Was will die folgende Arbeit
Folgende Hausarbeit ist aufgrund eines Seminars mit dem Titel „Grammatikalisierung“ bei Prof.Dr.Reh, der ich für einschlägige Tipps danken möchte, im Sommersemester 2004 entstanden. Im Seminar wurden die Grundsätze und Phänomene, die als Grammatikalisierung kategorisiert werden diskutiert, also verfolgt diese Arbeit diesen Ansatz in ihrer Untersuchungen. Anhand einzelner Sprachen der tschadischen Sprachfamilie sollen Grammatikalisierungsprozesse im Aspektsystem analysiert werden. Eine Zusammenfassung der analysierten Prozesse soll einen verallgemeinerten Blick auf die Entwicklung des Aspektsystems in tschadischen Sprachen geben, wie sie auch in der Literatur vertreten werden. Die zu analysierenden Daten wurden aus komparativen Arbeiten, Beschreibungen einzelner Sprachen und in der Literatur wiedergegebener Paradigmensets zusammengestellt. Hypothesen und Rekonstruktionen basieren vor allem auf Arbeiten von Jungraithmayr, Wolff, Newmann und Schuh.
1. Grammatikalisierung
1.1. Geschichte der Grammatikalisierungstheorie
Dass eine Sprache sich sowohl aus lexikalischen, als auch aus grammatischen Formen konstituiert, ist in der Geschichte der Sprachwissenschaft ein seit langem erkanntes und bekanntes Phänomen. In der europäischen Wissenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts repräsentieren Wilhelm v. Humboldts Ausführungen über den „Ursprung grammatischer Formen“ (1822) die zeitgenössische Suche nach Typologien von Sprachen. Diese Zeit vertrat die Idee linearer, evolutionärer Stufen in den grammatischen Erscheinungen von Sprachen. Mit Georg v. der Gabelentz’s Ausführungen (1891) erschien erstmals eine Aufstellung von Prinzipien, die für die Entwicklung grammatischer Formen verantwortlich sein sollten. Gabelentz beschrieb die Motivation zur Grammatikalisierung von linguistischen Elementen durch den Konflikt der Sprecher einerseits zu vereinfachenden Artikulationen zu tendieren und andererseits der Notwendigkeit eine Distinktivität verschiedener grammatischer Funktionen zu bewahren. Auf diese Art konnte Gabelentz eine Spirale postulieren, in der sich Sprachveränderungen zyklisch abspielten ohne das Wort „Grammatikalisierung“ als linguistische Kategorie einzuführen. Erst der französische Linguist Meillet (1922) rückte den Prozess der Grammatikalisierung als linguistisches Konzept in den Mittelpunkt seiner Arbeit, um Sprachveränderungen zu erklären. Er erkannte unter dem Begriff „grammaticalization“
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das altbekannte Prinzip der analogen Bildungsweise in Sprachkonstruktionen und eine Transformation grammatischer Morpheme aus lexikalischen Einheiten. Er schreibt:
„these two processes, analogical innovation and the attribution of grammatical character to a previously autonomous word, are the only ones by which new grammatical forms are constituted.“ (S:31)
Bis in die 1970’er hinein blieb die weitere Erforschung von Grammatikalisierungsprozessen in nicht-indoeuropäischen Sprachen weitgehend unbeachtet, bis die Suche nach Universalien im Sprachwandel und das Interesse für diachrone Erklärungsansätze synchroner Spracherscheinungen neu erwachte. Givons Arbeit zur morphologischen Entwicklung in einigen afrikanischen Sprachen (1971, 1979) und Greenbergs vergleichenden Arbeiten zu afrikanischen Sprachen (1966,1978) markieren einen Anfang in der Erforschung dieser Prozesse in afrikanischen Sprachen. Einen historischen Überblick über die Forschungsgeschichte der Grammatikalisierung gibt Lehmann (1982). Einen allgemeinen Überblick über Mechanismen, die Grammatikalisierungsprozessen zugrunde liegen, geben Hopper,Traugott (1983). Motivation und Faktoren einer Grammatikalisierung werden in Heine,Claudi,Hünnemeyer (1984) diskutiert. Eine ausführliche Kategorisierung von Grammatikalisierungsphänomenen anhand afrikanischer Sprachen mit zahlreichen Beispielen findet sich in Heine,Reh (1984).
1.2. Was ist Grammatikalisierung
Grammatikalisierungsprozesse wiederholen sich in Zyklen oder Spiralen (HR:68) und sind in der Regel unidirektional in Richtung eines „mehr an Grammatik und weniger an Semantik/Pragmatik“ eines Morphems und/oder einer Konstruktion (HCH:4). Grammatikalisierung ist ein prozeßhafter Vorgang, der meist als diachrone Entwicklung aufgefasst wird und stellt als solches eine Universalie in Sprachen dar (HCH:4). Sie ist ein Kontinuum, dessen Phänomene als vorübergehend stabile Zustände einer Sprache erscheinen können, die aber auch von graduellem Charakter sind, indem mehrere Funktionen einer Form bzw. mehrere Interpretationsmöglichkeiten einer Form in einer Sprache koexistieren können (HR:15). Den Grad der Grammatikalisierung für eine Einheit kann man an der Menge der Ersetzungsmöglichkeiten für die Einheit an derselben syntaktischen Stelle messen; je weniger Substitutionsmitglieder gleicher Kategorie vorhanden sind, desto grammatischer die Einheit (Reh:im Seminar) Folgende Definitionen geben die Ansätze in der genannten Literatur
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wieder. Heine & Reh definieren Grammatikalisierung als einen Prozess, bei dem eine linguistische Einheit bestimmte Transformationserscheinungen zeigt. „With the term “grammaticalization” we refer essentially to an evolution whereby linguistic units lose in semantic complexity, pragmatic significance, syntactic freedom, and phonetic substance, respectively.” (HR:15)
Traugott & König definieren Grammatikalisierung wesentlich enger, als einen Prozess, bei dem eine lexikalische Einheit die grammatische Funktion erhält alte oder neue Beziehungen zu vercoden.
“Grammaticalization…refers primarily to the dynamic, unidirectional historical process whereby lexical items in the course of time acquire a new status as grammatical, morphosyntactic forms, and in the process come to code relation that either were not coded before or were coded differently” (Traugott,König, zitiert in: HCH:4)
Im Lexikon der Sprachwissenschaft (Bußmann1990) ist folgender Eintrag zu finden: „...Bezeichnung eines Sprachwandelprozesses, in dessen Verlauf eine autonome lexikalische Einheit allmählich die Funktion einer abhängigen grammatischen Kategorie erwirbt. (...). Unter formalen Aspekt tritt ein Verlust an syntaktischer Unabhängigkeit und morphologischer Unterscheidbarkeit von anderen Elementen des gleichen Paradigmas ein; außerdem wird das Vorhandensein des grammatikalisierten Elements mehr und mehr obligatorisch bei gleichzeitig wachsender Abhängigkeit von bzw. phonologischer Anpassung an eine andere (autonome) sprachliche Einheit. Dieser Prozeß [sic] wird begleitet vom allmählichen Schwinden phonologischer Merkmale im segmentalen und suprasegmentalen Bereich, sein absoluter Endpunkt ist in der Regel >>zero phonological content<<“
Diese Definition unterscheidet sich von den zwei vorhergehenden vor allem in der Prämisse, dass der Grammatikalisierung ein Prozess zu Grunde liegt bei dem eine Einheit von einem autonomen Status zu einem abhängigen Status gelangt.
Für die folgende Analyse wird eine Symbiose der Definitionen von (HR) und (HCH) angesetzt, bei der eine Formfunktionseinheit einem Prozess unterliegt, in dessen Verlauf bestimmte Phänomene zu beobachten sind. Eine ausführliche Darstellung der beobachtbaren Phänomene, die die Grammatikalisierung einer Einheiten konstituieren, findet sich in Heine,Reh (:67) „Thus, the more grammaticalization processes a given linguistic unit undergoes,
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(1) the more does it lose in semantic complexity, functional significance and/or expressive value;
(2) the more is the number of members belonging to the same category or paradigmatic set reduced (…);
(3) the more does it lose in pragmatic significance and gain in syntactic significance;
(4) the more does its syntactic variability decrease, i.e., the more does its position within the clause become fixed;
(5) the smaller is the number of other linguistic units combining with it; (6) the more does its use become obligatory in certain contexts and ungrammatical in others;
(7) the more does it coalesce phonetically, morphosyntactically and semantically with other units;
(8) the more does it lose in phonological substance; (9) the more is its morphophonological status affected by the following evolution: allophony > allomorphy > suppletion.”
1.3. Einführung in das Thema dieser Arbeit
Erstmals hat Klingenheben in seiner Arbeit „Die Tempora Westafrikas und die semitischen Tempora„ (1929) eine Beschreibung des Aspektsystems oder „Aktionsarten“ in der damals noch hamitisch genannten Sprachfamilie anhand der Hausa-Sprache vorgestellt. Seitdem sind viele Artikel erschienen, die verschiedene Punkte der verbalen und verbonominalen Paradigmen in verschiedenen tschadischen Sprachen vergleichen, und versuchen eine historische Kontinuität der heute beobachtbaren Formen und Funktionen herzustellen. Dabei sind mehrere kontroverse Interpretationen aufgetreten, die in erster Linie die Genese heutiger Formen der Aspektmarkierung betreffen, außerdem die Vielfalt der beobachtbaren morphophonologischen Formen und Funktionen der einzelnen Paradigmen und ihre historische Rekonstruktion und Herleitung. Das Hausa nimmt dabei eine Sonderstellung ein, nicht nur was seine Konstruktion der einzelnen Paradigmen betrifft, sondern auch bezüglich seiner Stellung der am häufigsten und ausführlichsten beschriebenen Sprache. Zur historischkomparativen Diskussion der verschiedenen Kategorisierungen des Hausaaspektsystems siehe Wolff (1991) Jungraithmayr (1983) und Newmann,Schuh (1974) (siehe aber auch Parson (1965) und Gouffe (1963/66) zur synchronen Beschreibung des Hausa- Verbalsystems).
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In der Rekonstruktion des tschadischen Aspektsystems tritt die erste Kontroverse bei einzelnen Autoren in der Verortung des Grundaspektes und der Rekonstruktion protosprachlicher Kategorien auf. Jungraithmayr (1977a:83,1966b:232) macht im tschadischen System eine grundlegende, binäre Opposition Perfektiv; -i/-e vs. Imperfektiv; -a als rekonstruierbar aus und nimmt eine Ausdifferenzierung des Imperfektiv in 1. Punktualis (inklusive Aorist und Jussiv) und 2. durativ (Progressiv) bei marginaler heutiger Nutzung des Perfektiv an. Entsprechend schreibt er in seinen komparativen Arbeiten von einem historischen Paradigma, dem: „…Aorist-Subjunctive with its mixed Indicative-Mood character [which] still reflects an originally unfolded state of development...“ (1966b:228ff,1968:22), aus dem sich ein narratives und ein modales Paradigma entwickelt hätten. Newmann,Schuh (1974:7) stimmen in ihren Analysen Jungraithmayr zu, rekonstruieren allerdings neben der Opposition Perfektiv vs. Imperfektiv zusätzlich zwei unmarkierte Paradigmen; einen Grundaspekt und einen Subjunktiv. Wolff (1984:225:227) lehnt eine aspektuell binäre Opposition für das Prototschadische ab und geht von zwei historischen Verbalstämmen nebst einem nominalem Stamm aus, wobei der modale Verbstamm (Subjunktiv) durch ein Auslaut -i gekennzeichnet gewesen sei. Darüber hinaus nimmt er für das Prototschadische einen Aorist (oder Grundaspekt) an, der neben dem morphologisch markierten Subjunktiv (oder Jussiv) existierte, durch Zero gekennzeichnet war und im Laufe der Entwicklung mit diesem zusammengefallen sei. Und rekonstruiert aufgrund seiner Daten aus dem Biu-Mandara Zweig den Zusammenfall eines verbonominalen Aspektstammes mit einer Pluralstammformation, die beide das Element -a- aufwiesen. Erst aus dieser Entwicklung soll sich laut Wolff ein Imperfektiv-Stamm gebildet haben (1991:173ff:176, 1984:227:228f). Schuh (1976:6-10) rekonstruiert er für das Prototschadische drei distinktive Verbalstämme: einen vokalisch distinktiven, lexikalischen Stamm, einen Subjunktiv-Stamm mit Auslaut -i und einen Imperfektiv-Stamm der Form CaCa und nimmt zumindest für das Daffo an, dass Grundaspekt und Perfektiv “...probably developed from a single proto-form“. Jungraithmayr vergleicht west- und osttschadische Sprachen, Newmann,Schuh vergleichen in der Hauptsache west-tschadische bzw. Plateau-Sahel Sprachen, während Wolff (1984) sich ausdrücklich auf den Biu-Mandara Zweig der tschadischen Sprachen konzentriert. Eine Übergreifende Einschätzung bezüglich des tschadischen Aspektsystems gibt Wolff (1984:226), indem er schreibt:
„The existence of aspect systems in some modern Chadic languages can be explained by, and related to, processes which occured in the linguistic history of
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the individual branches or sub-branches of the family and which are to be treated as post-Proto-Chadic developments.”
Es gibt, neben der kontroversen Rekonstruktion einzelner Aspektoppositionen, einige Übereinstimmungen in der Literatur bezüglich des Aspektsystems in tschadischen Sprachen 1 : Eine Reorganisation des Aspektsystems in der tschadischen Familie 2
- DistinktiveVerbalstämme zur Aspektmarkierung - Partikelzur Aspektmarkierung 3
- Aspektmarkierungam Subjektspronomen - Verbstamm-Markierungist historisch die ältere Form 4
- SegmentaleMarkierung ist älter, als tonale Markierung 5
- DieseMerkmale verteilt Jungraithmayr (1977b) auf vier bis fünf sprachhistorische Schichten. Für eine Einteilung eines kontinuierlich verlaufenden, grammatischen Prozesses 6 , der sich im Aspektsystem der tschadischen Sprachen erkennen lässt 7 , sollen in dieser Arbeit diese Schichten als weiterer Ansatzpunkt dienen. I. Ablaut im Verbalstamm (Bsp.: Daffo (West), Mubi (Ost) II. Auslautopposition (Bsp.: Bole (West), Birgit (Ost)) III. tonale Opposition (Bsp.: Fyer (West), Zime (Ost) IV. keine Verbstamm-Markierung (Bsp.: Tumak (Ost), Sura (West)) V. Suffix -wa am Verbstammm (Bsp.: Hausa (West))
Die von Jungraithmayr und anderen beschriebenen Phänomene betreffen lexikalische, morphophonologische und syntaktische Beziehungen der drei Elemente Verb, Partikel und Pronomen. Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden welche Grammatikalisierungsprozesse in der Entwicklung der Aspektsysteme in der tschadischen Sprachfamilie analysiert werden können. Dabei wird Bezug genommen auf die unter 1.2. ausgeführten Definitionen und Merkmale von Grammatikalisierung.
Im Kapitel II findet sich die tschadische Familie in genetischer Formation wiedergegeben.
1 Nicht jeder der folgenden Punkte betrifft jede Sprache und jedes Paradigma einer Sprache gleichermaßen .
2 Siehe Schuh (1976:2), der sich auf Diakonoffs (1965:13) historische Entwicklungsstufen im Afroasiatischem Vergleich bezieht.
3 Partikel werden im Folgendem nicht behandelt.
4 Siehe Jungraithmayr 1966b anhand komparativer Beispiele, Jungraithmayr (1983:227), NS (1974:5) und Schuh (1976:6).
5 Siehe Wolff 1986(:565) und Wolff 1991(:177) anhand komparativer Beispiele.
6 Die Einteilung der Grammatikalisierungsprozesse auf seinem Kontinuum ist willkürlich. Siehe die Ausführung in HR 1984 (:15).
7 Zu historischen Merkmalen verbaler Konstruktionen im Tschadischen siehe auch Schuh (1976) unten.
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Die Interpretation einzelner morphophonologischer Prozesse findet in Kapitel 3.1. statt. Dort werden einzelne Konstruktionselemente in Hinblick auf Grammatikalisierung kategorisiert. In 3.2. wird eine Zusammenfassung der analysierten Phänomene gegeben und Hypothesen formuliert.
2. Die Unterteilung der tschadische Sprachfamilie
Die heute etablierte Sprachfamilie mit der Bezeichnung Tschadisch umfasst ca. 150 Sprachen. Diese wurden erstmals von Greenberg (1963) in neun Gruppen unterteilt. Newman,Ma (1966), anschließend Hoffmann (1971) und Newman (1972, 1974) fassten diese neun Gruppen in drei Zweige zusammen, die sich wie folgt unterteilen: I. Greenbergs Gruppe 1 mit der von Newman geprägten Bezeichnung Plateau-Sahel, die Jungraithmayrs Westtschadisch entspricht, konstituiert sich aus folgenden Sprachen:
(1.) (a) Hausa, Gwandara, (b) Ngizim, Mober, Auyokawa, Shirawa, Bede, (c) (i) Warjawa, Afawa, Diryawa, Miyawa, Sirawa, (ii) Gezawa, Seiyawa, Barawa of Dass, (d) (i) Bolewa, Karekare, Ngamo, Gerawa, Gerumawa, Kirifawa, Dera (Kanakuru), Tangale, Pia, Pero, Chongee, (ii) Angas, Ankwe, Bwol, Chip, Dimuk, Goram, Jorto, Kwolla, Miriam, Montol, Sura, Tal, gerka, (iii) (Ron Gruppe:) 8 Scha Kulere, Fyer, Bokkos, Daffo.
II. Greenbergs Gruppen 2 bis 8, die von Newman Biu-Mandara, genannt werden Konstituieren sich aus folgenden Sprachen:
(2. Kotoko group) Logone, Ngala, Buduma, Kuri, Gulfei, Affade, Shoe, Kuseri, (3. Bata-Margi group) (a) Bachama, Demsa, Gudo, malabu, Njei (Kobochi, Nzangi, Zany), Zumu (Jimo), Holma, Kapsiki, Baza, Hiji, Gude (Cheke), fali of Mubi, fali of Kiria, Fali of Jilbu, Margi, Chibak, Kilba, Sukur, Vizik, Vemgo, Woga, Tur, Bura, Pabir, Podokwo, (b) Gabin, Tera, Jera, Hinna (Hina), (4.) Hina, Daba, Musgoi, Gauar, (b) Gisiga, Balda, Muturua, Mofu, Matakam, (5.) Gidder, (6.) Mandara, Gamergu, (7.) Musgu, (8.) Bana, Banana (Masa), Lame, Kulung.
III. Greenbergs Gruppe neun, die von Newman Osttschadisch oder Kelo-Telfan genannt wird konstituiert sich aus folgenden Sprachen:
(9.) (a) Somrai, Tumak, Ndam, Miltu, Sarwa, Gulei (b) Gabere, Chiri, Dormo, Nangire, (c) Sokoro, (Bedanga), Barein, (d) Modgel, (e) Tuburi, (f) Mubi, Karbo.
8 Siehe Jungraithmayr 1966a.
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Jungraithmayr gibt eine weitere Unterteilung der osttschadischen Sprachen (1987:49):
Südlicher Zweig: Kwang-Kera, Lai, Sumray
Nördlicher Zweig: (i) Sokoro, (ii) Dangla, Bidiya, Migama, (iii)Mokilko, (iv) Mubi -Toram
Viele dieser Sprachen wurden seitdem von verschiedenen Autoren beschrieben. Allgemeine Beschreibungen finden sich für das Sura: Jungraithmayr (1963), das Miya: Schuh (1998), das Chip, Montol, Gerka und Burrum: Jungraithmayr (1964), das Ron Daffo: Seibert (1998), das Kanakuru: Newman (1974), die Bole-Tangale Sprachen: Schuh (1978), das Bidiya: Voigt (1988), die Kotoko Gruppe: Lukas,Meyer-Bahlburg (1980). Aspektsysteme und/oder Pronomen werden in der Literatur unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt. Einen Überblick über verschiedene Konjugationsformen für fünfzehn Sprachen mit Schwerpunkt Plateau-Sahel gibt Jungraithmayr (1975), die Bildung der Aspektstämme für Ron Sprachen vergleicht Jungraithmayr (1966a), einen Vergleich der Aspektsysteme für das Hausa, Angas und die Ron Sprachen finden sich in Jungraithmayr (1968) und einen Vergleich des Mubi und Bidiya gibt Jungraithmayr (1987). Tonalität im Aspektsystem untersucht für die Zime-Mesme Gruppe Wolff (1983), im Dangaleat Wolff (1986) und im Tangale Kidda-Awak (1995). Personalpronomen in siebenundzwanzig tschadischen Sprachen listet Blazek (1995) auf und Pronomenparadigmen im Bolanci beschreibt Lukas (1970). Eine Analyse der Verbstämme im Mokulu und Migama findet sich in Jungraithmayr (1977a). Ein diachroner Fokus findet sich in Jungraithmayr (1966b), (1977), (1983) Wolff (1983), (1984), (1991), Schuh (1976) und Newman&Schuh (1974). 9
3. Grammatikalisierungsphänomene im Aspektsystem
3.1. Diachrone Entwicklung der Aspektmarkierung
Ohne die kontroversen Rekonstruktionen des tschadischen Aspektsystems an dieser Stelle diskutieren zu können, soll die Gemeinsamkeit festgehalten werden, dass Aspekt im *P-Tschadischen historisch am Vokalismus des Verb markiert wurde (s.o.1.3.). Darüber hinaus rekonstruiert Schuh (1976:6) präfigierte, strukturell gleichförmige *P-Subjektspronomen, während sich in der Literatur aktuelle Beispiele für tonale Aspektmarkierung am Pronomen finden.
9 Diese Auflistung erhebt in keinem Fall den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern zeigt nur einen Ausschnitt der bis dato erschienenen Literatur.
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Aus Grammatikalisierungssicht sind mehrere Phänomene zu kommentieren: 1. der Verlust der (aspektuell) segmentalen Distinktivität der Verbstämme, 2. eine Grammatikalisierung der Verbstammtonalität, 3. eine Grammatikalisierung des Subjektpronomens und 4. eine syntaktische Verschiebung der Aspektmarkierung nach links.
3.1.1. Segmentale Distinktivität der Verbstämme
Im Folgenden soll der Vokalismus des Verbstamms analysiert werden. In tschadischen Sprachen sei segmentale Markierung der Aspekte am Verb auf das afroasiatische Erbe zurückzuführen (Jungraithmayr1977a, 1968:20, Schuh1976:9), indem die beiden Bedeutungskomponenten Handlung und Struktur der Handlung wahrscheinlich komplementär auf Konsonanten und Vokale verteilt gewesen seien (Schuh1976:13). In der Analyse der Vokalismus der Verben im Mokulu und Migama (Osttschadisch) unterscheidet Jungraithmayr (1977a) zwei in der Vokalqualität distinktive Aspektstämme mit den Zentren: 1.
I (U)
für perfektivisch und 2.
A (O)
für imperfektivisch. Diese verbinterne Form der Aspektmarkierung ordnet Jungraithmayr seiner ersten oder ältesten historischen Sprachstufe in der tschadischen Sprachfamilie zu (s.o.1.3.). Beispiel für das: Migama:
1. gi! ze$ 2. ka! za$ ’i!
'i$ $
na!
’u! u! ne$
Schuh (1978) zeigt in seiner Beschreibung der Bole-Tangale Gruppe (Westtschadisch), dass das Gera und Galambu, neben tonal distinktiven lexikalischen Verbklassen, ein distinktiv am Verbstamm auslautendes -i in modalen Konstruktionen aufweisen: Galambu: Perfektiv: na$ ma! z-a$ ala! I shoot
Wolff (1991) vergleicht die Aspektmarkierung in mehreren westtschadischen Sprachen. Das Ngizim (und Bole) unterscheidet demnach einen seiner modalen Konstruktionen (1st subjunctive) von indikativen Konstruktionen durch Auslautopposition am Verbstamm:
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lexikalisches /-A/ vs. Subjunktiv-Suffix -i/-e 10 .
Ngizim: Perfektiv: na! ra$ wa! -w I run
Newman’s Monographie zum Kanakuru (Westtschadisch) (1974) zeigt, dass alle verbalen Konstruktionen auf -i oder -e auslauten. Verbstämme, die auf -i auslauten reduzieren den Auslautvokal unter Beibehaltung des Silbentones, wenn sie syntaktisch in nicht-finaler Position stehen (Apokope) 11 .
Kanakuru: a$ shi$ ri! he stole it
Jungraithmayr (1968:19ff) zeigt in einem Vergleich der Aspektstämme, dass das Angas und das Hausa (Westtschadisch) einen unveränderlichen Verbstamm 13 aufweisen. Im Hausa lauten alle Verben aspektunabhängig auf -a, -e oder -o aus. Wolff (1991b:96) führt an anderer Stelle aus:
„Not all verbs operate their etymologically simplest form (...) any longer in the language but are being used in one of their derived stems instead. Thus the verb taaraa$ ”collect” (…) is not a simple H-L stem ending in -a(a) (…) but rather an
extended “applicative” stem derived (by suffixation) from a basic H-L i-stem [*taari] (cf. the “irregular” verbs of same shape like taashi “rise”, barii “let, leave” etc. (…))”
10 Zusätzlich zum tonal markierten 2 nd subjunctive .(s.u. 3.1.3.)
11 Das Kanakuru zeigt neben distinktiven Pronomen Sets zwei grammatische Tonmuster am Verb, die perfektiv von nicht-perfektiv trennen.
12 Das Kanakuru kennt eine zweite Subjunktiv Form, die obligatorisch mit einem Partikel und Tieftonmuster am Verbstamm (ebd.:48)
13 Beide Sprachen zeigen eine tonale Markierung der präfigierten Subjektspronomen.
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Die Funktionen der vokalischen Segmente und die beschriebenen Veränderungsprozesse der Verbstämme in den einzelnen Sprachen, von internen, vokalischen Veränderungen über Auslautmarkierungen bis zur segmentalen Stabilität des Verbstammes in allen verbalen Aspektparadigmen, lassen sich wie folgt zusammenfassen.
In der Tabelle erkennt man eine Abnahme der grammatischen Bedeutung der Vokalismus von oben nach unten, mit dem „Mischzustand“ im Galambu und Ngizim. Wenn man die verschiedenen Prozesse im Verbstamm entsprechend den historischen Sprachschichten Jungraithmayrs (s.o.1.3.) als sprachübergreifende Tendenzen in der tschadischen Sprachfamilie begreift, und wenn man der These folgt, dass der vokalische Anteil der Verbstämme das historisch ältere, grammatische Element des Verbs sei, dann manifestierten sich ursprünglich zwei Bedeutungen am segmentalen Verbstamm: 1. ein lexikalisches Handlungskonzept und 2. eine im Vokalismus vercodete Aussage über die Art des Handlungsablaufes (Aspekt), wie es noch heute in Migama und Mokulu zu finden ist. In anderen Sprachen wie dem Galambu beschränken sich die grammatischen, vokalischen Bestandteile der Verbstämme auf die Auslautposition. In einigen Sprachen, wie dem Ngizim vercoded der verbale Vokalismus nur noch einen Teilbereich der modalen Oppositionen im Aspektsystem. In anderen Sprachen, wie dem Kanakuru, Hausa und Angas generalisierte sich ein bestimmtes vokalisches Muster für Verben in allen Aspekten. Wie lassen sich die verschiedenen Funktionen der Vokalsequenzen in den Verbstämmen in der tschadischen Sprachfamilie unter Grammatikalisierungsgesichtspunkten beschreiben und welche Schlüsse können bezüglich des Grammatikalisierungsgrades der Verben geschlossen werden?
(a) Laut den Definitionen von Grammatikalisierung handelt es sich bei den beschriebenen Prozessen, nämlich der stetigen Abnahme an funktionalem Gehalt der vokalischen Verbsegmente, nicht um Grammatikalisierung, weil mit dem Vokalismus des Verbstammes tendenziell weder eine alte Funktion auf neue Weise, noch eine neue Funktion vercoded wird.
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(b) Grammatikalisierungsmerkmale:
Sprachübergreifend könnte man eine „Simplifikation“ des vokalisch distinktiven Aspekt-Paradigmas oder die Tendenz einer „Generalisierung“ eines verbalen Vokalmusters unter Verlust der Distinktivität der Verbstämme annehmen (Kanakuru), mit dem letztendlichen „loss“ der grammatischen Funktion der vokalischen Segmente (Hausa, Angas). Der Verlust der Distinktivität der Verbstämme bedeutet eine Vermehrung der Mitglieder gleicher Kategorie. Übrig bleibt der lexikalische Gehalt des Verbs. Dementsprechend treffen keines der unter 1.2. aufgeführten Merkmale einer Grammatikalisierung, wie Reduktion der Mitglieder gleicher Kategorie und segmentale Restriktion je nach Aspekt auf die Verbstämme zu. Im Gegenteil, wie zu erwarten erhöht sich die Zahl möglicher Vokalmuster, die in einer Sprache in einem Aspektparadigma auftauchen dürfen (z.B. im unmarkierten Subjunktiv Verbstamm des Kanakuru, oder Hausa) Es gibt mit anderen Worten weniger Restriktionen bezüglich der Vokalmuster. Auch größere vokalische Kombinationsmöglichkeiten innerhalb eines Verbstammes würde unter diesen Umständen zu erwarten sein, was linguistisch nachzuweisen wäre 14 . (c) Ergebnis:
Die Entwicklung des Vokalismus des Verbstammes kann nicht als Grammatikalisierung kategorisiert werden. Aber wenn der Grammatikalisierungsgrad einer Einheit an der relativen Menge der Mitglieder gleicher Kategorie gemessen werden kann und vokalische Restriktionen je nach Aspekt abnehmen, könnte man unter diesen Umständen von einer Tendenz zur Lexikalisierung oder Degrammatikalisierung der segmentalen Bestandteile des Verbstammes in der tschadischen Sprachfamilie sprechen? Und wäre dies ein Gegenbeispiel für die Unidirektionalität des Grammatikalisierungszyklus eines Elements, nämlich Vokalismus.
3.1.2. Der Ton des Verbstamms
Im folgendem soll die Funktion des Tones des Verbstammes analysiert werden. Wolff (1987) beschreibt für die Zime-Dialekte (Osttschadisch) die morphophonologisch bedingte Transformation lexikalischer Verbstamm-Töne zu einer aspektsensitiven tonalen Distinktivität am Verbstamm. Ein grammatisches Perfektiv-Tiefton-Suffix bekleidet zunächst eine syntaktische Position rechts vom Verbstamm und wirkt dabei nach rechts auf folgende Nomen (floating) 15 . Dieser Einfluss ist unter anderem im Tchimiang-Dialekt zu sehen, wenn ein
14 Vergleiche die Auszählung und Systematisierung für das Mokulu und Migama in Jungraithmayr 1977a.
15 Schuh (1978:67ff) beschreibt für das westtschadische Galambu tonale Assimilationserscheinungen, indem pronominale Direkte und Indirekte Objekte zwischen Verbstamm und postverbalem Perfektiv-Suffix treten und dabei sowohl tonal distinktive Verbklassen neutralisieren, als auch den Ton des rechts von ihm liegenden
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eigentlich hochtoniges direktes Objekt dem Verb im Perfektiv folgt und durch Assimilation mit dem Tiefton-Suffix mitteltonig erscheint: Tchimiang “basic stem” na ti! ke! rfe! I eat fish
“Perfective” na ta! kerfe ti$ na ta! ke! rfe! ti$ I ate fish (Wolff 1987:480)
Durch verschiedene morphophonologische Prozesse wie Dissimilation, Substitution bzw. Verschmelzung 16 mit dem Ton des Verbstammes, assoziiert sich das Tiefton-Suffix nach links und ist nur noch mit dem Verbstamm verbunden. In folgenden Dialekten sind einige dieser Prozesse „noch“ aktiv [nicht markierte Töne sind mitteltonig): pu! m + low = *pu^ m pum merger Tchimiang
pu! m + low = *pu^ m pu$ m delition Mesme
gi$ r + low = *gi! r $ gi^ ^ r gir dissimilation and merger (Wolff 1987:481) Pala-houa
Durch diese Prozesse wird die syntaktische Stelle des Suffix frei und der Ton des Verbstammes wird wie im Mesme als grammatisches Markierungselement des Perfektiv neu interpretiert. Mesme „basic“ na tu! m-u! I beat you
“perfective” na tu$ m-u$ I have beaten you (Wolff 1987:481)
Wolff (:482) schreibt:
„...in the “perfective” formation, the tone of the lexical verb stem becomes umlauted by the tone of the [tonal] “perfective” suffix which itself, in a second step, becomes deleted (…). After these two steps, the original function of the suffix is now shifted to the “umlaut” tone [of the verb stem] (which originally is a product of straightforward assimilation).”
Dem folgend kann die Entwicklung der distinktiven Verbstämme in den Zime-Dialekten schematisch wie folgt rekonstruiert werden:
Perfektivmorphems konditionieren. Das Gera hingegen (:100ff) zeigt zwar dieselbe syntaktische Bildungsweise,
aber ein stabiler Verbton konditioniert den Ton der pronominalen Objekte.
16 Je nach Einzelsprache.
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Die zweite Stufe der Tabelle zeigt eine aspektsensitive, tonale Markierung, die der III. Sprachschicht Jungraithmayrs entsprechen würde. Davon ausgehend, dass Töne in einer Sprache eine eigenständige morphophonologische Sequenz konstituieren 18 , sollen nun die
oben in 1.2. wiedergegebenen Merkmale der Grammatikalisierung linguistischer Einheiten überprüft werden.
(a) Dass es sich bei der beschriebenen Entwicklung um Grammatikalisierung von Tönen handelt, kann aufgrund der Definition von Traugott,König bejaht werden, da eine vormals lexikalisch relevante Einheit (Kategorien von Verbklassen) nunmehr ein semantisch eingeschränktes Konzept vercoded; den Perfektiv. Aber welchen Grammatikalisierungsmerkmalen unterliegt der Verbstamm-Ton? (b) Grammatikalisierungsmerkmale:
Der lexikalische Verbstamm erfährt eine „Expansion“ der Funktion seines Tonmusters (Verbklassen?), ausgelöst durch morphophonologische Prozesse zwischen Verbstamm und Perfektiv-Suffix in der Aspektmarkierung. Während das verbale Tonmuster in den Zime-Dialekten in der Grundform von der lexikalischen Form der Verba abhängt, „expandiert“ es nach seiner morphophonologischen Transformation in das Aspektsystem und das so markierte Verb erfährt eine Erweiterung seiner prädikativen Bedeutung, nämlich die zeitliche Strukturierung der Handlung; Perfektiv. Anders herum gesagt, eines der lexikalischen Tonmuster übernimmt die Funktion eines der gegebenen oppositionellen Paradigmen der Sprache zu vercoden. Es werden die pragmatischen Deutungsmöglichkeiten des verbalen Konzeptes durch den Ton auf dem Verbstamm eingeschränkt. Es reduzieren sich die Anzahl möglicher Töne für den perfektiven Verbstamm aus der Menge in der Sprache zur Verfügung stehender, verbaler Tonmuster bzw. tonale Verbklassen werden neutralisiert und ein oberflächlich obligatorisch erscheinendes Tieftonmuster der Verbstämme im Perfektiv ist das Ergebnis 19 .
17 Je nach Einzelsprache.
18 Siehe die Beweisführung für das Tangale in Kidda-Awak, 1991,“Floeting Tones in Tangale“.
19 Auch die westtschadischen Sprachen Kanakuru (Wolff1991:178), Ngizim und Fyer kennen eine tonale Opposition des Verbstamms (Jungraithmayr (1966a:123), NS (1974:5).
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(c) Ergebnis:
In einigen Zime-Dialekten, wie dem Mesme, hat sich die verbale Tonsequenz grammatikalisiert und im Perfektiv erscheint ein grammatisch bedingtes Tonmuster. Für das Suffixmorphem kann ein Verlust an Substanz angesetzt werden, weil es seine eigene syntaktische Position und sein floating Charakter verliert. Es ist leider nicht bekannt, ob das Suffixmorphem für die Zime-Dialekte segmental rekonstruiert werden kann 20 , aber in dem Fall könnte ein Verlust der segmentalen Bestandteile und die tonale Verschmelzung mit dem Verbstamm als das Ende des Grammatikalisierungszykluses eines Perfektiv-Suffix und seinem „loss“ interpretiert werden. Der beschriebene Prozess der Grammatikalisierung des Verbstammes könnte als renewal oder rennovation kategorisiert werden (HR:49). Kann man unter diesen Umständen vom Start eines Grammatikalisierungszyklus des Verbstammes sprechen, zumindest was seine tonalen Sequenzen angeht?
3.1.3. Der Ton des Subjektpronomens
Im folgendem soll der Ton der Subjektpronomen hinsichtlich seiner Beziehung zum Aspektsystem analysiert werden. Wolff (1991 :178ff) vergleicht die Tonalität von Verbkomplex und Subjektpronomen in mehreren westtschadische Sprachen und hypothetisiert sprachinterne, tonale Assimilationserscheinungen. Er beschreibt unveränderliche Subjektspronomen für das Kanakuru 21 (Westtschadisch), bei einer tonalen Opposition Perfektiv vs. Subjunktiv auf den Verbstämmen. Kanakuru Perfektiv: na$ wu$ pe$ I sold
Subjunktiv: na$ na! i that I drink (Newman1974:45ff)
Im Gegensatz dazu zeige das Ngizim (Westtschadisch) einen polaren Ton des präverbalen Subjektpronomens und ein lexikalisches Tonmuster auf dem Verb. Gleichzeitig würde der Zweite Subjunktiv mit einem hochtönigen Verb-Suffix gebildet, der Perfektiv mit einem
20 Für die westtschadischen Bole-Tangale Sprachen: Tangale, Ngamo, Karekare, Bolanci beschreibt Jungraithmayr (1966b:231f) ein postverbales Perfektiv-Suffixmorphem der Form / Ko$ /, wobei K > /g,k,w,F / und /o/ > [+/- geschlossen] erscheint. Schuh (1978:) beschreibt für das zur selben Gruppe gehörende Kirfi (:39) den Verlust des postverbalen Perfektivmorphems, bei Vorhandensein eines pronominalen direkten oder Indirekten Objektes. Ähnliche Phänomene finden sich im Bele (:23)Bolanci und Karekare (:1) Siehe aber auch NS (1974:7), die einen präverbalen, tieftönigen Perfektiv-Partikel der Form */kA/ für das Proto Plateau-Sahel rekonstruieren und Wolff (1984:227), der denselben Partikel für die Biu-Mandara Gruppe rekonstruiert. Ist das postverbale Suffix in der Bole-Tangale Gruppe ein Fall von verbal attraction ? Suffigierende Subjektspronomen, die in Opposition zu Präfixpronomen stehen finden sich in Bidiya und Mubi (osttschadisch)(Jungraithmayr 1987:50:56) Gebundene ICP’s und Indirekte Objektspronomen beschreibt Newman (1974:40) für das Kanakuru (west).
21 Das Scha, Kulere und Bolanci zeigen auch ein gleichförmiges Pronomenset für die untersuchten Aspekte (Jungraithmayr1966b:235).
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Tiefton-Suffix am Verbstamm. Tonale Assimilationserscheinungen führten dazu, dass oberflächlich im Zweiten Subjunktiv das Subjektpronomenparadigma einen grammatisch bedingten Tiefton aufweist (Wolff 1991:178f), dagegen das polare Tonmuster des Subjektpronomens im Perfektiv dementsprechend immer hochtonig erscheint (NS:5).
Ngizim Sunjunktiv: na$ ra! wi! that I run
Das Hausa und Angas würden ihre modalen von nicht-modalen Paradigmen durch tonale Opposition ausschließlich am Subjektpronomen, bei gleichförmig bleibendem Verbstamm unterscheiden (Wolff 1991:179). 22 Aorist / Jussiv: Na se / Na$ se Angas I eat
yi se / yi$ se you (f) eat (Jungraithmayr 1975:404)
Die folgende Tabelle zeigt schematisch die Verteilung des grammatischen Tons auf den zwei Konstruktionselementen Verbstamm (VS) und Subjektpronomen (SP).
1 nur im Zweiten Subjunktiv und Perfektiv.
Die Tabelle zeigt die Entwicklung einer Aspektsensitivität am Subjektpronomen aus einem vormals gleichförmigen Pronomen. Das Ngizim nimmt wieder eine Sonderstellung zwischen der Positionierung des grammatischen Tons auf dem Pronomen bzw. Verbstamm ein. Die tonale Entwicklung ist sowohl mit der These der historisch gleichförmigen *P-Subjektspronomenparadigmen vereinbar, (Schuh 1976:6), als auch mit den historischen
22 Auch das Fyer und das Daffo (Ron) zeigen bei sonst unveränderlichen Subjektpronomen einen Tiefton im Pronomenset des „Jussiv“ (Jungraithmayr1966b:235).
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Sprachschichten Jungraithmayrs. Aber sind die beschriebenen Phänomene und morphophonologischen Prozesse unter Grammatikalisierungsgesichtspunkten interpretierbar? (a) Bei sprachübergreifender Betrachtung, ist eine Grammatikalisierung der Subjektpronomen analog den Definitonen in 1.3. da zu bejahen, wo vormals gleichförmige Pronomenparadigmen, nach phonologischer Transformation wie Wolff sie rekonstruiert, nun eine aspektuelle Opposition vercoden wie im Angas und Hausa. Im Ngizim erscheint in zwei aspektuell distinktiven Paradigmenoppositionen oberflächlich ein grammatischer Ton am sonst polartonigem Pronomen. Auch für diese Sprache ist dementsprechend eine Grammatikalisierung der Pronomen zu bejahen. Im Kanakuru trägt das Subjektpronomen keine Markierungselemente für verschiedene Aspektparadigmen, und ist also nicht grammatikalisiert. (b) Grammatikalisierungsmerkmale:
Wolff beschreibt, wie der Hochton eines modalen Suffix am Verbstamm letztendlich zu einer tonalen Konditionierung der Subjektpronomen in bestimmten Paradigmen führt. Sprachen wie das Ngizim zeigen deutlich eine „interne Expansion“ der grammatischen Funktion des Pronomenset’ (Konkordanz, Pers., Nr., (Genus)) welche nun zusätzlich eine Modalität des Satzprädikats vercoden. Bei Verlust der Distinktivität des Verbstammes führt dies dazu, dass Aspekte am Pronomen unterschieden werden. In Sprachen wie dem Angas müssen die Pronomen des modalen Paradigmas, bei unveränderlichem Verbstamm, als markierendes Set interpretiert werden. Der Tiefton des modalen Pronomenset’ wird in anderen Konstruktionen ungrammatisch. (c) Ergebnis:
In einigen Sprachen hat sich ein Pronomenset grammatikalisiert. Dieser Prozess scheint mit einer historisch tonalen Markierung am Verb in Verbindung zu stehen. Es bleibt die Frage offen, ob ein grammatischer Verbstammton durch „loss“ reduziert wurde, wie Wolff (1991:182) für das Angas und Sura annimmt und der Prozeß als „functional shift“ der Vercodung zum Pronomen hin kategorisiert werden kann.
3.2. Zusammenfassung
(a) In 3.1. wurden verschiedene Vercodungsmethoden in einem Vergleich verschiedener Sprachen prozesshaft in Beziehung zueinander gesetzt.
Grammatischer Vokalismus am VS (Migama, Galambu, Scha) - Verlustder segmentalen Distinktivität am VS (Angas, Hausa, Kanakuru) -
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Tonale Suffixmarkierung am Verbstamm (Tchimiang) - Grammatikalisierungdes Verbstammtones (Mesme, Kanakuru) - Verlustder tonalen Distinktivität am Verbstamm (Angas, Hausa) - Grammatikalisierungder Subjektpronomen (Angas, Sura, Hausa) - VieleSprachen wie das Ngizim, Daffo und Fyer zeigen mehrere der beschriebenen Markierungsmethoden für verschiedene Aspekte. Eine segmentale Markierung am Verbstamm durch Auslaut oder Suffix (Ngizim, Daffo) und eine oberflächliche, tonale Distinktivität der Pronomensets (Ngizim, Fyer) bzw. des Verbstammes (Fyer, Daffo).
(b) Da alle heutigen Spracherscheinungen theoretisch auf eine *Protoform zurückgeführt werden können, wurde eine diachrone Entwicklung der Aspektmarkierung, unter
Zuhilfenahme von Kategorien aus der Grammatikalisierungstheorie, prozesshaft analysiert. Functional split des Vokalismus des Verbstammes (Im Galambu koexistieren - lexikalischeund grammatische Vokalmuster)
Simplifikation des Verbstammes (Im Kanakuru hat sich ein Verbstammauslaut -i, - -e generalisiert)
Expansion der Funktion des verbalen Tonmusters ( Im Tchimiang koexistieren - lexikalischesund grammatisches Tonmuster am Verb). Shift, loss und Rennovation tonaler Markierung (Im Zime ist ein tieftoniges - Verbsuffixnach tonaler Assimilation mit dem Verbstamm reduziert worden. Der Verbstammton vercodet nun die aspektuelle Opposition) Expansion der Funktion der Pronomen ( Im Angas vercoden Pronomen - nebenPers.Nr.Genus nun zusätzlich den Aspekt des Verbs).
Es zeigt sich, dass verschiedene morphophonologische Prozesse in den tschadischen Sprachen dazu führen, dass Aspektmarkierungen im laufe der sprachgeschichtlichen Entwicklung anders vercodet werden als vorher. Mehrere dieser Prozesse konnten als Grammatikalisierung einzelner Konstruktionselemente interpretiert werden. Die Kategorien der
Grammatikalisierung zeigen die prozessuale Verbindung der verschiedenen Sprachschichten, die Jungraithmayr für die tschadische Sprachfamilie aufgestellt hat und unterstützen diese m.E.
(c) Die Grammatikalisierung wurde nicht nur für autonome Einheiten, wie Pronomen, sondern auch für Tonmuster und Vokalismus analysiert. Dabei zeigt sich, dass wenn man den Verbstamm als Morphemkomplex analysiert, das einen grammatischen Vokalismus, und/oder grammatische Tonalität aufweist, mit dem Enden eines Grammatikalisierungszyklus’ nicht ein
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Substanzverlust einhergehen muss. Vielmehr ist meine Hypothese an dieser Stelle, dass es
sich bei diesem Prozess um Lexikalisierung der Elemente handelt.
(d) Es scheint eine syntaktische Linkstendenz in der Veränderung der Markierungsposition zu
geben. Folgendes Schema soll dies verdeutlichen.
Markierung am Suffix Markierung am VS (Zime)
Markierung am SP (Angas) Markierung am VS
Diese Hypothese müsste in einem breiteren linguistischen Vergleich erwiesen werden.
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21
Quote paper:
A. M. Beigui, Schirin, 2005, Grammatikalisierung im tschadischen Aspektsystem, Munich, GRIN Publishing GmbH
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