Die Tätigkeit der 'Organisation T4' in den Konzentrationslagern bildete für einen großen Teil ihrer Mitarbeiter eine Vorübung für ihre Teilnahme an der sog. 'Aktion Reinhard' (1) Der im Rahmen dieser Aktion, maßgeblich von ehemaligen Mitarbeitern der 'Aktion 14f3' praktizierte Mord an hunderttausenden polnischen Menschen jüdischen Glaubens in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka war lediglich ein Teil des vom Nazi-Regime begangenen millionenfachen Massenmordes, insbesondere an den jüdischen Menschen, in Osteuropa. Dennoch erscheint es auf den ersten Blick, als stünde die faschistischr "Entvölkerungspolitik" (2) im Osten Europas nurmehr in einem zufälligen Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit, der Vernichtungsaktion '14f13'. Dieser scheinbaren Nichtzusammengehörigkeit soll durch die Bezeichnung dieses Kapitels als "Exkurs" Rechnung getragen werden. Während der Aufarbeitung der Vernichtungsaktion in den Konzentrationslagern zeigte es sich hingegen immer deutlicher, daß gerade der Gesamtzusammenhang mit der faschistischen Entvölkerungspolitik in der Sowjetunion, vom Winter 1941/42 an, seinerseits den weiteren Verlauf der 'Aktion 14f13' entscheidend prägte. Eine Untersuchung der Tätigkeit der 'Organisation T4' in den KZ muß deshalb m.E. zumindest ansatzweise diese Massenverbrechen mit aufnehmen und insbesondere der Frage nachgehen, ob und wieweit die faschistischen Massenmorde in Osteuropa und, im Zusammenhang mit der Tätigkeit der 'Organisation T4', besonders die Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung Polens, Teil eines im faschistischen Sinne funktionalen Gesamtkonzepts waren.
Erklärungsversuche bundesrepublikanischer Historiker und Publizisten für das faschistische Morden in Osteuropa gelangen vielfach zu der, in unterschiedlichen Formen dargestellten Erkenntnis, daß der Grund für diese Taten letztlich in der nationalsozialistischen Rassenideologie gelegen habe. (3) Bezogen auf die Motive der Führung der faschistischen Partei und des von ihr installierten Terrorapparats hat ein solcher Erklärungsansatz sicherlich eine weitgehende Berechtigung. Bezogen auf den Gesamtzusammenhang geht der Verfasser jedoch davon aus, daß es sich bei der NS-Rassenideologie um ein Spezialinteresse von maßgeblichen Teilen der Führung der NSDAP handelte, die ihre Machtposition im wesentlichen ihrer Funktion als Bündnispartner der Monopol -Konzerne und der Führungsspitze der Wehrmacht verdankte. (4)
1. Planungen zur Umgestaltung der unterworfenen Sowjetunion in eine Agrarkolonie des 'Großdeutschen Reiches'
Die unmittelbaren organisatorischen Vorbereitungen und Planungen der wirtschaftlichen Seite des Raubzugs gegen die UdSSR begannen, so weist Czollek nach, im Herbst 1940, also mehr als sechs Monate vor Beginn des militärisch en Überfalls. (27)
Anfang Januar 1941, so schreibt die Autorin weiter, stellte General Georg Thomas, Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungshauptamtes des OKW, auf Weisung Görings einen 'Arbeitskreis Rußland' zusammen (28), aus dem heraus sich, wie aus den Dokumenten des Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozesses, auf die sich der Verfasser bei den folgenden Ausführungen im wesentlichen stützen wird, hervorgeht, unter Einschaltung "zuverlässiger Persönlichkeiten deutscher Konzerne" (29) im Laufe des Frühjahrs 1941 der sog. 'Wirtschaftsführungsstab Ost' entwickelte. (30) Diese Leitungsgruppe legte im Juni 1941, noch vor dem Einfall in die UdSSR, das zentrale Programm für die Ausraubung der sowjetischen Territorien, die 'Richtlinien für die Führung der Wirtschaft in den neubesetzten Ostgebieten', die sog. 'Grüne Mappe Görings', vor. (31)
Gemäß den in der 'Grünen Mappe' festgelegten grundsätzlichen Richtlinien war es die oberste Maxime "die sofortige und höchstmögliche Ausnutzung der besetzten Gebiete zugunsten Deutschlands herbeizuführen", wobei dieses sich "in erster Linie auf den Gebieten der Ernährungs- und Mineralölwirtschaft vollziehen" sollte. (32) Vor allen anderen industriellen Zielen wurde der Beschaffung von Mineralöl in den 'Richtlinien' "unter allen Umständen der Vorrang" eingeräumt. (33) Für die Durchführung der auf dem Mineralölgebiet, insbesondere in Kaukasien, zu treffenden Maßnahmen, wurde am 27. März 1941 unter maßgeblichem Einfluß der deutschen Bank und der IG Farben (34) gegründete Monopolgesel lschaft, die "Kontinentale Öl AG", eingesetzt. (35)
Ähnliches Gewicht wie der Mineralölwirtschaft kam in den Planungen des `Wirtschaftsführungsstabes Ost' lediglich noch der Ernährungswirtschaft zu. (36)
Da aber gerade die Ausplünderungsvorhaben im landwirtschaftlichen Bereich im direkten Zusammenhang mit Vorhaben standen, die Bevölkerung bestimmter Territorien der Sowjetunion systematisch zu reduzieren, sollen die Absichten der faschistischen Planer auf dem Agrarsektor im folgenden detaillierter betracht et werden.
Die Ausplünderungsziele auf dem Agrarsektor waren im einzelnen in dem bereits Ende Mai 1941 fertiggestellten 'Wirtschaftspolitischen Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft' (37) festgelegt und in der 'Grünen Mappe' lediglich noch einmal summarisch aufgeführt worden. (38) Das "Minimalziel" des Programms der 'Gruppe Landwirtschaft' war die "Versorgung der Wehrmacht aus Feindesland im dritten und evtl. weiteren Kriegsjahr" (39) und die Aufstockung der Lebensmittelrationen und - reserven in Deutschland mit der weiter gesteckten Absicht, den europäischen Teil der Sowjetunion auf den Status einer Agrarkolonie herabzudrücken und die volkswirtschaftliche Struktur von 1909/1913 oder möglichst sogar diejenige von 1900/1902 wieder herzustellen. (40) Das strategische Ziel der 'Wirtschaftspolitischen Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft' war die "Autarkie des europäischen Großwirtschaftsraumes" (41)
Um dieses Ziel zu erreichen, sollte das Problem des Ersatzes der Übersee-Einfuhren durch "Einfuhren aus dem Osten ... unter allen Umständen, selbst durch rücksichtsloseste Drosselung des russischen Eigenkonsums" gelöst werden, "Wobei unterschiedlich gegenüber der Konsumzone und der Produktionszone verfahren werden" müsse. (42)
Diese unterschiedliche Vorgehensweise sei, so wurde in den 'Wirtschaftspolitischen Richtlinien' erklärt, im Gegensatz zu den bisherigen besetzten Gebieten, auch deshalb praktikabel, weil es sich in der Sowjetunion nicht um ein e "Gemengelage" handele, sondern das "Hauptüberschußgebiet" vom "Hauptzuschußgebiet" räumlich scharf getrennt sei. (43) Die "Überschußgebiete" lägen im "Schwarzerdegebiet" im Süden und Südosten, während sich die "Zuschußgebiete" auf den sog. "Podsolböden" in der "Waldzone des Nordens" befänden. (44)
Gemäß den Planungen der "Gruppe Landwirtschaft" sollte in den südlichen Territorien des europäischen Teils der UdSSR mit einer "Erzeugungsschlacht" nach deutschem Muster, aber mit kontinentalen Methoden, in der Art einer Plantagenwirtschaft begonnen werden. Aus diesem Grunde wurden auch in den 'Wirtschaftspolitischen Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost' ausdrücklich darauf hingewiesen, daß jeder Versuch, die bestehenden landwirtschaftlichen Großbetriebe aufzulösen, mit härtesten Mitteln zu bekämpfen sei. (45) Das angestrebte Resultat der Ausraubungsaktion sah für 1941/1942 bereits genau berechnete Mindestanforderungen vor: 4,5 bis 5 Millionen Tonnen Getreide (Fleisch auf Futtergetreide umgerechnet) für die Ernährung der Wehrmacht aus dem Lande und 1,5 Millionen Tonnen Ölsaaten (das entsprach 400.000 bis 500.000 Tonnen Öl und einer Millionen Tonnen Ölkuchen) für die "Ausfuhr" nach Deutschland. (46). Den deutschen Zugriff auf die Überschüsse der "Schwarzerdegebiete" wollten die Autoren (47) der 'Wirtschaftspolitischen Richtlinien' durch eine systematische Abriegelung dieser Territorien von den übrigen Teilen der Sowjetunion sicherstellen. (48)
Die Konsequenz dieser Absicht, so verkündeten die Planer, würde die "Nichtbelieferung der gesamten Waldzone einschließlich der wesentlichen Industriezentren Moskau und Petersburg" (49) sein. Die Bevölkerung dieser Gebiete, insbesondere der Städte, so hieß es weiter, würde "größter Hungersnot entgegensehen" müssen. (50)
Da man davon ausging, daß später, wenn der Hunger einsetze, in diesen Gebieten nichts mehr zu holen sein würde, schlugen die Planer vor, in höchster Beschleunigung alles Vorhandene an Getreide, Vieh, Öl- und Faserpflanzen usw. in den 'Zuschußgebieten' schlagartig zu requirieren. (51)
Am zweckmäßigsten scheine es deshalb, die Einwohner frühzeitig in den sibirischen Raum "abzulenken", was allerdings in den Augen ein "schwieriges Problem" darstellen würde, da ein Eisenbahntransport "nicht in Frage" käme. (52) Auf gar keinen Fall, so die 'Richtlinien' der 'Gruppe Landwirtschaft', dürften Teile der industriellen Struktur der 'Zuschußgebiete' erhalten bleiben, und dieses gelte
insbesondere mit Blick auf die "fernere Friedenszukunft Deutschlands". (53), in Zukunft müsse "Südrußland das Gesicht nach Europa" wenden. (54) Denn die Nahrungsmittelüberschüsse dieser Territorien würden, so blicken die Autoren der landwirtschaftlichen Ausplünderungspläne voraus, nur bezahlt werden können, wenn "Südrußland" seine industriellen Verbrauchsgegenstände aus Deutschland bzw. dem "europäischen Großwirtschaftsraum" bezöge und deswegen die "russische Konkurrenz" der 'Waldzone' vorher vernichtet worden sei. (55)
"Aus all dem folgt", so schließt der Abschnitt der 'Wirtschaftspolit ischen Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft' über die geplante Behandlung der nördlichen und mittleren Gebiete der UdSSR, "viele 10 Millionen von Menschen werden in diesem Gebiet überflüssig und werden sterben oder nach Sibirien auswandern müssen. Versuche, die Bevölkerung dort, (in den sog. 'Zuschußgebieten', W.G.) vor dem Hungertod dadurch zu retten, daß man aus der Schwarzerdezone Überschüsse heranzieht, können nur auf Kosten der Versorgung Europas gehen. Sie unterbinden die Blockadefestigkeit Deutschlands und Europas". (56)
Dieses Programm einer nicht zuletzt ökonomisch motivierten Ausrottung schien, nach Ansicht des Verfassers, vortrefflich mit den Plänen des 'Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums' und des 'Ministeriums für die besetzten Ostgebiete', wie sie auch im sog. 'Generalplan Ost' dokumentiert sind (57), zur 'Sonderbehandlung' gerade der russischen Nation, im Gegensatz, besonders zur ukrainischen, zu harmonisieren.
2. Zur Mordpraxis der 'SS-Einsatzgruppen' in der Sowjetunion Mit Beginn der Überfalls auf die UdSSR wurde von den deutschen Okkupanten m.E. damit begonnen, auch das oben skizzierte Program einer nicht zuletzt ökonomisch motivierten selektiven Ausrottung, ansatzweise in die Tat umzusetzen. Zur Untermauerung dieser These soll im folgenden die Mordpraxis der 'SS -Einsatzgruppen' in den besetzen sowjetischen Gebieten einer gezielten Betrachtung unterzogen werden.
Zwischen Juni und Dezember 1941 wurden, so schreibt u.a. auch Höhne in s einer "Geschichte des SS", auf dem Territorium der Sowjetunion von den vier dort stationierten 'Einsatzgruppen' der SS annähernd 300.000 Menschen ermordet. (58) Dieser etwa 3.000 Mann starken SS-Truppe (59) war von RSHA-Chef Reinhard Heydrich zunächst mündlich und am 2. Juli 1941 schriftlich, der Befehl erteilt worden, in den besetzten sowjetischen Territorien "alle Funktionäre der Komintern (wie überhaupt alle kommunistischen Berufspolitiker schlechthin), die höheren, mittleren und radikalen unteren Funktionäre der Partei, des Zentralkommitees, der Gau - und Gebietskommitees, Volkskommissare, Juden in Partei- und Staatsstellungen, sonstige radikale Elemente (Saboteure, Propagandeure, Heckenschützen, Attentäter, Hetzer usw.)" zu exekutieren. (60)
Die vier Einsatzgruppen waren bestimmten Heeresverbänden zugeteilt worden, denen sie, wie Hillgruber betont, "hinsichtlich Marsch, Versorgung und Unterkunft" unterstanden (61) und mit denen sie auch in vieler Hinsicht einvernehmlich zusammenarbeiteten (62):
- Die Einsatzkommandos der "Einsatzgruppe A" waren der deutschen "Heeresgruppe Nord" zugeteilt und operierten überwiegend in den baltischen Republiken der UdSSR.
- Die Einsatzkommandos der "Einsatzgruppe B", zugeordnet der "Heeresgruppe Mitte", waren im wesentlichen für die Weißrussische SSR zuständig. - Die Einsatzkommandos der "Einsatzgruppe C" waren der "Heeresgruppe Süd" zugeteilt und in der Ukrainischen SSR stationiert.
- Die Einsatzkommandos der "Einsatzgruppe D" waren der in der südlichen Ukraine und auf der Krim eingesetzten 11. Armee zugeordnet. (63) Aus den täglichen Meldungen der vier Einsatzgruppen an das Reichssicherheitshauptamt, indenen u.a. auch ihre "Ergebnisse" mitgeteilt wurden, ist, wie bei Drobisch/Goguel/Müller angeführt, ersichtlich, daß die Einsatzgruppen "A" und "B", in den balischen Republiken der Sowjetunion und in Weißrußland stationiert, zusammen genommen von Beginn des Überfalls bis Mitte Oktober 1941 ca. 180.000 Menschen ermordeten. (64)
Die in der Ukraine operierenden Einsatzgruppen "C" und "D" fielen während des gleichen Zeitraums ca. 90.000 Menschen zum Opfer. (65) Ein Vergleich dieser Zahlen deutet darauf hin, daß von den SS-Einsatzgruppen in den besetzten sowjetischen Gebieten nicht nur, wie im o.g. RSHA-Befehl angeordnet, sämtliche aktiven Widerstandskräfte gejagt und ermordet wurden. Wäre nämlich nach diesem Maßstab vorgegangen worden, so hätte die Zahl der Opfer in den baltischen Republiken und der Weißrussischen SSR operierenden Einsatzgruppen "A" und "B", entsprechend der Bevö lkerungszahl dieser Gebiete, kaum mehr als ein Drittel der Opfer der in der wesentlich dichter besiedelten Ukraine stationierten Einsatzgruppen "C" und "D" betragen haben dürften. Von vielen Autoren, so beispielsweise von Gilbert, wird die ganz offenbar unterschiedliche Vorgehensweise der Einsatzgruppen der SS im Norden und Süden der Sowjetunion damit erklärt, daß der RSHA-Befehl selbstverständlich kein Maßstab für das Morden der Einsatzkommandos gewesen sei, da dieses letztlich das eigentliche Ziel gehabt habe, die jüdische Bevölkerung der besetzten Territorien, weitgehend unabhängig von irgendwelchen anderen Überlegungen, vollkommen zu vernichten. (66)
Eine solche Argumentation erklärt, nach Auffassung des Verfassers, die unterschiedlichen Mordziffern jedoch keineswegs. Sie übersieht, wie aus dem Besprechungsprotokoll der sog. 'Wannsee-Konferenz' vom Januar 1942 deutlich hervorgeht, daß in der Ukraine ca. drei Millionen jüdische Menschen lebten, in den nördlichen und mittleren Territorien der UdSSR, dem Operationsgebiet der Einsatzgruppen "A" und "B", hingegen nur ca. 600.000. (67) Sicherlich spielte die Nähe der Front und die Aktivitäten der sowjetischen Widerstandskämpfer im Zusammenhang mit den Entfaltungsmöglichkeiten der Einsatzkommandos eine wesentliche Rolle. Doch scheint auch dieser Umstand, meiner Meinung nach, eher für eine geringere Zahl an Opfern, gerade in den nördlichen und mittleren Gebieten der Sowjetunion zu sprechen.
So mußten, wie Henkys schreibt, die fünf Einsatzkommandos der (in Weißruß land stationierten) Einsatzgruppe "B" ihre Tätigkeit stärker auf die Partisanenbekämpfung konzentrieren und blieben deshalb zeitweilig hinter den Ergebnissen der Einsatzkommandos der übrigen Einsatzgruppen zurück. (68) Nach Auffassung des Verfassers schein t es dementsprechend gerechtfertigt, die unterschiedlichen Ergebnisse der SS-Einsatzgruppen in der Sowjetunion als Resultat ihrer unterschiedlichen Stationierungsgebiete zu interpretieren: Gemessen an der Gesamtbevölkerungszahl der jeweiligen Territorien f ielen den Einsatzgruppen "A" und "B", die in den Regionen operierten, die in den 'Wirtschaftspolitischen Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft' als "Zuschußgebiete" ausgewiesen waren sechsmal mehr Menschen (jüdische, wie nichtjüdische) zum Opfer, als den Einsatzkommandos der Einsatzgruppen "C" und "D", die im "Hauptüberschußgebiet" der Ukraine, stationiert waren. (69)
3. Die Behandlung der ost- und zentralpolnischen Territorien durch die faschistischen Okkupanten
Im Kalkül der deutschen Okkupanten wurde das Gewicht der mittleren und östlichen Gebiete Polens vor allem vom Kriegsverlauf und den Bedürfnissen der deutschen Kriegsmaschinerie bestimmt.
Während bis zum Beginn des Jahres 1941 die ost- und zentralpolnischen Territorien, die von den Besatzern als sog. 'Generalgouvernement' bezeichnet wurden, für diese hauptsächlich im Zusammenhang mit der reibungslosen Einverleibung der vier polnischen Nord- und Westprovinzen als sog. 'Ostprovinzen' in das 'Großdeutsche Reich' und als Ausplünderungsobjekte für Arbeitskräfte und Industrieanlagen, die nach dem Westen verbracht wurden, von Interesse waren, veränderte sich die Bedeutung des 'Generalgouvernements' für die Okkupanten mit Beginn des Überfalls auf die UdSSR, durch den diese Gebiete zur "Brücke nach dem Osten" (71) wurde, grundsätzlich.
3.1 Die Funktion des 'Generalgouvernements' für die deutschen Okkupanten bis zum Beginn des Jahres 1941
Am 8. Oktober 1939, also etwas mehr als einen Monat nach dem Beginn des erfolgreichen Überfalls auf Polen, so geht aus den Dokumenten des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses hervor, wurde in der Führungssitze der Nazi -Partei, ein Erlaß unterzeichnet, durch den die vier nördlichen und westlichen Provinzen des besetzten Landes dem 'Großdeutschen Reich' einverleibt wurden. (72) Als Folge dieses Erlasses verfügte Göring, am 13. Oktober, in seiner Funktion als 'Bevollmächtigter für den Vierjahresplan', Richtlinien für die wirtschaftliche Verwaltung der besetzten Gebiete, in denen ausdrücklich betont wurde, daß, im strickten Gegensatz zum übrigen polnischen Territorium, in diesen westlichen Provinzen, die von den Besatzern als 'eingegliederte Ostgebiete' (73) bezeichnet wurden, der möglichst rasche und vollständige Auf- und Ausbau der Wirtschaft, die Erhaltung ihrer Produktionskraft und ihrer Vorräte sowie ihre Eingliederung in die gesamte deutsche Wirtschaft zu betreiben sei. (74)
"Eingliederung in die deutsche Wirtschaft" bedeutete, so charakterisiert Eichholtz diesen Vorgang, daß die deutschen Monopolkonzerne die Industrie dieser Provinzen umgehend unter ihre Kontrolle brachten. Zu den begehrtesten und wichtigsten Beuteobjekten zählten indiesem Zusammenhang die oberschlesische Montanindustrie, die chemische Industrie, besonders die Farbstoffwe rke und die Textilindustrie mit ihrem Zentrum in Lodz. (75)
Die restlichen, offenbar für die deutschen Konzerne weitgehend uninteressanten ost-und zentralpolnischen Gebiete sollten demgegenüber nicht in das 'Reichsgebiet' eingegliedert werden. Aus diesen Provinzen, so das umfangreiche Dokumentenmaterial des Nürnberger Prozesses, sollten alle für die deutsche Kriegswirtschaft brauchbaren industriellen Stoffe, Altstoffe und Maschinen herausgenommen und nach Deutschland abtransportiert werden. (76)
Zur gleichen Zeit, als im sog. 'Generalgouvernement' mit dem Abtransport aller überhaupt möglich und sinnvoll erscheinenden Industrieanlagen ins 'Reich' begonnen wurde (77), fanden in den eingegliederten vier Nord - und Westprovinzen regelrechte Menschenjagden statt, die, wie bei Henkys geschildert, das Ziel hatten, Bevölkerungsanteile, die den deutschen Okkupanten besonders feindlich erschienen, in eben jene zentral- und ostpolnische Gebiete zu deportieren und dort unter erbärmlichen Bedingungen auszusetzen. (78)
Betroffen von diesen Aktionen war, so schreibt Pätzold, die gesamte polnische Intelligenz und alle politisch tätigen Personen, insbesondere maßgebliche Mitglieder von Parteien und Verbänden, engagierte Katholiken, Priester wie Laien und sämtliche 'Juden'. (79)
Allein aus der neu ins 'Reich' eingegliederten Provinz Warthegau wurden während einer 'Erstaktion' zwischen November 1939 und Februar 1940 mehr als 200.000 'Polen' und 100.000 'Juden' ins 'Generalgouvernement' deportiert. (80) Die Gesamtzahl allein der nicht jüdischen Bevölkerung, die bis 1944 von den faschistischen Eroberern innerhalb Polens deportiert wurde, lag, so Henkys, bei weit über 750.000. (81)
Die ost- und zentralplnischen Gebiete, in die diese Menschen transportiert wurden, sollten, so hatte schon im Oktober 1939 der zum 'Generalgouverneur' eingesetzte 'Reichsführer des NS-Juristenbundes', Hans Frank (82) angekündigt, "wie eine Kolonie behandelt werden, diese Polen werden die Sklaven des Großdeutschen Weltreichs werden!" (83)
Erreicht werden sollte dieses Ziel, so zeigen die Nürnberger Dokumente, unter anderem durch sog. 'außerordentliche Befriedungs-Aktionen', die insbesondere der 'Ausschaltung' der polnischen Führungsschichten dienen sollten und durch die Schließung aller Bildungsanstalten, insbesondere der technischen Schulen und Hochschulen. (84)
Jeglicher Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht wurde, vor allem von der SS, mit äußerster Härte und Grausamkeit niedergeschlagen; Exekutionen waren Alltäglichkeiten. Welche Ausmaße die Hin richtungen hatten, läßt sich den, an Zynismus wohl kaum noch zu überbietenden Worten Franks entnehmen, der im
Februar 1940, als er davon erfuhr, daß im sog. 'Protektorat Böhmen und Mähren' von den deutschen Besatzern Anschläge herausgebracht worden seien, die die Hinrichtung tschechischer Studenten bekanntgaben, erklärte: "Wenn ich für je sieben erschossene Polen ein Plakat aufhängen lassen wollte, dann würden die Wälder Polens nicht ausreichen, um das Papier herzustellen für solche Plakate". (85) Von den insgesamt sechs Millionen Menschen, darunter drei Millionen 'Juden', die Polen in der Zeit der faschistischen Besatzung verlor, gingen, so rechnet Haffner, mehr als eine Million auf das Konto der Befehle zur Ausrottung der polnischen Führungsschichten. (86)
Um ein Nachwachsen dieser Führungsschichten von vornherein zu verhindern, wurde das offizielle Bildungswesen für die polnische Bevölkerung des 'Generalgouvernements' auf ein Minimum reduziert. Die Zielvorstellungen der deutschen Okkupanten formulierte SS-Chef Himmler in einer Denkschrift zur 'Behandlung der Fremdvölkischen im Osten' im Mai 1940 folgendermaßen: "Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben, als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Schule hat lediglich zu sein: Einfaches Rechnen bis höchstens 500; Schreiben des Namens; eine Lehre, daß es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißg und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich." (87) Zweck all dieser Maßnahmen zur 'Ausschaltung' des vorhandenen und des Nachwachsens von möglichem neuen Widerstand war letztlich die Schaffung von optimalen Bedingungen zur ungestörten Ausplünderung der ost- und zentralpolnischen Gebiete.
So wurden nicht nur, wie oben angeführt, sämtliche Rohstoffe und industruellen Anlagen nach Deutschland überführt (88), sondern es wurden darüber hinaus, wie Billstein schreibt, während der Zeit der deutschen Besatzung, zwischen 1,4 und 1,8 Millionen polnische Menschen ins 'Reich' verschleppt. (89) Die polnischen Zwangsarbeitskräfte wurden in Deutschland sowohl in der Landwirtschaft als auch insbesondere in der Industrie eingesetzt.
Die Verwendung dieser Arbeitskräfte in der deutschen Industrie, ihre Behandlung, Unterbringung und Verpflegung war, so geht nicht nur aus Billsteins Untersuchung hervor, nur noch mit den Lebensbedingungen der Häftlinge in den Konzentrationslagern vergleichbar. (90)
Diese Maßnahmen hatten durchaus nicht nur einen auf die aktuelle Kriegssituation bezogenen Charakter. Durch die systematische Zerstörung der Industrie des 'Generalgouvernements' sollten, so zeigen die Dokumente des Hauptkriegsverbrecherprozesses, deren Wiederaufbau nach dem Kriege erschwert und unmöglich gemacht werden, wodurch dieses Gebiet in der Stellung ei nes Agrarlandes gehalten werden sollte, das von der Einfuhr industrieller Produkte aus Deutschland abhängig ein würde. (91)
Schon 1940, so geht des weiteren aus den Nürnberger Anklage-Dokumenten hervor, 'erfaßten' die deutschen Besatzer für Lieferungen an das 'Reich' und die Wehrmacht 383.000 Tonnen Getreide. (92)
Die Einziehung dieser Getreidemenge, die im Verhältnis zur Zeit ab 1942, als zusätzlich "echte Eingriffe" (so 'Generalgouverneur' Frank) in den Viehbestand vorgenommen wurden, vergleichsweise gering war, hatten, wie selbst aus internen Berichten der Okkupationsverwaltung ersichtlich ist, in den folgenden Monaten einschneidende Auswirkungen auf die Ernährungslage der Menschen in den ost - und zentralpolnischen Gebieten. (93)
Geradezu katastrophal aber war in dieser Hinsicht die Situation in den 'jüdischen Wohnbezirken' der Großstädte, in denen die deportierten jüdischen Menschen aus den 'eingegliederten Ostgebieten`' und ländlichen Regionen des 'Generalgouvernements' zusammengefercht worden waren. Die Zahl dieser jüdischen Ghettos ging in die Hunderte.
Von vornherein dienten diese Stadtviertel dazu, wie bei Henkys eindrucksvoll geschildert wird, die jüdischen Menschen so verelenden zu lassen, daß die Karikatur vom 'jüdischen Untermenschen', die in der faschistischen Propaganda ständig beschworen wurde, als Abbild der Wirklichkeit erscheinen konnte. (94)
In Warschau beispielsweise waren mehr als eine halbe Million jüdischer Menschen in nur wenigen Straßenzügen zusammengedrängt worden. Ähnliche Verhält nisse bestanden in den Ghettos von Lemberg, Radom, Kielce, Lublin und vor allem auch in Lodz, wo 160.000 Menschen auf dreieinhalb Quadratkilometern Fläche, in 23.000 Räumen 'wohnten' und der Raum zudem durch große Fabriken beengt war, so daß die Bevölkerungsdichte im Wohngebiet rund 60.000 Menschen pro Quadratkilometer betrug. (95) Die Situation in Lodz, dessen Zugehörigkeit zum 'Reichsgau Wartheland' oder zum 'Generalgouvernement' zunächst ungeklärt geblieben war, hatte sich schon im Sommer 1940 so zugespitzt, das der 'Höhere SS- und Polizeifüher (HSSPF)' des 'Warthegaus' den 'Generalgouverneur' Frank bedrängte, die Insassen des Lodzer Ghettos ins 'Generalgouvernement' aufzunehmen, da man ansonsten weder "ernährungspolitisch noch seuchenpolizeilich" über den Winter kommen würde." (96) 3.2 Die Veränderung der Funktion des sog. 'Generalgouvernements' für die deutschen Okkupanten durch die Planung und Führung des Vernichtungskriegs gegen die SU
Der Schritt von der Einpferchung der polnischen jüdischen Bevölkerung in den Ghettos zum systematisch geplanten und betriebenen Völkermord war, nach Ansicht des Verfassers, auf das engste mit den Vorstellungen verbunden, die die faschistischen Eroberer von der Funktion der zentral - und ostpolnischen Territorien für ihre weiteren Eroberungspläne hatten.
Während noch bis zum Frühjahr 1940, so weist Pätzold nach, allgemeine Pläne bestanden hatten, die Gebiete östlich der Weichsel zu einer Art 'Judenreservat' zu erklären, in dem die jüdische Bevölkerung der eroberten nord - und westpolnischen Gebiete und des 'Altreichs' vollständig deportiert werden sollte (97), begann das 'Generalgouvernement' ab Sommer 1940 in den Absichten der deutschen Besatzer eine andere Funktion zu bekommen, was sich auch darin äußerte, daß die in dies em Gebiet zusammengepferchten 'Juden' in den sog. 'Madagaskar-Plan' (98) mit eingeschlossen wurden und auf diese Weise die ostpolnischen Territorien 'judenfrei' gemacht werden sollten. (99)
Diese Veränderung der Einschätzung Ostpolens stand m.E. in direkt em zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn der Planungen des Überfalls auf die Sowjetunion. Anfang Juli 1940 war im deutschen Generalstab mit operativen Planungen zum Einmarsch in die UdSSR begonnen worden. (100) Diese Vorbereitungspläne traten, so schreiben Bartsch u.a., im Herbst 1940 - nach dem Scheitern der deutschen Offensivplanungen gegenüber England - in ihr abschließendes Stadium. (101) Schon die Planung eines Angriffs und erst recht eine dauernde Besetzung der Sowjetunion, vrbunden mit entsprechenden Plänen zu deren Kolonisierung (102), aber bedeuteten, daß sich die okkupierten ostpolnischen Gebiete im Gesamtherrschaftsbereich der deutschen Faschisten, nach Auffassung des 'Generalgouverneurs' nicht mehr in einer extremen Randlage, sondern in einer "Brückenlage" (103) zwischen dem 'Reich' und dem geplanten 'Reichskommissariat Ostland' , befinden würden.
Bereits seit dem Frühjahr 1941 wurde das 'Generalgouvernement' zum Aufmarschgebiet für den bevorstehenden Überfall. Seit dem 22. Juni 1941 bekam es für die deutschen Okkupanten die Funktion einer Transitzone für den Nachschub an Soldaten und Material der 153 deutschen Wehrmachtsdivisionen (104) und den gleichzeitigen Abtransport von Beutegütern aus den besetzten sowjetischen Territorien in das 'Reich'.
Besondere Bedeutung für die Behandlung der ost- und zentralpolnischen Gebiete durch die faschistischen Okkupanten hatte in diesem Zusammenhang m.E. auch der Umstand, daß die 4,6 Millionen deutschen Soldaten (103), die am Feldzug gegen die UdSSR beteiligt waren, sowohl bei ihrem Eisenbahn-Marsch an die Front als auch bei ihren Heimaturlaub-Aufenthalten das 'Generalgouvernement' im ganzen Ausmaß zu durchqueren hatten.
Diese Situation gab der Führung der deutschen Besatzer in Polen Grund zu ernster Besorgnis. So erstattete der Obermedizinalrat Wallbaum, der im 'Generalgouvernement' leitend für die Behandlung von Gesindheitsfragen zuständig war, im September 1941 dem 'Generalgouverneur' Frank Bericht, in dem es hieß: "daß der größte Teil der Polen nur etwa 600 Kalorien zu sich nähme, während der Normalbedarf eines Menschen 2.200 Kalorien betrage.
Die polnische Bevölkerung sei so weitgehend entkräftet, daß sie eine leichte Beute des Fleckfiebers (Typhus) werde. Die Zahl der erkrankten Polen betrage bereits 40 Prozent." (106) Die gesundheitliche Lage der Polen, so hieß es in dem Rapport weiter, stelle wegen der Gefahr der Verschleppung der Seuche eine große Gefahr für das 'Reich' und für aus dem 'Generalgouvernement' kommende Soldaten dar. (107) Galt diese Einschätzung schon für das zentral- und ostpolnische Gebiet als Ganzes, so traf sie doch insbesondere auf die dortigen Großstädte zu. Denn gerade die zentralen Städte dieses Gebietes, mit ihren umfangreichen 'jüdischen Wohnbezirken', bildeten, bedingt durch die noch wesentlich schlechtere Ernährungslage ihrer Bewohner, die gefährlichsten "Seuchenherde" und wareb zudem auch gerade Eisenbahnknotenpunkte, die von den deutsche Soldaten auf ihrem An- und Rückmarsch berührt werden mußten.
Dieser geringfügige Kontakt reichte, wegen der spezifischen Übertragungsform der Erreger, bereits aus, um die auf dem Eisenbahnmarsch befindlichen Soldaten der Gefahr einer Typhus-Infektion auszusetzen. (108)
Ein zweiter, noch gewichtigerer Grund, aus dem heraus das 'Generalgouvernement' im Laufe des Feldzugs gegen die Sowjetunion zusehends an Bedeutung gewann, lag, nach Ansicht des Verfassers, im Bestreben der Okkupanten, die Ernährungslage der von 'Wehrmacht und Reich' sicherzustellen. Während in den ersten Wochen und Monaten des Krieges gegen die UdSSR, ermöglicht durch riesige Geländegewinne, nicht nur die Basis für die Ernährung der deutschen Besatzungssoldaten aus den eroberten Gebieten geschaffen wurde, sondern darüber hinaus, genau wie es die Planungen der zentralen Kriegswirtschaftslenkung vorsahen (109), noch immense Beutemengen an landwirtschaftlichen Gütern ins 'Reich' abtransportiert werden konnten, änderte sich dieses mit dem Scheitern der deutschen "Blitzkriegsstrategie" im Winter 1941/42. (110)
Von diesem Zeitpunkt an wurde es für die deutschen Besatzer, so zeigt Eichholtz in seiner "Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft", zusehends schwieriger, aus
Dieser Funktionswandel spiegelte sich in den Ablieferungsmengen an Getreide und Fleisch wider. So notierte Frank am 24. August 1942 in seinem Tagebuch, daß sich das 'Generalgouvernement' verpflichtet habe, "zuzüglich zu dem, was wir aus dem Generalgouvernement an Lebensmitteln zur Entlastung der Heimat und für die hier stationierten Verbände der Wehrmacht, Polizei und der SS liefern, noch 500.000 Tonnen Brotgetreide ins Vaterland abzuführen." (112) Auf einer "Regierungshauptabteilungsleitersitzung" hatte der 'Generalgiuverneur' das Ausmaß der "erfaßten" Getreidemengen mit folgenden Worten umschrieben: "Wenn Sie damit das Maß unserer Gesamtleistung vom vorigen Jahr vergleichen, so können Sie daraus etwa eine Versechsfachung der für das Generalgouvernement sich ergebenden Leistung schließen." (115)
Am 14. April 1943 erinnerte sich Frank: "Man habe im vergangenen Jahr einen echten Eingriff in die Viehbestände des Generalgouvernements von etwa 20 Prozent gemacht. Rinder, die eigentlich für die Produktion von Milch und Butter notwendig seien, habe man im vergangenen Jahr abgeschlachtet, um die Lieferungen an Reich und Wehrmacht und die Fleischversorgung einigermaßen aufrechterhalten zu können." (114)
So war den faschistischen Besatzern während des Jahres 1942 demnach gelungen, aus dem 'Generalgouvernement', dessen Bevölkerung schon seit mindestens Sommer 1941 zum größten Teil hungerte und bereits zu diesem Zeitpunkt zu 40 Prozent an Typhus erkrankt war, gegenüber dem Vorjahr, noch einmal die mehrfache Menge an Lebensmitteln herauszupressen.
Die grundsätzliche Methode zur Gewinnung solcher "Überschüsse" hatten die faschistischen Planer, wie von mir bereits im vorherigen Abschnitt ausgeführt (115), schon im Frühjahr 1941, in Vorbereitung des Überfalls auf die UdSSR in den 'Wirtschaftspolitischen Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft' dargelegt, indem sie, bezogen auf die Verhältnisse in der Sowjetunion, die "Abriegelung" der "Konsumzonen" von den "Produktionszonen" der Ukraine propagierten.
Eine Übertragung dieses Modells auf die zentral - und ostpolnischen Territorien schien den deutschen Besatzern allerdings nicht ohne weiteres möglich, da es sich dort ihrer Auffassung nach auf dem Versorgungssektor, im Unterschied zur UdSSR, um eine, wie sie es nannten, "Gemengelage" von Zuschuß- und Überschußgebieten handelte, in der die "Abschöpfung" landwirtschaftlicher Überschüsse wegen des "Schwarzhandels" und des "unmittelbaren Verkehrs zwischen Erzeugern und Verbrauchern" nur schwerlich möglich war. (116)
Durch die Einpferchung der jüdischen Bevölkerung des 'Generalgouvernements', die nach Einschätzung Pätzolds, zumeist aus Händlern, Handwerkern und auch aus Angehörigen der Intelligenz bestehend (117), aus der Sicht der deutschen Eroberer ohnehin fast ausschließlich der Konsumseite zuzurechnen war, in die Ghettos, gelang es zwar den Okkupanten, wie aus den Dokumenten des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses hervorgeht, auch bereits 1940 erhebliche landwirtschaftliche "Überschüsse" für 'Wehrmacht' und 'Reich" sicherzustellen (118), jedoch standen diese Mengen in keinem Verhältnis zu den Lieferungen des Jahres 1942. (119) Eine solche mehrfache Steigerung war m.E. nicht mehr allein dadurch zu erzielen, daß man die "Konsumzonen" unsäglichen Hungerbedingungen aussetzte. Seitdem die besetzten ost- und zentralpolnischen Gebiete für die deutschen Okkupanten mehr und mehr die Funktion einer landwirtschaftlichen Nachschubbasis übernehmen mußten, wurden 'einschneidendere Maßnahmen' notwendig. 'Generalgouverneur' Frank faßte dieses Problem in der Frage zusammen: "Können wir schon im Februar (1943, W.G.) über 2 Millionen der fremdvölkischen Bevölkerung dieses Raumes aus der allgemeinen Ernährungsfürsorge völlig au sscheiden oder nicht." (120)
Was der 'Generalgouverneur' unter dem Ausscheiden eines Teils der fremdvölkischen Bevölkerung aus der "Ernährungsfürsorge" (!) verstand, hatte er bereits im September 1941 in seinem Tagebuch festgehalten: "Die Juden sind auch für uns außergewöhnliche, schädliche Fresser. Wir haben im Generalgouvernement schätzungsweise 2,5, vielleicht mit dem Jüdisch -Versippten und dem, was alles daran hängt, jetzt 3,5 Millionen Juden. Diese 3,5 Millionen Juden können wir nicht erschießen. Wir ... werden aber doch Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu einem Vernichtungserfolg führen." (121)
Die jüdische Bevölkerung des sog. 'Generalgouvernements' besaß also, nach Ansicht des Verfassers, im ernährungspolitischen Kalkül der faschistischen Er oberer einen ähnlichen Wert bzw. Unwert, wie die sog. 'Waldzone', die nördlichen und mittleren Territorien des besetzten Teils der UdSSR, mit dem entscheidenden Unterschied, daß die deutschen Besatzer in Polen ihre Entvölkerungspläne ungestört in die Tat umsetzen konnten.
ANMERKUNGEN
(1a) Die drei ersten Kapitel sind über die Suchfunktion von http://www.hausarbeiten.de/ abrufbar:
1. >KZ-System und Asozialität im Nationalsozialismus< . Die Vorgeschichte der 'Aktion 14f13'
2. >NS-Gesundheitspolitik und Euthanasie<. Die 'Organisation T4' und der Beginn der 'Aktion '14f13'
3. >Die erste Umorganisation der NS-Vernichtungspolitik<. Die Einstellung der Anstaltseuthanasie und die Ausweitung der 'Aktion 14f13' (1) Vgl. Kapitel V. : Die 'Organisation T4' und die 'Endlösung der Judenfrage', Abschnitt 2.
(2) Der Begriff "Entvölkerungspolitik" wurde übernommen von: Heydecker und Leeb, Der Nürnberger Prozeß. Neue Dokumente, Erkenntnisse und Analysen. (3) So u.a. Höhne (1967), Fest (1973) aber auch Kogon (1983). (4) Vgl. Kühnl (1983), S. 38-41 und S. 156 (5) - (26) entfällt (27) Vgl. Czollek (1968), S. 146. (28) Vgl. ebd., S. 143-147. (29) Vgl. IMG (1984), Bd. 3, S. 390. (30) Vgl. Czollek (1968), S. 148/149.
(31) Vgl. die 'Richtlinien für die Führung der Wirtschaft in den neubesetzten Ostgebieten, in IMG (1947-49), Bd. 28, S. 3-15 (Dokument "PS 1743")
(32) Ebd., S. 6. (33) Ebd., S. 8. (34) Vgl. Czollek (1968), S. 150. (35) Vgl. ebd.
(36) Vgl. Dokument "PS 1743" in: IMG (1947-49), Bd. 28, S.6/7.
(37) Vgl. 'Wirtschaftspolitische Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft', in: IMG (1947-49), Bd. 36, S. 135-157 (Dokument "EC 126") (38) Vgl. IMG (1947-49), Bd. 28, S. 7 (Dokument "PS 1743") (39) Vgl. IMG (1947-49), Bd. 36, S. 148 (Dokument "EC 126") (40) Vgl. ebd., S. 140.
(41) zum nationalsozialistischen 'Autarkie-Gedanken' vgl. Hillgruber (1965), S. 255/256.
(42) IMG (1947-49), Bd. 36, S. 157 (Dokument "EC 126"). (43) Vgl. ebd. S. 138. (44) Vgl. ebd. (45) Vgl. ebd., S. 146. (46) Vgl. ebd., S. 149/150.
(47) Die Autoren waren der Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Herbert Backe (vgl. Czollek (1968), S. 148) und der Leiter der Hauptgruppe Landwirtschaft im Wirtschaftsstab Ost, Hans-Joachim Rieke (vgl. ebd., S. 149).
(48) Vgl. IMG (1947-49), Bd. 36, S. 138 (Dokument "EC 126"). (49) Ebd.
(50) Ebd., S. 141. (51) Vgl. ebd., S. 151. (52) Vgl. ebd., S. 141. (53) Vgl. ebd., S. 144. (54) Ebd. (55) Vgl. ebd. (56) Ebd., S. 145.
(57) Vgl. 'Der Generalplan Ost'. Bericht über eine Sitzung am 4.2.1942 im 'Ostministerium' über Fragen der Eindeutschung, insbesondere in den baltischen Ländern und Stellungnahme und Gedanken zum Generalplan Ost des 'Reichsführers SS', vom 27.4.1942, dokumentiert und eingeleitet von Helmut Heiber (1958) (58) Vgl. Höhne (1967), S. 333. (59) Vgl. ebd. S. 328.
(60) Befehl Heydrichs vom 2. Juli 1941, zit. nach Drobisch/Goguel/Müller (1975), S. 277.
(61) Hillgruber (1972), S. 144. (62) Vgl. Streit (1980), S. 109-125. (63) Vgl. Henkys (1964), S. 114-116. (64) Vgl. Drobisch/Goguel/Müller (1975), S. 279. (65) Vgl. ebd. (66) Vgl. Gilbert (1982), S. 64 ff..
(67) Vgl. das Besprechungsprotokoll der sog. "Wannsee-Konferenz", dokumentiert bei: Poliakov/Wulf (1983), S. 119-126.
(68) Vgl. Henkys (1964), S. 115.
(69) Den Einsatzgruppen "A" und "B" fielen zusammen 180.000 Menschen ( = 1,22% der Gesamtbevölkerung der baltischen Republiken der UdSSR und der Weißrussischen SSR) zum Opfer; den Einsatzgruppen "C" und "D" entsprechend 90.000 Menschen ( = 0,2 % der Gesamtbevölkerung der Urkainischen SSR) (70) Kartenskizze entfällt
(71) Rede und Schlußwort des 'Generalgouverneurs' Frank auf einer Polizeisitzung am 30. Mai 1940, zit. nach Pätzold (1980), S. 232. (72) Vgl. IMG (1984), Bd. 3, S. 641. (73) Ebd. (74) Vgl. ebd., S. 644. (75) Vgl. Eichholtz (1984), S. 184. (76) Vgl. IMG (1984), Bd. 4, S. 608. (77) Vgl. ebd. (78) Vgl. Henkys (1964), S. 84. (79) Vgl. Pätzold (1980), S. 226/227. (80) Vgl. Ebd. (81) Vgl. Henkys (1964), S. 83. (82) zur Karriere Franks, vgl. Zentner (1984), S. 30. (83) IMG (1984), Bd. 3, S. 644. (84) Vgl. ebd. (85) Vgl. IMG (1984), Bd. 22, S. 617.
(86) Vgl. Haffner (1978), S. 168f..
(87) Denkschrift Himmlers über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten (vom Mai 1940), S. 197, eingeleitet und kommentiert von Helmut Krausnick (1957). S. 194 -198. (88) Vgl. Anmerk. 76. (89) Vgl. Billstein (1980), S. 21. (90) Vgl. ebd., S. 10. (91) Vgl. IMG (1984), Bd. 3, S. 644. (92) Vgl. IMG (1984), Bd. 8., S. 17.
(93) Vgl. den Bericht des Obermedizialrats Wallbaum an 'Generalgouverneur' Frank, in IMG (1984), Bd. 5, S. 97. (94) Vgl. Henkys (1964), S. 91-95. (95) Vgl. ebd. S. 92.
(96) Vgl. den Bericht des 'HSSPF Warthegau' an 'Generalgouverneur' Frank, zit. bei Pätzold (1980), S. 230. (97) Vgl. ebd., S. 237.
(98) Zum sog. 'Madagaskar-Plan' vgl. ebd. S. 231-237. (99) Vgl. ebd., S. 237.
(100) Vgl. Dokumente zur deutschen Geschichte (1977), Bd. 1939-1942, S. 132. (101) Vgl. Bartsch/Schebesch/Scheppelmann (1981), S. 83 (102) Vgl. die schon angeführten 'Wirtschaftspolitischen Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft' (Anmerk. 37). (103) Vgl. Anmerk. 71.
(104) entfällt (105) Vgl. Anmerk. 71.
(106) Bericht des Obermedizinalrats Wallbaum an den 'Generalgouverneurs' Frank, vom September 1941, dokumentiert in: IMG (1984), Bd. 5, S. 97. (107) Vgl. ebd.
(108) Die Ursache für diese Gefährdung liegt darin, daß Fleckfieber nicht nur durch direkten Kontakt (Kleiderläuse), sondern auch bereits durch Inhalation von aufgewirbeltem, erregerhaltigem Staub übertragen werden kann. Vgl. Beske (1969), d. II, S. 242; Zetkin/Schaldach (1980), S. 445.
(109) Vgl. die 'Wirtschaftpolitischen Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft', in: IMG (1947-49), Bd. 36, S. 148-151. (110) Vgl. Kap. VI, Abschn. 2.1 (111) Vgl. Eichholtz (1984), S. 210. (112) IMG (1984), Bd. 5, S. 98. (113) Ebd. (114) IMG (1984), Bd. 8, S. 17. (115) Vgl. Abschn. 1
(116) 'Wirtschaftspolitische Richtlinien ...', in: IMG (1947-49), Bd. 36, S. 138. (117) Vgl. Pätzold (1980), S. 227. (118) Vgl. Anmerk. 92.
(119) Vgl. die Anmerk. 92 mit den Anmerk. 112 und 113. (120) IMG (1984), Bd. 8, S. 16.
(121) Tagebucheintragung Franks vom 9. September 1941, zit. nach Poliakov/Wulf (1983), S. 182.
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ARCHIVE
ARCHIV DES INSTITUTS FÜR ZEITGESCHICHTE, München - Sammlung von Reproduktionen der Dokumente der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses und der Nachfolgeprozesse STAATSARCHIV NÜRNBERG
- Sammlung von Dokumenten des Hauptkriegsverbrecherprozesses und der Nachfolgeprozesse
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Dr. phil. Walter Grode, 2005, Faschistische Entvölkerungspolitik in Osteuropa, München, GRIN Verlag GmbH
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Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Referat / Aufsatz (Schule), 6 Seiten
Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden zwischen 1933 und 1945
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
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