Bekanntlich bestand diese Utopie in der Abschaffung des Kapitalismus, dessen
Dynamik Marx allerdings in einer unablässig kreativen und produktiven
kommunistischen Ordnung beibehalten wollte. Heute hingegen tauchen
dieselben Illusionen am anderen Ende des politischen Spektrums auf, nämlich
bei unseren triumphierenden Neoliberalen. Sie verteidigen die Freiheit des
Marktes und glauben, diese sei die einzige und perfekte Lösung sämtlicher
Probleme.
Die ursprüngliche Einsicht von Marx meinte aber etwas anderes, und vielleicht
könnte man sie mit dem Bild von der heillos zerstrittenen Ehe beschreiben:
Ohne den Kapitalismus können wir nicht leben (denn marktförmige
Beziehungen durchdringen die Gesellschaft auf vielen Ebenen), aber mit ihm
können wir es kaum aushalten. Der Drang, soziale Kosten erfolgreich
abzuwälzen, macht den eigentlichen Wesenskern des Kapitalismus aus. Seine
Nebenwirkungen werden als >externe Effekte< ausgegeben oder zum Problem
von jemand anders erklärt.
Die Abwälzung von Kosten erhöht die Profite.
Zurück bleiben Umweltverschmutzung und der Verfall sozialer Bindungen
durch unsichere Beschäftigungsverhältnisse oder Niedriglöhne, Die Politik ist
machtlos gegen die Ökonomie: Das gefährdet die deutsche Demokratie (Grass
2005) >Dieses Verfahren ist für den Kapitalismus unwiderstehlich, jedenfalls
solange es keine wirksame Abschreckung gibt.< (Tayor 2005)
Mit einem Wort: Kapitalistische Gesellschaften sind der Schauplatz eines
andauernden Dilemmas. Wie kontrolliert man Unternehmen, um die
schlimmsten sozialen und ökologischen Folgen zu verhindern, ohne gleichzeitig
ihre Abwanderung zu provozieren oder das Wachstum zu schwächen? Ständig
sind Regierungen gezwungen, die notwendige Kontrolle des Kapitals gegen die
Gefahren der Standortverschlechterung abzuwägen. Dafür gibt es keine
harmonischen Lösungen, sondern nur instabile, Schaden begrenzende
Kompromisse. (Grode 2004a)
Und natürlich hängen die möglichen Kompromisse vom globalen Wettbewerb
ab. Die besten Lösungen für dieses Dilemma sind deshalb internationale
Lösungen, wodurch sich die genannten Schwierigkeiten allerdings um ein
Vielfaches vergrößern.
Besonders drastisch zeigt sich das dort, wo ökologische Fragen berührt werden.
Der Kapitalismus gefährdet nicht nur die Gesundheit und das Wohl derer, die im
Zuge der Globalisierung ausgegrenzt werden und die dann als Masse der
Marginalisierten möglicherweise den Nährboden terroristischer Gewalt bilden.
(Grode 1999)
Der Kapitalismus kann auch zu irreversiblen Umweltkatastrophen führen. Jeder
weiß, daß die einzige Hoffnung, beispielsweise in Bezug auf Treibhausgase, in
der globalen Zusammenarbeit der Nationen liegt. Doch der mächtigste
Großverschmutzer der Welt, die USA, hat sich aus dem Prozeß verabschiedet.
Kurzum, das Dilemma des Kapitalismus könnte uns durchaus noch umbringen.
Eines der größten Hindernisse auf unserem Weg verdankt sich, so der
kanadische Philosoph Charles Taylor, der bereits erwähnten utopischen
Illusion. Der Kapitalismus selbst kann niemals die Grundlage einer Ehtik bilden
(Grode 1997) geschweige denn einer Religion. Zwar läßt er sich als Ausdruck
eines Wertes wie >Freiheit< oder >Wahlfreiheit< deuten (Grode 2004 b), aber
mit der Deutung verlieren verlieren wir seine dilemmatische Natur aus dem
Blick. Plötzlich erscheint uns der Kapitalismus als Retter in der Not, gar als
Erlöser, der uns von allen Sorgen befreit. Diese Illusion hält derzeit die
herrschenden Kreise in den USA fest im Griff.
Am anderen Ende der Welt glaubt die Herrschaftsriege Chinas, eine sklerotische
und zunehmend korrupte exkommunistische Elite sei in der Lage, die
dilemmatischen Zwänge einer außer Kontrolle geratenen kapitalistischen
Revolution bewältigen zu können. Noch andere, so Taylor, unter ihnen einige
Globalisierungsgegner, erliegen wieder einmal der marxistischen Versuchung
und glauben, die Ursache des Dilemmas ließe sich einfach beseitigen.
Viele seiner Illusionen erzeugt der Konsumkapitalismus allerdings selbst. Der
Wettbewerb, Waren und Dienstleistungen zu verkaufen, hat sich seit langem und
vielleicht unumkehrbar in einen Wettbewerb zu verwandeln, in dem es um den
Verkauf von attraktiven Lebensanschauungen geht - um Bilder von Glück,
Freiheit und Schönheit, mit denen die Menschen aufgefordert werden, sich den
Eintritt in Stilsüären >zu erkaufen<, wenn si Haarwaschmittel, Sportschuhe
oder einen Geländewagen erwerben (Grode 2000, 2003), Markenmamen sind
mit bestimmten Einstellungen und Lebensweisen, einem Gefühl von Kraft und
Unverwundbarkeit odr von Freiheit und Kreativität verbunden.
All das erzeugt schließlich eine neue kulturelle Kraft, die kein einfacher,
ebenbürtiger Gegenspieler von Ethik und Religion ist, sondern die sich, so
Charles Taylor, in ganz neuartiger Weise von beiden löst. Diese Kraft resultiert
daraus, daß das Leben in einem zunehmend irrationalen Raum gegenseitiger
Zurschaustellung stattfindet. Sie läßt den Halt lokaler und nationaler
Gemeinschaften erodieren und veranlaßt junge Menschen dazu, sich anders in
Ethik und Religion einzufügen, als es ihnen überliefert wurde.
Und nicht nur das, meint Chales Tayor. Die Entwicklung der
Konsumgesellschaft verbindet sich zunehmend mit einer Ethik der Authentizität,
die im Westen immer mehr Raum greift. Unverkennbar hat sie eine Tendenz,
den Begriff von Authentizität und Selbstsein zu trivialisieren. Es geht hier nur
noch um die zur Nachahmung medial verbreiteten Stile, während die
Entdeckung substanzieller Lebenziele dahinter zurücktritt und verblaßt.
So verwandelt sich die Ehtik von >Freiheit< und >Individualismus<, die doch
den Kapitalismus einmal rechtfertigen sollte, schleichend in eine Feier bloßer
>Wahlfreiheit< als dem an sich Guten. Damit erweckt der Kapitalismus den
Eindruck, als sei das Leben des Einzelnen nur deshalb schon erfüllter und
glücklicher, weil seine Wahlmöglichkeiten zahlreicher werden - mögen auch die
Unterschiede zwischen den Alternativen banal sein.
Etliche hatten schon vor Jahrzehnten befürchtet, der Kapitalismus werde uns,
lange bevor wir in den durch die Erderwärmung steigenden Meeresspiegeln
ertrinken, rettungslos verblöden lassen (so Huxley in >Schöne neue Welt<).
Charles Taylor hingegen glaubt immer noch - und ich hoffe er behält Rechtdaß Menschen klüger und widerstandsfähiger sind und den Kontakt zu den
tieferen Bedeutungen des Lebens nicht ganz und gar verlieren.
LITERATUR
Grass, Günter (2005) >Freiheit nach Börsenmaß<. Die Politik ist machtlos
gegen die Ökonomie. Das gefährdet die deutsche Demokrat ie, in: >Die Zeit<,
Nr. 19.
Grode, Walter (1997): >Ethik in der Wirtschaft<, in: >Lutherische Monatshefte<
(Kirche im Dialog mit Kultur Wissenschaft und Politik), Heft 5.
Grode, Walter (1998): >Leidenserinnerung als universelle Ressource des
Humanen<, in: >Politische Vierteljahresschrift<, Heft 2
Grode, Walter (1999): >Dolche und Blitze<. Zur Option des selektiven Zugriffs,
in: >Die Zeichen der Zeit / Lutherische Monatshefte<, Heft 6.
Grode, Walter (2000): >Volksgenosse auf Rädern<. Motorisierung und
Konsumorientierung, in: >Die Zeichen der Zeit / Lutherische Monatshefte<,
Heft 7.
Grode, Walter (2003): Die Last der NS-Geschichte oder >Das Glück von der
Unfähigkeit zu trauern<, in: >heilpaedagogik-online<, Ausgabe 03.
Grode, Walter (2004a): >Soziale Gerechtigkeit unter den Bedingungen
turbokapitalistischer Globalisierung, in: >wissen24.de< bzw. >hausarbeiten.de<.
Grode, Walter (2004b): >Das neue Lob der Freiheit<. Vom Leben auf eigene
Rechnung, in: >hausarbeiten.de<
Taylor, Charles (2005): >Kapitalismus ist ein faustischer Pakt<, in: >Die Zeit,
Nr. 19..
Arbeit zitieren:
Dr. phil. Walter Grode, 2005, DAS DILEMMA DES KAPITALISMUS: Er ist die innovativste und kreativste Wirtschaftsordnung der Menschheitsgeschichte und zugleich auch die zerstörerischte , München, GRIN Verlag GmbH
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