völlig zutreffend, als Behinderung der Verwertungsinteressen ihres Kapitals anprangern: Alle soziale, rechtlichen und natürlichen Behinderungen, so ihre Devise, und alle mehr oder weniger unvollkommenen und unwilligen Menschen, die der maximalen Kapitalausnutzung entgegenstehen, in für sie inakzeptabel. Diese neoliberale Grundhaltung - und nicht so sehr die ethisch fragwürdige gentechnologische Entwicklungscheint mir der eigentliche Kern des Akzeptanzproblems zu sein, dem sich behinderte Menschen in unserer Gesellschaft ausgesetzt sehen. Doch zugleich liegt darin auch der Beginn einer produktiven Verarbeitung Denn wer kann selbst als leitender Angestellter sicher sein, dass er nicht morgen schon zu den Überflüssigen zählt?
>Auf der (gesellschaftlichen) Intensivstation<
Kein Politiker traut sich zu sagen, dass die derzeitige Hochleistungsmedizin nicht mehr finanziert werden kann. Diese Medizin ist das Ergebnis eines fragwürdigen Fortschritts und mehr noch: Jede Art von Vorsorge und Heilung erzeugt schließlich eine immer größer werdende Anzahl von Menschen, die in immer höherem Alter erst recht medikamentöser Zuwendung bedürftig sind. Medizinisches Handeln, das ethisch voll gerechtfertigt und für den Einzelfall vertretbar erscheint, verstößt zugleich gegen ein anderes, höheres Prinzip, nach welchem die Lebenszeit des Menschen begrenzt ist und das Hinausschieben dieser Grenzen nicht beliebig fortgesetzt werden kann, bei Strafe des Zusammenbruchs der Gesellschaft. Wenn wir uns aber ernsthaft diesem tragischen Widerspruch nähern wollen, so dürfen vor unserem inneren Auge, so meine ich, nicht nur medizinische Extremsituationen und Intensivmedizin auftauchen. Denn gesellschaftlich gesehen geht es kaum um diese Ausnahmesituationen, sondern um unsere völlig überzogenen Forderungen an die Gesundheit im ganz normalen Alltag.
Was ist, fragte kürzlich der Wissenschaftsjournalist Reinhard Lassek, in einem Essay über Gesundheit als Religion, wenn unsere wesentlichen Beschäftigungen nur noch auf Erhalt und Steigerung unserer Fitness ausgerichtet sind? Dann müßten wir erkennen, dass wir in einer absurden Zeit leben, die ausgerechnet etwas so Zerbrechliches wie Gesundheit zum allerhöchsten Gut erklärt. Gesundheit, so formulierte einst Friedrich Nietzsche, ist dasjenige Maß an Krankheit, das mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen. Ein Satz, der speziell allen behinderten und chronisch kranken Menschen wie mir aus der Seele gesprochen ist. Mehr noch: Genau wie viele behinderte Menschen schon heute darauf bestehen, dass ihre Behinderung nicht (einfach) eine wegzutherapierende Größe, sondern ein wichtiger Teil ihres Lebens, so wird unsere Gesellschaft (um ihrer ökonomischen, aber vor allem um ihrer generationsspezifischen Stabilität willen) damit leben lernen müssen, dass nicht jedes Kranksein und nicht jedes Alteswehwehchen von unserer Hochleistungsmedizin wegtherapiert werden kann und darf - sondern dass es mit ihm (möglichst freundlich) zusammenzuleben gilt.
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Walter Grode, 2002, Die neuen Herren der Schöpfung. Gentechnik und Gesundheit, München, GRIN Verlag GmbH
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