beginns der Herauslösung des einzelnen aus der Familie und der Einflussnahme der Arbeitswelt auf die Entwicklung des jugendlichen Selbstverständnisses“ (Bassermann, 1988)
Diese Definition von Jugend lässt die Altersabgrenzung nach oben und unten offen. Wenngleich auch Jugendliche als „Teenager“ bezeichnet werden und demnach nur junge Menschen zwischen 13 (ThirTEEN) und 19 (NineTEEN) Jahren gemeint sein können, dehnen sich die Grenzen der Jugendphase in jüngster Zeit immer mehr aus. Die Encarta-Enzyklopädie von Microsoft schreibt hierzu: „In modernen Gesellschaften hat sich der Lebensabschnitt „Jugend“ immer mehr verlängert, da der Eintritt ins Erwachsenenalter - ungenau dadurch bestimmt, wann eine Person in das Berufsleben eintritt oder eine eigene Familie gründetimmer später erfolgt (so genannte Postadoleszenz). Auch die Abgrenzung von Kindes- und Jugendalter ist schwierig geworden, und je nachdem ob stärker die biologischen, die kognitiven oder die emotional-sozialen Aspekte der Entwicklung betont werden, ergeben sich unterschiedliche Abgrenzungskriterien zwischen Kindheit und Jugend.“ (Encarta 2003) Somit lässt sich der Lebensabschnitt „Jugend“ auf eine Altersspanne von frühestens 12 Jahren bis spätestens 30 Jahren (z.B. gewähren viele Fluggesellschaften noch bis 25 oder gar 30 Jahre, Jugend- und Studentenrabatte auf ihre Flüge), festlegen, je nach Ausbildung und gesellschaftlichem Stand.
Und für diese Altersschicht wird nun von Gemeinden ein spezieller Gottesdienst angeboten ?
2. Jugend mit eigenem Gottesdienst
Die Idee ist gut: Junge Menschen verbringen oft die Wochenendnächte in Discos oder auf Partys und sind selten bereit, am Sonntagmorgen um 9.00 Uhr oder 10.00 Uhr einen Gottesdienst zu besuchen, denn zu dieser Zeit wird noch geschlafen. Also besteht die einfache Lösung darin, den Gottesdienst auf den frühen Abend zu verlegen, ihn speziell als Jugendgottesdienst auszuweisen und schon hat man erreicht, was man wollte... Leider ging dieses Konzept aber nicht immer so auf, wie es gedacht war, denn nur eine andere Uhrzeit macht einen Gottesdienst noch nicht sonderlich attraktiver für einen Jugendlichen. Man stelle sich folgende Situation vor: „Mit einem ächzenden Quietschen wird die schwere Kirchentüre geöffnet. Man kommt vom hellen Tageslicht in einen großen Raum mit Kerzenschein, häufig keinen Fenstern und beklemmender Stille, trotz der Tatsache, dass schon viele Menschen in diesem Raum sind. Leise sucht man sich einen Platz, um bloß nicht die anderen Gottesdienstbesucher zu stören, die anscheinend dabei sind nichts zu tun, oder sie beten im Stillen. Hat man schließlich einen Platz gefunden, setzt man sich ruhig hin, wagt es nicht, seinen Nachbarn anzusprechen und wartet bis der Gottesdienst beginnt. Pompös setzt die Orgel mit einem Präludium aus dem 17.Jahrhundert ein, die Gemeinde beteiligt sich am Gottesdienst mit festgelegten Akklamationen und alten Liedern, deren Texte sprachlich längst überholt sind (z.B. „Gott der Vater steh uns bei“ aus: Gotteslob Nr.305; siehe Abbildung) und darf sich durch abwechslungsreiches Setzen, Stellen und Knien sogar körperlich betätigen. Immerhin wird in der kath. Kirche der Nachbar auch einmal bedacht und angeschaut, wenn der Friedensgruß gewünscht wird.“
Diese Beschreibung ist natürlich etwas überspitzt dargestellt, aber sie zeigt auf, wie das gottesdienstliche Ritual auf junge Menschen, die eben noch MTV geschaut haben, wirken kann. Aber was ändern ?
3. Neue Lieder für die Jugend
Gute Impulse kamen aus der Entwicklung des Neuen Geistlichen Liedes (NGL), das die Kirchenmusik seit den 60er Jahren auffrischt.
Ein wichtiges Argument für die Befürworter des Neuen Geistlichen Liedes, ist die Überlegung, mit dieser Musik Jugendliche zu motivieren, die Gottesdienste zu besuchen. In einem Jugendgottesdienst kann man demnach immer Neues Geistliches Lied als Musikform erwarten, um dadurch die Messfeier für Jugendliche attraktiv zu machen. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, denn über Musik identifizieren sich viele Jugendliche (vgl. Baake/Ferchhoff „Jugend und Kultur“), und nur wenn ihnen die Musik bei einer Veranstaltung zusagt, ist das Gelingen der Veranstaltung garantiert. (Kein Jugendlicher der HipHop-Fan ist, besucht einen ganzen Abend lang eine Techno-Disco.) Aber der Anspruch an die Qualität der Musik ist heute sehr hoch: Die Jugend „verhält sich sehr kritisch gegenüber jedem Versuch, sie in die Kirche zu „ziehen“. Wenn jemand Popmusik in der Kirche macht, um mit diesem Anziehungsmittel Jugendliche zu gewinnen, erwarten jene Jugendlichen, die zunächst wegen der Popmusik und nicht wegen der „Kirche“ kommen, auch jene Qualität, die ihnen von Pop-Konzerten oder Tonträgern vertraut ist“ (Kropf in: Musch 1994, S.190)
Diese Aussage macht deutlich, dass die Musik alleine noch keine Garantie dafür gibt, Jugendliche zum Besuch eines Gottesdienstes zu bewegen, zumal die, als „Neues Geistliches Lied“ bezeichnete Musik, stilistisch überaltert ist. (Vgl. dazu Frank, „Streifzüge durch die gottesdienstliche Musiklandschaft“ in: Urban/Rieg 2004, S.186-208) Nach einem „Jugendgottesdienst“ in Darmstadt äußerte sich der Kaplan mir gegenüber folgendermaßen: „Die „neue“ Musik ist zum Standart in der Kirche geworden, und „diejenigen, die [zum Jugendgottesdienst] kommen, sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, weil das „ihre“ Musik der 70er und 80er Jahre war.“ (Kaplan Christoph Werner, St. Ludwig, Darmstadt, nach einem Regional-Jugendgottesdienst am 17.12.2000). Hat damit der „Jugendgottesdienst“ sein Ziel verfehlt ?
Arbeit zitieren:
Rene Frank, 2004, Was macht einen Jugendgottesdienst zum Jugendgottesdienst?, München, GRIN Verlag GmbH
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