Veränderbarkeit der Verhältnisse glauben, und deshalb ihr Leben an der Brechtschen Maxime
auszurichten versuchen: >Der Mensch soll des anderen Helfer sein<
Ob dieser Maxime eine Chance gegeben wird, hängt nach meiner Überzeugung, nicht zuletzt
auch von denjenigen ab, die der Hilfe bedürftig sind. Gesellschaftliche Fremdheit und Bedürftigkeit
(z.B. die von alten Menschen und Behinderten), ist in Wirklichkeit ein Ferment, das etwas (ganz)
anderes erst hervorbringt: im Schlechten, wie im Guten
Über all das Negative, das die Konfrontation mit dem Fremden individuell und
gesellschaftlich hervorbringen kann, brauche ich an dieser Stelle kaum ein Wort zu verlieren: Nicht
umsonst ist die Faschismusforschung mein Lebensthema geworden. (Grode 1994)
Kommen wir also gleich zur positiven Seite: Behinderung konfrontiert jeden Menschen mit
seiner eigenen Fremdheit. Das geschieht nicht nur in den (Un-)Tiefen der eigenen Biographie und
in den Ebenen des Alltags, sondern auch auf den Höhen der Wissenschaft und ihres Betriebs. Aber
gerade dort bin ich immer wieder Menschen begegnet, die sich nicht nur ihrer eigenen Fremdheit
bewußt waren, sondern gerade daraus ihre Stärke schöpften
Drei für mich prägende Beispiele möchte ich besonders hervorheben: Zum einen meine
marxistische Studentengruppe während des Politikwissenschaftsstudiums an der Universität
Hannover. (Grode 2002) Hier war ich ein >stinknormaler Exot< unter vielen anderen Fremdlingen
jeder Art, die (vordergründig) nach einer politischen Heimat suchten. >Kommt in Massen!< stand
deshalb auch auf meinem Flugblatt, >an alle Behinderten< zur Verbreiterung unserer politischen
Basis, das im Mai 1981 zu einem Austausch über die Studiensituation, die katastrophalen
technischen Voraussetzungen und "unsere Berufsperspektive" aufrief.
Doch bereits hier machte ich die Erfahrung, daß es sich beim Umgang mit Behinderung um
keine quantitative, sondern um eine qualitative Frage handelt. Der einzige behinderte Mensch der
damals auf diesen Aufruf reagierte, war vierzehn Tage später ein Biologe, der heute - so darf ich
bekennen - mein bester (TischFußball)Freund ist. Und auch die besagte politische Studentengruppe
vom Anfang der 80er Jahre, in der einst, vielleicht gerade wegen ihrer dogmatischen Enge, ein
Klima des Wohlwollens und der Anerkennung herrschte, bildet noch heute einen wichtigen Kern
meines Freundeskreises. .
Das zweite Beispiel ist mein 1937 im französischen Exil geborener Doktorvater Peter
Brokmeier. Ich erlebte ihn erstmalig bei einem Vortrag über den Aufstand und die Vernichtung des
Warschauer Ghettos. Er hatte, wie sich später herausstellte, 1967/68 als Assistent den Frankfurter-
Euthanasie-Prozeß mitstenographiert, war aber durch persönliche Umstände und den tragischen Tod
seines Mentors gezwungen worden, sein eigenes Projekt fallenzulassen. 1983 stellte Prof.
Brokmeier mir sein Archiv zur Verfügung. Und meine Dissertation über die Euthanasie in den NS-Konzentrationslagern wiederum wurde für ihn zur Basis einer Veröffentlichung über die
Vernichtung von Geschichte. (Brokmeier 1986)
Und drittens schließlich: meine publizistische Heimat die >Lutherischen Monatshefte<, die
sich in ihrem Untertitel dem kirchlichen Dialog mir Kultur, Wissenschaft und Politik verschrieben
hatten. Auch hier ließ ich mich instrumentalisieren: als exotischer linker Kontrapunkt nämlich.
Dafür aber hatte ich im Gegenzug die Möglichkeit, das >schwarze Loch< in meiner Biographie
schreibend zu umkreisen, das in der Erkenntnis besteht, daß ich während des Nationalsozialismus
mit (zumindest) der gleichen Wahrscheinlichkeit nicht nur Opfer (der Euthanasie), sondern auch
Täter (der Wehrmachtsverbrechen) geworden wäre.
Bis Mitte der 90er Jahre störte übrigens kein einziges Photo den Fluß der Gedanken in den
>Lutherischen Monatsheften<. Und auch heute noch sind ihre Nachfolgerinnen absolute
Fremdlinge im Meer der Publizistik. Ihre Maxime lautet: "Nicht viel lesen, sondern Gutes lesen,
macht klug und gelassen"
Um innere Ruhe zu finden und >glücklich alt zu werden< (Grode 2003) ist die
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Täter-Opfer-Verstrickungen (selbst
für Nachgeborene) nicht nur förderlich. (Grode 2002). Auf die realen Opfer aber, scheint das
>schwarze Loch< (das ja nicht nur der Nationalsozialismus darstellt) eine geradezu magische
Anziehungskraft auszuüben - und mehr noch einen unwiderstehlichen Sog. Zumal, wenn ihre
>Fremdheit in der Welt< keine >Ressource des Humanen< aktivieren kann. Erinnert sei hier
exemplarisch an das Schicksal des fast vergessenen Autodidakten und ehemaligen Auschwitz-Häftlings Josef Wulf. Und zwar deshalb, weil er derjenige war, für den 1967/68 mein Doktorvater
Peter Brokmeier den >Frankfurter Euthanasie-Prozeß< mitstenographiert hatte.
Josef Wulf veröffentlichte zwischen 1955 und 1960 (gemeinsam mit Leon Poliakov) vier
große Dokumentationen (Das Dritte Reich und die Juden; Das Dritte Reich und seine Diener; Das
Dritte Reich und seine Denker; Das Dritte Reich und seine Vollstrecker), die den Mord an den
Juden in den Mittelpunkt rückten und das Verhalten der Deutschen eingehend beleuchteten. Mit der
vorweggenommenen Golhagen-These, daß Hitler viele willige Helfer gefunden habe (Grode 1996),
widersprach er der vorherrschenden Meinung in der akademischen Zunft. Auch Martin Broszat (Jg.
1927), von 1972 bis zu seinem Tod 1989, der Direktor des renommierten Instituts für
Zeitgeschichte, dem heute von einem jungen Historiker (Berg 2003) sein hartnäckiges Schweigen
über seine (späte) NSDAP-Mitgliedschaft (Eintrittsdatum: 20. April 1944!) vorgeworfen wird,
lehnte die Arbeiten Wulfs als polemisch und "unwissenschaftlich" ab. Er vertrat die Auffassung,
daß das Thema der Judenvernichtung nicht Holocaust-Überlebenden überlassen werden dürfe, weil
sie nicht objektiv urteilen könnten.
Angesichts des Widerstandes, auf den seine Forschungen stießen, begann Wulf zu
resignieren. "Ich habe 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und alles hatte keine
Wirkung. Du kannst Dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die demokratische
Regierung sein - und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten
Blumen", klagte er im August 1974 einem Freund,. Wenige Wochen später, am 10. Oktober 1974,
stürzte sich aus dem 4. Stock seiner Berliner Wohnung in den Tod. (Ullrich 2003)
-------------------
Literatur
Berg, Nicolas (2003): >Der Holocaust und die westdeutschen Historiker<. Erforschung und
Erinnerung, Berlin
Brokmeier, Peter (1986): >Geschichte vernichten<. Reflexionen über den organisierten
Massenmord im deutschen Faschismus, in >Düsseldorfer Debatte<, Heft 10
Grode, Walter (1994): >Nationalsozialistische Moderne<. Rassenideologische Modernisierung
durch Abtrennung und Zerstörung gesellschaftlicher Peripherien, Frankfurt a.M.
www.wissen24.de/vorschau/17424html
Grode, Walter(1996): >Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust<, in: >Lutherische
Monatshefte<, Heft 12 - demnächst bei www.wissen24.de
Grode, Walter (1998): >Mehrwert und Humboldt vertauscht<. Erinnerungen an >1968<, in: >Die
Zeichen der Zeit / Lutherische Monatshefte<, Heft 8 - demnächst bei: www.wissen24.de
Grode, Walter (2002) >Ein Verzicht auf die Ausschöpfung der Potentiale der Gentechnologie
bedeutet die Akzeptanz von Behinderung, Alter und Schwäche<. Eine biographisch-politische
Skizze, in. >Gemeinsam leben<, Heft 2 - demnächst bei www.wissen24.de
Grode , Walter (2003): >Glücklich Altwerden<. Altern zwischen Defekt und Weisheit, in: ders.
Aufsätze und Essays, Rezensionen und Kommentare, Hannover
www.wissen24.de/vorschau/18617html
Ullrich, Volker (2003): >Forschung ohne Erinnerung<. Nicolas Bergs Buch über den Holocaust
und die deutschen Historiker sorgt für Streit, in: >Die Zeit<, Nr. 29
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Walter Grode, 2003, Behinderte Forscher. Fremdheit als Ressource des Humanen, München, GRIN Verlag GmbH
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