Inhaltsverzeichnis
1 PROBLEMSTELLUNG UND VORGEHENSWEISE. 1
2 REFORMPROZESS CHINAS IM ÜBERBLICK. 1
3 AKTUELLE ENTWICKLUNGEN UND MAKROÖKONOMISCHE
KENNGR ÖßEN. 2
3.1. W IRTSCHAFT UND STRUKTUREN. 3
3.2. F INANZWESEN 4
3.3. A UßENHANDEL UND INTERNATIONALE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN. 5
4 AUSGEWÄHLTE PROBLEME UND HERAUSFORDERUNGEN. 6
4.1. S TEIGENDE SOZIALE UNGLEICHHEITEN. 6
4.2. B ANKENSEKTOR 8
4.3. A UFWERTUNGSDRUCK AUF DEN YUAN 9
5 FAZIT. 11
I
Abbildungsverzeichnis
ABBILDUNG 1: ENTSTEHUNGSSTRUKTUR DES BIP 2004.
ABBILDUNG 2: HANDELSMUSTER 2002.
ABBILDUNG 3: WECHSELKURS UND DEVISEN
II
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung ADB Asia Development Bank BIP Bruttoinlandsprodukt bzw. beziehungsweise CNY chinesischer Yuan COI China Overheating Indicator FDI Foreign Direct Investment ff. fortfolgende HVB Hypovereinsbank Group IWF Internationaler Währungsfonds OECD Organisation for Economic Co-Operation and Development PBoC People´s Bank of China RMB Renminbi S. Seite SOE state-owned-enterprise sog. so genannte(r, s) u.a. unter anderem USD US Dollar usw. und so weiter vgl. Vergleich WTO World Trade Organisation z.B. zum Beispiel
III
1 Problemstellung und Vorgehensweise
Die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas spiegelt sich seit Jahren in Wachstumsraten des chinesischen BIP wider, von denen führende Nationen nur träumen können. Die Volksrepublik hat es geschafft ihr Pro-Kopf-Einkommen innerhalb von zwei Jahrzehnten mehr als zu verdoppeln. Als sechstgrößte Volkswirtschaft, drittgrößte Handelsnation, dem Land mit den weltweit zweitgrößten Devisenreserven und als weltweit wichtigste Destination für Auslandsinvestitionen bildet die Volksrepublik China eine ernstzunehmende Größe in der Weltwirtschaft (vgl. www.auswaertiges-amt.de/www/ 2004, 1).
Doch trotz der hohen Wachstumsrate kämpft die Volksrepublik mit ernsten innenpolitischen Problemen: hohe Arbeitslosigkeit durch Strukturwandel sowie steigende soziale Ungleichheiten sind durch die Regierung zu bewältigen. Aktuell sorgen Chinas wachsende Handelsbilanzüberschüsse für scharfe Kritik an der Währungspolitik der Regierung und für Aufwertungsdruck des Yuan. Desweiteren müssen Reformen umgesetzt werden, um die chinesischen Märkte auf die bevorstehende Liberalisierung und Öffnung des Dienstleistungssektors vorzubereiten, die im Rahmen des WTO-Beitritts im Jahr 2001 vereinbart wurde. Problematisch gestaltet sich hier insbesondere die für 2006 geplante Öffnung des Bankensektors.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der makroökonomischen Entwicklung Chinas und weist dabei vor allem auf die aktuellen Probleme der Volksrepublik hin. Dabei wird wie folgt vorgegangen: Zunächst wird ein kurzer Überblick über den Entwicklungspfad Chinas seit seiner Öffnung gegeben. Danach wird die aktuelle Wirtschaftslage unter Verwendung von makroökonomischen Indikatoren aus drei Bereichen beschrieben: Wirtschaft, Finanzwesen und Außenhandel. Darauf aufbauend, werden im 4. Kapitel aktuell relevante Probleme aus jedem dieser drei Bereiche aufgegriffen und damit verbundene Herausforderungen an die Regierung diskutiert. Kapitel 5 enthält ein abschließendes Fazit.
2 Reformprozess Chinas im Überblick
Die aktuelle Wirtschaftslage Chinas ist das Ergebnis eines langjährigen Reformprozesses,
der bildlich mit „crossing the river by groping for stones“ 1 (vgl. Zhang 2000, 7) beschrieben wird. Unter der Leitung des Strategen Deng Xiaoping startete die Regierung im Jahre 1978 in einem stetigen trial-and-error Prozess eine Reihe wirtschaftlicher Reformen mit dem Ziel
1 „Nach Steinen tastend den Fluss überqueren“
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„Wohlstand und Macht für China durch Modernisierung und Integration in die Weltwirtschaft“ zu erreichen (Zhang 2000, 63-64). Damit begann die allmähliche Transformation von einer isolierten, defizitären und landwirtschaftlich geprägten Planwirtschaft in eine industrialisierte, offene Marktwirtschaft mit
Handelbilanzsüberschüssen. „Reform nach innen und Öffnung nach außen“ (vgl. Friedrich 2000, 120) bestimmten nun die Innen- und Außenpolitik des Landes. So wurden graduell Reformen zur Verbesserung des Lebensstandards eingeführt: Einführung des household responsibility system (s. Ahya/Xie 2004, 47), das die Produktivität im Agrarsektor steigerte; Errichtung von vier Sonderwirtschaftszonen mit ausgebauter Infrastruktur, die Kapital und Technologie angezogen haben; Einführung eines privaten Sektors, der schnell zur Wachstumslokomotive der Wirtschaft wurde, sowie eine stark exportorientierte Handelspolitik. Der Aufbau von Handelsbeziehungen erfuhr seinen Höhepunkt am 11. Dezember 2001, als die Volksrepublik nach langjährigen Verhandlungen der WTO beigetreten ist. Der WTO-Beitritt bedeutet für China eine stärkere Integration in die Weltwirtschaft, ist aber auch mit hohen Zugeständnissen behaftet (vgl. Panitchpakdi/Clifford 2002, S. 3). Damit verfolgt die Regierung eine langfristige Wachstumsstrategie: Die Öffnung von bisher stark regulierten Märkten soll diese langfristig wettbewerbsfähiger machen und so für nachhaltiges Wachstum und Beschäftigung sorgen.
Das chinesische Wirtschaftssystem lässt sich nach dem im Jahr 1992 verabschiedeten Konzept einer „sozialistischen Marktwirtschaft mit chinesischen Merkmalen“ beschreiben (vgl. Schüller 2000, 146). Es besteht aus einer Marktwirtschaft unter dem strengen Regime der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), die sich staatliche Eingriffe in die Wirtschafts-und Gesellschaftspolitik vorbehält. Erste Priorität der chinesischen Regierung ist ein hohes Wirtschaftswachstum, um den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern, gleichzeitig soll eine zu starke Polarisierung von Einkommen vermieden werden (vgl. Schüller 2000, 147).
3 Aktuelle Entwicklungen und makroökonomische Kenngrößen
Die heutige Lage der chinesischen Volkswirtschaft spiegelt sich in makroökonomischen Indikatoren wider, die nachfolgend in drei Bereiche untergliedert werden: Das operative Wirtschaftsgeschehen in China wird durch Benutzung von Wachstumsraten, BIP und Produktionsstrukturen unter Wirtschaft und Strukturen aufgezeigt. Weiterhin hängt die Leistungsfähigkeit der Volksrepublik von seiner Finanzlage ab, die unter Finanzwesen
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dargestellt wird. Als Folge der Globalisierung wird zuletzt der für China besonders wichtige Außenhandel näher betrachtet.
3.1. Wirtschaft und Strukturen
Die graduelle Transformation Chinas in eine marktwirtschaftlich orientierte Volkswirtschaft ist der Grund für seine hohe Wachstumsdynamik. Das BIP ist seit der Öffnung 1978 jährlich um durchschnittlich 9,5 % gewachsen (vgl. Römer 2004, 1). Damit ist China im weltweiten Maßstab eine Wachstumslokomotive. Bisher blieb eine vielfach prophezeite Überhitzung der Konjunktur aus. Der China Overheating Indicator (COI) der Deutschen Bank, der die Überhitzungsgefahr der chinesischen Konjunktur misst, lag im Juni 2005 noch reichlich unterhalb des kritischen Grenzbereichs (vgl. Hansakul 2005, 1), doch schon im September 2005 hat die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) ihre Prognose über das Wirtschaftswachstum für 2005 von 8,5 % auf 9,2 % heraufsetzen müssen (vgl. Rabe 2005, 1). Angesichts der anhaltend hohen Investitionsquoten können Experten ein hard landing der Konjunktur nicht ausschließen.
Gemessen am absoluten BIP von 1.650,7 Mrd. USD (2004) ist China die sechstgrößte Volkswirtschaft weltweit (vgl. www.auswaertiges-amt.de/www/ 2005b, 1). Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von nur knapp über 1.000 USD im Jahr 2004 wird es aber immer noch als Entwicklungsland eingestuft. Markant ist hier die unterschiedlich ausgeprägte Einkommensverteilung: das Einkommen der städtischen Haushalte beträgt fast das Vierfache des Einkommens der ländlichen Haushalte (vgl. Shen 2002, 15; Siackhachanh 2002, 7). Diese Unterschiede sind während des Reformprozesses entstanden und markieren die Gewinner und Verlierer der Systemtransformation.
Seit den eingeleiteten Reformen hat sich auch die Struktur des BIP verändert. China hat sich von einer primär landwirtschaftlich geprägten Volkswirtschaft in eine industrialisierte und zunehmend auch dienstleistungsorientierte Volkswirtschaft gewandelt. Das zeigt die Entstehungsstruktur des BIP nach Sektoren aus dem Jahr 2004 in Abb. 1. Eine chinesische Besonderheit betrifft die Eigentumsstruktur der Unternehmen (siehe folgende Abb.). Anders als die ehemaligen europäischen Ostblockstaaten verzichtete China bei seiner Transformation auf eine umfassende Privatisierung der Staatsbetriebe. Der Anteil der state-owned-enterprises (SOE) an den gesamten Industrieunternehmen ist zwar immer noch hoch (2003: 46 %), die Bedeutung der SOE nimmt jedoch seit 1980 beständig ab (vgl. Chow 2002, 69).
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Die staatlichen Unternehmen gelten laut Werner (2002, 12) als „weniger profitabel, weniger effizient und weniger liquide“. Denn obwohl sie heute nur knapp 30 % der Industrieproduktion herstellen, beschäftigen sie rund die Hälfte der städtischen Erwerbstätigen (vgl. Werner 2002, 12). Stärkeren Wettbewerbsbedingungen ausgesetzt, sind die SOE jedoch zunehmend zu mehr Effizienz gezwungen. Dies hat steigende Arbeitslosenzahlen zur Folge.
Die Arbeitslosigkeit wird von der ADB auf 8,5 % in den Städten, und auf 30 % in ländlichen Gebieten geschätzt (vgl. www.auswaertiges-amt.de/www/ 2005a, 2). Dies ist mitunter auf die Umstrukturierung der SOE zurückzuführen. Auf das Problem der hohen Arbeitslosenzahlen wird in Kapitel 4.1. näher eingegangen.
3.2. Finanzwesen
Verglichen mit anderen Ländern ist die Haushaltssituation Chinas entspannt. 2002 wurde die Staatsverschuldung auf 32 % des BIP geschätzt. Das Haushaltsdefizit betrug 2-3 % des BIP (vgl. Siackhachanh 2002, 8). Dank der hohen Sparquote der Chinesen von ca. einem Drittel der Einkommen (vgl. Prasad 2004, 4) stehen dem sehr hohe private Sparguthaben gegenüber (vgl. Dörig 2004, 2). Außerdem weist China aufgrund seines Wechselkursregimes sehr hohe Devisenbestände auf (Stand Juni 2005: 711 Mrd. USD; vgl. hierzu Koivu 2005, 3). Auch die Inflationsrate ist für ein derart stark wachsendes Land vergleichsweise gering. Die People´s Bank of China (PBoC) hat ihre Prognose des Konsumentenpreisindex CPI für 2005 von 4 % auf 3 % gesenkt (vgl. Koivu 2005, 3).
Allerdings leidet das Finanzwesen unter der Last von 500 Mrd. USD an notleidenden Krediten (vgl. Schlotthauer 2003, 4), die von Banken an Staatsunternehmen vergeben wurden.
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An dieser Stelle wird auf Kapitel 4.2. verwiesen, wo das Problem des maroden Bankensektors näher beschrieben wird. Die Kosten für die Rekapitalisierung der Staatsbanken durch die Regierung würde die staatliche Verschuldung auf 100 % des BIP ansteigen lassen (vgl. Dörig 2004, 7). Die Schuldenquote wäre noch höher, zählt man ausstehende Reformpakete hinzu (z.B. Aufbau eines Sozialversicherungssystems, Infrastrukturprojekte), deren Kosten die chinesische Regierung tragen muss.
3.3. Außenhandel und internationale Wirtschaftsbeziehungen
Der chinesische Außenhandel erfuhr seit Anfang der 90er Jahre ein rasantes Wachstum. Während der globale Warenhandel im Zeitraum zwischen 1985 und 2003 jahresdurchschnittlich um 7,8 % zulegte, wuchsen die chinesischen Exporte im gleichen Zeitraum jahresdurchschnittlich um 16,7 %, die Importe um 13,5 % (vgl. Römer 2004, 2). Beschleunigend wirkten der Abbau von nicht-tarifären Handelshemmnissen und Zollsenkungen als Folge des WTO-Beitritts (vgl. Römer 2004, 3). Eine gezielt exportorientierte Wachstumspolitik steigerte die Exportwerte ausländischer Unternehmen in China erheblich. Allein im Jahr 2004 wuchs das Handelsvolumen um 35,7 % auf 1,15 Billionen USD (vgl. o.V. 2005b, 6) und macht den Außenhandel somit zum Wachstumstreiber der chinesischen Wirtschaft. Das Handelsmuster entspricht längst nicht mehr dem eines klassischen Entwicklungslandes. China übernimmt in der internationalen Arbeitsteilung zunehmend die Rolle des assembly country (vgl. Lemoine/Ünal-Kesenci 2002, 27) und exportiert heute vor allem elektronische Geräte, gefolgt von Textilien, Spielwaren und Maschinen. Importe werden neben Elektronikprodukten von Chemieprodukten, Maschinen und Energiestoffen dominiert (siehe Abb. 2).
Das geografische Muster der Handelsströme hat sich im Zeitablauf verändert. Während in den Jahren 1985 bis 1993 nur mit den asiatischen Ländern ein Handelsbilanzüberschuss generiert wurde, sind die Exporte nach Nordamerika und in die EU-15 in der Zeit von 1994 bis 2002 rapide gestiegen (vgl. Römer 2004, 13) und tragen heute erheblich zum Handelsbilanzüberschuss Chinas von 32 Mrd. USD im Jahr 2004 bei (vgl. o.V. 2005a, 9). Vor allem seitens der USA führt dieses Ungleichgewicht zu Aufwertungsdruck des Yuan und zu heftiger Kritik am künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs des Yuan. Im Kapitel 4.3. wird das zurzeit praktizierte Wechselkursregime näher erläutert. Der chinesische Außenhandel ist eng mit den ausländischen Direktinvestitionen (FDI) nach China verbunden. Der Strom der FDI ist in den letzten 15 Jahren rapide gewachsen.
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Betrugen sie 1990 noch 3,4 Mrd. USD (vgl. Panitchpakdi/Clifford 2002, 108), so erreichten die FDI im Jahr 2004 eine Rekordsumme von 60 Mrd. USD (vgl. o.V. 2005a, 9) und machen China weltweit zur wichtigsten Destination für international operierende Unternehmen. Ziel sind zu 86 % die entwickelten Küstenregionen Chinas (Jiang 2004, 225-226). Laut Römer (2004, 11) sind die „Direktinvestitionsströme der vergangenen Dekade die treibende Kraft hinter dem außenwirtschaftlichen Aufstieg Chinas“. Da FDI meist zu Transfer von Wissen und Technologie führen, tragen sie positiv zur industriellen Entwicklung Chinas bei. Vor dem Hintergrund der geringen Rohstoffvorkommen und des rasant steigenden Energiebedarfs Chinas strebt die Regierung strategische bilaterale Abkommen zu Ländern an, die mit ihren Exporten von Rohstoffen seinem enormen Energiehunger gerecht werden könnten. Aktuell wird über ein Freihandelsabkommen mit Australien verhandelt. (vgl. Dörig 2004, 10-11). Verhandlungen über ein derartiges Abkommen sind auch zwischen China und Chile im Gange (vgl. www.china-embassy.ch/ger/ 2004, 1). China ist bestrebt, einen Großteil
seiner Auslandsinvestitionen in den Energie- und Rohstoffsektor zu leiten. So kündigte Präsident Hu Jintao Milliardeninvestitionen in den Rohstoffsektor und in die Infrastruktur Lateinamerikas an (vgl. www.potsdam.ihk24.de/PIHK24/ 2004, 20-21).
4 Ausgewählte Probleme und Herausforderungen
Aus dem vorangehenden Kapitel wurde schon deutlich, dass das enorme Wachstum und die fortschreitende wirtschaftliche Entwicklung für China auch mit Problemen verbunden ist, auf die nachfolgend eingegangen wird. Im Vordergrund stehen drei Hauptprobleme, die miteinander verflochten sind:
4.1. Steigende soziale Ungleichheiten
Das Wohlstandsgefälle im Reich der Mitte ist so groß, dass eine Studie 1994 zu dem Schluss kommt, China habe erheblichere Einkommensunterschiede als die USA (vgl. Gransow 2000, 190). Besonders groß ist der Unterschied zwischen den entwickelten Küstenregionen und dem Hinterland, doch laut Zhang steigt auch innerhalb der Städte das Einkommensgefälle (vgl. Zhang 2000, 90). Die Verlierer der Systemtransformation sind die Bauern und entlassene Arbeiter der Staatsunternehmen, die Gewinner sind „neue Reiche“ (vgl. Gransow 2000, 191) aus unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen und Parteikreisen, deren Wohlstand sich vornehmlich in den Städten manifestiert. Zwar sind die Pro-Kopf-
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Einkommen seit 1979 insgesamt stetig gestiegen, jedoch mit regional sehr unterschiedlichen Zuwachsraten. Die Gründe dafür sind vielfältig:
Das 1958 eingeführte staatliche Haushaltsregistrierungssystem (hukou-System) schränkte die Mobilität der Chinesen zwischen Land und Stadt stark ein und bescherte China eine dualistische Stadt-Land-Struktur. Die Stadtbevölkerung wurde seither in der sozialen Sicherung und der Versorgung mit Arbeit und Bildung stark privilegiert (vgl. Heilmann 2000, 90). Es war sogar Teil der Entwicklungsstrategie Deng Xiaopings in den 80er Jahren „einige erst reich werden (zu) lassen“ (vgl. Chow 2004, 69). Die Küstenregionen sollten als Motor der Wirtschaftsentwicklung fungieren, der das Wirtschaftswachstum später durch trickle down Effekte in den hinteren Provinzen ankurbeln würde (vgl. Schüller 2000, 169). Die Küstenregionen haben erheblich von ausländischen Direktinvestitionen und damit verbundenen Wissenstransfers profitiert, während die zentralen und westlichen Provinzen abgeschieden und arm blieben (vgl. Siackhachanh 2002, 4). Obwohl die Mobilität der Arbeiter durch die Lockerung des hukou-Systems im Jahr 2001 (vgl. Brooks 2004, 57) erhöht wurde, leben heute immer noch rund 800 Mio. Menschen auf dem Land. Für die Hälfte von ihnen bildet die Landwirtschaft ihre Existenzgrundlage (vgl. Dörig, 8). Die OECD schätzt die Zahl der Arbeitslosen in ländlichen Gebieten auf rund 200 Mio. Das Heer der Wanderarbeiter, die in die Städte ziehen, um dort Arbeit zu finden, wird neuesten Schätzungen zufolge auf bis zu 300 Mio. Menschen beziffert (vgl. www.auswaertiges-amt.de/www/ 2005, 2). Doch aufgrund der Schließungen und Umstrukturierung der Staatsbetriebe ist auch die städtische Arbeitslosigkeit gestiegen. Lange Zeit waren die SOE die Hauptarbeitgeber in den Städten (vgl. Schüller 2000, 155). Zwar entstehen auch neue Arbeitsplätze im stark wachsenden privaten Sektor, doch der kann nicht alle Arbeitssuchenden absorbieren. Den Staatsbetrieben kommt eine zusätzliche, historisch begründete Funktion zu: sie sind nicht nur Arbeitgeber, sondern stellen auch einen wichtigen Pfeiler der sozialen Sicherung für die Angestellten über das Angebot von Kindergartenplätzen, Krankenversorgung und Rentenzahlungen dar („eiserne Reisschale“; vgl. Chow 2002, 328-329). Durch Entlassungen verlieren die Arbeiter auch diese soziale Sicherung. Immer häufiger kommt es deshalb zu illegalen Streiks, Arbeiterprotesten und sozialen Unruhen (vgl. Schüller 2000, 156). Dies stellt die Legitimität der KPCh in Frage.
Um soziale Stabilität zu wahren, muss die Regierung durch fiskalpolitische Maßnahmen die ländlichen Einkommen erhöhen, und durch strukturpolitische Maßnahmen Anreize für Investoren in ländlichen Provinzen setzen (vgl. Siackhachanh 2002, 7), um dort wirtschaftliches Wachstum und damit Beschäftigung zu fördern. Dafür wurden milliardenschwere Infrastrukturprojekte für den Ausbau von Eisenbahnnetzen, Strassen und
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Flughäfen gestartet (vgl. Dörig, 8). Es bleibt fraglich, ob dies ausreicht, um neue Investoren anzuziehen. Konkrete Maßnahmen für ein flächendeckendes Sozialversicherungssystem einschließlich einer Arbeitslosenversicherung, das die Grundbedürfnisse der Bauern und Arbeitslosen deckt und somit zur sozialen Stabilität beiträgt, blieben bisher aus.
4.2. Bankensektor
Für ein anhaltend hohes Wirtschaftswachstum gilt ein effizienter Finanzsektor als wichtige Voraussetzung, „da dieser die Ersparnisse absorbieren und ihrer bestmöglichen Verwendung zuführen kann“ (Schüller 2000, 152). Diese Aufgaben kann der chinesische Bankensektor, der von staatlichen Banken dominiert wird, heute nur beschränkt erfüllen. Aufgrund der schlechten Verfassung, die mit dem Erbe der Planwirtschaft zusammenhängt, wird der Bankensektor als die „Achillesferse“ der chinesischen Wirtschaft bezeichnet. Laut Chow (2004, 72) war die Liquidität der Banken bisher nur wegen den sehr hohen Spareinlagen und dem Vertrauen der Chinesen in das staatlich garantierte Bankensystem gesichert. Lange wurden Kredite nicht unter wirtschaftlichen Risikogesichtspunkten, sondern aufgrund politischer Planvorgaben an Staatsunternehmen vergeben. Diese erhielten 80 % aller Bankkredite (vgl. Shen 2002, 15). Viele der Staatsunternehmen sind nicht in der Lage diese Kredite zurück zu zahlen, und tragen so zum hohen Anteil an uneinbringlichen Krediten, zu geringen Renditen und zu niedrigen Eigenkapitalquoten der Banken bei (vgl. Barnett 2004, 46). Pessimistische Schätzungen beziffern die „faulen“ Kredite auf rund 500 Mrd. USD, also auf ca. 40 % des BIP (vgl. Schlotthauer 2003, 4). Angesichts der drohenden Arbeitslosigkeit aufgrund von Schließungen der Staatsunternehmen wird die Kreditvergabe an ineffiziente Staatsbetriebe nicht sofort eingestellt.
Die Herausforderung an die Regierung besteht darin, ein leistungsfähiges Bankensystem mit modernem Management, verbesserter Transparenz und höherer Kapitalisierung zu schaffen (vgl. Barnett 2004, 49), das auch ausländischen Konkurrenten standhält und zur makroökonomischen Stabilität beiträgt. Es wurden schon einige Maßnahmen ergriffen, um die Ertragskraft der Banken zu stärken. So wurden Auffanggesellschaften gegründet, denen ein Teil der notleidenden Kredite übertragen wurde, um die Bilanzen der Banken aufzuwerten. Ende 2003 wurde außerdem eine Finanzspritze von 45 Mrd. aus den Devisenreserven genehmigt, um die Kapiteldecke von zwei der vier großen staatlichen Banken zu erhöhen (vgl. Barnett 2004, 49). Weiterhin sind Börsengänge der großen Banken geplant, um deren Corporate Governance zu verbessern (vgl. Siackhachanh 2002, 5). Die Zugeständnisse im Rahmen des WTO-Beitritts zwingen die Regierung weitere Reformen
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schnell voranzutreiben. Laut WTO-Verhandlungen soll im Dezember 2006 der Bankensektor für ausländische Finanzinstitute geöffnet und alle bisherigen Marktzutrittsbeschränkungen beseitigt werden. Ausländische Geldinstitute könnten dann auch RMB Geschäfte anbieten. Sollten die chinesischen Banken bis dahin nicht umstrukturiert, funktions- und wettbewerbsfähig sein, könnte es bei bestehender Kapitalverkehrsfreiheit und einem flexibleren Wechselkurssystem wegen drohender Kapitalflucht zu Illiquidität der chinesischen Banken kommen (vgl. Siackhachanh 2002, 5). Das würde zur Destabilisierung der chinesischen Wirtschaft führen.
4.3. Aufwertungsdruck auf den Yuan
Das chinesische Wechselkursregime steht seit einigen Jahren unter der Kritik, China verschaffe sich durch einen künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs des Yuan unlautere Wettbewerbsvorteile auf den Exportmärkten (vgl. Dörig, 2004, 5). Insbesondere von den USA, die ein besonders hohes Handelsbilanzdefizit mit China auf weisen, aber auch von europäischen und asiatischen Regierungen wird eine Aufwertung und Flexibilisierung des Wechselkurssystems gefordert. Schätzungen zufolge ist der Yuan um bis zu 40 % unterbewertet (vgl. Hesener/Keis 2005, 6). Bisher hat die PBoC offiziell ein managed floating
system 2 betrieben, das aber de facto durch eine feste Bindung an den US Dollar charakterisiert war, die nur eine Schwankungsbreite von ± 0,1 % erlaubt (vgl. www.auswaertigesamt.de/www/ 2005, 2). Der Wechselkurs des RMB lag seit 1995 bei 8,227 RMB pro 1 USD. Dafür ist eine ständige Intervention der PBoC am Devisenmarkt nötig (siehe Abb. 3), die durch den ständigen Ankauf von US Dollar Noten die weltweit zweitgrößten Devisenreserven (hinter Japan) angesammelt hat.
Am 21. Juli 2005 kündigte die PBoC eine Änderung ihrer Währungspolitik an. Der RMB ist laut PBoC Chef Zhou Xiachuan nun an einen Währungskorb bestehend aus elf Währungen gebunden, in dem der US Dollar, der Euro, der japanische Yen und der südkoreanische Won
am stärksten gewichtet sind 3 (vgl. Koivu 2005, 3). Dadurch sinkt die Notwendigkeit von Deviseninterventionen. Allerdings gibt die erlaubte Schwankungsbreite von ± 0,3 % wieder einen mehr oder weniger festen Wechselkurs vor. Immerhin wurde der RMB einmalig um 2,1 % gegenüber dem US Dollar aufgewertet (vgl. o. V. 2005c, 31) und steht zum Stichtag 26.09.2005 bei 8,09 RMB pro 1 USD. Dennoch gilt der Yuan aber nach wie vor als
2 System, bei dem der Wechselkurs ohne vorgegebenes Wechselkursziel formal freigegeben wird, die
Zentralbank sich bei Bedarf aber Deviseninterventionen vorbehält.
3 Weitere Währungen im Korb sind der Singapur Dollar, das britische Pfund, der malaysische Ringgit, der
russische Rubel, der thailändische Bath und der australische und kanadische Dollar (vgl. Koivu 2005, 3)
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unterbewertet (vgl. o. V. 2005c, 31). Der IWF fordert, „es nicht bei einer einmaligen Aufwertung zu belassen, sondern den Wechselkurs des Yuan weiter zu flexibilisieren.“ (Sieren 2005, 49).
Ein flexibles Wechselkurssystem würde zu einer besseren Reaktionsfähigkeit auf externe Schocks, einer größeren Unabhängigkeit der Geldpolitik der PBoC, der Weiterentwicklung der chinesischen Finanzmärkte und einem verbessertem Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten führen (vgl. Carrasco 2003, 11). Die PBoC hätte die Möglichkeit, die Leitzinsen entsprechend dem eigentlichen Wirtschaftswachstum anzupassen und somit für ein soft landing zu sorgen ohne dabei weitere Milliarden in den Devisenmarkt pumpen zu müssen. Dank der mit der Flexibilisierung einhergehenden Aufwertung des Yuan könnte China insbesondere Energie und Rohstoffe, welche zumeist in US Dollar abgerechnet werden, deutlich günstiger importieren. Laut Hesener/Keis (2005, 6) wäre auch die „Bremswirkung auf Exporte überschaubar“.
Doch die Regierung hält vorerst an einem mehr oder weniger festen Wechselkurssystem fest. Ein Argument für ein fixes Wechselkurssystem im Allgemeinen ist u.a. die Eliminierung von Wechselkursrisiken, wodurch stabile Verhältnisse für Handel und FDI herrschen. Im Falle Chinas hängen die Gründe für eine Beibehaltung des fixen Wechselkurssystems zusätzlich stark mit dem maroden Bankensektor zusammen. Wie schon im vorangehenden Kapitel erläutert wurde, könnte eine Flexibilisierung ohne vorherige Sanierung der Banken in eine Liquiditätskrise führen und die makroökonomische Stabilität stark gefährden. Der weitere Weg Chinas wird folgendermaßen antizipiert (s. Carrasco 2003, 16; Schlotthauer 2003, 7): Das Wechselkurssystem und der Kapitalverkehr werden moderat, graduell, und auf die Fortschritte der Modernisierung im Bankensektor abgestimmt, liberalisiert. Zu einer radikalen Aufwertung des Yuan kommt es vorerst nicht. Diese Vorgehensweise entspricht dem vorsichtigen und graduellen Entwicklungspfad Chinas auf dem Weg zur Modernisierung seiner Volkswirtschaft.
Weitere Herausforderungen bestehen in der Bewältigung des massiv steigenden Energiebedarfs und der teils katastrophalen ökologischen Belastung. Mängel bestehen auch in der Rechtsordnung und Rechtsdurchsetzung. Zudem wird China wegen der Ein-Kind-Politik schon bald die soziale Sicherung seiner alternden Bevölkerung lösen müssen.
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5 Fazit
Seinem Ziel „Wohlstand und Macht für China durch Modernisierung und Integration in die Weltwirtschaft“ kommt China dank eines graduellen Reform- und Entwicklungsprozesses immer näher. Die Wirtschaft wächst sehr dynamisch und entwickelt sich mehr und mehr zu einem Zugpferd in der Weltwirtschaft. Der Lebensstandard fast aller Chinesen ist gestiegen, wenn auch unterschiedlich stark. Die Regierung hat „einige reich werden lassen“, und konzentriert sich nun auf den zweiten Teil ihres Versprechens, indem sie wirtschaftliche Entwicklung nun auch im Hinterland fördert. Die hohe Integration Chinas in die Weltwirtschaft zeigt sich sowohl an rapide steigenden Marktanteilen chinesischer Exporte auf den Weltmärkten, als auch am hohen Zufluss von Direktinvestitionen nach China. Dieses Wachstum und die überwältigende Dynamik kann jedoch nicht über innenpolitische Probleme hinwegtäuschen, die stark miteinander verflochten sind. Um diese Interdependenzen zu verdeutlichen, werden sie nachfolgend in einer „Problemspirale“ zusammenfassend dargestellt:
Die rapide steigenden chinesischen Exporte auf dem Weltmarkt führen in Verbindung mit einem künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs aktuell zu einem starken Aufwertungsdruck des Yuan. Doch die Regierung widersetzt sich einer Flexibilisierung des Wechselkursregimes, demzufolge bei Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen Illiquiditätsgefahr der Banken und auf diese Weise die Gefahr einer Finanzkrise besteht. Die geringe Kapitalisierung der Banken liegt an der Last der faulen Kredite, die als Quasisubventionen an ineffiziente Staatsbetriebe vergeben wurden. Eine strengere Kreditvergabe an Staatsunternehmen zum Zweck der Sanierung der Banken hat hohe Arbeitslosigkeit und damit soziale Spannungen zur Folge. Um die soziale Stabilität zu wahren, bedarf es kostspieliger Strukturmaßnahmen, die nur unter anhaltend hohem Wirtschaftswachstum finanzierbar sind. Gleichzeitig droht durch zu hohes Wachstum Überhitzungsgefahr der Konjunktur. Daher bezeichnet Werner (2002, 10) die Situation treffend mit:
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Stefanie Bolemant, 2005, Aktuelle makroökonomische Entwicklung und Probleme Chinas, München, GRIN Verlag GmbH
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