Können aber Fähigkeiten, wie zu lieben oder intelligent zu handeln, als zur Form des Menschen zugehörig betrachtet werden? Hier unterscheidet Aristoteles Wirklichkeit und Möglichkeit. Was der Möglichkeit nach ein Mensch ist, ist noch kein Mensch, sondern wird erst dann ein solcher, wenn es wie ein Mensch wirkt. Also sind nicht nur Stoff und Form, sondern auch so etwas wie „arttypische Wirksamkeit“ notwendig, um von einem Ding sagen zu können, dass es seiner Natur nach ist.
Wenn aber umgekehrt einem vollständig entwickelten Ding eine charakteristische Eigenschaft oder Fähigkeit fehlt, so bedeutet das noch nicht, dass das Ding nicht ist. Dies scheint von der Schwere des Mangels abzuhängen. Ein blinder Mensch etwa, bleibt auch ohne die Fähigkeit zu sehen doch ein Mensch.
Der Begriff „Natur“ kann des Weiteren als „Entstehen“, also als „Werdensprozess“, verstanden werden. Diese Überlegung führte uns zur doppelten Bedeutung von „Natur“ und „Gestalt“. Zum einen kann man beide am vollendeten Ding als dessen vollendete Form betrachten, zum anderen kann aber auch eine Instanz im Werdensprozess gemeint sein. Im letzten Fall spricht Aristoteles aber immer nur von der Form im Sinne des Unvollendeten. Es fehlen dem Ding noch entscheidende Charakteristika, um es erkennbar zu machen. Es ist nie die Rede von einem Unfertigen, sondern nur von etwas, dem ein Mangel anhaftet. So ist ein Stein beispielsweise als Stein gesehen ein in Natur und Gestalt vollendetes Ding. Betrachtet man ihn aber als Statue, so denn als Statue, der das entscheidende Charakteristikum der Form fehlt.
Offen blieb im 2. Kapitel die Frage, ob „fehlende Bestimmung und Gegensatz bei dem streng genommenen Entstehen etwas bedeuten oder nicht“ (Aristoteles: Physik, II, 2, 193b). Da Gegensatz die Möglichkeit einer vollendeten Bestimmung, also den Höchststand der Entwicklung, einem Ding versagt, kann es als Kontrahent der fehlenden Bestimmung betrachtet werden. Denn auch wenn wir nur in der Retrospektive von ein em Ding sagen können ihm fehle die Bestimmung, so bleibt es doch dabei, dass dem Ding das Potential seine vollständige Bestimmung zu erreichen, nicht abgesprochen werden kann.
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Arbeit zitieren:
Julia Lippmann, 2005, Der Naturbegriff in der Physik des Aristoteles, München, GRIN Verlag GmbH
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