I. Auf Wissen basierende Gesellschaften S. 2
II. Wissens- oder Wissenschaftsgesellschaft? - Eine Diskussion basierend auf den Beiträgen von Heidenreich und Kocyba. S. 2
1. Wissen in der heutigen Gesellschaft S. 3
2. Institutionalisierung von Wissen in der heutigen Gesellschaft S. 4
3. Die Wissensgesellschaft im Unterschied zur Wissenschaftsgesellschaft S. 5
III. Die heutige Gesellschaft - eine Wissensgesellschaft! S. 6
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Auf Wissen basierende Gesellschaften
In der heutigen Gesellschaft ist Wissen wichtiger denn je. Es gilt als Ressource wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wertschöpfung und Innovation, öffentliche und private Forschungsaktivitäten dehnen sich aus, der Anteil an hochqualifizierten Arbeitskräften („Wissensarbeiter“), sowie das Bildungsniveau steigen und die Zirkulation
und Zugänglichkeit gespeicherten Wissens nimmt zu. 1 Der Aspekt der Verwissenschaftlichung der Gesellschaft ist also unumstritten. Im Gegensatz zur Informationsgesellschaft umfassen auf Wissen basierte Gesellschaften also nicht nur die technisch-ökonomische Bedeutung von (wissenschaftlichem) Wissen. Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre flammen Diskussionen über das Konzept der Wissensgesellschaft verstärkt auf. Gerade deshalb stellt sich die Frage, was genau unter
einer Wissensgesellschaft zu verstehen ist 2 und ob nicht ein Konzept der Wissenschaftsgesellschaft angemessener ist. Diese Fragen sollen im Folgenden anhand der Beiträge von Heidenreich und Kocyba erarbeitet und diskutiert werden.
Wissens- oder Wissenschaftsgesellschaft? - Eine Diskussion basierend auf den Beiträgen von Heidenreich und Kocyba.
Konzepte der Informations- oder auch der Dienstleistungsgesellschaft wurden, wie bereits erwähnt, ausschließlich durch ihre technisch- ökonomische Basis definiert. Wissen allerdings, das die Basis von Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft darstellt, muss immer auf Basis „[...] unterschiedliche[r] Institutionalisierungsformen kognitiver
Mechanismen“ 3 betrachtet werden. Somit beruht der Begriff der Wissensgesellschaft auf einem anderen Wissensbegriff, als der der Wissenschaftsgesellschaft. 4 Um darauf
schließen zu können, welcher Wissensbegriff in der heutigen Gesellschaft wie institutionalisiert wurde und um welche Art von Gesellschaft es sich somit handelt, soll im Folgenden der Wissensbegriff der heutigen Gesellschaft und anschließend die Institutionalisierung desselbigen geklärt werden, um letztendlich durch den Vergleich von Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft unsere heutige Gesellschaft betiteln zu können.
Wissen in der heutigen Gesellschaft
Dass Wissen das wichtigste ökonomische Gut der heutigen Gesellschaft ist, wurde bereits erläutert, was aber genau unter Wissen verstanden wird, wird durch die anhaltenden Diskurse über die Bedeutung von Wissen immer undurchschaubarer. Insbesondere scheint der Wahrheitsanspruch von Wissen durch die Annäherung von wissenschaftlichem Wissen an andere Wissensformen nicht mehr das Maß der Legitimation des Selbigen zu
sein, sondern vielmehr scheint der Nutzen von Wissen diese Funktion zu übernehmen. 5 Der Wahrheitsanspruch von Wissen ergibt sich nach Heidenreich aus einer „[...]
Gratwanderung zwischen einem objektiven und einem subjektiven Wissensbegriff“ 6 , die zu sozial konstruierter „Realitätsgewissheit“ 7 also der „[...] Gewissheit, dass sich unsere Vorstellungen auf eine Wirklichkeit beziehen, die unabhängig von unserem Denken
existiert“ 8 führt. Es wird also eine „Wirklichkeit“ unterstellt, in der „[...] kognitiv stilisierte Erwartungen aufgrund von Erfahrungen überprüft und ggfs. korrigiert [...]“ 9 werden können. Intersubjektiv werden somit gemeinsame Vorstellungen von der „Wirklichkeit“ erarbeitet, wobei mit jeder Erwartung enttäuschungs- und lernbereit umgegangen wird, wenn die „[...] Angemessenheit (die „Wahrheit“) einer Vorstellung
aufgrund ihrer Bewährung in der Praxis [...]“ 10 beurteilt wird. Da diese „Realitätsgewissheit“ als Voraussetzung für jegliches Denken und Handeln gilt, kann
Wissen in diesem Sinn gleichgesetzt werden, mit der „Fähigkeit zum sozialen Handeln
(Handlungsvermögen).“ 11
Nachdem nun bekannt ist, was Wissen eigentlich ist, stellt sich die Frage nach der Institutionalisierung des „[...] ´enttäuschungs- und veränderungsbereite[n]´ Umgang[s]
mit den eigenen Vorstellungen und Erwartungen [...]“ 12 , um beantworten zu können, ob wir in einer Wissens- oder Wissenschaftsgesellschaft leben.
Institutionalisierung von Wissen in der heutigen Gesellschaft
Wissen wird nicht nur institutionalisiert, sondern zwischen Wissen und Institutionen besteht ein enger Zusammenhang. Die Grundlagen für Institutionalisierungsprozesse sind für Berger/ Luhmann „[...] die Typisierung, Habitualisierung und Verdinglichung
subjektiven, sinnhaften Alltagswissens [...]“ 13 , also kognitiv. In neoinstitutionalistischen Ansätzen werden in Institutionalisierungsprozessen Erwartungen und
Wirklichkeitsvorstellungen ausgehandelt. Somit können „solche organisatorischen Routinen und als selbstverständlich unterstellte Wahrnehmungsmuster [...] als
„institutionell geronnene“ Formen des Wissens [...]“ 14 analysiert werden und mit der Ergänzung, dass in Unternehmensstrukturen neben „enttäuschungs- und lernbereiten“ auch „enttäuschungsfeste“ und lernresistente Erwartungen verankert werden, können Institutionen als relativ dauerhaftes Zusammenspiel von Normen und kognitiven
Erwartungen begriffen werden. 15
Unsere Gesellschaft kann aus dieser Sichtweise heraus über „[...] den zentralen Stellenwert kognitiv stilisierter Erwartungsmuster definiert werden, d.h. durch die Institutionalisierung der Bereitschaft zur Infragestellung eingelebter Wahrnehmungs- und Handlungsmuster.“ 16
Die Wissensgesellschaft im Unterschied zur Wissenschaftsgesellschaft
Da nun bekannt ist, wie unsere Gesellschaft definiert werden kann, soll im folgenden die Wissenschaftsgesellschaft mit der Wissensgesellschaft verglichen werden, um in einem der beiden Abrisse unsere heutige Gesellschaft wiederzufinden. Wissenschaftsgesellschaften sind vor allem gekennzeichnet durch eine
Verwissenschaftlichung und Akademisierung der Gesellschaft. Theoretisches, wissenschaftlich, akademisch produziertes und vermitteltes Wissen nimmt eine zentrale Stellung ein, womit der technologische Wandel zunehmend von der Wissenschaft abhängig ist. Durch die Expansion von staatlichen und privaten Forschungsaktivitäten kommt es zu einer Verwissenschaftlichung zahlreicher Industriezweige, die Ausweitung des Dienstleistungssektors führt zu auf Wissenschaft basierten Wirtschaftsaktivitäten und einhergehend zu einer Professionalisierung und Akademisierung der Arbeiter
(Wissensarbeiter). 17
Demgegenüber steht die Wissensgesellschaft, die in vier Dimensionen deutlich andere Aspekte aufweist, als die Wissenschaftsgesellschaft. Zum einen ist die Reichweite der Wissensgesellschaft, im Gegensatz zu der nationalstaatlichen und regulierten Wissenschaftsgesellschaft, global. Damit einhergehend kann es zu einem Führungswechsel von normativ zu kognitiv stilisierten Erwartungsmustern kommen, Lernmöglichkeiten und -zwänge erhöhen sich also durch die Globalisierung der Märkte, so dass man die Wissensgesellschaft auch
„innovationszentrierte Weltgesellschaft“ 18 nennen kann. Darüber hinaus gewinnt in der Wissensgesellschaft die nichtwissenschaftliche Produktion von Wissen, insbesondere in multinationalen (lernenden) Wirtschaftsorganisationen, an Bedeutung. Einhergehend mit der „Entwissenschaftlichung“ von Wissen, steigt die Bedeutung von Nichtwissen, das durch die nun durchlässigen Grenzen zur Wissenschaft in andere gesellschaftliche Teilbereiche vordringen kann und die Gesellschaft somit eine der „Selbst-
Experimentation“ 19 ist.Letztendlich ist die „[...] Wissensbasierung der Gesellschaft nicht allein das Ergebnis gesellschaftlicher Enttraditionalisierungs-, Modernisierungs-,
Differenzierungs- und Verselbstständigungsprozesse [...]“ 20 , denn insbesondere müssen „[...] verselbstständige gesellschaftliche Teilbereiche wieder institutionell eingebettet
werden.“ 21 22
Die heutige Gesellschaft - eine Wissensgesellschaft!
Ausgehend von Luhmanns Wissensbegriff und der Institutionalisierungsform des Selbigen komme ich im Vergleich von Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft zu dem Ergebnis, dass die Wissenschaft heute nicht (mehr) im Zentrum der Gesellschaft steht. Der Begriff
der Wissenschaftsgesellschaft wird demnach häufig als unterkomplex abgelehnt. 23 Bereits am Wissensbegriff selbst erkennt man, dass es nicht ausreichen kann Wissen als objektiv
und gesichert zu betrachten 24 , denn erst durch „Realitätsgewissheit“ gewinnt man, wie bereits veranschaulicht, die Fähigkeit zum sozialen Handeln. 25 Weiterhin ist die Wissenschaft nicht (mehr) die Letztinstanz der Wissensproduktion und -fragen, neben wissenschaftliches Wissen treten „[...] Gegenexpertise der sozialen Bewegungen, das
Erfahrungswissen der Praktiker und das Laienwissen der Betroffenen“ 26 in den Vordergrund. Ziel der Wissensproduktion ist nicht der Erkenntnisfortschritt an sich,
sondern die effektive kommerzielle Verwertung des Selbigen. 27 Eine zentrale Rolle für die Institutionalisierung der Bereitschaft der Infragestellung bisheriger Gewissheiten, die unsere Wissensgesellschaft letztendlich definiert, kommt den Organisationen zu. Nach Heidenreich ist unsere „[...] Wissensgesellschaft [...] nicht in erster Linie eine Wissenschaftsgesellschaft, sondern eine Organisationsgesellschaft, d.h. eine Gesellschaft, die grenzüberschreitende organisatorische Lern- und Veränderungsprozesse auf Dauer
stellt.“ 28
Ausgehend von der Grenzüberschreitung der Wissensproduktion und der damit einhergehenden „Selbst-Experimentation“ der Gesellschaft, dringt das zuvor lediglich in
der Wissenschaft produzierte Nichtwissen (z.B. fehlerhafte Theorien, nicht in der Praxis erprobte Technologien) in die Gesellschaft vor. Dieses Nichtwissen und damit einhergehende Konsequenzen, können nicht mehr auf die entsprechenden Subsysteme beschränkt werden, wodurch klar wird, dass die Wissensgesellschaft mit Schattenseiten,
Dilemmata und Paradoxien ihrer Wissensbasierung zu kämpfen hat 29 , die hier aus Gründen des Umfangs nicht aufgezeigt werden können, aber es dennoch wert sind erwähnt zu werden.
Primärliteratur:
• Heidenreich, Martin. 2003. „Die Debatte um die Wissenschaftsgesellschaft.“ In: Stefan
Böschen und Ingo Schulz-Schäffer (Hg.) Wissen in der Wissenschaftsgesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag. S. 25 - 51.
• Kocyba, Herrmann. 2004. „Wissen.“ In: Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und
Thomas Lembke. Glossar der Gegenwart. Frankfurt/Main: Suhrkamp. S. 300 - 306.
• Heidenreich, Martin. 2002. „Merkmale der Wissensgesellschaft“. Vortrag bei der Bund-
Länder-Kommission für Bildungsplanung in Stuttgart. http://www.unibamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/blk.pdf (Abruf am 14.06.2005)
• Böschen, Stefan und Schulz-Schaeffer, Ingo. 2003. „Einleitung“. In: Stefan Böschen /
Ingo Schulz-Schaeffer (Hg.) 2003: Wissenschaft in der Wissensgesellschaft. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. http://www.tu-berlin.de/~soziologie/Crew/schulzschaeffer/pdf/EinleitungWissIDWiss.pdf (Abruf am 14.06.2005)
• Heidenreich, Martin. 2002. „Konturen der Wissensgesellschaft“. Vortrag in Zürich.
http://www.uni-bamberg.de/sowi/europastudien/dokumente/konturen2002.pdf (Abruf am 02.07.2005)
Sekundärliteratur:
• Krohn, Wolfgang. 2003. „Das Risiko des (Nicht-)Wissens. Zum Funktionswandel der
Wissenschaft in der Wissensgesellschaft.“ In: Stefan Böschen / Ingo Schulz-Schaeffer (Hg.) 2003: Wissenschaft in der Wissensgesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag. S. 97 - 118
• Krohn, Wolfgang. 2000. „Einleitung: Wissenschaft und Lebenswelt.“ In: Franz, H./
Kogge, W./ Möller, T./ Wiltholt, T. (Hg.): Wissensgesellschaft. Transformationen im Verhältnis von Wissenschaft und Alltag. Tagung vom 13. - 14. Juli 2000 an der Universität Bielefeld. IWT-Paper 25. Bielefeld 2001. http://bieson.ub.uni-bielefeld.de/volltexte/2002/90/html/Wolfgang_Krohn_Wissensgesellschaft.pdf (Abruf am 23.06.2005)
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Arbeit zitieren:
Melanie Rottmüller, 2005, Wissens- oder Wissenschaftsgesellschaft? - Eine Diskussion basierend auf den Beiträgen von Heidenreich und Kocyba., München, GRIN Verlag GmbH
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