Inhaltsverzeichnis
1 Stefan Georges Werk 1
2 Der erste Ring: Zeitgedichte 1
2.1 Begr undung der Auswahl 2
2.2 Das Zeitgedicht (1) 3
2.3 B ocklin 9
2.4 Die Gr aber von Speier 13
2.5 Das Zeitgedicht (14) 15
3 Zusammenfassung 19
1
1 Stefan Georges Werk
In ” Der siebente Ring“, der 1907 erschien, vollzog sich ein Wandel in Ge-orges Denkweise. In diesem Werk vertritt er nicht mehr vordergr¨ undig eine rein ¨ asthetische Kunst, sondern f¨ uhlte sich dazu berufen, p¨ adagogisch zu wirken und somit Einfluss auf seine Leser zu gewinnen. Er wurde als der siebte Gedichtband Georges 1907 ver¨ offentlicht. Der Band besteht aus sieben B¨ uchern, wobei jedes Buch eine durch sieben teil-
bare Anzahl von Gedichten aufweist. Der vierte Ring ” das Zentrum des ” dichtband ” eine geistige Erneuerung sah, verstanden einige seiner Zeitgenossen den Titel falsch, n¨ amlich politisch. 1
2 Der erste Ring: Zeitgedichte
Der erste Ring ” Zeitgedichte“ enth¨ alt 14 Gedichte, welche alle dieselbe Form aufweisen. Jedes besteht aus genau 32 Verszeilen, welche jeweils gleichm¨ aßig in vier Strophen aufgeteilt sind. 2 Die Verse reimen sich
nicht und bis auf die Versanf¨ ange verzichtet George fast ganz auf Interpunktion und Großschreibung. Diese Zeitgedichte sind das Resultat von Georges Besch¨ aftigung mit der gegenw¨ artigen und der vergangenen Zeit. Sie sind charakterisiert durch Zerfall und Neubeginn, denn George kritisiert das Zeitgeschehen und will doch Hoffnung und Ausblick geben. Er konzentriert sich hier ganz darauf, das Verhalten seiner Mitmenschen auf unbarmherzige Art und Weise zu kritisieren und zu richten. 3 George wendet sich hier erstmals an die breite ¨ Offentlichkeit,
n¨ amlich das gebildete B¨ urgertum, um Einfluss zu nehmen und zu er-
1 ErnstMorwitz: Kommentar zu dem Werk Stefan Georges. M¨ unchen/D¨ usseldorf 1960, S. 215f.
2 Ebd., S. 215f.
3 Walter Donat: Stefan George als Wegbereiter. In: Stefan George und die Nachwelt. Dokumente zur Wirkungsgeschichte, hg. von Ralph-Rainer Wuthenow, Stuttgart 1981, S.
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ziehen. Somit wirkt George ab dem ” Siebenten Ring“ als Erzieher und
Ethiker. 4 In diesem ersten Buch verzichtet George v¨ ollig auf das sonst
viel verwendete Kussmotiv, denn die ” Zeitgedichte“ sind ein Buch des
Unmuts, in dem das Unheil der Zeit beschrieben wird. 5 In den histori-
schen Menschen seiner Zeit (wie Goethe, Nietzsche, B¨ ocklin,...) sieht er sein heroisches Ideal und versucht, diese eigentlich historischen Figuren auf eine mythische Ebene zu heben, um menschliche Urtypen aus ihnen zu machen. Er verbindet sie so mit antiken Vorbildern. 6
Von manchen seiner Gedichte will George ausdr¨ ucklich, dass sie nicht gedeutet werden, aber da die Gedichte des ersten Rings direkt an Außenstehende gerichtet sind, ist der Leser hier dazu aufgefordert, sich eigene Gedanken dar¨ uber zu machen. 7
2.1 Begr¨ undung der Auswahl
Da das erste und das letzte Zeitgedicht einen Rahmen um alle anderen bilden und sich von ihnen wesentlich unterscheiden, erschien es mir sinnvoll, diese beiden auf jeden Fall zu behandeln. Die anderen Gedichte sind alle recht ¨ ahnlich aufgebaut. In den meisten hat sich George auf eine Vorbildfigur konzentriert, mit deren Hilfe er seine Absicht, die Vergangenheit zu kritisieren und seine Leser zu einem Neuanfang zu ermutigen, verfolgt. Im zweiten Zeitgedicht benutzt er zum Beispiel Dante als Projektionsfigur und baut das Gedicht ¨ ahnlich wie einen Lebenslauf auf, wobei sich verschiedene Verse auf vergangene Handlungen Dantes beziehen, welche wirklich geschahen. Da der historische Bezug in allen Gedichten mit Ausnahme des ersten und letzten vorhanden ist, lassen
4 Ernst Morwitz: Kommentar zu dem Werk Stefan Georges, S. 235.
5 Ernst Osterkamp: Die K¨ usse des Dichters. Versuch ¨ uber ein Motiv im ´Siebenten Ring´.
In: Stefan George. Werk und Wirkung seit dem ´Siebenten Ring´. F¨ ur die Stefan George-
Gesellschaft, hg. von Wolfgang Braungart, T¨ ubingen 2001, S. 75.
6 Georgios Varthalitis: Die Antike und die Jahrhundertwende. Stefan Georges Rezeption der Antike, phil. Diss. Heidelberg 2000, S. 101f, 112.
7 Cornelia Blasberg: ” Auslegung muss sein“. Zeichen-Vollzug und Zeichen-Deutung in
Stefan Georges Sp¨ atwerken. In: Stefan George. Werk und Wirkung seit dem ´Siebenten
Ring´. F¨ ur die Stefan George-Gesellschaft hg. von Wolfgang Braungart, T¨ ubingen 2001, S.
25.
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sie sich nicht ohne geschichtliches Hintergrundwissen interpretieren. Es wird außerdem immer deutlicher, dass George ganz bestimmte Perso-
nen in seinen Gedichten anspricht. Aus Interesse habe ich ” ausgew¨ ahlt und als Gegensatz dazu ”
diesem Gedicht widmet sich George ausnahmsweise an sehr viele Personen.
2.2 Das Zeitgedicht (1)
Die direkte Anrede ” Ihr“ am Anfang der ersten Strophe l¨ asst vermuten, dass das ganze Gedicht einer Ansprache gleicht. Wer damit gemeint ist, Ihr meiner zeit genossen“) 8 n¨ amlich die Zeitgenossen Georges (V. 1: ” wird auch sofort bekanntgegeben. George spricht hier durch das lyrische Ich haupts¨ achlich die Leute an, die sich f¨ ur gebildet halten, und m¨ ochte ihnen klarmachen, wie unwissend und intolerant sie eigentlich sind. Dadurch, dass er sich mit seinem Anliegen direkt an diese Zielgruppe wendet und sie ¨ uber ihren Irrglauben aufkl¨ aren will, wirkt George mit diesem Gedicht didaktisch.
Die erste Strophe ist wie die letzte in der ich-Form geschrieben, in der dritten Strophe f¨ allt aber auf, dass das lyrische Ich von sich selbst in der dritten Person redet.
Die ersten vier Verse der ersten Strophe nehmen direkt Bezug auf die Zeitgenossen, was durch V. 1: ” Ihr“ und V. 3: ” ihr“ deutlich wird. Hier
werden aber h¨ ochstwahrscheinlich nicht s¨ amtliche Zeitgenossen Georges, sondern nur das gebildete B¨ urgertum angesprochen. Der Ausdruck kanntet schon“ im ersten Vers vermittelt dem Leser sofort den Ein-
”
druck, dass die Angesprochenen glauben, vieles zu wissen, ohne die Informationen selbst auf Richtigkeit ¨ uberpr¨ uft zu haben. Damit kritisiert das lyrische Ich, dass das angesammelte Wissen der anscheinend gebildeten Oberschicht nicht fundiert und somit wertlos ist. Wirkliche
8 Versangaben zitiert nach: Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte. In: S¨ amtliche Werke in 18 B¨ anden, Band 6/7. Stuttgart 1986, S. 6f.
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Erkenntnis sollte n¨ amlich aus eigenen Erfahrungen und ¨ Uberlegungen
resultieren und nicht das Ergebnis von unbewiesenen Behauptungen sein, wie es hier wohl der Fall ist. Das lyrische Ich will also als erstes seinen Zeitgenossen die Illusion, wissend zu sein, nehmen. Denn bevor es die Menschen ¨ uber die Wahrheit aufkl¨ aren kann, muss das falsche Wissen, welches sich schon in den K¨ opfen festgesetzt hat, gel¨ oscht werden, um Kapazit¨ aten f¨ ur neues Wissen zu schaffen.
Im folgenden Vers erinnert das lyrische ich sie an die ungerechten Handlungen, die sie in der Vergangenheit gegen es aus¨ ubten. Als Beispiele nennt es hier die Anmaßung, Urteile zu f¨ allen (V. 2: ” Bemaasset“) oder
sich zu Beschimpfungen hinreißen zu lassen, wodurch es die fehlende Selbstkontrolle derer, die sich selbst f¨ ur stilvoll halten, anspricht. Dann folgt sofort die Aufkl¨ arung dieses Fehlverhaltens mit ” ihr fehltet“ (V. 2)
(, was man auch gedanklich noch vervollst¨ andigen k¨ onnte mit ” ihr fehltet mir gerade noch“, so interpretiert empf¨ ande das lyrische ich diese Leute als eine Last). Wodurch diese fehlerhafte Einsch¨ atzung hervorgerufen wurde und worin sie bestand wird in den folgenden sechs Versen beschrieben. Ihr unanst¨ andiges, unkontrolliertes und auf Trieben basiertes (V. 3: ” gier“) Benehmen wirkte sich wohl auch auf deren Ver-stand aus, was Blindheit zur Folge hatte. Der Ausdruck ” l¨ arm“ (V. 23)
vermittlet dem Leser das Gef¨ uhl einer unangenehmen, ohrenbet¨ aubenden Ger¨ auschkulisse wie zum Beispiel einer Meute bellender Hunde, wobei ” gier“ durch das Adjektiv ” w¨ ust“ (was auch als ” verw¨ ustend“
gelesen werden k¨ onnte) noch verst¨ arkt wird und dadurch den scheinbar anst¨ andigen und achtenswerten Lebensstil der B¨ urger heftig kritisiert. Hier wird ein Bild geschaffen, welches genau dem Gegenteil dessen entspricht, wie feine und gebildete Menschen gesehen werden wollen. Durch
ihre Unbeholfenheit (V. 4: ” volle (V. 4: ”
ohne Ziel von einem Ort zum n¨ achsten, ohne dabei auch nur die geringsten ¨ Uberlegungen ¨ uber den Sinn ihres Agierens anzustellen. Dann
bringt sich das lyrische Ich selbst ins Spiel, George beschreibt aber vor- erst nicht sein wahres Wesen, sondern nur ein Trugbild, welches die
5
Zeitgenossen von ihm erschufen. Dass es f¨ ur einen verw¨ ohnten (V. 5: salbentrunknen“) Burschen gehalten wurde, sind jedoch falsche Unter-”
stellungen (V. 5: ”
Lebensstils waren nur Schein. Seine Jugend verlief nach außen hin zwar wohlbeh¨ utet (V. 6: ” sanft geschaukelt“) und entspannt, dass er aber in Wirklichkeit kein solch angenehmes Leben f¨ uhrte, bemerkte niemand (s. Strophe 2). In den n¨ achsten beiden Versen werden positive Eigenschaf-
ten wie ” anmut“ und ” Adjektive ”
und Gef¨ uhlsdistanz schließen, was im Vers acht durch ” blasser erdenferner festlichkeit“ noch verst¨ arkt wird. George baut hier eine Distanz des lyrischen Ich zum Treiben der Realit¨ at auf, um sich von irdischen Machenschaften und den Menschen fernzuhalten.
Durch die Art und Weise, wie George das ” Zeitgedicht“ formal ge-
schrieben hat, l¨ asst sich nochmals erkennen, dass er hier Abstand von Gef¨ uhlen nimmt. Obwohl er inhaltlich starke Kritik an seinen Mitmenschen ¨ ubt, sich von ihnen falsch verstanden und ungerecht behandelt f¨ uhlt, bedient er sich keineswegs einer aggressiven Wortwahl, um seinem Unmut Ausdruck zu verleihen. Er bleibt viel eher neutral und zur¨ uckhaltend, um sich nicht auf das Niveau derjenigen herabzulassen, die er verachtet.
Die n¨ achste Strophe handelt von den tats¨ achlichen Erfahrungen des lyrischen Ich, welche mit dem vorher geschilderten Schein nichts gemein haben. Im neunten Vers spricht es an, dass seine gesamte (V. 9: ” ganzen“) Jugend mit Schmerz und Angst durchzogen war, doch die Angesprochenen erahnten (V. 10: ” rietet“) nicht einmal einen Teil (V. 10: nichts“) dieser Pein. Obwohl es sich weit weg (V. 11: ” h¨ ochstem first“)
”
vom menschlichen Ungl¨ uck befand, wurde es dennoch von verschiedenen Qualen heimgesucht, welche ihn duch Albtr¨ aume und Angstzust¨ ande belasteten. Auch diese Tatsache blieb seinen Zeitgenossen durch ihre Blindheit verschlossen. Verse 12 bis 14 handeln von einem Verrat durch jemanden, der sich dem lyrischen Ich als Freund preisgab, sich jedoch
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sp¨ ater mit zerst¨ orerischer Absicht (V. 14: ” Mit dolch und fackel“) ge-
gen es erhub und sich somit wahrlich als Feind entpuppte. Von Kamp-
feslust ergriffen (V. 12: ” Zutritt (V. 13: ” zu t¨ oten (V. 14: ”
Darauf folgend werden im Gedicht wieder die Zeitgenossen direkt angesprochen, diesmal ironisch durch ” Ihr kundige“ (V. 15), denn sie selbst
verstehen sich als weise. Im gleichen Vers klagt George sie durch das lyrische Ich an, dass sie dennoch nicht in der Lage sind, menschliche Gef¨ uhle zeigen (V. 15: ” kein schauern“, ” kein l¨ acheln“). Es k¨ onnte aber
auch sein, dass er sie bittet, jetzt von Heuchelei abzusehen, denn sie verkannten sein Talent, da sie es durch ihre Oberfl¨ achlichkeit nicht vermochten, hinter die angesprochenen ¨ Außerlichkeiten zu blicken. Obwohl
dieses Talent nicht vollst¨ andig klar ersichtlich war, h¨ atte es dennoch erkannt werden k¨ onnen, denn ein ” d¨ unner schleier“ (V. 16) kann nicht
viel verbergen. Hinter dieser Kritik steckt eine Anschuldigung, f¨ ur die es durch die konkreten Beispiele keine Entschuldigung zu geben scheint.
Der pfeifer“ in Vers 14 erinnert an die Geschichte des Rattenf¨ angers
”
von Hameln. 9 Dieser bediente sich einer Fl¨ ote, um Ungeziefer aus der
Stadt zu locken. Somit assoziiert der Leser mit den Zeitgenossen die Ratten aus dieser allgemein bekannten Geschichte. Nachdem das lyrische Ich erkannt hatte, dass einige seiner Mitmenschen die Stimme gegen es erhoben hatten, fasste es den Entschluss, diese Leute mit den wahren Begebenheiten zu konfrontieren. Also lockte es seine ihn verkennenden Zeitgenossen in seine eigene Umgebung, welche im Gedicht als wunderberge“ (V. 19) beschrieben wird, was gut zu Vers 11: ” h¨ ochstem
”
first“ passt. Dadurch ist die Annahme, dass das Anwesen des lyrischen Ich hier lokal erh¨ oht liegt, gerechtfertigt. Man k¨ onnte diesen Ort auch symbolisch mit seiner Geistesgr¨ oße in Verbindung bringen. Um die Angesprochenen zu locken, bedarf es lediglich an h¨ ubscher Musik (V. 18: Mit schmeichelnden verliebten t¨ onen“). Dass diese sich schon durch so
”
9 Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte, S. 201.
7
einfache Mittel bet¨ oren lassen, zeigt zum wiederholten Mal, wie wenig sie es gewohnt sind, ihren Verstand zum Einsatz zu bringen. Dann zeigte (V. 18: ” wies“) das lyrische Ich ihnen den Reichtum, mit dem es sich f¨ ur gew¨ ohnlich umgab. Dieser erschien den Angesprochenen wertvoller als alles, was ihnen bis dahin bekannt war (V. 19: ” fremde sch¨ atze“).
Als ihnen die Existenz von diesem bisher unbekannten, wunderbaren Reichtum bewusst wurde, verschm¨ ahten sie sogleich den Wert dessen, was sie vorher als wertvoll empfunden hatten. Pl¨ otzlich erkannten sie die Diskrepanz zwischen ihrem und des Sprechers Besitz, denn was ihnen vorher als prunkvoll und sch¨ on bekannt war, ist f¨ ur das lyrische Ich uninteressant. Deshalb wollen sie jetzt nichts mehr von ihrer Welt wissen, sondern fangen an, von diesem fremden Reichtum zu schw¨ armen. In Vers 22 dr¨ uckt die Wortwahl ” schm¨ achtig prunken“ aus, wie die Angesprochenen auf erb¨ armliche Art und Weise anfangen, mit Reichtum anzugeben, den nicht sie, sondern ein anderer zustande gebracht hat. Daraufhin werden sie vom Hausherr mit lautem Get¨ ose (V. 22: ” fanfare“) fortgetrieben. Obwohl die Angesprochenen ihn in der Vergangenheit verletzten, schreibt er in Vers 23, dass zum jetzigen Zeitpunkt er
derjenige ist, welcher die Macht besitzt, ihnen zu schaden ( ” Seine Zeitgonossen werden hier mit ”
chen, was beim Leser ein Gef¨ uhl der Widerw¨ artigkeit und ein Bild von verwesenden K¨ orpern hervorruft. Dieser Ausdruck l¨ asst darauf schließen, dass auch das lyrische Ich Ekel vor dem abstoßenden Benehmen dieser Leute empfindet. Um sie so schnell wie m¨ oglich wegzutreiben, werden die ” sporen“ (V. 23) als Metapher eingesetzt, denn eigentlich sind sie ein Hilfsmittel f¨ ur Reiter, um ihre Pferde anzutreiben. Je st¨ arker die Sporen zum Einsatz gebracht werden, desto mehr wird das Pferd verletzt und rennt somit schneller, um dem Schmerz zu entkommen. Da die Angesprochenen f¨ ur ihn jedoch nichts weiter als ” morsche[s] fleisch“
sind, ist viel mehr M¨ uhe und Gewalt als bei empfindsamen Gesch¨ opfen n¨ otig, um sie zum Verschwinden zu veranlassen. Deshalb verwendet Ge-orge im n¨ achsten Vers das Wort ” schmetternd“ (V. 24), was die zerst¨ ore-
rische Gewaltanstrengung veranschaulichen soll. Dadurch schickt er sie
8
dorthin zur¨ uck, von wo er sie anf¨ anglich zu ihm gelockt hatte.
Die letzte Strophe beginnt mit der wiederholten Andeutung auf das Unverm¨ ogen der Angesprochenen, ihren Verstand einzusetzen. Denn
sie vertrauen blind auf das, was scheinbar Erfahrene (V. 25: ” erz¨ ahlen und ¨ ubernehmen deren Meinung, ohne dar¨ uber nachzudenken, auf welcher Grundlage diese Ansicht basiert. Die Alten sind aber nicht weise, sondern eher senil, denn f¨ ur verschiedene Dinge fehlt ihnen die richtige Sichtweise (V. 25: ” schielend“). Das wiederum zeigt,
dass niemand auch nur im Ansatz verstanden hat, wozu das lyrische Ich diese Aktion durchgef¨ uhrt hat. Die Angesprochenen glauben nun irrt¨ umlicherweise, dass eine Ver¨ anderung im Gange ist, aber das lyrische Ich hat sich nur so verhalten, wie es seinesgleichen schon in der Vergangenheit getan haben und weiß, wie wenig Ver¨ anderung bei seinen Zeitgenossen aus den genannten Gr¨ unden zu bewirken ist.
Die letzten vier Verse sind recht allgemein gehalten, sind aber auf das lyrische Ich bezogen, welches sich als denjenigen sieht, der versucht, andere zu beeinflussen (V. 29: ” eifernde posaune bl¨ ast“) und auch die Macht hat, zur unangenehmen Bedrohung (V. 30: ” fl¨ ussig feuer“) zu
werden. Trotz diesen lauten, auff¨ alligen Aktionen, die das lyrische Ich und damit auch George durchf¨ uhrt, um wenigstens einen kleinen Teil seiner Mitmenschen zu erreichen, bleibt ihm dennoch bewusst, dass sich Gl¨ uck und Erkenntnis (V. 31: ” Sch¨ onheit kraft und gr¨ osse“) zuk¨ unftig (V. 30: ” morgen“) auch im Stillen finden l¨ asst.
Wie auch in den anderen Zeitgedichten sind in diesem Gedicht kaum noch Merkmale von Georges fr¨ uher propagiertem ¨ Asthetizismus zu erkennen. Er bem¨ angelt hier die naive Blindheit des Volkes durch konkrete historische Beispiele, was in den folgenden Gedichten noch deutlicher zu Ausdruck kommt.
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2.3 B¨ ocklin
Das f¨ unfte Zeitgedicht ” B¨ ocklin“ entstand kurz nach dessen Tod im Jahre 1901 oder 1902. 10 Wie auch in anderen Gedichten ¨ ubt George hier Kritik an der Zeit ” geheimes Deutschland“. Arnold B¨ ocklin wird
als das Ideal eines K¨ unstlers dargestellt, welcher trotz Hindernissen sein Werk als deutsches Kulturgut erhalten konnte und ausschließlich f¨ ur das Erreichen seines k¨ unstlerischen Zieles lebte. Er stammte urspr¨ unglich aus der Schweiz und lebte von 1827 bis 1901. 11
Die erste Strophe beschreibt anfangs, wie das deutschsprachige Volk seine nur mittelm¨ aßigen K¨ unstler und deren Handwerk (V. 2: ” pokr¨ amer“) 12 verehrt und umschw¨ armt. Ruhm und Anerkennung panz“, ”
galt scheinbar nicht den qualit¨ atvollen K¨ unstlern, sondern nur denen, die zur Erheiterung des Volkes betrugen. Das beeinflusste aber nicht die Entscheidung B¨ ocklins, sich von diesen Kreisen fern zu halten. Um n¨ amlich solchen Ruhm zu erlangen, h¨ atte er sich dem Geschmack des Volkes anpassen m¨ ussen, was aber nicht in Einklang mit seinen Ansichten und Idealen zu bringen war. Um von der Gnade der M¨ achtigen und dem st¨ orenden L¨ arm (V. 1: ” Trompetenstoss“) verschont zu bleiben,
reist der Angesprochene in Richtung S¨ uden nach Italien (V. 5: ” Den
sonnen zu.“) und entfernt sich somit von dem oberfl¨ achlichen Treiben des engstirnigen deutschen Volkes. Aus Vers vier ” Aus stiller schar“
kann entnommen werden, dass B¨ ocklin einer der wenigen K¨ unstler war, der auf die verlockende Anerkennung der breiten Masse verzichten und damit seinen Idealen treu bleiben konnte. Er und seine Gleichgesinnten werden im gleichen Vers als ” Fromme“ bezeichnet, denn sie waren
bescheiden und ließen sich von ihren Ansichten nicht abbringen. In Florenz 13 (V. 5 und 6: ” die Sch¨ one/Der st¨ adte“) fand er dann die Ruhe
10 Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte. In: S¨ amtliche Werke in 18 B¨ anden, Band 6/7. Stuttgart 1986, S. 202.
11 Dolf Sternberger: Stefan Georges Ruhm. Dokumente zur Zeitgeschichte. In: Stefan George und die Nachwelt. Dokumente zur Wirkungsgeschichte, hg. von Ralph-Rainer Wuthenow,
Stuttgart 1981, S. 97.
12 Versangaben zitiert nach: Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte, S. 14f.
13 Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte, S. 224.
10
(V. 5: ” ruh“), die er ben¨ otigte, um seine Arbeit gewissenhaft fortzusetzen. In den Versen sechs bis acht werden die Grundelemente in B¨ ocklins Gem¨ alden genannt,
14
, wie Fichten (V. 6: ”
ne bescheinte Felsen (V. 8: ”
welche alle Kennzeichen des Landes Italien sind. Wahrscheinlich hatte das Land Italien durch seine Toleranz die Empfindungen B¨ ocklins und somit auch seine Malerei gepr¨ agt.
Die zweite Strophe besagt, dass er aus Protest vor der ignoranten Hetze und oberfl¨ achlichen Eitelkeit seiner Zeitgenossen floh. K¨ unstler, die nicht den allgemeinen Vorstellungen entsprachen wurden eingeengt (V. 10: ” verschn¨ urt“). Anstatt den eigenen Ideen nachzugehen, sollte der Zweck eines K¨ unstlers sein, Interesse beim Volk zu erwecken und sich an dessen Launen und somit an der Mode zu orientieren. Es waren haupts¨ achlich die Machthungrigen (V. 11: ” den himmel st¨ urmte“), welche diese Hetze betrieben und dadurch qualit¨ atvolle k¨ unstlerische Arbeit unterbanden, anstatt dessen aber die Produktion von Schund unterst¨ utzten (V. 11: ” unrat sch¨ urfte“). Die Verse 13 bis 16 sind ein Ausruf B¨ ocklins an die Deutschen und Schweizer vor seiner Abreise nach Italien. Darin klagt er sie an, f¨ ur wahre Kunst blind zu sein oder blind sein zu wollen. Er sagt, dass er diese Kunst mit sich nehmen wird (V. 15: rett ich zur fremde“), um sie solange aufzubewahren und zu sch¨ utzen,
”
bis das deutschsprachige Volk wieder f¨ ahig ist, sie zu erkennen und zu w¨ urdigen (V. 16).
In der folgenden Strophe wird B¨ ocklins Kunst charakterisiert. 15 Sein
Zuhause wird als ” knechteswelt“ (V. 17) bezeichnet, welche vom Eifern nach Macht, Reichtum und Anerkennung dominiert wird und dadurch schlechter und unehrlicher ist als diejenige irreale Welt, die er durch seine Malerei erschuf. In Italien konnte er ungehindert und mit Freude (V. 19: ” mit klaren freuden“) wieder seiner Arbeit nachgehen und seine Ideen verwirklichen, was zur gleichen Zeit in seiner Heimat nicht m¨ og- 14 StefanGeorge: Der Siebente Ring: Zeitgedichte, S. 224.
15 Ernst Morwitz: Kommentar zu dem Werk Stefan Georges, S. 224.
11
lich war. Dies l¨ asst darauf schließen, dass das italienische Volk den Fremden akzeptierten und offen gegen¨ uber seiner Kunst war. Somit war es zu der Zeit reifer als das deutsche Volk, denn es verkannte diese wahre Kunst nicht, sondern f¨ orderte sie sogar. In den Bildern spiegelt sich die positive Stimmung B¨ ocklins wieder, denn er malt die pure Lebenslust (V. 18 und 19: ” der freien warmen leiber/Mit gierden s¨ uss und heiss“). Die folgenden Verse klingen sehr m¨ archenhaft und bewirken durch die vielen Adjektive und die Syn¨ asthesien in den Versen 20 ” silberluft“ und 21 ” zaubergr¨ uner“ beim Leser eine eindeutige und klare Vorstellung von B¨ ocklins Bildern. In seiner Kunstwelt versucht er, durch Komposition verschiedener Naturelemente (V. 20: ” wipfeln“, V. 21: ” flut“, V. 22:
schlucht“) beim Betrachter Ur¨ angste hervorzurufen (V. 22: ” urgebor-
”
ne schauer“), also Gef¨ uhle, die auf anderen Wegen schwer zu erreichen sind. Seine Absicht ist wohl, durch die Darstellung der Sch¨ onheit der Natur auch auf ihre Gefahren aufmerksam zu machen und den Menschen in diese Natur miteinzubeziehen. Dieses Urgrauen war auch von Georges Interesse. Bei ihm bestand diese gef¨ ahrliche Welt auch aus Naturelementen, die er in seiner Dichtung zu bannen versuchte, um Harmonie zu gestalten. 16 Er reduziert den Menschen auf das Wesent-
liche, n¨ amlich seine Triebe (V. 19: ” gierden“), welche hier positiv und lebenserhaltend dargestellt sind (V. 19: ” s¨ uss“, ” freuden“). Durch die
Lorbeeren und Olivenb¨ aume (V. 23) bezieht B¨ ocklin das Land, in dem er lebt, in seine Bilder mitein. Dadurch, dass seine Kunstlandschaft letztendlich weihevoll ” Gelobtes land“ (V. 24) genannt wird, assoziiert der Leser damit sofort Italien, die Heimat der christlichen Religion und verbindet es mit dem Paradies, wie es in der Bibel geschildert wird.
Die vierte Strophe nimmt wieder Bezug auf B¨ ocklins Person, denn er hat die Hoffnung ¨ uber eine schlimme Zeit hinweggetragen, genauso, wie George es mit dem ” Siebenten Ring“ vorhatte. Der Schmerz, den er
durch seine eigene Verbannung erlitt, ließ sich ertragen, denn er hatte durchschaut, dass sich die Gegebenheiten nach einer gewissen Zeit ¨ an-
16 Walter Donat: Stefan George als Wegbereiter, S. 49.
12
dern und somit auch die Unvernunft und Hetze seiner Zeitgenossen versiegen musste (V. 25 und 26: ” die brandung musste/Vert¨ onen“). Die
ersten vier Verse dieser Strophe spielen wahrscheinlich auf B¨ ocklins Bild Die Pest“ an, welches von George sehr gesch¨ atzt wurde. 17
”
Das Bild zeigt den personnifizierten Tod, der auf einem Drachen r¨ ucklings sitzend ¨ uber die Menschen einer Stadt herf¨ allt und eine Spur der Verw¨ ustung hinter sich l¨ asst. Die Person des Todes k¨ onnte man gleichsetzen mit dem ” schrei“ (V. 26), der die Idylle notwendigerweise st¨ oren musste. Trotz des dargestellten Elends ist der Himmel im Hintergrund hoffnungvoll blau gemalt, 18 wie im Vers 27 beschrieben wird, was wohl
heißen soll, dass B¨ ocklin es geschafft hat, Hoffnung ¨ uber eine schlimme
17 Ernst Morwitz: Kommentar zu dem Werk Stefan Georges, S. 224.
18 Ebd., S. 224.
13
Zeit hinweg zu tragen. Mit diesem Bild hatte B¨ ocklin offensichtlich nicht die Absicht, Figuren und Gegenst¨ ande realit¨ atsgetreu abzubilden. Seine Absicht, beim Betrachter unmittelbar Gef¨ uhle hervorzurufen konnte er um so besser verfolgen, indem er m¨ archenhafte Wesen wie Monster, Nixen oder Geister malte. Das angsteinfl¨ oßende Monster ist hier die Person des Todes, welche auf einem weiteren Monster, n¨ amlich einem Drachen sitzt.
In den letzten vier Versen des Gedichtes wird B¨ ocklin mit ausdr¨ ucklichem Dank (V. 31: ” dank dir W¨ achter!“) geehrt, weil er dazu beigetragen hat, deutsches Kulturgut (V. 32: ” heiliges feuer“) zu erhalten. Somit war sein Handeln nicht sinnlos (V. 30: ” Nicht arm“).
2.4 Die Gr¨ aber von Speier
Dieses Gedicht zeigt Erinnerungen auf, welche durch das unangenehme Erlebnis der Zurschaustellung von Toten, die im Leben Großes vollbrachten hervorgerufen werden. Im Dom von Speyer wurden von seiner Entstehung an verschiedene Herrscher beigesetzt. Im Jahr 1900 ließ Kaiser Wilhelm II. diese Gr¨ aber ¨ offnen, 19 was beim lyrischen Ich Wut
und Entr¨ ustung ¨ uber eine solche Respektlosigkeit verursacht. Wie wenn leichensch¨ andung“ (V. 2) 20 Verantwortlichen schlagen sie den f¨ ur die ” wollte ” zuckt“ n¨ amlich ” die hand“ (V. 1). Durch das Offenlegen der nun
h¨ asslichen und erb¨ armlichen Gebeine wird den einst großen Herrschern ihre ganze Pracht genommen. Vielleicht war es die Absicht Kaiser Wilhelms II., der ¨ Offentlichkeit klar zu machen, wie unwichtig vergangene Herrschaften im Vergleich zu seiner sind. Das Volk sollte sich nicht an die bewundernswerten Taten dieser K¨ onige und Kaiser erinnnern, sondern nur noch an das ekelhafte und bemitleidenswerte Bild derer Leichen. Aber George h¨ alt die wichtigsten Lebenselemente dieser Herrscher fest und verewigt sie so in seinem Gedicht. Dass die Gebeine zur
19 Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte, S. 208.
20 Versangaben zitiert nach: Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte, S. 22f.
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Schau gestellt wurden, k¨ onnte man daran festmachen, dass die ” hand“
(V. 1) des Besuchers die M¨ oglichkeit hatte, die k¨ urzlich zerst¨ orten Gr¨ aber (V. 2: ” frische tr¨ ummer“) zu ber¨ uhren (V. 2: ” streifend“). Diese
hand“ ist nicht nur dem lyrischen Ich zuzuordnen, sondern mehreren
”
Personen, was schon am Anfang des ersten Verses durch das Personalpronomen ” Uns“ impliziert wird. Um auf die Tragweite der Grab¨ offnung aufmerksam zu machen, verdeutlicht George also, dass das lyrische Ich mit seiner Mißachtung gegen¨ uber dieser Handlung nicht alleine war. Wenn mehrere Leute den Sinn dieser respektlosen Tat in Frage stellten, wird das Vertrauen in den gegenw¨ artigen Herrscher umso mehr vermin-
dert. Ihre Entr¨ ustung wird glaubhaft durch die Wortwahl ” ten“ (V. 1), was wie ” dass man jemandem oder etwas unberechtigt die wohlverdiente Ruhe stielt. Dieses Verbrechen muss nach Ansicht des lyrischen Ich ges¨ uhnt werden, indem die Lebenden der Gegenwart sich die Erinnerung an die Verstorbenen bewusst machen. Das Aufzeigen der ehrfurchtsvollen Erinnerung an vergangene Herrscher bestimmt nun die restlichen drei Strophen, welche die vergangenen 900 Jahre umfassen. Es f¨ angt mit demjenigen an, der den Dom von Speyer erbauen ließ, n¨ amlich Kaiser Konrad II. 21 Zun¨ achst werden vier Generationen von Kaisern
zwischen 1024 bis 1106 und deren pr¨ agnantesten geschichtlichen Merkmale angesprochen. Hier werden vor allem deren Charakterz¨ uge wie Standhaftigkeit (V. 10: ” fest“), Großz¨ ugigkeit (V. 11: ” in busse gross“) und Durchsetzungsverm¨ ogen (V. 11: ” st¨ arksten“) gepriesen. Dann beschreibt George die f¨ ur den Untergang der Habsburger verantwortlichen Gegebenheiten, indem er den Gr¨ under Rudolf I. 22 als Geist ¨ uber die Zeit
hinwegschweben l¨ asst. Somit l¨ asst George Rudolf I. den Untergang des eigenen Volkes mitansehen, wobei die Zeitspanne hier ca. 400 Jahre umfasst. Es wird angesprochen, dass sich das Gl¨ uck wendete, als Kaiser Maximilian I. auf den Thron kam. Durch die Spaltung der Kirche (V.
21 Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte, S. 208.
22 Ebd., S. 208.
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21: ” m¨ onchezank“) und den 30j¨ ahrigen Krieg wurden die Habsburger dann fast vollst¨ andig zerschlagen und diejenigen, die gegenw¨ artig noch ubriggeblieben waren litten immer noch unter ihrer Abstammung (V. ¨ 23: ” Und nun die grausigen blitze um die reste“). Die Zeitspanne umfasst hier die Jahre 1493 bis 1889. Als letztes behandelt George die Staufer (V. 25), von denen auch ein Mitglied, n¨ amlich Beatrix von Bur-gund im Speyer Dom begraben war. Damit wird an deren Mann, Sohn und Enkelsohn erinnert, die alle anwesend scheinen, auch wenn sie nicht alle hier begraben wurden. Durch die wenigen Herrscher, deren ¨ Uberreste im Dom von Speyer freigelegt wurden, konnte ein R¨ uckblick entstehen, der viele Generationen von K¨ onigen und Kaisern umfasst. Da sich George in diesem Gedicht insgesamt neun Personen zuwendet und zus¨ atzlich noch einige historische Hintergr¨ unde anspricht, ist der Informationsgehalt in diesem Gedicht wegen seiner K¨ urze teils schwierig zu erkennen.
2.5 Das Zeitgedicht (14)
Das vierzehnte Zeitgedicht bildet mit dem ersten einen Rahmen, der s¨ amtliche Zeitgedichte umschließt und somit als Abschluss des ersten Ringes dient. Die sich gleichenden Titel ” Das Zeitgedicht“ lassen gleich
vermuten, dass diese beiden Gedichte eine Einheit bilden.
ich euch“ 23 im ersten Durch die Wiederholung der Personalpronomen ” Vers wird sofort klar, das sich der Sprecher wie im ersten Zeitgedicht mit einigen seiner Zeitgenossen auseinandersetzen wird. Diese Ausein-andersetzung erfolgt wiederum durch eine direkte Anrede, welche in der ersten Strophe als Aufruf zu verstehen ist. Das lyrische Ich will hier nicht nur Kritik an seinen Mitmenschen ¨ uben, sondern auch gegen deren Pessimismus wirken, indem es ihnen den Ratschlag gibt, sich von jemandem helfen zu lassen, wobei es hier mit dem Helfenden auch sich selbst meinen k¨ onnte. Anfangs m¨ ochte es sich bei den Leuten Geh¨ or
23 Versangaben zitiert nach: Stefan George: Der Siebente Ring: Zeitgedichte, S. 32f.
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verschaffen (V. 1: ” stimme dringe“), es m¨ ochte also mit seiner Stimme zu ihnen durchdringen. Das ist aber nicht so einfach, weil die Angesprochenen damit besch¨ aftigt sind, ihre ¨ Ubellaunigkeit (V. 2: ” unmut“) kund zu tun, was durch die w¨ ortliche Rede in den Versen drei bis f¨ unf verdeutlicht wird. Sie beklagen sich zum Beispiel ¨ uber ihre gegenw¨ artigen F¨ uhrer und sind bek¨ ummert dar¨ uber, dass sich die Zeiten zum Schlechten ver¨ andert haben. Die Dinge, die ihnen am wichtigsten waren (V. 4: ” glaube“, ” liebe“) sind mit dem Tod der fr¨ uheren K¨ onige verlorengegangen. Die pessimistische Haltung macht die Menschen aber unf¨ ahig, positiv zu denken. Die Wortwahl ” verwirft und flucht“ (V.
2) weist darauf hin, dass sie jeden guten Rat ablehnen und lieber im Ungl¨ uck verweilen, um sich mit ihrem Schimpfen weiterhin bemitleiden zu k¨ onnen. Sie sehen im Moment nur noch die negativen Aspekte des Lebens und haben keine Hoffnung auf einen Ausweg aus ihrer Misere (V. 5: ” Wie fl¨ uchten wir aus dem verwesten ball?“). Die Erde wird hier mit einem ” verwesten ball“ verglichen, was wohl bedeuten soll, dass sich die schlechte Lage schon ¨ uberall ausgebreitet hat. Da aber die Erde der
einzige Lebensraum f¨ ur die Menschen darstellt, ist eine Flucht an einen anderen Ort unm¨ oglich, also hoffnungslos. In den Versen sechs bis neun fordert das lyrische Ich durch den Imperativ ” Lasst“ (V. 6) dazu auf,
sich von jemanden helfen zu lassen, weil die Angesprochenen es aus eigener Kraft nicht schaffen, aus der Depression zu gelangen. Vielleicht m¨ ochte das lyrische Ich auch selbst derjenige sein, der den Entmutigten Licht ins Dunkle bringt (V. 6: ” fackel“). Trotzdem macht es ihnen klar, dass sie an ihrem Ungl¨ uck selbst schuld sind, denn das ” verderben /Der
zeit“ (V. 7f) wird von niemand anderem erschaffen und besteht weiterhin nur durch ihren Pessimismus. Deshalb appelliert das lyrische Ich an die Vernunft der Angesprochenen und schl¨ agt vor, aktiv zu werden und mit der Hilfe eines F¨ uhrers den Blick in die Zukunft zu richten, anstatt sich passiv mit unproduktivem Selbstmitleid zu umgeben.
In der zweiten Strophe kritisiert George durch das lyrische Ich das vergangene Verhalten der Angesprochenen, denn sie wollten die Existenz der Bewundernswerten (V. 9f: ” Sch¨ onen“, ” Großen“) nicht wahrhaben
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und verwarfen deren Ansichten und Ideen (V. 11: ” st¨ urztet ihre [...]
bilder“). Wahrscheinlich handelten die Angesprochenen aus Neid, weil sie selbst nicht die Voraussetzungen besaßen, zur Elite zu geh¨ oren. Sie waren stur und hatten nicht die Absicht, sich eines besseren belehren zu lassen, was ihr Ungl¨ uck nur f¨ ordern konnte. Da sie nicht in der Lage waren, geistige H¨ ohen zu erreichen, bauten sie hohe Geb¨ aude, also Orte, welche sich m¨ oglichst weit entfernt vom Schmutz des Bodens befanden. Solche Orte zu erschaffen war den Menschen anscheinend wichtiger, als sich auf den Erhalt ihres K¨ orpers als H¨ ulle f¨ ur den Geist zu konzentrieren (V. 12: ” uber K¨ orper weg“). Sie schienen absolut keinen Wert auf ¨
ihre geistige Entwicklung gelegt zu haben, da dieses Thema hier mit keinem Wort angesprochen wird. Die Bauten, die so entstanden, waren zwar eindrucksvoll, gigantisch (V. 14: ” riesenformen“) und vielseitig (V. 14: ” mauern bogen t¨ urme“), hatten aber keinen andauernden Bestand (V. 16: ” verfiel“) und waren somit auf l¨ angere Sicht unn¨ utz. In Vers 15 deutet das lyrische Ich an, dass Dinge existieren, die weitaus m¨ achti-
ger sind als alles, was der Mensch herstellen kann (V. 15: ” zum Beispiel das Wissen ¨ uber die Verg¨ anglichkeit allen Materials. Diese Ahnung wird durch die Wolken personifiziert. Die Anklage der zweiten Strophe besteht darin, dass der Mensch es ablehnt, seinen Geist zu erweitern und seinen Verstand zu trainieren, und als Ersatz hierf¨ ur versucht, durch materielle Errungenschaften seinen Lebensstandart zu erh¨ ohen. Die Gegenwart, welche in der ersten Strophe beschrieben wird zeigt jedoch, dass dies nicht funktioniert hat. Als Folge darauf beschreibt die dritte Strophe, dass die Angesprochenen zu engstirnig waren, um zu verstehen, warum sie ins Ungl¨ uck gerieten. Als sie n¨ amlich merkten, dass ihre M¨ uhen umsonst waren, resignierten sie (V. 17: ” krochen“) und umgaben sich mit Dunkelheit (V. 17: h¨ ohlen“). Ihre Stimmung war nun depressiv, denn sie empfanden nur
”
noch Finsternis (V. 18: ” Es ist kein tag.“) und hatten keine Hoffnung mehr, im Leben noch Gl¨ uck zu finden. Da sie den Sinn ihres Daseins nicht erfassen konnten, glaubten sie, das einzig Dauerhafte sei der Tod (V. 18f) und alles andere sei zum Scheitern verurteilt. Fr¨ uher verbrach-
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ten sie ihre Zeit damit, Nutzloses zu erschaffen, aber sie lernten daraus nicht, sondern brachten durch ihr erneut falsches Handeln noch mehr Verderben ¨ uber sich. Anstatt dass sie die zweite Chance, das Wesentliche zu erkennen nutzten, wanden sie sich von der Helligkeit (V. 22: sonnenwege“) ab und begaben sich lieber tiefer ins Dunkle und damit
”
in ihre eigene Mutlosigkeit (V. 17: ” h¨ ohlen“), um nach ihrem Gl¨ uck zu
suchen. Dort fanden sie zwar materiellen Reichtum (V. 20: ” golds“, ” erz“), der aber auch Krankheit (V. 20: ”
mit sich brachte und somit ihre Lebensqualit¨ at nicht wie gew¨ unscht steigerte. Obwohl ihr Wohlergehen gar nicht weit entfernt war, waren die Angesprochenen unf¨ ahig, es zu erkennen. Denn h¨ atten sie sich auch nur einmal aus der Dunkelheit gewagt, so h¨ atten sie bemerkt, wie viele M¨ oglichkeiten, zum Gl¨ uck zu gelangen, sich ihnen anboten (V. 22: viele sonnenwege“). Doch ihre Werteinsch¨ atzung war falsch und sie
”
verschwendeten zum zweiten Mal ihre Kr¨ afte. Sie nahmen ihrem Geist (V. 23: ” seele“) die M¨ oglichkeit, sich zu entfalten, indem sie ihm zu wenig Bedeutung zumaßen und ihn schlecht behandelten. Letzendlich war seine Existenz nur durch Schmutz (V. 23: ” gift und kot“) bestimmt, da
die Menschen durch ihre Unvorsichtigkeit die letzte Hoffnung im Keim erstickten (V. 24).
In der letzten Strophe wird wie schon in der ersten wieder der Bezug zur Vergangenheit und zu den Ahnen hergestellt, es werden n¨ amlich fr¨ uhere Herrscher genannt, die ” starben“ (V. 3) und deren Abbild ” aus stein“
(V. 26) der gegenw¨ artigen Bev¨ olkerung als Erinnerung dienen soll. Das lyrische Ich sieht in den versteinerten Gesichtern Trauer (V. 25-27: ” augen [...] schwer“) aus Mitleid f¨ ur die Ungl¨ ucklichen der Gegenwart, wozu sich das lyrische Ich z¨ ahlt (V. 26: ” unsren tr¨ aumen“, ” unsren tr¨ anen“).
Hier schafft das lyrische Ich eine Verbindung zwischen sich und den Angesprochenen um sich anzun¨ ahern und Vertrauen zu schaffen. Die Erkenntnis ¨ uber Verg¨ anglichkeit und Wechsel ist heute wie damals die gleiche (V. 27: ” sie wie wir wussten“) und dieses Wissen bek¨ ummert das lyrische Ich und die seinen (V. 27: ” unsren tr¨ anen“). Der Wech-
sel beinhaltet nat¨ urlich auch, dass der Tod f¨ ur jeden unausweichlich ist
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und dass anstelle des anenehmen, gl¨ ucklichen Lebens Dunkelheit (V. 29: Nacht kommt f¨ ur helle“) und das j¨ ungste Gericht tritt (V. 29: ” busse
”
f¨ ur das gl¨ uck“). Das Leben an sich geht aber trotzdem weiter, n¨ amlich mit der frischen, jungen Generation (V. 32: ” jugend lacht“), die noch
nichts von der Trauer und dem Ungl¨ uck des Todes ahnt. Obwohl Ge-orge den Untergang der alten Welt beschreibt, steht f¨ ur ihn vor allem die Geburt einer neuen Kultur im Mittelpunkt. 24 Die Hoffnung und der
Ausblick bestehen darin, dass das Gedankengut der alten Welt in der Jugend weiterlebt.
3 Zusammenfassung
In Georges Fr¨ uhwerk war das wichtigste Lebenselement die Sch¨ onheit sowie ¨ asthetisches, edles Verhalten. 25 Durch seine von hohem Stil durch-
drungene Lyrik wird ein feudaler Zustand hervorgerufen, welcher die aristokratische Haltung Georges zeigte. 26 Er verwendete oft antike Motive, um den metaphysischen Gehalt zu veranschaulichen. 27 Im ” Siebenten Ring“ fehlen diese Motive, es gibt aber noch eine leichte antike Haltung. 28 Seit dem ” Siebenten Ring“ tritt George f¨ ur eine fundamentale kulturelle Erneuerung Deutschlands ein. 29 Er sieht sich als das Urbild des deutschen Menschen 30 und den K¨ unstler als Vision¨ ar und Sch¨ opfer einer neuen modernen Gesellschaft. 31 Er f¨ uhlt sich zu einer didaktischen
24 Jutta Elgart: Das mythische Bild in den Werken von Stefan George und William Butler Yeats: Wesen, Stellung, Funktion. In: Stefan George. Werk und Wirkung seit dem ´Siebenten
Ring´. F¨ ur die Steran George-Gesellschaft hg. von Wolfgang Braungart, T¨ ubingen 2001, S.
429.
25 Walter Donat: Stefan George als Wegbereiter, S. 58.
26 Theodor W. Adorno: Rede ¨ uber Lyrik und Gesellschaft. In: Akzente. Zeitschrift f¨ ur
Dichtung, Bd. 2: 1957-1959, H¨ ollerer und Hans Bender, M¨ unchen 1974, S. 23.
27 Walter Donat: Stefan George als Wegbereiter, S. 48.
28 Georgios Varthalitis: Die Antike und die Jahrhundertwende. Stefan Georges Rezeption der Antike, S. 102.
29 Rainer Kolk: Nietzsche, George, Deutschland. Dokumente zu Ernst Bertrams fr¨ uhen Publikationen. In: Stefan Geroge, Werk und Wirkung seit dem ´Siebenten Ring´. F¨ ur die
Stefan George-Gesellschaft hg. von Wolfgang Braungart, T¨ ubingen 2001, S. 321.
30 Walter Donat: Stefan George als Wegbereiter, S. 61.
31 Jutta Elgart: Das mythische Bild in den Werken von Stefan George und William Butler Yeats: Wesen, Stellung, Funktion, S. 412.
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Mission im eigenen Land berufen, welche sich dann eigenm¨ achtig ausbreiten solle. 32 Im Mittelpunkt steht hier die Sch¨ opfung einer neuen Kultur nach dem Untergang der alten Welt. 33
32 Jutta Elgart: Das mythische Bild in den Werken von Stefan George und William Butler Yeats: Wesen, Stellung, Funktion, S. 412.
33 Ebd., S. 429.
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Quellenverzeichnis
Prim¨ arliteratur
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Sekund¨ arliteratur
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Osterkamp, Ernst: Die K¨ usse des Dichters. Versuch ¨ uber ein Motiv im ´Sieben-
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22
F¨ ur die Stefan George-Gesellschaft, hg. von Wolfgang Braungart, T¨ ubingen 2001.
Sternberger, Dolf: Stefan Georges Ruhm. Dokumente zur Zeitgeschichte. In: Stefan George und die Nachwelt. Dokumente zur Wirkungsgeschichte, hg. von Ralph-Rainer Wuthenow, Stuttgart 1981.
Varthalitis, Georgios: Die Antike und die Jahrhundertwende. Stefan Georges Rezeption der Antike, phil. Diss. Heidelberg 2000.
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Isolde Wallbaum, 2003, Der Siebente Ring, Zeitgedichte, München, GRIN Verlag GmbH
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