Mit diesen beiden einführenden Informationshinweisen ist zugleich das Spectrum dieses Beitrags über Leben, Werk und Wirkung von Hans Arp umrissen.
Kunst als Event und Kunst als Show
Veröffentlichung oder Publizierung, genauer: Präsentation moderner und aktueller Kunst und ihrer Werke erscheint heute umso wirksamer je mehr die Veranstaltung selbst wenigstens als event wenn nicht als performance organisiert daherkommt. "Event" meint ein besonderes, herausragendes Ereignis, also das, was englisch immer noch "quite an event" heisst. "Performance" meint unabhängig davon, ob der/die Künstler/innen noch leben und/oder selbst auftreten, spezielle Aufführung und Darstellung ums Werk. So dass schliesslich das Werk in den Hintergrund verwiesen und die theatralische Inszenierungspraxis im Vordergrund stehen können.
Möglicherweise könnte in dieser Grundunterscheidung die entscheidende Differenz und Scheidelinie zwischen moderner und postmoderner Kunst im 21. Jahrhundert liegen: Was als event ereignishafte Präsentationsmöglichkeit von Werk/en und/oder Künstlern (beiderlei Geschlechts, auch folgend die -innen immer mit einbezogen) ist und hinreichende Bedingung bleibt - wird im "late modern age" (Anthony Giddens) als Inszenierungsnotwendigkeit auf der Folie objektiver Fähigkeiten und subjektiver Fertigkeiten ästhetisches Kennzeichen von Postmodernität. Und nun muss das Werk weder in herkömmlichen ästhetischen Sinn "schön" sein noch auch nur so scheinen: Es muss vielmehr vor allem marktig (hoch-) gerechnet werden (können).
Auch wenn sich Hans Arps Werk zunächst mehr mit jener "klassischen" künstlerischen Modernität, die sich (nicht nur in Deutschland) mit Formensprache und Funktionsweise des Bauhauses der 1920er Jahre verbindet und zugleich von der immer beliebiger werdenden Postmodernität unterscheidbar ist, zurechnen lässt - auch in Hans Arps gesamtem künstlerischen Schaffen sind gleichwohl schon im Ansatz wesentliche postmoderne Rezeptionselemente und Wirkungsvorgaben enthalten oder incorporiert - wie versinnbildlicht am, wie zitiert, weltreisenden bildhauerischen Werk, den Plastiken und Skulpturen -, die übers "event" hinaus wirksam genutzt und mit "performance"- und "show"-Elementen verbunden werden können. (Diese Kernthese schliesst an Hannah Arendts Hinweise zum "Starwesen" an. Diese Autorin meinte bereits 1943: Was als "theatralische Kulissenkultur" schon im Wiener Vorkriegstheater, vor 1914 also, "vorgebildet" war, konnte später von der "Hollywood" genannten industriellen Zelluloid- und Filmfabrik als Sein und Schein verkehrende Traumfabrikproduktion aufgenommen, umgearbeitet und verbreitet werden (Hannah Arendt, Die verborgene Tradition. Acht Essays. Ffm.: suhrkamp/st 303, 1976, 74-87).
Und wenn auch in anderen Formen als etwa bei den 64 weissgelackten Rheinbrücken-Stautos des bekannten rheinischen Aktionisten H.A. Schult (1997) oder beim neuen NRW-Designcentre in der nach Plänen des Architekten Sir Norman Forster umgebauten Essener Zeche Zollverein XII (Eröffnung 1997) - so wird nun auch im Fall Hans Arp der (umbaute) Raum selbst, hier in Gestalt eines geplanten Museum(neubau)s, unverzichtbares Inszenierungsmerkmal ästhetischer Postmodernität und damit selbst zum show-Prozess.
Das mag wer immer will als allgemeinen Zug der Postmodernität beklagen Der Prozess zunehmender Einbeziehung von Showelementen in Werkausstellungen einerseits und fortschreitende Ästhetisierung von Ausstellungsräumen andererseits kann so nicht rückgängig gemacht werden. Er entspricht dem harten Trend vom event über performance
zur show und damit mediengesellschaftlicher Realität, dürfte nur durch gewaltsame Strukturbrüche rückholbar sein und ist damit, so gesehen, gesellschaftlich irreversibel.
Umbruchslagen: Erst Dada Time - dann fliessende Steine
Einerlei, ob sich Dada sprachlich vom französischen Stammellaut oder vom kroatischen Jaja ableiten lässt oder nicht - aus scheinbar sinnlosen Doppellauten wurde sinnvolle ästhetische Praxis. Und wie Züri-Dada als historisch-ästhetische Avantgardebewegung vergangen ist, so sind doch zahlreiche programmatisch-konzeptionelle wie ästhetisch-praktische Dada-Elemente strukturell in die künstlerische Moderne des 20. Jahrhunderts eingeschrieben. Vierzig Jahre nach Dada, Zürich, 1916, hat der rumänische Maler und Graphiker Marcel Janco (1895-1963) wesentliche politikhistorische Rahmenbedingungen erinnert:
"Das Zürich von 1916 war von Krieg umtobt. Inmitten der Verwüstungen, inmitten eines Meeres von Feuer, Eisen und Blut war es ein Zufluchtshafen. Und nicht nur das, sondern auch ein Treffpunkt allen Rebellentums, eine Oase des denkenden Menschen, ein Spionagezentrum, eine Brutstätte künftiger Ideologien und eine Heimat für Dichter und freiheitsliebendes Vagabundentum." (zit. nach Körte, Dada, 38)
Zürich also als Fluchtpunkt und Laboratorium - 1974 hat auch der britische Dramatiker Tom Stoppard mit "Travesties" die Aufbruchsstimmung im fiktiven Zusammentreffen von James Joyce, W. I. Lenin und dem Dadaisten Tristan Tzara (1896-1963) zu bannen versucht. Und in Niederdorf war es dann ab Frühjahr 1916 das literarische Cabaret Voltaire, in dessen Künstlerkneipenmilieu allerlei Vielspänner und Buntschecker zusammentrafen und austauschten. Hier entstand jene ästhetische Kreativität in Wort und Bild wie sie sich aus Reibung am und Negation des Bestehenden, damit letzlich aus dem Spannungsfeld von destruktivem Abriss und produktivem Aufbau, also aus dem, auch ökonomisch bedeutsamen, Prozeß schöpferischer Zerstörung ergeben kann.
Richard Huelsenbeck, der deutsche literarische Expressionist (1892-1974) und wie Janco, Tzara, Arp, Hugo Ball, Hans Richter und Walter Serner Aktivist im Cabaret Voltaire, hat die besondere mikroskopische Atmosphäre dieser Zürcher Dada-Kriegs-Jahre später als Zustand "schöpferischer Irrationalität" so beschrieben:
"Die Dadaatmosphäre entwickelte sich vor der Erfindung des Wortes, wir alle wollten niederreiten und schaffen, wir lebten im Zustand der schöpferischen Irrationalität (...) Wir waren fähig, alles und nichts zu tun, auf allen Gebieten, nicht nur auf dem Gebiet der Literatur und Malerei, die beide nur deshalb so große Bedeutung gewannen, weil wir für das Ästhetische übersensibel waren. Und weil wir uns dokumentieren wollten." (ebda., 37)
Zugleich bedeutete diese „Dokumentation“ andere und neue Formen öffentlicher Auftritte und Präsentationen: Über den Stil wurde nicht nur der Textvortrag, sondern die gesamte Vorstellung revolutioniert. Die Dadaisten im Cabaret Voltaire setzten nicht mehr nur ihre Texte in Szene, sondern inszenierten nun von Anfang bis Ende ihre Auftritte und damit sich selbst 'on stage' - "bis hin zu Kleidung und Staffage." (Korte, 37)
Vierzig Jahre später merkte ein Doktorand in seiner germanistischen Abhandlung zu poetischen Texten Hans Arps zusammenfassend an, dass auch dessen "künstlerischer Neuansatz" wohl in der (auch vergnüglichen) Erprobung neuer Sprach- und Spielformen und Verfremdungen poetischen De-Konstruktivismus' bestünde - dass aber Arps Texte
letztendlich (wie in seiner Textzeile "weisst du schwarzt du", die auf mich wie ein Lehrbeispiel wirkt) und entgegen aller beanspruchter ästhetischer Negation an consensuale
kulturgesellschaftliche Kriterien und Werte gebunden sind, damit an eine "Gesellschaft, der diese Kunstvorstellungen und -formen immer noch gelten." (Döhl, 202-204)
Freilich lässt sich an der Künstlerpersönlichkeit Hans Arps zeigen, was - später von ihm zunächst elementare und dann konkrete Kunst genannte - tieflotende ästhetische Innovation war:
"Arp gehörte im Cabaret Voltaire bis auf den Vortrag von Simultangedichten nicht zum festen Kreis derjenige Künstler, die mit eigenen Texten auftraten. Dennoch war es gerade Arp, der die Negation jener in Mode gekommener expressionistischen Weltauf- unduntergänge mit Reflexionen auf einen radikalen Neuanfang der Kunst verband (...) Wie auf der Bühne des Cabarets Voltaire sich konventionelle literarische Formen im Laut-, Geräusch-und Simultangedicht auflösten, durchbrach Arp - geschult am französischen Kubismus, an Picasso und Braque - bildnerische Konventionen, die noch für die Expressionisten sakrosankt waren, experimentierte mit Klebe-, Zerschneide- und Zerreißtechniken und suchte nach einer abstrakten, elementaren, zuweilen geometrischen Bildersprache jenseits traditioneller Öl- und Tafelmalerei." (Korte, 39)
Nach dem Esten Weltkrieg kommt Hans Arp nach Deutschland und ins Rheinland. In Köln lebt sein Vater. Hier wird Arp noch mal dadaistisch aktiv, trifft und befreundet sich mit Max Ernst und Kurt Schwitters, in dessen Zeitschrift Merz Arp auch publiziert. 1922 heiraten Sophie Taeuber und Hans Arp, ab 1925/26 leben sie vor allen in Neudon bei Paris. 1924/28 engagiert sich Arp im Sinn der französischen Surrealisten, erprobt als Maler Zufallselemente als Grundlagen der Formgestaltung, experimentiert in konkreter Kunst.
In den zwanziger Jahren veröffentlicht Hans Arp in Deutschland vier Poesiebände: Der Vogel selbdritt und Die Wolkenpumpe (beide 1920), Der Pyramidenrock (1924) und weisst du schwarzt du (1930). Seit Anfang der dreissiger Jahre konzentriert sich Arp als Künstler zunehmend auf seine plastischen Arbeiten. Dazu ein sachkundiger Kommentar aus dem Wilhelm-Hack-Museum (Ludwigshafen/Rhein):
"Ab 1930 widmete sich der Künstler vor allem plastischen Arbeiten, die das Prinzip der biomorphen, organoiden Zell-Form ins Dreidimensionale übersetzten. Es sind glattpolierte, fliessende Steine, zumeist Marmorskulpturen, die den Eindruck sinnlicher Körperhaftigkeit vermitteln; eine Vorstellung, die umschlägt in Assoziationen an Mineralisches oder Tierisches, als würde sich die Form vor unseren Augen verwandeln. Diese Metamorphosen der Plastiken Arps scheinen Bilder aus den Tiefen einer mythischen Vorzeit hervorzurufen, die der Künstler in den Ausdruck eines zeitlosen, heiteren Glücks übersetzt.“
In diesen Kernsätzen sind zwei wesentliche Werkelemente und Arbeitsgrundsätze Hans Arps und seiner Zeichnungen, Collagen, Reliefs, Skulpturen und Plastiken angesprochen: Die Verbindung von Zufall und Mythos zu einer neuen Einheit. Beide Momente bestimmen Arps abstrakte Formen. Etwa in seinen Plastiken seit Beginn der dreissiger Jahre. In der Vereinigung von "organoiden und biomorphen Elementen mit den Zufallskomponenten aus der geometrischen Abstraktion" (Linda v. Mengden) zu bisher unbekannten, damit einzigartigen Formen liegt auch das ästhetisch Neue der Arp' sehen Formen und Bilder-und Symbolsprache, die damit auch neue subjektive Erfahrungswelten in uns als aktiven Betrachtern und Sehern ("Rezipienten") anklingen lassen kann - und zwar unabhängig vom persönlichen Wollen des Künstlers und seinem individuellen Streben nach absoluter Universalität. (Ich nenne als Werkbeispiel etwa Die Ägypterin, um 1938, aus weissem Marmor, eine raumfigurell wirksame relativ kleine Figur mit runden Körperformen ohne jeden Anklang an Nofretete ... abstrakt und sinnlich zugleich.)
Nimmt Hans Arp aus der dadaistischen Lust an schöpferischer Zerstörung die (später vor allem in Vasarely´s Op-Art perfektionierte) Zufallskomponente ins weitere Werk mit, so wendet er sich doch (als soweit ich weiss einzig bekannter Dadaist) später dann anderen, mysthische(re)n Welten zu. Diese setzt Arp in besonderen Formen (etwa oval und glatt) um. Und auch die (ästhetische Anti-) Farbe weiss erhält ihren Platz...
Entsprechend sind für den "reifen" Hans Arp nach postdadaistischen Übergangs- und Suchphasen (1926/30) typische Topoi und "Motivkreise" vor allen im plastischen Werk Menschliche Konkretion (von 1934) mit Assoziationsanschlüssen z.B. an triptichale und andere Dreiheiten. Oder Sagengestalten wie die Figur des Gnom und, immer wieder, Sterne (wie der von 1939 auf Hans Arps Grab).
Letztgenannte Motivgruppe findet sich auch im zeichnerischen Werk - etwa im Kippbild Ohne Titel (um 1959), welches ein runzliges Greisen- oder Gnomengesicht, eingelagert in einen Viertelmond, zeigt (jedoch im Katalogband "Der gestirnte Himmel" seitenverkehrt reproduziert wurde) . Und auch Arps Altersbild Drei Sterne (um 1961) mag die unermüdliche Auseinandersetzung des Künstlers sowohl mit allem Irdischen als auch mit manchem, was darüber hinaus lebt, veranschaulichen .
[1] Das seit Mitte der 1990er Jahre geplante Hans-und-Sophie-Arp-Museum in Remagen (Rheinland-Pfalz) ist bisher, Ende 2005, aus welchen Gründen auch immer und trotz des finanziellen Engagements der Landesregierung und der schon fortgeschrittenen Design-Entwürfe des Star-Architekten Richard Meier noch immer nicht realisiert. Mein kritischer Sachstandsbericht erschien bereits im Sommer 1998 in den Schweizer Monatsheften (78. Jg. 1998/Juli-August 1998, 7/8, Seiten 53-56). Dort auch (m)eine Deutung der fiktiven Bewertung des Hans-Arp-Werks (in angeblicher Höhe von damals 60 Millionen. DM) und der sozialpsychologische Hinweis aufs "Thomas-Theorem" zur Glaubwürdigkeit nach autoritärer Beglaubigung:
"If men define situations as real they are real in their consequences." Und weiter betonte William I. Thomas, daß im Alltagsleben jede Situationsdefinition “will not only influence the present but - whenever following a series of definitions the individual is involved in - also gradually a whole life-policy and the personality of the individual himself". Folglich hob W. I. Thomas auch hervor, daß im gesellschaftlichen Zusammenhang Situationsdefinitionen neue soziale Wirklichkeiten schaffen, "in which subjective impressions can be projected on to life and thereby become real to projectors.” (http://de.wikipedia.org./wiki/Thomas-Theorem)
Reproduktion einer um 1959/60 entstandenen Lithographie von Hans Arp. Im Original zweifarbig von aussen nach innen/grossen zu kleinen Formen gelb und grau. - Die innere Figur ist weiss.
Original im Privatarchiv des Autors (Format 14,5 x 20,5 mm)
Quellen und Materialien (Auswahl)
-> zu Dada
Dada Zürich. Texte, Manifeste, Dokumente. Hrgg. v. Karl Riha. Reclams Universal Bibliothek 8650. Stuttgart 1992, 176 p.
Dada Berlin. Texte, Manifeste, Aktionen. Hrgg. v. Karl Riha. Reclams Universal Biblibliothek 9857, Stuttgart 1994, 184 p.
Hermann Korte
Die Dadaisten, rowohlts monographien 536. Reinbek 1994, 160 p.
-> zum Werk
Fritz Usinger
Die dichterische Welt Hans Arps. Abhandlungen der Klasse der Literatur Nr. 3, S. 49-61. Wiesbaden: Franz Steiner, 1965, 15 p.
Reinhard Dühl
Das literarische Werk Hans Arps 19ß3-1930. Zur poetischen Vorstellungswelt des
Dadaismus. Stuttgart: Metzler, 1967 (= Germanistische Abhandlungen 18), xi/268 p.
Stefanie Poley
HANS ARP. Die Formensprache im plastischen Werk. M.e. Anhang unveröffentlichter Plastiken. Stuttgart: Hatje, 1978, 220 p.
-> Ausstellungskataloge
HANS ARP. Eine Publikation der Kunsthalle Nürnberg (...) Ostfildern: Hatje, 1994, 192 p.
Hans Arp 1886-1966. Aufkäufe des Landes Rheinland-Pfalz. Mainz: Landesmuseum; Ludwigshafen: Wilhem-Hack-Museum, 1997, 160 p.
Hans Arp und andere: Der gestirnte Himmel. Bahnhof Rolabdseck: Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e.V., 1997, 64 p.
Autor(enhinweis)
Dr.habil. Richard Albrecht, PhD., ist Sozialpsychologe, Autor & Editor des unabhängigen online-Magazins für Bürgerrechte http://rechtskultur.de; Netzseite/n: http://richardalbrecht.de [und] http://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Albrecht. Er veröffentlichte zuletzt das e-Buch: StaatsRache -Justiz-kritische Beiträge gegen die Dummheit im deutschen Recht(ssystem). München: GRIN Verlag für akademische Texte, 2005, iii/149 p., 19.99 €; Vorwort: http://www.wissen24.de/vorschau/36391.html
Quote paper:
Dr. Richard Albrecht, 2005, "weisst du schwarzt du" - Hans Arp, 1886-1966., Munich, GRIN Publishing GmbH
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