3. Ansätze zur Überwindung des Gefangenendilemmas Ansatz von Gauthier
Annahme: Es gibt 2 Arten von Menschen, die über verschiedene Dispositionen verfügen.
a) „straightforward maximizer“ (SM): Sie wollen ihren individuellen Nutze n maximieren und wählen deshalb immer die dominante Strategie (defektieren) à ökonomisch rationale Disposition.
b) „constrained maximizer“ (CM): Sie sind bedingt kooperationsbereit. Treffen sie auf einen anderen CM, dann kooperieren sie. Glauben sie, ihr Gegenüber ist ein SM, dann defektieren sie. à moralische Disposition.
• Es lassen sich die erwarteten Auszahlungen in Abhängigkeit von der Disposition errechnen.
• Unter bestimmten Bedingungen ist der Erwartungswert eines CM höher als der eines SM. Für einen S M wäre es in diesen Fällen sinnvoll, die eigene Disposition zugunsten einer CM Disposition aufzugeben, da ihm diese höhere Auszahlungen verspricht.
• KRITIK: Alle Akteure müssen sich vor ihrem Handeln entscheiden, welche Disposition sie einnehmen. Niemand weiß, wie sich die anderen v erhalten. Gleichzeitig hängen die eigenen Auszahlungen aber von der Strategie der Anderen ab. Deshalb muss jeder Akteur überlegen, welche Strategie für ihn am vorteilhaftesten ist. Im Gefangenendilemma ist defektieren die dominante Strategie, die jeder wählen wird. à Es gibt in der Gesellschaft gar keine CM . ANMERKUNGEN:
(1) In der Realität gibt es Menschen, die über moralische Motive handeln und sich kooperativ verhalten. D.h., es gibt einen gewissen Anteil an CM in der Gesellscha ft. Gleichzeitig findet der Großteil der Interaktionen meist nur in einem überschaubaren Kreis und mehrmals hintereinander statt. Das macht es relativ leicht , SM und CM richtig einzuschätzen. Langfristig können SM dann keine Auszahlung über P hinaus erwarten. CM erhalten dagegen eine Auszahlung über P hinaus, wenn es mindestens einen anderen CM gibt.
(2) Im Gefangenendilemma wird argumentiert, dass das defektieren lediglich einer Person alle anderen dazu bringen kann, ebenfalls zu defektieren (um eine Ausbeutung zu verhindern). Unter den Bedingungen von (1) geschieht das genaue Gegenteil. Ein minimaler Anteil an CM kann alle anderen SM dazu bringen, sich ebenfalls kooperativ zu verhalten, um langfristig Auszahlungen über P hinaus zu erhalten. TIT FOR TAT
Annahmen: Jede Interaktion zwischen den Akteuren findet mehrmals statt. Zu jeder Periode gibt es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Folgeperiode.
• Die TIT FOR TAT Strategie lautet:
Beginne in der ersten Periode mit einem kooperativen Zug. Spiele in jeder weiteren Periode so wie der andere Akteur in der Periode davor. Man kann den anderen Akteur also für defektives Verhalten in der Folgeperiode sanktionieren.
• Da der TIT FOR TAT Spieler genau wie der CM bedingt kooperationsbereit ist, kann sei nem Handeln eine moralische Qualität zugesprochen werden.
• Wenn die kumulierten Auszahlungen (alle Auszahlungen müssen abgezinst werden) der TIT FOR TAT Strategie über den kumulierten Auszahlung der einseitigen Defektion liegen, ist sie auch rational.
• Das ist der Fall, wenn die Sanktionierung in der Folgeperiode bereits in der Gegenwart stärker wirkt, als der kurzfristige Gewinn, der durch die einseitige Defektion erreicht werden kann. TIT FOR TAT sollte dann auch von Akteuren mit rein selbstinteressierend en Motiven gewählt werden.
ANMERKUNG:
(3) Wenn Akteure nur deshalb TIT FOR TAT wählen, weil es ihnen Vorteile bringt, kann zwischen ihnen kein Vertrauen entstehen. Die Akteure werden weiterhin versuchen, ihr individuelles Maximum zu erreichen, wenn sie dafür nicht sanktioniert werden können (z.B. wenn einer der Akteure weiß, dass die Beziehung zu Ende geht und der andere nicht). Freundschaftsspiel
Annahme: Es gibt Akteure, die um der Kooperation willen kooperieren, d.h. sie ziehen kooperative Lösungen unkooperativen vor.
• Der moralische Akteur zieht zwar die Kooperation vor, kann dadurch aber von den anderen ausgenutzt werden. à Langfristig kann dieses Spiel nur dann gespielt werden, wenn alle anderen auch kooperieren.
• Wenn alle anderen defektieren, dann trägt der moralische Akteur die gesamten Kosten der Kooperation alleine à Irrationalität des Freundschaftsspiels.
• Wenn die anderen nicht bereit sind zu kooperieren, muss langfristig auch der moralische Akteur zur Defektion übergehen, da er sich sonst selbst gefährden würde.
• Es ergeben sich 2 Dilemmata:
- Kooperation gefährdet zunächst das Wohl des Einzelnen (ökonomisches Dilemma)
- Defektion gefährdet das Wohl aller (moralisches Dilemma) ANMERKUNG :
(4) Wenn das Spiel langfristig gespielt wird, ist beidseitige Kooperation die einzig rationale Lösung. Der ökonomisch rationale Akteur weiß, dass der durch Defektion den moralischen Akteur ebenfalls zur Defektion zwingt. Damit erhält er langfristig nur die Auszahlung P. Würde er kooperieren, könnte er dauerhaft die Auszahlung R erhalten. Als rationaler Akteur zieht er die Auszahlung R>T vor. Ihm bleibt also nichts anderes übrig als zu kooperieren, wenn er seinen Nutzen langfristig maximieren will.
4. Zusammenfassung
Für ökonomisch rationale Akteure ist es manchmal sinnvoll, moralisch zu handeln. Allerdings nur dann, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.
à Eine Verallgemeinerung der Aussage, dass es immer rational ist, moralisch zu handeln, kann nicht getroffen werden ANMERKUNGEN:
(5) Geht man von einer langfristigen Perspektive aus (was nicht unrealistisch ist), dann kann mit dem Ansatz von Gauthier und dem Freundschaftsspiel dagegen gezeigt werden, dass moralisches Handeln immer sinnvoll ist. Zwar spielt der CM bei Gauthier nicht bedingungslos kooperativ, allerdings würde ich es nicht als unmoralisch bezeichnen, sich gegen die eigene Ausbeutung zu wehren.
(6) In den Ansätzen wird nicht auf den Aufbau von Reputation eingegangen. Hier wird auch eine langfristige Sichtweise unterstellt. Bei der Reputation geht man davon aus, aufgrund moralischen Verhaltens in der Vergangenheit, zukünftig höhere Auszahlungen zu erhalten. Bisher wurde immer nur gezeigt, dass Kooperation Kosten verursacht und deshalb irrational ist. Bei der Reputation wird dagegen berücksichtigt, dass Defektion (durch die diese K osten verhindert werden können) andererseits zukünftig höhere Auszahlungen unmöglich macht und somit irrational sein kann.
Durch kooperatives Verhalten zeige ich meinen aktuellen und potenziellen Interaktionspartnern, dass ich bereit bin, auf Defektion zu verzichten und gebe ihnen somit Sicherheit. Dies ermöglicht mir, Interaktionen einzugehen, die nicht möglich gewesen wären, wenn ich in der Vergangenheit unkooperativ gehandelt hätte. Die aus diesen Interaktionen entstehenden Auszahlungen kann ich mir deshalb durch mein kooperatives Verhalten zusätzlich aneignen.
Arbeit zitieren:
Thomas Weber, 2005, Ethikkonzeptionen der Gegenwart - Ist es rational, moralisch zu sein?, München, GRIN Verlag GmbH
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Die moralische Entwicklung nach Piaget und Kohlberg
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