Alle Re-Educationsmaßnahmen - von den Nürnberger Prozessen bis zur antifaschistischen Pädagogik der altbundesdeutschen Gesamtschulen - liefen darauf hinnaus, die Westdeutschen mit ihren im Rassismus- und Gewaltrausch begangenen Verbrechen zu konfrontieren. Das war zwar moralisch notwendig, therapeutisch jedoch wenig effektiv, zumal die Deutschen zwischen 1933 und 1945 noch mit einer anderen, für Normalbürger viel schw erer zu handhabenden Droge Umgang gehabt haben.
Wer überlebt, hat recht
Schon am Ende der Weimarer Republik hatten die Nationalsozialisten, neben dem Rassi smus eine zweite Droge im Angebot, durch die sie zum Groß-Dealer wurden: den Sozialdarwinismus.
Diese Droge hieß damals selbstverständlich nicht so. Denn unter ihrem wirklichen Namen hätte sie der breiten Bevölkerung und speziell >dem deutschen Arbeiter< nicht einmal von der sogenannten >Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei< verkauft werden können.
Der Sozialdarwinismus war nämlich ursprünglich eine Entdeckung des zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals beschlich selbst die wohlgesonnenen Teile des Bürgertums, angesichts des quantitativen Anwachsens und der selbstbewußter werdenden Interessenvertr etung des Industrieproletariats, ein immer tieferes Gefühl der Bedrohung, das die Arbeiter als wilde Tiere erscheinen ließ.
Weit entfernt von dem Gedanken, daß diese >rohe Natur< durch Nächstenliebe und menschliche Vernunft in humane Bahnen gelenkt werden könne, wies der Sozialdarwinismus einen Weg, der vielen auch heute, zumindest als strukturierendes Element, wieder als höchst gangbar erscheint: Wenn der Mensch aus der Natur hervorgegangen und die mensc hliche Geschichte denselben Naturgesetzen unterworfen ist wie jede andere biologische Sp ezies; wenn darüber hinaus der geschichtliche Fortschritt ein Resultat des >Kampfes ums Dasein< ist, dann kann und darf die Selektion, sei sie natürlich oder herbeigeführt, nicht abgemildert oder gar außer Kraft gesetzt werden.
Somit kann der zentrale Gedanke des Sozialdarwinismus auf eine einfache Formel gebracht werden: In der biologischen Evolution ist alle Entwicklung auf das Überleben und die Durchsetzung des >fittest< zurückzuführen; und umgekehrt: wer überlebt, hat damit - zumindest im statistischen Durchschnitt - zugleich auch seine >fitness< unter Beweis gestellt. Da auch in der Gesellschaft das Grundgesetz der Selektion gilt, muß auch hier davon ausgegangen werden, daß die Sieger im sozialen Daseinskampf, also diejenigen, die oberen Ränge der gesellschaftlichen Hierarchie einnehmen, Eau ipso die >Tüchtigsten< und >Tau glichsten< sein müssen. Dasselbe gilt für die Unterlegenen im Daseinskampf: Die Tatsa che ihres Unterliegens ist bereits der Beweis dafür, daß sie weniger >tüchtig<, weniger >tau glich< sind.
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Von den Nazis wurde die Droge des Sozialdarwinismus mit solch verführerischen Etike tten, wie >Du bist eins mit Deinem Führer< oder >Du bist Teil eines starken Volkskörpers< versehen. Unter dem ersten Etikett zerstörten die Nazis die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem. Unter dem zweiten verkauften sie ihre Version einer rassistischen Volksgemeinschaft, die durch sie empfänglich wurde für die härtere Droge des Rassismus. Herbert Marcuse (1968) erinnerte daran, daß im Nationalsozialismus >das Ende der Tre nnung von Öffentlichkeit und Privatsphäre, wie sie für die liberale Ära des Kapitalismus typisch gewesen ist, vollzogen wurde.
Auf der individuellen Ebene äußerte sich dieses im Wegfall der Privatheit sowie in derschleichenden Zerstörung traditioneller Tabus auf sexueller und moralischer Ebene. Damit aber wurden nicht etwa individuelle Energien freigesetzt, sondern diese gingen in der Masse auf, was die Vereinzelung der Menschen noch verstärkte. Denn die Masse verband kein gemeinsames Interesse und Bewußtsein, vielmehr bestand sie, so Marcuse, >aus Indiv iduen, die ihr je eigenes privates Eigeninteresse verfolgen, das auf den reinen Selbsterhaltungstrieb reduziert war. >Dieser Trieb ist allen gemeinsam.<
Der für eine umfassende Mobilisierung der Arbeitskraft erforderliche Verlust an Freiheit, fährt Marcuse fort, wird aufgewogen durch eine neue wirtschaftliche Sicherheit: >Der Nationalsozialismus verwandelte das freie in das wirtschaftlich abgesicherte Subjekt, und an die Stelle des gefährlichen Ideals der Freiheit trat die Schutz versprechende Realität der s icheren Existenz.<
Sieht man vom Rückgriff auf die martialische, urzeitliche Mythenwelt ab, trug das NS-System für Marcuse alle wesentlichen Züge der neuen Ordnung, wie er sie in den 60er Ja hren in >Der eindimensionale Mensch< beschrieb, einer Ordnung, die >auch die ge fährlichsten Schlupfwinkel der individualistischen Gesellschaft< gleichschaltet. Der durch Vollbeschäftigung gesicherte Wohlstand verleitet alle dazu, >eine Welt zu lieben und am Leben zu halten, die sich seiner als Werkzeug der Unterdrückung bedient.< Im Unterschied zum Rassismus wirkt das Gift des Sozialdarwinismus nicht nach außen, sondern direkt ins Innere der Gesellschaft hinein. Bedroht sind stets diejenigen Teile, die allein durch ihre Existenz, die jeweils gültigen Vo rstellungen von Wettbewerbsfähigkeit, Effizienz oder Sicherheit in Frage zu stellen scheinen.
Vor der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung ab 1941/42, mit der wir heute gemeinhin die verbrecherische Seite des Nationalsozialismus iden tifizieren, lag eine fast zehnjährige sozialdarwinistisch-rassistische Phase der >Reinigung des Volkskörpers< von Juden, >Zigeunern<, Kommunisten, >Asozialen<, Homosexuellen, >Erbkranken< und Behinderten, die unmittelbar nach der >Machtergreifung< begann. Dadurch sollte die >Volksgemeinschaft< wieder leistungsfähig, kriegstauglich und unüberwindlich gemacht werden. Ein Ziel, das uns heute lächerlich und weltfremd erscheint. Aber das Mittel zur Erreichung dieses Ziels, die Ausgrenzung der Fremden und des Fremden in uns selbst, ist keineswegs überholt - auch wenn die verkündeten Ziele stets wechseln, weil sie womöglich allesamt nur Vorwand sind. >Die richtig in Ordnung sind, erkennen ein-ander daran, daß sie die anderen erkennen, die nicht in Ordnung sind<, brachte der NS-Psychologe Kurt E.O. Gauger, seinerzeit stellvertretender Leiter des >Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie< das Verhältnis von allgemeiner Überw achung und selbsttätiger Anpassung auf den Punkt. (Grode 200b)
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Als Indikator für das Einsickern dieses Gifts in die Gesellschaft und die Individuen kann die Reaktion auf das sog. >Euthanasieprogramm< gelten. Dies war die einzige der Ausgrenzung- und Vernichtungsaktionen der Nazis, gegen die es überhaupt so etwas wie gesellschaftliche Resistenz gab. Eingaben und Widerstand kamen jedoch einzig von den Kirchen und einzelnen Juristen, die diesen nahestanden. So gut wie keine Nachfragen, geschweige denn Proteste gab es hingegen von denjenigen, die heute mit ganz anderen Problemen der Eugenik konfrontiert sind und nicht mehr vom Staat die Entscheidungen abgenommen bekommen: den Eltern und Angehörigen der behinderten Opfer. Subjektiv sah der Alltag im Nationalsozialismus natürlich ganz anders aus: Der Arbeiter fühlte sich endlich geehrt, der Jurist nicht mehr an Paragraphen gebunden, Biologen, Ärzte, Naturwissenschaftler durften die Grenzen der Ethik hinter sich lassen und frei allein ihren Fortschrittsphantasien verpflichtet experimentieren, wie sie es sich nicht hätten träumen lassen, so Michael Burleigh in einer soeben erschienen voluminösen Gesamtdarstellung über >Die Zeit des Nationalsozialismus<
Der erdrückenden Mehrheit der Deutschen erschien der Nationalsoziali smus als >monströse Wunschmaschine< (Michael Burleigh 2000), als Versprechen auf eine reine, sch öne, saubere Welt, ohne Kranke, >Artfremde< und >Asoziale<.
Die >Deutschen Volksgenossen< der späten 30er Jahre machten den kaum verhüllte n Wechsel von der relativ >weichen< Droge des Sozialdarwinismus zur >harten< des Rassi smus, die schon von Anfang an das eigentliche Verkaufsziel gewesen war, fast ohne Murren mit.
Zwar standen noch im November 1938 viele Deutsche den von der SA be gangenen Exzessen an der jüdischen Bevölkerung bestürzt und kopfschüttelnd gegenüber. Und auch ein knappes Jahr später wurde der Kriegsbeginn, keineswegs so euphorisch begrüßt, wie einst der, in den ersten Augusttagen des Jahres 1914, von dem >die alten Kämpfer< der NSDAP träumten.
Doch das alles änderte sich spätestens ab 1941 mit dem Krieg im Osten. In der Sowje tunion fand unmittelbar mit dem deutschen Überfall ein systematischer, rationaler und umfassender deutscher Vernichtungskrieg statt (Grode 1991), an dem gemessen der anschließende Betrieb der Vernichtungsfabriken von Treblinka, Sobibor und Auschwitz, wie die kriegsbedingte Verwirklichung eines rassendeologisch dominierten Kern - und Restprogramms erscheint. (Grode 1992)
Wegen dieser gemeinsam begangenen Verbrechen und Unterlassungen (Grode 1993b), die durchaus, was z.B. die Behandlung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern anging, vor der >Heimatfront< nicht haltgemacht hatten, folgten die Deutschen ihren Dealern bis in den totalen >Zusammenbruch< im Mai 1945..
Nach Kriegsende hat dann eine weit voraus- und zurückblickende bundesdeutsche Politik den westlichen Teilstaat vor der Begleichung der obigen Rechnung bewahrt. Vierzig Jahre lang war es der Osten, der die eigentlichen Kosten, der im rassistischen Vollrausch und in einem Akt von Beschaffungskriminalität begangenen deutschen Verbrechen trug (Grode 1993a)
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>Allein durch die Reparationspolitik der Siegermächte nach 1945 waren die Westdeutschen so begünstigt, die Ostdeutschen so benachteiligt, daß man zweifeln möchte, ob beide denselben Krieg verloren hatten<, schrieb beispielsweise Ulrich Herbert (1995), der Leiter der Forschungsstelle für die Geschichte des Na tionalsozialismus in Hamburg. Doch statt die deutsche Schuld und die gemeinsame deutsche Verantwortung, zur Basis der deutschen Einheit zu machen - was die ehemaligen DDR-Bürger als Gläubiger und die Westdeutschen als Schuldner ausgewiesen hätte - bot man den Ostdeutschen 1989/90 ein Geschenk, das ihnen damals höchst verlockend erscheinen mußte: Wettbewerbsfähigkeit, Effizienz und Sicherheit.
Dies alles geschah vor dem historischen Hintergrund einer spiegelbildlichen >Vergange nheitspolitik< im Westen. Die begann mit der sogenannten Bundesamnestie von 1949; es folgten die Empfehlungen des Bundestages zum Abschluß der >Entnazifizierung< ein Jahr später, dann 1952 das 131er-Gesetz, kraft dessen die ehemaligen Nazibeamten, selb st solche der Gestapo, wieder in den öffentlichen Dienst übernommen werden konnten, und fand seinen Abschluß im Straffreiheitsgesetz von 1954.
Die einstigen demokratischen Lehrmeister offerieren heute Sozialdarwinismus als Krafttrunk
>Mitte der 50er Jahre hatte sich im Westen ein öffentliches Bewußtsein durchgesetzt, das die Verantwortung für die Schandtaten des Dritten Reiches allein Hitler und einer kleinen Clique von Hauptkriegsverbrechern zuschrieb, während es den Deutschen in ihr er Gesamtheit den Status von politisch 'Verführten' zubilligte, die der Krieg und seine Folgen schlie ßlich sogar selber zu 'Opfern' gemacht hatte< (Norbert Frei 1996). Zu dieser Vergangenheitspolitik gehörte auch der unausgesprochene Grundkonse ns der jungen Bundesrepublik, den Rassismus bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in einer Weise in den Vordergrund zu rücken, daß der besagte Sozialdarwinismus, der sich ja tief in die deutschen Seelen hineingefressen hatte, fast unsichtbar auf der Hinterbühne versteckt bleiben konnte.
Statt dessen absolvierten die Westdeutschen eine Therapie gegen Rassismus und Gewalt, über die Soziologen und Theologen zu Recht nur den Kopf schütteln konnten: Sie bestand aus einer Mischung aus Wirtschaftswunder und Sozialstaat [vgl. ZdZ 7/2000: >Volksgeno sse auf Rädern<. Motorisierung und Konsumorientierung,]. Wir sollten darüber froh sein. Selbst wenn das Geheimnis dieser >Therapie< wohl darin gelegen haben dürfte, daß es ihrer - zumindest in Sachen Rassismus - nach dem 8. Mai 1945 eigentlich gar nicht mehr bedurft hätte.
Was uns heute hingegen beunruhigen sollte, ist dagegen der Umstand, daß Wettb ewerbsfähigkeit, Effizienz und Sicherheit zu zentralen Ingredienzien des Rechtspopulismus im gesamten reichen Zentrum Westeuropas geworden sind. (Grode 2000a)
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Und tief verunsichern müßte es uns eigentlich, daß unsere einstigen westlichen Ther apeuten und demokratischen Lehrmeister uns heute den Sozialdarwinismus - immer offensiver als vermeintliche Kraftquelle präsentieren. (Grode 1996)
Da gilt es wohl oder übel zu akzeptieren, daß auch hinsichtlich unserer Einstiegs - und Basisdroge Sozialdarwinismus langsam wirkendes Gift und schnell wirkendes Kraft spenden essentiell zusammengehören - wie im Umgang mit allen Drogen. Diese Kraftquelle trägt natürlich auch heute nicht das Etikett >Sozialdarwinismus<. Heute heißt die Devise: >Alle Macht den Märkten<.
Spätestens
>nach
der großen Kehre< Anfang der neunziger Jahre des eben vergangenen Jahrhunderts gilt diese Maxime als alternativlos. Seitdem scheinen die ökonomischen Lehren der einstigen >Chicago boys< um den Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, zu den einzigen Gesetzen des menschlichen Handelns geworden zu sein, die sich mit geradezu übernatürlicher Gewalt, unvermeidlich und irreversibel auf dem ganzen Erdball durchsetzen. Die neuen Gesetzestafeln feiern die Idee des
Flankiert wird das durch die von den Medien kaum noch kaschiert lancierte Botschaft, nur schön und jung und koste es, was es wolle, durchsetzungsfähig zu sein, sei die einzig lohne nde Lebensform. Daß in dieser Perspektive jede Möglichkeit, menschliches Leben zu manip ulieren, dankbar aufgegriffen wird, ist eine Selbstverständlichkeit. Rassismus? Mega out! Es lebe der Kult des Stärkeren!
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LITERATUR
Burleigh, Michael 2000: >Die Zeit des Nationalsozialismus<, Frankfurt a.M. Frei, Norbert 1996: >Vergangenheitspolitik< Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München
Grode, Walter 1991: >Unmenschliche Herrenmenschen<, in: >Lutherische Monatshefte<, Heft 6
Grode, Walter 1992: >Deutsche Okkupationspolitik in der Sowjetunion<. Rassenideologische Destruktion und traditionelle Herrschaftskonzepte auf dem Höhepunkt faschistischer Vernichtungskraft, in: Das Argument, Heft 191
Grode, Walter 1993a: >List und Last<. Die Kosten der Teilung verhindern die Eintracht , in >Lutherische Monatshefte<, Heft 7.
Grode, Walter 1993b: >Groll der Moderne<. Gewalt - die dunkle Rückseite unserer Zivilisation, in: >Lutherische Monatshefte, Heft 11
Grode, Walter 1996: >Billig wie eine leere Cola -Dose. Falsche Dogmen vom freien Welt-handel<, in Lutherische Monatshefte, Heft 6
Grode, Walter 2000a: >Wir werden es erleben<. Politische Rechte und Extremismus der Mitte im reichen Westeuropa, in >Die Zeichen der Zeit<, Heft 3 Grode, Walter 2000b:: >Volksgenosse auf Rädern<, in >Die Zeichen der Zeit<, Heft 7 Herbert, Ulrich 1995: >Arbeit, Volkstum, Weltanschauung. Über Fremde und Deutsche im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main.
Marcuse, Herbert 1968: >Der eindimensionale Mensch<, Frankfurt/M.
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Arbeit zitieren:
Dr. phil. Walter Grode, 2000, Die richtig in Ordnung sind - Rassismus und Sozialdarwinismus als Droge: Das lange Nachwirken gesellschaftlicher Gifte, München, GRIN Verlag GmbH
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