Untersuchung von IRC-Kommunikation
auf Erscheinungen der ethnomethodologischen
Sozialforschung
1. Einleitung
2. Gesprächshintergrund
3. Besonderheiten der IRC-Kommunikation
4. turn-taking in IRC-Kommunikation
5. preference for agreement and contiguity in IRC-Kommunikation
6. Fazit
7. Bibliographie
Annexes
a. Transkript
2
1. Einleitung
Mit dem Fortschreiten der technischen Möglichkeiten haben sich auch bestimmte Kommunikationsmuster verändert. Ein Großteil der Kommunikation wird via elektronische Medien abgewickelt. Chat -Rooms, Foren und der so genannte Internet Relay Chat ( IRC ) erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Bei diesen IRC -Channel erfolgt die Kommunikation ähnlich einem Telefonat in Echtzeit, wird jedoch mittels Computer-Tastatur geschrieben.
Darin begründet liegt das wissenschaftliche Interesse diese Art der Kommunikation, Elementen wie Gestik, Mimik oder Tonnuancen beraubt, auf Muster zu untersuchen, wie beispielsweise Harvey Sacks sie in seinen „lectures“ formulierte. Hierbei ist jedoch eine formale Gesprächsanalytische Transkription ( GAT ) nicht realisierbar, da die Gesprächsteilnehmer bereits eine eigene Form der Transkr iption vorgenommen haben um fehlende Darstellungsmöglichkeiten von Emotionen oder nonverbaler Kommunikation auszugleichen. Ebenfalls sind Überlappungen durch die technisch gesetzten Grenzen nicht möglich.
Da es sich bei den Interaktanten bereits um eine sozial gefestigte Gemeinschaft handelt, ist zu erwarten, dies auch in der Art der Konversation wieder zu finden. Eine umfassende Analyse, unter Einbeziehung aller Phänomene der ethnomethodologischen Soziologie wäre für den vorgegebenen Rahmen zu umfangreich. Daher beschränke ich die Untersuchung auf einige Faktoren, wie einen eventuellen Hang zum agreement, in welcher Form der Gesprächswechsel, das so genannte turn-taking vollzogen wird und wie das Fehlen von Ausdrucksparametern mit Hilfe von Lautschrift kompensiert wird.
Die Analyse wird zeigen, dass sich eine Kommunikation im IRC den Regeln eines face-to-face Gespräches bzw. einer Sprechaktkommunikation angleicht. Des Weiteren wird aber auch davon auszugehen sein, dass bestimmte Regeln, wie das turn-taking, bei dieser Masse an Gesprächsteilnehmern und der fehlenden Möglichkeit sich durch Blickkontakt oder ähnliches abzustimmen, gebeugt bzw. ausgesetzt werden.
3
Auch wenn der Gesprächsrahmen sehr speziell ist, wird er sich dennoch auf bereits formulierte Charakteristika von Kommunikation untersuchen lassen. Von wissenschaftlicher Bedeutung ist in diesem Fall, inwieweit Erkenntnisse der Gesprächsforschung sich auf eine solche Nischenkommunikation, die durch ihre Thematik eng begrenzt ist, übertragen lassen.
2. Gesprächshintergrund
Da der Hintergrund für den Inhalt und die Konventionen einer Konversation in der Regel wichtig ist, wird ein kurzer Überblick im Vorfeld notwendig. Das hier vorliegende Gespräch ist ein so genanntes Log File eines IRC-Gesprächs zwischen mehreren Personen, auch wenn die ausschließliche Anwendung dieser Log Files umstritten ist, wie unter Kapitel 4 näher dargelegt ist. Die Teilnehmer dieses Gesprächs sind männlich und beteiligen sich alle an dem Selben Browser-Game. Bei diesen Spielen engagieren sich bis zu mehreren tausend Personen simultan und weltweit. Dabei sind sie zumeist in Clans oder Allianzen organisiert. Die Spielstrukturen sind auf Konfrontation und Kooperation ausgelegt. In der Regel handelt es sich bei diesen „Browser-Games“ um Echtzeitsimulationen innerhalb von Phantasiewelten, die sowohl Aufbau ( zum Beispiel von Planeten ), als auch Zerstörung ( beispielsweise Schiffe ) in Form kriegerischer Auseinandersetzungen beinhaltet. Um die Illusion zu vervollständigen geben sic h die Spielteilnehmer nicknames (Spitznamen), mit welchem für sie bestimmte Vorstellungen, Ideale oder sonstige Eigenschaften verbunden sind, die aber auch zum Schutz vor emotionalen Verletzungen der Person hinter dem account 1 dienen können.
Die untersuchte Gruppe spielt ein Spiel mit dem Namen Omega-Day 2 und ist in einer Allianz mit dem Namen Imperium vereint. Das Imperium wiederum bezieht sich auf ein anderes Spiel ( Warhammer 40000 3 ) - einst nur kriegerisches Tabletop-Spiel, ist es nun auch als Computerspiel erhältlich - um eine Clanidentität zu schaffen.
1 Ein account ist in diesem Fall ein exklusives „Spielerkonto“ mit eigenen Zugangsdaten für den Spieler.
2 http://www.omega-day.de
3 http://www.sphaerentor.com/wh40k/index.php?file=browser.php&document=faq.htm
4
Jedoch werden nicht ausschließlich „fachspezifische“ Informationen ausgetauscht, sonder das Spiel schafft auch eine Interaktionsbasis, die auch auf Faktoren des RL ( real life ) ausgedehnt werden kann. Daher sind im vorliegenden Transkript kaum „Fachtermini“ bzw. interne Abkürzungen enthalten.
Bei dem kopierten Gesprächsausschnitt werden die subjektiven Präferenzen eine Musikgruppe mit dem Namen „Die Toten Hosen“ diskutiert, wobei deutlich befürwortende als auch ablehnende Haltungen gegenüber diesen vorgebracht werden.
Den Interaktanten ist zu dieser Zeit nicht bekannt, dass dieser Ausschnitt aus einem internen Channel ( Passwortgeschützt ) zu Analysezwecken gespeichert wurde und agieren daher ungezwungen. Alle Gesprächsteilnehmer sind Jugendliche, oder junge Erwachsene, im Alter zwischen 15 und 25 Jahren und gehören unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten an.
Der Vollständigkeit halber ist das komplette Transkript/Log File unter Annex a aufgeführt.
3. Besonderheiten der IRC-Kommunikation
Dieses Transkript wird für jeden, der noch nie an einem Chat dieser Art teilgenommen hat etwas undurchsichtig erscheinen. Daher ist es sinnvoll auch die Besonderheiten, wie Symbole, Befehle oder andere Kürzel exemplarisch zu erläutern.
Das Transkript beginnt mit einem Befehl in Zeile 1, welcher mit * ( Sternchen ) gekennzeichnet ist. Damit wird den Konversationsteilnehmern verdeutlicht, dass jemand in den Channel gekommen ist oder ihn verlassen hat. Weiterhin werden mit diesen Sternchen Befehle von Interaktanten an den Client gekennzeichnet, etwas Bestimmtes zu tun, wie das Schlagen eines anderen Gesprächsteilnehmers mit einer Forelle( Zeile 55 ). Dieses „slapping“ ist eine humoristische Möglichkeit die Aufmerksamkeit eines bestimmten Interaktanten auf einen Beitrag bzw. einen Interaktanten zu lenken, da es beim Angesprochenen in der Regel, also wenn er diese Funktion des Client nicht deaktiviert hat, einen Signalton verursacht
5
Innerhalb der an den spitzen Klammern steht der nickname des Gesprächsteilnehmers. Diese Nicknames sind frei gewählt und werden innerhalb des Gespräches des Öfteren modifiziert um zusätzliche Informationen zu geben (siehe Zeile 60). So ändert IMP|UM|Olaf seinen Namen zu IMP|UM|Olaf|f uttern. Damit signalisiert er allen anderen, dass er nun für einen bestimmten Zeitraum nicht an der Diskussion teilnehmen wird, da er essen ist.
Die Konversation enthält zum Teil Anglizismen, wie „hi“ (Zeilen: 5, 8, 86), was in Anbetracht des stark englischsprachigen Mediums nicht weiter verwunderlich ist. Aber auch regional bedingten Formeln, wie „moin“ (Zeilen: 3, 4), „nich“ (Zeilen 17, 29, 34, 57) oder „net“ (Zeilen 12, 23, 74) finden Verwendung. Der Gebrauch von ideographisch rekonstruierten Gesichtsau sdrücken, den so genannten Smileys ist sehr häufig. „Diese sind aber keineswegs immer freundlich, sondern können zum Ausdruck verschiedenster Emotionen eingesetzt werden.“ (Rosenbaum, 1996, S. 227)
Solche, auch Emoticons 4 genannten Piktogramme setzen sich aus, um 90° gedrehten Satz- und Sonderzeichen zusammen. Dazu einige Beispiele:
:) oder :-) - lächelndes Smiley
:( oder :-( - böses Smiley ;( oder ;-) - zwinkerndes Smiley :o oder :-o - erstauntes Smiley :P oder :-P - hämisches Smiley (steckt die Zunge heraus) ^^ - hochgezogene Augenbrauen
Die exakte, und vom Erstellenden gemeinte Bedeutung vieler Emoticons im Kontext lässt sich jedoch nicht ermitteln, da die Interpretation vom Empfänger abhängt. So können die hochgezogenen Augenbrauen (^^) Erstaunen ebenso wie eine Frotzelei darstellen. Es gibt drei grundlegende Hauptfunktionen für Smileys; eine expressive ( zum Ausdruck von Emotionen ), eine evaluative ( zur besseren Interpretation von Aussage durch die Rezipienten ) und eine kommunikativ-regulierende ( z.B. Begrüßung von Unbekannten). 5
4 Emoticons setzen sich aus den englischen Begriffen für emotion = Gefühl / Emotion und icon = Symbol zusammen
5 Orthmann, Claudia (2004); Strukturen der Chat-Kommunikation/Konversationsanalytische Untersuchung eines Kinder- und Jugendchats, Dissertation FU Berlin
6
Dies zeigt, wie ausgeprägt die Zu- und Abstimmung bei der Nutzung von Emoticons sein muss.
Ein weiteres stilistisches Mittel zur Verdeutlichung von Gefühlen sind Akronyme. Hier wären zu nennen *lol*(laughing out loudly), *rofl* (rolling on floor laughing) oder *g* (grin). Intensiviert werden diese durch Iterationen 6 , auch wenn diese in Anbetracht der Akronyme wenige Sinn ergeben. *loooooooooooool* ist nur eine Möglichkeit dafür. Auch die Smileys werden auf diese Weise verstärkt [ :))) ].
Seit Beginn des Chattens ist die Liste mit möglichen Akronymen unglaublich angewachsen. 7
Es tauchen auch immer wieder neue Wortschöpfungen auf um die Kommunikationsprozesse zu effektiveren. In Zeile 39 findet sich ein gutes Exempel hierfür:
39. [15:42]
Dies allein macht wenig Sinn. Erst mit dem Hintergrundwissen, dass es sich bei diesem „wayne“ um eine Abwandlung des Personalpronomens „wen“ handelt, und das dazugehörige „interessiert es“ (also: „wen interessiert es“) weggelassen wurde, erschleißt sich dieser.
Das Beispiel zeugt auch von dem hohen Maße an erforderlicher Anerkennung solcher Konstruktionen innerhalb der Gruppe, welche zum inhaltlichen Verständnis notwendig ist.
Eine weitere Besonderheit bei der IRC-Kommunikation ist, wie in Zeile 24 zu sehen, die so genannte „infinite Verb-Letzt-Konstruktion sich als Erweiterung aus den prädikativ verwandten Verbstämmen herleitet.“ ( Ruhnkehl, Schlobinski, Weber: Sprache und Kommunikation im Internet ) 8
Diese »Wurzelwörter« (Schlobinski/Blank, 1990, S. 12) werden häufig allein durch den Verbstamm gebildet und sind eine Erfindung für Comics, wie „Micky Maus“ oder „MAD“ um Tätigkeiten darzustellen.
6 http://www.mediensprache.net/de/publishing/publizieren/muster/htmln/ling uistisches/chatten.htm
7 http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Abkürzungen_(Netzjargon)
8 http://www.mediensprache.net/de/publishing/publizieren/muster/htmln/linguistisches/chatten.htm
7
Jedoch, so Ruhnkehl, Schlobinski und Weber, finden sich diese »Wurze lwörter« hauptsächlich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, bei denen die Comic -Lektüre noch nicht vollständig verblasst ist. 9 Auf Grund des Zeitfaktors ist die Kleinschreibung bevorzugt.
4. turn-taking in IRC-Kommunikation
Das turn-taking stellt bei der Kommunikation mittels IRC eine Besonderheit dar. Bei einer Sprechaktkommunikation erfolgt die Verteilung von Rederechten durch eine unbewusste Abstimmung, welche durch Pausen des Sprechers oder aber auch durch direkte Anrede erfolgen kann. Dies ist ein permanenter Prozess und geschieht in jedem Gespräch.
Heute wird davon ausgegangen, dass ein Sprecherwechsel auf drei Arten vorgenommen werden kann. Es ist entweder möglich, dass der Sprecher einen Nachredner bestimmt, und dieser dann das Wort hat, dass der Sprecher keinen Nachredner bestimmt und das Rederecht der Selbstwahl der Gesprächsteilnehmer überlassen wird, oder aber dass der Sprecher das Wort behält. 10 Eine umfassende Konvention für die Analyse von Turn -Taking-Prozessen innerhalb der IRC-Kommunikation zu finden ist schwierig, da es auch innerhalb der Wissenschaft geteilte Meinungen bezüglich der Anwendbarkeit von Regelungen, die für eine Sprechaktkommunikation gültig sind, gibt.
„[…] any linear model for the organization of conversation (such as the Sacks, Schegloff and Jefferson model of turn -taking) does not adequately account for the structure of this mode of interaction and indeed for most conversation. Because both parties can talk at the same time, there ist no need for turn allocation techniques as they describe them. There is no necessary sequencing of adjacency pairs, nor the concept of an adjacency pair as a unit of organization“ 11
9 Ebd.
10 Turn-taking, also die Verteilung von Rederechten mittels Sprecherwechsel, stellt ein Mittel zur Herstellung sozialer Ordnung dar, erfolgt unbewusst und findet in jedem Gespräch statt
Siehe Sacks, Harvey/ Schegloff, Emanuel A./ Jefferson, Gail (1978): A Simplest Systematics for the Organization of Turn Taking for Conversation. In: Schenkein, Jim (Hg.): Studies in the Organization of Conversational
Interaction. New York/San Francisco/London: Academic, 7-55, bes. 43. Veränderte Version eines Beitrags in: Language 50/4 (1974), 696-735, bes. 727.
11 Murray, Denise (1989): When the medium determines turns: turn-taking; in computer conversation
8
Sprechpausen sind bei der Nutzung des IRC aber schwer einschätzbar, da auch das Schreiben eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Deutlich zu sehen am nachfolgendem Transkriptauszug ist die hohe Kadenz der Äußerungen verschiedener Gesprächsteilnehmer.
16. [15:38]
17. [15:38]
21. [15:38]
23. [15:38]
Das heißt, dass die Gesprächsteilnehmer durch ihre Äußerungen signalisieren sich am Gesprächsverlauf zu orientieren. Allerdings sinkt mit steigender Teilnehmerzahl in einem Chat die Wahrscheinlichkeit, dass sequenziell ein Beitrag an eine vorherige Äußerung anschließt.
Bemerkenswert hierbei ist, dass durch das System jeder Interaktant theoretisch das selbe Rederecht hat. In einer Face-to-Face-Kommunikation wird Rederecht durch stillschweigendes oder artikuliertes Einverständnis gewährt. In einem IRC -Chat wird das Rederecht durch Technologie vergeben. Dies macht es theoretisch möglich sich in jeder beliebigen Art und Form zu jedwedem Thema zu äußern. Während dieser Art der Kommunikation haben die Interaktanten die Möglichkeit mehr Rollen/Aktivitäten nachzugehen, als in einer Face-To-Face-Kommunikation. Sie können Nachrichten verfassen, Nachrichten lesen, Nachrichten senden, auf Nachrichten warten und nebenher andere Tätigkeiten ausführen. Wird in einem Gespräch das Ausführen anderer Tätigkeiten im Allgemeinen eher als unhöflich betrachtet, bleiben solche Tätigkeiten während eines Chats im Verborgenen.
12 Bergmann, Jörg R. (1988): Ethnomethodologie und Konversationsanalyse.
9
Und genau dort liegt das Problem der Kritiker einer bloßen Analyse ei nes Log-Files. Pausen deuten nicht etwa eine Möglichkeit für einen Sprecherwechsel an, sondern können ebenso bedeuten, dass die Interaktanten gerade die Beiträge lesen, oder bereits im Schreiben begriffen sind - was ja auch Zeit beansprucht. Daher sind Überschneidungen, ein Merkmal des Turn -Taking-Konzeptes von Sacks, technisch überhaupt nicht möglich. 13
Weiterhin gehen die Kritiker davon aus, dass durch das Mühlenprinzip, also wer zuerst kommt mahlt zuerst, eine Turnzuweisung auch durch direkte Anrede des Empfängers fehlschlagen kann, da bereits andere Chatter ihren Beitrag eher platziert haben können.
24. [15:39]
14
25. [15:39]
31. [15:40]
In obigen Beispiel versucht der Gesprächsteilnehmer (IMP|Nemo ) das Gespräch in andere Bahnen zu leiten und einen weiteren Gesprächstrang zu etablieren. Hierzu spricht er eine Person (Doc|RedRuss) direkt an ( Zeile 37 ). In Zeile 40 und Zeile 42 erweitert er die Gesprächsbasis durch einen direkten Verweis auf ein anderes Spiel 15 , von dem er weiß, dass der Empfänger es ebenfalls spielt. Die möglichen Ursachen für das Ignorieren dieses Beitrages sind vielfältig. Zum einen ist die Partizipation in diesem bestimmten Browser-Game nicht verbreitet genug bei den Mitgliedern dieses Channels, da es der interne Channel von „Omega-Day“ ist, zum anderen ist es annehmbar, dass allgemein kein Interesse an einem Gesprächswechsel vorlag.
13 Garcia/Jacobs
14 sp ist hier die Abkürzung für www.Space-Pioneers.de ( ein weiteres Browser-Game )
15 Bei diesem speziellen Spiel (www.Space-Pioneers.de ) ist die Energieversorgung wichtig um zu produzieren.
10
Der direkt angesprochene Channel-Teilnehmer kann ebenso mit etwas anderem beschäftigt gewesen sein. Da alle möglichen Begründungen für eine nicht erfolgte Wahrnehmung des angebotenen Themas spekulativ sind, bleibt nur, die Tatsache an sich zu registrieren.
Des Weiteren ist auch in diesem Beispiel nicht davon auszugehen, dass für die Interaktanten schlüssig ist, dass der Chatter seinen Turn abgegeben hat, auch wenn sein Beitrag bereits auf dem Monitor erschien, da alles neben dem Text für die Beteiligten unsichtbar bleibt.
Es existiert beim chatten also nur eine Art transition-relevance place ( TRP ). Garcia und Jacobs argumentieren, dass die „Zuhörer“ anhand der Gestaltung eventuelle Gelegenheiten für Sprecherwechsel antizipieren. 16 Dadurch erscheint die Konversation als kohärenter Gesprächsfluss.
In der Gesprächssequenz werden keine längeren Turns aufgenommen - dies wäre für die IRC-Kommunikation auch eher untypisch.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass auch in einer IRC-Kommunikation Turns wahrgenommen werden. Aufgrund der technischen Begrenzungen können Sprecherwechsel jedoch nicht vollständig nach den Regeln des Turn -Taking adaptiert werden können.
Zur Organisation der Gespräche finden die Nutzer dieser Verständigungsform andere Maßnahmen, wie schnelles Schreiben oder Verkürzen der Nachricht, um einen Informationsfluss zu gewährleisten bzw. Turns zu „verwalten“.
5. preference for agreement and contiguity in IRC-Kommunikation
Innerhalb der sequenziellen Analyse von Konversation begegnet man einem speziellen Phänomen - der „preference for agreement and contiguity“ 17 . Bei seinen Studien fiel Harvey Sacks auf, dass positive Antworten quantitativ häufiger vorkommen, als negative.
16 Garcia/Jacobs
17 Sacks, Harvey 1987. On the Preferences for Agreement and Contiguity in Sequences in Conversation.InTalk andSocial Organisation, editedby Graham ButtonandJohn R.E.Lee.Clevedon: Multibilingual Matters Ltd.,54-69.
11
Doch wie sieht dies im Schutze der Anonymität eines Nicknames aus? Auch wenn in seinen Untersuchungen hauptsächlich die Antworten auf Fragen untersucht wurden, kann man diese Erscheinung auch auf Antworten auf Behauptungen beziehen. Ein weiteres Problem ist die Übertragung des Prinzips von einem Dialog ( also zwei Beteiligten ) auf ein Mehrpersonengespräch, da Sacks Studien diesbezüglich nur Zwiegespräche umfassen. Doch zumindest die Präferenz von Übereinstimmung sollte auch in einem IRC-Chat nachzuweisen sein. Scheinbar versuchen Menschen innerhalb einer Kommunikation mit dem Gegenüber konform zu gehen. Sollten Ansichten einmal nicht miteinander übereinstimmen, wird auch eine Absage, Verneinung oder negative Erwiderung zumeist versucht zu begründen oder abzuschwächen um Akzeptanz zu finden.
„First thing that we noted,[…], is that there is an apparent interaction between the preference for contiguity and the preference for agreement, such that, if an agreeing answer occurs, it pretty damn well occurs contiguously, whereas if a disagreeing answer occurs, it may well be pushed rather deep in to the turn that it occupies.” 18
Wie bereits erwähnt, stehen sich in dem Transkript mehrere Interaktanten in ihren Meinungen bezüglich der Musikgruppe „Die Toten Hosen“ gegenüber. Zur genaueren Betrachtung führe ich das oben bereits genannte Beispiel nochmals an. IMP|UM|exo85 und Doc|RedRuss beziehen hier eine positive, IMP|UM|Olaf und IMP|UM|Charminbear (siehe Zeilen 7, 9 und 12) eine definitiv ablehnende Position zu der Band. IMP|Nemo kann eine eher ablehnende Haltung bzw. Gleichgültigkeit zugeordnet werden.
Nachdem, zwischen Zeile 6 und 15, die an dieser Diskussion Beteiligten ihre Standpunkte verdeutlicht haben, vollzieht sich der weitere Disput nur noch zwischen IMP|UM|Olaf und IMP|UM|exo85.
Alle anderen aktiven Gesprächsteilnehmer ergreifen Maßnahmen zu Deeskalation.
15. [15:37]
Durch Nemo wird ein rhetorisches „Friedensangebot“ unterbreitet, dem Doc|RedRuss sofort zustimmt.
18 Ebd.
12
Dieses Angebot wird durch IMP|UM|Olaf in Zeile 17 ausgeschlagen.
17. [15:38]
18. [15:38]
Scheinbar gibt es auch eine preference for agreement innerhalb der Konversation von IRC-Cannels. Hier ist zu sehen, wie selbst negativ beurteilende Aussagen relativiert werden um den „Frieden“ zu wahren.
Durch die Aussage „über geschmack lässt sich streiten oder auch nicht…“ (Zeile 15) wird auch die Ansicht von IMP|Nemo über die betreffende Band deutlich. De nnoch lässt er die Möglichkeit anderer Meinungen zu, womit er weiterhin die am Gespräch teilnehmen kann, ohne vom Rest der Gruppe ausgegrenzt zu werden. Die Antwort ist also so schwach wie möglich formuliert.
36. [15:41]
37. [15:42]
Auch innerhalb dieses Turns wird versucht die Situation zu entschärfen. Auf einen Vorwurf IMP|Nemo´s reagiert IMP|UM|Olaf zwar wieder mit einer abschlägigen Antwort, welche aber auch durch eine Begründung dafür entschärft wird.
38. [15:42]
Auch in diesem Beispiel wird abgewiegelt und versucht eine Diskussion in friedliche Bahnen zu lenken. IMP|Nemo gibt in Zeile 36 einen guten Grund an, weshalb ein Fortführen der Diskussion kontraproduktiv wäre um damit eine Eskalation zu vermeiden. Das Bestreben nach Übereinstimmung bzw. friedlicher Regelung von Konflikten innerhalb einer Diskussion scheint nicht nur von partizipierenden Interaktanten, sondern auch von nicht in die Debatte direkt involvierte Personen gewünscht zu sein.
13
Die Untersuchung der vorliegenden Gesprächsausschnitte zeigte deutlich, dass auch bei der Kommunikation im IRC eine Bevorzugung von inhaltlicher Kongruenz nachzuweisen ist. Sollte diese nicht erreicht werden, nutzen die Interaktanten das schwächste ihnen mögliche Argument zum Vertreten ihrer Position. Hierzu muss jedoch einschränkend gesagt werden, dass die Interaktanten, so unterschiedlich ihre Interessen im RL auch sein mögen, im Spiel voneinander abhängig sind.
Dies macht eine gewisse Diplomatie in den Äußerungen unerlässlich.
6. Fazit
In dieser Arbeit wurden lediglich zwei Merkmale innerhalb einer face -to-face-Kommunikation als Analysemaßstab für die IRC-Kommunikation angelegt. Des Weiteren wurde die Bedeutung von Möglichkeiten zum Ausgleich für das Fehlen von Ausdrucksmöglichkeiten, wie Mimik, Gestik oder Stimmlage erörtert und auf spezielle Charakteristika des Chattens eingegangen.
Es zeigte sich, dass im Gegensatz zum Turn-Taking die „Preference for agreement and contiguity“ 19 auch innerhalb von Chat-Rooms eindeutig nachweisbar ist. Da bestimmte, von Sacks gesetzte, Attribute des Turn -Taking, wie eine TurnÜbergabe an einer übergaberelevanten Stelle, tech nisch nicht realisierbar sind, kann dies auch nur in Ansätzen für eine Analyse eines IRC-Log-Files Anwendung finden. Durch das „Mühlenprinzip“, eine Technik der Chatter, welche eine Selbstwahl für den nächsten Turn intendiert, bekommt nicht der „first starter“ ( Sacks ) den Turn, sondern vielmehr der „first poster“ 20 .
Dadurch sind die Chatter gezwungen entweder schneller zu schreiben, oder aber kürzere Nachrichten zu verfassen.
Es stellt sich beim Chatten also nicht die Frage, wer zuerst antworten darf, sond ern wessen Äußerungen zur Kenntnis genommen, auf welche reagiert und welche ignoriert werden.
19 Sacks, Harvey; On the Preferences for Agreement and Contiguity in Sequences in Conversation
20 Poster, der ( aus dem Englischen: to post; anschlagen, bekannt machen )
14
Aktionen, wie das Verfassen oder lesen von Nachrichten, oder gar völlige Abwesenheit ist für die anderen Gesprächsteilnehmer unsichtbar, Somit etablieren sich bei „multi-party-chats“ häufig mehrere parallele Gesprächsstränge. Eine weitere Erkenntnis dieser Arbeit betrifft den Wunsch nach Transparenz. Zur Verdeutlichung der Semantik von Nachrichten und Gesprächsbeiträgen werden Emoticons, Akronyme oder Iterationen vielfältig genutzt. Diese müssen den Gesprächsteilnehmern jedoch geläufig sein.
15
7. Bibliographie
Garcia, Angela Cora & Jacobs, Jennifer Baker (1999): The Eyes of the Beholder: Understanding the Turn-Taking System in Quasi-Synchronous Computer-Mediated Communication. Research on Language and Social Interaction, 32 (4), S. 337-367.
Murray, Denise (1989): When the medium determines turns: turn -taking in computer conversation In: Coleman, Hywel (Hrsg.): Working with Language. A Multidisciplinary Consideration of Language Use in Work Contexts. Berlin/New York: Mouton de Gruyter, S. 319-337.
Rosenbaum, Oliver (2000): Chat- Slang. Lexikon der Internet- Sprache. Hanser Fachbuch , 3., erw. Aufl.
Sacks, Harvey; Schegloff, Emanuel & Jefferson, Gail (1978): A simplest systematics for the organisation of turn taking for conversation. Schenkein, Jim (Hrsg.): Studies in the Organization of Conversational Interaction. New York: Academic Press, S. 7-55.
Sacks, Harvey (1995) (herausgegeben von Gail Jefferson, mit einer Einführung von Emanuel Schegloff): Lectures on Conversation. Volumes I & II. Cambridge: Blackwell Publishers.
Sacks, Harvey ( 1987): On the Preferences for Agreement and Contiguity in Sequences in Conversation; InTalk and Social Organisation, edited by Graham Button and John R. E. Lee. Clevedon: Multibilingual Matters Ltd., 54-69.
Internetquellen:
http://www.mediensprache.net/de/publishing/
publizieren/muster/htmln/linguistisches/chatten.htm
http://www.omega-day.de
www.Space-Pioneers.de
http://www.sphaerentor.com/wh40k/index.php?
file=browser.php&document=faq.htm
16
Annex a
Dieses Log File wurde am 19.11.2005 von Sebastian Seeger im Channel #=\I/= im euIRCnet IRC Network gespeichert. Der Channel ist intern ( Passwortgeschützt ).
Transkript
1. [15:32] * IMP|UM|Charminbear has joined #=\I/=
2. [15:32] * ChanServ sets mode: +qo IMP|UM|Charminbear IMP|UM|Charminbear
3. [15:33]
9. [15:35]
17. [15:38]
21. [15:38]
23. [15:38]
31. [15:40]
17
36. [15:41]
37. [15:42]
52. [15:46]
66. [16:03]
18
Arbeit zitieren:
Sebastian Seeger, 2006, Untersuchung von IRC-Kommunikation auf Erscheinungen der ethnometodologischen Sozialforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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