1. Einleitung
Das 19. Jahrhundert, in dem diese Darstellung von Friedrich Engels verfasst wurde, war gekennzeichnet durch zahlreiche gesellschaftliche Umbrüche im Zuge der Industrialisierung, die einerseits Fragen zur Analyse und Entwicklung der Gesellschaft neu aufwarfen. Andererseits wurden aber auch Ursachen und vor allem Antworten auf die wachsenden sozialen Konflikte forciert gesucht. 1 Auch unsere heutige Zeit ist konfliktbeladen und es wird nach Lösungsalternativen geforscht.
Vor mehr als hundert Jahren nahm das Ringen um die Herausbildung einer historischmaterialistischen Gesellschaftsbetrachtung 2 einen bedeutenden Stellenwert ein. Karl Marx und Friedrich Engels verarbeiteten die bis dato vorhandenen Vorstellungen zur Analyse einer Gesellschaft und prägten mit ihren Ansichten nachhaltig die Bildung einer kritischdialektischen Theorie. 3 Diese wird häufig in der gegenwärtigen Literatur auch mit den verschiedensten Termini wie Marxismus, Sozialismus oder Kommunismus zum Ausdruck gebracht.
Besonders Friedrich Engels rückt dabei immer wieder in das Blickfeld der wissenschaftlichen Betrachtungen, was mit diesem Thesenpapier aber nur sekundär belegt werden soll. Seine Biographie vom Unternehmersohn zum Arbeiterführer und Gesellschaftskritiker birgt dabei genausoviel Spannungsgehalt wie der Aufstieg eines Rockefeller in den USA. Ein solcher ideologischer Entwicklungsprozeß einer Person ist aber selten durch Kontinuitäten geprägt. 4 Unter diesen Umständen schrieb er die Darstellung über die Arbeiterschaft in England, was besonders in seiner Zeit ein breites gesellschaftliches Echo auslöste. 5
1 Vgl. hierzu u.a.: Mönke, Wolfgang: Das literarische Echo in Deutschland auf Friedrich Engels' Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England.“ In: Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Vorträge und Schriften. Heft 92, Berlin (DDR) 1965 S. 1 - S. 127, S. 24 bzw.: Schmidtgall, Harry: Friedrich Engels' Manchester-Aufenthalt 1842-1844. Soziale Bewegungen und politische Diskussionen. Mit Auszügen aus Jakob Venedeys England-Buch (1845) und unbekannten Engels-Dokumenten. Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Nr. 25, Trier 1981
2 Holtmann, Everhard (Hrsg.): Politiklexikon. München/Wien 1991 S. 234 und S. 248
3 Vgl. hierzu u.a.: v. Alemann, Ulrich / Forndran, Erhard: Methodik der Politikwissenschaft. Eine Einführung in Arbeitstechnik und Forschungspraxis. Stuttgart / Berlin / Köln. 1995 5 S. 53 ff.; Fritzsche, Klaus: Sozialismus: Geschichte und Perspektiven gesellschaftlicher Egalität. In: Neumann, Franz (Hrsg.): Handbuch. Politische Theorien und Ideologien. Bd. 2, Opladen 1996 S. 1 - S. 74 und Kraiker, Gerhard: Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels. Gegen Dogmatisierung und Marginalisierung. In: ebd. S. 75 - S. 109
4 Vgl. hierzu: Lawatsch, Hans-Helmut: Aspekte der Umbildung weltanschaulicher Überzeugungen, dargestellt am jungen Engels der Jahre 1838 - 1845. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors des Wissenschaftszweiges an der Gesellschafts-wissenschaftlichen Fakultät des Wissenschaftlichen Rates der Friedrich-Schiller-Universität Jena (DDR) 1984
5 Vgl. Anmerkung 1; Obwohl mehrere Schriften zur Lage in England von Friedrich Engels verfasst wurden, beziehe ich mich hier auf die vom Autor 1845 veröffentlichte Gesamtdarstellung.
Auch heute noch wird sein Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England.“ in der Literatur sehr kontrovers bewertet.
Dabei stellen sich nicht nur in diesem Werk immer wieder dieselben Fragen: Lassen sich gesellschaftliche Veränderungen in gesetzmäßige unausweichlich ablaufende Prozesse faßbar machen? Kann den ökonomischen Faktoren dabei eine ausschließliche Dominanz zugeordnet werden und bieten sich für Krisensituationen Entwicklungsalternativen an? Fragen, die auch in unserer heutigen Zeit gestellt werden.
Daraus leitet sich der Grundgedanke dieser Arbeit ab. Lassen sich anhand der Schrift von Friedrich Engels geeignete Grundsätze für eine gesellschaftspolitische Analyse ableiten, die auch in unserer Zeit verwendet werden können?
An diesem Punkt setzt die Untersuchung ein. Anhand exemplarischer Sichtweisen wird diese Aussage untersucht und erörtert. Dabei vertrete ich die Ansicht, das sich aus diesem Werk besonders Methoden für die Untersuchung gegenwärtiger Prozesse übertragen lassen. Im Fazit soll dann dargestellt werden, ob diese Engels-Schrift den heutigen Ansprüchen an eine umfassende Gesellschaftsanalyse gerecht wird?
Um den inhaltlichen Rahmen nicht zu sprengen, wird in dieser Arbeit aber auf die ausführliche Betrachtung des Zusammenhanges von Ökonomie und Herrschaft in der Theorie des historischen Materialismus verzichtet. Die Grundzüge dieser Gesellschaftsanalyse werden nur skizzenhaft dargestellt. Der Schwerpunkt des Thesenpapieres liegt deshalb in den verschiedenen Bewertungen dieses Werkes.
2. Der gesellschaftsanalytische Ansatz in der Friedrich Engels Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen.“.
In der Zeit der Erarbeitung dieses Werkes befand sich Friedrich Engels in einem geistigen Wandlungsprozeß. 6 In England und besonders in Manchester wurde Friedrich Engels mit den sozialen Veränderungen im Zuge der Industrialisierung augenscheinlich konfrontiert. Ausgehend von seinen philosophischen Vorstellungen suchte er nach Ursachen und
6 Vgl.: Lawatsch, Hans-Helmut: a.a.O. S. 69 [wie Anmerkung 4]
Alternativen dieser Entwicklung. Die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der politischen Ökonomie waren deshalb für Engels eine logische Konsequenz. Die Erfahrungen des Englandaufenthaltes führten ihn zu einer Aneignung ökonomischer Positionen einer Gesellschaftsbetrachtung. In der Verbindung mit den bereits erworbenen dialektischen Ansichten der Junghegelianer, denen er zugerechnet werden konnte 7 , zeichneten sich bereits Formen der historisch-materialistischen Theorie ab.
Mit den dialektischen Betrachtungsweisen ausgestattet, abstrahierte er die dabei gewonnenen Einzelerkenntnisse 8 vom Standpunkt der arbeitenden Klasse. Diese ordnete er in einen aus seiner Sicht verallgemeinerbaren gesamtgesellschaftlichen Kontext ein. Aus diesem Teufelskreislauf der Armut, den er so detailliert beschrieb, leitete er eine Systemkrise der Gesellschaft ab. In einer Revolution, eines unausweichlichen Sturzes der Elite, der Bourgeoisie, sah er dann die einzige Alternative für eine grundlegende Veränderung in der Gesellschaft 9 . Die verwendeten Worte wie: Unaufhaltsam, unausbleiblich, konsequent, nicht mehr zu vermeiden, muß kommen. unterstreichen dies und erwecken dabei den Eindruck eines unmittelbar bevorstehenden gesellschaftlichen Umbruchs 10 . Diesem Automatismus kann ich mich jedoch nicht anschließen, denn im Unterschied zu Naturgesetzen ist die Entwicklung der Gesellschaft ein vielschichtiger komplexer Prozeß, der gleichzeitig auch viele Alternativen eröffnet.
Der Kerngedanke dieser Basis-Überbau-Theorie ist in den ökonomischen Verhältnissen zu suchen, die alle anderen gesellschaftlichen Bereiche dominierend beeinflussen. Hier arbeitete er ein enges Wechselverhältnis von ökonomischen Verhältnissen und politischer Herrschaft heraus. 11 Diesen Zusammenhang kann ich nachvollziehen, denn auch heute besitzen ökonomische Faktoren einen dominanten Stellenwert. Damit sind aus meiner Sicht aber auch
7 Vgl.: Schmidtgall, Harry: Friedrich Engels' Manchester-Aufenthalt 1842-1844. Soziale Bewegungen und politische Diskussionen. Mit Auszügen aus Jakob Venedeys England-Buch (1845) und unbekannten Engels-Dokumenten. Schriften aus dem Karl-Marx-Haus Nr. 25. Trier 1981 S. 10 - S. 12. Hierzu lassen sich detaillierte Ausführungen nachlesen und weitere Literatur ist in den Fußnoten aufgeführt. Möglich ist auch die Dissertation von Lawatsch, Hans-Helmut (a.a.O., wie Anmerkung 4) in dieser Frage einbeziehbar.
8 Vgl.: Engels, Friedrich: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen. Berlin (DDR) 1952 2 Fast vier Fünftel des Gesamtwerkes befassen sich mit der Analyse der sozialen Mißstände, die vor allem aus der Sicht der Arbeiterschaft betrachtet und beschrieben werden. (Zahlreiche zeitgenössische Berichte und Personen bereicherten die Entstehung des Werkes von Engels. Vgl.: Schmidtgall, Harry: a.a.O. [wie Anmerkung 7])
9 Vgl. ebd.: Nur punktuell geht Friedrich Engels auf die Lösungsmöglichkeiten ein. Hier sieht er aber nur in einem radikalen revolutionären Umbruch einen möglichen Ausweg. „Die Revolution muß kommen, es ist jetzt schon zu spät, um eine friedliche Lösung der Sache herbeizuführen...“ ebd. S. 355
10 Engels, Friedrich: a.a.O. vgl. S. 176, S. 258, S. 276, S. 355 [wie Anmerkung 8]
11 Vgl. ebd. u.a. S. 168 ff. sowie das Kapitel „Die Stellung der Bourgeoisie zum Proletariat“ S. 332 - S. 358
Arbeit zitieren:
Kurt Fuchs, 1999, Friedrich Engels: "Die Lage der arbeitenden Klasse in England." Ein herausragendes Werk in der Gesellschaftsanalyse?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Zusammenhang zwischen Demokratie und Entwicklung in Anlehnung an A...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Der deutsche Strafvollzug im Wandel
Übersicht über geltende und ge...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 29 Seiten
Der aktuelle Arbeitsmarkt in der BRD Arbeitsmarktsegregation und Gesc...
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Theorien zur Erklärung von Kriminalität - Kriminalitätstheorien / krim...
Jura - Strafprozessrecht, Kriminologie, Strafvollzug
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Viktimologie: Sexualdelikte und die Folgen für die Opfer
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten
Seminararbeit, 19 Seiten
Die Türkei - eine Analyse der AKP
Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan
Seminararbeit, 57 Seiten
Das besiegte Hellas erobert Rom? Die griechisch-römische Erziehung im ...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
"Die Lage der arbeitenden Klasse in England" von F. Engels -...
Schwerpunkte und Zusammenhänge
BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Das Jugendstrafvollzugsgesetz Baden-Württembergs
Eine kritische Analyse
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 112 Seiten
Kurt Fuchs's Text Friedrich Engels: "Die Lage der arbeitenden Klasse in England." Ein herausragendes Werk in der Gesellschaftsanalyse? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Kurt Fuchs hat den Text Friedrich Engels: "Die Lage der arbeitenden Klasse in England." Ein herausragendes Werk in der Gesellschaftsanalyse? veröffentlicht
Kurt Fuchs hat einen neuen Text hochgeladen
Die Lage der arbeitenden Klasse in England
Nach eigner Anschauung und aut...
Friedrich Engels
0 Kommentare