Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 3
2. Bibliographischer Hintergrund 4
3. Harmonik 6
Exposition S. 6
Durchf ührung 10
Reprise S. 13
Coda S. 15
4. Funktion Symbolik 18
5. Synopsis 22
Verwendete Literatur 24
2
1. Vorwort
„Mit der Waldsteinsonate hat Beethoven den Rubikon überquert“
Donald F. Tovey 1
Die Waldsteinsonate op. 53 in C-Dur setzt in mancherlei Hinsicht neue Maßstäbe: nicht von ungefähr in der Zeit der großen Eroica-Symphonie und der „Appassionata“ op. 57 entstanden - also am Scheidepunkt zu Beethovens „neuem Weg“ - zeichnet sie sich durch kühne Überschreitungen bisher gekannter Normen aus. Die äußerst großzügig angelegte Form, die sich nicht nur in der beträchtlichen Länge von 873 Takten widerspiegelt 2 ; die Ausbreitung der Themengestalten, die trotz ihrer relativ einfachen Struktur sehr weite Kreise ziehen; die extreme Dynamik; die enorme Virtuosität, die dem ausführenden Pianisten nicht nur technische Brillanz, sondern auch schiere Kraft abverlangen; all dies sind Novitäten, die sich schon in der großflächigen Anlage des Beginns zeigen. Ohne Rücksicht auf die für die Klassik so prominente „schöne“ Melodieentfaltung, zieht die Waldsteinsonate lieber derart viele Register des Klavierinstrumentes, dass viele Hörer dazu geneigt sind, sie als „orchestral“ oder „symphonisch“ zu empfinden. 3
Ziel dieser Arbeit ist es jedoch nicht, diesen ungewohnten Glanz pianistischen Klanges zu ergründen, ebenso wenig soll das überaus interessante Formproblem (s.u.) dargelegt werden. Vielmehr soll es in diesem Aufsatz darum gehen, die harmonischen Räume zu analysieren, die sich die Waldsteinsonate aneignet. Selbstverständlich wird dieser Fragestellung zur besseren Orientierung eine knappe bibliographische Eingliederung vorangestellt. Doch kann und will sich eine solche Analyse natürlich nicht damit begnügen, diese harmonischen Räume schlicht aufzuzeigen und zu benennen. Freilich ist die reine Analyse harmonischer Zusammenhänge geradezu unabdingbar. Hier aber Halt zu machen und den Leser praktisch mit den gerade aufgezeigten Komponenten alleine zu lassen, wäre wie einem Kind die Seife hinzuhalten, ohne ihm das Waschen zu erklären.
Daher scheint mir die eigentlich interessante Frage folgende zu sein: haben wir uns die harmonischen Strukturen, Räume, Zusammenhänge deutlich gemacht und verstanden, muss doch in einem nächsten Schritt nach dem Sinn, der Funktion dieser Harmonik gefragt werden. Denn in der Musik ist nichts - oder nur sehr wenig, und bei Beethoven schon gar nicht -
1 DonaldFrancis Tovey: A Companion to Beethoven’s Pianoforte Sonatas, London 1931; S. 149
2 Zum Formproblem sei auf die vortreffliche Analyse von Ulrich Siegele (s. Literaturverzeichnis: C. Dahlhaus)
verwiesen
3 Walther Siegmund-Schultze: Beethoven, Leipzig 1975; S. 101 f.
3
reiner Selbstzweck, und so reizt nach der rein analytischen Arbeit, also dem wie, auch die Frage nach dem warum. Insofern folgt der harmonischen Analyse des Kopfsatzes, Allegro con brio ein kurzer Versuch, die Absichten, den Sinn und Zweck hinter dem bloßen Fachwerk zu erkennen.
Natürlich wird eine solche Interpretation immer subjektiv bleiben. Selbst wenn die Belege für den ganz bestimmten, ganz bewussten Einsatz einer Tonart, einer Kadenzform, eines harmonischen Rhythmus’ seitens Beethoven und seiner Zeitgenossen beileibe nicht fehlen, begibt man sich mit dem Rückschluss auf die eigentlich Absicht immer auf persönliches Terrain. Doch auch hier sei auf die Sinnigkeit hingewiesen, durch die sich gute Interpretationen auszeichnen bzw. auf den Unsinn, durch den sich allzu weit hergeholte, impressionistische Einfälle disqualifizieren. Oder, um es mit dem Apostel Paulus zu sagen: alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich. Selbst der Laie wird sich beim bloßen Anhören dieser oder jener Stelle mit Leichtigkeit ein Bild davon machen können, wie sinnvoll eine Interpretation bezüglich des Ansinnens des Komponisten ausgefallen ist. In der Hoffnung, mit dieser Fragestellung einen Punkt zu beleuchten, der in der umfangreichen Literatur zu Beethovens Klaviersonaten noch wenig Beachtung fand und damit einen Beitrag zum Verständnis des Mysteriums Waldsteinsonate zu leisten, wird nun zunächst knapp der bibliographische Hintergrund dargelegt.
2. Bibliographische Einordnung
1805 im Wiener Kunst- und Industriekontor erschienen, ist die „Grande Sonate pour le Pianoforte, composée et dédiée à Monsieur le Comte de Waldstein Commandeur de l’ordre Teutonique à Virnsberg et Chambellan de Sa Majesté J. & J. R. A. par Louis van Beethoven Op. 53“ 4 , dem Grafen Ferdinand von Waldstein gewidmet. Waldstein war ein recht guter Musiker und komponierte auch ein Thema, über das Beethoven später Variationen schrieb. Vor allem aber hatte er Beethoven nach seiner Ankunft in Wien 1792 in den Wiener Hochadel eingeführt, was diesem zweifellos den Weg für seine spätere Existenz ebnete, und bedachte ihn mit Zuwendungen, auch einem Flügel. Insofern ist diese Widmung vielleicht eine der ehrlichsten und am meisten von Herzen gemeinte, die er je machte. 5 Seltsam erscheint nur die Tatsache, dass nach Erscheinen der Sonate, von einer kurzen Erwähnung in einem seiner späteren Konversationshefte abgesehen, der Name Waldstein in Beethovens Leben nicht mehr
4 Wilhelm Sinkovicz: Beethovens Klaviersonaten, Wien 2000 (Kapitel Sonate op. 53 in C-Dur, keine
Seitenangaben)
5 William S. Newman: The Sonata in the Classic Era, Third Edition, North Carolina 1983; S. 520
4
vorkam. Wahrscheinlich trübte sich ihr Verhältnis durch irgendein Missverständnis oder eine Verstimmung, wie sie in Beethovens Leben und Bekanntenkreis häufig vorkam. Die Entstehungszeit fällt sowohl in die sogenannte „Zweite Periode“, die ca. von 1801-1814 reichte, als in die Anfangszeit des von Beethoven selbst verkündeten „neuen Weges“. Aus den Kennzeichen dieser Periode lassen sich auf die Waldsteinsonate etwa der einheitlich bestimme Inhalt der Sonate; kurze charakteristische Hauptmotive; die ausschließliche Verwendung des Hauptmotivs in der Durchführung; sowie eine erneute, erhöhte Steigerung des Hauptmotivs in der Coda aufführen. 6 Aus den Charakteristika des „neuen Weges“ ließe sich die gesteigerte, teils sogar satzübergreifende thematische Verknüpfung ableiten, die das gesamte musikalische Geschehen, ganz schenkerisch, im Prinzip als variable Ausprägungen der von Beginn an vorhandenen Uridee zeichnen. 7
Beethoven ersetzte den zweiten Satz, den er zunächst konzipiert hatte, durch ein Introduzione zum letzten Satz. Das ursprüngliche Andante F-Dur (WoO 57) wurde als Einzelausgabe sehr beliebt und erhielt daher bald den Namen Andante Favori. Dass Beethoven dieses Stück wegen seiner Länge ausgesondert hätte, wie uns aus Zeitzeugnissen, vor allem von Ferdinand Ries, überliefert ist, erscheint allerdings unwahrscheinlich. Schließlich hatte sich Beethoven von jeher wenig um Klagen geschert, die die Länge oder Schwierigkeit seiner Stücke betrafen. 8 So soll er gar einmal zum Geiger Schuppanzigh gesagt haben, als dieser ihn darauf hinwies, dass eine Stelle unmöglich auszuführen sei: „Glaubt Er, dass ich an eine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?“ 9
Interessant ist noch zu erwähnen, dass die Waldsteinsonate als fest mit der Eroica verbunden gilt, nicht nur, weil beide auf einer weitaus größeren Skala als die vorherigen Arbeiten aufgebaut sind, sondern auch wegen ihres heroisch-naturalistischen Stils. Dass sie oft in einem Atemzug mit der „Appassionata“-Sonate op. 57 genannt wird, liegt ebenfalls nicht nur an der zeitlichen Nähe ihrer jeweiligen Entstehungszeit, sondern hat ähnliche Gründe: die Ausmaße, die Anforderungen an den Ausführenden etwa. Auch die Sonate op.54 ist ja in diesem Zeitraum entstanden. Wegen ihres völlig eigenen Stils zählt sie aber eben nicht zu dieser Art Troika.
Nach dieser kurzen Einordnung in den zeitlichen und bibliographischen Kontext wollen wir uns nun dem eigentlichen Ansinnen dieser Arbeit widmen: der harmonischen Takt-für-Takt-Analyse des Kopfsatzes, Allegro con brio.
6 Ernst v. Elterlein: Beethovens Clavier-Sonaten, 4. Auflage, Leipzig 1875; S. 128 f.
7 Hartmut Krones: Ludwig van Beethoven, Wien 1999; S. 96 ff.
8 Willibald Nagel: Beethoven und seine Klaviersonaten, 2. Auflage, Langensalza 1924, Band 2; S. 80
9 Krones, S.82 f.
5
3. Harmonik
Exposition. Dumpfe, in tiefer Lage rasch vorwärts pochende pianissimo-Akkordstaccati eröffnen das Werk. Die Gliederung des Hauptsatzes in Vorder- und Nachsatz ist durchaus problematisch, aber das Hauptthema ist zunächst barförmig angelegt: nach 4 Takten wird der 2-taktige Akkordkomplex, dem sich als Antwort zwei 1-taktige Motive aus abwärts flimmernden Sechzehnteln anschließen, einfach um einen Halbton tiefer gerückt - und nun in B-Dur repetiert. Diesem ungewöhnlichen harmonischen Kontrast wird in der Melodieführung sinniger Weise ein kontinuierliches Moment entgegen gestellt, da der tiefste Ton von Takt 1-13 chromatisch eine Quart abwärts, vom C zum G schreitet. 10 Die Parallele zu op.31, 1 und damit zum ersten Zeugnis eines „neuen Weges“ ist unübersehbar, nicht nur, was die Halbtonrückung nach unten (in jener von G nach F) betrifft. Die harmonische Anlage des Beginns ist insgesamt ähnlich. Beethoven gibt hier den Konturen seiner Grundtonart völlig neue Züge: C-Dur wird erst bei Neubeginn des Hauptsatzthemas in Takt 14, das in gebrochenen Sechzehntel-Tremoli erscheint, unverwechselbar deutlich tonikal gezeichnet, also erst nach der vollständigen Kadenzierung der Dominant- und Subdominanttonart. Ab Takt 5 nämlich wird in F-Dur kadenziert, ab Takt 9 in G-Dur. Dieser tonal unstete Reigen gipfelt - in Gestalt eines oktavierten Dreiklangsabgangs - in einem kurzen Ausflug nach c-Moll, bevor wir mit der Fermate auf der Dominante in Takt 13 endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben. Takt 14 beginnt die gebrochene Repetition des Hauptsatzthemas. 11
10 Jürgen Uhde: Beethovens Klaviermusik, 4. Auflage, Stuttgart 1991, Band 3; S. 138 f.
11 Hugo Riemann: Ludwig van Beethovens sämtliche Klaviersonaten, 3. Auflage, Leipzig 1919, Band 3; S. 2 ff.
6
Der tonale Grundklang, die Identität des Stückes wird also nicht von Anfang an als gegeben erachtet; Hörer und Künstler begeben sich auf einen Ausflug, in der die Tonalität erst nach und nach, im Fluss des musikalischen Geschehens entsteht. Diese Technik des harmonischen Strukturbaues, die das tonale Fundament der Exposition von der Außenseite her ansetzt (anstatt wie üblich die Tonika von innen her auszubauen) und die musikalischen Spannungsbögen so nach innen (zur Tonika hin) laufen lässt, ist für die damalige Zeit revolutionär. Die Tonika ist Ziel, nicht Ausgangspunkt. Vielleicht liegt in diesem harmonisch zunächst beziehungslos wirkenden Nebeneinander der Klänge, dieser kühnen Wildheit ein wenig von der rohen, ungebändigten Kraft begründet, die einem beim Anfang des ersten Satzes gewahr wird. 12
Zurück zu Takt 14. Das Material bleibt gleich: die Akkordrepetitionen werden in Sechzehntel gebrochen, die Chromatik wechselt, wenn auch nicht ganz so eindeutig zu erkennen, in die Oberstimme (e-fis-g-f-gis-a-ais-h, T14-23). 13 Überraschenderweise wird das Thema aber nach 4 Takten nicht um einen Halbton nach unten, sondern um einen Ganzton nach oben, zum D geführt. Dieser harmonische Richtungswechsel innerhalb der Substanzgemeinschaft ist essentiell, um über d-Moll als Subdominante (T18) a-Moll (T20) zu erreichen, welches sich
12 Hans Naumann: Strukturkadenzen bei Beethoven, Meißen 1931; S. 29 f.
13 Uhde, S. 139
7
Arbeit zitieren:
Bruno Desse, 2005, Harmonische Räume im Kopfsatz der Waldsteinsonate op. 53 C-Dur von Ludwig v. Beethoven, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Franz Kafkas "In der Strafkolonie" - Klassifizierung und Int...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Funktionieren und Nicht-Funktionieren des Apparats in Franz Kafkas &qu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Zwischenprüfungsarbeit, 26 Seiten
Schuld und Strafe in Franz Kafkas "In der Strafkolonie"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Bruno Desse's Text Harmonische Räume im Kopfsatz der Waldsteinsonate op. 53 C-Dur von Ludwig v. Beethoven ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Bruno Desse hat den Text Harmonische Räume im Kopfsatz der Waldsteinsonate op. 53 C-Dur von Ludwig v. Beethoven veröffentlicht
Bruno Desse hat einen neuen Text hochgeladen
Klaviersonate Nr. 21 C-dur op. 53 (Waldstein)
Ludwig van Beethoven, Norbert Gertsch, Murray Perahia
Beethoven: Piano Sonatas, Volume 3: Op. 31, Nos. 1, 2, 3; Op. 49, Nos....
Ludwig Van Beethoven, Stewart Gordon
Romanzen in F-dur und G-dur für Violine und Orchester op. 50 und op. 4...
Partitur. Partitur von op. 50 ...
Ludwig van Beethoven, Jonathan Del Mar
Romanzen in F-dur und G-dur für Violine und Orchester op. 50 und op. 4...
Klavierauszug. Klavierauszug m...
Ludwig van Beethoven, Jonathan Del Mar
0 Kommentare