Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 2
2. Hauptteil Seite 4
3. Schluss Seite 9
4. Quellen- und Literaturverzeichnis Seite 11
1. Einleitung
Als im Jahr 514 v. Chr. Hipparchos durch Harmodios und Aristogeiton ermordet wurde, stell-
te dies einen Wendepunkt in der Geschichte Athens dar. Es herrschte die Überzeugung vor,
dass Harmodios und Aristogeiton die Tyrannis gestürzt und somit den Athenern die Freiheit
geschenkt hätten. Hier ging man von einem politischen Motiv aus. Jedoch wurde in der Ant i-
ke auch darüber spekuliert, ob es sich bei dem Mord nicht nur um einen persönlichen Rach e-
akt handelte.
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Im folgenden Hauptteil wird sich anhand der uns überlieferten Quellen von Thukydides 1 , Aristoteles 2 und (sehr eingeschränkt) auch Herodot 3 der Frage gestellt, aus welchem Grund Aristogeiton und Harmodios den Mord an Hipparchos begangen haben und inwiefern die übe rlieferten Quellen eine Antwort darauf geben können. Die Meinungen von zahlreichen Wissenschaftlern gehen hier in vielen Punkten auseinander. Umstritten ist schon im Anfang, was der Grund oder die Gründe für den Mord waren, sowie der genaue Tathergang.
Die Arbeit ist in zwei Abschnitte gegliedert, im ersten soll die Darstellung des Thukydides über die Ermordung von Hipparchos beleuchtet werden. Im zweiten Abschnitt werden die Unterschiede und Widersprüche, sowie die Gemeinsamkeiten der Aristoteles-Quelle zu der des Thukydides herausgearbeitet. So kann im Anschluss entschieden werden, welcher der beiden Quellen in Bezug auf den Mord der Vorzug zu geben ist. Am Schluss sollen die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst werden.
Zum Forschungsstand ist zu sagen, dass die Frage, ob der Mord persönlich oder politisch motiviert war, noch nicht hinreichend geklärt werden konnte. Die Ursache dafür liegt wohl in den Quellen selber, da die Berichte von Aristoteles und Thukydides sich an manchen Stellen so extrem unterscheiden, dass einige Aspekte sich einfach nicht klären lassen. Auch Quellen von anderen Autoren helfen hier nicht weiter. Hier bleibt also nichts anderes übrig, als mit Wahrscheinlichkeitsabwägungen zu arbeiten, allerdings lässt sich so kein richtig klare s Bild gewinnen.
Bei der Ausführung der Arbeit erwiesen sich Monographien von L. de Loretana 4 und H. Berve 5 als besonders hilfreich.
1 Thukydides, Peloponnesischer Krieg, Zürich³ 1981.
2 Aristoteles, Athenaion politeia, Zürich 1955.
3 Herodot, Historien, Stuttgart 1971.
4 De Libero, Loretana, Die archaische Tyrannis, Stuttgart 1996.
5 Berve, Helmut, Die Tyrannis bei den Griechen, 1. Band, München 1967. Berve, Helmut, Die Tyrannis bei den Griechen, 2. Band, München 1967.
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2. Hauptteil
In den Büchern I 20 und VI 54-59 („Exkurs: Die Tyrannenmörder“ 6 ) kann man von Thukydides etwas über den Tyrannenmord in Erfahrung bringen. Mit diesem Exkurs verfolgte Thuk ydides ein Ziel, nämlich zu widerlegen, dass erstens Hipparchos der Tyrann war, zum zweiten, dass der Mord an Hipparchos einen Zweck verfolgte - und zwar den, die Tyrannis zu stürzen und Athen zu befreien - und drittens, dass die Tyrannis gewalttätig und drückend war. Thukydides versucht in seinem Bericht vor allem den Beweis zu erbringen, dass es sich bei dem Mord um einen persönlichen Racheakt handelte. 7
So stellt Thukydides gleich am Anfang des Exkurses (VI 54,1) fest dass, „Aristogeitons und Harmodios’ kühner Anschlag aus einer Liebesgeschichte kam […]“ und er fügt in VI 54,2 hinzu, dass nach dem Tod des Peisistratos nicht Hipparchos, sondern Hippias als ältester Sohn an die Regierung gelangte. Um zu beweisen, dass Hippias der älteste Sohn war, führt er die Tafel über die Verbrechen der Tyrannen auf der Akropolis an (VI 55, 1 u. 2), auf der Hippias nach seinem Vater aufgeführt wurde. Außerdem müsse Hippias schon vor der Ermordung des Hipparchos Tyrann gewesen sein, weil er sonst die Tyrannis gar nicht hätte fortführen kö nnen. (VI 55,3) Mit diesen Argument will Thukydides zeigen, dass Hippias der Tyrann war und nicht Hipparchos. Doch Thukydides beschreibt auch einige Anzeichen, dass die Macht nicht nur bei Hippias lag, sondern dass auch Hipparchos einen Teil der Macht besaß. 8 Jedoch steht mit Sicherheit fest, dass der politisch Maßgebende immer Hippias war. 9
Von Thukydides wird berichtet, dass Hipparchos einen schönen Jüngling namens Harmodios umwarb (VI 54,3). Dieser jedoch war der Geliebte von Aristogeiton („ein Mann aus der Stadt, ein mittlerer Bürger“ VI 54,2). Harmodios wies Hipparchos ab und berichtete Aristogeiton vom Werben des Tyrannen. „Dieser, in wildem Liebesschmerz und Angst, dass Hipparchos mit der Gewalt seiner Macht den Geliebten zwänge, machte sofort Pläne, um, bei seiner bescheidenen Stellung, die Tyrannis zu stürzen.“ (VI 54,3)
6 Siehe dazu: Diesner, H.J., Peisistratidenexkurs und Peisistratidenbild bei Thukydides, in: Historia 8 (1959), S. 12-22).
7 Das persönliche Motiv kann man in VI 54,1; VI 56,2; VI 57,3 und VI 59,1 wieder finden.
8 VI 53, 3: „die Tyrannenherrschaft des Peisistratos und seiner Söhne “, VI 54,3: „Hipparchos mit der Gewalt seiner Macht“.
9 S. Berve H., S.64.
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Inzwischen versuchte Hipparchos Harmodios wieder zu bedrängen, jedoch ohne Erfolg, wo rauf er sich an Harmodios rächen wollte. Wie Thukydides ausdrücklich betont, gewaltlos. 10 „[...] hielt er auf irgendeine versteckte Art, als wäre es nicht darum, eine Demütigung für ihn bereit“ (VI 54, 4) So wurde die Schwester des Harmodios, die als Korbträgerin be i einem Festumzug berufen war, wieder davongejagt, mit der Begründung, sie wäre gar nicht berufen gewesen und sogar unwürdig (VI 56). Diese Demütigung brachte Aristogeiton und Harmod ios dazu, das Attentat vorzubereiten. Thukydides weist noch daraufhin, dass die Zahl der Ve rschwörer nicht sehr groß war, weil dies zu auffällig gewesen wäre. Aristogeiton und Harmodios hofften eher darauf, dass die bewaffnete Bürgerschaft sich dem Aufruhr anschließen würde (VI 56,3) 11 .
Nach Thukydides befand sich Hippias während des Umzuges mit seinen Leibwachen auf dem so genannten Töpfermarkt und ordnete den Zug (VI 57,1). Hipparchos befand sich am so genannten Leokoreion (VI 57,3). Harmodios und Aristogeiton befanden sich zu dieser Zeit unter den Teilnehmern des Umzugs ebenfalls auf dem Töpfermarkt. Hier wollten sie zuerst Hippias töten 12 und dann Hipparchos. Als sie jedoch sahen, wie sich einer ihrer Mitverschwörer freundlich mit Hippias unterhielt, sahen sie sich verraten und rechneten schon mit ihrer Ve rhaftung.
„Da wollten sie doch an dem, der sie gekränkt hatte und dessentwegen sie das Ganze wagten, vorher noch, wenn es möglich wäre, ihre Rache nehmen, und wie sie waren, stürmten sie zum Tor hinein, trafen Hipparchos am so genannten Leokore ion, und sofort ohne langes Besinnen stürzten sie sich auf ihn in der äußersten Wut - des Nebenbuhlers der eine, der andre des Gekränkten -, stießen zu und erstachen ihn.“ (VI 57,3)
Harmodios wurde sofort getötet, Aristogeiton konnte fliehen, wurde jedoch später gefasst und „kam nicht glimpflich weg“ (VI 57,4). Direkt nachdem Hippias von der Ermordung se ines Bruders gehört hatte, ließ er alle bewaffneten Bürger an einer von ihm festgelegten Stelle zusammenkommen. Diese erwarteten eine Ansprache, aber Hippias ließ seine Leibwächter alle Waffen einsammeln, „und suchte sofort heraus, wen er für schuldig hielt und wer mit einem Dolch betroffen wurde - denn sie pflegten nur mit Schild und Speer zum Geleit zu gehen.“ (VI 58,2)
10 VI 54,5: „Wie er ja überhaupt in seiner Herrschaft die Menge nicht bedrückte und Ärgernis vermied; weit mehr als andre Tyrannen pflegten diese Rechttun und Vernunft; sie erhoben v on den Athenern nicht mehr als ein Zwanzigstel der Einkünfte, um damit ihre Stadt prächtig auszubauen, die Krieg zu bestreiten und an Festtagen zu opfern.“ Hiermit will Thukydides auf die Gewaltlosigkeit der Herrschaft aufmerksam machen.
11 Ob es stimmen kann, dass die gesamte Bürgerschaft bewaffnet war, soll später noch behandelt werden, wenn Aristoteles zu Rate gezogen wird.
12 Dies war für Thukydides der Beweis, dass Hippias der Tyrann war.
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Zum Schluss betont Thukydides noch einmal ausdrücklich das persönliche Motiv der Attentäter 13 und stellt die Resultate heraus: die Tyrannis wurde den Athenern nur noch drückender und es wurden viele Bürger hingerichtet, da Hippias sich vor einem erneuten Attentat fürcht ete.
Hippias regierte darauf noch drei Jahre und verlor seine Herrschaft im vierten Jahr durch die Lakedaimonier und die verbannten Alkmeoniden, die ihn und seine Familie in die Verba nnung schickten 14 .
Im Gegensatz zu Thukydides vertritt Aristoteles die Meinung, dass sich Hippias und Hippa rchos die Macht geteilt hätten, Hippias jedoch derjenige war, der das Sagen gehabt habe 15 . Zudem tritt bei Aristoteles nicht Hipparchos als verschmähter Liebhaber auf, sondern sein Bruder Thessalos. Dieser war in seiner Lebensweise frech und übermütig und viel jünger als Hippias und Hipparchos (AP 18,2). Hier berichtet Aristoteles folgendes:
Er [Thessalos] verliebte sich nämlich in Harmodios und wurde abgewiesen, konnte aber seinen Zorn nicht überwinden, sondern zeigte ihn auf beleidigendste Weise und zum Schlusse darin, dass er dessen Schwester, die an der Panathenaienproze ssion mitwirken sollte, daran hinderte, und erst noch den Harmodios als Weichling beschimpfte. Das reizte Harmodios und Aristogeiton zur Tat auf, und mit ihnen taten sich viele andere zusammen. (AP 18,2)
In diesem Bericht ist es also Thessalos, der die Schwester des Harmodios daran hindert, an dem Festumzug als Korbträgerin mitzuwirken.
Darüber hinaus bezeichnete er Harmodios als Weichling, ein Detail, was bei Thukydides überhaupt nicht vorkommt. Im Widerspruch zu Thukydides’ Bericht, in dem die Zahl der Ve rschwörer klein war (um das persönliche Motiv zu unterstreichen), sind es nun hier bei Arist oteles viele 16 (was das politische Motiv unterstreichen soll).
13 VI 59,1: „Auf diese Weise war bei Harmodios und Aristogeiton ein Liebesverdruss der Ursprung des Anschlags und kam ihr dumm-tolles Zuschlagen aus dem Augenblicksschreck.“
14 Zum Sturz der Tyrannis durch die Lakedaimonier siehe Hdt. V 64 f.
15 AP 18,1: Herren über den Staat waren nun ihrem Rang und ihrem Alter gemäß Hippa rchos und Hippias; Hippias war der ältere und politisch begabtere und kluge und regierte.“ Vgl. auch AP 17,3.
16 Fitzgerald weist hier auf eine Unstimmigkeit in der Erzählung des Aristoteles hin: die kurze Zeit („a couple of days at the most“) zwischen der Beleidigung des Hipparchos und dem Beginn des Festzugs. ,,Would it not have been difficult to form a conspiracy on such a short notice, especially if many were to participate?‘‘ Hätte Thess alos die Schwester des Harmodios am Tag der Panathenaien beleidigt, wäre Aristogeiton und Harmodios überhaupt keine Zeit geblieben Mitverschwörer zu finden.
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Hier befand sich Hippias auch nicht auf dem Töpfermarkt (VI 57,1), sondern auf der Akropolis (AP 18,3), während Hipparchos den Zug am Leokoreion ordnete 17 (AP 18,3). Aristogeiton und Harmodios lauerten gerade dem Hippias auf, als sie sahen, wie einer der Mitverschwörer sich freundlich mit Hippias unterhielt und hielten sich für verraten.
„Sie begaben sich also zur Stadt, warteten die übrigen gar nicht ab, sondern töteten den Hi pparchos, als er den Festzug beim Leokoreion organisierte, und verdarben damit das ganze 18 Unternehmen.“ (AP 18,3) Harmodios wurde auf der Stelle getötet, Aristogeiton erst später, nachdem er gefasst und lange Zeit gefoltert wurde. Aristogeiton beschuldigte unter Folter viele Freunde der Tyrannen, „denn sie konnten zunächst keine Spuren der Verschwörung feststellen; die Erzählung, dass Hippias die Teilnehmer der Prozession entwaffnen ließ, und dabei jene feststellte, die Dolche trugen, ist unrichtig, weil man damals die Prozession gar nicht mit Waffen beging; diese Sitte führte erst später die Demokratie ein.“ (AP 18,4) Hier richtet sich Aristoteles implizit gegen die Auffassung Thukydides’ (VI 58 f.), dass die Festzugsteilnehmer Waffen getragen hätten und dass Hippias sie entwaffnen lassen habe, um die Ve rschwörer als diejenigen zu identifizieren, die noch Dolche trugen. Sollte es sich herausstellen, dass Aristoteles Recht hat und die Teilnehmer des Umzuges nicht bewaffnet waren, wird das Argument des Thukydides für den Aufschub der Rache bis zu den Panathenaien hinfällig. Diesen Zeitpunkt hatten sie ja ausgewählt, weil sie erstens in der Menschenmasse nicht auffallen würden (VI 56,1) und zweitens hofften, dass ein Großteil der Bevölkerung sich dem Aufstand anschließen würde (VI 56,3). Außerdem würde die Entwaffnung durch Hippias (VI 58,1) hinfä llig werden, wenn man Aristoteles glaubt. Ob die Festzugteilnehmer nun bewaffnet waren oder nicht ist in der Forschung umstritten. Loretana de Libero zum Beispiel spricht sich für die Version des Thukydides aus 19 . Auch Fitzgerald spricht sich für eine Bewaffnung aus.
H. Berve jedoch stimmt Aristoteles zu, er begründet dies damit, dass ein bewaffneter Umzug eher dem Denken der Polis im 5.Jh.v.Chr. entspräche. Ihn erinnere die Entwaffnung des Hi ppias eher an die Entwaffnung der Bürgerschaft durch Peisistratos, und schlussfolgert daraus, dass es sich hier um eine Doublette handeln könnte, „bei der jedoch nicht die Maßnahme des Hippias, sondern das Verfahren des Vaters als historisch anzusehen ist.“ (Bd. 2, S. 559)
17 Die Frage nach dem Standort der beiden Tyrannen ist nicht eindeutig zu klären, jedoch spricht sich L. de Lor etana für die Version des Aristoteles aus.
18 Ein Hinweis darauf, dass Hippias und Hipparchos getötet werden sollten.
19 „Der logisch durchdachten Darstellung des Thukydides ist aber m.E. der Vorzug zu geben, da in einer Menge bewaffneter Prozessionsteilnehmer die ebenfalls bewaffneten Attentäter nicht auffielen und die Chance eines allgemeinen Aufstandes in dieser Situation am größten war.“ (L. de Libero, S.132, Anmerkung 516).
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Bei all diesen Begründungen bleibt trotzdem eine Frage offen: Wenn die Prozessionsteilne hmer nicht bewaffnet waren, warum suchten sich die Attentäter dann gerade das Fest der Pa nathenaien für ihren Plan aus? Wäre es nicht an diesem Tag besonders auffällig gewesen mit einem Dolch durch die Straßen zu spazieren und wäre die Chance an solch einem Fest tag gefasst zu werden nicht viel größer gewesen? Vielleicht bestünde ja doch die Möglichkeit, dass die Beleidigung des Harmodios und die seiner Schwester am gleichen Tag stattfanden wie das Attentat. Dann wäre der Mord eine spontane Racheaktion auf die Beleidigung des Harmodios und seiner Schwester gewesen. In diesem Fall wäre das Motiv eindeutig persönlich gewesen. Diese Möglichkeit würde jedoch der Aussage des Aristoteles widersprechen, denn dieser behauptet ja, dass Aristogeiton und Harmodios die Tat unter Beteiligung „vieler“ begehen wollten. Da es aber einfach nicht möglich ist, innerhalb so kurzer Zeit so viele Menschen zu sa mmeln, bleibt immer noch die Frage offen, warum die Attentäter sich ausgerechnet einen so hohen Festtag auswählten.
Aristoteles und Thukydides stimmen jedoch in dem Punkt überein, dass die Tyrannis nach dem Attentat drückender wurde: „Nach diesen Ereignissen wurde die Tyrannis viel härter. Denn um den Bruder zu rächen, und weil er viele hatte hinrichten und verbannen lassen, wu rde Hippias allen gegenüber misstrauisch und böse.“ (AP 19,1) 20 Im vierten Jahr 21 nach dem Tode des Hipparchos wurde Hippias durch den Spartanerkönig Kleomenes aus dem Land getrieben. (AP 19,2)
20 Vgl. Hdt. V 62.
21 Vgl Hdt. V 55: „Nach seinem Tode dauerte die Tyrannenherrschaft in Athen noch vier Jahre lang an und war drückender als vorher.“
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3. Schluss
In wesentlichen Aspekten stimmen die Berichte von Thukydides und Aristoteles nicht überein, was es auch so schwierig macht den Hergang des Attentats genau zu rekonstruieren. Die Frage nach der Bewaffnung der Prozessionsteilnehmer wird von Thukydides bejaht, von Aristoteles jedoch abgelehnt. Genauso verhält es sich mit der Entwaffnung durch Hippias. An dieser Stelle ist leider zu keinem befriedigenden Ergebnis zu kommen. Wahrscheinlicher, weil in sich einfach logischer, ist die Ausführung des Thukydides. Erstens, weil das Tragen von Dolchen an solch einem bewaffneten Festzug nicht so sehr auffiel und zweitens, weil die Attentäter ja darauf hofften, die Bürger würden sich ihnen anschließen. Bei dem zweiten Punkt würde sich allerdings die Frage aufdrängen, warum die Bürger sich so einer (laut Thukydides) unpolitischen Aktion anschließen sollten 22 . Würde man sich auf die Seite von Aristoteles stellen wollen, müsste man sich wieder der unbeantworteten Frage stellen, warum Harmodios und Aristogeiton sich ausgerechnet die Panathenaien aussuchten, wo niemand, au ßer der Leibwache, bewaffnet sein würde.
Während bei Thukydides Hipparchos der verschmähte Liebhaber ist und eine kleine Gruppe 23 zu dem Kreis der Verschwörer gehört, ist bei Aristoteles Thessalos der Übeltäter und es ist von einer großen Gruppe von Verschwörern die Rede. Auch stimmen die Aufent-haltsorte von Hippias und Hipparchos in den beiden Berichten nicht überein. Ebenfalls ein wesentlicher Aspekt, in dem sich die beiden Autoren widersprechen, ist der, dass Thukydides darauf besteht, dass Hippias der Tyrann war, während Aristoteles davon ausgeht, dass sich Hippias und Hipparchos die Macht teilten.
Für Thukydides ist dieses Argument insofern sehr wichtig, da es für ihn der Beweis ist, dass Hipparchos’ Mord aus persönlichen Gründen geschah. Es wurde jedoch bewiesen, dass Thukydides es in seinen Ausführungen nicht geschafft hat zu belegen, dass Hippias der Tyrann war, vielmehr hat er selbst aufgeführt, dass Hipparchos auch eine gewisse Macht besaß. Auch das Argument, dass Hippias die Tyrannis nur weiterführen konnte, weil er der Tyrann war, kann dadurch widerlegt werden, dass er dies auch hätte tun können, wenn er die Macht mit Hipparchos geteilt hätte.
22 Die Frage, warum die Bevölkerung sich gegen die Tyrannis auflehnen sollte, stellt sich prinzipiell. Thukydides ging einfach davon aus, jedoch ist nie die Rede von Unruhen bei den Bürgern.
23 Gerade weil es so eine persönliche Verschwörung war, so Thukydides, waren es wenige die teilnahmen und gerade weil so wenige teilnahmen, sollte es an den Panathenaien geschehen.
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In einem Punkt jedoch sind Aristoteles und Thukydides sich einig: Hipparchos und Hippias sollten umgebracht werden, keinesfalls nur einer von beiden. Hierin sieht H. Berve ein polit isches Motiv: „Darüber hinaus gedachten die Attentäter auch Hippias zu töten und somit den Sturz der Tyrannis herbeizuführen. Dieses politische Motiv tritt bei Aristoteles, […] deutlicher hervor als bei Thukydides“ (Bd. 1, S. 68). Dieses Argument ist aber insofern nicht übe rzeugend, als dann kein Motiv mehr für den Mord an Hippias besteht. Sollte Hipparchos aus persönlichen Motiven (Eifersucht, Rache) ermordet werden und Hippias zum Beispiel aus Furcht, dann ist hier kein politisches Motiv zu finden. Somit wären lediglich die Folgen des Attentats politisch, nicht jedoch der Grund.
Das scheinbar viel stärkere Argument für ein politisches Motiv wird von VI 56,3 dargestellt: „Sie [Aristogeiton und Harmodios] hofften, wenn nur einige noch so wenige das Wagnis begönnen, würden auch die Uneingeweihten, aus dem Augenblick heraus - sie hätten ja Waffen - zu ihrer eigenen Befreiung helfen wollten.“ Hier ist nun von einer Befreiung die Rede, daher stellt sich nun die Frage, wer von wem befreit werden sollte. Die Athener von den Tyra nnen oder die Attentäter (vor allem Harmodios) von den Tyrannen. Die erste Möglichkeit ist in diesem Fall wohl möglicher, weil sie logischer erscheint 24 . Damit hätte man dann wieder ein politisches Motiv für die Tat. Aber es könnte doch auch ein Plan, der zum Ziel hatte die Tyrannis zu stürzen, einem persönlichen Motiv zugrunde liegen. Wollten Aristogeiton und Ha rmodios die Tyrannis wirklich aus Eifersucht und Rache stürzen und nicht deshalb, weil sie die Tyrannis ablehnten, hätte man ein persönliches Motiv für die Tat, das politische Folgen hatte. Somit hätte Thukydides lediglich den Nachweis gebracht, welcher Natur das Motiv war, nä mlich persönlicher. Schließlich gibt es zwei persönliche Motive für das Attentat 25 . Erstens die Eifersucht des Aristogeiton und zweitens, was schließlich maßgeblich war, die Beleidigung der Schwester des Harmodios.
24 Selbst wenn man von der zweiten Möglichkeit ausginge würde das nichts daran ändern, dass Harmodios und Aristogeiton die Tyrannen beseitigen wollten, was Thukydides abstreitet.
25 Trotz aller Schwächen in Thukydides’ Argumentation hat er trotzdem glaubhaft gemacht, dass Eifersucht und
Rache die Hauptmotive waren. (VI 54,3 / VI 56,2 / VI 57,3). Bei Thukydides wird die Tat logischer, w eil er die Motive verständlicher wirken lässt als Aristoteles.
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4. Quellenverzeichnis Aristoteles Athenaion politeia, übs. von O. Gigon, Zürich 1955.
Herodot Historien, hrsg. von H. W. Haussig, Stuttgart 1971.
Thukydides Peloponnesischer Krieg, übs. von August Horneffer , Zürich³ 1981.
5. Literaturverzeichnis
Berve, H . Die Tyrannis bei den Griechen, 1. und 2. Band, München 1967
De Libero, L. Die archaische Tyrannis, Stuttgart 1996.
Fitzgerald, Th. R. The Murder of Hipparchus: A Reply, in: Historia 6 (1957), S. 275-286.
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Arbeit zitieren:
Stefanie Wissel, 2004, Der Sturz der Tyrannis in Athen, München, GRIN Verlag GmbH
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