klar erzählt, wobei sie den wahren Sachverhalt, die Vorbereitung zur Flucht,
absichtlich vernebelt. Thoas drängt unnachgiebiger auf eine klare Antwort. Daraufhin
spielt Iphigenie ihre fürstliche Abstammung auf und stellt sich standesgemäß auf die
Stufe des Thoas. Thoas verlangt unverzüglich die Opferhandlung, indem er sich auf
ein altes Gesetz beruft, das solch ein Opfer fordere. Iphigenie freilich entgegnet als
stolze Griechin, indem sie ihm das noch ältere Gesetz entgegenstellt, das den
Fremden und den Gast als heilig bezeichnet. Sie spielt auf die Ohnmacht der Frau
gegenüber dem Manne an und bittet Thoas, „[…] der Frauen Wort zu achten" (Vgl. S.
50, 1864) Zur Verteidigung ihrer ,,[…]reine[n] Seele[…]" (Vgl. S. 50, 1874) weist sie
zugleich auf die Möglichkeit der List als Waffe gegen die Übermacht des Mannes hin.
Der Widerspruch zwischen Wahrheit und Taktik wird von Thoas angeprangert in dem
Wort ,,Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urteil". (S. 50, 1875) In der Situation
gewinnt tatsächlich dasjenige, was Iphigenie als ,,[…]reine Seele […]"(S.50, 1874)
bezeichnet, endgültig in ihr die Oberhand, und Iphigenie legt ihrer aller Schicksal
nun, indem sie den Fluchtplan offenbart, in des Thoas Hand. Iphigenie versucht,
Thoas Gnade durch Mitleid zu erlangen: „Muss ein zartes Weib / Sich ihres
angebornen Rechts entäußern, / Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen / Das Recht
des Schwerts euch rauben und mit Blute / Die Unterdrückung rächen?“ (S. 51, 1908
ff.) Gegen die Möglichkeit eines dämonischen Schicksals wagt Iphigenie den
Glauben an die Güte und Liebe der Götter und in dem Streit zwischen Egoismus und
Rücksicht gegen den anderen Menschen entscheidet sie sich für die Wahrheit und
die Liebe.
Am Ende des Auftrittes schwindet Iphigenies Hoffnung auf Thoas Gnade nicht. Ihr ist
es gelungen, Thoas zu besänftigen.
Büchners "Woyzeck" stellt in der Geschichte der deutschen Literatur den Beginn des
sozialen Dramas dar. Das Werk ist nur als Fragment überliefert und hatte einen
entscheidenden Einfluss auf die Moderne. Es wurde erst im Naturalismus wieder
entdeckt und beschreibt eine realistische Darstellung der seelischen Zerstörung
eines Menschen. Das Stück wurde in der Epoche des Vormärz geschrieben, dessen
Kennzeichen Unzufriedenheit des Bürgertums, Unsicherheit und Zerrissenheit
(Ablehnen oder Klammern an Werte und Normen) sind.
Woyzeck, ein einfacher Soldat, muss, um seine Familie, die aus seiner Geliebten
Marie und den unehelichen Sohn besteht, ernähren zu können, für den Hauptmann
und den Doktor arbeiten. Beide lassen ihn ihre soziale und geistige Überlegenheit
spüren. Für letzteren hat er sich zeitweise sogar als medizinisches Versuchsobjekt
zur Verfügung gestellt, um seine finanzielle Lage zu verbessern. Seine Braut Marie
betrügt ihn aber mit dem Tambourmajor, und der Hauptmann weiß die Eifersucht
Woyzecks zu wecken. Hilflos sieht der Arme zu, wie Marie mit dem verdächtigen
Tambourmajor im Wirtshaus tanzt, er beginnt einen Streit mit ihm, unterliegt aber.
Außer sich über die Untreue Maries gibt er alle Hoffnung auf ein bisschen Glück in
dieser Welt auf, denn sie und das Kind waren seine einzige Existenzgrundlage.
Heimlich und mit merkwürdiger innerer Beherrschtheit bereitet er alles auf den Tod
vor, ersticht seine geliebte Marie auf einem Waldweg, stürzt sich dann in ein tolles
Wirtshaustreiben, um schließlich selbst den Tod zu suchen. Er ertränkt sich in einem
Teich.
In der achten Szene „Beim Doctor“ des Stückes lässt sich Woyzeck vom Doctor
untersuchen. Der Doctor erzählt ihm, dass er Woyzeck beobachtet hat, als er gegen
die Wand uriniert hat: „Ich hab’s gesehn Woyzeck: Er hat auf die Straß gepißt, an die
Wand gepißt wie ein Hund.“ (S. 4, 27f.) Woyzeck versucht sich zu verteidigen, indem
er sagt, dass ihm „[…] die Natur kommt“ (S. 4, 31f.) Der Doctor wirft in dem Dialog
hauptsächlich mit Fachbegriffen und Fremdworten um sich, um Woyzeck auf einem
niedrigeren sprachlichen Niveau zu stellen. Er betont immer wieder, für wie
unzutreffend er Woyzecks Handeln empfunden hat. Er beginnt sogar schon sich zu
ärgern, reißt sicht aber zusammen: „Behüte, wer wird sich über einen Menschen
ärgern […]“ (S. 4, 18f.) Am Ende der Szene erkundigt sich der Doctor noch mal bei
Woyzeck, ob er noch den Hauptmann rasiert und seine Erbsen isst: „Er thut noch
Alles wie sonst, rasirt sein Hauptmann? […] Ißt sei Erbse?“ (S. 5, 3ff.)
Die vorliegenden Szene aus „Iphigenie auf Tauris“ und „Woyzeck“ sind beide ein
Dialog, das über eine Auseinandersetzung handelt. Iphigenie wird von Thoas
ermahnt und zur Rede gestellt, warum sie sich als Opfer aufschiebe. Der Doctor
hingegen ist über Woyzecks Verhalten verärgert und spricht diesen darauf an. In
beiden Szenen ragt eine Person mit ihrer sprachlichen Qualität heraus. In Goethes
Stück ist es Iphigenie, die Thoas mit ihrer sprachlichen Überlegenheit immer wieder
beeindruckt und übertrumpft. In Büchners Stück zeigt sich immer wieder der Doctor
als überlegende Person, da er Woyzeck mit Fremdworten und Fachausdrücken
konfrontiert, um so seine Überlegenheit besonders intensiv zu provozieren.
Beide Protagonisten haben ihre Waffe, um sich gegen den Gegenüber mit Worten zu
wehren. So betont Iphigenie immer wieder das Wort „Seele“ und dass ihre Seele
besonders kämpft. Woyzeck hingegen versucht immer wieder den Doctor davon zu
überzeugen, dass er gegen die Natur nichts unternehmen kann und wenn er ein
Bedürfnis hat, muss er es erledigen.
Iphigenie beweist im Gegensatz zu Woyzeck ihr sprachliches Talent und ihre
Überzeugungskraft. Es gelingt ihr am Ende Thoas zu besänftigen. Woyzeck hat
keinerlei Chance, dem Doctor zu beweisen, dass er nicht so dumm ist, wie alle
denken. Woyzeck wird am Ende der Szene viel mehr noch verhöhnt, indem der
Doctor ihn auf seine Erbsen-Diät anspricht. Woyzeck bleibt weiterhin dem Doctor
untergeordnet, während es Iphigenie gelingt, sich mit Thoas auf eine Ebene zu
stellen.
Arbeit zitieren:
Ina Goebels, 2005, Vergleich Iphigenie auf Tauris 5/3 und Woyzeck beim Doctor., München, GRIN Verlag GmbH
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