Inhalt
1. Einleitung
2. Allgemeine Rezeptionsgeschichte nach H. H. Eggebrecht
3. Untersuchung früher Rezensionen der Streichquartette
4. Schlussbemerkungen
5. Für Referat und Hausarbeit verwendete Literatur
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1. Einleitung
Dieses Seminar über Beethovens Streichquartette war mein erstes Hauptseminar in diesem Studium. Im kommentierten Vorlesungsverzeichnis war zu lesen, dass das Seminar im Zusammenhang mit dem für Anfang November geplanten Kongress steht, der das Thema hat: „Der männliche und der weibliche Beethoven“. Da ich erst vergangenes Jahr eine Hausarbeit in Musikpädagogik zur musikalischen Frauenbildung im 18./19. Jahrhundert (also einem ähnlich gelagerten Thema) geschrieben habe, war ich an diesem Seminar sehr interessiert.
Für mein Referat wählte ich das Thema Rezeptionsgeschichte, um mehr darüber zu erfahren, wie die Musik Beethovens bei seinen Zeitgenossen aufgenommen wurde. Besonders interessierte mich dabei, ob in den schriftlichen Rezensionen seiner Werke (vor allem der Streichquartette) Aussagen getroffen wurden, die geschlechtsspezifische Attribute tragen, sei es „männlich“ oder „weiblich“. Und auch: Welche anderen Charaktere wurden in Zusammenhang mit diesen beiden genannt? Stand eine Wertung dahinter, die sich auch auf die al lgemeinen Ansichten über die Geschlechter in der damaligen Zeit übertragen lässt? Leider habe ich nicht die Fülle der Literatur bedacht und bin nicht zu dem entscheidenden Punkt gekommen, weswegen ich die Rezeptionsgeschichte untersuchen wollte. Nichtsdestotrotz habe ich einen Einblick in das Leben und Wirken Beethovens erhalten, wie er bei seinen Zeitgenossen aufgenommen wurde und welche Entwicklungen es in dieser Beziehung bis heute gab. „Beziehung“ möchte ich hier auch wörtlich verstanden wissen - als eine zwischen Beethoven und seinen Zuhörern. Wohl kaum ein anderer Komponist hat so viel Emotionen und Diskussionen geweckt. Durch seine Musik - und durch sich selbst als Person.
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Ich möchte im Folgenden Teile aus meinem Referat wiedergeben, danach einzelne Rezensionen speziell zu seinen Streichquartetten vergleichen und zum Schluss auf einige Fragen eingehen, die sich im Seminar zu meinem Ausführungen ergeben haben.
2. Allgemeine Rezeptionsgeschichte nach H. H. Eggebrecht
In seinem Buch „Zur Geschichte der Beethoven-Rezeption“ erstellt Eggebrecht einen Katalog von Begriffsfeldern, die sich wiederkehrend in verbalen und schriftlichen Äußerungen zu Beethoven finden.
Beethoven hat die Gemüter unendlich vieler Menschen bewegt (und bewegt sie noch), und viele drückten in Worten aus, was sie fühlten und was sie berührte, wenn sie seine Musik hörten. Allerdings ist in diesem sehr emotionalen Feld auch viel Raum für oft allzu subjektive Meinungen und Interpretationen zu Beethovens Leben und Schaffen.
All dieses hat zu einem bestimmten Bild beigetragen, dass wir heute allgemein von Beethoven haben. Durch die Lektüre des Buches von Eggebrecht erhält man einen guten Überblick über die verschiedensten Sichtweisen auf Beethoven und über die Entwicklung, die sie seit seinen Lebzeiten genommen haben.
Im Vergleich mit den wissenschaftlich gesicherteren Fakten (persönliche, schriftliche Zeugnisse von Beethoven), die Eggebrecht einfließen lässt, ist es möglich, ein objektiveres Bild von Beethoven zu bekommen.
H. H. Eggebrecht hat nun mehrere Konstanten in den verbalen und schriftlichen Aussagen über Beethoven herausgefunden.
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Er zeigt etliche Beispiele auf und erläutert sie. Einige von ihnen will ich nennen, um sie dann mit meinen mir vorliegenden Rezensionen von Beethovens Streichquartetten zu vergleichen, ob sich diese allgemeinen Konstanten auch darin wiederfinden.
Eine von diesen Konstanten ist die der Leidensnotwendigkeit, d. h. das Beethovens Leben notwendig von Leid durchdrungen sein musste, damit er seine Musik komponieren konnte, die nicht nur voll Trauer, Leid und Not, sondern auch von Freude und Jubel durchdrungen sein sollte. Beethoven habe es verstanden, das Leid der ganzen Welt in Musik zu fassen, bzw. das seines eigenen Lebens - was gleichzeitig auch eine andere Rezeptionskonstante einschließt, und zwar den biographischen Gehalt seiner Werke. Ich möchte hier einige Beispiele aus Eggebrechts Buch anführen:
Adolf Bernhard Marx, Ludwig von Beethoven, Leben und Schaffen, Berlin 1859 „Da tritt denn, wenn das Glück versagt, der Mut des Schmerzes und der Zorn einer edlen Seele, im Sturm unwürdigen Leidens, hervor mit dem recht zum Siege...Nun aber erhebt sich in hohem Adel, mild und rein, aus aller Not und Qual des Lebens die Seele zu ihrem Himmel empor, zu dem Anschaun beglückteren Daseins...“ (Eggebrecht, 1970, S. 26). Ludwig Nohl, Die Beethoven - Feier und die Kunst der Gegenwart, Wien 1871 „Und wir, wir können...selbst dieses furchtbare Leid (der Ertaubung) nur preisen und segnen. Denn gewiß, ohne solche schwerste aller Prüfungen wäre Beethoven nicht Beethoven...“ (ebd.; S. 27). Willi Hess, Beethoven, Wiesbaden 1957
„...die traurigste, elendeste Zeit seines Lebens...macht ihn reif zum letzten, steilsten Aufstiege, zur Erfüllung...“ (ebd.).
An dieser Stelle nun setzt Eggebrecht Beethovens eigene Aussagen, schriftliche Zeugnisse, dagegen, um herauszufinden, ob Beethoven sein musikalisches Schaffen ähnlich beurteilte.
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In den angeführten Stellen spricht er tatsächlich von Leidensnotwendigkeit, aber nicht in dem Sinne, dass sie für die Kunst notwendig sei, sondern um sich selbst als Mensch zu vervollkommnen, an den Unwegbarkeiten des Lebens zu wachsen, sie zu überwinden und der Freude Platz zu machen, die selbst ohne Leid nicht existieren kann. Auch davon, dass sich seine eigenen Leiden und Freuden in den Kompositionen manifestieren, spricht er nie direkt.
Eines jeden Menschen Leben ist voller Freude und Leid, dies auszudrücken, wird jeder eine andere Möglichkeit finden, sei es durch Musik, Dichtung oder außerkünstlerische Dinge. Beethoven sah in der Verbindung ‚Musik - Leben’ für sich wahrscheinlich die einzig sinngebende. Dazu Grillparzer in seiner Grabrede: „Des Lebens Stacheln hatten tief ihn verwundet, und wie der Schiffbrüchige das Ufer umklammert, so floh er in deinen Arm, o du des Guten Und Wahren gleichherrliche Schwester, des Leides Trösterin, von oben stammende Kunst!“ Schon hier begann die Verherrlichung und Erhöhung Beethovens: „So war er, so starb er, so wird er leben für alle Zeiten...Kein Lebendiger tritt in die Hallen der Unsterblichkeit ein. Der Leib muss fallen, dann erst öffnen sich ihre Pforten. Den ihr betrauert, er steht von nun an unter den Großen aller Zeiten, unantastbar für immer“ (ebd.; S. 33/34).
Von dort aus ist es auch nicht mehr weit zu einer übersteigerten Verklärung bis hin zum Vergleich mit Jesus von Nazareth:
Paul Natorp, Beethoven und wir, Marburg 1921
Er hat die Welt „ganz auf sich genommen...feindliche Gewalt...Qual...Verlassenheit und Einsamkeit...er hat alles, er hat die Verantwortlichkeit für alles auf sich geladen...nicht anders als die Heilande aller Zeiten...“ (ebd.; S. 35).
F. Busoni, Von der Einheit der Musik, Verstreute Aufzeichnungen, Berlin1922 „Das Herz Beethovens...empfand für die Menschheit, es litt um sie, und für sie schlug es.“„Die Krone, die er trägt, ist eine Dornenkrone, die seine Stirne zerfleischt“ (ebd.).
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Wilhelm Schmidbonn, Vorspruch, Neues Beethovenjahrbuch III 1927 „Und bist doch schmerzvoller als alle ans Kreuz geschlagen/ und vermagst kaum noc h dein Kreuz weiter zu tragen“ (ebd.).
Eine andere Begriff, der immer wiederauftaucht, hängt unmittelbar mit der „Leidensnotwendigkeit“ zusammen: die Überwindung. Die Überwindung des Leidens in der Musik und durch die Musik, um als Sieger hervorzugehen. Auch hier einige Beispiele:
R. Rolland, Ludwig van Beethoven, 1903
Er war „ein Armer, Kranker, Einsamer - und doch ein Sieger!“ (ebd.; S. 54). W. A. Thomas-San-Galli, L. van Beethoven, München 1913 „Zwei Grundzüge des Beethovenschen Wesens haben seiner Musik den ewigen Wert verliehen: die Überwindung des Schicksals und die Selbstüberwindung“ (ebd.). F. Wingk, Beethovens Weltanschaung, Die Propyläen XVIII 1921 „Ja Beethoven ist in der Überwindung alles nur ausdenkbaren Leides das gewaltigste Heldenbild...Der große Ethiker...Der Willensriese überwindet sich selbst“ (ebd.). Elly Ney, Bekenntnis zu L. van Beethoven, in Elly Ney, Ein Leben für die Musik, Darmstadt 1952
„Gerade Beethoven hat uns durch die Kraft des Überwindens ein leuchtend es Beispiel gegeben“ (ebd.; S. 55).
Die beiden schon genannten Begriffe Leidensnotwendigkeit und Überwindung bilden zusammen mit einem dritten, dem Wollen, eine Einheit: Leiden - Wollen - Überwindung. Beethoven selbst spricht, was den Begriff der Überwind ung angeht, nicht davon, dass er diese Idee in seine Werke einbringen wollte. Allerdings äußert er sich oft in Briefen an Freunde über seine Leiden und Dinge, die ihn bedrücken, vor allem um sich selbst Mut zu machen und Kraft zuzusprechen: „ich will ... meinem Schicksal trotzen“ (Brief an Wegeler 1801),
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„O Gott! Gib mir die Kraft, mich zu besiegen!“ (Aufzeichnung 1816), „auch als Mensch sollt ihr mich besser, vollkommener finden“ (Brief an Wegeler; alle zit. nach: ebd.; S. 58). Und viele der Worte, die Beethoven verwendet, finden sich auch in den Rezeptionen wieder - aber auch schon in der Zeit, als seine Briefe und Aufzeichnungen noch nicht veröffentlicht waren.
Was der Überwindung innewohnt ist natürlich auch eine Weiterentwicklung, ein Fortschreiten in die Zukunft, welches sich in der Beethoven - Rezeption in zwei verschiedene Richtungen vollzieht: einerseits im Begriff der Transzendierung, andererseits im Begriff Utopie. Transzendierung meint hier eine Entwicklung über das Leiden hinaus hin zu einem Erlösten, Ewigen, das nicht mehr von dieser Welt ist:
Robert Schuhmann, Fragmente aus Leipzig, 1836/37
„Wie sich aber freilich im Adagio (der 9. Sinfonie) alle Himmel auftaten, Beethoven wie einen aufschwebenden Heiligen zu empfangen, da mochte man wohl all e Kleinigkeiten der Welt vergessen und eine Ahnung vom Jenseits die Nachblickenden durchschauern“ (ebd.; S. 65).
Elly Ney, Bekenntnis zu L. van Beethoven, (s. o.)
„...tief ergreifend der Schmerz..., entschlossen sein Wille, unvergleichlich der Heroismus in der Überwindung der Not des Schicksals; die Erhabenheit seiner unsterblichen Werke weist über alles Weltgeschehen ins Ewige und führt die Menschen zur Besinnlichkeit und zum inneren Frieden“ (ebd.; S. 63/64).
H. Mersmann, Beethoven, die Synthese der Stile, Berlin o. J. (1921) Was durch die Musik des späten Beethoven „hindurchschimmert, ist unmessbar, transzendental, kosmisch“ (ebd.; S. 65).
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Der Begriff Utopie hingegen meint eher eine Entwicklung hin zu einer neuen Wirklichkeit, die Beethoven in seiner Musik voraussagt. Eine Phantasie einer besseren Welt, die die Menschen zu Aktivität und Veränderung in ihrer eigenen Gegenwart aufrufen soll.
Richard Wagner, Beethoven, 1870
„...dass unsere Civilisation...nur aus dem Geist unserer Musik, der Musik, die Beethoven aus den Banden der Mode befreite, neu beseelt werden könne“ (ebd.; S. 66). Wilhelm Pieck, Festansprache zur ‚Deutschen Beethoven - Ehrung’, Berlin 1952 „Wir ehren in Beethoven den unerschrockenen Kämpfer für den Fortschritt, den großen demokratischen Patrioten, den herrlichen Künder der brüderlichen Verbundenheit der Völker und den leidenschaftlichen Botschafter des Friedens“ (ebd.; S. 66/67). J. und B. Massin, Beethoven, Paris 1967
„...die moralische Kraft seiner Musik (ist) so stark, dass sie uns verbietet, uns mit der Feststellung unseres Daseins und Soseins zu bescheiden. Sie fordert, dass wir...unsere Liebe in die Tat umsetzen“ (ebd.; S. 67).
Findet sich aber dieses utopische oder transzendierende Denken auch bei Beethoven? Eggebrecht führt an, dass es nicht zu belegen ist, „dass Beethoven seiner Kunst das Vermögen zugesprochen hat, über Ethos und Humanität in die Richtung von Utopie zu weisen.“ (ebd.; S. 68) Er wollte wohl weniger seine Zuhörer allein durch seine Musik wachrütteln und sie zu einer anderen Denkweise bekehren, sondern er benutze tatsächlich seine Musik als Mittel, um ganz konkret etwas in seinem Umfeld zu tun (z. B. Benefizveranstaltungen für die Armen). Die Veränderungen, die seine Musik bewirken konnte, sah er eher in materiellen als in ideellen Dingen. Er kritisierte nicht das gesellschaftliche System in dem er lebte, sondern es ging ihm mehr um praktische Linderung der Not, der er jeden Tag ansichtig wurde.
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Zur Transzendierung schien Beethoven eher zu neigen, was sich in Ausdrücken wie „die göttliche Kunst“, „die himmlischen Musen“, „sich in den Kunsthimmel hinauf versetzen“ (ebd.) wiederspiegelt.
Insgesamt lassen sich gesicherte Aussagen über Beethovens Fühlen und Denken nur sehr schwer treffen. Größtenteils sind es nur Behauptungen, die wir aufstellen können. Ganz wird man den „wahren“ Beethoven nie erfahren und begreifen. Es wird immer ein - unvollständiges - Bild sein.
Zum Schluss dieses Teils eine Übersicht über alle Begriffsfelder, die Eggebrecht in seinem Buch verwendet hat:
Erlebensmusik
Biographischer Gehalt der Musik (Einheit von Leben und Werk) Leidensnotwendigkeit Wollen
Überwinden (Schicksal; Leiden/Einsamkeit/Widerstände - Kampf -Sieg/Freude/Hoffnung/Trost/Versöhnung)
Transzendierung (des Leidens und seiner Überwindung ins ‚Sein’ und sittliche ‚Wesen’ des Menschen und der Menschheit; Trost)
Utopie (Transformation musikalischen Gehalts in Richtung zukünftiger Realität, die in Musik vorweg erscheint; Hoffnung/Freiheit) Ethos
Säkularisation (Verkündigung; Zauberer, Priester, Heiliger; Stellvertreter der Menschheit; Erlöser, Christus, Gott) Autorität (Genie, Heros, Titan, Führer) Zeitlosigkeit (Nachwelt; Unsterblichkeit) Inbegriff (Symbol; uneingeschränkte Gültigkeit)
Benutzbarkeit
(ideologisch, politisch, wirtschaftlich; Apologetik; Revolution; Nationalismus, Internationalismus; Militarismus, Krieg;
Zusammenbruch usf.) Geschichtliche Position (das Neue; das Einmalige)
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3. Untersuchung früher Rezensionen der Streichquartette
Für diesen Teil habe ich lediglich auf ein Buch zurückgegriffen, und zwar auf das von Stefan Kunze „Ludwig van Beethoven, Die Werke im Spiegel seiner Zeit“, in dem er Konzertberichte und Rezensionen bis 1830 sammelt.
Die Autoren dieser Artikel genossen nicht immer die besten Bedingungen, wenn sie der Aufführung eines Beethovenschen Werkes lauschten - es gab erstmals zu Beethovens Zeiten überhaupt Partituren und oft mußten die Rezensenten mit nur unzulänglichen - und lediglich einmaligen - Wiedergaben der Musik zu vorlieb nehmen: „Ein spezielleres Detail dieses Quatours zu geben, bleibt, ohne vergleichende Einsicht der Partitur, eine bloss problematische Aufgabe. Gehört hat es Schreiber diess nur ein einzigesmal, und obendrein, wiewohl von tüchtigen, doch mit der Composition selbst noch zu wenig befreundeten Künstlern, höchst mittelmässig.“ (Kunze, 1987, S. 576-580).
Aber sie genossen einen großen Vorteil: den Eindruck einer allerersten Begegnung mit der Musik Beethovens. Immer wieder tauchen Vorbehalte und Kritik - besonders gegenüber seinen Spätwerken - auf, aber so gut wie nie „wurde der hohe, überragende Kunstrang, die schöpferische Potenz in Frage gestellt.“ (ebd., Einführung S. XIII). Manche meinten auch, dass gerade wirklich bedeutende Werke unmöglich sofort verstanden werden können, und dass sich erst später aller tiefer Sinn und Gehalt eröffnen würde: „Doch wollen wir damit nicht voreilig absprechen: vielleicht kommt noch die Zeit, wo das, was uns beim ersten Blicke trüb und verworren erschien, klar und in wohlgefälligen Formen erkannt wird.“ (ebd., S. 560).
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In den Kritiken zum op. 18 (sechs Streichquartette), geht noch einhellige
Iris, Jg. 1,1830, keine Seitenzahlen, Nr. 6
„Es ist ein höchst verdienstliches Unternehmen der Verlagshandlungen, wenn sie Ausgaben dieser Art veranstalten, denn durch kein Mittel wird das reine Studium der Tonkuns t besser zu befördern sein als durch Partituren von Meisterwerken, die in dem armen Deutschland noch immer selten sind.“ (ebd., S. 20) ZTM, Jg. 1, 1821, S. 208
„...und endlich durch die geniale Ausführung eines der herrlichsten Quartette Beethovens in A dur mit den schönen Variationen in D dur und dem wahrhaft neu erfundenen Rondo.“ (ebd.; S. 21)
Doch schon bei den nächsten Quartetten op. 59 (drei Streichquartette) finden sich neben Lob auch die immer wieder auftretenden Worte „bizarr“, „überladen“, „Zerrissenheit“, „Verworrenheit“, „phantastisch, „schwer fasslich“, die die Schwierigkeiten andeuten, die manche Zuhörer mit der so ungewohnten neuen Musik Beethovens hatten:
AmZ, 1807, Sp. 400
„Sie sind tief gedacht und trefflich gearbeitet, aber nicht allgemeinfasslich - das 3.te aus C dur, etwa ausgenommen, welches durch Eigenthümlichkeit, Melodie und harmonische Kraft jeden gebildeten Musikfreund gewinnen muss.“ (ebd., S. 72) AmZ, 1821, Sp. 111/112
„Wer diese Komposition kennt, muss eine gute Meinung von einem Publikum bekommen, dem man wagt, so etwas bedeutendes, aber doch unpopulaires vorzutragen. Mit merkwürdiger Stille lauscht alles denen, oft etwas bizarren Tönen, was nur eine so gelungenen Auswirkung bewirken konnte.“ (ebd.)
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Zum op. 74 (ein Streichquartett) werden die Rezensionen ausführlicher.
Beethovens Genius wird dabei nie außer Frage gestellt: „Beethovens Genius bedarf unserer Lobreden nicht...“ (ebd.; S. 208), und damit wird zugleich auch das schwer verständliche Werk quasi entschuldigt:
AmZ, 1811, Sp. 349-351
„Der Verf. hat sich hier ohne Rücksicht den wunderbarsten und fremdartigsten Einfällen seiner originellen Phantasie hingegeben, das Unähnlichste phantastisch verbunden, und fast alles mit einer so tiefen und schweren Kunst behandelt, dass in dem düstern Geist des ganzen auch das Leichte und Gefällige des Einzelnen schier untergegangen ist.(...) Mehr ernst als heiter, mehr tief und kunstreich als gefällig und ansprechend, übt es, wie jedes geniale Werk, an dem Hörer eine gewisse Gewalt aus; doch nicht gerade - um ihn viel zu liebkosen. ...“ (ebd.; S. 207/208)
Wobei sich Unverständnis meist nur gegenüber einzelnen Stellen in einem Werk äußert:
„...eine treffliche Einleitung seyn würde, wenn es sich nicht gegen das Ende hin in einen unnöthigen Wirrwarr harter Dissonanzen verlöre.....das ...Adagio...scheint uns in der düsteren Verworrenheit, worin es sich, besonders in der letzten Hälfte, verliert, hart an der Grenze der schönen Kunst hin zu streifen, die bewegen, aber nicht foltern soll.....“ (ebd.; S. 208) Ungeachtet der allgemeinen Anerkennung und Verehrung gab es aber auch immer Kritiker, die ihre - für eine konstruktive und fruchtbare Auseinandersetzung mit Musik notwendigen - Zweifel und Überlegungen kundtaten:
„Der Schreiber „könne nicht wünschen, dass die Instrumental-Musik sich in diese Art und Weise verliere. Aber am wenigsten wünsche er dies bey dem Quartett - einer Gattung, die zwar des sanften Ernstes und der klagenden Schwermuth fähig, doch nicht den Zweck hab en kann, die Todten zu feiern, oder die Gefühle des Verzweifelnden zu schildern, sondern das Gemüth durch sanftes, wohltuendes Spiel der Phantasie zu erheitern. Das dieses Quartett auszuführen schwer sei, darf kaum erinnert werde.“ (ebd., S. 208/209)
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In einer Rezension zum op. 127 (ein Streichquartett) treten die Konstanten
der Leidensnotwendigkeit und der Überwindung ins Transzendierende deutlich hervor:
BAMZ, Jg. 2, 1825, S. 165/166
„Wer es vermag, sich in die Seele des Mannes zu denken, der se it vierzehn leidenvollen Jahren einsam in der Welt des Lebens und der Freude steht...es sind die gefassten Aeusserungen bekämpften Leids einer tief verwundeten, aber eben so stark hoffenden Seele, es ist der männliche Schmerz eines Laokoon, der durch das ganze Werk mit geheimen Fäden sich selbst da noch hindurchschlingt, wo es in einem tiefen Scherzo sich selbst zu verspotten scheint und eben darum umso tiefer und erschütternder unsere Brust ergreift. - Du hoher Genius, der Du uns so göttlich segensreich beschenkst, solltest Du allein der Leidende sein? Nein, aus solchem Born quillt ewige Stärkung und Erhebung, und Du wirst Dich selbst halten und trösten und erheben, wenn auch nie wieder der Lichtstrahl süßer Töne, die du wunderbar erschaffest, in die stumme lautlose Nacht deines irdischen Lebens dringt.“ (ebd.; S. 550/551) Und wieder die Zurückhaltung in der Kritik des Werkes Beethovens:
„So steht manches wohl in seiner himmlischen Phantasie anders, als in unserm irdisch schwer vernehmenden Ohr; und ohne uns ein Recht, eine Stimme anzumaßen, mögen wir in Demut zurücktreten und sagen, das ein Genius, der eine wesentliche Störung in seiner Organisation gelitten hat, auch anders erzeugen und schaffen muß, als der, der noch in der frischen lebendigen Welt der Sinne mächtig und unverletzt steht und wandelt. Und was uns daher fremd und unbegreiflich erscheint, das wollen wir nicht voreilig angreifen, sondern anerkennen...“ (ebd., S. 550)
Und hier auch die erste, wenn auch zurückhaltende wertende Unterscheidung zwischen Beethovens Früh- und Spätwerk:
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Cäcilia V, 1826, S. 239-243
„Wie sehr nun unser Gefühl sowohl, als unsere Überzeugung, sowohl in technischer als in ästhetischer Hinsicht, der früheren Beethovenschen Muse bei weitem den Preis vor seiner jetzigen reichen mag, so sind wir darum doch nicht so einseitig, den grandiosen Schwung dieser letzteren, und die, durch das oft wunderlich Breite und Gehäufte doch immer durchschimmernde Meisterschaft nicht zu erkennen und zu ehren. Denn ist auch nicht jedes Überschreiten auch ein wirkliches Vorschreiten;...gleichsam um zu erproben, was alles unser Ohr nach und nach zu ertragen, wie scharf beitzendes Zusammengetöne zu fassen und zu dulden das musikalische Gehör nach und nach sich zu gewöhnen vermag...und dann wohl gar Wohlgefallen darin finden lernt, - “ (ebd.; S. 551/552) Wobei auch Kritik an den Kritikern nicht ausbleibt:
„Ist es nun,..., unnöthig, hier noch ein Mehres darüber zu sagen, und etwa Einzelheiten daraus aufzuzählen, welche doch immer nur eine völlig ungenügende Idee zu geben vermögten vom Ganzen, dessen Werth gerade hier vorzüglich in der Ganzheit des Gusses liegt,... - oder etwa das, was wir bei unserer Betrachtung des Werkes empfunden, in einem poetischen Bilde zu paraphrasieren.“ (ebd., S. 552-553)
Und immer wieder scheiden sich die Geister an Beethoven - die nachfolgende Rezension verteidigt genau das, worauf die Kritik der letzten Passage zielte.
AMZ, Jg. 4, 1827, S. 25-27
„So geräth man unwillkührlich hinein in den Zauberkreis des Meisters, in welchem man immer mehr Linien und Figuren wahrnimmt, die sich der Seele bemächtigen, so dass man sie nicht wieder loswerden kann. ... Er mag sich selbst wundern, wenn man ihm in kritischen Blättern einzelne Stellen vorzeigt, die allein wie monstra aussehen; wie wenn man aus Raphaels Transfiguration den Kopf des besessenen Knaben herausschneiden wollte, und sagen: dieser Kopf ist nicht schön. ... Man höre auf, den Beethoven zu spielen, diesen Rath muß man Jedem geben, der unzufrieden mit seinen Unschönheiten und wohl zufrieden mit seinen Schönheiten ist.“ (ebd., S. 554-557)
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Es gibt wohl kaum etwas Schöneres als eine anregende Auseinandersetzung um eine bestimmten Sache willen, so wie über Beethovens Musik, wobei es sich hier allerdings doch eher um eine Auseinandersetzung über Geschmacksfragen handelt - worüber sich bekanntermaßen gut streiten lässt. In solchen Fragen lässt sich nur schwerlich ein abschließendes Urteil fällen.
AM, Jg. 1, 1827/28, Sp. 303/304
„Die Urtheile über die letzten Werke des Meisters sind überhaupt sehr verschieden, ja nicht selten sich selbst widersprechend. ... Gar Manche aber sind durch abermaliges Hören doch dahingebracht worden, gelinder zu urteilen, ja, gar Manche sind sogar dadurch ganz bekehrt worden...Aber das ist auch gewiß: die Beethoven’sche Musik, besonders die neueste ist nicht leicht zu verstehen. Wer sie zum ersten Mal hört, weiß sich gewöhnlich nicht zurecht zu finden, weiß noch gar kein Urtheil zu fällen.“ (ebd.; S. 557/558) Und hier tritt auch zum ersten Mal das Motiv der Forderung nach wiederholter Aufführung der Quartette auf, die notwendig ist, um sie richtig zu verstehen. Da es damals keine Tonträger gab, waren die Zuhörer auf z. T. nur mittelmäßige „Live-Wiedergaben“ angewiesen, die nicht immer zu einem vollen Verständnis der komplexen und neuartigen Musik beitrugen. „Darum muß man sie nothwendig mehrere Mal hören und genau prüfen. Dazu ist sie aber auch überaus einladend und man kehrt schon von selbst gern wieder zu ihr zurück.“ (ebd., S. 558)
In einer Rezension zum op. 130 (ein Streichquartett) wieder - wenn auch
zurückhaltend - die Kritik am Spätwerk und an einzelnen Sätzen. Auch erstmals die Nennung einer möglichen Ursache für die von Beethoven komponierte „unverständliche“ Musik:
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AmZ, 1826, Sp. 310/311
„Der erste, dritte und fünfte Satz sind ernst, düster, mystisch, wohl auch mitunter bizarr, schroff und capriciös; der zweyte und vierte voll von Muthwillen, Frohsinn und Schalkhaftigkeit; dabey hat sich der grosse Tonsetzer, der besonders in seinen jüngsten Arbeiten selten Maass und Ziel zu finden wusste, hier ungewöhnlich kurz und bündig ausgesprochen. ... Aber den Sinn des fugierten Finale wagt Ref. Nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch. ... Vielleicht wäre so manches nicht hingeschrieben worden, könnte der Meister seine eigenen Schöpfungen auch hören.“ (ebd.; S. 559/560) Ebenso zu op. 131
Cäcilia IX, 1828, S. 45-50
„Da wo Beethoven aus dem Gebiete der unbestimmten Empfindungen in jenes der Malerei bestimmter Gegenstände sich verliert, möchte er am leichtesten missverstanden werden. -Minder klar ist es mir, welche Bedeutung der Schlusssatz des Dritten der angezeigten Quartette haben soll...Ueberhaupt kann ich mich über den Werth dieses Satzes (aber auch nur diesen) am wenigsten mit mir selbst einigen.“ (ebd.; S. 574) Durch Rezensionen aus früheren Zeiten erfährt man aber auch etwas über die „Zuhörer - Praxis“, die wohl tatsächlich viel praktisch-aktiver war, als in heutigen Konzertsälen: Mit stürmischem Beyfall wurde die Wiederholung beyder Sätze verlangt.“ (ebd., S. 559)
Eine Art Nachruf ist die lange Rezension zum op. 131 (ein Streichquartett).
Hier findet sich wieder das Leiden Beethovens und deren Überwindung.
AmZ 1828 Sp. 485-495 und 501-509
„Es ist schwierig und bedenklich, jetzt über die letzten grossen Werke Beethoven’s zu schreiben. Diess Schwierige und Bedenkliche liegt theils in den Umständen, theils in den Werken selbst. ... durch seinen Tod und das lebendige Gefühl der Lücke, die dieser geschlagen hat und die auszufüllen Keiner vorhanden ist; durch den, auf diese Veranlassung von neuem und lebhafter erregten Antheil an dem grossen Leiden, das unnachlassend eine Reihe von Jahren überschwer auf ihm gelegen, unter dessen Last er dennoch sich so mächtig
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hervor in’s Freye gearbeitet und so Treffliches, auch so Vieles, und zum Theil selbst so Heiteres hervorgebracht hat“ (ebd.; S. 561)
Die Geister schieden sich besonders an den Spätwerken. Ich möchte nun einige der Verteidiger zu Wort kommen lassen:
AmZ 1828 Sp. 485-495 und 501-509
„...in seinen spätesten Werken, da schonte er am Allerwenigsten...Wenn das Werk dir nicht zusagt, so ist mindestens es möglich, dass dies nicht an ihm, sondern an dir liege...“ (ebd.; S. 563) Cäcilia IX, 1828, S. 45-50
“Mit der leidigen Oberflächlichkeit, die, wie im Gebiete der Kunst überhaupt, so auch in der Musik immer noch das Urtheil der grossen Mehrheit bestimmt, glaubt man Beethoven alle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wenn man zugesteht, dass seine ersten Quartette eine ganz gute Arbeit sind, die mit nüchternem Sinn gespielt, mit Behaglichkeit sich vortragen lassen. Von den späteren glaubt man am glimpflichsten zu urtheilen wenn man mit Befremden sich dabei ansieht, und ein bestimmtes Urtheil auf künftige Zeit verschiebt... man sehe diesen späteren Arbeiten wohl an, dass der Verfasser, Geisteskrank,...seinen eigenen Gehörsinn dabey nicht mehr zu Rathe ziehen konnte...Mit dieser Klasse mitleidiger Beurtheiler haben wir es nicht zu thun, - wir rathen ihnen vielmehr, die angezeigten drei Quartette ungestört bei Seite zu legen. - ...finde ich grosses Wohlgefallen an den vorliegenden drei Quartetten, und nicht minderes, als an den frühern und frühesten Werken...“ (ebd., S. 573/574)
Und immer wieder setzen sich die Autoren auch mit der Qualität der ausführenden Musiker auseinander:
AmZ 1828 Sp. 485-495 und 501-509
„Gebt die Werke uns und euch zu hören; gebt sie, wenn es irgend die Umstände zulassen, wiederholt...in möglichster Vollendung - wozu freylich, auch wenn ihr noch so geschickt und noch so geübt seyd, gar manche Proben unumgänglich nöthig werden.
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Ohne jene Vollendung verstehen ganz gewiss die Zuhörer, ohne diese Proben verstehet ganz gewiss ihr selbst diese Werke nicht: und ohne Verständnis - wie könnet ihr sie nur angemessen vortragen? Wie könnten wir und ihr wahren Genuss von ihnen haben?“ (ebd.; S. 568) Cäcilia IX, 1828, S. 45-50
„...was man als Mangel des Kunstwerks anzusehen versucht sein könnte, - die enge Verbindung der einzelnen Theile, in welchen man hie und da den Zusammenhang nur darum vermisst, weil die einzelne Mittelstimme es versäumt, durch das Hervortreten einer Bindungsphrase, durch das Hervorheben eines Accentes, den Zusammenhang klar zu machen, der auf’s schönste vorhanden ist. Auf diese Weise werden voreilige Urtheile berichtigt werden.“ (ebd.; S. 575) BAMZ, Jg. 5, 1828, S. 467/68
„Beethovens neueste Quatuors erheben sich soweit über die Sphäre seiner und aller andern Kompositionen dieser Gattung, finden auch bis jetzt so selten vollkommen vorbereitet Spieler...“ (ebd.; S. 592)
Zu op. 135 Streichquartett BAMZ, Jg. 6, 1829, S. 169/170
„Die neuesten Quartette Beethovens, und namentlich das hier genannte, sind jetzt die wichtigste, aber zugleich schwierigste Aufgabe für alle guten Quartettvereine.“ (ebd.; S. 594) Und in einer Rezension zum op. 137 (Fuge für Streichquartett): AmZ, 1827, Sp. 835
„Bei der Ausübung der Bogeninstrumente dieser Komposition würde wohl auch ein langsames Zeitmaas, damit die Sätze, welche darin enthalten sind, deutlich vernommen werden können, mit Recht empfohlen werden dürfen. ...“ (ebd., S. 597) Ebenso häufig kehrt das Motiv in den Artikeln wieder, dass man wohl die Ursache für das mangelnde Verständnis der Musik Beethovens nicht in seiner Musik selbst suchen kann. Man müsse sie einfach viel öfter und besser hören und die Partitur dazu studieren, bevor man langsam den Sinn begreift.
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Gerade diese Schwierigkeiten machen angeblich erst ein wahres Meisterwerk aus und werden als Indiz dafür genommen, dass es sich um große Musik handelt:
Cäcilia IX, 1828, S. 45-50
„Darum ist das Eindringen in klassische Werke weniger leicht, als ihre Vortrefflichkeit ausser Zweifel ist. ... ist es nicht vielleicht eben diese längere und öftere Einübung, welche der ältern Beethoven’schen Musik den angeblich entschiedenen Vorzug vor der neuern gibt?“ (ebd.; S. 574/575) AmZ 1828 Sp. 485-495 und 501-509
„...Nun rechnet er aber diese, so wie die andere neueste, wunderbare und zum Theil auch wunderliche Musik Beethovens ganz besonders mit zu denen, die man nicht bloss gelesen, sondern auch - und gut, und mehrmals, gehört haben muss, ehe man ein entscheidendes Urtheil über sie zu fällen sich erlauben dürfe. (Und darin gebe ich ihm Recht.)“ (ebd., S. 572) BAMZ, Jg. 5, 1828, S. 467/68
„Erhöhte Kunstbildung wird der kommenden Generation die Bedingungen dieses Spiels leicht machen, wie unsern Zeitgenossen die Bedingungen des Vortrags Haydnscher Quartette nicht mehr schwer fallen;...“ (ebd.; S. 592) AM, Jg. 1, 1827/28, Sp. 47/48
„Man findet hier dieselben schwierigen Harmonieen, dieselben wunderlichen Sprünge und dieselben anziehenden Stellen, wie in den übrigen letzten Werke dieses Meisters. ... Hoffentlich wird einmal die Zeit kommen, wo die Urtheile über Beethoven sicherer und bestimmter werden. ... Mag man aber auch urtheilen, wie man nur will; immer ist es eine ausgemachte Wahrheit, dass Beethoven ein großer Stern am musikalischen Himmel war...“ (ebd., S. 591/592)
Genau das Gegenteil sei der Fall, meint ein anderer Schreiber, dem ich selbst grundsätzlich zustimmen möchte. Es muss andere Kriterien geben, um den „Wert“ eines Musikstückes zu beurteilen (wenn dies überhaupt möglich ist).
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„Wohl kann man sich durch öftern Umgang mit einem Objecte endlich daran gewöhnen, selbst an das Hässlichste; als Beweis des Werthes aber darf das nie angeführt werden.“ (ebd., S. 626)
Auch die von Eggebrecht benannten Konstanten der geschichtlichen Position (das Neue, Einmalige) und den biographischen Gehalt der Musik findet in diesen Zeilen wieder:
Cäcilia IX, 1828, S. 45-50
„...zuverlässig kann man behaupten, das man in jeder seiner Tonphrasen etwas noch nicht gehörtes zu hören bekömmt,...es ergreift mich jedes Mal Mitleid mit dem geschilderten Gemüthszustande, so oft mir das Bild durch Beethovens Tondichtung vor die Seele geführt wird....“ (ebd.; S. 573/574)
Es erscheint oft im ersten Moment als heftige Kritik, doch bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass der Autor lediglich einige wenige Zweifel anmeldet, aber immer deutlich macht, dass es seine subjektive Meinung ist und Beethoven höchstwahrscheinlich nur ein „Ausrutscher“ passiert ist. Nie wird seine Größe ernstlich in Frage gestellt:
Cäcilia IX, 1828, S. 217-243
“Ueber das dritte zu besprechende Werk erlaubt sich der Ref. sic h etwas kürzer zu fassen, indem er diesem Quartett zwar seine Bewunderung nicht versagen, aber auch - freymüthig gestanden - keine warme Liebe und Anhänglichkeit zollen kann.
Unbezweifelt war der Autor in einer seelenkranken Stimmung, mit sich selbst zerfa llen...“ (ebd., S. 576) Auch im Artikel zum op. 132 (ein Streichquartett) finden wir diese
Zweifel. Die Suche nach den Ursachen dafür wird nicht allein auf Beethoven gerichtet, sondern sie wird in allen Begleitumständen gesucht. Als Tatsache war allgemein anerkannt, dass seine Musik schwer zu verstehen ist, aber wohl
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lediglich zu schwer für die übrigen Menschen - Beethoven dagegen stand schon auf einem Sockel und war fast unangreifbar - unverständlich.
AmZ, 1825, Sp. 840/ 841
„Was unser musikalischer Jean Paul hier gegeben hat, ist abermals gross, herrlich, ungewöhnlich, überraschend und originell, muss aber nicht nur öfters gehört, sondern ganz eigentlich studiert werden.... Der vorherrschende düstere Charakter des Ganzen, eine .. nich t zu beseitigende Einförmigkeit in dem sehr langen Adagio...freylich aber auch die unerträgliche Hitze in dem niedrigen, gedrängt vollen Saale, ...mochten die Ursache seyn, weshalb dieses jüngste Geisteskind des unerschöpflich fruchtbaren Meisters nicht je ne allgemeine Sensation machte,... Wie das zuletzt vor diesem erschienene Quartet (in Es) Anfangs lau aufgenommen, dann erst begriffen, erkannt, und nun den geschätztesten Meisterwerken beygezählt wurde, so wird es wohl auch diesem neuesten gehen.“ (ebd., S. 591) BAMZ, Jg. 6, 1829, S. 169/170
„Immer mehr verhallen die Stoss-Seufzer und das Murren der Wenigen, die Beethoven nicht einmal verstehen wollen, unter den Ausrufen der allgemeinen Bewunderung; ... Wenn z. B. im Vivace diese Figur in dreidoppelten Oktaven...über fünfzigmal hintereinander wiederholt wird als Begleitung einer ebenso merkwürdigen Obermelodie: so muss dies barock, ja widrig erscheinen, sobald man nicht eine höhere Idee erkannt hat, die allen seltsamen, scheinbar oft widersprechenden Zügen Bedeutung und Zusammenhang erteilt.“ (ebd., S. 594) Der Autor dieses letzten Artikels zeigt einen sehr interessanten Unterschied zu anderen Künsten auf, bei denen es in einem bestimmten Punkt einfacher ist, sie zu verstehen. Musik ist eine Zeitkunst, die fließt und sich dabei ständig verändert, sie ist nicht einfach wiederholbar in irgendeinem beliebigen Detail. Im Gegensatz zum geschriebenem Gedicht oder zu einem Bild, was vor unseren Augen steht, so lange wie wir es betrachten wollen. Wir können uns jedem Detail so oft zuwenden, bis wir glauben, es zu verstehen.
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BAMZ, Jg. 5, 1828, S. 467/68
„...des lang einsamen - in öder Taubheit von den Menschen geschiedenen Sängers, das empfänglichste, offenste Gemüth des Hörers leicht überschüttend und verwi rrend. ... Wie viel günstiger sind freilich der überreiche Maler und Dichter dem Musiker gegenübergestellt! Der eine Moment, den jener fest hält, ruht unverändert vor uns, still wartend, bis unsre Unbehülflichkeit und Schwäche dem Künstler sich nachgerunge n hat. ... - Doch nicht um Beethovens willen, sondern um ihrer selbst willen mögen Spieler und Hörer jenen Werken mit der ruhigen, demüthigen Bescheidung entgegen gehen, dass sie sie fürerst nicht in ihrer Ganzheit fassen, dass bei jedem unverstandenen Sa tz nur ihr Unvermögen die Schuld trägt, und Beethoven ihm nicht ohne Opfer hätte entgegen kommen. Wer mit diesem Sinn den letzten Offenbarungen Beethovens naht, ist würdig und fähig sie zu vernehmen und eher oder später zu verstehen.“ (ebd., S. 593)
4. Schlussbemerkungen
Man kann sich der Person Beethovens von verschiedenen Seiten her nähern. Das ist rein biographisch möglich oder auch über die Betrachtung seiner Werke, indem man sie analysiert und und Gehalt herauszufinden. Aber wozu kann uns die versucht, Bedeutung Betrachtung der Rezeptionsgeschichte dienen? Wo erfahren wir dabei etwas Neues über Beethoven? Dies sind Fragen zu meinem Referat, die während des Seminars gestellt wurden. Die aufzählartige Ausbreitung der Meinung verschiedenster Menschen über Beethoven berechtigt natürlich zu dieser Frage. Aber „Es dürfte noch heute außerordentlich lehrreich und anregend sein, auf welche Weise man sich über musikalische Sachverhalte begriffliche Rechenschaft ablegte und ästhetische Wertungen vornahm, abgesehen davon, dass es auch von objektivem Interesse ist, sich zu vergegenwärtigen, wie Beethovens Zeitgenossen seine Musik aufgenommen haben.“ (ebd., Einführung S. XI)
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Erfährt man aber trotzdem nicht eher mehr über die Autoren dieser Zeilen und ihre Denkweisen als über Beethoven? Es besteht tatsächlich die Gefahr, bei der Fülle der Informationen den Gegenstand der Betrachtung - Beethoven und die Streichquartette - aus den Augen zu verlieren. Dennoch bin ich der Meinung, dass man gerade über die Rezeptionsforschung sehr viel über den Menschen Beethoven erfahren kann, und zwar nicht nur über nackte biographische Tatsachen, sondern vor allem über die Wirkung, die er mit seiner Musik auslöste und über das Wechselspiel zwischen ihm als Komponist und denjenigen, die seinen Werken lauschten. Die Bedeutung, die Beethoven in der heutigen Gesellschaft hat, ist nicht ohne dieses Wechselspiel denkbar. Wie konnte er solch einen „Starkult“ auslösen? Solch ein Phänomen gab es zwar schon vor seiner Zeit (Beispiel Mozart), aber bei Beethoven trat eine völlig neue ökonomische Situation hinzu. Seine Konzerte waren immer gut besucht, er konnte große Summen für seine Werke von den Verlegern verlangen - er hatte einfach sein Publikum. Der Grund hierfür ist vor allem im Umbruch der Gesellschaft zu finden, die sich damals von der Adelsgesellschaft abzulösen begann. Eine neue Bürgergesellschaft entstand, die nach Kultur und Abwechslung suchte, welche vorher mehr oder weniger den Adligen vorbehalten war.
Wie konnte Beethoven mit seinen Streichquartetten so viel Geld verdienen? Woher kam ihre Popularität? Popularität bei solchen, doch recht schwierigen Werken? (Nach seinem Tod wiederum wurden sie kaum gespielt. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie „wiederentdeckt“ und aufgeführt, zum Beispiel unter J. Joachim.)
Wie ist es möglich, das die verschiedensten politischen Systeme Beethovens Musik und sein Leben für sich beanspruchen konnten? Das Neue an der Art, wie Beethoven aufgenommen wurde, war, dass es nicht mehr nur um den musikalischen Aspekt ging, wenn man von ihm sprach, sondern dass vor allem
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auch seine Stellung in der Gesellschaft betrachtet wurde und was er für diese mit seiner Musik bewerkstelligen könne -so etwas war bis dahin noch nicht da gewesen.
Wie aber steht es um die Bewertung von Rezeptionen? „Können beispielsweise die Beethoven-Texte E. T. A. Hoffmanns oder Amadeus Wendts ihrem Inhalt und ihrer Methode nach den Anspruch erheben, noch heute verbindlich zu sein, weil sie mit Beethoven die Zeitgenossenschaft und somit auch die historischen Voraussetzungen teilen?“ (ebd., Einführung S. XVII)? Sind die zeitgenössischen Rezensionen näher an Beethovens Leben und Denken, weil sie in derselben Epoche geschrieben wurden? Was man durch sie erfahren kann sind eigentlich nur Hinweise auf die Bedingungen und Voraussetzungen, unter denen bestimmte Werke entstanden. Dadurch entwickelt sich nicht immer auch ein echtes, wahrheitsgemäßeres Verständnis der Musik. Es ist natürlich eine Herausforderung, zu versuchen, die Musik mit „damaligen Ohren“ zu hören, aber ist man dadurch auch näher am Wesen Beethovenscher Musik?
Es wäre falsch, „...sich dem Erkenntnisinteresse und den Möglichkeiten irgendeiner Zeit, Erkenntnis zu artikulieren, somit auch den davon abhängigen Kriterien zu unterwerfen.“ (ebd.)
Weder damals noch heute können wir von einer Unbefangenheit in Bezug auf Beethoven ausgehen, die die Betrachtung seiner Musik objektiv gestalten. In jeder Zeit war die Einsicht der Menschen in irgendeiner Weise verdunkelt, sei es durch die bestehenden Verhältnisse zu seinen Lebzeiten oder später durch vorgefertigte Bilder und Vorstellungen.
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5. Für Referat und Hausarbeit verwendete Literatur
1. Bauer, Elisabeth Eleonore: Wie Beethoven auf den Sockel kam Die Entstehung eines musikalischen Mythos.
Metzler, Stuttgart, 1992 2. Eggebrecht, Hans Heinrich: Zur Geschichte der Beethoven-Rezeption. Verlag d. Akademie d. Wiss. u. d. Literatur,
Mainz,1972 3. Kunze, Stefan (Hrsg.): Ludwig van Beethoven
Die Werke im Spiegel seiner Zeit, Gesammelte
Konzertberichte und Rezensionen bis 1830. Laaber, Laaber, 1987
4. Kunze, Stefan: Beethovens Spätwerk und seine Aufnahme bei den Zeitgenossen.
In: Beiträge zu Beethovens Kammermusik G. Henle, München, 1987
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Juliane Kühne, 2000, Frühe Rezeptionen der Streichquartette Beethovens, München, GRIN Verlag GmbH
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