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Inhalt
1 Vorwort. 3
2 Absichten und Methodik des COURS' 4
2.1 Wie die Begriffsbestimmung zum Problem wird. Beispiel: Sprache. 5
2.2 Ambivalente Grundannahmen des COURS' 7
3 Signifikant, Signifikat, Zeichen. 8
3.1 Arbitrarität von Zeichen. 9
3.2 Entstehung von Wert durch negative Differenzierung von Zeichen 10
3.3 Sprache und Schrift. 11
3.4 Exkurs: Abbildtheorie. 12
3.5 Abbildtheorie angewandt: Sprache als Repräsentationssystem von Sinn? 12
3.6 Schrift als Repräsentationssystem von Sprache. 13
4 Kontext der Derrida'schen Konzeption von Schrift. 15
4.1 Neudenken des Verhältnisses von Sprache und Schrift jenseits einer binären Hierarchie. 16
4.2 Ein kritischer Blick auf Derridas Aneignung Saussure'scher Konzepte. 16
4.3 Derridas Kritik an der Abbildtheorie 18
4.4 Von einer statischen Auffassung von Differenz zu einer prozessualen. 19
4.5 Wider eine Logik der Präsenz: Die Spur als Sinnbild für das Entstehen von Bedeutung in
Nachträglichkeit 20
4.6 Ur-Schrift 22
5 Nachwort 23
Literatur 26
1 Vorwort
Diese Arbeit geht der Frage nach, wie Verständnisse von Schrift im COURS DE LINGUISTIQUE GÉNERALE (COURS) und in Jacques Derridas GRAMMATOLOGIE angelegt werden und welche gedanklichen Konstruktionen dabei besondere Wichtigkeit haben. Eingangs werden nach einigen Bemerkungen zur Methodik zentrale theoretische Konstrukte des Sprachforschers Saussure erläutert. Sie sind wichtig, um zu einem Verständnis von Schrift hinzuführen, wie es im COURS dann eher implizit entwickelt wird. Der zweite Teil behandelt, wie und mit welchen Motiven Derrida seine Konzeption von Schrift entwirft und sich dabei den COURS in dekonstruktiver Lektüre zunutze macht.
Vorweg einige Worte zur Diskussion um die Autorenschaft des COURS': Die Herausgeber Charles Bally und Albert Sechehaye haben den Text posthum aus Mitschriften von Vorlesungen rekonstruiert, die Saussure zwischen 1906 und 1912 gehalten hat. Dieser Text hat dann eine breite Rezeption erfahren, die wesentlich zur Bekanntheit Saussures beigetragen hat. So wird der COURS oft zum Hauptwerk Saussures stilisiert - meist jedoch, ohne die Problematik dieser Zuschreibung aufzuschlüsseln. Denn Saussure selbst hat seine Erkenntnisse als Sprachforscher nie als zusammenhängendes Werk publiziert. Wie Fehr hervorhebt, möglicherweise nicht aus persönlichen Zweifeln, sondern aus solchen, die mit seinem Sujet zusammenhingen. Saussure zweifelte zum Beispiel daran, ob seine Überlegungen überhaupt als ein abgeschlossenes System darstellbar sein
würden. 1 Wo von Systemen die Rede ist, erfährt man im COURS über diese Zweifel jedoch nichts. Es steht zu befürchten, daß die Herausgeber des COURS' eine inhaltliche Eigenarbeit geleistet haben könnten, der Saussure widersprochen haben würde.
Für diese Arbeit ergibt sich daraus eine besondere Situation: Saussure'sche Begrifflichkeiten werden zwar auf Basis des COURS' erläutert; die Erläuterungen sollen die Lesenden aber aufgrund des Wissens um die problematische Autorenschaft bewußt für Ambivalenzen und Auslegunsmöglichkeiten empfänglich machen. Diskutiert werden soll hier also nicht, wie authentisch der COURS ist. Auf die Person Ferdinand de Saussure wird meist nur vorsichtig Bezug genommen, insofern er (vielleicht unfreiwilliger) Repräsentant der Rezeptionsgeschichte des COURS' geworden ist.
Weiter geht es in dieser Arbeit aber auch um Derridas Arbeit mit dem COURS. Derrida betont nicht so sehr die diskutierbaren Auslegungsmöglichkeiten, sondern entscheidet sich für eine, an der seine weiterführende Kritik gut greift. Deshalb bereiten die Kapitel über die Saussure'sche Konzeption
1 Vgl. Fehr: 25.
von Schrift zwar einerseits die im Derrida-Teil folgende Erläuterung der Derrida'schen Arbeit mit Saussure vor. Stellenweise wird in ihnen aber auch eine andere Lesart des COURS' angeboten, die der von Derrida widerspricht.
Diese Arbeit bringt mehr Derridas GRAMMATOLOGIE mit Saussures COURS ins Gespräch als umgekehrt. Denn Derrida als der historische spätere Denker profitiert von Saussure'schen Denkweisen, modifiziert sie und verwebt sich durch seine prominente Arbeit am COURS fast zwangsläufig mit heutigen Lesarten Saussures. Trotzdem verwehrt sich die Pluralisierung „Konzeptionen“ im Titel dieser Arbeit dagegen, die GRAMMATOLOGIE nur als ihrer Zeit gemäße Weiterentwicklung des COURS' oder Derrida als radikalisierenden Saussure zu betrachten. Die Verschiedenheit der Motive Saussures und Derridas läßt es weder zu, sie in Kontinuität noch in Opposition zueinander zu stellen: Umkreist der COURS sein Untersuchungsobjekt, Sprache, und stellt die Etablierung der Semeologie als neuer Wissenschaft von den Zeichen in Aussicht, treibt die GRAMMATOLOGIE eine Bewegung voran, die wissenschaftliche Objektivierbarkeit schlechthin zur Farce werden läßt und die Metaphysik als traditionellen Horizont von Wissenschaftlichkeit zu dekonstruieren sucht.
2 Absichten und Methodik des COURS'
Sah man in Sprache noch im ausgehenden 19. Jahrhundert vornehmlich ein Werkzeug zur Erforschung anderer Sachverhalte, zielt der COURS DE LINGUISTIQUE GÉNERALE, in deutscher Übersetzung die GRUNDFRAGEN DER ALLGEMEINEN SPRACHWISSENSCHAFT, darauf ab, Sprache
selbst zum Gegenstand systematischer Untersuchung werden zu lassen. 2 In Abgrenzung zu bestehenden Wissenschaften wie zum Beispiel der vergleichenden Grammatik, die sich bereits mit dem Vergleich sprachlicher Erscheinungen in unterschiedlichen Kulturen beschäftigte, versucht der COURS zu zeigen, daß es einen spezielleren Gegenstand „Sprache“ gibt, der einem eigenen Funktionsprinzip folgt, über das die etablierten wissenschaftlichen Methoden keinen Aufschluß ermöglichen können. Um diesen Gegenstand „Sprache“ und das vermutete innere Funktionsprinzip systematisch zu untersuchen, wird mit dem COURS die Gründung einer neuen Sprachwissenschaft beabsichtigt und eingeleitet. Diese Sprachwissenschaft sollte als Teil einer (ebenfalls noch zu entwickelnden) allgemeinen Semeologie verstanden werden. Ungewöhnlich für eine Wissenschaft steht über den Gegenstand der neuen Sprachwissenschaft, die Sprache, aber nicht viel fest. Nur die Ausgangsthese: Sprache ist ein System von Zeichen.
2 Vgl. Thibault: 4.
Um die Bestimmung des Gegenstandes „Sprache“, die Erklärung, wie Sprache als Zeichensystem begriffen werden kann, und das innere Funktionsprinzip von Sprache kreisen die Ausführungen des COURS'.
Eine lange Einleitung ist im COURS diversen Abgrenzungen gewidmet. Darin wird Sprache nicht so sehr positiv bestimmt, sondern von dem getrennt, was sie für die Verfasser des COURS' nicht ist, nämlich „Menschliche Rede“, das „Lautliche“ oder „Sprechen“. Diese Abgrenzungen und die Grundsatzproblematik bei der Begriffsbestimmung werden in Kapitel 2 in kurzen Zügen nachvollzogen, um sichtbar zu machen, wie sich die später folgenden theoretischen Konstruktionen verorten lassen.
Gleichzeitig wird im COURS davon ausgegangen, daß sich Sprache gerade durch äußerliche Definitionen nicht vollständig bestimmen läßt, sondern daß erst die Kenntnis eines vermuteten inneren Funktionsprinzips überhaupt ein Verständnis von Sprache ermöglichen kann. Daher folgt im COURS dem ersten definitorischen Rohschnitt der wesentliche Hauptteil. In ihm werden die Thesen über das innere Funktionieren von Sprache ausgearbeitet, die auch für Derrida später besonders relevant werden. Darunter die wichtigste: Sprache ist ein System von Zeichen (siehe Kapitel 3).
2.1 Wie die Begriffsbestimmung zum Problem wird. Beispiel: Sprache.
Die Ausgangslage für die neu zu gründende Sprachwissenschaft ist geprägt von der Schwierigkeit, den Untersuchungsgegenstand Sprache überhaupt zu bestimmen. Wie kann Sprache von außen definiert werden, wenn die Definition von der Kenntnis eines inneren Funktionsprinzips abhängt, das wiederum sich erst entdecken läßt, wenn klar ist, welches das Objekt ist, dessen Prinzip entdeckt werden soll? Das Problem des Definierens von Gegenständen und Begriffen wird im COURS als ein erkenntnistheoretisches behandelt und auch benannt:
Man kann nicht einmal sagen, daß der Gegenstand früher vorhanden sei als der Gesichtspunkt, aus dem man ihn betrachtet; vielmehr ist es der Gesichtspunkt, der das Objekt erschafft [...]. 3
Es ist also festzuhalten, daß Forschende im Geiste des COURS' als an ihrem Gegenstand Mitwirkende betrachtet werden können, indem sie Gesichtspunkte, das heißt zum Beispiel Untersuchungskategorien, wählen. Für die Theorieentwicklung Saussures könnte dies bedeuten, daß das begriffliche Schema, mit dem er arbeitet, nicht allein als aus "den Dingen" abgeleitetes, notwendiges gesehen werden muß, sondern als eines, das von Saussure als Forscher mitbestimmt
3 Saussure: 9.
wird und sich auch darauf auswirkt, wie der Gegenstand Sprache erscheint.
Am Beispiel der ersten, weiter oben als Rohschnitt bezeichneten Bestimmung von Sprache soll das Schema der Begriffsbestimmung eingeführt werden, das Saussure gewählt hat. Es läßt sich als typisch für die Saussure'sche Theorieentwicklung bezeichnen: die Verortung von Begriffen in einem Gerüst von Gegensatzpaaren.
Saussure löst Sprache zunächst aus dem umfassenden Bereich der menschlichen Rede. Der gehöre die Sprache zwar an, doch eigne die menschliche Rede sich nicht als Untersuchungsgegenstand, da ihre Einheit sich nicht ableiten lasse, so vielförmig und ungleichartig sei sie: individuell und sozial,
physisch, psychisch und physiologisch. 4 Scheerer macht deutlich, wie allgemein der Begriff menschliche Rede, im französischen Original "langage", zu verstehen ist:
Langage [menschliche Rede, UMH] ist der bei weitem unschärfste Begriff. Gemeint ist Sprache in einem umfassenden, vorwissenschaftlichen Sinne. [...] Langage kann je nach Kontext die allgemeine Sprachfähigkeit des Menschen, das Allgemeinsprachliche im Sinne der Menge aller sprachlichen 5 Erscheinungen oder das Allgemeinsprachliche im Sinne von Universalien bedeuten.
4 Vgl. Saussure: 11. 5 Scheerer: 77.
In den Bereich der menschlichen Rede fallen Sprechen und Sprache als Gegensatzpaar. Als physiologischer Akt der Artikulation hängt das Sprechen grundsätzlich mit Sprache zusammen. Da es aber einen individuellen Akt des Willens bedingt, dem gegenüber Sprache für Saussure unabhängig existiert, fällt Sprechen mit Sprache nicht in eins.
Es besteht [...] eine gegenseitige Abhängigkeit von Sprache und Sprechen; dieses ist zugleich das Instrument und das Produkt von jener. Aber das alles hindert nicht, daß beide völlig verschiedene Dinge sind. 6
Ein weiteres Phänomen, das des Lautlichen, hat zwar mit Sprache zu tun, seine Erforschung wird im COURS aber nicht der Sprachwissenschaft zugewiesen. Laute gehören dem Funktionskern von Sprache nicht an, weil sie an sich bedeutungslos sind. Bedeutungsvoll werden sie erst im individuellen Sprachakt und zwar in dem Maße, in dem sie psychisch mit einer Vorstellung zu Einheiten, zu Lautbildern, verbunden sind. Durch die Praxis des Sprechens können Laute Träger bestimmter Bedeutungen werden.
Die Gegensatzpaare, mit deren Hilfe menschliche Rede, Sprechen, das Lautliche und Sprache verortet werden, polarisieren unter anderem das Individuelle mit dem Sozialen; den praktischen Akt des Willens mit einer unbedingten, passiven Fähigkeit und die Physis mit der Psyche. Weitere Begriffspaare, die das Tuch spannen, in das die Saussure'sche Theorieentwicklung fällt, werden in
Kapitel 3 behandelt. Es sind Signifikant und Signifikat, Synchronie und Diachronie. 7
2.2 Ambivalente Grundannahmen des COURS'
Bevor gleich endlich auf die Begriffe eingegangen wird, für die Saussure so bekannt geworden ist, soll hier explizit auf eine der im COURS existierenden Widersprüchlichkeiten hingewiesen werden. Denn diese Ambivalenz, die Derrida später weitgehend unberücksichtigt läßt, ist keine nebensächliche, sondern eine methodische und kann als Grund dafür gesehen werden, warum der COURS sich geradezu für konträre Auslegungen eignet.
6 Saussure: 23.
7 Wie die Begriffsbildung des Cours' methodologisch einzuordnen ist, wird u.a. bei Thibaut und Scheerer diskutiert. Obwohl Scheerer die Beantwortung der Frage nach dem Status der Dichotomien für entscheidend für das Verständnis der gesamten Saussure'schen Lehre erklärt, kann sie hier aus Platzgründen nur kurz skizziert werden. Scheerer schlägt vor, die Saussure'schen Gegensatzpaare weder als induzierte noch deduzierte Kategorien aufzufassen. Stattdessen vertrete Saussure eine hermeneutisch-phänomenologische Auffassung, nach der die Gesichtspunkte, hier: die Gegensatzpaare, von den Objekten selbst vorgegeben seien, allerdings vor dem Erfahrungshintergrund des Forschers von selbigem ausgelegt werden müßten. Demnach wären sie nicht als beliebig zu sehen. Vgl. Scheerer: 74f., Thibault 14ff..
Im COURS wird davon ausgegangen, daß Sprache ein System von Zeichen ist. Dieses System von Zeichen ist für die Verfasser ein genau umschriebenes Objekt innerhalb der menschlichen Rede, das
lokalisiert und dessen wahre Natur, etwas irreduzibel Sprachliches, entdeckt werden kann. 8 Am Horizont steht also die ideal anmutende Idee von der Ganzheit und feststellbaren Abgeschlossenheit eines Sprachlichen Systems.
Wenn wir die Summe der Wortbilder, die bei allen Individuen aufgespeichert sind, umspannen könnten, dann hätten wir das soziale Band vor uns, das die Sprache ausmacht. 9
Wenn unter System aber ein auf allgemeine Grundsätze zurückgeführtes und danach geordnetes
Ganzes von Einzelerkenntnissen verstanden wird 10 , dann müßte das Funktionieren des Sprachsystems auf allgemeine Grundsätze zurückzuführen sein. Diese hätten von der Praxis des Sprechens unbeeinflußt zu sein. In diesem Kontext wäre auch die nachvollzogene Trennung von Menschlicher Rede, dem Lautlichen, Sprache und Sprechen eine sinnvolle. Widersprüchlich dazu scheint jedoch der ebenfalls im COURS enthaltene Gedanke zu sein, daß Sprechen Sprache erst produziert. Er würde ein derart statisches Verständnis von Sprache konterkarieren.
Es besteht [also] eine gegenseitige Abhängigkeit von Sprache und Sprechen; dieses ist zugleich das Instrument und das Produkt von jener. Aber das alles hindert nicht, daß beide völlig verschiedene Dinge sind. 11
Wie kann Sprache gleichermaßen ein feststehendes System sein, dessen Grund sich finden läßt, und eine vom Sprechen gestaltete Entwicklung? Wie kann sie von Individuen passiv als bestehende Institution erlitten werden und doch erst im individuellen Sprechakt zur Macht geraten? - Die innere Widersprüchlichkeit des COURS' wird von diesen Fragen flankiert.
3 Signifikant, Signifikat, Zeichen
Ein besonders innovativer Aspekt der Saussure'schen Theorieentwicklung lag darin, Sprache als ein System von Zeichen zu begreifen. Dieses Kapitel soll erläutern, wie der Zeichenbegriff im COURS gedacht wird.
Das sprachliche Zeichen ist für Saussure ein tatsächlich im Geiste vorhandenes Objekt. Als zusammengesetzte Einheit besteht jedes Zeichen jeweils aus einem Bezeichnenden und einem
8 Saussure : 17, 20.
9 Saussure: 16.
10 Brockhaus: Stichwort „System, allgemein“.
11 Saussure: 23.
Bezeichneten, einer Vorstellung und einem Lautbild. Sie sind die zwei Seiten dieses sprachlichen Objektes. Das Zeichen bildet damit eine Einheit, in der ein Bezeichnendes (sprachlicher Ausdruck, Lautbild oder Signifikant) mit einem Bezeichneten (Inhalt, Vorstellung, Signifikat) verbunden ist. Am Beispiel des Wortes „Tisch“ lassen sich Signifikant und Signifikat beschreiben: Als Signifikant kann der lautliche Ausdruck bezeichnet werden, der physiologisch artikuliert wird oder vor dem "inneren Ohr" abläuft. Im deutschsprachigen Kulturkreis ist diesem Lautbild die Vorstellung eines Gegenstandes zugeordnet, etwa eine Platte auf Stützen. Weder das Lautbild von „Tisch“ noch die Vorstellung einer Platte auf Stützen sind für sich genommen ein Zeichen. Erst in ihrer Verbindung miteinander werden sie bei Saussure zu einem sinnerfüllten und bedeutungsvollen Ganzen: dem sprachlichen Zeichen "Tisch".
Spricht ein Mensch (A) also ein zu einer Vorstellung gehöriges akustisches Lautbild aus, könne es von einem anderen Menschen (B) durch das Ohr aufgenommen werden. Sprechen A und B dieselbe Sprache, wird in B das Lautbild passiv mit einer Vorstellung zu der selben Einheit wie bei A verbunden. Sprache funktioniert dem COURS zufolge, indem derartige Verweisfolgen von Idee auf Laut auf Idee über Zeit immer wieder passieren. „Störungen“ im Moment der Assoziation werden im Zeichenmodell des COURS' nicht mitgedacht.
3.1 Arbitrarität von Zeichen
Die Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat ist sowohl eine feste wie auch eine arbiträre. Innerhalb eines Sprachkreises scheint eine Art sozialer Kontrakt die Zuordnungen bestimmter Signifikanten mit bestimmten Signifikaten zu fixieren. Es stünde nicht in der Macht des
Individuums, die einmal in einer Sprachgemeinschaft geltenden Zeichen so zu ändern 12 , daß die Änderung für die gesamte Sprachgemeinschaft Gültigkeit erlangen würde. Daß beispielsweise das Wort „Baum“ als Signifikant in erster Linie mit der Vorstellung einer Pflanze verbunden ist, wird durch eine kulturelle Tradition bestimmt, mit der Menschen dieses Sprachkreises aufwachsen. Jede Wiederholung, jeder Gebrauch des Wortes Baum in diesem Sinne aktualisiert und verfestigt unter den Beteiligten die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem. In diesem Sinne sind Zeichen also nicht beliebig; wohl aber sind sie als Verbindung von Signifikant und Signifikat unmotiviert. Jede andere Lautfolge könnte zum Signifikanten werden und diese Vorstellung bezeichnen, oder die Lautfolge „Baum“ könnte genauso auf eine andere Vorstellung verweisen. Allein das Vorhandensein verschiedener Sprachen scheint dies zu belegen. Eine wesenhafte, innere
12 Vgl. Saussure: 80
Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat - im Gegensatz zu einer kulturell vereinbartenbesteht im Zeichen also nicht.
Strenggenommen sind deshalb bei Saussure jedoch nicht Zeichen arbiträr - denn sie sind immer schon affirmierte Verknüpfungen, die im entsprechenden kulturellen Kontext Sinn haben -, sondern beliebig ist, welches sprachliche Band (zum Beispiel deutsch "Tisch", englisch "table", türkisch "masa") Signifikant und Signifikat über Zeit zusammenhält und der Verbindung so weit Geltung verschafft, daß sie als gesellschaftliche Regel anerkannt ist.
3.2 Entstehung von Wert durch negative Differenzierung von Zeichen
Die Beschreibung von sprachlichen Zeichen ist im COURS bislang eine formale. Doch transportiert, hat oder stellt Sprache sinnhafte Inhalte her. Saussure nennt die Inhalte „Wert“ oder „Bedeutung“. Die Trennung der Begriffe bleibt im COURS eher nebulös und spielt für das Theoriegebäude an
dieser Stelle keine dringende Rolle. 13 Wichtig ist, daß sprachliche Zeichen nach Saussure Wert oder Bedeutung nicht an sich haben, weil die Verbindung zwischen Signifikant und Signifikat keine naturgegebene und überzeitliche, sondern eine beliebige ist.
Wie also läßt sich der Wert sprachlicher Zeichen bestimmen, wenn er nicht aus einer Identität des Zeichens mit sich selbst entsteht? Saussure begreift Wert als eine relationale Größe. Der Wert eines Zeichens ist variabel und entsteht einzig im Nicht-Zusammenfallen mit dem Rest an Zeichen, die es in einer Sprache gibt. Die Größendimension der eingegrenzten Einheit, des Wertes eines Zeichens,
bestimmt sich aus seiner Stellung gegenüber anderen Zeichen14 - oder auch gegenüber nichts 15 .
Im COURS werden zwei Untersuchungsperspektiven eingeführt, mit denen sich Wert bestimmen läßt: die synchrone und die diachrone. Sie unterscheiden sich im Umgang mit der zeitlichen Dimension von Sprache. Das synchrone Ansichtsverhältnis betrachtet den Sprachzustand, das diachrone die Entwicklung von Sprache über Epochen hinweg. In beiden Perspektiven entsteht Wert aus Differenz.
In diachroner Betrachtung läßt sich Wert durch die Differenz eines sprachlichen Zeichens zu seinen sprachgeschichtlichen Vor- und Nachläufern (zum Beispiel althochdeutsch Frouwe, mittelhochdeutsch Vrouwe, hochdeutsch Frau) bestimmen. Synchron betrachtet, erhält jedes
13 „Der gängigen Deutung zufolge ist Wert das virtuelle Potential des Zeichens und Bedeutung eine jeweils konkrete Realisierung dieser Virtualität im Sprechen.“ (Scheerer: 103) „Sie [die Bedeutung, UMH] (...) ist nur das Gegenstück zum Lautbild“, während der Wert immer eine relationale Größe ist, die sich immer nur aus seiner Stellung zu den umgebenden Größen eines Systems bestimmen läßt. Zur Unterscheidung von Wert und Bedeutung vgl. Saussure: 136ff. 14 Siehe Schach-Beispiel. Saussure: 105.
15 „Die Sprache kann sich begnügen mit der Gegenüberstellung von Etwas mit Nichts." Saussure: 103.
Zeichen Wert durch seine Ungleichheit mit Zeichen, deren Bedeutungen ähnlich, nicht jedoch gleich sind. Im Satz „Ich sehe einen einarmigen Banditen“ haben je nach Situation - zum Beispiel in einem Spielkasino oder im Gefängnis - selbst scheinbar gleiche Zeichen andere Wertigkeiten und Bedeutungen.
Das negative Differenzierungsprinzip, über das etwas immer nur dadurch sein kann, daß es etwas anderes nicht ist, läßt sich bis ins Unendliche fortsetzen. Beliebige Re- und Neu-Kombinationen von Signifikanten mit Signifikaten werden mit Saussure denkbar und unterstreichen die These aus Kapitel 2.1, nach der das Lautliche an sich bedeutungslos ist. Beliebige Ausdrucksformen oder Materialisierungen der Bildung von Differenzen - zum Beispiel durch Gesten oder graphische Darstellungen - werden im COURS hingegen nicht expliziert.
An der Stelle, wo im COURS Ansichtsverhältnisse auf Sprache als synchron und diachron gedacht werden, kommt der Begriff „Zustand“ ins Spiel. Er erst ermöglicht das Denken der synchronen Ebene und damit bildlich gesprochen das Festhalten eines Zeitraumes, wie zum Beispiel eines Satzes oder auch einer Epoche, in dem Differenzen überhaupt erst festgestellt werden können. In der Gleichzeitigkeit, die der Begriff suggeriert, lassen sich Zeichen leichter als wirkliche Objekte mit einer Präsenz denken. Denn im Moment der Untersuchung sind sie. Von Sprachzuständen zu sprechen, beinhaltet jedoch eine Idealisierung: Es wird verschleiert, daß Sprache immer in einer zeitlichen Dimension geschieht und es daher eine tatsächliche Synchronizität nicht geben kann. Im COURS selbst wird der Zustandsbegriff zwar diskutiert, aber als konventionelle Vereinfachung der
gegebenen Verhältnisse für die statische Sprachwissenschaft hingenommen. 16
3.3 Sprache und Schrift
Im Titel dieser Arbeit ist eine Beschäftigung mit Elementen von Schrift angekündigt. Bislang ging es jedoch nur um Sprache. Der Grund liegt in der Rolle, die Saussure selbst Schrift zuweist: Sowohl Schrift als auch Sprache sind für ihn Zeichensysteme, doch das System der Schrift bestimmt er als dem von Sprache nachrangig und abgeleitet.
Da Saussure Sprache als das grundlegendste Zeichensystem bewertet, ist sein vorrangiges Beschäftigungsgebiet nicht Schrift. Er beschäftigt sich mit der Struktur von Sprache und ihrer Rolle innerhalb einer zu bildenden Wissenschaft von den Zeichen, der Semeologie. Schrift - und damit ist die alphabetische gemeint - dient als Hilfssystem, das nur besteht, um Sprache darzustellen. Sie ist
16 Saussure: 121f.
Sprache nicht nur nachrangig, sondern sogar ihrem inneren System fremd. 17 Dennoch kommt Schrift eine große Bedeutung zu. Das hängt mit der Flüchtigkeit von Sprache zusammen: Das Sprechen, über das Sprache hergestellt wird, passiert im Verlauf von Zeit und entzieht sich damit der Beobachtung. Insofern sieht sich der Sprachforscher Saussure auf schriftliche Zeugnisse angewiesen, die für ihn Sprache repräsentieren, vergegenwärtigen.
3.4 Exkurs: Abbildtheorie
Saussure selbst hat den Begriff Abbildtheorie nicht benutzt, doch eignet er sich, um das Verständnis von Schrift im COURS nachzuvollziehen und das von Sprache zu diskutieren. Unter Abbildtheorie ist eine auf Demokrit zurückgehende Auffassung des Erkenntnisvorganges als Abbildung der
Wirklichkeit im Bewusstsein zu verstehen. 18 Im Zusammenhang dieser Arbeit ist damit etwas einfacher ein Modell gemeint, in dem es Einheiten gibt, die jeweils Abbild für folgende Einheiten sind. So könnte eine Theorie über das Funktionieren von Sprache als Abbildtheorie bezeichnet werden, wenn ein gesprochenes Wort als Abbild für einen Seelenzustand gilt, der wiederum als Darstellung eines externen Dings, zum Beispiel dem höheren Sinn einer Religion, gedacht wird.
Zeichnung 2: Abbildtheoretisches Modell
Eine Logik des Abbildens oder auch der Repräsentation impliziert das Vorhandensein eines Originals, eines Objektes, das - durch wie viele Schritte in einer linearen Verweisfolge auch immer
- dargestellt wird. Da mit jeder Einheit, die Abbild für eine vorangegangene ist, der Abstand zum Original steigt, entsteht ein hierarchisierendes Moment.
3.5 Abbildtheorie angewandt: Sprache als Repräsentationssystem von
Sinn?
Sprache versteht Saussure als das wichtigste System von Zeichen, das Ideen ausdrückt. 19 Liest man das "ausdrücken" im Sinne von darstellen, liegt es nahe, daß Ideen bereits als objekthafte Einheiten vorhanden sein müssen, wenn sie über Sprache abgebildet werden sollen.
17 Vgl Saussure: 28.
18 Brockhaus: Stichwort „Abbildtheorie“.
19 Vgl. Saussure : 19.
Andere Stellen des COURS' stellen sich einer eindeutigen Festlegung darauf, daß das Werk von dem Gedanken des Vorhandenseins eines transzendentalen Sinns inspiriert ist, in den Weg. Sie brechen deutlich mit einem derart platonisch anmutenden Verständnis. Folgendes Zitat stützt eine andere Interpretation. Demnach wäre das Denken allein ein undifferenziertes Chaos.
Das Denken, für sich allein genommen, ist wie eine Nebelwolke, in der nichts notwendigerweise begrenzt ist. Es gibt keine von vornherein feststehenden Vorstellungen, und nichts ist bestimmt, ehe die Sprache in Erscheinung tritt. 20
Auch im Hinblick auf Saussures Arbeitsweise, mit der Begriffe und Gegenständlichkeiten immer erst in Gegenüberstellung zu etwas Anderem Gesicht bekommen, scheinen Ideen von Sprache nicht abgebildet, sondern - und da hilft es, die deutsche Übersetzung wörtlich zu nehmen - ausgedrückt zu werden. Sie wären demzufolge so lange nicht vorhanden, bis das strukturierende Moment der Sprache wirksam wird und in der Nebelwolke des menschlichen Geistes Vorstellungen mit
Lautbildern zu Zeichen verbindet und Form stanzt. 21 Ein solche Auslegung unterstreicht auch Thibault:
Langue does not re-present and transmit pre-established ideas. Instead, it acts upon, intervenes in and elaborates thought as signified substance. 22
Sinn gelangt in dieser Lesart des COURS eher zu einer mittelbaren Präsenz. Die Präsenz würde sich erst mit der Verbindung von Vorstellung und Lautbild im Geiste, schließlich dann über das Sprechen (oder die Re-Kombination: das Verstehen) einstellen. Welchen Sinn ein Zeichen haben
kann, hängt ab von den jeweiligen kulturellen Konventionen 23 .
3.6 Schrift als Repräsentationssystem von Sprache
Schrift geht aus dem COURS als etwas von Sprache grundsätzlich Verschiedenes, ihr Fremdes und sogar Nachrangiges hervor. Sie wird als Aufzeichnungssystem verstanden, das einzig besteht, um
Sprache darzustellen. 24 Diese Betrachtung zeigt eine Repräsentationslogik, in der Sprache "das Original" wäre, zu dessen reinen Wesen man vordringen könne, indem man zur Untersuchung den
Ballast der abbildenen, bisweilen parasitär und widernatürlich rückwirkenden Schrift fortschaffe. 25
20 Saussure: 133.
21 Vgl. Saussure : 12 , 18.
22 Thibault: 171.
23 Siehe Kapitel 3.1.
24 Saussure: 28.
25 Wie sehr der COURS von einer Vorstellung getragen ist, in der Sprache der Natur näher steht als Schrift, läßt sich auch darin erkennen, daß im Schriftbegriff zuvorderst phonetische Zeichen-Systeme Platz finden, die die Nähe des
Während den Menschen mit der Sprache das natürliche und allein wirkliche Band, dasjenige des Lautes26, verbinde, wird Schrift im COURS so beschrieben, als dränge sie in das vermeintliche Natur-Verhältnis Mensch-Sprache hinein, beeinflusse und verschleiere es letztlich. Schrift als Zeichensystem auf gleicher semeologischer (mithin auch moralischer) Ebene zu verorten wie Sprache, heiße geradezu, einer der Schrift innewohnenen usurpativen Kraft erliegen:
[...] Die Tyrannei des Buchstaben geht noch weiter. Viele Leute unterliegen dem Eindruck des Geschriebenen, und so beeinflußt und modifiziert es die Sprache. 27
Trotzdem Schrift als Kulturgut darüber hinaus über Gegensätze wie etwa "Natur: gut, Kultur: schlecht" negativ eingefärbt wird und im COURS als der Sprache fremdes System bezeichnet wird, greift der Sprachforscher Saussure ganz pragmatisch auf schriftlich verfaßte Zeugnisse zurück. Gerechtfertigt wird dieses Verfahren eher unauffällig:
Da die Rede sehr häufig sich der Beobachtung entzieht, wird der Sprachforscher geschriebene Texte in Rechnung ziehen müssen, da er nur daraus Idiome der Vergangenheit und entfernter Gebiete kennenlernen kann. 28
Doch noch aus einem anderen Grund scheint Schrift sich für die Untersuchung von Sprache zu eignen. Im COURS wird er jedoch nicht aufgeführt: Schrift wird ein statisches Moment attestiert, das man sich so weit zunutze macht, wie es der Erklärung der Objekthaftigkeit sprachlicher Zeichen dienlich ist.
Trotzdem wird Schrift im COURS als ein hemmender Kontrapunkt begriffen, da sie der sich natürlich entwickelnden Sprache etwas Künstliches, die Entwicklung Beeinflussendes, entgegensetze: Idiome sind organisch, Schriftsprache ist eine künstliche Form.29
Vielleicht halten die Sprachforscher hinter dem COURS ihrem eigenen Argument nicht Stand: Wenn sprachliche Zeichen Präsenz hätten und objektive Tatsachen wären, müßte dann die fremdartige Schrift als Hilfssystem aktiviert werden? Wie kann Schrift trotz ihrer behaupteten Andersartigkeit einen Blick auf Sprachliches freigeben?
Lautes zum Sinn bestätigen, nicht aber zum Beispiel mathematische. Sie würden auf eine Funktion von Schrift hindeuten, die jenseits davon läge Sprache abzubilden. 26 Saussure: 30.
27 Saussure: 37.
28 Saussure : 7.
29 Vgl. Saussure: 26. Die Verwendung des Terminus „Schriftsprache“ in der deutschen Übersetzung unterstreicht abermals, wie Schrift nicht eigenständig oder Sprache gleichberechtigt, sondern Sprache abbildend gedacht wird.
4 Kontext der Derrida'schen Konzeption von Schrift
Wer Derridas Beschäftigung mit Schrift in seiner GRAMMATOLOGIE folgt, gerät in eine Bewegung, die das abendländische Selbstverständnis als Kompaß in Frage stellt. Derrida führt vor, wie gängige Verständnisse von Schrift bedingt sind durch eine Geistesgeschichte der Metaphysik, die sich als Bedingung für Erkenntnis selbst weiter produziert, da sie die blinden Punkte ihrer phono-, logo-und ethnozentristischen Perspektivität nicht hinterblickt. Einen Ausdruck dieser metaphysischen Geistesgeschichte findet Derrida in der hierarchischen Opposition zwischen Sprache und Schrift, in der Sprache als natürlich und mit Sinn und Wahrheit als zutiefst verknüpft erscheint, Schrift hingegen zum immoralischen Hilfsmittel der Kultur abgewertet wird, das nur den Schein durch
Erinnerung, nicht aber das Gedächtnis fördert. 30
Den Entwurf eines neuen Verständnisses von Schrift, einer generalisierten Schrift, bereitet Derridas Methode der Dekonstruktion vor. Damit ist ein Verfahren gemeint, mit dem eben die metaphysischen Bestandteile abgetragen werden sollen, die den traditionellen Schriftbegriff ausmachen. Da das Verfahren der Dekonstruktion das Vorhandensein von Subjekt und Objekt in Frage stellt, kann es nicht als Kritik von außen auf einen als Objekt gedachten Schriftbegriff angewendet werden, sondern muß von vornherein als politische Praxis gedacht werden. Sie hat wie eine epistemologische Guerilla-Strategie31 aus dem Zentrum der zu dekonstruierenden Struktur heraus wirksam zu werden:
Die Bewegungen dieser Dekonstruktion rühren nicht von außen an die Strukturen. Sie [...] können nur etwas ausrichten, indem sie diese Strukturen bewohnen. 32
Dem traditionellen Schriftverständnis stellt Derrida seine Vorstellung von Schrift also nicht von außen entgegen. Mit dem Ansinnen, binäre Hierarchien als Instanzen zwischen Subjekt und Objekt abzutragen, scheint es Derrida in der GRAMMATOLOGIE im Gegenteil unmöglich, einen Standpunkt einzunehmen, von dem aus er auf den traditionellen Schriftbegriff mit all seinen Implikationen wie ein Objekt blicken könnte. Sein Verfahren ist stattdessen eines, in dem er zwar Begriffe der Philosphie benutzt, die er metaphysisch nennt, diese Begriffe aber in einen neuen Gebrauch nimmt.
30 Oppositionen, die aus der Annahme eines bestimmten Sprache-Schrift Verhältnisses gedacht werden, finden sich schon in Platons Phaidros-Dialog: „Denn diese Erfindung [die Schrift, UMH], wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst.“ [Platon: 137. Hervorhebungen UMH] 31 Lagemann: 47.
32 Derrida: 45.
Die Dekonstruktion hat notwendigerweise von innen her zu operieren, sich aller subversiven, strategischen und ökonomischen Mittel der alten Struktur zu bedienen, sich ihrer strukturell zu bedienen, daß heißt, ohne Atome und Elemente von ihr absondern zu können. 33
Die Autorität der Texte, in denen Derrida arbeitet - der COURS gibt da ein gutes Beispiel abzerfällt damit an der Aberkennung der grundsätzlichen Äußerlichkeit der Texte.
4.1 Neudenken des Verhältnisses von Sprache und Schrift jenseits
einer binären Hierarchie
Zu den metaphysischen Voraussetzungen, mit denen behaftet die Wissenschaftlichkeit der Linguistik sich aus Derridas Sicht abspielt, gehört eine a priori Überordnung der Sprache gegenüber der Schrift. Innerhalb eines linguistischen Paradigmas, das aus Derridas Sicht Texte wie der COURS vertreten, würde Schrift immer als eine [von Sprache, UMH] abgeleitete, hinzugekommene, partikulare, äußerliche, den Signifikanten verdoppelnde - phonetische Schrift34 gedacht. Derrida sieht darin eine Verkürzung von Schrift zu einem bloßen Instrument für eine erfüllte und im originären Sinn gesprochene Sprache35. Er verlangt, Schrift nicht phonozentristisch - von Lauten ausgehend oder als von gesprochener Sprache abhängig - zu denken. Das Verhältnis von Sprache und Schrift sei zu revidieren.
Thiel schreibt über Derridas Absicht sogar, er bezwecke eine Umkehrung des Phonozentrismus.36 Mit diesem Ausdruck bewegt sich Thiel vielleicht etwas mißverständlich innerhalb eines hierarchischen Denkens von Sprache und Schrift. Indem von Umkehrung die Rede ist, würde nicht nur Sprache und Schrift erneut polarisiert, sondern blieben von einander abhängig. Derridas Radikalität liegt jedoch nicht in einer Revolution, die den Phonozentrismus auf den Kopf stellt, indem sie danach verlangt, Sprache von phonetischer Schrift aus zu denken, sondern darin, das Verhältnis von Sprache und Schrift von binären Hierarchien zu verabschieden und damit den Blick frei zu machen für ein ihnen gemeinsames, strukturierendes Prinzip, das er Ur-Schrift nennt.
4.2 Ein kritischer Blick auf Derridas Aneignung Saussure'scher
Konzepte
Das Ziel einer Dekonstruktion der Metaphysik im Hinterkopf, beschäftigt sich Derrida mit Saussure. In diesem Abschnitt soll zunächst nachvollzogen werden, mit welchem Blick sich Derrida
33 Derrida: 45. 34 Derrida: 53. 35 Derrida: 53. 36 Thiel: 63.
daher Saussure zuwendet und wie er mit Saussure'schen Begrifflichkeiten arbeitet, sie sich aneignet und darüber sogar gegen den COURS richtet. Es ist eine Ambivalenz, die Saussure für Derrida interessant macht:
Wenn wir, um die Notwendigkeit einer derartigen „Dekonstruktion“ nachzuweisen, uns vornehmlich an den Text Saussures gehalten haben, so nicht allein deshalb, weil Saussure bis heute die Linguistik und die Semiologie beherrscht, sondern auch, weil er unserer Meinung nach sich an einer Grenze befindet: in der Metaphysik, die es zu dekonstruieren gilt, und zugleich jenseits des Zeichenbegriffs (Signifikat/Signifikant), dessen er sich noch bedient. 37
Derrida verortet Saussure einerseits als einer Logik von Metaphysik und transzendentalem Sinn verhaftet, andererseits scheinen Saussures Konzepte und Begriffe für Derrida einen Argumentationsdruck steigern zu können, der eine Lösung von eben dieser metaphysischen Verhaftung ermöglichen könnte. Der COURS erscheint in der GRAMMATOLOGIE sowohl als Metaphysik sprengendes Potenzial als auch als Ausformung eben der Wissenschaftstheorie, die es für Derrida zu dekonstruieren gilt.
Denkt man diese für- wie auch widersprechende Bewertung genauso mit wie Derridas übergeordneten Zielrahmen, der gar nicht vorsieht, der Saussure'schen Intention möglichst nahe zu rücken, wird nachvollziehbar, warum in der GRAMMATOLOGIE so unorthodox mit Begriffen wie
Signifikant, Signifikat und vor allem Zeichen gearbeitet wird. 38
Die unorthodoxe Arbeitsweise zeigt sich sowohl in einer selektiv wirkenden Saussure-Rezeption Derridas als auch in der offen strategischen Arbeitsweise. Derrida wendet beispielsweise bereits Saussure'sche Begriffe auf Aristotelische Texte an, ohne darauf hinzuweisen, wie (anders) die Begriffe überhaupt im COURS benutzt werden. Harris kritisiert, Derrida bringe so Saussure von
vornherein in die Nähe einer aristotelischen Tradition. 39 So übersetzt Derrida Aristoteles, es sei das in der Stimme Verlautende Zeichen für die in der Seele hervorgerufenen Zustände und das Geschriebene Zeichen für das in der Stimme Verlautende [und interpretiert, UMH], weil die Stimme als Erzeuger der ersten Zeichen wesentlich und unmittelbar mit der Seele verwandt ist.40 Stimme im Folgenden bei Aristoteles „Signifikant“ oder „Erzeuger der ersten Zeichen“ zu nennen, also auch Saussure'sche Begriffe zu benutzen, befördere ein abbildtheoretisches Vorverständnis der Begriffe von Signifikant, Signifikat und Zeichen, das sich bis in die erst später folgende explizite
37 Derrida: 128.
38 „Inwieweit ist Saussure selbst für den Cours verantwortlich? Diese Frage ist nicht neu. Es braucht nicht eigens betont zu werden, daß wir sie, zumindest hier, nicht für dringlich erachten. Wenn man das Wesen unseres Vorhabens nicht gänzlich mißversteht, so wird man bemerkt haben, daß wir uns außerordentlich wenig darum gekümmert haben, was Ferdinand de Saussure persönlich gedacht hat (...).“ [Derrida: 128f.]
39 Harris: 173. 40 Derrida: 24.
Auseinandersetzung mit Saussure hineintrage und sie für Derridas Argumentation günstig einfärbe.
The assimilation had already been prepared verbally for several pages by the use of the terms signifiant and signifié; so that when their originator is eventually introduced in propria persona, he is automatically presented as the person who has to take responsibility for the way that distinction has been employed in Derrida's exposition. 41
Der Vorwurf, Derrida nenne im Abschnitt über Aristoteles die Stimme Signifikant und Erzeuger der ersten Zeichen, nur um Saussure in die Nachfolge einer aristotelischen Repräsentationslogik zwischen Sinn und Stimme zu bringen, läßt sich schwer entkräften. Inwieweit auch rhetorische Mittel dieser Art als unverzichtbarer Bestandteil der dekonstruktiven Methode zu sehen sein müssen, bleibt strittig.
4.3 Derridas Kritik an der Abbildtheorie
Die Kapitel 3.5 und 3.6 über Sprache und Schrift als Repräsentationssysteme zeigen auf, wie Sprache oder Schrift, wenn sie als abbildende Zeichensysteme verstanden werden, im COURS das Vorhandensein von Originalen beinhalten. Während Schrift bei Saussure als System, das Sprache darstellt, klar in natürlicher Abhängigkeit von Sprache verortet ist, liefert der COURS in Bezug auf das Verhältnis Sprache-Denken sowohl handfeste Argumente für ein solch abbildtheoretisches Verständnis wie auch dagegen.
Derrida hebt in erster Linie auf die Argumente ab, die für den abbildtheoretischen Charakter nicht nur des Schrift-, sondern auch des Sprachkonzeptes Saussures sprechen. Derridas These dazu ist, daß die repräsentative Bestimmung [von Sprache und von Schrift, UMH] wesentlich mit der Idee des Zeichens verbunden42 sei, des zentralen Konstruktes bei Saussure. Über das Zeichen-Konzept setzt Derrida seine Kritik an der Abbildtheorie insgesamt an.
Das differenzielle Prinzip aus dem COURS, nach dem etwas immer nur dadurch ist, daß es etwas Anderes nicht ist, wendet Derrida auf das Zeichen selbst an und folgt damit seiner Methode der
Dekonstruktion, indem er die Struktur, die er dekonstruieren will, gegen sie selbst richtet. 43 Dabei stellt Derrida fest, der Begriff des Zeichens lasse sich gar nicht denken, ohne eine immer schon
bestehende Differenz zwischen Signifikant und Signifikat vorauszusetzen. 44
41 Harris: 173. 42 Derrida: 54.
43 Zum Muster der subversiven Immanenz vgl. Lagemann: 46ff.
44 Lagemann hebt hervor, daß Saussure dieses nirgends explizit statuiert und ganz im Gegenteil die Untrennbarkeit von Signifikant und Signifikat, zum Beispiel über die Metapher des Blattes, des öfteren betont. [Lagemann: 94].
Der Begriff des Zeichens impliziert immer schon die Unterscheidung zwischen Signifikat und Signifikant, selbst wo diese (Saussure zufolge) letzten Endes nichts anderes sind als die zwei Seiten ein und desselben Blattes. 45
Von einem Signifikanten, etwas Verweisendem, zu sprechen, hieße nämlich bereits sowohl ein vorausgesetztes Schon-Vorhandensein dessen, worauf verwiesen wird, eines Signifikats, als auch eine abhängige Äußerlichkeit des Signifikanten dem Signifikat gegenüber zu affirmieren. Präexistente Originale sind für Derrida jedoch Teil des metaphysischen Denkens, das er in Frage stellt und um dessen Dekonstruktion er sich bemüht. Er nennt derart vorausgesetzte Entitäten transzendentale Signifikate, weil sie in ihrer Präsenz unabhängig wären von auf sie verweisenden Signifikanten.
Sprache und Schrift als Zeichensysteme zu denken, die einer Repräsentationslogik folgen und in denen Bedeutung auf letztlich transzendentale Signifikate zurückzuführen wäre, verunmöglicht, wechselseitige Einflüsse von Schrift und Sprache und Denken als normal zu begreifen. Auswirkungen von Sprache auf Schrift und umgekehrt sind nach Derridas Auffassung jedoch gerade nicht widernatürlich oder als moralisch verwerflich zu geißeln, sondern Belege dafür, daß Konzepte weder von Sprache noch von Schrift in einer Abbildfunktion aufgehen.
4.4 Von einer statischen Auffassung von Differenz zu einer
prozessualen
Nachdem Derrida im Zeichenkonzept Saussures eine Logik der Präsenz ausmacht, die - wie gezeigt werden wird - metaphysisches Denken nicht in Frage stellen, sondern untermauern würde, bringt er Saussure gegen das Zeichenkonzept des COURS' in Stellung. Heraus kommt dabei keine vollständige Destruktion Saussures. Das Saussure'sche Prinzip der Differenz modifiziert Derrida nämlich und läßt es zur entscheidende[n] theoretische[n] Ressource des Zeichenbegriffs gegen seine metaphysische Präsenzabhängigkeit in Form des (transzendentalen) Signifikats46 werden. Bei Saussure war Differenz eine sozial festgelegte und damit ein Konstrukt, das den Zeichenbegriff als statische Einheit absicherte, die die Differenz der heterogenen Signifikanten und Signifikate zusammenfaßt. Das festgestellte Nicht-Zusammenfallen von Signifikant und Signifikat ist Voraussetzung für Saussures Zeichenbegriff, insofern es einen grundsätzlichen Zustand der Differenz jedenfalls für den Moment der Betrachtung arretiert. Erst dieser Moment der Statik
45 Derrida: 25. 46 Lagemann: 137.
erlaubt es, sprachlicher Bedeutung und Wert in sinnlicher Fülle hervorzutreten. 47 Aus Derridas Sicht affiziert diese statische Fassung von Differenz ihr zu Untersuchendes - zum Beispiel Sprache
- mit der Logik der Präsenz, indem sie die Differenzen gewissermaßen entzeitlicht und scheinbar dem historischen Prozess des permanenten „Werdens“ entzieht. Am Beispiel des Symbols drückt Derrida dies besonders deutlich aus:
In der Sprache Saussures müßte man (was dieser nicht macht) sagen: es gibt weder Symbole noch Zeichen, sondern nur ein Zeichen-Werden des Symbols. 48
Differenz könne per definitionem eben keine sinnlich wahrnehmbare Fülle sein oder als tatsächlich bestehende, greifbare Form, eine inhaltliche Fülle beherbergen. Die minimale Einheit der zeitlichen Erfahrung49 verhindert ein Festhalten der Differenz. Derrida betont damit den Prozesscharakter von Differenz als Tätigkeit einer Formation der Form.
Dieser ökonomische Begriff [différance, UMH] bezeichnet die Produktion des Differierens im doppelten Sinne des Wortes [différer - aufschieben / (von einander) verschieden sein]. 50
Das präsente „Verschieden-Sein“, das Saussure das Denken von Sprache als tatsächlich vorhandenem Objekt erlaubte, wird von Derrida also unauflösbar verknüpft mit dem ständigen Erwirken des Aufschubs dieser Präsenz.
4.5 Wider eine Logik der Präsenz: Die Spur als Sinnbild für das
Entstehen von Bedeutung in Nachträglichkeit
Die traditionelle Grundfrage der Philosophie: „Was ist...?“ signalisiert die Hoffnung auf Erkenntnis über eine Präsenz. Ontologisch wird von einer ersten Anwesenheit aus das Verhältnis zum Anderen als Widerspruch denkbar. Derrida hingegen sperrt sich gegen die Frage nach dem Wesen von etwas als An-sich-Seiendem, dem gegenüber jedes andere ein Abgeleitetes und hierarchisch Niedrigeres wäre. Anstatt die Möglichkeit von etwas Anwesend-Seiendem in Aussicht zu stellen, implizieren Derridas Überlegungen über die Differenz als Tätigkeit, die keine Gegenwart kennt, das historische „Werden“ als infinite Bedingung jeder Präsenz zu betrachten, die damit unendlich aufgeschoben wird. Die Hierarchie zwischen einem metaphysisch anmutenden Original und seinem Abbild entfällt, wenn Präsenz selbst in Frage gestellt wird.
Begriffe wie Gegenwart, Vergangenheit aber auch Zeichen suggerieren in Derridas Denkart eine
47 Zur Problematik des Zustandsbegriffs und dem Widerspruch zwischen syn- und diachroner Betrachtungsweise siehe auch Kapitel 3.2.
48 Derrida: 83. 49 Derrida: 109.
50 Derrida: 44, Hervorhebung: UMH.
vorhandene oder vollendete Anwesenheit. Sie täuschen eine Einheit vor und damit über ihre ständige differenzielle Bedingtheit hinweg. In diese begriffliche Reduktion durch die Verschleierung von Differenz bricht Derrida ein, indem er den Begriff der Spur und später der Ur-Spur einführt.
Die Spur, in der sich das Verhältnis zum Anderen abzeichnet, drückt ihre Möglichkeit im ganzen Bereich des Seienden aus, welches die Metaphysik von der verborgenen Bewegung der Spur her als Anwesend-Seiendes bestimmt hat. Es gilt, die Spur vor dem Seienden zu denken. Aber die Bewegung der Spur ist notwendig verborgen, sie entsteht als Verbergung ihrer selbst. 51
Die Spur kontaminiert jeden Glauben an Gegenwart, indem sie eine Synthese von Gegenwärtigkeit und Nicht-Gegenwärtigkeit offenlegt, die sich keiner Logik der Präsenz fügt. Sie belegt, wie Bedeutung immer erst in Nachträglichkeit über den Rückbezug auf eine strukturelle Abwesenheit konstruiert werden kann.
Nicht eine Präsenz, sondern die permanente Flüchtigkeit alles Seienden wird hervorgehoben. Versuche der Wissenschaften, zum Wesenhaften, Essentiellen, ja zum Ursprung jedweden Untersuchungsgegenstandes vorzudringen, bewegen sich so schon mit dem Versuch, überhaupt ihr Objekt als durch seine Präsenz von anderen Verschiedenes zu bestimmen, innerhalb einer
metaphysischen Logik. 52
Folglich leitet Derridas Dekonstruktion über den Spurbegriff auch den Verfall der Vorstellung von dem Ursprung als transzendentalem Grund alles Seienden schlechthin ein. Wie Derrida sich dazu das Präfix „Ur-“ aneignet und weiter benutzt, ist vielleicht provokant, nicht jedoch methodologisch unsauber. Es ist als Bestandteil des erklärten Verfahrens zu verstehen, in dem sich die dekonstruktive Methode nicht vom Untersuchungsfeld trennen darf, sondern durchaus strategisch
und subversiv von innen arbeiten muß. 53 So produziert Derrida das begriffliche Paradoxon der Ur-Spur, um den Begriff der Spur selbst dem klassischen Schema zu entreißen, welches ihn aus einer Präsenz oder einer ursprünglichen Nicht-Spur ableitete.54 Thiel spitzt die Brisanz Derridas dekonstruktiver Aneignung des „Ur-“ zu:
Der Ursprung wird nicht zum Verschwinden gebracht, sondern in einem infiniten Regreß seiner Pluralisierung ausgesetzt, in der sich der Ursprungs-Wert nivelliert und verliert. 55
51 Derrida: 82.
52 „Keine ontologisch gedachte Präsenz würde damit ein Verhältnis zum Außen herstellen, sondern die Spur ist die Eröffnung der ursprünglichen Äußerlichkeit schlechthin, das rätselhafte Verhältnis des Lebendigen zu seinem Anderen und eines Innen zu einem Außen: ist die Verräumlichung.“ (Derrida: 124)
53 Vgl. Derrida: 45 und Lagemann: 46ff. 54 Derrida: 108.
55 Thiel: 68.
Nicht eine Präsenz, sondern die nicht zu löschende Abwesenheit wird in der Verbindung mit der Spur damit ironischerweise zum Kennzeichen des „Ur-“ und entzieht dem Ursprung seine mythologische Überhöhung.
4.6 Ur-Schrift
Das Abtragen einer Menge philosophischer Tradition - das abbildtheoretische Verständnis von Schrift als äußerlicher, künstlicher im COURS; die zugrundeliegende Priorisierung der Phone als natürlicher, erster menschlicher Materie für die Erzeugung von Bedeutung und die über die Logik der Präsenz sich offenbarenden metaphysischen Vorauslegungen - erlaubt Derrida die Feststellung einer Sprache und Schrift gemeinsamen Systematik: Sowohl in Sprache als auch in Schrift gebe es nichts als negative Differenzen. Dieses gemeinsame Prinzip der Differenzialität nennt er Ur-Schrift, weil es sowohl Sprache als auch Schrift vorausgeht und beide erst ermöglicht. Das Präfix "Ur-" deutet, wie im letzten Abschnitt beschrieben, etwas sowohl Sprache als auch Schrift Vorgängiges an, doch eben nicht einen klassischen Anfang oder Ursprung. Die Ur-Schrift wird als ein generalisiertes Differenzialisierungsprinzip eingesetzt, das nie eine positive Präsenz erlangt, da es eine Bewegung ist.
Die Urschrift, Bewegung der Differenz, irreduzible Ursynthese, die in ein und derselben Möglichkeit zugleich die Temporalisation, das Verhältnis zum Anderen und die Sprache eröffnet, kann, insofern sie die Bedingung für jedes sprachliche System darstellt, nicht selbst ein Teil davon sein und kann ihm folglich nicht als ein Gegenstand einverleibt werden. 56
Warum Derrida für dieses Prinzip den so geschassten Begriff "Schrift" mit dem Präfix "Ur-" aktiviert und nicht öfter von "Bewegung der Differenz" schreibt, könnte demonstrativ politisch zu verstehen sein, denn der Index Ur- hat nicht nur ironische Qualitäten; er verweist auch auf die Notwendigkeit, von den historischen Kräften aller Begriffe, denen er vorangestellt wird, zu zehren,
sie zu parasitieren. 57
Indem Derrida die Ur-Schrift als Sprache und Schrift vorgängiges Prinzip geltend macht, entäußert er den Schriftbegriff. Er entzieht ihm im Wortsinn seine Äußerlichkeit, denn Schrift ist nicht mehr als Objekt von irgendetwas abzutrennen. Das verunmöglicht, die historische Identifikation von Schrift mit dem Fremden, Anderen, das die "Natur" der Sprache von außen bedroht, aufrechtzuerhalten.
56 Derrida: 105
57 Thiel: 68
5 Nachwort
Unter dem Titel "Elemente der Konzeptionen von Schrift" prallen in dieser Arbeit Themen aufeinander, die sich hinter der Selbstverständlichkeit, mit der heutzutage mit Schrift im Alltäglichen umgegangen wird, kaum vermuten lassen. Anhand des COURS' und der GRAMMATOLOGIE wurde hier dem Geworden-Sein des heutigen Schriftverständnisses nachgespürt.
Bevor jedoch der Begriff Schrift in dieser Arbeit überhaupt anfängt, eine Rolle zu spielen, wird Sprache thematisiert. Es geht dabei um den COURS DE LINGUISTIQUE GÉNERALE und Saussure, der Sprache eine neue Prominenz im Wissenschaftskanon seiner Zeit zu verschaffen sucht. Er denkt Sprache erstmals als ein System von Zeichen. Saussure als Ausgangpunkt für ein Nachdenken über Schrift zu nehmen, wird in dem Moment plausibel, in dem deutlich wird, daß die von Saussure an Sprache entwickelten allgemeinen semeologischen Begriffe von Signifikant, Signifikat, Zeichen und Differenz analog auch auf das Schriftsystem anzuwenden sind. Denn auch Schrift wird von Saussure als Zeichensystem verstanden - und zwar als eines, das Sprache folgt, sie abbildet und ihr daher nachrangig ist. Insofern beinhaltet die Saussure'sche Konzeption von Sprache ein Verständnis Schrift.
Die erkenntnistheoretische Ausgangslage des COURS' ist geprägt von einigen Ambivalenzen: Einerseits wird Sprache im COURS als ein tatsächlich vorhandenes und damit auch definierbares Objekt gedacht, dessen wesenhaftes Funktionsprinzip sich entdecken läßt. Andererseits erscheint die Kenntnis dieses Funktionsprinzips unabdingbar für die Bestimmung des Objektes. Dieser Widerspruch bleibt unaufgelöst.
Faktisch folgt der COURS einer Mischmethode, in der positive Definitionen (die menschliche Rede als vielförmige Fähigkeit zur Sprache) sich mit negativen (die Bestimmung des Wertes eines Zeichens aus dem Nicht-Zusammenfallen mit anderen Zeichen) genauso vermengen wie allgemeine Aussagen (Sprache ist ein System von Zeichen) mal als Ausgangs- und mal als Endpunkt empirischer Kleinstanalyse stehen.
Eine weiterer Zwiespalt ist im COURS zu entdecken zwischen dem Verständnis von Sprache als System von Zeichen und Sprechen als dynamischer Herstellung von Sprache. Der COURS assistiert sowohl einer Argumentationslinie, die Sprache als ein von Sprechen verschiedenes, statisches Objekt denkt, wie auch einer, die den Bewegungscharakter von Sprache hervorhebt. Denn
sprachliche Tatsachen werden im COURS über den Zeichenbegriff einerseits als determinierte Differenz zwischen Signifikant und Signifikat verstanden, andererseits aber auch als lineare Kette, die sich im Verlauf von Zeit ereignet. Ohne weitere Betonung enthält der COURS damit eine Grundlage für das Argument, daß sprachliche Zeichen nicht zu trennen sind von ihrem Bewegungscharakter, wenn das Sprechen, das Sprache erst produziert, als an die minimale Einheit „Zeit“ gebunden gedacht wird. Sieht man im Sprechen eine zeitliche Ausdehnung, dann kann es keine Gleichzeitigkeit im Differenzierungsprozeß geben. Für das Verständnis von Bedeutung und Wert sprachlicher Tatsachen ließen sich daraus Konsequenzen ableiten: Ihre Identitäten wären dann als etwas Nachträgliches zu sehen, das sich erst mit der letzten Grenzziehung einzustellen vermag. Sie wären nicht nur relativ, sondern auch flüchtig und damit von einer statischen Sprachwissenschaft Saussures schlicht nicht zu erfassen. Von dieser Erkenntnis aus hätte die Forderung nach einer positiven, statischen Sprachwissenschaft, mit der der COURS angetreten ist, revidiert werden müssen. Doch derartige Schlüsse werden von den Verfassern nicht gezogen. Auch der offenkundigste Widerspruch wirkt nicht auf den Forschungsansatz des COURS zurück: Zur Erforschung von Sprache wird die als künstlich gedachte Schrift benutzt. Erklärungen, warum Schrift als ein Sprache fremdes System dann doch Erkenntnisse gerade über etwas irreduzibel Sprachliches ermöglichen können soll, bleibt der COURS schuldig. - Dabei müßte gerade die Flüchtigkeit, die für die wissenschaftliche Untersuchung den Einsatz von Schrift erfordert, als deutlicher Hinweis darauf gewertet werden, daß Sprache nicht als übergeordnetes semeologisches System gesehen werden kann, wenn Schrift für Sprache genauso unabdingbar ist wie Sprechen.
Derrida findet am COURS nicht zuletzt der aufgeführten Widersprüche wegen einen geeigneten Ort, um sich mit seiner Kritik an Abbildtheorie, Logik der Präsenz, an Phono- und Logozentrismus einzunisten. In Saussure sieht Derrida sowohl einen Vertreter des metaphysischen Denkens wie auch den Wegbereiter für eine Philosophie, mit der die traditionellen binären Hierarchien aufzulösen sind, auf denen Instanzen wie Subjekt und Objekt, Eigenes und Fremdes, Original und Abbild basieren.
Derrida fordert, das Verhältnis von Sprache und Schrift neu zu denken. Weder soll Schrift als von Sprache, noch Sprache als von Schrift abhängig gedacht werden. "Usurpierte" bei Saussure die Schrift ihren Ursprung, die Sprache, indem sie durch unzulängliche Abbildung künstlich auf das Naturverhältnis von Sprache und Denken einwirkte, wird Schrift bei Derrida zur ersten Möglichkeit. Das Konzept einer natürlichen Nähe der Laute zum Denken, wie es im COURS den Vorzug der Sprache gegenüber der Schrift begründet, bestreitet Derrida. Seine zentrale These lautet
vielmehr, daß es ein Sprache und Schrift gemeinsames strukturierendes Prinzip gibt: die Ur-Schrift. Als Bewegung, die endlos Differenz produziert, stellt sie für Derrida die gemeinsame Möglichkeit von Sprache und Schrift dar und verbietet daher eine binäre Hierarchisierung der beiden. Für die These vom gemeinsamen strukturierenden Prinzip der Ur-Schrift macht Derrida sich das Saussure'schen Zeichenkonzept und die darin angelegten Überlegungen zu Differenz zunutze: Zeichen gewinnen im COURS Wert erst aus ihrem Nicht-Zusammenfallen mit anderen Zeichen. Zwar kritisiert Derrida Saussures Zeichenbegriff, weil dessen Verwendung im COURS für ihn eine abbildtheoretische verkörpert (Schriftzeichen als Abbild für Sprachzeichen als Abbild für Sinn), die das Vorhandensein eines transzendentalen, sinnerfüllten Signifikats suggeriert. Doch im Prinzip der Differenz entdeckt Derrida ein Potential: Er modifiziert die statische Fassung von Differenz zu einer prozessualen, indem er proklamiert, daß jedes Zeichen seinerseits wieder zum Bezeichnenden werden kann. Im indefiniten Prozeß des Verweisens kann dann nie ein letzter, präsenter Sinn in Form eines metaphysischen Signifikats entdeckt werden.
Wie bereits mehrfach betont, geben die Ambivalenzen im COURS reichlich Möglichkeit zur Auslegung. Den COURS als phonozentristisch zu bewerten, scheint eingängig zu sein. Es läßt sich leicht schon damit belegen, wie Schrift grundsätzlich als Sprache nachrangig behandelt wird. Das Ausmaß der metaphysischen Verhaftung des Werkes, bleibt jedoch diskutabel. Immerhin gibt es im COURS schließlich auch die Idee eines amorphen Gedanken-Chaos', an dem die Sprache strukturierend arbeitet und Einheiten durch Differenzen erst hervorbringt, nicht abbildet. Sie stünde im Widerspruch zu dem von Derrida ausgelegten Zeichenbegriff, der eine Präsenz voraussetzt.
Trotz aller Ungleichheiten behandeln sowohl Derrida als auch Saussure Wirklichkeit als einen durch Differenzen strukturierten Text. Deshalb sind die beiden Theoretiker in einen Kontext zu bringen. Ihre unterschiedlichen Motive - die Etablierung einer Sprachwissenschaft innerhalb einer allgemeinen Semeologie versus die Dekonstruktion einer Geistesgeschichte der Metaphysikwerden jedoch zum dringendsten Argument, warum sie sich andererseits gerade auf dem Nenner eines gemeinsamen Schriftbegriffes nicht zusammenführen lassen.
Literatur
• Ferdinand de Saussure, Charles Bally (Hrsg.), Albert Sechehaye (Hrsg.): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 3. Aufl. Berlin 2001.
• Pages 171-173.
• •
• Detlef Thiel: Urschrift. Systematische und historische Bemerkungen zu Derridas Motiv der
Werke. Frankfurt a.M. und Leipzig 1991.
• Der Brockhaus multimedial premium 2005: das Multimedia-Lexikon. Mannheim 2005.
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elemente der konzeptionen von schrift bei saussure und derrida.
ich finde diese arbeit ausgezeichnet und werde sie in meinem seminar verwenden.
einwand: es wird nicht gesagt, obwohl anscheinend gewußt, daß der signifikant bei saussure nicht der laut ist, sondern "nur" das lautbild, also eine mentale repräsentation. das vergessen die franzosen fast durchgehend. der signifikant gehört ausschließlich in die langue. beim vollen gebrauch der sprache handelt es sich also um eine realisierung im materiellen sinn. deshalb sollte man m.e. vom "vollen zeichen" sprechen. saussures "zeichen" existiert ja nur in der langue.
m.e. erachtens hat bereits saussure das transzendentale zeichen überwunden, obwohl das gar nicht seine intention war, weil er kein philosoph war, sondern eine linguistik als strenge wissenschaft entwickeln wollte. da durfte er die parole und schließlich auch die grundsätzliche dialektik langue - parole vernachlässigen (obwohl er es zu weit trieb.) der ganze nachlaß zeigt, daß der meister einfach nicht fertig wurde, aber alles schon richtig angelegt ist. daß die linguistk auch heute noch die arbitrarität des zeichen nicht versteht, spricht gegen sie.
zu entwickeln ist eine meta-zeichentheorie, die die materialität des sprachgebildes ausarbeitet.
was den verehrten derrida betrifft, gilt es m.e. auszuarbeiten, daß er sich mit den phonozentrismus irrt: zwar gilt er für die genesis, pro forma die ganze jüdisch-christliche religion, für platon usw.; aber er ist nur schein, "überbau". in wirklichkeit ist die metaphysik gar nicht denkbar ohne die schrift, sie ist deren hypostasierung. (das zeigt schon die geschichtliche wirkung der bibel als die "heilige schrift", was durch dne protestatismus noch einmal verstärkt wird.) es handelt sich also um einen graphologozentrismus.
(das konzept der "urschrift" oder "urspur" wäre dann noch grundsätzlich und kritisch zu untersuchen. sprachentstehungstheorien, aber auch schon saussures parole als basis und telos von allem, sprechen dagegen.)
am Thursday, October 11, 2007-