Dworkins eindrucksvolles Plädoyer für eine liberale Regelung der Sterbehilfe geht nun von der Feststellung aus, daß wir ein Leben leben und einen Tod sterben wollen, der unseren "wertebezogenen" Interessen gerecht wird. Es geht dabei also nicht allein um den Wunsch, daß einem unerträgliche Qualen erspart bleiben. Die Würde einer Person kann auch von einem Lebensende in Mitleidenschaft gezogen werden, von dem sie selbst gar nichts mehr mitbekommt: wenn sie über Jahre mit technischer Unterstützung im "vegetativen Zustand" gehalten und zu einer bloß biologischen Existenz verurteilt wird, die nichts mehr mit dem zu tun hat, was für sie den Sinn des Lebens ausmachte.
In diesem Sinne ist es durchaus konsequent und keineswegs zynisch, wenn die >Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben< (DGHS) ihre Zeitschrift >Selbstbestimmtes Leben< nennt.
Autonom also >Selbstbestimmt Leben< ist in den vergangenen Jahrzehnten auch für viele behinderte Menschen zur Maxime geworden (Exner 2000). Die mutigsten und politisch aktivsten Vertreter dieses neuen Selbstwußtseins aber gaben sich nicht mit mühsamer (gar konsensorientierter) Interessenabwägung zufrieden, sondern verglichen ihren Protest mehr und mehr mit dem Kampf um Gleichberechtigung von Frauen, Schwarzen und Homosexuellen. Und sie kamen zu dem Schluß, daß sie gar nicht behindert seien, sondern von der Gesellschaft behindert würden. Dieses soziale Modell trat dem medizinischen Modell entgegen, das die Quelle der Behinderung im biologischen Mangel des Individuum sah. Es machte aus Almosenempfängern eine unterdrückte Minderheit, die jetzt lautstark und mit Erfolg ihre Rechte forderte. Das Ziel eines Selbstbestimmten Lebens bis hin zu Kindern nach eigenem Maß (Spiewak/Viciano 2002), schmeichelt natürlich dem Ego von behinderten Menschen gewaltig. Doch ist das rein soziale Modell von Behinderung, das diesem Ziel zu Grunde liegt, schon allein deshalb dringend revisionsbedürftig, weil es außerhalb der >disability community< auf völliges Unverständnis stößt - und (weil es sich um kein zufälliges Vermittlungsproblem handelt) auch stoßen muß!.
Insbesondere wohlmeinende Zeitgenossen, die sich auf die Kommunikation mit behinderten Menschen einlassen, werden durch die Auffassung, behinderte Menschen würden vor allem von der Gesellschaft - also durch sie selbst - behindert, sehr zurückhaltend gesprochen, immer wieder neu irritiert. Und all diejenigen, die sich gar dafür entschieden haben, gemeinsam mit behinderten Menschen zu leben, müssen sich durch das soziale Modell von Behinderung geradezu vor
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den Kopf gestoßen fühlen, und sich fragen, ob sie nicht lieber die Optionen der Spaß- und Börsengesellschaft hätten wählen sollen, für ein ganz anderes >selbstbestimmtes Leben<. Hinzu kommt die, meiner Meinung nach, mit einer falschen Vorstellung von Autonomie verknüpfte Auffassung, >in einer Welt ohne Barrieren< vollziehe sich die Intergration von Behinderten quasi automatisch. Eher das Gegenteil ist der Fall - zumindest in streßfreien oder streßarmen Situationen (Grode 2002b): In der Bibliothek oder im Garten, in der Konzertpause oder im Museum (Hinz 2002), beim Kaffee trinken oder einfach beim in die Sonne schauen (Grode 2002a), schafft fast jede vermeintliche Barriere ganz automatisch (auch) einen Kommunikationsanlaß, vermittelt durch ein Lächeln oder ein freundliches Grinsen. Zunächst natürlich über die offenkundige Behinderung bzw. die Barriere - fast immer aber wird daraus für den Gegenüber ein Anlaß, um von den eigenen Ängsten, Hoffnungen und Wünschen zu erzählen.
Spiegelbild und Behinderung
Im August 2002 fand sich in der Wochenzeitung >Die Zeit< ein Portrait des britischen Bioethiker und Behindertenaktivisten Tom Shakespeare. Der kleinwüchsige Wissenschaftler arbeitet beim International Center for Life im nordenglischen Newcastle. Dort wird das Leben und wie es funktioniert erforscht, indem Wissenschaft und Biotechnologie, Forschung und Bildung, Unterhaltung und Ethik zusammenwirken. Shakespeare ist einer der Direktoren. Er organisiert Gentechnikdebatten, koordiniert Forschungsprojekte zu ihren sozialen Folgen und sucht nach Möglichkeiten, Paare besser über vorgeburtliche Untersuchungen zu informieren.
Tom Shakespeare, einer der Gründerväter der britischen Selbstbestimmt-Leben-Bewegung propagierte bis vor kurzem ebenfalls das rein soziale Modell von Behinderung. Und er verglich den Protest der Behinderten mit dem Kampf von unterdrückten Minderheiten. Durch eine schreckliche Fügung, schrieb er, mache die Gentechnik zur gleichen Zeit so große Fortschritte, dass die Geburt behinderter Menschen verhindert werden könne. Die Medizin degradiere auf diese Weise das eben erlangte Selbstbewußtsein behinderter Menschen zum Buchstabierfehler im Erbgut. Der britische Behindertenaktivist nahm sogar das Wort Nazi in den Mund, brachte die Horrorvision einer genetisch gesäuberten Zukunft zu Papier: >Der Schluß aus einem großen Teil der Genforschung ist, dass Leute wie ich nicht hätten geboren werden sollen.<
Es war nicht nur das Alter, das Shakespeare mäßigte. Es ist der behinderte Körper selbst und seine Gebrechlichkeit, der die Illusion des rein sozialen Modells von Behinderung über kurz oder lang zerstört oder nie aufkommen läßt. Shakespeare machte diese Grunderfahrung als er 1997 wegen seines geschundenen Skeletts, volle sechs Monate sein Bett nicht verlassen konnte. >Das hat
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mein Leben verändert.< Vorher hatte er die Gesellschaft für seine Behinderung verantwortlich gemacht, doch die Schmerzen, die er jetzt spürte, kamen nicht von Vorurteilen. >Ich kann verstehen, das Leute nicht so sein möchten.<
Und eine weitere widersprüchliche Einsicht wurde gleich mitgeliefert: >Für 59 Minuten einer Stunde<, bekennt Tom Shakespeare, >bin ich mir überhaupt nicht bewußt, daß ich nicht bin wie die anderen. Wenn ich in den Spiegel schaue, dann bin ich, na ja, ein bißchen enttäuscht.< Andererseits hat er, ein später Nachfahre des großen Dichters, seine Körperkleine immer als eine >Lizenz zum Auffallen< verstanden. Ein Privileg, daß in der heutigen multimedialen Gesellschaft, in der nur der Aufmerksamkeitswert zählt, (fast) egal, wie er zustande kommt, kaum zu überschätzen ist. Doch als Behinderter, so meine eigene Erfahrung (und wer hat diese nicht zumindest als Beobachter gemacht?) ist es, als reiße man, egal wo man auch hinkommt, zunächst einmal ein (mehr oder weniger großes) Glas um.
Shakespeare machte sich daran, das soziale Modell der Behinderung zu modifizieren: Behinderte werden von beiden behindert, von der Gesellschaft und ihrem Körper. Er änderte auch seine Ansicht über vorgeburtliche Untersuchungen. Einige seiner früheren Standardargumente zerpflückt er heute selbst. Das brachte ihm aus den Reihen seiner früheren Mitkämpfer drastische Kritik ein, auf die Shakespeare empfindlich reagiert: >Ich möchte geliebt werden - vielleicht mehr als andere<.
Und genau in diesem, natürlich völlig berechtigten Bedürfnis, dürfte der Grund liegen, daß sich der britische Behindertenaktivist lediglich zu einer individuellen Infragestellung des sozialen Modells der Genese von Behinderung durchringen kann, das ja auch die mehr oder weniger deutlich ausgesprochenen Grundlage der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland ist.
Zuschreibung als gesellschaftliche Sackgasse
Aber dieses Modell ist nicht nur individuell problematisch, sondern, wie schon eingangs angesprochen, vor allem gesellschaftlich dringend revisionsbedürftig. Denn es stößt außerhalb der disability community auf völliges Unverständnis und führt deshalb unweigerlich (zurück) in die gesellschaftliche Isolation, auch wenn dies von viele Betroffenen als Selbstexklusion mißdeutet werden könnte.
Denn so berechtigt die Kritik der Disabiltiy Studies an den gesellschaftlichen Normalitäts-vorstellungen auch ist (Tervooren 2002), um so problematischer ist die ihr zugrunde liegende Methode der Gesellschaftskritik, der so genannte Dekonstruktivismus. Es ist dies - sehr verkürzt ge-
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sagt - der Versuch, die Struktur der modernen Industriegesellschaften Schicht für Schicht in Frage zu stellen. Da diese postmoderne Kritik aber - im Unterschied beispielsweise zu kantianisch, marxistisch oder kommunitaristisch inspirierten Entwürfen, die allesamt das Spannungsfeld von Gleichheit und (!) Individualität auszuloten und auszuhalten versuchen - keine eigene Idee vom guten Gemeinwesen besitzt, wirkt sie etwa so als pelle man Schicht für Schicht eine Zwiebel ab. Wenn es aber - so mein politikwissenschaftlicher Hauptkritikpunkt - an der Vorstellung vom Wesen einer Gesellschaft fehlt und erst recht an einer gedanklichen Alternative, so gibt es auch keinen Maßstab für das Innehalten der berechtigten Kritik an der Moderne (Bauman 1992). Und das dekonstruktivistische Abtragen der Schichten von gesellschaftlicher Normalität - ohne die eine Gesellschaft ja gar nicht funktionieren kann - wird zum nicht enden wollenden Selbstzweck. Mit der Konsequenz, dass vom zu untersuchenden Gegenstand - der modernen Gesellschaft - überhaupt nichts mehr übrigbleibt - grad wie bei besagter Zwiebel, in deren innerstem Kern man eine Perle zu finden hoffte.
Jahrhundertelang haben vormoderne Gesellschaften, deren Bewußtsein, wie es der Schweizer Kul-turhistoriker Jacob Burckhardt (1989) einmal trefflich formulierte, unter einem Schleier aus Glauben, Kindesbefangenheit und Wahn verborgen lag, ihre eigenen eingekapselten inhumanen Potentiale mit Vorliebe behinderten Menschen zugeschrieben.
Gerade >die Geschichte der Krüppel< (Müller 1996) zeigt, in welchem Ausmaß Menschen mit abweichender Physis oder Psyche in den verschiedenen vormodernen Gesellschaften entweder gleich bei der Geburt getötet oder in Ghettos gesperrt oder in anderer, brutalster Weise marginalisiert und unterdrückt wurden.
Naturvölker töteten Neugeborene, die verunstaltet zur Welt kamen. Man erstickte, erwürgte, ertränkte, verbrannte die Kinder, begrub sie bei lebendigem Leibe oder setzte sie in der Wildnis aus. Da man glaubte, Dämonen würden sich in den entstellten Zügen und Körpern der kleinen Krüppel zu erkennen geben, wurde den Leichnamen auch kein formelles Begräbnis zuteil. Man warf sie in den Busch oder verscharrte sie.
Auch die Hochkulturen brachten nicht automatisch einen Fortschritt an Humanität mit sich. Platon läßt Sokrates in einem Dialog berichten, daß es Aufgabe der Hebammen sei, "Mißgeburten" zu identifizieren, deren sich die Mütter dann zu entledigen hatten. Und Aristoteles erklärt in seiner "Politik" bündig: "Was aber die Aussetzung oder Auferziehung der Neugeborenen betrifft, so sei es Gesetz, kein verkrüppeltes Kind aufzuziehen."
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Teile der christlichen Geistlichkeit versuchten dann zwar, der überkommenen Praxis des Ausmerzens Einhalt zu gebieten. Der Glaube jedoch, bei physischer Abartigkeit mit dem Bösen selbst konfrontiert zu sein, das es zu vernichten galt, war tief verwurzelt. Im späten 19. und 20. Jahrhundert erblickte man dann in der Naturgeschichte jene Instanz, die ganz ohne menschliche Einwirkung, kurzen Prozeß macht. Die Evolution gibt nur jenen Exemplaren eine Chance, die sich als angepaßt und durchsetzungsstark erwiesen. Bereits Darwin beklagte jedoch, daß eine allzu human gewordene Menschheit der Natur dabei ins Handwerk pfuschte. (Beck 1992) .Der Nationalsozialismus war auch in dieser Hinsicht ein, geradezu >lustvolle Rückversetzung in vorzivilisatorische Verhältnisse< im Gewand einer rein instrumentellen Moderne. (Grode 1994)
Das soziale Modell von Behinderung hat dieses uralte Zuschreibungsverhältnis in fast schon genial zu nennender Weise in sein Gegenteil verkehrt, indem es alle unerfüllt gebliebenen behinderten Wünsche und Hoffnungen den dämonisch wirkenden gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen der modernen Gesellschaft zuschreibt.
Das ist ein, in postmodern-dekonstruktivistischer Verkleidung daherkommender Rückfall in vormodernes Denken (Baumann 1995). Ein Rückfall von dem wir, um unserer selbst willen, nur hoffen können, dass er (im wesentlichen) auf den Behindertenbereich beschränkt bleibt und nicht generell Schule macht. Denn sonst werden wir uns sehr schnell wieder eine Gesellschaft wie die gegenwärtige wünschen, in der man ohne (allzugroße) Furcht fremd sein kann.
Gesellschaft und Behinderung
Man kann die aktuellen Bemühungen um Integration etwa im Erziehungsbereich, die sozialstaatlichen Leistungen, die Verpflichtung von Arbeitgebern, Schwerbehinderte einzustellen, für noch so unzureichend halten. Dennoch gibt es im historischen Vergleich nur wenige Gesellschaften, die - und sei es als Reaktion auf den Schock des NS-Zivilisationsbruchs.- so viel für die Unterstützung von Behinderten getan haben, wie die unsrige:
Menschen können sich heute mit Fug und Recht zumindest auf zwei zentralen gesellschaftlichen Feldern als >Gleiche unter Gleichen<, wenn nicht, mit ein wenig Selbstironie, gar als gesellschaftliche Vorreiter fühlen
Das erste ist das der Automobilisierung und des Massentourismus:. Toskana oder Tostedt, Großstadt oder Großglockner. Kein touristisch vermarktbares Reiseziel, das nicht behindertengerecht mit der Autokutsche zu erreichen wäre.
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Die Autobahn aber ist heute für jeden >Volksgenossen auf Rädern< (Grode 2000), der nach der perfekten Symbiose von individueller Freiheit und gesellschaftlichem Eingebundensein sucht, geradezu ein Paradies. Hier ist er tatsächlich >Gleicher unter Gleichen< auch wenn ihm das wirkliche Autobahnerlebnis einer Verschmelzung von Mensch und Natur, das einst der NS-Autobahnmythos versprach, heute durch die Kanalisierung des Massenverkehrs ein wenig verstellt ist. (Grode 1999)
In den letzten Jahren aber wird immer deutlicher: >Gleiche unter Gleichen< sind behinderte Menschen nicht nur in der Anonymität des Pkw, sondern viel besser noch, in den (Un)Tiefen des Internet. Denn das gesamte Netz und der E-Commerce sind genau so konzipiert als säßen alle >user< im Rollstuhl. Statt sich mit meinem Nachbarn rumzuärgern (>Meinen Nächsten zu lieben!<), der mich nur zu gut kennt, kommuniziere ich nun (mit täglich neu gewählter Identität) mit Leuten, die ich noch nie gesehen habe und die mich nie zu Gesicht bekommen werden. Früher dachte ich, daß es vor allem beim Golf von unschätzbarem Vorteil ist, ein anständiges Handicap zu haben. Heute weiß ich, daß dieser Vorteil nicht nur zu Lande gilt: >Von (uns) Behinderten lernen, heißt surfen lernen!<
Fast könnte man meinen, selbst Adorno (1951) sei durch die gegenwärtigen Entwicklungen widerlegt.. Denn der hielt in seinen >Reflexionen aus dem beschädigten Leben< folgenden bedenkenswerten Satz fest:: >Es ist das Wesen des Besiegten, in seiner Ohnmacht unwesentlich, abseitig, skurril zu scheinen. Was die herrschende Gesellschaft tranzendiert, ist nicht nur die von dieser entwickelte Potentialität, sondern ebensowohl das, was nicht recht in die historischen Bewegungsgesetze hineinpaßt.<
Heute sind behinderte Menschen vor allem der personifizierte Ausdruck all derjenigen Probleme und Lebensrisiken - und machmal sogar ihrer (entfremdeten) Lösungsmöglichkeiten - die die moderne Medizin, die Ernährungs- und die Unterhaltungsindustrie, das Moblilitätsdenken und das Militär zu bewältigen vorgeben.
Moderne Gesellschaften instrumentalisieren in der Tat allesamt behinderte Menschen als Zerrspiegel ihrer eigenen unreflektierten Normalitätsvorstellungen. Behinderung aber könnte auch wie ein ganz anderer Spiegel wirken: Ein Spiegel, der gesellschaftliche Ängste dekonstruiert. Nämlich dann, wenn in ihm sich "die Verletzlichkeit des Körpers" (Tervooren 2000) als ganz andere Normalitätschance aufschiene. Das hingegen wäre eine höchst positive Instrumentalisierung von Behinderung auch für die Betroffenen selbst.. Denn viel mehr noch als umgekehrt, benötigen behinderte Menschen eine humane Gesellschaft (Grode: 2001b), um sich selbst und damit auch ihre Defizit-Qualitäten entfalten zu können.
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Behindertensorgen ? - Nicht in den USA!
Eine besondere Pointe gewinnt die Diskussion um das soziale Modell von Behinderung dadurch, daß es ursprünglich aus den USA stammt, einem Land voller Behindertenfreundlichkeit: .>Für Rollstuhlfahrer aus Deutschland ist der Aufenthalt in den Vereinigten Staaten wie ein Ausflug in eine bessere Welt. Egal ob Flughafen, Hotels, Restaurants, Kinos, auf der Post oder bei Behördenalle öffentlichen Gebäude sind problemlos zugänglich.<, so der einhellige Tenor. (Brückner 2000) Wie aber kommen ausgerechnet Behinderte in einem solchen Land auf die Idee, ihre Behinderung sei keine medizinische Kategorie, sondern ein soziales Konstrukt? Warum sind die >Disability Studies<, die neuen interdisziplinären Behindertenwissenschaften, in denen Juristen nach rechtlichen Benachteiligungen, Historiker nach der Rolle Behinderter in der Geschichte und Literaturwissenschaftler nach der Repräsentation des körperlich Anderen in der Kunst forschen (Ter-vooren 2002) ausgerechnet in den USA entstanden? Wie konnte gerade dort die >Independent-Living-Bewegung< so wirkungsmächtig werden?
Dies sind in erster Linie Fragen, die sich an die Gesellschaft richten und erst in zweiter Linie an die behinderten Menschen. Deshalb hilft es auch nur wenig weiter, auf das Trauma der Niederlage zu verweisen, das die Vietnam-Veteranen für sich zu nutzen wußten und auf die längst fußkranke Bürgerrechtsbewegung, die sich nun der Rollstuhlfahrer angenommen habe. Beides mag stimmen, aber es liefert noch keine Erklärung für die Wirkungsmacht der amerikanischen Behindertenbewegung. Zum Erfolg einer gesellschaftlichen Bewegung gehören nämlich immer zwei: Diejenigen, die Veränderungen fordern und diejenigen, die sie zulassen, bzw. verhindern. Gesellschaftliche Integration - und das gilt keineswegs nur für behinderte Menschen, ist, wenn sie von Dauer sein soll, stets ein Ergebnis von Reziprozität, soll heißen: eines wechselseitigen Gebens und Nehmens.
Behinderte in den USA, so meine These, haben in diesem Zusammenhang ihrer Gesellschaft wesentlich mehr zu bieten als beispielsweise Behinderte in Deutschland oder Frankreich. Das liegt weniger oder so gut wie gar nicht an der amerikanischen >Independent-Living-Bewegung<, sondern an den dortigen psychosozialen und soziokulturellen Befindlichkeiten. Gerade wenn wir die Erfolge der amerikanischen Behindertenbewegung bewundern und anerkennen, so sollten wir uns, mit der berechtigten Forderung nach >Sebstbestimmtem Leben<, zuvor darauf besinnen, daß wir in Deutschland in einer gänzlich anderen soziokulturellen Tradition stehen. Nach Auffassung des japanischen Philosophen Kenichi Mishima, der ich mich weitestgehend
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anschließen möchte, aber ist es einzig das Gedenken an unsere kollektiven Untaten, das uns zu zivilisieren vermag. (Grode 1994, 1997,1998).
In diesem innergesellschaftlichen Zivilisierungsprozeß - der sich m.E. viel leichter über den produktiven Umgang (und vermeintlichen Umweg) mit der eigenen Schwäche und dem eigenen Fremdsein bewerkstelligen läßt, als mit der Unkultur des Erst- und Gegenschlags (Grode 2002c), haben bei uns behinderte Menschen eine äußerst wichtige Symbolfunktion: Sie signalisieren: >Egal, wie krank, alt und versehrt Du auch immer sein magst, Du wirst von dieser Gesellschaft getragen!< (Grode 2001a) Die Folge war und ist, daß Behinderte - namentlich Schwerst- und Mehrfachbehinderte - der Bevölkerungsmehrheit - auch und gerade weil ihnen selbst und der übrigen Gesellschaft dies gar nicht bewußt ist - einen großen Teil des selbst erzeugten Normierungs- und Anpassungsdrucks nehmen.
Der Terror der Normalität
Die USA hingegen waren bis in die 60 Jahre des 20. Jahrhunderts hinein frei von nationalen Traumata, wie sie sich insbesondere Deutschland in nationalistischem Autismus zugefügt hatte. Nicht nur unversehrt, sondern politisch und ökonomisch gegenüber Europa ungeheuer gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, schien hier, in >Gottes eigenem Land<, das in der amerikanischen Verfassung verankerte >Recht auf Glück< überall verwirklicht. Notwendig war nurmehr, es in alle Welt zu tragen
Es war deshalb kein Zufall, daß der amerikanische Mythos genau in dem Augenblick auch im Inneren zerbrach, als er sich nach außen hin selbst entlarvte: Die amerikanische Krieg in Vietnam, und der Aufstand der Schwarzen, der heute als >Bürgerrechtsbewegung< verharmlost wird, gehören zusammen Beide >Aufstände der Habenichtse< hinterließen tiefe Wunden im nationalen Gefühlshaushalt.
Was das Verhältnis zu Südostasien angeht, so wurden die Gewichte inzwischen wieder ins Lot gerückt: Denn Amerika hat ja nachträglich tatsächlich Vietnam besiegt und zwar ökonomisch: Um wieviel besser geht es heute jedem durchschnittlichen US-Veteranen, mißt man sein Schicksal an dem der vietnamesischen Zivilbevölkerung
Im Nicht-Ökonomischen war und ist dieser >Erfolgsnachweis< nach wie vor weit schwieriger. Denn der Vietnam-Krieg und seine Folgen führten ja nicht nur in den USA, sondern in vielen reichen Staaten des Nordens, zur Entstehung einer Bürger- und Menschenrechtsbewegung, deren langfristige Wirkungen gar nicht hoch genug einschätzt werden können. Sie propagierte vom
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Grundsatz her, die Gleichheit aller Menschen, eine Vorstellung, die noch heute oder sollten wir sagen: gerade heute, dem US-amerikanischen Selbstverständnis völlig fremd ist. Denn was aus nordamerikanischer Perspektive allein notwendig ist, ist allenfalls (!) >die Gleichheit vor dem Gesetz<. Doch schon vor mehr als einhundert Jahren hat Anatole France einem solchen formalistischen Blickwinkel in unnachahmlich sarkastischer Weise den Spiegel vorgehalten: >Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit<, so schrieb er damals, >verbietet es Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen, auf Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.< (Nitsche/Kröber 1979)
Ich möchte die gesellschaftliche Problematik, die hinter den in den USA (angeblich) nicht vorhandenen >Behindertensorgen< - und dem Stolz auf die totale Barrierefreiheit mit ihrem verlockenden Autonomieversprechen - steckt, bewußt zuspitzen: Um das in dem Gleichheitsversprechen der weltweiten Menschen- und Bürgerrechtsbewegung innewohnende humane Potential prophylaktisch zu unterlaufen, bietet man in den USA, die ja weltweit eine >moralische< Führungsrolle beanspruchen, den sozial weißen Mittelschicht-Behinderten, die das amerikanische Prinzip des >survival of the fittest< tief verinnerlicht haben, >stellvertretend< optimale Entfaltungsmöglichkeiten, obwohl bzw. gerade weil es doch eigentlich um viel mehr gehen müßte: um die Bürgerrechte der ganz normalen Schwarzen, die Menschenrechte der spanischen Einwanderer und die Überlebensrechte der Dritten,. Vierten und Fünften Welt!
Im Gegenzug signalisieren die allseits hofierten amerikanischen Behinderten den saturierten Teilen ihrer Gesellschaft, zwar nicht immer unbedingte Leistungsfähigkeit, wer kann dies schon als Behinderter?, dafür jedoch etwas, was für das dortige gesellschaftliche Klima viel wichtiger ist: unbedingte Leistungsbereitschaft. Sie machen sich damit (ungewollt) zum Partner, um nicht zu sagen zum Komplizen, einer, auch in den USA, sehr schmalen Schicht von wirklich Mächtigen: jenem halben Prozent von Großvermögensbesitzern und ihren angestellten Top-Unternehmern. Denn auf diese Weise setzen die (von ihrem Standpunkt aus völlig unpolitischen) Behinderten die übrige Gesellschaft - die nur zu gut weiß, wie es sich als obdachloser Rollstuhlfahrer in der Bronx lebt - einem ungeheueren Anpassungs- und Normierungsdruck aus, den keine bewußte Politik, und wäre sie noch so zynisch, je erzeugen könnte.
Permanente Selbstanpassung der Mehrheit der Bevölkerung aber wiederum absorbiert genau diejenigen Energien, die notwendig wären, um die eingekapselten sozialen Konflikte der tief zerrissenen amerikanischen Gesellschaft überhaupt nur zu erkennen, geschweige denn auf zivilisierte, und das heißt vor allem gewaltfreie Art auszutragen.
Völlig zu recht prangern deshalb die Independent-Living-Bewegung und die Disability Studies den >Terror der Normalität< und jenen ungeheueren Druck an, der von der >Dominanzkultur<
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ausgeht, ohne jedoch sehen zu können resp. zu wollen, daß der Status einer >unterdrückten sozialen Minderheit<, den sie für sich reklamieren, nur in sehr verzerrter Form die Realität widerspiegelt. Das ist natürlich, so will ich einräumen, meine höchst subjektive Sichtweise (Grode 2002a). Sie signalisiert aber mehr, als den soziokulturellen Bruch, der zwischen europäischen und amerikanischen Behinderten-Traditionen besteht. Denn sie verweist auch auf einen immer breiter werdenden Riß, der sich auch bei uns in Deutschland und Europa zwischen den Generationen zeigt und zwar völlig unabhängig, ob jemand behindert ist oder nicht. Es ist die Differenz zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungswelten. >Jeder ist seines Glückes Schmied< steht über der einen, und >Jeder stirbt für sich allein< über der anderen. (Grode 1988,1989)
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Dr. phil. Walter Grode, 2003, Selbstbestimmt Leben und das soziale Modell von Behinderung, München, GRIN Verlag GmbH
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