vatphilosophie" in beeindruckender Weise miteinanander vermengt, die es unmöglich macht seine Position "ohne Furcht und Hader" zu würdigen.
Anknüpfend an real vorhandene gesellschaftliche Mißstände, wie beispielsweise die ökologische Situation, versucht er nicht etwa den Ursachen nachzugehen, sondern zieht auf der Erscheinungsebene Parallelen zu zoologischen und ethologischen Forschungen, die er dann übergangslos auf das zwischenmenschliche Zusammenleben überträgt. Damit schwebt seine Botschaft stets in der Gefahr den deutschen Stammtischen wissenschaftlich verbrämtes, ideologisches Unterfutter zu liefern.
Hierzu eine Kostprobe unter vielen: Vollkommen zutreffend beklagt Eibl-Eibesfeldt die zunehmende Degradierung der Landschaft durch Straßenbau, Industrie und Luftverschmutzung und plädiert für ein "Gesundschrumpfen". Schrumpfen soll jedoch nicht etwa unser Naturverbrauch, sondern unsere Geburtenrate. Das heißt, eigentlich nicht "unsere", denn die ist ja - mit 1,5 Kindern "auf eine verheiratete deutsche Frau" - durchaus in Ordnung. Denn getragen wird unsere Geburtenrate von einer Reproduktionsstrategie, die in wenige Nachkommen viel Energie investiert. Doch ist dies - wie uns die Verhaltensforschung lehrt - nicht die einzige Reproduktionsstrategie: unter Bedingungen der "Neubesiedlung von Lebensräumen" wird von verschiedenen Arten die Strategie angewandt, eine möglichst große Zahl von Nachkommen in die Welt zu setzten. Hätten sie dieses Vorwissen, so würden die bundesdeutschen Politiker, nach Ansicht von Eibl-Eibesfeldt, sicherlich nicht weiterhin eine solch "gedankenlose Einwanderungspolitik" betreiben. Denn bereits 1981 entfielen auf eine verheiratete türkische Frau statistisch 3,5 Kinder. Hält dieser Trend an, dann "kommt es unausweichlich zur Verdrängung des eigenen biologischen Erbes". Und die Fähigkeit, in Nachkommen zu überleben, d.h. sein Erbgut zu tradieren, bleibt für Eibesfeldt nach wie vor das Kriterium, an dem sich Eignung mißt.
Doch sollten diese Aussagen keineswegs dazu verleiten Irenäus Eibl-Eibesfeldt vorschnell als Ewig-Gestrigen abzustempeln. Denn sein Projekt ist gleichermaßen zukunftsorientiert und darin liegt seine eigentliche Gefährlichkeit. So unternimmt er keineswegs den Versuch den überholten Nachweis der Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker über andere zu führen. Statt dessen propagiert er - stets anknüpfend an seine seriösen ethologischen Forschungsergebnisse, daß es allgemeine Bedingungen gibt, die grundlegend sind für die gedeihliche Entwicklung sämtlicher Populationen, bis hin zu den von den Menschen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Organisationen. Und zu diesen Bedingungen gehört für ihn zweifellos und zuförderst das quasi natürliche Bedürfnis nach Abgrenzung.
Denn weil "der Mensch an sich", ein Wesen ist, das an die Kleingesellschaft angepaßt ist, wird er seine Probleme nur lösen, wenn er unter sich - in der eigenen Gruppe, dem eigenen Volk,
der eigenen Kultur - bleibt. Alles andere führt zum Verlust der ethnischen Vielfalt. Und so fordert Eibesfeldt das Recht auf ungestörte Entwicklung für die Buschleute in der Kalahari und - in majestätischer Gleichheit - natürlich auch für uns selbst, die Angehörigen des gesicherten Teils der westlichen Zwei-Drittel-Gesellschaften.
Doch damit nicht genug: Wenn die kulturelle Differenz die wahrhaft "natürliche Umwelt" des Menschen bildet, gleichsam die Atmosphäre, ohne die sein historischer Atem nicht möglich wäre, dann muß jede Verwischung dieser Differenz notwendig Abwehrreaktionen auslösen, zu interethnischen Konflikten und generell zu einem Anstieg der Aggressivität führen. Die Abgeschlossenheit der Kulturen und Traditionen ist also - folgt man Eibesfeldts Vorstellung von Multikulturalität - zugleich der beste Garant gegen Xenophobie und gesellschaftliche Aggessivität. Zudem ist sie von lebenswichtiger Bedeutung für die Akkumulation unserer individuellen und gesellschaftlichen Fähigkeiten, bis hin zur moralisch ungestörten Entwicklung unseres westlichen Lebensstandards und unserer Spitzentechnologien. Denn wenn es richtig ist, daß jede Gruppe nicht nur das Recht, sondern "vor den Schranken des biologischen Gerichts" geradezu die Pflicht hat, zunächst ihr eigenes biologisches Erbe zu wahren und zu mehren, dann ist es zumindest legitim die Spitzenleistungen unserer Zivilisation immer weiter zu steigern - das Leben einiger Menschengruppen immer weiter zu verlängern und gleichzeitig vor dem Hunger in Afrika, der Cholera in Südamerika und dem Zerfall unserer großen Städten die Augen zu verschließen.
Daß Eibl-Eibesfeldt damit auch die Einheit des Menschengeschlechts und das spezifisch Menschliche überhaupt in Frage stellt, nimmt er zumindest billigend in Kauf. Denn für ihn sind Empfindungen wie Freundlichkeit und persönliche Bindung nicht der Ausdruck von spezifischer Humanität, sondern eine Folge der "Erfindung der Brutpflege".
Eibesfeldts schmalem Bändchen sind viele kritische Leser zu wünschen. Denn es erscheint mir geradezu wie eine bewußte Provokation jeglicher Humanität, ganz gleich, ob sie sich aus christlich-jüdischem Glauben oder der Begeisterung für die Werte der bürgerliche Aufklärung herleitet. Kaum abzuschätzen ist zudem die Wirkung von Eibesfeldts "Privatphilosophie" auf das "praktische Alltagsbewußtsein", dem sie suggeriert, die Ausgrenzung des Fremden böte einen einfachen Weg Identität und Autonomie zu erlangen und zu sichern, ohne die uns fremden Kulturen als die "Repräsentanten" des jeweils Fremden in uns selbst begreifen zu müssen, das wir nicht aus- grenzen, sondern nur anerkennen, aushalten und annehmen können.
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Walter Grode, 1991, Eine Erfindung der Brutpflege. Das Weltbild eines Verhaltensforschers, München, GRIN Verlag GmbH
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