Mehr und mehr stellt der Mensch im Laufe seiner Entwicklung sich als Vernunftwesen unter das Diktat der Abstraktion, worin er den Hauptunterschied zum Tier sieht. Er kategorisiert die Welt in immer ausgefeiltere Begriffssysteme und -hierahchien. Wahrheit ist die Übereinstimmung des Denkens und Sprechens mit diesen abstrakten Begriffssystemen, die aber nicht der Wirklichkeit entsprechen, da sie Erfindungen des Menschen sind. Dabei ist die zunehmende Komplexität der Begriffssysteme bewundernswert, aber Wahrheit findet der Mensch immer nur innerhalb der von ihm geschaffenen Systeme, niemals als Übereinstimmung mit der unerkannt bleibenden Welt der Dinge an sich. All dies gilt natürlich auch für die Welt der Wissenschaften, dem am höchsten entwickelten Begriffssystem. Für Nietzsche sind daher auch die Naturgesetze nur subjektive Phantasiegebilde, in denen der Mensch die Dinge, so wie er sie wahrnimmt, in ein kunstvolles relationales Netz bringt, wobei nur Raum und Zeit, als die vom Menschen beigesteuerten Anschauungsformen, ihm bekannt sind. Wissenschaft, Philosophie , der gesamte Geistesapparat sind somit nur Elemente einer unter unseren Raum- und Zeitanschauungen ins Werk gesetzten Metaphernmaschinerie. In der Regel funktioniert alles bestens, weil es ja vom Menschen erfunden wurde, aber wir sollten nicht meinen, damit die Wirklichkeit zu erfassen. Unser Trieb zur Metapherbildung wird durch Sprache, Abstraktion und Wissenschaften nicht vollständig gebunden und kanalisiert. Er bricht sich immer wieder Raum, sucht andere Wirkungsbereiche und findet sie in der Negation der Abstraktion, im Mythos und in der Kunst. Hier agiert der Geist in ursprünglicherer Weise, zertrümmert die Abstraktionen, spielt mit den Begriffen und gibt sich der Phantasie und dem Individuellen hin. Die Kräfte der Vernunft und der Intuition leben dabei im Kampf miteinander.
In seltenen Fällen in der Geschichte der Menschheit siegen die schöpferischen und intuitiven Kräfte über die der Vernunft. Ein solchen Glücksfall sieht Nietzsche im klassischen Griechenland, wo eine Zeit lang Intuition und Kunst über Vernunft und Lebensbewältigung siegten. Diese Epoche schuf einen fröhlichen Menschen, der die Abstraktion verhöhnte, sich dionysisch der Schönheit und dem Taumel hingab, spielerische Kräfte freisetzte und genussvoll in Unvernunft lebte - natürlich war er dadurch auch dem Leiden näher als der disziplinierte und rationale Vernunftmensch.
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Claus Peter Freitag, 2006, Nietzsche, Friedrich - Über Wahrheit und Lüge, München, GRIN Verlag GmbH
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