Dr. Meinrad Ziegler und Dr. Ingo Mörth für die Betreuung und Unterstützung bei der
Den BetreuerInnen der Jugendzentren „ALPHA“ und „FJUTSCHARAMA“
Jenen Menschen von folgenden Institutionen, welche uns ein Interview gewährten:
Den Auwiesner BewohnerInnen, die uns bei der Erhebung unterstützt haben.
Im Besonderen den Jugendlichen von Auwiesen, denn erst durch deren Offenheit und Hilfsbereitschaft war es uns möglich, einen Einblick in ihren Lebensraum zu erhalten.
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Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 5
1.1 ZENTRALE FORSCHUNGSFRAGEN 6
1.2 METHODISCHE VORGEHENSWEISE 6
1.3 PLANUNGSPROZESS - ENTSTEHUNG AUWIESEN 8
QUANTITATIVER TEIL
2. THEORIE 12
2.1 RAUM: GRUNDLAGEN (SCHWARZ) 12
2.1.1 BOURDIEU: PHYSISCHER RAUM UND SOZIALRAUM (SCHWARZ, SCHULD) 13
2.1.2 RAUMANEIGNUNG (SCHWARZ) 16
2.1.3 SEGREGATION (SCHWARZ) 17
2.1.3.1 Residentiale Segregation 18
2.1.3.2 Ursachen residentialer Segregation: 18
2.1.3.3 Folgen residentialer Segregation 18
2.1.3.4 Segregation und Sozialstruktur von Auwiesen 19
2.2 IDENTITÄT (SCHULD) 21
2.2.1.IMPLIZITES SELBST 21
2.2.1.1 Moderne Implizites Selbst 21
2.2.1.2 Postmoderne Implizites Selbst 23
2.2.2 SITUATIONSSPEZIFISCHES EXPLIZITES SELBST 26
2.2.2.1 Subjektkonstruktion jenseits der Moderne 26
2.2.3 ZUSAMMENFASSUNG: IDENTITÄT 27
2.2.4 JUGEND UND IDENTITÄT 28
2.2.5 JUGENDLICHE IDENTITÄT UND SYMBOLISCHE ARBEIT 30
2.2.5.1 Die elementare Ästhetik der Praxis 30
2.2.5.2 Symbolische Arbeit und Kreativität 30
2.2.6 RAUM, IDENTITÄT UND BIOGRAPHIE (SCHWARZ) 32
2.2.7 RAUM, JUGEND UND IDENTITÄT (SCHWARZ) 35
2.2.8 GRUNDLEGENDES THEORETISCHES PARADIGMA (SCHULD) 36
2.3 JUGEND UND RAUM (SCHWARZ) 36
2.3.1 SOZIALÖKOLOGISCHER ANSATZ (SCHULD) 37
2.3.2 JUGENDLICHE UND ÖFFENTLICHER RAUM (SCHWARZ) 40
2.3.2.1 Freizeitverhalten Jugendlicher in öffentlichen Räumen: 41
2.3.2.2 Beispiele Jugendlicher Freizeitorientierung im öffentlichen Raum 42
2.3.3 NUTZUNG UND ANEIGNUNG VON RÄUMEN 44
2.3.4 DIMENSIONEN DER ANEIGNUNG UND DER INTERPRETATION VON RÄUMEN 46
2.3.5 „DRINNE-N JUGENDLICHE“ 47
2.3.5.1 Exkurs: Die Untersuchung von Martha Muchow: 48
2.3.5.2 Zusammenfassung der Ergebnisse: 49
2.3.5.3 Bedeutung der festgestellten Geschlechtsunterschiede: 49
2.3.5.4 Ursachen der festgestellten Geschlechtsunterschiede: 50
2.3.6 „DRAUSSE-N JUGENDLICHE“ (SCHULD) 50
2.3.7 THESEN ZUR ANEIGNUNG ÖFFENTLICHER STADTRÄUME DURCH JUGENDLICHE (SCHWARZ) 51
2.3.8 JUGEND UND PROBLEMRAUM: 53
2.4. SUBKULTUR, JUGENDKULTUR, SZENEN, PEER-GROUPS UND CLIQUEN (SCHULD) 54
2.4.1 ÜBER DEN BEGRIFF SUBKULTUR (KAPL) 54
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2.4.2 FÜR DIE VERWENDUNG DES BEGRIFFES „JUGENDKULTUR“ (SCHULD) 55
2.4.4 SCHLUSSFOLGERUNGEN: JUGENDKULTUREN 2.4.5 AUSGEWÄHLTE JUGENDKULTUREN (HIPHOP, SKATEBOARD, PUNK) 2.4.5.1 HipHop (Schuld) 2.4.5.1 Skateboarder (Schwarz) 2.4.5.3 Punks (Kapl). 2.5 DER RUF (SCHULD) 2.6 DISORDER (SCHULD) 68
3. QUANTITATIVER METHODISCHER TEIL (SCHULD, SCHWARZ) 70
3.1 GRUNDLEGENDES QUANTITATIVES ANALYSE- UND AUSWERTUNGSSCHEMA 70
3.2 HYPOTHESEN ZUR NUTZUNG DES ÖFFENTLICHEN RAUMS UND ZUR IDENTIFIKATION 72
3.3 DEFINITION
DER
BEGRIFFE
UND
OPERATIONALISIERUNG (SCHULD, SCHWARZ) 3.4 STICHPROBENZIEHUNG
UND
AUSWAHLVERFAHREN
3.4.1 AUSWAHLVERFAHREN: GEBIETSAUSWAHL/FLÄCHENSTICHPROBE 3.4.2 PRAKTISCHE DURCHFÜHRUNG
DER
ERHEBUNG 3.4.3 BERECHNUNG
DES
STICHPROBENFEHLERS 3.4.4 GEWICHTUNG
4. QUANTITATIVER EMPIRISCHER TEIL 87
4.1 RAUMUNABHÄNGIGE ZENTRALE VARIABLEN 87
4.2 RAUMABHÄNGIGE
ZENTRALE
VARIABLEN (SCHULD)
4.2.1 EINE
SUBJEKTIVE
SICHT
AUF DIE OBJEKTIVEN
GEGEBENHEITEN 4.2.2 DIE
WEITERE OBJEKTIVE
INFRASTRUKTUR 4.2.3 AUßENPERSPEKTIVE
UND
RUF (DER
OBJEKTIVE
RUF) 4.2.4 DER WOHNRAUMINDEX 4.2.5 EINDRÜCKE 100
4.3 ERKLÄRENDE UND ABHÄNGIGE VARIABLEN 103
4.3.1 JUGENDKULTUREN (SCHWARZ) 103 4.3.1.1 HipHoper 106 4.3.1.2 Skateboarder 106 4.3.1.3 Punks 107
4.3.1.4 Zusammenhänge zwischen der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen und Mobilität 107
4.3.2 EMPIRIE MOBILITÄT (SCHULD) 109
4.3.2.1 Dimension Freizeitmobilität: 110
4.3.2.2 Zusammenfassung von Mobilität 113 4.4 ABHÄNGIGE VARIABLEN 114
4.4.1 NUTZUNG DES STADTTEILS (SCHWARZ) 114
4.4.1.1 Zusammenhänge aufgrund der zentralen erklärenden Variablen: 115
4.4.1.2 Zusammenhänge aufgrund der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen: 119
4.4.1.3 Zusammenhänge aufgrund einer spezifischen Jugendkultur 119
4.4.1.4 Zusammenhänge aufgrund des Mobilitätsniveaus: 120
4.4.1.5 Genauere Prüfung der Hypothesen und Zusammenfassung 122
4.4.2 ZUFRIEDENHEIT MIT DEM STADTTEIL (SCHWARZ) 128
4.4.2.1 Zusammenhänge der zentralen erklärenden Variablen mit Zufriedenheit: 131
4.4.2.2 Einfluss der Jugendkulturen auf die Zufriedenheit: 132
4.4.2.3 Einfluss der Mobilität auf die Zufriedenheit 133
4.4.2.4 Zufriedenheit mit den infrastrukturellen Angeboten in Auwiesen: 134
4.4.2.5 Lineare Regressionsanalyse zur Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem Stadtteil 138
4.4.3 IDENTIFIKATION MIT DEM STADTTEIL (SCHWARZ) 140
4.4.3.1 Einflüsse der zentralen erklärenden Variablen auf die Identifikation 143
4.4.3.2 Einflüsse der Jugendkulturen auf Identifikation 145
2
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4.4.3.3Einfluss von Mobilität auf Identifikation: 147
4.4.3.4 Verhalten bei negativen Aussagen über Auwiesen: 148
4.4.3.5 Model Identifikation mit Auwiesen (Schuld) 151
4.4.4 DIE WAHRNEHMUNG DES RUFS DURCH DIE AUWIESENER JUGENDLICHEN (SCHULD) 154
4.4.4.1Einflüsse der zentralen, raumunabhängigen Variablen auf die Wahrnehmung des Rufs 156
4.4.4.2 Einflüsse von Jugendkulturen und Mobilität auf die Wahrnehmung des Rufs 157
4.4.4.3 Zusammenfassung der Rufwahrnehmung 159
4.4.5 JUGEND UND ERWACHSENE (SCHULD) 162
4.4.5.1 Allgemeines Verhältnis zu den Erwachsenen 162
4.4.5.2 Einfluss der zentralen Dimensionen auf die Beziehung Jugendliche/Erwachsene 163
4.4.5.3 Einfluss von Mobilität und Jugendkulturen auf die Beziehung Jugendliche/Erwachsene 163
4.4.5.3 Zusammenfassung: Verhältnis zu den Erwachsenen 164
4.4.6 WAHRNEHMUNG VON DISORDER (SCHULD) 167
4.4.6.1Einfluss der zentralen Dimensionen auf die Wahrnehmung von Disorder 168
4.4.6.2 Einfluss von Jugendkulturen auf die Wahrnehmung von Disorder 169
4.4.6.3 Zusammenfassung: Wahrnehmung von Disorder 169
4.4.7 HIPHOP, RUF UND IDENTIFIKATION MIT DEM STADTTEIL (SCHULD) 172
QUALITATIVER TEIL
5. QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG: EINE EINORDNUNG (MARKUS KAPL) 180
5.1. ERKLÄREN VS. VERSTEHEN 180 5.2. DIE OFFENHEIT 181 5.3. KOMMUNIKATION 182 5.4. PROZESSHAFTIGKEIT 182 5.5. FLEXIBILITÄT 183
5.6. LEBENSWELTANALYSE UND DAS QUALITATIVE PARADIGMA 183 5.7. ETHNOGRAPHIE UND MILIEU 184
6. METHODISCHE VORGEHENSWEISE 186
6.1. STRUKTURIERUNG 186 6.2. KATEGORIEN 187
6.3. KONTEXTANALYSE (EXPLIKATION) 188 6.4. AUSWAHLVERFAHREN 189 6.4.1. DIE AUSWAHL 191 6.4.1.1. Experten 191 6.4.1.2. Jugendliche 192
7. QUALITATIVE AUSWERTUNG 195
7.1. DIE TYPEN JUGENDLICHER IN AUWIESEN 195 7.1.1. GESTALTER, TYP1 195 7.1.2. NUTZER, TYP2 196
7.1.3. DESINTERESSIERTE, TYP3 196 7.2. DEUTUNG DES STADTTEILS 197 7.2.1. DER RUF 197 7.2.2. DAS GHETTO 202
7.3. ZUGEHÖRIGKEIT UND FREUNDSCHAFT 207
7.3.1. „ICH BIN EIN AUWIESNER“ 207 7.3.2. DER FREUNDESKREIS 211 7.3.2. REGELN 215 7.4. AUßENBEZIEHUNGEN 222
3
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7.4.1. ERWACHSE UND JUGEND 222
7.4.2. DER RUF NACH ORDNUNGSHÜTERN 227
7.4.3. ABWEICHENDES VERHALTEN 228
7.4.4. BEGEGNUNGEN MIT DER POLIZEI 231 7.5. ETHNIE UND MIGRATION 236 7.5.1. NATIONALITÄTEN 236
7.5.2. MIGRANTEN UND EINHEIMISCHE 237
7.5.3. „WO SIND DIE ÖSTERREICHER?“ 241
7.5.4. DIE GEMEINSAME SOZIALE LAGE 242 7.5.5. ETHNISCHE FREMDHEIT 243
7.5.6. „DA HERINNEN FUNKTIONIERT’S“ 246 7.6. GESCHLECHTERVERHÄLTNIS 249
7.6.1. EINE UNGLEICHE VERTEILUNG 249
7.6.2. „WO SIND DIE MÄDCHEN?“ 250
7.6.3. MÄNNLICHE DOMINANZ UND TRADITIONELLES ROLLENBILD 252 7.6.4. ANGEBOT UND NACHFRAGE 254 7.7. SCHULE UND BILDUNG 258 7.7.1. BILDUNGSANGEBOT 258
7.7.2. SCHULISCHE SEGREGATION 259
7.7.3. GEWINNER UND VERLIERER 262
7.8. PERSPEKTIVEN UND ZUKUNFT 267 7.8.1. SCHULE ODER BERUF 267 7.8.2. DER ‚TRAUM’ VOM BERUF 270
7.8.3. ‚MÄNNLICHE UND WEIBLICHE’ BERUFE 273
8. ZENTRALE ERGEBNISSE (KAPL/SCHULD/SCHWARZ) 278
8.1 NUTZUNG DES STADTTEILS 278
8.2 ZUFRIEDENHEIT MIT DEM STADTTEIL 278
8.3 IDENTIFIKATION MIT DEM STADTTEIL 279 8.4 WAHRNEHMUNG DES RUFS 279
8.5 VERHÄLTNIS ZU DEN ERWACHSENEN 280 8.6 WAHRNEHMUNG VON DISORDER 280 8.7 AUSBLICK 281
ANHANG 282
DER FRAGEBOGEN (ANGABEN IN %) 282 LEITFÄDEN 292 VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN 298 VERZEICHNIS DER TABELLEN 298 LITERATUR 300 KONTAKT 302
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1. Einleitung
Wir (Markus Kapl, Boris Schuld, Christian Schwarz) haben uns dazu entschlossen, unsere Diplomarbeit in Soziologie gemeinsam zu verfassen. Dadurch war es uns möglich, eine größere Forschungsarbeit durchzuführen. Der Titel unserer Diplomarbeit lautet „Der Mythos Auwiesen“. Die Arbeit besteht aus einem quantitativen und einem qualitativen Teil. Allgemein wollen wir der Frage nachgehen, inwieweit der (soziale und physische) Raum spezifische jugendliche Identitäten und Handlungsmuster erzeugt und wie diese beschaffen sind. Ziel unserer Arbeit ist es, einen Einblick in die Lebenswelten der Jugendlichen in Auwiesen zu bekommen und deren gegenwärtige Situation darzustellen.
Noch bevor wir konkrete Vorstellungen bezüglich unseres Themas oder der möglichen Vorgehensweise hatten, begaben wir uns ins Feld, d.h. wir fuhren nach Auwiesen. Da keiner von uns den Stadtteil näher kannte, handelte es sich dabei um eine erste Sichtung. Es ist sicher falsch zu behaupten, dass wir damals vorurteilsfrei waren, da uns, bedingt durch den schlechten Ruf des Viertels, einiges erwarten sollte. Dort angekommen, betraten wir nach anfänglicher Verwirrung was jetzt genau Auwiesen darstellt, die Anlage. Wir spazierten vorbei an renovierten Häusern, ausgedehnten Garten- und Grünanlagen, Kinderspielplätzen, Parks und einer ‚alles in allem’ schönen Wohnanlage, wie uns schien. Da machten sich erste Zweifel breit, „sind wir hier richtig?“. Also keine Spur von desolaten Sozialbauten, geschweige denn vom oft erwähnten „Problemgebiet“. So zogen wir weiter, bis wir die Wohnblocks an den „Kastgründen“ entdeckten. Da waren sie nun die mehrstöckigen, verwahrlost wirkenden Wohnblocks, die wir erwartet hatten. Schon allein der Anblick vermittelte ein Gefühl der Enge und Trostlosigkeit. „Das muss Auwiesen sein“, dachten wir. Doch im Laufe unserer Forschungsarbeit wurden wir eines Besseren belehrt. Auwiesen war tatsächlich, das auf den ersten Blick schöne und gepflegte Viertel, das wir anfangs betraten.
Etwas später, so unsere Herangehensweise, versuchten wir einen ersten, strukturellen Blick von Auwiesen mittels Expertinneninterviews zu erhalten. „Raumbezogenheit sozialer Probleme von Jugendlichen in Auwiesen“, so unser erster, ehrgeiziger Arbeitstitel . Wir gingen also von vorne herein von Problemen und gewissen Mängeln der physischen und sozialen Struktur von Auwiesen aus. Umso erstaunlicher waren die ersten Interviews für uns, denn dort wurde uns ein teilweise konträres Bild geliefert. Nein im Gegenteil: „es ist schön wohnen hier“, „keine Ahnung woher der schlechte Ruf kommt“, so die Grundaussagen; Schön langsam begannen wir uns zu fragen, woher der schlechte Ruf kommt und ob er überhaupt gerechtfertigt ist. Doch die anfängliche Desillusionierung half uns in gewisser
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Weise weiter und war somit produktiv für uns. Wir gaben unsere anfängliche Problemzentriertheit, die in den ersten Expertinnenbefragungen noch deutlich spürbar ist, auf. Stattdessen fragten wir nach Möglichkeiten, Aktivitäten und Handlungsmustern, die den Jugendlichen offen stehen oder verwährt bleiben. Dadurch hat sich deutlich gezeigt, dass etwaige Probleme „nicht einfach so auf der Straße liegen“ und dort zu finden sind. Der problemzentrierte Ansatz wurde zugunsten folgender grundlegenderen Fragestellungen aufgegeben.
1.1 Zentrale Forschungsfragen
Wie nützen sie den Stadtteil und wie wird er angeeignet?
Wie zufrieden sind sie mit Auwiesen?
Identifizieren sich die Jugendlichen mit ihrem Stadtteil?
Wie ist das Verhältnis zu den Erwachsenen?
Wie stark werden Verfall, Gewalt und Konflikte wahrgenommen?
Welches Verhältnis haben sie zu dem Ruf des Stadtteils?
Welche Erfahrungen machen die Jugendlichen , aufgrund ihrer (örtlichen) Herkunft in der Schule und in der Arbeit?
Welche Rolle spielen dabei die Kategorien Ethnizität, Bildung, Geschlecht, soziale Herkunft, Mobilität und Jugendkulturen?
1.2 Methodische Vorgehensweise
In unserer grundlegenden methodischen Konzeption versuchen wir die „Lebenswelten Jugendlicher in Auwiesen“ sowohl von quantitativer, als auch von qualitativer Seite her zu betrachten. Somit entgehen wir der ohnehin entbehrlichen Diskussion zum Thema „Methodenstreit“, an deren Stelle die „Methodenvielfalt“ rückt. Durch die Verknüpfung der beiden, in den Sozialwissenschaften gängigen Methoden, erhoffen wir ein umfassendes und „vollständiges“ Bild von Auwiesen und den dort lebenden Jugendlichen zu erhalten.
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Der erste Kontakt mit dem „Feld“ erfolgte im Sommer 2004, als wir Auwiesen einen unverbindlichen Besuch abstatteten. Es ging uns einfach darum, Eindrücke zu sammeln und den Stadtteil Auwiesen in seinem vollen Umfang und Gestalt zu erfassen. Diese erste Annäherung erfolgte weitgehend ohne theoretische oder methodische Hintergedanken, welche für diese Zwecke ohnehin hinderlich erscheinen. Auf diese Weise bekamen wir ein erstes vages Bild von Auwiesen, den Wohnverhältnissen und den vor Ort lebenden Menschen.
Der nächste Schritt der explorativen Phase betraf Gespräche mit dort tätigen oder verantwortlichen Expertinnen und Experten. Diese sollten uns einen Über- und Einblick in die Situation des Stadtteils Auwiesen und vor allem in die Lebenswelten der dort lebenden Jugendlichen liefern. Wir suchten die Experten vor Ort, in den jeweiligen Institutionen auf, um sie dort zu interviewen.
Folgende Expertinnen und Experten verschiedener Institutionen wurden befragt:
Pfarre
Amt für Jugend und Familie
GWG (Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Linz)
Polizei
Gärtner und Hausmeister (GWG)
Streetwork Linz- Süd
Jugendzentrum Alpha
Jugendzentrum Fjutscharama
Hauptschule (HS10).
Wir führten die Gespräche anhand von Interviewleitfäden, die speziell auf die Bereiche der jeweiligen Expertinnen und Experten zugeschnitten waren. (Ausnahme waren die beiden Jugendzentren, dort verwendeten wir bei den Interviews mit den Mitarbeiter den gleichen Leitfaden, um Vergleiche anstellen zu können.) Die Interviews wurden mit dem Einverständnis der Interviewpartner aufgezeichnet und anschließend transkribiert.
Ein weiterer Punkt in der Anfangsphase unserer Forschungsarbeit war das Auffinden und Analysieren von Sekundärliteratur und sogenannter „grauer“ Literatur. Dies gestaltete sich relativ schwierig, da es kaum Bücher, Schriften oder Zeitschriften über Auwiesen gab. Als
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sehr ergiebig erwiesen sich jedoch die Archive der regionalen Zeitungen. Wir durchforsteten dazu die Archive der „Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN)“ nach Meldungen zu Auwiesen der letzten 15 Jahre. Zusätzlich verwendeten wir die Statistik CD Linz (2003), GWG- Zeitschriften und weitere Linzer Jugendstudien.
Auf Grund des dadurch entstandenen Datenmaterials und der zusätzlich gewonnenen Eindrücke, war unser (struktureller) Blick geschärft und wir konnten uns endlich den Jugendlichen und ihren Belangen widmen. Der nächste Schritt war der Entwurf des Fragebogens, der uns repräsentative Daten zur Situation der Jugendlichen von Auwiesen lieferte. Neben dem standardisierten Verfahren (Fragebogen) wurde auch eine gleichwertige qualitative Erhebung durchgeführt. Dies führte zu einer Vertiefung der einzelnen Dimensionen aus dem quantitativen Teil und lieferte uns einen genaueren Einblick in die Lebensweisen der Jugendlichen von Auwiesen. Dazu wurden sieben Einzelinterviews mit Jugendlichen, zwei Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen durchgeführt. Bevor wir genauer auf Theorie, Methode und Auswertungen eingehen, soll die Planung und Entstehung von Auwiesen dargestellt werden
1.3 Planungsprozess - Entstehung Auwiesen
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz wieder zu einem raschen Wirtschaftsaufschwung als Industriestandort. Der Arbeitsmarkt erholte sich und das vorhandene Angebot an relativ gut bezahlter Arbeit bedingte einen vermehrten Zuzug in den oberösterreichischen Zentralraum. Gleichzeitig mit dem steigenden Personalbedarf der verstaatlichten Industrie stieg der Bedarf an Wohnungen, was den „sozialen Wohnbau“ in den 70er und 80er Jahren belebte. Notwendigerweise entstanden neue Wohnbezirke an der Peripherie der Stadt, nördlich und südlich der Kernstadtgebiete. Zusätzlich kam es zu einer Abwanderung vorwiegend junger Personen aus dem Stadtkern in Richtung Peripherie und das Wohnen am Stadtrand gewann rasch an Attraktivität (vgl. Linz: Stadt der Arbeit und Kultur, S. 228).
Eines der größten Projekte dieser Art stellt das damalige „Stadterweiterungsgebiet“ Auwiesen dar. Als solches werden allgemein neue Stadtteile bezeichnet, die an der Peripherie großer Städte von Stadtplanern und Architekten in Zusammenarbeit mit Stadtverwaltung und Bauträgern konzipiert werden.
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„Auwiesen 3000“, war der Titel der Mitte der 70er in Planung begriffenen Großwohnanlage im Süden von Linz. „3000“, entspracht dabei der Zahl der geplanten Wohneinheiten, womit es sich um ein imposantes Bauvorhaben handelte, das ungefähr 10 000 Menschen Wohnraum bieten sollte. Mit dem Bau begonnen wurde Ende der 70er Jahre, die ersten Wohnungen waren 1981 fertig und die ersten Mieter konnten einziehen. Es gab vier Bauetappen I - IV, von 1981 bis 1994 und das gesamte Wohngebiet Auwiesen umfasst nun 2798 Wohneinheiten (GWG, Stand Jänner 1994). Bekannte Probleme und Fehler der „Trabantenstädte“ sollten architektonisch vermieden werden. Ziel war es den Raum so ökonomisch wie nötig und so attraktiv wie möglich zu nutzen. Es stellte sich die Frage nach horizontaler oder vertikaler Bebauung. Bald stand fest, dass keine der üblichen „Wohnsilos“ entstehen sollten und es entstanden zwei- bis viergeschossige Objekte. Mit dem Trend, Sozialwohnungen möglichst hoch zu bauen, also mit einer hohen Anzahl an Geschossen eine optimale Raumnutzung zu erzielen, wurde gebrochen. (Dabei ist anzumerken, dass die Geschossanzahl für Sozialbauten per Gesetz nicht unterschritten werden durfte. Das Wohnbaugesetz wurde allerdings auf Grund des Auwiesen- Projekts diesbezüglich geändert). Viel Wert wurde auf die Einplanung und Gestaltung von Grünflächen zwischen den Objekten gelegt, eine Tatsache, die mitunter als erstes auffällt und den Stadtteil vordergründig als durchaus „schön“ erscheinen lässt. Weiteres ist die gesamte Anlage autofrei, da sie vollkommen vom Straßenverkehr getrennt ist, was bei den Bewohnern und Anrainern durchwegs als einer der Hauptvorteile genannt wird. Als „Mustersiedlung“, oder „Modellfall“ geplant, kam es allerdings bald zu Komplikationen, hauptsächlich auf Grund der Finanzierbarkeit, was architektonische Kompromisse verlangte um den niedrigen Preis für die geförderten Mietwohnungen halten zu können („Auwiesen 3000“, ?). Außerdem kam es trotz des ehrgeizigen Plans, so zeigt die spätere Entwicklung, zu diversen unvorhergesehenen Problemen in dem neuen Stadtteil, die wir allerdings später diskutieren werden.
Als Bauträger fungierte die GWG, die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Linz. Sie ist die größte ihrer Art in Österreich und beherbergt 50 000 Menschen. Die Wohnanlage Auwiesen besteht zur Gänze aus GWG- Mieteinheiten, somit hat diese dort eine Monopolstellung. Neben dem Wohnungsbau ging es auch um den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur. Wichtigste Schritte waren die Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz (1983) durch die Verlängerung der Straßenbahnlinie 1 und der Anschluss an das Fernwärmenetz zur Versorgung mit umweltfreundlicher Energie. Des Weiteren entstanden ein Einkaufszentrum, eine Bezirkssportanlage und ein Kultur- und Schulzentrum. (Besser Wohnen, 1986).
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Insgesamt wurden in den rund 15 Jahren Bauzeit 3,1 Milliarden Schilling (230 Millionen Euro) investiert. Davon 2,16 Milliarden (160 Millionen Euro) in den Wohnbau und 930 Millionen (70 Millionen Euro) in infrastrukturelle Ausstattung (vgl. Linz: Stadt der Arbeit und Kultur, S. 228). Das Finanzierungsmodell wurde von der GWG, der Stadt Linz und der Landesbauförderung entwickelt und angewandt.
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2. THEORIE
2.1 Raum: Grundlagen (Schwarz)
Raum gilt wie Zeit als eine der Grundkategorien der Soziologie. Jede menschliche Handlung hat einen konkreten Raum- und Zeitbezug. Immanuel Kant bezeichnete den Raum als die Bedingung der Möglichkeit (von Erscheinungen). „Man kann sich niemals eine Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er wird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und nicht als eine von ihnen abhängige Bestimmung angesehen, und ist eine Vorstellung a priori, die notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt“ (Kant, zit. nach Held, 2005: S. 15).
Raum ‚an sich’ gibt es jedoch aus soziologischer Sicht nicht, da Raum immer sozial konstruiert ist. Jeder Raum wird mit Funktionen und symbolhaften Bedeutungen in Verbindung gebracht. „Zeichen/Symbole haben immer schon [...] den unmittelbaren Umgang mit Sachen ersetzt durch den der Bedeutung“ (Götz Großklaus, zit. nach Schäfers 2003: S. 44). Ernst Cassirer bezeichnete den Menschen als „animal symbolicum“. Dieser Begriff weist darauf hin, dass für Orientierung und Kommunikation des Menschen Symbole und Zeichen notwendig seien, deren Bedeutungen sich wandeln können. Daraus kann abgeleitet werden, dass auch bestimmte (öffentliche) Räume, durch symbolischen Bedeutungswandel umfunktioniert und somit auf verschiedene Weisen angeeignet werden können 1 .
Durkheim bezeichnetet den Raum als „Materielle Substrate“ (Emile Durkheim, zit. nach Schäfers 2003: S. 9) und diese sind ein „wesentliches Element der Handlungsfelder, der Möglichkeiten von Kommunikation und des Wohlbefindens“ (ebd. S. 9). Inwieweit Raum grundsätzlich sozial bedingt ist, wird durch folgendes Zitat Simmels deutlich. In „Der Raum und die räumliche Ordnung der Gesellschaft“ schreibt er: „Die Grenze ist nicht eine räumliche Tatsache mit sozialem Wirken, sondern eine soziale Tatsache, die sich räumlich formt“ (Simmel, zit. nach Schäfers 2003: S. 31).
In der Anthropologie wird bei Menschen und Tieren von einem bestimmten Territorialverhalten ausgegangen. Hamm und Neumann definieren Territorien als Räume, in denen soziale Einheiten:
1 Auf das Aneignungsverhalten von Jugendlichen wird im Kapitel Jugend und Raum 2.3 genauer eingegangen.
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• sich über längere Zeit relativ dauerhaft aufhalten;
• wesentliche existenzerhaltende Tätigkeiten verrichten;
• durch symbolische Akte Besitzansprüche anmelden und diese im Fall der Bedrohung durch andere verteidigen;
• mindestens minimale Spielräume für eigene Gestaltung haben (vgl. ebd. S. 32); Wohnen gilt somit als „Prototyp des territorialen Verhaltens“ (Hamm/Neumann, zit. nach Schäfers 2003: S. 32).
Als weitere Grundlage diente uns der von Bourdieu verwendete Raumbegriff, da er eine begriffliche und inhaltliche Unterscheidung zwischen physischem und sozialem Raum einführte.
2.1.1 Bourdieu: Physischer Raum und Sozialraum (Schwarz, Schuld)
„Als Körper (und als biologische Individuen) sind menschliche Wesen immer ortsgebunden und nehmen einen konkreten Platz ein (sie verfügen nicht über Allgegenwart und können nicht an mehreren Orten gleichzeitig anwesend sein)“(Bourdieu in Göschel/Kirchberg 1998: S. 18).
Physischer Raum
Der physische Raum ist definiert durch die wechselseitige Äußerlichkeit seiner Teile, der Sozialraum durch die wechselseitige Unterscheidung der ihn bildenden Personen. Der physische Raum umfasst jene Bereiche, in denen sich eine Person oder ein Ding befinden kann. Der Ort ist jene Position im physischen Raum, an der sich eine Person oder ein Ding konkret befindet. Dieser eingenommene Raum lässt sich durch die Ausbreitung im Hinblick auf die besetzte Oberfläche und das Volumen definieren. Der Ort, also der eingenommene physische Raum, stigmatisiert die sich an ihm befindenden Menschen in positiver oder negativer Weise.
Sozialraum
Die Position des Menschen im Sozialraum spiegelt sich in dem von ihm eingenommenen physischen Raum wider, den er im Gegensatz zu anderen innehat. Der besetzte, angeeignete Raum funktioniert als „Symbolisierung des Sozialraumes“ (Bourdieu et. al, 1997: S. 160). Deutlich wird dies am Beispiel des Obdachlosen, der ohne ‚Hab und Gut’ keine gesellschaftliche Existenz innehat (ebd. S. 160ff). Bourdieu betrachtet die soziale Welt immer
13
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in relationaler Denkweise. Es ist aus seiner Perspektive nicht sinnvoll die Angehörigen einer Klasse (z.B. Arbeiter) Gruppe, Milieu oder eine Sportart (z.B. Golfspieler) für sich genommen und absolut zu betrachten. Alle konstruierten, zusammenhängenden Gruppierungen und deren Funktionen und Bedeutungen innerhalb des sozialen Raumes versteht man erst, wenn man sie relational zu anderen Gruppierungen betrachtet (z.B. Arbeiter mit Kleinbürgern, Golfspieler mit Fußballspieler usw.).
Gesamtkapital +
Bourdieu konstruiert den sozialen Raum Frankreichs anhand der statistischen Verteilung zweier Unterscheidungsprinzipien: Dem ökonomischen und dem kulturellen Kapital. Beide werden auf der x-Achse aufgetragen und beschreiben somit die Kapitalstruktur. Das ökonomische Kapital nimmt in die positive Richtung zu und in die negative Richtung ab. Das kulturelle Kapital nimmt in die positive Richtung ab und auf der negativen Seite zu. Das gesamte Kapitalvolumen wird auf der y-Achse aufgetragen.
Soziale Akteure werden aus seiner Sicht, als ein bestimmter Punkt im Koordinatensystem des Raumes betrachtet. Dabei vermittelt ein klassenspezifischer Habitus, welcher die objektiven Unterschiede zu individuellen Unterscheidungsprinzipien macht und die Wahrnehmung der sozialen Welt strukturiert, zwischen der Position im Raum (einer bestimmten Kapitalstruktur) und dem Akteur.
Räumliche Distanzen bedeuten soziale Distanzen und räumliche Nähe bringt einen gemeinsamen Habitus und somit gemeinsame Klassifikationsschemata, Geschmack und Lebensstil mit sich. Im Habituskonzept bringt er seine Auffassung vom Verhältnis zwischen objektiver Determination und subjektiver Autonomie bzw. zwischen sozialer Position im Sozialraum und Bewusstseinsentwicklung zum Ausdruck. Bourdieu betont mit diesem Begriff die Eingebundenheit in und gleichzeitig die Prägung des Individuums durch die Struktur. Der Akteur und mit ihm sein Handeln sind sozialstrukturell geprägt. Der Habitus als
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inkorporierte Geschichte ist gesellschaftlich und historisch bedingt. Er beruht auf sozialer Erfahrung. Somit spiegeln sich im Habitus seine Entstehungsbedingungen wider. Der Habitus kann definiert werden als Bündel dauerhafter Dispositionen, welche Wahrnehmung, Denken und Handeln lenken. Diese Dispositionen binden die Individuen an ihre Herkunft und an ihren Lebenslauf. Sie werden entwickelt durch die Einverleibung der äußeren Strukturen. Bei der Ausbildung des Habitus spielt die Primärsozialisation bzw. die Adoleszenz eine entscheidende Rolle. In dieser Phase entwickelt sich beim Menschen ein natürliches, unhinterfragtes Weltbild, das Bourdieu als Doxa, d.h. bloßes Meinen und Glauben im Gegensatz zum gesicherten Wissen, bezeichnet.
Zusammenfassend kann gesagt werden dass die gesellschaftlichen Verhältnisse (bis in den Körper) einverleibt werden und in innere Strukturen bzw. Dispositionen umgewandelt werden, die Wahrnehmung, Denken und Handeln des Akteurs leiten.
Ähnliche Dispositionen und Kapitalstrukturen bilden eine Klasse. Bei Bourdieu ist das Klassenkonzept offen angelegt. Klassen sind Konstruktionen von SozialwissenschaftlerInnen und müssen, je nach Zeit und Ort, begrifflich neu entwickelt werden. Sie sollten nicht als absolute Klassen, sondern immer in Relationen, in denen die Klassen zueinander stehen, betrachtet werden. Klassen beschreiben somit relativ homogene Gruppierungen, die eine ähnliche Position im sozialen Raum einnehmen und in einer hierarchischen Beziehung zu anderen Gruppen stehen. Nach Bourdieu existieren keine realen Klassen. Es gibt einen sozialen Raum - einen Raum der Unterscheidungen - und innerhalb dieses Raumes existieren die Klassen als virtuelle Klassen 2 . Diese werden durch einen ähnlichen Habitus zusammengehalten: Einer gemeinsamen Form der Wahrnehmung, der Realität und einer gemeinsamen Form des Lebensstils.
2 Durch politische Mobilisierungsarbeit und die damit verbundene Durchsetzung einer bestimmten Sicht der sozialen Welt kann jedoch eine reale, mobilisierte Klasse gebildet werden.
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2.1.2 Raumaneignung (Schwarz)
Bourdieu geht von einer ‚klassenspezifischen’ Raumaneignung aus. Diese betrifft sowohl den physischen Raum als auch den Sozialraum. Soziale Räume werden von verschiedenen Klassen und Milieus besetzt, wobei die Menschen in den verschiedenen Feldern ungleiche Chancen bezüglich der Aneignung des Raumes haben. Diese Klassen und Milieus, die ständig um die Aneignung kämpfen und konkurrieren, grenzen sich durch Distinktion voneinander ab. Dies bedeutet, dass der Sozialraum nicht nur im physischen Raum sondern auch in den Denkstrukturen der Menschen eingeschrieben ist (vgl. Bourdieu et. al 1997: S. 163).
Es gibt Eigenschaften, welche bei der legitimen Besetzung eines Ortes vorausgesetzt werden, die in diesen Denkstrukturen eingeschrieben sind. Legitim bezieht sich auf die Anerkennung der sich schon in den Räumen befindenden Menschen. „Wollen sie sich nicht deplaziert fühlen, so müssen diejenigen, die in einen Raum eindringen, die von seinen Bewohnern stillschweigend vorausgesetzten Bedingungen erfüllen“ (ebd. S. 165). Die Fähigkeit sich Raum legitim anzueignen, hängt vom Kapitalbesitz in seinen verschiedenen Formen ab (ebd. S. 165f).
Kapital ermöglicht es sich begehrten Personen und Dingen zu nähern, unerwünschte fernzuhalten. Daraus ergeben sich Lokalisierungsprofite in Form von räumlicher Nähe zu Gesundheits- Bildungs- Kultureinrichtungen sowie positions- oder rangspezifische Profite wie zum Beispiel durch eine angesehene Wohnadresse. Die Macht über den Raum ist somit zugleich Macht über die Zeit (ebd. S. 163f). Chombart de Lauwe formuliert dies auf folgende Art und Weise: „Die Aneignung des Raumes ist das Resultat der Möglichkeit, sich im Raum frei bewegen, sich entspannen, ihn besitzen zu können, etwas empfinden, bewundern, träumen, etwas kennenlernen, etwas den eigenen Wünschen, Ansprüchen, Erwartungen und konkreten Vorstellungen gemäßes zu tun und hervorbringen zu können“ (Chombart de Lauwe; zit. nach Herlyn: 1990 S. 95). Raumaneignung als selbstbestimmter Prozess bezüglich der Verfügung über Raum. Sozioökonomische Rahmenbedingungen ergeben die „Schranken der Aneignung des Raumes“ (de Lauwe190 zit. nach Herlyn ebd. S. 95).
Das Eindringen in gewisse Räume erfordert nicht nur ökonomisches und kulturelles Kapital sondern auch soziales. Durch den „Club Effekt“ kommt es zu einer „dauerhaften Ansammlung von Personen und Dingen, denen es gemein ist, nicht gemein zu sein“ (vgl. Bourdieu et. al 1997: S. 166). Somit kommt es zu einer Konzentration von als positiv empfundenen Gütern und ihren Besitzern an bestimmten Orten, welche in jeder Hinsicht jenen Orten gegenüberstehen, die von der armen Bevölkerung besiedelt werden (ebd. S.
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161f).Ist die Verfügbarkeit von Kapital gering, verstärkt für die Betroffenen „[...]der Mangel an Kapital [...] die Erfahrung der Begrenztheit: er kettet an den Ort“ (ebd. S. 164). Es entstehen also Räume, deren Inhaber eine strukturähnliche Position in ihren spezifischen Feldern innehaben (ebd. S. 161). So kann es zum Beispiel vorkommen, „daß sich Akteure ... wie junge Führungskräfte und mittlere Angestellte fortgeschrittenen Alters zu einem bestimmten Zeitpunkt ... in benachbarten Wohngebieten wiederfinden können“ (ebd. S. 165). Die Kämpfe um den Raum können aber auch auf einer kollektiven Ebene betrachtet werden. Diese Kämpfe betreffen die staatliche Politik: Wohnungspolitik, sozialer Wohnungsbau, Entwicklung der öffentlichen Infrastruktur. Der Staat verfügt über eine gewaltige Macht über den Raum. Bourdieu kritisiert die in Frankreich vollzogene Wohnungspolitik. Die vom Staat durchgeführte politische Konstruktion des Raumes, die „Konstituierung homogener Gruppen auf räumlicher Basis“ (ebd. S. 167), ist zum Großteil für die Situation in den Banlieus, den heruntergekommenen Vorstädten Frankreichs, verantwortlich (ebd. S. 166f).
2.1.3 Segregation (Schwarz)
Der Begriff der Segregation meint die von Bourdieu angesprochene „Konstituierung homogener Gruppen auf räumlicher Basis“. Die zentrale Frage der Segregationsforschung lautet, wie und in welchem Ausmaß sich verschiedene Bevölkerungsgruppen über eine Stadt verteilen. Der Prozess räumlicher Differenzierung und Sortierung führt zu einer Selektion von bestimmten Bevölkerungskategorien anhand verschiedener Merkmale wie zum Beispiel Unterschiede der vorhandenen Ressourcen oder ethnisch-religiöser Art. „Es ist eine Tatsache, daß soziale Beziehungen häufig und unvermeidlich mit räumlichen Beziehungen korrelieren“ (Park, zit. nach http://www.bsj-marburg.de/Pdf-Dateien/Prof. Dr. Michael Schumann Sozialraum und Biographie.pdf). Durch die Konzentration von Bevölkerungsgruppen mit ähnlichen Merkmalen innerhalb eines Gebietes kommt es zu einer Homogenisierung.
Das Phänomen der Segregation wird unterschiedlich bewertet. Auf der einen Seite positiv, als Integrationsmechanismus heterogener Gesellschaften. Auf der anderen Seite negativ, da durch Segregationsprozesse soziale Ungleichheit gefestigt wird. Problematisch wird Segregation „wenn sie sich verbindet mit einer deutlichen Ungleichverteilung von Lebenschancen und gesellschaftlichen Privilegien [...] wird sie zu Ausgrenzung, Ghettoisierung, Diskriminierung [...]“(Hamm, in Schäfers: 2001, S. 302).
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2.1.3.1 Residentiale Segregation
Unter residentialer Segregation wird die Verteilung spezifischer Bevölkerungsgruppen im Bereich des Wohnens verstanden. Das Merkmal ist die Wohnadresse. Residentiale Segregation ist ein typisches Merkmal industriell-städtischer Gesellschaften. Zum Beispiel entstanden Arbeiterviertel in der Nähe von Fabriken.
„Das Bild der Gesellschaft ist auf den Boden geschrieben“ (Chombart de Lauwe zit. nach Vaskovics 1982: S. 205). Durch dieses Zitat wird die räumliche Verteilung der Stände und die Sortierung gesellschaftlicher Klassen zum Ausdruck gebracht wobei die Qualität des Ortes mit dem Status jener Individuen und/oder Gruppen korrespondiert, die ihn einnehmen und besetzen.
2.1.3.2 Ursachen residentialer Segregation:
Zuerst wird zwischen freiwilliger und erzwungener Segregation unterschieden. Erzwungene basiert meist auf ökonomischen Gründen, freiwillige kann aus verschiedensten Motiven, wie zum Beispiel Streben nach Prestige, Streben nach einem günstigen Wohnstandort, Streben nach kulturellen Gemeinsamkeiten, Distinktion usw. (vgl. Vascovics in
Endruweit/Trommsdorff, 1989, S. 565f) erfolgen. Friedrichs nennt sowohl objektive, d.h. sozial- und wirtschaftsstrukturelle, als auch subjektive, also sozialpsychologische Einflussfaktoren. Zentrale objektive Ursachen von residentialen Segregationsprozessen sind ökonomische Faktoren wie Miete, Einkommen, Bodenpreise aber auch Bodenknappheit. Subjektive Einflussfaktoren beziehen sich auf die Ebene der Symbole. Symbolische Ortsbezogenheit meint gewisse Einstellungen bzw. Präferenzen bezüglich des eingenommenen Raums (Friedrichs in Vascovics, 1982: S. 203).
2.1.3.3 Folgen residentialer Segregation
In der klassischen Sozialökologie werden als typische Folgen a) die Erhöhung räumlicher Distanz zwischen den segregierten Gruppen und b) die Erhöhung der Sichtbarkeit dieser räumlichen Distanz genannt. In der fachspezifischen Literatur gelten als weitere Folgen Stigmatisierung, soziale Apathie, Entfremdung, erhöhter Alkoholismus und Drogenkonsum, Kriminalität und Anomie (Friedrichs in Vascovics 1982: S. 207ff).
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2.1.3.4 Segregation und Sozialstruktur von Auwiesen
Die Entstehungsgeschichte von Auwiesen weist einige Merkmale von Segregationserscheinungen auf 3 . Zuerst muss erwähnt werden, dass von den 70er Jahren bis in die 90er Jahre in Linz ein großes Wohnungsproblem herrschte. Zu Beginn der 90er Jahre gab es in Linz mehr als 10.000 Wohnungssuchende.
Warum die Lösungsversuche dieses Problems fehlgeschlagen sind, soll durch folgendes Zitat vom Pfarrer von Auwiesen zum Ausdruck gebracht werden.
„Weil man irgendwo einen sozialen Brennpunkt geschaffen hat, weil man alle versucht hat, aus verschiedensten sozialen Brennpunkten in Linz hierher zu siedeln. Es ist irgendwie eine soziale Monokultur entstanden, man hat zu wenig auf die Durchmischung geachtet und es ist auch im rein städtebaulichen einiges verhackt geworden. Der Bereich rund ums Einkaufszentrum-Volkshaus ist nicht wirklich zu einem Zentrum geworden. Das ist abgeschnitten vom anderen Teil durch die Straßenbahn, das ist total abgefuckt, das ist ein Drogenumschlagplatz, also alles was man eigentlich nicht wollte. Also es [...] ist wenn man mit Ackerl und Dobusch so redet, also der Ackerl sagt das überhaupt: das war sein Jugendverbrechen. Also sie sind alle nicht ‚happy’ mit der Geschichte. Es hat damals ein großes Wohnungsproblem gegeben, in Linz, so in den 70er Jahren. Und man hat da versucht, eine soziale Mustersiedlung zu schaffen, also sozialer Wohnungsbau als Mustersiedlung der Stadt Linz. Das war gedacht mit guten Wohnungen, das muss man auch sagen, es ist keine Plattenbausiedlung sondern es sind maximal 2, 3stöckige Wohnungen mit sehr viel Grün, im Prinzip autofrei, also es gibt eine einzige Durchzugsstraße und ein paar so Stichstraßen hinein zu den Garagen“.
Folgendes Zitat des Pfarrers zeigt allerdings auf, dass Auwiesen nicht als vergessener Stadtteil gesehen werden kann: „Mein Gefühl ist, dass die Probleme wo anders größer sind. Diese vergessenen Stadtteile, Auwiesen ist kein vergessener Stadtteil. Verglichen jetzt mit England, Manchester, dort gibt es Stadtteile wo die privatisierte öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr hinfahren. So auf die Art, dort ist eh nichts mehr zu holen. Also bei uns, der Bürgermeister hat zumindest noch ein schlechtes Gewissen, wenn er daran denkt was nicht gelungen ist. Er hat das Bewusstsein. Es ist nicht abgeschrieben, man kann nicht sagen, das kannst du vergessen, da ist das noch nicht so schlimm“.
Bezüglich der sozialen Zusammensetzung meint der Pfarrer:
3 Die Entstehungsgeschichte wurde im Kapitel 1.4 ausführlich dargestellt.
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„Also, was man glaube ich schon sagen kann ist, dass wenn man die Schichtung der Gesellschaft anschaut, ist das eher die untere Schicht und Mittlere. Wobei, wenn sich irgendeiner ein wenig rühren kann, schaut er schon, ob er nicht wo anders hinkommt. Jetzt ist Solarcity ein Thema oder ein Reihenhaus wo, oder wieder aufs Land, wo auch viele herkommen. Sobald einer ein bisschen einen Level bekommt, das ist auch ein Problem, das wir in der Pfarre haben, dass eigentlich diese Leute, die schauen sofort, dass sie wegkommen. Die Leute die hier sind, kämpfen alle redlich, dass sie ihr Leben halbwegs hinkriegen, aber sie haben viele Probleme. Sie haben weniger von allem. Dies fängt beim Geld an, naja, es sind sehr viele alleinerziehende Mütter, die Kinder müssen sich mit dauernd wechselnden Papas und so weiter auseinandersetzen, es ist wirklich, glaube ich, es kommt aus der sozialen Lage der Leute her“.
Die Leiterin des Amtes für Jugend und Familie äußerte sich folgendermaßen: „Wir machen die Erfahrung, dass in Auwiesen doch ein relativ hoher Anteil an sozial und finanziell schwachen Familien da ist. D. h die Ressourcen bei den Jugendlichen sind nicht sehr hoch. Arbeitsplatz, Einkommen sind Themen die direkt oder indirekt natürlich mit der familiären Situation zusammenhängen“.
Zusammenfassend wurde uns folgendes Bild geschildert: Auwiesen ist als Einheit zu betrachten und ganz was Eigenes. Obwohl Auwiesen im statistischen Bezirk Schörgenhub liegt, ist Schörgenhub von der Sozialstruktur her völlig anders. In Auwiesen leben viele sozial schwache Familien aus der unteren Bildungsschicht. Weitere Kennzeichen sind, nach den Aussagen von Experten, hohe Fluktuation, viele Kinder, sehr viele alleinerziehende Mütter, viele arbeitslose, bezogen auf Schule und Beruf stigmatisierte Jugendliche und ein zunehmender Anteil an MigrantInnen.
Die Aussagen der Experten stützen unsere Ergebnisse der quantitativen Erhebung jedoch nur teilweise. Die sozioökonomischen Merkmale der Bevölkerung von Auwiesen werden im Kapitel 4.1 genauer dargestellt 4 .
4 Die diesbezüglichen Antworten wurden allerdings von Jugendlichen erfragt und dürfen somit nicht auf die gesamte Bevölkerung von Auwiesen verallgemeinert werden.
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2.2 Identität (Schuld)
„Jeder von uns hat eine Lebensgeschichte, eine Art innere Erzählung, deren Gehalt und Kontinuität unser Leben ist. Man könnte sagen, daß jeder von uns eine „Geschichte“ konstruiert und lebt, sie ist unsere Identität“ (Oliver Sacks, Neurologe) Identität ist eine Konstruktion, über die, für Menschen, ihr Selbst und ihr Weltverhältnis angezeigt wird. Folgend der Argumentation von Alois Hahn setzt sich hier Identität aus einem impliziten Selbst, als das Selbst An-sich und einem expliziten Selbst, das Selbst Für-sich zusammen (vgl. Hahn 1984: S.10ff).
1. Das implizite Selbst beschreibt die im Lauf eines Lebens erworbenen Dispositionen, Gewohnheiten, Erfahrungen, somit habituellen Prägungen. Es ist in allen Handlungen präsent, jedoch nicht reflexiv und sorgt für Kontinuität in den Handlungen eines Individuum (vgl. Hahn; 1987; S. 10). Es beinhaltet die Annahme, dass die Handlungen eines Menschen nicht nur situationsspezifisch sind, sondern eine Kontinuität über verschiedene Lebenssituationen hinweg besitzen.
2. Dem hinzuzufügen wäre ein explizites Selbst, eine Objektivierung der eigenen Identität. Ganz im Sinne von Meads Konzept des „me“, also der Fähigkeit sich selbst mit den Augen der Umgebung zu betrachten. Es ist ein Resultat von Zurechnungen, ist situationsabhängig und „ist stets durch einen bestimmten Aufbau charakterisiert, einen Zusammenhang, in denen Wertvorstellung Wirklichkeitsauffassungen, Richtigkeits- und Wichtigkeitskriterien der umgebenden Gesellschaft eingehen „(Hahn 1984: S.11).
Hahn stellt weiter fest, dass „der Sinn den meine Identität darstellt, ist also von Anfang an verwoben mit einem Sinn der nicht von mir stammt“(ebd, S11).
2.2.1.Implizites Selbst
2.2.1.1 Moderne & Implizites Selbst
Das implizite Selbst beinhaltet das Identitätsbild der Moderne: Eine lebensgeschichtliche und situationsübergreifende Gleichheit in der Wahrnehmung der eigenen Person und eine innere Einheitlichkeit trotz äußeren Wandlungen. Keupp fasst folgende Basisprämissen der Moderne zusammen(vgl. Keupp 2001: S.44)
- Vollbeschäftigungsgesellschaft, Erwerbsarbeit als zentraler Faktor bei der Identitätsbildung
- Perfektionierbare Rationalität und Kontrollierbarkeit gesellschaftlicher Abläufe
- Territorial definierte Nationalstaaten in denen Prozesse des Marktes, der Politik, der Kultur und Lebenswelten gebündelt sind
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- Kollektive Identitäten aufgrund Schichtzugehörigkeit
- Männer haben den privilegierten Zugang zur Macht und Arbeit
Zunächst wurde Identität verglichen mit einer „fest umschlossene Nuss, ein kleine hartschaliges Ding, ein tief verborgener Kristallisationspunkt unseres Wesens“ (Mock 1933; zitiert nach Keupp 2001: S.22), als eine einheitliche, dauernde Struktur unseres Wesens. Max Weber bezeichnete die Identität als „Ein stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“ (vgl. Keupp 2001: S.22) und Elias als eine „Selbstzwangapparatur, verinnerlichte Affekt und Handlungskontrolle“ (vgl. Keupp 2001; S.23). Betont wurden in erster Linie die Unterwerfung des Menschen und das Vorhandensein eines starren, kaum veränderbaren inneren Wesens. Peter Berger trat für eine Lockerung des Unterwerfungsgedankens ein: „Der einzelne richtet sein Leben wie ein Haus ein und oftmals symbolisiert die Einrichtung im Haus die Einrichtung im Leben“ (Berger 1994; zitiert nach Keupp 2001: S.23). Zum neuzeitlichen Subjekt gehört die Wertschätzung seiner Innerlichkeit und je weiter das 20. Jhdt. fortschreitet, desto stärker wird diese Innerlichkeitssehnsucht. Identität wurde zu einem eingeschränkt wandelbaren Kern. Identität sollte Unterwerfung und Autonomie beinhalten. Der wohl bekannteste Ansatz dieser Theorien ist Bourdieus Habituskonzept. Es gibt Phänomene, die ein hohes Maß an kultureller Selbstverständigkeit besitzen und diese haben gute Chancen zu einer „zweiten Natur“ zu werden. Identität und soziales Handeln ist bei Bourdieu wesentlich mit dem Konzept des Habitus verbunden. Der Habitus als Praxismotor wird ausschließlich über die objektiven Gegebenheiten gebildet. D.h., dass es gibt keine, von der Gesellschaft losgelöste, Subjektivität. Menschen handeln fast immer über erlernte Strategien, deren Prozess der Einverleibung vergessen wurde. Daher werden diese Strategien, solange keine gravierende Änderung in der objektiven Struktur erfolgt, (d.h. die erlernten Strategien funktionieren) nicht reflexiv behandelt. Trifft ein Habitus auf ein für ihn befremdendes Feld, so kommt es nach Bourdieu durchaus zu reflexiven Überlegungen und rationalem Handeln, jedoch nur in Relation der ihm zu Verfügung stehenden Ressourcen. Die Ressourcen setzen sich aus dem ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapital zusammen und ist abhängig von der Position im sozialen Raum in dem das Individuum sozialisiert wird. Somit gibt es bei Bourdieu einen klassenspezifischen Habitus, welcher dauerhaft wirkt und Wahrnehmung, Denken und Handeln bestimmt.
Beck fasst diese Ansätze mit dem Begriff „Containertheorien“ zusammen (vgl. Keupp 2001: S.40). In innergesellschaftlichen Depots werden individuelle und soziale Identitäten abgesichert. Ab den 60er Jahren häufen sich die Hinweise, dass den Lebensmustern keine
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zeitlos gültigen Vorraussetzungen zugrunde liegen. Dies führt uns zu den Konzepten der Postmoderne und deren Kritik an den Containertheorien.
2.2.1.2 Postmoderne & Implizites Selbst
Wir befinden uns in einem Zeitraum des radikalen Umbruchs, einer heißen sozialen Phase mit technologischen, ökonomischen und ökologischen Konsequenzen. Verfallsdiagnosen haben in solchen Zeiten Hochkonjunktur. 5
Die Postmoderne geht von einer Erosion des Sozialen aus. Basisprämissen der Moderne werden in Frage gestellt: Es mangelt an „Sozialem Zement“ (vgl. Keupp 2001: S.34) und an kulturellen Selbstverständlichkeiten. Wie soll sich aus einem diffusen und stark fragmentierten kulturellen Überbau eine gesicherte Identität bilden? Die Postmodernen Merkmale fasst Keupp folgendermaßen zusammen (vgl. Keupp 2001: S.46):
- Subjekte fühlen sich entbettet
- Entgrenzung individueller und kollektiver Lebensmuster
- Erwerbsarbeit wird als Basis der Identität brüchig
- Erfahrungen werden fragmentierter
- Virtuelle Welten als neue Realität
- Zeitgefühl erfährt Gegenwartsschrumpfung (aktuelles Wissen hat eine kürzerer Halbwertszeit
- Pluralisierung von Lebensformen
- Dramatische Veränderungen in den Geschlechterrollen
- Individualisierung verändert das Verhältnis des einzelnen zur Gemeinschaft
- Individualisierte Formen der Sinnsuche
Es kommt zu einem Bruch mit der Vorstellung, dass ein stabiler Kern und eine dauerhafte Identität vorhanden sei. Identität ist kein gesicherter Kern mehr, sondern ein Prozessgeschehen, eine alltägliche Identitätsarbeit und eine permanente Passungsarbeit zwischen innerer und äußerer Welt (vgl. Keupp 2001: S.30). Die Begriffe Stabilität, Kontinuität und Reproduktion treten zurück. Diskontinuität, Fragmentierung, Bruch, Zerstreuung, Reflexivität und Flexibilität sind die Begriffe der Stunde. Zugespitzt wurden diese neuen Thesen von Zygmund Baumann. Er spricht von „Chamäleonidentitäten“ und
5 Bemerkenswert ist, daß Simmel bereits knapp 80 Jahre vor Ulrich Beck von einer „individualistischen Zersplitterung“ und davon „ daß die großen, dauernden, unfraglichen Überzeugungen mehr und mehr an Kraft verlieren“ schrieb. (vgl. Simmel 1919: S.33 und S. 37ff).
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vergleicht Identität mit einem Videoband, welches leicht zu löschen und wieder verwendbar ist (vgl. Keupp 2001: S56).
In Deutschland hat Ulrich Beck 1985 die Diskussion angeheizt. Becks stellt sein Konzept der Individualisierung zum ersten Mal in seinem Buch „Risikogesellschaft“(1986) vor, bekräftigt sie gemeinsam mit Beck-Gernsheim in „Riskante Freiheiten“(1994) und radikalisiert seine Ansichten in „Gesamtkunstwerk Ich“(1998). Was meint Individualisierung bei Beck?
Eines vorne weg: Individualisierung bedeutet bei Beck nicht mehr Freiheit für die Individuen oder weniger Abhängigkeit von objektiven Strukturen, sondern eine Auflösung traditioneller Strukturbefangenheit, bei gleichzeitiger Eingliederung in neue Strukturen. Individualisierung in diesem Sinne meint also ganz sicherlich nicht eine unbegrenzte im quasi freien Raum jonglierende ... Handlungslogik (Beck 1994: S. 12) Die Menschen sind zur Individualisierung verdammt(vgl. Beck 1994: S. 14). Und weiter: „nicht Atomisierung, Vereinzelung, nicht Beziehungslosigkeit des freischwebenden Individuums, auch nicht (was oft unterstellt wird) Individuation, Emanzipation und Autonomie“ (Beck 1995: S.304 zitiert nach Keupp 2001: S.37).
Vielmehr meint Individualisierung die Auflösung vorgegebener sozialer Lebensformen, den Zerfall von Normalbiographien, traditioneller Orientierungsrahmen und Leitbilder. Kurz: Das Herauslösen aus traditionellen Lebenszusammenhängen. Bei Beck gibt es drei Aspekte der Individualisierung:
Die Freisetzungsdimension
Die Individuen werden aus traditionellen Herrschaftsordnungen und Versorgungszusammenhängen herausgelöst. Die heutige Gesellschaft in Deutschland weist eine paradoxe Entwicklung auf: Auf der einen Seite blieben die Ungleichrelationen nahezu gleich und weisen für Beck eine überraschende Stabilität auf, auf der anderen Seite wurde die Gesellschaft insgesamt eine Etage höher gefahren (Fahrstuhleffekt). Es gibt durchschnittlich mehr Einkommen, Mobilität, Bildung, Recht und Massenkonsum.
Zudem gibt es weniger Arbeitszeit und mehr Freizeit, also eine Freisetzung außerhalb der Erwerbsarbeit. Durch das allgemein höhere Einkommen vermischen sich die sozialen Kreise (Massenkonsum), aber es gibt nach wie vor ungleiche Konsumstile, die jedoch losgelöst von klassenspezifischen Eigenschaften sind. Die, bis dato, verwendeten Rasterungen zur Analyse von westlichen Kulturen (speziell Deutschland), wie Klasse und Schicht, sind laut Beck nicht mehr haltbar und werden nur noch mangels besserer Alternativen verwendet. Weiteres wird
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auch der traditionelle Lebenszusammenhang ‚Familie’ brüchig: Speziell durch die Feminisierung der Bildung und dem drängen der Frauen auf den Arbeitsmarkt werden die herkömmlichen Familienstrukturen aufgebrochen. Entzauberungsdimension
Herkömmliche Normen und Handlungsanleitungen verlieren an Gewissheit. Der Mensch wird zur Wahl seiner Möglichkeiten gedrängt; alles wird von nun an entscheidbar. Bisher eher selbstverständliche Dinge wie Identität, Religion, Geschlecht, Ehe, Kind und soziale Bindungen können zunehmend gewählt werden(Beck 1994: S. 16). Der Alltag wird von seiner Routine „befreit“. Die habituellen Entlastungen und Handlungsanleihen brechen auf, werden sichtbar und müssen immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden. Die von Bourdieu immer wieder betonte entlastende Funktion erlernter Praktiken wird nach Beck mürbe und kann im Alltag nicht mehr verwendet werden kann. D.h., dass die Menschen in ihrer Sozialisation mit einem Überangebot an unterschiedlichen Werten überflutet werden, mit der Konsequenz, dass die grundlegenden Prägungen nicht mehr so einschneidend und tiefgehend sind.
Neue Formen von sozialer Einbindung
Es ist bei Beck nicht so, dass die Individuen sich zukünftig 6 in einem gesellschaftsfreien Raum befinden und die Soziologie als wissenschaftliche Disziplin verabschiedet werden kann. Individualisierung spielt sich auch auf der institutionellen Ebene ab und diese standardisiert und individualisiert zugleich. „Anstelle traditioneller Bindungen und Sozialformen (soziale Klasse, Kleinfamilie) treten sekundäre Instanzen und Institutionen die den Lebenslauf des Einzelnen prägen“ (Beck, 1986: S. 211). Sekundäre Instanzen wie Bildungsinstitution, Märkte, Fernsehen, Erwerbsarbeit standardisieren und individualisieren zugleich. Der Arbeitsmarkt fördert und benötigt flexible Menschen. Flexibel hinsichtlich örtlicher, zeitlicher und auch sozialer Dimensionen. Diese Form der Mobilität, ist jedoch zum größten Teil aufgedrängt und wird als neue Freiheit verkauft.
Am anschaulichsten lässt es sich am Konsum zeigen: Mit der Anhebung des allgemeinen Wohlstandes kam es auch zu einer Angleichung der Konsumgüter und des Lebensstils. Auch Menschen aus den unteren Schichten war es nun möglich ein Auto, Kühlschrank, Fernsehen etc. zu erwerben. Dem Fernsehen kommt dabei als Übermittler eine entscheidende Funktion zu: Die Individuen werden z.T. weltweit Konsumenten der gleichen Meldungen. Die
6 Beck versteht seine Theorie als Trendaussage d.h. auch sie ist derzeit nicht repräsentativ. Es gibt unterschiede zwischen Stadt und Land, Milieu. Individualisierung ist exemplarische Gegenwartsdiagnose und Zukunftsmusik (Beck 1994: S16).
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traditionellen Lebenserfahrungen werden dadurch aufgebrochen: „Man trifft sich sozusagen weltweit und schichtübergreifend am Dorfplatz des Fernsehen“ (Beck 1986, S.213). Was bedeutet dies für die Identität? Bezieht man Becks Thesen auf das Konzept von Hahn, so bedeutet dies, dass durch die Dimensionen der Freisetzung und der Entzauberung in erster Linie das implizite Selbst aufgebrochen wird und an Bedeutung für das soziale Handeln verliert. Von den Individuen wird verlangt, sich ihre Identität zunehmend selbst zusammenzubasteln. Tradierte Praktiken helfen ihnen nicht weiter. In Becks Welt der „Masseneremiten“ verlieren, durch die Individualisierung, soziale Beziehungen an Bedeutung und Tiefe. Damit verbunden wird Identität zwar noch über Beziehungen (explizites Selbst) gebildet, aber der Effekt auf das implizite Selbst ist gering. Als radikalisierte Form der individualisierten Menschen beschreibt Beck den Lebenskünstler: Da die äußeren Zustände zu verwirrend und nicht mehr so klar sind, wird der Blickpunkt auf die eigene Form des Lebens gerichtet. Beck spricht in diesem Zusammenhang von einer „Vergottung der Lebensführung“. Aus der Fülle an objektiven Begebenheiten, Normen und Moralvorstellungen wird genommen was man braucht und an individuelle Erfordernisse angepasst.
2.2.2 Situationsspezifisches explizites Selbst
2.2.2.1 Subjektkonstruktion jenseits der Moderne
Das explizite Selbst ist das Bild der anderen in mir. Es ist jenes Bild, welches durch die Betrachtung des Selbst mit den Augen der alltäglichen Umgebung entsteht. Diese Sichtweise setzt ein Individuum voraus, das in der Lage ist sich selbst zum Gegenstand der Reflexion zu machen. Diese Ansicht steht nicht quer zu den Postmodernen Ansätzen. Diese Ansätze behaupten, dass die Umgebung so vielfältig ist und sich dadurch keine dauerhaften Dispositionen bilden. Treibt man die Postmoderne auf die Spitze, gibt es die Person gar nicht, sondern nur ein, durch die Situation, bestimmtes Subjekt.
Keupp und Hall verlegen den Schwerpunkt auf das explizites Selbst und dem Wechselspiel zwischen impliziten und expliziten Selbst und bauen so ein dynamischeres Bild von Identität auf (Identität als etwas Wandelbares und zugleich Beständiges). Es entsteht ein Subjekt, das sich in interaktiven Transaktionen und Bedeutungszuschreibungen kontinuierlich seinen Platz und seine Identität zu sichern hat (Keupp 2001: S.54). Das Subjekt hat immer noch einen inneren Kern, ein Wesen, oder ein „wirkliches Ich“, aber dieses wird in einem kontinuierlichen Dialog mit den kulturellen Welten „außerhalb“ gebildet und modifiziert. Die neuen Identitäten sind jedoch fragmentiert, können widersprüchlich sein und aus mehreren
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Identitäten zusammengesetzt werden (Hall 1994: S.54) Die äußeren Umstände wollen nie so ganz zu den innern passen, dadurch wird die Passung zu einer dauerhaften Suche.
Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass die Objektivierung des eigenen Ichs abhängig von den Reflexionsmöglichkeiten, die in einer Gesellschaft vorliegen, ist (z.B. Beichte,
Psychoanalyse, Biographische Interviews usw.). Erst die Erzählung der eigenen Geschichte bietet die Möglichkeit das eigene Leben zu ordnen und zu begreifen. Erst mit der Geschichte gewinnt das Chaos von Eindrücken und Erfahrungen eine gewisse Struktur und vielleicht sogar einen Sinn (Keupp 2001: S. 58). Hahn zeigt weiter, dass die Fähigkeit zur Selbstreflexion ein soziales und historisches Produkt ist und nicht eine dem Menschen angeborene Fähigkeit.
2.2.3 Zusammenfassung: Identität
Identität kann als Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven Inneren und dem gesellschaftlichen Äußerem gesehen werden. Durch die Vielfältigkeit der heutigen sozialen Welt wird diese Passungsarbeit erschwert; durch den raschen sozialen Wandel verlieren traditionelle Handlungsformulare an Bedeutung. Die Postmoderne betont, dass die individuelle Planungs-, Gestaltungshoheit über das eigene Leben wächst. Es erhöhen sich die Chancen, Vorstellungen des eigenen Lebens zu realisieren. Es wird ein aktives Subjekt eingefordert, welches sich seine sozialen Beziehungen und seinen Platz selbst herstellt. Dies bedeutet jedoch nicht nur Freisetzung, sondern eine auferlegte Notwendigkeit. Bei Durkheim sind die Individuen dauerhaft und für ihr ganzes Leben in ihrem Milieu eingebunden. Diese dauerhafte Einbindung löst sich auf und zurück bleibt ein Individuum, dessen soziale Laufbahn nicht „vorherbestimmt“ ist und welche nicht einen vorbestimmten Pfad betreten, sondern diesen Pfad selbst wählen müssen/können. Wo die einzelnen Akteure letztendlich ankommen liegt mehr und mehr an ihren eigenen Handlungen. Kennzeichen dieser Gesellschaft, der Bastel/Wahlbiographen, ist die Landstreichermoral. Es wird Mobilitätsbereitschaft abverlangt, verbunden mit geringeren sozialen Bindungen.
Individualisierung wird aufgezwungen. Im Gegensatz zu Beck betont Sennett den Verlust, den das Herauslösen aus traditionellen Zusammenhängen mit sich bringt. Die heutigen Individuen stehen zwischen jenen Werten, die sie von ihren Eltern mitbekommen haben und dem Zwang individuell und flexibel zu sein. Sennett hat gezeigt, dass (auch bei finanziell besser gestellten Personen) der Verlust eines linearen Lebensverlaufes einher geht mit enormer Unsicherheit und Ungewissheit bezüglich der eigenen Identität. Die Suche nach Passung (innen/außen) wird in heißen Perioden (des starken sozialen Wandels) erschwert.
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Jedoch ist offensichtlich, dass sich für die Menschen die Suche lohnt und Identität den Individuen ein Gefühl der Sicherheit beschert. Die Abarbeitung am Identitätskonzept war für uns deshalb notwendig, um unseren Blickwinkel darzustellen und um uns selbst über unser Paradigma klar zu werden. Für uns macht der Begriff Identität jedoch nur dann Sinn, wenn er etwas Dauerhaftes beschreibt. Identitäten sind für uns Dispositionen, die sich Menschen im Laufe ihres Lebens aneignen und die das Verhalten dauerhaft mitbestimmen. Auf der Subjektebene kann Jugend als heiße Periode betrachteten werden. Es wird Zeit den Begriff der Jugend näher zu betrachten und welche Strategien Jugendliche für die Identitätskonstruktion entwickeln.
2.2.4 Jugend und Identität
Allgemein wird die Jugend als eine Phase des Übergangs oder als eine Schwellenphase betrachtet. Der Begriff Jugend soll den Zeitraum des Übergangs vom Kindheitsalter ins Erwachsenenalter beschreiben. Als Beginn dieser Phase wird das Einsetzen der Geschlechtsreife markiert (vgl. Ziegler 2000: S.63); das Ende dieses Zeitraums wird in der Regel durch das Ende der Ausbildung, dem Einsteigen ins Berufsleben und durch das Erreichen einer finanziellen und emotionalen Autonomie bestimmt. Es gibt jedoch kaum mehr eine Instanz, welche regelt, ab wann ein Mensch als erwachsen zu gelten hat. Es gibt zwar noch Reste von Initiationsriten wie Matura, Lehrlingsprüfung, Heirat, Auszug aus der elterlichen Wohnung, Erlangung wirtschaftlicher Unabhängigkeit, aber keine davon legt endgültig fest, ab wann der Zeitraum der Jugend abgeschlossen ist. Weiteres ziehen längere Ausbildungszeiten, späteres Heiraten und spätere Kindererzeugung die Phase der Jugend in die Länge. Außerdem wohnen die Jugendlichen zumeist noch bei ihren Eltern, sind von ihnen abhängig und werden von ihnen geprägt. Aus diesen Gründen kann die Jugend nicht als abgeschlossener und autonomer Zeitabschnitt verstanden werden. Das Problems der Übergänge hat Karl Mannheim in seinem Aufsatz „Das Problem der Generationen“ (1928) bearbeitet:
Mannheim beschäftigte sich mit dem Wechsel von Generationen und die damit verbundene Neuinterpretation und Übernahme vorhandener Traditionen durch die Individuen. Die Generationsfolge ist charakterisiert durch:
a) stetige Neueinsetzen neuer Kulturträger
b) Abgang früherer Kulturträger
c) Teilnahme an einem zeitlich begrenzten historischen Abschnitt
d) Notwendigkeit des Tradierens akkumulierter Kulturgüter
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e) Kontinuität des Generationswechsels (Mannheim, 1928, S. 530).
Entscheidend ist das es zwangsweise zu einem ständigem Einsetzen neuer Kulturträger kommt. Die vorhandenen Kulturgüter werden nicht mechanisch übernommen, sondern erfordern eine eigene Interpretationsleistung der Individuen. Dieser ist auch insofern notwendig, da sich die Einzelnen, an den, sich wandelnden Gesellschaftlichen/Historischen-Kontext, anpassen müssen.
Auch für Mannheim haben die unbewusst tradierten Kulturgüter eine entscheidende Bedeutung:
„[...] jene Gehalte und Einstellungen, die in der neuen Lebenssituation unproblematisch weiterfunktionieren, die den Fonds des Lebens ausmachen, werden unbewusst, ungewollt vererbt, übertragen; sie sickern ein, ohne daß Erzieher und Zögling davon etwas wüssten“ (Mannheim, 1964, S. 538).
Die Klassen und Generationsspezifischen Merkmale (Milieuwirkung) erreichen erst in der Jugendzeit eine reflexive Ebene. Erst hier ist es möglich, aufgrund der geringen Rollenzuteilung für die Jugend in den westlichen Kulturen, geerbte Kulturgüter aufzubrechen und zu verändern. Für Mannheim ist das aufbrechen lediglich ein kratzen an den oberen Schichten:
Die kämpfende Jugend ringt um diese Bestände, und wenn sie noch so radikal ist, merkt sie nicht, daß sie ja nur die reflexiv gewordenen Oberschicht des Bewusstseins transformiert (Mannheim, 1964, S. 539).
Nach dieser relativ kurzen Zeit des Loslösens von früheren Kulturgütern folgt eine Wiedereingliederung in einen relativ stabilen Zustand. Wir sind nicht der Ansicht, dass es in dieser Zeit möglich ist, die alten tradierten Werte vollständig von sich zu werfen. Die Jugend erscheint bei Mannheim als eine Chance neue Kulturformen zu schaffen. Die Reflexivität beginnt erst mit der Phase der Adoleszenz. Die Familie, mit ihr die Kultur und die soziale Position der Familie, hat bis in das Jugendalter Zeit sich in die Person einzuschreiben und prägt auch in der Adoleszenz das Verhalten der Jugendlichen.
In der Jugendphase ist die notwendige, primäre Arbeit der Prozess der Identitätsfindung. Die Jugendlichen befinden sich auf der Suche. Die primäre Aufgabe ist es, die erworbenen Teilidentitäten neu zu verknüpfen. Die Suche nach Halt ist für Jugendlichen von besonderer Bedeutung. Bis zum Eintreten ins Jugendalter ist der Mensch ein Kind, mit relativ eindeutig definierten Aufgaben. In der Jugend werden die Aufgaben immer unklarer bzw. gibt es kaum Anleitungen, oder wollen von den Eltern kaum Anleitungen annehmen, wie die Aufgaben
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erledigt werden sollen. Weiteres werden die Aufgaben selbst in Frage gestellt und auch abgelehnt. Darum gewinnen die gleichaltrigen „LeidensgenossInnen“ an Bedeutung. In der Peer- Group kann man sich wieder finden, da deren Mitglieder die gleichen Erfahrungen, die gleichen Probleme haben, die miteinander geteilt werden können. Das auszufüllende Identitätsvakuum und die Organisation der Jugendlichen in Peer Groups sind ideale Bedingungen für die Bildung einer eigenständigen, identitätsstiftenden kulturellen Praxis. Uns erscheint das Identitätskonzept von Paul Willis am geeignetsten, um die relative Eigenständigkeit und Kreativität der Jugendlichen zu erklären.
2.2.5 Jugendliche Identität und symbolische Arbeit
2.2.5.1 Die elementare Ästhetik der Praxis
Paul Willis entwickelt seine Theorie des Handelns, vom Spaß am Widerstand zu einer allgemeinen Theorie des Handelns. Zugespitzt kann gesagt werden, geht es dabei um eine Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und kreativem Handeln im Alltag. Die Institution Kunst ist jener Ort an dem Kreativität anerkannt wird. Dem gegenüber steht der Alltag als kreativlos. Kunst und Kulturbetrieb ist bemüht um Ausgrenzung und verliert oft dabei den Bezug zur Praxis. Ästhetische Kriterien werden auf formale Kriterien reduziert: „Ausdrucksformen und Gebilde werden zu leblosen Dingen. Installiert in den Operrängen, in Kenntnis des zu Erwartenden, ringsum nur sich selbst wahrnehmend, müsste die Kulturelite von der bloßen Hülle dessen, was einmal die Leidenschaft eines Sinns besaß, durch und durch angeödet sein“ (Wills 1991: S.13). Diese, sicherlich wertende und die Logik der „Eliten“ ignorierende Aussage, beschreibt sehr dicht die Perspektive von Paul Willis. Kultur ist kein losgelöstes, lebloses Gebilde und schon gar nicht ausschließlich Sache der Eliten, sondern sie ist lebendig mit der Praxis verbunden und entsteht auch von „unten“. „Culture is ordinary“, wie Raymond Williams, einer der Gründungsväter der Cultural Studies, betont hat. Kreativität findet nicht nur in der Kunst statt, sie ist ein notwendiger Bestandteil des alltäglichen Lebens.
2.2.5.2 Symbolische Arbeit und Kreativität
Willis betont zunächst, dass die Kultur der Eliten nichts mit der Alltagskultur der Jugendlichen gemeinsam hat. Bezugspunkte sind in erster Linie die Massen- und Trivialkultur. Das wichtigste dabei ist jedoch, dass diese Kultur nicht starr übernommen wird, sondern individuell angeeignet und mit einem individuellen Sinn versehen wird. Die symbolische Arbeit ist seiner Ansicht nach ein lebensnotwendiger Akt: „Es handelt sich dabei um die Anwendung von menschlichen Fähigkeiten auf und symbolische Ressourcen und
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Rohmaterialien (Ensembles von Zeichen und Symbolen - z.B. die Sprache, ebenso wie Texte, Lieder, Filme, Bilder und Gegenstände aller Art), um Bedeutung zu produzieren“ (Willis 1991: S.22). Die gewonnene Bedeutung erschafft einen Sinn und ist Grundvoraussetzung für die Verwendung von Kulturgütern. Zu den Grundelemente der symbolische Arbeit gehören die Sprache, der handelnde Körper, das Drama und ihre Rollenverteilungen in der Praxis und die symbolische Kreativität: „Das menschliche Leben bedeutet, kreativ zu sein in dem Sinne, daß wir die Welt für uns zurechtmachen, so wie wir unseren eigenen Ort und unsere Identität herstellen und finden“ (Willis 1991: S.24).
Dies führt uns zurück zu der Anfangs erwähnten Diskussion. Die Jugendkulturen verfügen über einen spezifischen Habitus, welcher die Grenzen des Stils festlegt. Es ist jedoch von enormer Bedeutung die angebotenen Vorlagen nicht starr zu übernehmen. Durch kreative, individuelle Aneignung bilden sich Unterschiede innerhalb einer Gruppe es und können individuelle Identitäten, in einem kollektiven Bezugsrahmen geschaffen werden. Die Springerstiefel und Rucksäcke werden bemalt, das H&M T-Shirt mit einem Logo bedruckt, mit einem Button bestückt und mit einer Weste aus dem Secondhand-Laden ergänzt. Der Plattenspieler, ursprünglich als Konsumgerät konzipiert, wird als Musikinstrument „zweckentfremdet“ und zum Symbol der gesamten DJ-Kultur. Ein/e SkaterIn sieht in einem Stiegengeländer keine Unterstützung für das Stiegensteigen, sondern eine Herausforderung für sein/ihr Skateboarding.
Was erzeugt symbolische Arbeit?
- Sie erzeugt individuelle Identitäten - wer man ist und wer man werden könnte
- Sie ordnet die eigene Identität in den größeren Kontext ein. Sie registriert Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Die geschlecht-, schicht-, altersspezifische und ethnische Unterschiede und Zugehörigkeiten werden nicht nur aufgedrängt sondern gelebt und ausprobiert.
- Einen Sinn für die eigenen Fähigkeiten und deren Anwendungen in der kulturellen Praxis. Die Erwartung, die Erfahrung, daß man Teil einer Welt ist, welche geändert werden kann. Sie verleiht einen Sinn im Durcheinander und gibt Anhaltspunkte wo man dazugehört und wo nicht, welche Moden gewählt werden und welche Musik zu einem am besten passt.
Die meisten der angesprochenen Probleme des Begriffes Identität können hier nicht bearbeitet werden. Im Folgenden versuchen wir herauszuarbeiten, welche Aspekte von uns empirisch bearbeitet werden. Noch gibt es Bestände die systematische Unterschiede erzeugen und
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welche das oft herbeitheoretisierte Chaos ordnen. In dieser Arbeit konzentrieren wir uns auf die identitätsstiftenden Eigenschaften der „Jugendkultur“ und des „physischen Raums“. Wir wollen nun diese beiden Dimensionen miteinander verknüpfen und den Begriff „Jugendkultur“ erklären.
2.2.6 Raum, Identität und Biographie (Schwarz)
Herlyn geht der Frage nach, inwieweit räumliche Strukturen Einfluss auf menschliches Handeln und Verhalten nehmen können. „Wie weit diese ganz eigentümliche (städtische) Lebensluft bestimmend in die Biographie der Bürger hineinwirkt, wissen wir keineswegs. Wahrscheinlich wirkt sie sehr tief“ (Mitscherlich, zit. nach Herlyn 1990: S. 5).
Herlyn geht es um die biographische Relevanz, welcher sowohl der gesamtstädtischen Struktur als auch deren verschiedenen Teilbereichen wie Stadtteilen, Viertel, Straßen und Wohnungen zukommt. „Sie (die Stadt, Verf.) liefert nicht nur die Inhalte, sie steuert auch die Richtungen und die Gangarten der verschiedenen Lebensläufe“ (ebd. S. 5). Es geht darum, die Bedeutung der alltäglichen Wohnumwelt für die Lebensführung verschiedener Altersstufen anzuerkennen und zu verdeutlichen (ebd. S. 5f). Diese Bedeutung der alltäglichen Wohnumwelt sollte auch für in Auwiesen wohnende Jugendliche herausgearbeitet werden.
Es geht um die Frage, wie (Wohn-)Umwelt auf Handlungsorientierungen wirkt. Wie reagieren Individuen auf Umweltgegebenheiten? „Bei der Prüfung des Zusammenhangs von räumlich-baulicher Umwelt und sozialem Verhalten darf man nicht in ein Kausaldenkenauch architektonischer Determinismus genannt - verfallen, das die mannigfachen soziokulturellen Vermittlungsprozesse außer acht lässt und in der Regel zu einer folgenreichen Überschätzung der Auswirkung räumlicher Arrangements auf soziale Prozesse führt“ (Herlyn 1990: S. 15). In diesem Zusammenhang spricht Kromrey vom „naiven Umweltdeterminismus“ (Kromrey 1981: S.11). Dieser geht davon aus, dass Umwelt Auslöser für Verhalten ist und dass Umweltbedingungen unmittelbar auf individuelle Reaktionen wirken. Das bedeutet, dass ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen Wohnumwelt und sozialem Handeln bzw. sozialem Verhalten besteht. Dieser Ansatz kann jedoch kaum noch Anhänger für sich gewinnen.
Der Grundgedanke - Umwelt als Auslöser für Verhalten - bleibt jedoch erhalten. Die verhaltenstheoretischen Annahmen sind, dass die Wohnumwelt das Verhalten zwar nicht direkt determiniert, sondern indirekt über Wahrnehmungs- und Lernprozesse (ebd S. 11ff).
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Wie gesagt hat Ulfert Herlyn in der Untersuchung zum Thema „Lebenslauf, Wohnungs- und Stadtstruktur“ (1988) herausgearbeitet, dass Lebenslauf und Sozialraum in einem engen Wechselverhältnis stehen 7 . Er zeigte auf, dass sich die Bezugnahme von Personen auf den sie umgebenden Sozialraum, entlang des Lebensverlaufes sehr unterschiedlich gestaltet. Es gibt sowohl Phasen stärkerer Abhängigkeit (z.B. Kindheit und Alter) als auch Phasen stärkerer Unabhängigkeit (Erwachsenenalter).
Für Kinder ergibt sich eine sehr hohe Abhängigkeit von den Gegebenheiten des Raums. Der Nahraum rund um den Wohnplatz gilt als Ort erster Erfahrungen und erweiterter sozialer Kontakte. Während des Prozesses des Aufwachsens kommen neue, vom ökologischen Zentrum weiter entfernte, Erfahrungs- und Lernräume hinzu (z.B. Straßen als erweiterter Spielraum; soziale Einrichtungen usw.) 8 . Diese Räume jenseits der Herkunftsfamilie bieten Kindern die Möglichkeit sozialer Integration bzw. Individualisierung, im Sinne einer langsamen (teilweisen) Ablösung von der Familie.
Diese enge Bindung löst sich mit wachsendem Lebensalter. Jugendliche werden mobiler und erweitern ihren Erfahrungsraum. Dieser Prozess setzt sich bis zum Übergang von der Adoleszenz bis zum Erwachsenenalter fort. Während der Familienphase kommt es wieder zu einer stärkeren Bezugnahme auf die sozialräumliche Umwelt. Herlyn unterscheidet zwischen mehreren Phasen der Entwicklung von Familien.
- Expansionsphase (Familiengründung):
Diese Phase ist gekennzeichnet durch eine besonders intensive Bindung an den sie umgebenden Sozialraum.
- Konsolidierungsphase (Phase der längeren Wohndauer am gleichen Ort und Phase des Aufwachsens der Kinder):
Dieser Abschnitt ist ebenso durch besonders starke Abhängigkeit vom Sozialraum gekennzeichnet (Schulen; Freizeiteinrichtungen usw.)
- Schrumpfungsphase (Auszug der Kinder):
Der Wegzug der Kinder aus dem Elternhaus ist oft mit einem Rückzug (der Eltern) aus dem öffentlichen Leben verbunden.
- Phase des Alters:
7 Unter Sozialraum versteht er dabei „ein bestimmtes Gebiet oder Quartier ... , welches aus der Innenperspektive der Bewohner bestimmte Gemeinsamkeiten aufweist, die unter bestimmten Umständen zu einer Situationsdefinition des „Wir“ führen können“ (http://www.bsj-marburg.de/Pdf-Dateien/Prof. Dr. Michael Schumann Sozialraum und Biographie.pdf).
8 Vor allem der Straßenraum, „an dem potentiell die gesamte Öffentlichkeit von Erwachsenen verschiedenen Alters und Kinder zusammen agieren können, ohne dass spezifische Arrangements nötig werden“ (Herlyn, zit. nach http://www.bsjmarburg.de/Pdf-Dateien/Prof. Dr. Michael Schumann Sozialraum und Biographie.pdf).
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Ältere Menschen sind wieder stark auf die sie umgebenden räumlichen Bedingungen angewiesen.
Herlyn analysiert den Einfluss baulich-räumlicher Umwelt für soziales Verhalten unter 2 Aspekten: a) Der Aspekt des Handlungsortes; b) Der Aspekt des Orientierungsortes.
Ad a) Der erste Aspekt versteht „Raum als die Möglichkeit des Beisammenseins“ (Simmel, zit. nach Herlyn, 1990: S. 15). Hierbei geht es um die Möglichkeit der Auswirkung materieller Organisation und der Größe des Raums auf das Beisammensein. In diesem Zusammenhang spricht Bahrdt vom „harten Kern räumlicher Tatsächlichkeit“ (Bahrdt 1974 :S. 21, zit. nach Herlyn 1990: S. 15). Bestimmte soziale Beziehungen werden erst durch räumliche Arrangements ermöglicht.
Ad b) Die bauliche Umwelt hat Bedeutung für das soziale Verhalten, was am Beispiel eindeutig definierter Räume wie etwa Kirche oder Spielplatz, verdeutlicht wird 9 . Somit kann der physische Raum zum Symbol für soziale Situationen werden. „Wenn Menschen einander immer wieder an dem gleichen Ort begegnen und sich dort unterhalten, gemeinsam arbeiten oder was auch immer, so wird dieser Ort [...] in der Vorstellung derjenigen, die dort zusammenkommen, schließlich unlöslich mit ihrer eigenen Gruppe verbunden, daß er einfach dazugehört...“ (Lenz-Romeiß 1970: S. 42, zit. nach Herlyn, 1990: S. 16).
Diese Überlegungen führen zu der Auffassung, dass die sozial-räumliche Umwelt als Einheit zu verstehen ist. Somit gilt für die Interpretation sozial-räumlicher Strukturen, „daß die Analyse der Verhaltensrelevanz spezifischer Wohn- und Stadtstrukturen erst im Zusammenhang mit der je gegebenen sozialen Umwelt vorzunehmen ist“ (ebd. S. 16).
„Wir sehen: Entlang des Lebenslaufes gibt es unterschiedliche Formen der Bezugnahme und des Angewiesenseins auf den sozialen Raum. Phasen enger Bezugnahme lösen sich ab mit Phasen einer mehr oder weniger großen Distanz bzw. Entfernung überhaupt. So könnte man sagen, der Soziale Raum ist als ein Spielfeld unserer Biographie zu betrachten, welches von Lebensphase zu Lebensphase mehr oder weniger Gewicht bekommt“ (http://www.bsj- marburg.de/Pdf-Dateien/Prof.Dr. Michael Schumann Sozialraum und Biographie.pdf).
9 Prämissen des symbolischen Interaktionismus:
1. Menschen handeln Dingen gegenüber aufgrund der Bedeutung, die diese Dinge für sie besitzen. Dabei sind Dinge auch Menschen, Situationen und Institutionen.
2. Die Bedeutung dieser Dinge ist aus der sozialen Interaktion abgeleitet oder entsteht aus ihr. 3. Die Bedeutungen werden in einem interpretativen Prozess gehandhabt, sind nicht statisch und können somit auch verändert werden (Treibel 2000: S. 118).
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Schumann weist darauf hin, dass Herlyns Modell allerdings nichts über die tatsächlichen Raumaneignungschancen besagt (z.B. der Zugang zu sozialräumlichen Ressourcen wie Infrastruktur, soziale Netzwerke usw.). Vor diesem Hintergrund sind soziale Räume ‚unsichere Räume’, die in biographischer Perspektive als Ensemble von Möglichkeiten aber auch Behinderungen und Restriktionen verstanden werden können. Die Chancen der Raumaneignung sind hierbei ungleich verteilt (und damit auch die Möglichkeiten und Ressourcen der Biographieentwicklung) (vgl, http://www.bsj-marburg.de/Pdf-Dateien/Prof. Dr. Michael Schumann Sozialraum und Biographie.pdf).
2.2.7 Raum, Jugend und Identität (Schwarz)
Als „Kernaktivitäten biographischer Arbeit“ (http://www.bsj-marburg.de/Pdf-Dateien/Prof. Dr. Michael Schumann Sozialraum und Biographie.pdf) nennt Schumann:
- Explorationsarbeit (Selbst- Situations- bzw. Weltdeutung)
- Imagination (Entwicklung von alternativen Optionen)
- Experiment (experimentelle Selbstdarstellung; experimenteller Umgang mit Rollen zur Erprobung der Identität
- ‚commitments’ (Überzeugungen und biographisch relevante Entscheidungen)
Diese Kernaktivitäten sind im Zusammenhang mit sozialräumlichen Gegebenheiten zu betrachten und geben wichtige Hinweise für das Verständnis des Zusammenhangs zwischen Sozialraum und Biographie:
- Vor allem Situations- und Selbstdeutungen beziehen sich oft auf den sozialen Raum. Als Beispiel nennt Schumann geschlechtsspezifische Raumnutzung bzw. Raumbesetzung von Burschen z.B. in Kindergärten und Kinderfreizeitstätten. Diese Raumaneignung ist oft der Ausgangspunkt für erste Wahrnehmungen von Geschlechtsdifferenzen, Hierarchien und die eigene Selbstpositionierung (vgl. Projektgruppe Wanja 2000 10 ).
- Die Imagination biographischer Optionen ist zum Einen vom sozialen Kapital abhängig (Freundschaften, Bekanntschaften, Cliquenbezüge, Jugendkulturen usw.) und von den Einstellungen bzw. Präferenzen der Familie, zum Anderen von der Ausstattung und der Infrastruktur eines bestimmten Sozialraums, d.h. von den Möglichkeiten an Bildungs-, und Ausbildungsplätzen.
10 Projektgruppe Wanja (2000): Angelika Stötzel, Michael Schumann, Michael Appel: Handbuch Wirksamkeitsdialog in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit.
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- Auch Prozesse biographischen Experimentierens sind auf die Raumbezogenheit hin zu überprüfen. Als Beispiel „jugendkultureller Muster eines raumbezogenen Experimentierens verschiedener Rollen“ (ebd.) nennt Schumann einen, in der Shell Jugendstudie (2000) interviewten, jugendlichen Hooligan. Dieser meinte, dass diese Gruppierung eigentlich friedlich wäre, wenn ihnen die Polizei den beanspruchten (Experimentier-) Raum (in dem sie sich mit den verfeindeten Hools schlagen wollten und der nach ihrer Vorstellung dicht am Stadion angelagert sein sollte) zugestehen würde (ebd.).
„Deutlich machen diese Beispiele, dass die biographischen Leistungen, die Kinder und Jugendliche (natürlich auch Erwachsene, lebenslang) zu erbringen haben, in sehr starkem Maße von den sozialräumlichen Gegebenheiten und Bedingungen, besser gesagt von sozialräumlichen Prozessen (der Aneignung) abhängig sind“ (ebd.).
2.2.8 Grundlegendes theoretisches Paradigma (Schuld)
Unser Paradigma beinhaltet im Wesentlichen zwei Ebenen: Einerseits den physischen und den sozialen Raum. Wir sind der Ansicht, dass die räumliche Verteilung einer Stadt, die dem Konsum vorbehaltene Innenstadt, die periphere Lage der Wohnungssiedlung Auwiesen, die Einfamilienhäuser in St. Magdalena usw., keine zufällige und wirkungslose (bedeutungslose) Anordnung der Stadt Linz ist, sondern vielmehr Ausdruck einer reproduzierten Aufteilung, welche hierarchische Unterschiede untermauert. Auf der anderen Seite steht ein benützendes, deutendes und sinngebendes Individuum, welches als Produkt seiner Umgebung, für seine soziale und räumliche Lage spezifische und typische Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata entwickelt hat, jedoch seine Umgebung mit einer alltäglichen Kreativität individuell aneignet und konstituiert.
2.3 Jugend und Raum (Schwarz)
Grundsätzlich ist auf die generelle Bedeutung des Raums auf den Sozialisationsprozess, speziell von Kindern und Jugendlichen, hinzuweisen. Räume prägen das Aufwachsen und Lernen von Jugendlichen. Sie können Ressourcen bereitstellen, somit förderlich auf den Sozialisationsprozess wirken und können aber auch die Entwicklungschancen einschränken. Nicht nur für Jugendliche ist der Raum (neben der Zeit) eine der zentralen Voraussetzungen zur Bewältigung der altersspezifischen Entwicklungsaufgaben. Kinder und Jugendliche sind zwingend auf räumliche Aneignungsprozesse angewiesen da sich wesentliche Aspekte der Entwicklung über räumliche Prozesse erschließen.
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Speziell für Kinder ist der städtische Raum ein Spiel- und Lernort der ihnen die Möglichkeit bietet, sich aus der Familie hinauszubewegen. Für Jugendliche ist der öffentliche, städtische Raum in erster Linie „kultureller und sozialer Experimentierraum“ (Bruhns et. al. 2001: S. 171). Die Erfahrungen im öffentlichen Raum liefern erste Antworten auf die Fragen, wer bin ich, wer möchte ich sein, wie sehen mich die anderen. Es gilt auszuprobieren was geht bzw. was nicht geht, was möglich ist und was nicht. Jugendliche können diese Fragen relativ sanktionsfrei ausexperimentieren und eigene Positionen entwickeln, weil das Leben im Vergleich zu Erwachsenen nicht so sehr sozial strukturiert und rollenbezogen ist. Der öffentliche Raum erlaubt es, den sozialen Horizont über die Erfahrungen hinaus zu erweitern, die im Elternhaus gemacht werden.
2.3.1 Sozialökologischer Ansatz (Schuld)
„Abgesehen von allen Schattierungen zwischen den einzelnen Jugendkulturen ist die Raumfrage zugleich die naheliegenste, aber auch die wichtigste“ (Baacke 1993: S. 146).
In den Sozialwissenschaften werden, die im Rahmen der Sozialisationsforschung gängigen Theorien, seit längerem kritisch diskutiert. Diesen Ansätzen wird eine einseitige bzw. eingeschränkte Behandlung innerfamiliärer Sozialisationsprozesse vorgeworfen, da „die Bedingungen des räumlichen Gefüges, in dem sie sich vollziehen“ (Krüger et. al. 1993: S. 135) nicht berücksichtigt werden. Dieser Vorwurf wurde auch an die schichtsoziologische Forschung gerichtet, weil die verwendeten Schichtindikatoren vor allem auf die Messung sozialer Ungleichheit abzielen. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Schichtfaktor „die
Varianz des Erziehungsverhaltens von Eltern, ihre Persönlichkeitsmerkmale und die ihrer Kinder“ (ebd.: S. 135) nur teilweise erklären konnte. Wie gesagt kritisiert Baacke das Hauptaugenmerk der klassischen Sozialisationsforschung und der schichtsoziologischen Forschung. Er schreibt: „Gerade der sozialstrukturelle Ansatz fordert aber die Berücksichtigung von Umweltvariablen, die insbesondere dazu geeignet sind, unmittelbare Erfahrungen Heranwachsender, die sie mit ihrer Umwelt machen, einzubeziehen“ (Backe zit. nach Krüger et al. 1993: S. 135).
Um die Lebenswelten von Jugendlichen ausreichend erfassen zu können, muss der physische Raum mit in die Analyse einbezogen werden. Dies kann durch eine Analyse der Raumstruktur, der Infrastruktur, der Nutzung, der Wahrnehmung des Raumes und durch die Mobilität der Jugendlichen geschehen. Eine Grundlage zur Beschreibung des Verhältnisses
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von Jugendlichen und Raum bietet Dieter Baackes sozialökologischer Ansatz (vgl. Baacke 1993: S146ff).
Baacke unterscheidet 4 Zonen, welche als sich erweiternde konzentrische Kreise betrachtet werden können (vgl. Baacke 1993: S.147).
1. Der erste Raum ist das ökologische Zentrum. Jener Ort, in dem ein Mensch hineingeboren wird. Hierbei handelt es sich in erster Linie um die Familie oder das „zu Hause“. Dies ist jener Ort, in dem die primäre Sozialisation erfolgt und die grundlegenden Wahrnehmungsmuster geprägt werden (Bildung des primären Habitus).
2. Die zweite Zone beschreibt den ökologischen Nahraum (z.B. die Nachbarschaft). „Für den Jugendlichen wird der Stadtteil, das Viertel, die „Wohngegend“ zu einem Revier voller Treffpunkte und Aktionsmöglichkeiten [...]. Fremde Wohnungen, Hauseingänge, das Zeitungskiosk, Kneipen, Innenhöfe, der Park - je mehr Treffpunkte da sind, desto näher kommt ein Nahraum dem ökologischen Optimum“(Baacke 1993: S.148).
3. Die dritte Zone ist durch „funktions-bestimmte Beziehungen“ gekennzeichnet. Typische Beispiele für funktionsbestimmte Orte von Jugendliche wären die Schule, der Lehrbetrieb usw.. Diese Orte beinhalten neben dem Ort zugleich eine Funktion, die unabhängig von den Jugendlichen besteht. Im Gegensatz zu den funktionsbestimmten Räumen wird im ökologischen Nahraum die Funktion des Ortes, (z.B. des Stiegenhauses) von den Jugendlichen selbst bestimmt. Durch diese funktionsbestimmte Räume kann es zu neuen Peer-Beziehungen kommen, welche möglicherweise losgelöst vom ökologischen Nahraum sind (z.B. Schulfreunde, Arbeitskollegen).
4. Die 4. Zone ist die ökologische Peripherie. Beispiele hierfür wären der Ferienausflug, selten besuchte Freizeitorte usw.. Diese Zone ist jedoch für diese Arbeit nicht erheblich.
Soweit der deskriptive Ansatz von Baacke. Dieses Konzept hat eine zeitliche Dimension: Je älter ein Mensch wird, desto mehr erstrecken sich seine Handlungen auf die weiteren Zonen (ausgehend vom Zentrum). Die Kindheit wird überwiegend im Zentrum verbracht und das Leben wird als einheitlich Ganzes wahrgenommen. Mit zunehmenden Alter und spätestens ab der Jugend werden die Lebensabschnitte zunehmend zersplittert und die soziale Welt zusehends in Ausschnitten wahrgenommen. Es kommt zu einem Individualisierungsschub: Aus diesen Ausschnitten wird es für die einzelne Person immer schwieriger ein einheitliches Bild von sich zu entwerfen. Dies kann zur Teilnahme in Jugendkulturen führen, welche in dieser Hinsicht die Funktion haben, die Ganzheitlichkeit der unterschiedlichen Erfahrungen
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über Stil, Meinungen usw. zu konstituieren (vgl. Baacke 1993: S.151). Eine vermittelnde Rolle kann jedoch auch der Stadtteil einnehmen. Jugendkulturen und Peer Groups benötigen in der Regel einen Raum, in denen sie ausgelebt werden können. Einen Raum der angeeignet und mit einer eigenen Bedeutung und Funktion versehen werden kann. Diese führt uns zu weiteren Dimensionen des sozialökologischen Ansatzes: Dem Grad des Einflusses bzw. dem Gestaltungsspielraum. 11
Der Gestaltungsspielraum und die Aneignung sind entscheidend dafür, ob Räume eine identitätsstiftende Wirkung haben. Unser Erkenntnisinteresse richtet sich in erster Linie auf eine mögliche identitätsstiftende Wirkung des Stadtteils Auwiesen. Die erste These lautet: Wenn das ökologische Zentrum nur einen geringen Spielraum zur Gestaltung bietet (z.B. wenn die Jugendlichen über kein eigenes Zimmer verfügen können), so kommt es verstärkt zur Nutzung des ökologischen Nahraums und zur Bildung von Peer Groups.
11 Baacke berücksichtig noch den Grad der Konnexität (Verbindung zwischen den einzelnen Zonen), Grad der Institutionalisierung, Grad der Kontrolle und Grad der Wertbesetzung (vgl. Baacke 1993 S.149ff). Diese genannten Faktoren werden in dieser Arbeit ausgeblendet.
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2.3.2 Jugendliche und öffentlicher Raum (Schwarz)
Grundsätzlich bedeutet das Prädikat ‚öffentlich’ die prinzipielle Zugänglichkeit für alle, ohne physische oder soziale Barrieren. „Der öffentliche Raum gehört mit seinen Funktionen zu den Kernelementen des städtischen Lebens. Erstens, weil der öffentliche Raum von zentraler Bedeutung für die Kommunikation und für die Interaktion zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen ist, und zweitens, weil er zugleich maßgeblichen Anteil an den sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsperspektiven einer Stadt hat“ (Herlyn 2003: S. 9). Nach Schäfers bedeutet ein funktionierendes öffentliches Raumgefüge: „Orte zu haben für den Austausch von Waren und Gütern aller Art, aber auch von Information und Kommunikation; Orte zu haben für Repräsentation und Darstellung der verschiedenen sozialen Gruppen, aber auch der Individuen, um die Komplexität der Lebenswelten und ihrer Lebensformen anschaulich zu machen; Orte zu haben, an denen kulturelle und soziale Widersprüche deutlich werden und zur Sprache kommen können“ (Schäfers zit. nach Herlyn ebd. S. 16).
Öffentliche Räume sind eine Plattform für die Begegnung verschiedener Einwohnergruppen und unterschiedlicher Nutzungsabsichten. Für Jugendliche sind die daraus resultierenden Interaktionen von besonderer Bedeutung, weil sie ihre zukünftigen Rollen und Positionen in der Gesellschaft austesten können. „Für Jugendliche kann der öffentliche Raum sogar zu einem Kristallisationskern für die individuelle Identitätsbildung und für die immer länger andauernde Initiation in immer komplexere Gesellschaften werden“ (ebd.: S. 9), da öffentliche Räume die Möglichkeit für gruppenübergreifende Kommunikation und unterschiedliche Formen der Interaktion bieten. Dabei können Verhaltensmuster ausprobiert, eingeübt und verschiedenste Chancen für den Ausdruck von Lebensstilen wahrgenommen werden, Chancen auf spezifische Anliegen und/oder alternative Lebensentwürfe aufmerksam zu machen. Die Selbstdarstellung richtet sich nicht nur an Erwachsene, sondern auch an andere Gruppen von Jugendlichen (Szenen, Jugendkulturen usw.). An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass einige Jugendkulturen - z.B. jene der Skateboarder - stark an dafür geeignete öffentliche Räume und Orte gebunden sind. „Mit ihren Verhaltenspräferenzen treten sie dabei häufig in Konkurrenz mit anderen Nutzungsinteressen, und damit zwangsläufig auch mit Erwachsenen“ (ebd.: S. 10). Daraus kann die Hypothese abgeleitet werden, dass jene Jugendliche, die in Jugendkulturen eingebunden sind, häufiger in Konflikte mit Erwachsenen treten.
Der Umgang von z.B. Skateboardern mit öffentlichen Räumen soll durch folgendes Zitat zum Ausdruck gebracht werden: „Man geht aus der Haustüre raus, man nimmt sich sein Board
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und erkundet die Stadt für sich. Das ist einfach die Sache, wie man sich mit der urbanen Welt auseinandersetzt, man sieht als Skater die Stadt mit ganz anderen Augen an. Da steckt auch ein Freiheitsgedanke dahinter“ (Jugendlicher Skateboarder, zit. nach Herlyn ebd.: S. 245).
Diese Hypothese, dass jene Jugendliche, die verstärkt an den öffentlichen Raum angewiesen sind, in zahlreichere Konflikte v.a. mit Erwachsenen treten, wird im empirischen Teil dieser Studie auch für Jugendliche aus Auwiesen überprüft. Dabei soll speziell auf die Jugendkulturen der HipHoper, der Skateboarder und der Punks eingegangen werden, weil sich die meisten Jugendlichen aus Auwiesen einer dieser drei Gruppierungen zugehörig fühlen und diese einen starken öffentlichen Raumbezug aufweisen. Speziell diese Jugendkulturen markieren den öffentlichen Raum, hinterlassen spezifische Spuren (z.B. Graffiti) und entwickeln durch die Umfunktionierung des Raums eigene Benutzerregeln (z.B. Skateboarder). „Was für die Insider der eigenen Subkultur als Erkennungssymbol fungiert, wirkt zwischen den kulturell unterschiedlichen urbanen Lebensformen ab- und ausgrenzend“ (Schubert, zit. nach Herlyn ebd.: S. 18f). Bezüglich der Raumaneignung von Punks soll folgendes Zitat von Baacke angeführt werden: „Wenn Punks an Rolltreppen zum Hauptbahnhof „lagern“, konterkarieren sie durch eine für die Funktionalität des Raums widersprüchliche Nutzung (die darin besteht, schnell zu den Zügen gelangen zu können) Lebensstile und Zwecksetzungen des öffentlichen Raums. Ja gerade jugendkulturell orientierte Jugendliche besitzen, besonders in Gruppen, ein außergewöhnliches Potential der Raumaneignung und Raumdeutung“ (Baacke in Krüger 1993: S. 153). Durch diese Beispiele wird aufgezeigt, dass Umwelten und Räume das Handeln und Verhalten nicht determinieren, sondern für die Subjekte die Möglichkeit besteht, diese zu verändern und sich diese anzueignen. Somit kann sich der öffentliche Raum als Bühne für bestimmte soziale Gruppen profilieren. Dadurch wird er auf der einen Seite wiederbelebt, auf der anderen verliert er zum Teil ein wichtiges Definitionsmerkmal, nämlich die Vielfalt, die Offenheit und Zugänglichkeit für alle.
2.3.2.1 Freizeitverhalten Jugendlicher in öffentlichen Räumen:
Die Freizeit, die von Jugendlichen in öffentlichen Räumen verbracht wird, bezieht sich vor allem auf Aktivitäten in den Bereichen von Geselligkeit, Konsum und Sport. Eine neuere Untersuchung des B.A.T. Freizeit-Forschungsinstituts weist darauf hin, dass bei Personen ab 14 Jahren gemeinsame Aktivitäten und Konsumorientierung einen hohen Stellenwert haben. Dabei zeigte sich, dass die Priorität der Jugendlichen im freizeitlichen Bereich auf Aktivitäten
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in der Öffentlichkeit gerichtet sind. Demgegenüber steht die bevorzugte Orientierung der Erwachsenen auf das private Wohnen (vgl. Krüger 1993: S. 26f).
2.3.2.2 Beispiele Jugendlicher Freizeitorientierung im öffentlichen Raum
Jugendliche und junge Erwachsene erweisen sich im Bereich des Sports als die aktivsten Mitglieder der Gesellschaft.
Die Deutsche Shell Studie (2000) zeigte auf, dass sich etwa 90% der befragten Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren dazu bekannten, in ihrer Freizeit herumzuhängen, „ein Ausdruck mit dem Jugendliche nicht selten ihre Befindlichkeit in ihrer freien Zeit charakterisieren“ (ebd.: S. 26).
Die öffentliche Einrichtung ‚Jugendzentrum’ wurde von 39% der 15-24 Jährigen besucht, besonders häufig von Jugendlichen ausländischer Herkunft (vgl. ebd.: S. 26f).
Jugendliche halten sich über einen großen Teil ihrer Freizeit in öffentlichen Räumen auf. Erwachsene verbinden oft mit Jugendlichen in urbanen öffentlichen Räumen die Vorstellung von lauten, störenden und provokanten jungen Menschen. Sie gelten für sie zum Teil als die Hauptverursacher von Lärm und mutwilligen Zerstörungen. Aus der Sicht von vielen Erwachsenen hängen sie herum, vertreiben sich sinnlos die Zeit und wirken auch für viele Erwachsene bedrohlich. In einer Studie der Wüstenrot Stiftung „Jugendliche in öffentlichen Räumen der Stadt“ wurde jedoch deutlich, dass sich ein weitaus unspektakuläreres Bild für das Verhalten Jugendlicher an öffentlichen Plätzen zeigte. Dies stellte sich auch in der Analyse der Daten von Auwiesener Jugendlichen heraus.
Wie bereits erwähnt sind öffentliche Räume und Plätze eine entscheidende Plattform zur Kommunikation, Repräsentation und für sportlich-spielerische Aktivitäten. Es zeigte sich jedoch, dass diesen Formen der Raumaneignung verschiedenste Barrieren und Hürden gegenüberstehen:
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Der Begriff der Nutzung eines Raumes bezieht sich vordergründig auf den funktionalen Gebrauch eines Ortes, d.h. auf die Häufigkeit und die Art und Weise der Nutzung durch eine Person oder Gruppe. Im Gegensatz zu Jugendlichen nutzen Erwachsene eher funktional. Diese Funktionalität von bestimmten Umgebungen und Räumen ergibt sich durch die gesellschaftliche Definition dieser physischen Räume (z.B. Banken, Geschäfte, öffentliche Parks usw.).
Im Vergleich zur Nutzung meint der Begriff der Aneignung den aktiven und selbstbestimmten Umgang mit räumlichen Gegenständen, um bestehende Bedürfnisspannungen zu reduzieren. Sich Raum anzueignen heißt, „sich den physikalischen (aber auch sozialen, geistigen) Raum handelnd zu erschließen, dass Orientierung, also Handlungsentwurf und -realisation, in ihm möglich ist“ (Kruse/Graumann zit. nach Herlyn 2003: S. 28). Dabei hängt der Prozess der Aneignung sowohl von den konkreten Möglichkeiten ab, die ein bestimmter Raum bietet, als auch von den gesellschaftlichen Bedeutungen, die dem Raum zugeschrieben werden und in ihm eingelagert sind.
Rein physikalisch verfügt jeder Raum über eine bestimmte Konstellation, die bestimmte Aktivitäten zulässt, andere wiederum ausschließt. Jeder Raum ist durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet, welche Einfluss auf das Raumverhalten der Menschen nehmen. Beispiele hierfür sind die Lage, die Erreichbarkeit, die Größe, die Ausstattung und vieles mehr. Diese Voraussetzungen und Eigenschaften liegen zwar auf der Hand, können jedoch allein das Verhalten und Handeln (speziell von Jugendlichen) im jeweiligen Raum und die Relevanz des jeweiligen Raumes nicht erklären.
Die angesprochene Relevanz von Räumen ergibt sich aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutungen, die an diese verschiedenen Räume herangetragen werden. Durch soziale Interaktion und gesellschaftliche Konventionen entstehen die Bedeutungen, welche den Räumen nicht von vornherein anhaften. Dieser Ansatz, dass Bedeutungen in der konkreten Auseinandersetzung mit der Umwelt situationsadäquat interpretiert werden, geht auf den Symbolischen Interaktionismus zurück. Dabei werden Definitions-, Interpretations-, und Interaktionsprozesse in den Vordergrund gestellt und insofern das Verhalten in Räumen als sozialer Prozess erklärt. In diesem Sinne schreibt Chombart de Lauwe: „Die Aneignung des Raums ist kein individueller oder isolierter Akt, sie ist vielmehr gesellschaftlicher Natur, da die Objekte und ihre Verteilung im Raum als Träger von Botschaften und Bedeutungen
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fungieren. Derart ist die Aneignung von Raum ein Kommunikationsprozess“ (de Lauwe, zit. nach Herlyn 2003: S. 29).
Während des Sozialisationsprozesses lernen Menschen die Fähigkeiten soziale Situationen zu definieren und zu interpretieren. So interpretieren z.B. Kinder und Jugendliche die Umwelt in anderer Art und Weise als Erwachsene und übernehmen erst nach und nach die üblichen Deutungsmuster. Speziell Jugendliche versehen bestimmte Räume mit eigenen Wahrnehmungen, Deutungen, Symbolen und Bewertungen. „Je perfekter nach den Zweckbestimmungen von Erwachsenen geplant und gebaut wird, desto rarer werden die Möglichkeiten von Kindern, solche Umweltgegebenheiten für sich umzunützen, sie sich durch eigene Kreativität und Initiative anzueignen“ (Glöckler, zit. nach Herlyn 2003: S. 29). Objektiv identische physikalische Umwelten werden je nach sozialer Lage und sozialen Ressourcen unterschiedlich wahrgenommen und somit entstehen unterschiedliche Handlungsentwürfe.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Raumwirkung, trotz der verbreiteten Annahme der einfachen kausalen Verbindung ‚zuerst bauen die Menschen die Häuser, und dann formen die Häuser die Menschen’ nur in der Einbettung in soziale Interpretationen und Deutungen zu verstehen ist. An dieser Stelle soll ein Zitat von Chombart de Lauwe nochmals aufgegriffen werden. Nach ihm umfasst die gelungene Raumaneignung, die bis zur Identifikation (meine Straße, mein Quartier, meine Stadt usw.) reichen kann affektive, kognitive, symbolische und ästhetische Entsprechungen: „Die Aneignung des Raumes ist das Resultat der Möglichkeit, sich im Raum frei bewegen, sich entspannen, ihn besitzen zu können, etwas empfinden, bewundern, träumen, etwas kennenlernen, etwas den eigenen Wünschen, Ansprüchen, Erwartungen und konkreten Vorstellungen gemäßes zu tun und hervorbringen zu können“ (Chombart de Lauwe, zit. nach Herlyn ebd.: S. 95). Raumaneignung als selbstbestimmter Prozess der Verfügung über Raum. Dabei ergeben sozioökonomische Rahmenbedingungen die „Schranken der Aneignung des Raumes“ (de Lauwe, zit. nach Herlyn ebd.: S. 95). Wie gesagt können diesen Vorstellungen in verschiedensten Bereichen Hindernisse und Hürden entgegenstehen, welche im Extremfall zu unterschiedlichen Prozessen der Enteignung von Raum führen können.
juristische Hürden (Verbote, Räume zu betreten)
ökonomische Hürden (Bindung der Raumnutzung an finanzielle Leistungen)
soziale Hürden (Meidung von Räumen aufgrund von Kontrollen, Konflikten usw.)
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kulturelle Hürden (Unverständnis von Bedeutungen)
räumliche Hürden (physische Behinderung von Aktivitäten)
Aufgrund der erwähnten Aneignungsbarrieren kommt es in der Realität eher selten zur vollkommenen Raumaneignung (Herlyn 2003: S. 98ff).
Zusammenfassung:
Für Jugendliche ist die Auseinandersetzung mit der äußerlichen Umwelt durch den Begriff der Aneignung gekennzeichnet (vgl. Riege et. al., 2002: S. 133). Ihnen bleibt ein größerer Handlungs- und Interpretationsspielraum bezüglich der Nutzung von bestimmten Räumen. Jugendliche gehen mit der äußerlichen Umwelt oft anders um als Erwachsene. Sie nehmen diese anders wahr, interpretieren und deuten diese anders. Die Wirkung von Räumen auf bestimmte Personen kann je nach Alter, Geschlecht, Jugendkultur usw. unterschiedlich sein.
2.3.4 Dimensionen der Aneignung und der Interpretation von Räumen
Das Aneignungsverhalten Jugendlicher deutet darauf hin, „dass Räume nicht als architektonische Hülsen verstanden werden können, sondern in ihnen auch gesellschaftliche Definitionen eingelagert sind, die auf Kinder und Jugendliche wirken“( vgl. Riege et. al. 2002: S. 133). Damit ist gemeint, dass in erster Linie nicht die objektiven raumbezogenen Merkmale wie architektonische Bauweise, Infrastruktur und gesellschaftliche Definitionen im Vordergrund stehen, sondern subjektive lebensweltliche Interpretationen, Deutungen und Sichtweisen der Jugendlichen bezüglich der Räume und der Aneignung ihrer Lebensräume.
Deswegen muss zwischen a) strukturbezogenen und b) subjektbezogenen Dimensionen der Aneignung und der Interpretation von Räumen unterschieden werden.
Ad a) Unter strukturbezogenen Dimensionen wird der „harte Kern räumlicher Tatsächlichkeit“ (Bahrdt zit. nach Herlyn 1990: S. 15) verstanden. Darunter fallen die architektonische Bauweise, die Bausubstanz, die Infrastruktur, die Wohnungsdichte, der verfügbare Rückzugsraum usw. 12 Eine Großstadt kann z.B. den Handlungsspielraum von Kindern und Jugendlichen einschränken (oder auch erweitern).
12 „Familiäre Unterstützung und Rückzugsmöglichkeiten sind ein entscheidender Faktor für die Nutzung öffentlicher Räume oder die Cliquenorientierung von Jugendlichen“ (Riege et.al., 2002: S. 135).
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Ad b) Subjektbezogene Dimensionen sind demgegenüber alle Eigenschaften, die sich auf das Individuum beziehen. Darunter fallen Merkmale wie Geschlecht, Alter, Ethnizität, Schicht und viele mehr. Ebenso eine große Rolle spielen das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines eigenen Zimmers, der Grad der Mobilität des oder der Jugendlichen und die Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur, Peer Group oder Clique 13 .
In dieser Studie wurden folgende Dimensionen unterschiedlicher Aneignungsweisen behandelt: (vgl. grundlegendes quantitatives Analyse- und Auswertungsschema S. )
Geschlecht
Alter
Ethnizität
Schicht
Bildungsniveau
Wohnraumdichte
Jugendkultur
Mobilität
Aufgrund des unterschiedlichen Raumverhaltens und der spezifischen Aneignungsweisen können Jugendliche in die Kategorien „Drinnen- Jugendliche“ und „Draußen- Jugendliche“ eingeteilt werden (vgl. Riege et.al. 2002: S. 135). ‚Drinnen’ bezieht sich hierbei auf die Wohnung selbst, ‚draußen’ auf den öffentlichen Raum. „So entspricht der Typus des „Draußen- Jugendlichen“ einem subkulturell orientierten, während der „Drinnen-
Jugendliche“ als typisch familienorientiert beschrieben wird“ (ebd.: S. 135). 14
2.3.5 „Drinnen- Jugendliche“
Antje Flade behandelt in dem Text „Kindheit in der Stadt“ (5 http://www.fh-neubrandenburg.de/kindheit/ilso/html/pdf/kindheit in der Stadt.pdf) die Frage, ob der
13 All diese Eigenschaften und Merkmale wurden auch bezogen auf Auwiesener Jugendliche erhoben und überprüft.
14 Anstelle des Begriffes „subkulturell orientiert“ lehnen wir uns eher an Begriffe wie ‚jugendkulturell-, peer group- oder Cliquenorientiert an.
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Rückzug der Mädchen aus dem öffentlichen Raum (durch Stadtplanung) verhindert werden kann. Für uns ist hierbei in erster Linie interessant ob dieser Rückzug der Mädchen aus dem öffentlichen Raum auch in Auwiesen der Fall ist und wie sich Flade diesen Rückzug weiblicher Kinder und Jugendlicher erklärt.
Dieser Text wurde deshalb herangezogen, weil wir im Zuge unserer Feldarbeit in Auwiesen ebenso den Eindruck hatten, dass im Vergleich zu den Mädchen sehr viele Burschen auf den öffentlichen Plätzen zu sehen waren.
Flade vertritt die These, „daß die Präsenz und die Erfahrungen im öffentlichen Raum sowie die aktive Auseinandersetzung damit wichtig sind für die Persönlichkeitsentwicklung und für den Erwerb von Fähigkeiten und Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft hoch bewertet werden“ (6 H 7 H http://www.fh-neubrandenburg.de/kindheit/ilso/html/pdf/kindheit in der Stadt.pdf).
2.3.5.1 Exkurs: Die Untersuchung von Martha Muchow:
Muchow untersuchte zu Beginn der 30er Jahre den Lebensraum von Kindern und Jugendlichen in einem Stadtteil in Hamburg. 14 Jährige Mädchen und Burschen wurden mit Stadtplänen ausgerüstet und dazu aufgefordert, spezielle öffentliche Plätze farblich zu markieren.
Die Farbe blau kennzeichnete dabei jene öffentlichen Räume, welche die Jugendlichen genau kannten, an denen sie sich oft aufhielten. Dieser Raum wurde von Muchow als „Spielraum“ bezeichnet.
Die Farbe rot kennzeichnete alle Bereiche, welche die Jugendlichen zwar kannten bzw. schon besuchten, jedoch nicht so häufig wie die blau übermalten Gebiete. Dieser Bereich wurde als „Streifraum“ bezeichnet.
Die farbliche Überschneidung der beiden Farben ergab das Gebiet des „Lebensraums“.
Soweit kurz zur Durchführung einer der qualitativen Untersuchungen Muchows. Die Analyse der gewonnenen Daten zeigte, dass sich bezüglich der Ausdehnung des „Spielraums“ keine bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Mädchen und den Burschen herausstellten.1 4 F 15 Erst bei der Analyse des „Streifraums“ zeigten sich deutliche Unterschiede. Im Durchschnitt war der Streifraum der Mädchen nur halb so groß wie derjenige der Burschen. Vor allem der
15 Hierbei wird deutlich, dass „Drinnen- Jugendliche“ ihre Freizeit nicht ausschließlich in der Wohnung verbringen, jedoch deutlich mehr in Relation zu den „Draußen- Jugendlichen“.
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Streifraum hat mit der „Eroberung unbekannten Geländes“ (ebd.) zu tun. In dieser Zone werden die Jugendlichen mit neuen Anforderungen und Aufgaben konfrontiert. Muchow kommentierte die Ergebnisse folgendermaßen: „Die Jungen [...] sind viel expansiver, ihre Lebensraumpläne sind daher nicht nur umfassender, sondern auch vielseitiger“ (ebd.).
2.3.5.2 Zusammenfassung der Ergebnisse:
Der Lebensraum der Burschen ist wesentlich ausgedehnter als jener gleichaltriger Mädchen.
Burschen sind ca. doppelt soviel draußen wie Mädchen.
Mädchen sind stärker in Pflichten eingebunden. Sie verfügen nicht nur über weniger Freiraum, sondern auch über weniger Freizeit.
Auch neuere Untersuchungen „lassen keinen Zweifel daran, daß der öffentliche Raum auch heute noch, sechzig Jahre nach Muchows Untersuchung und auch in anderen Ländern der westlichen Welt nach wie vor eine Domäne insbesondere der Jungen ist“ (ebd.).
Im Gegensatz zu diesen Befunden soll die gegensätzliche These von Baacke angeführt werden. Baacke schreibt, dass Jugendliche grundsätzlich, unabhängig vom Geschlecht, einen großen Teil ihrer Freizeit außerhalb der Wohnung und speziell ‚draußen’ verbringen. Er meint, dass die Interessen der Mädchen, bezogen auf das Wohnumfeld, heutzutage vielseitiger sind als die der Burschen (Krüger et. al. 1993: S. 153). Inwiefern dies der Fall ist, wurde von Baacke nicht näher ausgeführt.
Mögliche Bedeutungen und Erklärungen der geschlechtsspezifischen Unterschiede bezüglich der Raumaneignung sollen nur kurz erwähnt werden, da dieses Thema kein zentrales Anliegen dieser Studie ist.
2.3.5.3 Bedeutung der festgestellten Geschlechtsunterschiede:
Flade deutet diese Ergebnisse folgendermaßen: Wenn Mädchen weniger draußen sind, sind dadurch ihre Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Saegert und Hart haben das höhere Aktivitätsniveau von Burschen im öffentlichen Raum und die aktivere Umweltaneignung zur zukünftigen Erwachsenenrolle in Beziehung gesetzt. „It seems that girls are practicing and being prepared for roles in the home and boys for roles outside“ (ebd.).
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2.3.5.4 Ursachen der festgestellten Geschlechtsunterschiede:
Hauptursache der erwähnten Unterschiede im räumlichen Verhalten ist nach Flade die geschlechtsspezifische Sozialisation. Die Eltern spielen dabei eine Schlüsselrolle. Den Mädchen werden ab dem Schulalter und speziell ab der Pubertät weniger Freiheiten eingeräumt als den Burschen. “From an early age, girls are encouraged to be less exploratory, more fearful, and less physically active than boys Parents and teachers discourage girls from exploratory activities and manipulation of the environment because these pursuits are considered masculine” (Franck und Paxson 1989, zit. nach ebd.).
2.3.6 „Draussen- Jugendliche“ (Schuld)
Auwiesen hat für die Freizeitgestaltung der Jugendlichen eine gute Infrastruktur und bietet genügend Gestaltungsmöglichkeiten an. Es bleibt jedoch noch die Frage offen, wer von den Jugendlichen diese Infrastruktur nützt bzw. wer die Freizeit in Auwiesen verbringt?
Ein Punkt, der bei Baacke nicht behandelt wird, ist der Ort der Treffpunkte und die räumliche Distanz der Treffpunkte zum ökologischen Zentrum. Auwiesen hat zwar eine gute Infrastruktur bezüglich Freizeitaktivitäten, aber eine sehr schlechte bezüglich Ausbildungsmöglichkeiten. In Auwiesen selbst und auch im näheren Umkreis gibt es kaum höhere Schulen und kein Gymnasium. Wenn die Jugendlichen eine höhere Schule besuchen wollen müssen sie die Region Linz-Süd verlassen. Diese Form der Mobilität nennen wir funktionsbestimmte Mobilität. Wir gehen davon aus, dass die räumliche Distanz zwischen dem Ort der Wohnung und dem Ort der Schule auch Einfluss auf die freizeitliche Mobilität hat.
Wie bereits erwähnt kommt es durch den funktionsbestimmten Raum zur Bildung von Peer Groups, welche unserer Ansicht nach die freizeitliche Mobilität erhöht. Die Eigenheit dieser Peer Groups ist, dass sie nicht durch Nachbarschaftsbeziehungen entstehen. Es kann also durch die Schule ein neuer Freundeskreis entstehen, welcher losgelöst vom Stadtteil ist. Es drängt sich die Frage auf, wo sich der ökologische Nahraum befindet bzw. ist der Begriff „ökologische Nahraum“ irreführend, da impliziert wird, dass die Freizeit in der unmittelbaren Umgebung zum ökologischen Zentrum verbracht wird. Dies ist jedoch nicht zwangsläufig der Fall: Die Jugendlichen könnten zwar in Auwiesen wohnen, aber ihre Freizeit in der
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Innenstadt verbringen. Wir unterscheiden daher in einen Wohnungsgebunden-, Stadtteilgebundenen- und Stadtteilungebundenen Freizeittypus.
Die Identifikation mit dem Stadtteil ist für uns eng mit der Mobilität verknüpft. Allgemein wird in der heutigen spätmodernen Zeit, soziale und räumliche Mobilität eingefordert und ermöglicht. Die hohe (mögliche) geografische Mobilität (z.B. aus Folge häufigen beruflichen Ortswechsel) führt zur Schwächung des Heimatgefühls. Wobei nicht gesagt werden kann, ob dadurch ein neues multiples Heimatgefühl entsteht oder nur Leere überbleibt (vgl. Keupp 2001: S.39). Jedoch haben die Jugendlichen in der Regel nicht Möglichkeit ihren Wohnort zu wechseln und wenn doch, ist ein Ortswechsel eher eine Entscheidung ihrer Eltern. Uns interessiert wie lange die Jugendlichen bereits in Auwiesen wohnen und ob die Dauer eine Auswirkung auf die Nutzung des Stadtteils und auf die Identifikation mit Auwiesen hat.
Zusammenfassend lassen sich folgende Hypothesen formulieren: Die funktionsbestimmte Mobilität erhöht die freizeitliche Mobilität. Dadurch wird der Stadtteil Auwiesen weniger genützt und hat eine geringere identitätsstiftende Wirkung. Da es im Umfeld von Auwiesen wenig höhere Schule gibt, ist ein höheres Bildungsniveau eine der Ursachen für höhere Mobilität und für die geringere Nützung des Stadtteils.
2.3.7 Thesen zur Aneignung öffentlicher Stadträume durch Jugendliche
(Schwarz)
Den Jugendlichen wird in öffentlichen Räumen einerseits die Möglichkeit zur Repräsentation und zur Selbstdarstellung geboten, andererseits die Möglichkeit zur Kommunikation und Interaktion. Diese zwei Funktionen sind für die Sozialisation von Jugendlichen von grundlegender Bedeutung. Bei der Repräsentation geht es darum, sich in wenig festgelegten und definierten Rollen anderen gegenüber darzustellen, um zu erfahren, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen. Nachdem Jugendliche den öffentlichen Raum vor allem in Gruppen nutzen, wird der soziale Austausch in der Anonymität der städtischen Öffentlichkeit mit gelockerter sozialer Kontrolle, speziell zwischen Gleichaltrigen, als Hauptzweck des Aufenthaltes gesehen (vgl. Wüstenrotstiftung 2003: S. 30f).
Jugendliche Peer-Groups bzw. Jugendkulturen entwickeln meist eigene Deutungsmuster, Bewertungen und Symbole, welche nicht nur Erwachsenen sondern auch anderen Jugendkulturen gegenüberstehen können. Nicht zuletzt dadurch ergeben sich im Prozess der Raumaneignung Hindernisse und Hürden, welche häufig zu Konflikten führen. Besonders deutlich wird dies im Falle des abweichenden Verhaltens, das eventuell nicht nur andere
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Personen(Gruppen) provoziert sondern auch Gewaltbereitschaft signalisiert. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie Jugendliche die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen können.
Bereits Anfang der 80er Jahre bezeichnete Fester Jugendliche als „Pioniere der Wiederaneignung des öffentlichen Raumes“ (Fester, zit. Wüstenrotstiftung 2003: S. 32). Wieder-Aneignung deswegen, weil die Jugendlichen in der Regel nicht am Produktionsprozess von räumlichen Umwelten beteiligt werden. Die Nutzung, Aneignung und Inanspruchnahme des öffentlichen Raums durch Jugendliche wird unter anderem durch Schicht-, Jugendkultur-, und Geschlechtszugehörigkeit beeinflusst.
Hypothesen der Wüstenrotstiftung:
Die erste Hypothese lautet, dass Jugendliche aus höheren Schichten urbane öffentliche Räume in geringerem Ausmaß nutzen, da sie durchschnittlich stärker institutionell eingebunden sind.
Für Jugendliche aus unteren Schichten ist die kostenlose Nutzung des öffentlichen Raumes deswegen attraktiver, da sie über weniger private Räume verfügen. Hierbei spielt das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines eigenen Zimmers eine wesentliche Rolle.
Weibliche Jugendliche sind in urbanen öffentlichen Räumen unterrepräsentiert. Dafür werden Erziehungsstile und ‚Verhäuslichungstendenzen’ der elterlichen Generation verantwortlich gemacht. Diese scheinen bei Mädchen aus höheren sozialen Schichten besonders stark verbreitet zu sein.
Gewaltbereite Jugendliche Szenen nutzen die öffentlichen Räume und Plätze um sich abzugrenzen und um provozierend tätig zu werden1 5 F 16 (Wüstenrotstiftung, 2003, S. 30ff).
Jugendliche mit höherem Bildungsniveau nutzen den öffentlichen Raum des ökologischen Zentrums seltener und weniger intensiv, da sie aufgrund der höheren (funktionsbestimmten) Mobilität in andere soziale Kreise und Cliquen eingebunden sind. Bezogen auf Auwiesen ergibt sich die erhöhte Mobilität der Jugendlichen mit höherem Bildungsniveau aufgrund der Tatsache, dass im näheren Umkreis keine höheren Schulen errichtet wurden.
- „Wie verorten die Jugendlichen sich und ihre Statuslage im Kontext ihrer Lebensperspektiven und welche Rolle spielt diese ihre biographische Verortung für eine Teilnahme am Straßenleben? Es stellt sich heraus, daß sich vor allem solche Jugendliche für die Straßenexistenz ... entscheiden, die sich bei der Bewältigung der altersspezifischen
16 Diese Hypothese wurde in unserer Studie nicht überprüft.
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gesellschaftlichen Aufgaben schwer tun, die den Eindruck haben, in ihrer gegenwärtigen biographischen Aufgabe zu scheitern“ (Zinnecker, zit. nach Herlyn 1990: S. 121). Daraus lässt sich die Hypothese ableiten, dass es zu einer schichtspezifischen Verwendungsweise des öffentlichen Raums kommt. Kinder und Jugendliche mit Eltern aus höheren Schichten halten sich in ihrer Freizeit weniger auf Straßen oder in Gassen auf.
Auch für Auwiesener Jugendliche soll im empirischen Teil überprüft werden, welche Gruppen von Jugendlichen verstärkt im öffentlichen Raum präsent sind und welche seltener in Erscheinung treten.
2.3.8 Jugend und Problemraum:
Diesem Thema soll nur ein kurzer Abschnitt gewidmet werden, weil diese Studie vordergründig nicht problemzentriert ist. Die Antwort auf die Frage, ob ein Stadtviertel als sozialer Brennpunkt gilt, ist zum Einen abhängig von den Ressourcen der Wohnbevölkerung, der Wohnkultur der Bevölkerung und der Infrastruktur des Stadtteils. Hinzu kommt die soziale und funktionale Bedeutung des Stadtteils im Verhältnis zur Gesamtstadt. Es geht um die Frage, ob das Viertel Funktionen für die ganze Stadt erfüllt oder ob niemand außer den Bewohnern Zutritt sucht. Hierbei ist auch der Ruf des Viertels innerhalb der ganzen Stadt von entscheidender Bedeutung. Allerdings muss zum Anderen auch überprüft werden, ob diese Beschreibungen von Problemräumen und sozialen Brennpunkten auch der Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung der Bewohner und somit auch der Jugendlichen entspricht (Bruhns et. al. 2001: S. 171ff). Es gilt selbstverständlich zu klären, ob die Jugendlichen selbst ihren Stadtteil als problematisch wahrnehmen oder ob diese Perspektive ‚von außen’ an diese Stadtteile herangetragen wird, also von Menschen, die nicht in den betroffenen Vierteln leben.
Böllert erwähnt Aspekte, die eine negative Einstellung der Jugendlichen zu ihrem Viertel fördern. An dieser Stelle wird der „multidimensionale Armutsbegriff“ (ebd. S. 175) angesprochen. „Multidimensionaler Armutsbegriff heißt in diesem Kontext erstens, daß Jugendliche nicht nur materielle Voraussetzungen in den Stadtteilen fehlen, sondern daß für sie sehr viel wichtiger ist, inwieweit ihnen Aneignungsmöglichkeiten von sozialräumlichen Strukturen zur Verfügung gestellt werden, ihnen also Räume, die spezifisch für sie geschaffen, aber nicht von der Nutzung her vorgefertigt sind, die sie selber besetzen und ausgestalten können, offen stehen“(ebd. S. 175). Ein weiterer Aspekt der Multidimensionalität ist die soziale Ausgrenzung aufgrund des Wohnortes, d.h. wenn die Angabe der Wohnadresse Nachteile mit sich bringt. Hierbei spielt abermals der Ruf des Viertels eine wesentliche Rolle.
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Bezüglich des Rufs sind auch Medienberichterstattungen von Bedeutung1 6 F 17 . Die gesellschaftliche Isolation eines Viertels wird verstärkt, wenn z.B. durch Zeitungsberichterstattung das Handeln und Verhalten von Jugendlichen in ihren Stadtteilen besonders kritisch thematisiert wird1 7 F 18 . „Diese durch die Medien in Szene gesetzten
gesellschaftlichen Miseren können manchmal ein ziemlich aus der Luft gegriffenes Bild der Wirklichkeit zeichnen“ (Bourdieu et. al. 1997: S. 75).
2.4. Subkultur, Jugendkultur, Szenen, Peer-Groups und Cliquen
(Schuld)
Eine Begriffsklärung:
Im Alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Jugend- bzw. Subkultur häufig synonym verwendet. Dieses Kapitel will die beiden Begriffe beschreiben und voneinander differenzieren.
2.4.1 Über den Begriff Subkultur (Kapl)
Rolf Schwendter definiert Subkultur als „ein Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Präferenzen, Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmaß von den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft unterscheidet“ (Schwendter, 1973: S.11). Somit liegt Schwendters Überlegungen ein traditionelles Verständnis von Kultur zugrunde: „Kultur ist die Summe aller Institutionen, Bräuche, Werkzeuge, Normen, Wertordnungssysteme, Präferenzen, Bedürfnisse usw. in einer konkreten Gesellschaft.“ (Schwendter 1973: S.10). Es gibt also eine mehr oder weniger homogene Gesamtkultur mit allgemein anerkannten Werten und Handlungsorientierungen. Die Opposition dazu bilden die jeweiligen Subkulturen.
Diese funktionalistische Sichtweise von Kultur als ein geschlossenes Ganzes mit gemeinsamen kulturellen Werten ist zwar weit über den Alltag hinaus verbreitet, aber nicht richtig. So etwas wie Werte ‚an sich’, gibt es nicht. Beispielsweise sind das Anstreben einer Karriere, oder das Anerkennen des Leistungsprinzips, usw. keine allgemeingültigen Werte. Vielmehr handelt es sich dabei um die Vorgaben der Hegemonialkultur. Aus diesem Grund ist es an der Zeit sich von dieser Betrachtungsweise zu verabschieden.
17 Siehe Kapitel 4.2
18 Zeitungsberichte aus den Oberösterreichischen Nachrichten: siehe Kapitel 4.2
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In diesem Zusammenhang sollte man von Kulturen sprechen, die sozusagen nebeneinander existieren und jeweiliger Ausdruck der verschiedenen sozio-kulturellen Verhältnisse sind, kurz: Kultur als Praxis. So entsteht ein Bild von verschiedenen Teilkulturen, die sich durch ihre speziellen sozialen Praxen voneinander abgrenzen. Dies umfasst Gruppen wie die Arbeiter, die Bürger, die Studenten usw. und passend zu unserem Thema, auch die Subkulturen. So lassen sich also auch diverse Subkulturen einordnen und sind nun mehr als bloße Randgruppen, die der Kultur gegenüberstehen. Jede Subkultur hat, für sich, eine eigene innere Logik, die sich in einer gemeinsamen sozialen Praxis äußert. Diese Praxen können vielfältig sein und sind Ausdruck von gemeinsamen Regeln, Werten und Vorstellungen. Dies kann beispielsweise der bewusste Kampf gegen die Hegemonialkultur, im Sinne einer Gegenkultur (Black-Block), sein. Eine andere Möglichkeit besteht darin, Subkultur als Lebensentwurf zu sehen (Hippies, Skater), bei der keine direkte gesellschaftliche Veränderung angestrebt wird. Was zählt ist, kurierend und reformierend auf die etablierte Gesellschaft einzuwirken, um den eigenen Lebensentwurf lebbar zu machen. Selbst hier könnte man allerdings von gegenkulturellen ‚Momenten’ sprechen, denn die sozialen Praxen der Subkulturen stehen oft in direktem Widerspruch zu hegemonialen Werten und Geboten.
2.4.2 Für die Verwendung des Begriffes „Jugendkultur“ (Schuld)
Schwendters Theorie der Subkultur entspringt dem Zeitgeist der Siebziger des vorigen Jahrhunderts. In diesem Zeitraum war es modern, Jugendkulturen als (meist politisch motivierte) subversive Erneuerungskraft anzusehen. Baacke (1993) versucht anhand von vier Punkten darzustellen, warum der Subkulturbegriff heute überholt ist:
a) Der Begriff Subkultur unterstellt, dass diese Kulturen sich „unterhalb“ einer elitären Kultur befinden.
b) Der Begriff legt nahe, dass es sich bei Subkulturen um „Teilsegmente“ handelt, die losgelöst von einer Gesamtkultur (kompakte Majorität) sind. In der Tat gibt es jedoch bei den heutigen (und wahrscheinlich auch bei den damaligen) Jugendkulturen eine Fülle von Verbindungen und Übergängen (z.B durch die Schule oder Arbeit, enge personelle Kontakte zu anderen Jugendkulturen).
c) Die Theorien der Subkultur gehen von einer präzise abgrenzbaren und lokalisierbaren (hinsichtlich sozialer Herkunft, politischer Grundhaltung usw.) Teilkultur aus. Diese Annahmen sind nicht haltbar. „Subkulturen sind keine Aggregate einzelner Gesellschaften. Es handelt sich um Gruppierungen die sich international ausbreiten
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und unter dem gleichen Erscheinungsbild ganz unterschiedliche Formen von Selbständigkeit und Abhängigkeit ausagieren. Der Freizeitpunk lebt ganz anders als jemand, der die Punk-Existenz zum Mittelpunkt seines Daseins gemacht hat“(Baacke 1993: S. 123).
d) Ein Element des Begriffes Subkultur wird von Baacke auch in dem Begriff Jugendkultur übernommen: Die relative Eigenständigkeit der kulturellen Praxis. Die kulturellen Systeme einer Jugendkultur erzeugen einen Habitus, welcher „bis in die Motive ökonomischer Lebenssicherung und politischer Selbstverortung
hineinreicht“(Baacke 1993: S124). Dies ist von entscheidender Bedeutung: Die innerhalb einer Jugendkultur erworbenen Dispositionen prägen auch die Handlungs-, Wahrnehmungs- und Denkmuster in den wirtschaftlichen, familiären und schulischen Bereichen.
Jugendkulturen sind soziale Phänomene mit eigenen Symbolen, Moden, Musik, Kleidung kurz Lebensstilen, physischen Räumen, Zeitabschnitten, Wertesystemen, welche nicht als getrennt vom „ernsten Lebensraum“ (Schule, Arbeitswelt) und der Erwachsenenwelt betrachtet werden können. Jugendkulturen treten zwar am stärksten in der Freizeit der einzelnen Mitglieder zu tage, aber die Wirkung des kulturellen Systems Jugendkultur dehnt sich auch auf die ökonomischen Lebenswelten, Schule und Familie, aus.
Baacke fasst die Funktionen von Jugendkulturen folgendermaßen zusammen:
- als besondere Form von abweichendem Verhalten
- als Widerstandsbewegung, Absetzbewegung, jugendliche Selbstausbürgerung
- als Katalysator gesamtgesellschaftlicher Probleme
- als „Speerspitze des sozialen Wandels“
- als problemlösendes Angebot an Stellen, da die gesellschaftlichen Vorkehrungen und Einrichtungen (Schulsystem, Familie etc.) nicht mehr einen hinreichenden Orientierungs- und Sozialisationsbeitrag in der modernen Welt zu leisten vermögen. (vgl. Baacke 1993: S.132).
Der letztgenannte Punkt ist für diese Arbeit von zentraler Bedeutung. Uns interessiert besonders der identitätsstiftende Aspekt der Jugendkulturen. Jene Hilfeleistungen, die Jugendkulturen anbieten können, wenn es darum geht, einen Platz in einer Gesellschaft zu
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finden, ein Gefühl zu bekommen, wo man selbst steht und wer man ist. Ein
Gemeinschaftsgefühl, das durch die zunehmend pluralisierte Erwachsenen-, Berufs- und Schulwelt oder durch die Familie nicht oder noch nicht erzeugt werden kann.
Die Phase der Jugend kann als eine zugespitzte, besonders ausgeprägte Form der Individualisierung verstanden werden. Die zukünftige Karriere und die Pfade der eigenen Biographie sind noch ungewiss. Die Jugendlichen wissen, dass sich die Biographien der Eltern von jenen der Großeltern unterscheiden und dass sie sich dadurch ebenso von ihren Eltern unterscheiden werden (vgl. Mead M. 1971: S.90). Mehr noch: Sie haben wenig Gewissheit darüber, ob ihr eigener Lebensweg linear verläuft. Über bleibt ein
Identitätsvakuum und die Teilnahme an einer Jugendkultur muss als ein Versuch verstanden werden, dieses Vakuum aufzufüllen. In dieser unstabilen Phase sind Jugendkulturen eine der wenigen Möglichkeiten, durch einen Austausch der gemeinsamen Erlebnis-und
Erfahrungswelt ihr Selbstbild und ihre Identität zu erlangen. Neben dem Schutz vor Individualisierung bieten Jugendkulturen auch Schutz vor der Vergesellschaftung von Lebensläufen. Ein Freiraum in dem Identitäten getestet und neue Formen des Erlebens geschaffen werden können. Alle diese Eigenschaften liefern einen Nährboden, in dem eine eigene kulturelle Praxis, eigene Stile und eine eigene Mode gedeihen können und von enormer Bedeutung sind (vgl. Baacke 1993: S. 14, S.116 und S. 210). Simmel hat darauf hingewiesen, dass gerade in einer Zeit der Individualisierung das „Homogenitätsmoment der Mode“ besonders wichtig ist (vgl. Simmel 1919: S.33). Jugendkultur ist ein identitätsstiftendes Element im doppelten Sinne: Zum Einen zeigt man Zugehörigkeit, zum Anderen zeigt man wo man nicht dazugehört.
2.4.3 Szenen und Peer-Groups
Der Begriff „Szene“ umschreibt im Wesentlichen die lokale Ausprägung einer bestimmten Jugendkultur. Es gibt quasi einen bestimmten jugendkulturellen Überbau, welcher jedoch unterschiedliche regionale Merkmale aufweisen kann. Der lokale Aspekt des Begriffs wird jedoch durch neuere Entwicklungen der „virtuellen Szene“ unterlaufen. Das Internet bietet neue Möglichkeiten der Gruppenbildung, welche sich losgelöst von regional verankerten, physischen Raum in virtuellen Räumen des Internet treffen und austauschen können (z.B. Spieleclans diverser Onlinespiele, Mailinglisten/Foren/ Webseiten zu bestimmten Themen usw.).
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Mit Peer-Groups wird auf die Neigung der Jugendlichen, sich mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten zusammenzuschließen, hingewiesen. Peer-Groups müssen jedoch nicht zwangsweise einer bestimmten Jugendkultur angehören. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Jugendkultur die Dichte und den Zusammenhalt einer Peer-Group erhöht.
2.4.4 Schlussfolgerungen: Jugendkulturen
Jugendkulturen erzeugen einen relativ eigenständigen Habitus, der die Wahrnehmung und Nutzung des Stadtteils beeinflusst. Die von uns untersuchten Jugendkulturen benötigen einen öffentlichen Raum, in dem sie ausgelebt werden können. Daraus resultiert das Jugendliche, die Teil einer Jugendkultur sind, den Raum stärker nutzen. Dieser Raum wird oft in einer sehr kreativen Weise angeeignet und umfunktioniert. Durch die stärkere Nutzung und Gestaltung des öffentlichen Raums gewinnt dieser an Bedeutung und hat möglicherweise einen identitätsstiftenden Einfluss. Jugendkulturen haben ‚an sich’ eine identitätsstiftende Wirkung und fördern den Zusammenhalt einer Gruppe. Der Begriff Subkultur ist irreführend, da die Jugendlichen unterschiedlich intensiv eine bestimmte Jugendkultur ausleben (Realness) und die Jugendkultur nur eine von mehreren Sozialisationsinstanzen ist. Weiteres sind Jugendkulturen nicht zwangsweise subversiv oder nur gegen bestimmte Aspekte subversiv.
2.4.5 Ausgewählte Jugendkulturen (HipHop, Skateboard, Punk) 2.4.5.1 HipHop (Schuld)
HipHop ist zweifellos eine der verbreitetsten Jugendkulturen der Gegenwart. HipHop entstand in den New Yorker Vorstädten Bronx und Harlem in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts und verbreitete sich in den letzen dreißig Jahren nahezu über die gesamte Welt. Zu den Ausdrucksformen dieser Kultur werden im Allgemeinen das Rappen (Sprechgesang), das DJ-ing (Verwendung des Plattenspielers als Musikinstrument), das Sprayen von Graffiti (Form der bildenden Kunst an öffentlichen Wänden) und das Breakdancing (akrobatische Tanzform) gezählt. Ursprünglich entstand HipHop als spezifische Form des Partyfeierns der Black Community (sogenannte Blockpartys) doch wurden die gerappten Texte bald mit politischen, alltäglichen und subversiven Inhalten aufgeladen. Üblicherweise wird hier der U.S. Rapper Chuck D der Gruppe „Public Enemy“ zitiert und diese Tradition wollen wir an dieser Stelle aufrechterhalten: Chuck D bezeichnete HipHop als „The black CNN“ und Inspector Deck der Gruppe „Wu Tang Clan“ ergänzte mit „ To kick the truth to the young
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black youth“. Beide spielen dabei auf die Funktion von HipHop an, die Schwarze Bevölkerung in den verschiedensten Regionen mit Informationen aus dem Alltagsleben der einzelnen Black Communities zu versorgen und zur Organisation des afroamerikanischen Widerstandes beizutragen (vgl. Schneider 1997: S. 272). Leider würde die Beschreibung all der historischen Bedingungen und Feinheiten der Kultur den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen. Wir werden also nur ein paar Punkte herausgreifen können, die uns für unsere Arbeit interessant scheinen.
HipHop hat, durch die Technik des Rappens, eine sehr gute Möglichkeit Inhalte zu vermitteln1 8 F 19 . HipHop ist praxis- und alltagsbezogen und bietet die Möglichkeit sich Kreativ mit dem eigenen Alltag auseinanderzusetzen. Das spannende und gleichzeitig wahrscheinlich ein Grund für die weite Verbreitung von HipHop ist, dass man sehr leicht in dieser Kultur aktiv werden kann (Rappen, sprayen, produzieren, DJ-ing) und das der Alltag zum Zentrum dieser kulturellen Praxis wird. Dort wird HipHop ausgelebt und von dort schöpft HipHop seine Kreativität, seine Themen und seine Lebendigkeit. Diese elementare Ästhetik der HipHopkultur schafft eine neue Identität. In den U.S.A. der Siebziger wurde die afroamerikanische Bevölkerung stigmatisiert und in den Randvierteln der amerikanischen Großstädte segregiert. Wie bereits erwähnt, bildet sich die Identität auch aufgrund äußerer Zuschreibungsprozesse und HipHop bot (und bietet) die Möglichkeit, auf diese aufgezwungenen Zuschreibungen, zu antworten. Das subversive Element in der HipHopkultur wird von Jan Kage folgendermaßen beschrieben: „HipHop kann als eine kulturelle Bewegung begriffen werden, deren implizites Anliegen es ist, die Definitionsmacht über ihrefremdzugeschriebene - Identität wiederzuerlangen“ (Kage 2002: S. 9). HipHop ist ein erstaunliches Mittel um die Außensicht, den Ruf und die Stigmatisierung neu auszulegen und im äußersten Fall, ins positive umzudrehen, also für sich selbst fruchtbar zu machen. Nicht um die Welt an sich zu ändern, aber aushaltbarer zu machen und neu zu interpretieren. Weiteres bietet HipHop die Möglichkeit (oft auch die Illusion), beispielsweise mittels musikalischen Erfolgs, aufzusteigen.
Diese Kultur ist auch deshalb für uns interessant, da HipHop einen starken Bezug zum Raum hat. Durch die Segregation der schwarzen Bevölkerung in den Randstädten wurde und wird das Viertel immer wieder zum Thema der Auseinandersetzung gemacht. Der Stadtteil, die Strasse und der Alltag im Viertel werden fast seit Beginn thematisiert. Die lokale Verankerung war und ist eine der wichtigsten Songthemen. Weiteres wird die Kultur häufig
19 Wobei oft eine spontane und unreflexive Form der Auseinandersetzung mit einem Thema verwendet wird. Die Bedeutung dieser Technik und die Verknüpfung mit ihrer Wurzel, der oralen Kultur der afroamerikanischen Bevölkerung, wird von Jan Kage in „American Rap - U.S. HipHop und Identität“ (2002) ausführlich beschrieben.
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auf der Straße und im öffentlichen Raum gelebt(vor allem das Sprayen und Breakdancing). HipHop beinhaltet somit eine kreative Aneignung und Verwendung des öffentlichen Raumes.
Die mediale Aufmerksamkeit hat einerseits eine, durch diese Art der Aufmerksamkeit oft übliche Verwässerung der ursprünglichen (Sub)Kultur zur Folge, und andererseits eine weltweite Verbreitung von HipHop und eine Aneignung mit starkem Regionalbezug zur Folge. Längst ist HipHop nicht mehr eine Sache der schwarzen amerikanischen Unterschichtjugend, sondern eine globale Bewegung. Wir vertreten hier die These, dass die Zugehörigkeit zur HipHop-Kultur nicht abhängig von Schicht ist, sehr wohl jedoch die Art der Auslebung. HipHop ist kein homogenes Feld, wie es sich oft für Außenstehende darstellt. Allein schon die häufigen Diskussionen und Uneinigkeiten innerhalb der HipHopkultur über die „Realness“ (ein Begriff für die Authentizität und Intensität der Zugehörigkeit) und darüber was oder wer als „Real“ zu gelten hat, können als Indiz gewertet werden, dass sich kaum objektive Kriterien, für den/die echten HipHoperIn, finden lassen.
Als Gemeinsamkeit kann zumindest festgehalten werden, dass HipHop eine identitätsstiftende Wirkung hat, die Konstruktion von Identität erleichtert und die Möglichkeit bietet, sich mit dem Alltag kreativ auseinanderzusetzten. Wir blicken mit Spannung darauf, welchen Einfluss die HipHopkultur auf die Wahrnehmung von Auwiesen, den Umgang mit dem Ruf und die Identifikation mit dem Stadtteil hat (siehe Kapitel 4.7 HipHoper, Ruf und Identität).
2.4.5.1 Skateboarder (Schwarz)
Ausgehend von der Frage, inwieweit die Gruppe der Skateboarder als Jugendkultur bzw. Subkultur angesehen werden kann, stellt sich zunächst die Frage, inwieweit Skateboarding ‚einfach nur’ Sport ist oder ob dahinter ein gewisser Lebensstil zum Ausdruck kommt. Es gilt die ‚spezifische soziale Praxis’ und spezifische Normen, Werte, Symbole usw. zu verstehen, die Jugend- bzw. Subkultur ausmachen1 9 F 20 . Oltmanns stellt ebenso die Frage, „ob sich in diesen Szenen [...] neue Formen sozialer und gruppendynamischer Prozesse in Zeiten zunehmender Individualisierungs- und Vereinzelungstendenzen reflektieren“(Oltmanns 1998: S. 20).
Die Jugend- bzw. Subkultur der Skateboarder wurde in dieser Studie zum Einen deshalb genauer betrachtet, weil sich ein hoher Anteil der Jugendlichen von Auwiesen zugehörig
20 Diese Frage ist insofern von Bedeutung, als es keine Jugendkultur z.B. der Fußballer/Innen oder der Volleyballer/innen gibt. Dies gilt auch für die Lebensstile der Jugendlichen.
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fühlt2 0 F 21 , zum Anderen, weil Skateboarder den öffentlichen Raum intensiv nutzen und diesen im Zuge ihrer Tätigkeit umfunktionieren.. Auf diese Tatsache wird auch in der gängigen Literatur immer wieder hingewiesen.2 1 F 22
Dabei soll zuerst kurz auf die Geschichte des Skateboardfahrens eingegangen werden, da die Entstehung dieser Praxis einen starken (öffentlichen) Raumbezug hat.
Geschichte
Zu Beginn der 50iger Jahre suchten Surfer aus Kalifornien einen Weg um auch bei niedrigem Wellengang ihren Sport ausüben zu können. Das Ergebnis waren selbstgebaute Bretter mit darauf montierten Rollen. Zu Beginn noch als Asphaltsurfen benannt und ausschließlich von Surfern ausgeführt entwickelte sich Skateboarding aufgrund völlig neuer Kunststückmöglichkeiten zu einer eigenständigen Sportart. Die rasche Verbreitung des Sportes in den amerikanischen Städten beruht auch darauf, dass es in den Städten kaum Betätigungsfelder und Räume für andere Sportarten gab. Es ging und geht den Jugendlichen auch heute noch ganz bewusst um eine spielerische Rückerkämpfung des öffentlichen Raumes von dem sie ausgeschlossen bzw. stark zurückgedrängt wurden. Skateboarding wurde auf öffentlichen Plätzen rasch verboten. Die Illegalität und der immer größer werdende Druck der Polizei zwangen die Skater sich nach neuen Plätzen umzusehen und diese wurden in den Swimming-Pools von L.A. gefunden. Der erste Boom ging in den Sechzigern zu Ende. In den Siebzigern kam es zu Erfindung des Kicktails und in der Folge zur Erfindung des Ollies (Sprung). Daraus folgte eine völlig neue Form des Skateboardens v.a. in der Stadt. Nun waren Skateboarder nicht mehr allein auf das Fahren auf der Straße angewiesen, sondern konnten Hindernisse wie Stufen, Stiegengeländer, Randsteine zum Skaten benutzten. Parallel zum Poolskaten entstand wegen der neuerlichen Illegalität (Poolskaten war bei den Poolbesitzern nicht sehr beliebt) die Halfpipe. In den Siebzigern wurden aufgrund der steigenden Anzahl der Skateboarder die ersten legalen Parks errichtet. Das Verbot von Skateboarding auf öffentlichen Plätzen und der Mangel an legalen Plätzen machte die Skateboardkultur unfreiwillig zu einer Subkultur, an der die Teilnahme freiwillig erfolgt. Diese Situation hat sich bis heute nicht wesentlich verändert. Jede Skatergruppe
unterscheidet sich von den anderen Skatergruppen in erster Linie durch den Ort, an welchem hauptsächlich gefahren wird. Der Ort (z.B. Park, Plätze in der Stadt, Halfpipe) bedingt eine eigene Form des Skateboardings.
21 14,5% (n=392) der befragten Jugendlichen aus Auwiesen fühlen sich der Skateboardszene zugehörig. 22 Vgl. z.B. Rusch und Thiemann: http://www.fh-neubrandenburg.de/kindheit/ilso/html/pdf/kindheit in der Stadt.pdf
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Oltmann beschreibt zwei Ansätze zum Thema „Asphaltkultur“
a) Der Ansatz von Schwier
b) Der Ansatz von Wenzel
Ad a) Jürgen Schwier analysiert die Skateszene unter den Aspekten der eigenen Bewegungspraxen, spezifischen Stile, Codes und Distinktionen durch spezifische Kleidung, Musik und eigener Symbolwelten. Durch einen bedeutungsveränderten Kontext, durch Dekonstruktion und Umfunktionierung (urbane öffentliche Räume, Straßen, Kleidung), so Schwier, gestalten sich „in kreativer Art und Weise handelnd neue Symbolwelten mit je eigenen Werthaltungen, Handlungsmustern und Botschaften...“ (8 H http://cosmic.rrz.uni-hamburg.de/webcat/sportwiss/dvs/dvs_info/vol13n2/schwier.pdf).
Die Straßenszene der Skateboarder existiert jenseits des organisierten, geregelten Sportbetriebs. Viele Jugendliche meiden dauerhafte, regelmäßige Sportveranstaltungen, die sie zu bestimmten Zeiten an bestimmte Orte binden. Die sozial kaum kontrollierte Straßenszene gilt als Gegenentwurf zum organisierten Sportbetrieb. Folgender Interviewauszug weist auf die Bedeutung der Regellosigkeit und der Selbstorganisation, im Vergleich zum geregelten Sport, hin.
Interviewer: „Du spielst auch Volleyball“?
Skateboarder: „Ja hin und wieder das ist ... da stehen fünf Leute im Kreis und du musst dich genau nach gewissen Regeln richten. Beim skaten da hast du einfach keine Regeln, da gibt es nichts was dir irgendetwas vorschreibt. Das einzige was es an Regeln gibt sind physikalische Gesetze, sonst gar nichts. Du kannst fahren wo du willst und wann du willst. Das ist einer der Hauptpunkte beim skaten: Das Regeln brechen und das ist dann genau das nachdem du lebst“.
Schwier bezieht sich auf den Subkulturansatz von Hebdige. Skateszene als „spontanes Versuchslabor“ (Hebdige, 1997, zitiert nach Oltmanns) in dem versucht wird, Identität zu gewinnen. Skaten ist nicht ‚einfach nur’ Sport sondern „Ausdruck eines bewusst gewählten
distinktiven Lebensstils“ (9 H http://cosmic.rrz.uni-hamburg.de/webcat/sportwiss/dvs/dvs_info/vol13n2/oltmanns.pdf). Die Jugendlichen versuchen, vermittelt über die Straßenszene, eine soziale Identität zu erlangen. „Das Skaten sowie die ihm eigene Dynamik der Offenheit von Zeit und Raum, gruppeninterner Solidarität, der Selbststilisierung und Darstellung männlicher Ideale wie Coolness, Mut, Härte, Geschicklichkeit, Durchsetzungsvermögen, Körperbeherrschung etc. und des inkorporierten „Signifyings“ (vgl. dazu Rose, 1997), d.h. einer ironisch-aggressiven, polemisch-provozierenden Haltung gegenüber dem kulturellen Mainstream, ermöglicht den
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Jugendlichen eine spielerische Erprobung subjektiver Identitätsentwürfe sowie die Exploration und Umdeutung des eigentlich kinder- und jugendfeindlichen urbanen Raumes“ (1 0 H http://cosmic.rrz.uni-hamburg.de/webcat/sportwiss/dvs/dvs_info/vol13n2/oltmanns.pdf).
Ad b) Der zweite Ansatz, den Oltmanns erwähnt ist jener von Wenzel, der auf szenetypische Aspekte wie z.B. spezifische Mode und Musik, aber auch Distanz hinweist. „Kleidung, Gestik und Sprache der Jugendlichen ist geprägt von Coolness, von Distanz zum Körper, von bewußter Selbstkontrolle“ (Oltmanns 1998: S. 21). Der Körper wird z.B. im Gegensatz zu Bodybuilding oder anderen Fitnesssportarten nicht in den Mittelpunkt gestellt. Es wird bewusst Distanz zu ihm gesucht, er wird verhüllt und somit dem Bewegungsablauf, der Koordination von Körper und Gerät, untergeordnet (ebd.).
In diesem Zusammenhang sollte das gängige Schlagwort „Skate & Destroy“ erwähnt werden. Einerseits kommt es im Zuge der Ausübung zu vielen Verletzungen des Körpers, andererseits zu Abnützungserscheinungen der Räume und Plätze, an denen geskatet wird.. Dieses destruktive Element wird mit dem Ausdruck „Skate and destroy“ idealisiert.
Zitat aus Interview:
„So nach dem Motto „Skate and Destroy“ Einfach auf alles Scheißen. Weißt? Das gibt dir
einfach das Gefühl von „ich scheiße wirklich auf alles“ Es geht beim skaten einfach darum auf alles zu scheißen. ... auf mich, auf die Stadt.. es geht dabei einfach um die Freiheit die du dir nimmst“.
Skaten ist in den größten Teilen der Gesellschaft nicht akzeptiert. Skaten sei laut, gefährlich, brutal und Dinge würden mutwillig zerstört. Das sind die gängigen Meinungen von Außenstehenden zum Thema Skateboarding. Dies hängt aber mit einer der Grundideen des Skateboarden zusammen: „Die Eroberung von Raum“ (Hebdige). Der ‚gestohlene Raum’ (Fußgänger, Autos) wird zurückerobert, umgedeutet und benutzt. Ein interviewter Skateboarder weist auf diese Rückeroberung des urbanen, jugendfeindlichen Raumes hin:
Skater: „Also es gibt doch nichts geileres als in der Stadt zu fahren, so Fußgängerzone oder Innenstadt, weißte, wo Du ‘n bißchen gucken kannst....“
Interviewer: „Und gibt’s manchmal Leute, die sich über Dich beschweren, wenn Du in der Stadt fährst?“
Skater: „Schon, aber weißt ja, da rein und da wieder raus, denen gehört ja die Stadt nicht alleine. außerdem fahr ich so gut, daß da nichts passieren kann“ (1 1 H http://cosmic.rrz.uni-hamburg.de/webcat/sportwiss/dvs/dvs_info/vol13n2/oltmanns.pdf). Im Zuge seiner qualitativen Erhebungen hat Schwier unter anderem jene Orte erfragt, an denen sie sich bevorzugt aufhielten. Schwier hat für jugendliche Skater festgestellt, dass der gesamte städtische Bereich nutzbar ist. Der gesellschaftliche Widerstand gegen die Befahrung öffentlicher Plätze steigert dabei den Reiz. Dies gilt nach Oltmann auch für Erwachsene
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Skater. Auch sie bevorzugen, bei höherem Könnensniveau, zahlreich besuchte innerstädtische Räume wie Fußgängerzonen oder Einkaufsbereiche und präsentieren somit bewusst sich selbst und ihre Kunststücke (Oltmanns 1998: S. 21f). Dazu soll wieder ein Interviewauszug von einem Skater dargestellt werden:
Skater: „Klar, ich fahr fast nur Stadt, is’ mir sonst zu langweilig, keine Action und so. Nur auf’m Gehweg oder auf der Straße, kannste nicht springen, grinden oder ollien oder sonst irgendwas machen. Außerdem trifft man sonst ja niemanden. Wenn überhaupt mal Straße, dann den Radweg an der Bundesstraße, is ’n geiler Belag, und dann auch nicht alleine, sondern mit Norbert oder den anderen zusammen“ (1 2 H http://cosmic.rrz.uni-hamburg.de/webcat/sportwiss/dvs /dvs_info/vol13n2/oltmanns.pdf).
2.4.5.3 Punks (Kapl).
Der Ursprung des Punk liegt in den späten sechziger Jahren des 1 3 H 20. Jahrhunderts. Der Begriff „Punk“ ist eine ursprünglich abwertende Bezeichnung und steht für eine Person, die „am Rande einer wie auch immer gearteten Normalität steht“ (Lau 1992: S.9). Diese Anfang der 70er Jahre entstandene Bewegung war von Beginn an untrennbar mit der gleichnamigen Musikrichtung, dem „Punk- (Rock)“, verbunden. Die Entwicklung nahm ausgehend von den USA und Großbritannien ihren Lauf.
Grundlage des englischen Punks war in erster Linie der Groll auf sämtliche institutionellen Organisationen. Der fehlende oder mangelhafter Halt durch die Bildungsinstitutionen und die mangelnden Aussichten den gesellschaftlichen Aufstieg innerhalb dieses Systems zu schaffen, geschweige denn, überhaupt eine Arbeit zu finden, bildete den Nährboden für das Erstarken dieser neuen Bewegung („wir wollten es den fucking teachers zeigen und die ganzen gottverdammten Schulen in die Luft sprengen, die einem damals die Luft zum Atmen raubten. - 1 4 H Jello Biafra von den Dead Kennedys). Die Mitglieder setzten auf offene Ablehnung der Gesellschaft; die meist verachteten Personen waren die „Blumenkinder“, die Hippies: „Der Vision einer von Liebe und Frieden überschwemmten Welt setzt Punk seine Bestandsaufnahme gegenwärtiger Zustände entgegen, in denen Liebe und Frieden seiner Meinung nach „no future“ hat“ (Lau 1992: S. 34). Träger dieser Bewegung waren die Jugendlichen, denn diese waren es, die am stärksten von sozialer und kultureller Armut betroffen waren (weltweite Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftliche Krisen).
„So kann die jugendliche Punkbewegung Londons - wo das Zentrum der Entstehung warals ein seit dem Anfang der 1970er sich über mehrere Jahre entwickelnde spätpubertäre Antihaltung sowohl gegenüber politischen 1 5 H Establishment als auch gegenüber der Kultur-
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industrie (insbesondere der Musikindustrie) und dem 1 6 H Bürgertum allgemein verstanden
werden“ (1 7 H http://de.wikipedia.org/wiki/Punk).
Ihre Kritik bringen die Punks durch gemeinsame Merkmale zum Ausdruck, welche sich vor allem in der Punkmusik, dem Kleidungsstil und einem entsprechenden Lebensstil niederschlagen. Dabei pflegten die Punks eine (körperschädigende) Lebensart, der Konsum von Alkohol (entspricht dem Bild von Punks in der Öffentlichkeit) und Drogen war ein Teil davon.
Der Punkrock stellt eine vereinfachte und reduzierte Variante des Rock’n’roll dar bei der Intensität und Ausdruck im Fordergrund steht. Die Punkmusiker „spielen einfache, kurze Rock-Stücke. Mit wenig Griffen, rasend schnell, aggressiv und sehr laut“ (Lau 1992: S.61). Eine weitere szenetypische Eigenschaft stellt das äußere Erscheinungsbild der Punks dar, was Haarschnitt, Schmuck und Kleidung angeht. Neben dem legendären „Irokesenschnitt“, sind grell gefärbte Haare, Tätowierung und Piercings verbreitete Merkmale der Punks. Weiters gern gesehene Stilmittel sind schwere Stiefel, Nietengürtel, Ketten und Lederjacken, die oft zerrissen, bemalt oder beschriftet werden. Die auffallenden Frisuren, genauso wie die Kleidung, sind Provokation, um auf sich aufmerksam zu machen und dadurch auch auf eine spezielle Einstellung hinzuweisen. Punk betont das Hässliche und will provozieren. Eine einheitliche Gesinnung der Punks ist schwer zu fassen. Gemäß ihrer Einstellung richten sich Punks vor allem gegen das Bürgertum, die Gewohnheiten der herrschende 1 8 H Klasse und gegen die Konsumgesellschaft (viele fanden darin keinen Platz). Die Punks vertraten eine strikte Antihaltung demgegenüber, „Anarchie und Chaos“ wurde zu einem Leitspruch der Bewegung (vgl. 1 9 H http://de.wikipedia.org/wiki/Punk).
Einen legendären Stellenwert in der Geschichte des Punks nehmen die „Sex Pistols“, eine Punkrockgruppe der 70er, ein. Die Band veröffentlichte eine Single mit dem provokanten Titel „Anarchy in the UK“ und sie war es, „die den Tendenzwandel zur neuen Hässlichkeit signalisierte“ (Lau 1992: S.41). Die „Sex Pistols“ waren in dieser Zeit (zweijähriges Bestehen) für viele, vorwiegend junge Menschen Ausdruck dessen, was sie selbst fühlten und dachten. Auf diese Weise erlangte der Punk Massenwirkung.
In den 80er Jahren folgten verschiedene musikalische und damit verbunden auch inhaltliche Ausdifferenzierungen, was das Entstehen vielfältiger Stilrichtungen zur Folge hatte. Betrachtet man daher die Punk-Bewegung heute, ist nur mehr wenig vom alten Glanze übrig geblieben. Der Punk (vor allem seine Stilmerkmale, wie Kleidung usw.) ist in vielen Bereichen zur Modeerscheinung geworden und von der Modeindustrie vereinnahmt worden.
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2.5 Der Ruf (Schuld)
„Achtung! Sie fahren nach Auwiesen“ (Durchsage in der Straßenbahn).
S: „Mir fällt jetzt ein Beispiel ein, wenn man mit der Straßenbahn, mit der 1er, nach Auwiesen fährt, fängt er auf einmal an: „Achtung, diese Straßenbahn fährt nach Auwiesen!“; Und wir müssen immer lachen. Klingt wie voll die Warnung, aber es geht ja nur um die Gabelung mit der 2er. Wir lachen drüber, aber man kann das auch zweideutig aufnehmen“ (eine Auwiesner Jugendliche).
Der Ruf ist eine Form des Konsens. Dieser Konsens kann über Menschen, Handlungen Institution, Organisationen, Gebiete, Tiere, Stoffe, ja beinahe über jede erdenkliche Sache herrschen. Ein Ruf benötigt immer ein Kollektiv in dem er geteilt wird und eine Sache, welche der Ruf beschreibt und von dem er ausgeht. Er gibt Richtlinien vor, wie bestimmte Dinge zu bewerten sind und er impliziert eine bestimmte Erwartungshaltung gegenüber dem betroffenem Gegenstand oder Phänomen. Die dem Ruf innewohnenden Annahmen müssen jedoch nichts mit der Realität gemeinsam haben (ungerechtfertiger Ruf). Im Gegenteil: Der Ruf ist eher ein unreflektierter Eindruck aus der Distanz und er bietet keine Gewissheit. Wenn wir einen näheren Einblick in eine Sache haben, verwenden wir den Ruf um unsere individuelle Meinung (z.B. Ich finde mein Zahnarzt ist sehr kompetent) mit einer kollektiven Meinung zu ergänzen oder zu bekräftigen (z.B. Der Zahnarzt hat auch einen sehr guten Ruf). Von einem gerechtfertigten Ruf sprechen wir dann, wenn der Ruf mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmt. Es muss jedoch immer Ereignisse gegeben haben, auf denen ein Ruf aufgebaut wurde (diese müssen wiederum nicht mit der Realität übereinstimmen). Ein weiteres Merkmal ist eine gewisse Hartnäckigkeit und Dauerhaftigkeit die daraus resultiert, dass der Ruf ein kollektives Phänomen ist. Dadurch birgt er die Gefahr in sich, ein dauerhaft verzerrtes Bild der Realität zu speichern und die Durchsetzung einer anderen Sichtweise zu erschweren. Dies bedeutet auch, dass der Ruf unabhängig von dem eigentlichen Ausgangsort weiterexistiert. Der Ruf kann als eine Form des symbolischen Kapitals betrachtet werden. Das symbolische Kapital ist die umkämpfte Währung für sämtliche Formen der feldspezifischen sozialen Anerkennung. Es bezeichnet jene Distinktionsmerkmale und Statussymbole aus denen Anerkennung erwirtschaftet werden kann. Mit dem Zusatz „feldspezifisch“ ist gemeint, dass die Logik der sozialen Annerkennung abhängig von den Wahrnehmungsmustern (Habitus) der Akteure ist. Beispielsweise könnte in einem Feld der Besitz eines teuren Autos für Anerkennung sorgen, welches hingegen in einem anderen Feld als Verschwendung von Geld angesehen wird. Das symbolische Kapital funktioniert nur dann
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erfolgreich, wenn es von den Akteuren aufgrund einer gemeinsamen kulturellen Wahrnehmung erkannt und anerkannt wird.
Bourdieu umreißt folgendermaßen die Bedeutung der sozialen Anerkennung: „Die soziale Welt vergibt das seltenste Gut überhaupt: Anerkennung, Ansehen, das heißt ganz einfach Daseinsberechtigung“ (Bourdieu 2003: S. 211). Über einen guten Ruf kann Anerkennung und in seiner Negation, dem negativen symbolischen Kapital, Stigmatisierung dauerhaft gespeichert werden. Die oberen Klassen stehen „dem stigmatisierten Paria gegenüber, der - wie der Jude zur Zeit Kafkas oder heute der Schwarze in den Gettos oder der Araber oder Türke in den Arbeitervierteln der europäischen Städte - mit dem Fluch eines negativen symbolischen Kapitals geschlagen ist“(Bourdieu 2003: S. 211).
Bisher wurde lediglich die Außenperspektive des Rufs besprochen. Der Ruf hat jedoch die Eigenschaft auf den eigentlichen Ausgangsort rückzuwirken. Menschen können den ihnen zugeschriebenen Ruf verinnerlichen und ihr Handeln danach ausrichten (verdeutlicht wird das durch Redewendungen wie z.B. „Ich habe einen Ruf zu verlieren“ oder „Ich muss meinem Ruf gerecht werden“). Wir können davon ausgehen, dass der Ruf nicht von den betroffenen Menschen abprallt, sondern eine identitätsstiftende Wirkung hat. Der grundlegende Gedanke kommt aus dem Symbolischen Interaktionismus. Wie bereits erwähnt ist Identität unter anderem ein Resultat sozialer Zuschreibungsprozesse. Ganz im Sinne von Meads Konzept des „me“, also der Fähigkeit sich selbst mit den Augen der Umgebung zu sehen. Es ist ein Resultat von Zurechnungen und ist stets durch einen bestimmten Aufbau charakterisiert; einen Zusammenhang, in denen Wertvorstellung Wirklichkeitsauffassungen, Richtigkeits-und Wichtigkeitskriterien der umgebenden Gesellschaft eingehen (Hahn 1984: 11). Hahn stellt weiter fest, dass „der Sinn den meine Identität darstellt, ist also von Anfang an verwoben mit einem Sinn der nicht von mir stammt“ (Hahn 1984: 11). Die sozialen Zuschreibungen können zu einer dauerhaften Neuorientierung der eigenen Identität führen und zu einer Übernahme jener Eigenschaften, die einer Person von außen zugeschrieben werden. Dies setzt jedoch voraus, dass erstens der Ruf wahrgenommen wird, zweitens die äußerlichen Zuschreibungen stark genug sind, um eine dauerhaften Veränderung der inneren Dispositionen zu verursachen, und drittens die äußeren Zuschreibungen (auch stillschweigend) akzeptiert werden. Weiteres könnte der Inhalt des Rufs neu ausgelegt werden und mit einem positiven Sinn versehen werden. Spannend wird hier vor allem sein, welchen Effekt die Jugendkulturen auf den Umgang mit dem Ruf haben. So könnte es aus der Logik
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der Auwiesner HipHoperInnen „cool“ sein, aus einem Stadtteil zu stammen, der innerhalb der Stadt einen schlechten Ruf hat.
Die Innenperspektive:
Die Innenperspektive, also die Sichtweise der Jugendlichen zu erhellen ist eines der zentralen Anliegen dieser Arbeit. Wie nehmen die Jugendlichen den Ruf „ihres“ Stadtteils wahr und welchen Effekt hat er auf ihre Identität? Uns geht es nicht um eine Prüfung, ob der Ruf mit der Wirklichkeit übereinstimmt oder nicht, sondern vielmehr darum, wie dieser Ruf von den Jugendlichen wahrgenommen wird und wie sie damit umgehen.
2.6 Disorder (Schuld)
Ursprüngliche hätte diese Arbeit einen problemzentrierten Ansatz als Schwerpunkt gehabt. Durch eine Reihe von Interviews und Stadtteilbesichtigungen wurde dieser Ansatz aufgegeben und der Blickpunkt auf die identitätsstiftende Wirkung des Stadtteils gelenkt. Der Disorder-Ansatz ist sozusagen der Rest unserer ursprünglich problemorientierten Arbeit. Der Ansatz ist deswegen für uns interessant geblieben, da er „abweichendes Verhalten“ aus einer ökologischen Perspektive behandelt.
Shaw und McKay (1942) formulierten als erster den Disorderansatz aufgrund folgender Beobachtungen: Kriminalität tritt konzentriert in bestimmten Gebieten auf. Die Gebiete mit der größten Kriminalitätsbelastung zeichnen sich gleichzeitig auch durch große physische Verfallserscheinungen, soziale Desorganisation und Armut aus. Diese Bezirke sind häufig verwahrlost und die Kriminalität ist auch dann noch hoch, wenn die Bevölkerung ausgetauscht wird.
Hohe soziale Fluktuation führt zu einer geringeren sozialen Kontrolle. Es können sich keine stabilen Netzwerke bilden und die Gemeinschaft ist nicht in der Lage das abweichende Verhalten zu kontrollieren. Das bedeutet, es kommt aufgrund einer fehlenden sozialen Kontrolle zu einer hohen Kriminalitätsrate. Der Begriff Disorder (Desorganisation) soll die äußeren Anzeichen von Verfall und Störungen der Regeln im öffentlichen Raum beschreiben. D.h. es geht um sichtbare Dinge in einem Wohngebiet, die bei den Bewohnern Irritation hervorrufen und für die Bewohner anzeigen, dass etwas nicht stimmt. Dadurch tritt häufig ein Gefühl des Unbehagens auf.
Shawn/McKay unterscheiden zwei verschieden Formen der Disorder:
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Die physische Disorder: Verfallene Gebäude, zerbrochene Fensterscheiben, Müllablagerungen, Graffiti und Vandalismus
Und die soziale Disorder: Betrunkene und drogensüchtige Menschen auf der Straße, Konflikte in der Öffentlichkeit, „Straßengangs“, Belästigungen auf der Straße, Drogenhandel und Prostitution.
Die Folgen von Disorder
Ärger und Demoralisierung
Furcht vor Übergriffen
Gefühl der Ohnmacht bei den BewohnerInnen
Verstärkung der Effekte, wenn Disorder nicht beseitigt wird
Stigmatisierung der BewohnerInnen
Eine weitere mögliche Folge ist das Eintreten einer Abwärtsspirale: Diejenigen, die über mehr Ressourcen verfügen ziehen weg und die sozial Schwächeren müssen zurückbleiben. Es kommt zum Effekt der „Deinvestition“: Die Vermieter wollen nicht mehr investieren. Es siedeln sich keine neuen Firmen mehr an bzw. wechseln die vorhandenen Firmen ihren Standort. Es kommt zu einer geringeren Investition seitens der Stadt. Dadurch wird die Disorder immer weiter erhöht und mit ihr erhöht sich die Kriminalitätsrate.
Die Bewohner des Viertels ziehen sich aufgrund von Disordererscheinungen immer mehr in die eigenen vier Wände zurück und haben eine erhöhte Kriminalitätsfurcht. Weiteres sinkt die Identifikation mit dem Stadtteil.
Dieser Ansatz stammt aus den U.S.A und die dortigen Zustände der Randstädte sind sicher nicht mit Auwiesen zu vergleichen. Dennoch interessiert uns, wie stark die Jugendlichen Disorder in Auwiesen wahrnehmen und ob die Stärke der Wahrnehmung einen Effekt auf ihre Zufriedenheit und Identifikation mit dem Stadtteil hat.
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3. Quantitativer Methodischer Teil (Schuld,
Schwarz)
3.1 Grundlegendes quantitatives Analyse- und
Auswertungsschema
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Erklärung des Modells
Im folgenden Modell werden unsere Dimensionen bzw. Variablentypen anhand ihrer Erklärungskraft und anhand des Raumbezuges analytisch getrennt. Die im Modell dargestellten Pfeile stellen graphisch die von uns vermuteten kausalen Zusammenhänge dar und werden in den jeweiligen Kapiteln theoretisch verknüpft. Es ist uns wichtig, darauf hinzueisen, dass die Trennung zwischen sozialem und physischem Raum eine analytische ist, da sich im Sinne Bourdieus beide durchdringen und einander bedingen (vgl. Bourdieu et. al., 1997: S. 159ff). Der Einfachheit wegen ist im folgenden Kapitel der physische Raum gemeint, wenn vom Raum die Rede ist.
Die hierarchische Spitze stellen die unabhängigen Variablen dar. Diese können sowohl raumunabhängig als auch raumabhängig sein. Raumunabhängig sind Geschlecht, Alter, Ethnizität Bildungsniveau und Schicht. Die architektonische Bauweise, die Infrastruktur und der Ruf stellen für uns die raumabhängigen erklärenden Variablen dar.
Jugendkulturen und Mobilität werden von uns sowohl als erklärende, als auch als abhängige Variablen betrachtet. Obwohl Jugendkulturen sehr wohl in Beziehung zum Raum gebracht werden können, werden diese in diesem Modell als ‚raumunabhängig’ dargestellt. Der Bezug von Jugendkulturen zum Raum ergibt sich einerseits durch infrastrukturelle Gegebenheiten (Proberaum für Hip Hopper, Skatepark für Skateboarder usw.), andererseits durch die Umfunktionierung des öffentlichen Raums (Stiegen und Treppengeländer für Skateboarder usw.). Diese Tatsache wird im Modell durch den unterbrochenen Pfeil angedeutet. Die Trennung macht für uns deswegen Sinn, weil unser Augenmerk dem gesamten Stadtteil bzw. Viertel gilt und nicht den, von spezifischen Jugendkulturen, separat genützten Räumen. Ob die Struktur von Auwiesen ein verstärktes Auftreten einer bestimmten Jugendkultur (z.B. HipHop) bedingt, ist kein zentrales Anliegen dieser Arbeit. Vielmehr geht es darum, ob es jugendkulturell-spezifische Wahrnehmungs- Denk- und Handlungsschemata bezüglich des genutzten Raums gibt.
Die unterste Ebene im Modell sind jene Variablen, welche auf die bereits erwähnten zentralen Variablen keinen Einfluss haben. Die Wahrnehmung (des Rufs, des Verhältnisses zu Erwachsenen im öffentlichen Raum und von Disordererscheinungen), die Zufriedenheit mit dem Stadtteil, die Nutzung des Stadtteils und die Identifikation mit dem Viertel stellen für uns raumbezogene abhängige Variable dar. Mögliche raumunabhängige zu erklärende Variable (z.B. Werte, Einstellungen zu Bildung, Arbeit usw.) wurden im quantitativen Teil dieser Studie außer Acht gelassen.
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3.2 Hypothesen zur Nutzung des öffentlichen Raums und zur
Identifikation
Die grundlegendste These lautet, dass objektiv identische physikalische Umwelten, je nach sozialer Lage und (sozialen) Ressourcen, unterschiedlich wahrgenommen, interpretiert und gedeutet werden und somit auch unterschiedlich genutzt werden.
Bietet das ökologische Zentrum (im Sinne von Baacke) nur geringen Spielraum zur Gestaltung bzw. wenige Rückzugsmöglichkeiten (z.B. wenn Jugendliche über kein eigenes Zimmer verfügen), kommt es zur verstärkten Nutzung des ökologischen Nahraums und in weiterer Folge zur verstärkten Bildung von Peer-Groups und Jugendkulturen. Die Rückzugsmöglichkeiten sind ein wesentlicher Faktor für die Nutzung öffentlicher Räume und für die Cliquenorientierung von Jugendlichen.
Die Nutzung von öffentlichen Räumen und die Identifikation mit diesen wird durch Geschlechtszugehörigkeit, Schichtzugehörigkeit und durch die Zugehörigkeit zu Jugendkulturen beeinflusst. Auch das Alter der Jugendlichen spielt eine wesentliche Rolle.
Jüngere Jugendliche nutzen den ökologischen Nahraum öfter und intensiver. Diese Hypothese ergibt sich aufgrund der Tatsache, dass die Älteren (unter anderem wegen der Möglichkeit, über motorisierte Fahrzeuge zu verfügen) auch mobiler sind.
Weibliche Jugendliche sind in urbanen öffentlichen Räumen unterrepräsentiert. Der öffentliche Raum gilt als Domäne der Burschen.
Jugendliche aus höheren Schichten nutzen den öffentlichen Raum (im ökologischen Nahraum) in geringerem Ausmaß als Jugendliche aus unteren Schichten.
Diese Hypothese gilt auch für das Bildungsniveau. Höheres Bildungsniveau führt zur erhöhten Mobilität.
Jugendliche Migranten/Innen nutzen den öffentlichen Raum eher als inländische Jugendliche.
Jugendliche, die sich einer Jugendkultur zugehörig fühlen, nutzen den öffentlichen Raum verstärkt.
Zugehörige zur Jugendkultur der HipHoper nutzen den öffentlichen Raum verstärkt und identifizieren sich auch über diesen, da der Raum in dieser Kultur von zentraler Bedeutung ist.
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Jugendliche, die aufgrund der funktionsbestimmten Mobilität, d.h. wegen schulischer oder beruflicher Tätigkeiten, den Stadtteil verlassen müssen, halten sich weniger im ökologischen Zentrum auf. Die funktionsbestimmte Mobilität erhöht die freizeitliche Mobilität.
Wird der Stadtteil weniger genutzt, ist die identitätsstiftende Wirkung des Viertels geringer. In diesem Fall identifizieren sich die Jugendlichen weniger über ihren Stadtteil. Verstärkte Nutzung des öffentlichen Raums führt zur verstärkten Identifikation mit diesem.
Jugendliche, die auf den öffentlichen Raum angewiesen sind, treten häufiger in Konflikte mit Erwachsenen.
3.3 Definition der Begriffe und Operationalisierung (Schuld,
Schwarz)
In diesem Kapitel geht es um die Nachvollziehbarkeit unserer Messungen. Wissenschaftstheoretisch weniger interessierte Leser/Innen können dieses Kapitel getrost überspringen. Es werden weder empirische Daten, noch Ergebnisse dargestellt. Uns ist dieses Kapitel dennoch wichtig, da in vielen Jugendstudien weder die Nachvollziehbarkeit der Operationalisierung noch Repräsentativität gegeben ist (vgl. Farin, 2001: S. 13). Eine möglichst genaue Darstellung ist von hoher Bedeutung, da dadurch eine Studie angreifbarer wird und sich jede/r LeserIn selbst ein Bild darüber verschaffen kann, ob die Messungen bezüglich der Fragestellungen adäquat durchgeführt wurden. Folgende Begriffe des Modells sind zu definieren und zu operationalisieren:
• Jugendliche
• Jugendkultur
• Peer-Groups
• Ethnizität
• Schulischer und beruflicher Status
• Schulischer Status
• Höchste abgeschlossene Schulausbildung
• Derzeitige schulische Tätigkeit
• Funktionsbestimmter Status
• Schicht
• Wohnraumindex
• Mobilität
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• Nutzung des Stadtteils und Zufriedenheit mit dem Stadtteil
• Wahrnehmung
• Wahrnehmung des Rufs
• Wahrnehmung des Verhältnisses zu Erwachsenen
• Wahrnehmung von Disordererscheinungen
• Identifikation mit dem Viertel
Jugendliche
Im quantitativen Teil dieser Studie werden Jugendliche definiert als alle Personen zwischen 12 und 19 Jahren.
Jugendkulturen
Bezüglich Jugendkulturen wurde der Grad des Kontakts (‚Kenne ich nicht’, ‚kenne ich, keinen Kontakt’, ‚gelegentlicher Kontakt, fühle mich aber nicht zugehörig’, ‚fühle mich als zugehörig’) gemessen. Diese Daten wurden dichotomisiert um Zugehörigkeit grundsätzlich feststellen zu können. Zusätzlich wurde erhoben welcher Jugendkultur die Jugendlichen sich zugehörig fühlen (Rapper, Punks/Grunger/Alternative/, Gothic/Metaller, HipHoper, Raver, Drum ‚n’ Bass Szene, Skinheads, Skater, Sonstige). Dabei wurden die Items ‚Kenne ich nicht’, ‚kenne ich, keinen Kontakt’, ‚gelegentlicher Kontakt, fühle mich aber nicht zugehörig’ zusammengefasst und somit der oder die Jugendliche keiner Jugendkultur zugeordnet. Ein/e Jugendliche/r wurde nur dann als Mitglied angesehen, wenn er bei einer der angeführten Jugendkulturen die Ausprägung ‚fühle mich als zugehörig’ ankreuzte. Der Begriff und das Konzept der Jugendkultur wurde im entsprechenden Kapitel separat theoretisch behandelt.
Peer-Groups
Bezüglich Peer-Groups interessiert uns die Zusammensetzung (Anteil Mädchen, Anteil Burschen, Anteil MigrantInnen), sowie die Qualität der Beziehungen, gemessen an der Solidarität nach innen und gegenüber Einflüssen von außen. Die Qualität der Beziehung wurde durch folgende Items operationalisiert: ‚Wenn ich mal kein Geld habe borgen mir meine Freunde und Freundinnen welches’, ‚Wenn ich zu Hause Ärger mit meinen Eltern habe, finde ich bei meinen Freunden und Freundinnen Unterstützung’, Wenn ich von anderen angestänkert werde helfen mir meine Freunde und Freundinnen’, ‚Meine Freunde und Freundinnen teilen vieles mit mir’.
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Ethnizität
Die Ethnizität wurde anhand der Staatsbürgerschaft des Jugendlichen und anhand der Sprache, die zu Hause gesprochen, wird gemessen. Wir sahen die Sprache als grundlegenderes Merkmal an. Gab es keine Angaben bezüglich dieser, wurde die Staatsbürgerschaft herangezogen.
Schulischer und beruflicher Status
Schulischer Status
Zur Messung des schulischen Status wurde einerseits die höchste abgeschlossene Schulausbildung, andererseits die derzeitige schulische Tätigkeit erhoben.
Höchste abgeschlossene Ausbildung (ordinales Messniveau)
Die höchste abgeschlossene Schulausbildung wurde anhand folgender Fragestellung operationalisiert: ‚Was ist Dein höchster abgeschlossener Schulabschluss’. Der oder die Jugendliche musste sich für eine dieser Antwortalternativen entscheiden: Volksschule; Hauptschule; Polytechnische Schule; Berufsschule; Berufsbildende mittlere Schule; Berufsbildende höhere Schule; Allgemeinbildende höhere Schule.
Derzeitige schulische Ausbildung (ordinales Messniveau)
Hierbei wurde die selbe Fragestellung wie bei der höchsten abgeschlossenen Schulausbildung gewählt.
Funktionsbestimmter Status (nominales Messniveau)
Hierbei lautete die Frage: Welche Tätigkeit übst Du derzeit aus? Die Ausprägungen waren ‚Ich gehe noch zur Schule’, ‚Ich bin in einer Lehre’, ‚Ich habe eine fixe Arbeit’, ‚Ich arbeite gelegentlich’, ‚Ich bin beim Bundesheer/Zivildienst’, ‚Ich besuche einen Weiterbildungs-oder Umschulungskurs’, ‚Ich habe keine Arbeit und gehe auch nicht zur Schule’.
Bildungsniveau (ordinales Messniveau)
Um das Bildungsniveau der Befragten Jugendlichen festzustellen, wurden die Angaben bezüglich der höchsten abgeschlossenen Ausbildung und der derzeitigen Tätigkeit gegenübergestellt. Da ein hoher Prozentteil der Befragten derzeit eine höhere Schule besucht, diese aber noch nicht abgeschlossen wurde, gewichteten wir die derzeitige Tätigkeit höher. Zusätzlich wurde die neue Variable: Ich gehe in ein Gymnasium: ja/nein erstellt.
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Schicht (ordinales Messniveau)
Um das Schichtniveau zu erfassen, wurde ein Index aus der höchsten abgeschlossenen Schulausbildung des Vaters in Kombination mit der derzeitigen Tätigkeit gebildet. Waren keine oder nicht ausreichende Angaben zum Vater vorhanden, wurde die Mutter und das durchschnittliche Haushaltseinkommen pro Monat als Indikatoren herangezogen. Diese Indikatoren wurden deshalb gewählt, da traditionell davon ausgegangen wird, dass diese Merkmale des Vaters, die entscheidende Rolle im Hinblick auf das Schichtniveau spielen. Allerdings ist zu erwähnen, dass dieses Schichtmodell eine starke Vereinfachung darstellt. Die im empirischen Teil gefundenen Zusammenhänge von Schicht mit anderen Variablen und Dimensionen sind daher besonders kritisch zu hinterfragen.
Bei MigrantInnen wurde die schulische Bildung des Vaters deswegen mit der derzeitigen Tätigkeit verglichen, da der im Herkunftsland erworbene Bildungsgrad in Österreich oft nicht anerkannt wird. Im Falle eines großen Auseinanderklaffens wurde bei der Indexbildung das Bildungsniveau auch von uns niedriger gewichtet, als die derzeitige Beschäftigung.
Zuordnung der Indexwerte (vgl. Kromrey 2002: S, 180ff):
Tabelle 1: Indexwerte Schicht
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Tabelle 2: Schicht-Indexzusammensetzung
Wohnraumindex (ordinales Messniveau)
Durch den Wohnraumindex soll ein Maß für den verfügbaren, privaten Raum geschaffen werden. Der Index soll die Items „Rückzugsraum“ und „Wohnraumdichte“ zusammenfassen. In erster Linie geht es uns um eine Beschreibung des ökologischen Zentrums. Das Item „Rückzugsraum“ wurde durch die Frage „Wie viel Platz steht Dir persönlich in der Wohnung in der Du lebst zur Verfügung?“ operationalisiert und hat folgende Ausprägungen:
1 Kein eigenes Zimmer, auch kein eigener Bereich
2 Kein eigenes Zimmer, aber ein eigener Bereich (z.B. abgetrennte Ecke in einem Zimmer) 3 Ein eigenes Zimmer 4 Eine eigene Wohnung (oder Wohngemeinschaft)
Die letzte Ausprägung (‚Eine eigene Wohnung’) wurde bei der Indexbildung nicht berücksichtigt. Der Grund dafür ist erstens der niedrige Anteil (3,6%) und zweitens haben durch diese Streichung beide Variablen drei Ausprägungen und können so besser miteinander verglichen werden.
Das Item Wohnraumdichte wurde durch die Variablen ‚Anzahl der Personen im Haushalt’ und ‚Wohnungsgröße’(Quadratmeter) erfasst. Die Division und Kategorisierung der beiden Variablen führte uns zu der neuen Variable ‚Wohnraumdichte’ (Anzahl der Quadratmeter/Person) mit folgenden Ausprägungen
1 Hohe Wohnraumdichte
2 Mittlere Wohnraumdichte 3 Niedrige Wohnraumdichte
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Tabelle 3: Wohnraumindex
Zuordnung der Indexwerte (vgl. Kromrey 2002: S, 180ff):
Tabelle 4: Indexwerte Wohnraum
Der Index setzt sich dadurch folgendermaßen zusammen:
Tabelle 5: Indexzusammensetzung Wohnraum
Für uns ist der privat zur Verfügung stehende Platz entscheidender als die Wohnraumdichte. Dies bedeutet, dass bei Überschneidungen der Matrixbesetzungen, die Wohnraumdichte geringer gewertet und der verfügbare Platz höher gewichtet wurde.
Mobilität (ordinales Messniveau)
Mobilität setzt sich hier aus den Messungen der Häufigkeit und der Distanz zusammen. Mobilität wurde analytisch unterteilt in die Dimensionen funktionsbestimmte Mobilität (z.B.
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das Verlassen des Viertels aufgrund der Ausbildung oder des Berufs) und Freizeitmobilität (d.h., dass der/die Jugendliche den Stadtteil in der Freizeit freiwillig verlässt).
Funktionsbestimmte Mobilität wurde durch den Indikator „Distanz zur
Schule/Arbeitsplatz/Kurseinrichtung“ gemessen. Freizeitmobilität wurde hinsichtlich der Entfernung vom Wohnraum und der Häufigkeit des Entfernens vom Wohnraum betrachtet. Folgende Fragen bzw. Items sollten uns Aufschluss über den Grad der Mobilität geben:
Dimension: Funktionsbestimmte Mobilität:
Indikator: Distanz zum Wohnraum Variable:
‚Wo befindet sich Deine Schule, Deine Arbeit, Kurseinrichtung usw.’ Die Kategorien lauteten ordinal gereiht ‚in Auwiesen’, ‚außerhalb von Auwiesen aber in Linz Süd’, ‚außerhalb von Linz Süd aber in Linz’ und ‚außerhalb von Linz’.
Dimension: Freizeitmobilität:
Wir bildeten 3 Typen der Freizeitmobilität (Wohnungsgebunden, Stadtteilgebunden und Stadtteilungebunden), welche sich in die Kategorien „Drinnen Jugendliche“ und „Draußen Jugendliche“ einteilen lassen.
„Drinnen Jugendliche“
- Wohnungsgebundene Typen
Gemessen mit der Variable , „Ich verbringe den größten Teil meiner Freizeit in meiner Wohnung“ (Ausprägungen: ‚trifft stark zu’, ‚trifft zu’, ‚teils teils’, ‚trifft nicht zu’, ‚trifft überhaupt nicht zu’).
„Draußen Jugendliche“
Folgende Items wurden einer Faktoranalyse unterzogen und den Typen Stadtteilgebunden bzw. Stadtteilungebunden zusammengefasst:
- Stadteilgebundene Typen
‚Fast alle meine Freunde und Freundinnen verbringen ihre Freizeit in Auwiesen’ und ‚Ich verbringe den größten Teil meiner Freizeit nicht in meiner Wohnung aber in Auwiesen’. Die Ausprägungen dieser Items lauteten ‚trifft stark zu’, ‚trifft zu’, ‚teils teils’, ‚trifft nicht zu’, ‚trifft überhaupt nicht zu’.
- Stadtteilungebunde Typen
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‚Wie oft verlässt Du in Deiner Freizeit folgende Orte’: Auwiesen, Linz Süd und Linz. Die Antwortalternativen waren, in ordinaler Reihenfolge ‚täglich’, ‚mehrmals pro Woche’, ‚einmal pro Woche’, ‚einmal im Monat’ und ‚seltener oder nie’.
Faktorbildung:
2 Faktoren mit der erklärten Varianz von 66,4 %
Tabelle 6: Rotated Component Matrix Mobilität Abbildung 7:
v21a Häufigkeit
Verlassen von -Auwiesen
v21b Häufigkeit
Verlassen von - Linz v21c Häufigkeit
Verlassen von - Linz v23a - Bewertung
Freizeitmobilität -Freunde in
Auwiesen
v23c - Bewertung
Freizeitmobilität - In
Auwiesen
Extraction Method: Principal Component Analysis. Rotation Method:
Varimax with Kaiser Normalization.
Eine weitere Dimension sind Ressourcen zur Mobilität.
Die Jugendlichen sollten angeben, ob sie ein Auto, ein Motorrad, ein Moped, ein Fahrrad, eine Dauerkarte für öffentliche Verkehrsmittel, einen Führerschein und/oder ein Mobiltelefon nutzen und/oder besitzen.
Nutzung des Stadtteils und Zufriedenheit mit dem Stadtteil (ordinales Messniveau) Es ging uns um die Frage, wo sich die Jugendlichen in Auwiesen am häufigsten treffen und was sie hauptsächlich mit ihren Freund/Innen außerhalb der Wohnung machen. Die genannten öffentlichen Plätze waren das Jugendzentrum Alpha, das Jugendzentrum Fjutscharama, der Skatepark, der Wüstenrotplatz, der Schachplatz, der Sportplatz, der Funcourt und sonstige Treffpunkte. Zusätzlich wurde nach der Erlaubnis der Eltern, die erwähnten Plätze besuchen zu dürfen, gefragt.
Die Items bezüglich der Aktivitäten außerhalb der Wohnung waren Herumhängen, Radfahren, Skateboardfahren, Inlineskaten, Fußball spielen, Schwimmen, Basketball spielen, sonstige Sportarten betreiben, in Lokale gehen, Computerspielen, ins Kino gehen, Konzerte besuchen, zu Sportveranstaltungen gehen, Diskotheken besuchen und sonstige Veranstaltungen besuchen.
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Zufriedenheit bedeutet für uns die positive Bewertung der Qualität der Umgebung. Diese wurde einerseits gemessen durch die Bewertung der Wohnung, des Wohnblocks und von Auwiesen, andererseits durch Bewertung der infrastrukturellen Einrichtungen wie Sportmöglichkeiten, Arbeitsplatzangebot, Freizeitmöglichkeiten, Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmittel, Gasthäuser-Cafes-Lokale, Einkaufsmöglichkeiten und Möglichkeiten, sich mit den Freunden/Innen zu treffen. Zusätzlich sollten folgende Items bewertet werden: ‚Wenn es möglich wäre, wäre ich bereit sofort von Auwiesen wegzuziehen’ und ‚In einem anderen Stadtteil aufzuwachsen hätte einiges vereinfacht’.
Wahrnehmung von Ruf, Erwachsenen und Disorder (ordinales Messniveau) Dimension Wahrnehmung des Ruf Tabelle 7: Wahrnehmung des Rufs
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Dimension: Wahrnehmung der Erwachsenen im öffentlichen Raum
Die Wahrnehmung von Erwachsenen durch die Jugendlichen im öffentlichen Raum haben wir mit folgenden Indikatoren gemessen:
Verhältnis
Gemessen mit den Items „Ich komme mit den Erwachsenen in meiner Umgebung gut aus“ und „Die Erwachsenen sind mir völlig egal“.
Kontaktdichte
Gemessen mit dem Item „Ich habe zu Erwachsenen in der Nachbarschaft kaum Kontakt“.
Bewertung der Erwachsenen
Gemessen mit dem Item „Die Erwachsenen zeigen Verständnis für uns Jugendliche in Auwiesen“.
Problembezogene Erfahrungen
Gemessen anhand der Items „ Ich werde ständig von Erwachsenen eingeschränkt“ und „ Es gibt viele Erwachsene, die wegen Kleinigkeiten Stress machen“. Die Ausprägungen der genannten variablen sind: trifft stark zu, trifft zu, teils teils, trifft nicht zu, trifft überhaupt nicht zu.
Dimension: Wahrnehmung von Disordererscheinungen
Dadurch soll die problemzentrierte Wahrnehmung der Jugendlichen gemessen werden.
Tabelle 8: Wahrnehmung von Disorder
Welche der folgenden Dinge hast Du in Auwiesen schon gesehen oder nicht gesehen? (Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.) Ausprägungen: Sehr oft, oft, manchmal, selten, nie. Körperliche Gewalt Drogen Drogenhandel Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit Vandalismus bzw. mutwillige Zerstörungen Ausländerfeindlichkeit Nachbarschaftsstreit, Beschimpfungen Streitigkeiten zwischen Jugendlichen und Erwachsene Streitigkeiten zwischen Jugendlichen
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Identifikation mit dem Viertel (ordinales Messniveau)
Die Identifikation mit einem Viertel bedeutet mehr als die bloße Zufriedenheit. Man kann mit einer Umgebung sehr wohl zufrieden sein, ohne dass man sich mit dieser identifizieren muss. Ein Jugendlicher identifiziert sich für uns dann mit einem Raum (z.B. mit einem Stadtviertel usw.), wenn er sich selbst darüber definiert, d.h. sich dieser sinnstiftend auf seine Identität auswirkt. Identifikation wurde von uns zweierlei gemessen. Es wurde einerseits unterschieden zwischen einer allgemeinen Identifikation mit dem Stadtteil (d.h. subjektive Einstellungen zum Stadtteil und Bewertung des Viertels unabhängig von der Zufriedenheit) und andererseits der Äußerung der Identifikation im Umgang mit anderen.
Allgemeine Identifikation
Folgende Items der Fragebatterie sollten uns Aufschluss über die allgemeine, subjektive Identifikation der Jugendlichen mit ihrem Stadtteil geben: ‚Auwiesen ist das coolste Viertel in ganz Linz’, ‚Obwohl viele Leute schlecht über Auwiesen reden fühle ich mich sehr wohl2 2 F 23 ’, ‚Ich hänge so an Auwiesen, dass ich schon deshalb nicht übersiedeln möchte’2 3 F 24 , ‚Ich bin ein/e Auwiesener/In’ und ‚In Auwiesen zu wohnen ist mir völlig egal. Es bedeutet für mich nichts’. Die Ausprägungen dieser Items lauteten ebenso ‚trifft stark zu’, ‚trifft zu’, ‚teils teils’, ‚trifft nicht zu’, ‚trifft überhaupt nicht zu’.
Äußerung der Identifikation im Umgang mit anderen
Es wurde erhoben wie sich die Jugendlichen verhalten, wenn sie mit negativen Aussagen über Auwiesen konfrontiert werden. Wir stellten die Frage, wie die Jugendlichen reagieren, wenn jemand über Auwiesen schimpft. Hierbei verwendeten wir die Ausprägungen ‚Ich verteidige Auwiesen’, ‚Ich stimme zu’, ‚Ich ärgere mich insgeheim’ und ‚mir ist es egal’.
23 Diese Frage wurde bewusst suggestiv gestellt. Wir vermuteten dennoch ein hohes Maß an Zustimmung wenn sich der/die Jugendliche mit Auwiesen identifiziert.
24 Vor allem bei diesem Item zeigt sich der Unterschied zur bloßen Zufriedenheit mit dem Viertel. Es wird eingeräumt, dass der/die Jugendliche z.B. mit der Wohnbevölkerung, der Infrastruktur usw. völlig unzufrieden sein kann. Im Falle der positiven Bewertung dieses Items hängt der/die Befragte an dem Viertel. Dabei geht es ihm oder ihr um die Identifikation mit dem Stadtteil.
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3.4 Stichprobenziehung und Auswahlverfahren
Jugendliche im Alter zwischen 12 und 19 Jahren, wohnhaft in Auwiesen, stellten unsere Grundgesamtheit dar. Die Schwierigkeiten der Stichprobenziehung ergaben sich v.a. dadurch, dass Auwiesen kein statistischer Bezirk ist und uns somit keine statistischen Daten über die Grundgesamtheit zur Verfügung standen. Auwiesen liegt im statistischen Bezirk
Schörgenhub. Dadurch konnten wir nur ‚Schörgenhubspezifische’ Daten erheben und heranziehen.
Als statistische Quelle diente uns die ‚Linz 2003 Statistik CD’. Schörgenhub umfasst bei einer Gesamtbevölkerung von 13330 Personen 769 12-15 Jährige und 727 16-19 Jährige. Die Anzahl der Jugendlichen (12 - 19jährigen) beträgt somit N = 1496. Etwa 10.000 Personen, also drei Viertel der Gesamtbevölkerung Schörgenhubs, lebt in Auwiesen. Schätzungsweise müsste sich die Anzahl der Jugendlichen in Auwiesen auf 1125 (1496 * 0,75) belaufen. Somit ist es unbedenklich und zulässig, die statistischen Bevölkerungsdaten Schörgenhubs auf Auwiesen zu beziehen, da von einer größeren Grundgesamtheit ausgegangen wurde und eine größere Stichprobe gezogen wurde.
3.4.1 Auswahlverfahren: Gebietsauswahl/Flächenstichprobe
Da wir auf Karteien und Listen verzichten mussten, wurde der Auswahlplan auf räumliche Einheiten angewandt. Personen, in unserem Fall Jugendliche, wurden durch den Wohnort repräsentiert. Dadurch wurde eine Kartei über die gesamten Wohnungen in Auwiesen erstellt. Als Auswahlgrundlage verwendeten wir einen Plan von Auwiesen, in dem alle Wohnblöcke und die Anzahl der Wohnungen vermerkt sind. Dieser Plan wurde uns von der GWG zur Verfügung gestellt.
Random Route Verfahren:
Unsere Absicht bestand darin, die Stichprobe anhand des „random route“ Verfahrens zu ziehen. Das „random route“ Verfahren ermöglicht eine Zufallsstichprobe ohne Verwendung von Namens- bzw. Adresskarteien.
Durch das „Verfahren des Zufallsweges“ (Kromrey 2002: S. 300) wird vorgegeben, wie von einem bestimmten Punkt ausgehend, zu befragende Haushalte und Personen auszuwählen sind. Zusätzlich bietet dieses Auswahlverfahren den Vorteil, dass auch Informationen zur Lebenswelt und Umwelt erhalten werden.
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Praktisch war uns allerdings die Durchführung nicht möglich, da durch die verzweigten Wohnblöcke von Auwiesen keine einheitliche Vorgehensweise möglich war, welche dieses Verfahren kennzeichnet und legitimiert.
Quotaverfahren:
Zusätzlich war für uns eine Quote bezüglich des Alters und des Geschlechts relevant. Der prozentuelle Anteil der 12 bis 15 Jährigen (51,4%) und der 16-19 Jährigen (48,6%) in der Grundgesamtheit wurde vor der Austeilung des Erhebungsinstrumentes erfragt und somit in der Stichprobe beibehalten. Der prozentuelle Anteil der Burschen beträgt 52% und jener der Mädchen 48%.
3.4.2 Praktische Durchführung der Erhebung
Somit war es erforderlich eine Totalerhebung anzustreben um an quantitative Daten zu gelangen. Dabei ergab sich das Problem, dass wir nicht wussten, an welchen Adressen Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren wohnhaft waren. Es gelang uns nicht, einen geeigneten Adressenpool über die Auwiesner Jugendlichen zu bekommen und wir hatten nicht ausreichend finanzielle Mittel, um eine postalische oder telefonische Erhebung durchzuführen. Da Auwiesen ein sehr kompakter Stadtteil ist, wurde der Entschluss gefasst, die Fragebögen im Stadtteil auszuteilen und auch wieder einzusammeln. Diese Schwierigkeiten wurden dadurch gelöst, dass wir an jede Wohnungstür in Auwiesen zumindest ein mal klopften und nach Jugendlichen in der relevanten Altersgruppe fragten. Dies hatte neben dem Kostenersparnis den Vorteil, zusätzliche Informationen und Eindrücke über Auwiesen zu sammeln. So wurden wir z.B. öfters in Wohnungen gebeten und konnten mit den Eltern und Jugendlichen über Auwiesen und unsere Studie sprechen. Im Zuge unserer Erhebung haben wir an jede Tür in Auwiesen angeklopft und konnten 450 (N = 1496) Fragebögen ausgeben. Davon erhielten wir 407 Stück zurück. Die Erhebung dauerte vom 3. März - 7. März 05, jeweils von ca. 15 bis 20 Uhr. Fünf Personen benötigten in Summe 106 Stunden für die Erhebung (Für die anschließende Dateneingabe wurden 45 Stunden benötig). Hierbei waren die Hinweise der Mieter sehr hilfreich, wo sich Jugendliche in den jeweiligen Stockwerken befanden. Dadurch wurde es uns auch ermöglicht an späteren Tagen gezielt an diese Türen zu klopfen, falls zuvor niemand zu Hause war. Wenn ein/e Jugendliche/r zwischen 12 und 19 Jahren in einem bestimmten Haushalt wohnhaft war, wurde der Fragebogen ausgeteilt und gebeten, diesen am nächsten Tag wieder abholen zu dürfen. Diese Vorgehensweise bewährte sich, da dem/der Jugendliche/n Zeit gegeben wurde, sich die
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Fragen genau durchzulesen und den Fragebogen entsprechend auszufüllen. Bei der Durchführung der quantitativen Erhebung überraschte uns die hohe Bereitschaft, sowohl der Jugendlichen, als auch der Eltern, mitzumachen. Vor allem die Eltern zeigten großes Interesse an unserer Studie und forderten die Jugendlichen z.T. auf, den Fragebogen auszufüllen.
3.4.3 Berechnung des Stichprobenfehlers
N = 1496; n = 407; Vertrauensintervall: 95% α = 0,05 t = 1,96; p = 0,5 (Höchstmöglicher Prozentsatz)
Vertrauensintervall V = t * √(p * q / n) = 1,96 * √(0,5 * 0,5 / 407) = 4,86% D.h., dass die Verteilung von Merkmalen in der Stichprobe um maximal 4,86% von der Verteilung in der Grundgesamtheit abweichen kann.
3.4.4 Gewichtung
Der Datensatz wurde aufgrund der Unterschiede innerhalb der Verteilung des Alters gewichtet.
Zusammensetzung der Altersgruppen in der Grundgesamtheit: 12 - 15j: 51,4%; 16 - 19j: 48,6% . (Quelle: Linz Statistik 2003).
Zusammensetzung der Altersgruppen in der Stichprobe: 12 - 15j: 59,1%; 16 - 19j; 40,9%
Die jüngere Gruppe ist in unserer Stichprobe überrepräsentiert und wurde daher geringe gewichtet.
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4. Quantitativer empirischer Teil2 4 F 25
4.1 Raumunabhängige zentrale Variablen
25 Die Signifikanz wird bei allen Zusammenhängen folgendermaßen angegeben: *** = 100% signifikant; ** = 99% signifikant; * = 95% signifikant
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Geschlecht
Das grundlegendste Unterscheidungsmerkmal ist das Geschlecht. Wir erwarten daher Zusammenhänge von Geschlecht mit unseren Dimensionen Jugendkultur, Mobilität, Nutzung und Wahrnehmung des Stadtteils Auwiesen. In unserer Stichprobe befinden sich 46,8% weibliche und 53,2% männliche Jugendliche. Dies weicht nur geringfügig von der Zusammensetzung in der Grundgesamtheit ab (48% weibliche und 52% männliche. Quelle: Linz Statistik 2003). Die Zusammenhänge und geschlechtesspezifische Wirkungsweisen des Raumes werden in den entsprechenden Kapiteln behandelt.
Alter
Das Alter ist auch bei Jugendlichen eine zentrale Kategorie. Ältere Jugendliche (16-19J) verfügen über mehr Freiraum und müssen bezüglich ihrer Berufsorientierung bereits Entscheidungen getroffen haben. Jüngere Jugendliche (12 - 15j) sind noch stärker an die Familie gebunden und besuchen entweder eine Hauptschule oder gehen in die Unterstufe. Die Stichprobe setzt sich aus 59,1% 12-15jährigen und 40,9% 16 - 19 jährigen Jugendlichen zusammen. Der Anteil der 12-15jährigen ist in der Grundgesamtheit beträgt 51,4 % und der 16 - 19j beträgt 48,6%. Um diesen Unterschied auszugleichen wurden die Daten nach dem Alter gewichtet.
Staatsbürgerschaft
Der AusländerInnenanteil beträgt in Auwiesen 14,1% (In Linz: 12,6%; Quelle: Linz Statistik 2003). In unserer Stichprobe sieht die Zusammensetzung der Herkunft der Eltern der befragten Jugendlichen folgendermaßen aus:
89,4 % der Mütter und 93,4% der Väter sind Österreicher. Der Rest setzt sich vor allem aus den „klassischen“ Einwanderungsländern zusammen (Serbien, Bosnien, Türkei, Kroatien, Mazedonien. Bei „Sonstige“ wurde in erster Linie Rumänien, Polen und China genannt). Der
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Anteil der AusländerInnen bei den Jugendlichen ist noch geringer. 93,8 % der Auwiesener Jugendlichen sind österreichische StaatsbürgerInnen und 6,2% sind AusländerInnen (aus Serbien, Bosnien, Türkei, Kroatien, Mazedonien).
Ethnizität
Ein Indikator für die Ethnizität ist mit Sicherheit die Staatsbürgerschaft. Diese ist aber nicht ausreichend, wenn die Ethnizität gemessen werden soll. Als Ethnizität wird im Allgemeinen eine kulturelle Praxis und ein eigenständiges Wertesystem einer Gemeinschaft bezeichnet, welche sie von einer anderen Gemeinschaft unterscheidet. Wir messen die Ethnizität der Jugendlichen an der zuhause gesprochenen Sprache.
80,5% der Auwiesener Jugendlichen sprechen zu Hause Deutsch, 7,3% eine andere Sprache und bei 11,9% werden mehrere Sprachen gesprochen. Diese führt uns zu einem Migrantenanteil von 19,5% unter den Jugendlichen. Dieser Anteil ist insofern erstaunlich gering, da Jugendarbeiter, Streetworker und die Jugendlichen selbst im öffentlichen Raum fast nur Jugendliche ausländischer Herkunft wahrnehmen. Daraus leiten wir die These ab, dass jugendliche MigrantInnen den öffentlichen Raum stärker nutzen.
Schulischer und beruflicher Status:
Abgeschlossene bzw. derzeitige schulische Tätigkeit
Tabelle 9: Abgeschlossene bzw. derzeitige schulische Tätigkeit
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Abgeschlossene schulische Tätigkeit
Die Tabelle zeigt, dass knapp 60% der befragten Jugendlichen (57,8%) einen Volksschul- und knapp 30% einen Hauptschulabschluss absolviert haben. Etwa 10% haben bereits den polytechnischen Lehrgang und 3,9% die Berufsschule abgeschlossen. Berufsbildende mittlere Schulen haben lediglich 1%, berufsbildende höhere Schulen 0,3% und allgemeinbildende höhere Schulen 0,5% der Befragten absolviert.
Derzeitige schulische Tätigkeit
Derzeit besuchen 0,3% der Befragten eine Volksschule, 40,2% eine Hauptschule, 4,5% den polytechnischen Lehrgang, 11,9% eine Berufsschule, 5,7% eine berufsbildende mittlere Schule, 17,2% eine berufsbildende höhere Schule und ein Fünftel (20,2%) eine allgemeinbildende höhere Schule.
Derzeitige schulische bzw. berufliche Tätigkeit
Tabelle 10: Derzeitige schulische bzw. berufliche Tätigkeit
Mehr als drei Viertel der Jugendlichen (75,7%) gehen zum Zeitpunkt der Befragung noch zur Schule. Kumuliert haben knapp 10% (8,8%) der Befragten eine fixe Arbeit bzw. arbeiten gelegentlich. 1,2% sind beim Bundesheer oder beim Zivildienst, 3,7% besuchen einen Weiterbildungs- oder Umschulungskurs und 4,7% habe keine Arbeit und gehen auch nicht zur Schule.
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Abbildung 10: Bildungsniveau: höchste derzeitige bzw. höchste abgeschlossene Ausbildung
Insgesamt ist für 3,5% der Jugendlichen die höchste derzeitige bzw. höchste abgeschlossene Ausbildung die Volksschule, für 39,4% die Hauptschule, für 7,8% eine polytechnische Schule, für 11,8% eine Berufsschule, für 5,5% eine berufsbildende mittlere Schule, für 14,8% eine berufsbildende höhere Schule und für 17,1% eine AHS.
Abbildung 11: Bildungsniveau in Abhängigkeit vom Alter:
Die Tabelle zeigt, dass sich für die Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren ein höheres Bildungsniveau ergibt. Dies lässt sich dadurch erklären, dass diese Jugendlichen im Vergleich zu den jüngeren manche Schultypen bereits abschließen konnten.
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Schicht
Die Beschreibung von sozialen Lagerungen und Schichten sind in dieser Arbeit immer relational zu betrachten. Das verwendete Schichtkonzept (gemessen an Berufsstatus und Bildungsniveau des Vaters) ist eigenständig und kaum vergleichbar. Es geht uns in erster Linie um den Einfluss der elterlichen Ressourcen, aber nicht um Vergleichbarkeit. Unser Schichtmodell ist nur schwer mit einem gesamtgesellschaftlichen Schichtungsmodell vereinbar. Ein Jugendlicher, welcher von uns z.B. in die mittlere Schicht eingeordnet wurde könnte in einem anderen Schichtmodell z.B. zur unteren Schicht gehören. Keiner der von uns Untersuchten hat ein Eigenheim. Die räumliche Lage der Wohnung (ebenfalls ein möglicher Schichtindikator) ist in dieser Arbeit logischerweise bei allen dieselbe. Objektiviertes kulturelles Kapital und Lebensstile der Eltern wurden nicht erhoben. Unser „Schichtmodell light“ erlaubt uns nur Aussagen zu treffen, ob innerhalb unserer Grundgesamtheit die Verteilung der elterlichen Ressourcen eine Rolle auf die Wahrnehmung und die Nutzung des Stadtteils hat und ob die Ressourcen einen Einfluss auf das Bildungsniveau und die Mobilität der Jugendlichen nehmen. Absolute Aussagen über die Eigenschaft einer bestimmten sozialen Lage lassen sich nicht treffen. Schichtzugehörigkeit ist für uns ein relationales Merkmal, welches möglicherweise im Zusammenhang mit anderen, von uns erhobenen, Dimensionen steht. Wir verzichten daher auf eine absolute Beschreibung der sozialen Lagerungen und stellen hier lediglich eine eindimensionale Deskription dar (vgl. Dornmayr/Nemeth 1995: S. 61f.)
Tabelle 11: Schichtzugehörigkeit
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Korrelationen der zentralen erklärenden Variablen:
Die folgende Tabelle zeigt nur die signifikanten Zusammenhänge. Alle anderen wurden in der Darstellung ausgeblendet.
Tabelle 12: Zusammenhänge der zentralen raumunabhängigen Variablen2 5 F 26
Beschreibung und Erklärung der Tabelle:
- Je höher das Alter, desto höher ist das Bildungsniveau. Dieser Zusammenhang liegt eigentlich auf der Hand, da ältere Jugendliche bereits mehr Zeit hatten, höhere Schulen zu absolvieren.
- Migrant/Innen gehören eher unteren Schichten an. Dabei allerdings muss bedacht werden, dass die Eltern der befragten Migrant/Innen im Herkunftsland z.T. hohe schulische Ausbildungen absolviert haben, diese in Österreich aber nicht anerkannt werden.
- Die Burschen haben eher einen höheren Schulabschluss als die Mädchen. Diesen Zusammenhang gilt es besonders zu hinterfragen.
- Je höher das Schichtniveau desto höher das Bildungsniveau.
- Österreicher/Innen besuchen eher ein Gymnasium als Migrant/Innen.
- Je höher das Schichtniveau desto eher besuchen die Jugendlichen ein Gymnasium.
26 Für alle Zusammenhänge in dieser Arbeit gilt: *** = 100% signifikant; ** = 99% signifikant; * = 95% signifikant
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4.2 Raumabhängige zentrale Variablen (Schuld)
4.2.1 Eine subjektive Sicht auf die objektiven Gegebenheiten
Das Wohnviertel Auwiesen ist durch die Auwiesenstraße in zwei Hälften geteilt: Auf der einen Seite befindet sich die eigentliche Wohnsiedlung, und auf der anderen Seite befindet sich ein kleines Einkaufszentrum, die Schule, der Kindergarten und ein kleiner Teil der Wohnungen.
Die Wohnsiedlung besteht aus kleineren Hochhäusern, welche in der Regel zwei oder drei Stockwerke hoch sind. Die gesamte Wohnanlage erweckt ein wenig den Eindruck einer Ferienbungalowsiedlung. Optisch ist Auwiesen keine typische Trabantenstadt mit heruntergekommenen hohen Wohnanlagen, sondern die Bauweise ist im Allgemeinen eher niedrig, dafür sehr eng. Die Wohnhäuser sind Blockweise angeordnet und die einzelnen Häuser sind durch Korridore und Laufstege miteinander verbunden. Die einzelnen Blocks sind durch Zufahrtsstraßen voneinander getrennt. Zwischen und unter den Wohnhäusern wurden Parkgaragen gebaut, welche über die Zufahrtsstraßen erreichbar sind. Dies bedeutet, dass die Wohnanlage in Auwiesen praktisch autofrei ist. Einzig auf der Auwiesenstraße herrscht reger Autoverkehr, ansonsten ist eine Verkehrslärmbelastung praktisch nicht vorhanden. Im Zuge unserer Erhebung stellten wir fest, dass es am Tag sehr ruhig ist und die Wohnanlage fast ausgestorben wirkt. Die vorhandene Grünflächen und Sitzmöglichkeiten zwischen den Häusern werden kaum genützt. Das öffentliche soziale Leben findet entweder auf den Spiel- und Sportplätzen, oder in der anderen Hälfte von Auwiesen statt. In den Wohnanlagen integriert, befinden sich noch eine Arztpraxis und zwei Bäckereien, welche auch als Cafehäuser genützt werden. Die ebenerdigen Wohnungen verfügen häufig über einen Garten, die genützt und oft aufwendig gestaltet werden. Die Anordnung der Wohnhäuser ist verschachtelt und sehr eng. Durch die Enge steigt die soziale Kontrolle. Jede/r kann gut die Nachbarn beobachten. Es handelt sich quasi um eine Dorfsituation innerhalb eines städtischen Gefüges. Eine Magistratsbedienstete beschreibt die Situation folgendermaßen: Ich meine, von der Stimmung her gibt es eine gewisse Enge draußen und viele Jugendliche sind eigentlich zurückgeworfen auf diese Enge und irgendwie muss es sich äußern. Sie waren wahrscheinlich eh schon mal draußen. Wenn sie durchgehen durch diese Höfe, das ist zwar für einen Erwachsenen schön, weil es grün ist drinnen und weil es ruhig ist auch, das glaubt man von außen ja nicht so, aber man darf nicht laut sein, weil es hallt alles drinnen, d.h. wenn ich die Musik laut aufdrehe und das Fenster offen habe, dann ist eh schon Feuer am Dach. Die Leute sitzen ziemlich aufeinander. Man weiß relativ viel wer wo ist und auf der anderen Seite ist viel Ignoranz da. Man
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nimmt auch nichts wahr. Wir haben die Erfahrung gemacht mit der Jugendwohlfahrt, dass wenn Kinder wirklich gefährdet sind, es keiner weiß und es keiner sieht. In Urfahr bekommen wir viele Anrufe, in Auwiesen würden wir uns wünschen, dass da die Leute früher hinschauen würden und nicht sagen „geht mich nichts an was da in der nächsten Türe passiert“.
Anscheinend liegt in Auwiesen ein paradoxes Phänomen vor: Einerseits eine höhere soziale Kontrolle und andererseits eine hohe Anonymität. Zugespitzt formuliert: Jede/r weiß alles, aber keinen kümmert es. Dies könnte durch die hohe Bevölkerungsdichte von Auwiesen (Quelle: Linz Statistik 2003), durch die „gläserner Bauweise“ und durch die hohen Fluktuation der BewohnerInnen erklärt werden. Speziell die hohe Fluktuation erschwert den Aufbau eines Beziehungsgeflechtes. Ob die Situation wirklich so ist können wir nur bedingt feststellen: Wir haben erhoben welches Verhältnis die Jugendlichen zu den Erwachsenen in der Nachbarschaft haben (siehe Kapitel „Wahrnehmung der Erwachsenen“). Was wir zusätzlich wiedergeben können sind die Eindrücke, welche wir beim Verteilen der Fragebogen gewonnen haben. Wir fragten alle BewohnerInnen, ob sie wüssten wo in diesem Haus Jugendliche wohnen. In der Regel wussten sie sehr vage über die Jugendlichen bescheid („Ich glaube oben wohnen zwei“). Uns ist jedoch aufgefallen, dass jene die schon lange hier wohnten, viel genauer über die Nachbarn bescheid wussten: z.B. konnten sie uns Namen nennen oder mitteilen ob sie zuhause sind.
Zwischen den Blocks wurde Platz für zwei Sportanlagen (Fußball- und Basketballplatz) und mehrere Kinderspielplätze geschaffen. Der größte Teil der Anlage ist renoviert und in einem guten Zustand. Es gibt kaum Anzeichen von Vandalismus und es ist relativ sauber. Als wir bei schönem Wetter zum ersten Male Auwiesen besuchten, wurden wir durch den vorhandenen Ruf des Stadtteils in die Irre geleitet. Die Anlage machte einen netten Eindruck auf uns und wir glaubten uns verfahren zu haben und im falschen Stadtteil gelandet zu sein. Einzig bei den Müllcontainern wird häufig Sperrmüll abgelagert. Dies bestätigt uns auch einer der Hausverwalter:
HV: Also ich glaube der Ruf wird eher von Außenstehenden verbreitet als direkt von Auwiesnern, ist meine Meinung. Jeder sagt: „Gotteswillen, Auwiesen“, jeder hat Angst davor, dass es zu groß ist. Alles anonym, dadurch haben wir schon große Probleme durch die Tiefgaragen. Wir haben große Probleme mit Sperrmüll und solchen Sachen, die Leute hauen alles irgendwo raus. Das sieht aber dann keiner, weil der kann durch die Tiefgaragen rausgehen und in der Nacht. Wie es bei uns ist, mit den großen Tiefgaragen, alles anonym, hast du gar nicht die Möglichkeit herauszufinden wer das war [...].
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Als wir den Fragebogen verteilten wurden wir auch hin und wieder in die Wohnungen gebeten. Dies gab uns die Möglichkeit mit den Eltern über Auwiesen zu reden. Eine Mutter bat mich herein und meinte, dass das schon „arge“ Fragen sind, die wir da stellen (sie meinte jene Frage, welche auf Disorder-Erscheinungen abzielen). Sie verteidigt Auwiesen und meint „dass es so schlimm wirklich nicht sei“. Sie wohnt schon lange hier und für sie und ihre Kinder ist es eigentlich recht nett. Das einzige was sie stört ist, dass es jetzt einen neuen Sportplatz gibt, dieser aber ständig von Türken, die nicht von Auwiesen sind, besetzt wird.
Die zweite Hälfte von Auwiesen ist jener Raum in dem der größte Teil des öffentlichen Lebens stattfindet. Dort befindet sich ein kleines Einkaufszentrum, welches einen Supermarkt, zwei Cafe/Bars, eine Trafik, ein Chinarestaurant, eine Bank, eine Apotheke, einen Copyshop und eine Drogerie beheimatet. Direkt angrenzend befindet sich das Volkshaus mit Räumlichkeiten für Veranstaltungen und das Jugendzentrum Alpha. Der Innenhof des Gebäudekomplexes wird häufig von Jugendlichen genützt. Auf dem Platz vor dem Einkaufszentrum (Wüstenrotplatz) befindet sich die Straßenbahnhaltestelle, Bushaltestelle und ein Imbissstand.
4.2.2 Die weitere objektive Infrastruktur
In Auwiesen befindet sich eine Volksschule. In näherem Umkreis gibt es noch zwei Hauptschulen, jedoch keine höheren Schulen oder Gymnasien. Direkt im Stadtteil gibt es eine Bibliothek und eine kleines Rathaus in dem ein Großteil der Behördengänge erledigt werden kann. Es gibt fünf Kindergärten und zwei Horte, eine Kirche, ein Kidszentrum Kinder bis 13 Jahre und zwei Jugendclubs (vom Verein Jugend und Freizeit) mit Beratungs- und Streetworkfunktion. Die Jugendclubs bieten sowohl Mädchen- als auch Burschentage an. Des Weiteren gibt es ein Eltern-Kindzentrum und eine Außenstelle der Erziehungshilfe. Für sportliche Aktivitäten gibt es die Sportanlage Auwiesen, mehrere Basketball- und Fußballplätze, eine Skateanlage und eine Kletterhalle der Naturfreunde. Der gesamte Stadtteil ist sehr dicht bebaut und bietet kaum noch Spielraum für weitere Bauvorhaben. Die Wohnanlage besteht fast ausschließlich aus Wohnanlagen der GWG (Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Linz). Auwiesen liegt am südlichen Ende der Stadt und grenzt an ein Augebiet, welches als Naherholungsraum genützt wird. Die Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz ist gut. Mit der Straßenbahn kann das Stadtzentrum in ca. 20 min erreicht werden. Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass Auwiesen eine gute Infrastruktur anbietet (einzige Ausnahme: Die schulische Infrastruktur).
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Eine repräsentative Überprüfung, wie Auwiesen von der Linzer Bevölkerung wahrgenommen wird übersteigt die Möglichkeiten dieser Arbeit. Um sich trotzdem ein Bild über das Bild von Auwiesen zu verschaffen, wurden in erster Linie Zeitungsartikel der Oberösterreichischen Nachrichten der letzten 15 Jahre und ExpertInneninterviews untersucht. In den regionalen Printmedien wird über das gesamte Gebiet Linz-Süd eher negativ berichtet, speziell was Berichte über die Jugendlichen in diesem Gebiet betrifft (vgl. Nemeth/Dornmayr 1995: S.43). In den Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN) wird Auwiesen auffallend häufig negativ mit Aussagen wie „Problemviertel“ (OÖN-Ausgabe vom 06.02.1998; S.14; 18.03.1993; S.1) „städtebauliche Sünde“ (10.05.1995; S.3) oder „Linz hat in Sachen Wohnprojekte bereits einige Vorzeigebeispiele, die demonstrieren, wie man es nicht machen sollte. Auwiesen zählt wohl zu den markantesten.“( 13.07.1995; S.1 ) besetzt. Auwiesen wird häufig als
mahnendes, abschreckendes Beispiel verwendet, wenn über zukünftige Bauvorhaben der Stadt Linz berichtet wird (siehe z.B. OÖN-Ausgaben vom 23.09.2004 S.12; 26.05.1998; S.15. 12.08.1993; S13). Von Anfang bis Mitte der Neunziger lässt sich eine hohe Aufmerksamkeit auf den Stadtteil feststellen. Es kommt zu vielen Berichten und Erklärungsversuchen über die Probleme von und mit Jugendlichen. Kurzfristig musste sogar der Jugendclub geschlossen werden, da die Sicherheit der Jugendlichen nicht mehr gewährleistet werden konnte (vgl. OÖN 04.03.1994; S.13). Die OÖN erklärten dies so:
Die Betreuungseinrichtungen für die überwiegend jungen Bewohner, die vielen Kinder und Jugendlichen in diesen neuen Siedlungen wurden jedoch nicht im nötigen Ausmaß mitgeliefert. Es dürfte demnach kein Zufall sein, daß in Auwiesen überdurchschnittlich viele Jugendliche Probleme mit Alkohol, anderen Drogen und Gewalt haben (OÖN 26.08.1992: S. 18).
Diesem Thema werden wir uns im Kapitel „Wahrnehmung des Rufs“ und im qualitativen Teil noch genauer widmen. Hier soll lediglich die Außenansicht wiedergegeben werden. Einen Höhepunkt der medialen Aufmerksamkeit wurde 1995 durch einen Brandanschlag auf das dortige China-Restaurant ausgelöst (Dieser Vorfall stand aber nicht im Zusammenhang mit Jugendlichen). In Folge wurde der Ruf nach verstärkter Polizeipräsenz bzw. nach einem eigenem Wachzimmer und mehr SozialarbeiterInnen lauter (vgl. OÖN 20.06.1995: S.13 und 26.05.1994: Nachrichten Extra). Auffallend ist auch, dass es ab Mitte der Neunziger kaum noch Berichte über Straftaten gab. Auwiesen wird jedoch trotzdem häufig als Negativbeispiel erwähnt (siehe oben). Allem Anschein nach spiegelt der Ruf nicht mehr die realen Zustände in Auwiesen wider. Darauf weisen die, in der explorativen Phase durchgeführten,
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ExpertInneninterviews hin. In der Zeitung „Leben in Linz“(2003) wird Auwiesen „als ein Stadtteil in dem es sich gut leben lässt“ bezeichnet.
Demnach hat Auwiesen in der Öffentlichkeit ein schlechtes Bild. Der Pfarrer von Auwiesen beschreibt seine Eindrücke so: . Ich habe unterrichtet in der 4.Klasse Hauptschule, und wie ich gesagt habe ich gehe nach Auwiesen: was Sauwiesen, Bronx von Linz, fällt ihnen da nichts gescheiteres ein? Ja, so irgendwie. Und insofern ist dieses Auwiesen noch einmal ein geprägter Begriff, Sozusagen von der Zuweisung her. Aber an sich ist es Schörgenhub, das stimmt. Und der Direktor der Schule von Schörgenhub legt darauf Wert, dass ihre Kinder nicht als Auwiesner angeredet werden, dass das Schörgenhub ist.[...] Aber wenn einer vom Bindermichl in die HTL kommt, dann passt’s aber wenn der von Auwiesen kommt, dann hat der schon eine gewisse Blunzn auf.
Worauf bezieht sich der Ruf?
Die verursachenden Faktoren des schlechten Ruf sind in erster Linie Vorfälle von und mit Jugendlichen im öffentlichen Raum. Es soll jetzt einmal davon abgesehen werden, ob die Vorfälle einen schlechten Ruf rechtfertigen, sondern der Blick darauf gelenkt werden, wer von dem schlechten Ruf betroffen ist. Beinahe alle Vorfälle spielten sich in der öffentlichen Sphäre des Stadtteils ab und nicht in der Wohnanlage. Es gibt zumindest keine Berichte über Einbrüche in Wohnungen, zerschlagene Wohnungsfensterscheiben usw.. Die räumliche Trennung (privater Wohnungsteil von Auwiesen/ öffentlicher Raum) spiegelt hier interessanterweise die Trennung zwischen den verursachenden Sphären wieder. Vom Ruf stigmatisiert wird jedoch der gesamte Stadtteil, also auch die Wohnanlage und jene Menschen die Auwiesen in erster Linie als Wohnraum nützen. Es wird also kaum differenziert wer oder was den Ruf auslöst, sondern der ganze Stadtteil wird als „Problemviertel“ diffamiert. Auch wir gingen dieser Diffamierung auf den Leim. Ursprünglich war diese Studie problemorientiert angelegt und wir mussten feststellen, dass es für die BewohnerInnen kaum Probleme gibt bzw., dass die BewohnerInnen gern in Auwiesen leben. Im Kapitel „Wahrnehmung des Rufs“ wollen wir herausfinden, wer von den Jugendlichen den Ruf wahrnimmt, wie sie seinen Realitätsgehalt einschätzen und ob er möglicherweise Auswirkungen auf die „ernsten“ Lebenswelten wie Schule und Arbeit hat.
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Wir wollten wissen, wie viel Platz und Rückzugsraum den Jugendlichen zu Hause zur Verfügung steht und ob der private Raum einen Einfluss auf die Nutzung des öffentlichen Raums hat.
Zuerst wollten wir wissen, ob die Jugendlichen über ein eigenes Zimmer verfügen. Abbildung 12: Verfügbarer Platz Abbildung 13: Personen pro Haushalt
n = 404; Median: 3
31,5% der befragten Jugendlichen verfügen über kein eigenes Zimmer. Der größte Teil (65,1%) hat ein eigenes Zimmer und 3,6% haben eine eigene Wohnung oder leben in einer Wohngemeinschaft. Durchschnittlich leben 3,76 (Median = 4, Modus = 4) Personen in einem Haushalt. Diese beiden Variablen wurden zu einem Wohnraumindex zusammengefasst (siehe Kapitel 3.2. Operationalisierung). Dieser Index lieferte uns eine Beschreibung des ökologischen Zentrums (Maß für verfügbaren und gestaltbaren privaten Raum) und wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit von Bedeutung sein. Abbildung 14: Wohnraumindex
Der einzige signifikante Zusammenhang ergibt sich mit der Variable MigrantIn (Ja/nNein; R = 0,181; Part. Koeff.: 0,181; 95% Signifikanz). Dies bedeutet, dass die jugendlichen MigrantInnen über weniger privaten Raum verfügen und diesen gestalten können. Ob dies Auswirkung auf die Nutzung des öffentlichen Raumes hat, wird im Kapitel 4.3.2 Mobilität beschrieben.
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4.3 Erklärende und abhängige Variablen
4.3.1 Jugendkulturen (Schwarz)
Folgende Frage sollte uns Aufschluss darüber geben, ob sich die Jugendlichen von Auwiesen einer Jugendkultur zugehörig fühlen bzw. wenn ja zu welcher. Durch das ordinale Messniveau konnte zusätzlich der Grad des Kontakts festgestellt werden.
Tabelle 13: Grad der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen (in %)
Die Tabelle zeigt, dass sich die Mehrheit der befragten Jugendlichen der HipHop-Szene zugehörig fühlt. Darauf wurden wir schon im Zuge der Experten/Inneninterviews aufmerksam gemacht. Eine Jugendbetreuerin des Jugendzentrum Alpha äußerte sich dazu folgendermaßen:
Interviewer: In welcher Jugendkultur sind sie verhaftet? HipHop hast du schon gesagt.
Befragte: “Ja HipHop, so MTV Mainstream halt. Fortgehen so im “Empire” und “Nachtschicht” und “Cembran” und “Tunnel” also das sind die Älteren. Es sind sehr viele Jugendliche ausländischer Herkunft da herinnen, eben auch Moslems. Diese Jugendlichen ausländischer Herkunft sind eben auf dem RnB und HipHop Zug2 6 F 27 . Die sind relativ homogen“.
Mehr als ein Fünftel (21,5%) gab an, sich der Jugendkultur der HipHoper zugehörig zu fühlen.
27 Es konnte allerdings kein signifikanter Zusammenhang zwischen MigrantInnen und der Zugehörigkeit zur Jugendkultur der HipHoper festgestellt werden.
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Die Skateboarder stellen in Auwiesen die Zweit größte Jugendszene dar. 14,5% der Jugendlichen fühlen sich dieser Jugendkultur angehörig. Allerdings muss angemerkt werden, dass die Skateboarder von Auwiesen keine dauerhafte Gruppierung darstellen. Eine Streetworkerin aus Linz Süd machte uns auf dies aufmerksam:
Befragte1: „Z.B. skaten, oder HipHop Musik horchen. Das wechselt auch sehr stark. Einmal ist das Skaten total in, zwei Wochen oder so. Dann stehen sie mit dem BMX da und machen sonst nichts mehr. Wieder drei Wochen später gibt es wieder einen neuen Trendsport, den irgendjemand erfunden hat. Dann ist halt das wieder total in. Sie sind nicht so fixiert auf: ‚Wir sind die Skater und da bleiben wir dabei und das taugt uns“; Sondern, das wechselt ständig’.
Interviewer: Also gibt es keine konstante Skater- Gruppe?
Befragte2: Nein, nicht wirklich.
Wir konnten auch im Zuge unserer qualitativen Feldarbeit keine dauerhafte Gruppierung feststellen und somit war es nicht möglich, Einzelinterviews oder Gruppendiskussionen mit Skateboardern durchzuführen.
Erwähnenswert sind außerdem die Punks/Grunger/Alternativen. Immerhin gaben 11,7% an, sich zugehörig zu fühlen.
Diese drei Gruppierungen, also die HipHoper, die Skateboarder und die Punks sollen in weiterer Folge getrennt behandelt werden. Alle anderen erfragten Jugendkulturen wie Metaller, Raver, Drum’n’Bass-Szene und Skinheads werden nicht gesondert betrachtet, da der Anteil jener, die sich mit diesen Jugendkulturen identifizieren, zu gering ist.
Durch Dichotomisierung der Fragebatterie (fühle mich zugehörig/fühle mich nicht zugehörig) konnte festgestellt werden, wie viel % der Befragten sich mit einer Jugendkultur identifizieren. Dabei zeigte sich, dass sich insgesamt 45% der Jugendlichen aus Auwiesen irgendeiner Jugendkultur zugehörig fühlen.
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Abbildung 15: Zugehörigkeit zu Jugendkulturen (in %)
Auf bivariater Ebene ergaben sich keine signifikanten Unterschiede aufgrund der zentralen erklärenden Variablen. Alter, Geschlecht, Ethnizität, Schicht, Bildungsniveau und die Wohnraumdichte nehmen keinen Einfluss darauf, ob sich ein Jugendlicher aus Auwiesen irgendeiner Jugendkultur zugehörig fühlt2 7 F 28 . Interessant ist hierbei v.a. das Geschlecht und die Wohnraumdichte, da aufgrund theoretischer Überlegungen andere Hypothesen abgeleitet wurden. Die Hypothese von Antje Flade lautete, dass der öffentliche Raum nach wie vor eine Domäne insbesondere der Burschen ist. Auch Saegert und Hart betonen das höhere Aktivitätsniveau von Burschen im öffentlichen Raum und weisen auf die aktivere Umweltaneignung im Gegensatz zu den Mädchen hin. In Kombination mit der Hypothese von Riege, dass ‚draußen Jugendliche’ eher jugendkulturell bzw. subkulturell orientiert sind als die Mädchen, ergab sich die Vermutung, dass männliche Jugendliche den öffentlichen Raum verstärkt nutzen und somit eher jugendkulturell orientiert sind. Auch unsere Beobachtungen und Eindrücke während der Feldarbeit in Auwiesen ließen den Eindruck entstehen, dass weibliche Jugendliche eher weniger im öffentlichen Raum zu sehen waren. Weil aber jede Jugendkultur stark an diesen gebunden und eventuell davon abhängig ist, kam es zu der Vermutung, dass Mädchen eher weniger als Burschen in Jugendkulturen eingebunden sind. Auch die Überlegungen bezüglich der Wohnraumdichte führen zu der Annahme, dass Jugendliche mit wenig Eigenraum in der Wohnung eher den öffentlichen Raum nutzen und somit eher jugendkulturell gebunden sind. Diese Hypothesen haben sich für jugendliche Auwiesener/Innen im Hinblick auf die Teilnahme an irgendeiner Jugendkultur nicht bewährt.
28 Die Einflüsse der zentralen erklärenden Variablen auf die Teilnahme an spezifischen Jugendkulturen werden im nächsten Abschnitt behandelt.
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4.3.1.1 HipHoper
Wie bereits erwähnt fühlt sich mehr als ein Fünftel (21,5%) der Jugendlichen aus Auwiesen der HipHop-Szene zugehörig. Diese stellt somit die größte Jugendkultur in Auwiesen dar. Aufgrund folgender Merkmale ergaben sich signifikante Unterschiede bezüglich der Teilnahme an dieser Jugendkultur:
- Bildungsniveau
- Besuch eines Gymnasiums
- Schichtzugehörigkeit
Tabelle 14: Zusammenhänge zwischen HipHop und zentralen erklärende Variablen
Beschreibung und Erklärung der Tabelle
- Je niedriger das Bildungsniveau, desto eher fühlen sich die Jugendlichen der HipHop-Kultur zugehörig.
- Gymnasiasten/Innen fühlen sich eher nicht zugehörig.
- Je niedriger das Schichtniveau, desto eher fühlen sich die Auwiesener Jugendlichen dieser Jugendkultur zugehörig.
4.3.1.2 Skateboarder
Die Jugendkultur der Skateboarder stellt in Auwiesen die zweit größte Gruppierung dar. 14,5% der befragten Jugendlichen fühlen sich zugehörig. Folgende Merkmale nehmen einen signifikanten Einfluss darauf, ob sich ein Jugendlicher zugehörig fühlt:
- Geschlecht2 8 F 29
- Alter
29 Die Stärke des diesbezüglichen Zusammenhangs wurde von uns deutlich höher eingeschätzt, da Skateboarding in der Regel fast ausschließlich von männlichen Jugendlichen und Erwachsenen praktiziert wird.
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Tabelle 15: Zusammenhänge zwischen SkaterInnen und der zentralen erklärenden Variablen
Beschreibung und Erklärung der Tabelle
- Männliche Jugendliche fühlen sich eher zugehörig als weibliche Jugendliche.
- Die jüngeren Jugendlichen fühlen sich eher zugehörig.
4.3.1.3 Punks
Die Gruppe der Punks stellt in Auwiesen die drittgrößte Jugendkultur dar. Wie bereits erwähnt fühlen sich 11,7% der befragten Jugendlichen aus Auwiesen zugehörig. Die quantitative Analyse zeigte, dass nur das Merkmal MigrantIn ja/nein einen signifikanten Einfluss darauf nimmt, ob sich Jugendliche zugehörig fühlen.
Tabelle 16: Zusammenhänge zwischen Punks und zentralen erklärende Variablen
Beschreibung und Erklärung der Tabelle:
- Migrant/innen fühlen sich der Jugendkultur der Punks eher nicht zugehörig.
Die allgemeine Zugehörigkeit zu Jugendkulturen nimmt Einfluss auf die Stadtteilgebundenheit, auf die Wohnungsgebundenheit und auf die Häufigkeit des Verlassens von Auwiesen. Jugendkulturell gebundene Jugendliche sind eher stadtteilgebunden (Ktb=-0,198**), verbringen somit den größten Teil ihrer Freizeit in Auwiesen (Ktb=-0,121**) und verlassen das Viertel insgesamt seltener (Ktb=-0,095*). Auch unsere Vermutung, dass Jugendliche, die sich einer Jugendkultur zugehörig fühlen, weniger Freizeit in ihrer Wohnung verbringen, hat sich bestätigt (Ktb=0,197**).
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Dies trifft für die Gruppierung der HipHoper ebenso zu. Allerdings ergaben sich bezogen auf die Stadtteilgebundenheit und bezogen auf die Freizeit, die in Auwiesen verbracht wird, stärkere Zusammenhänge. Auch HipHoper sind gekennzeichnet durch hohe Stadtteilgebundenheit (Ktb=-0,332**), verbringen mehr Freizeit in Auwiesen (Ktb= -0,266**) und weniger innerhalb der Wohnung (Ktb=0,151**).
Aufgrund der Zugehörigkeit zur Jugendkultur der Skateboarder ergaben sich keine signifikanten Zusammenhänge.
Auch Punks sind weniger wohnungsgebunden (Ktb=0,134**), verlassen im Gegensatz zu den anderen Gruppierungen den Stadtteil aber öfter (Ktb=-0,123**). Dies lässt sich dadurch erklären, dass Punks, im Gegensatz zu den Zugehörigen anderer Jugendkulturen dem Item ‚Fast alle meine Freunde verbringen ihre Freizeit in Auwiesen’ am wenigsten zustimmen. Der Vergleich der Mittelwerte2 9 F 30 weist auf diese Tatsache hin:
Tabelle 17: Fast alle meine Freunde verbringen ihre Freizeit in Auwiesen:
30 Niedrige Mittelwerte weisen auf hohe Zustimmung hin.
31 Dieser Zusammenhang ist nicht signifikant.
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4.3.2 Empirie Mobilität (Schuld)
Abbildung 16: Funktionsbestimmte Mobilität:
(Wo befindet sich Deine Schule, Deine Arbeit, Kurseinrichtung (BFI,AMS...) usw.?
90,8% der Jugendlichen müssen Auwiesen verlassen um ihrer Schule oder ihren Arbeitsplatz zu erreichen. D.h. es kann davon ausgegangen werden, dass diese 90% unter der Woche praktisch täglich einmal den Stadtteil verlassen müssen. Die Hälfte der Jugendliche muss aus dem Gebiet Linz-Süd und 10,5% aus Linz raus um ihren Arbeitsplatz oder ihre Schule zu erreichen. Der relativ geringe Anteil an Jugendlichen (6,3%) die in Auwiesen in die Schule gehen oder in Auwiesen arbeiten liegt wohl daran, dass es in Auwiesen nur eine Volksschule und kaum Industrie, Gewerbe- und Dienstleistungszentren gibt. Auch in Linz-Süd ist die schulische Infrastruktur schlecht: Es gibt keine Gymnasien und kaum höhere Schulen. Jedoch gibt es in Linz-Süd das AMS, BFI und einige Gewerbezentren (allen voran die VOEST-Alpine) was zur Folge hat, dass die Infrastruktur für Arbeitssuchende und arbeitende Jugendliche besser ist, als für SchülerInnen. Dies wird auch durch unsere erhobenen Daten bestätigt: Das Bildungsniveau ist der einzige signifikante Einfluss auf die funktionsbestimmte Mobilität. Es macht für die funktionsbestimmte Mobilität jedoch keinen Unterschied ob die Jugendlichen arbeiten oder noch zur Schule gehen. SchülerInnen, Lehrlinge und arbeitende Jugendliche sind gleich mobil. Eine lineare Regressionsanalyse liefert als Ergebnis, dass ein höheres Bildungsniveau die funktionsbestimmte Mobilität erhöht. (Multipler
Korrelationskoeffizient R = 0,405 100% signifikant; Partieller Koeffizient der Variable Bildungsniveau = 0,328
100% signifikant. In die Regression wurden folgende Variablen aufgenommen: MigrantIn (Ja/Nein), Geschlecht,
Wohnraumindex, Schichtzugehörigkeit, Alter).
Betrachten wir nun die freizeitliche Mobilität und versuchen die Frage zu klären, ob es zwischen der funktionsbestimmten Mobilität und der freizeitlichen Mobilität einen
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Zusammenhang gibt. Es gilt auch zu klären ob das Bilddungsniveau einen Einfluss auf die freizeitliche Mobilität hat.
4.3.2.1 Dimension Freizeitmobilität:
Wir bildeten 3 Typen der Freizeitmobilität (wohnungsgebunden, stadtteilgebunden und stadtteilungebunden), welche sich in die Kategorien „Drinnen Jugendliche“ und „Draußen Jugendliche“ einteilen lassen. „Drinnen Jugendliche“ - Wohnungsgebundene Typen
29,7% der Jugendlichen verbringen den größten Teil ihrer Freizeit in der Wohnung. Diese stellten für uns die Wohnungsgebundenen Typen dar. 30,5% verbringen ihre Freizeit nur zum Teil in der Wohnung und der größere Teil (39,8%) verbringt ihre Freizeit eher nicht in der Wohnung. Das Interessante dabei ist, dass keine unserer zentralen unabhängigen Variablen (Geschlecht, Alter, Ethnie, Schicht, Bildungsniveau, Dichte des Wohnraums) einen Einfluss auf die Wohnungsgebundenheit nehmen. Einzig der Grad des Kontaktes zu einer Jugendkultur übt einen Einfluss aus. Je mehr Kontakt ein/e Jugendliche/r zu einer Jugendkultur hat, desto eher verbringt er oder sie die Freizeit außerhalb der Wohnung. (Multipler Korrelationskoeffizient R = 0,277 100% signifikant; Partieller Koeffizient der Variable Bildungsniveau = 0,241 95% signifikant. In die Regression wurden folgende Variablen aufgenommen:
MigrantIn (Ja/Nein), Geschlecht, Wohnraumindex, Schichtzugehörigkeit, Alter).
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„Draußen Jugendliche“
Folgende Items wurden einer Faktoranalyse unterzogen und den Typen Stadtteilgebunden bzw. Stadtteilungebunden zugeordnet (siehe Kapitel Operationalisierung): - Stadteilgebundene Typen Tabelle 18: Stadtteilgebunden
1/3 (33,9%) der Auwiesner Jugendlichen verbringen den größten Teil ihrer Freizeit in Auwiesen, aber nicht in der Wohnung. Von 38,7% verbringt der größte Teil des Freundeskreises ihre Freizeit ebenfalls in Auwiesen.
Einen direkten Einfluss auf den Faktor „Stadtteilgebundenheit“ üben die Variablen „Bildungsniveau der Jugendlichen“ und „Entfernung der Schule/Arbeit/Kurs“ (funktionsbestimmte Mobilität) aus.
Abbildung 18: Signifikante Einflussfaktoren auf die Stadtteilgebundenheit 3 1 F 32
Je höher das Bildungsniveau und je weiter die Schule und der Arbeitsplatz von Auwiesen entfernt ist, desto weniger wird die Freizeit in Auwiesen verbracht und desto weniger befindet sich der Freundeskreis in Auwiesen. Umgekehrt bedeuten ein geringeres Bildungsniveau und eine geringe funktionsbestimmte Mobilität eine höhere Bindung an den Stadtteil Auwiesen. In die Regression wurden folgende Variablen aufgenommen: MigrantIn (Ja/Nein), Wohnraumindex, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, Entfernung von Schule/Arbeit. Älteren nützen im vergleich genauso stark den Stadtteil. Somit hat sich folgende Hypothese bewährt: Die Entfernung des Arbeitsplatzes und die des Schulorts (funktionsbestimmte Mobilität) hat einen Einfluss auf die freizeitliche Mobilität. Je geringe die Bildung und je
32 *** = 100% signifikant * = 95% signifikant
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näher die Schule und der Arbeitsplatz zur elterlichen Wohnung ist, desto eher wird auch die Freizeit in Auwiesen (ökologischer Nahraum) verbracht. Weiteres sind eher Jüngere und Angehörige der HipHop-Kultur an den Stadtteil gebunden
- Stadtteilungebundene Typen
Dies sind jene Jugendlichen, welche ihre Freizeit außerhalb von Auwiesen verbringen. Die folgende Frage wurde den Jugendlichen gestellt:
.Wie oft verlässt Du in Deiner Freizeit folgende Orte?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
Tabelle 19: Stadtteilungebunde Typen (in %)
¾ (74,4%) der Jugendlichen verlassen mindestens mehrmals pro Woche in ihrer Freizeit Auwiesen. 15,4% verlassen Auwiesen einmal pro Woche und 10,2% verlassen den Stadtteil einmal pro Monat oder seltener. Etwa die Hälfte (53,5%) verlassen mindestens mehrmals pro Woche die Region Linz-Süd und 21,7% verlassen ebenso oft in ihrer Freizeit Linz. Aus diesen drei Variablen wurde der Faktor „Stadtteilungebundenheit“ gebildet. Dieser Faktor sagt nur aus, wie oft der Stadtteil Auwiesen in der Freizeit verlassen wird. Er sagt jedoch wenig aus, wo die Freizeit meistens verbracht wird. Ein kurzer Shopping Ausflug in die Innenstadt, bedeutet nicht, dass der bevorzugte freizeitliche Lebensraum die Innenstadt ist. Zur Absicherung wurde den Jugendlichen zusätzlich folgende Frage gestellt: Tabelle 20: Freizeit in Linz-Süd (in %)
Hier ergibt sich das Bild, dass nur 18,8% der Jugendlichen den größten Teil ihrer Freizeit außerhalb von Auwiesen verbringen. Eine lineare Regressionsanalyse brachte das Ergebnis, dass es keinerlei Einflussfaktoren auf den Faktor „Stadtteilungebunden“ gibt (auch nicht auf die einzelnen Items aus denen sich der Faktor zusammensetzt). Die zentralen unabhängigen Variablen haben auch keinen Einfluss darauf, ob sich der freizeitliche Lebensraum außerhalb von Auwiesen befindet.
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Je höher das Bildungsniveau, desto höher ist die funktionsbestimmte Mobilität. Es gibt zwischen SchülerInnen, Lehrlingen und Arbeitslosen keine Unterschiede bezüglich der Mobilität. Die Angehörigen einer Jugendkultur verbringen ihre Freizeit weniger innerhalb einer Wohnung. Je höher das Bildungsniveau und je weiter die Schule und der Arbeitsplatz von Auwiesen entfernt ist, desto weniger wird die Freizeit in Auwiesen verbracht und desto weniger befindet sich der Freundeskreis in Auwiesen. Umgekehrt bedeuten ein geringeres Bildungsniveau und eine geringe funktionsbestimmte Mobilität eine höhere Bindung an den Stadtteil Auwiesen. Die zentralen Variablen haben keinen Einfluss auf die Stadtteilungebundenheit. Hervorhebenswert wäre noch, dass das Geschlecht und Ethnie keinen Einfluss auf unsere Formen von Mobilität hat. Buben und Mädchen, ÖsterreicherInnen und MigrantInnen sind bezüglich Wohnungsgebundenheit, Stadtteilgebundenheit und Stadtteilungebundenheit gleichgestellt. Weiters hat die Dichte des Wohnraums (ökologischen Zentrum) und der zur Verfügung stehende private Raum keinen Einfluss auf jegliche Form der Mobilität. Dies ist insofern interessant, da MigrantInnen eher über einen geringeren Wohnraumindex verfügen und trotzdem im gleichen Ausmaß ihre Freizeit in der Wohnung und im öffentlichen Raum verbringen. Eine mögliche Ursache für diesen nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen Ethnie und Nutzung des öffentlichen Raums, könnte eine mögliche stärkere Bindung an die Familie bei MigrantInnen sein. Wir gingen ursprünglich davon aus, dass ein geringerer Wohnraumindex zu einer stärkeren Nutzung des öffentlichen Raums führen könnte. Möglicherweise kompensiert eine stärkere Bindung an die Familie den möglichen Effekt des Wohnraumindex.
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4.4 Abhängige Variablen
4.4.1 Nutzung des Stadtteils (Schwarz)
Bei den folgenden Fragen ging es darum herauszufinden, wo sich die Auwiesener Jugendlichen in ihrer Freizeit am häufigsten treffen und inwieweit sie die Möglichkeiten des Stadtteils nutzen. Zuerst sollten die Jugendlichen das Item ‚Ich verbringe den größten Teil meiner Freizeit nicht in meiner Wohnung, aber in Auwiesen’ bewerten. Folgende Tabelle zeigt die Verteilung des Antwortverhaltens.
Abbildung 19: Ausmaß der Stadtteilnutzung Tabelle 21: Ausmaß der Stadtteilnutzung
Für ein Drittel der befragten Jugendlichen (33,1%) trifft es zumindest zu, dass sie den größten Teil ihrer Freizeit in Auwiesen verbringen. Ein Fünftel gab an, den Stadtteil zumindest teilweise zu nutzen. Immerhin verbringen 40,6% der Jugendlichen aus Auwiesen ihre Freizeit vorwiegend außerhalb des Stadtviertels. Die folgende Frage betrifft nicht Auwiesen als Ganzes, sondern spezifische Lokalitäten innerhalb des Stadtteils.
Tabelle 22: Wo triffst Du Dich am liebsten mit Deinen Freunden/Innen? (in %)
Die hohen Mittelwerte bezüglich aller von uns genannten Lokalitäten weisen darauf hin, dass die von uns genannten Lokalitäten durchschnittlich eher selten genutzt werden. Bemerkenswert ist, dass 90,9% der Jugendliche ‚Sonstige’ Plätze zumindest oft aufsuchen. Dies lässt sich allerdings dadurch erklären, dass jene Jugendliche, welche die Kategorie
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‚sonstige’ wählten, die entsprechenden Orte auch nutzen. Auffällig waren die zahlreichen Nennungen der Auwiesen Haltestelle. Die meist frequentierten Plätze sind der Sportplatz, der Funcourt und der Skatepark. Sowohl das Jugendzentrum Alpha als auch das Jugendzenrum Fjutscharama werden von knapp 10% der Befragten Jugendlichen besucht. In dieser Fragebatterie wurde zusätzlich nach dem Erlaubnis der Eltern gefragt. Es stellte sich heraus, dass 7,1% der Befragten nicht ins Alpha und 7,9% nicht ins Fjutscharama dürfen. Die Prozentsätze bezüglich der weiteren Items sind nicht erwähnenswert.
Um feststellen zu können, wie viele Jugendliche die infrastrukturellen Angebote in Auwiesen häufig nutzen, wurde die Variable: ‚Nutzer/Innen’ bzw. ‚nicht Nutzer/Innen’ erstellt. Dabei gelten alle jene Jugendliche als Nutzer/Innen, welche irgendeine genannte Lokalität zumindest häufig frequentieren und sich dort oft mit den Freunden/Innen treffen. Aufgrund der eindimensionalen Auszählung wurden lediglich 37,5% der befragten Jugendlichen als Nutzer/Innen und fast zwei Drittel (62,5%) als ‚nicht Nutzer/Innen’ klassifiziert.
4.4.1.1 Zusammenhänge aufgrund der zentralen erklärenden Variablen:
Tabelle 23: Bivariate Einflüsse des Alters auf Stadtteilnutzung:
Das positive Vorzeichen der Korrelationskoeffizienten weist darauf hin, dass die 12 bis 15 Jährigen den Skatepark, den Wüstenrotplatz und den Sportplatz häufiger nutzen als die 16 bis 19 jährigen Jugendlichen. Die intensivere Nutzung der Jüngeren lässt sich bezogen auf den Skatepark durch den Zusammenhang zwischen Alter und Zugehörigkeit zur Jugendkultur der Skateboarder erklären. Nachdem sich eher jüngere zugehörig fühlen nutzen diese denfunktionsbestimmten Ort- Skatepark öfter. Bezüglich der intensiveren Nutzung des Wüstenrotplatzes kann auch die Erlaubnis der Eltern eine Rolle spielen. Der zentral gelegene Platz ist für alle Personen gut einsehbar und wird von vielen Erwachsenen passiert. Auch die letzte Zeile der Tabelle weist darauf hin, dass die Jüngeren den öffentlichen Raum allgemein mehr beanspruchen.
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Zusammenhänge aufgrund des Geschlechts
Tabelle 24: Bivariate Einflüsse des Geschlechts auf Stadtteilnutzung
Der Skatepark, der Sportplatz und der Funcourt wird von den Burschen signifikant häufiger genutzt als von den Mädchen aus Auwiesen. Hierbei muss erwähnt werden, dass die genannten Plätze auf sportliche Aktivitäten ausgerichtet sind und somit nicht auf die allgemeine geschlechtsspezifische Raumnutzung geschlossen werden kann. Die folgende Faktorenanalyse weist darauf hin.
Faktorenanalyse: Treffpunkte in Auwiesen:
Eine Faktorenanalyse bezogen auf die öffentlichen Treffpunkte in Auwiesen ergab folgende Dimensionen:
• 2 Faktoren aus 7 Variablen mit Varimax-Rotation
• Kumulierte Varianz: 62,8%
Tabelle 25: Faktorenanalyse: öffentliche Treffpunkte
Eine lineare Regressionsanalyse bezogen auf die Nutzung sportbezogener Treffpunkte ergab direkte Zusammenhänge mit dem Geschlecht3 2 F 33 und mit dem Alter3 3 F 34 . Männliche Jugendliche und jüngere Jugendliche nutzen sportbezogene Treffpunkte eher. Bezüglich der allgemeinen Treffpunkte ergaben sich keine direkten Zusammenhänge.
Jedoch konnte unsere Hypothese, dass die Burschen den öffentlichen Raum allgemein häufiger nutzen als die Mädchen, vorläufig nicht falsifiziert werden. Der schwache signifikante Zusammenhang (-0,168) zwischen Geschlecht und Nutzer/Innen des öffentlichen
33 Partieller Korrelationskoeffizient = -0,264 (100% Signifikanz)
34 Partieller Korrelationskoeffizient = 0,269 (100% Signifikanz)
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Raums weist auf diese Tatsache hin. Jüngere Mädchen halten sich dabei öfter ‚draußen’ auf als Ältere.
Zusammenhänge aufgrund der Migration:
Tabelle 26: Bivariate Einflüsse der Ethnizität auf Stadtteilnutzung
Diese Tabelle zeigt, dass MigrantInnen alle genannten öffentlichen Plätze, außer den Skatepark, häufiger nutzen als die Österreicher/Innen. Der Skatepark wird von den Österreicher/Innen allerdings nicht signifikant öfter genutzt. Unsere Hypothese, dass MigrantInnen den öffentlichen Raum mehr in Anspruch nehmen konnte aufgrund des schwachen signifikanten Zusammenhangs (0,097) vorläufig bewährt werden. Allerdings vermuteten wir aufgrund des positiven Zusammenhangs zwischen Migration und Wohnraumdichte (Ktb=0,164**) und aufgrund der Aussagen von Experten, einen stärkeren Einfluss.
Der Pfarrer von Auwiesen äußerte sich dazu folgendermaßen:
Pfarrer: „Ich höre schon, dass der öffentliche Raum eher von ausländischen Jugendlichen genutzt wird.“
I: „Reiben die österreichische Kultur und die ausländische Kultur, gibt es da Probleme,...?“ Pfarrer: „ Glaube ich nicht. Da hört man eher so... Da haben wir nichts zu suchen, weil das ist eher in der Hand von ausländischen Cliquen.“ Eine Jugendliche meinte dazu:
Sarah: „Was ich auch viel sagen muss, ich weiß nicht, so reine Österreicher haben wir fast keine, wir sind irgendwie alles Ausländer, wenn du so denkst.“
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Zusammenhänge aufgrund des Bildungsniveaus:
Tabelle 27: Bivariate Einflüsse des Bildungsniveaus auf Stadtteilnutzung:
All diese angeführten Zusammenhänge weisen darauf hin, dass höher gebildete Jugendliche den öffentlichen Raum in Auwiesen signifikant weniger in Anspruch nehmen als die weniger gebildeten Mädchen und Burschen. Dies lässt sich dadurch erklären, dass höhere Bildung zu mehr Mobilität führt und somit auch Räume z.B. außerhalb des Viertels genutzt werden können und werden. Die diesbezügliche Hypothese konnte wiederum nicht falsifiziert werden.
Zusammenhänge aufgrund des Schichtniveaus:
Tabelle 28: Bivariate Einflüsse des Schichtniveaus auf Stadtteilnutzung
Die in der Tabelle genannten öffentlichen Einrichtungen werden von den Jugendlichen aus unteren Schichten eher genutzt. Hierbei muss erwähnt werden, dass das Jugendzentrum Alpha vor allem von jugendlichen MigrantenInnen genutzt wird und diese eher unteren Schichten zugehören. Mit allen anderen genannten öffentlichen Plätze ergaben sich keine signifikanten Zusammenhänge. Auch die allgemeine Raumnutzung konnte nicht aufgrund des Schichtniveaus erklärt werden.
Zusammenhänge aufgrund der Wohnungsdichte:
Interessanterweise konnten diesbezüglich keine signifikanten Zusammenhänge gefunden werden. Jene Jugendliche, die zu Hause über wenig Platz verfügen, halten sich deswegen nicht weniger in ihren Wohnungen auf. Hohe Wohnraumdichte führt nicht zur verstärkten Nutzung des öffentlichen Raums.
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4.4.1.2 Zusammenhänge aufgrund der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen:
Zusammenhänge aufgrund der Zugehörigkeit zu irgendeiner Jugendkultur:
Tabelle 29: Bivariate Einflüsse der Jugendkulturen auf Stadtteilnutzung
Die Zusammenhänge in der Tabelle weisen darauf hin, dass die Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur die Nutzung des öffentlichen Raums signifikant fördert. Dies lässt sich dadurch erklären, dass ‚jugendkulturelle Aktivitäten’ nicht innerhalb der Wohnung praktiziert werden können sondern dass dazu spezifische Räume benötigt werden. Das negative Vorzeichen der Korrelationskoeffizienten weist darauf hin, dass alle von uns erfragten öffentlichen Plätze in Auwiesen von Angehörigen von Jugendkulturen häufiger frequentiert werden
4.4.1.3 Zusammenhänge aufgrund einer spezifischen Jugendkultur (HipHoper/ Skateboarder/ Punks)
Tabelle 30: Bivariate Einflüsse von HipHop auf Stadtteilnutzung
Aussagen treffen auch für die Angehörigen der Jugendkultur der HipHoper zu. Hip Hopper nutzen den öffentlichen Raum von Auwiesen signifikant stärker als ‚nicht HipHoper’. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass jene Jugendliche, die den öffentlichen Raum
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häufiger nutzen eher mit HipHopern in Kontakt treten und eventuell dadurch in diese Jugendkultur eingebunden werden.
Tabelle 31: Bivariate Einflüsse von Skater und Punks auf Stadtteilnutzung 3 4 F 35
Es versteht sich eigentlich von selbst, dass Skateboarder den Skatepark häufiger nutzen als Jugendliche, die nicht Skateboard fahren. Auch die Nutzung des Sportplatzes lässt sich dadurch erklären. Ansonsten ergaben sich keine bedeutenden Zusammenhänge. Auch Angehörige der Jugendszene der Punks nutzen den Skatepark öfter. Eine mögliche Erklärung dafür ist die teilweise vorhandene kulturelle Nähe der beiden Jugendkulturen (z.B. ‚Skatepunks’). Entgegen unserer Vermutung, dass Punks mehrere öffentliche Räume häufiger besetzen, ist dies der einzig signifikante Zusammenhang.
4.4.1.4 Zusammenhänge aufgrund des Mobilitätsniveaus:
• Zusammenhänge aufgrund der Stadtteilgebundenheit:
Tabelle 32: Bivariate Einflüsse der Stadtteilgebundenheit auf Stadtteilnutzung
Die Tabelle zeigt, dass stadtteilgebundene Jugendliche alle öffentlichen Angebote in Auwiesen stärker nutzen als Stadtteilungebundene. Obwohl dies ‚auf der Hand liegt’, wurde der Zusammenhang deshalb überprüft, weil er eine Hypothese aus unserem grundlegenden Analyse- und Auswertungsschema darstellt. Die diesbezügliche Hypothese wurde somit nicht falsifiziert.
35 Die Jugendkulturen wurden deshalb zusammengefasst, da es nur wenige signifikante Zusammenhänge bezüglich der Nutzung des öffentlichen Raums gab.
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Zusammenhänge aufgrund der Wohnungsgebundenheit:
Tabelle 33: Bivariate Einflüsse der Wohnungsgebundenheit auf Stadtteilnutzung
Das negative Vorzeichen des Korrelationskoeffizienten deutet darauf hin, dass jene Jugendliche, welche den größten Teil ihrer Freizeit in der Wohnung verbringen, die in der Tabelle genannten öffentlichen Plätze in Auwiesen seltener nutzen. Obwohl dies für den Schachplatz, für den Sportplatz und für sonstige Treffpunkte nicht zutrifft, sind auch diese Zusammenhänge wenig überraschend.
Zusammenhänge aufgrund der funktionsbestimmten Mobilität (Entfernung zu Schule und Beruf)
Tabelle 34: Bivariate Einflüsse der funktionsbestimmten Mobilität auf Stadtteilnutzung
Die Tabelle weist darauf hin, dass die funktionsbestimmt mobileren Jugendlichen den öffentlichen Raum in Auwiesen weniger nutzen als jene, die näher am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz wohnen. Dieser Zusammenhang kann wiederum dadurch erklärt werden, dass höhere Mobilität zu einem anderen Freundeskreis und somit zu anderen Treffpunkten, außerhalb des Viertels, führt.
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4.4.1.5 Genauere Prüfung der Hypothesen und Zusammenfassung
Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (zeilenweise prozentuiert) Abbildung 20: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (zeilenweise prozentuiert)
70
60
50
40
30
20 10
0 weiblich mmnnlich
Tabelle 35: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (zeilenweise prozentuiert)
Die Graphik bzw. Tabelle zeigt, dass knapp ein Drittel der Mädchen von Auwiesen (28,3%) Nutzerinnen des öffentlichen Raumes sind. Diesen gegenüber stehen 71,7%, welche die von uns abgefragten Lokalitäten in der Freizeit nicht regelmäßig aufsuchen. Innerhalb der Gruppe der Burschen sieht die Verteilung anders aus. Etwa die Hälfte der männlichen Jugendlichen (45%) gilt als Nutzer des öffentlichen Raumes, 55% nicht.
Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (spaltenweise prozentuiert)
Abbildung 21: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (spaltenweise prozentuiert)
90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Nutzer/In nicht Nutzer/In Tabelle 36: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (spaltenweise prozentuiert)
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Diese Tabelle stellt die Geschlechtsverteilung aller Nutzer/Innen des öffentlichen Raumes von Auwiesen dar. Davon sind knapp zwei Drittel Burschen (64,9%) und etwa ein Drittel (35,1%) Mädchen. Unter den ‚nicht-Nutzer/Innen’ sind knapp die Hälfte Burschen (47,2%) und 52,8% Mädchen. Bezüglich der Raumnutzung der Mädchen äußerte sich der Pfarrer von Auwiesen folgendermaßen:
Interviewer: „Also das Angebot, wenn man so schaut, ist doch eher für Burschen. Skatepark, Basketball, usw. hauptsächlich genutzt von Burschen? Aber was wäre das Angebot für die Mädchen? Gibt es einen Bewusstsein, z.B. seitens der Wohnpolitik, speziell für Mädchen“?
Pfarrer: „Ich glaube, dass in den Jugendzentren bewusst in diese Richtung gearbeitet wird. Mein Gefühl ist es, dass das alte, klassische Rollenbild, die Burschen sind die Starken, die sich präsentieren und die Mädchen sind die, die hinter ihnen nachjapsen“.
Diese Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für die Bewährung der Hypothese, dass der öffentliche Raum eher von den männlichen Jugendlichen besetzt und angeeignet wird. Dieser Zusammenhang soll im nächsten Kapitel zusätzlich anhand einer linearen Regressionsanalyse überprüft werden.
Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Alter
Abbildung 22: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Alter (in %)
60 50 40 30 20 10 0 Nutzer/In Nicht Nutzer/In Tabelle 37: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Alter
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Diese Tabelle bzw. Graphik weist darauf hin, dass knapp 60% der Nutzer/Innen des öffentlichen Raumes (58,8%) zwischen zwölf und fünfzehn Jahren sind und 41,2% zwischen sechzehn und neunzehn Jahren. Im Vergleich dazu sind die Nichtnutzer/Innen eher älter. Etwas mehr als die Hälfte der Auwiesener Jugendlichen (53,1%), welche die öffentlichen Plätze nicht nutzen, sind zwischen sechzehn und neunzehn Jahren. Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Alter und Raumnutzung gibt, wird ebenso im nächsten Abschnitt durch eine Regressionsanalyse überprüft. Vorläufig konnte die diesbezügliche Hypothese nicht falsifiziert werden.
Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen:
Abbildung 23: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen:
70 60 50 40 30 20 10 0 Nutzer/In Nicht Nutzer/In
Tabelle 38: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen:
Diese Graphik bzw. Tabelle zeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen und der Nutzung des öffentlichen Raumes von Auwiesen gibt. Etwa zwei Drittel (63,4%) der Nutzer/Innen fühlen sich zumindest irgendeiner Jugendkultur zugehörig. Innerhalb der Gruppe der Nichtnutzer/Innen dreht sich dieses Verhältnis um. Knapp zwei Drittel der Jugendlichen (65,9%), welche die von uns abgefragten Lokalitäten von Auwiesen nicht regelmäßig besuchen, fühlen sich keiner Jugendkultur zugehörig.
Folgende Tabelle zeigt die Stärke der bivariaten Zusammenhänge und deren Signifikanz:
Tabelle 39: Bivariate Zusammenhänge mit der Stadteilnutzung
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Die höchsten Zusammenhänge ergaben sich aufgrund der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen. Dabei nimmt die allgemeine Zugehörigkeit den stärksten Einfluss auf die Nutzung des öffentlichen Raums von Auwiesen. Bezüglich des Alters und des Geschlechts ergaben sich eher schwache Zusammenhänge.
Regressionsmodell: Nutzung des öffentlichen Raums und Gebundenheit an den öffentlichen Raum:
Die Nutzung des öffentlichen Raums in Auwiesen bzw. die Gebundenheit an diesen wurde auf 2 Arten gemessen. Einerseits wurde die Variable: Nutzer/In des öffentlichen Raums verwendet, welche alle jene Jugendlichen einschließt, die einen , in der quantitativen Erhebung abgefragten, öffentlichen Raum sehr oft bzw. oft besuchen. Andererseits gelten alle Jugendliche als Nutzer/Innen des öffentlichen Raums von Auwiesen bzw. als stadtteilgebunden, welche den größten Teil ihrer Freizeit nicht in der Wohnung aber in Auwiesen verbringen und die auch den größten Anteil ihrer Freundschaften in Auwiesen pflegen. Aufgrund unserer Hypothesen ergab sich folgendes (lineares) Regressionsmodell:
Abbildung 24: Regressionsmodell zur Nutzung des öffentlichen Raums
Die im Modell dargestellten Pfeile stellen graphisch die von uns vermuteten kausalen Zusammenhänge dar und werden in den jeweiligen Kapitel theoretisch verknüpft.
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Tabelle 40: Direkte Einflussfaktoren für die Nutzung des öffentlichen Raums von Auwiesen
Abbildung 25: Direkte Einflussfaktoren für die Nutzung des öffentlichen Raums von Auwiesen
Die Tabelle und die Graphik zeigen die direkten Einflussfaktoren für die Nutzung des öffentlichen Raums in Auwiesen. Dabei ergaben sich Zusammenhänge aufgrund des Geschlechts, aufgrund des Bildungsniveaus und aufgrund der Zugehörigkeit zur Jugendkultur der HipHoper und der Skateboarder.
- Männliche Jugendliche nutzen den öffentlichen Raum intensiver als weibliche Jugendliche.
- Weniger Gebildete nutzen den öffentlichen Raum verstärkt.
Dies gilt ebenso für die Vermutung, dass die Zugehörigkeit zu Jugendkulturen zu einer intensiveren Raumnutzung führt. Es konnten allerdings keine Zusammenhänge aufgrund der Zugehörigkeit zur Jugendkultur der Punks gefunden werden. Dies lässt sich durch das höhere Mobilitätsniveau von Punks erklären. Zentrale Treffpunkte dieser Szene liegen außerhalb des Stadtteils (z.B. Donaulände; Parks in der Innenstadt usw.).
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Zusammenfassung:
Abschließend kann gesagt werden, dass von den zentralen erklärenden Variablen, das Geschlecht, das Alter, das Bildungsniveau und die Mobilität direkten Einfluss auf die Nutzung des öffentlichen Raumes von Auwiesen nimmt.3 5 F 36 Dies trifft auch für die Zugehörigkeit zur Jugendkultur der HipHoper und die Zugehörigkeit zur Jugendkultur der Skateboarder zu. Die diesbezüglichen Hypothesen konnten somit nicht verworfen werden.
Allerdings ergaben sich keine signifikanten direkten Zusammenhänge aufgrund der Schichtzugehörigkeit, der Herkunft und der Wohnraumdichte. Auch die Zugehörigkeit zur Jugendkultur der Punks beeinflusst die öffentliche Raumnutzung nicht signifikant.
36 Alter und funktionsbestimmte Mobilität haben einen direkten Einfluss auf die Stadtteilgebundenheit und somit auch auf die Nutzung (vgl. Kapitel 4.3.2 Empirie Mobilität)
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4.4.2 Zufriedenheit mit dem Stadtteil (Schwarz)
Bei den folgenden drei Fragen ging es einerseits um die Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrer Wohnung, ihrem Stadtteil und der Umgebung, andererseits um die Zufriedenheit mit der Wohnbevölkerung und den infrastrukturellen Angeboten innerhalb des Stadtteils.
Zufriedenheit mit dem Wohnort
Um einen Einblick zu erhalten welches Verhältnis die Jugendlichen zu Auwiesen haben, wollten wir zuerst erfahren wie zufrieden sie mit den von ihnen bewohnten Orten sind. Wichtig war für uns, ob es einen Unterschied zwischen der Bewertung der Wohnsituation im Stadtteil, des Stadtgebietes und der Stadt gibt.
Allgemeine Zufriedenheit mit Auwiesen
Abbildung 26: Zufriedenheit „Smilies“(in %)
modus= 2 median = 3 ø = 2,84 n = 405
Auf die Frage, wie das Leben in Auwiesen von den Jugendlichen im Großen und Ganzen wahrgenommen wird, antworteten mehr als zwei Drittel der befragten Jugendlichen (69,9%) dass sie zumindest zufrieden sind. Lediglich 15,5% der Befragten sind mit dem Leben in Auwiesen weniger zufrieden. Der Mittelwert der siebenrangigen Skala (2,84) weist darauf hin, dass die Jugendlichen dem Stadtteil, in dem sie wohnen und aufwachsen, grundsätzlich positiv gegenüberstehen.
Abbildung 27: Allgemeine Zufriedenheit mit Auwiesen
70 60 50 40 30 20 10 0
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Zufriedenheit mit der Umgebung
Tabelle 41: Zufriedenheit mit der Umgebung (in %)
* Linz-Süd umfasst Kleinmünchen, Auwiesen, Ebelsberg, ZDF, Neue Heimat, Frankviertel, Wegscheid
Der größte Teil der Jugendlichen (90%) wohnt gern, fast 2/3 wohnen sogar sehr gern in ihrer Wohnung. ¾ sind mit der Wohnsituation in ihrem Wohnblock zufrieden. Im Gegenzug ist hervorhebenswert, dass ¼ weniger gern in ihrem Wohnblock wohnt. Sehr ähnlich ist die Bewertung der Wohnzufriedenheit mit Auwiesen. Ca. 70 % sind mit Auwiesen im Allgemeinen zufrieden, jedoch wohnen 10,9% nicht gern in Auwiesen. Dieses Item weist innerhalb dieser Fragebatterie die höchste Standardabweichung auf (S 2 = 1,02). Dies weist darauf hin, dass die Meinung bezüglich Auwiesen stärker polarisiert ist als bei den anderen Items. Am schlechtesten schneidet das Gebiet Linz-Süd ab. 32,1 % wohnen weniger gern in Linz-Süd. Mit der gesamten Stadt Linz sind die Jugendlichen ebenfalls sehr zufrieden. Fast 90% wohnen gern in Linz.
Allgemein kann festgehalten werden, dass die Auwiesener Jugendlichen im Durchschnitt gerne in Auwiesen, Linz-Süd und in Linz wohnen und dass sie, trotz des schlechten Rufs und der negativen Medienberichterstattung, mit ihrem Stadtteil im Großen und Ganzen zufrieden sind3 6 F 37 . Ebenso wohnen sie eher gerne in ihrem Wohnblock und der zugehörigen Wohnung, obwohl die gesamte Wohnanlage Auwiesen als „städtebauliche Sünde“ (OÖN, 10.05.1995; S.3) bezeichnet wurde. Es ist jedoch bemerkenswert, dass der Wohnblock schlechter bewertet wird als die Zufriedenheit mit der Wohnung. Des weiteren bekommt dass Gebiet Linz-Süd die schlechtesten Noten (Mittelwert = 2.08). Grundsätzlich sind jene Jugendliche, die den Ruf des Viertels als gut einschätzen mit ihrem Stadtteil am zufriedensten. Diese bezeichnen Auwiesen als das ‚coolste Viertel’ (Ktb=0,386**) und hängen so an Auwiesen, dass sie allein deswegen nicht wegziehen möchten (Ktb=0,358**).
37 Auszüge aus den OÖ-Nachrichten: Kapitel 4.2
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Zufriedenheit mit der Infrastruktur und der Wohnbevölkerung:
Tabelle 42: Zufriedenheit mit der Infrastruktur und der Wohnbevölkerung (in %)
Die Freizeitangebote werden von den Jugendlichen im Großen und Ganzen positiv bewertet. Ca. ¾ der Jugendlichen sind mit den Sportmöglichkeiten, Einkaufsmöglichkeiten, Freizeitmöglichkeiten im Allgemeinen und den Treffpunkten zufrieden. Am wenigsten zufrieden sind die Probanden vor allem mit dem Arbeitsplatzangebot in Auwiesen. Weiteres sind sie über die Wohnbevölkerung geteilter Meinung: 50,3 % sind mit den Bewohner von Auwiesen zufrieden, 49,7% sind eher unzufrieden. Erwähnenswert ist auch die Bewertung der Schulsituation: 75,9 % sind mit der Versorgung von Schulen zufrieden, nur 5,3 % sind nicht zufrieden, obwohl es in der näheren Umgebung keine höheren Schulen gibt. Vielleicht spielt hierbei die gute Infrastruktur bezogen auf öffentliche Verkehrsmittel eine Rolle. Dadurch können auch Schulen außerhalb des Stadtteils, ohne erheblichen Zeitaufwand für die Anreise, besucht werden. Am zufriedensten sind die Jugendlichen mit der angesprochenen öffentlichen Verkehrsverbindung. Über 90% sind mit dieser zufrieden. Das Item „Sonstige“ wird am stärkstem mit den Extremwerten (sehr zufrieden, nicht zufrieden) benotet. Dies liegt daran, dass nur hervorhebenswerte Dinge genannt werden mit denen sie entweder sehr zufrieden oder kaum zufrieden sind. Am häufigsten genannt wurde die Punkte „zu viele Ausländer“ (nicht zufrieden), „Spielplätze“ (eher zufrieden), „Skateboardpark“(sehr zufrieden), „Natur/Wald in der Nähe“ (sehr zufrieden) und „Spielplätze“ (zufrieden).
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4.4.2.1 Zusammenhänge der zentralen erklärenden Variablen mit Zufriedenheit: Tabelle 43: Zusammenhänge der zentralen erklärenden Variablen mit Zufriedenheit
Alter, Herkunft, Bildungsniveau und Wohnraumdichte nehmen Einfluss auf die Zufriedenheit der Jugendlichen mit der Wohnung, dem Wohnblock, mit Auwiesen, mit Linz Süd und mit Linz.
Die ersten drei Zeilen der Tabelle weisen darauf hin, dass jüngere Jugendliche mit Auwiesen, mit Linz-Süd und mit Linz zufriedener sind als die Älteren. Der stärkste Zusammenhang ergab sich bezogen auf die Zufriedenheit mit Auwiesen selbst. Diese altersspezifische Zufriedenheit mit Auwiesen kann durch die zahlreicheren Möglichkeiten im Bereich der freizeitlichen Angebote für Jüngere erklärt werden. Ein weiterer Grund könnte die hohe Anzahl an Auwiesener Lückekindern sein. Viele Gleichaltrige im Wohnumfeld erhöhen die Kontaktmöglichkeiten und Freundschaften sind ein wichtiger Faktor für die Zufriedenheit mit dem Wohnort.
MigrantInnen sind weniger zufrieden mit der Wohnung und mit Linz Süd als inländische Jugendliche. Die geringere Zufriedenheit mit der Wohnung lässt sich durch die höhere Wohnraumdichte und somit durch die geringeren Rückzugsmöglichkeiten für die Jugendlichen erklären.
Das Bildungsniveau nimmt Einfluss auf die Zufriedenheit mit allen von uns abgefragten Lokalitäten. Die positiven Vorzeichen der Korrelationskoeffizienten weisen darauf hin, dass
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höher Gebildete grundsätzlich mit allen von uns genannten Lokalitäten weniger zufrieden sind.
Der letzte diesbezügliche Zusammenhang ergab sich aufgrund der Wohnraumdichte. Niedrige Wohnraumdichte führt zu einer verstärkten Zufriedenheit mit der Wohnung und mit dem Wohnblock. Dies lässt sich dadurch erklären, dass diesen Jugendlichen mehr Platz, mehr Rückzugsraum und mehr Freiraum zu Verfügung steht.
4.4.2.2 Einfluss der Jugendkulturen auf die Zufriedenheit: Tabelle 44: Einfluss der Jugendkulturen auf die Zufriedenheit:
Die Zugehörigkeit zur Jugendkultur der HipHoper nimmt Einfluss auf die Zufriedenheit mit Auwiesen, mit Linz Süd und mit Linz3 7 F 38 . HipHoper sind mit all diesen Orten zufriedener als Nicht-HipHoper. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass das bewohnte Viertel bzw. der angeeignete öffentliche Raum für Angehörige dieser Jugendkultur eine entscheidende Rolle spielt und von enormer Bedeutung ist. Es wurde auch eine hohe Identifikation von HipHoper mit Auwiesen festgestellt3 8 F 39 . Obwohl die Identifikation nicht zwingend mit der Zufriedenheit einhergehen muss, ist die Zufriedenheit immer der Ausgangspunkt für die Identifikation. Identifikation bindet jedoch dauerhafter, auch wenn die Zufriedenheit nicht mehr gegeben ist.
Aufgrund der allgemeinen Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur, aufgrund der Zugehörigkeit zu den Skateboardern und aufgrund der Zugehörigkeit zu den Punks ergaben sich keine signifikanten Zusammenhänge.
38 Linz gilt als die HipHop-Hauptstadt von Österreich.
39 Vgl. Kapitel 4.5
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4.4.2.3 Einfluss der Mobilität auf die Zufriedenheit
Zusammenhänge aufgrund der Stadtteilgebundenheit:
Tabelle 45: Einfluss der Stadtteilgebundenheit auf die Zufriedenheit:
Stadtteilgebundene Jugendliche sind mit allen von uns genannten Lokalitäten zufriedener als mobilere Jugendliche. Der stärkste Zusammenhang ergab sich bezogen auf die Zufriedenheit mit Auwiesen (Ktb=0,469). Dabei muss erwähnt werden, dass jüngere Jugendliche aufgrund der geringeren Mobilität eher stadtteilgebunden sind und wie erwähnt zufriedener sind. Ein weiterer Einflussfaktor für die Zufriedenheit ist der Freundeskreis. Es versteht sich eigentlich von selbst, dass Freunde und Freundinnen von stadtteilgebundenen Jugendlichen ihre Freizeit auch in Auwiesen verbringen (Ktb=0,805**). Eine lineare Regressionsanalyse ergab den Zusammenhang zwischen dem Items ‚Fast alle meine Freunde verbringen ihre Freizeit in Auwiesen’ und der Zufriedenheit mit Auwiesen (partieller Korrelationskoeffizient =0,453**). Die Zufriedenheit wurde dabei als abhängige Variable betrachtet.
Stadtteilungebundene Jugendliche wohnen eher weniger gern in Linz Süd als stadtteilgebundene. Dies ist der einzige diesbezügliche Zusammenhang (Ktb= -0,121).
Zusammenhänge aufgrund der funktionsbestimmten Mobilität:
Tabelle 46: Einfluss der funktionsbestimmten Mobilität auf die Zufriedenheit
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Fehler! Formatvorlage nicht definiert.
Im Gegensatz zu den stadtteilgebundenen Jugendlichen sind die mobileren weniger zufrieden mit ihrer Wohnung, mit dem Wohnblock in dem sie leben und mit Auwiesen insgesamt. Interessanterweise sind die Jugendlichen, welche den Stadtteil aufgrund schulischer oder beruflicher Tätigkeiten verlassen müssen nicht unzufriedener mit Linz-Süd oder mit Linz. Ihre Unzufriedenheit bezieht sich rein auf Auwiesen und auf die Wohnverhältnisse. Möglicherweise ergibt sich dieser Zusammenhang aufgrund der Tatsache, dass die funktionsbestimmt Mobileren den schlechten Ruf von Auwiesen stärker wahrnehmen und durch Meinungen ‚von Außen’ beeinflusst werden3 9 F 40 .
4.4.2.4 Zufriedenheit mit den infrastrukturellen Angeboten in Auwiesen:
Zusammenhänge aufgrund der zentralen erklärenden Variablen:
Tabelle 47: Einfluss der zentralen Variablen auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur
In dieser Tabelle wird ersichtlich, dass das Alter, das Bildungsniveau und die Herkunft Einfluss auf die Zufriedenheit der Auwiesener Jugendlichen mit den infrastrukturellen Angeboten ihres Stadtteils nehmen.
Weniger Gebildete sind zufriedener mit dem Angebot an Schulen, mit dem Arbeitsplatzangebot, mit dem Angebot an Lokalen, mit der Wohnbevölkerung, mit den Treffpunktmöglichkeiten und mit den Einkaufsmöglichkeiten. Spannend ist hierbei die erhöhte Zufriedenheit mit dem Angebot an Schulen und dem Arbeitsplatzangebot, obwohl
40 vgl. Kapitel 4.4.4 „Wahrnehmung des Rufs“
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dies in Auwiesen relativ schlecht ist. Es ist denkbar, dass Bildung keine Relevanz hat, somit höhere Schulen nicht gebraucht werden und auch in der näheren Umgebung nicht abgehen. Das Arbeitsplatzangebot wird eventuell deswegen besser eingeschätzt, weil unter Beruf häufig auch kurzfristige Jobs verstanden werden. Folgende Interviewauszug weist darauf hin, dass viele weniger gebildete Jugendliche oft auf solche Möglichkeiten zurückgreifen.
(Betreuerinnen Jugendzentrum Alpha):
Interviewer: Sie wollen nicht irgendeinen Berufsweg einschlagen und den dann ausüben?
Betreuerin1: Nein überhaupt nicht.
Betreuerin2 : Nein, Nein
Betreuerin1: Nein sie sind da sehr sprunghaft.
Betreuerin2: Wir haben auch Jungs da die sind seit Jahren Reifenmonteure. Die hackeln im Frühling und im Herbst Vollgas und dann ist eine Ruhe. Bei allen möglichen Firmen. Dann haben sie ein wenig ruhe und kaum geht die Reifensaison wieder an freuen sie sich schon wieder darauf, dass sie arbeiten können.
Betreuerin1: Bleiben aber nicht die ganze Zeit bei einem Monteur. Die wechseln die ständig. Sie haben ja das Bewusstsein „Mir ist es wurscht, ich finde eh wieder eine Arbeit, ich muss mir nicht alles gefallen lassen, weil ich find eh eine andere“. Auch die jüngeren Befragten sind insgesamt zufriedener mit den Angeboten in Auwiesen. Dazu zählen das Arbeitsplatzangebot, das Angebot an Lokalen, die Wohnbevölkerung und die Treffpunktmöglichkeiten. Diese Zusammenhänge sind weniger überraschend. Die infrastrukturellen Angebote sind für Jüngere in der Tat vielseitiger und Lokale und Arbeitsplätze noch nicht so relevant wie für die älteren Mädchen und Burschen. Die Zufriedenheit mit der Wohnbevölkerung ergibt sich wahrscheinlich aufgrund des erhöhten Respekts gegenüber den Erwachsenen und aufgrund der Tatsache, dass Jüngere weniger in Konflikte mit Erwachsenen treten.
Der einzige Zusammenhang, der sich aufgrund der Herkunft ergab ist, dass MigrantInnen weniger zufrieden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind als österreichische Jugendliche. Auf die Frage, inwiefern ausländische Jugendliche mit ausländerfeindlichen Sprüchen konfrontiert werden, antwortete eine Jugendbetreuerin des Jugendzentrum Alpha:
Betreuerin: „Ja dass sie in der Straßenbahn stehen und dann reden 2, 3 Leute ausländisch miteinander und dann sitzen halt 2 alte Frauen dort und reden halt gleich von wegen „unterm Hitler hätte es das nicht gegeben“ und „wär halt der Führer nach da“. Also schon massive Geschichten. Oder „ du Depperter Tschusch, schleich die ham der Krieg ist eh schon vorbei“
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also wirklich ganz fein. Also wo ich schon sag ...., Also es haben natürlich die schwerer bei denen es jeder sieht, dass sie Ausländer sind“.
Dies ist eine der möglichen Erklärungen, warum Migranten/Innen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, trotz des guten Angebots, weniger zufrieden sind.
Einfluss der Jugendkulturen auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur Tabelle 48: Einfluss der Jugendkulturen auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur
Die allgemeine Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur führt zu einer verstärkten Zufriedenheit der Jugendlichen mit dem Angebot an Lokalen und mit den Treffpunktmöglichkeiten. Jene Jugendliche, die sich zur Jugendkultur der HipHoper zählen sind zufriedener mit dem Angebot an Lokalen, mit der Wohnbevölkerung (Ktb=-0,119) und mit den Treffpunktmöglichkeiten. Nachdem das Angebot an Lokalen und z.B. Discotheken in Auwiesen ziemlich dürftig ist, besteht unsere Vermutung darin, dass die Jugendlichen die beiden Jugendzentren von Auwiesen zu den Lokalen und Treffpunktmöglichkeiten dazuzählen. Auch die Skateboarder sind zufriedener mit den Sportmöglichkeiten. Eine mögliche Erklärung ist hierbei der öffentliche Skatepark in Auwiesen, welcher selbstverständlich Möglichkeiten zur Ausübung des Sportes bietet.
Aufgrund der Zugehörigkeit zur Jugendkultur der Punks ergaben sich keine signifikanten Zusammenhänge.
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Einfluss der Mobilität auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur
Zusammenhänge aufgrund der Stadtteilgebundenheit:
Tabelle 49: Einfluss der Stadtteilgebundenheit auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur
Stadtteilgebundene Jugendliche, also wiederum jene, die Auwiesen sowohl aufgrund schulischer oder beruflicher Aktivitäten als auch in ihrer Freizeit nicht verlassen müssen oder verlassen wollen, sind zufriedener mit dem Angebot an Freizeitmöglichkeiten, mit dem Angebot an Lokalen, mit der Wohnbevölkerung, mit den Treffpunktmöglichkeiten und mit den Einkaufsmöglichkeiten (Ktb=0,123). Dabei ergaben sich die stärksten Zusammenhänge bezogen auf Treffpunktmöglichkeiten (Ktb=0,368), bezogen auf die Wohnbevölkerung (Ktb=0,323) und bezogen auf das Angebot an Lokalen (0,303). Bezüglich der Zufriedenheit mit der Wohnbevölkerung muss erwähnt werden, dass jene stadtteilgebundenen Jugendlichen, welche in einer Jugendkultur eingebunden sind, diese Zufriedenheit mit den Erwachsenen in ihrem Wohnumfeld nicht teilen4 0 F 41 .
Zusammenhänge aufgrund der Wohnungsgebundenheit
Tabelle 50: Einfluss der Wohnungsgebundenheit auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur
Jene Jugendliche, welche den größten Teil ihrer Freizeit in ihrer Wohnung verbringen sind unzufriedener mit den Freizeitmöglichkeiten, mit den öffentlichen Verkehrsmittel und mit den Treffpunktmöglichkeiten in ihrem Stadtteil. Dabei bleibt die Frage offen, ob sie wegen der Unzufriedenheit eher in der Wohnung bleiben, oder ob sie deswegen unzufriedener sind, weil sie einen großen Anteil der Freizeit in der Wohnung verbringen.
41 Auf diesen Zusammenhang wird im Kapitel 4.4.5 genauer eingegangen.
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Leider wurde im Zuge der quantitativen Datenerhebung nicht erhoben, wie viele Personen die Jugendlichen zu ihrem engeren Freundeskreis zählen. Somit bleibt es eine Vermutung, dass die wohnungsgebundenen Jugendlichen eher wenige enge Freunde haben. Dies könnte in weiterer Folge der Grund dafür sein, dass sie unzufriedener mit den Treffpunktmöglichkeiten und den Freizeitmöglichkeiten sind, weil sich kleinere Gruppierungen in öffentlichen (eventuell bereits von größeren Gruppen angeeigneten) Räumen unsicherer fühlen und ihnen insgesamt weniger ‚Freiraum’ zur Verfügung steht.
Zusammenhänge aufgrund der funktionsbestimmten Mobilität:
Tabelle 51: Einfluss der funktionsbestimmten Mobilität auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur
Die Jugendlichen, die Auwiesen aufgrund schulischer oder beruflicher Aktivitäten verlassen müssen, sind (im Gegensatz zu den Stadtteilgebundenen) weniger zufrieden mit dem Angebot an Schulen (Ktb=0,117), den Freizeitmöglichkeiten (Ktb=0,100), dem Angebot an Lokalen, mit der Wohnbevölkerung, den Treffpunktmöglichkeiten (Ktb=0,117) und den Einkaufsmöglichkeiten (Ktb=0,151).
4.4.2.5 Lineare Regressionsanalyse zur Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem Stadtteil
Abbildung 28: Lineare Regressionsanalyse zur Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem Stadtteil
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Abbildung 29: Direkte Einflussfaktoren auf die Zufriedenheit:
Die Graphik zeigt, dass die Nutzung des öffentlichen Raums von Auwiesen und die Stadtteilgebundenheit die Zufriedenheit mit Auwiesen direkt beeinflussen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die NutzerInnen und stadtteilgebundene Jugendliche, d.h. alle jene, welche den größten Teil ihrer Freizeit nicht in der Wohnung aber in Auwiesen verbringen, sind signifikant zufriedener mit ihrem Stadtteil. Dies gilt auch für Zugehörige zur Jugendkultur der Skateboarder.
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4.4.3 Identifikation mit dem Stadtteil (Schwarz)
Interviewer: „Gibt es bei den Jugendlichen eine Identifikation mit dem Stadtteil, gibt es so etwas wie „wir Auwiesener“, gibt es so etwas wie stolz darauf sein, aus Auwiesen zu sein“?
Pfarrer aus Auwiesen: „Ich glaube das wird ihnen hier sehr schwer gemacht stolz zu sein, aus Auwiesen zu sein“.
Im folgenden Teil wollten wir wissen wie stark sich die Auwiesener Jugendlichen mit dem Stadtteil identifizieren und welchen Bezug sie zu ihm haben. Mit dieser Fragebatterie wurde sowohl die Zufriedenheit als auch die Identifikation der Auwiesener Jugendlichen mit ihrem Stadtteil gemessen.
Tabelle 52: Identifikation mit dem Stadtteil (in %)
Für ein Drittel der befragten Jugendlichen (34,6%) trifft die Aussage, dass Auwiesen das ‚coolste’ Viertel von ganz Linz ist, zumindest zu. 41,2% der Befragten teilen diese Meinung nicht. 59,3% der Jugendlichen gaben an, dass sie sich in ihrem Stadtteil wohl fühlen, obwohl viele Leute schlecht über Auwiesen reden. Bei diesen Jugendlichen nimmt der Ruf keinen Einfluss auf die Zufriedenheit. Allerdings zeigen sie keineswegs Verständnis für die schlechte Nachrede (Ktb=-0,553**). Knapp ein Fünftel der Befragten (19,2%) fühlt sich in Auwiesen trotz oder wegen der schlechten Nachrede nicht wohl. Wie vermutet liegt der Mittelwert (2,38) dieses Items, trotz suggestiver Fragestellung auf der ‚positiven’ Seite der Skala 4 1 F 42 .
42 Warum diese Frage suggestiv gestellt wurde, wurde im Kapitel 3.3 „Operationalisierung“ erläutert.
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Tabelle 53: Wohl fühlen trotz schlechter Nachrede
Abbildung 30: Wohl fühlen trotz schlechter Nachrede
59,3
50 40 30 20
10 0
37,7% der Jugendlichen hängen so an Auwiesen, dass sie allein deswegen nicht übersiedeln möchten. Nahezu der gleiche Anteil (38,7%) lehnt diese Einstellung ab. Etwa ein Drittel der Befragten (34,0%) ist der Meinung, dass sich die Auwiesener Jugendlichen bewusst von den Jugendlichen anderer Viertel abgrenzen. 37,7% der Befragten glauben das nicht. Wenn es möglich wäre, wären 28,8% sofort bereit, von Auwiesen wegzuziehen. Demgegenüber steht der große Anteil von 50,3%, der das nicht so sieht. Mehr als zwei Drittel der Auwiesener Jugendlichen (69,2%) stimmen der Aussage „Ich bin ein/e Auwiesener/In“ zu. Lediglich 18,6% lehnen diese Aussage ab. Aufgrund der hohen Zustimmung ergibt sich der geringste Mittelwert (2,05) innerhalb dieser Fragebatterie.
Tabelle 54: Ich bin ein/e Auwiesener/In
Abbildung 31: Ich bin ein/e Auwiesener/In
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60
50
40
30
20
10
0
Der höchste Mittelwert und somit die größte Ablehnung ergab sich bezogen auf die Aussage „In einem anderen Stadtteil aufzuwachsen hätte einiges vereinfacht“. Knapp ein Fünftel der befragten Jugendlichen stimmt dieser Aussagen zu, jedoch glauben dies 61,5% nicht. 40% der Jugendlichen teilen die Meinung, dass Auwiesen das ‚Ghetto’ von Linz ist. Sie schätzen auch den Ruf von Auwiesen als gerechtfertigt ein (Ktb=0,340). 38,1% sind anderer Ansicht. Hierbei muss erwähnt werden, dass der Bedeutungsgehalt des Begriffes ‚Ghetto’ von den Auwiesener Jugendlichen unterschiedlich interpretiert wird4 2 F 43 . Die Gegenüberstellung folgender zwei Zitate soll aufzeigen, wie die diesbezügliche Meinung auseinandergeht.
Interviewer: Also nach unserem Fragebogen bezeichnen über 40% Auwiesen als das Ghetto von Linz.
Shok: Definitiv, definitiv, es ist das Ghetto von Linz.
An anderer Stelle formuliert derselbe Jugendliche:
Shok: „Alle die behaupten Auwiesen, alle sagen Auwiesen ist das Ghetto, aber die sind alle Bonzenkinder und kriegen ihre Louis Vuitton- Sachen in den Arsch geschoben. Prada, Lous Vuitton, Marco Polo, lauter Schwuchteln”.
King: „Ja, das geht mir auf die Eier. Nein wirklich, die übertreiben alle maßlos. Es heißt wir sind da alle so aggressiv und so, ein Scheiß. Wir machen nichts anderes als rappen, ein bisschen da hocken, Tischtennisspielen“.
Shok: „Das sind alles Bonzen, denen wird alles in den Arsch geschoben und zu viel Fernsehen, die haben Angst vor allem. Es ist so, die schauen sich ‚Gangs of New York’ an denken sich dann da ist das Ghetto Harlem und es geht so und so zu. Da wird jeden Tag mit Crack gedielt und Leute erstochen wegen 2g oder sonst irgendwas. Aber wir sind ein ganz
43 Vgl. qualitativer Teil
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normales Viertel wie jedes andere wo genauso viele Jugendliche im Club herumhängen und ihre Gaudi wollen. Aber manche Leute checken das nicht, manche Leute haben ihre eigenen Visionen und Pläne und nach dem Leben sie“.
Etwas mehr als einem Fünftel der Jugendlichen von Auwiesen (27,1%) ist es völlig egal in Auwiesen zu wohnen. Für diese Befragten bedeutet dies nichts. Jedoch stellte sich heraus, dass sie Auwiesen grundsätzlich kritisch gegenüberstehen. Sie wären bereiter sofort wegzuziehen, wenn es möglich wäre (Ktb=0,402**) und sind eher der Ansicht, dass in einem anderen Stadtteil aufzuwachsen einiges vereinfacht hätte (Ktb=178**). Für knapp die Hälfte (48,8%) ist es von Bedeutung in Auwiesen zu wohnen.
4.4.3.1 Einflüsse der zentralen erklärenden Variablen auf die Identifikation Von den zentralen erklärenden Variablen nehmen das Alter, das Bildungsniveau und die Schichtzugehörigkeit Einfluss auf die Identifikation der Auwiesener Jugendlichen mit ihrem Stadtteil.
Zusammenhänge aufgrund des Alters:
Tabelle 55: Einflüsse des Alters auf die Identifikation (in %)
Grundsätzlich identifizieren sich jüngere Jugendliche eher mit Auwiesen und sind auch zufriedener mit ihrem Viertel. Sie bezeichnen Auwiesen eher als das ‚coolste’ Viertel von ganz Linz und hängen auch mehr an ihrem Stadtteil. Zu klären gilt, warum sich die Jüngeren eher als Auwiesener sehen, obwohl sie Auwiesen stärker als das ‚Ghetto’ von Linz bezeichnen. Die älteren Jugendlichen wären bereiter sofort wegzuziehen, wenn es möglich wäre und es ist ihnen auch eher egal, in Auwiesen zu wohnen. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Älteren bereits eher vom ökologischen Nahraum gelöst sind und somit auch weniger stadtteilgebunden sind. Für sie ist es somit weniger von Bedeutung, in Auwiesen zu wohnen.
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Zusammenhänge aufgrund des Bildungsniveaus:
Tabelle 56: Einflüsse des Bildungsniveaus auf die Identifikation
Hierbei muss zunächst erwähnt werden, dass sich weniger gebildete Jugendliche stärker mit ihrem Viertel identifizieren als jene mit höherem Bildungsniveau. Gebildetere sind aufgrund der höheren Mobilität weniger ortsgebunden. Somit hat der bewohnte Stadtteil weniger Relevanz. Weniger Gebildete bezeichnen Auwiesen eher als das ‚coolste’ Viertel von ganz Linz, fühlen sich trotz schlechter Nachrede wohler, hängen auch stärker an Auwiesen und bezeichnen sich eher als Auwiesener. Wie die Jüngeren, lehnen auch die weniger Gebildeten die Negativen Aussagen stärker ab. Sie wären auch weniger bereit sofort wegzuziehen, wenn es möglich wäre und es ist ihnen eher von Bedeutung in Auwiesen zu wohnen (Ktb=-0,094*).
Zusammenhänge aufgrund der Schichtzugehörigkeit
Tabelle 57: Einflüsse der Schicht auf die Identifikation
Auch in dieser Tabelle weisen die positiven Vorzeichen der Korrelationskoeffizienten darauf hin, dass sich Jugendliche aus unteren Schichten eher mit Auwiesen identifizieren. Sie bezeichnen Auwiesen eher als das ‚coolste’ Viertel (Ktb=0,098*) von ganz Linz, fühlen sich trotz schlechter Nachrede wohler (Ktb=0,095*) und hängen eher an Auwiesen. Dazu sind diese Jugendliche stärker der Meinung, dass sich Jugendliche aus Auwiesen bewusst von Jugendlichen anderer Viertel abgrenzen.
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4.4.3.2 Einflüsse der Jugendkulturen auf Identifikation
Zusammenhänge aufgrund der Zugehörigkeit zu irgendeiner Jugendkultur: Tabelle 58: Einflüsse der Jugendkulturen auf Identifikation
Die Zugehörigkeit zu Jugendkulturen beeinflusst den Grad der Identifikation. Fühlt sich ein Jugendlicher irgendeiner Jugendkultur zugehörig, identifiziert er/sie sich eher mit Auwiesen als Jugendliche, die in keine Jugendkultur eingebunden sind. Jugendliche, die in irgendeiner Jugendkultur eingebunden sind bezeichnen Auwiesen stärker als das ‚coolste’ Viertel von ganz Linz, fühlen sich trotz schlechter Nachrede wohler, hängen eher an Auwiesen und bezeichnen sich eher als Auwiesener/Innen. Negative Aussagen über Auwiesen werden von jugendkulturell orientierten Jugendlichen stärker abgelehnt. Sie sind z.B. weniger der Meinung, dass sie bereit wären sofort wegzuziehen, wenn es möglich wäre. Wie die Jüngeren bezeichnen auch jene Jugendlichen, die sich irgendeiner Jugendkultur zugehörig fühlen Auwiesen eher als das ‚Ghetto’ von Linz.
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Zusammenhänge aufgrund der Zugehörigkeit zu einer spezifischen Jugendkultur: HipHoper
Tabelle 59: Einfluss von HipHop auf Identifikation
bezüglich aller von uns abgefragten Items. Grundsätzlich identifizieren sich Angehörige dieser Jugendkultur stärker ihrem Stadtviertel und sind auch zufriedener. HipHoper sind stärker der Ansicht, dass Auwiesen das ‚coolste’ Viertel von ganz Linz ist, fühlen sich trotz schlechter Nachrede wohler, hängen stärker an Auwiesen und bezeichnen sich eher als Auwiesener/Innen. Die negativen Aussagen über das Stadtviertel werden von den Angehörigen dieser Jugendkultur eher abgelehnt. HipHoper sind weniger bereit aus Auwiesen wegzuziehen und es ist ihnen eher von Bedeutung in Auwiesen zu wohnen. Folgender Auszug aus einer durchgeführten Gruppendiskussion zeigt die allgemeine Bedeutung des Stadtteils für Angehörige der Jugendkultur der HipHoper4 3 F 44 :
Interviewer: Also hier wohnen heißt noch nicht dass man ein Auwiesner ist?
Tank: Man muss genug Erfahrung haben. Ich kann nicht irgendwo hingehen und mich gleich bezeichnen, dass ich von dort bin. Erstens einmal muss ich genug erlebt haben, dass ich sagen kann das ist leiwand oder das ist scheiße. Ich kann auch nicht nach New York ziehen und sagen das ist das Beste, das geht nicht.
King: Man muss sich einfach auskennen.
Young Seal: Ich bin auch erst seit zwei Jahren da, ich will überhaupt nicht mehr weg. Ich kann wirklich nicht weg.
King: Es ist wie wenn du bei deiner eigenen Haustür raus gehst, irgendwann kommst du wieder zurück. Ich habe es selber schon versucht. Ich bin, ich weiß nicht ein oder zwei Jahre, immer nach Öd gegangen. Schau wo ich jetzt bin, jetzt bin ich wieder da.
Shok: Alles was man hier herinnen erlebt, ich meine jeden Tag, dass ist wirklich wie ein Erlebnispark. Du kommt hier her und das ist so wie wenn ein kleines Kind ins Disneyworld geht und dort Mickymouse trifft. Jeden Tag siehst und erlebst du etwas neues und es ist immer
44 An dieser Gruppendiskussion waren ausschließlich Hip Hopper beteiligt.
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irgend etwas leiwandes los. In den anderen Vierteln ist es immer der gleiche Scheiß. Jeder Tag ist abwechslungsreich, irgendeine Gaudi. Punks
Tabelle 60: Einfluss von Punk auf Identifikation
Die Zugehörigkeit zur Jugendkultur der Punks beeinflusst sowohl die Zufriedenheit als auch die Identifikation der Jugendlichen mit ihrem Stadtteil auf negative Weise. Punks hängen weniger an Auwiesen und wären auch bereiter sofort wegzuziehen, wenn es möglich wäre (Ktb=-0,094*). Dies sind die einzigen Zusammenhänge, die sich aufgrund der Teilnahme an dieser Gruppierung ergaben.
4.4.3.3Einfluss von Mobilität auf Identifikation:
Zusammenhänge aufgrund der Stadtteilgebundenheit: Tabelle 61: Einflüsse der Stadtteilgebundenheit auf Identifikation
Stadtteilgebundene Jugendliche sind gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Zufriedenheit und an Identifikation mit ihrem Viertel. Dabei ergaben sich bemerkenswert starke Zusammenhänge. Sie bezeichnen Auwiesen als das ‚coolste’ Viertel von ganz Linz, fühlen sich trotz schlechter Nachrede wohler und hängen stärker an Auwiesen. Wie die Zugehörigen zur Jugendkultur der HipHoper lehnen stadtteilgebundene Jugendliche negative Aussagen über ihr Viertel eher ab. Auch sie wären weniger bereit sofort wegzuziehen und es ist ihnen weniger egal in Auwiesen zu wohnen. Stadtteilgebundene stimmen auch dem Item ‚Ich bin ein/e Auwiesener/in’ stärker zu als mobilere Jugendliche und sind eher nicht der Ansicht, dass in einem anderen Stadtteil aufzuwachsen, einiges vereinfacht hätte.
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Zusammenhänge aufgrund der funktionsbestimmten Mobilität:
Tabelle 62: Einfluss der funktionsbestimmten Mobilität auf Identifikation
Diese Tabelle zeigt auf, dass sich mobilere Jugendliche weniger mit Auwiesen identifizieren als stadtteilgebundene und auch weniger zufrieden sind. Die positiven Vorzeichen der Korrelationskoeffizienten weisen darauf hin, dass jene Jugendliche, die den Stadtteil aufgrund schulischer oder beruflicher Aktivitäten regelmäßig verlassen müssen, Auwiesen weniger als das ‚coolste’ Viertel bezeichnen, dass sie sich wegen der schlechten Nachrede weniger wohl fühlen und dass sie insgesamt weniger an ihrem Stadtteil hängen. Es stellte sich auch heraus, dass mobilere Jugendliche eher bereit wären von Auwiesen wegzuziehen
4.4.3.4 Verhalten bei negativen Aussagen über Auwiesen:
Tabelle 63: Verhalten bei negativen Aussagen über Auwiesen (in %)
Abbildung 32: Verhalten bei negativen Aussagen über Auwiesen
Verhalten bei schimpfen
50,00%
45,00% 40,00% 35,00% 30,00% 25,00% 20,00% 15,00% 10,00% 5,00% 0,00%
n = 407 Mehrfachnennungen möglich Hierbei muss zuerst erwähnt werden, dass in dieser Fragebatterie Mehrfachnennungen möglich waren und die Prozentsätze auf die jeweiligen Fallzahlen (n) bezogen werden müssen.
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Mehr als ein Drittel der Befragten (34,9%) gab an, Auwiesen zu verteidigen, wenn jemand in ihrer Gegenwart über den Stadtteil schimpft. 17,2% stimmen negativen Aussagen über Auwiesen zu, 14,3% ärgern sich insgeheim und 44,5% ist es völlig egal, wenn schlecht über Auwiesen geredet wird. Jene Jugendliche, welche negativen Aussagen zustimmen bzw. diesen zustimmen fühlen sich in Auwiesen keineswegs wohl (Ktb=-0,553**) und wären auch bereiter sofort wegzuziehen, wenn es möglich wäre (Ktb=-0,458**).
Zusammenhänge aufgrund der zentralen erklärenden Variablen:
Tabelle 64: Einflüsse der zentralen Variablen auf die Reaktion wenn über Auwiesen geschimpft wird
Diese Tabelle zeigt auf, dass sich jüngere Jugendliche mehr ärgern, wenn jemand in ihrer Gegenwart über Auwiesen schimpft. Den Älteren ist dies eher egal. Auch das Bildungsniveau und das Schichtniveau nehmen einen Einfluss darauf, wie sich ein oder eine Jugendliche im Falle negativer Aussage über ihren Stadtteil verhält. Je höher das Bildungsniveau, desto eher wird negativen Aussagen zugestimmt und je niedriger das Schichtniveau, desto eher wird Auwiesen verteidigt. Diese Zusammenhänge sind wiederum ein Indiz dafür, dass sich jene Jugendlichen, die den Stadtteil (auch in der Freizeit) häufiger nutzen, eher damit identifizieren.
Zusammenhänge aufgrund der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen:
Tabelle 65: Einfluss von Jugendkulturen auf die Reaktion
Auch diese Tabelle deutet darauf hin, dass jene Jugendliche, die sich einer Jugendkultur zugehörig fühlen, Auwiesen positiver gegenüberstehen. Die Zugehörigkeit zu irgendeiner Jugendkultur, die Zugehörigkeit zur Jugendkultur der HipHoper und die Zugehörigkeit zur Skaterszene nimmt Einfluss darauf, wie sich Jugendliche verhalten, wenn jemand in ihrer
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Gegenwart über Auwiesen schimpft. Allgemein Zugehörige verteidigen ihren Stadtteil eher und negative Aussagen sind ihnen weniger egal. Dies trifft für die HipHoper ebenso zu. Die einzigen Unterschiede ergaben sich aufgrund der Stärke der Korrelationskoeffizienten. Die stärkeren Zusammenhänge weisen darauf hin, dass HipHoper Auwiesen eher verteidigen als die Zugehörigen irgendeiner Jugendkultur. Auch den Skateboardern sind negative Aussagen weniger egal und sie ärgern sich über Beschimpfungen ihres Viertels mehr.
Zusammenhänge aufgrund der Mobilität:
Zusammenhänge aufgrund der Stadtteilgebundenheit: Tabelle 66: Einfluss der Stadtteilgebundenheit auf die Reaktion:
Wie die Zugehörigen zu Jugendkulturen verteidigen stadtteilgebundene Jugendliche Auwiesen eher als jene, die Auwiesen regelmäßig verlassen. Stadtteilgebundenen sind negative Aussagen weniger egal und lehnen diese eher ab.
Zusammenhänge aufgrund der funktionsbestimmten Mobilität:
Der einzige Zusammenhang, der sich aufgrund der funktionsbestimmten Mobilität ergibt, ist dass Jugendliche, welche Auwiesen wegen schulischen oder beruflichen Aktivitäten verlassen müssen, eher zustimmen, wenn jemand in ihrer Gegenwart schlecht über Auwiesen redet.
Eine lineare Regressionsanalyse bezüglich der Identifikation der Auwiesener Jugendlichen mit ihrem Stadtteil wird im folgenden Kapitel dargestellt.
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4.4.3.5 Model Identifikation mit Auwiesen (Schuld)
Identifikation meint hier nicht die Fähigkeit sich in anderer Personen hineinversetzen und dadurch einen Bezug aufbauen zu können (Empathie), sondern eine Form des Heimatgefühls. Wenn ein Jugendlicher sich mit Auwiesen identifiziert, so wirkt dieser identitätsstiftend. D.h die Jugendlichen bauen einen dauerhaften Bezug zu „ihrem“ Stadtteil auf und dieser wird dadurch Teil der Identität. Die Identität wurde bereits ausreichend erläutert (Kapitel 2.2). Identifikation beschreibt das Wechselspiel mit jenen Dingen und Phänomenen aus denen eine individuelle Identität gebildet werden kann. Die Jugendlichen definieren sich, neben einer Vielzahl an identitätsstiftenden sozialen Gebilden (Geschlecht, SchülerIn, Lehrling, Familie, Jugendkulturen usw.), auch über den Stadtteil. Die Identifikation mit dem Stadtteil bedeutet für uns mehr als die bloße Zufriedenheit mit dem Stadtteil: Wenn sich die Jugendlichen mit dem Stadtteil identifizieren so ist es ihnen nicht egal wie über ihn gesprochen wird und was mit ihm passiert. Des weiteren entsteht dadurch eine dauerhafte Bindung an den Stadtteil.
Die Identifikation mit dem Stadtteil wurde in unserem Fragebogen mittels folgenden Items erhoben:
Ich verteidige Auwiesen
Ich bin eine AuwiesenerIn
Auwiesen ist das coolste Viertel von Linz
Ich hänge so an Auwiesen, daß ich schon deshalb nicht übersiedeln möchte
Die 4 Variablen wurden mittels einer Faktoranalyse zu einer Variable zusammengefaßt. Der Faktor hat eine erklärte Varianz von 64,14%
Tabelle 67: Faktorladungen Identifikation
Anhand einer linearen Regression haben wir herausgefunden, welche Dimensionen die Identifikation mit Auwiesen direkt beeinflussen.
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Abbildung 33: Einflüsse auf Identifikation4 4 F 45
Zusammenfassung der Ergebnisse: Identifikation
Je höher das Bildungsniveau, desto geringer ist die Identifikation mit dem Stadtteil. Die Zugehörigkeit zur Jugendkultur HipHop wirkt sich positiv auf die Identifikation aus. Je stärker die Freizeiteinrichtungen in Auwiesen genützt werden, desto höher ist der Bezug zu Auwiesen. Je mehr Bedeutung dem Ruf zugemessen wird und je zufriedener sie mit Auwiesen sind, desto mehr identifizieren sich die Jugendlichen mit dem Stadtteil. Diese Pfeile gehen in beide Richtungen, da theoretisch nicht argumentiert werden kann, welcher der Dimensionen die zentralere (unabhängige) ist. Geschlecht, Ethnizität und Schicht haben keinen Einfluss auf die Identifikation. Dass HipHoperInnen einen besonderen Bezug zu ihrem Wohnort haben liegt in der besonderen Bedeutung den der Wohnort in dieser Kultur hat. HipHop bietet viele Werkzeuge an, die einen kreativen Umgang mit dem Raum ermöglichen. Durch die Umdeutung von Funktionen die dem Raum von anderen zugeschrieben werden, wird er zum eigenen Raum gemacht und wirkt identitätsstiftend. Darauf wird im Kapitel „HipHop, Ruf und Identifikation“ näher eingegangen.
Nach Zinnecker (siehe oben S. 53) sind jene Jugendlichen auf den öffentlichen Raum angewiesen, die über weniger Ressourcen verfügen und Schwierigkeiten bei der Bewältigung ihrer biographischen Aufgabe (Konstruktion von Identität) haben und dadurch auf die identitätsstiftende Wirkung des Stadtteils angewiesener sind. Diese These sehen wir bestätigt:
Das Bildungsniveau erschwert eine Identifikation mit Auwiesen. Wie im theoretischen Teil gezeigt wurde, führt eine hohe geographische Mobilität zu einer Schwächung des
45 *** = 100% signifikant; * = 98% signifikant.
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Heimatgefühls. Je höher die Bildung ist, desto Mobiler sind die Jugendlichen. In Folge sind sie weniger auf den ökologischen Nahraum angewiesen und stellen somit auch weniger Bezug zu ihm her. Sich Raum anzueignen heißt, „sich den physikalischen (aber auch sozialen, geistigen) Raum handelnd zu erschließen, dass Orientierung, also Handlungsentwurf undrealisation, in ihm möglich ist“ (Kruse/Graumann zit. nach Herlyn 2003: S. 28). Dies bleibt in Auwiesen den höher gebildeten Jugendlichen eher verwehrt. Zum einen verbringen sie ihre Freizeit weniger in Auwiesen, zum anderen finden sie sich auch weniger Orte die sie nützen können. So gaben sie eher an, dass sie mit den Freizeittreffpunkten unzufrieden sind und dass sie sich weniger Plätze finden, an denen sie sich mit ihren FreundInnen treffen können4 5 F 46 . Höher gebildete Jugendliche sind weniger auf Auwiesen angewiesen: Sowohl als Nutzungsraum als auch als Hilfe für die Identitätskonstruktion. Dies könnte auch auf die höhere institutionelle Eingebundenheit der höher gebildeten Jugendlichen zurückzuführen sein (siehe oben S. 51). Jugendliche mit einem geringeren Bildungsniveau nützen eher den Stadtteil und identifizieren sich mehr mit ihm.
Die Nutzung des Stadtteils ist notwendig um einen Bezug aufzubauen. Erst durch eine direkte und leibhaftige Aneignung des Raums, kann der Raum eine identitätsstiftende Wirkung haben. Jedoch zeigt das Model keinen allzu starke Zusammenhang zwischen Nutzung und Identifikation, Die Nutzung des Raums führt nicht zwangsweise zur Identifikation mit dem Raum, jedoch ist die Nutzung Voraussetzung für die Identifikation.
Des Weiteren ist es interessant, dass es fast keinen Einfluss zwischen der Wahrnehmung von Disorder und der Identifikation mit dem Stadtteil gibt. Möglicherweise betrachten die Jugendlichen die von uns erfragten Disordermerkmale nicht als Problem oder für sie überwiegen die positiven Aspekte von Auwiesen. Einzig mit dem Item „Vandalismus“ gibt es einen Zusammenhang4 6 F 47 . Wenn die Jugendlichen sich mit Auwiesen identifizieren, entwickeln sie eine höhere Sensibilität gegenüber jener Disorder, die sich direkt gegen den Raum richtet.
Die Dauer des Wohnens in Auwiesen hat keinen Einfluss auf die Aneignung von Auwiesen. D.h: Wurde die Kindheit in Auwiesen verbracht, so identifizieren sich die Jugendlichen deswegen nicht mehr mit dem Stadtteil. Dies ist ein Indiz, dass der Raum erst in der Phase der Jugend seine identitätsstiftende Wirkung entfaltet.
46 r = ,189; 100% signifikant
47 r = -,130; 90% signifiikant
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4.4.4 Die Wahrnehmung des Rufs durch die Auwiesener Jugendlichen
(Schuld)
Die Außenperspektive des Rufs wurde bereits behandelt. Dabei stellten wir fest, dass Auwiesen einen schlechten Ruf hat. In diesem Kapitel zeigen wir, wie die Auwiesener Jugendlichen den Ruf wahrnehmen, ob sie ihn überhaupt wahrnehmen und ob der Ruf ihrer Meinung nach mit der Realität übereinstimmt. Weiteres versuchen wir herauszufinden, ob Geschlecht, Alter, Ethnie, Bildungsniveau, Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur und Mobilität einen Einfluss auf die Wahrnehmung des Rufs hat. Wir gehen in den folgenden Kapiteln folgendermaßen vor: Zuerst werden die Ergebnisse eindimensional und anschließend die bivariaten Zusammenhänge dargestellt. Danach wird mittels einer lineare Regressionsanalyse versucht, die partiellen Korrelationen ausfindig zu machen und zu einem Modell zu bündeln.
Folgende Items wurden von den Jugendlichen beurteilt:
Tabelle 68: Rufwahrnehmung (in %)
Wir konnten feststellen, dass der Ruf von Auwiesen im Allgemeinen bekannt ist. 55,3% gaben an, dass das Item „Der Ruf ist mir nicht bekannt“ überhaupt nicht auf sie zutrifft. Im Durchschnitt wurde dieses Item mit „trifft nicht zu“ bewertet (arithm. Mittel = 4,07). Lediglich für 14,4% ist der Ruf eher unbekannt. Der Ruf ist also für die meisten bekannt, aber wie wird er eingeschätzt? Mehr als die Hälfte (51,9%) der Jugendlichen sind der Ansicht, dass Auwiesen keinen guten Ruf hat. 1/3 (32,4%) beantwortet das Item „Auwiesen hat einen guten Ruf“ mit „teils,teils“. Ausdrücklich Zustimmung erfolgt nur von 15,1%. Der Ruf wird tendenziell als schlecht wahrgenommen. Im Großen und Ganzen sehen die Jugendlichen den Ruf eher ungerechtfertigt: Das Item „In Wirklichkeit ist es viel schlimmer als dies der Ruf besagt“ findet nur bei 13,5% Zustimmung. Für 40,8 % trifft diese Aussage überhaupt nicht zu und für 27,3% trifft sie nicht zu. Im Gegenzug wird der Aussage „ Ich finde, dass der Ruf schlechter ist als es tatsächlich aussieht“ eher zugestimmt: 45,2% stimmen zu, aber 30,2% lehnen dieses Item eher ab. Somit ist tendenziell für die Auwiesener Jugendlichen die Realität eher nicht schlechter als der verbreitete (schlechte) Ruf, aber für 1/3 ist die Realität auch nicht 154
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besser als der Ruf. Dies schlägt sich auch in der folgenden Frage nieder: Für 34,3% ist der Ruf von Auwiesen gerechtfertigt und für 28,2% ist er eher ungerechtfertigt. Jetzt müssen wir jedoch darauf eingehen, welcher Form der Ruf hat (guter oder schlechter Ruf) der als gerechtfertig angesehen wird. Je eher der Ruf als gerechtfertig angesehen wird, desto ehr wird das Item „Auwiesen hat eine guten Ruf“ abgelehnt (Spearmans Rho = -,284**), desto eher haben die Jugendlichen Verständnis für Menschen die schlecht über Auwiesen sprechen (Spearmans Rho = ,461**), umso eher wird die Wirklichkeit schlimmer als der Ruf bewertet (Spearmans Rho = ,535**), und desto eher ist der Ruf nicht bekannt (Spearmans Rho = -,267**). Knapp die Hälfte (46,3) gab an, dass ihnen der Ruf eher egal ist, 28% ist der Ruf eher nicht egal und ¼ der Befragten (25,7% ) beurteilt diese Aussage mit weder/noch. Interessant werden diese Ergebnisse jedoch erst, wenn wir wissen von welchen Faktoren diese Einschätzungen abhängen. Bevor wir auf die Einflüsse unserer zentralen Dimensionen auf den Ruf durchleuchten, wollen wir noch darauf eingehen, ob und wie der Ruf auch in der „ernsten Lebenswelt“ (Schule und Beruf) wahrgenommen wird.
Tabelle 69: Rufbezogene Erfahrungen in Schule und Beruf: (in %)
Nur 7,4% haben das Gefühl, dass sie aufgrund ihres Wohnortes in der Schule oder im Beruf benachteiligt werden. 84,7% fühle sich von ihren nicht Kollegen benachteiligt, weil sie aus Auwiesen kommen und lediglich 2,8% fühlen sich benachteiligT. Andererseits stellt ein fünftel (19,3%) der Befragten fest, dass ihr Wohnort Auswirkungen auf die Schule und auf ihren Beruf hat. Ebenso kommt es bei einem Fünftel (21,2%) der Jugendlichen vor, dass ihre Herkunft aus Auwiesen angesprochen wird. Die Jugendlichen haben demnach kaum den Eindruck, dass sie von ihren Mitschülern oder Lehrern aufgrund ihres Wohnortes benachteiligt werden. Dennoch ist Auwiesen, zumindest für ein fünftel der Befragten, ein Thema in der Schule oder im Beruf.
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Fehler! Formatvorlage nicht definiert.
4.4.4.1Einflüsse der zentralen, raumunabhängigen Variablen auf die Wahrnehmung des Rufs
In diesem Kapitel versuchen wir zu zeigen, welche unserer zentralen Variablen (Geschlecht, Alter, Ethnizität, Bildungsniveau und Schicht) einen Einfluss auf die Wahrnehmung des Rufs hat.
Tabelle 70: Zusammenhänge Zentrale Variablen und Ruf
Je Älter die Jugendlichen sind, desto schlechter schätzen sie den Ruf ein und desto mehr ist ihnen der Ruf egal. Weiteres ist ihnen der Ruf besser bekannt als den jüngeren Jugendlichen und verstehen eher die Menschen die schlecht über Auwiesen sprechen. MigrantInnen beurteilen den Ruf signifikant besser als Nicht-MigrantInnen. Je höher das Bildungsniveau, desto schlechter wird der Ruf wahrgenommen und desto mehr Verständnis haben sie für die Menschen die schlecht über Auwiesen sprechen. Weiteres ist der Ruf, wenn das Bildungsniveau höher ist, eher bekannt. Die Schichtzugehörigkeit übt ebenfalls einen Einfluss aus: Je höher das Schichtniveau, desto gerechtfertigter wird der Ruf angesehen. Tabelle 71: Zusammenhange Zentrale Var/Auswirkungen des Rufs
Mädchen haben eher den Eindruck, dass der Wohnort eine Auswirkung auf die Schule oder den Beruf hat. MigrantInnen haben eher das Gefühl, dass sie aufgrund ihres Wohnortes in der Schule oder im Beruf benachteiligt werden und dass der Wohnort einen Einfluss auf die Schule oder den Beruf hat. Je höher die Bildung, desto weniger haben die Jugendlichen den Eindruck aufgrund ihres Wohnortes benachteiligt zu werden und desto weniger haben sie den
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Fehler! Formatvorlage nicht definiert.
Eindruck, dass der Wohnort eine Auswirkung hat. Je höher die Schicht, desto weniger wird der Wohnort als Benachteiligung empfunden.
4.4.4.2 Einflüsse von Jugendkulturen und Mobilität auf die Wahrnehmung des Rufs In diesem Kapitel werden die bivariaten Einflusse der Jugendkulturen und der Mobilität auf die Wahrnehmung des Rufs behandelt.
Tabelle 72: Bivariate Einflüsse der Jugendkulturen auf den Ruf
HipHoperInnen finden, dass der Ruf schlechter ist als es tatsächlich aussieht und verstehen weniger, wenn über Auwiesen schlecht geredet wird. Weiteres ist ihnen der Ruf eher bekannt. Punks sind noch stärker der Ansicht, dass Auwiesen einen schlechten Ruf hat, finden den Ruf eher gerechtfertigt und kennen den Ruf eher als Nicht-Punks. Die Allgemeine Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur wirkt sich nur auf den Bekanntheitsgrad des Rufs aus: Jugendkulturelle wissen besser über den Ruf bescheid.
Tabelle 73: Bivariate Einflüsse der Jugendkultur auf Ruferfahrungen.
HipHoperInnen gaben signifikant öfter an, dass ihre Herkunft aus Auwiesen in der Schule oder im Beruf angesprochen wird. SkaterInnen haben eher das Gefühl in der Schule oder in der Arbeit benachteiligt zu werden, weil sie aus Auwiesen kommen. Die restlichen von uns erhobenen Jugendkulturen haben keinen Einfluss auf die Wahrnehmung des Rufs und die rufbezogenen Erfahrungen.
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Fehler! Formatvorlage nicht definiert. Tabelle 74: Bivariate Einflüsse von Mobilität auf den Ruf
Je höher die funktionsbestimmte Mobilität (= je weiter die Entfernung der Schule/Ort der Arbeit von Auwiesen), desto schlechter wird der Ruf wahrgenommen, ist der Ruf bekannt und wird eher als gerechtfertigt angesehen. Die Wohnungsgebundenen Typen (verbringen ihre Freizeit eher in der Wohnung) verstehen eher die Menschen die schlecht über Auwiesen sprechen und sind sogar eher der Ansicht, dass die Realität schlimmer als der Ruf ist, obwohl ihnen der Ruf weniger bekannt ist. Die Stadteilgebundenen Typen (verbringen ihre Freizeit außerhalb der Wohnung, aber in Auwiesen) sind eher der Ansicht, dass Auwiesen einen guten Ruf hat. Dieser Typus ist eher der Ansicht, dass der Ruf ungerechtfertigt ist und versteht jene Menschen weniger, welche schlecht über Auwiesen reden. Tabelle 75: Bivariate Einflüsse von Mobilität auf die Ruferfahrungen
aufgrund ihres Wohnortes benachteiligt. Wohnungsgebundene- und Stadtteilgebundene Jugendliche fühlen sich eher in Schule und Beruf benachteiligt, weil sie in Auwiesen wohnen.
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Fehler! Formatvorlage nicht definiert. 4.4.4.3 Zusammenfassung der Rufwahrnehmung
Wir halten fest, dass die Auwiesener Jugendlichen den Ruf des Stadtteils wahrnehmen und diesen eher als „schlechten Ruf“ wahrnehmen. Für die meisten ist der reale Alltag in Auwiesen besser als dies aufgrund des Rufs angenommen werden kann. Die Medien sehen die Ursache für den schlechten Ruf im erhöhten Auftreten von Problemen und Konflikten im Stadtteil. Interessanterweise wird durch eine höhere Wahrnehmung von Problemen und Konflikten der Ruf von den Jugendlichen nicht als gerechtfertigter erachtet. Der schlechte Ruf des Stadtteils wirkt zurück auf seine BewohnerInnen, jedoch wird das, vor allem durch das in den Medien transportierte Bild, als überzeichnet angesehen.
Eine Benachteiligung durch den Ruf im schulischen und beruflichen Alltag, wird kaum wahrgenommen. Interessant werden diese Ergebnisse erst, wenn wir uns innerhalb der Auwiesener Jugendlichen die unterschiedliche Wahrnehmung des Rufs ansehen. Höher gebildete Jugendliche nehmen den Ruf eher war, schätzen den Ruf schlechter ein und der Ruf ist ihnen mehr egal als Jugendlichen mit einem geringeren Bildungsniveau. Die lässt sich auch über die höhere Mobilität, über die höher gebildete Jugendliche verfügen, erklären. Allgemein fühlen sich die Jugendlichen in Auwiesen im Stadtteil im Großen und Ganzen wohl und empfinden den Ruf eher als ungerechtfertigt. Jugendliche, welche nicht in Auwiesen wohnen sind vielleicht stärker „Opfer“ des durch die Medien verbreiteten Rufs und haben auch eher keinen Vergleich wie die Realität in Auwiesen aussieht. Höher gebildete Jugendliche sind stärker mit einer Meinung von Jugendlichen außerhalb des Stadtteils konfrontiert, dadurch möglicherweise stärker mit einer schlechten Meinung über den Stadtteil konfrontiert und könnten diese Meinung von außen übernehmen. Weiteres ist ihnen der Ruf eher egal, obwohl sie stärker mit ihm konfrontiert werden. Dies ist auf den ersten Blick ein widersprüchliches Ergebnis und lässt sich durch die geringere Identifikation mit dem Stadtteil erklären. Bildung erhöht die Mobilität und erhöht auch deshalb den Erfahrungshorizont. Je höher die Bildung und Mobilität ist, desto weniger ist ein Jugendlicher auf den Stadtteil als Lebensraum angewiesen. Der ökologische Nahraum im Sinne Baackes, also als das Viertel in dem sich die elterliche Wohnung befindet, verliert an Bedeutung, da die Freizeit weniger in ihm verbracht wird. Der freizeitliche Lebensraum dehnt sich auch auf jene Orte aus, in denen sich die Schule (oder auch der Arbeitsplatz) befindet. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass Jugendliche, welche eine höhere Schule besuchen die Freizeiteinrichtungen in Auwiesen weniger nützen, eher bereit sind sofort aus Auwiesen wegzuziehen und es ihnen weniger bedeutet in Auwiesen zu wohnen. Weiteres verteidigen sie Auwiesen weniger, wenn schlecht über den Stadtteil gesprochen wird (vgl. Kapitel 4.4.3 Identifikation mit dem Stadtteil). Dass 159
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für eine Person eine Sache von Bedeutung ist, benötigt eine Identifikation mit der Sache. Da für die höher gebildeten Jugendlichen es nicht notwendig ist, sich mit Auwiesen zu identifizieren, können sie dem Ruf gleichgültiger gegenüber stehen. Höhergebildete Jugendliche fühlen sich auch weniger aufgrund ihrer Herkunft (bezogen auf den Stadtteil) benachteiligt.
Umgekehrtes ist für jene Jugendlichen mit einem niedrigeren Bildungsniveau und für jene die aus den unteren Schichten stammen der Fall. Der Mangel an Ressourcen „kettet“ an den Raum und verlangt eine stärkere Aneignung, da der Optionsspielraum geringer ist (Bourdieu 1997: S164). Sie identifizieren sich stärker mit „ihrem“ Stadtteil und finden eher, dass der Ruf ungerechtfertig ist und fühlen sich eher aufgrund ihrer Stadtteilherkunft benachteiligt. Ähnliches gilt für die Gruppe der MigrantInnen. Diese sind in Auwiesen strukturell schlechter gestellt und verfügen über ein niedrigeres Bildungsniveau, geringere Mobilität und sind eher aus den unteren Schichten. Die (gezwungenermaßen) stärkere Nutzung des Stadtteils hat eine höhere Identifikation mit Auwiesen zur Folge und dadurch eine höhere Sensibilität gegenüber dem Ruf.
Wir wenden uns nun jenen Jugendlichen zu, welche ihre Freizeit vorzugsweise in den eigenen vier Wänden verbringen. Im Kapitel 4.3.2 Mobilität wurde gezeigt, dass nur die Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur einen Einfluss auf die Wohnungsgebundenheit hat. Angehörige einer Jugendkultur verbringen ihre Freizeit eher nicht in der eigenen Wohnung, ansonsten konnten keine Unterschiede bezüglich unserer zentralen Variablen (Geschlecht, Bildungsniveau, Ethnie, Schicht und Alter) feststellen. Hinsichtlich des Rufs sind die wohnungsgebundenen Typen eher der Ansicht, dass die Realität schlimmer ist als der Ruf und verstehen eher die Menschen die schlecht über Auwiesen sprechen. Weiteres kennen sie den Ruf weniger. Da sie sich mit Ausnahme der Wohnungsgebundenheit nicht von anderen Jugendlichen unterscheiden, liegt der Schluss nahe, dass sie sich aufgrund ihres schlechten Bildes von Auwiesen eher in ihrer Wohnung aufhalten.
Welchen Einfluss haben die Jugendkulturen auf die Wahrnehmung des Rufs? HipHoperInnen ist der Ruf besser bekannt und sind eher der Ansicht, dass er ungerechtfertigter ist. Da die HipHoperInnen einige bemerkenswerte Eigenschaften haben, werden wir diese in einem eigenen Kapitel näher durchleuchten (Kapitel 4.7).
Hervorhebenswert sind noch die Punks. Punks sehen den Ruf eher als gerechtfertigt an und identifizieren sich weniger mit Auwiesen. Sie hängen weniger an dem Stadtteil und wären
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eher bereit sofort wegzuziehen. Aus unserer Feldarbeit und Interviews mit den Sozialarbeitern wissen wir, dass zumindest die Jugendclubs am stärksten von den HipHoperInnen genützt werden. Die Punks haben in Auwiesen kaum Treffpunkte. Sie nützten eher Treffpunkte außerhalb des Stadtteils wie z.B die Donaulände und das Jugendzentrum Ann & Pat. Empirisch wird dies vor allem durch die höhere freizeitliche Mobilität der Punks gestützt: Punks verlassen signifikant häufiger Auwiesen4 7 F 48 , Linz Süd4 8 F 49 und sind eher dem stadtteilungebundenen Typus4 9 F 50 zuzuordnen. Die Punks beklagten sich häufig, in den offen gestellten Fragen unseres Fragebogens, über das schlechte Verhältnis zu den HipHoperInnen, dass die Ausländer die Jugendtreffs besetzen und dass es kaum einen Platz für sie gibt. Es ist anscheinend für die Punks schwierig sich öffentlichen Raum in Auwiesen anzueignen und sie müssen daher auf Orte außerhalb Auwiesen ausweichen. Die höhere freizeitliche Mobilität führt zu einer geringeren Identifikation mit dem Stadtteil und da der Stadtteil eher einen negativen Eindruck (so beklagen sie auch häufig Schlägereien) auf sie hinterlässt, ist der Ruf in ihren Augen gerechtfertigt. Der Ruf hat die Eigenschaft „Meinungsvorlagen“ dauerhaft zu speichern. Die Wirkung dieser Vorlagen auf die Jugendlichen kann aber höchst unterschiedlich sein: Der Ruf bestärkt eine gewisse Ablehnung gegenüber dem Stadtteil, wenn die Identifikation und Aneignung nicht gelingt (Multiplikator) und wird als ungerechtfertigt abgetan, wenn der Stadtteil genützt wird und der zu Verfügung stehende Raum angeeignet werden kann. Am Beispiel der HipHoperInnen wollen wir diesen Effekt des Rufs verdeutlichen (Kapitel 4.4.7).
48 Kendall´s tau-b: ,123 (100% signifikant)
49 Kendall´s tau-b: ,111 (100% signifikant) 50 Kendall´s tau-b: ,127 (100% signifikant) 161
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4.4.5 Jugend und Erwachsene (Schuld)
Wir wollten von den Jugendlichen wissen, wie sie die Erwachsenen im öffentlichen Raum wahrnehmen. Dazu haben wir einerseits das Verhältnis der Jugendlichen zu den Erwachsenen und die Kontaktdichte erhoben und andererseits die problembezogenen Erfahrungen mit den Erwachsenen. Folgende Aussagen wurden von den Jugendlichen beurteilt:
Abbildung 34: Wahrnehmung der Erwachsenen
4.4.5.1 Allgemeines Verhältnis zu den Erwachsenen
Die Tabelle zeigt, dass die Auwiesener Jugendlichen mit den Erwachsenen in ihrer Umgebung im Großen und Ganzen gut auskommen. Für drei Viertel der Befragten (75,3%) trifft es zu bzw. stark zu, dass sie mit den Erwachsenen gut auskommen. Für 41,9% trifft die Aussage „Die Erwachsenen sind mir völlig egal“ nicht zu und 30,1% stehen den Erwachsenen eher gleichgültig gegenüber. Interessanterweise konnten wir feststellen, dass je gleichgültiger die Erwachsenen den Jugendlichen sind, umso schlechter ihr Verhältnis zu ihnen ist. Je stärker die Aussage „Die Erwachsenen sind mir völlig egal“ auf die Jugendlichen zutrifft, desto weniger kommen sie gut mit Erwachsenen aus, umso mehr fühlen sie sich eingeschränkt und haben weniger Kontakt5 0 F 51 . Zwar kommen die Jugendlichen im Großen und Ganzen gut
51 Korrelationeskoeffizient Kendall´s Tau B = -0,321** und -0,214**.
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mit den Erwachsenen aus, dennoch hat kumuliert mehr als die Hälfte (54,1%) das Gefühl, dass viele Erwachsene wegen Kleinigkeiten Stress machen. Obwohl nur knapp jeder zehnte Befragte angab ständig eingeschränkt zu werden sind viele der Meinung, dass die Erwachsenen wenig Verständnis für die Jugendlichen zeigen. 36% der Jugendlichen haben eher keinen Kontakt zu den Erwachsenen, 36,2% haben häufig Kontakt und 27,8% haben teilweise Kontakt zu den Erwachsenen. Je stärker der Kontakt zu den Erwachsenen ist, desto besser kommen sie mit ihnen aus5 1 F 52 und desto mehr fühlen sie sich von den Erwachsenen verstanden5 2 F 53 .
4.4.5.2 Einfluss der zentralen Dimensionen auf die Beziehung Jugendliche/Erwachsene
Der Einfluss unserer zentralen Variablen (Geschlecht, Alter, Bildung; Ethnie, Schicht) ist relativ gering. Je älter die Jugendlichen, umso weniger fühlen sie sich von den Erwachsenen eingeschränkt5 3 F 54 und je höher die Bildung, desto weniger Kontakt haben sie zu den Erwachsenen.5 4 F 55
4.4.5.3 Einfluss von Mobilität und Jugendkulturen auf die Beziehung Jugendliche/Erwachsene
Tabelle 76: Einfluss von Jugendkulturen und Mobilität auf das Verhältnis zu den Erwachsenen
Den Angehörigen einer Jugendkultur, speziell den Punks und den HipHoperInnen, sind die Erwachsenen eher egal, aber sie fühlen sich von den Erwachsenen eher gestresst. Je eher die
52 Kendall´s Tau B = -0,214**
53 Kendall´s Tau B = -0,189** 54 Kendall´s Tau B = 0,170** 55 Kendall´s Tau B = -0,143** 163
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Freizeit in der Wohnung verbracht wird, desto eher sind diese Jugendlichen der Ansicht, dass es viele Erwachsene gibt, die wegen Kleinigkeiten Stress machen. Die Stadtteilgebundenen Jugendlichen haben mehr Kontakt zu den Erwachsenen. Sie fühlen sich mehr von ihnen verstanden und haben weniger Stress mit den Erwachsenen. Je weiter weg die Schule oder der Arbeitsplatz ist, desto weniger fühlen sie sich von den Erwachsenen verstanden.
4.4.5.3 Zusammenfassung: Verhältnis zu den Erwachsenen
Im Prinzip haben die Jugendlichen zu den Erwachsenen ein gutes Verhältnis. Obwohl viele der Befragten angaben, dass es viele Erwachsenen gibt, die wegen Kleinigkeiten Stress machen und die Erwachsenen nur zum Teil Verständnis für die Jugendlichen haben, kommt der größte Teil mit den Erwachsenen gut aus. Weiters ist nur ein geringer Teil der Jugendlichen der Ansicht ständig von Erwachsenen eingeschränkt zu werden. Dies deutet darauf hin, dass die Auseinandersetzungen nicht allzu gravierend sind. Aus den Interviews geht hervor, dass die Jugendlichen nur von einem kleinen Kreis von Erwachsenen (laut Interviews setzt sich diese Gruppe eher aus älteren Frauen zusammen) häufig eingeschränkt werden und die Ursache der Auseinandersetzungen in erster Linie der Geräuschpegel der Jugendlichen ist. Für diese Erwachsenengruppe haben die Jugendlichen wenig Verständnis, ansonsten kommen die Jugendlichen mit den Erwachsenen eher gut aus
Je älter die Jugendlichen sind, desto fühlen sie sich von den Erwachsenen eingeschränkt. Dieser Zusammenhang könnte mehrere Ursachen haben: Zum einen haben ältere Jugendliche (jene die zwischen 15 und 19 sind) wahrscheinlich ein stärkeres Selbstvertrauen und lassen sich nicht so leicht von Erwachsenen einschränken bzw. verfügen Erwachsene für die Älteren über eine geringere Autorität als für die unter 15-jährigen. Zum anderen ist es ist auch denkbar, dass sich die Erwachsenen bei älteren Jugendlichen nicht mehr im gleichen Maße einschreiten trauen, als sie dies bei Jüngeren tun. Aus der Qualitativen Analyse (siehe Kapitel 5.) geht hervor, dass die Ursache der Auseinandersetzungen in vielen Fällen, der durch die Jugendlichen verursachte Lärm ist. Ältere Jugendliche wissen möglicherweise besser über ihre Rechte bescheid und trauen sich dies auch einzufordern. Eine Jugendliche äußerte sich dazu in einem Interview „[...] außerdem bin ich 15 und ich darf bis 12 heraußen bleiben und es ist erst halb 11, also regen sie sich nicht auf“
Je höher das Bildungsniveau der Befragten, desto weniger Kontakt haben sie zu den Erwachsenen und je höher die Entfernung des Arbeitsplatze und der Schule, desto weniger fühlen sie sich von den Erwachsenen verstanden. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass auch die Freizeitmobilität bei diesen Jugendlichen höher ist und sie auch deshalb weniger 164
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Kontakt zu den Erwachsenen im Stadtteil haben. Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau haben aufgrund der höheren Stadtteilnutzung stärker Kontakt zu den Erwachsenen.
Wohnungsgebundene Jugendliche haben mehr Stress mit den Erwachsenen. Dies könnte an einer bestimmten Konfliktursache liegen. Es ist anzunehmen, dass die Erwachsenen mit denen sie Auseinandersetzungen haben ihre direkten Nachbarn sind. Dann könnte der Geräuschpegel den die Jugendlichen zu Hause erzeugen (eingeladene Freunde, laute Musik) häufiger als bei anderen Jugendlichen, die Ursache der Konflikte sein.
Wie bereits erwähnt haben die höher gebildeten Befragten, aufgrund ihrer höheren Mobilität, einen geringeren Kontakt zu den Erwachsenen. Umgekehrt haben die stadtteilgebundenen Jugendlichen mehr Kontakt zu den Erwachsenen. Dieses Verhältnis ist aber signifikant besser: Jugendliche die ihre Freizeit eher im Stadtteil verbringen fühlen sich von den Erwachsenen besser verstanden und haben weniger Stress mit ihnen. Zu diesem Ergebnis kommt auch die qualitative Analyse: Je höher der Bezug der Erwachsenen zu den Jugendlichen ist, desto besser kommen sie miteinander aus. Durch Kommunikation werden Probleme gelöst und man ist besser in der Lage sich in den anderen hineinzuversetzen. Es könnte auch gesagt werden, dass jene Jugendlichen, welche ihre Freizeit eher in Auwiesen verbringen, auf ein besseres Verhältnis mit den Erwachsenen aus sind, da dies ihr Leben in Auwiesen erleichtert.
In diesem Zusammenhang ist folgendes Ergebnis für uns von besonderer Bedeutung: Jugendliche die in einer Jugendkultur (in erster Linie die HipHoperInnen, Punks und die SkaterInnen) verankert sind, nützen ebenfalls stark den Stadtteil haben aber ein phlegmatischeres Verhältnis zu den Erwachsenen und fühlen sich eher von ihnen gestresst, als Jugendliche die nicht Teil dieser Jugendkulturen sind. Die Aneignung von öffentlichem Raum ist für die HipHop-, Punk- und Skateboardkultur von besonderer Bedeutung (vgl. Kapitel 2.3.2). Aneignung bedeutet im Sinne dieser Kulturen nicht die funktionale Nutzung des Raums, sondern einen aktiven und kreativen Umgang mit den räumlichen Gegebenheiten. Da im Gegensatz zu den Jugendlichen die Erwachsenen Räume eher funktional nützen, könnte der Dissens über die Raumnützung Ursache für die häufigeren Konflikte sein. Die Konflikte mit Erwachsenen entstehen nicht durch die Nutzung des öffentlichen Raums, sondern durch einen Interessenskonflikt darüber, wie der Raum zu nutzen sei. Jugendkulturen fördern einen kreativen Umgang mit dem Raum und die Angehörigen einer Jugendkulturenbetrachten die Stadt mit anderen Augen. Die kreative Nutzung des Raums ist kein boshafter Akt der (jugendkulturellen) Jugendlichen, sondern eine Notwendigkeit für ihre Identitätskonstruktion. 165
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Im Kapitel 4.2 wurde folgende These postuliert: Die hohe Fluktuation innerhalb der Bewohner erschwert den Aufbau eines Beziehungsgeflechtes und daraus ergibt sich eine hohe Anonymität innerhalb des Stadtteils. Wie oben erwähnt wurde, wirkte sich die Stärke des Kontakts positiv auf das Verhältnis zwischen den Jugendlichen und Erwachsenen aus. Die Befragten leben im Schnitt seit 11,465 5 F 56 Jahren in Auwiesen.. Die Dauer des Wohnens kann als ein Indikator für die Fluktuation gesehen werden. Da die durchschnittliche Wohndauer 11,46 Jahre beträgt (bei einem Durchschnittsalter der Befragten von 15 Jahren) dürfte die Fluktuation bei Familien mit Kindern nicht hoch sein. Da das Verhältnis im Allgemeinen zu den Erwachsenen eher gut ist, könnte dies durchaus auf die niedrige Fluktuation zurückzuführen sein. Wir konnten allerdings feststellen, dass die Dauer des Wohnens in Auwiesen keinen Einfluss auf das Verhältnis zu den Erwachsenen hat. Dies bedeutet, dass Jugendliche die schon lange in Auwiesen wohnen, kein besseres oder schlechteres Verhältnis (auch nicht mehr oder weniger Kontakt) zu den Erwachsenen haben, als Jugendliche die erst seit kurzem in Auwiesen wohnen. Die entscheidenden Faktoren für das Verhältnis zu den Erwachsenen sind demnach eher die Art der Nutzung und Aneignung des Stadtteils bzw. die Mobilität der Jugendlichen.
56 n = 400; Std.abweichung = 4,6; Modus = 12; Median = 12
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4.4.6 Wahrnehmung von Disorder (Schuld) Abbildung 35: Wahrnehmung von Disorder
Am häufigsten kommen Streitigkeiten zwischen den Jugendlichen vor. Fast 2/3 (65,2%) der Befragten beobachten oft Streitigkeiten zwischen Jugendlichen und bei 22,7% ist dies manchmal der Fall. Lediglich 12,1% werden selten Zeuge einer Auseinandersetzung. Ähnlich verhält es sich mit dem Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit: Von 61,2% wird oft Alkholkonsum bemerkt. Knapp die Hälfte (47,6%) der Auwiesener Jugendlichen nehmen zumindest oft körperliche Gewalt war. Bei ¼ (26,2%) ist dies manchmal und bei dem verbleibenden Viertel (26,3%) ist dies selten der Fall. Die Konflikte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sind ebenfalls häufig. Beinahe die Hälfte (47,7%) der Befragten gab an, Streitigkeiten zwischen Jugendlichen und Erwachsenen mindestens oft zu beobachten. 23,6% nehmen diese Konflikte manchmal und 28,8% selten war. 45,9% nehmen oft von Vandalismus Notiz. Bei fast einem Drittel (31,9) ist dies jedoch selten oder nie der Fall. 42,3% der Probanden gaben an häufig Ausländerfeindlichkeit beobachten zu können. Drogen und Drogenhandel werden eher weniger zur Kenntnis genommen. Drogen werden von einem Viertel (25,6%) und Drogenhandel von 19,7% der Auwiesener Jugendlichen registriert.
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4.4.6.1Einfluss der zentralen Dimensionen auf die Wahrnehmung von Disorder Den gravierendsten Einfluss übt das Alter aus. Jüngere beobachten signifikant weniger Drogenhandel, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, Vandalismus,
Nachbarschaftsstreitigkeiten und körperliche Gewalt5 6 F 57 . Ältere Jugendliche nehmen, mit Ausnahme der Streitereien und Ausländerfeindlichkeit, Disorder eher wahr. Interessant sind hier vor allem jene Variablen bei denen es keinen Zusammenhang gibt: Die Ethnizität hat keinen Einfluss auf die Wahrnehmung von Disorder.
Tabelle 77: Einfluss der Zentralen Variablen auf Disorderwahrnehmung
Mädchen und Gymnasiasten nehmen weniger körperliche Gewalt wahr. Je höher das Bildungsniveau, desto weniger wird von Vandalismus Notiz genommen. Jugendliche aus untern Schichten sind eher mit Drogen und Drogenhandel konfrontiert. MigrantInnen sind nicht mehr und nicht weniger mit den genannten Items konfrontiert.
Tabelle 78: Einfluss von Mobilität auf Wahrnehmung von Disorder
Wohnungsgebundene nehmen weniger Drogen, Drogenhandel, Alkoholkonsum und Gewalt und Konflikte war. Stadtteilgebundene nehmen mehr Konflikte und Gewalt war. Stadtteilungebundene nehmen mehr Drogenhandel und mehr Alkoholkonsum war.
57 Korrelaltionskoeffizient Kendalls Tau´B in der genannte Reihenfolge: -,283**; -,254**; -,246**; -,223**; -,103*; -,106; 168
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4.4.6.2 Einfluss von Jugendkulturen auf die Wahrnehmung von Disorder Tabelle 79: Einfluss von Jugendkulturen auf die Wahrnehmung von Disorder
Drogenhandel;, Alkoholkonsum, Körperlich Gewalt, Streitereien und Drogen im öffentlichen Raum von Auwiesen wahr. Punks nehmen verstärkt von Alkoholkonsum und Streitigkeiten zwischen Jugendlichen Notiz.
4.4.6.3 Zusammenfassung: Wahrnehmung von Disorder
Zunächst müssen wir bei der Interpretation der Ergebnisse vorsichtig sein. Die relativ hohe Wahrnehmung von Disordermerkmalen soll nicht als Rechtfertigung für den schlechten Ruf des Stadtteils dienen. Wir haben nach der subjektiven Wahrnehmung gefragt und die Frage hatte keine absoluten Ausprägungen. Wenn beispielsweise 47,5% der Jugendlichen häufig körperliche Gewalt in Auwiesen wahrnehmen, so können wir keine Rückschlüsse ziehen, wie häufig „körperliche Gewalt“ tatsächlich vorkommt. Wir können nur festhalten, dass Gewalt aus der subjektiven Wahrnehmung der Jugendlichen häufig vorkommt. Zweitens gilt es die Zweideutigkeit von Disorder zu berücksichtigen. Die von uns erfragten Merkmale müssen nicht zwangsweise von den Jugendlichen als negativ empfunden werden. Ein jugendlicher Drogenkonsument steht dem Handel mit Drogen nicht ablehnend gegenüber und hat diesbezüglich auch eine sensiblere Wahrnehmung. Drittens die unterschiedliche Sensibilisierung gegenüber den Disordermerkmalen.
Der Disorder-Ansatz legt nahe, dass die Wahrnehmung von öffentlichen Verfall und Regelwidrigkeiten in direktem Zusammenhang mit der Zufriedenheit und Identifikation mit dem Stadtteil hängt. Dies können wir nicht eindeutig bestätigen. Auffällig ist, dass sowohl die Wahrnehmung von Disorder, als auch die Zufriedenheit mit dem Stadtteil eher hoch ist. Eine lineare Regression ergab, dass sich einzig eine höhere Wahrnehmung von Vandalismus, negativ auf die Zufriedenheit5 7 F 58 und auf die Identifikation5 8 F 59 mit dem Stadtteil auswirkt.
58 Part. Korrelationskoeffizient = -,195 (100% Signifikanz; R = ,298 - 100% Signifikanz). Abhängige Variable: „Wie gefällt es dir in Auwiesen im Großen und Ganzen?“
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Anscheinend ist der Vandalismus das am häufigsten auftretende Problem. Einige der befragten ExpertInnen wiesen darauf mehrmals hin. Vor allem die Hausmeisterin und der Gärtner beklagten sich mehrmals über den Vandalismus:
Hausmeisterin: Wir haben kein Verbrechen hier, wir haben Lausbubenstücke, die uns die Lampen umtreten. Die gehen halt heim ohne dass sie nachdenken was sie alles kaputtmachen. Aber wir haben sicher keine Verbrecher oder sonst etwas da heraußen. Auch von den Jugendlichen ist es eines der am häufigsten wahrgenommen Probleme: 45,9% nehmen oft oder sehr oft Vandalismus wahr (22,9% manchmal). Weiters ist dies eine Form der von uns erhobenen Disordermerkmale, die sich direkt gegen den Raum richtet. Wird der Raum ständig beschädigt, fällt es schwerer ihn zu nützen. In der Folge sinken die Zufriedenheit und die Identifikation mit dem Stadtteil.
Die HipHoperInnen nehmen stärker Disorder wahr, sind aber auch jene Gruppe die sich sehr stark mit Auwiesen identifiziert. Darauf werden wir im Kapitel „HipHop, Ruf und Identifikation“ noch näher eingehen.
Die These, dass je mehr Disorder wahrgenommen wird, desto mehr ziehen sich die BewohnerInnen in die eigenen vier Wände zurück konnte hier ebenfalls nicht bestätigt werden. In der Tat haben wir genau den umgekehrten empirischen Befund. Je mehr die Jugendlichen in ihrer Wohnung sind, desto weniger nehmen sie von Disorder Notiz. Die Erklärung liegt unserer Ansicht nach in der Richtung des Zusammenhangs. Diese Gruppe verbringt ihre Freizeit eher in der Wohnung und bekommt dadurch weniger von den Vorgängen im öffentlichen Raum des Stadtteils mit. Die Wohnungsgebundenen Jugendlichen ziehen sich eher aufgrund der geringeren Zufriedenheit (sie sind weniger mit den Freizeitmöglichkeiten, Treffpunkten und Verkehrsmitteln zufrieden) zurück. Quantitativ lassen sich die Wohnungsgebundenen Jugendlichen lediglich dadurch beschreiben, dass sie eher nicht Teil einer Jugendkultur sind. Jugendkulturen erleichtern die Aneignung des Raums aus. Möglicherweise finden sich die Wohnungsgebundenen Typen in Auwiesen keine Raum, denn sie sich aneignen können.
Punks nehmen vor allem Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit und Streitigkeiten zwischen den Jugendlichen wahr. Die erhöhte Wahrnehmung von Streitigkeiten zwischen Jugendlichen lässt sich durch die Konflikte zwischen den Punks und den HipHoperInnen erklären. Die Punks sind demnach selbst Akteure in den wahrgenommenen Auseinandersetzungen
59 Part. Korrelationskoeffizient = -,161 ( 98% Signifikanz; R = ,297 - 100% Signifikanz). Abhängige Variable: „Ich hänge so sehr an Auwiesen, dass ich schon deshalb nicht wegziehen möchte“
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zwischen den Jugendlichen (vgl. Kapitel 4.4.4.3 Zusammenfassung der Rufwahrnehmung). Ähnlich könnte es auch bei der erhöhten Wahrnehmung des Alkoholkonsums sein. Der Konsum von Alkohol (vor allem auf öffentlichen Plätzen) ist ein Bestandteil der Punkkultur.
Klarerweise nehmen die stadtteilgebundenen Typen mehr Disordermerkmale war. Da diese Gruppe mehr Zeit in Auwiesen verbringt, werden sie auch öfters Zeugen der dortigen Vorfälle. Interessant ist jedoch, dass sich diese Gruppe in Auwiesen sehr wohl fühlt und sich auch mit Auwiesen identifiziert. Diesen Befund können wir nur hypothetisch klären. Möglich wäre, dass die wahrgenommen Konflikte und Probleme als nicht sehr gravierend angesehen werden, oder die positiven Seiten des Stadtteils haben eine höhere Bedeutung für die Jugendlichen. Weiteres wäre denkbar, dass die Auwiesner gelernt haben damit umzugehen oder die beobachteten Disordermerkmale werden nicht als negativ angesehen. In jedem Fall ist der Einfluss von Disorder als gering zu werten.
Interessant ist, dass die Stadtteilungebundenen Typen mehr Drogen und Drogenhandel wahrnehmen als andere. Diese Gruppe verbringt ihre Freizeit eher außerhalb von Auwiesen und nimmt dennoch mehr von Drogen und Drogenhandel Notiz. Wir können nur hypothetisch schließen, dass diese Gruppe den Drogenhandel eher als Problem betrachtet. Weiteres werden diese Jugendlichen, da sie ihre Freizeit mehr außerhalb des Viertels verbringen, stärker mit dem Ruf konfrontiert und haben deshalb eher den Eindruck, dass es in Auwiesen verstärkt Drogenhandel gibt. Eine von uns befragte Jugendliche, welche mit dem Stadtteil sehr unzufrieden ist und ihre Freizeit lieber woanders verbringt, äußerte sich folgendermaßen:
Der Ruf in Auwiesen ist wirklich schlecht. Er ist sicherlich auch gerechtfertigt, weil wir haben den roten Platz da hinten, das ist der Drogenplatz in Auwiesen [...]Wir haben die Jugendgruppen mit den kleinen Hip-Hop- Gangstern und es ist wirklich nicht lustig am Abend irgendwie heimgehn oder rausgehen
Die letzte Frage, ob die Wahrnehmung der Disorder in Zusammenhang mit der Wahrnehmung dem Rufs steht, wurde im Kapitel „4.4.4 Wahrnehmung des Rufs“ behandelt.
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4.4.7 HipHop, Ruf und Identifikation mit dem Stadtteil (Schuld)
In diesem Kapitel werden HipHoperInnen in Auwiesen und deren Wahrnehmung und Einstellungen gegenüber dem Stadtteil näher betrachtet. Die HipHopkultur ist in Auwiesen die am stärksten vertretende Jugendkultur. 22,7% der Befragten ordnen sich selbst den HipHoperInnen zu. Im Kapitel 4.3.1 Jugendkulturen wurde mittels einer 2-teiligen Korrelation folgende Einflussvariablen festgestellt: Je höher das Bildungsniveau, desto eher fühlen sich die Jugendlichen nicht der HipHop-Kultur zugehörig. Gymnasiasten/Innen fühlen sich eher nicht zugehörig. Je niedriger das Schichtniveau, desto eher fühlen sich die Auwiesener Jugendlichen dieser Jugendkultur zugehörig. Durch die Berechnung einer Regression konnte jedoch festgestellt werden, dass einzig das Schichtniveau einen direkten signifikanten Einfluss auf die Zugehörigkeit zur HipHopkultur ausübt.5 9 F 60 Dies bedeutet nicht, dass allgemein die HipHopkultur eher durch Jugendliche aus den unteren Schichten gebildet wird, sondern dass dies in Auwiesen der Fall ist. Warum dies der Fall ist (und ob es möglicherweise auch für andere Randstädte zutrifft) gilt es unter anderem in diesem Kapitel zu zeigen. Zunächst wollen wir jedoch zeigen, welches Verhältnis die HipHoperInnen zu Auwiesen haben und wie sie sich von den „Nicht-HipHoperInnen“ unterscheiden.
Tabelle 80: Übersicht HipHop (in %)
60 r = ,183 (100% Signifikanz)
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Abbildung 36: Übersicht HipHoperInnen
Den HipHoperInnen ist der Ruf sehr gut bekannt (81,5% kennen den Ruf) und sind der Ansicht, dass Auwiesen eher einen schlechten Ruf hat: 58,2 beantworteten das Item „Auwiesen hat einen guten Ruf“ mit „trifft nicht zu“, 24,2 % mit „teils/teils“ und 17,7% mit „trifft zu“. Der größte Teil der HipHoperInnen beurteilt den Ruf als ungerechtfertigt und findet, dass der Ruf schlechter alles es in der Realität ist. Dies ist insofern erwähnenswert, da die diese Gruppe stärker Vorfälle im öffentlichen Raum wahrnimmt, auf denen der schlechte Ruf basiert (Gewalt, Drogen, Streitereien, Alkoholkonsum. Vgl. Kapitel 4.4.6 Disorder). Die HipHoperInnen haben im Großen und Ganzen eine hohe Bindung zu dem Stadtteil und der größte Teil ist mit dem Leben in Auwiesen zufrieden. 64% sind der Ansicht, dass Auwiesen das „coolste“ Viertel in Linz ist. 61,8% (n = 92) der HipHoperInnen verteidigen Auwiesen, wenn in ihrer Gegenwart über den Stadtteil geschimpft wird. 78,5 % sind mit Auwiesen im Allgemeinen zufrieden, 12,7% sind weder unzufrieden noch zufrieden und 8,8% sind eher unzufrieden mit Auwiesen (n = 90). Für 81,4% trifft die Aussage „Ich bin eine AuwiesnerIn“ zu. Umgekehrt gab ein geringer Teil an (24,6%), dass das Wohnen in Auwiesen für sie keine Bedeutung hat. Trotz der hohen Bindung und Zufriedenheit sind 58,2% der Meinung, dass Auwiesen das „Ghetto“ von Linz ist. Dies wirft die Frage auf, was die HipHoperInnen unter dem Begriff „Linzer Ghetto“ verstehen könnten. Möglicherwweise könnte dieser Begriff für ssie positiv besetzt sein. Wir werden versuchen diese Eigenheit in diesem Kapitel zu klären. Zunächst wollen wir noch auf die Stärke des Zusammenhalts innerhalb der Gruppe eingehen:
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89,2% erhalten Hilfe, wenn sie angestänkert werden und 67,4% bekommen vonn ihrern FreundInnen Geld geborgt. 87,5% finden bei ihren FreundInnen unterstützung, wenn sie zu Hause Ärger haben und 86,3% haben den Eindruck, dass ihre FreundInnen vieles mit ihnen teilen. Diese Werte sind bei den HipHoperInnen höher als bei den anderen Jugendlichen. Eine Peer Group ,die Teil der Jugendkultur HipHop ist, hat eher einen stärkeren Zusammenhalt als Jugendliche in anderen Gruppen. Dies führt uns bereits zum nächsten Punkt: Worin unterscheidet sich die Wahrnehmung und Einstellung der HipHoperInnen von den anderen Jugendlichen?
Tabelle 81: Einfluss von HipHop auf Wahrnehmung und Einstellung
Die HipHoperInnen sind eher der Ansicht, dass Auwiesen das „Ghetto“ und „coolste Viertel“ von Linz ist. Sie identifizieren sich signifikant stärker mit „ihrem“ Stadtteil. Sie fühlen sich stärker als Auwiesner, hängen stärker an dem Stadtteil und verteidigen ihn eher, wenn schlecht über ihn gesprochen wird. HipHoperInnen sind eher der Ansicht, dass sich die Auwiesner Jugendlichen stärker von Jugendlichen aus anderen Vierteln bewusst abgrenzen. Weiters sind sie noch zufriedener mit dem Leben in Auwiesen als andere Jugendliche. Sie haben eher das Gefühl, dass ihre (stadtteilbezogene) Herkunft in der Schule oder Arbeit angesprochen wird. Der Zusammenhalt innerhalb ihrer Gruppe ist eher höher als in anderen Gruppen.
Interpretation der Ergebnisse: HipHop und Auwiesen
Fassen wir die Ergebnisse noch mal zusammen: Die HipHoperInnen wissen über den schlechten Ruf des Stadtteils bescheid, finden eher das Auwiesen ein „Ghetto“ ist, nehmen sehr häufig Disordermerkmale wie Drogen, Gewalt usw. war, fühlen sind dennoch sehr zufrieden mit Auwiesen und identifizieren sich mehr als andere Jugendliche mit dem Stadtteil. Weiteres verbringen sie ihre Freizeit eher in Auwiesen, nützten eher die
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vorhandenen Freizeitmöglichkeiten und grenzen sich stärker von Jugendlichen aus anderen Stadtteilen ab. HipHoperInnen ist der Ruf besser bekannt und sind eher der Ansicht, dass er ungerechtfertigter ist. Der Ruf ist ihnen weniger egal und sie verteidigen Auwiesen eher, wenn über den Stadtteil geschimpft wird. Einen ersten Anhaltspunkt für die Erklärung dieser Ergebnisse liefern uns die mit den HipHoper durchgeführten Interviews: I: Nach dem Fragebogen bezeichnen über 60% Auwiesen als das Ghetto von Linz. Was sagt ihr dazu? B1: Definitiv, definitiv, es ist das Ghetto von Linz. B2: Auwiesen, wir sind ein stolzes Ghetto.
I: Also ihr nehmt den Ruf eher positiv auf? B3: Sicher.
I: Was gefällt euch daran?
B1: Es stresst uns keiner, weil sie sowieso Angst haben.
B2: Umsonst täten wir nicht jeden Tag nach Auwiesen kommen, oder? In den anderen Vierteln kann man nichts machen. Das musst du dir vorstellen, wie im Mühlviertel, lauter kleine Kaffs, da redet jeder über jeden und da ist das nicht anders. Warum glaubst du kommen, weiß ich Hunderte Jugendliche nach Auwiesen? Weil es da leiwand ist, es gibt kein anderes Viertel, dass geiler ist.
Aus der Sicht der HipHoper ist der Begriff „Ghetto“ ebenso wie der schlechte Ruf positiv besetzt. Aus der Logik der HipHoperInnen ist Auwiesen das „coolste“ Viertel, eben weil es als Ghetto angesehen wird und einen schlechten Ruf hat. Nun kann Auwiesen mit Sicherheit nicht mit der Bronx oder Harlem verglichen werden, jedoch übernehmen sie Elemente des U.S. amerikanischen HipHop-Genre des „Gangster-Rap“. Für Jan Kage (2002) ist ein Gangsta-Rapper ein eingeborener Ethnograph der Straße, welcher den harten Alltag auf der Straße zum Thema seiner Songtexte macht. „Die soziale Lage schafft Markt für harte Texte. Wie bereits erwähnt, entspringt HipHop einer konkreten sozialen Situation und drückt sich als Lebensstil aus. In den spannungsreichen, städtischen Zonen besteht das Bedürfnis nach rauher Musik und direkten Lyrics, die den Alltag reflektieren, glorifizieren, von ihm berichten oder Konsequenzen einfordern. [...] . Er hat viel einstecken müssen und nimmt die Dinge wie sie sind, Der Gangsta ist ein harter Mann, der für seine und die Ehre seiner Gangbrüder einsteht. Stets muß darauf bedacht sein, daß sein Territorium nicht verletzt wird und daß er nicht übervorteilt wird“ (Kage 2001: S. 78f).
Auch die HipHoper in Auwiesen betonen in Interviews die Wichtigkeit der direkten, alltäglichen und harten Texte. Wie bereits erwähnt, ist die HipHopkultur nicht so homogen, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Auwiesner HipHoper grenzen sich stark von anderen Linzer HipHop-Gruppen ab.
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Wir fragten, wodurch sie sich von anderen Linzer HipHop-Gruppen unterscheiden:
B1: Aber das Problem ist, wenn ich in einem Text „bitch“ oder „fuck“ habe, dann habe ich gleich bei ihm ausgeschissen und er denkt sich ich will einen auf amerikanischen HipHop machen, oder so. Wenn ich mir denke, diese Alte ist für mich eine Schlampe, dann sag ich das. Wenn ich mir denke das ist für mich scheiße, dann sag ich das. Die halten sich mehr zurück.
B2: Die zensieren sich selbst. Das was sie denken zensieren sie einfach.
B3: Wenn das Thema da ist sprechen sie so rund herum, wir gehen direkt darauf an und das machen sie nicht.
[...]
B2: Wenn du z.B. draußen hinfällst und halb Auwiesen lacht darüber, dann schreibt man auch einen Text darüber. Wenn etwas witziges passiert schreibst du darüber, wenn Scheiße passiert, schreibst du darüber. Wenn du etwas Scheiße findest schreibst du auch darüber.
Die symbolische Kreativität wird hier sichtbar: Durch die kreative Auseinandersetzung mit dem Alltag im Stadtteil über die Produktion von Texten und Liedern wird der Stadtteil angeeignet. Die Perspektive des „Gangsta-Rap“ ermöglicht es den Auwiesner HipHoper Begriffe wie „Ghetto“ und „Verrufen“ ins positive umzudrehen. „ Hip Hop kann als eine kulturelle Bewegung begriffen werden, deren implizites Anliegen es ist, die Definitionsmacht über ihre - fremdzugeschriebene - Identität wiederzuerlangen“ (Kage 2002: S. 9). Stattessen betonen sie die positiven Seiten von Auwiesen, verweisen auf die „familiären“ Beziehungen im Stadtteil und grenzen sich nicht nur von anderen HipHop-Gruppen, sondern allgemein von den Nicht-Auwiesner Jugendlichen ab. Quantitativ wird dies dadurch bestätigt, daß sie den Variablen „ Auwiesen ist das coolste Viertel von Linz“ und „Die Jugendlichen aus Auwiesen grenzen sich bewusst von Jugendlichen aus anderen Viertel ab“ zustimmen und dies mehr als es die anderen Jugendlichen tun. Weiteres schätzen sie die Qualität ihrer freundschaftlichen Beziehungen (gemessen an der Unterstützung bei Geldmangel und Problemen) besser ein als andere Auwiesner Jugendliche. Der Begriff „Ghetto“ meint in ihrem Sinne, daß sie unter sich sind und unerwünschte Jugendliche aus andern Viertel fern bleiben.
B1: Alle die behaupten Auwiesen, alle sagen Auwiesen ist das Ghetto, aber die sind alle Bonzenkinder und kriegen ihre Louis Vuitton- Sachen in den Arsch geschoben. Prada, Lous Vuitton, Marco Polo, lauter Schwuchteln.
B2: Ja, das geht mir auf die Eier. Nein wirklich, die übertreiben alle maßlos. Es heißt wir sind da alle so aggressiv und so, ein Scheiß. Wir machen nichts anderes als rappen, ein bisschen da hocken, Tischtennisspielen.
B1: Auwiesen ist ein Viertel wie jedes andere, es wird das gleiche gemacht wie in jedem anderen Viertel. Nur Auwiesen hat einen schlechten Ruf von der Vergangenheit und das wird bis heute
nachgetragen. Die meisten Leute checken das einfach nicht ab, die waren noch nie da, die reden
einfach nur. Das ist so typisch Österreich, die reden hinterrücks, das ist so.
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Diese Aussagen erklären jedoch nicht, wieso die HipHoperInnen mehr als die anderen Jugendlichen ihre Freizeit in Auwiesen verbringen und mehr Disordererscheinungen wahrnehmen. Durch die höhere Wahrnehmung von Drogen, Konflikte, Gewalt und Vandalismus müssten sie eigentlich eher der Ansicht sein, dass der negative Ruf des Stadtteils gerechtfertigt ist. Das ist jedoch nicht der Fall. Möglicherweise werden die von uns zur Auswahl gegebenen Variablen nicht als negativ betrachtet oder die positiven Aspekte des Stadtteils haben für sie mehr Gewicht. Verstärkt durch die HipHop-Kultur gelangen sie zur folgender Einstellung: Nicht Auwiesen ist schlecht und verrufen, sondern den anderen mangelt es an Einblick und erkennen nicht die Qualität von Auwiesen.
Wir bezweifeln, daß HipHop in Österreich eine spezifische Kulturform einer stigmatisierten Gruppe aus den unteren Schichten darstellt (wie es in den Siebzigern in den Randstädten der U.S.A. der Fall war). In Auwiesen ist dies jedoch tendenziell der Fall. Auwiesen ist in der Öffentlichkeit stigmatisiert und HipHop ist dort die verbreitetste Jugendkultur. Speziell Jugendliche der unteren Schicht tendieren zu dieser Kultur. Sie ermöglicht ihnen einen Widerstand gegen äußere Zuschreibungen. Deswegen erfreut(e) sich HipHop in den Randstädten so großer Popularität: Es ist eine logische Gegenstrategie gegen die Benachteiligungen und Stigmatisierung von Außen. HipHop ist in ihrem Sinne der Gegenpol zu einer dominanten kulturellen Formation, der man aus bestimmten Gründen nicht angehört bzw. nicht angehören möchte. Daraus bildet sich eine Gegenidentität. Diese Identität wird benötigt, um ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit zu verhindern. Durch diese Strategie wird eine „Gegenidentität“ entworfen, welche es erleichtert, den Mangel an Ressourcen (Wohnort in einer stigmatisierten Randstadt, geringer Mobilität und Bildung, geringeres ökonomisches Kapital) durch Abgrenzung gegenüber den Anderen und Betonung der eigenen (von den anderen nicht erkannten) Stärken, zu kompensieren.
Die Popularität der HipHop-Kultur kann auch durch die vorhandene Illusion des Aufstiegs über HipHop erklärt werden.
B1: Also jetz einmal noch drei Jahre von Asozialenamt, vom AMS ja. Ich glaube es hat von uns jetzt da jeder zu 99% den Traum fett Kariere zu machen mit der Musik. Es geht nicht um das Geld, es geht nur
um den Fame. Wenn du einmal oben bist, ihr könnt euren cash behalten, alles, wir wollen nur einmal
oben sein. Wenn geld dazu kommt, ok, passt, warum nicht, wer macht das nicht.
Die HipHoperInnen in Auwiesen sind signifikant häufiger arbeitslos (Kendall´s Tau B = ,183 100% signifikant) und verfügen über ein geringeres Bildungsniveau. HipHop bietet ihnen die Möglichkeit (eher die Illusion der Möglichkeit) aufsteigen zu können, ohne auf das
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Bildungssystem und auf die „normale“ Arbeitswelt angewiesen zu sein. Bis dato ist dies in Österreich, zumindest migrantischen HipHoperInnen, nicht gelungen. Hier sind unsere Thesen: HipHop verstärkt bei den Jugendlichen in Auwiesen die Ablehnung gegenüber den „Normalbiographien“, jedoch nicht gegenüber einem zentralen Wert unserer Kultur. Der soziale und finanzielle Aufstieg ist ihnen ebenso wichtig, nur der soll dieser über Erfolg im HipHop erreicht werden. Da sie einen geringeren Zugang zu den herkömmlichen Werkzeugen haben, klammern sie sich an die Illusion des Aufstiegs via HipHop. Da diese praktisch nicht möglich ist, reproduziert HipHop bei den Auwiesner Jugendlichen die hierarchischen Unterschiede: HipHop hindert sie daran, den Aufstieg über Bildung zu erreichen. Der Ruf des Stadtteils wirkt dabei verstärkend. Der schlechte Ruf, die Bezeichnung des Stadtteils als „Ghetto“ wird nicht abgelehnt, sondern ist Bestandteil der Identität der Auwiesener HipHoperInnen. Die negative Symbolwirkung des Rufs wird umgedeutet und dadurch wird die Stigmatisierung anerkannt und nicht bekämpft. Dies hat zur Folge, dass einerseits eine Strategie erlernt wird, die das Leben in einem stigmatisierten Stadtteil für die HipHoperInnen erleichtert und andererseits ein ausbrechen aus dem Stadtteil (über höhere Mobilität und Bildung) erschwert.
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TEIL 2: QUALITATIVE
UNTERSUCHUNG
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5. Qualitative Sozialforschung: eine
Einordnung (Markus Kapl)
„Qualität“ oder „Quantität“? Eine Frage mit der wir es nicht nur im Alltag zu tun haben, sondern ebenso in der empirischen Sozialforschung. Dort wird zwischen qualitativer und quantitativer Ausrichtung unterschieden. „Qualitativ“ bezeichnet grundsätzlich all jene Verfahren, die sich weder standardisierter Erhebungs-, noch statistisch- mathematischer Auswertungstechniken bedienen, die kurz um, nicht quantitativ sind. „Zielt die konventionelle [quantitative] Methodologie darauf ab, zu Aussagen über Häufigkeiten, Lage-, Verteilungs-, Streuungs-parameter zu gelangen, Maße für Sicherheit und Stärke von Zusammenhängen zu finden, so interessiert sich eine qualitative Methodologie primär für das ‚Wie’ dieser Zusammenhänge und deren innere Struktur vor allem aus der Sicht der jeweils Betroffenen“ (Kiefl/Lamnek in Lamnek, 1995, S.4).
Die beiden Methodologien lassen sich durchaus verbinden (wie in dieser Studie angestrebt), doch es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sie sich in wesentlichen Punkten voneinander unterscheiden. Über den Gegensatz der beiden Forschungsstrategien wird nun versucht, die Grundlagen und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung darzustellen (dient lediglich der besseren Darstellung und soll nicht als Kritik verstanden werden).
5.1. Erklären vs. Verstehen
Die Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer Sozialforschung ist der Ausdruck zweier unterschiedlicher Denktraditionen. Während sich eine quantitative Vorgehensweise an den Naturwissenschaften orientiert, ist qualitative Sozialforschung geisteswissenschaftlich ausgerichtet. Erstere ist gekennzeichnet durch das Auffinden von Gesetzmäßigkeiten (nomologischen Aussagen) die zum Erklären von Sachverhalte herangezogen werden. Da man es in den Sozial- und Humanwissenschaften, nicht wie in den Naturwissenschaften, mit Menschen zu tun hat entsteht folgendes Problem: „Soziales Leben unter Absehen von den subjektiven Bedingungen von Ereignissen, die den Handelnden je eigen sind, zu charakterisieren, tut dem Bild des Menschen Gewalt an, das den Menschen nicht nur als reagierendes sondern als schaffendes Wesen in dieser Welt darstellt“ (Filstead in Lamnek, 1995, S.219). Soziale Tatsachen werden von Menschen oder Gruppen erzeugt und eigens
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interpretiert, sie sind keine naturgegebenen Tatsachen. Ein naturwissenschaftlich geleitetes Vorgehen kann demnach menschliches Verhalten nicht wirklichkeitsgetreu erfassen (dem entgegenzuhalten ist, dass quantitative Sozialforschung im Idealfall keine Tatsachen kennt, sondern lediglich von Wahrscheinlichkeiten die Rede ist).
Dem Rechnung tragend ist das Ziel qualitativer Sozialforschung das Verstehen sozialen Handels durch den jeweils (subjektiv) zugewiesenen Sinn. Ein und die selbe Situation wird von verschiedenen Menschen unterschiedlich erlebt und interpretiert, ergibt einen anderen Sinn, den es zu rekonstruieren gilt (vgl. Lamnek, 1995, S.219f).
5.2. Die Offenheit
Durch das geforderte Prinzip der Offenheit grenzt sich qualitative Forschung deutlich von standardisierenden Verfahren ab. Denn bei einer quantitativen Vorgehensweise versucht man Offenheit mittels Standardisierung und vorformulierten Hypothesen zu minimieren, mehr noch, auszuschalten. Anders bei qualitativ orientierte Forschung. Offenheit wird hier zum Prinzip erhoben und gilt gegenüber der:
- Untersuchungsperson (und deren Eigenheiten)
- Untersuchungssituation
- anzuwendenden Methode
Das bedeutet, das Vorgehen wird der Situation entsprechend angepasst und konzipiert, nicht umgekehrt. Daher ist der Forschende ‚näher dran’ an den untersuchten Phänomenen.
Qualitative Sozialforschung kann als explorativ bezeichnet werden, denn es geht darum Hypothesen während des Forschungsprozesses zu entdecken. Das Ende, oder besser gesagt das Ergebnis, ist demnach ebenfalls offen. Die dazugehörigen Hypothesen entstehen auf Grundlage der erhobenen empirischen Daten und sind das Produkt der Forschung, wodurch der gesamte Forschungsprozess offen für auftretende Neuerungen ist. Zweck qualitativer Sozialforschung ist es Hypothesen zu gewinnen und nicht, wie bei quantitativer Ausrichtung, Hypothesen zu prüfen (vgl. Lamnek, 1995, S.22f).
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5.3. Kommunikation
In der qualitativ orientierten Forschung kommt der Kommunikation der grundlegender Stellenwert zu, sie hat einen „kommunikativen Grundcharakter“ (Schütze in Lamnek, 1995, S.23). Dies betrifft die Kommunikation, oder allgemeiner die Interaktion zwischen Forscher und Beforschtem (z.B. Interviews, Beobachtung). Die Menschen, denen das Forschungsinteresse gilt haben einen eigene Sicht ihrer Wirklichkeit (Alltag), d.h., wie sie diese definieren, interpretieren und schließlich (er)leben.
Dies betrifft den Forscher in gleicher Weise, darum rückt „der Prozeß des gegenseitigen Aushandelns der Wirklichkeitsdefinitionen zwischen dem Forscher und Erforschtem in den Mittelpunkt des Interesses, also ihrer kommunikativen Interaktion“ (ebd., S.24). Qualitative Sozialforschung lebt von dieser Art der gegenseitigen Beeinflussung. Ganz anders sehen dies Vertreter der quantitativ ausgerichteten Forschung. Hierbei wird jegliche Beziehung zwischen Forscher und Erforschtem als Beeinflussung, als „Störgroße“ empfunden und daher so gut wie möglich vermieden (es ist durchaus möglich eine quantitative Studie zu betreiben, ohne je ein Mitglied der zu Erforschenden zu Gesicht bekommen zu haben, geschweige denn gesprochen zu haben, oder in irgend einer Form mit ihm kommuniziert zu haben).
5.4. Prozesshaftigkeit
Wie oben beschrieben ist qualitative Forschung ein Prozess der Kommunikation. Doch nun ist nicht nur die Forschung an sich prozesshaft, sondern auch der Forschungsgegenstand selbst, die sozialen Akteure. Deren (kollektive) Sicht der Wirklichkeit, mit den entsprechenden Deutungs- und Handlungsmustern ist nämlich keinesfalls festgeschrieben, sie wird ständig reproduziert und dabei modifiziert. Diese Muster existieren nur in der Anwendung, implizit und sind dem Anwender nicht bewusst. „Diesen Konstruktionsprozeß von Wirklichkeit zu dokumentieren, analytisch zu rekonstruieren und schließlich durch das verstehende Nachvollziehen zu erklären, ist das zentrale Anliegen der qualitativen Sozialforschung“ (ebd., S.25). Wichtig dabei ist die Rolle des Forschers, der während des Akt der Forschung in diesen Prozess eintritt und an ihm teilnimmt. Durch diese Verwicklung ist der Forscher an der Konstruktion von Wirklichkeit und der Aushandlung der Situationsdefinition beteiligt und ist so in der Lage den Prozess besser zu begreifen (vgl. ebd., S.24f).
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5.5. Flexibilität
Innerhalb des Designs qualitativer Sozialforschung (die hier dargestellten Prinzipien sind allgemein gültig), gibt es ein breites Spektrum verschiedener Ansätzen, die je nach Fragestellung und Gegenstand variieren. Dies beginnt bei der Auswahl des Erhebungsinstrumentes, worin auf eine Vielzahl von Möglichkeiten zurückgegriffen werden kann. So kann für die jeweilige Problemstellung das adäquate Erhebungsmittel verwendet werden um die Entdeckungsreise zu starten.
Qualitative Sozialforschung zeichnet sich aber ebenso durch ein hohes Maß an Flexibilität während des Forschungsprozesses aus. „Die Exploration [qualitative Sozialforschung; Anm.] ist per definitionem eine flexible Vorgehensweise, bei der der Forscher von einer Forschungslinie auf eine andere überwechselt, neue Punkte zur Beobachtung im Verlauf der Untersuchung dazu nimmt, sich in neuen Richtungen bewegt, an die vorher gar nicht gedacht wurde, und schließlich seine Definition dessen, was relevante Daten sind, im gleichen Maße wie man neue Erkenntnisse und ein besonderes Verständnis gewinnt, verändert“ (Blumer in Lamnek 1995: S.27). Auf Grund dieser ‚Biegsamkeit’ werden qualitative Methoden manchmal als „weiche“ Methoden bezeichnet, die im Gegensatz zu den „harten“, quantitativen Methoden stehen (vgl. ebd.: S.27ff).
5.6. Lebensweltanalyse und das qualitative Paradigma
In diesem Abschnitt geht es um eine allgemeine soziologisch- theoretische Positionierung des qualitativen Paradigmas. Dies soll an Hand der von Alfred Schütz entwickelten „Lebenswelt-Analyse“ realisiert werden, denn diese gilt als „eine der zentralen Hintergrundtheorien der qualitativen Sozialforschung“ (Flick 2000: S.109).
Zuerst gilt es zu klären, was unter dem Begriff „Lebenswelt“ zu verstehen ist. Einerseits geht es dabei um eine (anthropologische) Grundstruktur, eine für die Menschen selbstverständliche Wirklichkeit, seine „natürliche Einstellung“. Sie ist die fraglos gegebene Wirklichkeit, innerhalb der wir handeln. Andererseits gibt es auch die konkrete Lebenswelt: „Die alltägliche Wirklichkeit der Lebenswelt schließt also nicht nur die von mir erfahrene ‚Natur’, sondern auch die Sozial- und Kulturwelt, in der ich mich befinde, ein“ (Schütz/Luckmann in Treibel 2000: S.122). Diese stellt bestimmte „Wissensvorräte“ bereit, die uns ein routiniertes Bewältigen des alltäglichen Lebens ermöglichen und garantieren.
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Die eigene Lebenswelt existiert allerdings nicht bloß, es bedarf ständiger Auslegung und Interpretation, denn nur so erfahre ich subjektiven Sinn. Genaugenommen hat jedes Subjekt seine eigene Lebenswelt, seine Auslegungen der Wirklichkeit, doch die soziale Praxis sieht anders aus. Sie ist intersubjektiv geprägt, somit sozial. Denn zur Bewältigung unseres Alltagslebens verfügen wir über eine große Anzahl von gemeinsam geteilten Deutungsmustern, in denen sich unsere subjektiven Relevanzsysteme (Produkte der Lebenswelten) überschneiden. Wir „teilen“ unsere Lebenswelten mit anderen Menschen (vgl. Flick 2000: S.114f).
Auf diese Weise entstehen wiederum „kleine soziale Lebenswelten“ innerhalb der Lebenswelt. Diese sind gekennzeichnet durch ein eigenes Relevanzsystem, welches das „Korrelat des subjektiven Erleben der Wirklichkeit in einer Teil- bzw. Teilzeitkultur“ ist (Flick 2000: S.116). Innerhalb dieser Teilsegmente der Gesellschaft gelten andere Arten von Wissen und andere Wissensarten sind relevant. Dadurch wird die Notwendigkeit einer ethnologischen Gesinnung der Soziologie gegenüber der eigenen Kultur verdeutlicht.
Ziel der Lebenswelt- Analyse ist nun das Entdecken, oder Rekonstruieren, des „subjektiv gemeinten Sinnes“ (hier nimmt Schütz Anleihen bei Max Weber), auf Grund dessen die Menschen in ihrem Alltag handeln. Die einzigen, die darüber Auskunft geben können sind diese Menschen selbst und genau da setzt Schütz (qualitative Forschung allgemein) an. Für den Forscher, die Forscherin, geht es um Gesinnungen anderer und es muss gelingen die Welt mit den Augen dieser anderen Menschen zu sehen, sie und ihren gemeinten Sinn (ebenso bereits eine Interpretation) zu „verstehen“. Diese subjektorientierte Position, ist so Schütz „die einzige, freilich auch hinreichende Garantie dafür, dass die soziale Wirklichkeit nicht durch fiktive, nicht existierende Welt ersetzt wird, die irgendein wissenschaftlicher Beobachter konstruiert hat“ (Schütz/Parsons in Flick 2000: S.113).
5.7. Ethnographie und Milieu
Die Wurzeln ethnographischer Forschung liegen im Verstehen fremder Kulturen. Der Begriff „Ethnographie“ bezeichnet die Forschungsmethode, welche in der Ethnologie, der Völkerkunde, Anwendung findet. Es geht darum die Menschen dort aufzusuchen, wo sie sich aufhalten und sie dabei bei ihren alltäglichen Handlungen zu begleiten. Erfolgreich betriebene Feldforschung bedeutet für den Forschenden in den Fluss der natürlichen Handlungsabläufe
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der Menschen, in jene Sozialzusammenhänge, die beobachtet werden sollen, einzutauchen (vgl. Hildebrand 1984: S.6).
Geht man nun davon aus, dass selbst unser Kulturkreis in unterschiedliche Teilsegmente untergliedert ist, so entsteht ein Bild von vielen Kulturen, die nebeneinander existieren. Hier ist es hilfreich den Begriff des „Milieus“ einzuführen. Grundsätzlich wird das Milieu „als Organisation von Perspektiven definiert, die den individuellen Perspektiven der im Milieu Handelnden gegenüber vorgängig ist und die den Rahmen für diese individuellen Perspektiven setzt“ (Hildebrand 1984: S.46). Innerhalb dieser Milieus ordnen die Menschen ihre Welt und verleihen ihr dadurch Sinn (habituelles Wissen ist an Milieus gebunden). Auf diese Weise hält die Ethnographie ihren Einzug in die soziologische Forschung, denn das Abendteuer beginnt sozusagen gleich um die Ecke.
„Im Kern geht es in der Ethnographie um den Sinn, den Handlungen und Ereignisse für die Menschen haben, welche wir zu verstehen suchen. Zum Teil wird dieser Sinn direkt sprachlich ausgedrückt; vielfach ist er selbstverständlich und nur indirekt in Wort und Handlung mitgeteilt“ (Spradley in Hildebrand 1984: S.24). Ziel ist die Rekonstruktion subjektiv gemeinten Sinnes (Grundlage qualitativer Ansätzen), den die Menschen ihrem alltäglichen Handeln beimessen. Es geht darum, eine alltagsweltliche Interpretation (der Handelnden) in eine wissenschaftliche Interpretation zu überführen.
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6. Methodische Vorgehensweise
Da es, wie bereits beschrieben, nicht die qualitative Methode allgemein und bezüglich der Gewinnung von Daten gibt, existiert auch eine Reihe möglicher Auswertungsverfahren. Gemein ist ihnen, dass es um die Analyse und Interpretation von Daten geht, die als Texte vorliegen. In unserem Fall bedeutete dies die transkribierten Interviews und Gruppendiskussionen mit den Jugendlichen, die Experteninterviews, Beobachtungsprotokolle, aber auch Zeitungsartikel und Zeitschriften, im Wesentlichen alles, was in schriftlicher Form zum Thema Auwiesen für uns aufzufinden war. Im Verlauf der Forschung entstand so eine Fülle verschiedenster Daten.
6.1. Strukturierung
Auf Grund der Vielfalt unseres Materials war der erste Schritt unserer Analyse die inhaltliche „Strukturierung“ der Daten, um einen Überblick zu erhalten und erste Zusammenhänge zu erkennen. Als Anleitung dazu diente uns die „qualitative Inhaltsanalyse“ nach Mayring: die Analyse erfolgt nach ihm in den drei Schritten, Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung; Für uns interessant ist zuerst die Strukturierung, diese „wohl zentralste inhaltsanalytische Technik hat zum Ziel, eine bestimmte Struktur aus dem Material herauszufinden“ (Mayring 1995: S.76). Dies geschieht mittels eines Kategoriensystems, dass an das Material herangetragen wird. Die „Strukturierende Inhaltsanalyse will bestimmte Aspekte aus dem Material herausfiltern, will unter vorher festgelegten Ordnungskriterien einen Querschnitt durch das Material legen oder das Material unter bestimmten Kriterien einschätzten“ (Mayring in Flick 2004: S.473). Es geht herbei weniger um Interpretation, als darum, eine gewisse Ordnung in die Daten zu bringen, ein erster Schritt eben.
Als Kategorien verwendeten wir die Dimensionen aus der Phase der Datenerhebung. Die Kategorien müssen „theoretisch begründet“ sein, was bedeutet, „daß die Fragestellung der Analyse vorab genau geklärt sein muß, theoretisch an die bisherige Forschung über den Gegenstand eingebunden und in der Regel in Unterfragestellungen differenziert werden muß“ (Maring 1995: S.48). Es geht vereinfacht darum, auf bereits Bekanntem aufzubauen, um später während der eigenen Forschung zu einem Erkenntnisfortschritt zu kommen. Da dies größtenteils bei der Ausarbeitung der Dimensionen geschehen ist (vgl. Kap.?), wird hier nicht mehr darauf eingegangen.
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Diesen Kategorien werden dann die entsprechenden passenden Textstellen zugeordnet. Dies bewältigten wir mittels des computergestützten Textanalyseverfahrens MAXQDA 2 (Max Qualitative Daten), ohne das wir unserer Fülle von Daten wohl nicht Herr geworden wären. Vor der inhaltlichen Arbeit ist es nötig die Kategorien zu definieren, d.h. sie zu beschreiben. Dadurch kann nachvollzogen werden, welche Textabschnitte zur jeweiligen Kategorie gehören und wie die Abgrenzung untereinander erfolgt:
6.2. Kategorien
1.) Deutung des Stadtteils
Diese Kategorie umfasst Bewertungen und Deutungen des Stadtteils Auwiesen seitens der Jugendlichen. Was bedeutet es z.B. ein „richtiger“ Auwiesner zu sein, was ist besonders daran? Wie ist der Ruf zu beurteilen, und wie gehen die Jugendlichen damit um? Was grenzt Auwiesen von anderen Vierteln? Außerdem geht es in dieser Kategorie um die Möglichkeiten die Auwiesen für junge Menschen zu bieten hat und wie sie diese nutzen.
2.) Zugehörigkeit und Freundschaft
Hier ist der Blickwinkel stark auf die Jugendlichen und deren Beziehungen zu den Jugendkulturen gerichtet. Dies umfasst die Bedeutung der Clique, bzw. des Freundeskreises im Bezug auf dessen identitätsstiftende Wirkung. Wie sieht der Zusammenhalt in der Gruppe aus, wer gibt Halt und Orientierung? Wie erlangen Jugendliche Anerkennung und Wertschätzung? Was bedeuten Respekt und Hierarchie? Es sollen die informellen Regeln, die innerhalb der Gruppen entstehen und gelten, nachgezeichnet werden.
3.) Außenbeziehungen
Hierbei geht es um das Verhältnis der Jugendlichen zu „anderen“. Gemeint ist deren Beziehung zu Erwachsenen, Nachbarn und allgemein zu älteren Menschen in ihrer Umgebung. Diese Kategorie soll aber auch zeigen, wie die Jugendlichen in Konfliktsituation reagieren, z.B. wie sie auf Diskriminierung und Probleme antworten. Wie werden Norm- und Regelverletzungen bewertet? Es sollen wiederum informelle Regen beschrieben werden, in diesem Falle jene, die über das Verhältnis der Jugendlichen zueinander hinausgehen.
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4.)Ethnie, Aus- und Inländer
Diese Kategorie behandelt allgemein das Verhältnis der Ausländer zu den Inländern und umgekehrt. Wie sieht es aus mit Akzeptanz und Toleranz? Was sind die Unterschiede, wie wird mit ihnen gelebt? Haben die jugendlichen Migranten Erfahrungen mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, wie begegnen die dem?
5.) Geschlechterverhältnis
Dabei soll abgeklärt werden in welchem Verhältnis Jugendliche bzgl. ihrer Rollen als Männer und Frauen zueinander stehen und diese bewerten. Wie sehen Männer- bzw. Frauenbilder der Jugendlichen aus? Sexismus und Dominanz, bzw. wie nutzen, speziell die Mädchen, den Raum? Dieser Punkt soll allgemein klären wie der Umgang untereinander aussieht und wie sich Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten gestalten.
6.) Schule und Bildung
Ausgehend davon, das Schule als identitätsstiftende Instanz eine wichtige Rolle übernimmt, haben wir diese Kategorie aus dem Punkt „Zukunftsorientierung“ herausgenommen. Im Zentrum stehen Fragen nach der Sinnhaftigkeit von Schule und Lernen, also ob Bildung Wert hat oder nicht. Es geht aber auch darum welche Chancen und Möglichkeiten Jugendliche aus Auwiesen in diesem Bereich haben und wie sie diese nützen.
7.) Zukunftsorientierung
Hier fragen wir nach den Plänen und Vorstellungen, die die Jugendlichen bzgl. ihrer Zukunft haben, oder nicht haben. Es geht einerseits um die reale Situation der Jugendlichen diesbezüglich aber auch um deren Träume und Wünsche, die sie an die Zukunft richten. Außerdem interessieren uns Erfahrungen am Arbeitsmarkt und wie deren Vorstellungen im Bezug auf Arbeit und Beruf aussehen.
6.3. Kontextanalyse (Explikation)
Soweit die Beschreibung der Kategorien, nun erfolgt der nächste Schritt. Die Kategorien (mit den jeweils zugeordneten Textstellen) werden einzeln betrachtet und es wird zuerst versucht die Meinungen und Einstellungen der Jugendlichen in der Gesamtheit zu fassen. Zu jeder
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Kategorie werden die relevanten Aussagen, mit all den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Jugendlichen, dargestellt.
Bei der Kontextanalyse geschieht folgendes: „Zu einzelnen interpretationsbedürftigen Textstellen wird zusätzliches Material herangetragen, um die Textstellen zu erklären, verständlich zu machen, zu erläutern, zu explizieren“ (Mayring 1995: S.70). Es wird versucht, eine erklärungsbedürftige Textstellen (entspricht gleichzeitig einem bestimmten Sachverhalt) eines Jugendlichen, beispielsweise mittels Aussagen anderen Jugendlicher, oder
Expertenmeinungen usw. zu kontrastieren. Es wird nach gleichen, ähnlichen, aber auch konträren Textstellen gesucht, die zum Verständnis des Sachverhalts beitragen. Dies entspricht einer „engen“ Kontextanalyse, bei der nur Material aus dem Text selbst herangezogen wird. Es geht uns vereinfacht darum, einen gewissen Sachverhalt in all seinen Schattierungen darzustellen und dadurch verständliche zu machen. Neben der „enge“ wird außerdem noch eine „weite“ Kontextanalyse vorgenommen. Hier werden Informationen gesammelt und verarbeitet, die über den eigentlichen Text hinausgehen. „Die weiteste Form der Kontextanalyse läßt den gesamten Verstehenshintergrund des oder der Interpreten zur Explikation zu“ (Mayring 1995: S.73). Zum Explikationsmaterial zählen beispielsweise die Umstände der Gesprächssituationen, die Beobachtungsprotokolle, bis hin zu (freien) Assoziationen unsererseits. Ein nächster Schritt ist das Hinzuziehen zusätzlicher Literatur, um die Interpretationen mit bereits vorhandenen und vergleichbaren Theorien und Konzepten zu erweitern. Dies verwirklichen wir (wenngleich in etwas abgeschwächter Form) mittels Verweisen auf unseren sehr ausführlichen Theorieteil. Das ist die Interpretationsarbeit die hier geleistet wird.
6.4. Auswahlverfahren
Qualitative Sozialforschung allgemein und jene Personen, die sie betreiben, sehen sich häufiger Kritik ausgesetzt. Diese lautet dahingehen: qualitative Forschung habe den Charakter der Wildwüchsigkeit (oftmals von Anhängern quantifizierender Methoden vorgebracht); Der Vorwurf betrifft nicht bloß die Phase der Datenauswertung (Prinzip der Offenheit als Hauptkritikpunkt), sondern ebenso die Datenerhebung. Es gilt dabei zwei Vorraussetzungen zu erfüllen: „Erstens muss eine Vorstellung über den Fall vorliegen, der untersucht werden soll, und zweitens müssen nachvollziehbare Techniken bei der Ziehung der Stichprobe von Personen, Ereignissen oder Aktivitäten dokumentiert werden“ (Flick 2003: S.290).
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Vereinfacht gesagt, geht es darum den Rahmen der Arbeit, sowie der Stichprobe festzulegen. Unseren vorliegenden Fall beschreibt unser noch bevor Beginn der Forschung erarbeitetes „Expose“, welches über Ziele und Forschungsfragen Auskunft gibt und die Grenzen unseres Falles absteckt. Daran gilt es sich strikt zu halten, um den oben dargestellten Vorwürfen entgegenzutreten.
Der nächste Schritt ist die Dokumentation der gezogenen Stichprobe. Während bei quantitative Sozialforschung statistische Repräsentativität angestrebt wird, tritt hier die Generalisierbarkeit der Ergebnisse in den Vordergrund. Dazu ist es nötig, dass die Stichprobe den Fall inhaltlich wiedergibt, ihm also angemessen ist. Es wird dabei versucht, „die Typik des untersuchten Gegenstandes zu bestimmen und dadurch die Übertragbarkeit auf andere, ähnliche Gegenstände zu gewährleisten“ (Hartley in Flick 2003: S.291). Während die Stichprobenziehung bei quantitativen Verfahren ein methodisches Problem darstellt, wandelt sich diese bei qualitative Vorgehensweisen zu einem inhaltlich, interpretativen Problem. Mittels einer möglichst facettenreichen Auswahl soll es schlussendlich gelingen maximale Variation innerhalb des betrachteten Falles zu gewährleisten. Nun gibt es zwei unterschiedliche Vorgehensweisen für die Auswahl unserer Untersuchungseinheit (vgl. Flick 2003: S.291):
1. theoretische Stichrobe: Dies findet vor allem bei jene Untersuchungen Anwendung, welche sich an den Prämissen der „Grounded Theory“ orientieren. Dafür ist ein zirkulärer Prozess kennzeichnend, welcher aus Daten sammeln, codieren und Formulieren von theoretischen Memos besteht. Auf diese Weise kann die Stichprobe nach dem jeweiligen Erkenntnisstand abgeändert und erweitert, also dem Fall angepasst werden.
2. geschichtete Stichprobe: Hier werden vor Beginn der Forschung bestimmte Merkmale festgelegt, die als Kriterien für die Stichprobenziehung dienen. Im Gegensatz zur theoretischen Stichprobe, ist hier bereits ein Grundverständnis über den Fall nötig und die Auswahl erfolgt unter einem gewissen Vorwissen.
Wir entschieden uns für eine geschichtete Stichprobe, um eine adäquate Darstellung unseres Falles zu erreichen (eine theoretische Stichprobe kam auf Grund des dafür notwendigen Zeitaufwandes für uns nicht in Frage).
Einen großen Teil unseres Vorwissens geht zurück auf die Interviews mit den Experten, die uns die Lebenslagen der Jugendlichen in Auwiesen näherbrachten. Während der Konzeption der quantitativen Untersuchung und bei der Erstellung des Fragebogens kamen wir dann
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endgültig zum geforderten Grundverständnis bezüglich unseres Falles. Die Merkmale auf Grund dessen wir die Auwiesner Mädchen und Burschen für die Befragungen auswählten, waren Geschlecht, Ethnie und der Grad der Teilhabe (vgl. Kap.7.1.) am öffentliche Leben von Auwiesen. Nach diesen Kriterien wählten wir unsere Auswahleinheiten aus.
6.4.1. Die Auswahl
Es geht hier im Wesentlichen darum darzustellen welche Personen, sowohl Jugendliche, als auch Erwachsenen (Experten) im Zuge unserer Erhebung befragt wurden. Dazu befragten wir Experten, welche über spezielle Kenntnisse unseren Fall betreffend verfügen, selbstverständlich kamen auch Jugendlichen aus Auwiesen zu Wort, deren Interessen im Zentrum unserer Arbeit standen.
6.4.1.1. Experten
Als Experten und Expertinnen wählten wir Vertreter aus Institutionen, die einen speziellen Bezug zu Auwiesen und/oder den Jugendlichen vor Ort haben. Wir suchten nach Personen, die auf Grund ihrer jeweiligen Berufe, professionell mit unserer Thematik befasst sind und uns bezüglich diese detailliert berichten konnten. Dadurch erhielten wir wichtige Hintergrundinformationen, welche uns ein differenziertes Verständnis der Jugendlichen und dessen Quartiersbindung ermöglichte.
Dies waren folgende:
- Amt für Jugend und Freizeit der Stadt Linz
- Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft der Stadt Linz, GWG
- Pfarre Marcel Callo, Auwiesen
- Polizei Kleinmünchen
- Jugendzentrum „Alpha“
- Jugendzentrum „Fjutscharama“
- Streetwork Linz- Süd
- GWG Gärtnereien und Hausmeiser
- Hauptschule HS10, Kleinmünchen
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6.4.1.2. Jugendliche
Wie weiter oben angeführt, sind die Merkmale Geschlecht, Ethnie und der Grad der Teilhabe, anhand derer wir die Mädchen und Burschen aus Auwiesen auswählten. Die Schichtung nach dem Grad der Teilhabe erklärt sich dadurch: Jene Jugendlichen, die den öffentlichen Raum bevölkern und der hiesigen HipHop- Jugendkultur abgehören (Typ1), sind in unserer Stichprobe deutlich überrepräsentiert (sie prägen das öffentliche Bild von Auwiesne). Dies ergab sich aus Gründen der „Zugänglichkeit“, den beiden weiteren Typen Jugendlicher (2 und 3) gegenüber. In diesem Sinne kommt „der Zugänglichkeit der Ergebnisse, Aktivitäten oder Personen, die den Gegenstand der Untersuchung bilden sollen, Bedeutung zu (Burgess in Flick 2003: S.288). Die drei Typen Jugendlicher in Auwiesen (vgl. Kap.7.1.) unterscheiden sich durch ihren Grad der Teilhabe am öffentlichen Geschehen in Auwiesen, was sozusagen den Grad der Zugänglichkeit vorgibt.
Als ersten Schritt organisierten wir, unter Mithilfe der hiesigen Jugendzentren, zwei Gruppendiskussionen, welche auch in einem dieser Jugendzentrum abgehalten wurden. Eine Gruppe bestand aus Mädchen, die zweite bildeten männlichen Jugendliche (den Mädchen stellten wir ebenfalls weibliche Diskussionsleiterinnen zur Seite). Für die Mädchen und Burschen, die sich der HipHop-Jugendkultur zugehörig fühlen, wählten wir die Befragung innerhalb der Gruppe. Dabei ist festzuhalten, dass das Konzept der Gruppenmeinung „keine „Summe“ von Einzelmeinungen, sondern das Produkt kollektiver Interaktionen“ (Mangold in Flick 2003: S.370) darstellt. Gerade in diesem Fall erschien uns eine solche Vorgehensweise erfolgversprechend, da sich diese Jugendlichen (Typ1) sehr stark über ihre Gruppe definieren (Zugehörigkeit zur HipHop-Jugendkultur).
Die Auswahl dieser Jugendlichen (Typ1) gestaltete sich auf folgende Weise: die männliche Diskussionsrunde bildeten jene Burschen im Umfeld von Auwiesen, die aktiv Musik machen, die weibliche Runde umfasste beinahe alle Mädchen (allgemein geringere Anzahl, vgl. Kap.7.6.1.), die sich dem HipHop verschrieben haben. Die Bereitschaft seitens der Jugendlichen, an diesen Gesprächen mitzuwirken, war beachtlich und wurde als Chance sich öffentlich zu artikulieren angenommen (besonders jene erhalten sonst kaum die Möglichkeit dazu). Um die Anonymität der Teilnehmer zu wahren, ersetzten wir die Namen der Jugendlichen durch adequate Synonyme. Zur kurzen Beschreibung gaben wir jeweils Name, Alter, Nationalität (Staatsbürgerschaft und Migrationshintergrund, wenn gegeben) und den derzeitigen schulischen oder beruflichen Status an.
Die Teilnehmenden der beiden Gruppengespräche:
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Burschen:
- Marco, 17, BHS, Österreich (ehem. Jugeoslawien)
- Daniel, 15, HS, staatenlos (Angola)
- Chris, 18, BHS, staatenlos (Angola)
- Lukas, 15, HS, Österreich
- Jacob, 18, BHS, Österreich (Ungarn)
- Martin, 14, HS, Österreich
- Hannes, 16, ohne Beschäftigung, Österreich
- Adrian, 18, Kurs, Österreich (ehem. Jugoslavien)
Mädchen:
- Karina, 15, AHS, Österreich
- Jasmin, 17, Lehre, Österreich
- Ellena, 17, Kurs, Österreich
- Iris, 16, AHS, Österreich
- Maria, 19, Kurs, staatenlos (Angola)
- Martina, 15, AHS, Österreich (Rumänien)
Die Gruppengespräche verliefen durchaus erfolgreich und die Daten, die wir dabei erhielten, waren äußerst zufriedenstellend. Die gestellten Themen wurden von den Jugendlichen beider Gesprächsrunden emotional und engagiert diskutiert und die jeweiligen
Diskussionsleiter/innen übernahmen dabei die Rolle von Moderatoren (Das Zurücknehmen der leitenden Position ist Bedingung). Trotz teilweise hitzige Debatten, waren die Gespräche von Disziplin geprägt, die sich die Jugendlichen selbst auferlegten. Nach den erfolgten Gruppendiskussionen machten wir uns auf die Suche nach Mädchen und Burschen für die anstehenden Einzelinterviews. Dabei erreichten wir folgende Jugendlichen:
- Lena, 15, Lehre, Österreich (ehem. Jugoslawien, Italien)
- Anna, 14, HS, Österreich (ehem. Jugoslawien)
- Albin, 18, Lehre, Österreich (Albanien)
- Marian, 16, Lehre, Österreich (ehem. Jugoslawien)
- Eva, 17, AHS, Österreich
- Sabine,17, AHS, Österreich
Diese Interviews, bzw. die Protokolle gemachter Beobachtungen im Feld bilden die Grundlage für die nachfolgende qualitative Auswertung. Die Gespräche wurden nach erteilter
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Erlaubnis aufgezeichnet und anschließend von uns transkribiert, dies ergab (unter Berücksichtigung diverser Zeitungsartikel) eine Datenmenge von mehr als 300 geschriebener Seiten.
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7. Qualitative Auswertung
7.1. Die Typen Jugendlicher in Auwiesen
Nach der vorläufigen Arbeit am Material können drei Typen von Jugendlichen in Auwiesen unterschieden werden. (Diese Trennung dient hauptsächlich als Erleichterung bei der Auswertung und der Niederschrift der Ergebnisse, dadurch kann einwandfrei zugeordnet werden, von wem jeweils die Rede ist. Außerdem machen wir ohnedies nur Aussagen über Gruppen, Typen eben.) Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist die Raumnutzung und der Umgang mit dem zur Verfügung stehenden (öffentlichen) Raum. Hier eine grobe Charakterisierung:
7.1.1. Gestalter, Typ1
Dies ist jene Gruppe Jugendlicher, die wie sie selber sagen, „immer da“ sind und zwar „Tag für Tag“ (für uns am leichtesten zu erreichen). Sie bevölkern sozusagen den öffentlichen Raum, wobei es nicht Bedingung ist, in Auwiesen zuhause zu sein, sprich dort zu wohnen. Dies kann durch Beobachtungen gestützt werden, denn diese Jugendlichen waren zumindest immer anzutreffen, wenn wir vor Ort waren (z.B. Jugendzentren, Redlerweg, usw.).
Es ist jene Gruppe, die den Ort aktiv nutzt, d.h. die Mitglieder dieser Gruppe eignen sich den öffentlichen Raum für ihre Zwecke an (z.B. Jugendzentren). Dabei prägen sie das Bild von Auwiesen entscheidend mit und identifizieren sich stark mit dem Quartier.
Einen zentralen Aspekt stellt für sie die Musik, genauer der HipHop, dar: „ohne Rap wär ich schon lange weg“ (Lukas). Dies zeigen sie durch den speziellen HipHop- Stil, der sich in Kleidung, Verhalten und Einstellung niederschlägt. Diese Jugendlichen sind die Repräsentanten einer sehr stark ausgeprägten HipHop- Jugendkultur in und um Auwiesen. Der Großteil dieser Burschen und Mädchen ist ausländischer Herkunft und es gibt nur eine Handvoll österreichische Jugendliche, die sich aber nicht merklich abheben. Es handelt sich bei ihnen um eine stark zusammengeschweißte Gemeinschaft, einen Freundeskreis, der sich (beinahe ausschließlich) in Auwiesen trifft. Diese Jugendlichen identifizieren sich stark mit ihrem Stadtteil und leisten einen erheblichen Teil ihrer Identitätsarbeit vor Ort.
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7.1.2. Nutzer, Typ2
Diese Gruppe umfasst jene Jugendlichen, die ebenfalls in Auwiesen (öffentlicher Raum) anzutreffen sind (z.B. Jugendzentren), die aber auch andere Bezugspunkte haben. Die Mitglieder dieser Gruppe stehen in anderen Bindungen (neben der zu Auwiesen), denen sie sich verpflichtet fühlen. Dies wären einerseits berufliche Bindungen, denn „jeder von uns geht arbeiten“ (Marian), oder auch Tätigkeiten in Vereinen (Fußball, usw.), sowie Freundes, - und Bekanntenkreise, die nicht in Auwiesen sein müssen. Auf Grund der Vielfalt dieser Bindungen entstehen verschiedene Splittergruppen, die unter diesem Typ zusammengefasst sind.
Es handelt sich um ein heterogenes Gefüge aus Jugendlichen die den öffentlichen Raum freizeitmäßig nutzen. Es geht darum sich beispielsweise mit Bekannten zu treffen, um mal „was trinken“ zu gehen, oder: „wir setzen uns zusammen, reden, dann gehen wir heim“ (Marian). Diese Jugendlichen fühlen sich meist keiner Jugendkultur (z.B. Hip Hop) zugehörig (lehnen dies teilweise sogar ab), noch gehören sie irgendeiner größeren geschlossenen Gruppe an (da die Zusammensetzung äußerst gemischt ist, kein einheitlicher Stil, bzgl. Kleidung und Auftreten). Es handelt sind meist um Kleingruppen, die aus ca. 2-5 Personen bestehen (die sich beispielsweise, wie oben erwähnt, aus dem Fußballverein kennen).
Der Großteil der Mitglieder dieser Gruppe sind Migranten und Migrantinnen (Jugendliche ausländischer Herkunft nutzen den öffentlichen Raum grundsätzlich stärker als dies die einheimischen Jugendlichen dies tun, so eine unserer Hypothesen diesbezüglich).
7.1.3. Desinteressierte, Typ3
Hierbei geht es um jene Jugendliche, die das Raumangebot in Auwiesen nicht (kaum) nutzen. Nicht nutzen kann in dem Fall bedeuten, nicht können, wollen oder dürfen, wir wissen es nicht (Da diese Jugendlichen nicht in Auwiesen anzutreffen sind, war dies die am schwersten zugängliche Gruppe für uns). Diese Jugendlichen „wohnen“ bloß in Auwiesen (ihr zu hause ist da) und darauf beschränkt sich deren Bezug zu Auwiesen. Daher identifizieren sich die Mitglieder dieser Gruppe kaum mit dem Stadtteil und ihre Interessen gelten Orten und Menschen außerhalb von Auwiesen, sie gelten als desinteressiert. Ihre Freizeit verbringen sie entweder außerhalb von Auwiesen oder privat (zuhause, bei Freunden, oder an Orten, die wir nicht kennen), auf alle Fälle sind sie für uns nicht zu erfassen (wie sie ihre Zeit außerhalb von Auwiesen verbringen und gestalten, liegt allerdings nicht in unserem Interesse). Obwohl dies
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die mit Abstand größte Gruppe Jugendlicher (quant. Daten) vor Ort ist, können wir über sie die wenigsten Aussagen treffen.
Die Jugendlichen dieses Typs gehören keiner Jugendkultur an (zumindest keiner die in Auwiesen tätig ist) und viele bezeichnen sich als „Normalos“ (offenen Fragen, Fragebogen). Hier hinein fällt der Großteil der österreichischen Jugendlichen, die kaum in Auwiesen zu sehen sind.
7.2. Deutung des Stadtteils
Dieses erste Kapitel der qualitativen Auswertung stellt gleichzeitig die zentralste Kategorie unserer gesamten Arbeit dar. Sie diente uns als Einstieg in alle Arten von Gesprächen und rief äußerst emotionale und vielfältige Reaktionen seitens den Befragten hervor.
Allgemein ging es uns darum herauszufinden, wie die (in 3 Typen unterschiedenen) Jugendlichen ihren Stadtteil in all seinen Schattierungen wahrnehmen, ihn deuten. Letzten Endes sind dies die Belege, welche über „Identifikation und Zufriedenheit“ (vgl. Kap. 4.4.2. und 4.4.3.) mit dem Stadtteil Auskunft geben. Das Interesse unserer Befragung ging dabei vom Ruf, den der Stadtteil Auwiesen besitzt, hin zur Frage, was sich hinter dem zugeschriebenen Begriff „Ghetto“ verbirgt. Dabei zeigt sich das Bild eines Stadtteils, der von seinen Jugendlichen in vielfältiger und widersprechender Weise wahrgenommen wird, denn „Auwiesen hat einfach viele Gesichter“ (Chris).
7.2.1. Der Ruf
Die Darstellung dessen, was „objektiv“ zum Ruf von Auwiesen beigetragen hat und beiträgt, wurde bereits ausführlich dargestellt (vgl. Kap. 4.2.3.). Es sei nur soviel gesagt, dass es in der Großwohnsiedlung Auwiesen Anfang bis Mitte der Neunziger zunehmend zu Problemen von und mit Jugendlichen kam. Darauf hin kam Auwiesen gewissermaßen in Verruf. Einen gewichtigen Anteil an der Entstehung und Verbreitung des Negativimages ist der medialen Inszenierung beizumessen, durch welche Auwiesen das Etikett „Problemviertel“ umgehängt bekam. Ziel dieses Kapitels ist es die Ansicht und Bewertung der Jugendlichen diesbezüglich darzustellen. Zu klären gilt, wie die Jugendlichen den Ruf sehen, woher er rührt, ob er gerechtfertigt ist und wie er auf sie wirkt.
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„Jeder sagt: „Gottes Willen, Auwiesen“, „jeder hat Angst davor“ (Gärtner), „was Sauwiesen, Bronx von Linz?“ (Pfarrer), oder „es ist das Ghetto von Linz“ (Marco), dies sind oft gehörte, gängige Antworten, wenn von Auwiesen die Rede ist.
Lassen wir jedoch die Jugendlichen, welche selbst einen Teil des Problems darstellen, beurteilen, wie das Verhältnis von Ruf und Wirklichkeit ausfällt. Dabei ist die Unterteilung der jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen in drei Typen besonders interessant und es ergeben sich daraus verschiedene Sichtweisen. Über die Tatsache, dass der Ruf von Auwiesen schlecht ist, gibt es kaum Diskussionen: „Auwiesen hat einen schlechten Ruf“ (Lena, Typ1), „Ja, Auwiesen hat einen schlechten Ruf“ (Albin, Typ2) und „Der Ruf in Auwiesen ist wirklich schlecht“ (Sabine, Typ3);
Die Unterschiede ergeben sich erst bei der jeweiligen Begründung, worauf sich der schlechte Ruf gründe und ob dieser (heute noch) gerechtfertigt sei. Dazu die Mädchen aus der Gruppendiskussion, die einen starken Auwiesen- Bezug haben (Typ1): L: „es hat eh keinen guten Ruf, gar nicht.“
Ellena: „ aber er bessert sich schon. Ich sag mal, der Ruf hat sich in den letzten 3,4 Jahren stark verändert. Auwiesen ist gar nicht mehr so, wie sie alle tun.“ Iris: „ich denk mir, mal vor 10 Jahren, wars noch ziemlich, ziemlich schlimm. Aber die meisten, die vor 10 Jahren da waren, sind jetzt im Häfen.“
Ähnlich argumentiert ein Jugendlicher, der zwar Auwiesen nutzt, sich allerdings dem Stadtteil nicht bedingungslos verschrieben fühlt (Typ2):
Albin: „Ja, Auwiesen hat einen schlechten Ruf und der ist sicher gerechtfertigt. Der kommt einfach von früher“.
Beide Gruppen Jugendlicher, welche also den öffentlichen Raum Auwiesens nutzen und dadurch kennen, wissen, wo der Ruf seinen Ursprung nahm („gerechtfertigt“ bezieht sich daher auf die Vergangenheit, das „Damalige“). Sie sprechen jene Zeit Anfang bis Mitte der 90er Jahre an, in denen es zu verstärkten Probleme durch und mit Jugendlichen in Auwiesen kam. Eine Jugendliche meint diesbezüglich, es seinen „schon schrägere Sachen passiert, aber das kann woanders auch vorkommen, es ist nur in Auwiesen irgendwie hängen geblieben“ (Lena). Einer ihrer männlichen Kollegen (Typ1) führt genauer aus: I: „Wenn ihr sagt das kommt aus der Vergangenheit, was war da?“ Marco: „Da würdet ihr den Nobelpreis dafür bekommen, wenn ihr das aufschreibt, was da alles passiert ist. Ich meine jeder baut Scheiße, ok, aber da wird es einfach so anders angenommen. Schau, in der Altstadt werden genauso Drogen vertickt, es gibt genau so Schlägerein, es gibt genau so Schlampen. Ja und Auwiesen, es ist einfach so, jeder sucht sich
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irgendein Drecksloch aus und redet über das. Und dieses Mal hat Auwiesen die Arschkarte gezogen. Das ist das einzige, das ist so.“
Gleichzeitig mit dem Verweis auf Zeit, in der die „schrägeren Sachen“ passiert sind, wird der Sprung in die Gegenwart gemacht. Es wird unterstrichen, dass diese Zeiten vorbei sind und dass es in Auwiesen auch nicht anders zugeht als in anderen Stadtteilen. Die Burschen aus der Gruppendiskussion (Typ1) klären auf:
Jacob: „Das kennen die wenigsten. Die glauben, da ist es so jeden Tag: Schießerein und Verfolgungsjagden, CSI mäßig ...“ Marco: „Die schau alle viel zu viel fern.“
Chris: „Natürlich gibt es ab und zu Stress, wie in jedem Viertel. Es kommt allen so heftig vor, ist es aber nicht.“
Ein anderer Jugendlicher (Typ2) bestätigt die Einschätzung, dass es heute nicht mehr so ist, und gibt eine mögliche Erklärung:
Albin: „Jetzt ist das nicht mehr so. Die Leute, die das gemacht haben, sitzen im Gefängnis, sind brav geworden, haben Familie und Kinder. Oder eigene Firma, nein, heute gibt es das nicht mehr so.“
Dieser Jugendliche fasst zusammen: „Jetzt ist es eigentlich ruhig geworden, die Leute haben ein Gehirn bekommen“ (Marian). Dies soll unterstreichen, dass die Zustände von „früher“ nichts mehr mit den heutigen gemein haben und auch seitens der Jugendlichen darauf geachtet wird, „dass so ein Schaß nicht mehr passiert“ (Marian). Dies sind die Aussagen der Jugendlichen, die den öffentlichen Raum in Auwiesen stark nutzen und/oder in der dort vorherrschenden Jugendkultur verhaftet sind. Für diese stellt Auwiesen den Alltag dar. Ein Jugendbetreuer, dem auf Grund seiner Arbeit Einblicke in deren alltägliches Leben gestattet sind, untermauert die jugendliche Darstellung:
Jugendzentrum: „Jetzt sehe ich den Mythos irgendwie nicht mehr, überhaupt nicht mehr. So wie vor zehn Jahren ist das nicht mehr.“
Für Jugendliche, bei denen das nicht der Fall ist, zeigt sich die Lage anders. Ein Mädchen, das mit Auwiesen bloß der Wohnort verbindet (Typ3), schildert aus ihrer Sicht: Sabine: „Der Ruf in Auwiesen ist wirklich schlecht. Er ist sicherlich auch gerechtfertigt, weil wir haben den roten Platz da hinten, das ist der Drogenplatz in Auwiesen. [...] Wir haben die Jugendgruppen mit den kleinen Hip-Hop- Gangstern und es ist wirklich nicht lustig am Abend irgendwie heimgehen oder rausgehen.“
Unter ihnen existiert also nach wie vor die Meinung, dass der Ruf auch heute noch gerechtfertigt sei. Die Antwort eines dieser (angeblichen) „Hip Hop Gangster“ (Typ1), lautet wie folgt:
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Daniel: „Ok. Die, die das behaupten, waren wahrscheinlich noch nie hier. Daheim bei Mama Milch nuckeln, ja. Oida, die sehn das arg, wenn wir hier Tischtennis spielen, oder so. Wenn die das arg finden, dann ist das wirklich..., oder UNO- spielen. Oiso UNO, Tischtennis, Wuzeln, weiß wirklich nicht, was daran arg sein soll und rappen eben.“ Oder an anderer Stelle:
Maria: „…die Leute kennen uns nicht, die haben nur Vorurteile, mehr ist da nicht. Und da horchen wir sowieso nicht drauf, weil uns das gar nicht interessiert. Ich meine, das ist zwar ihre Meinung, die akzeptieren wir, aber wir wissen besser, dass es nicht so ist.“ Die Jugendlichen schätzen den Ruf von Auwiesen durchaus unterschiedlich ein. Der schlechte Ruf ist zwar allen bekannt, doch bei der Deutung der heutigen Situation in Auwiesen scheiden sich die Geister. Während die eine Gruppe (Typ1 und 2) weiß, „dass es nicht so ist“ (Maria), sind die anderen Jugendlichen (Typ3) davon überzeugt, dass der Ruf „sicherlich auch gerechtfertigt“ (Sabine) ist („gerechtfertigt“ bezieht sich im Gegensatz zu den vorherigen Jugendlichen auf die Gegenwart, das „Heute“). Für sie unterscheidet die Vergangenheit (obwohl sie diese zum Großteil nicht aktiv erlebt haben) Auwiesens sich nicht von der Gegenwart. Es besteht also ein direkter Zusammenhang zwischen der Nutzung des öffentlichen Raumes bzw. der Identifikation mit dem Stadtteil und der Bewertung dessen. Jene Bewohner von Auwiesen (nicht bloß Jugendliche), die Auwiesen kennen, kommen zum Schluss, wonach „der Ruf ja eh schlechter ist, als es in Wirklichkeit herinnen ist“ (Jugendzentrum).
Dass es in Auwiesen nicht ärger zugeht als in vergleichbaren Vierteln, wird auch von offizieller Seite her bestätigt:
I: „Ist es schwierig hier als Polizist, vielleicht schwieriger als in anderen Stadtteilen?“ Polizist: „Nein, es ist überhaupt nicht schwieriger als woanders. Es hat jeder Stadtteil seine Probleme. Wenn man sich anschaut wie die im Landhaus, in der Altstadt, werken, da ist es sicher auch nicht leichter.“
Auwiesen hebt sich nicht ab von anderen, vergleichbaren Stadtteilen was Strafsachen angeht (war das Hauptproblem mit den Jugendlichen aus der Vergangenheit). Ein Jugendbetreuer, der die Sonderstellung Auwiesens ebenfalls nicht (mehr) sieht, erklärt: Jugendzentrum: „Ich glaube, dass es in Auwiesen nicht anders ist als im Franckviertel, im Zördorfer Feld, es gibt mal eine Gruppe, die ist dann einmal ein bisschen wilder. Aber sobald sie dann 18, 19 sind, die wirklich wilden Hunde kriegen dann eh Stress mit den Bullen, sind dann eh eingesperrt, oder so. […] Die haben eh ihren Dreck am Stecken und verhalten sich ruhig. Aber der Ruf da, ich weiß nicht.“
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Eine weitere Expertenmeinung dahingehend lautet:
Hausmeisterin: „Also ich finde überhaupt nicht. Der Ruf ist enorm, aber wenn man da wohnt, aber was passiert denn schon?“ Gärtner: „Gar nichts passiert.“
Es ist festzuhalten, dass das heutige Viertel mit seinen Jugendlichen nicht mehr zu vergleichen ist mit dem „Problemviertel“ aus der Vergangenheit. Eine Jugendbetreuerin meint bezüglich des Rufs: „Ja, der schlechte Ruf hält sich lange und der gute will irgendwie nicht kommen“ (Jugendzentrum). Es handelt sich dabei um äußerst langlebige und schwer wieder zu revidierende Zuschreibungen von außen, die sich unreflektiert fortpflanzen und meist von Menschen verbreitet werden, die wenig bis keinen Einblick haben. Ähnliches gilt auch für die Jugendlichen von Auwiesen, die ihre Zeit außerhalb von Auwiesen verbringen (Typ3), was sie sozusagen zu Fremden im eigenen Viertel macht.
Als Abschluss soll kurz gezeigt werden, wo und in welcher Weise die jungen Auwiesnerinnen und Auwiesner mit dem (schlechten) Ruf konfrontiert werden, denn „das kommt genügend oft vor“ (Lena), so eine der Jugendlichen. Einen ersten Eindruck vermitteln die Burschen (Typ1) aus der Gruppendiskussion: I: „Und wo kriegt ihr das mit, dass so geredet wird?“ Daniel: „Von den Schulen, von den anderen.“
Chris: „In den Schulen reden sie so. Oder in der Straßenbahn, wenn du gerade von der Schule heimfährst, voll müde, und dann reden sie so: „he in Auwiesen, da hat der Chris was angestellt“. Und ich sitz daneben.“
Marco: „Aber das Ärgste ist ja, es wird ja so heftig geredet. Ich gehe in die HAK Urfahr, direkt neben der Uni, da reden Leute beim Rauchen am Schulhof irgendwas daher und du denkst dir: „was geht denn da ab““
Ähnlich ergeht es ebenso den Jugendlichen, die eigentlich nichts mit Auwiesen verbindet (Typ3). Zwei Mädchen lassen uns an ihren Erfahrungen teilhaben: Eva: „Wenn irgendwer hört „Auwiesen“, dann werden wir ausgelacht. Ja, aber man hört halt weg.“
Sabine: „ja, wir ignorieren das ziemlich gekonnt.“ Eva: „es kommen schon depperte Meldungen, aber auf Gaudi eher“ Es kann demnach festgehalten werden, dass Jugendliche aller Typen, auch außerhalb von Auwiesen von den Auswirkungen des Rufs betroffen sind. Die in diesem Zusammenhang häufigst genannte Lokalitäten sind die Schulen. Der hiesige Pfarrer kennt diese Situation, in der sich die jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen befinden:
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Pfarre: „Wenn Jugendliche von uns in eine HTL gehen, dann müssen sie sich anhören: In Auwiesen sind die Depperten daheim. Das höre ich halt von unseren Jugendlichen. [...] Aber wenn einer vom Bindermichl in die HTL kommt, dann passt’s aber wenn der von Auwiesen kommt, dann hat der schon eine gewisse Blunzn auf.“ Die Reaktionen der Jugendlichen lauten wiederum bei allen gleich: I: „Aber angenommen in der Schule, wenn da jemand redet, Auwiesen ist so Arsch?“ Lena: „Ich lass ihn einfach reden.“
Maria: „Ich denk mir nur, ihr redet gerade einfach nur Scheiße.“ Die jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen reagieren demnach nicht auf negative Zuschreibungen, wie sie außerhalb von Auwiesen verbreitet sind und auch artikuliert werden. Die meisten Jugendlichen haben gelernt, damit umzugehen, denn „wir ignorieren das ziemlich gekonnt“ (Eva), so eines der Mädchen (Typ3).
Die Gründe, weshalb es zu keiner Reaktion seitens der Jugendlichen kommt, sind allerdings unterschiedlich. Die große Gruppe Jugendlicher, welche die Öffentlichkeit Auwiesens meiden (Typ3), sind schlicht weg nicht betroffen, da sie ohnehin nichts mit Auwiesen verbindet. Jene Mitglieder der Gruppe, die sich stark mit Auwiesen identifizieren (Typ1) lassen diese falschen Beschuldigungen kalt, da sie wissen, dass diese nicht der Wahrheit entsprechen. Einer dieser Jugendlichen führt diesbezüglich aus:
Daniel: „Ich meine, ich könnte auch nicht recht viel erzählen, wenn ich jeden Tag daheim sitz. Da schnapp ich mir was aus der Luft und dann rede ich über das.“
7.2.2. Das Ghetto
In der quantitativen Untersuchung stellten wir die Aussage zur Diskussion: „Auwiesen ist das ‚Ghetto’ von Linz“. Dieser Aussage beantworteten etwa 40% der befragten Jugendlichen mit „ja“, was einem großen Anteil entspricht. Doch der Begriff kann widersprüchlich aufgefasst werden.
Als Ghetto werden abgeschlossene Wohngebiete bezeichnet, deren wesentliche Merkmale „Segregation und räumliche Konzentration in Verbindung mit einer Stigmatisierung bestimmter ethnischer, religiöser oder sozialer Gruppen“ (Friedrich 2003: S.137) sind. Dies trifft in gewisser Wiese auf Auwiesen zu (vgl. Kap. 4.1.) und in diesem Zusammenhang ist die erste Einschätzung einer Jugendbetreuerin zu sehen:
Jugendzentrum: „Ja und genau so kommt es uns auch vor, in den letzten Jahren. Wie wenn das immer mehr zum Ghetto wird, der Linzer Süden. Also Neue Heimat, Ebelsberg…“ Hier stellt Auwiesen keine Ausnahme dar, sondern die soziale Lage ist im gesamten Linzer Süden schlechter, im Vergleich zum wohlhabenderen Norden. (Aus diesem Grunde wurde
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An-fang der 90er Jahre der „Sozialsprengel Linz- Süd“ (OÖN, Ausgabe 26.08.1992) gegründet, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken). Daher ist Auwiesen, in diesem Zusammenhang be-trachtet, nicht das „Ghetto von Linz“.
Dieses Nord-Süd-Gefälle ist allerdings nicht, beziehungsweise nur in wenigen Fällen und weniger bei den Jugendlichen, der Auslöser dafür, dass Auwiesen von vielen seiner Jugendlichen als Ghetto bezeichnet wird. Zwei der befragten Mädchen (Typ1) erklären, was gemeint ist:
Lena: „Ja es ist einfach verschrien, viele bezeichnen Auwiesen als das Ghetto von Linz, oder so. Es ist vielleicht ein bisschen arg ausgedrückt, weil es nicht wirklich so ist.“ Maria: „Das war vielleicht früher einmal so, aber jetzt überhaupt nimma mehr.“ Wenn Auwiesen also „früher“ einem Ghetto entsprach, dann sind wohl wieder einmal die Umstände Anfang bis Mitte der 90er Jahre gemeint, denen der Stadtteil seinen Ruf verdankt. Es entstand in diesen Jahren das Bild eines Stadtteil, in dem überdurchschnittlich viele gewalt-bereite, kriminelle und gefährliche Jugendlichen ihr Unwesen treiben, das waren „noch die wilden Hunde“ (Jugendzentrum). Der Begriff Ghetto bezieht sich auf Gewalt, Aggressivität und Kriminalität, welche unter den Jugendlichen herrschten und die damals ganz Auwiesen prägten. Davon ist auch heute noch ein wenig spürbar, denn es „heißt wir sind da alle so aggressiv und so, ein Scheiß“ (Chris), was nicht der Praxis entspricht (diese kennen vor allem Jugendliche, welche den Stadtteil nutzen, Typ1,2). Einer der Jugendlichen (Typ1) erklärt, wie es sich wirklich verhält:
Marco: „…denken sich dann, da ist das Ghetto Harlem und es geht so und so zu. Da wird jeden Tag mit Crack gedealt und Leute erstochen wegen 2g oder sonst irgendwas. Aber wir sind ein ganz normales Viertel wie jedes andere, wo genauso viele Jugendliche im Club herumhängen und ihre Gaudi wollen.“
Diese Burschen und Mädchen wissen, dass ihr Stadtteil und dessen Jugendliche „nicht mehr so wie früher“ (Marian) sind (bis auf wenige Ausnahmen). Für viele Menschen (Auwiesner und Auswärtige, Junge sowie Alte), die eben keinen Einblick in das alltägliche Leben der ange-sprochenen Jugendlichen (Typ1) haben, hat sich allerdings wenig bis gar nichts verändert. Für all jene bleibt Auwiesen das „Ghetto“, ungeachtet dessen, was tatsächlich in Auwiesen vorgeht. Diesen Personen, speziell den Jugendlichen (Typ3) unter ihnen, stehen die betroffenen Jugend-lichen (Typ1) ablehnend gegenüber:
Marco: „Alle, die behaupten Auwiesen, alle sagen Auwiesen ist das Ghetto, aber die sind alle Bonzenkinder und kriegen ihre Louis Vuitton- Sachen in den Arsch geschoben. […] lauter Schwuchteln.“
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Die Jugendlichen, ihnen gilt zum Großteil die negative Zuschreibung, reagieren gereizt. Ein Mädchen aus dieser Gruppe (Typ1), fügt verärgert hinzu: „die Leute, die sagen: „ja Auwiesen ist das Ghetto“, die sollen mal selber kommen, dann werden wir ihnen zeigen, was ein Ghetto ist“ (Maria).
Es existiert allerdings eine weitere Interpretation seitens der Jugendlichen in Bezug auf den Begriff „Ghetto“. Diese stammt von jenen Burschen und Mädchen, welche zuvor direkt von der negativen Zuschreibung betroffen waren und diese als ungerechtfertigt abtaten. Es handelt sich und die Jugendlichen, die Auwiesen nutzen, sich stark damit identifizieren und in der dominanten HipHop-Jugendkultur (öffentlicher Raum) verankert sind (Typ1). In diesem Abschnitt ist aus-schließlich von ihnen die Rede.
Die Burschen aus der Gruppendiskussion (Typ1) antworten auf die Frage, ob Auwiesen das „Ghetto von Linz“ sei, etwas überraschend, folgendes: Marco: „Definitiv, definitiv, es ist das Ghetto von Linz.“ Jacob: „Auwiesen, wir sind ein stolzes Ghetto.“ I: „Also ihr nehmt den Ruf eher positiv auf?“ Chris: „Sicher.“
Wollten es diese Jugendlichen zuvor noch allen „zeigen“ (Maria), die Auwiesen als Ghetto verunglimpfen, so wird hier Auwiesen plötzlich als ein „stolzes Ghetto“ (Jacob) gefeiert. Eine nicht nachvollziehbare Ansicht, mehr noch, ein Widerspruch, auf den ersten Blick Eine mögliche Erklärung verläuft über die jugendkulturelle Gesinnung der Jugendlichen, deren Zugehörigkeit zur HipHop-Jugendkultur (vgl. Kap. 2.4.5.1., 4.4.2.2. und 4.4.3.2.), denn „die sind alle auf HipHop“ (Jugendzentrum). Innerhalb dieser Kultur kommt dem Begriff des „Ghettos“ eine wichtige Bedeutung zu. Vereinfacht geht es darum, die dominante Rolle in einem Viertel oder Stadtteil (allgemeines Verhalten, Stile, usw.) zu übernehmen und diese nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten (als Vorbild gilt das idealisierte Ghetto, Gangstar- Milieu). Einer der Burschen (Typ1) bekundet: Die „meisten, die Auwiesen scheiße finden, haben noch keinen HipHop gehört“ (Lukas). In diesem Sinne machen diese Burschen und Mädchen Auwiesen zu ihrem Ghetto und in diesem Zusammenhang erleben sie den Stadtteil positiv. Sie sind es, die durch ihre Interpretationsarbeit Auwiesen für sich umdeuten („positives“ Ghetto) und den Stadt-teil dabei gestalten. Eine Streetworkerin kennt deren widersprüchliche Deutung und fügt hinzu:
Streetwork: „Aber trotzdem identifizieren sie sich schon irgendwie mit dem. Gerade deswegen, das schweißt auch irgendwie zusammen.“
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Hier wird die identitätsstiftende Wirkung sichtbar, welche Jugendkultur allgemein und im Speziellen die HipHop-Jugendkultur auf die Burschen und Mädchen vor Ort hat. Diese Deutung existiert und funktioniert allerdings nur für die besagten Jugendlichen (Typ1), für alle anderen, die nicht dem „HipHop-Ding” (Streetwork) angehören, wirkt diese Gruppe befremdlich und wenig einladend. Einer der Jugendlichen (Typ1) weiß um die Vorzüge, die sich für die Mitglieder daraus ergeben:
Jacob: „Das ist aber ein Vorteil, weil dann kommt keiner rein und stresst uns irgendwie. Da können wir voll chillen den ganzen Tag Party machen.“
Die anfangs widersprüchliche Bewertung des Begriffs „Ghetto“ kann nun aufgelöst werden. Geht es um die Zuschreibung als solches von außerhalb, wird diese als negativ aufgenommen (Fremdbild), gilt es allerdings die eigene, innere Position darzustellen, erscheint der Stadtteil positiv (Selbstbild) für diese Jugendlichen (Typ1) und wird auch dementsprechend präsentiert. Auf diese Weise lässt sich auch der Widerspruch bezüglich der Bewertung von Auwiesen auflösen. Einerseits vertreten diese Jugendlichen die Ansicht: „Auwiesen ist ein Viertel wie jedes andere“ (Marco) und andererseits gibt es „kein anderes Viertel, das geiler ist“ (Marco);
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61 Dieses spezielle Muster ist themenübergreifend und wird in weiteren Kapiteln in vergleichbarer Weise zum Vorschein kommen. Vgl. dazu Kap. 7.5. Ethnie und Migration;
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7.3. Zugehörigkeit und Freundschaft
Dass es gerade für Jugendliche (wenn auch nicht ausschließlich) enorm wichtig ist Freunde zu haben und sich irgendwo zugehörig zu fühlen, liegt wohl auf der Hand. „Freunde, die braucht man einfach“ (Albin). In diesem Kapitel soll dargestellt werden, welcher Eigenschaften es bedarf, um sich einen echten Auwiesner, eine echte Auwiesnerin zu nennen. Weiters wollen wir zeigen, was Freundschaft für die Jugendlichen in Auwiesen ausmacht und wie sich diese innerhalb der unterschiedlichen Gruppen gestaltet. In einem zweiten Abschnitt legen wir das Hauptaugenmerk auf die informellen Regeln, welche den Zusammenhalt der Jugendlichen innerhalb der jeweiligen Gruppen garantieren.
7.3.1. „Ich bin ein Auwiesner“
Folgender Punkt soll Aufschluss darüber geben, was es heißt, ein Auwiesner oder eine Auwiesnerin zu sein, oder was das Gemeinsame ist, das sich hinter dem „wir Auwiesner“ verbirgt, falls dieses existiert. Einen ersten Eindruck lieferte die quantitative Auswertung; dort bezeichnen sich 2/3 der befragten Jugendlichen als „Auwiesner“.
Zuallererst betrachten wir jene Jugendlichen, die sich mit dem Quartier stark identifizieren (Typ1). Eine der Befragten antwortete auf die gestellte Frage bzgl. der Verbundenheit mit dem Stadtteil auf diese Weise: Maria: „Ich eigentlich schon.“
Lena: „Nein, ich nicht. Ich weiß nicht, so als Auwiesner, ich wäre nicht einmal richtig stolz drauf.“ I: „Bei dir (Maria)?“
Maria: „Weiß nicht, ab und zu kann ich stolz darauf sein und ab und zu nicht.“ Es herrschen gemischte Gefühle, könnte man sagen. Hier wird deutlich, dass es nicht immer leicht ist, sich bedingungslos mit Auwiesen gleichzusetzen. Es gibt also auch Umstände, auf die man nicht ohne weiteres stolz sein kann (was diese Umstände betrifft, vgl. 4.4.3.), denn „nur gut ist es hier auch nicht“ (Daniel, Typ1). Der Pfarrer der dortigen Gemeinde meint sogar: „Ich glaube, das wird ihnen hier sehr schwer gemacht, auf das stolz zu sein, aus Auwiesen zu sein“ (Pfarre). Doch diese Jugendlichen, die, wie sie selber sagen „immer da“ (Ellena) sind, identifizieren sich trotzdem stark mit ihrem Viertel. Die spannende Frage lautet nun, weshalb dies der Fall ist und was das für diese Jugendlichen (Typ1) konkret heißt: Iris: „Also, ich sage auch, dass ich eine Auwiesnerin bin, weil, ich versteh darunter, wenn man wirklich Freunde gefunden hat, da in Auwiesen, mit denen man fast Tag für Tag, na ja
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muss nicht sein, aber wirklich oft mit ihnen unterwegs ist und einfach seine ganze Jugend in Auwiesen erlebt und so...“
Nach dieser Aussage zu schließen, ist es entscheidend, in welchem Freundeskreis man sich bewegt. Es handelt sich um jene, die den öffentlichen Raum in Auwiesen verstärkt nützen (Jugendzentren, Redlerweg, usw.).
Das Wichtigste für diesen Kreis von Jugendlichen ist der freundschaftliche Zusammenhalt. Es geht darum, dass „meine Freunde da sind. Sonst eh nix. Am meisten meine Freunde“ (Anna). Man könnte sagen, es hat sich ein Freundeskreis gebildet, in dessen Zentrum Auwiesen steht. Folgende Einschätzung bringt es auf den Punkt:
Lena: „Es ist nicht so, weil es Auwiesen heißt, sondern es sind einfach die Leute, wir treffen uns eigentlich da...“
Maria: „...ist unser Treffpunkt. Da am Redlerweg drüben, um Basketball, Fußball, alles mögliche zu machen. Tischtennis.“
Eine weitere Aussage, die dies stützt, kam aus der Gruppendiskussion mit den Mädchen: Bianca: „ich [...] bin eigentlich eine unechte Auwiesnerin, weil ich von der Neuen Heimat komm.“
Alle: „Geh, sicher bist ein Auwiesner.“
Damit bringen die Mädchen zum Ausdruck, dass es viel mehr darum geht zu einem speziellen Kreis zu gehören, in dem man verkehrt, als aus Auwiesen zu kommen. Es kann also vorkommen, dass ein Jugendlicher der gar nicht aus Auwiesen stammt, sich als solchen ansieht und dies offenbar zu Recht. Eine Jugendbetreuerin kennt diesen Sachverhalt und führt aus: Jugendzentrum: „Sie kommen nach Cliquen zusammen. So, was rennt da für ein Spruch und wie sind die Leute da drauf, so von dem her. Sie kommen z.T. auch vom Frankviertel.“ Aus dieser Sicht sind jene Jugendlichen, die „stolz“ (Maria, Typ1) auf Auwiesen sind, eigentlich stolz auf ihren Freundeskreis und dessen Qualität (vgl. Kap. 7.3.). „Die Gruppe wird zum Zentrum des Lebens für die Mitglieder einer Gruppe, einer sozialen Organisation. Es entsteht die lokale Kultur. Lokale Kultur dient als Orientierung der individuellen Lebenswelten“ (Atteslander in Friedrich 2003: S.138). In erster Linie geht es also um die Gruppe von Personen, in unserem Fall Jugendliche, welche die lokale Kultur entstehen lassen, weniger um den Ort Auwiesen an sich. Es sei hier erwähnt, dass die eben beschriebenen Jugendlichen einer ziemlich speziellen Gruppe angehören (Typ 1). Es handelt sich um jene, die den größten Teil ihrer Zeit in Auwiesen verbringen und den Raum aktiv nutzen und der dortigen HipHop-Jugendkultur angehören. Sie sind diejenigen, die sich mit Auwiesen identifizieren. Die Jugendlichen machen allerdings noch auf eine weitere Bedingung aufmerksam:
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I: „Also hier wohnen heißt noch nicht, dass man ein Auwiesner ist?“
Daniel: „Man muss genug Erfahrung haben. Ich kann nicht irgendwo hingehen und mich gleich bezeichnen, dass ich von dort bin. Erstens einmal muss ich genug erlebt haben, dass ich sagen kann, das ist leiwand oder das ist scheiße. [...]“ Chris: „Man muss sich einfach auskennen.“
Was es letztlich ist, das die Entstehung jugendlicher Kreise ausgerechnet in Auwiesen begünstigt, lässt sich von uns nicht restlos klären. Entscheidend für die Jugendlichen ist der Freundeskreis, doch warum entsteht dieser gerade in Auwiesen und nicht irgendwo anders? Eine Deutungs-variante ist, dass die Infrastruktur von Auwiesen den Jugendlichen viele Möglichkeiten gibt und Platz bietet (zwei Jugendzentren im näheren Umfeld, viele öffentliche Plätze, Sport- und Freizeitplätze, ein Schwimmbad, usw.). Zwei Mädchen führen diesbezüglich aus:
Lena: „Es wohnen mehrere Leute gleich da in der Nähe. Und es ist einfach so, Alpha z.B., oder Fjutscha, das sind einfach Jugendclubs...“ Maria: „...das sind einfach unsere..., wo wir meistens drinnen sind.“ Besonders anziehend dürften die Jugendzentren für die jungen Auwiesnerinnen und Auwiesner sein:
Maria: „Bei mir ist das so, Alpha ist mein... Im Alpha bin ich aufgewachsen, mein zweites Daheim ist das. Ich kann mich mit 11 Jahren das erste Mal erinnern,...“ Außerdem ist es möglich mit der Straßenbahn bis vor die Haustür zu fahren, also Auwiesen ist bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Infrastrukturell ist Auwiesen gut gerüstet für die Jugendlichen vor Ort. Die Leiterin des Amtes für Jugend und Freizeit meint ebenso: „...ich muss auch schon sagen das Auwiesen relativ gut ausgestattet ist mit Freiräumen, Infrastruktur für Jugendliche (Schmidsberger)“. Eine allgemeine Erklärung ist der höhere Anteil Jugendlicher gemessen an der Gesamtbevölkerung (beträgt ca.10%, entspricht etwa 1000 Jugendlichen in Auwiesen) als in anderen Gebieten. Es leben also (verhältnismäßig) viele Jugendliche in und um Auwiesen herum, was die Bildung von Cliquen selbstverständlich erleichtert.
Die Erklärungsvarianten seitens der Jugendlichen können zwar diesen Zusammenhang nicht zur Gänze aufklären, aber folgende Schilderung lässt erahnen, was Auwiesen ausmacht: Marco: „Alles was man hier herinnen erlebt, ich meine jeden Tag, das ist wirklich wie ein Erlebnispark. Du kommt hier her und das ist so, wie wenn ein kleines Kind ins Disneyworld geht und dort Mickymouse trifft. Jeden Tag siehst und erlebst du etwas Neues und es ist immer irgend etwas Leiwandes los. In den anderen Vierteln ist es immer der gleiche Scheiß. Jeder Tag ist abwechslungsreich, irgend eine Gaudi.“
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Zusammengefasst heißt das nicht anderes als: Auwiesen ist das Viertel für diese Jugendlichen (Typ1) und kein anderes kann es auch nur annähernd damit aufnehmen. In Auwiesen wird anscheinend alles geboten, was das jugendliche Herz begehrt. Dieses ideale Auwiesen existiert allerdings, wie schon mehrfach hingewiesen, nur bei dem kleinen Teil Jugendlicher, die den öffentlichen Raum auch aktiv nützen und jugendkulturell eingebunden sind.
Eine weniger geschönte Meinung vertreten jene, die das Angebot und die Möglichkeiten in Auwiesen zwar nutzen, sich jedoch nicht damit dem Quartier identifizieren (Typ2). Einer dieser Jugendlichen erklärt:
Marian: „‚Wir Auwiesener’, sagen wir mal so: es gibt schon eine gewisse Verbindung, es ist aber keine legale Verbindung, es hat mehr mit illegalen Sachen zu tun. Und jetzt glauben die kleinen Kinder, dass sie zusammenhalten und cool sind.“
Dieser junge Auwiesner bewertet vorerst den Zusammenhalt unter den zuvor beschriebenen Jugendlichen (Typ1) und fügt hinzu: „das interessiert mich nicht“ (Marian). Diese Jugendlichen kennen das Bild von Auwiesen, das die Jugendlichen aus dem HipHop-Umfeld (Typ1) haben (sie halten sich auch dort auf):
Albin: „Das glaube ich nicht, das weiß ich, das sind viele Leute, die rennen herum, „hey ich bin ein Auwiesner, pass auf“ und „pass auf, was du tust, ich bin ein Auwiesner“. Ich habe viele Leute hinter mir, aber das ist nur eine große Klappe.“
Dieser Jugendliche relativiert das von den Jugendlichen (Typ1) zuvor gezeichnete Bild und meint, dass dieses nicht der Wirklichkeit entspreche. Ein junger Auwiesner (Typ2) bemerkt: „nein, heute gibt es das nicht mehr so“ (Albin).
An dieser Stelle wird die getroffene Unterscheidung zwischen Typ1 und 2 unterstrichen, denn während sich beide Typen Jugendlicher in Auwiesen aufhalten, unterscheidet sich deren Verbundenheit zu Auwiesen: Während Auwiesen für die Jugendlichen, die jugendkulturell eingebunden sind (Typ1), zu einer identitätsstiftenden Instanz wird, verbringen Jugendliche vom Typ 2 bloß einen Teil ihrer Freizeit vor Ort und nutzen diesen als Treffpunkt: es „wohnen alle meine Freunde hier und es gibt viele Möglichkeiten sich zu beschäftigen, dass einem nicht fad wird“ (Albin).
Zuletzt gilt es noch die Meinung der jungen Auwiesnerinnen und Auwiesner einzuholen, die den Stadtteil nicht nutzen und sich diesem nicht verbunden fühlen (Typ3). Diese vertreten wiederum eine andere Position:
Eva: „Ich sag, ich wohn in Auwiesen, aber ich bin ein Linzer.“ Sabine: „Ich bin ein Linzerin und wohn in Auwiesen.“
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Für diese Jugendlichen ist Auwiesen das Viertel, in dem sie wohnen, nicht mehr und nicht weniger. Für sie würde es kaum einen Unterschied machen, wenn sie an einem beliebigen anderen Ort in Linz wohnen würden. Trotzdem kann gesagt werden, dass sich diese Jugendlichen in gewisser Weise mit Auwiesen verbunden fühlen und mit ihrem Wohnort zufrieden sind. Dazu folgender Ausschnitt:
Eva: „Ja! Man hat viel in der Nähe, was man machen kann, man hat den Wasserwald, wo man hingehen kann,...“
Sabine: „Ja, grundsätzlich wohn ich auch gern in Auwiesen, weil ich wohn da direkt neben dem Schörgenhubbad, das ist auch so ein abgeschlossener Häuserblock. [...] Aber so, es ist eigentlich ganz ganz angenehm.“
Diese Jugendlichen sind mit Auwiesen und dem vorhandenen Angebot zufrieden, auch wenn sie sich nicht damit identifizieren. Eines der Mädchen bringt dies mit: „grundsätzlich wohn ich auch gern in Auwiesen“ (Sabine, Typ3) zum Ausdruck, doch vom weiter oben beschworenen Auwiesner „Erlebnispark“ (Marco, Typ1) kann bei ihnen nicht die Rede sein.
7.3.2. Der Freundeskreis
Wie gerade zuvor dargestellt, identifizieren sich diejenigen mit Auwiesen, die auch einen starke Freundeskreis dort haben, dem sie angehören. Eine erste Einschätzung diesbezüglich, kommt von jenen, die der dortigen HipHop-Jugendkultur angehören (Typ1): Maria: „Ich bin Tag für Tag mit Jasmin, Ellena, Bianca, Karina, Iris unterwegs und mit ein paar anderen von den Idioten.“
Anders sehen dies jene Jugendlichen, welche zwar den Stadtteil freizeitmäßig nutzen, sich allerdings nicht vollständig mit dem Quartier identifizieren (Typ2): Marian: „Nein. Also jeder von uns geht arbeiten. Darum ist es immer ziemlich spät, also um 6, 7, 8 Uhr treffen wir uns immer. Dann gehen wir meistens nur mehr was trinken. Wir setzen uns zusammen, reden, dann gehen wir heim.“
Für diese Mädchen und Burschen stellt Auwiesen (hauptsächlich die Jugendzentren) einen Freizeittreff dar, an dem sie mal „was trinken“ gehen. Sie sind nicht ständig in Auwiesen anzutreffen, was sie von der Gruppe um die HipHopper abhebt. Sie unterscheiden sich dadurch, dass sie auch Bindungen eingehen, die nichts mit Auwiesen direkt zu tun haben. Dazu ein Beispiel:
Albin: „Ich habe meine bestimmten Freunde, mein Freundeskreis, mit denen ich auch Fußballspiele, im Verein.“
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Für diese Jugendlichen gibt es eine bestimmte Aktivität, wie hier z.B. ein Sportverein, die sie sozusagen über den Tellerrand blicken lassen. Diese Jugendlichen können trotzdem Freunde in Auwiesen haben, doch sie definieren sich nicht ausschließlich über diese.
Für jene, welche ihren Freundeskreis außerhalb von Auwiesen haben (Typ 3), gilt dies nicht in dieser Wiese:
Sabine: „In Auwiesen hab ich sie (Eva), mehr brauch ich in Auwiesen nicht.[...] Fixer Freundeskreis, nein, in Auwiesen nicht. Großteils in Pasching.“ I: „Das ist bei dir das selbe?“ Eva: „Ja“
Über deren Freundeskreise lässt sich für uns nur wenig aussagen, außerdem würde uns dies weg von Auwiesen und somit weg von unserer Untersuchung, führen. Aus diesem Grund beschränken wir uns hier zunächst auf die beiden erstgenannten Gruppen.
Wir werden nun herangehen und versuchen darzustellen, wie diese Jugendlichen ihr freundschaftliches Zusammenleben bewerten. Eine Antwort darauf findet sich bei den Gruppen-gesprächen, sowohl bei den Mädchen, als auch bei den Burschen (beide Typ1): Jasmin: „Ein Auwiesner bedeutet für mich einfach, man hat die Freunde da. Also, die Freunde sind deine Familie, die zu dir helfen, die dir helfen, die zu dir stehen. Einfach, die immer für dich da sind, zu denen du gehen kannst, wenn du Probleme hast, alles. Das bedeutet für mich ein Auwiesner zu sein“.
Der Freundeskreis ist für die Jugendlichen eine Art zweiter Familie von der jedes Mitglied Hilfe und Unterstützung erwarten kann, oder allgemein gesagt, Menschen, die füreinander da sind. Besonders eindrucksvoll ist folgende Schilderung:
Chris: „ Auwiesen ist wie eine große Familie. Da hält jeder zusammen, egal wie sehr wir die hassen, wirklich. Ich sehe jeden Älteren als meinen größeren und jeden Jüngeren als meinen kleinen Bruder.“ Oder:
Marco: „Wir sind eine Family. Und in Auwiesen haben das die Leute kapiert, in anderen Vierteln nicht.“
Alle Auwiesner und Auwiesnerinnen halten demnach zusammen, egal wie unterschiedlich sie auch sind, und bilden eine Familie. Diese Ansicht hält allerdings einer genaueren Prüfung nicht stand. Es gibt Jugendliche (Typ 2), die in diesem Bereich stärker differenzieren: I: „Meinst du, dass das so was wie eine Art Zweckgemeinschaft ist, wenn man mal was aufstellen muss oder so?“
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Marian: „Ja genau. Ganz genau.“
I: „Du kommst aber auch nach Auwiesen, weil du dich hier wohl fühlst.“ Marian: „Sicher. Meine Freunde sind auch hier. Ich kenn auch andere, die tu ich nur grüßen und so.“
Ein anderer Jugendlicher mit einer ähnlichen Ansicht:
Albin: „Ich meine, es gibt Leute, die tun alles für dich, andere die glauben, oder sie wollen dein Freund sein, weil du irgendetwas hast, was er nicht hat, z.B. ein Auto.“ Hier zeigt sich eine unterschiedliche Bewertung des Freundeskreises. Die Mitglieder der HipHop-Jugendkultur (Typ 1) bezeichnen sozusagen die Gesamtheit der Auwiesner Jugendlichen als ihre Familie, wohingegen die Mitglieder der zweiten Gruppe der Auwiesennutzer (Typ 2) klar zwischen Freunden und Bekannten unterscheiden. „Es kommt immer darauf an, ob es enge Freunde sind oder alle miteinander“ (Marian). Zu jenen, die sie nur „kennen“, besteht eine bloße Zweckbeziehung, aus welchen Gründen auch immer. „Sie kennen sich alle untereinander“ (Streetwork), aber oft nicht mehr. Diese Einschätzung vom Nebeneinander verschiedener Gruppen wird auch von Seiten der Experten geteilt: Pfarre: „Ja, ich stelle schon eine gewisse Individualisierung fest, jeder schaut, dass er in seiner Gruppe seine Bedürfnisse irgendwie befriedigt,...“
Dabei dient Auwiesen vor allem den jungen Mädchen und Burschen, die sich der HipHop-Szene verpflichtet fühlen, als Ort, der es ihnen gestattet ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Sie sind es allerdings, die am stärksten darauf angewiesen sind, da ihnen häufig der Blick über die Grenzen des Stadtteils hinaus verstellt bleibt. So machen sie Auwiesen zu ihrem Stadtteil, in dem sie aktiv an der Gestaltung des öffentlichen Bildes beteiligt sind. Daher wird das Quartier und dessen Bevölkerung zu einer identitätsstiftenden Instanz für diese Jugendlichen, was sich in einer bedingungslosen Identifikation ausdrückt.
Zu einer weiteren Bestätigung gelangten wir durch Beobachtung der Jugendlichen in den Jugendzentren (Typ 1 und 2). Die Jugendlichen kennen sich alle untereinander, sie grüßen einander und reden auch miteinander, doch die verschiedenen Gruppen bleiben doch zum Großteil für sich. Ebenfalls keine Ausnahme bilden dabei die HipHopper, die sich alleine schon durch ihr äußeres Erscheinungsbild abgrenzen. Durch den typischen und auffälligen Kleidungsstil signalisieren sie zusätzlich, dass sie als separate Gruppe zu betrachten sind. Doch die Tatsache, dass die Jugendlichen in ihrer jeweiligen Gruppe bleiben und sich dieser auch zugehörig fühlen, ist nicht weiter ungewöhnlich. Eine Mitarbeiterin des Jugendzentrums führt dazu aus:
Alpha: „Wir haben neulich gezählt und festgestellt, dass wir sieben Gruppen hier herinnen haben und die können ganz gut nebeneinander leben. Miteinander leben sie nicht.“
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Diese Einschätzung wird von einem Jugendlichen (Typ 2) geteilt:
Marian: „Wenn es mal Stress gibt, ist wirklich ganz Auwiesen füreinander da. Aber eben nur wenn es Stress gibt. Sonst ist jede Gruppe getrennt.“
Dieses Nebeneinander funktioniert also demnach gut und weitgehend reibungslos, mit einer familiären Bindung hat das in diesem Rahmen nicht viel zu tun. Dies gilt auch für die Gruppe der eingefleischten HipHopper, die sich, entgegen ihrer Aussagen, ebenso weitgehend auf sich beziehen. Sie sind die dominanteste Gruppe, die, den Beobachtungen nach zu schließen, den Ton angibt. Und wenn diese Jugendlichen von „Familie“ sprechen, beschränkt sich das wohl auf ihre Gruppe, mit ihren Leuten, die sie wie Familienangehörige sehen. Eine mögliche Erklärung, warum es bei ihnen so familiär zugeht ist folgende:
Karina: „es ist eigentlich so, jeder von uns hat eine eigene Geschichte und jeder von uns hat auf irgendeine Art und Weise eine beschissene Vergangenheit, da kann man sagen, was man will. Keinem geht’s so wirklich gut, und deswegen treffen sich hier die Leute und machen sich eine Gaudi, und schaun ,....und irgendwann scheißen wir drauf und ich weiß es ja nicht, und man ist auch froh, wenn man weiß, wo man hingehen kann, wenn’s daheim einfach nicht funktioniert.“
Kurz umschrieben, wenn die familiären Verhältnisse daheim nicht passen, sucht man sich eine neue Familie, eine Ersatzfamilie, in der man das vorfindet, was zu Hause fehlt. Eine gewissen Loslösung von der familiären Bindung und eine Orientierung hin zur Peergroup ist typisch für das Jugendalter. Bei diesen Jugendlichen in Auwiesen ist dies allerdings in einem erhöhten Ausmaß beobachtbar.
Was ebenfalls angedeutet wird, ist die untere soziale Lage, in der sich die meisten befinden. Dies geht meist einher mit einer geringen familiären Unterstützung, was Geld und Zeitaufwendung gegenüber den Kindern betrifft. Dazu die Einschätzung der Expertin, des zuständigen „Amts für Jugend und Familie“:
Schmidsberger: „Wir machen die Erfahrung, dass in Auwiesen doch ein relativ hoher Anteil an sozial und finanziell schwachen Familien da ist. Das heißt, die Ressourcen bei den Jugendlichen sind nicht sehr hoch“.
Eine Jugendbetreuerin, der ihr Beruf einen Blick hinter die Kulissen erlaubt, ortet ebenso „irrsinnig viele Probleme zu Hause“ (Alpha). Um diesen Verhältnissen (zumindest teilweise) zu entfliehen, treffen sich die Jugendlichen (Typ1) mit ihren Freunden und Bekannten, von denen es vielen ähnlich ergeht. Innerhalb dieser eingeschworenen Gemeinschaft lässt sich der Alltag leichter bewältigen. Dies ist außerdem eine Erklärung, warum die Jugendlichen, wie sie selber sagen, „immer da“ sind. Hier „funktioniert“ es für sie, hier sind sie sozusagen daheim:
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Maria: „Es gibt keinen Tag, wo ich nicht in Auwiesen bin, außer ich bin krank.“ Es gibt allerdings eine Gemeinsamkeit, die alle jugendlichen Teilnehmer am öffentlichen Lebens (Typ1,2) gleichermaßen bestätigen:
Marian: „Manche sind durch gewisse Streitereien nicht mehr so eng befreundet. Wenn es aber um was geht, sind wir alle füreinander da. Nicht nur in der eigenen Gruppe sondern allgemein Auwiesen.“ Oder etwas radikaler:
I: „...wenn einer von den Auwiesner Skatern angegriffen wird, oder von den Punks?“ Adrian: „Friedhof“
Chris: „Es ist das selbe, wenn die Ärger haben.“
Wenn es also „um etwas geht“, wenn es Ärger gibt, dann sind alle für einander da und es werden keine Unterschiede gemacht, welcher Gruppe man angehört. Nichts eint mehr, als ein gemeinsamer Feind oder eine Bedrohung von außen und in diesem Fall zeigen sich die Auwiesner und Auwiesnerinnen als Gemeinschaft. Eine Erklärung wäre, dass viele Probleme (mit Älteren, oder Fremden) nur deshalb auftreten, weil Auwiesen und die Jugendlichen einen gewissen Ruf (der nicht mehr der Wirklichkeit entspricht) genießen, dem entsprechend sie wahrgenommen und eingeschätzt werden. So wirkt jeder Angriff, gleichgültig auf wen, wie ein Augriff auf jeden einzelnen (es geht im Grunde gegen Auwiesen), oder zugleich auf alle. Dagegen setzen sie sich gemeinsam zur Wehr.
7.3.2. Regeln
Das Zusammenleben oder die Gestaltung der gemeinsam verbrachten Zeit erfordert das Einhalten gewisser (informeller) Spielregeln. Auwiesen und seine Jugendlichen stellen dabei keine Ausnahme dar. Die Kenntnis dieser Verordnungen gibt Aufschlüsse über die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Gruppen, so fallen wiederum jene, welche Auwiesen nicht nutzen und kennen (Typ3) aus dieser Beschreibung heraus. Den jungen Auwiesnerinnen und Auwiesnern, welche die Öffentlichkeit prägen (Typ1,2) steht im Gegensatz dazu ein reichhaltiges Regelwerk zur Verfügung, dem sie einerseits verpflichtet sind, das sie allerdings auch mit Rechten ausstattet. Konkrete Einblicke in den Vorrat an informellen Regeln, verschafften uns erneut die beiden Gruppendiskussionen:
Bianca: „Ich glaub, da gibt es einen Grund, weil es gibt da in Auwiesen Regeln, und wenn die nicht wer einhält, dann ist er dran.“ L: „So einfach geht das, das sind Gesetze. So wie verpfeifen.“
Iris: „Die regeln sind ja so.... Von Jahr zu Jahr kommen immer die Kleineren daher, bilden ihre neuen Cliquen, Gruppen und so und das ist dann halt die neue Partie“
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Es gibt demnach „Gesetze“, die den Zusammenhalt und das Zusammenleben der Jugendlichen gewährleisten. Das Verhältnis der Älteren zu den Jüngeren gilt dabei als eine der wichtigsten Überlieferungen. Die Burschen aus der Gruppendiskussion, erklären ausführlich, worum es dabei geht: Chris: „Ja, weil die Älteren aufpassen auf die Jüngeren.“ Jacob: „Genau, wenn die was zu uns sagen, dann machten wir das auch.“ Chris: „Die wollen halt nicht, dass wir die selben Fehler machen [...]. Wenn ich z.B. einem viel Jüngeren sage, er soll den Mund halten, weil irgendwas, er irgendwo Scheiße baut, der hält den Mund. Das ist ein Sache von Respekt, weil wenn mir ein Älterer sagt, ich soll den Mund halten, weil ich gerade den vollen Scheiß rede, halt ich ihn auch.“ Marco: „In Auwiesen wissen die Leute halt noch, was Respekt ist, und Höflichkeit. Anderen Vierteln, kannst du nicht vergleichen. [...] In Auwiesen ist das anders, da gibt es Generationen, da gibt es die Älteren, und da müssen die Jüngeren auf die Älteren horchen, und aus den Fehlern lernen, die die machen. Das ist so.“
Eine Mädchen aus demselben Umfeld relativiert allerdings diese Deutung etwas, denn „die Regeln sind da, das ist über die Jahrzehnte entstanden, aber...“, „aber es gibt auch so Aussteiger, die sich an das nicht halten“ (Karina). Es handelt sich also um althergebrachte Regeln, deren Relevanz jedoch im Abnehmen begriffen ist, was das ideale Bild, welches diese Jugendlichen (Typ1) zum Teil von Auwiesen zeichnen, verwässert.
Anschließend kommen wir zu einigen äußerst konkreten Regelungen, die unter den Jugendlichen von Bedeutung sind:
Iris: „das muss ich jetzt noch dazu sagen, wenn man jetzt wirklich, das ist, wenn man sagen kann, ich bin ein Auwiesner, das was man da lernt ist teilen. Du teilst wirklich alles“ Chor: „Ja, alles“
Dem „Teilen“ messen also die Mitgliedern dieser Gruppe (Typ1) eine besondere Bedeutung zu. Eine der Jugendlichen erklärt: „Das ist bei uns ganz normal, das was mir gehört, gehört sozusagen auch ihr, das ist bei uns einfach so“ (Lena). Es ließen sich zahlreiche weitere Belege aufzählen, die diesen Sachverhalt beschreiben. Der allgemeine Tenor lautet: „Bei uns wird alles geteilt, alles“ (Adrian). Zu einer Bestätigung dessen gelangten wir während einiger Besuche in den beiden Jugendzentren vor Ort. Folgende Begebenheit fiel dabei speziell auf: Beobachtungsprotokoll: „zeigte sich die besondere, selbstverständliche Bereitschaft der Jugendlichen ihren Besitz, in dem Falle Zigaretten, zu teilen. Ein junger Auwiesner nahm auf die gestellte Frage nach einer „Tschik“ sein fast volles Päckchen heraus und bot diese bereitwillig an. Er ging solange in der Runde weiter, bis sein Päckchen leer war. Dies ist unter
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den Jugendlichen scheinbar üblich, denn das selbe Spiel wiederholte sich im Laufe des Tages noch mehrere Male.“
Eine Erklärung ist die prekäre soziale und finanzielle Lage, in der sich viele dieser Jugendlichen befinden. Eine der Mädchen spricht diesen Sachverhalt an: Lena: „Weil oft habe ich keinen Groschen Geld, keine Zigaretten, nichts...“ Maria: „...dann habe ich eben die Sachen eingesteckt und zahls ihr, wenn ich nichts eingesteckt habe, hat sie es eingesteckt und zahlt es mir. Das gleicht sich einfach aus bei uns.“
Diese jungen Auwiesnerinnen und Auwiesner helfen sich gegenseitig über die Runden, in dem jeder das gibt was er gerade zur Verfügung hat. Dies ist ein weiterer Grund, warum der Zusammenhalt (Bindung zu Auwiesen) unter diesen Jugendlichen (Typ1) so stark ausgeprägt ist. Wie wichtig dies für diese Jugendlichen ist, zeigt sich bei deren Beurteilungen von anderen jungen Menschen in ihrer Umgebung, die diese Einstellung vom Besitz als Gemeingut nicht teilen: Maria: „sind Bonzenkinder, Oida“ Jasmin: „Genau“
Iris: „Zur Erklärung, Bonzenkinder [...] heißt bei uns einer, der was eben total....“ Maria: „der was viel Geld hat und verwöhnt ist“
Iris: „Voll verwöhnt ist und halt nix teilt, voll die Gierrotz ist und der halt eher von den Eltern so erzogen wird.“
Jugendliche, welche viel Geld zur Verfügung haben und davon nichts abgeben, werden als „Bonzenkinder“ bezeichnet. Zentral bleibt allerdings die Bereitschaft abzugeben, denn einer der Burschen aus deren Freundeskreis „hat wirklich gestopfte Eltern, aber er ist nicht so, der teilt seine ganzen Sachen mit uns“ (Maria). All jene, die nicht bereit sind dies zu befolgen, gehen diesen Jugendlichen „ziemlich am Arsch vorbei, ich denk mir: „du gschupfte Drecksau, kriegst eh alles in den Arsch geschoben, ich möchte dich im weiteren Leben nicht sehen“ (Lena).
Über eine weitere äußerst wichtige Regelung, die für den Zusammenhalt von größter Bedeutung ist, wird von den Burschen ins Spiel gebracht: Daniel: „Er hat gegen eine Regel verstoßen, nämlich Petzen.“ Jacob: „Man verpetzt keine anderen.“ Daniel: „Egal was er getan hat.“ Chris: „Und schon gar nicht in Auwiesen.“
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Jene, die den Zusammenhalt innerhalb dieser Gruppe gefährden, sind Verräter: „Das grenzt an Hochverrat bei uns“ (Jacob). Dazu gibt es einen aktuellen Fall, der in diesem Zusammenhang berichtenswert erscheint. Einer der Jugendlichen beschreibt dies folgendermaßen: „Es ist Scheiße gebaut worden und er [ein anderer Jugendlicher, Anm.] hat einen von uns verpetzt“ (Marco). Die Mädchen aus der Gruppendiskussion (Typ1)erläutern:
Lena: „Er hat einen Riesenfehler gemacht, dass er zwei Leute von uns verraten hat. Dank ihm sitzen die beiden jetzt, der hat einfach den Mund zu weit aufgemacht.“ Maria: „Bei uns steht einfach an erster Stelle, du sollst die Goschn halten, du hast nichts gesehen, gehört, gar nichts.“
Lena: „Einfach, dass man seine Freunde schützt, denk ich mir und einfach, dass man nicht falsch ist, das ist auch ein extrem großer Punkt und dass man immer für einen da ist, wenn man ihn braucht.“
Eine solche Form von Verrat ist eines der schlimmsten Vergehen, das für die Jugendlichen vor Ort vorstellbar ist. Dies betrifft allerdings nicht bloß jene, die wie in diesem Fall der beiden Jugendlichen, die hinter Gittern sitzen, „sondern uns alle“ (Daniel). Dieser Sachverhalt legt nahe, dass unter diesen Jugendlichen delinquentes Verhalten (keine Unbekannt ist) keine Seltenheit ist (tatsächlich kriminell wird nur ein geringer Teil). Dies könnte wiederum als Indiz für die schlechtere Lage, in welcher sich der Großteil dieser Jugendlichen befindet, gewertet werden. In solchen Milieus neigen die Menschen (nicht ausschließlich ein Jugendphänomen) dazu, alternative Wege zu beschreiten, um existenziellen Notlagen zu entkommen. Dass es sich für diese Burschen und Mädchen dabei um ein heikles Thema handelt, ist verständlich; dass sie allgemein nicht gerne darüber sprechen, ist als Selbstschutz zu werten. Und obwohl es sich um ein höchst emotional besetztes Thema handelt, endeten die Gespräche meist ähnlich:
Chris: „Mehr wollen wir eigentlich gar nicht dazu sagen.“
Jacob: „Es gilt einfach gewisse Spielregeln einzuhalten.“
Weitere ungeschriebene Gesetze kennen die Jugendlichen im Bereich delinquenten Verhaltens. Die jungen Burschen, die der HipHop - Jugendkultur (Typ1) angehören, gestatten uns einige Einblicke. Zuerst geht es um das Verhalten im Falle von Schlägereien: Daniel: „Aber eins gegen eins heißt eins gegen eins, auch wenn der umgebracht wird. Ich meine, das ist jetzt übertrieben, aber...das ist Fairness. Ich kann nicht einfach hineinhüpfen und zwei gegen einen.“
Cementary: „Außer eine ist älter, also um einiges älter ist...“ Daniel: „Und kleine Kinder lässt man sowieso in Ruhe.“
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I: „Mädels?“
Marco: „Das ist alles das Gleiche.“
Daniel: „Weiber schlagen ist auch nicht korrekt, außer die Alte wird persönlich.“ Einige Zeilen später geht es diesbezüglich weiter:
Daniel: „Wenn einer am Boden liegt, kann er eh nicht mehr und die Sache hat sich. Außer er schaut noch voll top fit aus. Wenn er blutet und am Boden liegt, dann lässt man den ich Ruhe, egal...“ Chris: „Das ist zu viel.“
Dies liest sich in gewisser Weise wie ein Ehrenkodex, der für die Jugendlichen gilt und auch verbindlich ist. Wer die informellen Verbote und Gebote kennt und sich daran hält, kann im Gegenzug mit dem Schutz des Kollektivs rechnen.
Eine abschließende Gemeinsamkeit, auf die wir an dieser Stelle hinweisen möchten, ist die Sprache, oder besser die Ausdrucksweise, der Jugendlichen, die unter denen herrscht, welche die Öffentlichkeit Auwiesens bevölkern (Typ1, z.T. Typ2). I: „also, Auwiesner haben eine eigene Sprache?“ Chor: „Ja, genau“ Iris: „ja , einen Slang, Oida!“
Die Jugendlichen haben über die Jahre einen eigenen „Slang“ kreiert, der für nicht Eingeweihte eher befremdlich klingt (vgl. Kap. 4.4.5.). Dazu wollen wir nun einige Beispiel anführen:
Iris: „Oida ist bei uns wie ein Anführungszeichen oben. Reden, und dann Anführungszeichen. Oida, z.B. : „Oida Jasmin Oida was ist mit dir heute Oida.“ Maria: „ja, es ist aber so.“
Bianca: Ich heiße nicht mehr Bianca, sondern „Oida Bianca Oida“, oder „Oida Bianca Oida, komm her“ [...]“
Bianca: „und ich denk mir mal, und ich denk mir mal, wenn jetzt einer aus Ebelsberg herkommen täte, der...., der packt das nicht“ Unterstützung kommt von den Burschen:
Daniel: „Des „Oida“ ist das Rufzeichen, und „ich schwör dir“ ist auch so was, oder „traust dich nie“, das ist so was wie ja, tu das jetzt.“
Eine junge Auwiesnerin berichtet von einer weiteren sprachlichen Eigenheit, die wir oft vernahmen, allerdings nicht einordnen konnten:
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Lena: „Wir haben alle herumgeschrieen „bbrrrra, bbrrrra“, die ganze Zeit herumgeschrieen. Ich glaube da erkennt man uns auch von der Weite, „bbrrrra“, wenn wir uns nicht finden schreien wir „bbrrrra““ I: „Was heißt das?“
Lena: „Gar nichts, wenn wir hinauskommen. Man sieht es auch jetzt in den neuen Liedern, so „bbrrrra“, das ist einfach der neue Geck, weiß nicht, ist im Endeffekt auch egal.“ Die jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen sehen dies als Zeichen der Abgrenzung zu anderen Jugendlichen und anderen Quartieren. Für Menschen die der Gruppe nicht zugehören, ist deren Sprachgebrauch (sprachlicher Code) nicht zu entschlüsseln und er ist ein deutliches Zeichen für die Zugehörigkeit zu Auwiesen und dessen Jugendlichen. Einer der jungen Rapper aus diesem Umfeld hat auch dazu einen kleine Zeile parat: Lukas: „Du sagst ich red nicht wie ein Ösi, das ist Auwiesenslang, du hast keine Ahnung, wenn du nicht Auwiesen kennst“.
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7.4. Außenbeziehungen
Während es im vorigen Kapitel darum ging zu klären, wie sich die Beziehungen innerhalb der Jugendlichen gestalten wird nun der Blickwinkel nach „außen“ geschwenkt. Das heißt, es gilt zu klären, wie das Verhältnis der Jugendlichen zu jenen Menschen in Auwiesen aussieht, die das Jugendalter bereits hinter sich gelassen haben. Dies betrifft Eltern, Nachbarn, usw. oder allgemein gesprochen, das Verhältnis zu den erwachsenen Menschen in deren Umgebung. Außerdem sollen die daraus resultierenden Probleme und Konflikte, sowie die Rolle der Polizei thematisiert werden.
7.4.1. Erwachse und Jugend
Zuerst wollen wir allgemein darstellen, wie das Verhältnis der jugendlichen Auwiesner und Auwiesnerinnen zu den Erwachsenen aussieht. Aus der Gruppendiskussion mit den Burschen ergibt sich folgende erste Einschätzung: Marco: „Es gibt überall troubles und stuggles, weißt du.“ Einen wesentlich ernsteren Ton schlagen die Mädchen an: I: „Gehen wir es mit den Erwachsenen an“ Alle: „Oh, oh“ Maria: „Ich hasse sie“
Hier zeigt sich, dass das Thema Erwachsene für die Jugendlichen (vorerst nur Typ 3) ein Reizthema ist, bei dem sie sofort äußerst emotional regieren. Doch die Härte dieser Aussage, dass sie alle „hassen“, wird wenig später relativiert:
Maria: „Aber trotzdem, die Erwachsenen, manche Erwachsenen sind irgendwie ok, aber die regen sich wegen jeder Kleinigkeit auf. Z.B. am Funcourt am Redlerweg, wo wir da Fußballspielen oder sonst irgendetwas tun, regen sie sich auch wegen jedem Scheiß auf.“ Also sind doch nicht alle Erwachsenen verhasst, nur jene, die sich „wegen jedem Scheiß“ aufregen. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der quantitativen Untersuchung, nachdem sich (vgl. Kap. 4.4.5.3.). Worum es sich bei den angesprochenen „Kleinigkeiten“ handelt, lässt sich folgendermaßen beantworten:
Maria: „Die regen sich sogar auf, wenn ma um acht, normalerweise ist um neun Nachtruhe, noch draußen sind Fußball spielen. Oder sogar um sieben regen sie sich schon auf.“ (Typ 1) Albin: „Die regt auf, wenn du vorbeigehst und ein bisschen laut bist, die schreien aus dem Fenster, oder solche Sachen. Da gibt es echt ein paar...“ (Typ 2). Oder zwei andere Jugendliche (Typ 3):
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Eva: „Ja, das stimmt! Wenn ein Fußball gegen eine Mauer fliegt, oder....“ I: „Also das könnt ihr bestätigen?“ Sabine: „Ja, großteils“
Bei den „Kleinigkeiten“ handelt es sich zum Großteil um Lärmbelästigung und oft reicht schon die bloße Anwesenheit der Jugendlichen aus. Diese Tatsache wird von allen Jugendlichen gleichermaßen bewertet, doch wirkliche Probleme dadurch entstehen nur jenen, die den öffentlichen Raum auch nutzen (Typ 1,2).
Rückendeckung bekommen die Jugendlichen von Expertenseite, eine Hausmeisterin6 1 F 62 berichtet aus eigener Erfahrung:
H: „Die Toleranzgrenze von den Leuten, wenn da z.B. die Kinder heraußen sind, das ist ein Wahnsinn. Bei denen darf ich nicht einmal mehr husten. Es ist oft so, dass die beieinander sind und lachen, haben eine Gaudi. Das ist für die schon total schlimm.“
Bevor wir zu einer möglichen Erklärung dieses Konfliktes kommen, geht es darum zu zeigen, welche Erwachsenen für diese Konflikte sorgen. Dazu zuerst die jugendliche Einschätzung: Marian: „Mit denen die zwischen 25 und 45 sind haben wir keine Probleme. Die, die Stress machen sind meistens die ‚Omas’. Die schon älter sind.“
Diejenigen die „Stress machen“, gehören also der älteren Generation an und „hauptsächlich sind es Frauen“ (Chris). Warum es vermehrt alte Frauen betrifft, kann nicht erklärt werden, doch das Alter spielt eine entscheidende Rolle bzgl. der Akzeptanz von Jugendlichen. Dies stützt folgende Aussage eines Experten, eines hiesigen Gärtners: G: „Es ist als ob die mit dem Fernglas dastehen würden und Mieter mit 60, 65 Jahren glauben, sie müssen da Sheriff spielen hier heraußen.“ Warum ihnen das überhaupt ein Anliegen ist, erklärt er folgendermaßen: G: „Jetzt sind praktisch kurz vor der Pension oder schon in Pension, jetzt wollen sie ihre Ruhe haben. Es denkt keiner mehr zurück, wie sein Bub früher war, der ist nicht mehr da.“ Dabei handelt es sich um eine treffende Beschreibung, denn je weiter das eigene Jugendalter in die Ferne rückt, desto kleiner wird das Verständnis für die Eigenheiten des Jugendalters (treffen sich draußen: „Partyraum Redlerweg“, „können nichts dafür, dass sie so viele sind“). Daraus kann abgelesen werden, dass es grundsätzlich darum geht, wie der Bezug der
62 Die verantwortlichen Hausmeister (H) und Gärtner (G) sind von diesen Problemen direkt betroffen, denn sie sind es, die oft als Vermittler agieren müssen. Dabei kommt ihnen eine große Bedeutung zu, durch sie werden Probleme oft auf informellem Weg gelöst (Pfarrer: „Und da habe ich den Eindruck, dass da noch viel vermittelt wird. Diese Hausmeister haben oft ein gutes Gespür für die Leute und die können viel irgendwie im Vorfeld schon lösen.“), ohne beispielsweise auf die Hilfe der Polizei zurückgreifen zu müssen.
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Erwachsenen zu Jugendlichen aussieht. Das erklärt, warum Erwachsene, die engen Kontakt mit den Jugendlichen haben, kaum Probleme im Umgang mit den ihnen haben. So meint eine Hausmeisterin diesbezüglich:
H: „Ich bin da schon oft hingegangen und ich habe kein Problem mit denen. Die natürlich schon. Es gibt sogar Leute, die spritzen mit dem Gartenschlauch hinaus, weil sie sich nichts zu sagen trauen.“
Die Einstellung der Erwachsenen den Jugendlichen gegenüber ist ein entscheidender Faktor für das Bild, das sie von den Jugendlichen entwickeln. Doch es gibt weitere Einflüsse: H: „Und mir ist auch aufgefallen, die Leute, die sich so furchtbar über die Jugendlichen aufregen, die haben entweder keine Kinder, sind krank, oder haben daheim so viele Probleme mit dem Partner, oder so irgendwas, dass sie sich bei den Jugendlichen auslassen. Also das ist mir auch schon aufgefallen, die mit sich selber, oder mit ihrem Leben einfach unzufrieden sind, die boxen das auch dann so richtig hinaus.“
Diese Aussage grenzt den Kreis der erwachsenen Unruhestifter weiter ein. Das Alter und der Bezug zu den jungen Auwiesnern sind also nicht die einzigen Einflussgrößen, die sich auf die Akzeptanz den Jugendlichen gegenüber niederschlagen. Ebenso entscheidend ist die Zufriedenheit mit der eigenen Situation, die eigene Lage der Erwachsenen selbst. Bei Problemen welcher Art immer, seien sie privater oder beruflicher Natur, werden geeignete Personen gesucht, bei denen der eigene Frust abgebaut werden kann. Und wer würde sich besser anbieten als jene Jugendlichen, die sich im öffentlichen Raum Auwiesens aufhalten, denn diese finden sie praktisch vor ihrer Haustür.
So gesehen handelt es sich bloß um einen kleinen Teil der Erwachsenen, die sich ständig über die Jugendlichen in Auwiesen beschweren. Davon kann der Gärtner ein Lied singen: G: „Ich glaube, ich könnte es auf einer Hand abzählen, oder auf zwei, ich glaube, dass es keine zehn Leute sind die sich beschweren, es sind fünf. Aber diese fünf machen einem das Leben schwer. Also es sind immer wieder dieselben.“
(Wenn in weiterer Folge von den Erwachsenen die Rede ist, sind bloß diejenigen gemeint, die ständig Probleme machen.)
Von Seiten dieser wenigen sind die Jugendlichen teilweise wüstesten Beschimpfungen und Verdächtigungen ausgesetzt. Dazu nur ein Beispiel:
Iris: „...das ist letztes Wochenende gewesen, dann ist unser Partyraum unter Anführungszeichen eben, der Redlerweg. Und da feiern wir halt, ja, und die Leute schauen halt dann oft vom Fenster und da ist so ein Kommentar von einer Alten einmal gekommen vor kurzem: „Des san de gaunzn scheiß Hawara mit eanare Huan.“ Hab ich hinauf geschrieen: „Bitte ich
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bin sicher keine Hure und außerdem bin ich 15 und ich darf bis 12 heraußen bleiben und es ist erst halb 11 also regen Sie sich nicht auf!“ Ja, ok, und dann ist z.B. angerufen worden, dann vertuschen sie manche Sachen und sagen: „Ja, da wird gerade wer abgestochen, fahren sie her!“, bla, bla ,bla und „Die tun gerade dealen und Drogen konsumieren!“ Also, die tun wirklich so übertreiben.“
Dies steht laut den Jugendlichen auf der Tagesordnung in Auwiesen. Dies betrifft hauptsächlich jene Gruppen Jugendlicher, die sich im öffentlichen Raum von Auwiesen aufhalten (Typ 1 und 2), die Jugendlichen, die sich kaum in Auwiesen aufhalten (Typ 3), kennen die Probleme zwar, sind aber nicht mit ihnen konfrontiert. Auf die Frage nach ihrem Verhältnis zu den Erwachsenen geben sie folgende Antwort: Sabine: “Relativ gut!”
I: „Relativ gut, weil ihr auch kaum mit diesen Gruppen.......!“ Eva: „Ja, genau, ich glaub das hängt auch damit zusammen. Ich glaub auch, dass die Erwachsenen, diese Gruppen ganz anders...., wie wenn wir jetzt irgendwo gehen, oder so.“
Wie die Reaktionen seitens der Jugendlichen, die betroffen sind (Typ1,2), aussehen, lässt sich wohl erahnen:
Lena: „Ich meine, wenn wir um neun draußen sitzen und dann kommt irgend so eine alte Oma mit dem Stecken daher und meint: „hört auf, das ist...“, dann sag ich: „hey du alte Schachtel, um was geht es denn, putz dich.“
Eine Reaktion (Typ1), die durchaus nachvollziehbar ist, denn ein solches Maß an Respektlosigkeit und Intoleranz schluckt niemand so einfach. Die Hausmeisterin führt unterstützend aus:
H: „Ich meine, wenn zu mir jemand sagt: „He du deppate, schleicht di“, dann werde ich auch sauer und bin nicht mehr die Höflichste.“
Nun ist zu bemerken, dass die Jugendlichen verständlicherweise nicht den feinsten Umgangston anschlagen. Viele der jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen lassen sich diese respektlose Behandlung nicht (mehr) gefallen:
Iris: „Ich mein, ok sicher sind wir auch nicht ohne, sicher motzn wir zurück, was vielleicht unverschämt ist und so, aber ich denk mir mal, wir lassen es uns nicht gleich gefallen, weil viele Erwachsene übertreiben schon wirklich.“
Das größte Problem ist demnach die fehlende oder falsche Kommunikation zwischen den Erwachsenen und den Jugendlichen vor Ort. Die Jugendlichen reagieren häufig mit Trotz und gehen „hin und tun es z’fleiß“ (Hausmeisterin). Dabei handelt es sich um einen Prozess, der bei Jugendlichen allgemein häufig zu beobachten ist, so gesehen stellen die jungen Auwiesner
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und Auwiesnerinnen keine Ausnahme dar. Dies führt zum häufigen Missverständnis, die Jugend-lichen hätten keinen Respekt vor Erwachsenen, oder Älteren allgemein. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, was folgende Aussage verdeutlichen soll: Lena: „Wenn sie ungut werden, motzen wir schon drauf, aber ansonsten behandeln wir die Erwachsenen schon mit Respekt, wie sie eben erwachsen sind. Und es ist auch bei uns so, der Ältere hat einfach mehr zu sagen.“
Der Respekt wird bloß den respektlosen Erwachsenen versagt. Folgende Aussagen belegen, dass es sich bei diesen Streitigkeiten größtenteils um ein Kommunikationsproblem zwischen den beiden Streitparteien handelt:
Iris: „Dann gibt’s wieder andere Erwachsene, die sind voll chillig, die sind voll leiwand drauf. Die kommen her: „He, warum seids denn so laut, könnt ihr bitte ein wenig leiser sein!“ Sagen wir: „Kein Problem!“ Die zuerst wirklich selber mit uns reden. Die anderen. Nein!“ Hier sieht man, Erwachsene, die den Jugendlichen Respekt und Verständnis für ihre Lage entgegenbringen, werden positiv bewertet. Bei solchen Personen reagieren sie durchaus einsichtig und erkennen deren Anliegen an.
Die schon oft zitierte Hausmeisterin bestätigt, die jugendlichen Aussagen: H: „Wenn heute die Jugendlichen ihren Spaß haben und ich gehe hin und sage ganz normal zu ihnen: „Könnt ihr ein bisschen leiser sein, schreit nicht so“, dann ist das sicher kein Problem.“
Sie führt weiter aus, dass es zwar Jugendliche gibt, die „die Einsicht halt nicht so haben“, doch selbst jenen sei mit ein wenig Geduld und Hartnäckigkeit beizukommen und ihr sei noch keine unlösbare Situation untergekommen. Daher kommen Hausmeisterin und Gärtner (wurden gemeinsam befragt) zu einem eindeutigen Resümee: G: „Also ich würde eher den Jugendlichen die Stange halten.“ H: „Ich auch.“
Die beiden identifizieren also diese wenige bestimmte älteren Personen als Auslöser ständiger Reiberein (wenn auch nicht immer). Wie weit diese Menschen bei ihrem Privatkrieg mit den Jugendlichen gehen, ist selbst der Polizei bekannt. Eine Jugendliche beschreibt: Iris: „Manchmal hat die Kiwarei selber schon zu uns gesagt: „Ma, bitte, losst’s as einfoch auglahnt. Die übertreiben schon.“
Diesen wenigen wäre eine (späte) Einsicht zu wünschen, wie sie von dem Gärtner, den wir befragt haben, vertreten wird:
G: „... wenn sie dann einmal draußen sitzen und haben eine Gaudi, um 12 in der Nacht, na ja ist ja nicht unmenschlich. Und vor allem kann man reden mit ihnen.“
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7.4.2. Der Ruf nach Ordnungshütern
Wie im vorigen Kapitel angedeutet, gibt es eine hohe Bereitschaft seitens der Bevölkerung von Auwiesen, selbst bei kleinen Verstößen gegen die Ordnung die Polizei zu rufen. Hier soll zunächst gezeigt werden, wie die Jugendlichen Auwiesner und Auwiesnerinnen die Rolle der Polizei in ihrer Umgebung wahrnehmen. Danach geht es daran, darzustellen mit welcher Art von Vergehen (von Jugendlichen) die Menschen in Auwiesen am häufigsten konfrontiert sind und wie dies die Jugendlichen wiederum sehen. Dadurch kann letztlich abgeschätzt werden, inwieweit es nach wie vor zu Problemen von und mit Jugendlichen kommt und ob das Etikett „Problemviertel“ oder „Problemjugendliche“ (vgl. OÖN 26.5.1994) dahingehend noch zu halten ist.
Ausgehend von der geringen Toleranz einiger erwachsener Auwiesner und Auwiesnerinnen gegenüber den Verhaltensweisen der Jugendlichen, wird die Polizei oft wegen „Kleinigkeiten“ gerufen:
Ellena: „aber es sind auch immer so sinnlose Aktionen dabei“ Iris: „ja, wirklich, weil die Leute, so schnell anrufen“
Die „sinnlosen Aktionen“ sind in diesem Fall auf die Erwachsenen bezogen, während sich die Jugendlichen meist im Recht sehen. Umgekehrt fühlen sich die Anrainer, von denen der Großteil der Anzeigen kommt, von den Jugendlichen gestört und es entstehen häufig Situationen, die nicht mehr ohne Vermittler auflösbar sind. Wie ein solcher Sachverhalt von Seiten der Ordnungshüter erlebt wird, verdeutlicht folgendes Beispiel eines Einsatzes nach einer eingegangenen Beschwerde. Ein Polizist, in dessen Zuständigkeitsbereich Auwiesen liegt, schildert, wie dies häufig abläuft:
Polizei: „...irgendetwas müssen wir machen, aufklärend einwirken. „Gebt Ruh“, bei Lärmbeschwerden, das sagt man zu den Jugendlichen, das verstehen sie dann auch nicht, ihr müsst hier verschwinden, ihr könnt da heraußen nicht die Feier haben, da haben alle das Schlafzimmer heraus. Die sagen dann: „Ja, wir sind eh nicht laut“, dann sagen wir: „Offensichtlich seid ihr aber laut, denn sonst hätten nicht vier angerufen, nicht. Jetzt sind die wieder sauer, weil wir sagen sie sollen weggehen, aber man muss ja irgendetwas machen. Oft klärt man auf und fährt wieder [...], dann müssen wir nach 20 Minuten wiederkommen, weil die wieder anrufen, dann ist dasselbe Theater wieder und dann muss man etwas machen. Das Geringste ist, dass man sie wegstaubt von dort und wenn sie gar nicht folgen wollen, müssen sie auch Strafe zahlen.“
Diese Art von Einsätzen ist für die Exekutivbeamten nicht gerade erfüllend, stehen aber auf der Tagesordnung. Die Polizisten „sitzen hier am Computer und schreiben nur, nehmen
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irgendetwas auf, ich meine das ist ja keine Polizeiarbeit“ (Polizei). Dass dies nicht die spannendsten Elemente der Polizeiarbeit sind, ist nachvollziehbar. Dieser Aussage ist daher eine gewissen Frustration oder Unzufriedenheit zu entnehmen und „manchmal interessiert es die Kiwarei auch nicht mehr“ (Iris). Der Großteil der Anzeigen oder Anrufe der aufgebrachten Mieter, die bei der Polizei eingehen, sind meist „noch gar nicht strafbar, aber uns betrifft es, weil wir dauernd hinfahren müssen“ (Polizei). Dies ist also das Hauptbetätigungsfeld der Polizei im Gebiet Auwiesen.
7.4.3. Abweichendes Verhalten
Es soll hier allerdings nicht der Eindruck vermittelt werden, dass dies die einzige Form von (strafrechtlichen) Vergehen ist, die von Jugendlichen in Auwiesen begangen werden. Ein Jugendbetreuer formuliert „ein paar Spielregeln, an die sich jeder halten muss, die leicht durchschaubar sind: „zerstört nichts, nehmt keine Drogen mit, nehmt keine Waffen mit, schlägert nicht, fladert nichts“ (Jugendzentrum). Diese „Spielregeln“ beschreiben nebenbei, ziemlich treffend, jene Probleme von und mit Jugendlichen, die in Auwiesen anzutreffen sind. Diese wären Vandalismus und Sachbeschädigung, Drogen, Schlägereien und allgemein Gewalt, Diebstahl (vgl. Kap. 4.4.6.). In weiterer Folge wird in diesem Zusammenhang von „ab-weichendem Verhalten“ (bezogen auf das Strafrecht) die Rede sein. Nun geht es daran darzustellen, wie dies von Seiten der Jugendlichen gesehen wird. Dazu zuerst zwei Jugendliche aus der Gruppendiskussion (Typ 1) mit den Burschen: Marco: „Schau, in der Altstadt werden genauso Drogen vertickt, es gibt genau so Schlägereien, es gibt genau so Schlampen.“
Daniel: „Hin und wieder gibt es schon Schlägerein, aber das ist überall, sogar in Urfahr, wo nur Bauernkinder wohnen.“
Diese jungen Auwiesner schwächen also die Problematik ab, indem sie die Vorfälle auf ganz Linz ausdehnen. Bevor wir zu einer möglichen Interpretation kommen, soll noch verglichen werden, wie die Jugendlichen der anderen Typen dazu stehen:
Marian: „Es hat sich gebessert. Es ist schon auch noch wie früher aber humaner. Es ist nicht mehr so arg, dass dir einer gleich eine Flasche übern Schädel zieht. Es gibt Schlägerein, das sind aber Kleinigkeiten“ (Typ 2).
Ein anderer Befragter meint ebenso, dass es vorkommt, aber „in letzter Zeit passiert da nicht mehr so viel“ (Albin). Die Grundaussage ist also, dass es diese Delikte zwar schon gibt, allerdings nicht mehr in der Form wie früher. Damit vertreten sie eine ähnliche Meinung wie die Jugendlichen ersten Typs. Eine konträre Einschätzung kommt von den Jugendlichen, die sich nicht im öffentlichen Raum aufhalten (Typ 3):
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I: „Sieht man das auch, merkt man das?“
Eva: „Man hört es. Da war eine Schlägerei, da war eine Messerstecherei“ Sabine: „... Also es ist schon wahr, was man hört“
Dass es unter den Jugendlichen in Auwiesen auch solche gibt, die mit ihrem Verhalten als „abweichend“ gelten, wird von allen Typen gleichermaßen bestätigt. Die Bewertungen dessen gehen aber auseinander.
Diejenigen, die stark auf den öffentlichen Raum angewiesen sind (Typ 1,2), geben an, dass die Zahl solcher Vergehen stark zurückgegangen seien (im Vergleich zu Anfang bis Mitte 90er), bzw. es nicht (mehr) schlimmer sei als anderorts. Sie sind es letztlich, die mit dieser Problematik konfrontiert sind und damit zurechtkommen müssen.
Die Jugendlichen (Typ 3), die kaum einen Auwiesen- Bezug haben, sehen das nicht so, denn „es ist schon wahr, was man hört“ (Eva). Diese (größte) Gruppe Auwiesner Jugendlicher kann sich bei ihren Aussagen nur auf das stützen, was sie „hören“, nicht was sie tatsächlich erleben und erfahren. Was sie wiedergeben unterscheidet sich kaum davon, was als Negativ- Image, als Ruf also, weit über die Grenzen Auwiesens hinaus offenbar bekannt ist, nämlich „überdurchschnittlich viele Jugendliche Probleme mit Alkohol, anderen Drogen und Gewalt haben“ (OÖN: 26.8.1992). Sie betrachten Auwiesen mit den Augen eines Fremden. So zeigt sich erneut, dass die Raumnutzung und die Einbindung in den Stadtteil Auwiesen entscheidend sind für die Wahrnehmung und Bewertung desselben.
Eine „objektive“ Einschätzung was strafrechtliche Delikte betrifft ist von Seiten der Polizei zu erwarten:
Polizist: „Ja, das ist sicher ein Thema. Nur ist es für uns sehr schwer dahinter zu kommen, wir als Uniformierte. [...] ob wir speziell ein Gefährdungspotential haben, ich glaube nicht.“ I: „Zumindest ist es nicht schlimmer als in anderen Stadtteilen?“
Polizist: „Nein, schlimmer sicher nicht. Für dieses Stadtgebiet ist das normal, man gewöhnt sich an das.“
Also ein Polizist, der ebenso in Auwiesen seine Runden dreht, sieht kein von den Jugendlichen ausgehendes erhöhtes „Gefährdungspotential“ hier, zumindest ist es nicht schlimmer als in anderen Stadtteilen. Er lässt aber gleichzeitig anklingen, dass manches, unsichtbar verborgen vor den Augen der Polizei, abläuft, aber insgesamt verpasst er Auwiesen und seinen Jugendlichen das Siegel „normal“ (was soviel wie „durchschnittlich“ bedeutet und auf ganz Linz- Süd zutrifft).
Vergleichbares kommt von einem Jugendbetreuer, der selbst in Auwiesen aufgewachsen ist und daher vor allem den Vergleich mit früheren Zuständen anstellen kann:
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Jugendzentrum: „Zum Mythos Auwiesen. Damals waren das noch die wilden Hunde, da hat es Raufereien gegeben, da hat es immer eine Fetzerei gegeben, da sind immer Drogen vercheckt worden, das waren wirklich wilde Hunde. Jetzt sehe ich den Mythos irgendwie nicht mehr, überhaupt nicht mehr. So wie vor zehn Jahren ist das nicht mehr.“ Er spricht dabei direkt die Zeit an, in der der Ruf von Auwiesen entstanden ist, sieht ihn allerdings heute nicht mehr gerechtfertigt. Somit decken sich die Experteneinschätzungen mit denen der Jugendlichen, die Auwiesen (Typ 1,2) nutzen und über die Vorgänge in ihrem Stadtteil bescheid wissen.
Es soll allerdings nicht der Eindruck entstehen, Auwiesen sei eine Insel der Glückseligen, was die jugendlichen Auwiesner und Auwiesnerinnen betrifft. Dass dies nicht der Fall ist, konnten wir in den Gesprächen mit den Mitarbeitern der Jugendzentren erfahren. Sie sind häufig Ansprech-partner für die Jugendlichen, die sich in Schwierigkeiten gebracht haben und bekommen daher einen guten Einblick:
Jugendzentrum: „Wir habe Jugendliche, die schon mal kriminell waren, die eine Vorstrafe haben und die nicht nur eine Vorstrafe haben. Die immer wieder bei der Kripo sitzen, wo die auch schon immer die Augen verdrehen.“ Oder von anderer Stelle:
Streetworkerin: „Ja, abgesehen von den jüngeren Mädchen, die 13 - 14 jährigen Mädchen, die in die Pflichtschule gehen, da ist das eher nicht. Aber bei allen anderen, die ein bisschen älter sind, hat es sicher dort und da schon einmal einen Kontakt gegeben in irgendeiner Weise.“
Dies betrifft hauptsächlich jene Jugendlichen, die sich im Umfeld der Jugendzentren aufhalten und verstärkt den öffentlichen Raum in Auwiesen nutzen (Typ 1,2). Es ist zu betonen, dass es sich um einige weinige handelt, die in kriminelle Handlungen verstrickt sind. „Es gibt aber auch schwarze Schafe“(Marian), wie überall anders auch.
Es kann davon ausgegangen werden, dass die Zahl krimineller Jugendlicher zurückgegangen ist (im Vergleich zu Mitte/Anfang 90er) und dass kriminelles Verhalten von der Mehrheit der Jugendlichen negativ bewertet wird:
Albin: „Jetzt ist es eigentlich ruhig geworden, die Leute haben ein Gehirn bekommen.“ I: „Und es kommt da kein junge Generation nach, die wieder...?“
Albin: „Doch da gibt es schon welche, aber die werden sicher auch bald checken, das bringt nichts, wenn du mit 15 oder 16 im Gefängnis sitzt, so wie es jetzt gerade ein paar erwischt hat, das ist... Ich finde das nicht cool, ich weiß nicht, was die anderen, das ist einfach armselig.“
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Dazu eine unterstützende Aussage von Expertenseite:
Polizei: „... wie gesagt, im Moment kann man sich wenig beschweren, es ist relativ ruhig, was Strafrechtsdelikte betrifft.“
Die für uns entscheidende Frage ist, aus welchem Grund es zum Rückgang von Straftaten von Seiten der Auwiesner Jugendlichen kommt. Eine mögliche Erklärung dessen wäre, dass die Jugendlichen aus den Fehlern der Älteren, ihrer Vorgänger, gelernt haben, denn „die Leute, die das gemacht haben sitzen im Gefängnis“ (Albin). Die Aussicht auf Gefängnis wirkt letztlich für die meisten abschreckend. Eine endgültige Antwort können wir dazu nicht liefern.
Dass es immer wieder jugendliche Gesetzesbrecher in Auwiesen gibt, ist ausreichend dargestellt. In diese Gruppe devianter Jugendlicher bekamen wir keinen näheren Einblick, somit ist über jene nur eine beschränkte Aussage möglich. Außerdem gaben die Jugendlichen diesbezüglich kaum nähere Auskünfte, da es sich um ein heikles Thema handelt und anscheinend das Vertrauen zu uns nicht groß genug war: „Mehr wollen wir eigentlich gar nicht dazu sagen“. Dem schließen wir uns an.
7.4.4. Begegnungen mit der Polizei
In diesem Abschnitt soll dargestellt werden, wie die Einsätze der Polizei von den Jugendlichen in Auwiesen wahrgenommen und bewertet werden. Wie schon mehrmals erwähnt, sehen sich die Beamten der Exekutive überdurchschnittlich oft dazu veranlasst in Auwiesen für Recht und Ordnung zu sorgen. Dies geschieht in der Regel „durch Anrufe und Anzeigen“ (Polizist) aus der Bevölkerung. Die Jugendlichen wissen davon ein Lied zu singen (Typ 1):
Iris: „Ich glaub die Polizei kennt den Weg nach Auwiesen schon blind mit dem Auto und die ist wirklich oft da. Und dann heißt’s immer wieder: „Was ist denn schon wieder los in Auwiesen?“
Demnach ist also die Polizei „wirklich oft“ in Auwiesen, wahrscheinlich zu oft für den Geschmack der Beamten. Ein anderer Jugendlicher mit einer ähnlichen Sichtweise (Typ 2): Marian: „Schon. Gestern war zum Beispiel etwas. Wir haben nichts getan. Wir haben ein paar Leute getroffen. Die Polizei ist vorbeigefahren, ein Zivilkiwara ist auch mitgefahren. Dann sind sie gleich stehen geblieben. Nach dem Ausweis gefragt. Viele haben keinen mitgehabt, da haben sie die gleich aufgeschrieben. Denen ist fad, haben nichts anderes zu tun.“
Hierbei handelt es sich um Jugendliche, die sich im öffentlichen Raum aufhalten (Typ1,2) und daher in das Einsatzgebiet der Exekutive anzutreffen sind. Wie bereits an anderer Stelle
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dargestellt, beziehen sich der Großteil der Anzeigen, die bei der Polizei eingehen, auf Konflikte von Anrainern mit Jugendlichen. Somit sind die Jugendlichen selbst häufig der Anlass für die polizeilichen Einsätze, was den Jugendlichen (zumindest teilweise) den Unmut der Beamten eingebracht hat. Aus diesem Grund reagieren möglicherweise einige Polizisten über, wenn ihnen eine Gruppe solcher Jugendlicher unterkommt, auch wenn diese gar nichts Unrechtes getan haben. So kann auch die jugendliche Einschätzung nachvollzogen werden, dass den Polizisten „fad“ sei und sie nichts „nicht anderes“ zu tun hätten. Ein weiterer Grund für die Wahrnehmung der Jugendlichen, dass sie einer Art polizeilichen Willkür ausgeliefert sind ist der Ruf, der immer noch auf den Schultern der heutigen Jugendlichen lastet (wenn auch andere dafür verantwortlich sind). Eine Jugendliche berichtet aus eigener Erfahrung (Typ 1):
Lena: „wenn man z.B. auf der Polizei ist und eine Aussage oder eine Niederschrift machen muss, schauen sie dich mal so an, dann sagen sie: „Auwiesen, oder?“. Dann kannst du nichts anderes sagen als „ja“, dann sagen sie: „Na typisch“; Das ist eine Meldung, die hörst du da fast immer. Sie fragen dich zuerst ob du von Auwiesen bist.“ Ein anderer Jugendlicher beschreibt die Lage konkreter (Typ 2): I: „Glaubst du dass diese Zeit, um 1995 und der ganze Ruf noch mitschwingt?“ Marian: „Da bin ich mir sicher. Die [Polizei, Anm.] haben das noch im Hinterkopf und sind jetzt vorsichtig. Für uns ist das natürlich ungut. Daran musst du dich gewöhnen.“ Wie man sieht haben es die jugendlichen Auwiesner und Auwiesnerinnen noch mit den Nachwirkungen des schlechten Rufes ihrer Vorgänger zu tun, was deren Ruf betrifft. Es besteht offensichtlich eine gewisse (negative) Erwartungshaltung seitens der Polizei gegenüber den Jugendlichen gegeben. So bezeichnete beispielsweise die Kripo eines der dortigen Jugendzentren als „Brutstätte der Kriminalität“ (Jugendzentrum). Die Jugendlichen stehen sozusagen unter Generalverdacht, von dem nur schwer loszukommen ist. „Daran musst du dich gewöhnen“.
Eine völlig andere Sicht der Dinge liefern diejenigen Jugendlichen, welche mit Auwiesen wenig bis gar nichts zu tun haben, außer dass sie dort wohnen (Typ 3). Auf die Frage nach Kontakten mit der Polizei, antworteten die Jugendlichen folgendermaßen: Eva: „Nein, aber man sieht’s vorbeifahren.“ Sabine: „Polizei hab ich schon einmal angerufen auch.“
Bei ihnen gibt es keinen Kontakt mit der Polizei in der Form, wie ihn die zuerst angesprochenen Jugendlichen (oft unfreiwillig) haben. Daraus kann zwar nicht abgeleitet werden, dass keiner dieser Jugendlichen im Konflikt mit dem Gesetz steht, es wird sich
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allerdings um einen geringen Anteil handeln (wie bereits mehrfach erwähnt können wir über diese Jugendlichen am wenigsten aussagen).
Eine weitere Unterscheidung gibt es bei der Bewertung der Polizeipräsenz im Stadtteil Auwiesen. Dabei äußern sie folgenden Wunsch:
Sabine: „Und, was ich mir wünschen täte, wär mehr Polizei am Wochenende.“ Eva: „Ja, genau“
Während die einen (Typ 1,2) angeben, sich belästigt zu fühlen von der Polizei, wollen diese Jugendlichen mehr Polizei in den Straßen sehen (deren Wahrnehmung ist in diesem Punkt völlig entgegengesetzt). Warum sie das gerne hätten, wird in ihren weiteren Aussagen klarer: Eva: „Dass sie sich auch ein bisschen einen Ruf machen, die Polizisten. Dass dann die Jugendlichen irgendwie wissen, Polizei macht Streife, dass sie sich nicht so aufführen.“ Es geht diesen Jugendlichen (Typ 3) um diejenigen, die den Stadtteil aktiv nutzen (Typ 1,2), diese sollen sich „nicht so aufführen“. Von ihnen werden diese Jugendlichen als Bedrohung wahrgenommen, denn diese seien es, von denen Schlägereien, Vandalismus und dergleichen ausgehen. Wie allerdings weiter oben dargestellt, liegen die Jugendlichen (der Großteil zumindest) was solche Delikte angeht nicht weit außerhalb der Norm und es hat sich Vieles geändert in den letzten 10 Jahren, was Jugendkriminalität betrifft. Diese Einsicht scheint diesen Jugendlichen (Typ 3) verwehrt geblieben zu sein.
Neben der Forderung nach Erhöhung der Polizeipräsenz geht eine der Jugendlichen noch weiter und fordert, „dass sie [Polizei, Anm.] härter durchgreifen sollten“ (Sabine). Es stellt sich die Frage, warum und wogegen (Strafdelikte) die Polizei nun härter durchgreifen sollte, denn die Jugendlichen (Typ 3) haben mit den anderen Jugendlichen nichts zu tun und wissen nichts über diese. Eine Idee davon vermittelt folgende Aussage: Sabine: „Wir haben die Jugendgruppen mit den kleinen HipHop- Gangstern und es ist wirklich nicht lustig am Abend irgendwie heimgehn oder rausgehen“
Hier zeigt sich, dass die Jugendlichen, die Auwiesen nicht nutzen, letztlich die Anwesenheit der stadtteilnutzenden Jugendlichen stört. Manchmal werden sie auch „blöd angeredet“ (Eva), doch dass stellt noch keinen strafrechtlichen Tatbestand dar. Die schon mehrfach zitierte Hausmeisterin kennt die Sorgen solcher Menschen (unter ihnen nicht nur Jugendliche), dazu der folgende Interviewausschnitt:
H: „Da steht ein Gruppe Jugendlicher beisammen, haben einen Spaß, dann schreien sie einmal jemanden etwas nach. Das streite ich gar nicht ab, ist auch ganz normal. Und dann kommt es aber sehr wohl darauf an wie die Personen reagieren. Manche sehen sich da schon furchtbar angegriffen und sagen da kann man nicht vorbeigehen, da muss man sich fürchten. Dem ist gar nicht so. Weil mache ich kehrt und sage: „Was hast du da gesagt, was war
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das?“, dann kann es schon sein, dass einen einer anpöbelt, der andere denkt sich aha was war denn das jetzt. Und ich sage dann schon drauf: „Ihr habt mir da nachgeschrieen, ich möchte schon wissen was. Ich habe euch nichts getan, ich weiß nicht, habt ihr was, oder?“. Dann kann ich aus meiner Erfahrung sagen, dass man mit ihnen sehr gut auskommt.“ Das Problem dieser Jugendlichen (Typ 3), ist Angst vor dem Unbekannten, in diesem Fall vor den Jugendlichen, welche die Straße bevölkern. Von außen betrachtet wirken diese Gruppen Jugendlicher vielleicht zum Fürchten (laut, gewalttätige Sprache, viele Ausländer, usw.), doch bei näherer Betrachtung erkennt man, dass dem gar nicht so ist. Dies bestätigen ebenso unsere Erfahrungen bei der Feldarbeit.
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7.5. Ethnie und Migration
Wie bereits in unserem „Expose“ angedeutet, stellt das Thema „Migration“ einen zentralen Aspekt unserer Arbeit dar. Dazu kurz allgemein: der gesamte Linzer Süden ist gekennzeichnet durch einen relativ hohen Anteil an Jugendlichen ausländischer Herkunft, was ebenso für Auwiesen gilt (quant., vgl. Urfahr).
In diesem Kapitel soll dargestellt werden, wie das Zusammenleben der Jugendlichen in einem ethnisch durchmischten Gebiet wie Auwiesen vonstatten geht. Es werden dabei beide Seiten zu Wort kommen, sowohl österreichische Jugendliche, als auch Jugendliche ausländischer Herkunft. Dass es sich dabei um ein konfliktträchtiges Thema handelt ist im Vorhinein zu erahnen, doch es geht uns ebenso darum, auf die positiven Aspekte eines multikulturellen Zusammenlebens hinzuweisen und diese darzustellen.
7.5.1. Nationalitäten
Noch bevor wir zum oben Angekündigten kommen, ist es nötig allgemein darzustellen, wie die Bevölkerungsverteilung der Jugendlichen bzgl. der verschiednen Nationalitäten aussieht. Davon ausgehend, können dann weitere Aussagen erfolgen (genaue zahlen dazu: quant. C/B). Einen ersten Eindruck von der Vielfalt Jugendlichen unterschiedlichster Nationen, erhält man durch die Aussagen einer Lehrerin der dortigen Hauptschule, der HS10: Lehrerin: „Wir haben 33 verschieden Sprachen.“ Oder von Seiten der Jugendlichen (Typ 1):
Maria: „Ja, ich wollte gerade sagen, wir in Auwiesen sind international.“ Iris: „20 Nationalitäten in diesem Club [Jugendzentrum, Anm.] alleine!“ Was die Herkunftsländer diese Jugendlichen (oder deren Eltern) betrifft, darüber gibt eine Streetworkerin aus diesem Bereich Auskunft:
Streetworkerin: „…Ex- Jugoslawien, Albanien, Kosovo, Bosnien, das Gebiet, das ist eine große Gruppe. Die anderen sind einzeln.“
Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass viele dieser Jugendlichen bereits in 2. Generation in Österreich beheimatet sind, denn „viele deren Eltern als Gastarbeiter hergekommen sind und viele sind auch als Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten da“ (Jugendzentrum). Neben den angesprochenen Nationen, sind aber auch Menschen aus dem asiatischen Raum, sowie afrikanischer Herkunft vertreten, wenn auch eher „einzeln“.
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7.5.2. Migranten und Einheimische
Aus der quantitativen Untersuchung ging hervor, dass der Anteil an jugendlichen Migranten und Migrantinnen in Auwiesen zwischen 12 und 19 Jahren bei etwa 14% liegt (vgl. quant. Teil, nicht bloß Staatsbürgerschaft ausschlaggebend). Ein Wert, der verglichen mit dem Linzer Norden hoch, für den Linzer Süden allerdings im Durchschnitt liegt (sogar ein wenig darunter). Die Lage in Auwiesen, ist vergleichbar mit jener im Frankviertel, in Kleinmünchen oder Ebelsberg usw. Doch warum wird die Präsenz der Bewohner ausländischer Herkunft (nicht bloß Jugendliche) speziell in Auwiesen häufig problematisiert: Schmidsberger: „Man kann sich das auf die schnelle statistische nur Anschauen, sind das Inländer oder Ausländer. […] anhand dieses Kriteriums wissen wir das Auwiesen nicht überproportional viele Ausländer hat gegenüber andern Stadtteilen, dass es aber von den Bewohnern als großes Problem geäußert wird.“
Den Eindruck, dass dies der Fall ist, bekamen wir durch die quantitative Befragung mittels der Fragebögen, speziell beim Beantworten der offenen Fragen. Zahlreiche österreichische Jugendliche (Typ 3) bemerkten, es befänden sich zu viele Migranten und Migrantinnen in Auwiesen. Einer der Jugendlichen fordert gar: „Ausländer raus“ (offene Fragen, Fragebogen). Es gibt eine Reihe möglicher Erklärungen, weshalb der Anteil an Jugendlichen ausländischer Herkunft verhältnismäßig nicht größer ist als in umliegenden Stadtteilen, dieser aber als ein ungleich größeres Problem wahrgenommen wird. Eine leitende Mitarbeiterin der GWG betont diese heikle Problematik:
GWG: „Wo wir sicher aufpassen müssen bei der Belegung ist der Ausländeranteil. Wobei viele dort wohnen, die die österreichische Staatsbürgerschaft schon haben aber von den Bewohner nach wie vor als Ausländer gesehen werden. Da müssen wir auch sensibel vorgehen, dass die Leute nicht glauben es wohnen massiv viele Ausländer dort.“ Herr und Frau Österreicher dürfen also nicht „glauben“, dass dort „massiv viele“ Menschen, speziell Jugendliche, ausländischer Herkunft wohnen. Im Falle Auwiesens ist dies nicht gelungen. Ein erster Erklärungsversuch, warum die Wahrnehmung so schief liegt, lautet dahingehend:
Schmidsberger: „Das heißt, dass kann jetzt sein, dass die Leute schon in 2. Generation da sind, halt anders ausschauen und man glaubt der ist jetzt Ausländer und weil es natürliche gravierende Verhaltensunterschiede gibt.“
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Der Besitz der österreichische Staatsbürgerschaft ist demnach nicht gleichzusetzen mit dem Status eines Einheimischen6 2 F 63 . Viele Jugendliche, die nach formalen Kriterien Österreicher und Österreicherinnen sind, unterscheiden sich von den einheimischen Jugendlichen z.T. deutlich durch ihr Aussehen (2. Generation) und werden von den einheimischen Jugendlichen nach wie vor „ausländisch“ wahrgenommen.. An das „einheimische Aussehen“ sind in der Regel „alteingesessene Verhaltensweisen“ geknüpft:
Polizei: „Dann, Hauptgrund ist sicher die andere Lebenswiese von den Zugezogenen, ohne das jetzt irgendwie abwertend meine. Das wissen wir…“
Unterschiedliche „Lebensweisen“ bedeuten unterschiedliche, kulturell bedingte Verhaltensmuster.
Ein erster, augenfälliger Unterschied besteht in der Nutzung der öffentlichen Räume durch die jungen Migranten und Migrantinnen6 3 F 64 (dieses Phänomen bezieht sich nicht ausschließlich auf Jugendliche). Doch um wieder zu unseren Jugendlichen zu kommen: Pfarrer: „Ich höre schon, dass der öffentliche Raum eher von ausländischen Jugendlichen genutzt wird.“
I: „Reiben die österreichische Kultur und die ausländische Kultur, gibt es da Probleme,...?“ Pfarrer: „ Glaube ich nicht. Da hört man eher so: „Da haben wir nichts zu suchen, weil das ist eher in der Hand von ausländischen Cliquen.“ Und von jugendlicher Seite:
Lena: „Was ich auch viel sagen muss, ich weiß nicht, so reine Österreicher haben wir fast keine, wir sind irgendwie alles Ausländer, wenn du so denkst.“ Bezüglich der Nutzung des öffentlichen Raumes sind die Jugendlichen ausländischer Herkunft klar im Vorteil. Diese Einschätzung können wir nach diverse Aufenthalte in Auwiesen teilen, denn im öffentlichen Raum sind fast ausschließlich Migranten oder Migrantinnen, meist in größeren Gruppen anzutreffen. Im Gegensatz dazu hat die zahlenmäßig weitaus überlegene Gruppe der einheimischen Auwiesner dort anscheinend „nichts zu suchen“. Ein Jugendbetreuer kennt die Situation und führt dazu aus:
63 Der Begriff „autochthon“ wird in diesem Zusammenhang häufig verwendet. Er bedeutet soviel wie „bodenständig“, „eingeboren“ oder „alteingesessen“. Wir wählen allerdings die Bezeichnung „einheimisch“ in diesem Zu-sammenhang.
64 In diesen Bereich fallen einerseits jene Jugendlichen ausländischer Herkunft, welche die österreichische Staats-bürgerschaft besitzen (2. Generation), jedoch nach wie vor als Migranten wahrgenommen werden (Aussehen, Verhalten usw.). Andererseits fallen auch jene in diese Gruppe, welche die Österreichische Staatszugehörigkeit nicht besitzen und daher ebenso als Migranten zu bezeichnen sind. Diese Unterscheidung verschwimmt bei Betrachtung des öffentlichen Raumes und sie werden vielfach bloß als „Ausländer“ wahrgenommen.
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Jugendzentrum: „Die meiden diese Ausländer- Ballungszentren, wenn du das so nennen willst. Sie wollen die Musik nicht, Hip Hop, außerdem hat es viele Probleme gegeben, daher stecken sie zurück und gehen nicht hin.“
Hier bestätigt sich die von uns vorgenommene Trennung der Auwiesner Jugendlichen in 3 Typen. Die „ausländischen Cliquen“ (Pfarrer) rekrutieren sich aus Typ 1 und 2, diejenigen, die dort „nichts zu suchen“ haben, gehören Typ 3 an.
Dazu die Aussagen einer Jugendlichen, die dieser (diesbezüglich) unterlegenen Gruppe angehört (Typ 3), es ging dabei um den Ruf von Auwiesen und was diesen besonders prägt: Eva: „Auch weil sehr viel Ausländer da sind,....“
I: „und wisst ihr woher dieser..., aus welchem Grund genau? Ich mein Ausländer allein ist kein Grund dass der Ruf schlecht ist!“
Eva: „Teilweise sind richtige Gruppen von Ausländern und da hat mich jemand blöd angeredet,...“
Einige Absätze weiter:
Eva: „Ja, also ich glaub eher, dass die Österreicher teilweise eingeschüchtert sind von den Ausländern, weil die machen sich schon einen gescheiten Ruf.“
Die einheimischen Jugendlichen sind also durch die Dominanz und Präsenz der Migrantinnen und Migranten „eingeschüchtert“. Somit könnte dieser Sachverhalt dahingehend interpretiert werden, dass die österreichischen Jugendlichen in gewisser Weise von ihrem Boden verdrängt wurden und sie sich daher gezwungen sehen, Auwiesen zu verlassen. Das könnte das negative Image erklären, mit dem die Jugendlichen ausländischer Herkunft versehen wurden. Hier ist anzumerken, dass sich die Gruppen, welche die öffentlichen Plätze besetzen nicht ausschließlich aus Migranten und Migrantinnen zusammensetzen, doch der Anteil an einheimischen Jugend-lichen verschwindend gering ist (es gibt auch Einheimische, die Typ 1 oder 2 zuzurechnen sind).
Einen weiteren Hinweis in die Richtung Platzverweis erhalten wir bei der geschichtlichen Betrachtung der Belegung der Jugendzentren. Diese hat sich im Laufe der Jahre seit dem Bestehen folgendermaßen verändert:
Jugendzentrum: „…, dass die ersten 2 Jahre […] war eher noch eine heftige Österreicher-Partie da war und dann ist aber eben eine heftige Ausländer-Partie nachgekommen.“ Der Wechsel erfolgte demnach vor etwa 10 Jahren und die Dominanz der Jugendlichen ausländischer Herkunft ist bis heute ungebrochen. Die „Verdrängung“ hat demnach schon vor längerer Zeit stattgefunden, wurde von den nachkommenden österreichischen Jugendlichen weitergetragen und verinnerlicht und wird seither nicht mehr in Frage gestellt. Aufgrund des
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vorliegenden Materials ist nicht restlos zu klären, inwieweit die einheimischen Jugendlichen durch die Anwesenheit der jungen Migranten und Migrantinnen an der Nutzung ihres Stadtteils gehindert werden. Es ist nämlich unklar, ob die jungen Einheimischen dies überhaupt anstreben. Ein Jugendlicher ausländischer Herkunft (Typ 1) deutet die Sachlage folgendermaßen:
Marco: „Ein Grund warum die Leute so schlecht über Auwiesen reden ist, weil die Faschisten Rassisten, oder sonst irgend etwas die ganze Zeit über Auwiesen lästern und sagen: „scheiß Gesindel, scheiß Tschutschen, scheiß Kanaken“, alles drum und dran. Darum kommen auch keine Leute da her, weil die meisten haben Vorurteile gegenüber Ausländern. Aber wenn einmal ein Österreicher zu uns her kommt und normal mit uns redet, wird er
merken, dass wir genauso die gleichen Homies6 4 F 65 sind wie alle anderen auch. Manche Leute wollen es nicht sehen, die machen die Augen nicht auf.“ Oder von einem Mädchen aus dem selben Umfeld (Typ 1):
Jasmin: „Also, ich schätze einmal, dass sind einfach die Leute, die es nicht interessiert mit Ausländern herumzurennen, weil sie von ihren Eltern so erzogen worden sind.“ Die einheimische Jugend in Auwiesen ist demnach mit „Vorurteilen gegenüber Ausländern“ behaftet, welche sie daran hindert auf diese Jugendlichen zuzugehen, um zu erkennen, dass diese Vorurteile unbegründet sind. Dass sie nicht der Realität entsprechen, zeigte sich uns in zahlreichen Gesprächen und bei Beobachtungen der Jugendlichen (Typ1, 2), beispielsweise in den Jugendzentren. Unsere Einschätzung verläuft dahingehend, dass die jungen Migranten und Migrantinnen, abgesehen von einer harten Fassade, die einige Jugendliche nach außen zeigen, kaum etwas von den Einheimischen unterscheidet.
Was uns zuerst stutzig machte, ist der Umgang der Jugendlichen untereinander, miteinander. Die Art, wie die Jugendlichen miteinander sprechen, zeigt folgender Ausschnitt aus einer Beobachtung eines Tischtennisspiels zwischen zwei Jugendlichen (einer davon asiatischer, der andere jugoslawischer Herkunft):
Beobachtungsprotokoll: „Während des Spiels wurde plötzlich der Spielstand diskutiert. „7:3 für mich“, behauptete einer. Er stellte sich als großer Sieger und als der grundsätzlich Beste dar. Der im Spiel beteiligte Asiate korrigierte zurecht den offensichtlich falschen Spielstand. Ein jugner Zuschauer griff ebenfalls in die Diskussion ein, beschimpfte ihn und meinte, dass
65 „Homie“ ist ein Ausdruck aus dem Hip Hop- Umfeld und bedeutet soviel wie Kumpels, Nachbarn, im weitesten Sinn Freunde um ein bestimmtes „home“.
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dieser„abreißen soll“. Die Sprache und der Tonfall wurden zunehmend rauher, die Diskussion zunehmend lauter und, wie uns schien, ernster. Die anfangs ausgelassene Stimmung drohte zu kippen. Der Jugendliche griff sich in den Schritt und sagte zu dem Zuschauer: „Weißt eh was du mich kannst“. Dann blickte er wieder zum Asiaten und meinte: „Du scheiß Chinese“. Dies schien für uns der Beginn einer Eskalation zu sein. Es kam jedoch ganz anders. Alle begannen zu lachen, sie hörten auf zu spielen und die Diskussion war beendet.“
Nach näherer Betrachtung fällt also auf, dass es sich dabei um einen eigenen sprachlichen Code handelt: „Wenn wir das so schreien, „scheiß Jugos“ oder so, dann meinen wir das aus Gaudi“ (Adrian), oder: „Das ist auf die Art wie Verarschen, die Leute die so denken“ (Daniel). Für diejenigen, die dies allerdings nicht erkennen wirken die Jugendlichen und deren Sprache gewalttätig und aggressiv (vgl. Kap. 2.4.5.1.). Für viele Jugendliche (und Erwachsene), die keinen Kontakt mit ihnen haben ist dies auch der Fall und daher werden sie und die Plätze an denen sie sich aufhalten gemieden. Damit erhalten wir wiederum einen Beleg dafür, dass die existierenden Vorurteile nur auf Grund des fehlenden Kontaktes entstehen und am Leben bleiben. Aus diesem Grund meint eine Jugendliche (Typ 3), dass viele Jugendliche „irgendwo anders hinfahren, weil sie sich Auwiesen selber nicht antun wollen“ (Sabine).
7.5.3. „Wo sind die Österreicher?“
Nachdem gezeigt wurde, dass sich die österreichischen Jugendlichen in gewisser Weise von ihrem Grund (öffentlicher Raum) verdrängt worden sind, ist die konsequente, darauf folgende Frage, wo sich die jugendlichen Österreicher und Österreicherinnen nun aufhalten. Die Beantwortung dieser Frage gestaltete sich als äußerst schwierig, zwei Jugendliche (Typ 1, 2) erklärt wieso:
Chris: „Es ist so, dass ich die 80% Österreicher nicht sehe, oder sie schauen wirklich so ausländisch aus. Oder, dass sie schon so reden.“
Marian: „Ich hab ehrlich gesagt auch keine Ahnung, weil ich auch fast nur Ausländer sehe.“ Die gestellte Frage ist nicht restlos zu klären, da, wie schon oft betont, diese Jugendlichen (Typ3) sowohl für die dominanten Jugendlichen (Typ1,2) als auch für uns „unsichtbar“ sind. Wir beginnen mit einem Erklärungsversuch von Expertenseite:
Jugendzentrum: „Und alle Österreicher die da sind, die sind irgendwo beschäftigt, die haben, unter Anführungszeichen, ein funktionierendes Elternhaus, ein funktionierendes Sportleben. Der ist irgendwo in einem Verein eingeteilt, den interessiert es überhaupt nicht, dass er sich
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mit solchen Leuten streitet, die für seine Verhältnisse eh nichts in der Birne haben. Der geht vielleicht in eine HTL, der kommt am Abend heim, macht seine Arbeit und legt sich nieder." Die Jugendlichen österreichischer Herkunft stehen also in festen Bindungen, sprich Schule, Beruf, Sportverein usw. Diese Jugendlichen sind sozusagen nicht auf Auwiesen (den Raum und die dortigen Jugendlichen) angewiesen und halten sich daher nicht dort auf, die „interessiert es überhaupt nicht“. Dies widerspricht der These von der Vertreibung der österreichischen Jugendlichen, denn demnach zu schließen ist es ihnen egal, was in ihrem Stadtteil passiert, da sie nicht auf ihn angewiesen sind.
Was diese Jugendlichen nun konkret machen, wo sie ihre Zeit verbringen liegt nicht im Zentrum unseres Interesses und konnte nur andeutungsweise beantwortet werden. So verbergen sich die jungen Österreicher und Österreicherinnen entweder an Orten in Auwiesen, die unserem Einblick verwährt bleiben, oder sie bewegen sich außerhalb des Stadtteils, was unsere Kompetenzen ebenfalls überschreitet (Thema sind die Jugendlichen in Auwiesen).
7.5.4. Die gemeinsame soziale Lage
Nachdem, so gut als möglich, die Lage der Jugendlichen Österreicher und Österreicherinnen beleuchtet wurde, gehen wir nun über zu den Jugendlichen ausländischer Herkunft. Deren Beschreibung fällt wesentlich leichter, da diese in Auwiesen anzutreffen sind und wir auf eine größere Datenmenge zurückgreifen können. Noch einmal allgemein:
Lena: „… ich weiß nicht, so reine Österreicher haben wir fast keine, wir sind irgendwie alles Ausländer, wenn du so denkst.“
Iris: „…weil da mehr Ausländer sind als wie Österreicher. Ich glaub bei unserer Partie sind wir vielleicht 7 Österreicher und sonst der Rest 20 Ausländer.“
Die Migranten und Migrantinnen bleiben, genauso wie die inländischen Jugendlichen, bis auf wenige Ausnahmen untereinander. Es gilt herauszufinden, was die Migranten und Migrantinnen verbindet und deren Zusammenhalt bedingt (es geht hier hauptsächlich um Jugendliche aus Typ1, bei denen das Quartier (notwendigerweise) einen Teil ihrer Identität darstellt). Ein Erklärungs-versuch verläuft über die soziale Lage, in der sich diese Jugendlichen mehrheitlich befinden. Ein Jugendbetreuer führt dazu aus: Jugendzentrum: „Ich glaube aber dass das die am schlechtesten gestellte Gruppe ist, die das auch nötig haben, dass sie Platz haben, ein Wohnzimmer. Das sind einfach die sozialen Verhältnisse.“
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Dem ist zu entnehmen, dass diese Jugendlichen aus Familien entstammen, die der unteren sozialen Schicht zuzurechnen sind, „davon 90% Ausländer“ (Jugendzentrum) (vgl. Kap. 4.1.). Ein weiterer Hinweis dahingehend kommt von einem hiesigen Gärtner, der aus Erfahrung bzgl. ausländischer Familien spricht und meint: „Ja, ich sage untere soziale Schicht“ (Gärtner); Man könnte also sagen, dass diejenigen, die Auwiesen als zweites „Wohnzimmer“ benutzen, auch darauf angewiesen sind (Jugendliche aus Typ 2 fallen hier zum Großteil heraus, obwohl viele von ihnen ausländischer Herkunft sind).
Mittels Beobachtung konnten wir uns Klarheit darüber verschafften, dass die öffentlichen Plätze, speziell die Jugendzentren, mehrheitlich von ausländischen Jugendlichen genutzt werden. Doch es sind auch einheimische Jugendliche unter ihnen, nicht viele, aber doch. Das Verwirrende war zuerst, dass sich jene wenigen Inländer nicht von der Masse abhoben, was Aussehen und Verhalten betrifft. So kam uns der Gedanke, dass es nicht davon abhängt Migrant oder Migrantin zu sein, sondern es um eine gemeinsame soziale Lage geht, die die Jugendlichen zwingt Auwiesen als eine Art Ausgleichsraum zu benutzen. Die soziale Lage eint, egal ob Einheimischer oder Migrant, so unsere These. Es sind bloß mehr Familien ausländischer Herkunft in der unteren sozialen Lage gefangen, was deren zahlenmäßige Überlegenheit im öffentlichen Raum erklärt. Es handelt sich insgesamt um die „am schlechtesten gestellte Gruppe“ (Jugendzentrum), wie bereits erwähnt.
7.5.5. Ethnische Fremdheit
In diesem Abschnitt soll dargestellt werden, in welcher Weise Migranten und Migrantinnen mit ihre ethnische und kulturelle Fremdheit umgehen. Dabei ist es besonders spannend zu klären, wie die Reaktionen der einheimischen Jugendlichen ausfallen. Es geht weiters darum, zu zeigen, wie die Reaktionen der Migranten darauf aussehen und wie sich das Phänomen in den eigenen Reihen gestaltet.
Ein grundlegendes Problem mit dem Migranten und Migrantinnen allgemein zu kämpfen haben ist „die alltägliche schöne österreichische Ausländerfeindlichkeit“ (Jugendzentrum). Diese äußert sich in den „klassischen“ Vorurteilen:
Lena: „Dann heißt es aber wieder die scheiß Ausländer, die arbeitslos sind, die uns die Arbeitsplätze angeblich wegnehmen,…“ Oder:
Jugendzentrum: „Ja das sie in der Straßenbahn stehen und dann reden 2,3 Leute ausländisch miteinander und dann sitzen halt 2 alte Frauen dort und reden halt gleich von wegen: „Unterm Hitler hätte es das nicht gegeben und wär halt der Führer noch da.“ Also schon
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massive Geschichten. Oder: „Du deppater Tschusch, schleich die ham, der Krieg ist eh schon vorbei.““ Oder:
Jugendzentrum: „Und dann sagt er: „ich will rein in das Empire [Disco, Anm.] und der lasst mich nicht rein, weil er sagt ich bin ein Ausländer.“ Und dann ist der mit dem Pass hingegangen, weil er sich gedacht hat das schauen wir uns an und dann hat der Türsteher gesagt: „Na und, aber schaust aus wie ein Ausländer“. Und das ist für sie halt wirklich Alltag“
Diese Liste wäre beinahe unendlich fortsetzbar, doch diese Ausschnitte reichen um eine ungefähre Ahnung davon zu bekommen, welchen Anfeindungen die Jugendlichen ausländischer Herkunft ausgesetzt sind.
Die Absender sind ihnen durchaus bekannt und es betrifft häufig ältere Menschen, deren Verständnis bereits auf ein Minimum geschrumpft ist. Auch dazu eine kleine Anekdote: Daniel: „Also das Ärgste ist, wenn du an der Haltestelle spukst. Die alten drehen dann voll durch: „Spuk in deinem Land“, oder so. Das ist das Ärgste. Oder die alten Omas, so tun als ob die Straße bei ihnen daheim wäre, die dir sagen: „Tu da deine Füße weg.““ Die größten Probleme dahingehend ergeben sich also mit „älteren“, „bei den Jugendlichen gibt es das nicht mehr so“ (Albin). Dies bestätigt eine weitere Jugendliche: „Es sind eher die Erwachsenen, wo der Rassismus dann hervortritt“ (Iris); Bei den jüngeren einheimischen Menschen ist dieser offene Rassismus nicht mehr so verbreitet und tritt auch nicht mehr so oft ans Tageslicht.
Streetwork: „Es ist schon sehr viel von diesem Alltagsrassismus zu bemerken. Aber wenn sich die Leute konkret kennen, von der Schule, oder im selben Haus wohnen, dann spielt das keine Rolle. Aber allgemein gibt es schon sehr viel Rassismus.“ Es handelt sich um jene Generation, die gelernt hat mit Menschen aus anderen Herkunftsländern auszukommen und so gut es geht mit ihnen zu leben. So geschehen auch im Stadtteil Auwiesen, „weil in vielen Gebieten der Ausländer nicht mehr in der Minderheit ist“ (Polizei).
Doch die Gräben bestehen weiter, wenn auch schmäler als zuvor. So ist bei vielen österreichischen Jugendlichen eine Voreingenommenheit Migranten und Migrantinnen gegenüber spürbar. Dazu ein Beispiel:
Eva: „Ich denk mir, es ist ok wenn sie da sind. Ich gehöre nicht irgendwo dazu, wo ich jetzt mit denen aneinander geraten würde, aber..... Ich ignoriere es einfach total.“ Was hier ausgedrückt wird, ist eine Art Unbehagen, das von vielen österreichischen Jugendlichen in Auwiesen (und nicht nur dort) geteilt wird. Dies wäre wiederum eine Erklärung,
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warum der Großteil der Einheimischen nichts mit Jugendlichen ausländischer Herkunft zu tun haben (wollen), und sie auch die (öffentlichen) Räume meiden, die eben von den anderen besetzt sind. Ein junger Ausländer (Typ 2) meint, dass sich die meisten „mit den Ausländern abgefunden“ (Marian) haben. Somit leben die Jugendlichen Migranten und Einheimischen zwar nebeneinander, der Weg zum tatsächlichen miteinander wird allerdings ein langer sein, denn „ignorieren“ ist dabei keine Lösung. Wozu eine solche Einstellung führt veranschaulicht folgende Aussage einer Jugendlichen ausländischer Herkunft (Typ 1): Maria: „Wenn die nichts mit uns zu tun haben wollen, das ist uns scheißegal, wir wollen auch nichts mit ihnen zu tun haben, wir haben unsere eigene Gaudi.“ Die Ablehnung beruht also auf Gegenseitigkeit und eine Annäherung wird dadurch immer schwieriger.
Nun soll dargestellt werden, wie die Jugendlichen Migranten und Migrantinnen, die mit Diskriminierungen konfrontiert sind, darauf reagieren:
Lena: „Da gibt es einfach so Ausländerfeindliche, die sagen: „Na, wä Ausländer, geht’s weg ihr seid Dreck“. Und die schauen wir auch gleich so an: „Was willst denn du, du scheiß Österreicher, ich arbeite hier und zahle Steuern, was geht denn“. Ich meine sicher sind wir dann auch so.“
Dass sich die betroffenen Jugendlichen nicht alles bieten lassen ist verständliche. Eine Jugendbetreuerin kennt die Misere in der diese Jugendlichen stecken und berichtet: Jugendzentrum: „Ich denke dir halt da passiert dir einmal, das passiert dir zweimal, dann ein drittes mal und wenn du dann keine Handlungsmöglichkeiten, außer eine die Goschen hauen hast, dann tust du das irgendwann, frühe oder später.“ Und etwas später:
Jugendzentrum: „Sie tun sich schwer, dass ihnen das nicht nahe geht. Sie tun sich irrsinnig schwer, dass sie sagen: „Soll doch der reden“. […] Dann gehen die Fäuste oft schneller und da sind sie dann meistens auch die Stärkeren. Also wenn sie einmal austeilen dann sehen sie, ja, dass sie dann überlegen sind, gegenüber denjenigen die zuerst verbal überlegen waren. Das ist auch so ein Teufelskreis. Also so mit umdrehen und dann einfach eini- außi das ist irrsinnig schwer für sie.“
Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Die Jugendlichen reagieren also „nicht depressiv oder resignieren, sondern eher aggressiv“ (Jugendzentrum), was folgende Aussage belegt: Lena: „… Es ist einfach so, ich will gar keine Drohung aussprechen, aber das ist einfach so. Wenn da einer mach Auwiesen kommt und meint er kann am Redlerweg „scheiß Ausländer“ herumschreien, wir der sehen wie weit er kommt.“
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Dies ist bei weitem kein Phänomen, das nur Auwiesen kennt. Der Verhältnis Einheimischer zu ethnisch Fremden, ist seit jeher von gegenseitiger Voreingenommenheit geprägt. Abschließend muss jedoch festgehalten werden, dass solche offen ausgetragenen Konflikte in Auwiesen nicht an der Tagesordnung stehen. Einer der Jugendlichen ausländischer Herkunft weist darauf hin (Typ 1):
Marco: „Aber in Auwiesen ist es nicht so heftig, dass hier überall herumdiskriminiert wird, dass sie auf der Straße: „Scheiß Jugos“ oder so schreien.“
Dies entspricht ebenfalls unserer Wahrnehmung von Auwiesen. In der gesamten Zeit, die wir in Auwiesen zubrachten, war nichts von ethnisch motivierten Streitigkeiten zu vernehmen. Dies soll allerdings nicht heißen, dass es solche Konflikte und vor allem Konfrontationen dieser Art nicht gibt.
7.5.6. „Da herinnen funktioniert’s“
Bisher ging es ausschließlich um die negativen Aspekte, die beim Zusammenleben in ethnisch durchmischten Gebieten auftreten. Was häufig übersehen wird, ist, dass Multikulturalität auch positive Seiten hat und äußerst fruchtbar sein kann. Dies wollen wir am Beispiel der Auwiesner Jugendlichen, die den öffentlichen Raum (Jugendzentren, Redlerweg, usw., Typ 1,2) nutzen, zeigen. Dazu wiederum eine Jugendbetreuerin:
Jugendzentrum: „Also da herinnen funktionierts. In der Altstadt funktioniert es nicht mehr. Also die Jugendlichen die sich von da herinnen her kennen, auch verschiedenste Nationen, die können auch draußen miteinander.“
Rund um diese Einrichtungen findet man so etwas wie gelebte Multikulturalität, „weil es gar nicht anders möglich ist, wenn soviel beieinander leben“ (HS10). So finden sich neben den zahlreichen Jugendlichen verschiedenster Nationalitäten („20 Nationalitäten in diesem Club alleine“ (Iris)) auch einige wenige Jugendliche, die aus Österreich stammen. Diese Hand voll „Schwabos“6 5 F 66 ist sozusagen in der Gruppe aufgegangen, denn optisch und dem Verhalten nach zu urteilen, sind sie nicht mehr von den anderen zu unterscheiden. Ein österreichischer Jugendlicher erklärt was es damit auf sich hat (Typ 1):
Lukas: „Ob jetzt Österreicher oder Ausländer, wenn wir uns alle gut verstehen passt’s. I: „Also da gibt es keine Reiberein?“ Adrian: „Voll scheißegal“.
Oder ein anderer Jugendlicher in etwas abgeschwächter Form (Typ 2):
66 Begriff „Schwabo“ steht für Österreicher oder Deutsche, wird von Migranten verwendet. Es handelt sich um eine eher abwertende Bezeichnung für Einheimische.
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Albin: „Ich meine, mir ist das wurscht, ob er Österreicher ist oder Afrikaner, solange er mir nichts tut, tue ich ihm auch nichts.“
Also so etwas wie Feindlichkeiten anderen Ethnien gegenüber kommt hier kaum auf. Das Gegenteil ist der Fall, denn das „gibt es bei uns nicht“ (Lukas) und „die ganzen Nationalitäten, wir verstehen uns alle so gut“ (Iris). Dass dies der Wirklichkeit entspricht, konnten wir während mehrerer Beobachtungen in diesem Bereich bestätigen. Die Jugendlichen, die den öffentlichen Raum besetzen (Typ 1), oder die häufigen Kontakt (Typ 2) zu ihnen haben, bewerten die ethnische Durchmischung durchwegs positiv. Besonders die Jugendlichen, die auch auf den öffentlichen Raum angewiesen sind (Typ 1), sehen den Kontakt zu Menschen aus unterschiedlichsten Nationen durchwegs als Bereicherung: Iris: „Ich denk mir mal, so lernst du wirklich andere Nationalitäten näher kennen und das ist schon leiwand“
Für diese Jugendlichen ergibt sich die Chance von anderen zu lernen, und „manche merken sich die Sprachen schon in und auswendig“ (Ellena). Dies könnte allerdings auch als Zeichen dafür gedeutet werden, dass es sich um jene Jugendlichen handelt, die am schlechtesten gestellt sind (untere soziale Schicht), die sich daher aus dem ‚Angebot’ vor Ort bedienen (müssen). Nichts desto Trotz bleibt ist deren Form des Zusammenlebens ein gutes Beispiel dafür, wie Multikulturalität funktionieren kann. Dazu dieses abschließende Zitat, eines österreichischen Jugendlichen, der einen festen Platz in der HipHop- Jugendkultur inne hat (Typ 1):
Lukas: „Wir sprechen alle andere Sprachen, wir sprechen Rap, wir sprechen Punk, wir sprechen Rock, alles. Wir sprechen sogar portugiesisch, wir sprechen deutsch, scheiß egal.“
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67 Hier erscheint wiederum das bereits besprochene „Umdeutungs-Muster“, der Jugendlichen, die Typ1 angehören. Vgl. dazu Kap. 7.2. „Deutung des Stadtteils“.
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7.6. Geschlechterverhältnis
Wie bereits der Titel vermuten lässt, geht es um das Verhältnis der Jugendliche zueinander bzgl. ihrer Rollen als Männer und Frauen. Es soll dargestellt werden, wie Mädchen und Burschen ihren täglichen Alltag bestreiten und vor allem welche Unterschiede sich dabei ergeben. Es geht also einerseits darum zu zeigen, wie sich die Vertreter des jeweiligen Geschlechts selbst in ihren sozialen Rollen sehen, andererseits wie sich deren Bild vom Gegenüber präsentiert.
7.6.1. Eine ungleiche Verteilung
Anhand der quantitativen Studie können wir davon ausgehen, dass die Jugendlichen in Auwiesen nach Geschlecht zahlenmäßig etwa gleich verteilt sind (vgl. Kap. 4.1.), also etwa gleich viele Mädchen wie Burschen dort leben. Doch betrachtet man den öffentlichen Raum (dieser interessiert uns hauptsächlich), erhält man ein anders Bild. Bei unseren ersten Begehungen in Auwiesen stellten wir fest, dass kaum Mädchen zu sehen waren, auch in den Jugendzentren waren sie in der Minderheit. Dies führte uns zur Frage, wo denn die Mädchen sind? Ein Mitarbeiter eines Jugendzentrums schätzt das Verhältnis folgendermaßen ein: Jugendbetreuer: „1/3 Mädchen, 2/3 Burschen, oder jetzt schon 1/4 : 3/4“ Das entsprach etwa dem was wir beobachtet und dadurch erwartet hatten. Eine Jugendliche fasst dies in Zahlen (Typ 1):
Maria: „Also wenn’s gut geht, sind wir gerade mal acht Mädls, die richtigen, sind wirklich nur acht Mädls. Die restlichen glaube ich 20, oder 30 nur Habara.“ Diese Einschätzung der eigenen Gruppe entspricht etwa der allgemeinen Experteneinschätzung. Die Mädchen sind also deutlich in der Unterzahl.
Trotzdem finden sich in (beinahe) jeder Gruppe auch ein paar Mädchen. Es wurde von vielen Jugendlichen betont, dass Burschen und Mädchen gemeinsam unterwegs sind. So antwortet ein Jugendlicher (Typ 2) auf die Frage, ob sie denn getrennt unterwegs seien, klar: Marian: „Nein, das ist schon eine Partie.“ Oder ein Mädchen (Typ 1): I: „Deine Freunde, sind das hauptsächlich Mädels?“ Anna: „Nein, Buben.“
Es sind also „immer Burschen und Mädls dabei“ (Eva) und es scheint, so zumindest unser Eindruck, dass dieses Zusammenspiel von beiderlei Seiten positiv gesehen wird.
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7.6.2. „Wo sind die Mädchen?“
Nun gilt es sich der Frage zu widmen, wo sich die Mädchen befinden. Einen Hinweis erhalten wir von zwei Jugendlichen, die mit Auwiesen kaum etwas verbindet (Typ 3): Sabine: „Ich seh’s bei meinen Nachbarn, die sind aus Kroatien, da sind die Burschen, die sind immer draußen, weil die haben 3 Burschen und 2 Mädels, und die Mädels müssen helfen beim Haushalt, die tun Wäschewaschen und Staubsaugen und...“
Eva: „Ich glaub eher, dass die auch wegfahren, die fahren Stadt, die gehen einkaufen und dass machen ja die Buben eigentlich nie.“
Die Mädchen sind also demnach eher an den Haushalt und die häuslichen Aktivitäten gebunden und müssen dort mithelfen, während die Burschen „draußen“ sind und dies auch dürfen. Und wenn, so die zweite Aussage, die Mädchen weg können, tendieren sie eher dazu Auwiesen zu verlassen (vgl. Kap. 4.4.2.3.). Wo genau sie sich nun aufhalten, können wir (leider) nicht näher bestimmen.
Letztendlich ist die entscheidende Frage jene, was die Mädchen dazu veranlasst die Öffentlichkeit Auwiesens zu meiden. Zuerst ist der Umstand anzuführen, dass in den Bereich des öffentlichen Lebens in Auwiesen fast zur Gänze Jugendliche aus den Typen 1 und 2 fallen (Wo sich die Jugendlichen aus Typ 3 (der Großteil der Österreicher) aufhalten, wurde bereits im Kapitel „Ethnie und Migration“ unter dem Punkt „Wo sind die Österreicher?“ abgehandelt). Vor diesem Hintergrund, dass kaum inländische Jugendliche den öffentlichen Raum nutzen, ist folgende Aussage zu sehen (Typ 2):
Marian: „Es gibt schon Mädchen, die hier sind. Die ich nicht sehe, sind wiederum österreichische Mädchen. Vielleicht kommen die mit der Situation nicht zusammen, zu viele Ausländer und so.“
Die wenigen Mädchen, die sozusagen übrig bleiben, sind also größtenteils ausländischer Herkunft. Die jungen einheimischen Mädchen fehlen in diesem Bild beinahe zur Gänze. Eine weitere Erklärung für das Fernbleiben der Mädchen, zuerst von Seiten der Experten, einer Jugendbetreuerin:
Jugendzentrum: „Also eben eh das mit dem Gangster-Film, den sie laufen haben, einen gewissen harten Spruch. Ja eine verbal gewalttätige Sprache und auch eben eher die Bereitschaft körperlich gewalttätig zu sein zum Teil. Ich möchte das jetzt nicht verallgemeinern auf die Jugendlichen, dass sie so oder so sind, aber was mir halt auch noch auffällt, ist ein klassisches Frauenbild. Meistens sehr traditionell.“ Hier wird also bestätigt, was in anderen Kapiteln bereits kurz zur Sprache kam. Unter den Jugendlichen, die den öffentlichen Raum bevölkern, herrscht ein rauer Umgangston: „Wixer,
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Schwuler, Drecksau, ist ganz normal. Sind aber auch die Wörter, die sie verwenden, wenn sie eine Zigarette wollen“ (Jugendzentrum). Außerdem ist das Vokabular speziell was Mädchen anbelangt, äußerst erniedrigend, denn sie werden häufig auf „bitches und so weiter“ (Jugendzentrum) reduziert. Dass die Jugendlichen hier diesen „Gangster- Film“ zelebrieren und viele ihrer Aussagen unreflektiert und oft nicht ernsthaft wiedergeben, spielt keine Rolle. So herrscht unter diesen Jugendlichen (die Mädchen sind nicht ausgenommen) eine gewalttätige und sexistische Sprache (und z.T. ebensolches Verhalten), die vielen Jugendliche, die dort nicht dazugehören und die Gepflogenheiten nicht kennen, abschreckt. Hier ist zu betonen, dass dies keine rein männliche Domäne ist und die Mädchen ebenso kein Blatt vor den Mund nehmen (einige der Mädchen, die zu dieser Gruppe gehören, zeigen durchwegs männliche Ver-haltenszüge). Einer der Burschen aus dieser Gruppe (Typ 1) meint dazu: „Ja, meine Schwester hat ein paar [andere Mädchen, Anm.] verscheucht“ (Daniel); Eine Jugendliche (Typ 3), die damit bereits negative Erfahrungen vorweisen kann, schildert ihren Eindruck:
Eva: „Ich fühl mich da überhaupt nicht wohl, wenn ich seh, da sind 30 Leute und die schreien herum, und auch von der Sprache her, wie die reden, wie die miteinander reden,....“ Sabine: „Ja, und der Umgang untereinander ist mehr als grauslig.“ Diese Mädchen meiden den Kontakt mit diesen Jugendlichen und es gibt Plätze „wo du nicht hingehst als Frau, weil du da genau weißt, dass du da mindestens angepöbelt wirst“ (Schmidsberger). Für Mädchen ist es also viel schwieriger (oft auch gar nicht erstrebenswert) zu solchen Gruppen Zugang zu finden als für Burschen, was wiederum die ungleiche Verteilung erklärt.
Interessant ist nun die Sicht derer, die zum engen Kreis der Auwiesner zählen. Ein männlicher Jugendlicher (Typ 1) beschreibt die Lage folgendermaßen:
Chris: „Weil es doch immer heißt, dass Auwiesen so brutal ist und so, da scheißen sich die Leute dann an und besonders die Mädels. Die denken sich, wenn sie da hin gehen passiert ihnen was.“
Die (männlichen) Jugendlichen, die das öffentliche Bild des Stadtteils prägen, kennen die Vorbehalte vieler Mädchen gegenüber ihrer Gruppe. Doch gleichzeitig betonen sie, dass dieses Bild nicht der Wahrheit entspreche, wie ein Kollege vehement bezeugt: Marco: „Das sind alles Bonzen, denen wird alles in den Arsch geschoben und zu viel Fernsehen, die haben Angst vor allem. […] Aber wir sind ein ganz normales Viertel wie jedes andere, wo genauso viele Jugendliche im Club herumhängen und ihre Gaudi wollen. Aber manche Leute checken das nicht“
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Auch hier zeigt sich wieder ein bereits bekannter Sachverhalt. Diejenigen, die sich im Umfeld Auwiesens aufhalten und dieses mitprägen, bewerten die Situation positiv, während diejenigen, die keinen Zugang oder Einblick haben, das meiste, das dort passiert, negativ wahrnehmen. Das falsche Bild kann also nur weiterbestehen, denn, so eine der Jugendlichen, „die Leute kennen uns nicht“ (Maria). Dies gilt natürlich besonders für die Mädchen. Sie sollen einfach „herkommen und sich das selber anschauen“ (Marco), dann würden sie ihre Fehleinschätzung selber bemerken. Ein anderer Kollege meint weiter: „Sie gehen keine Risiken ein“ (Daniel). Dass aber ein Zugehen auf diese Gruppen für die meisten Mädchen (Typ3) riskant und daher oft undenkbar ist, illustriert folgender Gesprächsausschnitt: Sabine: „Wir haben die Jugendgruppen mit den kleinen Hip-Hop- Gangstern und es ist wirklich nicht lustig am Abend irgendwie heimgehn oder rausgehen.“ Unseren Beobachtungen zu Folge ist die negative Optik dieser Gruppen nach außen die größte Schwierigkeit, besonders für Mädchen. Dadurch ist es für viele Mädchen aus Auwiesen weder erstrebenswert zu diesen Gruppen dazuzugehören, noch die dortigen Jugendlichen, seien es Mädchen oder Burschen, kennen zu lernen.
7.6.3. Männliche Dominanz und traditionelles Rollenbild
In diesem Abschnitt sollen vor allem Unterscheide im Verhalten der Auwiesner Mädchen (hier geht es um die Typen 1 und 2) und Burschen aufzeigen. Wie dieses Verhältnis aussieht, dazu eine erste Experteneinschätzung:
Schmidsberger: „Das Geschlechterrollen ganz sicher ein Thema in Auwiesen ist, ist ganz klar. Weil es meistens dort, wo es soziale Benachteiligungen gibt, eine Bevorzugung der männlichen Rolle gibt. Ganz klar, weil da dominiert einfach die Kraft, ganz klar, also vereinfacht gesagt. Aber es ist so: die männliche Jugendlichen nehmen sich mehr Raum, mehr Zeit, erleben das auch in den eigenen Familien, dass das so ist“
Dass der Großteil der Jugendlichen, die Auwiesen als ihren Spielplatz benutzen, aus unteren sozialen Lagen stammen, wurde bereits an anderer Stelle dargestellt (vgl. Kap. 7.5.4.). Die These der „Bevorzugung der männlichen Rolle“ entspricht, so legen es uns diverse Beobachtungen nahe, dem Alltag in Auwiesen. Eine der Auwiesner Mädchen (Typ 1) meint zwar: „gar nicht, bitte, wir haben unsere Habara im Griff“ (Maria), doch in Wahrheit geben die jungen Männer (im wahrsten Sinne) den Ton an. Eine Jugendbetreuerin spricht aus beruflicher Erfahrung:
Jugendzentrum: „Die Burschen bestimmen sowieso mehr oder weniger den Alltag. Sie bestimmen, was für Musik im Radio läuft, was für CDs gespielt werden, die Spieltische, die Lautstärke.“
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Die Burschen übernehmen also die dominante Rolle, sie bestimmen, was geschieht. Ein aufschlussreiches Indiz dafür erhielten wir beim Besuch eines Sommer- Open Airs (es handelte sich um eine HipHop- Veranstaltung) in einem der Jugendzentren. Aus einem Expertengespräch erfuhren wir, dass sich eine ungleiche Rollenverteilung oft erst darin bemerkbar macht: „wie organisiere ich denn die Dinge dort. Müssen immer die Mädchen die Bar machen und abwaschen?“ (Schmidsberger). Und dem war so. Während der Großteil der Mädchen hinter der Bar stand (Sie nehmen es oft gar nicht als Benachteiligung wahr), waren die Burschen damit beschäftigt auf der Bühne ihre Rapkünste zum Besten zu geben. Woher diese Benachteiligungen der Mädchen herrühren, erklärt eine Expertin aus diesem Bereich: Streetwork: „Hängt einerseits mit der Familie zusammen, dass es so vorgelebt wird und auf der anderen Seite schon mit der Jugendkultur irgendwie. Das HipHop- Ding, wo sich dann auch die Mädels mit dem dazugehörigen Frauenbild identifizieren.“
Auf der einen Seite herrscht also nach wie vor das traditionelle Rollenbild vor, wonach dem Mann die dominante Rolle zufällt, der arbeitet, Geld verdient und für die Frau zu sorgen hat, denn „meine Frau müsste einmal nicht arbeiten gehen“ (Schmidsberger). Doch damit stellt Auwiesen keinen Sonderfall dar, denn von Benachteiligung und ungleicher Behandlung sind Mädchen/Frauen allerorts betroffen (Die Tatsache soll auf diese Weise nicht beschönigt werden). Was die Lage der jungen Mädchen weiter verschärft, ist deren Verhaftung in der HipHop- Jugendkultur, mit dem „dazugehörigen Frauenbild“. Eine der jungen Mädchen erklärt kurz worum es häufig in den Texten geht und drückt gleichzeitig ihre Ablehnung aus, denn „da geht’s halt auch nur ums Ficken, Bumsen, Blasen“ und dabei handle es sich darum, was „wir Weiber nicht so gern“ (Iris) mögen. Doch die Burschen dominieren auch diesen Bereich.
Besonders interessant ist nun, wie dies die Burschen bewerten. Dazu ein Ausschnitt aus der Gruppendiskussion mit ihnen:
Chris: „Die Mädchen, die hier sind, die sind gleichberechtigt, die haben genauso viel zu sagen wie die Habara, wenn man’s genau nimmt.“ Adrian: „Aber wir haben ein bisschen mehr...“ Chris: „Wir sind in der Überzahl und...“
Sogar hier zeigt sich die männliche Dominanz, wenn auch nur ansatzweise. Das „bisschen mehr“, das die Burschen für sich reklamieren, ist genau der springende Punkt. Denn wenn man es „genau nimmt“, sind die Mädchen dort nicht gleichberechtigt und es herrscht auch keine „Demokratie“ (Marco), die schon wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit der Burschen eine Illusion bleiben muss.
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Ein weiterer wichtiger Faktor für das Rollenbild ist die Herkunft der Jugendlichen (oder der Eltern) sowie deren Glaube. Es herrschen kulturelle Unterschiede, was den Stellenwert von Frauen und Männern betrifft und in manchen Kulturen rangieren die Frauen deutlich unter den Männern. Besonders betroffen sind dabei Frauen aus muslimischen Ländern. Dass es diese Mädchen besonders schwer haben, erfuhren wir bei einer Begebenheit während des Austeilens der Fragebögen:
Beobachtungsprotokoll: „Ich wollte einem Mädchen (ca. 14 Jahre), das ich im Stiegenhaus traf einen Fragebogen geben und fragte sie, wann ich in wieder abholen könne. Das Mädchen war sehr schüchtern, freute sich aber offensichtlich über das Angebot. Nach Aussehen und Hautfarbe zu schließen war das Mädchen türkischer Herkunft. Plötzlich schoss der Vater aus der Tür, riss ihr den Fragebogen aus der Hand und schleuderte ihn mir zurück und sagte, bzw. schrie: „Das brauchen wir nicht“; Das Mädchen rannte in die Wohnung“ Da ein Großteil der Jugendlichen, die Auwiesen nutzen, ausländischer Herkunft sind (viele Migranten gehören der muslimischen Glaubensgemeinschaft an), wäre dies eine weitere Erklärung für die Unterlegenheit der Mädchen gegenüber den Burschen. Von Seiten der Experten wird allerdings relativiert; eine Lehrerin berichtet:
HS10: „Also die Türken sind da schon so auf die Pascha- Rolle fixiert. Nicht nur die Türken, das gibt es auch in anderen Kulturen. Aber die glauben wirklich die Mädchen sind dazu da, wenn ich sage, bitte wisch mir den Tisch ab, sagen sie zu einem Mädchen, mach das. Es ist eben wie bei den Österreichern, es gibt auch bei uns so Pascha- Typen.“ Eine Mitarbeiterin von Streetwork Linz-Süd geht einen Schritt weiter: Streetwork: „Also eigentlich unterscheidet sich das Frauenbild nicht, ob es Migranten sind oder nicht. Das ist auch bei den österreichischen Familien so. Genauso traditionell: die Frau kocht, putzt, usw. und der Mann... kriegt sein Bier;“
Beide weisen darauf hin, dass viele Menschen in unseren kulturellen Breiten „genauso traditionell“ eingestellt sind, wie Migranten, die hier leben. Auwiesen stellt dabei keine Ausnahme dar.
7.6.4. Angebot und Nachfrage
Die Unterschiede, oder die Dominanz der männlichen Jugendlichen zeigt sich darin, wie (Freizeit) Angebote für Mädchen und Burschen aussehen und wie diese genutzt werden. Die ersten Hinweise darauf erhalten wir von Seiten der Jugendzentren. Diese haben jeweils „Burschen- und Mädchentage“ eingerichtet, mit einem je spezifischen Angebot.
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Jugendzentrum: „Ja wir machen einen Mädchenabend am Donnerstag seit 8 Jahren oder so und der funktioniert mittlerweile gut. Er wird rundherum akzeptiert, auch von den Burschen dass die dann keinen Platz haben da herinnen.“
Es wurde also ein Tag in der Woche festgesetzt, der den Mädchen vorbehalten ist. Sie können dort machen, was ihnen gefällt. Wie dazu die Burschen stehen, zeigt folgender Ausschnitt: Jugendzentrum: „Die Burschen akzeptieren das mittlerweile halbwegs. Es war ein irrsinniger Kampf.“
Der Kampf bezieht sich allerdings nicht bloß auf die Akzeptanz den Burschen gegenüber, sondern auch auf die Mädchen selbst. Denn es ist keine Selbstverständlichkeit, dass seitens der Mädchen „auch das Bewusstsein da ist, Frauen brauchen einen Freiraum“ (Jugendzentrum). Diesen Sachverhalt beschreibt ein Jugendbetreuer folgendermaßen: Jugendbetreruer: „…sie stehen aber nicht dazu, es ist eher aufgezwängt; Wenn man den Mädchentag abschaffen wurde, dass alle hereinkommen, dann: „Ja, sofort“; Aber dann würden wir wieder hören, sie hätten doch eine Stunde alleine, wo man ein bisschen reden kann.“
Dies rührt möglicherweise daher, dass viele Mädchen die Dominanz der Burschen bereits verinnerlicht oder nie etwas anderes erlebt haben. Die „männlichen Jugendlichen nehmen sich mehr Raum“ (Schmidsberger) gegenüber den Mädchen, was von diesen als gegeben angenommen wird. Folgende Beschreibung unterstreicht diese Annahme: Jugendzentrum: „Unsere Aufmerksamkeit ist schon mehr bei ihnen [Burschen, Anm.], weil sich die Mädchen schneller zurückziehen. Die Buben werden eher lauter, wenn sie keine Aufmerksamkeit kriegen, die Dirndln ziehen sich mehr zurück. Bei uns ist ein Mädchentag auf alle Fälle sinnvoll und auch eine Notwendigkeit.“
(In einem der beiden Jugendzentren gibt es auch einen „Burschentag“ (einmal pro Monat), in dem anderen nicht, da „die Männer genug präsent sind“ (Jugendzentrum)). Bei den „Mädchentagen“ geht es darum, den Mädchen etwas von dem ihnen zustehenden Raum (von den Burschen besetzt) zurückzugeben, dass diese ihn nutzen können, ganz nach ihren Ansprüchen. An diesen Tagen wird in den Jugendzentren Folgendes gemacht: Jugendzentrum: „Alles mögliche. Von eigentliche klassischen Dingen ... Wir haben einen Schminkworkshop auch schon gehabt. So Tussi-Sachen (lacht). Von so Tussi-Sachen bis zu Burschenausrichten, hysterisch umherschreien... Alles was sonst keinen Platz hat. Dann machen wir auch noch kochen und basteln, aber nicht so häkeln und stricken, sondern eher so was gibt es für neue Methoden, was ist Neues am Markt. [… ] mit den einen macht man Freizeit, die anderen haben aber dann doch oft ein Problem. Mit denen sollte man sich dann doch ein wenig zurückziehen.“
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Und das Angebot wird von den Mädchen genutzt. Für diejenigen, die das Angebot in Anspruch nehmen bedeutet dies oftmals Folgendes:
Jugendzentrum: „Es ist auch für die Mädels ein Sprungbrett in den öffentlichen Betrieb, weil viele dürfen nicht so in das JUZ gehen, aber wenn Mädchentag ist, dann schon. Mit dem Mädchentag haben wir auch schon ausländische Mädels erreicht die eigentlich in sehr traditionellen Familienverbänden sind. Die eigentlich nicht viel Freiraum haben“ Hier eröffnet sich uns ein weiterer Grund (wurde zuvor außer Acht gelassen), warum sich verhältnismäßig wenige Mädchen in der Öffentlichkeit bewegen. Viele Mädchen dürfen nicht in Einrichtungen wie die Jugendzentren, seien es kulturelle Vorgaben, oder andere Bedenken seitens der Eltern, die die Mädchen daran hindern dort zu verkehren. Dem steuern Angebote wie der „Mädchentag“ entgegen und sie dienen den Mädchen als „Sprungbrett in den öffentlichen Betrieb“. Es muss das Bewusstsein gestärkt werden, einen gleichberechtigten Platz neben den Burschen zu haben und diesen auch einzufordern. Von da her sind diese speziellen Tage für Mädchen (leider) eine „Notwendigkeit“ und äußerst sinnvoll. Eine weitere schwierige Frage ist, welches Angebot Mädchen benötigen würden. Denn auch hier kann nicht von Gleichberechtigung gesprochen werden:
Pfarrer: „Es ist ein Problem in dem Stadtteil mit dem Angebot, es gibt z.B. Fußball für die Burschen, aber für die Mädchen…“
Für die Mädchen gibt es wenig bis gar keine Angebote, was die Möglichkeiten des öffentlichen Raumes betrifft. „Die Mädels haben irgendwie keine speziellen Hobbys. Die gehen eher gemeinsam wo hin, sind dann dort, dies und das“ (Streetworkerin). Es ist also relativ schwierig ein Angebot für Mädchen diesbezüglich bereitzustellen. Doch das Angebot alleine reicht oft nicht aus, denn „die Mädchen nehmen sich das dann auch nicht“. So muss festgehalten werden, dass viele Mädchen davor zurückschrecken die gebotenen Chancen zu nutzen, und dass man sie „viel mehr auffordern muss und bitten muss, das sie ihre Bedürfnissen äußern“ (Schmidsberger). Hier ist also noch einiges an Bewusstseinsarbeit vonnöten.
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7.7. Schule und Bildung
Da wir in unserer Studie den Fokus auf die Jugendlichen in Auwiesen gerichtet haben, ist es unumgänglich deren Erfahrungen im Bereich Schule und was damit verbunden ist zu thematisieren. Ein großer Teil der Jugendlichen steht derzeit, ihrem Alter entsprechend, in schulischen Ausbildungen (vgl. Kap. 4.1.), von der Pflichtschule bis hin zu höheren Schulen (auch jene, die nicht mehr zur Schule gehen, haben Erfahrungen im Bereich Schule gemacht und können darüber Auskunft geben). In diesem Teil geht es uns rein um Erfahrungen der Jugendlichen im Pflichtschulbereich.
Ein weiterer wichtiger Teil dieses Abschnittes wird sein zu zeigen, wie sich Bildungsangebot und daraus erwachsende Bildungschancen der jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen gestalten. Daraus ergibt sich ebenfalls die Frage danach, welchen Wert Bildung für die Jugendlichen besitzt.
7.7.1. Bildungsangebot
In diesem Abschnitt geht es um eine allgemeine Darstellung des Angebots an Schulen, welches Auwiesen (und Umgebung) für seine Jugendlichen bereithält (diesem Punkt ist im quantitativen Teil der Arbeit bereits ein eigenes Kapitel (vgl. 4.2.2.) gewidmet, daher sind die Ausführungen hier eher kurz gehalten). Dazu vorerst eine allgemeine Einschätzung: Schmidsberger „jetzt einmal in der Stadt angeschaut wie Bildungschancen ausschauen von Kindern und Jugendlichen und da gibt’s stadteilspezifisch Riesenunterschiede.“ Der Stadtteil Auwiesen selbst, verfügt lediglich über eine Volksschule (VS3). Daher wird in weiterer Folge die Ausstattung an Schulen auf den gesamten Linzer Süden (Auwiesen Umgebung) ausgedehnt und dahingehend bewertet.
Als erstes kommen wir zum Angebot an Pflichtschulen, die für Kinder und Jugendliche aus Auwiesen in Frage kommen. Für unsere Zielgruppe relevante Schulformen sind Gymnasium-Unterstufe und Hauptschulen (HS). Dazu der Auwiesner Pfarrer:
Pfarrer: „Wir haben 2 Hauptschulen, die Kleinmünchner Hauptschule, da gehen auch welche von uns […] Dann gehen natürlich sehr viele von Auwiesen, die meisten in die Renner-Schule in die 17er oder in die Ganztagsschule in die 18er. Und dann gibt es die, die auch ins Gym gehen“
Es gibt also drei Hauptschulen, die in Frage kommen: die Kleinmünchner Zeppelinschule (HS10) ist die am nächsten gelegene Hauptschule. Dann gibt es noch zwei Möglichkeiten in der neuen Heimat, die Rennerschule umfasst die Hauptschulen 17 und 18 (HS17,18). Auf
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diese Schulen verteilen sich die Auwiesner Jugendlichen, die kein Gymnasium besuchen. Die Sprengel-verteilung ist relativ kompliziert und verläuft nach Straßenzügen im Stadtteil. Wesentlich schlechter sieht es bei der Versorgung mit höheren Schulen in Auwiesen und allgemein Linz- Süd aus, sprich Gymnasien (eingeschlossen Unterstufe), oder berufsbildende höhere Schulen. Auf die Frage nach der Versorgung mit höheren Schulen in der Umgebung antwortet eine Lehrerin der HS10:
Lehrerin: „Hier in Kleinmünchen nicht, aber alle z.B. Landwiedschule, Ramsauerstraße und viele andere öffentlich leicht erreichbar. 10 Minuten, Viertelstunde.“ Es gibt also zwei höhere Schulen im ganzen Linzer Süden, wobei eine weitere bereits geplant und in Entstehung begriffen ist (Standort Linz Pichling „Solar City“). Dem gegenüber stehen zahlreiche höhere Schulen im Norden von Linz (berufs- und allgemeinbildende höhere Schulen), was eine äußerst ungerechte Verteilung darstellt und die ohnedies schlechtere Stellung des Südens widerspiegelt (Nord- Süd Gefälle).
7.7.2. Schulische Segregation
Dieser Abschnitt soll zeigen, wie das vorhandene (ungerechte) Bildungsangebot von den Jugendlichen in Auwiesen genutzt wird (vgl. Kap. 2.1.3.4.) und welche Chancen sich für sie daraus am Bildungsmarkt ergeben. Dabei beginnen wir wiederum im Pflichtschulbereich, bei den Hauptschulen, (Gymnasium- Unterstufe wird später abgehandelt). Dazu betrachten wir zunächst die HS10, die nahe gelegene „Zeppelinschule“. Wir befragten eine der dortigen Lehrkräfte bzgl. der Schüler und Schülerinnen, sie meinte „es ist bei uns schon vom Verhalten her eher schwierig“ (Lehrerin). Was konkret mit „schwierig“ gemeint ist, verdeutlicht folgender Gesprächsauszug:
Marian: „Naja, auf Grund des hohen Ausländeranteils ist es natürlich schon schwer, sie bewältigen Hausübungen nur dann, wenn wir das in der Schule haargenau so gemacht haben. Dass ich ihnen so Sachen gebe, wo sie selber gefordert sind, wo sie nachforschen müssten, so wie meine Kinder das im Gymnasium kriegen, das kann ich da nicht geben.“ Die Jugendlichen, die diese Hauptschule besuchen, sind zu „80% Ausländer“ (Jugendzentrum), was einem überdurchschnittlich hohen Anteil entspricht. Aus diesem Grund gibt es in der HS10 „offene Sprachklassen“, in die Kinder und Jugendlichen kommen, die „wirklich zum Teil ohne Deutsch da [sind, Anm.]. Das geht dann über Bilder, über Deuten mit Händen und Füßen“ (Lehrerin). Sie fügt allerdings gleich hinzu: „wenn es nur an der Sprache liegt, haben sie schnell aufgeholt“, was bedeutet, dass die Sprache nicht die grundlegende Schwierigkeit im Verlauf der Schulkarriere darstellt.
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Was das grundlegende Problem der städtischen Hauptschulen allgemein und der HS10 im Speziellen ist, kann dieser Interviewausschnitt ansatzweise belegen:
Lehrerin: „Wie soll ich das sagen. Auf der einen Seite ist es sicher der mangelnde Fleiß, weil wir in der Hauptschule alles bis ins Kleinste vorbereiten. […] Ich glaube sie durchschauen nicht, dass man mit selbstständiger Arbeit schauen muss weiterzukommen.“ Woran es mangelt, ist die Fähigkeit selbstständig zu arbeiten, wobei die Lehrerin betont, dass „ist auch unsere Schuld, weil wir ihnen alles ebnen und bis ins letzte hin das selbstständige Arbeiten in der Hauptschule fehlt“ (Lehrerin). Der Lehrkörper trägt also eine Teilschuld (ist sich dessen auch bewusst) am niedrigen schulischen Niveau, das unter den Jugendlichen in der HS10 vorherrscht. Die Jugendlichen bekommen bloß Grundlegendes vermittelt: „dann üben wir das Schriftliche: Lebenslauf, Bewerbungen bis zur Vergasung, bis jeder fehlerfrei schreiben kann“ (Lehrerin). Alles was darüber hinausgeht, käme einer Überforderung der Jugendlichen gleich, welche ebenso kontraproduktiv ist, weil dabei jegliche Motivation verloren geht (eine Zwickmühle, die unauflösbar scheint).
Der „mangelnden Fleiß“, den die Lehrerin als weiteres Grundproblem erkennt, ist möglicherweise eine Konsequenz dieser Art der Unterrichtsform, welche bewusst darauf ausgerichtet ist das Niveau niedrig zu halten, um niemanden zu überfordern. Demotivation und mangelnder Fleiß können die Folge sein. Ein Jugendlicher (Typ 2), der selbst eine andere Hauptschule besucht hat, meint dazu, „es gehen eigentlich alle in die HS10, weil sie einfach nichts lernen wollen“ (Albin). Neben denen die nicht wollen, gibt es allerdings auch jene, die nicht mehr können (fremde Sprache, fehlende Unterstützung von daheim, usw.), was leider oft übersehen wird (Jenen mangelnden Fleiß vorzuwerfen ist unangebracht).
Die wahren Probleme werden für die Jugendlichen allerdings erst im Nachhinein sichtbar, beim Übertritt in höhere Schulen bzw. ins Berufsleben. Dort erst machen sie die konkrete Erfahrung des Scheiterns und „plötzlich steht ihnen das Wasser bis hinauf“ (Lehrerin). Dass für viele dieses Scheitern verhängnisvolle Auswirkungen hat zeigt der nachstehende Gesprächsauszug:
Jugendzentrum: „Die meisten sind arbeitslos, oder in Maßnahmen, Kurse. Grundsätzlich machen sie zuerst Hauptschule, dann Lehre oder arbeitslos;“
Dies soll verdeutlichen, dass der Grundstein für das spätere Scheitern der Jugendlichen in vielen Fällen bereits während der (Pflicht-) Schulzeit gelegt wird.
Was die Alternative zu einer Schule darstellt, die sozusagen auf das Scheitern vorbereitet, veranschaulicht folgende Aussage:
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Lehrerin: „Aber es bleiben auch nicht viele übrig für uns [Hauptschule, Anm.]. Wir haben rundherum die Gymnasien und jeder, der dazu fähig ist, der geht in eine höhere Schule.“ Die zweite Option ist eines der weiter entfernten Gymnasien zu besuchen, wenn man „dazu fähig ist“. Weiters besteht die Möglichkeit sich an einer anderen, besseren Hauptschule anzumelden, ein Jugendlichen (Typ 2) berichtet aus eigener Erfahrung: Albin: „Ich bin in die HS11 gegangen, die ist am Europaplatz, das ist die Disterwegschule, ist eine Sporthauptschule, ich war in der Fußballklasse.“ I: „Wieso dort und nicht HS10?“
Albin: „Naja, die HS10, die Zeppelinschule... Meine Eltern wollten nicht, dass ich da in die Schule gehe und ich auch nicht. Das hab ich dann halt so machen müssen, das ist eine Ganztagsschule, sonst geht das nicht, sonst musst du in der Sprengelschule bleiben.“ Es kommt zu einer Art Schulflucht, hin zu den guten Schulen, denn „wenn die Möglichkeit da ist wegzugehen in eine höhere Schule, dann sind einfach die Leute weg“ (Eva), so eine Auwiesner Jugendliche (Typ 3), die ein Gymnasium (Oberstufe) besucht. Die HS10 wird also bewusst gemieden, was die Frage aufwirft, warum dies der Fall ist. Eine erste Erklärung wäre, dass das niedrigee Niveau der Schule weit über diese hinaus bekannt ist, was viele Eltern dazu veranlasst ihre Kinder auf andere Schulen zu schicken (was z.T. von den Jugendlichen selbst gewünscht wird).
Marian: „Am ärgsten ist es in der HS10 (Zeppelin) […], da sind auch viele Ausländer. Zeppelin ist aber die Sprengelschule aber da will fast keiner hin. Die die jetzt sitzen, die gefährlich sind, waren auch früher in der Zeppelinschule. Da wollen sie die Jugendlichen nicht hinschicken; dort ist es zu gefährlich. Das verstehe ich aber in irgendeiner Hinsicht auch.“
Mit dieser Aussage wird klar, dass es nicht bloß das Niveau der Schule ist, das abschreckt, sondern deren Ruf, ganz allgemein. Dies wird von Expertenseite ebenfalls bestätigt: Streetworkerin: „Und die Schule hat schon den Ruf, dass sie eine der ärgsten Schulen ist, die es gibt. Zumindest habe ich das schon oft gehört.“
Die HS10 gehört demnach zu den „ärgsten Schulen“ in ganz Linz, zumindest dem Ruf nach zu urteilen. Hier zeigt sich einer der wenigen Bereiche in Auwiesen, in denen der schlechte Ruf großteils gerechtfertigt erscheint. Daher „bleiben auch nicht viele übrig für uns“ (Lehrerin), so die ernüchternde Einschätzung der von uns befragten Hauptschullehrerin. Im schulischen Bereich (nicht bloß in Auwiesen) wird die Segregation, also die Aufteilung in zwei unterschiedliche Gruppen, die unterschiedliche Möglichkeiten vorfinden, besonders deutlich sichtbar. In Auwiesen verläuft die Trennlinie zwischen Hauptschule und Gymnasium- Unterstufe (oder Hauptschulen mit vergleichbarer Qualität), welche die
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Jugendlichen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ausstatten, die deren zukünftiges Leben direkt beeinflussen.
7.7.3. Gewinner und Verlierer
Bisher wurde gezeigt, dass es im Bereich der Schule zu einer Segregation zwischen den beiden Schultypen Gymnasium und Hauptschule kommt, welche die Auwiesner Jugendlichen in zwei Lager spaltet. Nun gilt es zu zeigen, wer, oder welche Gruppen von Jugendlichen, jeweils welchen Schultyp wählen, oder von diesen ausgeschlossen sind. Eine erste Einschätzung lautet dahingehend:
Pfarrer: „Und dann gibt es die, die auch ins Gym gehen, aber das sind in Auwiesen, glaube ich, eher wenige“
Die Einschätzung, wonach „eher wenige“ Jugendliche Auwiesner und Auwiesnerinnen ein Gymnasium besuchen, hält allerdings der Überprüfung der Fakten nicht stand (vgl. Kap. 4.1.). Der nächste Schritt wird nun sein zu erläutern, welche Jugendlichen welchen Schultyp wählen und was diese Wahl bedingt. Dazu ist es zuerst nötig die Schülerschaft der HS10 näher zu betrachten. Ein Jugendlicher (Typ 1), welcher selbst diese Schule besucht, meint: „Da sind ja 80% Ausländer“ (Daniel). Einer anderer Jugendlichen (Typ 2), bestätigt dies: Marian: „HS18 und HS17; da ist es mehr gemischt. Am ärgsten ist es in der HS10, Zeppelin […] da sind auch viele Ausländer“
Den größten Anteil der Kinder und Jugendlichen sind also ausländischer Herkunft und wie bereits an anderer Stelle gezeigt, rekrutiert sich der Großteil dieser Jugendlichen aus unteren Schichten (vgl. Kap. 7.5.4.):
Lehrerin: „Ja schon eher, darum sind auch meistens beide Elternteile gezwungen zu arbeiten, weil sie mit einem Gehalt nicht auskommen. Das ist aber auf die Schüler hier [HS10, Anm.] und nicht auf die Auwiesner allgemein bezogen, es gibt auch in Auwiesen Gutbetuchte. Auch bildungsmäßig.“
Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass Kinder und Jugendliche aus unteren Schichten eher die nahe gelegene Hauptschule besuchen und dass davon viele ausländischer Herkunft sind (Die Herkunft alleine entscheidet jedoch nicht).
Diese Beschreibung ist praktisch deckungsgleich mit jener der Jugendlichen, die Typ 1 (z.T. 2) bilden. Eine mögliche Interpretation wäre also, dass die Jugendlichen, welche die Hauptschule vor Ort besuchen, jene sind, die später den öffentlichen Raum von Auwiesen besetzen werden. Nach den Aussagen eines Jugendbetreuer zu urteilen, besuchen der Großteil seiner Schützlinge (Großteil Typ 1) tatsächlich „zuerst Hauptschule, dann Lehre oder arbeitslos“ (Jugendzentrum). Sie identifizieren sich sehr stark mit Auwiesen (idealisiertes
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Bild), da sie praktisch von Anfang an (ab Hauptschuleintritt) darin verhaftet sind und kaum etwas anderes kennen. Unterstützung für diese durchaus gewagte These erhalten wir von einer Jugendlichen (Typ 1), die auf die Frage, wo sie denn zur Schule gehe, folgendes antwortet: Anna: „In die Zeppelin. Da sind lauter Auwiesener.“ und weiter:
Anna: „Wie ich da hergezogen bin, habe ich fast keinen gekannt. Durch die Schule habe ich die dann alle kennen gelernt.“
Bei diesem Mädchen diente die Schule sozusagen zur Einführung in Sachen Auwiesen mit seinen Jugendlichen vor Ort. Wenn diese erst einmal gelungen ist, scheint es schwierig zu sein wieder los zu kommen und aus diesem Grund bleiben diese Jugendlichen auch danach in ihrem Gebiet.
Doch dies beantwortet noch nicht, was diese Jugendlichen (in dem Falle meist die Eltern, die im Sinne ihrer Kinder entscheiden) konkret daran hindert ein Gymnasium zu besuchen, oder sich für eine andere Hauptschule zu entscheiden. Wie bereits erwähnt, wechselt laut einer befragten Lehrerin jeder die Schule, der „dazu fähig ist“, oder, so eine Jugendliche, wenn „die Möglichkeit da ist“ (Eva).
Die ersten Probleme treten beim Verlassen der Sprengelschulen auf, denn dafür ist ein gewisser Aufwand6 7 F 68 zu betreiben. Doch wenn dies ernsthaft gewünscht und auch verfolgt wird, besteht dazu für alle die „Möglichkeit“. Was für manche Kinder und Jugendliche aus Auwiesen eventuell abschreckend wirkt, ist der längere und möglicherweise beschwerlichere Anfahrtsweg zu der gewünschten Schule. Doch dem widerspricht die besagte Lehrerin, denn es sind „alle z.B. Landwidschule, Ramsauerstraße und viele andere öffentlich leicht erreichbar. 10 Minuten, Viertelstunde“. Durch die gute Anbindung Auwiesens an das öffentliche Verkehrsnetz (Linien 1,12), ist es relativ leicht andere Schulen, ebenso in der Innenstadt, zu erreichen und dazu ist grundsätzlich jeder oder jede „fähig“. So gesehen erscheint es weniger eine Frage von „Möglichkeiten“ und Fähigkeiten zu sein, die über die Wahl der Schule entscheiden.
Die wahren Gründe liegen tiefer. Die meisten Jugendlichen, die die Zeppelinschule besuchen (und speziell deren Eltern) unterscheiden sich von jenen, die den Besuch dieser Schule umgehen, durch eine fehlende moralische Grundhaltung der Bildung gegenüber (mangelndes Bildungs-ethos). In diesem Sinne ist es für viele Kinder und Jugendliche in Auwiesen gar nicht erstrebenswert andere, vielleicht bessere Bildungseinrichtungen aufzusuchen. Diese
68 Hier ist ein „Antrag auf Umschulung sprengelfremder Schulbesuch“ beim Magistrat der Stadt Linz zu stellen. Dazu ist eine Begründung des Schulwechsels anzugeben, eine Stellungnahme von Seiten der Sprengelschule, sowie der gewünschten Schule, vonnöten. In der Regel wird solchen Anträgen stattgegeben.
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Problematik ist einer leitenden Mitarbeiterin des „Amtes für Jugend und Familie“ durchaus bekannt, sie fragt:
Schmidsberger: „wie schafft man das in einer Familie, in der Bildung kein Wert ist und wie schafft man das, dass Bildung für die Kinder trotzdem als anzustrebend gilt?“ Bildung allgemein hat in diesen Familien (so auch bei den Kindern und Jugendlichen) einen geringen Stellenwert, oder schärfer formuliert, keinen Wert. Es gilt die verpflichtende Schulzeit abzuleisten, wobei es nicht darauf ankommt wo und mit welcher Qualität. Aus deren Sicht ist es verständlich, den einfachsten Weg zu gehen und eine nahe gelegene Hauptschule zu wählen (oft sind dort Freunde und Bekannte der Kinder untergebracht). Diese Familien entstammen, wie bereits angemerkt, eher unteren Schichten, in welchen oft beide Elternteile gezwungen sind zu arbeiten, („zum Großteil Hilfsarbeiterplätze“ (Lehrerin)). Daher ist diesen Eltern kein Vorwurf zu machen, denn sie wären ohnehin nicht in der Lage ihre Kinder bei deren schulischer Laufbahn zu unterstützen, weder finanziell, noch was Betreuung und Hilfe daheim angeht (Hausaufgaben, usw.). Die jungen Auwiesner und Auwiesenrinnen (laut unserer These zum Großteil Typ 1), deren Zukunftschancen nicht allzu rosig aussehen, scheinen dazu ‚verdammt’ das Erbe ihrer Eltern fortzuführen.
Bisher wurden jene Jugendlichen betrachtet, die durch die schulische Segregation auf die Verliererseite abgedrängt wurden, nun kommen wir zu den Gewinnern und Gewinnerinnen. Gemeint sind diejenigen, denen die Flucht in eine andere Schule ermöglicht wurde, also ein Gymnasium oder eine Hauptschule mit vergleichbarer Qualität zu besuchen. Dazu eine Jugendliche (Typ 3):
Eva:“ Aber was ich so mitkrieg, auch z.B. es sind in unserer Schule, also in der Landwied, sind total viele Österreicher sind auch aus Auwiesen, sieht man aber nie so heraußen. Und wenn ich jetzt schau so in der HS10, da sind ja fast nur Ausländer und die gehen alle dort hin und die halt Österreicher sind die gehen halt schon in höhere Schulen.“ oder ein weiterer Jugendlicher (Typ 2) dazu:
Marian: „Sporthauptschule Kleinmünchen z.B. da wo ich hingegangen bin. Mehr als 10 Ausländer habe ich dort nicht gekannt.“
Laut diesen Jugendlichen sind es die eiheimischen Jugendlichen, die bevorzugt Gymnasien und höhere Schulen besuchen. Wie allerdings schon zuvor gezeigt, ist dies primär eine Frage der Schichtung innerhalb der Gesellschaft (eben nicht nur finanziell sondern ethisch definiert) und nicht bloß von Ethnie. Daher stammen jugendliche Auwiesner und Auwiesnerinnen, welche die Sprengel- Schulen umgehen, eher aus mittleren bis höheren Schichten. Diese erhöhte Mobilität führt die Jugendlichen weg von Auwiesen und entfremdet sie gleichzeitig
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ihrem Stadtteil (andere Freundeskreise, andere Umgebung usw.), was erklärt, dass sich diese Jugendlichen später weniger (Typ 2) bis gar nicht (Typ3) mit Auwiesen identifizieren und dessen öffentliche Räume nutzen.
In diesen Familien, bzw. von diesen Jugendlichen (hauptsächlich Typ 2, 3), wird Bildung als wertvolles Gut begriffen und auch demnach gehandelt. In deren Bewusstsein ist das Streben danach tief verankert, denn diese Jugendlichen wissen, welchen Gewinn Bildung bedeutet (bedeuten kann). Einer der befragten Jugendlichen (Typ 2) gibt an:
Marian: „Ich finde schulische Bildung ist schon wichtig. Die, die sagen Schule bringt nichts, das sind die coolen.“
Eine Mädchen (Typ 3) meint dazu: „Es ist sinnvoll, weil ich nachher studieren will“ (Sabine) und einer der männlichen Befragten (Typ 2), meint, „vor allem hat es mich auch weitergebracht“ (Albin). Diese jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen erkennen die Relevanz von schulischer Bildung für ihre Chancen in der Zukunft; sei dies einerseits im Hinblick auf weiterführende höhere Schulen bis hin zu einer akademischen Ausbildung, oder andererseits den zukünftigen Beruf.
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7.8. Perspektiven und Zukunft
In diesem, letzten Kapitel unserer qualitativen Verwertung soll der Blick in die Zukunft der Jugendlichen von Auwiesen gerichtet und diese genauer beleuchtet werden. Dabei, geht es uns darum, darzustellen, wie sowohl schulische, als auch berufliche Perspektiven (nach abgeschlossener Pflichtschule) aussehen und wie diese von den unterschiedlichen Typen Jugendlicher genutzt bzw. gestaltet werden.
Dieser Abschnitt ist als direkte Fortsetzung des vorherigen Kapitels „Schule und Bildung“ zu sehen (in unserer Anfangskonzeption waren diese beiden zu einer Kategorie zusammengefasst, doch während der Forschung drängte sich die jetzt vorgenommene Trennung in zwei eigenständige Kategorien auf). Ging es zuvor um Bildungschancen, fragen wir nun nach den Berufschancen (hängen oft direkt zusammen mit der formal erlangten Bildung), welche den jungen Auwiesnern und Auwiesnerinnen offen stehen, oder verwehrt bleiben.
7.8.1. Schule oder Beruf
An dieser Stelle geht es uns darum zu zeigen, wie die Jugendlichen in Auwiesen ihren weiteren Weg nach Vollendung der Pflichtschulzeit gestalten oder zu gestalten beabsichtigen. Zuallererst gehen wir der Frage nach, ob die Burschen und Mädchen eher dazu tendieren eine weiterführende höhere Schule (AHS oder BHS) zu besuchen, oder direkt ins Berufsleben (Lehre) einzusteigen. Besonders wichtig ist uns dabei zu zeigen, welche Gruppen von Jugendlichen welche Zukunftsvariante anstreben bzw. einschlagen.
Eine erste Einschätzung dazu von Expertenseite:
Schmidsberger: „Also wir wissen, dass im Norden von Linz, nach der Pflichtschule es eine Übertrittsrate in höhere Schulen von über 80% gibt und die liegt im Ennsfeld [Stadtteil von Linz- Süd, Anm.] bei 20%. Das sind wirklich signifikante Unterschiede.“ Da Auwiesen ebenfalls ein Stadtteil von Linz-Süd ist und dort generell vergleichbare Bedingungen herrschen, ist diese Aussage ebenso auf Auwiesen zutreffend. Demnach besucht bloß ein kleiner Teil, lediglich ein Fünftel, der jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen eine weiterführende höhere Schule (dazu vgl. Kap. 4.1.).
Diese Einschätzung gilt für alle Jugendlichen in Auwiesen; weitaus spannender ist allerdings die Verteilung nach Typen. Wir beginnen mit jenen Jugendlichen, die den öffentlichen Raum besetzen und sich stark mit ihrem Stadtteil identifizieren (Typ 1). Dazu die Aussagen zweier
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Streetworkerinnen, die auf Grund ihrer Arbeit in ständigem Kontakt mit Jugendlichen dieser Gruppe stehen:
I: „Habt ihr vorwiegend Schüler, oder arbeiten die meisten?“
Streetwork: „Also die Jüngeren sind Schüler, die noch in die Pflichtschule gehen. Ansonsten haben wir wenige, die wirklich arbeiten gehen. Die kannst du an einer Hand abzählen. Die machen teilweise gar nichts.“
Streetwork: „Also Schule fertig und dann die Frage: Was möchte ich machen? Lehrstelle ist schwer zu finden, sich schwer tun sich ins Berufsleben einzugliedern.“ Bbezogen auf höhere Schulen:
Streetwork: „Also mir fallen gerade mal zwei ein, die eine HASCH machen.“ Also diejenigen, die eine höhere Schule besuchen, sind in der klaren Minderheit, doch der Umkehrschluss, wonach der Rest einem Beruf nachgehen müsste ist (erwartungsgemäß) verfehlt. Neben Beruf oder Schule eröffnen sich die Möglichkeiten in „Maßnahmen“ (Kurse) untergebracht zu sein oder ohne Beschäftigung, also arbeitslos zu sein. Dazu die Aussagen von Jugendlichen, der Reihe nach, allesamt aus der Gruppendiskussion mit den Mädchen (Typ 1):
Bianca: „ich gehe in die Schule, ins Ramsauergym. Schau, dass ich durchkomme“ Jasmin: „Ich bin Großhandelskauffrau in der Metro, ich mache eine Lehre.“ Ellena: „…ihr wollt nicht wissen, was ich beruflich mache, oder? Ich geh in Kurs, im BFI.“ Dies soll illustrieren, dass auch bei dieser Gruppe Jugendlicher alle Beschäftigungsformen vertreten sind, doch es „gibt halt schon viele Arbeitslose da“ (Iris). Ein Jugendbetreuer fasst die Situation folgendermaßen zusammen:
Jugendzentrum: „Die meisten sind arbeitslos, oder in Maßnahmen, Kurse. Grundsätzlich machen sie zuerst Hauptschule, dann Lehre oder arbeitslos;“
Bis auf wenige Ausnahmen besuchen diese Jugendlichen keine weiterführende Schule nach Beendigung der Pflichtschule. Hier ist noch anzumerken, dass es viele gibt „ohne Hauptschulabschluss, die auch drauf scheißen“, die Chancen am Arbeitsmarkt sehen für diese Jugendlichen „schon mager aus“ (Jugendzentrum). Ein erheblicher Teil der Auwiesner und Auwiesnerinnen im arbeitsfähigen Alter befindet sich in „Maßnahmen“, eine der Jugendlichen beschreibt dies als „einen Lehrgang, für Psychos, na die sind voll deppat da drinnen, da geht’s um gar nichts“ (Ellena). Dies soll nicht in einer Bewertung des Angebots an Maßnahmen verschiedener Bildungseinrichtungen ausarten, doch auf diesem Weg wird ein Teil der (eigentlich) Arbeitslosen aus den staatlichen Statistiken getilgt. Tatsache bleibt, dass viele der Jugendlichen, welche die Öffentlichkeit Auwiesens prägen (Typ1), mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sind, dies waren, oder möglicherweise sein werden.
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Dies kann als Beleg dafür gewertet werden, dass jene, die „zuerst Hauptschule“ machen, bzgl. ihrer Zukunftschancen anderen gegenüber benachteiligt sind und ein berufliches Scheitern vorprogrammiert ist (vgl. Kap. 7.7.2.). Eines der befragten Mädchen spricht dabei aus Erfahrung: „Ich finde überhaupt keine Lehre, die haben mich bis jetzt überall abgelehnt“ (Maria);
Ein anderes Bild ergibt sich bei jenen Jugendlichen, die zwar den öffentlichen Raum nutzen, sich aber Auwiesen nicht verpflichtet fühlen (Typ2). Wie bereits besprochen, stehen diese Burschen und Mädchen in Bindungen, welche sie in gewisser Weise aus Auwiesen herausführen. Die bevorzugte Möglichkeit dazu ist das Erlernen eines Berufs. Ein Jugendlicher (Typ2) beschreibt seine Situation wie folgt: I: „Wie kann ich mir das vorstellen? Seid ihr nur hier im JUZ?“ Marian: „Nein. Also jeder von uns geht arbeiten.“ ein paar Zeilen weiter: Marian: „Installateur bin ich.“
Der Großteil dieser Jugendlichen geht also einem Beruf nach, meist einem Lehrberuf. Im Unterschied zu den oben beschriebenen Jugendlichen (Typ1), besuchten die meisten keine der nahe gelegenen Sprengelschulen (z.B. HS10), denn da sollte man „die Jugendlichen nicht hinschicken“ (Marian). Diese jungen Auwiesner und Auwiesnerinnen verbrachten ihre Schulzeit in „auswärtigen“ Schulen, welche sie besser auf das zukünftige Erwerbsleben vorbereiteten und darauf einstimmten. Ein Jugendlicher (Typ2) berichtet aus seiner Schulzeit: „Ich war nie so der Typ, der viel lernt, die Fächer die wichtig waren, die hab ich gecheckt, der Rest war mir wurscht“ (Albin). Schule allgemein wird zwar schon positiv bewertet, sie dient jedoch hauptsächlich der Vorbereitung auf den späteren Beruf und stellt somit eine Notwendigkeit dar. Was dies zur Folge hat und wie es sich mit dem Besuch weiterführender höherer Schulen verhält, beschreibt dieser Gesprächsauszug:
Marian: „Ich wäre auch gerne weiter in die Schule gegangen, habe aber gewusst, wenn ich weiter-gehe, bleibe ich einfach nur sitzen, weil es mich nicht lernen freut. Ich hab mir dann einen Beruf gesucht“
Die bevorzugte Zukunftsvariante für diesen Typ Jugendlicher bleibt also eher eine Lehre.
Nun bleibt noch die dritte Gruppe, jene Jugendlichen, welche zu Auwiesen keinen Bezug haben, bis auf ihren Wohnsitz (Typ3). Dass diese höhere Bildung anstreben, wurde bereits erläutert (vgl. Kap.: „Schule & Bildung“). Dies setzt sich nach Vollendung des
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Pflichtschulalters ungebrochen fort. So schildern zwei Mädchen (Typ3) ihre geplante schulische Laufbahn:
I: „Ist das [Bildung, Anm.] für euch wertvoll?“ Sabine: „Es ist sinnvoll, weil ich nachher studieren will.“ I: „Du auch?“ Eva: „Ja“ I: „Was? Wisst ihr es schon?“ Eva: „Spanisch und Englisch auf Lehramt.“ Sabine: „Jus“ und der Plan setzt sich fort:
I: „Euer nächstes Ziel, studieren; Dann? Habt ihr einen Plan?“ Sabine: „Anwältin“ Eva: „Lehrerin , Ja“
Diese Jugendlichen haben einen fertig ausgearbeiteten Plan, in dem Auwiesen nicht vorkommt. Sie entfernen sich von Auwiesen nicht bloß räumlich, sondern auch was den Kontakt zu anderen betrifft:
Jugendzentrum: „Der geht vielleicht in eine HTL, der kommt am Abend heim, macht seine Arbeit und legt sich nieder.“ oder von einer Jugendlichen (Typ3):
Fragebogen: „Ich hab kaum Kontakt zu anderen Jugendlichen in Auwiesen. Mein Freundeskreis bezieht sich großteils auf meine Freunde in der Schule.“ Es kann zusammenfassend davon ausgegangen werden, „die halt Österreicher sind, die gehen halt schon in höhere Schulen“ (Eva). In die höheren Sphären der Bildung gelangen also vorwiegend Jugendliche dieses Typs (primär eine Frage der Schichtzugehörigkeit und nicht von Ethnie, es gehören eben viele Migranten und Migrantinnen bildungsfernen Schichten an) und ihnen steht auch beruflich alles offen.
7.8.2. Der ‚Traum’ vom Beruf
Bisher ging es darum zu klären, wie sich Bildungs- und Berufschancen bei den verschiedenen Gruppen Jugendlicher in Auwiesen gestalten. Wir haben gesehen, dass es jene Jugendlichen, die die Öffentlichkeit prägen (Typ1), am schwierigsten haben. Nun versuchen wir herauszufinden, wieso gerade diese Gruppe eingeschränkte Chancen vorfindet und was die Schwierigkeiten sind, mit denen diese Jugendlichen zu kämpfen haben. Die Befragte des zuständigen „Amts für Jugend und Familie“ kennt deren Probleme:
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Schmidsberger: „Bildungschancen war das eine Stichwort und Berufseinstieg ist das andere Stichwort. Jugendliche, die in einem Stadtteil wie Auwiesen wohnen, auch wenn man das jetzt nicht generalisieren darf, zum Teil große Schwierigkeiten haben einen Beruf zu finden, eine Perspektive haben was will ich denn und was kann ich denn und was ist mir wichtig.“ Eine Streetworkerin bestätigt, „Arbeit ist das Hauptproblem“ für die Jugendlichen, mit denen sie und ihre Einrichtung zu tun haben. Sie fasst zusammen, worum es geht: Streetworke: „…arbeiten können, arbeiten wollen, Arbeit suchen, Arbeit finden, Arbeit durchhalten, also Arbeit und Ausbildung eben.“
Wichtig ist hier die Anmerkung, dass es eben nicht bloß darum geht Arbeit zu „finden“, die Probleme sind vielschichtiger. Das Grundproblem ist: „Was mag ich eigentlich machen. Orientierung“ (Streetworke); Zwei Jugendbetreuerinnen kennen die Situation ihrer Jugendlichen ebenfalls:
Jugendzentrum: „Nein es ist nicht so, dass sie auf die Arbeit scheißen und Gangster werden wollen.“
Jugendzentrum: „Es scheitert eher an der Orientierung.“ Eines der Mädchen aus dieser Gruppe bestätigt:
Lena: „Jeder hat irgendwie vor, dass er gut abschließt, dass er irgendwie was in der Hand hat.“
Die von uns befragte Lehrerin hält dagegen:
Lehrerin: „…sagen 15- jährige. Die haben da keine realistische Vorstellung: „also den ganzen Tag zusammenkehren tu ich nicht“. Aber wenn der Friseur sagt: „Du kehrst jetzt zusammen“, dann kehrt er eben zusammen. Also sie glauben schon, sie können sich das für sich aussuchen, das begreifen sie schwer, dass das nicht möglich ist.“ Die Jugendlichen wollen grundsätzlich einen Beruf, doch was dazu nötig ist, haben sie nicht gelernt. So fehlen ihnen grundlegende Fähigkeiten, die im beruflichen Alltag unerlässlich sind. Was dabei die jungen Auwiesnern und Auwiesnerinnen vermissen, verdeutlicht die nachstehende Expertenmeinung:
Schmidsberger: „…aber auch lernen was notwendig ist um einen Beruf halten zu können. Das fängt an dass ich pünktlich sein muss und dass es einen Chef gibt der mir auch hin und wieder etwas sagt was mir nicht so taugt und ich kann nicht einfach gehen und sagen „vergiss mich“. Also diese ganz einfachen Dinge.“
Dazu gesellen sich noch die bereits mehrfach angesprochenen schulischen Mängel: Jugendzentrum: „Ich meine mit lauter Vierer im Hauptschulzeugnis gibt es keine Lehrberufe. Viele enden dann am 2. Arbeitsmarkt, also in irgendeiner sozialen Einrichtung oder als
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Hilfsarbeiter. Aber nicht, weil sie kein Interesse haben, sondern weil es so schwierig ist wo hineinzukommen.“
Das bestätigt ein Jugendlicher (Typ2), der in einer Lehrausbildung steht, denn „die Leute die sagen, ich finde keine Arbeit, die haben kein Zeugnis, oder sie wollen nicht, das ist das andere“ (Albin).
Besonders schwierig wird es, „wenn du dann noch Ausländer bist, böse gesagt“ (Jugendzentrum). Für diese Gruppe Jugendlicher gehört das berufliche Scheitern zum Alltag und Arbeitslosigkeit, oder die Abschiebung in Maßnahmen sind die häufigen Folgen. Dass den Jugendlichen schon sehr bald die Illusionen genommen werden, verdeutlicht dieses Beispiel:
Maria: „Ich möchte Koch-Kellner machen, aber das gebe ich schon langsam auf. Ich meine, ich hab schon viele Bewerbungen geschrieben, aber bin immer abgelehnt worden, immer aus einem anderen Grund.“ oder allgemein:
Iris: „…aber im Grunde sind sie alle Realisten. Weil einfach schon zu viel Scheiße passiert ist,…. Dass man da noch sagen kann, „ Ja, und das wird super und dann hab ich Geld!“, dass ist,…ja.“
Auf diese Weise „werden ihnen die Träume recht schnell genommen“ (Jugendzentrum), was eine abgesicherte berufliche Zukunft betrifft und „die meisten schauen so irgendwie, dass...“ (Lena). Viele versuchen sich eben mittels Gelegenheits- und Hilfsarbeiterjobs über Wasser zu halten, denn „Irgendeine Arbeit bekommen sie immer. Also da sind sie echt geschickt“ (Jugendzentrum). Welchen Beschäftigungen sie dabei nachgehen, erzählt uns eine Jugendbetreuerin:
Jugendzentrum: „Nein, sie sind da sehr sprunghaft.“
Jugendzentrum: „Wir haben auch Jungs da, die sind seit Jahren Reifenmonteure. Die hackeln im Frühling und im Herbst Vollgas und dann ist eine Ruhe. Bei allen möglichen Firmen.“ Jugendzentrum: „Die wechseln die ständig. Sie haben ja das Bewusstsein: „Mir ist es wurscht, ich finde eh wieder eine Arbeit, ich muss mir nicht alles gefallen lassen, weil ich find eh eine andere““
Eines der Mädchen bringt die Situation, in der sich die Jugendlichen befinden, treffend auf dem Punkt, in dem sie (bzgl. Berufsaussichten) meint: „was kommt, das kommt“ (Ellena). Einen werterer wichtiger Faktor für die schlechten Berufsaussichten stellt Auwiesen und die starke Bindung an den Freundeskreis vor Ort dar. Eine der Jugendlichen erkennt dies und führt aus:
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Iris: „Es gibt halt schon viele Arbeitslose da und ich denk mir mal, wenn man dann einmal einen Beruf hat, dann ist es halt kein gescheiter, weil man doch noch die meiste Zeit bei seinen Freunden ausnützen will.“
In vielen Fällen ist die äußerst starke Gemeinschaft hinderlich bei der Planung einer eigenständigen beruflichen Zukunft, denn die Gruppe bindet an den Ort (das Arbeitsplatzangebot für Jugendliche in Auwiesen ist äußerst beschränkt). Dies würde bedeuten ein Stück von sich und Auwiesen aufzugeben, bei der Suche und bei Antritt eines Berufs, der (beinahe sicher) außerhalb des Stadtteils liegt. Außerdem bedeutet einer geregelten Arbeit nachzugehen einen erheblichen Zeitaufwand, in der Regel mehrere Stunden pro Tag. Diese anderweitig angelegten Stunden, müssten die Jugendlichen an gemeinsamer (Frei)Zeit opfern (Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen den Jugendlichen aus Typ1 und 2: ein Jugendlicher Typ2 erklärt, nach der Arbeit „ist es immer ziemlich spät, also um 6, 7, 8 Uhr treffen wir uns immer. Dann gehen wir meistens nur mehr was trinken“ (Marian)). Doch ein Verzicht auf mit Freunden verbrachte Freizeit ist eventuell nötig, um die Chancen auf ein geregeltes Erwerbsleben zu wahren, falls dies überhaupt angestrebt wird. Doch die meisten möchten, so wie diese Jugendliche, „auf gar keinen Fall von hier weg. Gar nicht und so“ (Anna);
7.8.3. ‚Männliche und weibliche’ Berufe
Wie der Titel bereits nahe legt, gehen wir hier der Frage nach, inwieweit die Jugendlichen in Auwiesen entsprechend ihrer Rollen als Männer und Frauen, ihre schulische, bzw. berufliche Zukunft planen und gestalten. Dieser Abschnitt erscheint an dieser Stelle, weil er die hier diskutierten Inhalte trifft, er fällt aber ebenso unter die Kategorie „Geschlechterverhältnis“ und ist in diesem Zusammenhang zu sehen.
Dabei legen wir erneut das Hauptaugenmerk auf jene Auwiesner und Auwiesnerinnen, die den öffentlichen Raum bevölkern und einen starken Bezug haben (Typ1), da bei ihnen die Unterschiede an deutlichsten ausfallen. Dazu eine erste allgemeine Einschätzung von Expertenseite, die vor allem diese Jugendlichen in ihrem Einflussbereich haben: I: „Unterschiede bzgl. Zukunftsperspektiven Burschen, Mädchen?“ Jugendzentrum: „Ja, schon. Allgemein Mädchen früher dran, merkt man im Verhalten.“
Mit „früher dran“ ist hier nicht die physiologische Entwicklung allgemeint gemeint, sondern die Tatsache, dass sich diese Mädchen zeitiger Gedanken um ihre schulische oder berufliche Zukunft machen als die Burschen (stichhaltige Indizien, weshalb dies der Fall ist, konnten wir
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nicht entdecken, könnte eine allgemeine Tendenz sein, die mit der früheren Entwicklung zu tun hat). Wie dies konkret aussieht, entnehmen wir derselben Quelle: Jugendzentrum: „Wenn einer mit der vierten Klasse Hauptschule fertig ist und du fragst ihn: „Was tust du jetzt, möchtest du dich nicht umschauen, Platz oder willst du was lernen?“. Mädels sagen dann schon: „Ja, mir würde es im Büro taugen, oder ich möchte in die Schule, oder so“, die Burschen: „Wuscht, ich werde sowieso Zuhälter““ bei den Mädchen sieht die Sachlage anders aus:
Jugendzentrum: „Ja, die gehen da im Beruflichen mehr weiter. Dass sie sagen „ich möchte eine Ausbildung machen“. Wir haben auch Mädels, die eine höhere Schule besuchen oder die auch die Matura gemacht haben. Das haben wir bei den Buben nicht wirklich.“
Die Unterschiede sind eklatant. Während die Burschen „von Play-Station-Spielen und hialn6 8 F 69 . Dealer, bitches und so weiter“ (Jugendzentrum), träumen, streben die Mädchen sowohl nach höherer Bildung als auch nach beruflicher Absicherung. Eine mögliche Interpretation dessen, warum die Burschen eine derart überspitzte (offensichtlich unrealistische) Gesinnung zeigen, wäre, dass sie damit von ihren eigentlichen Zukunftsängsten und einer unsicheren Zukunft ablenken wollen, um den Schein der Unverwundbarkeit nach außen hin und für sich selbst zu wahren. Die Mädchen teilen diese Angst, sie gehen jedoch darauf zu und stellen sich dieser. Beide agieren hier gemäß der gesellschaftlich zugedachten Rollen als Männer und Frauen mit den typischen Eigenschaften, mit Schwächen und Ängsten umzugehen. Einer der Burschen aus der HipHop-Crew erklärt, worum es den meisten bei der Zukunftsplanung geht:
Marco: „Also jetzt einmal noch drei Jahre von Assozialenamt, vom AMS, ja. Ich glaube, es hat von uns jetzt da jeder zu 99% den Traum fett Kariere zu machen mit der Musik. Es geht nicht um das Geld, es geht nur um den fame“.
Wir wünschen es ihnen, doch der Weg zum Ruhm wird steinig sein. Es ist zwar, entgegen der Darstellungen mancher männlicher Jugendlicher, „nicht so, dass sie auf die Arbeit scheißen und Gangster werden wollen“, doch viele werden ihre berufliche Zukunft „in irgendeiner sozialen Einrichtung oder als Hilfsarbeiter“ (Jugendzentrum) fristen.
Anschließend wollen wir uns den konkreten, beruflichen Wünschen und Träumen der Burschen und Mädchen zuwenden: I: „Wünsche und Berufsträume?“
Lehrerin: „Also bei den Mädchen ist das alles was zu tun hat mit Verkauf, Kosmetiker, Douglas oder Bipa. […] Oder Verkauf von Kleidung, in der 4. da bewerben sie sich von
69 Wasserpfeife rauchen; oft in Verbindung mit dem Konsum von Haschisch oder Marihuana
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H&M bis C&A. So Fleisch oder so, wie beim Spar drüben, das taugt ihnen nicht. Vorwiegend Kosmetik und Kleidung. Und bei den Burschen nach wie vor der Mechaniker, oder Maler. Oder eben Bürokaufmann oder- frau.“ I: „Also ganz klassische Verteilung?“ Lehrerin: „Ja total, ganz so wie es früher war.“
Während es bei den Burschen „schon sehr handwerklich“ zugeht, herrscht bei den Mädchen die gängige Meinung vor: „ich will mich halt nicht dreckig machen“ (Jugendzentrum); Typische Berufe, welche die Mädchen bisher ergriffen haben, sind nach den Informationen einer Jugendbetreuerin, folgende:
Jugendzentrum: „Die eine ist Stewardess worden, die andere Zahnarzttechnikerin. Die haben schon andere Berufe. Dann Altenbetreuerin, Callcenter.“
Neben der (geschlechtspezifischen) unterschiedlichen Bereitschaft Verantwortung für die berufliche Zukunft zu übernehmen, unterscheiden sich auch die Vorstellungen diese betreffend. Die Mitarbeiterin eines Jugendzentrums formuliert, sehr treffend, was das für die Mädchen in ihrem Einflussbereich bedeutet:
Jugendzentrum: „Ja das ist dann wieder ins Klassische hinein. Obwohl sie trotzdem nicht traditionell sind. Ich würde sie nicht als Hausmütterchen, jetzt böse gesagt, einstufen“ Die Burschen tendieren zu Handwerksberufen, wie „Mechaniker, oder Maler“ (Lehrerin), bei deren Ausübung der Einsatz von (erhöhter) körperlicher Kraft nötig ist. Dem gegenüber stehen die Mädchen, (natürlich) mit vergleichbar geringerer Körperkraft ausgestattet, welche Berufe anstreben bzw. auswählen, die eher mit Eleganz und Schönheit zu tun haben und einer geringeren körperlichen Anstrengung bedürfen. So gibt eines der jungen Mädchen bzgl. ihrer Berufswünsche an: „ich hab seit Kindheit, also ich und meine Schwester haben immer gesagt: „Wir möchten Friseurin werden“ (Anna). Dies entspricht der klassischen beruflichen Ausrichtung der Jugendlichen, beider Geschlechter.
Nehmen wir nun zum Vergleich die Mädchen und Burschen, die keinen Bezug zu Auwiesen haben (Typ3), so erhalten wir eine starke Abweichung vom oben gezeichneten Bild. Diese Jugendlichen kommen aus mittleren bis oberen Schichten, in welchen die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zusehends verschwimmen (allgemeine Tendenz), was deren Berufswünsche und Aussichten betrifft. So stehen Frauen/Mädchen aus diesem Bereich mittlerweile beinahe die gleichen Möglichkeiten (auf Grund gleicher Bildungschancen) offen, wie deren männlichen Kontrahenten. Die Kategorien Kraft und Schönheit, welche zuvor die zentralen Unter-scheidungsmerkmale waren, treten in den Hintergrund (Wertverschiebung).
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8. Zentrale Ergebnisse
(Kapl/Schuld/Schwarz)
In diesem abschließenden Abschnitt stellen wir nochmals die zentralen Ergebnisse dar. Diese Zusammenfassung bezieht sich vorwiegend auf die raumbezogenen Dimensionen. Die grundlegenden Einflussfaktoren (Alter, Geschlecht, Ethnizität, Bildungsniveau, Schicht) werden nicht gesondert betrachtet. Diesbezüglich verweisen wir auf die Zusammenfassungen am Ende der jeweiligen Kapitel im qualitativen Teil.
8.1 Nutzung des Stadtteils
Ca. die Hälfte der Jugendlichen nutzen den öffentlichen Raum in Auwiesen. Die Nutzung hängt im wesentlichem von Geschlecht, Alter, Bildungsniveau und von der Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur ab. Weibliche Jugendliche nützen den öffentlichen Raum weniger. Ältere und höher gebildete Jugendliche nutzen den öffentlichen Raum in Auwiesen ebenso in geringerem Maße. Angehörige der HipHop-Kultur und der Skateboardkultur nützen den Raum stärker.
Betrachtet man den öffentlichen Raum in Auwiesen vor Ort, entsteht der Eindruck, dass der Stadtteil von Jugendlichen ausländischer Herkunft dominiert wird. Die quantitative Analyse ergab, dass Migranten und Migrantinnen die Öffentlichkeit Auwiesens zwar stärker nutzen als die einheimischen Jugendlichen, jedoch nicht in dem von uns vermuteten Ausmaß, da sich bloß schwache Zusammenhänge ergaben. Die Auswertung der Interviews bestätigte allerdings den zuvor gewonnenen Eindruck. Viele der Jugendlichen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, wohnen nicht in Auwiesen, verbringen aber einen Großteil ihrer (Frei-) Zeit dort. Diese Verzerrung konnte quantitativ nicht erfasst werden.
8.2 Zufriedenheit mit dem Stadtteil
Zwei Drittel der jungen Auwiesnerinnen und Auwiesner sind mit dem Leben in ihrem Stadtteil im Großen und Ganzen zufrieden. Dies ist insofern erstaunlich, da sich der schlechte Ruf Auwiesens somit nicht negativ auf die Zufriedenheit auswirkt. Direkte Einflussgrößen, die sich positiv auf die Zufriedenheit auswirken, sind die Nutzung des öffentlichen Raumes, die Stadtteilgebundenheit und die Zugehörigkeit zur Jugendkultur der Skater. Dabei ist
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allerdings zu unterscheiden, worauf sich die Zufriedenheit bezieht. Dies kann einerseits die Umgebung, die infrastrukturellen Angebote, die Wohnbevölkerung und andererseits die allgemeine Zufriedenheit betreffen.
8.3 Identifikation mit dem Stadtteil
Wiederum zwei Drittel der Jugendlichen identifizieren sich mit Auwiesen. Die Zugehörigkeit zur HipHop-Jugendkultur und die Nutzung des Stadtteils wirken sich positiv auf die Identifikation mit demselben aus. Ein hohes Bildungsniveau erschwert die Identifikation. Jene, die sich mit dem Quartier identifizieren, sind gleichzeitig zufriedener damit und der Ruf spielt für diese Gruppe eine größere Rolle.
8.4 Wahrnehmung des Rufs
An Auwiesen haftet ein schlechter Ruf. Der Umgang und die Wahrnehmung des Rufs seitens der Jugendlichen ist jedoch unterschiedlich. Allgemein nehmen die Jugendlichen den Ruf als schlecht wahr, er wird allerdings als überzeichnet empfunden. Jugendliche, welche eine höhere Schule besuchen, werden häufiger mit dem Ruf des Stadtteils konfrontiert und sehen diesen als gerechtfertigter an. Für Wohnungsgebundene Jugendliche und Punks ist der Ruf ebenfalls gerechtfertigter. Angehörige der HipHop-Kultur ist der Ruf bekannt und sind eher der Ansicht, dass er ungerechtfertigter ist. Eine Benachteiligung in Schule und Beruf, aufgrund des Rufs des Stadtteils, konnte kaum festgestellt werden. Dennoch wird die Herkunft in Schule und Beruf thematisiert. Die Ursachen des Rufs werden von den Jugendlichen unterschiedlich begründet. Für jene Jugendlichen, die den Stadtteil gestalten und nützen, liegt die Ursache des Rufs in der Vergangenheit. Anfang bis Mitte der Neunziger entstand, aufgrund diverser Vorfälle mit Jugendlichen im öffentlichen Raum von Auwiesen, ein negatives Image. Diese Jugendlichen kennen im Vergleich dazu die Lage von heute und wissen, dass der Ruf nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Diejenigen, die Auwiesen nicht nützen, gaben an, dass der Ruf die heutigen Verhältnisse widerspiegelt.
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8.5 Verhältnis zu den Erwachsenen
Das Verhältnis zu den Erwachsenen ist für die Jugendlichen im Großen und Ganzen gut, dennoch sind viele Jugendlichen der Ansicht, dass Erwachsenen häufig wegen Kleinigkeiten Stress machen. Die Auseinandersetzungen sind meistens nicht sehr gravierend und die Ursachen sind meistens „Kleinigkeiten“ wie z.B. die Lautstärke ihrer Freizeitaktivitäten. Bei diesen Erwachsenen handelt es sich vorwiegend um ältere Menschen, welche häufiger Bereit sind die Polizei zu verständigen, obwohl es sich in den seltensten Fällen um strafrechtlich relevante Delikte handelt. Jene Jugendlichen, die ihre Freizeit vorwiegend in Auwiesen verbringen, haben ein besseres Verhältnis zu den Erwachsenen und fühlen sich auch von ihnen verstanden. Eine Ausnahme bilden jene Jugendlichen, die Teil einer Jugendkultur sind. Diese Jugendlichen verbringen ihre Freizeit ebenfalls vermehrt in Auwiesen, haben aber mehr Konflikte mit den Erwachsenen. Die Dauer des Wohnens in Auwiesen hat keinen Einfluss auf das Verhältnis. D.h., dass jene Jugendlichen, die schon länger in Auwiesen wohnen, kein besseres oder schlechteres Verhältnis zu den Erwachsenen (und der Wohnbevölkerung im Allgemeinen) haben.
8.6 Wahrnehmung von Disorder
Die Jugendlichen von Auwiesen nehmen Streitigkeiten zwischen den Jugendlichen, Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit und Gewalt am häufigsten wahr. Weiteres werden noch Vandalismus und Streit mit Erwachsenen häufig beobachtet. Drogen und Drogenhandel werden weniger häufig wahrgenommen. Jugendliche die sich zu einer Jugendkultur zugehörig fühlen, nehmen allgemein mehr von Disordermerkmalen Notiz, ebenso wie jene Jugendlichen, die ihre Freizeit eher in Auwiesen verbringen. Wohnungsgebundene nehmen allgemein weniger davon Notiz. Jene Jugendlichen mit einem starken Bezug zu Auwiesen betonen, dass solche Delikte (im Vergleich zu früher) stark zurückgegangen sind und Auwiesen sich bezüglich derartige Vorfälle nicht von anderen Stadtteilen unterscheidet. Dies wird ebenso von der Polizei bestätigt. Zwar sind viele Jugendlichen der Polizei bekannt, jedoch ist der Anteil der straffällig gewordenen Jugendlichen klein.
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8.7 Ausblick
In diesem Kapitel soll noch kurz erläutert werden, was diese Arbeit nicht leisten konnte und was weiterführende Anknüpfungspunkte wären.
Als erstes könnte eine tiefgreifendere Verknüpfung der qualitativen und quantitativen Ergebnisse angestrebt werden. Grundsätzlich ist ein „Methodenmix“ sinnvoll, da sich beide Methoden gegenseitig ergänzen und ein umfassenderes Verständnis des
Forschungsgegenstandes liefern. Das von uns angewandte Untersuchungsdesign ist insofern empfehlenswert, als es einerseits in Fällen angewandt werden kann, in denen wenig Informationen über die Grundgesamtheit zur Verfügung stehen. Andererseits ist es auch auf andere Stadtteile anwendbar. Die Ergebnisse unserer Studie würden an Bedeutung und Aussagekraft gewinnen, wenn empirische Vergleiche mit anderen Stadtteilen herangezogen werden könnten.
Weiteres wurden in unserer Arbeit klassische Dimensionen einer Jugendstudie wie z.B. Wertorientierung (Werte bezüglich Familie, Arbeit, Politik, Schule) kaum berücksichtigt. Es wäre interessant, ob die genannten Wertorientierungen einen Raumbezug aufweisen.
Wir haben lediglich die Sichtweise der Jugendlichen erhoben, wobei die Perspektive der gesamten Bevölkerung spannend wäre.
Eine zentraler raumbezogener Aspekt konnte von uns nicht behandelt werden: Die zeitliche Dimension der Raumaneignung und Abkapselung. In welchem Lebensabschnitt gewinnt der Raum und wann verliert er wieder an Bedeutung?
Für den Stadtteil Auwiesen (aber auch für andere) wäre es erstrebenswert, wenn Ergebnisse unserer Arbeit im Bereich der Stadtplanung berücksichtig werden könnten. Dies setzt jedoch weitere Arbeitsschritte voraus.
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ANHANG
Der Fragebogen (Angaben in %)
1. In den folgenden Fragen geht es um Deine Zufriedenheit mit Auwiesen und mit den Möglichkeiten die Dir in Auwiesen geboten werden. 1.1. Wie gern oder ungern wohnst Du:
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
1.2. Wenn Du jetzt an das Gebiet Auwiesen denkst: Wie zufrieden oder unzufrieden bist Du mit folgenden Dingen? (Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
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2. Die nächsten Fragen betreffen Deine Mobilität und Deine Freizeitgestaltung.
Es geht darum, wie oft Du aus Deiner näheren Umgebung raus kommst und wo du Deine Freizeit in Auwiesen verbringst.
2.1. Wie oft verlässt Du in Deiner Freizeit folgende Orte?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
2.2. Wo befindet sich Deine Schule, Deine Arbeit, Kurseinrichtung (BFI; AMS...)usw.?
(Bitte kreuze nur eine Antwort an)
2.3. Bitte teile uns mit, wie sehr folgende Aussagen auf Dich zutreffen.
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
2.4. Welche der folgendenden Dinge besitzt und nutzt Du?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an. Du kannst auch mehrere Antworten ankreuzen.)
283
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3. In den nächsten Fragen geht es darum, was Auwiesen für Dich bedeutet, wie Du zu Auwiesen stehst und wie Du den Ruf von Auwiesen beurteilst.
3.1. Was hältst Du eigentlich von Auwiesen?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
3.2. Wie beurteilst Du den Ruf von Auwiesen?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
3.3. Wie verhältst Du Dich wenn jemand in Deiner Gegenwart schlecht über Auwiesen
redet/über Auwiesen schimpft?
284
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3.4. Welche Erfahrungen machst Du als Auwiesener in Schule oder Beruf?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
4. In den nächsten Fragen geht es darum, was Du in Deiner Freizeit mit Deinen Freunden/Innen unternimmst.
4.1. Was machst Du hauptsächlich wenn Du Dich mit Deinen Freunden/Innen außerhalb Deiner Wohnung triffst? (Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
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Fehler! Formatvorlage nicht definiert. 4.2. Wo triffst Du Dich am liebsten mit Deinen Freunden/Innen? (Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
4.3. Wie siehst Du die folgenden Aussagen für Dich persönlich? (Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
4.4 Wie sieht Dein engerer Freundeskreis aus?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
286
Fehler! Formatvorlage nicht definiert. 4.5. Wie stehst Du zu folgenden Jugendszenen?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
4.6. Verhältnis zu Erwachsenen: Wie ist Dein Verhältnis zu den Erwachsenen?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
4.7. Welche der folgenden Dinge hast Du in Auwiesen schon gesehen oder nicht gesehen?
(Bitte kreuze in jeder Zeile entsprechend an.)
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5. Im letzten Abschnitt folgen einige Fragen zu Deiner Person, Deiner Familie und Deiner Wohnsituation. 5.1. Fragen zur Wohnsituation
5.1.1. Wie viele Personen (Dich eingeschlossen) wohnen ständig im gemeinsamen Haushalt? _v511 Es leben Ø = 3,76 modus= 4,00 n = 398 .Std.Abw.: Personen in unserem Haushalt.
5.1.2. Wie lange lebst Du schon in Auwiesen?
_v512 Ich lebe seit ca. . Ø = 11,46 n = 400 .Jahren in Auwiesen.
5.1.3. Wie viel Quadratmeter und wie viele Zimmer hat die Wohnung in der Du lebst?
_v513 Die Wohnung hat ca. Ø = 78,6 n = 378 . Quadratmeter. _v513a Die Wohnung hat Ø = 4,1 modus= 4 n = 392 Zimmer. (ohne Toilette, Bad und Küche)
5.1.4. Wie viel Platz steht Dir persönlich in der Wohnung in der Du lebst zur Verfügung?
(Bitte kreuze nur eine Antwort an.)
5.1.5. Wenn Du kein eigenes Zimmer hast, mit wie vielen Menschen teilst Du ein Zimmer? _v515 Ich teile ein Zimmer mit modus= 0 median = 0 n = 393 Menschen.
5.2. Fragen zur Familie:
5.2.1. Wie viele Geschwister hast Du?
_v521 Ich habe modus= 1 median = 1 ø = 1,44 n = 395 Geschwister.
5.2.2. Welchen höchsten Schulabschluss haben Deine Eltern?
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5.2.3. Welche Berufe haben Deine Eltern erlernt und was sind Ihre derzeitigen Tätigkeiten? (Bitte entsprechend ausfüllen)
5.2.4. Bist Du bzw. sind Deine Eltern in Österreich geboren oder nicht?
5.2.5. Welche Staatsbürgerschaft haben Deine Eltern?
5.2.6. Wie viel Geld steht Deinen Eltern insgesamt pro Monat zur Verfügung? (Bitte kreuze nur eine Antwort an.)
v526
289
Fehler! Formatvorlage nicht definiert. 5.3. Fragen zu Deiner Person
5.3.1. Wie alt bist Du? Ich bin modus= 14 median = 15 ø = 15,07 Std.Abw_ 2,10 n = 403 Jahre alt. _v531 46,8% weiblich 53,2% männlich 5.3.2. Geschlecht: _v532 Ca. ................... Euro 5.3.3. Wie viel Geld steht Dir im Monat ca. zur Verfügung?
_v533
modus= 20 median = 50 ø = 144 ,38 n = 357
5.3.4. Was ist Dein Religionsbekenntnis?
5.3.5.
Gehst Du regelmäßig in Kirche, Moschee usw.?
_v535 5.3.6. Was ist Dein höchster Schulabschluss?
5.3.7. Welche Tätigkeit übst Du derzeit aus?
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5.3.8. Welche Staatsbürgerschaft hast Du?
5.3.9. Welcher Nation oder Volksgruppe fühlst Du Dich zugehörig? (unabhängig von Deiner Staatsbürgerschaft)
v539s
..................................................................................................................... 5.3.10 Welch Sprache wird bei Dir zu Hause gesprochen? v5310 80,5% Deutsch 7,3 % Andere: 11,9% mehrsprachig n = 395
6. Zum Abschluss hast Du die Möglichkeit in eigenen Worten zu beschreiben, was in Auwiesen für Jugendliche besonders gut bzw. besonders schlecht läuft und was für Jugendliche verbessert werden sollte.
Was läuft in Auwiesen für Euch als Jugendliche besonders gut?
............................................................................................................................................................ v6as
Was läuft in Auwiesen für Euch als Jugendliche besonders schlecht?
......................................................................................................................................................................................................... ............................................................................................................... v6bs
Was könnte man für Jugendliche in Auwiesen verbessern?
................................................................................................................................................................ v6cs
7. Wie ist das Leben in Auwiesen so im Großen und Ganzen?
17,2% MigrantInnen 82,8 nicht_migrantInnen
n = 407
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Leitfäden
- Leitfaden Sozialarbeiter
Zu Streetwork allgemein:
Was sind eure Aufgaben, Tätigkeitsbereiche, Einsatzgebiete?
Wie sieht euer Arbeitsalltag aus? (ev. Exemplarisches Bsp.)
Zu Jugendlichen/Auwiesen :
Wie ist es in Auwiesen? Welches Bild habt ihr? (Einschätzung)
Wie würdet ihr die Jugendlichen beschreiben, welche verschiedenen Gruppen gibt es? (Homogenität) Verschiedenen Jugendkulturen? Migranten? (auch 2. Generation) Mit welchen habt ihr am häufigsten zu tun? (Probleme) Ev. Einzelne? Was sind die Probleme? Ursachen? (Einschätzung) Ruf? Wie seht ihr das? Woher? Gerechtfertigt? Vergleich zu anderen Stadtteilen? Rivalitäten?
Mädchen - Burschen? Rollenbilder, Probleme im Umgang miteinander, verschiedene Ansätze bei der Arbeit?
- Leitfaden - GWG
Zuerst grundsätzliches zu GWG:
Könnten sie kurz erläutern, wie die GWG arbeitet?
Aufgaben, Funktion, Ziele, gesetzliche Lage, für ganz Linz einheitliche Regelungen oder stadtteilspezifische Unterschiede, Preis; Wie kommt man zu einer Wohnung? (Allgemein und speziell in Auwiesen) Kriterien, Voraussetzungen;
Zu „Auwiesen“:
Rückblick Entstehung Auwiesen:
Können sie kurz erläuten, wie der Stadtteil Auwiesen entstand?
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Zeitrahmen, Zweck, Planung, Auftraggeber; Wie ist das abgelaufen?
Einschätzung: Wie ist das Leben/Wohnen in Auwiesen, wie zufrieden sind ihre Kunden? (allgemein, Jugendliche)
Was sind die größten Probleme in Auwiesen für sie als Wohnungsgenossenschaft? (häufigste Beschwerden, usw.) Vergleich zu anderen Stadtteilen?
Glauben sie, dass sich Probleme der Menschen aus den speziellen Wohnbedingungen ergeben?
Was sind für sie persönlich die größten Probleme in Auwiesen, abgesehen von der Wohnsituation?
Verhältnis: Bewohner - Genossenschaft; Kommunikation
Wie ist Instandhaltung der Anlagen geregelt? Wartung, Hausmeister, Verfall, Renovierungen, usw. Was läuft gut? z.B.: Warum zieht man nach Auwiesen?
Statistische Daten: Wohnverhältnisse, Eigentums- oder Mietwohnungen, Bevölkerungsdaten, Zu- und Abzug; usw.
- Leitfaden - Polizei
Einstiegsfrage: Ist es schwierig als Polizist in Auwiesen?
Anzeigen, Probleme, Delikte; altersspezifisch, von wem;
Was sind die häufigsten Einsatzbereicht, wo ist der größte Handlungsbedarf der Polizei? Wie laufen Einsätze ab? (Streit, Schwierigkeiten) Wie ist die Auffassung von Seiten der Bevölkerung? Akzeptanz, Wahrnehmung; Effektivität (heikel!)
Was sind die Ursachen der Probleme? Ausländer, Religion, Toleranz, räumliche Probleme, Wohnsituation;
Was wären Lösungsansätze? mehr Polizei, strengere Gesetze; Was funktioniert gut?
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- Leitfaden Gruppendiskussion
1.) knappe Vorstellung des Diskussionsleiters
2.) Thema vorstellen, worum es uns geht: „Es geht uns darum herauszufinden, wie das Leben und das Aufwachsen hier in Auwiesen ist. Wie es euch, den Jugendlichen dabei ergeht. (bereits Fragebogen verteilt, über 400 Auwiesner Jugendliche mitgemacht) 3.) Kurze Vorstellung der Teilnehmer: einzeln, Arbeit, woher ihr kommt, wie lange in Auwiesen, usw.
4.) Hinweis auf: freiwillig, anonym und bitten um Tonbandaufzeichnung; 5.) Eröffnung/Einleitung/Hauptteil: die ganze Gruppe ansprechen
- „Also, wie kommen wir zu dem Ganzen? Wir sind alle drei nicht aus Linz, kennen aber Auwiesen über einen gewissen Ruf.“
FB: mehr als die Hälfte sagen, Auwiesen hat keinen guten Ruf; Was sagt ihr dazu? FB: über 2/3 sagen „ich bin ein Auweisener“; Was bedeutet es Auwiesner zu sein? FB: mehr als 2/3 wohnen gerne in Auwiesen; Wohnt ihr gerne hier, warum?
- Verhältnis der Jugendlichen untereinander:
FB: die meisten fühlen sich der Hip-Hop Szene zugehörig; Wie sieht es bei euch aus,
welche Gruppen gibt es noch, Unterschiede Mädchen - Burschen?
Clique/Freundeskreis:
seid ihr eine Clique, was macht ihr so im Alltag, Zusammenhalt, was verbindet euch, was bedeutet sie euch, gegenseitige Unterstützung, Unterscheidung Mädchen - Burschen?
Verhältnis zu anderen:
FB: viele Erwachsene machen sofort Stress wegen Kleinigkeiten; Wie ist euer Verhältnis zu den Erwachsenen hier? Nachbarschaft?
Probleme: Sachbeschädigung, Lärm, Schlägerein kommen häufig vor; Welche Erfahrungen habt ihr damit, was könnt ihr dazu sagen? Erfahrungen mit der Polizei?
- Ethnie/ Ausländerthematik:
FB: ca. 20% der Jugendlichen sind nicht österreichischer Herkunft, also Migranten; Aber wenn ich hier schaue, hier sind eher 20% Österreicher...? Wo sind die Österreicher?
Wie sieht das Verhältnis Österreicher - Nicht- Österreicher bei euch aus? Gibt es dadurch Probleme? Toleranz?
Habt ihr Erfahrungen mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit? Wie reagiert ihr Darauf, wie geht ihr damit um?
- Zukunft und berufliche Perspektiven
Teilnehmer sind in im Alter, wo es um Berufseinstieg oder berufliche Ausbildung geht. Was habt ihr für berufliche Pläne, was wollt ihr später machen?
294
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Zukunft allgemein: Wie seht ihr eure Zukunft, was ist euch wichtig, was sind Ziele, aber auch Wünsche/Träume? Wo seht ihr euch in 5 Jahren?
6.) Möglichkeiten auf Diskussionsbeiträge einzugehen:
- nachfragen, wie es gemeint war
- in Frage stellen
- paraphrasieren, mit eigenen Worten wiederholen
- eine Interpretation liefern, um zum Widerspruch zu provozieren
- rekapitulieren
- Konsequenz andeuten oder aufzeigen 7.) Fragen und Nachfragen:
Kein Eingreifen in die Redebeiträge, erst nach „Erlöschen“ des Gesprächs, allerdings nicht mit Gesprächspause „Lücke“ verwechseln (Nachdenkpause,...);
detailiertes Nachfragen: Beschreibungen, Erzählungen und Erlebnisse („Könnt ihr einmal erzählen, was ihr damals erlebt habt, als...“)
- Leitfaden Jugendliche
1.) Einleitung, Einstieg ins Gespräch:
Einstiegsfrage: Wenn du zurückdenkst an deine Kindheit und das Aufwachsen hier in Auwiesen, wie hast du das erlebt? (von damals an bis jetzt); So geben wir einen Erzählimpuls und die Befragten sollen einmal „drauf los“ reden. Danach wollen wir folgende Dimensionen genauer aufragen (falls noch nicht angesprochen):
1.) Bewertung und Deutung des Stadtteils Auwiesen
- wohnt ihr gerne hier?
- „wir“ Auwiesner, was macht es aus, was ist besonders (Selbstbild), Stolz?
- Ruf: wie sieht er aus, woher, gerechtfertigt wie gehen die Jgdl. Damit um?
- Was grenzt zu z.B. Urfahr ab, Unterschiede?
- Wie werden die „Auwiesner“ woanders wahrgenommen, außerhalb
- Mobilität wollen, können sie heraus, hat Auwiesen „alles“ zu bieten
2.) Zugehörigkeit und Freundschaft:
Diese Dimension soll stark in Richtung Jugend und die Beziehung zu den jeweiligen Jugendkulturen umfassen. Dadurch soll, unserem Expose entsprechend, der Blick auf die Identitätsstiftung gerichtet werden. Weiters sollen hier geschlechtspezifische Unterscheidungen, sowie Gemeinsamkeiten angesprochen werden.
- Hilfe und Unterstützung/Zusammenhalt (Ärger daheim,...)
- Kommunikation und Vertrauen, was bedeutet Freundschaft?
- die Clique (als 2. Familie)
- teilen und abgeben (schnorren, gemeinsam Freizeit,...)
- Halt und Orientierung (Schutz und Kontrolle)
- Identitätsstiftung: Abgrenzung zu anderen sinnstiftend, Werte und Normen?
295
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- Annerkennung und Wertschätzung
- Verantwortung
- Respekt und Hierarchie
3.) Außenbeziehungen:
Damit sind die Regeln gemeint, die innerhalb der jeweiligen Gruppe herrschen und das Verhalten der Mitglieder beeinflussen. Es soll hauptsächlich um informelle Regelungen gehen, die unter den Jugendlichen gelten, auch im Bezug zu Subkulturen.
- informelle Regeln von Jugendlichen ausarbeiten Cliquenspezifisch;
- soziale Kontakte: Nachbarschaft, Verhältnis zu Älteren, Anonymität;
- Konflikte, Diskriminierung, Polizei
- Norm- und Regelverletzungen Legitimierung?
- Langeweile, kein Geld was machen den ganzen Tag?
- woher Geld zum Leben, Probleme, Lösungsansätze?
- Drogen, Alkohol, Kriminalität allg. abweichendes Verhalten Legitimierung
- Konflikt zu Regeln von Erwachsenen nicht nur im Hinblick auf Strafrecht?
4.) Ethnie, Aus- und Inländer, Religion
- Verhältnis Aus/Inländer Konflikte/Abgrenzung
- Umgang miteinander Korrektheit, Akzeptanz und Toleranz?
- Wahrnehmung: 15% Ausländer Raumnutzung, wo sind die Österreicher? Dominanz?
- Religion: Wie stark gelebt, untersch. Konfessionen? Verständnis (Gebräuche)?
- Unterscheidung Aus/Inländer verschwimmt (Freundeskreis) andere Unterscheidung (soziale Lage vereint)?
- Erfahrungen und Reaktionen auf Rassismus und Ausländerfeindlichkeit
- Sprachbarrieren
- Muslimische Anlaufstellen: Moschee Vereine usw.
5.) Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht:
- Frauen- und Männerbilder
- Sexismus und Dominanz
- Raumnutzung und Verhalten im Alltag: Stichwort: Wo sind die Mädchen?
- Gibt es weibliche Jugendkulturen oder sind sie stärker in Familie eingebunden?
- Zusammenhalt und Kontakte (wie, wie stark und wie oft)?
- geteilte/unterschiedliche Wert- und Normvorstellungen
6.) Schule und Bildung:
Da sich aus dem Fragebogen interessante Ergebnisse diesbezüglich ergeben haben, nehmen wie das als eigenen Dimension heraus.
- identitätsstiftende Instanz?
- Schule und Ethnie
- Schule und Lernen: Sinnhaftigkeit, Bildung als Wert
- Zusammenhang mit Alltagskultur
- Schulische Segregation wie wirkt diese auf den Alltag inwieweit konstitutiv für Alltag
- Welche Schulen besuchen inländische Auwiesener Jugendliche?
296
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7.) Zukunftsorientierung und berufliche Perspektiven
- Berufsorientierung und Ausbildung: Hürden, Perspektiven, Chancen
- Träume, Wünsche und Ziele Zukunftsvorstellungen
- Erfahrungen am Arbeitsmarkt (Arbeitslosigkeit, Arbeit als Wert, alternative Möglichkeiten)
- Maßnahmen: Kurse und Weiterbildung
- Ausdauer und Geduld, Schule oder Arbeit „halten“
297
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Verzeichnis der Abbildungen
Abbildung 1: Sozialer Raum 2 0 7 H 14
Abbildung 2: Verbotsschild 1 2 0 8 H 43
Abbildung 3: Verbotsschild 2 2 0 9 H 43
Abbildung 4: Verbotsschild 2 1 0 H 43
Abbildung 5: Grundlegendes quantitatives Analyse- und Auswertungsschema 2 1 1 H 70
Abbildung 6: Schichtindex 2 1 2 H 76
Abbildung 7: Mobiltätsfaktoren 2 1 3 H 80
Abbildung 8: Zentrale erklärende demographische Variablen 87
Abbildung 9: Staatsbürgerschaft Eltern 2 1 4 H 88
Abbildung 10: Bildungsniveau: höchste derzeitige bzw. höchste abgeschlossene Ausbildung 2 1 5 H 91
Abbildung 11: Bildungsniveau in Abhängigkeit vom Alter: 2 1 6 H 91
Abbildung 12: Verfügbarer Platz 2 1 7 H 99
Abbildung 13: Personen pro Haushalt 2 1 8 H 99
Abbildung 14: Wohnraumindex 2 1 9 H 99
Abbildung 15: Zugehörigkeit zu Jugendkulturen 2 2 0 H 105
Abbildung 16: Funktionsbestimmte Mobilität: 2 2 1 H 109
Abbildung 17: Wohnungsgebunden 2 2 2 H 110
Abbildung 18: Signifikante Einflussfaktoren auf die Stadtteilgebundenheit 2 2 3 H 111
Abbildung 19: Ausmaß der Stadtteilnutzung 2 2 4 H 114
Abbildung 20: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (zeilenweise prozentuiert) 2 2 5 H 122
Abbildung 21: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (spaltenweise prozentuiert) 2 2 6 H 122
Abbildung 22: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Alter 2 2 7 H 123
Abbildung 23: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen: 2 2 8 H 124
Abbildung 24: Regressionsmodell zur Nutzung des öffentlichen Raums 2 2 9 H 125
Abbildung 25: Direkte Einflussfaktoren für die Nutzung des öffentlichen Raums von Auwiesen 2 3 0 H 126
Abbildung 26: Zufriedenheit „Smilies“ 2 3 1 H 128
Abbildung 27: Allgemeine Zufriedenheit mit Auwiesen 2 3 2 H 128
Abbildung 28: Lineare Regressionsanalyse zur Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem Stadtteil 2 3 3 H 138
Abbildung 29: Direkte Einflussfaktoren auf die Zufriedenheit: 2 3 4 H 139
Abbildung 30: Wohl fühlen trotz schlechter Nachrede 2 3 5 H 141
Abbildung 31: Ich bin ein/e Auwiesener/In 2 3 6 H 141
Abbildung 32: Verhalten bei negativen Aussagen über Auwiesen 2 3 7 H 148
Abbildung 33: Einflüsse auf Identifikation 2 3 8 H 152
Abbildung 34: Wahrnehmung der Erwachsenen 2 3 9 H 162
Abbildung 35: Wahrnehmung von Disorder 2 4 0 H 167
Abbildung 36: Übersicht HipHoperInnen 2 4 1 H 173
Verzeichnis der Tabellen
Tabelle 1: Indexwerte Schicht 2 4 2 H 76
Tabelle 2: Schicht-Indexzusammensetzung 2 4 3 H 77
Tabelle 3: Wohnraumindex 2 4 4 H 78
Tabelle 4: Indexwerte Wohnraum 2 4 5 H 78
Tabelle 5: Indexzusammensetzung Wohnraum 2 4 6 H 78
Tabelle 6: Rotated Component Matrix Mobilität 2 4 7 H 80
Tabelle 7: Wahrnehmung des Rufs 2 4 8 H 81
Tabelle 8: Wahrnehmung von Disorder 2 4 9 H 82
Tabelle 9: Abgeschlossene bzw. derzeitige schulische Tätigkeit 2 5 0 H 89
Tabelle 10: Derzeitige schulische bzw. berufliche Tätigkeit 2 5 1 H 90
Tabelle 11: Schichtzugehörigkeit 2 5 2 H 92
Tabelle 12: Zusammenhänge der zentralen raumunabhängigen Variablen 2 5 3 H 93
Tabelle 13: Grad der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen 2 5 4 H 103
Tabelle 14: Zusammenhänge zwischen HipHop und zentralen erklärende Variablen 2 5 5 H 106
Tabelle 15: Zusammenhänge zwischen SkaterInnen und der zentralen erklärenden Variablen 2 5 6 H 107
Tabelle 16: Zusammenhänge zwischen Punks und zentralen erklärende Variablen 2 5 7 H 107
Tabelle 17: fast alle meine Freunde verbringen ihre Freizeit in Auwiesen: 2 5 8 H 108
Tabelle 18: Stadtteilgebunden 2 5 9 H 111
Tabelle 19: Stadtteilungebunde 2 6 0 H 112
298
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Tabelle 20: Freizeit in Linz-Süd 2 6 1 H 112
Tabelle 21: Ausmaß der Stadtteilnutzung 2 6 2 H 114
Tabelle 22: Wo triffst Du Dich am liebsten mit Deinen Freunden/Innen? 2 6 3 H 114
Tabelle 23: Bivariate Einflüsse des Alters auf Stadtteilnutzung: 2 6 4 H 115
Tabelle 24: Bivariate Einflüsse des Geschlechts auf Stadtteilnutzung 2 6 5 H 116
Tabelle 25: Faktorenanalyse: öffentliche Treffpunkte 2 6 6 H 116
Tabelle 26: Bivariate Einflüsse der Ethnizität auf Stadtteilnutzung 2 6 7 H 117
Tabelle 27: Bivariate Einflüsse des Bildungsniveaus auf Stadtteilnutzung: 2 6 8 H 118
Tabelle 28: Bivariate Einflüsse des Schichtniveaus auf Stadtteilnutzung 2 6 9 H 118
Tabelle 29: Bivariate Einflüsse der Jugendkulturen auf Stadtteilnutzung 2 7 0 H 119
Tabelle 30: Bivariate Einflüsse von HipHop auf Stadtteilnutzung 2 7 1 H 119
Tabelle 31: Bivariate Einflüsse von Skater und Punks auf Stadtteilnutzung 2 7 2 H 120
Tabelle 32: Bivariate Einflüsse der Stadtteilgebundenheit auf Stadtteilnutzung 2 7 3 H 120
Tabelle 33: Bivariate Einflüsse der Wohnungsgebundenheit auf Stadtteilnutzung 2 7 4 H 121
Tabelle 34: Bivariate Einflüsse der funktionsbestimmten Mobilität auf Stadtteilnutzung 2 7 5 H 121
Tabelle 35: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (zeilenweise prozentuiert) 2 7 6 H 122
Tabelle 36: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Geschlecht (spaltenweise prozentuiert) 2 7 7 H 122
Tabelle 37: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit vom Alter 2 7 8 H 123
Tabelle 38: Nutzung des öffentlichen Raums in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu Jugendkulturen: 2 7 9 H 124
Tabelle 39: Bivariate Zusammenhänge mit der Stadteilnutzung 2 8 0 H 124
Tabelle 40: Direkte Einflussfaktoren für die Nutzung des öffentlichen Raums von Auwiesen 2 8 1 H 126
Tabelle 41: Zufriedenheit mit der Umgebung 2 8 2 H 129
Tabelle 42: Zufriedenheit mit der Infrastruktur und der Wohnbevölkerung 2 8 3 H 130
Tabelle 43: Zusammenhänge der zentralen erklärenden Variablen mit Zufriedenheit 2 8 4 H 131
Tabelle 44: Einfluss der Jugendkulturen auf die Zufriedenheit: 2 8 5 H 132
Tabelle 45: Einfluss der Stadtteilgebundenheit auf die Zufriedenheit: 2 8 6 H 133
Tabelle 46: Einfluss der funktionsbestimmten Mobilität auf die Zufriedenheit 2 8 7 H 133
Tabelle 47: Einfluss der zentralen Variablen auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur 2 8 8 H 134
Tabelle 48: Einfluss der Jugendkulturen auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur 2 8 9 H 136
Tabelle 49: Einfluss der Stadtteilgebundenheit auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur 2 9 0 H 137
Tabelle 50: Einfluss der Wohnungsgebundenheit auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur 2 9 1 H 137
Tabelle 51: Einfluss der funktionsbestimmten Mobilität auf die Zufriedenheit mit der Infrastruktur 2 9 2 H 138
Tabelle 52: Identifikation mit dem Stadtteil 2 9 3 H 140
Tabelle 53: Wohl fühlen trotz schlechter Nachrede 2 9 4 H 141
Tabelle 54: Ich bin ein/e Auwiesener/In 2 9 5 H 141
Tabelle 55: Einflüsse des Alters auf die Identifikation 2 9 6 H 143
Tabelle 56: Einflüsse des Bildungsniveaus auf die Identifikation 2 9 7 H 144
Tabelle 57: Einflüsse der Schicht auf die Identifikation 2 9 8 H 144
Tabelle 58: Einflüsse der Jugendkulturen auf Identifikation 2 9 9 H 145
Tabelle 59: Einfluss von HipHop auf Identifikation 3 0 0 H 146
Tabelle 60: Einfluss von Punk auf Identifikation 3 0 1 H 147
Tabelle 61: Einflüsse der Stadtteilgebundenheit auf Identifikation 3 0 2 H 147
Tabelle 62: Einfluss der funktionsbestimmten Mobilität auf Identifikation 3 0 3 H 148
Tabelle 63: Verhalten bei negativen Aussagen über Auwiesen 3 0 4 H 148
Tabelle 64: Einflüsse der zentralen Variablen auf die Reaktion wenn über Auwiesen geschimpft wird 3 0 5 H 149
Tabelle 65: Einfluss von Jugendkulturen auf die Reaktion 3 0 6 H 149
Tabelle 66: Einfluss der Stadtteilgebundenheit auf die Reaktion: 3 0 7 H 150
Tabelle 67: Faktorladungen Identifikation 3 0 8 H 151
Tabelle 68: Rufwahrnehmung 3 0 9 H 154
Tabelle 69: Rufbezogene Erfahrungen in Schule und Beruf: 3 1 0 H 155
Tabelle 70: Zusammenhänge Zentrale Variablen und Ruf 3 1 1 H 156
Tabelle 71: Zusammenhange Zentrale Var/Auswirkungen des Rufs 3 1 2 H 156
Tabelle 72: Bivariate Einflüsse der Jugendkulturen auf den Ruf 3 1 3 H 157
Tabelle 73: Bivariate Einflüsse der Jugendkultur auf Ruferfahrungen. 3 1 4 H 157
Tabelle 74: Bivariate Einflüsse von Mobilität auf den Ruf 3 1 5 H 158
Tabelle 75: Bivariate Einflüsse von Mobilität auf die Ruferfahrungen 3 1 6 H 158
Tabelle 76: Einfluss von Jugendkulturen und Mobilität auf das Verhältnis zu den Erwachsenen 3 1 7 H 163
Tabelle 77: Einfluss der Zentralen Variablen auf Disorderwahrnehmung 3 1 8 H 168
Tabelle 78: Einfluss von Mobilität auf Wahrnehmung von Disorder 3 1 9 H 168
Tabelle 79: Einfluss von Jugendkulturen auf die Wahrnehmung von Disorder 3 2 0 H 169
Tabelle 80: Übersicht HipHop 3 2 1 H 172
Tabelle 81: Einfluss von HipHop auf Wahrnehmung und Einstellung 3 2 2 H 174
299
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Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
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