„In Deutschland hat sich die von Italien ausgehende Schäferei erst spät und nur in bescheidenem Maße verbreitet. Das Haupthindernis dürfte die Reformation gewesen sein, die das Erbe des alten Glaubens beanspruchte und der Ersatzphantasien aller Art abhold war.“ Das Heilige Römische Reich erreichte diese Schäfermode erst relativ spät, Mitte des 17. Jahrhunderts.
Insbesondere Martin Opitz und Georg Philippe Harsdörffer bemühten sich um Bearbeitungen und Übersetzungen der Originale aus dem europäischen Raum. Dementsprechend kleiner waren die unterschiedlichen Varianten: in Deutschland gab es im 17. Jahrhundert -anders als in Italien und Frankreich- kaum Eklogen von Fischern, Jägern und anderen Berufen, sondern überwiegend schäferliche Liebesgespräche.
Die Renaissance verlieh dem Arkadien Vergils - Arkadien als vollkommener Ort der Idylle soll im Folgenden noch vorgestellt werden - einen neuen Stellenwert, ihren Höhepunkt erreichte die Schäferei im Barock und Rokoko. Der volkssprachliche Schäferroman entstand, Schäferspiel und Schäferoper kamen auf die Bühne, arkadische Landschaften entstanden in der Malerei - in der Gesellschaft entwickelte sich eine Begeisterung für die Natur.
Formal
In der Sekundärliteratur werden die Begriffe arkadische und bukolische Dichtung sowie Schäfer- und Hirtendichtung synonym gebraucht. In der Poetik des 17. und 18. Jahrhunderts - genannt sei beispielsweise Johann Christoph Gottsched in seiner „Critischen Dichtkunst“ - taucht zudem der Begriff der Idylle synonym mit dem Begriff der Schäferdichtung auf.
Zu unterscheiden sind bei der schäferlichen Liebesdichtung zwischen 1. Liebeslyrik
2. Schäferdrama (zumeist Übersetzungen aus Italien und Spanien) 3. Schäferroman
Weder die antike Hirtendichtung ist klar und deutlich gliedert, noch ist es sein Nachfolger in der Frühen Neuzeit. Hier stellt sich ein Problem für Editoren wie für Literaturwissenschaftler da: es finden sich keine eindeutigen Bahnen in der Tradition.
Der größte Teil dieser Liebesgespräche sind lyrische Monologe eines einzigen Sprechers. Wiederkehrendes Thema ist der Bericht von einer spröden, abweisenden Geliebten (in seltenen Fällen auch eines Mannes), der ein Liebender völlig ausgeliefert ist, sich nach ihr verzehrt und leidet.
In Zusammenhang mit dieser Liebesklage stößt man häufig auf die Natur, die in ganzen Strophen umschrieben wird. Dem Wechsel der seelischen Verfassung der Liebenden ist ein entsprechender Ortswechsel angepasst - vom Ort der Liebesklage hin zum Ort der erinnerten Liebe, dem Ort der Erfüllung - zumindest in der Fantasie des Erzählers.
Statt wie bisher an einem Ort zu singen und zu verweilen, wird der räumliche Rahmen im Schäferroman erweitert. Noch vor Erscheinen des ersten deutschen Schäferromans im Jahr 1632 liegen die großen europäischen Schäferromane in Übersetzungen vor. Der Schäferroman ist geprägt von mehreren parallelen Erzählsträngen, eingeschobenen Geschichten, allegorischen Elementen und
Verschlüsselungen. Außerdem sorgen gelegentliche lyrische Abschnitte für eine Mischung der Gattungen.
Das Schäferdrama bzw. die Schäferoper haben keine antiken Vorbilder. Ihren Ursprung haben sie in Italien, von wo aus sie in Europa mittels Übersetzungen und Bearbeitungen populär wurden. Aminta von Torquato Tasso ist solch ein Beispiel, publiziert 1573, aber erst Mitte des 18. Jahrhunderts ins Deutsche übertragen. Thema hier ist natürlich wieder die Liebe, doch die abweisende Geliebte wird im Stück bekehrt und es gibt ein Happy-End. „Liebesklage, wirkliche/scheinbare Erfüllung der Liebe und Liebeswerben bilden die motivische Substanz des Schäferdramas.“
Inhalt
a. Helden
Das Besondere bei diesen Helden war weniger ihre bescheidene Herkunft -schon der griechische Dichter Theokrit beschrieb um 300 Chr. Hirten in ihrem alltäglichen Umfeld - sondern vielmehr ihr, heute würde man vielleicht abschätzig sagen, irreales, der irdischen Welt entrücktes Dasein.
Sie waren mythische Gestalten und brachten die Sehnsucht nach einer friedvollen, heiteren Welt zum Ausdruck - das baldige Ende der Römischen Republik zeichnete sich am Horizont ab. Man könnte hier von einer gesellschaftlichen Endzeit-Stimmung sprechen.
Was zeichnete nun diese Hirten Vergils aus? Sie waren gesegnet mit unverfänglicher Jugend, lebten in einer schönen Landschaft - kurzum: sie verkörperten positive Stimmung, Hoffnung, Lebensfreude. Mit der Realität hatten sie nichts gemein, ihr Dasein war gekennzeichnet durch Muße, weswegen Zeit zum Singen und zum Lieben blieb (dies wird sich im Übrigen bis in die Literatur der Frühen Neuzeit nicht ändern, außer dass sie „deren desolate Verfassung im Wunschbild einer besseren Welt spiegelten“).
b. Emotionen
Typisch für die Hirtengedichte in Europa waren die Themen: unerfüllte Liebe, Lobgesänge auf eine Schäferin, Wehmut in Anbetracht einer schöneren Vergangenheit oder einer verlorenen Heimat. Dabei wurden die einzelnen Eklogen bereits durch eine Rahmenerzählung verbunden, lyrische und epische Elemente standen also nebeneinander, wie es später für den Schäferroman typisch wurde.
Seit Vergils Hirtendichtung galt es als legitim, das Private literaturfähig zu verpacken, es darf über Persönliches gesprochen und gesungen werden - die Dichter des 17. Jahrhunderts haben diese Möglichkeit aber weitaus intensiver genutzt als jene in der Antike. So kommt es, dass man sich über die Ekloge dem Leben der Zeit (speziell der Sprachgesellschaft) nähern kann und darf, wie es bei anderen Literaturprodukten wohl weniger ratsam ist.
Politische Konflikte der Zeit und die Hoffnung auf Lösung dieser finden Eingang in die europäischen Eklogen der Frühen Neuzeit - der literarische Text öffnet sich also dem zeitgenössischen Geschehen. Panegyrik (Lobrednerisch), Biographismus und Feuilletonismus sind die drei konstitutiven Merkmale der Ekloge.
Wie stark der Biographismus zum Ausdruck kommt, also eine Gleichsetzung des Autoren-Daseins mit dem Leben seiner Figuren, ist vom Einzelfall abhängig. Das Maskenspiel ist und bleibt ein Merkmal der Ekloge, der Schäfer wird zum Rollenträger des Dichters - doch warum gerade sein Berufsstand? Das Hirtentum ist seit jeher bekannt als Personengruppe, die Spaß am Gesang hat. Der Hirte als solcher hat keine gesellschaftlichen Verpflichtungen, gilt als frei umherziehender Mensch und ist zudem nicht mit allzu vielen Adjektiven behaftet (vgl. den schmutzigen Bauern als Pendant)er kann als Protagonist, den wenig auszeichnet, entsprechend dem Text geformt und charakterisiert werden wie eine literarische Puppe.
Der Großteil der schäferlichen Liebesdichtung in Europa ist rein fiktiver Natur und zumeist an einen festlichen Anlass gebunden (beispielsweise als Präsent anlässlich eines Fürsten-Geburtstages verlesen und überreicht) - das Biographische sollte laut Garber -wie es noch in der älteren Forschung geschah- nicht überbewertet werden. Man imitierte und variierte das vorhandene Formelgut - mehr nicht.
c. Ort der Handlung
Es sind zumeist die romantischen Landschaften Arkadiens, der poetischen Variante des christlichen Paradieses, in denen die Schäferdichtung angesiedelt ist. Der Name ist einer griechischen Landschaft entlehnt, die allerdings mit den idyllischen Malereien wenig gemein hat und eher als unwirtliches Hochland zu bezeichnen ist. Idylle hin, Geröll her - Arkadien ist und war Fiktion, ein Traumland für die Künste, das erdacht wurde vom römischen Dichter Vergil, als dieser um 42 v. Chr. an seinen Hirtengedichten schrieb.
Arkadien enthält ursprüngliche Natur und unverdorbene Menschen, die natürlich und wahrhaftig (ehrlich) ihre Gefühle ausleben und ohne gesellschaftliche Zwänge existieren. Im Kontrast dazu dient der Adels-Hof als Kulisse von Destruktion der Natur, von mangelndem Anstand und Wahrheit (Tugendlosigkeit). So wir die politischutopische Intention der Gattung begründet.
In Deutschland zeichnet sich eine Entwicklung der Schäferei ab, die sich von der Fantasiewelt eher abwendet und sich zu größerem Realismus bekennt. Zum Ausdruck kommt dies beispielsweise durch die Verlegung der Handlung in die Heimat, ins Riesengebirge oder nach Nürnberg, um hier nur zwei Beispiele zu nennen.
Die Handlungsorte ähneln sich in der Schäferdichtung sehr, vor allem weil sie Charakteristika aufweisen, die immer wiederkehren. Ort der Idylle ist der so genannte locus amoenus, was übersetzt lieblicher Ort oder paradiesische Gegend übersetzt heißt.
Dieser locus ist ein literarischer Topos, eine fiktive Landschaft aus bestimmten stereotypen Elementen (Hain, Quelle, Bach, Vögel usw.) zusammengesetzt, unverzichtbare Kulisse der Schäferdichtung und Idylle. Verwendung fand dieser fiktive Ort in der mittelalterlichen Dichtung des Minnegesangs, auch in der Barock-Zeit war er sehr populär in der Schäferdichtung.
Seine Eigenschaften in Kürze:
•
Er existiert nicht - auch wenn geographische Angaben genannt sind, ist
• Der Genius dieses Ortes ist Amor.
•
Er ist ein Hindernis. Immer wird der epische Held an einem
• Der locus amoenus ist erdacht von Dichtern und Architekten: Architextur.
Intention
Schäferdichtung ist Ausdruck einer sentimentalen Sehnsucht nach Naturnähe und der Schlichtheit des Landlebens. Konflikte und Probleme gesellschaftlicher Natur bleiben verschwiegen, Liebes- und Beziehungsprobleme fungieren als Spannungsmomente. Selbstlose Hingabe wird gegen Egoismus ausgespielt, Respekt vor der Freiheit des anderen gegen Inbesitznahme. Kennzeichen dieser Liebe ist es, schwärmerisch und unerfüllt zu sein.
Dennoch weist der Schäferroman durchaus eine gesellschaftliche Komponente auf, indem sich hinter der Maske des Protagonisten oder anderer Agitatoren Persönlichkeiten verbergen (nicht zuletzt der Autor selbst). Dadurch getarnt und verborgen wandelt sich der Schäferroman zu einer Frühform des Schlüsselromans), beispielsweise kann das Buhlen um die Gunst des absolutistischen Fürsten kritisiert werden.
„Mit den Mitteln des Rollenspieles versucht das adlige Publikum, für das dieser Romantyp in erster Linie geschrieben ist, sich zumindest probeweise von den Standesverpflichtungen der adligen Gesellschaft zu lösen.“ Am Hofe waren Schäferspiele - u.a. auch im Freien - sehr beliebt, bei denen höfische Etikette und der Druck des ancien régime (mitsamt seinem absolutistischen Herrscher) vergessen werden konnten und die Partizipierten den „unschuldig-naiven Naturzustand“ genossen. „Im Schäferstündchen hat sich diese psychologische Ambivalenz aus Unschuld und Laszivität bis heute erhalten.“
Eine starke Verknüpfung der Epoche mit dem literarischen Werk finden wir beispielhaft in Honoré dÚrfés Astrée. Wie in anderen Stücken kommt auch hier der Wunschtraum vom Goldenen Zeitalter zum Ausdruck - dieses zeichnet die Freiheit vom Gesetz aus (weniger als Autonomie, sondern als Glück der persönlichen Freiheit des Einzelnen verstanden), sowie Liebesfreiheit und die Absenz eines Sündenbewusstseins.
Auf den ersten Blick unterscheidt sich Astrée also nicht von anderen Schäferdichtungen: Die Hirten leben frei von Zwang, von Not und auch von Arbeitspflicht. Beschäftigen tut sie die Liebe allein. Analog zur zeitgenössischen Gesellschaft sind die Personengruppen im Stück ebenso hierarchisch geordnet - die Nymphen repräsentieren den Hochadel, die Druiden den Klerus, die Hirten Adel und Bürger. Das Volk übrigens fehlt hier ganz. Souverän thront Amor über der Welt. Der Schäfer Celadon trägt im Übrigen alle Züge eines ehrenwerten Herrn: höflich, sprachgewandt, mutig, ehrlich, treu und dem Willen der Geliebten ergeben.
Kritik oder das Ende der Schäferei
„Die literarischen Schäfer und Ritter (diese waren ebenfalls beliebte Figuren) am Ende der Renaissance kündeten von der Auflösung des anfänglichen Selbstbewusstseins in Zweifeln, Ängsten und Wunschträumen von einer besseren Welt. Sie waren deshalb zugleich Zielscheibe des Spotts.
1653 erschien in Frankreich die Komödie Le berger extravagant von Thomas Corneille, die Andreas Gryphius zehn Jahre später als Der Schwermende Schäffer ins Deutsche übersetzte: Der Titelheld der Komödie, Lysis, war eigentlich für die höhere Beamtenlaufbahn bestimmt, ehe er sich durch die Lektüre von Ritter- und Schäferromanen in eine poetische Traumwelt hineinsteigerte. Er beschließt, Schäfer zu werden. Er treibt also seine Schafe aufs Feld, kleidet sich unmöglich, liegt stets auf der Erde, wimmert die verehrte Schäferin um Gegenliebe an und kann an keinem Wald vorbeigehen, ohne das Echo zu versuchen. Am Ende fällt er in einen hohlen Baum, was er zum Anlass nimmt, um sein Leben, wie Daphne, als Baumgottheit zu beschließen.“
Ähnliche Verspottung erfuhr um diese Zeit der Ritter-Kult, es sei nur an Don Quijote von Cervantes erinnert. Die Diskrepanz zwischen Realität und Schäferwelt ist ebenso groß wie die zwischen Ritterideal und Don Quijote.
Ihr Ende fand die ohnehin im europaweiten Vergleich schwach entwickelte Schäferei der deutschen Literatur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als sich Sturm und Drang anbahnten.
Was war es also, was den Deutschen an der Schäferdichtung zuwider war?
Johann Gottfried von Herder formulierte 1767 eine Kritik an dem damals bekanntesten Repräsentanten der deutschsprachigen Schäferdichtung Geßner. Herder vermisste am Schäferideal das aktive, tätige, auf die Veränderung der Gegenwart bezogene Moment: Statt zu handeln, beschäftigen sie sich, singen und küssen; trinken und pflanzen Gärten.
Herder hatte damit sicher kein Plädoyer für eine illusionslose Sichtweise im Sinn. Er wollte im Grunde weder Arkadien noch das goldene Zeitalter ächten. Die Illusion war ihm lediglich zu schal. Er wollte sie mit anderen Figuren bevölkern; mit Gestalten, die eben mehr als ein unverbindlicher Traum vom schöneren Leben sind.
Voltaire schrieb um diese Zeit seinen Candide. Der Held des satirischen Werks ist von einer naturwüchsigen Unschuld und Naivität. In diesem geistigen Schäferkostüm schickt ihn Voltaire auf die Reise durch die Realität. Die Reise durch dieses Arkadien, wie es in der zeitgenössischen Philosophie von Pope bis Leibniz anklingt, wird für Candide zur Höllenfahrt. Am Ende ziehen sich Candide und seine Gefährten mit ihren erlittenen Blessuren in eine kleine Meierei zurück - Karikatur Arkadiens - und schwören allem Räsonieren ab, um nur noch ihren Garten zu bestellen.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verschwand das arkadische Motiv aus allen Bereichen der Kunst. Die Schäferspiele, die Marie Antoinette im Park von Versailles veranstaltete, waren ein letzter höfischer Selbstbetrug. Der dritte Stand war nicht mehr bereit, sich mit Träumen von Arkadien abspeisen zu lassen. Seine Träume waren heroischer, handlungsbereiter, gegenwartsnäher.
Schäferei als Element der Malerei
Wie schon dargelegt wurde, war das echte Arkadien in Griechenland keine wirtliche Gegend. Das fiktive Arkadien gestalteten die Maler aber umso landschaftlich reizvoller. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts gewann die Landschaft auf Gemälden zunehmend an Relevanz. War sie vorher bloße Kulisse, so wandelte sie sich nun zu einer geistigerhöhten, idealen Idylle, in denen sich Schäfer, Schafe, Philosophen, Satyren und Nymphen tummelten.
Claude Lorrain (eines seiner Bilder findet sich im Abbildungs-Teil) galt als einer der Meister des „perfekten Stimmungsgemäldes, in dem sanftes Licht die friedvolle Szenerie beleuchtet.“ Antike Ruinen als Bildelemente riefen eine verflossene, heroische Vergangenheit in Erinnerung und hoben die friedvolle Szenerie hervor.
Zu dem Bild „Et in arcadia ego“
Die erste bildliche Darstellung des Themas Tod in Arkadien!
Ein Beispiel für eine kritische Auseinandersetzung mit dem zum irdischen Paradies stilisierten Arkadien schafft der italienische Maler Guercino zu Beginn des 17. Jahrhunderts. „Et in arcadia ego“ ist unter einen am Boden liegenden Totenschädel zu lesen, den zwei junge Hirten ergriffen betrachten (im Abbildungs-Anhang).
Übersetzt heißt die Inschrift übrigens "Selbst in Arkadien gibt es mich" (nämlich den Tod) - klar war das nicht immer. Interpretationen liegen und lagen heute wie damals oft falsch, so dass eine Übersetzung Auch ich war in Arkadien zum geflügelten Wort wurde. Die neue, aber falsche Komponente klingt zum Beispiel bei Schillers Gedicht „Resignation" (1786) an: „Auch ich war in Arkadien geboren.“
Die lateinische Inschrift deutet an, dass der Tod auch in Arkadien geschehe - niemand lebt ewig, auch in der Traumwelt nicht.
Zum Bild selbst ist zu sagen, dass der Totenschädel auf einer zerbröckelnden Mauer aufliegt und sich eine Fliege und eine Maus um ihn scharen, Symbole des Verfalls und der alles verschlingenden Zeit (=Maus).
Durch den Bezug auf Arkadien erhält dieses Gedenken der Vergänglichkeit alles Irdischen eine neue Bedeutung: Es symbolisiert den Katzenjammer des Lebensgefühls nach dem Rausch der Renaissance.
Ist die Sehnsucht nach Arkadien bei Guercino gebrochen? Es macht unweigerlich den Eindruck, dass der Denker zu seinem eigenen Geschöpf auf Distanz geht.
Literaturverzeichnis
• Ivan Dusanek, Über Typus und Ort. Protokoll eines Gespräches mit Oswald Mathias Ungers, verfügbar über: http://www.kunstschule-digital.de/file/00000140-
00000016-000001-20020923114240/Ort.pdf (Stand: 23.07.05).
• Klaus Garber, Der locus amoenus und der locus terribilis. Bild und Funktion der Natur in der deutschen Schäfer- und Landlebendichtung des 17. Jahrhunderts, Köln 1974. (Hier besonders der einleitende I. Teil.)
• Ders. (Hg.), Europäische Bukolik und Georgik, Darmstadt 1976. (Hier besonders die Aufsätze: Erich Köhler, Absolutismus und Schäferroman. Honoré d’Urfés „Astrée“, S. 266-270. Erwin Panofsky, Et in arcadia ego. Poussin und die elegische Tradition, in: Garber (Hg.) 1976, S. 271-305.
• Gerhart Hoffmeister, Die spanische Diana in Deutschland. Vergleichende Untersuchungen zu Stilwandel und Weltbild des Schäferromans im 17. Jahrhundert, Berlin 1972.
• Claudia Krülls-Hepermann, Die Unwahrscheinlichkeit neuzeitlicher Subjektivität. Spanische Schäferromane des späten 16. und des frühen 17. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1990.
• Udo Leuschner, Arkadien. Entstehung einer Traumlandschaft, o. O. 1991 (.html-Version 2000), verfügbar über: http://www.udo-leuschner.de/sehnsucht/arkadien/index.htm (siehe auch .pdf-Format http://www.udoleuschner.de/pdf/arkadien.pdf), Stand: 23.07.2005.
• Justo Fernández López, Locus amoenus, Lexikon der Linguistik unter Berücksichtigung der Nachbardisziplinen, verfügbar über:
http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/l/LOCUS% 20AMOENUS.htm (Stand: 23.07.2005).
• Steffen Richter, Schäferroman, verfügbar über: literaturwissenschaft-aktiv des Fachbereichs Germanistik/Literaturwissenschaft der Universität GH Essen, http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaftaktiv/Vorlesungen/epik/schaeferroman.htm.
• Wilhelm Voßkamp (Hg.), Schäferdichtung. Referate der fünften Arbeitsgruppe beim 2. Jahrestreffen des Internationalen Arbeitskreises für deutsche Barockliteratur vom 28. - 31. August 1976 in Wolfenbüttel, Hamburg 1977.
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||| |||||Universität Osnabrück, FB 7 Sprach- und Literaturwissenschaften|||||||||||||||||| |||||Seminar: 1.141 Geschichte und Kultur Europas in der Frühen Neuzeit||||||||||||||| |||||Referentin: Kristine Greßhöner||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||| ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Schäferdichtung als europäisches Kulturphänomen
|||||Historie|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Der Schäferroman entstammt der Tradition der Hirten- oder auch arkadischen Dichtung, als deren früher Vorläufer Vergils Bucolica (um 40.v. Chr.) gilt, nach dem die Gattung auch als Bukolik bezeichnet wird. Nachdem im 14. Jahrhundert vor allem lyrische, neulateinische Hirtendichtung in Italien (mit den Autoren Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio) populär waren (allerdings nicht beim Volk), setzte sich im spanischen Barock mit dem Schäferroman auch die Prosaform durch. Größere Wirksamkeit erlangten die volkssprachlichen Schäferdichtungen Jacopo Sannazaros Arcadia (1502). Konstituierend für das Genre und von großer Wirkung auf die gesamteuropäische Produktion wurde aber Jorge de Montemayors Diana (1559).
Nach seiner Ausbreitung vor allem in Großbritannien und Italien erreichte das Genre mit Honoré d´Urfés L´Astrée (1607-27) in Frankreich einen Höhepunkt. „In Deutschland hat sich die von Italien ausgehende Schäferei erst spät und nur in bescheidenem Maße verbreitet. Das Haupthindernis dürfte die Reformation gewesen sein, die das Erbe des alten Glaubens beanspruchte und der Ersatzphantasien aller Art abhold waren.“ Das Heilige Römische Reich erreichte diese Schäfermode erst relativ spät, Mitte des 17. Jahrhunderts. Insbesondere Martin Opitz und Georg Philippe Harsdörffer bemühten sich um Bearbeitungen und Übersetzungen der Originale aus dem europäischen Raum.
|||||Formal|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
In der Sekundärliteratur werden die Begriffe arkadische und bukolische Dichtung sowie Schäfer- und Hirtendichtung synonym gebraucht. In der Poetik des 17. und 18. Jahrhunderts - genannt sei beispielsweise Johann Christoph Gottsched in seiner „Critischen Dichtkunst“ - taucht zudem der Begriff der Idylle synonym auf. Zu unterscheiden sind bei der schäferlichen Liebesdichtung zwischen
Schäferdrama (zumeist Übersetzungen aus Italien und Spanien)
• Schäferroman
Weder die antike Hirtendichtung ist klar und deutlich gliedert, noch sind es seine Nachfolger in der Frühen Neuzeit. Hier stellt sich ein Problem für Editoren wie für Literaturwissenschaftler da: es finden sich keine eindeutigen Bahnen in der Tradition. Der Großteil dieser Liebesgespräche sind lyrische Monologe eines einzigen Sprechers.
|||||Inhalt||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Seit Vergils Hirtendichtung galt es als legitim, das Private literaturfähig zu verpacken, es darf über Persönliches gesprochen und gesungen werden - die Dichter des 17. Jahrhunderts haben diese Möglichkeit aber weitaus intensiver genutzt als jene in der Antike. So kommt es, dass man sich über die Ekloge dem Leben der Zeit (speziell der Sprachgesellschaft) nähern kann und darf, wie es bei anderen Literaturprodukten wohl weniger ratsam ist. Politische Konflikte der Zeit und die Hoffnung auf Lösung dieser finden Eingang in die europäischen Eklogen der Frühen Neuzeit - der literarische Text öffnet sich also dem zeitgenössischen Geschehen. Panegyrik, Biographismus und Feuilletonismus sind die drei konstitutiven Merkmale der Ekloge. Wie stark der Biographismus zum Ausdruck kommt, also eine Gleichsetzung des Autoren-Daseins mit dem Leben seiner Figuren, ist vom Einzelfall abhängig. Das Maskenspiel ist und bleibt ein Merkmal der Ekloge, der Schäfer wird zum Rollenträger des Dichters. Der Großteil der schäferlichen Liebesdichtung in Europa ist aber rein fiktiver Natur und zumeist an einen festlichen Anlass gebunden (beispielsweise als Präsent anlässlich eines Fürsten-Geburtstages verlesen und überreicht) - das Biographische sollte laut Garber -wie es noch in der älteren Forschung geschah- nicht überbewertet werden. Man imitierte und variierte das vorhandene Formelgut - mehr nicht.
Es sind zumeist die romantischen Landschaften Arkadiens, der poetischen Variante des christlichen Paradieses, in denen die Schäferdichtung angesiedelt ist. Der Name ist einer griechischen Landschaft entlehnt. Arkadien enthält ursprüngliche Natur und unverdorbene Menschen, die natürlich und wahrhaftig (ehrlich) ihre Gefühle ausleben und ohne gesellschaftliche Zwänge existieren. Im Kontrast dazu dient der Adels-Hof als
Kulisse von Destruktion der Natur, von mangelndem Anstand und Wahrheit
(Tugendlosigkeit). So wird die politisch-utopische Intention der Gattung begründet. In Deutschland zeichnet sich eine Entwicklung der Schäferei ab, die sich von der Fantasiewelt eher abwendet und sich zu größerem Realismus bekennt. Zum Ausdruck kommt dies beispielsweise durch die Verlegung der Handlung in die Heimat, ins Riesengebirge der nach Nürnberg, um hier nur zwei Beispiele zu nennen. o
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Schäferdichtung ist Ausdruck einer sentimentalen Sehnsucht nach Naturnähe und der Schlichtheit des Landlebens. Konflikte und Probleme gesellschaftlicher Natur bleiben verschwiegen, Liebes- und Beziehungsprobleme fungieren als Spannungsmomente. Dennoch weist der Schäferroman durchaus eine gesellschaftliche Komponente auf, indem sich hinter der Maske des Protagonisten oder anderer Agitatoren Persönlichkeiten verbergen (nicht zuletzt der Autor selbst). Dadurch getarnt und verborgen wandelt sich der Schäferroman zu einer Frühform des Schlüsselromans), beispielsweise kann das Buhlen um die Gunst des absolutistischen Fürsten kritisiert werden.
|||||Kritik|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
„Die literarischen Schäfer und Ritter (diese waren ebenfalls beliebte Figuren) am Ende der Renaissance kündeten von der Auflösung des anfänglichen Selbstbewusstseins in Zweifeln, Ängsten und Wunschträumen von einer besseren Welt. Sie waren deshalb zugleich Zielscheibe des Spotts. Ähnliche Verspottung erfuhr um diese Zeit der Ritter-Kult, es sei nur an Don Quijote von Cervantes erinnert.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verschwand das arkadische Motiv aus allen Bereichen der Kunst. Die Schäferspiele, die Marie Antoinette im Park von Versailles veranstaltete, waren ein letzter höfischer Selbstbetrug. Der dritte Stand war nicht mehr bereit, sich mit Träumen von Arkadien abspeisen zu lassen. Seine Träume waren heroischer, handlungsbereiter, gegenwartsnäher.
|||||Element in der Malerei|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Wie schon dargelegt wurde, war das echte Arkadien in Griechenland keine wirtliche Gegend. Das fiktive Arkadien gestalteten die Maler aber umso landschaftlich reizvoller. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts gewann die Landschaft auf Gemälden zunehmend an Relevanz. War sie vorher bloße Kulisse, so wandelte sie sich nun zu einer geistig-erhöhten, idealen Idylle, in denen sich Schäfer, Schafe, Philosophen, Satyren und Nymphen tummelten. Claude Lorrain galt als einer der Meister des „perfekten Stimmungsgemäldes, in dem sanftes Licht die friedvolle Szenerie beleuchtet.“ Antike Ruinen als Bildelemente riefen eine verflossene, heroische Vergangenheit in Erinnerung d hoben die friedvolle Szenerie hervor. un
|||||Literatur|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
• • • • •
Auszüge aus Jorge de Montemayor, Los Siete Libros de la Diana (1559). Vgl. Gerhart Hoffmeister, Die spanische Diana in Deutschland. Vergleichende Untersuchungen zu Stilwandel und Weltbild des Schäferromans im 17. Jahrhundert, Berlin 1972, S. 65ff.
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Kristine Greßhöner, 2005, Schäferdichtung (Bukolik) als europäisches Kulturphänomen im 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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Anmerkung.
Wie Shakespeare in seinem Stück "As you like it" (1599)(zu Dt. "Wie es euch gefällt") die für die Bukolik typischen Klischees und die Utopie der arkadischen Welt kritisch verarbeitet, besonders durch das Motiv des Rollenspiels, wäre im Kapitel "Kritik" auch sehr nennenswert gewesen.
am Friday, August 12, 2005-