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I. Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Zielsetzung der Arbeit
1.2. Aufbau der Arbeit
2. Theoretische Grundlagen und Konzepte
2.1. Die entwicklungstheoretische Diskussion
2.1.1. Modernisierungs- und Dependenztheorie
2.1.2. Gegenwärtiger Stand der Entwicklungsdiskussion
2.2. Kultur und Akkulturation
2.2.1. Kulturbegriff
2.2.2. Kulturwandel
2.2.3. Akkulturation
2.2.4.
3. Diskussion des Tourismus in den Geisteswissenschaften
3.1. Begriffsdefinition des Phänomens Tourismus
3.2. Entwicklung des Ferntourismus
3.2.1. Einflussfaktoren der Angebotsseite in den Gastländern
3.2.2. Boomfaktoren in den Herkunftsländern
3.3. Bewegründe und Motive der Touristen
3.4. Tourismus- und Touristentypologien
3.5. Auswirkungen des Tourismus auf die Zielgebiete
3.5.1. Ökonomische Dimension
3.5.2. Soziale Dimension
3.5.3. Kulturelle Dimension
3.5.4. Ökologisch-soziale Dimension
4. Tourismus und Entwicklung im indischen Himalaya
4.1. Entwicklungsprobleme
4.2. Tourismusentwicklung in Indien und Himachal Pradesh
5. Fallstudie Manali
5 1 Untersuchungsdimensionen
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5.2. Verwendete empirische Methoden
5.2.1. Teilnehmende Beobachtung
5.2.2. Qualitative Interviews
5.2.3. Standardisierte schriftliche Befragung
5.3. Charakteristik der sozialen Strukturen und Entwicklung Manalis
5.4. Tourismusentwicklung in Manali
5.5. Wirkungen des Tourismus auf die Entwicklung
5.5.1. Ökonomische Dimension
5.5.2. Soziale Dimension
5.5.3. Kulturelle Dimension
5.5.4. Ökologisch-soziale Dimension
6. Rückschlüsse der Empirie auf die Entwicklungstheorien
6.1. Modernisierungstheoretische Annahmen
6.2. Dependenztheoretische Annahmen
7. Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Quellenverzeichnis
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1. Einleitung
1.1. Zielsetzung der Arbeit
Village Tourism is the future reality, which bounds to change the rural socio-economic personality of India. India has much to offer and therefore, the village tourism should be given a comprehensive development push to usher in the rural positive change. The planning and development must follow the spatial dictates to optimise change and development” (SHARMA 1998: 62).
Dieses Zitat eines indischen Geographieprofessors fasst die hier gestellte Frage ebenso mit ein, wie auch der Grund diese Frage überhaupt zu stellen. Das Thema dieser Magisterarbeit dreht sich um die Entwicklung sozialer Strukturen und um die Auswirkungen des Tourismus auf diese Prozesse. In einem weiteren Verständnis ist hier damit allgemein die Entwicklung von gesellschaftlichen Strukturen gemeint. Die Soziologie hat sich vor allem im 19. Jahrhundert mit dem Prozess der Entwicklung von Gesellschaften befasst, während sie sich im 20. Jahrhundert in erster Linie den Strukturen der modernen Gesellschaft zuwendete. Volker LÜHR und Manfred SCHULZ (vgl. 1997: 7f.) konstatieren daher eine mangelnde Kommunikation zwischen der Stammdisziplin und der entstehenden Entwicklungssoziologie, welche nach dem Zweiten Weltkrieg eine Teil der Entwicklungsdebatte wurde. Diese wissenschaftliche Auseinandersetzung um die Ursachen, den Prozess und die Ziele der gesellschaftlichen Entwicklung sollte dazu beitragen, Strategien für die Entwicklung der entkolonialisierten Gesellschaften in der Dritten Welt zu erarbeiten. Damit bewegte sich die Entwicklungsdiskussion aber auch immer auf einem „ideologisch definierten Terrain“, was eine wertfreie, objektive Auseinandersetzung mit den Theorien oft behinderte (BERGER 1996: 45). Zeitgleich zu der theoretischen Debatte um die Entwicklung in der Dritten Welt entstand in den entwickelten Gesellschaften Europas und Nordamerikas der Tourismus als ein zentrales Phänomen der modernen Gesellschaft. Vor dem Hintergrund der Modernisierungstheorien wurde dieser anfänglich als ideales Instrument identifiziert, um in den jungen Entwicklungsländern den Modernisierungsprozess zu fördern. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um dessen Wirkungen traten jedoch, zeitlich parallel zu der Formulierung der Dependenztheorien, seine entwicklungshemmenden Implikationen in den Vordergrund (vgl. MAURER 1992: 139f.). Die beiden Positionen der Tourismuskritiker und der Promotoren sind nicht identisch mit den Paradigmen der Entwicklungsdiskussion, jedoch gründen sich deren
Strategieempfehlungen bezüglich des Tourismus teilweise auf den Grundlagen der Entwicklungstheorien (vgl. GORMSEN 1996: 23). Da im Verlauf beider Diskussionen zunehmend Differenzen hinsichtlich der Entwicklung und der Auswirkungen des Tourismus in verschiedenen Ländern festzustellen waren, wurde der Anspruch generelle Aussagen zu treffen weitgehend aufgegeben. Aus diesem Grund werden nun vermehrt
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Fallstudien unternommen, deren Aussagen sich an den spezifischen Eigenheiten der untersuchten Region orientieren (vgl. GOETZE 1997: 430f.).
Vor dem Hintergrund der eingangs zitierten Äußerung fiel die Auswahl des Zielgebietes der hier vorliegenden empirischen Fallstudie auf den Tourismusort Manali, im Distrikt Kullu der indischen Himalayaregion. Da in Indien der Tourismus verstärkt als Mittel zur Förderung der ländlichen Entwicklung genutzt wird, versteht sich diese Magisterarbeit in erster Linie als Beitrag zur aktuellen Tourismusdiskussion, unter Berücksichtigung der Entwicklungstheorien. Die empirischen Datenerhebungen erfolgten im Rahmen eines dreimonatigen Auslandspraktikum, welches vom DAAD finanziert wurde. Durch Sekundäranalysen offizieller Statistiken und qualitativer Studien, sowie durch Auswertung von Zeitungsberichten wurden die gewonnen Daten im nachhinein noch ergänzt. Die Fragestellungen, die sich aus dem Titel ergeben, gliedern sich in drei Ebenen. Auf einer deskriptiven Ebene ist zu fragen, welche Entwicklungsprozesse in der Region der Fallstudie zu beobachten waren. Unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Tourismusliteratur ist auf einer deskriptiv-analytischen Ebene der Einfluss des Tourismus auf diese Entwicklungsprozesse auszumachen. Hier erfolgt jedoch eine
Einschränkung, da aufgrund der Komplexität der beiden Themenfelder nicht präzise auszumachen ist, welche Ausmaße die Wirkungen des Tourismus im Vergleich zu allgemeinen Modernisierungsprozessen einnehmen. Auf einer dritten analytischen Ebene sind die Auswirkungen des Tourismus mit Hilfe der Entwicklungstheorien einzuordnen, inwieweit er die Entwicklung befördert, oder auch hemmt und Fehlentwicklungen verstärkt. Nachgelagert ist auch nach der analytischen Funktion der Entwicklungstheorien zu fragen, was jedoch aufgrund mangelnder Vergleichsdaten in der räumlichen, wie zeitlichen Dimension nur ansatzweise beantwortet werden kann.
1.2. Aufbau der Arbeit
Im zweiten Kapitel der Arbeit soll ein theoretischer Bezugsrahmen aufgestellt werden, um die Auswirkungen des Tourismus später einordnen zu können. Dazu wird zunächst die Entstehung der Entwicklungsdiskussion vor dem Hintergrund der damaligen realpolitischen Weltlage und die beiden klassischen Paradigmen der Entwicklungstheorie dargestellt. Daran schließt sich die Gegenüberstellung einiger aktueller Ansätze und Theoreme mittlerer Reichweite an, welche seit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen Ende der 80er Jahre die alten „großen Theorien“ weitgehend ersetzten. Da in der Entwicklungsdiskussion die Kultur weitgehend ein Randthema blieb, der Tourismus aber auch ein kulturelles Phänomen darstellt, folgt den Ausführungen über die Entwicklungstheorien eine Auseinandersetzung mit den Theorien des Kulturwandels, speziell der Akkulturation.
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Im darauf folgenden Kapitel setzt sich der Verfasser ausführlich mit dem Phänomen des Tourismus auseinander. Dabei soll zunächst das Phänomen begrifflich definiert werden, um daran anschließend die Entstehung dieses Phänomens mit der gesellschaftlichen Entwicklung, speziell der Modernisierung, in Beziehung zu setzten. Aufgrund der Komplexität dieser gesellschaftlichen Erscheinung werden daraufhin spezifische
Tourismusformen, sowie Touristentypologien erläutert. Im fünften Teil dieses Kapitels folgt die Darstellung der wissenschaftlichen Diskussion um die Auswirkungen des internationalen Tourismus auf die Entwicklung in Ländern der Dritten Welt. Das vierte Kapitel gibt einen kurze Charakterisierung der
Entwicklungsprobleme Indiens und speziell des Bundesstaates der Fallstudie, Himachal Pradesh, um die beobachteten Entwicklungsprozesse in Manali in einen weiteren Zusammenhang stellen zu können. Ebenso wird die Tourismusentwicklung in Indien und in Himachal Pradesh näher betrachtet.
Daran schließt sich das Kapitel der empirischen Ergebnisse der Fallstudie an. Hier werden zunächst die Untersuchungsdimensionen, sowie die verwendeten empirischen Methoden zur Datengewinnung vorgestellt. Analog zum vorherigen Kapitel folgt zunächst die Darstellung der Strukturen und der Entwicklung in der untersuchten Gemeinde, woran sich ein kurzer Überblick zur bisherigen Tourismusentwicklung anschließt. Danach werden die Wirkungen des Tourismus auf die Entwicklung beschrieben und vor dem Hintergrund der Literatur analysiert. Im sechsten Kapitel folgt die Interpretation der empirischen Ergebnisse unter Bezug auf die vorgestellten Entwicklungstheorien. Dabei sollen die entwicklungsfördernden Aspekte des Tourismus, sowie die durch ihn erzeugten Hemmnisse und Fehlentwicklungen herausgearbeitet werden. Soweit das Datenmaterial es zulässt wird auch die analytische Funktion der Entwicklungstheorien hinsichtlich der Ergebnisse überprüft. In dem abschließenden siebten Kapitel werden die zentralen Ergebnisse kurz zusammengefasst und die theoretisch begründeten Einschätzungen der Auswirkungen verglichen.
2. Theoretische Grundlagen und Konzepte
2.1. Die entwicklungstheoretische Diskussion
Die Frage der Auswirkungen des internationalen Tourismus bezüglich der Entwicklung der bereisten Gebiete in der „Dritten Welt“ 1 ist eng mit der entwicklungstheoretischen Diskussion verbunden. Folgende Fragen
1 Dieser Begriff ist gerade in der entwicklungstheoretischen Diskussion nicht unumstritten, daher werde ich mich in diesem Kapitel auch noch speziell damit beschäftigen. Bis dahin bleibt er aber in Anführungszeichen gesetzt.
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interessieren hier besonders: Was heißt Entwicklung, welche
Entwicklungsstrategien werden diskutiert und auf welchen theoretischen Grundlagen beruhen diese?
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Tourismus wurde dieser einerseits als Entwicklungsstrategie für bestimmte Regionen dargestellt, auf der anderen Seite aber auch als Entwicklungshemmnis oder als Ursache für unerwünschte Fehlentwicklungen identifiziert, was in eine allgemeine Tourismuskritik und in spezifische Entwicklungsstrategien für diesen mündete. Um in einer Fallstudie hierzu sinnvolle Aussagen zu treffen, ist es daher unerlässlich, sich mit der Entwicklungstheorie zu befassen, um einen theoretischen Maßstab bei der Hand zu haben, mit dem die empirischen Ergebnisse eingeordnet werden können. Nach MENZEL (vgl. 1992: 131) soll eine Entwicklungstheorie „gesamtgesellschaftliche, welthistorische Prozesse des wirtschaftlichen und sozialen Wandels“ erklären. Die Ergebnisse dieser theoretischen Auseinandersetzung sollen dann in Entwicklungsstrategien umgesetzt werden. Somit haben die Theorien in der Entwicklungsdiskussion wie in der Entwicklungssoziologie neben ihrer deskriptiv-analytischen Funktion auch immer einen normativ-politischen Aspekt, da sie in konkrete Entwicklungsstrategien münden (vgl. MENZEL 1991: 5; LÜHR / SCHULZ 1997: 10; THIEL 1999: 10f.). Anfänglich, in den 50er Jahren, dominierten die Wirtschaftswissenschaften weitgehend die Diskussion, weshalb bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts Entwicklungstheorien immer als ökonomische Wachstumstheorien gedacht wurden, in den
Modernisierungs- und Dependenciatheorien ebenso wie im sozialistischen Entwicklungsmodell (vgl. Menzel 1992: 131ff.). Im Verlauf der Diskussion wurde sie jedoch zunehmend aus einer interdisziplinären Perspektive geführt, in der die Bedeutung der sozio-kulturellen und politischen Dimensionen der Entwicklung auch Beachtung fanden. Die Entwicklungssoziologie als eine spezielle Perspektive in der
Entwicklungsdebatte beschreibt ihren Gegenstand als die „Aneignung unserer äußeren und inneren Natur sowie den gesellschaftlichen Problemen, die sich aus diesem Prozeß ergeben" (LÜHR / SCHULZ 1997: 10). Aufgrund der interdisziplinären Verschränkung der Diskussion um Entwicklung sind die verschiedenen Ansätze jedoch teilweise nur schwer einer Disziplin zuzuweisen (vgl. ebd.: 10). Das europäische Modell dieser Aneignung wird in der Soziologie als Modernisierung beschrieben, das im Verlauf der europäischen Expansion zum globalen Muster der gesellschaftlichen Entwicklung geworden ist. Während sich nun die Stammdisziplin seit ihrem Bestehen mit den Prozessen, der Entwicklung und später mit der Struktur dieses europäischen Modells in den Industriegesellschaften befasst (vgl. BERGER 1988: 224), hat die interdisziplinäre Diskussion der Entwicklungstheorien neben einem starken Praxisbezug auch einen räumlich global gefassten Bezugsrahmen. Sie entstand nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Hintergrund des
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entstehenden Ost-West-Konflikts und der wieder erlangten Souveränität der entkolonialisierten Gebiete in Asien und später in Afrika. So konkurrierten nun weltweit zwei Entwicklungsmodelle miteinander, das europäisch-nordamerikanische Modell der Modernisierung mit dessen Basisinstitutionen 2 der Konkurrenzdemokratie, der kapitalistischen Marktwirtschaft, dem Wohlfahrtsstaat und dem Massenkonsum (vgl. ZAPF 1997: 31) auf der einen Seite, das sozialistische Modell der Sowjetunion und ihrer Blockstaaten mit dem politischen Monopol bei der kommunistischen Partei, einer Planwirtschaft und der staatlich organisierten Umverteilung auf der anderen Seite. Die
Modernisierungstheorie, die in den modernen westlichen Staaten entstand, sollte das eigene Modell theoretisch legitimieren und Grundlage für Entwicklungsstrategien sein, die man den neuen Ländern der „Dritten Welt“ anbieten konnte, um sie von dem sozialistischen Entwicklungsmodell abzuhalten (vgl. MENZEL 1992: 137). Dieter GOETZE (vgl. 1997: 427) formuliert als das Verdienst der wissenschaftlichen Diskussion aber auch den Versuch, alternative Strategien zu entwickeln, die unabhängig von einer Blockzugehörigkeit funktionieren sollen. Der Begriff der Dritten Welt entstand ebenfalls vor diesem Hintergrund und bezog sich anfänglich auf einen dritten Entwicklungsweg zwischen Sozialismus und Kapitalismus, den die blockfreien Staaten in Asien und Afrika beschreiten wollten. Mitte der 60er Jahre kam eine ökonomische Dimension hinzu, da mit der 1. UNCTAD-Konferenz nun die gemeinsame Interessenlage der Entwicklungsländer hinsichtlich ihrer Stellung auf dem Weltmarkt und in dem hier sichtbar werdenden Nord-Süd-Konflikt in den Vordergrund rückte. Julius NYERERE definierte „Dritte Welt“ denn auch als die „Opfer und Ohnmächtigen der Weltwirtschaft“ (vgl. nach NOHLEN / NUSCHELER 1992: 17f.). Der Begriff ist heute nicht mehr unbestritten, da die stark unterschiedlichen Interessen und Entwicklungen in diesen Ländern kaum mehr erlauben, von einer „Dritten Welt“ zu sprechen, und mit der Auflösung des Ostblocks auch der begründende Ost-West-Gegensatz wegfiel (vgl. GOETZE 1997: 428). Als Begriff zur Abgrenzung gegenüber den westlichen Industrieländern, die in der Soziologie als moderne Gesellschaften beschrieben werden, eignet sich daher die Bezeichnung Entwicklungsländer besser. Hier kommen die starken Differenzen dieser Staatengruppe eher zum Ausdruck, und auch wenn dieser Begriff ebenfalls nicht unumstritten ist, wird er doch von den internationalen Institutionen (wie IWF, Weltbank, UN) benutzt. Ich werde daher diesen Begriff für alle ehemaligen Kolonien verwenden, die das westliche Modell der Moderne noch nicht völlig umgesetzt haben und sich gegenwärtig auf unterschiedlichen Entwicklungswegen befinden. Seit dem Ende des Kalten Krieges und wegen der bis heute lediglich begrenzt erfolgreichen Entwicklungspolitik, aber auch völlig
2 Den Begriff dieser Basisinstitutionen leitet ZAPF von den evolutionären Universalien einer Gesellschaft bei PARSONS ab.
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unterschiedlichen Entwicklungen in den verschiedenen Staaten und Regionen ist nach Ulrich MENZEL der Anspruch einer generelle Erklärungen liefernden Theorie der Entwicklung weitestgehend aufgegeben worden (vgl. nach ALTVATER 1997: 79; THIEL 1999: 9f.). Die bisherigen großen Theorien der Entwicklungsdiskussion konnten durch empirische Befunde genauso be- als auch widerlegt werden, was auf ein Erklärungsdefizit hinsichtlich unterschiedlicher Entwicklungen hinweist (vgl. LÜHR / SCHULZ 1997: 8f.). Da die wissenschaftliche Diskussion um den Tourismus aber auch vor dem Hintergrund der
entwicklungstheoretischen Debatte zu sehen ist, soll diese im Folgenden dargestellt werden. Im anschließenden Abschnitt werden darauf aufbauend neue Ansätze in der Entwicklungsdiskussion in Bezug auf die Wirkungen des Tourismus vorgestellt.
2.1.1. Modernisierungs- und Dependenztheorie
Als Gegenentwurf zur sozialistischen Entwicklung wurde aufbauend auf Max WEBERS Modernitätsbegriff in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts für die jungen Entwicklungsstaaten die Modernisierungstheorie 3 begründet (vgl. MENZEL 1991: 23). Hier wird die westliche Modernisierung als global gültiges Interpretationsraster für Entwicklung benutzt (vgl. SCHERRER 1986: 146). Die Soziologie lieferte dafür die theoretischen Grundlagen durch ihre Analyse der Modernisierung der Gesellschaften in Europa. Dieser Prozess wird als eine „Unterscheidung und Abgrenzung gegen die Vergangenheit“ (BERGER 1988: 226) analysiert. Die Tradition, welche bis dahin als gesellschaftsstiftendes Element vorherrschend war, müsse abgeschafft werden, damit die politischen, sozialen und vor allem ökonomischen Kräfte den enormen Wandel der Gesellschaft bewirken können (vgl. ebd.: 226). In der Systemtheorie von Talcott PARSONS wird das Ziel aller gesellschaftlichen Entwicklung als bessere
Anpassungsfähigkeit des Systems an seine Umwelt definiert. Das geschieht durch weitere Unterscheidungen der Gesellschaft in verschiedene Subsysteme, was er „funktionale Differenzierung“ nennt (vgl. PARSONS 1986: 43ff.). Dies lässt sich am besten an der Ausdifferenzierung des ökonomischen Systems, also der Trennung von Politik und Wirtschaft, erkennen. In den funktionalen Subsystemen, die sich nicht auf die Sphären der Politik und Ökonomie beschränken, läuft jeweils ein nach ihrer spezifischen Logik geregelter
Rationalisierungsprozess ab, so dass dort eine Leistungssteigerung erreicht wird. Diese Rationalisierung der einzelnen Bereiche setzt dadurch die immense Dynamik der modernen Gesellschaften frei. (vgl. BERGER 1988: 226f.). Wolfgang ZAPF (vgl. 1997: 32ff.) beschreibt den Ertrag dieser Dynamik als „Freiheit, Wachstum und Wohlfahrt“, was jedoch auch mit den Kosten einer mangelnden Integrationsfähigkeit der sich verselbstständigenden Subsysteme verbunden ist, so dass die
3 Als Vertreter werden von SCHERRER und MENZEL v.a. Walt ROSTOW; bei MENZEL aber u.a. auch Max WEBER, Talcott PARSONS, Samuel EISENSTADT; Reinhard BENDIX genannt. Wolfgang ZAPF zählt auch S. ROKKAN, R. ARON und R. DAHRENDORF hinzu.
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Modernisierung immer das „einheitsstiftende `soziale Band´ zur Disposition“ (BERGER 1988: 224) stellt.
Die Ursachen und Bedingungen für erfolgreiche Entwicklung im Sinne der Modernisierung sind also bei endogenen Faktoren zu finden. Die traditionellen Elemente der Gesellschaft mit ihrem oft irrationalen Charakter werden als Entwicklungshemmnis gesehen. Sie müssen durch Modernisierung der einzelnen Gesellschaftsbereiche überwunden werden (vgl. WOOD 1993: 51), das heißt, die Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft an ihre Umwelt wird erhöht. Die notwendigen
Wandlungsprozesse wurden im kulturellen Bereich als Säkularisierung und Rationalisierung der traditionellen Lebensbereiche, Differenzierung und Verwissenschaftlichung, im politischen Bereich als Institutionalisierung gesellschaftlicher Konflikte, Partizipation und Stärkung der Staatsautorität und im individualpsychologischen Bereich als Empathiesteigerung und Leistungsmotivation analysiert (vgl. MENZEL 1991: 24; NOHLEN / NUSCHELER: 1992: 34). 1960 formulierte Walt ROSTOW ein Fünf-Stadien-Gesetz, nach dem die ökonomische Entwicklung allgemein ablaufe, was derzeit noch weitgehend mit allgemein gesellschaftlichem Fortschritt gleichgesetzt wurde. Dieses Entwicklungsmodell basierte weitgehend auf der soziologischen Analyse der Modernisierung und machte somit die europäisch-nordamerikanische Industrialisierung zur weltweiten Vorlage der wirtschaftlichen Entwicklung. In der politischen Dimension wurde, ebenfalls unter den gesellschaftlichen Voraussetzungen der Moderne, ein ähnliches Phasenmodell der Entwicklung angenommen, dass die Stadien der Staatenbildung, Nationbuilding, Demokratisierung und Umverteilung durchlaufen würde (vgl. ZAPF 1997: 33f.). Die Frage nach den Gründen der Unterentwicklung der Entwicklungsstaaten wurde gar nicht gestellt, da sich diese pauschal noch in den Anfangsstadien der Entwicklung befanden (vgl. MAURER 1992: 32; NOHLEN / NUSCHELER 1992: 35). Strategien für eine nachholende Entwicklung, die auf modernisierungstheoretischen Annahmen basierten, blieben vorerst auch weitgehend auf das Teilgebiet der Ökonomie beschränkt, da angenommen wurde, dass sich in den anderen Teilsystemen, im Zuge des ökonomischen Wachstums und der Industrialisierung, ebenfalls Modernisierungsprozesse in Gang setzen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es auf diesem Gebiet zwei Paradigmen, die Einfluss auf die Entwicklungsstrategien ausübten. Zum einen war das die neoklassische Theorie, die durch die Nutzung der komparativen Kostenvorteile durch private Unternehmer, mit den daraus resultierenden Prinzipien der Internationalen Arbeitsteilung und des Freihandels, welche seit der Gründung der Bretton-Woods-Institutionen 1944 auch die Weltwirtschaftsordnung dominieren, den größtmöglichen
Wohlfahrtsgewinn für alle Beteiligten postuliert (vgl. ALTVATER / MAHNKOPF 1997: 82f.). Zum anderen entstand der Keynesianismus als Entwicklungsstrategie aufgrund der Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise von 1929, als das Exportwachstumsmodell des Freihandels versagt hatte.
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Hier wird im Gegensatz zur neoklassischen Theorie die Selbstregulation der Wirtschaft angezweifelt und daher staatliches Eingreifen in Form von Anreizen zur Erhöhung der Spar- und Investitionsrate empfohlen. Dabei wird eine steigende Ungleichverteilung der Einkommen in Kauf genommen, da die Empfänger mit höheren Einkünften auch ein höheres Sparaufkommen haben 4 . Zudem solle der Staat vor allem in den schwerindustriellen Sektor investieren und durch protektionistische Maßnahmen den Binnenmarkt aufbauen, um die Konzentration auf die Primärgüterproduktion für den Weltmarkt zu überwinden. Nachdem ein moderner industrieller Sektor aufgebaut sei, würde es dann auch zu Durchsickerungseffekten kommen, so dass auch die breite Bevölkerung vom steigenden Wohlstand profitieren würde. Vor allem in Lateinamerika wurde diese Strategie durch eine importsubstituierende Industrialisierung während der 50er und 60er Jahre umgesetzt (vgl. MENZEL 1992: 135f.). Der Tourismus wurde vor dem Hintergrund dieser Annahmen auch als entwicklungspolitisches Instrument gewertet, um zum einen die komparativen Kostenvorteile vieler Entwicklungsländer optimal zu nutzen und zum anderen die Konzentration auf den primären Sektor zu überwinden (vgl. VORLAUFER 1996: 127ff.). In diesem Zusammenhang ist auch die Dualismustheorie zu nennen, die in einem
modernisierungstheoretischen Verständnis von der Existenz eines traditionellen und eines modernen Sektors ausgeht, die relativ unabhängig nebeneinander bestehen. Wobei letzterer im Zuge der Entwicklung den traditionellen Sektor verdrängen würde. In den späteren
Dependenztheorien wird hingegen nicht von einer Homogenisierung der Gesellschaft und Durchsetzung des modernen Sektors ausgegangen, sondern von dem Fortbestehen des Dualismus, da der moderne den traditionellen Sektor benötige (vgl. NOHLEN / NUSCHELER 1992: 42ff.). Als diese Entwicklungsstrategien jedoch keine Wirkung zeigten, sondern sich der Abstand in der Entwicklung zwischen den Industrie- und den Entwicklungsstaaten zunehmend vergrößerte, nahm auch die Kritik an der Modernisierungstheorie zu.
Raul PREBISCH und Hans SINGER stellten noch im Rahmen der Modernisierungstheorien und einer importsubstituierenden Wirtschaftspolitik eine Tendenz der Verschlechterung der
Austauschbeziehungen (Terms of Trade 5 ) fest und zweifelten bereits in den 1950er Jahren den Wohlfahrtsgewinn für die Entwicklungsländer an, den diese durch die Integration in den Weltmarkt erzielen sollten. Paul BARAN und Paul SWEEZY verorteten nun auf der Grundlage der Imperialismustheorien die Ursachen der Unterentwicklung grundsätzlich bei exogenen, außenwirtschaftlichen Faktoren. Als ihre zentrale These
4 Dieses Argument geht auf die U-Hypothese Simon KUZNETS zurück, welche besagt, daß die Ungleichheit der Einkommensverteilung zu Beginn der Industrialisierung stärker wird, in deren Verlauf aber wieder zurück geht (vgl. MENZEL 1992: 135f.).
5 Darunter wird der Quotient verstanden, der sich aus dem Verhältnis zwischen dem Index der Ausfuhrpreise und dem der Einfuhrpreisen bildet (vgl. KLIMA 1995: 674).
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analysierten sie die Ursachen für die mangelnde Dynamik in den Entwicklungsländern als den ständigen Transfer von Surplus der Produktion in die Industrienationen und der unproduktiven Verwendung der verbleibenden Überschüsse. Über dieses Argument der internationalen Ausbeutung gingen Johan GALTUNG und Osvaldo SUNKEL hinaus, indem sie die Struktur des internationalen Systems zum Objekt ihrer Analyse machten. Diese sei von einer Dominanz der Industrieländer auf allen Ebenen des Systems (Politik, Wirtschaft, Militär, Kultur und Kommunikation) geprägt. Die hierarchische Unterteilung des
internationalen Systems in Metropolen und Peripherie würde zu einer strukturellen Deformation in den peripheren Entwicklungsländern führen 6 (vgl. MENZEL 1991: 27f.). In Bezug auf den Tourismus könnte man diesen ebenfalls als Ebene analysieren, auf der die Industrienationen eine dominante Rolle einnehmen.
Aus diesen drei Theoriesträngen entwickelte sich in Lateinamerika ab Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts die Dependenztheorie 7 . Die dichotome Unterscheidung in Tradition und Moderne wurde kritisiert, da sie in Modernisierungsstrategien mündete, die eine unreflektierte Übernahme von Teilen der westlichen, kapitalistischen Industriegesellschaften propagierten. Die aus der Übertragung
resultierende Kombination von traditionellen und modernen Elementen, dem Dualismus, würde zu dem Gegenteil von Entwicklung führen. Die Rolle der Kultur in der Entwicklung wurde so stärker in Betracht gezogen, da traditionelle Kultur nicht mehr pauschal als Entwicklungshemmnis beurteilt, sondern deren Modifizierung als ein Mittel der eigenständigen Entwicklung anerkannt wurde (vgl. WOOD 1993: 52f.). Dennoch ist beiden großen Theorien vorzuwerfen, dass sie sich auf die wirtschaftliche Dimension der Entwicklung konzentrierten und die kulturellen Unterschiede vernachlässigten (vgl. BLISS 1999: 72). Der Streit zwischen den beiden großen Theorien (Modernisierungs- und Dependenztheorie) drehte sich in erster Linie um die Frage, ob die Bedingungen für Entwicklung beziehungsweise die Ursachen der Unterentwicklung vorwiegend endogener oder exogener Natur seien (MAURER 1992: 33). Die Dependenztheoretiker forderten daher auch das völlige Abkoppeln der Entwicklungsländer von dem durch die Industrienationen beherrschten Weltmarkt als Voraussetzung und Mittel für eine erfolgreiche eigenständige Entwicklung. Die Strategie der autozentrierten Entwicklung 8 formulierte Dieter SENGHAAS als Dissoziation für bestimmte Zeit, interne Restrukturierung der Ökonomie und Gesellschaft und regionale Kooperation zwischen den Entwicklungsländern (vgl. nach MENZEL 1992: 145f.). Auf den Tourismus bezogen, würde dies eine Schließung
6 Siehe zu diesem Punkt auch in Kapitel 2.2. die Ausführungen zu Akkulturationstheorien.
7 Die Hauptvertreter werden bei MENZEL in André Gunder FRANK, sowie in Fernando CARDOSO und Enzo FALETTO gesehen. SCHERRER ordnet diese der marxistischen Hauptströmung zu, der er eine fortschrittliche, bürgerliche und nationalistische Strömung gegenüberstellt. Diese wird hier von FURTADO und Osvaldo SUNKEL vertreten.
8 Ein entwicklungsstrategisches Konzept von Samir AMIN.
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gegenüber ausländischen Touristen bedeuten, was Laos, Kambodscha, Vietnam oder Kuba auch lange Zeit als Strategie umsetzten (vgl. VORLAUFER 1996: 22ff.). Da diese Strategie aber in China, Nordkorea oder Albanien auch nicht zu dem erhofften Wohlfahrtsgewinn führte, und die Ostasiatischen Tigerstaaten durch Exportorientierung innerhalb des Weltmarktes sogar eine rasante Industrialisierung vollzogen, gerieten die Dependenciatheorien ebenfalls in einen Erklärungsnotstand (vgl. NOHLEN / NUSCHELER 1992: 45ff.; MENZEL 1992: 147). Die dargestellte Aufteilung der Entwicklungstheorien in diese zwei Paradigmen stellt eine starke Vereinfachung der tatsächlichen Diskussion dar, da sich beide Theorien im Verlauf der Kontroverse in verschiedene Diskussionsstränge aufspalteten, ebenso wie die tatsächlich verfolgten Strategien vor allem in den 70er Jahren meistens Kompromisslösungen zwischen den einzelnen Ansätzen darstellten. Als Hintergrund der Analyse der Auswirkungen des Tourismus auf Entwicklung soll diese grobe Darstellung der großen Theorien aber ausreichen. Auch wenn heute der Anspruch weitgehend aufgegeben wurde, mit einer Theorie
gesellschaftliche Entwicklung generell erklären zu können, enthalten die Modernisierungs- und Dependenztheorie doch brauchbare Bestandteile zur Behandlung der hier gestellten Frage, da der von außen kommende Tourismus, als Teil der Weltmarktbeziehungen, sowohl ein exogener Faktor ist, als auch Wirkungen auf endogene Faktoren wie der sozialen, ökonomischen und kulturellen Subsysteme hat. Im folgenden Kapitel sollen nun aufbauend auf die klassischen Entwicklungsparadigmen neuere Ansätze der Entwicklungstheorie dargestellt werden, welche zur Analyse und Beurteilung des tourismusinduzierten Wandels als aktueller theoretischer Bezugsrahmen verwendet werden können.
2.1.2. Gegenwärtiger Stand der Entwicklungsdiskussion
Seit dem Ende des kalten Krieges, Ende der 80er Jahre, haben sich die globalen Rahmenbedingungen der Entwicklung grundlegend geändert, da das Konkurrenzmodell der westlichen Modernisierung mit dem Scheitern des sozialistischen Entwicklungsweges ausgeschieden ist. Die Einführung der Marktwirtschaft in den vormals sozialistischen Staaten hat zu einem neuen Stadium der Marktexpansion geführt, was gemeinhin als „Globalisierung der Märkte“ beschrieben wird (vgl. EVERS 1997: 213). Außerdem ist mit dem Aufstieg der ostasiatischen Tigerstaaten ein ökonomisches Modell der nachholenden Entwicklung vollzogen worden, während weite Teile Afrikas hinsichtlich der Weltwirtschaft weitgehend marginalisiert wurden (vgl. BREDOW / JÄGER / KÜMMEL 1997: 7ff.). Dieser Wandel der realen Rahmenbedingungen hatte auf die Theoriediskussion weitreichende Folgen, da sie sich nun fundamental neu orientieren muss. Ulrich MENZEL (vgl. 1999: 379) stellt das „Scheitern der großen Theorien“ fest, was er mit dem Zerfall des Gegenstandes einer einheitlichen Entwicklung der Ditten Welt, sowie dem Zerfall der Staatlichkeit in einigen dieser Länder begründet. Andere Autoren, wie zum
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Beispiel Franz NUSCHELER (vgl. 1999: 389ff.) konstatieren hingegen die dringliche Notwendigkeit von Entwicklungstheorien, vor dem Hintergrund der neuen Weltlage. Diese müssen aber die erheblichen Differenzen in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anerkennen, und somit den Anspruch aufgeben, Entwicklungen global erklären zu können. Die Entwicklungsdiskussion brachte aus diesem Grund seit her nur neue Theoreme mittlerer Reichweite hervor, nicht jedoch neue umfassende Entwicklungstheorien, welche die entstandene theoretische Lücke schließen könnten.
Neben dem Streit über das richtige Entwicklungsmodell für eine nachholende Industrialisierung wurde dieses Entwicklungsziel nun auch grundsätzlich in Frage gestellt und auf der UN-Konferenz in Rio de Janeiro 1992 das Entwicklungskonzept der nachhaltigen Entwicklung als globales Entwicklungsziel formuliert. Dieses basiert auf der Erkenntnis der Endlichkeit der natürlichen Ressourcen und empfiehlt daher eine ausgewogene Entwicklung, die in sozialer, ökonomischer und ökologischer Hinsicht die Lebensfähigkeit der zukünftigen Generationen nicht beeinträchtigen darf. Über die Frage, wie eine derartige Entwicklung eingeleitet werden kann, besteht jedoch ebenso wenig Konsens wie zuvor über das richtige Entwicklungsmodell. Modernisierungskritische Autoren heben die Unvereinbarkeit der auf Wachstum basierenden westlichen Modernisierung mit ihrem enormen Ressourcenverbrauch und dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung hervor, während
Modernisierungstheoretiker das Modell der westlichen, modernen Gesellschaft aufgrund seiner Innovationsfähigkeit am ehesten für geeignet halten, eine nachhaltige Entwicklung zu vollziehen (vgl. KOPFMÜLLER 1996: 125ff.).
Im Folgenden werden nun verschiedene theoretische Ansätze der neueren Diskussion vorgestellt, um dennoch einen erweiterten analytischen Rahmen zur Seite zu haben, der jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit der gegenwärtigen Diskussionslage erhebt. Damit sollen dann im 6. Kapitel die Wirkungen des Tourismus auf die Entwicklung als Modernisierungsfördernd oder als verstärkte Abhängigkeit und
Fehlentwicklung interpretiert werden. Analog zum vorherigen Abschnitt möchte ich vorerst auf die weiterentwickelten Modernisierungstheorien eingehen. Wolfgang ZAPF (vgl. 1997: 36ff.) betont nach wie vor die starke Erklärungskraft der Modernisierungstheorien, die durch den Zusatz der Innovationstheorie erweitert werden müssen, um zu einem Verständnis unregelmäßiger und unterschiedlicher Entwicklungen zu kommen. Innovationen sind demnach wichtiger Bestandteil für eine erfolgreiche Modernisierung, womit durch ihr Ausbleiben auch fehlende Entwicklung oder Unterentwicklung erklärt wird. Nachholende Entwicklung im Sinne der Modernisierung kann nur zu dem Ziel der Übernahme der modernen Basisinstitutionen führen, wenn sie nicht auf reiner Imitation westlicher Strukturen und Prozesse beruht,
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sondern auch durch eigene Innovationen und Nacherfindungen getragen wird. Diese Innovationen müssen sich allerdings gegen den Widerstand träger, komplexer Systeme wehren, die auf etablierten Interessen und kollektiven Normensystemen basieren, weshalb nachholende
Modernisierung immer einen längeren Prozess darstellt. Des Weiteren bewirken Innovationen auch immer nicht-intendierte Folgen, die zu berücksichtigen sind, da Entwicklung somit immer einen kontingenten Prozess darstellt. Die Frage, inwieweit diese Modernisierung durch eigene Innovationen zum gewünschten Erfolg einer besseren Anpassungsfähigkeit an die Systemumwelt führt, ist nach dem Theorem der moving targets aber auch von exogenen Faktoren abhängig, da sich die Systemumwelt ebenfalls ständig verändert. Dennoch ist Entwicklung primär durch endogene Bedingungen begründet.
Die Vorstellung einer linearen Entwicklung von Gesellschaften, welche dabei notwendig aufeinander folgende Stadien durchlaufen, wird hier also nun weitgehend aufgegeben, während die Wirkungen exogener Bedingungen für den Entwicklungsprozess auch anerkannt werden. Dennoch hält ZAPF die daraus abgeleitete Strategie einer „weitergehenden Modernisierung“, basierend auf der Innovationsfähigkeit der vier Basisinstitutionen, für alternativlos und daher für das geeignetste Konzept, die gegenwärtigen, zum Teil aus der Modernisierung resultierenden Probleme im Sinne der Nachhaltigkeit zu lösen. Sein Fazit der gegenwärtigen Diskussionslage postuliert daher lediglich mehrere Entwicklungswege hin zu dem alternativlosen Entwicklungsziel der modernen Gesellschaft, deren Basisinstitutionen allerdings in
verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Ausprägungen erhalten können (ebd.: 38f.).
Eine derartig erweiterte Modernisierungstheorie würde daher eine Tourismusentwicklung propagieren, die sich neben der
Nachfrageorientierung der westlichen Tourismusmärkte (also der Imitation der Entwicklung europäischer Reiseziele) auch an den spezifischen regionalen Bedingungen der gesellschaftlichen Subsysteme ausrichtet, um durch Innovationen eine angepasste Tourismusentwicklung voranzutreiben.
Da der Tourismus als gesellschaftliches Phänomen neben dem Kulturkontakt in erster Linie eine ökonomische Branche darstellt und daher Tourismuspromotoren, welche sich auf modernisierungstheoretische Annahmen berufen, immer seine wirtschaftsfördernden Wirkungen betonen (vgl. MAURER 1992: 54), folgen nun auch ökonomische Ansätze aus der Entwicklungsdiskussion.
Als neue Spielart der Modernisierungstheorie sieht Reinold THIEL (vgl. 1999: 12) die Renaissance der neoklassischen Theorie des Freihandels, die seit den frühen 80er Jahren die weltweit verfolgten
Entwicklungsstrategien dominiert. Gründe für die Wiederkehr des alten
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entwicklungsökonomischen Paradigmas sieht MENZEL (vgl. 1991: 42) in den misslungenen importsubstituierenden Entwicklungsmodellen in Lateinamerika sowie in den Erfolgen der exportorientierten Strategien der ostasiatischen Tigerstaaten. Hinzu kam die Verschärfung des Ost-West-Konfliktes in den frühen 80er Jahren, wodurch jede Unterstützung der westlichen Industrienationen für im weitesten Sinne sozialistischen Entwicklungsmodelle zurückgefahren wurde. Schließlich ist das
Alternativmodell der westlichen Modernisierung mit dem Versagen des sozialistischen Entwicklungsweges Ende der 80er Jahre ausgeschieden, was dem neoliberalen Ansatz nochmals weiteren Auftrieb verlieh. Als neues Theorieelement kam das Neofaktorproprotionentheorem von Bela BALASSA hinzu, welches auf eine Stärkung der komparativen Kostenvorteile durch technologischen Wandel und vor allem durch eine Verbesserung des Humankapitals 9 hinweist (vgl. ebd.: 42; MENZEL 1992: 152ff.). Das Wissen der Bevölkerung wird hier als dritter Produktionsfaktor neben dem Kapital und der Arbeit betrachtet, welcher sowohl dauerhaftes Wirtschaftswachstum bei wachsendem Humankapital, als auch
fortdauernde Unterentwicklung erklären kann, wenn Investitionen in diesen Produktionsfaktor ausbleiben (vgl. GUNDLACH 1999: 179ff.). Nico STEHR betrachtet Wissen ebenfalls als einen Produktionsfaktor mit wachsender Bedeutung und spricht ihm sogar eine konstitutive Funktion in den modernen Gesellschaften zu. „(...) es kommt eine neue Eigenschaft, das Wissen, hinzu und konkurriert gewissermaßen mit Eigentum und Arbeit als Strukturierungsmechanismen der modernen
Industriegesellschaft“ (STEHR 2000: 55). Er versteht Wissen hier als Handlungsoption und versucht daher „den Modernisierungsprozeß als einen Prozeß der Extension und Rekonfiguration von
Handlungsmöglichkeiten zu begreifen“ (ebd.: 48). Im Hinblick auf den Tourismus würde dieser die Entwicklung nur fördern, wenn seine Erträge direkt in das Humankapital der bereisten Bevölkerung investiert werden, um auf diese Weise deren Handlungsoptionen zu erhöhen. Für die Branche selber hat das Wissen als Produktionsfaktor allerdings eine geringe Bedeutung, da hier ein allgemein niedriges Qualifikationsprofil ausreichend ist. Die Konzentration auf den Tourismus kann daher auch langfristig die Steigerung des Humankapitals behindern, da er nur eine geringe Nachfrage nach Wissen erzeugt. Die analytische Funktion der Neoklassik bleibt allerdings nach wie vor relativ dürftig, da weder die Ursachen der Unterentwicklung gesondert untersucht werden, noch die begangenen Fehler der
Entwicklungsstrategien oder die spezifischen kulturellen Bedingungen einzelner Gesellschaften in die Betrachtung eingehen (vgl. BLISS 1999: 74). Hier wird also nach wie vor von der primären Notwendigkeit des
9 Als Humankapital werden die menschlichen Fähigkeiten (Wissen) bezeichnet, welche durch Bildung verbessert werden können und die im Verwertungsprozess der Arbeit in monetäre Erträge umsetzbar sind (vgl. KRAUSE 1995: 281).
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ökonomischen Wachstums ausgegangen, das auf der Ausnutzung der komparativen Kostenvorteile jeder Volkswirtschaft auf dem Weltmarkt beruht.
Vor dem Hintergrund der mit der Globalisierung der Wirtschaft einhergehenden Lokalisierung ist das Konzept der systemischen Wettbewerbsfähigkeit zu sehen. Hier wird auf die zunehmende Konkurrenz verschiedener Wirtschaftsstandorte abgezielt und daher auf die Ebene einzelner Regionen heruntergegangen. Im Gegensatz zu neoliberalen Politikempfehlungen wird hier davon ausgegangen, dass die Stabilisierung makroökonomischer Rahmenbedingungen für Entwicklung unter den Weltmarktbedingungen nicht ausreicht. Auf der Mikroebene einzelner Unternehmen muss die interne Organisation, sowie Netzwerke zwischen verschiedenen Unternehmen weiter entwickelt werden, um
innovationsfähig und flexibel für sich wandelnde Umweltbedingungen zu sein. Zusätzlich werden noch zwei weitere Ebenen der Meso- und Metaebene eingeführt. Auf der Metaebene sind Prozesse der gesellschaftlichen Strukturbildung notwendig, um die gesellschaftliche Lern- und Anpassungsfähigkeit zu erhöhen. Dazu muss zwischen den autonomen Elementen des Staates, der Wirtschaft und sozialer Akteursgruppen ein reger Dialog möglich sein. Die Mesoebene entspricht den einzelnen Regionen, die ebenfalls eine Institutionsstruktur entwickeln müssen, welche die Kommunikation verschiedener regionaler
Akteursgruppen unterstützt, um so die regionale Lernfähigkeit zu erhöhen (vgl. EßER / HILLEBRAND / MESSNER / MEYER-STAMER 1999: 147ff.). Im Hinblick auf die hier behandelte Fallstudie ist daher zu überprüfen, inwieweit die Region Kullu - Manali systemische Wettbewerbsfähigkeit aufweist und in welchem Maße der Tourismus hierfür einen Beitrag leisten konnte.
Der analytische Gehalt der Dependenztheorie kann ebenfalls erhöht werden, wenn der Fokus auf den Faktor der Systemumwelt aufgegeben wird, um weitere Entwicklungsbedingungen mit in die Betrachtung aufzunehmen. Ich möchte im Folgenden jedoch nur zwei Ansätze aus diesem Spektrum vorstellen, um die Übersichtlichkeit zwischen den entwicklungstheoretischen Paradigmen zu bewahren. Gerhard HAUCK (vgl. 1997: 68) verbindet Ansätze verschiedener Kritiker zu einer erneuerten Dependenztheorie, die Entwicklung aufgrund mehrerer interdependenter (exogener wie indogener) Faktoren erklären will. Das sind zum einen interne Voraussetzungen für eine kapitalistische Entwicklung und zum anderen externe Mechanismen des Werttransfers von den peripheren Regionen in die Zentren. Kapitalistische Entwicklung sei demnach nur aufgrund freier Lohnarbeit sowie frei verfügbarer Produktionsmittel möglich, um die Produktionsfaktoren am effektivsten einsetzen zu können. Auch muss das politische und wirtschaftliche System voneinander getrennt, also ausdifferenziert sein, um Rechtssicherheit für
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das ökonomische Handeln zu gewährleisten. Als externen Faktoren nennt er die Ausbeutung des Subsistenzsektors durch den formalen Sektor, da in Gesellschaften mit dualen Ökonomien die Funktionen des Lohnes teilweise auf die Subsistenzwirtschaft abgeschoben werden, um den komparativen Kostenvorteil niedriger Löhne langfristig zu behalten. Des weiteren findet mit Hilfe nichtmarktförmiger Eingriffe (wie zum Beispiel Marktmonopole, Lizenzen und Patentrechte, Subventionen oder Zölle) in die Weltwirtschaft eine Verlagerung der Wettbewerbsvorteile zugunsten der dominanten Industrienationen statt. Und letztlich gebe es durch das Engagement transnationaler Konzerne aus den Industrienationen in den
Entwicklungsländern einen Werttransfer der Gewinne zurück in die Metropolen. Diese Zusammenfassung verschiedener Ansätze aus dem
Dependenztheoretischen Feld bleibt aber erneut bei einer Konzentration auf ökonomische Bedingungen der Entwicklung stehen und lässt soziokulturelle Rahmenbedingungen, wie auch politische
Institutionalisierung weiterhin außer acht. Vor dem Hinterngrund der ökonomischen Globalisierung soll dennoch der Einfluss dieser
wirtschaftlichen Voraussetzungen und externen Faktoren auf die Entwicklung an dem hier behandelnden Fallbeispiel überprüft werden. Ein umfassenderes Konzept zur Erklärung von Entwicklung und den dafür notwendigen Bedingungen gibt Elmar ALTVATER und Birgit MAHNKOPF (vgl. 1997: 77ff.) mit ihrer Theorie der Globalisierung. Zum einen sei gegenwärtig das Modell der modernen, westlichen Gesellschaft alternativlos, während zum anderen seine Verallgemeinerung mit einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung nicht vereinbar sei. Um diese allgemeine Verunsicherung in der Wissenschaft wie auch der Entwicklungspolitik zu beheben, entwirft er vier theoretische Kategorien. Entwicklung verläuft demnach immer auf gewissen Attraktorbahnen, da ein Gesellschaftsmodell, welches zu einem gegebenen Zeitpunkt und in einem bestimmten territorialen Raum in sich stimmig ist und die Bedürfnisse der Menschen gut erfüllt, Attraktivität auf andere Gesellschaften ausübt. Eine Bedingung für die Attraktivität ist jedoch die relative Exklusivität des Modells, wie gegenwärtig die moderne Gesellschaft mit ihren Basisinstitutionen, die ihre Attraktivität daher schnell verlieren würde, wenn sie global verwirklicht werden würde. Um gesellschaftliche Entwicklung vor Ort (in einem territorialen Raum) voranzutreiben, muss Kohärenz zwischen, sowie in den funktionalen Räumen hergestellt werden. Indem die Grenzen des geographischen Raumes durch politische Institutionen gesetzt werden, können „Störfaktoren der systemischen Kohärenz“ nach außen verlagert werden, weshalb auch die besten Entwicklungserfolge der vergangenen Jahrzehnte in territorial kleinen Räumen erzielt wurden. Im gesellschaftlichen Raum bedeuten kohärente Verhältnisse gesellschaftliche Solidarität, also das
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Vorhandensein von sozialen Bindungen, die auf gemeinsamen Normen basieren. Konkret bedeutet dies die Institutionalisierung von Konflikten und Netzwerke der Zivilgesellschaft, um einen sozialen Konsens (Gesellschaftsvertrag) zu erzielen (ebd.: 55ff.). Da jedoch mit der Globalisierung der ökonomische Raum seiner territorialen Grenzen enthoben wird, können diese Störfaktoren nicht mehr externalisiert werden. Die Kohärenz kann in diesem Raum daher nur durch Anpassung an das durchschnittliche Rentabilitätsniveau des Weltmarktes erreicht werden, was aber in vielen
Entwicklungsgesellschaften für die gesamte Wirtschaft kaum zu erreichen ist. Aus diesem Grund werden hier häufig nur der formelle Sektor der Ökonomie an das Weltmarktniveau angepasst, während andere Sektoren in die Informalität abgedrängt werden. Da die einzelnen Funktionsräume jedoch auch miteinander verbunden sind, zieht die Herstellung von Kohärenz im Wirtschaftsraum meist die Exklusion großer Teile der Gesellschaft von der Entwicklung nach sich 10 (Duale Gesellschaft) (vgl. ALTVATER 1999: 40f.).
Weiterhin wird Entwicklung aber auch von äußeren Restriktionen bestimmt, wie im Wirtschaftsraum der Zwang zur Orientierung an der Weltmarktzinsrate. Für die anderen Funktionsräume bedeuten solche äußeren Restriktionen eine Angleichung an die Niveaus der attraktiven Modelle (wie beispielsweise Produktivität, Arbeitsformen, Löhne, Ausgestaltung des Sozialstaates). Somit muss sich Entwicklung neben den spezifischen Bedingungen der Kohärenz in einem geographischen Raum auch an sehr allgemeinen Regeln global-gesellschaftlicher (in erster Linie ökonomischer) Restriktionen orientieren. Diese äußeren Restriktionen können im Gegensatz zur Herstellung der Kohärenz auf nationalstaatlicher Ebene nicht mehr reguliert werden. Die entwicklungspolitischen Handlungsmöglichkeiten der Entwicklungsländer werden also von den Kräften der Weltwirtschaft konditioniert, die nur von den Industrienationen und den von ihnen dominierten internationalen Wirtschaftsinstitutionen beeinflussbar sind (vgl. ALTVATER / MAHNKOPF 1997: 92ff.; ALTVATER 1999: 42ff.).
Die vierte Kategorie nennt ALTVATER die Interdependenzen zwischen den einzelnen Prozessen der Globalisierung, was an die Aussagen über die Zusammenhänge im Weltsystem der Dependenztheorien anknüpft. Im Gegensatz zu der alten eindimensionalen Theorie geht er jedoch von mehreren sich teilweise zuwiderlaufenden, aber zusammengehörenden Tendenzen der ökonomischen Globalisierung aus. Zum einen finde eine weltweite Vereinheitlichung statt, was sich in erster Linie auf den ökonomischen Bereich bezieht 11 . So kommt es zu vereinheitlichten Preisen
10 Zum Beispiel innerhalb der Gesellschaft ein ungleicher Abbau der Sozialleistungen oder der Verlust von Arbeitsplätzen (vgl. ALTVATER / MAHNKOPF 1997: 50f.).
11 Der kulturelle Bereich wird zwar auch von Vereinheitlichungstendenzen geprägt, was sich zum Beispiel an globalisierten Konsummustern zeigt. ALTVATER stellt jedoch fest, dass eine
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innerhalb einer Branche und zu einer Angleichung der Renditen zwischen verschiedenen Branchen, weshalb die internationalen Institutionen auch vereinheitlichten Regeln der Strukturanpassung folgen, um einzelne Gesellschaften für freies Kapital (wieder) attraktiv zu gestalten. Diese Vereinheitlichung wird durch einen Prozess der Fraktalisierung 12 strukturiert, da sich auf verschiedenen Ebenen der Weltgesellschaft Institutionen und Funktionsabläufe nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit (Fraktale) reproduzieren würden. Diesem Prozess steht die
Fragmentierung und Fraktionierung gegenüber, womit die weiter bestehende und widerkehrende Inkohärenz gesellschaftlicher Strukturen beschrieben wird. Mit Fragmentierung sind hier Prozesse der Vereinzelung mancher Gesellschaften (oder einzelner Segmente) gemeint, die für die Funktionslogik des gesamten Systems überflüssig geworden sind und daher weitgehend ausgeschlossen werden. Fraktionierung bedeutet dagegen die Unterteilung des Weltkapitals in einzelne Fraktionen, welche miteinander konkurrieren und den Kräften des Weltmarktes ausgesetzt sind (vgl. ALTVATER / MAHNKOPF 1997: 94ff.). Wichtig an dieser sehr komplexen Analyse der globalen Entwicklungstendenzen ist der Hinweis, dass diese Prozesse auch umschlagen können. Einzelne Gesellschaften können von einer Fraktion zu einem losen Fragment umschlagen, genauso wie bestehende kohärente Verhältnisse wieder in Unordnung verfallen können oder umgekehrt.
Die empirischen Daten der Fallstudie sind nach dieser Theorie also auf die Kohärenz in den einzelnen Funktionsräumen der untersuchten Region hin zu untersuchen, ebenso wie äußere Restriktionen auf die Entwicklung berücksichtigt werden müssen. Um die Entwicklung Manalis insgesamt einschätzen zu können, sollte diskutiert werden, inwieweit hier eine Tendenz der Fragmentierung oder Fraktionierung überwiegt und welche Prozesse der Fraktalisierung zu beobachten sind.
2.2. Kulturwandel und Akkulturation
2.2.1. Kulturbegriff
In der Modernisierungstheorie wird Kultur als ein Subsystem der Gesellschaft aufgefasst, das im Zuge der Entwicklung - also der Modernisierungder Säkularisierung, Differenzierungs-und
Rationalisierungsprozessen unterliegt und sich so von der Tradition abtrennt (vgl. LÜEM 1985: 35ff.). Unterentwicklung ist daher als Stadium der Kultur aufzufassen, wobei Kultur hier auf Werte- und Normensysteme reduziert verstanden wird. Bei den Dependenztheoretikern wird Tradition
„kulturelle Vereinheitlichung auf Erden (...) trotz Weltmarkt und globaler Medien bis heute nicht erfolgt“ (ders. 1997: 46) ist, da nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung in diese integriert wurde, während der größere Teil davon Ausgeschlossen bleibt.
12 Der Begriff „Fraktalisierung“ weist auch auf die Einfachheit der einzelnen Elemente des Weltsystems hin, während deren Zusammenspiel höchst komplexer Natur ist (vgl. ALTVATER / MAHNKOPF 1997: 106).
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in den Kulturen der Entwicklungsländer hingegen nicht in Gegensatz zu Modernität gesetzt, sondern als ebenso modern, eben als Kehrseite desselben Entwicklungsprozesses. Das Erklärungsdefizit hinsichtlich stark unterschiedlicher Entwicklungen liegt jedoch bei beiden Theorien in der Vernachlässigung der Kultur als Rahmenbedingung im Prozess sozialen Wandels (vgl. WOOD 1993: 53f.). Da der Tourismus jedoch in vielen Fällen einen kulturellen Wandel bewirkt und somit die Rahmenbedingung der gesellschaftlichen Entwicklung verändert, soll hier ein Exkurs über Kulturwandel im Allgemeinen und Akkulturation im Besonderen vorgenommen werden.
In den meisten Studien zu den Auswirkungen des Tourismus auf Kultur und deren Wandel wurden in den letzten beiden Jahrzehnten weiter gefasste Kulturbegriffe verwendet, die oft aus der Kulturanthropologie stammen und in denen Gesellschaft, verstanden als soziale Struktur, nur ein Teilaspekt der Kultur darstellt (vgl. LÜEM 1985: 32f.). Diese hier zu diskutieren würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten 13 , daher möchte ich nur kurz auf generelle Merkmale der so verstandenen Kultur eingehen, um den Begriff für diese Arbeit zu definieren. Ganz allgemein wird Kultur so als die „Art und Weise, wie die Menschen leben und was sie aus sich selbst und ihrer Welt machen“ (MALETZKE 1996: 16), verstanden. Darin sind drei wichtige Aspekte der Kultur enthalten, die in den meisten Definitionen angesprochen werden. „Die Art und Weise, wie die Menschen leben“, bezieht sich auf das Verhalten der Menschen untereinander, also auf deren sozialen Beziehungen und Ausdrucksformen, die durch kulturelle Regeln bestimmt werden. „Was sie aus sich selbst“ machen, impliziert die immaterielle Seite der Kultur in Form von Ideen, Konzepten und Werten, und mit dem Ausdruck „ihrer Welt“ ist die Beziehung der Kultur zu ihrer Umwelt 14 angesprochen, die einem ständigen Anpassungsprozess unterliegt. Das Element der Tradition wird in dieser Definition jedoch gar nicht explizit angesprochen, obwohl es im Prozess des Kulturwandels eine zentrale Stellung einnimmt. Kultur ist aber in der räumlichen und zeitlichen Dimension mit einem bestimmten Raum verbunden, auch wenn dessen Grenzen schwer auszumachen sind, da Kultur ein immaterielles Phänomen darstellt, dass sich in materiellen, messbaren Erscheinungen lediglich äußert. Innerhalb des regionalen Raumes wird Kultur nun von einer Generation an die nächste weitergegeben, wobei sie einem ständigen Wandel unterliegt (vgl. LÜEM 1985: 31f.). WOOD weist hier darauf hin, dass die Definition von traditionellen Kulturelementen ebenfalls einem Wandel unterliegt, und diese somit keine feste Einheit bilden. „...tradition is always symbolically constructed in the present, not a `thing´ handed down from the past“ (WOOD 1993: 58).
13 Zu weiteren Diskussion der Kultur und des Kulturwandels im Zusammenhang mit Tourismus: Roland PLATZ, 1995; Marion THIEM 1994; Thomas LÜEM 1985.
14 Mit Umwelt ist hier im Sinne der Systemtheorie neben der natürlichen Welt auch die Technologie, die ökonomische und politische Organisation und Religion gemeint.
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Im Folgenden sollen nun verschiedene Theorieansätze zum Kulturwandel durch Tourismus kurz vorgestellt werden, um die verschiedenen Aspekte dieses komplexen Phänomens aufzuzeigen.
2.2.2. Kulturwandel
Da sich Kulturen durch ihre fortwährenden Anpassungsprozesse in einem ständigen Wandel befinden, unterscheidet LÜEM (vgl. 1985: 46ff.) nach den Ausgangspunkten der Veränderungen endogenen und exogenen Kulturwandel. Unter endogen verursachtem Wandel werden Innovationen in einem Kulturbereich verstanden, die nicht auf Impulse von außen reagieren, sondern von Kulturträgern initiiert wurden. Demgegenüber beruht exogener Wandel auf Kulturkontakten mit anderen Kulturen, infolgedessen einzelne Kulturelemente übernommen werden, die interdependent auf die anderen Kulturbereiche wirken. Erst wenn die neuen Kulturmuster von einer Mehrheit der Mitglieder übernommen wurden, wird von Kulturwandel gesprochen. Er merkt hierzu an, dass exogener Wandel in allen Kulturen einen größeren Stellenwert hat, da diesen somit die Aufgabe eigener Innovationen in diesem Bereich abgenommen und so die Entwicklung der Kultur beschleunigt wird. In den meisten Kulturen seien daher nur wenige Elemente auf eigene Erfindungen und Neuerungen zurückzuführen, was einer Theorie von nacheinander zu durchlaufenden Kulturstufen widerspricht. Die lokale Partizipation an der Tourismusentwicklung hat nach COHEN (vgl. 1993: 70f.) entscheidenden Einfluss auf die Art des kulturellen Wandels. Er unterscheidet hier zwischen organischer und induzierter Entwicklung der Branche, wobei Erstere von Einheimischen initiiert, also von der lokalen Bevölkerung kontrolliert wird. Unter Letzterer versteht er eine Entwicklung, die in erster Linie auf die Initiative von Unternehmern außerhalb der Region ausgeht, weshalb hier die Einheimischen weniger Einflussmöglichkeiten besitzen. Der kulturelle Wandel ist im zweiten Fall daher ausgeprägter, da er exogen motiviert wird. Ähnlich argumentiert auch Dennison NASH, indem er eine Verbindung zwischen Tourismus und Imperialismus herstellt. Der kulturelle Wandel hängt von der Machtverteilung innerhalb des Tourismus ab, die meist zugunsten der Touristen ausfällt. Wird die touristische Entwicklung aber zusätzlich noch exogen von den nationalen wie internationalen Metropolen induziert, fällt die Orientierung der lokalen Bevölkerung an fremden Werten noch stärker aus (vgl. NASH nach PLATZ 1995: 30).
Den Unterschied zwischen dem ständig ablaufenden und dem durch Tourismus verursachten Kulturwandel sehen Theron NUNEZ und James LETT ebenfalls in den auslösenden Akteuren. „Innovatoren bei langsamen kulturellem Wandel sind die traditionellen Führer, während bei tourismusinduziertem Wandel (...) die sogenannten marginal men die entscheidende Rolle spielen“ (NUNEZ / LETT nach PLATZ 1995: 31). Diese
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marginal men sind Außenseiter oder Randfiguren der Gesellschaft, welche nicht so stark in die kulturellen Werte- und Normensysteme eingebunden sind.
Robert WOOD (vgl. 1993: 51ff.) wendet sich gegen die aus der Modernisierungstheorie stammende Aussage, dass Modernisierung Traditionen abschaffe und daher das Bewahren der Traditionen mit Modernisierung nicht vereinbar sei. Er weist auf verschiedene Fälle hin, in denen der Tourismus zu einer stärkeren Beachtung der Kultur und Wiederbelebung traditioneller Praktiken in der einheimischen Bevölkerung geführt habe. Wenn die eigene Kultur und Traditionen als touristisches Potential erkannt werden, kann dies durchaus sogar zu einer Stärkung der kulturellen Identität führen. Ähnlich argumentiert Michael FLITNER (vgl. 1997: 87ff.), wenn er hervorhebt, dass Tourismus sowohl
modernisierende als auch traditionserhaltende Wirkungen haben kann, wobei die Vorstellung der kulturzerstörenden Wirkung des Tourismus ohnehin nicht unproblematisch ist, da sie eine eurozentrische Denkfigur aus der Zeit der europäischen Expansion mit transportiert. Die Zuschreibung von Tradition, natürlicher Lebensweise oder authentischen Kulturen, welche von den modernen Kulturen Europas zerstört werden, impliziert eine Degradierung zu unterlegenen, verletzlichen und passiven Gesellschaften 15 . „In der Bewunderung eines >Naturvolkes< ist die Verachtung ob seiner Machtlosigkeit schon mitgedacht“ (ebd.: 87).
2.2.3. Akkulturation
Nach der Beschreibung verschiedener Bedingungen und Formen des Kulturwandels im Zusammenhang mit Tourismus soll nun genauer auf den Prozess dieses Wandels eingegangen werden, der in der Literatur meist mit Akkulturation umschrieben wird. Der Begriff geht auf Richard THURNWALD zurück, der 1932 Akkulturation als einen Anpassungsprozess definierte und damit die breitere Diskussion in den Geisteswissenschaften um dieses Phänomen auslöste. Viele Studien zu diesem Thema beziehen sich auf eine Definition von REDFIELD, LINTON und HERSKOVITS, die vier Jahre später eine Definition im „Memorandum for the Study of Acculturation“ festlegten: „Acculturation comprehends those phenomena which result when groups of individuals having different cultures come into continous first-hand contact, with subsequent changes in the original culture patterns of either or both groups“ (REDFIELD / LINTON / HERSKOVITS nach WAHRLICH 1984: 48f.; PLATZ 1995: 50; LÜEM 1985: 49).
Damit handelt es sich bei der Akkulturation immer um einen exogenen Kulturwandel, der nach WAHRLICH durch „ein länger andauerndes Zusammenwirken“ (WAHRLICH 1984: 49) der beteiligten Kulturen
15 In Bezug auf diesen Kritikpunkt hält TIBI die Aussage der Überlegenheit einer industriellen gegenüber einer vorindustriellen Kultur nicht für ein Werturteil, sondern für eine Faktizität (vgl. TIBI nach LÜEM 1985:52f.).
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hervorgerufen wird. Im Gegensatz zu dieser Definition werden aber bei WAHRLICH (1984: 49) und bei PLATZ (1995: 50f.), mit Verweis auf RUDOLPH, auch Wandlungsprozesse als Akkulturation verstanden, die nicht durch einen direkten, zusammenhängenden Kontakt entstehen. Teilweise wird der Begriff auf Phänomene eingeschränkt, die zwischen zwei heterogenen Kulturen auftreten, bei denen eine gegenüber der anderen dominant ist (vgl. PLATZ 1995: 51), oder noch spezieller auf Kulturwandel durch das Einwirken der westlichen Welt auf
Entwicklungsländer 16 (vgl. LÜEM 1985: 52f.). Dieses Verständnis von Akkulturation liegt auch dieser Arbeit zugrunde, da der internationale Tourismus nach Entwicklungsländern als komplexes Phänomen einen derartigen Kulturkontakt darstellt. MAURER (1992: 88) unterscheidet weiterhin noch in passive und aktive Akkulturation, wobei Erstere die Aufnahme von fremden Kulturelementen unter Beibehaltung der grundlegenden Werte- und Normenstrukturen bedeutet. Im zweiten Fall wird ein komplett neues System übernommen, welches das Alte ersetzt. Die Form der Akkulturation, also aktive oder passive, und das Ausmaß des Kulturwandels wird von Rahmenbedingungen des Akkulturationsprozesses bestimmt, wozu LÜEM (vgl. 1985: 54f.) die Kontaktsituation und die Kontaktart zählt. Als Situation werden hier die ökologische Umwelt, die Beziehung der Kultur zur Natur, der Ort des Kontaktes, demographische Merkmale der involvierten Bevölkerung und deren ökonomische Struktur verstanden, was direkten Einfluss auf die Häufigkeit und Intensität der Kontakte hat. Unter Kontaktart werden die Intentionen und Motive, und damit in Zusammenhang die übernommenen sozialen Rollen der beteiligten Kulturträger verstanden. Bei einer Betrachtung der Rahmenbedingungen im Ferntourismus wird nun ersichtlich, dass hier nur bestimmte Ausschnitte der beteiligten Kulturen interagieren. Um diesen Aspekt zu veranschaulichen, hat Marion THIEM (1994: 37ff.) einen Ansatz von JAFARI erweitert und stellt die interkulturelle Interaktion im Ferntourismus in einem Vier-Kulturen-Schema dar. Demnach treten im Tourismus nicht einfach die Kulturen der Herkunftsstaaten und der Zielregionen miteinander in Kontakt, sondern eine Ferienkultur, die sich aus den Kulturen der Industriegesellschaften entwickelt, trifft auf eine Dienstleistungskultur der Einheimischen, welche vom Tourismus betroffen sind. Dieses Konzept berücksichtigt daher sowohl die besonderen Rollen der Touristen während ihrer Reise, als auch das Verhalten der Einheimischen, die aus ökonomischen Gründen versuchen, erwartete Stereotypen und Wunschvorstellungen ihrer Gäste zu erfüllen. Die Größe der einzelnen Kulturen und deren Schnittmengen miteinander stellen die Rahmenbedingungen dar, innerhalb derer es zu Akkulturationsprozessen kommt. Auf den Unterschied der Rollenkonzepte der interagierenden
16 Bei TIBI (nach LÜEM 1985: 52f.) wird Akkulturation im Sinne der Dependenztheorie als kulturimperialistischer Prozess verstanden, der die penetrierten Kulturen deformiert. In dieser Arbeit werden Akkulturationsprozesse jedoch zunächst wertfrei betrachtet, um im Nachhinein Anküpfungspunkte an beide großen Entwicklungstheorien finden zu können.
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Kulturträger zu deren Alltagsrollen zielt auch Heinz-Günter VESTER (vgl. 1997: 68ff.) ab, wenn er die Theorie der Selbstdarstellung im Alltag von Erving GOFFMAN auf die Situation im internationalen Tourismus überträgt. Demnach wird für die Reisenden auf der Vorderbühne der touristischen Situation die Kultur der Einheimischen inszeniert, was auf der Hinterbühne des Alltags der Bereisten mühevoll vorbereitet wird. Die Hinterbühne wird jedoch durch starke Expansion des Tourismus zunehmend von der Vorderbühne beeinflusst, wodurch Elemente der Dienstleistungskultur Eingang in die ursprüngliche Kultur der Zielregion finden (vgl. LUGER 2001: 10f.). Die Hinterbühne stellt aber für die Bevölkerung der Zielregion auch eine Art Schutzzone dar, in die gerade im Ferntourismus von Touristen auf der Suche nach Authentizität oft eingedrungen wird. Erik COHEN (vgl. 1995: 17f.) sieht daher auch in der Aufrechterhaltung dieser Vorder-/ Hinterbühnenunterscheidung ein Instrument zur Bewahrung indigener Kulturen.
Die verschiedenen Teilprozesse, die im Verlauf der Akkulturation vorkommen können, hat LÜEM (vgl. 1985: 63ff.) in Bezug auf den Ferntourismus eingehender untersucht und inhaltlich sowie in der zeitlichen Abfolge gegeneinander abgegrenzt. Der Akkulturationsprozess wird durch die bewusste oder unbewusste Demonstration der kulturellen Differenz von Seiten der Touristen initiiert. Das beginnt bereits bei der bloßen physischen Präsenz und zeigt sich vor allem durch das besondere Rollenverhalten der Reisenden als Träger ihrer Ferienkultur. Das besonders luxuriöse Konsumverhalten und die auf Vergnügen ausgerichteten Aktivitäten verstärken den Abstand zum Alltagsleben der Einheimischen über bereits bestehende ökonomische Ungleichheiten hinaus.
Durch eine Selbstreflexion der Bereisten hinsichtlich ihrer eigenen Situation im Vergleich zu den fremdartigen Lebensstilen ihrer Besucher entsteht ein Demonstrationseffekt, der sich in einem Inferioritätskomplex der bereisten Bevölkerung äußern kann. Nach LÜEM „umfasst der Demonstrationseffekt im Prinzip nur die Bewusstwerdung kultureller Unterschiede bei Einheimischen, impliziert aber noch keine direkten oder indirekten sozio-kulturellen Veränderungen der eigenen Kultur, sondern er bereitet nur das Klima dafür vor“ (ebd.: 68). Sowohl die Demonstration wie auch die daraus resultierenden Effekte beziehen sich jedoch in erster Linie auf äußerliche Kulturelemente, die von dem Verhalten der Touristen ableitbar sind (siehe Abbildung 2.1).
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Abbildung 2.1
Treten als Demonstrationseffekt derartige Unterlegenheitsgefühle auf, wie es im Ferntourismus aufgrund der starken ökonomischen Unterschiede zwischen den beteiligten Individuen häufig vorkommt, versuchen Einheimische durch Imitation der äußerlichen Merkmale und
Verhaltensmuster ihre eigene Position aufzuwerten. Davon sind besonders die Jugendlichen der Zielgebiete betroffen, da sie sich selbst noch in der Sozialisation befinden und die eigenen Kulturelemente noch nicht vollständig internalisiert haben.
Als Imitationseffekte zeigen sich besonders bei Jugendlichen Spannungen aufgrund von Fehlanpassungen zwischen einzelnen Kulturelementen, was auch im Erwachsenenalter als kulturelle Orientierungsschwäche erhalten bleibt. Da diese Imitationen nur von einem Teil der Bevölkerung vorgenommen werden und allgemein oberflächlichen Charakter haben, tritt als Imitationseffekt auch eine Schwächung der kulturellen Homogenität ein.
Eine Steigerung des Imitationseffektes ist der Identifikationseffekt, bei dem nicht mehr nur relativ zufällig einzelne, äußerliche Kulturelemente übernommen werden, sondern eine vollkommene Identifikation mit der überlegenen Kultur erfolgt. Kulturelle Normen und Wertesysteme der eigenen Kultur werden dabei vollständig aufgegeben, weshalb dies den extremsten Effekt der Akkulturation darstellt, der jedoch nur gelegentlich festzustellen ist und nicht dem Tourismus allein angerechnet werden kann.
Neben diesen drei Unterarten von Akkulturationserscheinungen stehen die Akkulturationseffekte, zu denen LÜEM alle sozio-kulturellen Wandlungen zählt, welche nicht durch eine direkte Begegnung mit Trägern anderer Kulturen initiiert werden. Das sind alle Wirkungen auf die Kultur, die nicht direkt von dem Verhalten der Touristen ausgehen, jedoch als Folgen des
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Tourismus gelten, wie beispielsweise Veränderungen der Architektur, oder kommerzielle Aufführungen traditioneller Rituale. Wie in diesem Kapitel deutlich wurde, nimmt der Kulturwandel im Prozess gesellschaftlicher Entwicklung eine zentrale Stellung ein. Die Vernachlässigung der kulturellen Unterschiede verschiedener Gesellschaften wird beiden großen Entwicklungstheorien angelastet und führte zu den erheblichen Erklärungsdefiziten hinsichtlich unterschiedlicher Entwicklungen, trotz ähnlicher ökonomischer Rahmenbedingungen. Daher muss in einer Fallstudie über tourismusinduzierte Wirkungen auf Entwicklung einer Region der Kontaktsituation und -art, sowie der Form des Kulturwandels besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dabei ist zu prüfen, ob der Kulturwandel in einem modernisierungstheoretischen Sinn entwicklungshemmende Traditionen abschafft und zu Modernisierung und Entwicklung der Gesellschaft führt, oder ob durch den exogenen Kulturwandel dependenztheoretisch kulturelle Fehlanpassungen erzeugt werden, die teilweise zur Übernahme der westlichen Kultur führen und in verstärkte Unterentwicklung der Gesellschaft münden. 3. Diskussion der Tourismusfolgen in den Geisteswissenschaften
3.1. Begriffsdefinition des Phänomens Tourismus
Für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Tourismus auf Entwicklung soll nach der theoretischen Diskussion um die Entwicklung und den Kulturwandel das Phänomen des Tourismus näher betrachtet werden. Dazu ist zunächst die Bedeutung des Begriffs des Tourismus zu klären, zu dem es in der wissenschaftlichen Literatur zahlreiche Definitionen gibt (vgl. LANGE 1991: 9). Es handelt sich hierbei um ein sehr komplexes Phänomen, das sich aus vielen Teilkomponenten zusammensetzt, und alle gesellschaftlichen Bereiche (Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Kultur, Ökologie) betrifft (vgl. PLATZ 1995: 3). Nach Hansruedi MÜLLER (1997: 62ff.) lassen sich im Wandel des Tourismusbegriffs auch die strukturellen Veränderungen des Phänomens Tourismus erkennen. So wurde Tourismus in den 1930er Jahren noch weitgehend über dessen wirtschaftliche Funktionen und die
Raumüberwindung definiert. Im folgenden Jahrzehnt definierten HUNZIKER und KRAPF das Phänomen wesentlich umfassender als den „Inbegriff der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt Ortsfremder ergeben, sofern durch den Aufenthalt keine Niederlassung begründet und damit keine Erwerbstätigkeit verbunden wird“ (nach ebd.: 63). Heute berufen sich internationale Organisationen wie die World Tourism Organization (WTO) oder die Internationale Vereinigung wissenschaftlicher Fremdenverkehrsexperten (AIEST) auf eine noch weiter gefasste Definition von KASPAR, in der auch der Geschäfts-und Kongresstourismus enthalten ist: „Fremdenverkehr oder Tourismus ist die Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der
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Aufenthaltsort weder hauptsächlicher und dauernder Wohn- noch Arbeitsort ist“ (nach ebd.: 63; LANGE 1991: 10). Darin sind die beiden konstitutiven Merkmale des Verweilens außerhalb der Alltagswelt und des Ortswechsels enthalten, innerhalb derer sich aber zahlreiche
Erscheinungsformen des Tourismus unterscheiden lassen. Eines der gebräuchlichsten Kriterien zur Abgrenzung verschiedener
Tourismusformen, das auch in den meisten offiziellen Statistiken der nationalen Tourismusbehörden und internationalen
Tourismusorganisationen verwendet wird, ist die Herkunft der Reisenden, womit zwischen grenzüberschreitendem und Binnentourismus differenziert werden kann. In der Begriffsbestimmung der UNO und WTO für internationale (also grenzüberschreitende) Touristen, die den meisten Statistiken zugrunde liegen, werden aufgrund der Aufenthaltsdauer Touristen als Besucher definiert, die sich mindestens für 24 Stunden und nicht länger als ein Jahr in dem bereisten Land aufhalten. Damit wird hier des Weiteren zwischen Touristen und Tagesbesuchern oder Exkursionisten unterschieden (vgl. GRÄBNER, 1999: 5; PAYER 2001: 9f.). In dieser Arbeit wird der internationale Tourismus gemäß der Definition von KASPAR hinsichtlich der zeitlichen Einschränkungen der
internationalen Tourismusorganisationen verstanden. In der Literatur finden sich noch weitere Unterscheidungskriterien, wie die Motive der Touristen, die Beherbergungsform, sozio-demographische Kriterien, die Anzahl der gemeinsam Reisenden oder die benutzten Verkehrsmittel (vgl. MÜLLER, 1997: 64ff.). Da die Auswirkungen des Tourismus in einer bestimmten Region aber sehr stark von den dort vorliegenden Tourismusformen und -arten, beziehungsweise den verschiedenen Touristentypologien abhängen, wird dieser Frage ein eigenes Kapitel gewidmet (siehe Kapitel 3.4).
In den vergangenen Jahrzehnten wurde dem internationalen Tourismus in die Staaten der Dritten Welt besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zum einen scheinen die Auswirkungen dieses außerordentlich komplexen Phänomens auf Gesellschaft und Ökonomie hier noch stärker zu sein als in den Industrienationen. Zum anderen ist über diese Wirkungen eine kontroverse Diskussion entstanden, da der Tourismus als
entwicklungspolitisches Instrument sowohl gepriesen als auch kritisiert wurde. Die Entstehung des Entwicklungsländertourismus, oder auch Ferntourismus, wird im folgenden Abschnitt dargestellt.
3.2. Entwicklung des Ferntourismus
Erdmann GORMSEN (vgl. 1996: 18ff.) hat 1981 ein Schema der Expansion des internationalen Badetourismus, ausgehend von dem europäischen Nachfragemarkt, entwickelt. Darin werden die Zielregionen nach räumlichen und zeitlichen Aspekten in vier verschiedene Peripherien eingeteilt. Der Tourismus erfasste demnach in der zeitlichen Dimension, angefangen von der britischen Aristokratie über das Großbürgertum, die
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oberen Mittelschichten bis zu den breiten Mittel- und Unterschichten alle Bevölkerungssegmente, wobei die Vorreiterrolle in der Erschließung neuer Zielgebiete meist den oberen Schichten zufiel. Die räumliche Expansion begann im 18. Jahrhundert an der Nord- und Ostseeküste, breitete sich seit dem 19. Jahrhundert über die europäischen Mittelmeerregionen aus und erreichte mit der Ausbreitung der zivilen Luftfahrt seit den 1960er Jahren die südlichen Mittelmeeranrainer Nordafrikas und des Nahen Ostens. Der damit beginnende Ferntourismus erschließt seitdem auch die vierte Peripherie in Asien, in der Karibik, Afrika und Südamerika. Neben Europa entstanden seit dem späten 19. Jahrhundert in den USA und Kanada und nach dem Ersten Weltkrieg in Japan weitere Quellgebiete des Ferntourismus. Karl VORLAUFER (vgl. 1996: 19ff.) spricht des weiteren von sekundären Quellgebieten in Australien, sowie seit den 1980er Jahren in den Südostasiatischen Schwellenländern. Er hat das Schema von GORMSEN weiter differenziert, indem er die räumlichen Zonen nach der Entfernung von den Quellgebieten einteilt und für jede zeitliche Phase den Quellgebieten die Zielregionen hinsichtlich ihrer touristischen Erschließung zuordnet. Darin zeigt sich, dass erst in der Phase drei ab 1960 von einem Entwicklungsländertourismus als Massenphänomen gesprochen werden kann, da nun sämtliche Regionen der Dritten Welt von Touristen aus den breiten Mittelschichten der verschiedenen Quellgebiete in steigendem Ausmaß besucht werden. Die Entstehung und die enorme Expansion des Tourismus als Massenphänomen in den Industriestaaten ist eng mit der
Kolonialgeschichte (KRAMER 1998: 21; LUTZ 1992: 236), und der Industrialisierung mit ihren gesellschaftlichen Umwälzungen verbunden (PLATZ 1995: 16). So hat sich der Tourismus in seinen Erscheinungsformen, Motiven und Auswirkungen im Laufe der Zeit auch verändert, da es sich hierbei um eine kulturgeprägte Tätigkeit handelt, die im Zuge des Kulturwandels immer wieder neuen Trends folgt (KRAMER 1998: 20f.; MÜLLENMEISTER 1998: 90ff.), hierzu jedoch mehr in Kapitel
3.2.2.
Insgesamt verzeichnete der internationale Tourismus seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein enormes Wachstum, von 25,3 Mio. Ankünften 1950 über 112,7 Mio. 1965, 284,8 Mio. 1980, auf 537,1 Mio. 1995 (WTO nach VORLAUFER 1996: 8), und sogar 625 Mio. 1998 (WTO 1999: 1). Die Deviseneinnahmen daraus stiegen im selben Zeitraum noch schneller an, so dass der Tourismus 1992 bereits 8,15% des Wertes aller Warenexporte ausmachte und 1991 15,27% des Wertes aller internationalen Dienstleistungen erwirtschaftete (WTO nach VORLAUFER 1996: 8) 17 . Damit stellt der Tourismus weltweit eine der größten
17 Die Daten der internationalen Organisationen wie der World Tourism Organization (WTO) oder des World Travel & Tourism Council (WTTC) sind unterschiedlich genau, da sie von den einzelnen Staaten zur Verfügung gestellt, und mit verschiedenen Methoden erstellt werden. Die Daten der Deviseneinnahmen beruhen oft nur auf Schätzungen, oder dem offiziellen Tausch (vgl. HEß 1997: 155)
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Wirtschaftsbranchen überhaupt dar, in der 1999 mit 197 Mio. Beschäftigten 8,1% aller Arbeitsplätze gelegen haben, und 2002 sogar 211 Mio., oder 8,3% aller Beschäftigten arbeiten werden (WTTC 2001) 18 . Das Wachstum dieser Branche schien bis zur Asienkrise sogar gegenüber weltwirtschaftlichen Rezessionen immun, da die touristische Nachfrage selbst dann kaum nachlässt (vgl. GORMSEN 1996: 11; PLÜSS 1997: 20). Wie in allen anderen Bereichen der Weltwirtschaft dominieren auch hier die Industrienationen Europas und Nordamerikas, der Anteil der Entwicklungsländer an den weltweiten Ankünften stieg jedoch von 10% 1970 auf 28,7% 1996 (WTO nach STOCK 1997: 14), und bei den Deviseneinnahmen erreichten sie 1994 27,8% der weltweiten Tourismusbranche (WTO nach VORLAUFER 1996: 9). Unter den Entwicklungsländern variiert die Bedeutung dieses Sektors jedoch stark, weshalb generelle Aussagen über seine Auswirkungen nur bedingt zulässig sind. Nach Schätzungen des WTTC trägt der Tourismus 2001 in der Karibik beispielsweise 16,5% zum Bruttosozialprodukt bei, stellt 15,5% der Arbeitsplätze und verzeichnet 21,4% der Investitionen. Im Vergleich dazu erwirtschaftet die Branche in Südasien nur 5,2% des BSP, beschäftigt nur 5,9%, und nur 6,4% der Investitionen werden in diesem Bereich getätigt (WTTC 2001). Es gibt also zwischen den einzelnen Regionen und Staaten große Unterschiede, jedoch entwickelte sich der Tourismus auch innerhalb der einzelnen Länder nicht gleichmäßig, sondern konzentriert sich meist auf einzelne Regionen oder Orte mit besonderen touristischen Attraktionen.
In diesen Zielregionen verläuft die Entwicklung des Tourismus aber oft in Anlehnung an ein idealtypisches Schema. Hierfür lassen sich in der Literatur verschiedene Modelle finden, welche das Ausmaß bestimmter Wirkungen des Tourismus mit der Entwicklungsphase des jeweiligen Ortes in Beziehung setzen.
Ein von BUTLER entwickeltes Konzept geht von dem Wachstum der Besucherzahlen entlang einer asymptotischen Kurve aus (siehe Abbildung 3.1). In der Entdeckungsphase entsteht der erste Kontakt zwischen den Bewohnern der Zielregion und ersten Pioniertouristen, der sich die Phase der aktiven Beteiligung anschließt. Die Einheimischen gewöhnen sich jetzt langsam an die fremden Besucher, und beginnen damit, einfache Infrastrukturen für diese aufzubauen. Durch das vermehrte Angebot kommen nun auch mehr Touristen in die Region, und die Kontakte zwischen Bereisten und Reisenden werden zunehmend kommerzialisiert. In dieser Entwicklungsphase richten die Bewohner ihr Leben vermehrt nach der touristischen Nachfrage aus, da mit ihnen eine alternative, gewinnbringend erscheinende Einnahmequelle entsteht. Souvenirläden, Restaurants, die sich auf den Geschmack der Besucher ausrichten, sowie Gästehäuser und erste Hotels entstehen. In der Konsolidierungsphase
18 Diese Daten beziehen sich auf die Tourismuswirtschaft, zu der auch die Zuliefer- und Versorgungsbetriebe gezählt werden, die Güter oder Leistungen für den Tourismus erstellen.
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steigt die Anzahl der Touristen nur noch langsam an, und die Einheimischen sind auf zusätzliche, neu zu schaffende Attraktionen, wie Extremsportarten, angewiesen. In diesem Stadium kommt es oft zu Spannungen zwischen den Bewohnern, welche am Tourismus profitieren und solchen, die nur unter den damit verbundenen Veränderungen zu leiden haben. In der daran anschließenden Stagnationsphase wachsen die Besucherzahlen nicht weiter an und es kommt entweder zu einem Niedergang der größtenteils auf diesen Wirtschaftszweig ausgerichteten Region, oder die Besucherzahlen können auf einem bestimmten Niveau stabilisiert werden, da die Infrastrukturen und Verkehrsanbindungen ausreichend vorhanden sind (vgl. BUTLER 1989: 32ff.). Ein ähnliches Modell der touristischen Phasen findet sich bei Walter FREYER (vgl. 1991: 375), indem sich die einzelnen Phasen auch in erster Linie durch das Ausmaß und den Organisationsgrad des Tourismus beziehungsweise dessen Bedeutung für die Ökonomie und Gesellschaft des Zielgebietes unterscheiden.
Ein einfacheres Schema von Erdmann GORMSEN (vgl. 1996: 21f.) teilt die Tourismusentwicklung in nur drei Stadien, hinsichtlich der daran beteiligten Akteure. Im Stadium A stoßen in erster Linie jüngere Ausländer in das touristisch unerschlossene Gebiet vor und decken ihre Bedürfnisse überwiegend mit dem vorhandenen Angebot. Die lokale Bevölkerung erzielt dadurch ein zusätzliches Einkommen, da sie durch eigene Aktivitäten das Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten, Essen und Attraktionen vermehren. Nun beginnen regionale und nationale Unternehmer in den Tourismus zu investieren, vorausgesetzt, dass der mittelständige Inlandstourismus die Nachfrage nach billiger, aber ausreichender Infrastruktur produziert. Für den internationalen
Massentourismus fehlen in diesem Stadium noch die nötigen Vermittlungsmöglichkeiten, welche durch internationale Unternehmen erst im Stadium C entstehen. Wenn auf nationaler Ebene die nötigen Infrastrukturen, wie internationale Flughäfen und Strassenverbindungen,
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geschaffen wurden, beginnt der Massentourismus mit Großhotels auf internationalem Standard zu entstehen. Die weitere Entwicklung ist nun fast völlig auf Investitionen und das Management der Industriestaaten, sowie deren Besucher angewiesen.
Die Entstehung und Expansion des modernen Ferntourismus wurde von verschiedenen sozialen, kulturellen und ökonomischen Faktoren in den Herkunfts- und Zielländern beeinflusst, und sowohl durch wachsende Nachfrage als auch von steigendem Angebot getragen (vgl. MÜLLER 1997: 93). Das ökonomische Produkt Tourismus wird bei FREYER (vgl. 1991: 130) in verschiedene Teile hinsichtlich der Leistungserstellung am Heimatort, unterwegs und am Urlaubsort unterschieden. Im folgenden Kapitel werden die Ursachen des Wachstums auf der Angebotsseite am Urlaubsort, das heißt in den Entwicklungsländern, dargestellt.
3.2.1. Einflussfaktoren der Angebotsseite in den Gastländern Das Angebot in den Gastländern wird in der Literatur oft noch in das ursprüngliche Angebot, oder touristische Potential, und das abgeleitete Angebot unterteilt. Der erste Bereich umfasst die eigentlichen Attraktionen, die „in ihrem Wesensgehalt keinen direkten Bezug zum Tourismus haben, durch ihre Anziehungskraft auf Touristen jedoch zu touristischen Objekten werden“ (MÜLLER 1997: 104). Damit sind
natürliche Faktoren des Landschaftsbildes, des Klimas sowie der Pflanzen-und Tierwelt gemeint, aber auch der Kultur der bereisten Bevölkerung und deren allgemeiner Infrastruktur. Das abgeleitete Angebot meint demgegenüber die touristische Infrastruktur, zur Befriedigung der spezifischen Bedürfnisse der Touristen, wie etwa Sport- und Unterhaltungseinrichtungen, Tagungszentren, Betreuungs-, Reise- und Informationsdienste oder Wechselstuben. Das Beherbergungs- und Gastgewerbe wird bei MÜLLER aufgrund seiner ausschlaggebenden Stellung im Tourismus als Suprastruktur ebenfalls zu diesem Bereich gezählt.
Die Entwicklungsländer verfügen in den meisten Fällen über ein breites ursprüngliches Angebot, mit einer Vielzahl an Sehenswürdigkeiten im kulturellen und geographischen Bereich, einer abwechslungsreichen Flora und Fauna und oft verschiedensten Ethnien und indigenen Völkern, deren Kulturen für Europäer besonders exotisch erscheinen. Hinzu kommen die oft günstigen klimatischen Bedingungen für Bade- und Freiluftaktivitäten (vgl. MAURER 1992: 51; STOCK 1997: 33). In den 50er und 60er Jahren wurde vor dem Hintergrund der Modernisierungstheorie der internationale Tourismus daher als entwicklungspolitisches Instrument gepriesen (vgl. MAURER 1997: 50ff.). Im Sinne der Theorie der komparativen Kostenvorteile stellt der Tourismus für Entwicklungsländer die ideale Branche dar, um auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen. Mit dem touristischen Potential und der Masse an billigen und gering qualifizierten Arbeitskräften verfügen sie über ausreichendes touristisches Kapital (vgl. DENZLER
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1994: 73f.). Um dies zu nutzen, muss nur in den Bereich des abgeleiteten Angebots investiert werden. Damals war daher die Meinung vorherrschend, dass der Tourismus den Entwicklungsstaaten sowohl die nötigen Arbeitsplätze im formellen Sektor, als auch harte Devisen bringen würde, die für Investitionen in anderen Bereichen dringend benötigt werden (vgl. GLOOR 1991: 61f.). Zusätzlich würde der Tourismus die als entwicklungshemmend betrachteten traditionellen Kulturen modernisieren (vgl. WOOD 1993: 50f.). Mit der aufkommenden Kritik an den sozialen und ökologischen Folgen des Entwicklungsländertourismus wurde die Entwicklungshilfe für Tourismusprojekte von manchen Industriestaaten jedoch zurückgefahren (vgl. MAURER 1997: 50ff.), und manche Entwicklungsländer (zum Beispiel Laos, Vietnam, Burma, Kambodscha, Kuba oder Tanzania) verschlossen sich sogar vollkommen gegenüber ausländischen Touristen (vgl. VORLAUFER 1996: 22ff.). Aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und wachsender Schuldenberge förderten aber viele Regierungen in Entwicklungsländern auch gezielt teure Tourismusprojekte, um den erhofften ökonomischen Nutzen zu erzielen. Seit Ende der 80er Jahre wird diese Entwicklungsstrategie trotz anhaltender Kritik auch wieder vermehrt von den Industriestaaten, internationalen Organisationen und bisher dem Tourismus feindlich gegenüber stehenden Ländern der Dritten Welt verfolgt (vgl. MAURER 1997: 52ff.; VORLAUFER 1996: 22ff.). Durch diese Maßnahmen stieg das Angebot touristisch erschlossener Destinationen in Entwicklungsländern in den vergangenen Jahrzehnten enorm an, wodurch auch der Konkurrenzdruck zwischen den einzelnen Zielgebieten stärker wurde (vgl. STOCK 1997: 35f.). 3.2.2. Boomfaktoren in den Herkunftsländern Die primären Ursachen für das enorme Wachstum des Tourismus im vergangenen Jahrhundert liegen jedoch in erster Linie in den Herkunftsländern. Das sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen und technologische Möglichkeiten, die in der Literatur meist Boomfaktoren des Tourismus genannt werden. Dazu werden in der Regel das Einkommen und der Wohlstand der Bevölkerungsmehrheit, der Urlaub, die Freizeit und der damit verbundene Wertewandel, die Motorisierung und die daraus folgende Mobilität, die Entwicklung des Kommunikationswesens, das Bevölkerungswachstum und die Urbanisierung, sowie die Entstehung einer Tourismusindustrie gezählt (vgl. KRIPPENDORF 1984: 39f.; FREYER 1991: 30f.; MAURER 1992: 50; MÜLLER 1997: 100f.;). Das verfügbare Einkommen der Bevölkerung in den Herkunftsländern ist während der Entstehungsphase des Ferntourismus enorm angestiegen, wodurch sich auch eine Veränderung der Konsumstruktur von Grundbedarfsgütern hin zu Gütern und Leistungen des „freien Bedarfs“ in der Bevölkerung ergeben hat. Damit ist überhaupt die Voraussetzung dafür gegeben, daß große Bevölkerungsteile Geld für Reisen ausgeben können, die nicht der elementaren Bedürfnisbefriedigung dienen. Die
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touristische Konsumquote ist daher auch von 1,7% 1960 auf 4,3% 1990 gestiegen (vgl. FREYER 1991: 30), und hat noch immer eine steigende Tendenz (vgl. MÜLLER 1997: 83).
Während die Menschen also mehr Geld zur freien Verfügung haben, müssen sie dafür weniger arbeiten. Die Wochenarbeitszeiten nahmen von durchschnittlich 48 Stunden (1950) auf 38 Stunden (1990) ab, während die Zahl der freien Tage pro Jahr im selben Zeitraum von 86 auf 165 anstieg (vgl. FREYER 1991: 33). Die Arbeitszufriedenheit nahm allerdings aufgrund zunehmender Standardisierung und Automatisierung der Abläufe und Entfremdung von deren Inhalten bei einem Großteil der Gesellschaft auch ab (vgl. GUGGENBERGER 1998: 172). So verlor die Arbeit als sinnstiftendes Element in den Lebensentwürfen an Bedeutung, und die Gestaltung der Freizeit wurde im Gegenzug wichtiger. Der damit verbundene Wertewandel in den modernen Industrie- beziehungsweise Dienstleistungsgesellschaften, weg von der Arbeitsorientierung hin zur Freizeitorientierung, hat einen enormen Einfluss auf das Reiseverhalten und schafft ständig neue „touristische Verhaltensmuster“ (vgl. KRIPPENDORF 1984: 150ff.; MÜLLER 1997: 100f.). Ebenso wie die Arbeit übt auch das Wohnumfeld in den Industrienationen als Rahmenbedingung Einfluss auf den Tourismus aus. Mit zunehmender Urbanisierung wurden auch die alltäglichen Wohn-und
Lebensbedingungen in den Städten unattraktiver, die von Stress, Lärm, Gestank, Anonymität und Kontaktarmut geprägt sind. Dies führte zu dem Bedürfnis einer räumlichen Verlagerung der Freizeit hin zu natürlicheren Umgebungen, als Gegenwelt zum Alltag der Großstädte. In der gestiegenen Mobilität, ermöglicht durch technologische Fortschritte, findet dieses Verlangen seinen Ausdruck (vgl. MAURER / WETTERICH 1986: 9ff.; FREYER 1991: 34ff.).
Die Grundlage für den Ferntourismus zu immer exotischeren Zielen wurde erst durch die Expansion des Flugverkehrs geschaffen, wobei es sich aber um ein interdependentes Verhältnis handelt, da das wachsende Angebot an Flugreisen auch durch die gestiegene Nachfrage hervorgerufen wurde. Heute sind Fernreisen kein Privileg der Oberklasse mehr, da zum einen der höhere Preis des Flugtickets durch niedrigere Kosten am Zielort für Übernachtung und Verpflegung ausgeglichen werden kann, und zum anderen auch die Flugpreise stark gefallen sind (vgl. GÖßLING 1997: 92f.). Durch die Liberalisierung der Luftfahrt ist der Konkurrenzdruck zwischen den einzelnen Fluggesellschaften angestiegen und hat zu enormen Überkapazitäten geführt, die als Last-minute-Angebote zu Dumpingpreisen angeboten werden (vgl. PLÜSS 1997: 21). Ein anderer Einflussfaktor der Angebotsseite ist die Entstehung einer Tourismusindustrie, welche anfänglich noch durch die steigende Nachfrage bedingt war. Mit deren Aufkommen entstand auch die Pauschalreise als genormtes Massenprodukt, das von der Anreise über die Unterbringung bis zur Besichtigung von Sehenswürdigkeiten alles enthält. Da auch diese
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Industrie an der Ausweitung ihres Umsatzes interessiert ist, trägt sie nicht mehr nur dem gestiegenen Reisebedürfnis Rechnung, sondern erzeugt mit Hilfe von Reiseberichten in den verschiedensten Medien und gezieltem touristischen Marketing in den Quellgebieten des Tourismus auch zusätzliche Reisewünsche und Sehnsüchte (vgl. FREYER 1991: 41; MÜLLER 1997: 101f.).
Die Lebensbedingungen in modernen Gesellschaften, die hier teilweise zu den Boomfaktoren für die Entstehung und das rasante Wachstum des Ferntourismus gezählt wurden, gelten in der wissenschaftlichen Diskussion auch weitgehend als grundsätzliche Ursache und Motivation für das moderne Verreisen. 3.3. Beweggründe und Motive der Touristen Über die Ursachen des Tourismus als Massenphänomen in modernen Gesellschaften finden sich zahlreiche theoretische Ansätze, die oft mit den Erkenntnissen der Motivforschung be- oder widerlegt werden. Viele Studien zu diesem Thema kritisieren jedoch die Aussage- und vor allem Erklärungskraft der in Umfragen geäußerten Motive, da diese nur gesellschaftlich konstruierte Erwartungen und Wünsche reproduzieren würden und so die dahinter liegenden Gründe im Dunkeln lassen (vgl. BERTRAM 1995: 21). Ich werde im Folgenden daher nicht so sehr auf die Motive, sondern mehr auf die verschiedenen in der Literatur diskutierten Erklärungsansätze der gesellschaftlichen Ursachen eingehen, um so zu einem besseren Verständnis des touristischen Handelns in den Zielgebieten zu kommen. Die touristischen Bedürfnisse, Wünsche und daraus resultierenden Aktivitäten, die auch die Wahl des Zielortes und der Reiseform beeinflussen, bewirken auch die Richtung und das Ausmaß des tourismusinduzierten Wandels, da sie die Ferienkultur aus THIEM`s Vier-Kulturen-Schema ausmachen. Die Veränderungen in den Zielgebieten werden daher indirekt über den Tourismus von den gesellschaftlichen Wandlungen der Quellgebiete beeinflusst. Tourismus als ein kulturelles Produkt untersteht in seinen Ursachen wie in seinen Wirkungen also einem ständigen Wandel, weshalb eine monokausale Erklärung dieses Phänomens als menschliches Grundbedürfnis oder natürlicher Wandertrieb keinen Erkenntnisfortschritt erbringt. Oft werden die Gründe in weg-von und hin-zu Motive unterteilt, wobei ein Konsens besteht, dass Erstere eine stärkere Wirkung haben, als Letztere (vgl. BERTRAM 1995: 24). Speziell bei Fernreisen in Entwicklungsländer fallen aber die Hin-zu Motive stärker ins Gewicht, als bei anderen Urlaubsreisen (vgl. MAURER 1992: 49). Einen der wohl am häufigsten genannten weg-von Beweggründe ist die von Hans Magnus ENZENSBERGER 1958 formulierte Fluchtthese (vgl. nach THIEM 1994: 150). Hier wird der Tourismus als massenhafte Fluchtbewegung interpretiert, die in den Versprechungen und Bedingungen der modernen Gesellschaft begründet ist. So hat die Modernisierung den Individuen einerseits ein Freiheitsbewusstsein
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vermittelt, durch fortschreitende Rationalisierung, den Utilitarismus und das Primat der Vernunft das Leben der Menschen aber auch zahlreichen Reglementierungen unterworfen. Dies würde das Bedürfnis nach einem Ausbruch aus den alltäglichen Zwängen der modernen Gesellschaft in eine vormoderne, natürliche und authentische Welt hervorrufen (vgl. BERTRAM 1995: 22f.), was vor allem bei Fernreisen in Entwicklungsländer ein wichtiges Motiv darstellt (vgl. ORLOVIUS / WETZELS 1986: 86f.). Marion THIEM (vgl. 1994: 151f.) hat in dieser Flucht drei gesellschaftliche Funktionen festgestellt, welche als Triebkräfte des Tourismus zu interpretieren sind. Erstens habe der Tourismus einen suspensiven Charakter, da er die Individuen temporär von ihren alltäglichen Zwängen freisetzt. Zweitens dient er der Regeneration und Erholung von diesen Zwängen und dem damit einher gehenden Druck, und drittens hat er kompensative Eigenschaften, indem Defizite und unbefriedigte Bedürfnisse des Alltags teilweise erfüllt werden können. Wegen dieser Eigenschaften wird der Tourismus oft auch als systemerhaltendes Element des Kapitalismus interpretiert, so beispielsweise bei MAURER und WETTERICH: „Der Verzicht auf Freiheit und Lebensqualität in den verschiedenen Bereichen des Alltags wird im Urlaub mit scheinbarer Freiheit honoriert -Freizeit kanalisiert systemstabilisierend die Veränderungswünsche“ (1986: 13). Insofern dient der Tourismus unter den Bedingungen der kapitalistischen Gesellschaft als Herrschaftsinstrument, um systemverändernde Kräfte umzulenken, aber auch um die
Wiederherstellung der Arbeitskraft zu gewährleisten (vgl. ARMANSKI 1986: 35ff.; FREYER 1991: 75). THIEM kritisiert an diesem Ansatz jedoch, dass gesellschaftliche Zwänge auch in einer nicht repressiven Gesellschaft bestehen würden und der Tourismus hier nur als Mittel einer umfassenden Systemkritik benutzt, dadurch jedoch seine Ursachen kaum erklärt werden (vgl. 1994: 154f.). Gleichwohl fällt dessen Entwicklung zu einem Massenphänomen mit der Ausbildung der kapitalistischen, modernen Gesellschaft zusammen (vgl. ARMANSKI 1986: 33f.). In diesem Zusammenhang werden oft noch weitere Bedingungen des Alltagslebens in den touristischen Quellgebieten genannt, wie die Eintönigkeit während der Arbeit und die mit der Modernisierung verbundenen Entfremdung von den verschiedenen Lebensbereichen. So werde das eigentliche Leben aus der Welt der Arbeit und des Wohnens in die der Freizeit und des Urlaubs verdrängt (vgl. MAURER / WETTERICH 1986: 12). Zu diesen psychologisch-sozialen Defiziten kommen die im vorherigen Kapitel genannten ökologischen Umwelteinflüsse hinzu, welche die Sehnsucht nach „unberührten“, „authentischen“ Landschaften und Völkern der Entwicklungsländer entstehen lassen (vgl. FREYER 1991: 76). Diesen weg-von Bedingungen der Alltagswelt in den Quellgebieten stehen die hin-zu Motive gegenüber, die in der Urlaubswelt, als „verkehrte-“ (LUTZ 1992: 233) oder „Gegenwelt“, gesucht werden. Diese besteht aus „Imaginationen von Wünschen und verdeckten Bedürfnissen, die, durchaus alltagsrelevant, erst in der distanzvollen Fremde wirklich
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werden“ (ebd.: 233). Damit zielt LUTZ auf den Mangel an mikrosoziologischen Perspektiven der Tourismusforschung ab, der in der jüngeren Literatur häufig beklagt wird. Ihm zu folge haben „die Träume der Touristen, die sie mit ihren Alpträumen zu Hause versöhnen sollen, eine essentielle Funktion in ihren Biographien und Lebensentwürfen“ (ebd.: 233). Der Inhalt dieser Träume ist, komplementär zu den Beschränkungen des Alltags, meist unter dem Stichwort Freiheit zusammen zu fassen. Da jedoch mit den Routinen und
Reglementierungen, vor allem bei Fernreisen, auch die Orientierungshilfen und sicherheitsstiftenden Elemente in sozialen Situationen wegfallen (vgl. ORLOVIUS / WETZELS 1986: 80ff.), eignen sich die meisten Reisenden in ihrer Touristenrolle neue Routinen und Rituale an. Dennoch sind die Erwartungen an diese Rolle relativ einfach und undifferenziert, was ihren Träger nicht den selben Zwängen wie in den Alltagsrollen unterwirft. Da das Handeln der Touristen wenig Verbindlichkeit einfordert, bietet die Urlaubswelt auch die Gelegenheit, neue Identitäten oder
Darstellungsmuster zu erproben (vgl. GYR 1992: 21). Felizitas ROMEIß-STRACKE (vgl. 1998: 118f.) hält dieses Ausprobieren für einen der Bewegründe des modernen Reisens, da die Menschen in modernen Gesellschaften vor eine wachsende Anzahl von Entscheidungen gestellt werden, die oft weitreichende Konsequenzen für deren Lebensgestaltung beinhalten. In der Gegenwelt des Tourismus können sie sich von den Entscheidungszwängen ihrer Wahlbiographie erholen, aber
Entscheidungen auch unverbindlich testen.
Weitere hin-zu Motive stellen erhoffte Kontrasterlebnisse zu der Monotonie des Alltags dar, wie zum Beispiel das Abenteuer, das viele während ihres Urlaubes suchen. Dabei steht der Reisende, wie bei der Suche nach Freiheit beschrieben, in dem Spannungsfeld zwischen Ungewissheit und Risiko sowie dem Bedürfnis nach Sicherheit. „In einer Welt, die mehr und mehr von einer Sicherheitsdoktrin durchdrungen ist, wird somit der künstlich erzeugte Nervenkitzel zum Bedürfnis“ (BERTRAM 1995: 25). Ähnlich der Suche nach Abenteuern verhält es sich mit der nach natürlichen, unberührten Landschaften und authentischen, vormodernen Lebensweisen der Bewohner in Entwicklungsländern (vgl. ORLOVIUS / WETZELS 1986: 83ff.).
Eng verbunden mit diesen Herausforderungen in und durch die Fremde ist das Bedürfnis nach Selbstbestätigung, was dem Reisen aber bereits seit Jahrhunderten inne wohnt. Heute gestaltet sich dieses Verlangen vor dem Hintergrund der modernen Gesellschaften jedoch anders aus. „Der Tourismus lebt von dem Reiz, `das entfremdete Selbst sozusagen in den schwierigsten Bedingungen (eben in der Fremde) zu finden´“ (HESSE nach BERTRAM 1995: 27).
In Zusammenhang mit dem Ziel der Selbstbestätigung steht das mit einer Fernreise verbundene soziale Prestige, das die Touristen nach ihrer Rückkehr erwerben. Seit der Entstehung des Massentourismus und der damit verbundenen Demokratisierung des Reisens versuchen sich die
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Touristen durch ihre Reise auch vermehrt gegeneinander abzugrenzen. Je weiter entfernt und exotischer das Reiseziel und je abenteuerlicher die Erlebnisse, desto höher ist der zu erlangende Prestigewert der Reise (vgl. ebd.: 27f.). Marion THIEM (vgl. 1994: 155f.) nennt diese Eigenschaft des Tourismus „demonstrativer Erfahrungskonsum“, da sich die Menschen in ihrem Handeln, im Zuge der Modernisierung, zunehmend von außen lenken lassen. In diesem Zusammenhang meint sie damit die zunehmende Orientierung an der Öffentlichkeit und den Mitmenschen, welche in Bezug auf den Tourismus soziales Prestige für außergewöhnliche Erfahrungen verleihen.
Kurt LUGER stellt Ähnliches fest, wenn er von einer „erheblichen Zunahme der Erlebnisorientierung“ (2001: 15) in modernen Gesellschaften schreibt, in deren Verlauf der Erlebniskonsum ins Zentrum der persönlichen Werteskala vordringt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Touristen von einer Vielzahl von Faktoren ihrer Gesellschaften motiviert werden, immer weiter und länger wegzufahren. Meist überwiegen ich-bezogene Motive, wobei sich die Priorität, welche die verschiedenen Gründe für den Einzelnen haben, neben sozio-demographischen Kriterien an deren Lebensstil ausrichtet. Bei der Beurteilung der Entwicklungseffekte des Tourismus sind diese vielfältigen Beweggründe zu bedenken, da sie das Verhalten der Reisenden gegenüber der ortsansässigen Bevölkerung stark prägen.
3.4. Tourismus- und Touristentypologien
In Kapitel 3.1 wurden verschiedene Abgrenzungskriterien im Tourismus bereits erwähnt. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Motivationen, welche die Touristen, beeinflusst durch ihren persönlichen Lebensstil, auf Fernreisen treiben, werden nun verschiedene Touristen- sowie Tourismustypologien vorgestellt. Da die Wirkungen des Tourismus in den Zielgebieten von eigenständigen und von anderen Medien verursachten Wandlungen zu differenzieren sind, ist es wichtig, die in einem gegebenen Tourismusort vorhandenen touristischen Phänomene genauer zu analysieren.
In der Literatur finden sich zwei Arten von Typologien, die sich anhand der sie begründenden Variablen unterscheiden. Zum einen sind das Tourismusarten, die sich nach den Motiven der Reisenden gliedern, und Tourismusformen, welche sich durch äußere Ursachen und Wirkungen unterscheiden (vgl. FREYER 1991: 84; MÜLLER 1997: 64). Bei MÜLLER (vgl. ebd.: 64) werden beide Kriterien zusammengenommen und als touristische Erscheinungsformen behandelt. An diese Tourismusformen und -arten angegliedert werden die Touristen in verschiedene Typen unterteilt. Wichtig ist, darauf hin zu weisen, dass es sich hierbei um Idealtypen handelt und der Einzelfall meist eine Mischform daraus darstellt.
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FREYER (1991: 84) unterteilt Tourismusarten aus der Sicht der Nachfrage in Erholungs-, kulturorientierten, gesellschaftsorientierten, Sport-, wirtschaftsorientierten und politikorientierten Tourismus. Valene SMITH gliedert das Phänomen nach diesem Kriterium hingegen in ethnic-, cultural-, historical-, environmental bis zu recreational tourism, wobei bereits erkennbar wird, wie wenig Konsens in der Wissenschaft über diese Einteilungen herrscht. Interessant ist eine Gliederung von Eric COHEN, bei der auch der Bedeutungsgehalt der Reise für den Touristen mit einbezogen wird, womit die beschriebenen Beweggründe aus dem vorherigen Kapitel wieder sichtbar werden:
- Recreational: Die Erholung von der Berufs- und Alltagswelt Zuhause steht im Vordergrund.
- Diversionary: Die Flucht vor Langeweile und Routine des Alltags.
- Experiential: Hier ist die Suche nach Authentizität im Leben anderer Gesellschaften wichtig, um den Verlust daran zu kompensieren.
- Experimental: Das Experimentieren mit fremden Lebensstilen.
- Existential: Die Aneignung einer neuen Lebensphilosophie aufgrund der Reiseerfahrungen (vgl. ROTBART 1995: 57). Die Unterteilung in verschiedene Tourismusformen nach äußeren Merkmalen ist ebenso wichtig, da hier nicht nur die Ursachen und Motive, sondern bereits verschiedene Verhaltensweisen und diese bedingende Variablen verwendet werden. Zu den Gliederungskriterien werden hier die Zahl der Reiseteilnehmer, das Alter, sozio-demographische Kriterien, die Dauer des Aufenthaltes, die Jahreszeit der Reise, die Beherbergungsform, die verwendeten Verkehrsmittel, die Auswirkung auf die Zahlungsbilanz; die Finanzierungsart und die Art der Reiseorganisation 19 gezählt (vgl. FREYER 1991: 85; Müller 1997: 64ff.). Hinsichtlich der Vielzahl an Tourismusformen und -arten werden die vielen Dimensionen klar, welche dieses gesellschaftliche Phänomen umfassen. Wendet man sich nun auf der Ebene des Individuums den Typologisierungen zu, entdeckt man auch hier einen starken Dissens in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Diese Schwierigkeit, sich auf ein Gliederungsschema und eine Typologie zu einigen, liegt zum einen in den unterschiedlichen Intentionen der Studien, zum anderen im ständigen Wandel, dem der Tourismus und seine Erscheinungsformen unterliegen.
Die ersten Typologien für Touristen waren, ähnlich den Tourismusformen, nur hinsichtlich einer Dimension gegliedert, wie zum Beispiel bei MEYER 1978 nach den sozialen Kontakten der Touristen während ihrer Reise. COHEN konstruierte 1972 eine Typologie nach der touristischen Institutionalisierung oder auch Kommerzialisierung, welche seitdem, vor allem in Bezug auf den sogenannten Alternativtourismus, häufig zitiert
19 Dieses Kriterium ist hervorzuheben, weil hiermit der Pauschaltourismus, der oft mit Massentourismus gleichgesetzt wird, von dem Alternativ- oder Individualtourismus abgegrenzt wird. Diese beiden Formen lassen sich aber mit den anderen Variablen und Tourismusarten noch weiter differenzieren.
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wurde. Die institutionalisiert Reisenden wurden in organized mass tourist und individual mass tourist unterteilt, wobei letztere nur die Unterkunft und den Transport von Reiseunternehmen arrangieren lassen, Touren und Ausflüge aber selber organisieren. Dem gegenüber werden hier die nichtinstitutionalisierten Touristen gestellt, welche sich in explorer und drifter untergliedern. Der explorer-Typ arrangiert zwar seine Reise vollkommen selbstständig, hat aber auch Mindestansprüche an die touristische Infrastruktur, wie relativ komfortable Unterkünfte oder westliche Speisekarten. Der drifter-Typ stellt dem gegenüber noch weniger Ansprüche und versucht sich stärker an die Bedingungen des Gastgeberlandes anzupassen. Er hat ein begrenzteres Budget und eine nicht festgelegte Reiseroute (vgl. nach ROTBART 1995: 55f.), stammt aber meist aus der Mittel- oder Oberschicht und gilt als ideologieverachtend (vgl. SPREITZHOFER 1995: 107). Interessant hinsichtlich der Auswirkungen in den Zielgebieten ist eine viel zitierte und -kritisierte Typologisierung von Valene SMITH nach der Anzahl der Touristen in einem Zielgebiet und deren Anpassungsgrad. Sie baut auf der These auf, dass der Einfluß des Tourismus auf eine Kultur von der Anpassungsfähigkeit der Touristen abhängig ist, was wiederum mit deren Anzahl in Zusammenhang steht. Daher kommt sie zu folgenden Touristentypen
(nach KRIPPENDORF 1984: 59; FREYER 1991: 374; MAURER 1992: 92; SPREITZHOFER 1995: 109)
Kritisiert wurde diese Annahme von MAURER (vgl. 1992: 91) und anderer, da der Grad der Anpassung an örtliche Normen noch nichts über die Art und Häufigkeit der Kontakte zu den Einheimischen aussagt. Sie negiert die
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Möglichkeit eines interkulturellen Kontaktes beinahe, da „bei fast allen Formen des Reisens kaum Interesse an der Lebens- und Alltagskultur der Bereiten“ (ebd.: 91) besteht. Die Wirkungen in den Zielgebieten werden noch von einer Vielzahl intervenierender Faktoren beeinflusst, so dass auch die Anzahl der Touristen noch keinen Aufschluss über die Wirkungen geben kann. Einzeln auftretende Elitetouristen würden teilweise intensivere Wirkungen verursachen als Chartertouristen, die in abgeschlossenen Hotelanlagen verweilen.
Abschließend soll hier auf eine Typenbildung eingegangen werden, welche auf touristischen Rollenkonzepten aufbaut. Reisende eignen sich demnach Touristenrollen an, die an ihre alltägliche Lebenswelt anknüpfen und von tourismusbezogenen Werten und Normen, sowie von dem sozialen Umfeld während der Reise geprägt werden. Diese Rollen beeinflussen die Einstellungen und Handlungen des Touristen sehr stark, indem sie ihm eine Identität verleihen, welche dem „verreisten Individuum“ Orientierung geben, ihn aber auch neuen Zwängen unterstellen (vgl. EDENSOR 2000: 322ff.). ROTBART (vgl. 1995: 57ff.) stellt aber fest, dass auch hier der Trend besteht, während einer Reise verschiedene Rollen zu spielen, was auch dem von ROMEIß-STRACKE konstatierten Bedürfnis entspricht, unverbindlich verschiedene Identitäten auszuprobieren. Um die möglichen Rollen etwas einzuschränken, stellen Andrew YIANNAKIS und Heather GIBSON die verschiedenen Rollen 20 in einen dreidimensionalen Raum. Die hier gewählten Dimensionen entsprechen dem Verhältnis zwischen Stimulating - tranquil environment (Anregenderuhige Umgebung), Strange - familiar environment (Fremde - gewohnte Umgebung) und High structure - low structure environment (Starkwenig strukturierte Umgebung). Dabei gehen sie von der Hypothese aus, dass der Reisende die Rolle wählt, welche hinsichtlich der drei Dimensionen das für ihn ausgewogenste Verhältnis darstellt. Somit werden sie der touristischen Realität eher gerecht, in der eindimensionale Typologien zu kurz greifen. Parallel zu der Ausdifferenzierung verschiedenster Lebensstile zeigen auch die Touristen aus modernen Gesellschaften eine zunehmende Differenzierung, aber auch Vermischung ihrer Bedürfnisse und ihres Verhaltens, sowohl untereinander, aber auch im Verlauf ihrer Biographie, und sogar während einer Reise (vgl. ROTBART 1995: 58ff.).
Die Tourismusarten, Formen und Typen, die in einem bestimmten Zielgebiet vorherrschen beeinflussen die Entwicklung der touristischen Infrastruktur und das bereitgestellte, abgeleitete Angebot in erheblichem Maße. Lange Zeit wurde im Zusammenhang mit Entwicklungsländerreisen vor allem zwischen Pauschaltouristen und Individualtouristen
unterschieden, entwicklungsverzerrenden 20 Die hier verwendeten Rollen enthalten die Typen von COHEN, aber auch noch sieben weitere, wobei alle hinsichtlich der Interessen und Aktivitäten unterschieden werden.
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Pauschaltouristen angelastet wurden. Heute werden aufgrund der allgemein differenzierteren Sicht der Touristentypen auch der sogenannte Alternativtourismus kritisch beurteilt, der auch in der hier untersuchten Berggemeinde dominiert. Im nächsten Abschnitt sollen nun die Wirkungen des Tourismus hinsichtlich der Entwicklung sozialer Strukturen dargestellt werden, welche in der Literatur mit dem Tourismus in Verbindung gebracht werden.
3.5. Auswirkungen des internationalen Tourismus auf die Zielgebiete Um die Auswirkungen des Tourismus auf die Dimensionen der gesellschaftlichen Entwicklung ist in den letzten 40 Jahren eine kontroverse Debatte entbrannt, die auch stark von der
entwicklungstheoretischen Diskussion geprägt war. In den 60er Jahren wurden noch vor allem die wirtschaftlichen Vorteile für die bereisten Länder in der dritten Welt gepriesen, und der Ferntourismus galt als Entwicklungshilfe sowie als Mittel der Völkerverständigung. Nach dieser Euphoriephase kam Anfang der 70er Jahre die Phase der Ernüchterung, da der ökonomische Nutzen meist unter den Erwartungen blieb, und nun auch die negativen Folgen im sozialen und kulturellen Bereich erkennbar wurden. Während der Aktionsphase, seit Mitte der 70er Jahre, kam es durch vermehrte Forschungstätigkeiten und Bildungsprojekte auf diesem Gebiet zu einer Versachlichung der Diskussion, was in der Organisationsphase, ab den 80er Jahren, darin mündete, alternative oder sanftere Formen des Reisens zu entwickeln, um somit die negativen Wirkungen zu minimieren (vgl. MAURER 1992: 139f.; GORMSEN 1996: 28).
3.5.1. Ökonomische Dimension
Da die ökonomischen Strukturen einer Gesellschaft die anderen Bereiche dominieren, werden zu Beginn dieses Abschnitts die wirtschaftlichen Folgeerträge und -kosten vorgestellt, welche in der Literatur diskutiert werden. Dazu gehören die Wirkungen auf die Beschäftigungslage, die Zahlungsbilanz, allgemeine Spinn-off Effekte auf andere
Wirtschaftsbereiche und Investitionen für die Bevölkerung in der Infrastruktur.
Die Beschäftigungseffekte des Tourismus, als eines der wichtigsten Kriterien für viele Regierungen in Entwicklungsstaaten, sind in primäre und sekundäre zu unterteilen. Erstere sind Arbeitsplätze in der eigentlichen Tourismusindustrie, wie in Beherbergungsbetrieben,
Gastronomie, Souvenirläden oder Tourismusagenturen. Zur zweiten Kategorie gehören Jobs in vorgelagerten Sektoren der
Nahrungsmittelproduktion, des Baugewerbes, der Souvenirproduktion oder des Transportgewerbes. Der Tourismus, als arbeitsintensive Branche, produziert daher ungemein viele Arbeitsplätze in dem für Entwicklung
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wichtigen formalen Sektor und zusätzliche im informellen Bereich 21 . Je nachdem, welche Branchen mit einbezogen werden, entstehen pro Hotelbett zwischen 0,8 und 2,0 Arbeitsplätze auf der primären Ebene und weitere 0,5 bis 1,5 auf der sekundären Ebene (vgl. SPREITZHOFER 1995: 47). Dieser Multiplikatoreffekt hängt von verschiedenen Faktoren des speziellen Tourismusgebietes ab. Je nachdem, welche Produkte, Konsumgüter und Dienstleistungen nachgefragt werden und wieviel davon in der regionalen oder nationalen Wirtschaft produziert und geleistet werden kann, fällt die Multiplikatorwirkung höher oder niedriger aus. Des weiteren steigt sie mit dem wachsenden Einkommen der im Tourismus Beschäftigten, da diese nun auch mehr Geld auf dem Binnenmarkt ausgeben können (vgl. VORLAUFER 1996: 142). Im Gegensatz zu alternativen Branchen, wie Industrie oder Landwirtschaft, gilt der Tourismus zusätzlich noch als wenig kapitalintensiv, so dass er für viele Entwicklungsländer die beste Möglichkeit bietet, die vorhandenen Ressourcen auszuschöpfen (vgl. ebd.: 140). Abhängig von der Existenz allgemeiner Infrastruktur und der Art der Unterkünfte kann diese Aussage aber auch disparat ausfallen. So sind die Investitionskosten für einen Arbeitsplatz im Hotelgewerbe nach SPREITZHOFER (vgl. 1995: 48) genauso hoch wie in der verarbeitenden Industrie, jedoch 50 mal höher als im Agrarsektor. Teilweise liegen sie sogar höher als in der verarbeitenden Industrie, was MAURER (vgl. 1986: 51) dadurch begründet, dass oft enorme Vorleistungen im Bereich der Infrastrukturen erforderlich sind, die jedoch meist in der
betriebswirtschaftlichen Rechnung nicht aufgeführt werden. Ein weiteres Kriterium der Arbeitsplätze im Tourismus ist das geringe Qualifikationsniveau, was in Entwicklungsländern mit schlechtem Bildungsstand auch der breiten Bevölkerung Zugangschancen verspricht (vgl. VORLAUFER 1996: 141). Nur für zwei bis zehn Prozent der Arbeitsplätze in der Branche werden Qualifikationen benötigt, was jedoch auch das Lohnniveau und die Aufstiegschancen mindert. So liegen die Löhne des Hotel- und Gastronomiegewerbes weltweit am unteren Ende des Lohnspektrums, während überlange Arbeitszeiten und unsichere Verträge die Regel darstellen. Die besser bezahlten Tätigkeiten im Management oder als Spitzenkoch werden hingegen oft von Ausländern besetzt (vgl. STOCK 1997: 39) und erfordern „außergewöhnliche Ausbildungsanforderungen“, denen meist nur die Oberschicht der Stadtbevölkerung genügt (vgl. MAURER 1992: 59). Positiv angerechnet wurde dem Tourismus oft, dass er vor allem für Frauen Beschäftigungsmöglichkeiten schafft, eben weil nur geringe
Qualifikationsanforderungen gestellt werden. Dieses Thema wird in Abschnitt 3.5.2 jedoch genauer behandelt.
21 Zu diesem Bereich werden zum Beispiel nicht lizenzierte Fremdenführer, Strandhändler, Prostituierte (vgl. GORMSEN 1996: 26) sowie Bettler, Schuhputzer, Künstler, Strassenhändler und nicht Registrierte Taxifahrer gezählt (vgl. DENZLER 1994: 76).
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Ein offensichtlicher Nachteil der Beschäftigung im Tourismus ist die Saisonabhängigkeit. Da die Hauptsaison durch Regenzeiten und kaltes Wetter oft auf nur vier bis sechs Monate beschränkt ist, werden in der Nebensaison zwischen 30% und 76% der Beschäftigten entlassen (vgl. ebd.: 59; GORMSEN 1996: 27). In der übrigen Zeit müssen diese Beschäftigten in anderen Branchen Arbeit finden, zurück in die Landwirtschaft gehen oder den Touristenströmen hinterher reisen, wie es gerade in größeren Staaten, so zum Beispiel in Indien, häufig vorkommt. Völlig unberechenbar sind jedoch Schwankungen der Nachfrage durch Naturkatastrophen, politische oder soziale Unruhen, oder durch neue Reisetrends, wodurch Arbeitsplätze im Tourismus schnell vernichtet werden können (vgl. SPREITZHOFER 1995: 49). Eine weitere Wirkung in diesem Bereich, die seit dem Aufkommen des Massentourismus ebenso kontrovers diskutiert wurde, ist die der Devisenbilanz. Eines der ökonomischen Hauptprobleme der
Entwicklungsländer ist die Devisenknappheit, welche neben dem allgemeinen Kapitalmangel die Fähigkeit zu Importen von
Produktionsmitteln stark mindert. Der Tourismus als Devisenbringer, als ideales Instrument, die Knappheit an, harten ausländischen Währungen zu mindern, ist eines der Hauptargumente für eine Tourismusförderung in Entwicklungsländern (vgl. STOCK 1997: 33). In der
Fremdenverkehrsbilanz werden die Einnahmen aus dem internationalen Tourismus gegenüber den Ausgaben der eigenen Bevölkerung auf Auslandsreisen gestellt, gleichbedeutend den Ex- und Importen der Handelsbilanz. Da in Entwicklungsländern aber nur verschwindend geringe Bevölkerungsteile Auslandsreisen tätigen, verzeichnen sie im Gegensatz zu den anderen Sektoren der Ökonomie hier eine positive Bilanz. Kritiker haben zu diesem Punkt jedoch zwei, wie ich meine, berechtigte Einwände, da dieser Sachverhalt zum einen die Einseitigkeit der Touristenströme von Nord nach Süd darstellt. Wären diese Ströme zwischen beiden Richtungen ausgeglichen, würde diese Bilanz vermutlich ebenfalls negativ für die Entwicklungsländer ausfallen (vgl. MAURER 1992: 55). Zum anderen bleiben in dieser Rechnung die oft erforderlichen Importe aus Industrieländern für Infrastruktur, technische Güter wie Klimaanlagen oder Kraftfahrzeuge und Luxusartikel unberücksichtigt. Daher fließt ein bestimmter Teil der Deviseneinnahmen als sogenannte Sickerrate wieder zurück in die Herkunftsländer der Touristen. Hier gibt es aber zwischen den einzelnen Destinationen erhebliche Unterschiede, je nachdem, wie stark die Wirtschaft diversifiziert und auf Importe angewiesen ist. Ebenso variiert der Importbedarf für Baumaterialien, Sportequipment und Konsumgüter mit der Nachfrage der vorherrschenden touristischen Erscheinungsformen 22 . So kommt VORLAUFER (1996: 136) für viele Entwicklungsländer zu dem Ergebnis, dass trotz der Sickerrate günstigere Nettodeviseneffekte erzielt werden als in alternativen Sektoren. Eine
22 VORLAUFER (vgl. 1996: 136) argumentiert, dass ein „angepaßter Tourismus“, der vorrangig einheimische Produkte, Bauweisen und Transportmittel nachfragt, auch weniger Importe benötigt.
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Studie des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) bestätigt diese Aussage in einem Gutachten von 1992: „Tourismus hat in vielen Ländern zu einer entscheidenden Erleichterung der
Zahlungsbilanzsituation beigetragen“ (DIE nach: OPASCHOWSKI 1996: 51). GORMSEN (vgl. 1996: 24ff.) listet eine Reihe unterschiedlicher Studien zur Höhe der Sickerrate auf, die zu Werten zwischen 70% im Durchschnitt und 20% in Mexiko kommen. Die großen Unterschiede dieser Ergebnisse liegen in erster Linie an den oben genannten Faktoren der Wirtschaftsstruktur und der spezifischen touristischen Nachfrage. Hinzu kommen aber generelle Probleme, den Devisenabfluss statistisch zu messen, sowie die Frage, inwieweit staatliche Investitionen in die Infrastruktur in die Berechnung aufgenommen werden (vgl. DENZLER 1994: 75) Neben diesen beiden zentralen Argumenten, welche von
Tourismuspromotoren in Entwicklungsländern immer angeführt wurden, gibt es noch weitere Effekte auf andere Bereiche der Ökonomie. Wie bereits im Zusammenhang mit den Arbeitsplätzen ausgeführt, hat der Tourismus oft eine diversifizierende Wirkung auf andere
Wirtschaftsbereiche, in denen nicht nur Arbeitsplätze entstehen, sondern auch die Umsätze gesteigert werden (vgl. GORMSEN 1996: 26). Gerade in peripheren Gebieten, die monostrukturell auf Landwirtschaft oder Fischerei ausgerichtet sind, entstehen mit der Entwicklung des Tourismus verschiedene andere Branchen und heben somit das Niveau der gesamten Region (vgl. MAURER 1992: 66). Oft werden in diesem Zusammenhang auch die Infrastrukturmaßnahmen angeführt, da an dem Ausbau des Verkehrsnetzes, Telekommunikation, der Ver- und Entsorgungsstruktur sowie sozialer Einrichtungen wie Krankenhäusern auch die lokale Bevölkerung profitieren würde (vgl. SPREITZHOFER 1995: 52). Tourismuskritiker merken jedoch auch hier an, dass die Wirkungen auch in diesen Bereich oft eher negativ ausfallen und den Bereisten mehr Nachteile bescheren. Kann die tourismusinduzierte Nachfrage von den anderen Bereichen nicht ausreichend gestillt werden, kommt es statt zu einer Diversifikation und Wachstum der Wirtschaft zur Inflation der Preise. Soziale Gegensätze werden verstärkt, da vor allem die unteren Bevölkerungsschichten unter den höheren Konsum-, aber auch Grundstückspreisen zu leiden haben (vgl. VORLAUFER 1996: 143; GORMSEN 1996: 27). Silke MAY meint sogar, dass die Konzentration auf den Dienstleistungssektor „die Entstehung produktiver Verkettungen, (...) als ein ökonomisches Teilziel touristischer Entwicklung“ (nach MAURER 1992: 61) behindert. Traditionelle Sektoren werden teilweise von der lukrativeren Tourismusindustrie verdrängt, und es entwickelt sich eine vollkommen vom Tourismus abhängige Wirtschaftsstruktur (vgl. ebd.: 67). Die touristischen Infrastruktureinrichtungen sind oftmals
ausschließlich auf die Bedürfnisse der ausländischen Besucher zugeschnitten und bringen so der lokalen Bevölkerung kaum Vorteile (vgl. STOCK 1997: 37f.).
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Zusammenfassend lässt sich für den ökonomischen Bereich sagen, dass der Tourismus in einigen Fällen durchaus als Instrument einer nachhaltigen Entwicklung funktionieren kann. Arbeitsplätze können im formellen Sektor geschaffen werden, ein gewisser Devisentransfer in die bereisten Länder findet statt, andere Sektoren können von einer Tourismusentwicklung profitieren, ebenso wie der lokalen Bevölkerung verbesserte Infrastrukturen Vorteile erbringen können. Abhängig von der touristischen Nachfrage, der lokalen und nationalen Wirtschaftsstruktur und der Partizipation der lokalen Bevölkerung können, in vielen Fällen, die Wirkungen auf die Ökonomie des bereisten Landes jedoch auch entwicklungshemmend ausfallen.
3.5.2. Soziale Dimension
Wie in Kapitel 2.2 dargestellt wurde, sind die Wirkungen auf die soziale und kulturelle Ebene eng miteinander verbunden und werden daher meist mit dem Begriff „sozio-kulturelle“ Folgen des Tourismus bezeichnet. Die soziale Dimension soll hier jedoch gesondert von dem kulturellen Bereich untersucht werden, da die Theorien des Kulturwandels nur am Rande Eingang in die Entwicklungsdiskussion fanden. Dabei ist wichtig zu beachten, dass beide Bereiche interdependent verflochten sind und sich Veränderungen der Kultur auf die sozialen Strukturen auswirken, wie auch umgekehrt (vgl. LÜEM 1985: 37f.). Die Wirkungen des Tourismus auf diese Dimensionen der Entwicklung sind wesentlich schwerer zu messen und zu quantifizieren als im ökonomischen Bereich, da hier brauchbare Indikatoren fehlen. In der neueren Literatur wird auch öfters betont, dass der Tourismus nur ein Faktor des Wandels und der Entwicklung ist und daher oft bereits vorhandene Trends nur verstärkt, aber nicht deren alleinige Ursache darstellt. Hinzu kommt die Einzigartigkeit jeder Kultur und der darin enthaltenen Sozialsysteme, weshalb generalisierende Aussagen zu tourismusinduziertem Kulturwandel kaum möglich sind. All dies trägt dazu bei, dass in diesem Bereich noch weniger Konsens vorherrscht und Aussagen meist nur für ein Fallbeispiel gültig sind. Nun sollen zuerst die Folgen auf der Makroebene sozialer Strukturen dargestellt werden, um im zweiten Teil auf die Wandlungen der Mikroebene einzugehen.
Die Wirkungen auf die sozialen Strukturen einer Siedlung sind in erster Linie von der Größe und wirtschaftlichen Ausrichtung abhängig. Da es sich bei dem hier bearbeiteten Fallbeispiel um eine Berggemeinde in einem ländlichen Gebiet mit einer vorwiegend landwirtschaftlichen
Wirtschaftsstruktur handelt, wird hier der Fokus auf kleinere Sozialsysteme gelegt.
Im Verlauf der Tourismusentwicklung kommt es in peripheren Gebieten oft zu Migration von Arbeitskräften. In der Anfangsphase des Tourismus werden die Arbeitsplätze meist noch von der lokalen Bevölkerung belegt.
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Mit zunehmender Expansion zu einem Tourismuszentrum werden aber auch vermehrt Arbeitssuchende aus der Region, anderen Landesteilen und sogar aus anderen Staaten angezogen (vgl. FREYER 1991: 377), da die Beschäftigung im Tourismus oftmals mit guten Löhnen und Prestige verbunden wird. Diese Wanderungserscheinungen sind in erster Linie auf den Tourismus zurückzuführen, werden aber eventuell auch von einer allgemein gestiegenen Mobilität in der Bevölkerung getragen. VORLAUFER (vgl. 1996: 160) stellt bei einem Vergleich verschiedener Tourismusorte in Thailand, Philippinen und Kenya Anteile zwischen 68,6% und 84,6% der Migranten an allen Beschäftigten in der Tourismusbranche fest, was auch meist über dem Durchschnitt anderer Wirtschaftsbereiche liegt. Dadurch kommt es sowohl in den Herkunftsgebieten der Migranten, als auch an dem betreffenden Tourismusort zu Veränderungen der Sozialstruktur. In den peripheren Gebieten, aus denen die Arbeitskräfte abwandern, kann dies zu einer Entlastung der örtlichen Versorgungslage und des Arbeitsmarktes führen, allerdings auch zu Entzugseffekten, wodurch die lokale Nahrungsmittelproduktion häufig zurückgeht. In den Orten des expandierenden Tourismus entstehen im Zuge der Migration Probleme des Wohnungsmangels, der Infrastruktur, bis hin zu Slumbildung und illegaler Landnahme (vgl. ebd.: 159ff.). Oft wird jedoch auch betont, dass gerade der Tourismus in ländlichen Gebieten der Landflucht und Slumbildung in den Großstädten entgegen wirkt, da er besonders den jüngeren Generationen neue Perspektiven eröffnet (vgl. RAO 1998a: 35; VORLAUFER 1996: 161).
Die Zuwanderung von zahlreichen Arbeitskräften und die neuen Beschäftigungsmöglichkeiten im Tourismussektor bewirken jedoch auch eine Veränderung der sozialen Balance in der Bevölkerung. Eine neue soziale Schicht entsteht, welche aufgrund des sozialen Prestigewertes der Beschäftigung in der Branche oft höher angesehen wird als traditionelle Berufe in der Landwirtschaft oder der Fischerei. Neben den Angestellten in Hotels und Restaurants wächst auch eine Gruppe selbstständiger Unternehmer heran, was beides zu Veränderungen der
Eigentumsverhältnisse, Hierarchie- und Machtstrukturen führen kann (vgl. FREYER 1991: 376f.; MAURER 1992: 101). Oft kommen die Eigentümer dieser neuen Tourismusunternehmen aber nicht aus der Region, sondern aus den urbanen Zentren, womit neben den ökonomischen Gewinnen auch die Einflußmöglichkeiten der lokalen Bevölkerung auf die weitere Entwicklung nach Außen verlagert wird (SHARMA 1998: 53ff.). In Pushkar, einem Pilgerort und Tourismuszentrum im Nordwesten Indiens, werden die Probleme nicht den Touristen, an denen ein Großteil der Bevölkerung verdient, sondern den hinzu gezogenen Indern angelastet. „... the division of residents along an insider / outsider axis. The `insiders´ are the long term Brahmin residents while the `outsiders´ are largely Rajputs who have recently moved to Pushkar to conduct commerce or oversee the administrative apparatus“ (JOSEPH / KAVOORI 2001: 1003). Die massive Zuwanderung während der Expansionsphase des Tourismus kann auch zu einem enormen Arbeitskräfteüberschuß führen. Da die
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meisten Beschäftigungen keine besondere Qualifikation erfordern, sind die Arbeitnehmer leicht austauschbar und die Löhne niedrig gehalten (vgl. STOCK 1997: 39f.). Kommt es zusätzlich noch zu Inflation der Preise, werden vor allem die unqualifizierten Arbeitsmigranten und unteren Bevölkerungssegmente hart getroffen (vgl. SHARMA 1998: 57). Die somit wachsende soziale Ungleichheit zeigt sich dann oft an Phänomenen wie Prostitution, Diebstahl, Bettelei und Drogenkonsum (vgl. FREYER 1991: 380).
Im Zuge dieser Verschiebungen in der sozialen Hierarchie werden mancherorts diskriminierte Gruppen und benachteiligte Minderheiten auch aufgewertet, wenn diese besonderes Interesse der Touristen wecken (vgl. PLATZ 1995: 34). In einer Fallstudie über Goa stellt Maria MAYRHOFER (vgl. 1997: 88) fest, dass Mitglieder der untersten Kaste, welche durch den Tourismus neue Einkommensquellen gefunden haben, dessen Auswirkungen wesentlich positiver wahrnehmen als Mitglieder der höheren Kasten, die ihre privilegierte Stellung gefährdet sehen. Auf der Ebene der Familienstruktur werden ebenfalls zahlreiche Veränderungen hervorgerufen oder verstärkt. So verändert sich durch die Migration von Arbeitskräften in die Tourismusorte nicht nur deren Sozialstruktur, sondern es werden oft auch die Familien der Migranten auseinander gerissen, da meist nur junge Menschen Arbeit in der Branche finden. Dadurch wird die Individualisierung der Gesellschaft
vorangetrieben, und die Familie als traditionelles Sozialsystem geht verloren (vgl. MAURER 1986: 19). VORLAUFER (vgl. 1996: 161f.) betont aber auch, dass die Bindungen an den Heimatort oftmals sehr stark ausgeprägt sind, da viele Migranten mit ihren Löhnen auch ihre Familie Zuhause unterstützen.
„Infolge dieser Verflechtungen hat in vielen Tourismusorten nur eine
Die Familienstruktur der lokalen Bevölkerung unterliegt ebenfalls einem Wandel, der durch den Tourismus oftmals verstärkt wird. So kommt es in Tourismusgebieten häufig zu Generationskonflikten, da die Jugendlichen durch ihre Arbeit in der Tourismusbranche häufig mehr verdienen als ihre Eltern in der Landwirtschaft. Hinzu kommen veränderte Lebensstile, die durch den ständigen Kontakt mit westlichen Touristen geprägt werden und mit traditionellen Werten in Konflikt geraten (vgl. FREYER 1991: 376; PLATZ 1995: 37).
Auf die Rolle der Frau wirkt sich die expandierende Tourismusbranche ebenfalls aus. In vielen Entwicklungsländern bekommen Frauen traditionelle Rollen hinsichtlich ihrer reproduktiven Funktion zugewiesen
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und können aufgrund patriarchaler Strukturen und rigider sozialer Kontrollen aus diesen kaum ausbrechen. Auch der Zugang zu Bildung ist oft immer noch sehr ungleich verteilt, weshalb Frauen gegenüber Männern auf dem formellen Arbeitsmarkt stark benachteiligt sind. Allgemeine Verarmungsprozesse und Auflösung familiärer Sozialnetze zwingen jedoch viele, insbesondere die wachsende Zahl alleinerziehender Mütter, zunehmend Beschäftigungen aufzunehmen (vgl. VORLAUFER 1996: 147f.).
In vielen Studien werden nun die Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen in der Tourismusbranche als Möglichkeit zur Emanzipation gewertet (vgl. FREYER 1991: 376). Zum einen könnten sie durch ein unabhängiges Einkommen mehr ökonomische Macht erlangen, zum anderen hätten sie die Möglichkeit, „sich durch die persönliche Begegnung mit den Reisenden von überkommenen Normen und Strukturen“ (MAURER 1998: 21) zu lösen. Der Anteil der Frauen in der Tourismusbranche variiert jedoch unter den Entwicklungsländern stark, weshalb auch hier allzu generalisierende Aussagen nicht zulässig sind. Nach einer Schätzung der EU liegt der Frauenanteil in der Branche in Entwicklungsländern bei 60% (vgl. ebd.: 21), bei VORLAUFER (vgl. 1996: 148f.) werden jedoch wesentlich geringere Zahlen zwischen 12,2% in Sri Lanka und 54% in Thailand angegeben. Ob ihnen dadurch mehr Vorteile entstehen oder traditionelle Abhängigkeiten nur übertragen werden, hängt neben den sozio-kulturellen Hintergründen auch stark von den vorliegenden Tourismusformen undarten ab (vgl. MAURER 1998: 22).
Viele Frauen arbeiten im informellen Bereich der Tourismuswirtschaft bei der Souvenirherstellung, als Strassenverkäuferinnen, in
Privatunterkünften und in der Prostitution (vgl. VORLAUFER 1996: 152). Nina RAO (vgl. 1998b: 167ff.) sieht in diesem Sektor auch Vorteile für Frauen, da sie zum Beispiel bei der Organisation eines privaten Fremdenzimmers über relative Autonomie verfügen, welche sie als Angestellte auf der untersten Stufe in einem Hotel wieder an Männer verlieren. Sie kritisiert daher staatliche Tourismusentwicklungsprojekte, welche Frauen aus dem informellen Sektor verdrängen. Jedoch bleibt in derartigen Privatunterkünften auch die meiste Arbeit den Frauen vorbehalten, während das männliche Familienoberhaupt oft über das hinzu verdiente Einkommen entscheidet.
Beschäftigung im Tourismusgewerbe bedeutet für Frauen daher nicht automatisch auch Emanzipation und Modernisierung ihrer
gesellschaftlichen Rolle. In vielen Fällen werden die bestehenden Geschlechterverhältnisse lediglich auf die neue Branche übertragen. Die Einschätzung des touristischen Einflusses auf die soziale Dimension der Entwicklung muss daher ähnlich ambivalent bleiben wie im ökonomischen Bereich. Soziale Faktoren der Gesellschaft werden im Zuge der Tourismusentwicklung oft modernisiert, wie wachsende Mobilität und
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zunehmende Differenzierung der Bevölkerung oder Emanzipation benachteiligter Gruppen und der Frauen. Oft entstehen jedoch auch neue Probleme der sozialen Ungleichheit, des Zerfalls traditioneller Sozialnetze oder neuer Abhängigkeiten von Investoren aus den urbanen Zentren und dem Ausland.
3.5.3. Kulturelle Dimension
Nachdem in Kapitel 2.2 die Theorien zu kulturellem Wandel und tourismusinduzierter Akkulturation ausführlich behandelt worden sind, sollen nun im Kontext der Wirkungen des Tourismus auf die gesellschaftlichen Subsysteme konkrete Veränderungen der Kultur vorgestellt werden, die in der Literatur diskutiert werden. An dieser Stelle ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass dies exemplarische Wirkungen sind, die in bestimmten Kulturen mit dem Tourismus in Verbindung gebracht wurden, da keine generellen Aussagen über den Verlauf des tourismusinduzierten Kulturwandels möglich sind. Weiterhin ist nicht belegbar, inwieweit der Tourismus diese konkreten Veränderungen bewirkt hat, da Kulturwandel und speziell Modernisierungserscheinungen von einer Vielzahl von Faktoren mitbestimmt werden. Neben dem Tourismus sind hier moderne Massenkommunikationsmittel, ökonomische Unternehmen oder nationale Eliten mit westlicher Bildung zu nennen (vgl. LUTZ 1992: 254f.; THIEM 1994: 59f.; VORLAUFER 1996: 201). Als Imitationseffekte werden häufig Veränderungen im Konsumverhalten der bereisten Bevölkerung, insbesondere bei den Jugendlichen genannt. Westliche Kleidungsstücke und Accessoires, wie Uhren, Baseballmützen oder Sonnenbrillen werden zu begehrten Prestigeobjekten, die eine Gleichstellung mit den wohlhabenden Touristen suggerieren. Popmusik aus den Industrieländern und westliche Masenkonsumgüter entwickeln eine starke Anziehungskraft auf die Jugend der bereisten Region, weshalb oft auch durch die Teilnahme an touristischen Freizeitaktivitäten versucht wird, das Inferioritätsgefühl zu überwinden. Eine Fallstudie aus Goa, Indien, zeigt dies exemplarisch auf: „The college going youth generally interacts with and imitates the foreign tourists in matters of dress, mannerism, use of narcotics and sex promiscuity“ (AFONSO 1994: 94). Diese äußerlichen Merkmale und Verhaltensweisen sind leicht zu imitieren, stellen aber für viele Bewohner in Entwicklungsländern aus Kostengründen unerreichbare Wunschobjekte dar. Um diese neu geschaffenen Bedürfnisse trotzdem befriedigen zu können, greifen manche Einheimische zu kriminellen Methoden oder prostituieren sich, um an dem begehrenswerten Leben der reichen Besucher teilhaben zu können (vgl. LÜEM 1985: 71ff.). Ein Anstieg der Prostitution in Entwicklungsländern wird häufig auch als Verfall der Sitte und Moral mit dem Tourismus in Verbindung gebracht, insbesondere dann, wenn Reiseveranstalter und Tourismuswerbung ein Image von exotischen, unterwürfigen Frauen entwerfen um derartig motivierte Touristen anzuziehen (vgl. FREYER 1991: 380f.; PAYER 2001: 36).
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Im Bereich der Normen und Wertesysteme werden Imitations-, Identifikations- und Akkulturationseffekte genannt, die durch das freizügige Verhalten der Touristen, welche sich von sozialen und kulturellen Zwängen vorübergehend befreien wollen, ausgelöst werden. Aber auch Veränderungen der sozialen Strukturen, Generationenkonflikte und modernisierte Rollenkonzepte der Frau verursachen Spannungen zu traditionellen Moral- und Wertvorstellungen. Besonders in ländlichen Gebieten mit „tief verwurzelten religiösen und sittlichen
Moralvorstellungen“ (FREYER 1991: 379) verletzen der lockere Umgang der Besucher mit Alkohol, Drogen und zwischen den Geschlechtern die Wertesysteme der gastgebenden Gesellschaft (vgl. MAURER 1992: 102). Traditionelle Riten und Bräuche der bereisten Kulturen unterliegen ebenfalls Akkulturationseffekten, die auf die kommerzielle Vermarktung dieser Kulturelemente zurückgeführt werden. Wenn religiöse Rituale und traditionelle Bräuche außerhalb ihres eigentlichen Kontextes in touristischen, rein ökonomisch motivierten Darbietungen vorgeführt werden, geht deren eigentlicher Sinngehalt verloren, weshalb oft von einer Kommerzialisierung der Kultur gesprochen wird. Die Nachfrage nach besonders farbenprächtigen, akrobatischen Tänzen und Riten verändert auch zunehmend deren ursprüngliche Form und Ausgestaltung (vgl. FREYER 1991: 377; MAURER 1992: 102f.; VORLAUFER 1996: 202f.). In diesem Zusammenhang werden jedoch auch gegenteilige Wirkungen berichtet, da der Tourismus den Wert traditioneller Kulturelemente auch bewusst machen und somit zu einer Stärkung der kulturellen Identität beitragen kann (vgl. VORLAUFER 1996: 203). Sonam WANGCHUK berichtet etwa von dem Bergvolk der Ladakhis in Nordindien, das den wahren Wert seines nachhaltigen Lebensstils und seiner traditionellen Kultur erst durch den Tourismus erkannte. „The direct interaction with the people from developed and industrialised world (...), acted as a most educational tool to revive the Ladakhis´ self-confidence and cultural pride“ (WANGCHUK 2000: 1).
Ähnlichen Wandlungen wie den immateriellen Kulturelementen unterliegen auch die materiellen Artefakte des Kunsthandwerks, die aufgrund der massenhaften Nachfrage durch den Tourismus häufig als standardisierte, entfremdete Souvenirkunst verkauft wird. Dabei werden moderne Gebrauchsgegenstände wie Aschenbecher, Briefbeschwerer oder
Geldbeutel mit traditionellen Kunstelementen dekoriert, oft von Kinderarbeitern angefertigt und als landestypische Kunst verkauft. Ebenso wie bei den Ritualen und Bräuchen geht durch diese zweckentfremdete Herstellung der traditionelle Sinngehalt verloren (vgl. MAURER 1992: 103). Auch die Architektur ändert sich mit fortschreitender Entwicklung des Tourismus durch modernere Baustile und Verwendung moderner Baumaterialien weg von traditionellen Bauweisen (FREYER 1991: 378).
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FREYER (ebd.: 378f.) merkt jedoch an, dass der Tourismus einheimische Kunst auch fördert, indem Finanzmittel bereit gestellt werden, um alte Bauwerke und Kunstwerke zu restaurieren und als touristisches Potential zu erhalten.
Die Wirkung des Tourismus auf die kulturelle Dimension der Entwicklung lässt sich ebenso wenig pauschal bewerten wie in der ökonomischen und sozialen Dimension, wobei hier noch die Schwierigkeit hinzu kommt, dass Kulturwandel aus einer Perspektive innerhalb der Kultur bewertet werden sollte, um ethnozentrische Wertungen zu vermeiden. LÜEM (vgl. 1985: 157ff.) hat deshalb vorgeschlagen, den tourismusinduzierten Kulturwandel mit dem Grundbedürfnisansatz zu interpretieren, um einen
kulturunabhängigen Bewertungsmaßstab zu erlangen. Er geht dabei von der Annahme aus, dass nur die Befriedigung der Grundbedürfnisse in einem kulturellen Rahmen erfolgt, diese selber aber kulturunabhängig seien. Führt nun der Kulturwandel zu einem größeren Abstand zwischen den Grundbedürfnisvorstellungen und deren Befriedigung, so ist dieser als entwicklungshemmend und abhängigkeitsfördernd zu bewerten.
Verkleinert sich hingegen das Defizit zwischen der Vorstellung von Grundbedürfnissen und deren Befriedigung, so sei dies als fortschrittliche Entwicklung zu interpretieren. Soweit diese Vorstellungen und der Grad ihrer Erfüllung fest zu stellen ist, erscheint mir diese Methode als geeigneter Ansatz zur Interpretation der entwicklungsrelevanten Wirkungen des Tourismus.
3.5.4. Ökologisch-soziale Dimension
Die ökologischen Folgen der menschlichen Entwicklung sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmend in das Bewusstsein der Menschen und auch in die wissenschaftlichen Debatten um Entwicklung und den wachsenden Tourismus eingedrungen. Einige Zeit galt der Tourismus als weiße Industrie mit geringeren Folgen für die natürliche Umwelt, im Vergleich zu produzierenden Industriezweigen. Durch das rasante Wachstum der Reisebranche, vor allem in die Entwicklungsländer, was mit einer starken Zunahme der Flugreisen einher ging, geriet jedoch auch die Fernreise in die Kritik der Umweltschützer. Hierbei ist anzumerken, dass Entwicklungsländer unabhängig vom Tourismus enormen Umweltproblemen gegenüberstehen, die meist durch soziale Faktoren wie Armut breiter Bevölkerungsteile bedingt sind. Der Tourismus wird daher von einigen Vertretern der Branche als Instrument gesehen, die Umweltproblematik in das Bewusstsein der Bevölkerung zu bringen, und auch um finanzielle Mittel zur Errichtung von Naturreservaten zu erlangen (vgl. DENZLER 1994: 80ff.; SHARMA 1998: 47).
Dennoch werden dem Tourismus die Verschärfung verschiedener Umweltprobleme angelastet, wobei zunächst der Ressourcenverbrauch zu
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nennen ist. In Küstengebieten kommt es zu einer Überfischung durch die gestiegene Nachfrage der Touristen, weshalb lokale Fischer ihre Fischgründe verlieren (vgl. PLEUMAROM 1997: 75). Hotelanlagen benötigen riesige Mengen an Trinkwasser für ihre Swimmingpools, die Gartenbewässerung und den Wasserverbrauch ihrer Gäste, die nicht selten aus den sensiblen Grundwasservorkommen in Strandnähe entnommen werden, wodurch diese versalzen und austrocknen (vgl. ALMEIDA 1997: 89). In Bergregionen werden Wälder abgeholzt, um Baumaterialien für neue Hotelanlagen zu gewinnen (vgl. DAS 2000: 1) und den wachsenden Bedarf an Brennmaterialien zu decken, was zu verstärkter Erosion der Berghänge und Erdrutschen führt (vgl. SHARMA 1998: 50).
Eng damit verbunden ist die massive Landnutzung durch den unkontrollierten Bau touristischer Anlagen, so dass vor allem in der Expansionsphase des Tourismus natürliche Flächen häufig zu stark beansprucht werden (vgl. DAS 2000: 2). Neben dem ökologischen Gleichgewicht gerät auch die traditionelle Nutzung der Landflächen und knappen Ressourcen durch die Bevölkerung für den Fischfang, die Landwirtschaft oder andere Branchen in Konkurrenz mit dem Tourismus. Dies ist leider auch oft bei Naturschutzgebieten der Fall, die im Namen des neuen Trends zum Ökotourismus in zahlreichen Regionen errichtet werden. Stefan DENZLER (vgl. 1994: 79f.) äußert daher die Befürchtung der Entwicklungsländer, durch den Druck internationaler Vorgaben und der Erhaltung des touristischen Potentials zum Naturreservat der Welt zu werden. Die Entwicklung anderer Wirtschaftsbereiche würde durch derartige Nutzungsbeschränkungen stark behindert werden, weshalb er derartige „ökologisch motivierte Fremdbestimmung“ als
„Ökoimperialismus“ bezeichnet.
Weitere Probleme des Tourismus in diesem Bereich sind die enormen Abfallmengen und Abwässer, die nicht selten einfach in natürliche Gewässer abgeleitet werden, da gerade in ländlichen Gebieten ausreichende Recycling- und Kläranlagen fehlen. Durch die zunehmende Verschmutzung und Zerstörung der natürlichen Landschaft untergräbt die Tourismuswirtschaft aber nicht nur den Lebensraum der lokalen Bevölkerung, sondern auch seine eigene Grundlage (vgl. ebd.: 80ff.). Insgesamt lässt sich für diese Dimension festhalten, dass der Tourismus aufgrund der zahlreichen Einwirkungen auf das ökologische System, im Sinne der nachhaltigen Entwicklung, in den meisten Fällen als entwicklungshemmend einzustufen ist. Er trägt allerdings zu einem besseren Umweltbewusstsein in den Entwicklungsländern bei und schafft finanzielle Mittel für ökologische Schutzprojekte, was jedoch wenig gegen die primären Ursachen der ökologischen Probleme hilft, wenn diese in der Armut der Bevölkerung gesehen werden.
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Tourismus als gesellschaftliches Phänomen ist, wie in diesem Kapitel gezeigt wurde, außerordentlich komplex. Er ist als Folge der sozialen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen in den modernen
Gesellschaften der Industrienationen zu sehen, und betrifft in den Zielgebieten der Entwicklungsländer ebenfalls alle gesellschaftlichen Teilbereiche. Der Beitrag des Tourismus zur Entwicklung von Gesellschaften wird in der Wissenschaft heute sehr kontrovers eingeschätzt, und je nach den besonderen Bedingungen eines bestimmten Tourismusortes kann er wirtschaftliches Wachstum und Modernisierung endogener Faktoren einer Gesellschaft bewirken, aber auch zu verstärkter Abhängigkeit und deformierten Entwicklung kultureller und sozialer Strukturen führen.
4. Tourismus und Entwicklung im indischen Himalaya
4.1. Entwicklungsprobleme
Im Folgenden soll nun ein kurzer Überblick über einige
Entwicklungsindikatoren Indiens und speziell der Himalayaregion, in der sich die in dieser Fallstudie behandelte Berggemeinde Manali befindet, gegeben werden, um die Tourismusentwicklung sowie ihre Wirkungen dort im nächsten Kapitel in den Kontext der allgemeinen Entwicklungsprobleme setzen zu können.
Indien wurde als ehemalige Kolonie Großbritanniens 1947 in die Unabhängigkeit entlassen und hat seitdem eine föderale, demokratische Staatsform, unterteilt in 25 Bundesstaaten sowie sieben Unionsterritorien. Wie die meisten ehemaligen Kolonialgebiete zählt auch Indien zu den Entwicklungsländern und steht damit auch im 21. Jahrhundert großen Entwicklungsproblemen gegenüber.
Nach China hat Indien mit 1,027,015,247 Menschen im März 2001 (vgl. CENSUS OF INDIA 2002: 1) die größte Bevölkerung weltweit, wobei jedoch die Geburtenrate seit 1960 von sechs auf drei Kinder pro Frau gesenkt werden konnte. Diesen Prozess fortzusetzen, um die Rate auf 2,1 Geburten pro Frau zu senken, ist auch eines der wichtigsten Entwicklungsziele Indiens (vgl. WELTBANK 2002: 1), da sich Armut und rasantes Bevölkerungswachstum gegenseitig bedingen. Ein Großteil der Bevölkerung (72,22%) lebt in ländlichen Gebieten, was ebenfalls kennzeichnend für viele Entwicklungsländer ist. In Himachal Pradesh, dem Bundesstaat im indischen Himalaya, in dem auch Manali liegt, wohnen sogar 90,21% der Bevölkerung auf dem Land.
Die Bildung der Bevölkerung hat in den letzten zehn Jahren ebenfalls Fortschritte gemacht. So konnte die Alphabetisierungsrate der Personen ab 7 Jahren von 52.21% (1991) auf 65,38% (2001) gehoben werden. Himachal Pradesh verzeichnet hier einen besseren Entwicklungsstand, da hier bereits 1991 63,86% und 2001 sogar 73,36% der Bevölkerung lesen
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und schreiben konnte. Die Qualifikation der Alphabeten lag jedoch 1991 landesweit bei 53,9% unterhalb der Mittelstufe, gegenüber 5,7% mit akademischen Abschluß, und ist damit insgesamt sehr gering. Der Zugang zu Bildung ist innerhalb der Bevölkerung auch immer noch sehr ungleich zwischen den Geschlechtern und zwischen Stadt und Land verteilt. So lag auch 2001 der Unterschied der Alphabetisierungsrate in ganz Indien zwischen Männern und Frauen bei 21,69%. Insgesamt, wie auch in Himachal Pradesh, ist das Bildungsdefizit der Frauen gegenüber den Männern jedoch rückläufig. Im Bundesstaat der Fallstudie ging es von 23,23% (1991) auf 17,94% (2001) zurück, so dass heute dort 86,02% der Männer und 68,08% der Frauen die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben besitzen (vgl. CENSUS OF INDIA 2002: 1). Dies ist umso erstaunlicher, als Himachal Pradesh den höchsten Anteil ländlicher Bevölkerung hat und diese gewöhnlich einen niedrigeren Bildungsstand vorweist (vgl. BHATI / ZINGEL 2002: 4).
Die Lebenserwartung ist nach dem Statistischen Bundesamt von 50,3 Jahren 1970/75 auf 60,4 Jahre 1990/95 gestiegen (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 1995: 33), und liegt nach Angaben der Weltbank 2000 bei 63 Jahren, was ebenfalls als positiver Entwicklungsindikator gesehen wird, da in der Gruppe der Low-Income-Countires (LIC) nur eine durchschnittliche Lebenserwartung von 59 Jahren gegeben ist. Dennoch leben auch heute 433 Mio. Menschen oder 42% der Bevölkerung in Armut, von weniger als einem US$ pro Tag. Mit 450 US$ des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens 2000 (vgl. WELTBANK 2002b: 1) zählt Indien nach der Kategorisierung der Weltbank und der OECD auch zu den Low-Income-Countries (vgl. NOHLEN / NUSCHELER 1992: 23). Daher kommt auch der Ausbau der allgemeinen Infrastruktur, wie Strom-, Wasser- oder medizinische Versorgung dem Bevölkerungswachstum nur langsam hinterher. Der Anteil der Haushalte, welche an die Stromversorgung angeschlossen ist, lag 1991 nur bei 42,4%, und in ländlichen Gebieten lediglich bei 30,5% (vgl. CENSUS OF INDIA 2002: 1). Himachal Pradesh hat jedoch die höchste Anschlussrate von Haushalten an das Stromnetz, und so ist jedes Dorf in dem Bergland an die Stromversorgung angeschlossen (vgl. BUSINESS NEWSWEEK 2000: 40). Zugang zu sicherem Trinkwasser besitzen nur 62,3% der Haushalte (vgl. CENSUS OF INDIA 2002: 1), was jedoch in der Bergregion von Himachal Pradesh mit zahlreichen Quellen wesentlich besser sein dürfte. Die medizinische Versorgung wurde in den vergangenen Jahrzehnten zwar vorangetrieben, ist jedoch auch heute, vor allem auf dem Land sehr schlecht. 1980 kamen auf einen Arzt noch 3059 Einwohner, was bis 1992 auf 2170 Einwohner reduziert werden konnte (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 1995: 18).
Die Gesellschaft und Kultur Indiens ist von einer starken Heterogenität gekennzeichnet, was sich neben ökonomischen Faktoren auch an ethnischen Gruppen, Sprachgemeinschaften und Religionen zeigt. Der
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überwiegende Teil von 82,6% der Bevölkerung ist hinduistisch, daneben gibt es 11,4% Moslems, 2,4% Christen und 0,7% Buddhisten. Bedingt durch das starke Übergewicht der Hindus in der Bevölkerung ist die gesellschaftliche Struktur, neben ökonomischen Klassen, stark von dem Kastenwesen geprägt. Der gesellschaftliche Status wird zu einem bestimmten Ausmaß von der Kaste der Eltern bestimmt, in die man hinein geboren wird und daher auch nicht wechseln kann. Am unteren Ende dieses Systems befinden sich die Kastenlosen und Angehörigen der indigenen Völker, welche zu den Hindus gezählt werden, die zusammen 23,5% der Bevölkerung ausmachen und trotz der verfassungsrechtlichen Garantie der Gleichheit immer noch stark benachteiligt werden (vgl. ROTHERMUND 1994: 232ff.). Max Weber hatte diese
Gesellschaftsstruktur, welche soziale Mobilität stark einschränkt und gesellschaftliche Unterschiede zementiert, bereits 1923 ganz im Sinne der Modernisierungstheorie als entwicklungshemmendes Element der
indischen Gesellschaft beschrieben: „...so muß es doch als der Gipfel der Unwahrscheinlichkeit erscheinen, dass auf dem Boden des Kastensystems die moderne Organisationsform des gewerblichen Kapitalismus jemals e n t s t a n d e n wäre“ (WEBER 1923: 110f.). Die ökonomische Struktur Indiens ist von einem großen Agrarsektor gekennzeichnet, in dem 1991 noch 67,7% 23 der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt war (vgl. CENSUS OF INDIA 2002: 1). Himachal Pradesh ist sogar noch stärker von der Landwirtschaft geprägt, die auch noch weitgehend auf Subsistenzbasis, jedoch zunehmend auch auf die Marktproduktion hin ausgerichtet ist (vgl. BHATI / ZINGEL 2002: 5ff.). In gesamt Indien dominiert ebenfalls die Subsistenzwirtschaft, weshalb die Landwirtschaft auch nur 28% 24 zum Bruttosozialprodukt beiträgt und nur 5,5% der formell angestellten Lohnempfänger beschäftigt. Indien ist dank seiner „grünen Revolution“, in deren Verlauf die Produktivität in der Landwirtschaft erheblich gesteigert werden konnte, nur in geringem Maße von Nahrungsmittelimporten abhängig. Diese machen nur 2% des Gesamtangebotes aus, was jedoch auch an der mangelnden Kaufkraft der Bevölkerung liegt und nicht den wahren Bedarf widerspiegelt (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 1995: 61f.). Der Rest des
Bruttosozialprodukts setzt sich zu 24% aus dem industriellen Sektor, in dem der verarbeitende Bereich dominiert, und 51% des
Dienstleistungsbereiches, der auch von der guten Entwicklung des indischen Softwarebereichs profitiert, zusammen (vgl. ebd.: 61ff.; CIA 2002: 6; WELTBANK 2002a: 1f.).
Bis 1985 hatte Indien eine semi-sozialistische Wirtschaftsstruktur mit hohen Importzöllen und Fünfjahresplänen, die sich auf den Binnenmarkt konzentrierten. Seit dem Beginn liberaler Reformen wurden jedoch
23 In dieser Zahl sind auch Fischer, Jäger und Forstarbeite, sowie selbständige Bauern enthalten.
24 Die CIA gibt für das Jahr 2000 den Anteil der Landwirtschaft am Bruttosozialprodukt mit 25% an (vgl. CIA 2002: 6).
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staatliche Kontrollinstrumente dereguliert, der private Sektor unterstützt und die Wirtschaft dem internationalen Handel geöffnet (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 1995: 70ff.). Dennoch dominiert der öffentliche Sektor die formellen Beschäftigungsverhältnisse mit 61,3% 1997 fast unverändert, gegenüber 62,6% 1991. In Himachal Pradesh ist der private Sektor sogar noch weniger etabliert, in dem dort nur 15,7% der formell Beschäftigten arbeiten (vgl. DSPIGI 1999: 271). Weiterführende Liberalisierung und damit einhergehende Privatisierungen der Staatsbetriebe dürften daher vorerst zum Verlust einer
überdurchschnittlich hohen Anzahl von Arbeitsplätzen führen, so die beiden Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang-Peter ZINGEL und Jagdish P. BHATI (vgl. 2002: 12).
Nach der Zahlungsbilanzkrise 1991 wurde die Liberalisierung in ganz Indien weiter vorangetrieben und die Ökonomie von einem starken Protektionismus weg, zunehmend auf den Weltmarkt ausgerichtet. Damit nahm der Anteil des Handels von 15% des Bruttoinlandsproduktes 1991 auf 20% 1998 zu und allein der Exportsektor stieg 2000 um 17% an (vgl. ADB 2002: 4f.). Dennoch verzeichnet auch Indien, wie die meisten Entwicklungsländer, eine negative Handelsbilanz von 11.892 Mio. US$ (2000), die sich seit 1980 (6.572 Mio. US$) fast verdoppelt hat (vgl. WELTBANK 2002b: 2).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Indien eine ausgesprochen weit verzweigte Wirtschaftsstruktur besitzt und sich so in vielen Bereichen selbst versorgen kann. Die Entwicklung wurde in den letzten beiden Jahrzehnten von einer importsubstituierenden Strategie zunehmend auf den Export ausgerichtet, was unter anderem auch auf den Druck der internationalen Welthandelsorganisation zurückzuführen ist (vgl. ADB 2002: 7). Dennoch dominiert der informelle Sektor mit ausgeprägter Subsistenzwirtschaft vor allem auf dem Lande. So bleibt zwar ein Großteil der Bevölkerung relativ unabhängig von globalen Marktkräften, trägt jedoch auch nichts zum Wirtschaftswachstum bei. Da Indien aber vor allem in den Bereichen Rohöl, Maschinen, Dünger und Chemieprodukte auf Importe angewiesen ist, bleibt die Handelsbilanz trotz des starken Wachstums des Exportsektors negativ. Armut großer Bevölkerungsteile, niedriges Bildungsniveau und Lebenserwartung stellt das Land unverändert vor große Entwicklungsprobleme.
4.2. Tourismusentwicklung in Indien und Himachal Pradesh
Analog zum vorhergehenden Abschnitt soll nun die Tourismusentwicklung Indiens und speziell des Bundesstaates der Fallstudie, Himachal Pradesh, dargestellt werden, um die Ergebnisse der Fallstudie in einen weiteren Kontext stellen zu können. Auch hier steht die Frage im Hintergrund, inwieweit der Tourismus Indiens Abhängigkeit von den wirtschaftlichen Metropolen der Industriestaaten fördert oder dessen eigenständige Entwicklung voran treibt.
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Der internationale Tourismus nach Indien entwickelte sich parallel zu dem globalen Wachstum des Sektors ab den 1960er Jahren und nahm vor allem seit den 70er Jahren stark zu (siehe Abb. 4.1.). Unter den Reisezielen in der Dritten Welt spielt Indien jedoch eher eine untergeordnete Rolle, da 1998 nur 1,3% der Entwicklungsländertouristen nach Indien reisten (vgl. DSPIGI 1999: 256; WTO 1999: 11ff.). Dieser geringe Anteil an den internationalen Touristenströmen, der Indien als Reiseziel auswählt, liegt vermutlich an dem schlechten Image, welches das Land unter den Entwicklungsländertouristen besitzt. Die ausländischen Besucher Indiens sind zum größten Teil zwischen 30 und 50 Jahren alt, meist unverheiratet und organisieren ihre Reise selbst (vgl. CHAUDHARY 2000: 295).
Abbildung 4.1.
Indien
Damit sind sie überwiegend den explorer- und drifter-Typen COHEN`s zuzurechnen, da der Pauschaltourismus in Indien 25 nicht sehr ausgeprägt ist und sich die meisten Rucksacktouristen den Umständen mehr oder weniger anpassen.
Als Beweggründe, Indien zu besuchen, werden am häufigsten dessen kulturelle Vielfalt, die Naturnähe und Gastfreundschaft der Inder genannt. Befürchtet werden hingegen die Unsicherheit aufgrund von sozialen, religiösen oder politischen Unruhen, schlechte Straßen, Bettelei und Betrug, schlechte hygienische Verhältnisse sowie geringes Nachtleben (ebd.: 296ff.).
25 Mit Ausnahme des Unionsterritoriums Goa, das seit der Ankunft der ersten Rucksackreisenden in den 60er und 70er Jahren eine stürmische Tourismusentwicklung erlebte und bereits 1985 die ersten Pauschaltouristen der deutschen Fluggesellschaft Condors empfing (vgl. HÄUSLER 1994: 34ff.; MAYRHOFER 1997: 35ff.).
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Somit konzentrieren sich die staatlichen Bemühungen in erster Linie auf den Ausbau der allgemeinen und der touristischen Infrastruktur, der Bettenzahlen und auf den Anschluss an internationale Standards. Nicht zu verändern ist jedoch der Umstand, dass sich jede Katastrophe, Epidemie oder politische Unsicherheit in einem Landesteil sehr schlecht auf die Besucherzahlen ganz Indiens auswirkt (vgl. GEORGE 1997: 378ff.). Somit steht der Tourismus in Indien gewissen Unsicherheiten gegenüber, die sich durch die Größe des Landes noch verstärken. Ähnlich wie in anderen Staaten Süd- und Südostasiens dominieren in Indien jedoch die inländischen Touristen (vgl. WOOD 1993: 61), von denen 1998, im Vergleich zu den 2,4 Millionen ausländischen Touristen, 167 Millionen unterwegs waren (vgl. DOGERA 1999: 600), um Verwandte zu besuchen, Geschäfte zu tätigen oder Pilgerfahrten zu machen. Dieses enorme Wachstum der inländischen Tourismusmärkte verschiedener asiatischer Staaten, insbesondere auch in Transformationsstaaten wie Thailand oder Indonesien (vgl. WOOD 1993: 61ff.), könnte vor dem Hintergrund der Ursachen des gesellschaftlichen Phänomens Tourismus als Wirkung der dortigen Modernisierungserscheinungen interpretiert werden, in deren Zuge auch eine größer werdende Mittelklasse entsteht. Die weitergehende Tourismusentwicklung ist nach dem Modell von GORMSEN auch von einer gewissen Binnennachfrage abhängig, welche im Falle Indiens in großem Ausmaß vorhanden ist. Somit scheint der Tourismus in einigen Entwicklungsländern nicht nur Modernisierungserscheinungen zu verstärken, sondern in gewissem Maße auch von diesen abzuhängen. Der ökonomischen Bedeutung des Sektors wird in Indien auch zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt, weshalb im neunten Fünfjahresplan der indischen Wirtschaft mit dem weiteren Ausbau der Infrastruktur, großer Tourismusresorts, dem indischen Tourismusmarketing, der Qualifizierung des indischen Humankapitals für tourismusrelevante Beschäftigungen und verschiedener Anreize für private Investoren, auch aus dem Ausland, Akzente gesetzt werden sollen, um die Entwicklung weiter voranzutreiben und Anschluss an internationale Standards zu erlangen (vgl. DOGERA 1999: 600f.) Zu diesem Zweck wurden beispielsweise Importbeschränkungen aufgehoben, um die Einfuhr von
Hoteleinrichtungsgegenständen zu erleichtern, und so den internationalen Komfortstandards gerecht zu werden (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 1995: 113). Speziell der Ausbau des Tourismus in ländlichen Gebieten mit geringem ökonomischen Potential wird von indischen Wissenschaftlern und Politikern als Instrument angesehen, diesen Gebieten ökonomische Alternativen zur Landwirtschaft zu bieten und somit der Landflucht der jüngeren Generationen Vorschub zu leisten (vgl. RAO 1998a: 34f.). Dabei soll auch den veränderten Trends hin zu erlebnisorientierten und regenerativen Motiven der Urlauber Rechnung getragen werden. Der Deputy Director General des Department of Tourism C.P. THAREJA (1998: 37) stellte auf einer Konferenz zu ländlichem Tourismus fest:
In Zahlen ausgedrückt entstanden bis 1998 9,8 Millionen primäre Arbeitsplätze direkt in der Tourismusindustrie, und insgesamt 23,1 Millionen Beschäftigungsverhältnisse (vgl. DOGERA 1999: 600), was jedoch nur ca. 5% der arbeitenden Bevölkerung ausmacht. Unter den Staaten mit den meisten Touristenankünften konnte sich Indien bisher noch nicht plazieren, jedoch stand es hinsichtlich der Deviseneinnahmen 1998 mit 3.168 Mio US$ auf Platz 34 des weltweiten Rankings als Entwicklungsland relativ weit oben. Die Reisebilanz ist hier, wie in den meisten Entwicklungsländern, daher auch positiv (WTO 1999: 15). In der indischen Wirtschaft stellt der Tourismus den Sektor mit den zweithöchsten Devisengewinnen dar, und nimmt somit bereits eine wichtige Stellung ein.
Im Bundesstaat der Fallstudie stieg die Anzahl der Touristen erst Anfang der 90er Jahre stark an (siehe Abb. 4.1.), was sich durch den Kashmirkonflikt erklären lässt, da nun die Himalayareisenden diesen Bundesstaat zunehmend meiden und auf das politisch sichere Himachal Pradesh ausweichen. 1998 konnten dort 75,206 ausländische Besucher gezählt werden, denen jedoch auch hier, ähnlich wie in anderen Himalayaregionen Indiens, Pakistans oder Chinas, mit 4,2 Millionen eine Mehrheit an einheimischen Touristen gegenüberstanden (vgl. HPTD 2000; SHARMA 1998: 49). 1995 wurde der Beitrag des Tourismus zur Wirtschaft des Bundesstaates auf 2 bis 2,5 Mrd. Rupees (50 - 62,5 Mio. US$) geschätzt, was 20% des Bruttosozialprodukts ausmacht. Die Branche dürfte daher für die Bergregion die wichtigste Einnahmequelle für Devisen sein, weshalb dem internationalen Tourismus auch hier besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.
In Himachal Pradesh wird nun auch vermehrt der private Sektor in den weiteren Ausbau des Tourismus mit einbezogen. Der Bundesstaat will dabei die Infrastruktur, wie beispielsweise direkte Luftverkehrsverbindungen, ausbauen, Pauschalangebote mit der
staatlichen Bahngesellschaft anbieten, die Branche auf weitere Landesteile ausweiten und Einrichtungen für Extremsport-, sowie Wintersportarten schaffen. Dadurch sollen vor allem die saisonalen Konzentrationen der Besucherströme auf das Jahr verteilt, und der Nachfrage auf dem internationalen Tourismusmarkt entsprochen werden (vgl. SHARMA 1998: 50ff.; BUISNESS NEWSWEEK 2000: 38ff.; DTGHP 1996: 4ff.). Als Investition in das regionale Humankapital ist hier auch die Einrichtung eines Tourismusstudiengangs im College von Kullu zu betrachten.
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Nach dieser kurzen Darstellung des Tourismus in Indien läßt sich für die hier behandelte Fragestellung festhalten, daß die Sickerrate hier relativ niedrig sein dürfte, da die indische Wirtschaftsstruktur weit verzweigt ist. Somit kann der größte Teil der touristischen Nachfrage von dem Binnenmarkt befriedigt werden, und aufgrund des hohen Anteils an Individualreisenden fließt nur ein geringer Teil der Reiseausgaben an ausländische Reiseagenturen zurück. Diese Annahme wird auch von den hohen Devisengewinnen bestärkt, die das Land trotz der relativ geringen Besucherzahlen mit dem Tourismus erzielt. Auch spricht die hohe Rate inländischer Touristen gegen das dependenztheoretische Argument, die Branche würde die Kultur und Ökonomie zugunsten der Besucher aus Industriestaaten ausbeuten.
Die verstärkten Bemühungen, ausländische Hotelketten und Investoren in das Land zu holen, sowie Einrichtungsgegenstände zu importieren, anstatt sie selbst herzustellen, dürfte jedoch die Sickerrate erhöhen. Ebenfalls sind die enormen Anstrengungen im Ausbau der Infrastruktur zu berücksichtigen, die zwar zu großen Teilen von der indischen Wirtschaft selbst erbracht werden können, jedoch auch immense finanzielle Vorleistungen erfordern. Auch scheint der hohe Anpassungsgrad, den Indien seinen Besuchern aufgrund der schlechten Infrastruktur abverlangt, hohen Wachstumsraten im Wege zu stehen, weshalb befürchtet werden muss, dass Akkulturationserscheinungen im
Zusammenhang mit dem weiteren Ausbau des Tourismus in Zukunft stärker zu beobachten sein werden.
5. Fallstudie Manali 5.1. Untersuchungsdimensionen
Zu Beginn der empirischen Studie sollen die Untersuchungsdimensionen dargestellt werden, die der Beantwortung der zentralen Frage dienen. Zunächst ist es notwendig, die sozialen Strukturen der Berggemeinde Manali zu charakterisieren. Wie im vorangegangenen Kapitel deutlich wurde, sind auch die Tourismusformen und -arten, sowie die Touristentypen in Manali von Bedeutung, da die Auswirkungen auf die Bevölkerung sehr stark von den Vorstellungen, Wünschen und Handlungen der Besucher abhängig sind. Um die Auswirkungen auf die sozialen Strukturen ausreichend interpretieren zu können, müssen auch die Interdependenzen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen
Dimensionen, sowie zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung und den ökologischen Veränderungen berücksichtigt werden. Im ökonomischen Bereich zählen dazu die Anzahl, die Art und Qualität der geschaffenen Arbeitsplätze, die Eigentumsverhältnisse in den Tourismusbetrieben und die Rückwirkungen auf andere
Wirtschaftsbereiche, sowie die Entwicklung der allgemeinen Infrastruktur. Im kulturellen Bereich soll der Akkulturationsprozess untersucht werden,
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der durch den Tourismus in Gang gesetzt und verstärkt wird. Im Besonderen sind damit äußerlich sichtbare Imitationseffekte gemeint, wie auch Akkulturationseffekte hinsichtlich der Wertvorstellungen in der Dienstleistungskultur, traditioneller Riten und Bräuche, und der materiellen Artefakte des Kunsthandwerks und der Bauweise. Im sozialen Bereich sollen Migrationsphänomene, die soziale Schichtung der Gemeinde und deren Partizipation an der Entwicklung, sowie die Familienstrukturen der Einheimischen untersucht werden. Der ökologische Bereich soll auf seine sozialen Rückwirkungen auf die Gemeinde untersucht werden, wobei jedoch in erster Linie auf Sekundärdaten aus der Literatur und die Wahrnehmung dieser Probleme durch die Bevölkerung zurückgegriffen wird.
5.2. Verwendete empirische Methoden
Da die Untersuchungsdimensionen in dieser explorativen Studie sehr umfassenden Charakter haben, wurden sowohl quantitative, als auch qualitative Methoden verwendet, um dem komplexen Phänomen der Entwicklung unter den vielfältigen Einwirkungen des Tourismus näher zu kommen. In diesem Rahmen sollen die quantitativen Ergebnisse dazu dienen, die aus den qualitativen Daten entwickelten Hypothesen auf ihre Repräsentativität hin überprüfen zu können. Die Untersuchung einer Entwicklung sollte grundsätzlich durch eine Panel-Analyse erfolgen, um Veränderungen einzelner Parameter mit dem selben
Untersuchungsinstrument feststellen zu können. Da die Daten für diese Arbeit während eines dreimonatigen Auslandspraktikums erhoben wurden, das im Rahmen eines DAAD-Stipendiums in Manali und Dehli, Indien absolviert wurde, war die Durchführung einer Panelstudie jedoch nicht möglich. Daher kann aufgrund der vorliegenden Daten lediglich ein grobes, aber relativ umfassendes, deskriptives Bild der sozialen Strukturen nachgezeichnet werden, wie sie sich bis zur Hauptsaison 2000 unter der Einwirkung des Tourismus entwickelt haben. Die verwendeten Methoden umfassen die teilnehmende Beobachtung, qualitative Interviews und eine standardisierte Umfrage zur aktiven Datengewinnung als reaktive Verfahren, sowie Sekundäranalysen offizieller Statistiken, qualitativer Studien und Inhaltsanalysen einiger Zeitungsberichte als nicht-reaktive Instrumente, wobei die Ergebnisse nach dem Konzept der Triangulation aufeinander bezogen wurden. Vor und nach den Phasen des Feldaufenthaltes wurden die erhobenen Daten strukturiert und das weitere Vorgehen geplant.
5.2.1. Teilnehmende Beobachtung
Als Teil der qualitativen Feldforschung wurde die Methode der verdeckten und offen teilnehmenden Beobachtung angewandt, um im Forschungsfeld der Gemeinde Manali vielfältige Kontakte aufzubauen, die im weiteren Verlauf dazu dienten, geeignete Interviewpartner auszuwählen. Das Konzept der teilnehmenden Beobachtung lässt sich nach FRIEDRICHS als
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„...die geplante Wahrnehmung des Verhaltens von Personen in ihrer natürlichen Umgebung durch einen Beobachter, der an den Interaktionen teilnimmt und von den anderen Personen als Teil ihres Handlungsfeldes angesehen wird“ (1990: 288), definieren. Der Vorteil dieser Methode gegenüber anderen qualitativen Methoden und insbesondere gegenüber standardisierten Methoden liegt darin, dass sich die
Untersuchungspersonen in ihrer natürlichen Umgebung befinden, und deren Interaktionen in komplexen Handlungsfeldern beobachtet werden können. Der Forscher übernimmt dabei eine soziale Rolle, die den Akteuren auf den zu beobachtenden Schauplätzen vertraut ist, und beteiligt sich an deren Interaktionen, wobei er allerdings immer wieder zurück in die Beobachterrolle schlüpft. Dabei besteht die Gefahr des going native, der zu starken Identifizierung des Forschers mit der eingenommenen sozialen Rolle, deren Einstellungen und Wertungen die Beobachtungen beeinflussen (vgl. LEGEWIE 1995: 189ff.). Der Autor dieser Studie übernahm die Rolle eines ausländischen Rucksacktouristen, da sie zur Herstellung vielfältiger sozialer Kontakte am geeignetsten erschien und allen beteiligten Personen vertraut ist. Dem Problem des going native wurde versucht zu begegnen, indem täglich die Feldnotizen protokolliert und die Beobachtungen in den Planungsphasen zwischen den Feldaufenthalten mit einem Supervisor besprochen sowie zunehmend strukturiert wurden. Hinzu kommt der Umstand, dass dem Forscher weder das zu untersuchende Feld, noch die eingenommene Rolle neu waren, so dass er bereits frühzeitig den eigenen Standpunkt überdenken konnte und zu einer objektivierten Selbsteinschätzung gelangte.
Neben dem Herstellen von Kontakten wurden mit dieser Methode auch die Einstellungen der Touristen und Beschäftigten im Tourismusgewerbe, sowie deren Beziehungsstrukturen untereinander und zwischen den Kulturen ermittelt. Auch wurde versucht, die im Forschungsfeld vorhandenen Tourismusformen und -arten, sowie die stark vertretenen Touristentypen zu identifizieren. Dazu wurden offene und halboffene Schauplätze aufgesucht, an denen es zu Berührungen zwischen der Ferienkultur der Touristen und der Dienstleistungskultur der
Einheimischen kommt, wie in Touristenrestaurants, Gästehäusern und Hotels, Souvenirläden, Trekking- und Reisebüros, Deluxe Bussen, Strassen und Tempeln. Um Einstellungen der Einheimischen innerhalb wie außerhalb der Branche aufzunehmen, wurden auch geschlossene Schauplätze in Wohnungen, Häusern und Hotelrezeptionen beobachtet.
5.2.2. Qualitative Interviews
In Verbindung mit der teilnehmenden Beobachtung stehen die qualitativen Interviews, die als subjektbezogene Befragungsform ebenfalls die natürliche Situation der befragten Personen nutzt. Zur Anwendung kamen im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung offene Interviews, die als Teil
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der Interaktionen mit den betreffenden Personen geführt wurden. Die Fragen sind bei dieser Interviewform nur gering strukturiert, so dass der befragten Person die Möglichkeit zur freien Erzählung gegeben ist. Ähnlich wie bei der narrativen Interviewform, bei der das Hauptaugenmerk auf einem ungehemmten Erzählfluss liegt, wird hier eine Dynamik freigesetzt, durch welche die Hemmschwelle, Deutungen, Bewertungen und Motive offen zu legen, absinkt (vgl. DIEKMANN 1997: 449f.). Die befragten Personen waren insbesondere einheimische wie zugewanderte Träger der Dienstleistungskultur sowie Touristen
unterschiedlichen Alters und Geschlechts. Damit sollten Ergebnisse der Beobachtungen überprüft und vor allem Einstellungen gegenüber den beteiligten Personengruppen offengelegt werden. Die Befragungen hatten eine Dauer von 10 bis 60 Minuten und wurden lediglich protokolliert. Neben diesen, oft ad hoc geführten, offenen Interviews wurden zusätzlich teilstandardisierte Leitfadeninterviews angewendet. Diese Befragungsform ist gegenüber dem offenen Interview stärker strukturiert, da sich der Interviewer an einem Leitfaden mit offenen Fragen orientiert. Dabei sollen der befragten Person auch die Möglichkeit zu narrativen Äußerungen gegeben werden, wobei der Interviewer hier jedoch stärker eingreift, um die im Leitfaden enthaltenen Fragen abzuarbeiten. Er kann aber bestimmte Fragen auch auslassen, oder umstellen, wenn das dem Erkenntnisinteresse dienlich ist.
Im Rahmen der vorliegenden Studie sollten mit dieser Methode die Einstellungen der Einheimischen und der Touristen zum Tourismus und dessen Wirkungen untersucht werden, wobei die Ergebnisse als Experteninterview ausgewertet wurden. Um ein gewisses
Vertrauensverhältnis zwischen dem Interviewer und den Befragten zu gewährleisten, wurde zu den befragten Personen bereits einige Wochen zuvor Kontakt hergestellt, und die Befragungen fanden in vertrauten Räumen statt. Die einzelnen Interviews dauerten zwischen 15 und 45 Minuten, wurden mit einem Diktafon aufgezeichnet und transskripiert. Im Einzelnen handelt es sich dabei um einen Ladenbesitzer, der nur während der Saison in Manali lebt; einem Studenten aus der Region, der in einem Gästehaus während der Ferien arbeitet; einem Reisebürobesitzer aus Dehli, der erst seit zwei Jahren in Manali tätig ist, einem Highschoollehrer, der seit 20 Jahren in Manali lebt, sowie einer Touristin, die Manali erstmals besucht hat.
5.2.3. Standardisierte schriftliche Befragung
Die standardisierte Befragung mittels Fragebogen ist die anerkannteste Methode im Bereich der quantitativen Sozialforschung, da hier allen Untersuchungseinheiten die selben Fragen in derselben Reihenfolge vorgelegt werden, wobei Verzerrungen durch Interviewer- oder Interviewsituationseffekte stark vermindert werden. Da es sich um
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quantitative Daten handelt, können hier auch die Ergebnisse mit Hilfe statistischer Signifikanztests hinsichtlich ihrer Repräsentativität überprüft werden. Den Ansprüchen der Objektivität, Reliabilität und Validität wird dieses Messinstrument daher am ehesten gerecht. In dieser Fallstudie wurden schriftliche Fragebögen persönlich an die Untersuchungseinheiten ausgehändigt und nach wenigen Tagen wieder eingesammelt. Dies hat den Vorteil, dass die befragten Personen mehr Zeit zum Überdenken der Fragen haben, und die Person des Interviewers in der Situation der Beantwortung kaum verzerrende Effekte ausübt. Nachteilig wirken sich Verständnisprobleme des Fragebogens aus, da der Interviewer hier keine erklärende Hilfe geben kann.
Das Instrument des Fragebogens wurde in dieser empirischen Studie zur Ermittlung quantitativer Daten in der ökonomischen und sozialen Dimension verwendet, wobei es sich im einzelnen um folgende Fragestellungen handelte:
Aufgrund der zentralen Stellung des Beherbergungsgewerbes in der Tourismuswirtschaft und der Kenntnis der Grundgesamtheit von 429 registrierten Einheiten in diesem Bereich wurde dieser Teil der Tourismuswirtschaft für die quantitative Analyse herangezogen. Da in der gesamten Gemeinde Manali indische Touristen mit 98% dominieren, die beiden ursprünglichen Dörfer Old Manali und Vashisht jedoch in erster Linie ausländische Besucher beherbergen, wurde eine disproportional geschichtete Zufallsauswahl getroffen. Das Sample aus der
Grundgesamtheit ohne die 23 Einheiten in Vashisht umfasst 53 Beherbergungsbetriebe, und das Zusatzsample aus Vashisht 11 weitere Betriebe, die mit dem Faktor 0.31 gewichtet wurden, so dass der Anteil der Einheiten aus Vashisht im Sample der in der Grundgesamtheit entspricht. Die Rücklaufquote betrug für das gesamte Sample 65,625% und für das Zusatzsample 54,545%, so dass insgesamt 42 Einheiten erfolgreich ausgewertet werden konnten. Diese geringe Stichprobengröße hat jedoch eine restriktive Wirkung auf die Repräsentativität der
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Ergebnisse, welche daher nur als Tendenzen zu verstehen sind und einer Präzisierung durch zukünftige Forschungen bedürfen.
5.3. Charakteristik der sozialen Strukturen und Entwicklung Manalis Um die Wandlungserscheinungen, welche durch den Tourismus in Gang gesetzt und verstärkt wurden, in den Kontext der
Gemeinschaftsstrukturen und allgemeinen Entwicklung dieser
Gemeinwesen einordnen zu können, soll im Folgenden ein grober Überblick über das Untersuchungsgebiet gegeben werden. Die folgenden Ausführungen beruhen auf den Methoden der teilnehmenden Beobachtung und der gering strukturierten qualitativen Interviews, und wurden von Arbeiten der kanadischen Ethnologen Kerril DAVIDSON-HUNT und Laurie HAM weitgehend bestätigt.
Das untersuchte Dorf Manali liegt im oberen Bereich des Kullu-Tals auf 2050 Meter Höhe, ungefähr 42 km von Kullu, dem Verwaltungssitz des Distrikts, entfernt, an dem National Highway 21, der von den Ebenen Nordindiens nach Ladakh und weiter nach Kargil und Kashmir führt. Das eigentliche Bergdorf Manali ist am Berghang auf der Westseite des Beasflusses gelegen, der das Tal teilt, und hatte nach dem Zensus von 1991 2433 Einwohner (vgl. DSPIGI 1999: 457). Die heutige Gemeinde Manali liegt jedoch in der Talmitte, zwischen den Dörfern Manali und Dhungri auf der Westseite sowie Chachoga und Vashisht auf der Ostseite (siehe Abb. 5.1.), wo es sich seit Mitte der 80er Jahre als urbanes Markt-und Tourismuszentrum entwickelt hat und während der Saison bis zu 25000 Saisonkräfte 26 arbeiten. (Daten der Gemeindeverwaltung).
26 In dieser Zahl sind die tibetischen Flüchtlinge und nepalesischen Saisonkräfte nicht enthalten, weshalb von einer noch höheren Zahl ausgegangen werden kann.
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Bedingt durch die Tourismusentwicklung und Entstehung eines urbanen Marktzentrums stieg die Bevölkerungsdichte im Kullutal von 25 Personen / km² 1961 auf 55 Personen / km² 1991, lag damit jedoch immer noch niedriger als der Durchschnitt des Bundesstaates von 93 Personen / km² (vgl. MAZARI / SAH 1998: 135).
Die sozialen Strukturen dieser eigentlichen Bergdörfer sind historisch bedingt von zwei sozialen Gruppen, der Rajputkaste und den Kastenlosen (Harijans), geprägt. Letztere Kaste umfasst indigene Bergstämme sowie in den vergangenen 2000 Jahren zugewanderte Arbeiter. Die Rajputkaste stammt von dem Bauernvolk der Thakurs und Ranas ab, welche im 1. Jahrhundert in das Tal einwanderten und die Herrschaft übernahmen (DAVIDSON-HUNT 2002b: 6). Die Lebensweise der Menschen im Kullu-Tal war vor der Tourismusentwicklung von einer Subsistenzlandwirtschaft geprägt, die auf einer Vielzahl von Anbauprodukten und Viehhaltung aufbaute und stark an die Umweltbedingungen der Berge angepasst war (HAM 2002: 5). Der Landbesitz beschränkte sich vor den Landrechtsreformen zwischen 1963 und 1974 in erster Linie auf die Haushalte der Rajputkaste und umfasst durchschnittlich einen Hektar. Seit der Landrechtsreform besitzen auch einige Familien der Harijans Felder und Apfelplantagen, jedoch meist die weniger guten Böden aus dem vormaligen Gemeindebesitz. Aus diesem Grund verdienen die Angehörigen dieser Kaste wie seit Generationen in der Mehrheit ihren Lebensunterhalt als Lohnarbeiter auf den Feldern der Rajputfamilien oder in dem neuen Gemeindezentrum, und nur in geringem Maße durch eigenen Anbau (ebd.: 11; DAVIDSON-HUNT 2002b: 11).
Heute wird die soziale Struktur daher von den beiden stratifizierenden Merkmalen der Kastenzugehörigkeit und des ökonomischen Besitzes von Land und Vieh gegliedert, was seit den Landrechtsreformen nicht mehr so stark miteinander korreliert.
Von dem ökonomischen Status, gemessen an dem Eigentum an Land und Vieh, hängt beispielsweise die Nutzung der öffentlichen Waldressourcen ab. Traditionell werden von den Frauen zahlreiche Güter wie Brennholz oder Viehfutter aus diesem Gemeindewald bezogen, weshalb in der dörflichen Gemeinschaft auch ein gemeinsames Interesse an den Waldflächen besteht. Dieses Interesse variiert jedoch mit der hauptsächlichen Beschäftigung der Familie, abhängig von dem landwirtschaftlichen Eigentum. Ärmere Familien ohne solches Eigentum nutzen diese öffentlichen Flächen daher wesentlich weniger, womit sich auch ihre Interessen verlagern (vgl. DAVIDSON-HUNT 2002b: 16f.). Des Weiteren gibt es innerhalb der Kasten ausgeprägte soziale Netzwerke, welche auch in erster Linie von den Frauen gebildet werden. Diese verrichten den Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit 27 , und helfen sich
27 Nach indischen Literaturangaben fällt zwischen 61% und 75% der landwirtschaftlichen Arbeit den Frauen zu (vgl. DAVIDSON-HUNT 2002b: 10).
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dabei abwechselnd. Im Falle eines Hausbaus arbeitet oft das ganze Dorf gemeinsam an der Baustelle einer Familie, und auch im täglichen Leben helfen sich die Familien gegenseitig mit unterschiedlichen Gütern oder Dienstleistungen aus, was ebenfalls meist von den Frauen koordiniert wird (vgl. HAM 2002: 17f.). Aufgrund dieser gemeinsamen Interessen der Frauen wurden in den 50er Jahren in vielen indischen Dörfern sogenannte „Mahila Mandals“ gegründet, in denen die weiblichen Dorfbewohnerinnen ihre Interessen vertreten wollen. Im Kullutal regulieren und überwachen diese Organisationen mit der Unterstützung des Forstamtes die Nutzung und Bewahrung des öffentlichen Waldes. Die Zugehörigkeit und der Einfluss innerhalb der Mahila Mandals ist jedoch weitestgehend auf die Frauen der Rajputkaste beschränkt, weshalb der politische Einfluss der Familien weiterhin vornehmlich mit der Kaste korreliert (vgl. DAVIDSON-HUNT 2002b: 17ff.).
In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten wandelten sich nun viele Haushalte von reiner Subsistenzlandwirtschaft, in der alle nötigen Produkte von den eigenen Feldern, Gärten, geringen Viehbeständen und dem gemeinschaftlichen Bergwald bezogen wurden, zunehmend zu einer Geldwirtschaft. Immer mehr Familien wandeln ihre Mischfelder in reine Apfelplantagen um, und verkaufen die Ernte an Großhändler aus Dehli und anderen Großstädten (vgl. HAM 2002: 12f.). So hat die Fläche der Apfelplantagen zwischen 1975 und 1993 um 102% zugenommen (vgl. MAZARI / SAH 1998: 9). Das hat mehrere Folgen auf die soziale Gemeinschaft dieser Dörfer, da die Arbeit in den Apfelplantagen weniger durch gegenseitige Hilfe als mehr von den Familien allein verrichtet und zur Erntezeit LandarbeiterInnen eingestellt werden. Die traditionellen Netzwerke verlieren so an Bedeutung, und Individualisierungsprozesse innerhalb der Dorfgemeinschaften werden in Gang gesetzt. Durch diese zunehmende Integration in die Marktwirtschaft steigt aber auch die Abhängigkeit der Familien von den Apfelernten und den Preisen der Großhändler, welche die Ernten oft bereits zu Beginn der Saison aufkaufen (vgl. HAM 2002: 12). Durch die Mitgliedschaft Indiens in der World Trade Organization und der fortschreitenden Liberalisierung konkurrieren die Äpfel aus Manali heute auch mit billigeren Äpfeln aus Neuseeland und Australien, was die Preise zukünftig noch weiter drücken wird (vgl. PARTAP 2002: 3).
Auf der Mikroebene der Familien sind die Aufgaben zwischen den Geschlechtern aufgeteilt. Während die Frauen die Hauptlast der Landwirtschaft tragen, ist den Männern lediglich der Hausbau und die Vorratshaltung vorbehalten. Vor der Tourismusentwicklung gingen viele Männer auch Lohnarbeitsverhältnisse in den urbanen Zentren der Ebenen ein (vgl. GUPTA / SHAH 2000: 5ff.). Aufgrund dieser Arbeitsteilung besaßen die Frauen jedoch auch erheblichen Einfluss auf die Versorgung des Haushaltes, was sich durch den Wandel zum Apfelanbau ebenfalls verändert. Da die Bewirtschaftung der Plantagen sowie der Verkauf auf dem Markt der Verantwortung der Männer unterliegt, haben die Frauen
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erheblich an Entscheidungsmacht innerhalb der Familie verloren. Insgesamt kam es durch die Einführung der Geldwirtschaft und die Entwicklung des Tourismus zu einem Wandel der Versorgungsstrategien. Heute leben viele Familien neben der Subsistenzlandwirtschaft von den Erträgen des Verkaufs von Waren auf dem Markt und auch von Lohnarbeit, deren Angebot in dem neu gewachsenen Gemeindezentrum stark angewachsen ist, die jedoch nach wie vor in erster Linie von den Kastenlosen ausgeübt wird (vgl. HAM 2002: 13ff.). Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Entwicklungstrends der untersuchten Gemeinwesen soll nun die Entwicklung des Tourismus in der Region dargestellt werden. Auch sollen die Beweggründe der Touristen, Manali zu besuchen, beleuchtet werden, um den Charakter ihrer Ferienkultur heraus zu arbeiten. Dies ist notwendig, da die Wirkungen des Tourismus von seiner spezifischen Ausprägung abhängt und generelle Aussagen über Folgen für die Entwicklung kaum zulässig sind.
5.4. Tourismusentwicklung in Manali
Die ersten internationalen Touristen kamen in den 1960er Jahren nach Manali und werden als Langzeitreisende oder Hippies beschrieben, die während der Sommermonate in die kühlen Bergregionen flüchteten, auch um die dort wachsenden Drogen (Marihuanapflanzen) zu konsumieren. Diese Touristen können am ehesten als drifter-Typus oder Off-beat-Touristen klassifiziert werden, da sie überwiegend bei Familien der Bergdörfer wohnten und wenig Ansprüche an das abgeleitete Angebot stellten (vgl. CROWTHER / FINLAY / RAJ / THOMAS / WHEELER 1993: 129ff.; HÄUSLER 1994: 40; WANGCHUK 2000: 1f.). Mit dem verstärkten Wachstum des Sektors in Himachal Pradesh, bedingt durch den sich 1985 zuspitzenden Konflikt in Kaschmir, entwickelte sich Manali neben der Hauptstadt Shimla und der Exilresidenz Dharamsala des tibetischen Oberhauptes Dalai Lama zu dem wichtigsten Tourismuszentrum des Bundesstaates (siehe Abb. 5.2) 28 .
28 Die Touristenzahlen des Himachal Pradesh Department of Tourism sind vermutlich unterschätzt, da die Hotelbesitzer für ihre Gäste Steuern zahlen müssen und daher meist weniger angeben, als sie tatsächlich beherbergen.
So nahmen von 1971 bis 1991 die Ankünfte der internationalen und der Binnentouristen in dem Tal um 1570% zu (HPDT nach MAZARI / SAH 1998: 135) und seit den frühen 90er Jahren kommen nun zwischen 20 und fast 29% der ausländischen Besucher Himachal Pradesh´s nach Manali.
Bezeichnend für diesen Verlauf der Entwicklung, analog zu den Modellen von BUTLER und GORMSEN, ist auch die Verteilung der Gründungsjahre der Beherbergungsbetriebe aus der standardisierten Umfrage. Demnach wurden nur 15% der im Jahr 2000 existierenden Betriebe vor 1985 gegründet, und waren noch zu 80% in lokalem Besitz. Erst in den 90er Jahren begannen Geschäftsleute von außerhalb der Region vermehrt in Hotelbauten in Manali zu investieren. So liegt der Anteil der lokalen Eigentümer bei den Unterkünften, die in den letzten fünf Jahren gebaut wurden, nur noch bei 54,5%, wobei in diesem Zeitraum 32,8% aller Hotels und Herbergen eröffnet wurden. Ein weiteres Zeichen für eine enormes Wachstum der Branche ist auch die Entwicklung der Preise. Ein Vergleich der Preisangaben in den Ausgaben des lonley planet Reiseführers von 1993 und 1998 zeigt Preiserhöhungen zwischen 20% und oftmals 100% in vielen Beherbergungsbetrieben ( vgl. CROWTHER / FINLAY / RAJ / THOMAS / WHEELER 1993: 279f.; COLLINS / FLYNN / NIVEN / THOMAS / SINGH / VALENT 1998: 310f.). Der internationale Tourismus konzentriert sich nach wie vor auf die ursprünglichen Dörfer Old Manali und Vashisht, wie aus der Abbildung 5.3 ersichtlich ist. Hier befinden sich auch die billigen, kleinen Unterkünfte, in denen überwiegend Rucksacktouristen absteigen, welche zu 83,3% von lokalen Eigentümern betrieben werden und zu 80% Familienmitglieder beschäftigen. Es ist daher anzunehmen, dass es sich bei den auf
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internationale Touristen spezialisierten Herbergen überwiegend um kleine Familienbetriebe handelt. In diesen beiden Dörfern liegen auch die meisten Restaurants und Cafes, Reiseagenturen, Internetcafes und Souvenirläden, welche auf ausländische Besucher ausgerichtet sind.
Abbildung 5.3.
Allerdings sind auch hier die touristischen Infrastruktureinrichtungen weitgehend entlang der einzigen Strassen errichtet, und nur teilweise in das jeweilige Dorf integriert.
Der Rangkorrelationskoeffizient von SPEARMAN zeigt einen Wert von -0,376 zwischen dem Anteil der internationalen Touristen und der Höhe der Preiskategorie, auf einem Signifikanzniveau von 0,05. Daraus lässt sich folgern, dass die Preiskategorie der Betriebe mit wachsendem Anteil an ausländischen Touristen sinkt, was aber aufgrund der geringen Samplegröße vorsichtig zu bewerten ist. Die Rangkorrelation ist nicht stärker, da die Betriebe mit überwiegend indischen Gästen in der mittleren Preislage zu finden sind, und in der obersten Preiskategorie zwar mehrheitlich Binnentouristen, jedoch auch wieder mehr internationale Touristen beherbergt werden. Das sich so ergebende Bild entspricht auch dem allgemeinen Image Indiens als Billigreiseland, mit überwiegendem Individualtourismus.
Zwischen den ursprünglichen Dörfern entstand im Zuge der Tourismusentwicklung das neue Gemeindezentrum mit den Ortsteilen Model Town, Mall Area, Circuit Road und Log Hut Area (siehe Abb 5.1). Hier finden sich die Hotels und Herbergen mittlerer bis oberer Preiskategorie, zahlreiche Souvenirläden, Reiseagenturen, Restaurants und den Touristenbusbahnhof, aber auch allgemeine
Infrastruktureinrichtungen wie die Mittelschule, das Krankenhaus, die Post und Polizei, die staatliche Bank, den öffentlichen Busbahnhof sowie zahlreiche Lebensmittelgeschäfte. Die indischen Touristen, unter denen
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Manali als Wochenendziel für verliebte Paare aus der Mittelschicht sehr populär ist, wohnen mehrheitlich in diesen Ortsteilen, und machen lediglich Tagesausflüge in die drei bis vier Kilometer entfernten Dörfer Old Manali und Vashisht.
Die Saison des internationalen Tourismus beginnt im Kullutal im späten April und geht bis Mitte Oktober. In diesem Zeitraum kommen über 80% der jährlichen Touristen (vgl. HPDT 2000) und auch die zahlreichen Saisonkräfte und Souvenirladenbesitzer, welche nach der Saison in ihre Heimatregionen zurückkehren oder den Touristenströmen in den Süden folgen, um dort die Hauptsaison während des Winters zu verbringen. Die Touristen, welche heute nach Manali kommen, können nur noch vereinzelt dem drifter-Typus zugerechnet werden, da Manali schon lange nicht mehr abseits der breiten Touristenströme liegt, einiges an Komfort und touristischer Infrastruktur bietet und sich die Touristen heute kaum noch an lokale Lebensgewohnheiten anpassen. Sie reisen allein oder in kleinen Gruppen, die sich zum Teil auch erst während der Reise bilden, und wieder auflösen, über Zeiträume zwischen wenigen Wochen bis zu einem Jahr. In Manali verweilen sie oft bis zu einer Woche und länger. Das Alter der Mehrheit der Reisenden ist zwischen 20 und 45 Jahren, und wie bereits weiter oben erwähnt, organisieren fast alle Touristen ihre Reise selbst. Demnach sind die Besucher in Manali nach der Typologie von COHEN mehrheitlich als explorer und nur in geringem Maße als drifter oder individual mass tourist einzuordnen. In der Typologie von SMITH sind hier alle Typen vom Off-beat-Touristen bis zum Massentouristen zu finden. Die verschiedenen Tourismusarten, die in Manali beobachtet werden konnten, für die jedoch auch in Prospekten, auf Internetseiten und in den Reiseführern geworben wird, umfassen den Erholungsurlaub, kulturorientierten-, gesellschaftsorientierten-und Sport-oder
Abenteuerurlaub, aber auch die Kategorien des ethnic-, historical- oder environmental holiday von SMITH. Die Beweggründe und Motive, die mit der teilnehmenden Beobachtung und den Interviews identifiziert werden konnten, machen jedoch die eigentliche Ferienkultur aus, mit der die Dienstleistungskultur der Beschäftigten und die Kultur der Einheimischen konfrontiert wird.
Zahlreiche Touristen kommen ohne spezifische Motive bezüglich Manalis, sondern weil sie allgemein den Norden Indiens sehen wollen. Viele Indienreisende informieren sich nur über Bekannte, andere Reisende und durch Fernsehreportagen, und wissen daher wenig über das Land. Da Kashmir als Bürgerkriegsregion zu unsicher ist und innerhalb Himachal Pradesh´s Manali eines der wichtigsten und bekanntesten Touristenziele darstellt, besuchen viele stellvertretend für die indische Himalayaregion nur Manali und das Kullutal. Hier ist auch die Verkehrslage Manalis an dem National Highway 21 zu nennen, weshalb der Ort auch als Transitstation auf dem Weg von oder nach Lahaul und Spiti, innerhalb Himachal
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Pradesh´s, oder noch weiter nach Leh, der östlichen Region des Bundesstaates Jammu und Kashmir, dient. Da der Tourismus in Manali heute weit entwickelt ist, und auch unter den indischen Urlaubern hohe Popularität genießt, ist Manali vielen westlichen Touristen bereits zu überfüllt. Diese reisen daher auf ihrer Suche nach authentischen Lebensweisen und Landschaften weiter in den Norden oder in das benachbarte Parvattital, und machen in Manali nur einen kurzen Zwischenstop.
Für andere Touristen ist die gute Infrastruktur und der Bekanntheitsgrad wiederum ein Grund, nach Manali zu kommen. Aufgrund der touristischen Vergangenheit und der Lage innerhalb der indischen Drogenanbaugebiete wird Manali in dem australischen Reisehandbuch „Lonely planet - travel survival kit“ immer noch als „Freakcenter“ (vgl. CROWTHER / FINLAY / RAJ / THOMAS / WHEELER 1993: 129) beschrieben. Da dieser Reiseführer unter den Rucksacktouristen in ganz Asien eine außerordentlich einflussreiche Stellung hat, können westliche Touristen davon ausgehen, in Manali ihresgleichen zu treffen. Zum einen scheinen hier kompensative Funktionen der Reise eine Rolle zu spielen, da es durch die hohe Tourismusdichte leicht fällt, Kontakte zu anderen Touristen zu knüpfen und Reisepartner zu finden. Da westliche Touristen oft aus kontaktarmen, städtischen Gesellschaften kommen, kann hier in der Urlaubswelt die fehlende Geselligkeit des Alltagslebens kompensiert werden. Zum anderen führt der Kulturschock und der Verlust kultureller Orientierungsmuster und Routinen des Alltagslebens zu einem Bedürfnis nach einem gewohnten Umfeld. In der Gemeinschaft anderer westlicher Touristen, die in den zahlreichen Cafes und Restaurants zu finden sind, ist ein Teil dieser Orientierungsmuster wiederzufinden. Die Ferienkultur bietet daher mehr Sicherheit als die völlig ungewohnte Kultur der Einheimischen, so dass einige wenige Touristen sogar äußerten, sie wollten nur westliche Reisende treffen, und seien an Kontakten mit Einheimischen überhaupt nicht interessiert.
Ein anderer Grund, weshalb sich der internationale Tourismus auf die beiden ursprünglichen Dörfer konzentriert, ist die Lebensweise und Kultur der Einheimischen. Diese wohnen dort größtenteils noch in traditionellen Bauernhäusern aus Granitsteinen, tragen die traditionelle Bekleidung der Bergbauern und sind weitgehend mit der Subsistenzlandwirtschaft sowie dem Apfelanbau beschäftigt. Auch befinden sich die drei hinduistischen Tempel der Gegend in Dhungri, Old Manali und Vashisht. Die westlichen Touristen wollen sich von dem urbanen Lebensverhältnissen daheim erholen und bevorzugen daher die ruhige Umgebung dieser Dörfer und ihrer Bewohner. Hier können sie auch ihre Sehnsucht nach authentischen Lebensweisen und Kontrasterlebnissen am ehesten erfüllen, auch wenn ihnen die Kultur der Einheimischen dabei nur als Kulisse dient. Manali stellt aber auch nach dem Besuch indischer Großstädte ein überaus ruhigen Ort dar, der auch zur Regeneration während einer längeren Reise aufgesucht wird. Das neue urbane Zentrum Manalis scheint daher vielen
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westlichen Touristen eher abstoßend, da es durch hohes
Verkehrsaufkommen und seiner hektischen Atmosphäre den regenerativen Funktionen einer Reise weniger gerecht wird.
Neben der Kultur der Einheimischen stellt die Landschaft der gebirgigen Umgebung Manalis ebenfalls einen Faktor da, der Erholungszwecken dient. Die Dörfer der Fallstudie sind von schneebedeckten, 5000 bis 6000 Meter hohen Gipfeln umgeben, die mit dem noch bestehenden Kiefernwald an ihren Hängen und zahlreichen Gebirgsbächen einen attraktiven Ausblick bieten. Ausflüge und Spaziergänge in dieser Gebirgslandschaft erfüllen ebenfalls Wünsche nach Regeneration und die Sehnsucht nach ursprünglicher Landschaft. Durch die Lage innerhalb des Himalayagebirges hat der Besuch Manalis auch durchaus einen Prestigewert, den viele Touristen ihrer Indienreise anhängen möchten. Ein weiterer Grund, der damit in direktem Zusammenhang steht, ist die Möglichkeit einer Trekkingtour von Manali aus. Über den gesamten Ort verteilt, gibt es 130 Trekking-Agencies, die Gebirgswanderungen und Klettertouren zwischen einem Tag und drei Wochen, inklusive Trägern, Verpflegung sowie Vermietung einer gesamten Ausrüstung, von Wanderschuhen bis zum Schlafsack, anbieten. Die Lage Manali´s in Verbindung mit dem abgeleiteten Angebot stellt daher sowohl für den erfahrenen Wanderer, als auch für den ungeübten Laien einen ausgezeichneten Ausgangspunkt für Wanderungen dar. Für Touristen die in ihrem Alltag dem Bedürfnis nach Bewegung und sportlicher Betätigung nur noch stark eingeschränkt nachkommen, haben diese Wanderungen kompensative Funktionen. Auch ist die Erfahrung einer Gebirgswanderung im Himalaya ein starker Kontrast zu dem Alltagsleben Zuhause, und selbst dem geübten Bergsteiger verleiht das Erlebnis einer
Hochgebirgsexpedition Selbstbestätigung und Prestige im sozialen Umfeld daheim. Für einige Touristen ist eine derartige Tour auch der Hauptgrund überhaupt nach Indien zu kommen. Viele nutzen jedoch einfach die Gelegenheit, das Erlebnis einer Trekkingtour während ihrer Rundreise zu machen.
Neben dem Bergwandern werden in Manali auch andere Sportarten angeboten, mit denen versucht wird, der steigenden Erlebnisorientierung der Touristen gerecht zu werden, aber auch um zusätzliche Einnahmequellen zu eröffnen. So gibt es weiter oben im Kullutal die Möglichkeit zu Paragliding, Drachenfliegen und zum Skifahren, und auf dem Beasfluß werden Floßfahrten organisiert. Ebenso wie beim Trekking können die westlichen Besucher hier die Eintönigkeit ihres Alltagslebens kompensieren, Kontrasterlebnisse machen und das Abenteuer finden, das ihnen in der modernen Welt Zuhause abhanden gekommen ist. Die verstärkte Werbung für diese Extremsportarten kann auch als Zeichen gewertet werden, dass sich Manali bereits in der Konsolidierungsphase der Tourismusentwicklung befindet.
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Ein zusätzlicher Grund Manali zu besuchen stellt sicherlich auch das Angebot von Drogen dar, da der Ort seit der Ankunft der ersten drifter-Touristen in den 60er Jahren für die wild wachsenden Marihuanapflanzen und das daraus hergestellte Haschisch bekannt ist, und in dem lonely planet - Reisehandbuch auch darauf hingewiesen wird (vgl. CROWTHER / FINLAY / RAJ / THOMAS / WHEELER 1993: 278). Zahlreiche Touristen nutzen das illegale Angebot und setzen sich damit von den Zwängen, die in ihren Heimatländern mit Drogenkonsum verbunden sind, frei. „They are averse to work and find it cheaper to live here than in their own competitive countries. Even more attractive is the freedom to do all those things that would never be allowed at home“ (WANGCHUK 2000: 2). Neben den Marihuanaderivaten, die von der männlichen lokalen Bevölkerung seit Jahrhunderten nur zu festlichen Anlässen konsumiert werden (vgl. HÄUSLER 1994: 39f.), gibt es in Manali, ähnlich wie in Goa, auch ein Angebot an Heroin und synthetischen Drogen. Diese Suchtstoffe wurden von den westlichen Touristen eingeführt und vor allem anlässlich der Technopartys konsumiert, die westliche Langzeitreisende zusammen mit Einheimischen während der Saison organisieren. Diese Partys sind neben dem Drogenangebot für einige Touristen sicherlich auch ein Beweggrund, Manali zu besuchen, um als Kontrasterlebnis ihr gewohntes Freizeitverhalten vor ungewohnter Kulisse auszuüben. Der Tourismus ist in Manali heute weitgehend etabliert und hat sich zu der wichtigsten Einnahmequelle der Region entwickelt. Die Touristen sind jedoch nur oberflächlich an dem tatsächlichen Leben der Einwohner interessiert, und haben in erster Linie selbstbezogene Motive, die Region zu besuchen. Die Kultur der Bevölkerung scheint auch hier lediglich als Bühnenbild der Urlaubswelt der Touristen zu dienen. In den folgenden Abschnitten ist nun zu überprüfen, welche entwicklungstheoretische Prognosen unter den Wirkungen des Tourismus hier nachzuweisen sind. Hat der Tourismus diese Bergregion, in dependenztheoretischem Sinne, in eine verstärkte Abhängigkeit von den nationalen wie internationalen Metropolen geführt und eine kulturelle Deformation bewirkt? Oder unterstützt die touristische Entwicklung eine allgemeine Modernisierung der wirtschaftlichen und kulturellen Systeme, was als gesellschaftlicher Fortschritt bewertet werden kann?
5.5. Wirkungen des Tourismus auf die Entwicklung
Im Folgenden sollen nun die in der Literatur diskutierten Wirkungen des gesellschaftlichen Phänomens Tourismus auf die Entwicklung einer Gesellschaft, anhand des konkreten Beispiels der Berggemeinde Manali, überprüft werden. Mit den Ergebnissen der Fallstudie soll dann in einem abschließenden Kapitel die Erklärungskraft der Entwicklungstheorien untersucht werden, inwieweit Prognosen der Entwicklungstheorien unter der Einwirkung des Tourismus hier zutreffen oder davon abweichen.
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5.5.1. Ökonomische Dimension
Analog zu Kapitel 3.5.1 wird untersucht, wie sich der Tourismus in Manali auf die Beschäftigungslage, die Zahlungsbilanz, andere
Wirtschaftsbereiche und die Infrastruktur der Gemeinde auswirkt. Bei den geschaffenen Arbeitsplätzen ist zwischen primären und sekundären Wirkungen zu unterscheiden, wobei hier quantitative Daten 29 nur über primäre Beschäftigungswirkungen in der Beherbergungsbranche vorliegen. Zu den indirekt geschaffenen Arbeitsplätzen in anderen Wirtschaftsbereichen lassen sich daher nur abgeleitete Aussagen treffen. Ebenfalls konnte die Zahl der Arbeitsplätze im informellen Sektor nicht gesondert erhoben werden, weshalb zu dem Verhältnis zwischen den Sektoren nur qualitative Aussagen möglich sind. So wurden in einigen kleineren Hotel- oder Gästehausbetrieben auch Familienangehörige als Arbeitskräfte gezählt und es kann davon ausgegangen werden, dass in einigen Betrieben auch informelle Arbeitsplätze dazugerechnet wurden. Während der Saison sind in den Betrieben des Samples als arithmetisches Mittel 10,66 Personen beschäftigt, wobei für die Grundgesamtheit von einem Konfidenzintervall zwischen 6,52 und 14,81 Personen ausgegangen werden kann. Im Sample beschäftigen jedoch 40% der Betriebe nur bis zu sechs Personen und nur 17% der Betriebe haben 15 und mehr Personen angestellt, wobei Letztere ausschließlich der obersten Preiskategorie ab 751 Rupees angehören. Zwischen der Preiskategorie und der
Angestelltenzahl besteht auch eine starke positive Korrelation, wie der Korrelationskoeffizient nach Pearson von 0,882 auf einem
Signifikanzniveau von 0,01 nahe legt. Vergleicht man weiterhin die Mittelwerte der Angestelltenzahlen in der Kategorie der Herkunft des Besitzers, zeigt sich, dass die lokalen Eigentümer mit 6,37 Personen die wenigsten Arbeitsplätze geschaffen haben, während die Unternehmer aus anderen Bundesstaaten mit 21,95 Personen die meisten Angestellten beschäftigen. Die Schätzung der Angestelltenzahlen lässt sich daher unter Berücksichtigung der Herkunft des Besitzers um 59,2% (Gamma) verbessern. Da die Mehrheit der ausländischen Touristen in Familienbetrieben übernachten, liegt der Mittelwert der Angestelltenzahl bei den Herbergen mit mehr als 75% ausländischen Gästen nur bei 4,73 Personen. Daher kann angenommen werden, dass der internationale Tourismus in absoluten Zahlen weniger Arbeitsplätze schafft, als der Binnentourismus. Allerdings besteht zwischen diesen beiden Variablen keine signifikante Korrelation, da die Preiskategorie und die Herkunft der Eigentümer als intervenierende Variable zu starken Einfluß auf die Beschäftigtenzahl haben.
Um die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze mit anderen Zielgebieten des Entwicklungsländertourismus vergleichen zu können, wird die
29 Alle Konfidenzintervalle und Signifikanzniveaus liegen in den folgenden Ausführungen auf einem Niveau von 0,05, wenn sie nicht explizit anders angegeben sind.
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Beschäftigtenzahl hinsichtlich der Bettenzahl umgerechnet. Diese Variable hat im Sample einen Mittelwert von 0,27 und in der Grundgesamtheit liegt er zwischen 0,23 und 0,32 Beschäftigten pro Hotelbett. Damit entstanden jedoch in Manali weniger Arbeitsplätze, im Verhältnis zu den geschaffenen Übernachtungsmöglichkeiten, als in anderen Zielgebieten, bei denen dieser Beschäftigungsfaktor zwischen 0,3 und 0,8 Arbeitsplätzen pro Bett liegt (vgl. BRENNER 1999: 103).
Die Qualität der geschaffenen Arbeitsplätze, gemessen durch den Anteil der Beschäftigungen mit Qualifikationsanforderungen 30 , liegt im Durchschnitt des Samples bei 28,08%. In Manali liegt der durchschnittliche Anteil zwischen 15,79% und 40,37% und damit höher als in vergleichbaren Zielgebieten. In den beiden Orten Old Manali und Vashisht sind jedoch nur 10% und 10,6% der Beschäftigten qualifiziert, und auch in den Betrieben mit überwiegend ausländischen Touristen liegt der Anteil nur bei 9,1% (siehe Abb. 5.4). Im Gegensatz dazu haben die Betriebe mit weniger als 25% ausländischen Gästen 39,6% qualifizierte Beschäftigte. Dies liegt daran, dass ausländische Touristen in der Mehrheit in Betrieben der unteren Preiskategorie übernachten, in denen tendenziell weniger qualifizierte Arbeitskräfte angestellt sind. Die geringste Anzahl qualifizierter Arbeitskräfte ist daher bei der niedrigsten Preiskategorie mit 7,8% zu finden, jedoch haben die Hotels in den mittleren Preislagen, die vorwiegend von Binnentouristen aufgesucht werden, die höchsten Anteile an qualifizierten Angestellten, weshalb der Anteil der ausgebildeten Arbeitskräfte mit der Preislage auch keine signifikante Korrelation aufweist.
Eine weiterer Nachteil der Arbeitsplätze in der Tourismusbranche ist die saisonale Beschränkung der Verträge. So werden im Sample 46,70% der Angestellten nach der Saison entlassen, was mit einem Konfidenzintervall zwischen 38,02% und 55,39% in Manali korrespondiert. Hier fällt auf, dass der Anteil der entlassenen Angestellten mit steigender Preiskategorie fällt, was sich auch an einem signifikanten Korrelationskoeffizienten (PEARSON) von -0,436 zeigt. Es ist anzunehmen, dass die Hotels der obersten Preislage, welche zu 80% Eigentümern aus anderen Bundesstaaten gehören, ganzjährig geöffnet haben und deshalb hier der geringste Anteil (30,33%) des Personals nur begrenzte Verträge erhält. Im Gegensatz dazu werden die auf ausländische Besucher spezialisierten Betriebe in den unteren Preislagen am Ende der Saison oftmals geschlossen, weshalb hier im Mittel 90,48% der Beschäftigten entlassen werden (siehe Abb. 5.4).
30 Darunter wird hier ein Schulabschluss ab der Mittelstufe oder höher und besondere Fähigkeiten verstanden.
ie starke Beziehung zwischen dem Anteil der internationalen Touristen D
und dem Prozentsatz entlassener Arbeitskräfte zeigt sich auch an einem asymetrischen Somers d von 0,565. Dies erklärt sich durch den Umstand, dass es sich bei diesen Herbergen oftmals um kleine Familienbetriebe handelt, die neben dem Beherbergungsgewerbe der Subsistenzwirtschaft und dem Apfelanbau nachgehen und die nicht zur Familie gehörenden Angestellten nur während der Saison beschäftigen. Der hohe Prozentsatz entlassener Arbeitskräfte enthält hier jedoch auch die
Familienangehörigen, die deshalb nicht ihr Einkommen verlieren. ie Anstellungen haben im Mittel eine Länge von 4,65 Monaten und liegen D
in Manali in dem Konfidenzintervall zwischen 3,82 und 5,47 Monaten. Interessant ist hier, dass mit dem Anteil an internationalen Gästen auch die Anstellungsdauer steigt, was auch von einem asymetrischen Somers-d von 0,368 angezeigt wird. Die längsten Anstellungen von 6,63 Monaten (arithmetisches Mittel) werden daher in den Betrieben mit über 75% internationalen Gästen geboten (siehe Abb. 5.4), was auch der Saison für diese Touristen entspricht. Da in den Hotels mit überwiegend inländischen Gästen auch der geringste Anteil an Beschäftigten entlassen wird und diese auch die kürzeste Beschäftigungsdauer (4,18 Monate) haben, ist anzunehmen, dass hier nur für Spitzenzeiten während der indischen Ferienmonate zusätzliche Saisonkräfte eingestellt werden. ür Frauen sind im formellen Bereich nur sehr wenige Arbeitsplätze F
entstanden, weshalb im Sample nur 0,42 Frauen pro Betrieb angestellt sind, was einem Konfidenzintervall für Manali zwischen 0,047 und 0,79 Frauen entspricht. Eine überwiegende Mehrheit von 84,2% der Hotels und Herbergen haben daher keine weiblichen Arbeitskräfte eingestellt. Von den
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Betrieben mit weniger als 25% internationalen Gästen beschäftigen sogar 94,7% keine Frauen. Der Anteil weiblicher Arbeitskräfte steigt jedoch auch wieder mit dem Prozentsatz ausländischer Besucher, so dass hier ein Gamma von 0,603 vorliegt und in 50% der Herbergen mit über 75% internationalen Gästen auch Frauen arbeiten. Dieser Zusammenhang lässt sich ebenfalls mit der Annahme erklären, dass es sich hier oftmals um Familienbetriebe handelt, in denen weibliche Familienmitglieder als Angestellte gezählt wurden, während in größeren Hotels kaum Frauen eingestellt werden. Nur in der teuersten Preiskategorie, bedingt durch eine allgemein höhere Beschäftigtenzahl, sind im Durchschnitt eine Frau pro Betrieb eingestellt.
Im informellen Bereich betätigen sich Kinder von Migranten als Strassenverkäufer und Schuhputzer, Kastenlose als Touristenanwerber für Hotels und Einheimische beider Kasten als Drogenverkäufer. Jedoch ist anzunehmen, dass auch viele Familienbetriebe, kleine Souvenirläden und Rikshahfahrer dem informellen Sektor zuzurechnen sind. ie Beurteilung der Deviseneffekte des Tourismus in Manali ist wesentlich D
schwieriger, da über das Ausgabeverhalten der Touristen keine quantitativen Daten vorliegen. Haupteinnahmequellen der lokalen Bevölkerung im Tourismus liegen neben den Hotels und Herbergen in lokalem Besitz, bei den Reise- und Trekkingagenturen, in denen Bustickets und Trekkingtouren gebucht werden können, die jedoch oft auch Mountainbikes und Motorräder verleihen, andere Sportarten organisieren und Internetnutzung anbieten. Daneben sind die Restaurants, Cafes und Souvenirläden zu nennen, die sich in lokalem Besitz befinden, aber auch die Taxi- und Rikshahfahrer, die von internationalen Touristen häufig genutzt werden. Aufgrund der Mehrheit an explorer-Touristen, die ihre Reise vor Ort selbst organisieren, kann davon ausgegangen werden, dass die Sickerrate aus Manali zurück in die Herkunftsstaaten sehr gering sein dürfte. Dieser Umstand könnte sich in den kommenden Jahren allerdings etwas verschlechtern, da das Equipment für die stark beworbenen Extremsportarten häufig aus dem Ausland importiert werden muss und gerade diese Tourismusart weiter ausgebaut werden soll, um der veränderten Nachfrage besser gerecht zu werden. Auch werden zahlreiche Souvenirläden von Migranten aus anderen Bundesstaaten betrieben und einige Reiseagenturen arbeiten mit Partnern in den indischen Großstädten zusammen, weshalb ein gewisser Teil der Devisen in andere Landesteile abfließt.
en Devisengewinnen durch den Tourismus stehen jedoch die staatlichen D
Ausgaben für den Ausbau der allgemeinen, sowie der spezifisch touristischen Infrastruktur gegenüber. Im Falle Indiens kann zwar sicherlich der größte Teil dieser Maßnahmen ohne Importe erfolgen, verursacht aber dem indischen Staat dennoch enorme Kosten. Im Fünfjahresplan für die Tourismusentwicklung in Himachal Pradesh von
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1996 sind für Manali folgende Maßnahmen vorgesehen (vgl. DTGHP 1996: 4ff.):
Die Infrastrukturkosten sind zwar nicht allein dem Tourismus anzurechnen, da sie auch der lokalen Bevölkerung zugute kommen und daher als Teil der gesellschaftlichen Entwicklung zu werten sind. Diese Ausgaben sind aber zu berücksichtigen, sollen die Devisengewinne des Tourismus umfassend beurteilt werden.
Die Infrastruktur wurde im Zuge der Tourismusentwicklung aber auch bereits stark ausgebaut, wie in Abschnitt 5.4 kurz dargestellt wurde. Darüber hinaus ist jedes Haus in allen vier Ortschaften an die Stromversorgung angeschlossen, die Trinkwasserversorgung ist weit ausgebaut und seit Mitte der 90er Jahre gibt es Telefonleitungen für Fernverbindungen, sowie seit 1999 zahlreiche Internetcafes. Des weiteren war eine zweite Autostrasse auf der Ostseite des Tals 2000 fast fertig gestellt, so dass fast alle Dörfer eine Strassenanbindung haben. Dieser weitgehende Ausbau der Infrastruktur ist sicherlich zu einem großen Teil auf die Nachfrage des Tourismus zurückzuführen, durch dessen Erträge die Ausgaben auch finanziert werden konnten. Unter diesem Aspekt hat der Tourismus durchaus die allgemeine Entwicklung der Gemeinwesen um Manali voran getrieben, woran auch die Einwohner der Dörfer profitieren können. Nicht quantifizierbar sind hier jedoch die Gesamtkosten für diesen Ausbau im Verhältnis zu den öffentlichen Einnahmen aus dem Tourismus, weshalb hier keine Aussage über den wahren Gewinn oder Verlust der Gemeinde Manali gemacht werden kann.
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Abschließend werden nun die Wirkungen des Tourismus auf andere Wirtschaftsbereiche untersucht, wozu sowohl quantitative und qualitative Daten der eigenen Erhebung, als auch Sekundärdaten aus der Literatur verwendet werden. Dabei wurde in der standardisierten Umfrage zwischen diversifizierenden Wirkungen in der Bau- und der Betriebsphase unterschieden.
In der Bauphase blieben diversifizierende Wirkungen auf die Baubranche relativ gering, da in 73,0% der Fälle der Eigentümer mit seiner Familie selbst am Bau beteiligt waren und vor 1985 alle Hotels und Herbergen ausschließlich ohne professionelle Hilfe gebaut wurden. Seit der Wachstumsphase des Tourismus in Manali wurden für den Bau zwar auch lokale und regionale Firmen mit hinzugezogen, dennoch blieb die Eigenbeteiligung der Eigentümer weiterhin hoch. Lokale Baufirmen aus dem Kullutal wurden nur in 21,2% aller Fälle und auch nur von lokalen Eigentümern, die aus Manali oder umliegenden Dörfern stammen, beauftragt, wobei es sich hier zu 57,2% um Herbergen der untersten beiden Preiskategorien handelte. In 16,3% der Fälle waren Firmen von außerhalb der Region beteiligt, welche jedoch lokale Arbeitskräfte beschäftigten. Dabei kam in 80% der Fälle der Eigentümer ebenfalls aus anderen Bundesstaaten und es handelte sich in 50% der Bauten um die höchste Preiskategorie, aber auch bei 33,4% um die untersten beiden Preislagen. Baufirma und Arbeitskräfte kamen in nur 8,7% aller Hotelbauten von Außerhalb, wobei in diesen Fällen aber die Eigentümer alle aus Manali stammen und Hotels in den Preiskategorien zwei und drei gebaut wurden, die überwiegend indische Gäste beherbergen. Es kann daher angenommen werden, dass durch den internationalen Tourismus kaum Arbeitsplätze in der Baubranche entstanden sind, da die meisten Herbergen weitgehend selbst gebaut wurden. Weiterhin ist festzuhalten, dass die Preislage und die Herkunft der Besitzer keine signifikante Korrelation mit der Beauftragung von Bauunternehmern aufweist, da in allen Preislagen eine hohe Eigenbeteiligung vorherrschte, aber auch in allen Kategorien Firmen mitbeteiligt wurden. In der Betriebsphase kommt es über Zulieferunternehmen und regionale Nahrungsmittelhersteller zu diversifizierenden Wirkungen. Dazu wurden die Beherbergungsbetriebe gefragt, wie viele sie von acht üblichen Konsumgüterkategorien über regionale Unternehmen beziehen. Hier ist jedoch anzumerken, dass besonders kleinere Herbergen und Hotels teilweise außer Tee und Frühstück kein Essen anbieten und daher auch nicht alle acht Kategorien benötigen. Eine Häufigkeitsauszählung dieser Variablen zeigt jedoch, dass 75,6% der Betriebe sechs oder mehr der Kategorien, und nur 24,4% vier oder weniger Konsumgütergruppen von regionalen Zulieferfirmen beziehen. Zusammenfassend kann für diesen Bereich daher festgehalten werden, dass durch den Tourismus die Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Konsumgütern in der Region erheblich gesteigert wird. Da es hier aber zu keiner stärkeren Inflation
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kam als in anderen Dörfern der Region, ist anzunehmen, dass in erster Linie regionale Unternehmen davon profitieren. Ebenso kann davon ausgegangen werden, dass regionale Produzenten von Kunsthandwerk und Wollprodukten einen Aufschwung durch den Tourismus erfahren. So machen im ganzen Tal Werbetafeln auf diese Produkte aus dem Kullutal aufmerksam, und in den zahlreichen Souvenirläden werden diese den Touristen auch angeboten. Da jedoch gerade in Old Manali und Vashisht, wo viele internationale Touristen einkaufen, auch zahlreiche Migranten aus anderen Bundesstaaten ihre Souvenirläden eröffnet haben, fördert der Tourismus in Manali ebenfalls die Handwerksproduktion anderer Landesteile.
Für den ökonomischen Bereich lässt sich daher Folgendes festhalten: Der Tourismus hat zur Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze beigetragen, die jedoch ähnlichen Restriktionen wie in anderen Tourismusgebieten unterliegen. Speziell der internationale Tourismus, der von einer Mehrheit an individuell reisenden Rucksacktouristen geprägt ist, schuf in absoluten Zahlen nur wenige Beschäftigungen, die kaum Qualifikationen erfordern und fast vollständig auf die Hauptsaison beschränkt sind. Der Devisengewinn durch den Tourismus ist hinsichtlich der Sickerrate positiv zu bewerten, wobei jedoch ein Teil der Gewinne in andere Landesteile abfließt. Im Vergleich mit anderen Destinationen in Entwicklungsländern ist auch anzunehmen, dass der Devisenzufluss geringer ist, da die ausländischen Touristen mehrheitlich in den Herbergender der unteren Preiskategorien unterkommen. Für die weitere Entwicklung der Region ist der Ausbau der Infrastruktur und öffentlichen Einrichtungen durchaus positiv zu sehen, jedoch kann der Beitrag des Tourismus hierzu nicht quantifiziert werden. Eine Diversifikation der Wirtschaftsstruktur hat in Manali ebenfalls stattgefunden, wovon regionale Nahrungsmittelhersteller und die Wollproduktion auch profitieren. Dennoch ist die Ökonomie der Gemeinde in großem Maße auf den Tourismussektor konzentriert, weshalb sie weitgehend von weiterhin wachsenden Besucherzahlen abhängig ist. 5.5.2 Soziale Dimension
Vor dem Hintergrund der in Abschnitt 5.3 beschriebenen sozialen Strukturen Manalis und der eben dargelegten Wandlungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sollen nun die tourismusbedingten Veränderungen der Strukturen in der sozialen Dimension untersucht werden.
Die soziale Schichtung der verschiedenen Dörfer unterlag einigen Veränderungen durch die Zuwanderung von Unternehmern und Angestellten in der Tourismusbranche sowie durch den Aufenthalt der zahlreichen Saisonkräfte.
Zunächst haben sich die Eigentumsverhältnisse der Tourismusbetriebe verschoben, wie aus dem Sample der Hotels und Herbergen hervorgeht.
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Vor der Wachstumsphase waren noch 80% der Beherbergungsbetriebe in lokalem Besitz und nur 20% der Betriebe gehörten Eigentümern, die in anderen Landesteilen wohnten. Bis 2000 ist der Anteil der lokalen Eigentümer jedoch auf 60% aller Betriebe gesunken, 25,7% befinden sich in auswärtigem Eigentum und 14,3% wurden seit 1985 von hinzugezogenen Eigentümern eröffnet. Somit haben die Einwohner der eigentlichen Dörfer an Einflussmöglichkeiten auf die weitere
Tourismusentwicklung an zugewanderte und auswärtige Besitzer verloren. Mit 60% befindet sich aber immer noch ein großer Teil der Betriebe in lokalem Eigentum, was hinsichtlich der Partizipation der lokalen Bevölkerung an der weiteren Entwicklung durchaus positiv zu bewerten ist. Allerdings variiert die Preislage der Betriebe mit der Herkunft der Besitzer, was auch von einem asymetrischen Somers d von 0,574 angezeigt wird. Die ursprünglichen Einwohner führen daher zu 70% Herbergen der untersten drei Kategorien und die auswärtigen Eigentümer aus anderen Bundesstaaten besitzen zu 88,8% Hotels der obersten drei Preislagen. Der luxuriösere Tourismus wird somit von auswärtigen Unternehmern kontrolliert, während die Einheimischen die ausländischen Billigreisenden und indischen Mittelstandstouristen beherbergen. Dies wird auch von der Verteilung der Touristen in den Herbergen nahegelegt, so gehören die Hotels und Herbergen mit über 75% ausländischen Gästen zu 83,3% Einheimischen aus Manali und Vashisht und zu 16,7% zugewanderten Eigentümern aus dem Kullutal. Die Einwohner, die sich hauptsächlich auf den Rucksacktourismus ausgerichtet haben, besitzen jedoch außer ihrem Beherbergungsbetrieb weder weitere Hotels, Restaurants noch Souvenirläden. Nur 20% aus dieser Gruppe sind auch Eigentümer einer Reiseagentur oder eines Internetcafes. Bezeichnend für die starke Ausrichtung auf ausländische Gäste ist die Eigentumsverteilung der neuen Internetcafes, die zu 100% ursprünglichen Eigentümern aus Manali gehören, die auch über 75% der internationalen Touristen beherbergen, welche das Internet in erster Linie nutzen. Insgesamt kann daher festgehalten werden, dass sich die ursprüngliche Eigentumsstruktur in den Dörfern, die nur von der Unterscheidung in Landbesitzer und Lohnarbeiter gekennzeichnet war, weiter differenziert hat, da nun eine zweite Schichtung nach Eigentum von
Tourismusbetrieben hinzugekommen ist, die auch nicht mehr nur entlang der Kastengrenzen verläuft, sondern auch entlang der Herkunft der Eigentümer.
Neben der Zuwanderung und Entstehung einer neuen Unternehmerklasse in der Gemeinde von Manali sind in wesentlich stärkerem Maße zahlreiche Arbeitskräfte aus dem Kullutal, anderen Regionen Himachal Pradesh´s, anderen Bundesstaaten und sogar aus dem Ausland zugewandert. Das hat das natürliche Bevölkerungswachtsum noch enorm verstärkt, so dass zwischen 1971 und 1991 die Bevölkerung in dem Gebiet der heutigen Gemeinde Manali um 95%, gegenüber 52,5% in ganz Indien, zugenommen hat (vgl. MAZARI / SAH 1998: 133; Statistisches
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Bundesamt 1995: 30). Zuzüglich zu den Migranten wohnen und arbeiten während der Saison zahllose (25.000 nach der Gemeindeverwaltung) Saisonkräfte in dem Tourismusort, weshalb Manali den Sommer über eher einem urbanen Marktzentrum als einer ländlichen Gegend im Himalaya gleicht. Dieses enorme Bevölkerungswachstum verursacht aber auch eine starke Veränderung der sozialen Schichtung und Struktur, da mit der Tourismusentwicklung auch Urbanisierungsprozesse eingesetzt haben. Betrachtet man den Anteil der lokalen Arbeitskräfte in den Beherbergungsbetrieben, zeigt sich, dass nur 27,1% der Betriebe Familienmitglieder und nur 31,9% der Herbergen Arbeitskräfte aus Manali beschäftigen. Im Gegensatz dazu arbeiten Angestellte aus anderen Gegenden Himachal Pradesh´s in 62,9% der Betriebe und solche aus anderen Bundesstaaten in 46,6% aller Unterkünfte. Die wenigen Betriebe (8,5%), welche Arbeitskräfte aus dem Ausland, in erster Linie aus Nepal und Tibet, beschäftigen, gehören zu 66,7% auswärtigen Eigentümern. Diese Unternehmer stellen, im Vergleich zu lokalen Eigentümern, in größerem Ausmaß Arbeitskräfte aus entfernteren Gegenden und in geringerem Maße regionale Arbeitskräfte ein. Daraus lässt sich folgern, dass mit der Verlagerung der Eigentumsverhältnisse auch die Beschäftigungseffekte zunehmend nach Außen getragen werden und die Partizipation der lokalen Bevölkerung an der weiteren Tourismusentwicklung im Verhältnis zu hinzugewanderten und
auswärtigen Interessensgruppen abnimmt. Da mit der Beschäftigung im Tourismussektor jedoch auch soziales Prestige verbunden wird, ist die Annahme einer weiteren Differenzierung der sozialen Hierarchiestrukturen in der Gemeinde naheliegend.
In der Wahrnehmung lokaler und regionaler Touristiker besteht ein klarer Unterschied zwischen den ursprünglichen Dorfbewohnern und auswärtigen Arbeitskräften oder Unternehmern. Erstere arbeiten noch zu 70% in der Landwirtschaft und seien vom Tourismus nicht direkt betroffen, während insgesamt 70% der heutigen Bewohner der Gemeinde von außerhalb kommen, so ein 45 jähriger Reiseagenturbesitzer aus Old Manali. In der Einschätzung eines 43 jährigen Ladenbesitzers aus Kullu in Vashisht würden die Dorfbewohner noch weitestgehend ihren traditionellen Lebensstil führen und seien auch insgesamt zu ungebildet, um eigenständig eine fortschrittliche Entwicklung voranzutreiben. Im neuen Ortszentrum seien die Menschen jedoch korrupt und hätten ihre alten Werte verloren: „Manali in the village there is still old values (...) But in town they lose their morality”. An diesen Stereotypen lässt sich bereits deutlich eine neue Schichtung in der Bevölkerung erkennen, die zwischen den alt eingesessenen und den neu hinzugewanderten Teilen der Einwohner verläuft. Auch ein älterer Brahmane 31 aus Manali betonte den großen Unterschied zwischen den Menschen in dem Tourismuszentrum und in anderen Dörfern der Region, die noch weitgehend auf
31 Brahmanen sind Angehörige der Pristerkaste, die in der Hierarchie des Kastensystems ganz oben stehen, in Manali jedoch nur eine kleine Minderheit darstellen.
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Subsistenzbasis Landwirtschaft betreiben würden und auch aufgrund der mangelnden Infrastruktur in anderen Teilen der Region wesentlich rückständiger wären.
Vorurteile gegenüber den zahlreichen Saisonkräften und vor allem den ausländischen Arbeitsmigranten äußerten auch mehrere Angehörige der Rajputkaste. Zum einen wurden zwei Raubüberfälle auf ausländische Wandergruppen pauschal nepalesischen Saisonkräften angelastet, die mit den guten Löhnen in Manali nicht zufrieden seien und ohnehin nicht arbeiten wollten: „And mostly the nepali people, who settled here they are very dangerous“. Zum anderen seien die Saisonkräfte in Manali gegenüber den ausländischen Besuchern so aufdringlich, dass westliche Touristen kaum noch Interesse an Kontakten mit Einheimischen haben würden. Ein Reiseagentur- und Apfelplantagenbesitzer aus Manali gibt ebenfalls den Nepalis die Schuld an der steigenden Kriminalität im Tal. Aufgrund der niedrigeren Löhne dieser Migranten hätten viele lokale Lohnarbeiter ihre Arbeit verloren und würden daher zu kriminellen Methoden greifen (vgl. BANERJEE-BEY 2002a: 2). Ähnlich wie in dem Pilger- und Tourismuszentrum Pushkar wird auch hier die Verantwortung für auftretende Probleme pauschal den zugewanderten und auswärtigen Bevölkerungsteilen zugeschrieben. Im Sommer 1999 kam es sogar zu gewalttätigen Ausschreitungen der jugendlichen Dorfbewohner gegenüber tibetischen Flüchtlingen, welche sich in den vergangenen Jahrzehnten mit kleinen Läden und Gästehäusern in der Gemeinde niedergelassen hatten. In einem Artikel des Indian Express wird diese auch mit der stagnierenden ökonomischen Situation in dem Tourismusort erklärt: „...the youth of Manali are plagued by a sense of insecurity and resentment towards the Tibetan refugees. `Our own youngsters don´t have a place to do business. They feel today it is Tibetans, tomorrow it could be someone else´” (SINGH 2002: 2).
Unter den alteingesessenen Dorfbewohnern konnte mit den offenen Interviews und der teilnehmenden Beobachtung jedoch kein
Konkurrenzdenken festgestellt werden, obwohl die Tourismusentwicklung in Manali allmählich in die Stagnationsphase zu kommen scheint. Zu den bisherigen Konfliktlinien innerhalb der Dorfgemeinschaften entlang des ökonomischen Status und der Kastenzugehörigkeit kommt nun also eine weitere Schichtung bezüglich der Herkunft der Einwohner. Der ökonomische Status der Bevölkerung Manalis scheint insgesamt gestiegen zu sein, da mehrere Bewohner der Dörfer und regionale Unternehmer den Reichtum der Menschen im Kullutal hervorhoben, was von dem hohen Anteil lokaler Eigentümer an den Beherbergungsbetrieben und dem guten Ausbau der allgemeinen Infrastruktur auch bestärkt wird. Ein weiterer Entwicklungsindikator ist das hohe Bildungsniveau in Manali, das bereits 1991 mit 81,78% Alphabeten über dem Durchschnitt des Bundesstaates lag (vgl. DSPIGI 1999: 532). Das lässt auf das Wirken von Durchsickerungseffekten schließen, womit Modernisierungstheoretiker die
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anfängliche Vergrößerung sozialer Gegensätze legitimieren. Auf der anderen Seite ist die Armut vieler Migranten, die teilweise am Rand des neu geschaffenen Gemeindezentrums siedeln, nicht zu übersehen. Auch gibt es vor allem im urbanen Zentrum zahlreiche Bettler aller Altersstufen und beiderlei Geschlechts. Es lässt sich also annehmen, dass der tourismusbedingte Urbanisierungsprozess die sozialen Gegensätze nicht aufgehoben, sondern nur auf neue Bevölkerungsteile verschoben hat. Über Kennzeichen sozialer Ungleichheit wie Kriminalität, Prostitution und Drogenkonsum gehen die Meinungen der befragten Bewohner teilweise auseinander. Während ein Ladenbesitzer in Vashisht und ein Lehrer aus Manali Kriminalität in der Gemeinde durchaus als Problem wahrnehmen und dies auch mit dem Tourismus in Verbindung bringen, bezeichnet ein junger Student aus dem Nachbartal und ein auswärtiger
Reiseagenturbesitzer die Kriminalität im Kullutal insgesamt als sehr niedrig, auch da die Bevölkerung hier so wohlhabend sei. Die Polizei im Kullutal spricht jedoch von steigender Kriminalität: „The keepers of law and order also point out that crime has gone up in the Kullu valley because of the influx of Nepali labour in the past decade“ (BANERJEE-BEY 2002a: 2). Vor dem Hintergrund des Urbanisierungsprozesses und der Zuwanderung der vielen Arbeitskräfte ist dieser Anstieg auch wahrscheinlich. Insgesamt scheint die Kriminalität gleichwohl noch nicht als dringliches Problem wahrgenommen zu werden. Mehrere Dorfbewohner berichteten auch von drogensüchtigen
Einheimischen, deren Anzahl in den letzten Jahren gestiegen sei, was sie den ausländischen Touristen anlasteten. Der Deputy Inspector der Polizei in Manali äußerte sich dazu in einem Zeitungsartikel: „Due to their interaction with foreigners, 80 per cent of the youth are on drugs“ (SINGH 2002: 1). Im Nachbartal, in welchem seit wenigen Jahren eine ähnlich rasante Tourismusentwicklung begonnen hat, wird auch von steigendem Alkoholkonsum berichtet: „The foreigners are sitting around smoking charas and the locals are using the money they make to buy liquor. You´ll find someone drunk at 8 o´clock in the morning” (BANERJEE-BEY 2002b: 3). Dieses Phänomen konnte in Manali ähnlich beobachtet werden, da hier ebenfalls zahlreiche Einwohner an dem lukrativen Handel mit den Marihuanaderivaten beteiligt sind und ebenso hoher Alkoholkonsum (Reisschnaps) festzustellen war. Hinweise auf ein Prostitutionsgewerbe konnten jedoch nicht gefunden werden. Die Anzahl der im Tourismus beschäftigten Frauen ist über die Familienbetriebe hinaus als äußerst gering einzuschätzen, was Annahmen aus der Literatur widerspricht. Emanzipationsprozesse durch eigenen Lohnerwerb sind bei den Frauen in Manali daher nicht zu erwarten, und selbst die weitgehende Autonomie bei der Führung eines kleinen Familienbetriebes konnte nur vereinzelt beobachtet werden, da auch hier oft das männliche Familienoberhaupt die Geschäfte mit den ausländischen Touristen tätigt. Der Übergang zu einer Geldwirtschaft, was durch den
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Tourismus noch beschleunigt wird, raubt den Frauen in den Dörfern sogar Einflussmöglichkeiten. Insgesamt verändern und differenzieren sich die Versorgungsstrategien der Dorfbewohner, die ursprünglich nur von eigenem Anbau, Viehhaltung, kleinen Schafherden und den
Waldressourcen geprägt waren. Durch die Ausbreitung der Apfelplantagen und den unkontrollierten Bau hunderter Hotels und Herbergen ist heute aber kaum noch ausreichend Platz um für die wachsende Bevölkerung genügend Nahrungsmittel anzubauen und Schafherden zu halten. Auch der Bergwald mit seinen lebensnotwendigen Ressourcen wurde durch das Wachstum der Gemeinde und durch die unkontrollierte Ausbeutung seiner Baumaterialien weit zurückgedrängt. Daher versorgen sich die Dorfbewohner vermehrt durch drei oder vier verschiedene Beschäftigungen. Oft gehen die Männer Beschäftigungen in
Tourismusbetrieben im Gemeindezentrum nach, arbeiten als Lohnarbeiter in den Apfelplantagen ihrer Nachbarn oder betreiben selber einen kleinen Teestand, eine Reiseagentur oder ein Gästehaus. Frauen arbeiten in derartigen Familienbetrieben auch mit, beschäftigen sich aber weiterhin hauptsächlich mit der Landwirtschaft, kontrollieren den Tausch von Dienstleistungen und Waren innerhalb der Nachbarschaft und verkaufen immer öfters die selbst erzeugten Produkte an Hotel-, Restaurant- oder Ladenbesitzer (vgl. HAM 2002: 9; DAVIDSON-HUNT 2002b: 10), weshalb sie auch in den veränderten Strukturen wichtige Akteure in der sozialen Gemeinschaft bleiben. Nina RAO schreibt jedoch auch von einer Zunahme der Gewalt gegenüber Frauen: „(...)Manali,(...)has seen so much tourismrelated violence against women in the form of sexual harassment and eveteasing since tourist numbers began to increase, that women residents have demanded tourist police to protect them from tourists“ (RAO 1998b: 170). Aus der Sicht der weiblichen Einwohner hat der Tourismus daher ihre Lage insgesamt eher verschlechtert, als dass er
Emanzipationsprozesse verstärkt hätte.
Da die sozialen Beziehungen in den Dörfern auch weitgehend auf der gemeinsamen Arbeit der Frauen in der Subsistenzwirtschaft gegründet waren, ist mit einem Rückgang der gemeinsam geleisteten Arbeit auch eine Schwächung der sozialen Netzwerke innerhalb der
Dorfgemeinschaften zu rechnen. Mit der Verlagerung der Interessen der Dorfbewohner durch neue Versorgungsstrategien ist anzunehmen, dass sich auch neue soziale Gruppen innerhalb der Bevölkerung bilden. Individualisierungsprozesse, die durch die Einführung der Geldwirtschaft in Gang gesetzt wurden, werden auch durch die Zuwanderung und Urbanisierung der ländlichen Gegend voraussichtlich noch verstärkt. Hierbei ist auch zu beachten, dass für die Migranten oft das soziale Netzwerk der Familie wegbricht, wenn sie auf der Suche nach Arbeit nach Manali kommen.
Innerhalb der Familien ändern sich ebenfalls die Machtstrukturen und Aufgabenverteilungen. Waren in der Subsistenzwirtschaft die Versorgung der Familie noch weitgehend dem Einfluss der Frauen unterlegen,
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kontrollieren die Männer das Einkommen aus der Lohnarbeit, dem Familienbetrieb oder der Apfelplantage (vgl. DAVIDSON-HUNT 2002b: 10). Somit verlieren die Frauen mit dem Wandel der
Versorgungsstrategien auch an Einfluss in ihrem Haushalt. Zwischen den Generationen wurden keine Konflikte aufgrund von kulturellem Wandel oder veränderten Rollenkonzepten der Frauen festgestellt. Aufgrund des mangelnden empirischen Datenmaterials zu diesem Aspekt können Generationskonflikte jedoch auch nicht ausgeschlossen werden. Die sozialen Strukturen der Dörfer im Gebiet des heutigen Manali wurden durch die Tourismusentwicklung insgesamt verändert und weiter differenziert. Die Bevölkerung wurde durch Zuwanderung aus anderen Landesteilen stark vermehrt, was in der vormals ländlichen Gegend Urbanisierungsprozesse in Gang gesetzt hat. Die Machtverteilung innerhalb der Dörfer, die zuvor aufgrund des landwirtschaftlichen Eigentums und der Kaste gegliedert war, wurde in die weiteren Dimensionen des Eigentums an Tourismusbetrieben und der Herkunft der Bevölkerungsteile unterteilt. Durch die Gründung eines
Tourismusbetriebes sind viele Familien in der sozialen Hierarchie sicherlich aufgestiegen, während andere Dorfbewohner wegen fehlendem
Engagement in der Branche auch abgesunken sein können. Insgesamt hat sich die soziale Mobilität dadurch erhöht. Weiterhin haben auswärtige Investoren großen Einfluss auf die Entwicklung der Gegend errungen, weshalb davon auszugehen ist, dass die Partizipation der dörflichen Bevölkerung an politischen Entscheidungen abgenommen hat. Die unterschiedliche Herkunft und Integration der Bevölkerungssegmente schafft jedoch auch neue soziale Gruppen mit eigenen Interessen, so beispielsweise die Gruppe der regionalen Arbeitsmigranten, der ausländischen Zuwanderer, auswärtigen Investoren, ursprünglichen Dorfbewohner und der zahlreichen Saisonkräfte. Die soziale Ungleichheit wurde damit einhergehend ebenfalls auf diese neuen Gruppierungen verteilt, wobei die ursprünglichen Dorfbewohner insgesamt sozial aufgestiegen sind. Mit der Diversifikation der Versorgungsstrategien und Lebensentwürfe schreitet auch die Individualisierung der Bevölkerung voran. Innerhalb der Familien wandelt sich mit dem wachsenden Tourismus ebenfalls die geschlechterspezifische Aufgabenverteilung und damit der Einfluss auf Entscheidungen.
5.5.3. Kulturelle Dimension
In diesem Abschnitt soll nun der Kulturwandel in Manali unter der Einwirkung des Tourismus als Teilaspekt der gesellschaftlichen Entwicklung untersucht werden. Dazu soll zu Beginn die Kontaktsituation und -art zwischen den Kulturträgern der Dienstleistungs- und Ferienkultur in Manali dargestellt werden, um daran anschließend Imitations-, Identifikations-und Akkulturationseffekte in der Bevölkerung
auszumachen. Der Grundbedürfnisansatz von Lüem zur Beurteilung der
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entwicklungsrelevanten Implikationen des Kulturwandels soll dabei, soweit als möglich, mit berücksichtigt werden.
Kulturkontakte finden im Rahmen des Tourismus in Manali in vielfältigen Situationen statt, die jedoch oft ähnlichen Charakter aufweisen. Die Kontaktsituation spielt sich dabei meistens in Tourismusbetrieben wie Herbergen, Restaurants, Cafes, Reiseagenturen oder Souvenirläden ab. Hier treten Träger der Dienstleistungskultur, oft ähnlichen Alters wie ihre Kunden, in meist nur oberflächliche Kontakte mit den ausländischen Gästen. Auf beiden Seiten der interkulturellen Interaktion ist die Kontaktart von einer Art Zwang geprägt, da es sich bei diesen Kulturkontakten meist um irgendeine Form von ökonomischen Geschäft handelt. Der indische Touristiker möchte in erster Linie seine Ware oder Dienstleistung verkaufen, wobei das Interesse an der fremden Kultur seines Kunden hierbei in den Hintergrund rückt. Dieser wiederum möchte, in ganz pragmatischer Weise lediglich eine bestimmte Dienstleistung oder Ware erhalten, um allgemeine oder touristische Grundbedürfnisse befriedigen zu können. Tieferes Interesse an der Kultur seines einheimischen Geschäftspartners liegt hierbei meist kaum vor. Neben diesen eher rational motivierten Kulturkontakten konnten aber auch intensivere Gespräche zwischen Touristen und
Dienstleistungskulturträgern beobachtet werden. Dazu zählen oftmals marginal men der Dorfgemeinschaften, Eigentümer kleiner
Tourismusbetriebe, angestellte Saisonkräfte und Jugendliche aus den Dörfern, also Personen mit ganz unterschiedlichem sozialen Status innerhalb der Kultur Manalis. Diese Art von Kontakten finden oft in Restaurants oder Cafes statt, welche sich auf ausländische Touristen ausgerichtet haben und werden meist von der Gastgeberseite initiiert. Hierbei scheint ein echtes Interesse an dem Leben und der Kultur des Gesprächspartners zu bestehen, auch wenn sich das Verständnis der anderen Kultur meist auf Stereotype und Vorurteile beschränkt. Zwischen diesen als Idealtypen dargestellten Kontaktarten gibt es fließende Übergänge, jedoch ist von einem Übergewicht der ersten Kontaktart auszugehen. Wichtig ist anzumerken, dass sich beide Arten interkultureller Kontakte weitgehend auf die männlichen Träger der Dienstleistungskultur beschränken.
Im Zuge dieser Kulturkontakte, aber auch aufgrund der bloßen Anwesenheit der ausländischen Touristen kommt es zu
Demonstrationseffekten in der Bevölkerung Manalis, ebenso wie unter den zahlreichen Saisonkräften. Die Ferienkultur wird in Form von äußerlichen Merkmalen wie der Kleidung der Touristen, Sonnenbrillen oder Fotoapparaten demonstriert, aber auch durch ihre Verhaltensweisen in den Cafes und Restaurants. Hierbei ist weniger die freizügige Kleidung oder der Umgang zwischen den Geschlechtern problematisch, da sich die Besucher hinsichtlich dieser Aspekte weitgehend angemessen verhalten. Demonstriert wird eher eine Ferienkultur, die sich weitgehend auf Konsum westlicher Gerichte, westlicher Popmusik und der regionalen
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Marihuanaderivate beschränkt, sowie von zweckfreien Ausflügen und Wanderungen geprägt ist. Wie in Kapitel 5.4 dargestellt wurde, stehen hier in erster Linie regenerative sowie kompensatorische Funktionen im Vordergrund. In der Wahrnehmung der Tourismusdienstleister wird die Demonstration an Stereotypen deutlich, so ein Reiseagenturbesitzer über den großen Anteil israelischer Touristen: „...they want to freak out, have some parties, smoke little bit drugs and enjoy and thats it“. Dadurch entstehen Imitationseffekte bei den Saisonkräften, den Dorfbewohnern, die in ihren Tourismusbetrieben derartige Kontakte herstellen, oder bei Außenseitern der Dorfgemeinschaften, die sich durch Bekanntschaften mit den wohlhabenden Ausländern Vorteile erhoffen. Die Effekte zeigen sich hier an äußeren Merkmalen wie der Kleidung, oder an dem großen Interesse an allen westlichen Gegenständen, welche die Touristen mit sich führen. Viele Ladenbesitzer tauschen daher gerne ihre Ware gegen abgetragene Kleidungsstücke, Schlafsäcke, Sonnenbrillen oder technische Geräte aller Art. In Gesprächen mit diesen Menschen grenzen sie sich daher auch häufig gegenüber den übrigen Dorfbewohnern ab, so ein Ladeninhaber über die Dorfbewohner in Vashisht: „They don´t know about anything, you know, they know only work, need and shit“. Sie selbst versuchen sich davon abzuheben, um zu zeigen, dass die kulturelle Distanz zwischen ihnen und ihren westlichen Geschäfts- und Gesprächspartnern nur gering ist. Auch wenn sie die ökonomische Ungleichheit nicht überwinden können, wollen sie zumindest kulturell mit den fremden Besuchern auf einer Stufe stehen. Dadurch kommt es aber bei diesen Personenkreisen zu kulturellen Fehlanpassungen zwischen ihren grundlegenden Werten und gesellschaftlichen Normen und den übernommenen westlichen Kulturmustern.
Bei den Jugendlichen der ursprünglichen Dörfer, in denen sich auch die meisten explorer-Touristen aufhalten, sind derartige Imitationseffekte noch stärker zu beobachten. Sie tragen die Selbe Markenkleidung, die sie von abreisenden Touristen bekommen, das Selbe Partyoutfit, das in Manali an die Rucksackreisenden verkauft wird und ebenso westliche Uhren, Sonnenbrillen, Hüte, Schmuck und sogar Tatoos, die unter den Touristen populär sind. Diese Jugendlichen haben oft ihre weitere Schulbildung abgebrochen und verbringen ihre Freizeit - ähnlich den Touristen - in den zahlreichen Cafes und Restaurants. Dort zeigen sie neben dem äußerlichen Erscheinungsbild auch weitgehend das Selbe Konsumverhalten wie die ausländischen Besucher. Sie verzehren westliche Gerichte und Erfrischungsgetränke, konsumieren ebenfalls die
Haschischprodukte und zeigen auch ein Spaß- und erlebnisorientiertes Verhalten. So nehmen sie, nach eigenen Aussagen, auch regelmäßig an den Technopartys teil, die in der umliegenden Gegend für die ausländischen Touristen arrangiert werden und konsumieren dort neben dem indischen Haschisch auch die synthetischen Drogen der Touristen. Mit der weitgehenden Imitation der Ferienkultur wollen diese jungen Männer ebenfalls ihre subjektiv empfundene Unterlegenheit negieren und die Gemeinsamkeiten mit den westlichen Besuchern in den Vordergrund
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stellen. Für diesen Teil der Bevölkerung ist daher anzunehmen, dass sich der Abstand zwischen den sich verändernden Grundbedürfnissen und deren Befriedigung eher vergrößert, da die Partizipation an dem touristischen Konsum- und Freizeitverhalten für die jugendlichen Einwohner und Saisonkräfte schwer zu finanzieren ist. Die Imitationseffekte wirken sich jedoch auch weiter auf die Normen- und Wertesysteme dieser Gruppen aus, was in ganz Manali die kulturelle Heterogenität noch verstärkt. Die Übernahme kompletter Wertesysteme, wie es im Falle der theoretisch beschriebenen Identifikationseffekte vorkommt, ist zwar eher unwahrscheinlich, dennoch zeigen die Personen der Dienstleistungskultur aufgrund der Imitationseffekte teilweise Werte und Normen aus westlichen Gesellschaften. Die Auflösung familiärer Netzwerke und Individualisierungsprozesse zeigen sich hier ebenso wie ein gesteigertes Profitdenken oder eine zunehmende Zukunftsorientierung. Auch erfordert die gestiegene soziale Mobilität neue Lebenskonzepte, welche mit veränderten Wertesystemen neu legitimiert werden müssen. Da dieser Wertewandel bisher nur bei einem kleinen Teil der ursprünglichen Bevölkerung festzustellen ist, kann noch nicht von Kulturwandel als solchem gesprochen werden. Gleichwohl ist von einem grundlegenden Wandel auszugehen wenn dieser durch marginal men oder nachwachsende Generationen initiiert wird. So wirken im Bereich der Werte und Normen auch Akkulturationseffekte durch die bereits vorhandenen Entwicklungen der Ausbreitung der Geldwirtschaft oder der Urbanisierung der Gemeinde. Vor dem Beginn dieser
Entwicklungsprozesse waren die Werte der dörflichen Bevölkerung noch weitgehend auf die Subsistenzwirtschaft ausgerichtet. Die
Lebensstrategien mussten sich an den Ressourcen und den Risiken der natürlichen Umwelt orientieren und waren daher optimal zwischen den Bedürfnissen der Bauern und Hirten und den ökologischen Restriktionen abgestimmt. Aufgrund der Tourismusentwicklung und der damit verbundenen Urbanisierung sind jedoch die landwirtschaftlichen Möglichkeiten und natürlichen Ressourcen stark eingeschränkt worden. Gleichzeitig haben sich jedoch auch zahlreiche
Beschäftigungsmöglichkeiten für Selbstständige oder Lohnarbeiter eröffnet. Daher ist langfristig mit einem generellen Wandel der Lebenskonzepte der Bevölkerung in den Dörfern zu rechnen, womit sich auch deren Wertesysteme ändern, auf denen diese Lebensentwürfe gründen. Für einen langfristigen Kulturwandel in Manali spricht auch das steigende Engagement auswärtiger Unternehmer, welche die
Tourismusentwicklung in wachsendem Ausmaß beeinflussen und die Entwicklung, im Sinne COHEN`s, von einer organischen zu einer induzierten umwandeln.
Hingegen sind Akkulturationseffekte wie die Kommerzialisierung traditioneller Bräuche und Riten in Manali nicht zu beobachten. Obwohl einige Touristen Interesse an der Kultur der Einheimischen äußerten, werden hier keine folkloristischen Darbietungen oder religiöse Zeremonien
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aufgeführt. Kulturelle Feste in den Dörfern finden weitgehend ohne ausländische Besucher statt und werden nach wie vor für die Einheimischen selbst ausgerichtet. Dieser Umstand lässt sich jedoch mit den überwiegenden Beweggründen der Touristen erklären, die auf der Suche nach Regeneration, Vergnügen und abenteuerlichen, aber vor allem authentischen Erlebnissen kein Interesse an inszenierten Vorführungen haben.
Gegenteilige Effekte wie eine Stärkung des kulturellen Selbstbewusstseins konnten in Manali jedoch ebenfalls nur in geringem Ausmaß festgestellt werden. In den Interviews zeigten zwar alle befragten Personen auch die Wahrnehmung problematischer Bestandteile in der westlichen Kultur, ein echtes Bewusstsein für den wahren Wert ihrer nachhaltigen Lebensweise war aber nicht zu erkennen. Die permanente Demonstration der subjektiv überlegen wahrgenommenen Ferienkultur, sowie Akkulturationseffekte durch den ausgeprägten Binnentourismus und die Massenmedien verstärken in den Dörfern noch den Modernisierungsprozess der traditionellen Kulturmuster.
Weitere Akkulturationseffekte konnten im Bereich der materiellen Artefakte der Bergkultur festgestellt werden. Zwar sind bei den Wollprodukten aus der Region noch kaum Anpassungen an die touristische Nachfrage zu erkennen, da diese noch weitgehend nach traditionellen Schnittmustern gefertigt werden. In den zahlreichen Souvenirläden werden jedoch auch Kleidungsstücke aus anderen Landesteilen wie dem Tourismuszentrum Pushkar oder der Hauptstadt Dehli angeboten, die in populären westlichen Modestilen gefertigt wurden. Dies zeigt sich besonders stark bei den Kleidungsstücken nepalesischer Schneider, die sich vollkommen an den Vorlieben der explorer-touristen für Hippie- und Partymode orientiert haben. Traditionelle Muster oder Kleidungsstile werden bei Letzteren überhaupt nicht mehr verwendet, weshalb diese Kleidungsstücke am ehesten als Produkte aus der Interaktion der Ferienmit der Dienstleistungskultur bezeichnet werden können. Bei der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung hat sich noch kein Wandel der Bekleidungstradition eingestellt, weshalb hier von einem Verlust des traditionellen Sinngehaltes noch nicht auszugehen ist. Die Architektur als materielle Manifestation der Kultur hat sich jedoch in Manali mit der Tourismusentwicklung und der damit einhergehenden Urbanisierung weitgehend gewandelt. In der alten Bauweise aus Steinen, Holz und Schieferdächern werden heute kaum noch Häuser gebaut. Die traditionellen Baumaterialien wurden weitestgehend durch Beton, Stahlträger und Ziegelsteine ersetzt, wodurch sich auch die Höhe der Gebäude im Vergleich mit den alten Bauernhäusern verdoppelt hat. Somit hat sich der architektonische Charakter der Bergdörfer weitgehend gewandelt. Im Unterschied zu Bauerndörfern der Umgebung sind Old Manali, Vashisht und in geringerem Masse Dhungri und Chachoga auch wesentlich dichter bebaut, und die Neubauten aus Beton haben nichts mehr mit den ursprünglichen Baustilen gemein. Das neue urbane
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Gemeindezentrum gleicht aufgrund der massiven Bautätigkeiten der letzten zehn Jahre auch eher dem Stadtbild einer mittleren indischen Kleinstadt. Manche Hotels sind vollkommen in europäischen Baustil errichtet und erinnern an Skiorte in den Alpen. Der Wandel in der Architektur kann jedoch nicht als alleiniger Akkulturationseffekt des Tourismus bezeichnet werden, da in ganz Indien modernere Baumaterialien verwendet werden, soweit die Kosten dies zulassen. Allerdings trägt der Tourismus auch zur Bewahrung der traditionellen Architektur bei, indem mit öffentlichen Geldern die beiden Tempel in Dhungri und Old Manali vollkommen restauriert wurden. Der quantitative Beitrag des Tourismus zu den Kosten der Restauration ist zwar nicht bekannt, jedoch ist davon auszugehen, dass der Tourismus das Bewusstsein für den Wert dieses touristischen Potentials verstärkt hat. Der Kulturwandel, der sich in Manali vollzieht, wurde nicht alleine durch den Tourismus eingeleitet. Bereits vorhandene Entwicklungen wie die Einführung der Obstplantagen und der Geldwirtschaft, sowie die Urbanisierung der ländlichen Gegend, aber auch der Kontakt mit Binnentouristen aus indischen Großstädten und die üblichen
Massenmedien sind als weitere Ursachen für den Kulturwandel zu sehen. Dennoch verstärkt der internationale Tourismus diese
Modernisierungsprozesse und initiiert weitere Akkulturationerscheinungen. Insgesamt hat sich die Kultur der Einwohner differenziert und ist heute von einem sehr heterogenen Charakter. Die Abnahme der kulturellen Homogenität wurde neben den Imitationseffekten einiger
Bevölkerungsteile und dem durch den Tourismus verstärkten Wandel der Versorgungsstrategien auch durch die massive Zuwanderung von Arbeitskräften bewirkt. Ob die weitere Akkulturation durch den internationalen Tourismus hier jedoch eine dauerhafte Fehlanpassung verschiedener Kulturelemente bewirkt oder eine eigenständige
Modernisierung der Kultur im Kullutal beschleunigt, kann mit dem vorliegenden Datenmaterial nicht abschließend geklärt werden. Die beobachteten Imitationseffekte bei einigen Jugendlichen und
Tourismusdienstleistern deuten jedoch eher auf eine vergrößerte Distanz zwischen den Bedürfnisvorstellungen und deren Befriedigung hin.
5.5.4. Ökologisch-soziale Dimension
Da mit der Diskussion um nachhaltige Entwicklung in den 90er Jahren verstärkt die ökologische Dimension in die Betrachtung gerückt wurde, sollen nun die sozialen Effekte der ökologischen Folgen der Tourismusentwicklung in Manali dargestellt werden. Dazu werden Daten aus der Literatur, der Presse und den qualitativen Interviews verwendet. Die gravierendsten sozialen Folgen ökologischer Probleme in Manali resultieren aus der enormen Übernutzung der natürlichen Ressourcen. Die Ursachen dafür liegen wiederum zum einen in dem steigenden Bedarf der
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wachsenden Bevölkerung an Brennmaterial und Wohnraum, zum anderen in dem unkontrollierten Bau zahlreicher Gebäude und der kommerziellen Abholzung der Bergwälder.
Für den Bau von Hotels und Wohnhäusern werden häufig Steine illegal und im großen Stil von den gut zugänglichen Flussufern abgetragen. Dadurch erhöht sich die Fließgeschwindigkeit an den Rändern, und in der Flussmitte lagern sich zunehmend Geröll und Sand von den Berghängen ab. Infolgedessen werden die Flussufer zunehmend unterspült und der Flusslauf ändert in wenigen Jahren seine Richtung. Die Behörden in Himachal Pradesh diskutierten 1981 das Erste mal ein Gesetz zur Kontrolle der Bebauung im Kullutal, aufgrund bürokratischer
Schwierigkeiten wurde aber bis 1994 keine gesetzliche Regelung verabschiedet. Die Planungen der Behörden, eine solche Beschränkung einzuführen, führte dagegen zu verstärkten Bautätigkeiten, da viele Hoteleigentümer ihre Gebäude noch vor der Einführung einer gesetzlichen Regulierung fertigstellen wollten. 1994 wurde dann die
Stadtentwicklungsbehörde des Bundesstaates beauftragt, in den urbanen Zentren Kullu und Manali weitere Bebauung zu überwachen, was zur Folge hatte, dass neue Hotels nun außerhalb der Stadtgrenzen in den umliegenden Dörfern gebaut wurden (vgl. LOHUMI 2002: 2f.). Das oberste Gericht des Bundesstaates verbot ein Jahr darauf jegliche Baumaßnahmen innerhalb einer Entfernung von 500 Metern zu den Flussufern. Das Kullutal ist jedoch an seiner weitesten Stelle gerade einmal 2,5 km breit, weshalb das Verbot kurze Zeit später wieder aufgehoben wurde.
Im September 1995 kam es dann, verursacht durch überdurchschnittlich starke Regenfälle, zu einer Überschwemmung, bei der zahlreiche Hotels und Wohnhäuser im Flussbett oder nahe den Ufern weggespült wurden. Es entstand insgesamt ein Schaden von 34 Mio. US$ und neben der Zerstörung vieler Gebäude wurde der National Highway 21 teilweise unterbrochen sowie mehrere Brücken zertrümmert (vgl. DAS 2000: 1f.). Seit der starken Flut von 1995 kam es auch in den folgenden Jahren zu kleineren Überschwemmungen, die auch häufig Waldbestände an den Ufern mit hinwegreissen und somit die weitere Erosion noch beschleunigten. Zwischenzeitlich hat die Stadtentwicklungsbehörde das Tal in unterschiedliche Entwicklungszonen für bestimmte Nutzungsformen eingeteilt, um besonders gefährdete Gebiete vor weiterer Übernutzung zu schützen (vgl. LOHUMI 2002: 3).
Neben dem illegalen Abtragen von Steinen aus dem Flussbett wirft die Abholzung der umliegenden Wälder ebenso ökologische Probleme auf. Die Gründe dafür sind jedoch vielfältiger, da der Wald gleich mehrere natürliche Ressourcen bereitstellt. Zum einen entwickelte sich in ganz Himachal Pradesh mit dem Ausbau der Verkehrswege die Forstproduktion zu einem wichtigen Exportsektor. Die Regierung vergab hierzu Lizenzen für Holzschlagrechte an auswärtige Unternehmen, die den Bergwald lange
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Zeit kommerziell übernutzten und somit oft in Konflikt mit den lokalen Dörfern kamen (vgl. BHATI / ZINGEL 2002: 12). Die Bevölkerung in den Orten um Manali erhielt von der Regierung ebenfalls Waldnutzungsrechte für den Gemeindewald, den sie ohnehin de facto als lokales Eigentum betrachteten. Einige Einwohner nutzten diese Rechte aus, um ebenfalls Bäume für den kommerziellen Verkauf zu fällen, Bergwald in ihrem Besitz an Hoteleigentümer zu verkaufen (vgl. LOHUMI 2002: 2) oder diesen in lukrativere Apfelplantagen zu verwandeln. Der Anbau von Marktfrüchten erhöhte ebenfalls die Ausbeutung der natürlichen Waldressourcen, und für den Transport der Äpfel in Holzkisten werden jedes Jahr zahlreiche Bäume gefällt. So wurden im gesamten Bundesstaat 1998 19,4 Mio. Kisten gefertigt, wofür mehr Holz benötigt wurde, als im gleichen Jahr nachwachsen konnte (vgl. BHATI / ZINGEL 2002: 9). Hinzu kommt, dass die wachsende Bevölkerung auch einen steigenden Bedarf an Brenn- und Bauholz hat, weshalb auch die Zahl der hierfür gefällten Bäume steigt (vgl. LOHUMI 2002: 2; DAVIDSON-HUNT 2002a: 9). All diese Aktivitäten erhöhen jedoch die Erosion der Berghänge, da die Wurzeln fehlen, um die Erde an den steilen Hängen zu halten. Auch die Apfelbäume, welche den Bergwald teilweise ersetzen, können die Erosion aufgrund ihrer kürzeren Wurzeln nicht verhindern. Dadurch wird jedoch die Ablagerung von Sand und Erdreich im Flussbett noch verstärkt, was wiederum zu Überschwemmungen des Tales beiträgt. Des Weiteren kam es in den vergangenen Jahren vermehrt zu Schlammlawinen, die 1995 während der Überschwemmung insgesamt 65 Todesopfer forderten (vgl. MAZARI / SAH 2002: 2ff.).
Die Reduktion des Bergwaldes beinhaltet für die Dorfbewohner aber auch weniger drastische, dafür jedoch alltägliche Probleme. So beklagen sich die Frauen in den umliegenden Dörfern über die langen Fußmärsche, die sie heute unternehmen müssen, um die benötigten Ressourcen im Wald zu sammeln. „Women estimated that a trip to the forest five years ago took only two hours as compared to the four-five hours in 1994“ (DAVIDSON-HUNT 2002b: 10). Diese ständige Erschwernis der täglichen Aufgaben sind auch ein Grund, weshalb die Mahila Mandals eine führende Rolle bei dem Schutz des Forstbestandes eingenommen haben. Die lokale Kontrolle der Waldbestände durch diese Frauengruppen wird auch offiziell vom Forstamt unterstützt, um die Bäume vor illegalem Abholzen zu bewahren.
Weitere Umweltprobleme in Manali resultieren aus dem hohen Abfallaufkommen der Touristen, insbesondere durch die Verwendung nicht kompostierbarer Materialien wie Plastikflaschen für Mineralwasser, Verpackungen für Süßigkeiten oder Einkaufstüten. Dieser Müll wird häufig an öffentlichen Plätzen, Berghängen oder Abwasserrinnen gesammelt und unter freiem Himmel verbrannt. In Himachal Pradesh wurde daher bereits 1995 ein Verbot für farbige Plastiktüten aus recycelten Material ausgesprochen, das sich allerdings auf die beiden Tourismuszentren
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Shimla und Manali beschränkte und nicht umfassend durchgesetzt werden konnte (vgl. SHARMA 2002a: 1). Mit dem Verbot sollte in erster Linie erreicht werden, dass kompostierbarer Müll und Restmüll gesondert gesammelt werden, um letzteren recyceln zu können (vgl. INDIAN EXPRESS 2002: 1). Am 1. Januar 1999 wurde das Verbot nun im gesamten Bundesstaat eingeführt, womit Himachal Pradesh in dieser Hinsicht in Indien eine Vorreiterrolle einnimmt. Um das Verbot vollständig durchzusetzen und in der Bevölkerung ein Bewusstsein für die Müllproblematik zu schaffen, wurden in den verschiedensten Landesteilen auch Informationsveranstaltungen durchgeführt, die in der lokalen Bevölkerung auf reges Interesse stießen (vgl. SHARMA 2002b: 1). Im Sommer 2000 wurden dennoch in den meisten Souvenir- und Nahrungsmittelläden wieder Plastiktüten ausgegeben, und die Müllberge an den Dorfeingängen sind nach wie vor kaum zu übersehen. Ein Lehrer aus Manali wies auf eine Mülldeponie einige Kilometer nördlich der Ortschaft hin, weshalb der Müll der Touristen kein ernsthaftes Problem darstelle. Einige Einwohner ärgerten sich aber auch darüber, dass ein umfassendes System der Müllbeseitigung immer noch nicht eingeführt wurde.
Neben dem unkompostierbaren Müll verschmutzen auch die steigenden Abwassermengen aus den Hotels das Wasser des Beasflusses, in den die Fäkalien vieler Herbergen einfach eingeleitet werden. Inwieweit es dadurch zu ernsthaften Gefährdung des Trinkwassers kommt, konnte mit dem vorliegenden Material nicht geklärt werden. Nach einer Aussage des Direktors des Tourismusamtes in Himachal Pradesh sollte 2001 jedoch eine neue Kläranlage nahe Manali gebaut werden, um die Verschmutzung des Flusswassers zu verringern.
Insgesamt ist in der Bevölkerung ein steigendes Bewusstsein für ökologische Problemfelder festzustellen. Die großen Schäden durch Überschwemmungen und Schlammlawinen werden jedoch auch oft als göttliche Strafe für das unmoralische Verhalten der Menschen aufgefasst und Probleme in der ökonomischen sowie sozialen Dimension stehen für die Einwohner nach wie vor im Vordergrund. Nach dem vorliegenden Material war die traditionelle Lebensweise in den Bergdörfern vor der Einführung der Geldwirtschaft und des Tourismus besser an die ökologische Umwelt der Bergregion angepasst. Der Tourismus hat zu den gegenwärtigen ökologischen Problemen zu einem erheblichen Teil beigetragen, was bei der Bewertung der Kosten und des Nutzens der Entwicklung im Kullutal zu berücksichtigen ist.
6. Rückschlüsse der Empirie auf die Entwicklungstheorien
Nachdem im vorherigen Kapitel die tourismusinduzierten Wirkungen auf die Entwicklung in der Gemeinde Manali dargestellt wurden, sollen nun die theoretischen Annahmen der Entwicklungsdiskussion wieder aufgenommen
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werden, um zu diskutieren, inwieweit der Tourismus hier aus einem modernisierungstheoretischen Verständnis als Entwicklungsinstrument die Modernisierung befördern konnte, und welche Aspekte des Tourismus aus einer dependenztheoretischen Perspektive die Abhängigkeit von den Industrienationen verstärkt und unerwünschte Fehlentwicklungen bewirkt hat. 6.1 Modernisierungstheoretische Annahmen Zunächst sollen hier die ökonomischen Annahmen der
Modernisierungstheorien überprüft werden, da das Wirtschaftswachstum von deren Vertretern als unabdingbare Voraussetzung der Entwicklung betrachtet wird. Das Ziel der Entwicklung wird im
modernisierungstheoretischen Anpassungsfähigkeit der gesellschaftlichen Subsysteme an die
Systemumwelt verstanden, um so eine nachhaltige Entwicklung zu vollziehen. Für den ökonomischen Bereich, der sich im Zuge der Modernisierung erst als autonomes Subsystem ausdifferenzieren muss, heißt dass in erster Linie die Etablierung der Basisinstitution der freien Marktwirtschaft.
In den ursprünglichen Dörfern der heutigen Gemeinde Manali wurde die Marktwirtschaft durch den Wandel von der Subsistenzwirtschaft zum Anbau von Marktfrüchten ansatzweise eingeführt. Der Tourismus hat jedoch dazu beigetragen, die Marktwirtschaft weitgehend zu etablieren. Dies zeigt sich an dem hohen Anteil lokaler Unternehmer in der Tourismusbranche, dem Verkauf eigener Produkte auf dem lokalen Markt und der Ausbreitung der Lohnarbeit 32 sowohl unter den eigentlichen Dorfbewohnern, als auch bei den zahlreichen Arbeitsmigranten. Die Konkurrenz auf dem Tourismusmarkt hat auch eine Arbeitsteilung und damit einhergehende Spezialisierung bewirkt, was sich an den verschiedenen Lebensstrategien und den verschiedenen ökonomischen Sektoren zeigt, die sich in Manali etabliert haben. Eine Bedingung der Marktwirtschaft ist das Wirtschaftswachstum, was in dieser Sichtweise auch als notwendige Bedingung der Entwicklung verstanden wird. In Manali konnte der Tourismus in großem Maße zum Wachstum beitragen, wie man an den enormen Steigerungsraten der Besucherankünfte sehen kann. Ein weiteres Kennzeichen dafür sind die Investitionen, die in Manali sowohl von der lokalen Bevölkerung, als auch in weit größerem Ausmaß von auswärtigen Unternehmern getätigt wurden und der Preisanstieg in den Beherbergungsbetrieben. Der Tourismus hat, soweit dies hier festgestellt werden konnte, dazu beigetragen, ein ökonomisches Subsystem in Manali auszudifferenzieren. Der Rationalisierungsprozess hat hier auch zu einer enormen
32 Hierzu ist allerdings anzumerken, dass der internationale Tourismus weniger zur Ausbreitung der Lohnarbeit beigetragen hat, als der Binnentourismus. Daher ist hinsichtlich dieses Aspekts von einer Konzentration auf internationale Rucksacktouristen in Indien abzuraten.
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Leistungssteigerung geführt, wie sich an dem Wachstum der Tourismuswirtschaft sehen lässt. In dieser Dimension der Gesellschaft ist die Wirkung des Tourismus auf die Entwicklung daher als modernisierungsfördernd einzuschätzen. In den Modernisierungstheorien wird das Wirtschaftswachstum jedoch nicht nur als Merkmal der modernen Gesellschaft, sondern auch als Voraussetzung für eine Modernisierung in den Entwicklungsländern identifiziert. Daher ist nun zu überprüfen, inwieweit die theoretisch begründete Empfehlung, den Tourismus zur Förderung des Wirtschaftswachstums einzuführen, hier zugetroffen hat. Die neoklassische Theorie geht von den besten Entwicklungserfolgen aus, wenn die komparativen Kostenvorteile auf dem Weltmarkt ausgenützt werden, um über die internationale Arbeitsteilung die besten Produktivitätssteigerungen zu erzielen. Manali verfügt über ein ausgezeichnetes natürliches Angebot, sowie zahlreiche gering qualifizierte Arbeitskräfte, ist jedoch aufgrund seiner geographischen Lage schwer zugänglich und verfügte ursprünglich nicht über große Kapitalbestände, was der Etablierung alternativer Industrien entgegenstand. Der Tourismus nutzt die Kostenvorteile der hier vorliegenden Faktoren auf dem Weltmarkt somit am besten aus. Aufgrund der oben beschriebenen wachstumsfördernden Wirkung des Tourismus wird die Annahme der komparativen Kostenvorteile daher weitgehend bestätigt. Der Ansatz der systemischen Wettbewerbsfähigkeit nennt ebenso wie die neoliberale Wirtschaftstheorie die Stabilisierung der ökonomischen Rahmenbedingungen als Vorraussetzung für ein nachhaltiges
Wirtschaftswachstum. In Indien wurde auf dieser Ebene die wirtschaftliche Öffnung zum Weltmarkt für internationale Hotelketten und Importe von Einrichtungsgegenständen, sowie Deregulierungsmaßnahmen in der Wirtschaft vollzogen. In Himachal Pradesh wurde speziell zur Förderung der Tourismusbranche weitreichende Infrastrukturverbesserungen
eingeleitet und Investitionsanreize zur Förderung des privaten Sektors eingeführt. In wie weit die steigenden Touristenankünfte und die guten Entwicklungsindikatoren in dem Himalayastaat aber auf diese Maßnahmen zurückzuführen sind, kann mit dem vorliegenden Datenmaterial nicht geklärt werden.
Der Keynesianismus fordert als Entwicklungsstrategie langfristig die Überwindung der Konzentration auf die Primärgüterproduktion. In Manali wurden mit der Forstwirtschaft und den Apfelplantagen aber nur Primärgüter produziert, was ebenfalls durch den Tourismus auf andere Sektoren ausgeweitet werden konnte. Heute zeichnet sich die Wirtschaftsstruktur der Gemeinde neben dem Agrarsektor durch eine Vielzahl an Dienstleistungsbranchen (in erster Linie der
Tourismuswirtschaft) und in bescheidenem Maße durch Kunsthandwerk aus. Weiterhin identifiziert dieser Ansatz eine hohe Spar- und Investitionsrate als wichtige Bedingung für das Wirtschaftswachstum, weshalb auch eine vorübergehende Ungleichverteilung der materiellen
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Verhältnisse billigend in Kauf genommen wird. Die Investitionsrate ist aufgrund der Anziehung auswärtigen Kapitals und der unternehmerischen Initiative vieler Dorfbewohner während der Tourismusentwicklung stark angestiegen. Die soziale Ungleichheit, die sich zwischen den Einheimischen und den auswärtigen Arbeitsmigranten ergeben haben, ist somit nicht als Fehlentwicklung zu bewerten, da die relative Prosperität der Dorfbewohner zukünftige Investitionen ermöglichen und von weitern Durchsickerungseffekten auszugehen ist. Der Tourismus ist also auch hinsichtlich dieser Annahmen über Entwicklungsvoraussetzungen als förderlich einzustufen, da er sowohl die als Hemmnis identifizierte Konzentration auf Primärgüter zu überwinden half, als auch die Investitionsrate in der Region erhöhen konnte. Die hohe und bisher anhaltende Wachstumsrate lässt sich somit auch durch die Ausdehnung der Wirtschaft über die Primärgüter hinaus, sowie die gesteigerte Investitionsrate begründen. Als weitere Entwicklungsbedingungen nennt das
Neofaktorproportionentheorem die technologische Weiterentwicklung und Investitionen in das Humankapital. Im Tourismussektor spielen beide Faktoren eine geringere Rolle, jedoch nutzten auch in Manali einige Unternehmer den technologischen Fortschritt, wie beispielsweise Hotelwerbung und Reservierungsmöglichkeiten im Internet oder die Erweiterung des abgeleiteten Angebots durch Internetcafes und Satellitenfernsehen. Das Humankapital in Manali, also das explizite Wissen und die Fertigkeiten seiner Einwohner wurde auf zwei Ebenen verbessert. Zum einen wurden in Manali mehrere Bildungsinstitutionen geschaffen und zum anderen wird im College der Distrikthauptstadt der Studiengang Tourismus angeboten. Das Ergebnis zeigt sich an der
Alphabetisierungsrate, die den allgemein hohen Durchschnitt in Himachal Pradesh noch übersteigt, obwohl die Gemeinde in einer ländlichen Gegend liegt. Unter der Annahme, dass dieser relativ hohe Bildungsstand auf das tourismusinduzierte Wirtschaftswachstum zurückgeführt werden kann, hat der Tourismus unter diesem Aspekt auch bessere Voraussetzungen für zukünftiges Wachstum und eine weitere Diversifikation bewirkt. Inwieweit das bislang steigende Wirtschaftswachstum jedoch auf die hohe Alphabetisierungsrate zurückgeführt werden kann, ist besonders vor dem Hintergrund des niedrigen Bedarfs an qualifizierten Arbeitskräften in der Branche hier nicht zu klären.
Schließlich gehen auch die Modernisierungstheorien mit dem Ansatz der moving targets von dem Einfluss der Systemumwelt auf die Entwicklung aus. Somit wird die Entwicklung in Manali auch durch die Konkurrenz anderer Touristenorte in Indien, durch Unsicherheiten auf dem gesamten Subkontinent und durch sich wandelnde Präferenzen der Tourismusmärkte in den industrialisierten Staaten bedingt. Aufgrund dieser Annahmen lässt sich auch das enorme Wachstum der Touristenzahlen in Himachal Pradesh erklären, da der Nachbarstaat Kashmir zur gleichen Zeit wegen dem eskalierenden Konflikt als Touristenziel weitgehend unattraktiv wurde.
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Insgesamt hat sich die Systemumwelt durch die Entwicklung der Branche und die Einbindung in die Marktwirtschaft aber auch stark ausgeweitet, wodurch externe Einflüsse auf die ökonomische Entwicklung der Dörfer in großem Umfang zugenommen haben. Für diese Annahme spricht beispielsweise die generelle Unsicherheit in der Tourismusbranche aufgrund sich wandelnder Präferenzen der Touristen. Speziell in Indien wurden auch die negativen Auswirkungen auf die Besucherzahlen durch politische Unruhen oder Naturkatastrophen in anderen Landesteilen festgestellt, was durch diesen Ansatz erklärt werden kann. Die Wirkung des Tourismus ist unter diesem Aspekt folglich als eine Verstärkung möglicher Entwicklungshemmnisse zu interpretieren. Im sozialen Bereich wird unter dem modernisierungstheoretischen Paradigma die Etablierung der beiden Basisinstitutionen der
Konkurrenzdemokratie und des Wohlfahrtsstaates als nachhaltiges Entwicklungsziel betrachtet, da somit die Anpassungsfähigkeit an die Systemumwelt am besten erreicht werden kann. Die zentralen Prozesse, welche zu einer modernen Gesellschaft führen, die Differenzierung verschiedener funktionaler Subsysteme und die jeweiligen
Rationalisierungsprozesse in diesen, sind in Manali auch zu beobachten. Aufgrund der Tourismusentwicklung hat sich die Wirtschaft mit dem Wandel zur Marktwirtschaft als autonomes Subsystem ausdifferenziert. Der hier wirksame Rationalisierungsprozess hat die Diversifikation der Wirtschaftsbranchen und Spezialisierung der Tätigkeiten bewirkt. Die gesellschaftliche Gemeinschaft der Gemeinde hat sich in verschiedene Subgruppen untergliedert, deren Integration allerdings nur teilweise vollzogen werden konnte. Daher sind die Ausdifferenzierung eines politischen Subsystems zur Lösung von Interessenkonflikten und eine breite Partizipation daran, sowie die Integration der gewachsenen Bevölkerung durch ein allgemein akzeptiertes Normensystem wichtige Zukunftsaufgaben auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft. Aufgrund der mangelnden Modernisierung hinsichtlich dieser Aspekte können auch die Vorurteile innerhalb der Bevölkerung und die gewalttätigen Ausschreitungen gegenüber den tibetischen Flüchtlingen erklärt werden. Die extensive Tourismusentwicklung war unter diesem Gesichtspunkt zu rasant, da die gesellschaftlichen Strukturen noch nicht auf eine derartig starke Zuwanderung und rasante Modernisierung der Ökonomie vorbereitet waren. Auch ist zu vermuten, dass die fluktuierende Bevölkerung die Ausbildung gemeinsamer Normensysteme langfristig behindert. In dieser Perspektive wird aber immer auch von einer Verunsicherungen der sozialen Bindungen auf dem Weg der Modernisierung ausgegangen, was somit auch als Grundproblem dieser Entwicklung interpretiert werden kann.
Der Ansatz der systemischen Wettbewerbsfähigkeit sieht hier auf der Metaebene ebenfalls gesellschaftliche Strukturbildung als wichtige Voraussetzung um einen regen Dialog zwischen verschiedenen Akteuren zu ermöglichen. Als wichtige Bedingung dafür wird hier die klare Trennung
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zwischen der Wirtschaft, dem Staat und gesellschaftlichen Gruppierungen betrachtet. Dies ist in Indien seit der wirtschaftlichen Öffnung nur ansatzweise gelungen, da der private Sektor gegenüber den Staatsunternehmen immer noch eine geringere Rolle spielt. Die Institutionalisierung eines regen Austausches zwischen den verschiedenen Gruppierungen und Interessen innerhalb der Gesellschaft wird aber auch durch die enorme Bevölkerungsgröße und das allgemein niedrige Bildungsniveau erschwert. Die Defizite auf der Metaebene können daher zur Erklärung der geringen Entwicklungserfolge seit der Unabhängigkeit herangezogen werden.
Auf der Mesoebene einzelner Regionen sind ähnliche Prozesse erforderlich, um die regionale Anpassungsfähigkeit an moving targets zu erhöhen. Dazu soll eine regionale Institutionenstruktur aufgebaut werden, um eine breite Partizipation an regionalen Entscheidungen und intensive Kommunikation zwischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und gesellschaftlichen Gruppen zu ermöglichen. In Manali ist die systemische Wettbewerbsfähigkeit auf dieser Ebene, soweit mit dem vorliegenden Datenmaterial zu beurteilen, auch nur in geringem Maße gegeben. Innerhalb der Dörfer sind die nachbarschaftlichen Netzwerke durch die Tourismusentwicklung und die Einführung der Marktwirtschaft eher zurückgedrängt worden. Die Mahila Mandals als Institution zur Artikulation der dörflichen Interessen schließen neben den zahlreichen Migranten auch die Angehörigen der Kastenlosen weitgehend aus, weshalb die Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungen auf wenige
Bevölkerungsgruppen beschränkt bleibt. Im Gegensatz dazu ist die Einführung des Tourismus als Studiengang im College der
Distrikthauptstadt aus dieser Perspektive als sehr förderlich einzuordnen, da somit der Wissenstransfer zwischen Forschung und Wirtschaft innerhalb der Region verbessert werden kann. Als Entwicklungshindernis ist die ungenügende Kommunikation und das geringe Verständnis zwischen den heterogenen Bevölkerungsgruppen, die mangelnde Partizipation neuer wie alter Gesellschaftssegmente an öffentlichen Entscheidungen und die wenig ausgebauten Netzwerke zwischen den Tourismusbetrieben zu sehen. Der Tourismus hat auf dieser Ebene also eher eine Verschlechterung der systemischen Wettbewerbsfähigkeit bewirkt. Zur Erklärung des bisherigen Wirtschaftswachstums kann dieser Ansatz jedoch wenig beitragen, allerdings wäre damit eine baldige Stagnation der Tourismusentwicklung zu begründen. Weiterhin solle die Modernisierung in Entwicklungsländern nicht durch reine Imitation der westlichen Strukturen sondern mit Hilfe von Neuerungen erfolgen, um die Strukturen an spezifische
Rahmenbedingungen Tourismusentwicklung in Manali zu kritisieren, da in der Entwicklungsphase die Rahmenbedingungen und Grenzen des fragilen Ökosystems nicht beachtet wurden. Die Entwicklung orientierte sich an dem rein quantitativen Ausbau der Beherbergungskapazitäten, wodurch
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die Grenzen der Belastbarkeit der natürlichen Umwelt teilweise überschritten wurden und die Attraktivität des natürlichen Angebots abgenommen hat. Der Eintritt in die Stagnationsphase oder sogar ein baldiger Niedergang des Tourismusortes ließe sich somit auf das Fehlen von Innovationen zurückführen. Die angesprochenen Probleme lassen sich aber auch als nicht beabsichtigte Nebenfolgen der Entwicklung interpretieren, welche zu Beginn der Tourismusentwicklung in diesem Ausmaß vielleicht auch nicht absehbar waren.
An dieser Stelle ist auch der Ansatz der moving targets zu nennen, da sich die Systemumwelt der heutigen Gemeinde Manali, ebenso wie im ökonomischen Subsystem, im Zuge der Entwicklung stark vergrößert hat. Damit haben auch die externen Einflüsse auf die weitere Entwicklung zugenommen, womit sich auch das Unsicherheitsgefühl der Jugend bezüglich ihrer Zukunft erklären ließe. Als primäre Ursache für Modernisierung oder Fehlentwicklungen werden hier aber nach wie vor endogene Faktoren betrachtet.
Eine weitere Basisinstitution, welche hier als notwendiges Element einer modernen Gesellschaft identifiziert wird, ist der Wohlfahrtsstaat um die modernisierungsbedingten sozialen Konflikte abzumildern und den Wohlstand der breiten Bevölkerung zukommen zu lassen. Aufgrund des allgemein niedrigen ökonomischen Status konnte in Indien bisher noch kein wirkungsvolles soziales Auffangnetz etabliert werden und auch in Manali wurde die soziale Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft nicht beseitigt. Die sozialen Probleme wie die Arbeitslosigkeit mancher Dorfbewohner und Arbeitsmigranten oder die anhaltende Armut einiger Haushalte der Harjan-Kaste werden hier jedoch als notwendige Begleiterscheinung der Modernisierung, nicht jedoch als anhaltende Fehlentwicklung interpretiert. Im Zuge der weiteren Entwicklung komme es zu Durchsickerungseffekten, was sich an diesem Fallsbeispiel an der hohen Alphabetenrate, dem guten Ausbau der Infrastruktur oder der Wahrnehmung einer allgemeinen Prosperität durch Touristiker aus den Dörfern und der Region bereits sehen lässt. Mit der Annahme der Notwendigkeit dieser Basisinstitution lassen sich jedoch die beobachteten Phänomene der sozialen Anomie begründen.
Der Übergang von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft verläuft nach den Modernisierungstheorien meist über einen zeitweiligen Dualismus. Die gegenwärtig beobachtete Gleichzeitigkeit eines
traditionellen Subsistenzsektors und eines modernen, kapitalistischen Sektors ist daher nicht als Entwicklungshindernis zu betrachten, sondern als notwendige Entwicklungsphase, da sich der Modernisierungsprozess über die traditionellen Sektoren ausbreitet. Für diese Annahme spricht das gestiegene Engagement der Dorfbewohner im Anbau von Marktfrüchten, wie vor allem in der Tourismusbranche. Das sich der moderne Sektor langfristig auch auf die Nachbarregionen ausbreitet und somit die regionale Heterogenität überwunden wird, lässt sich aus der beginnenden
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Tourismusentwicklung im Nachbartal und den höher gelegenen Distrikten des Bundesstaates schließen.
Die vierte Basisinstitution der modernen Gesellschaft wird hier als der Massenkonsum identifiziert, was hinsichtlich der hier vorgenommenen Gliederung dem kulturellen Bereich zuzuordnen ist. Der Tourismus hat hier jedoch sehr unterschiedliche Wirkungen auf die verschiedenen Bevölkerungssegmente, da Akkulturationsprozesse in erster Linie bei den männlichen Trägern der Dienstleistungskultur wirken und nur sekundär auf die übrigen Einwohner ausstrahlen. In dieser Bevölkerungsgruppe hat der Tourismus begonnen den Massenkonsum zu etablieren, allerdings fehlen den Einwohnern oft noch die nötigen materiellen Ressourcen. Dennoch hat die Branche hier sicherlich dazu beigetragen Rationalisierungs-und Säkularisierungsprozesse in traditionellen
Lebensbereichen einzuleiten und zu verstärken. Die Imitationseffekte bei den männlichen Touristikern und der Dorfjugend führen aber insgesamt zu kulturellen Fehlanpassungen, was bei den Jugendlichen langfristig kulturelle Orientierungsschwäche verursachen kann. Aufgrund der insgesamt sehr unterschiedlichen Entwicklung der Kulturmuster in der Bevölkerung hat der Tourismus bislang eher die Zunahme der kulturellen Heterogenität bewirkt. Diese Entwicklung ist daher auch aus der Sicht der Modernisierungstheorien als hemmend zu interpretieren, wobei das vorliegende Datenmaterial keine Prognose zur weiteren Entwicklung der Kultur zulässt. Möglich ist sowohl ein langfristiger Kulturwandel, da er durch gesellschaftliche Außenseiter und nachwachsende Generationen initiiert wird, als auch ein Fortbestehen der kulturellen Heterogenität.
6.2. Dependenztheoretische Annahmen
Nun sollen ebenfalls zu erst die ökonomischen Annahmen der dependenztheoretischen Ansätze hinsichtlich der empirischen Ergebnisse diskutiert werden. Im Gegensatz zu der neoklassischen Theorie im Feld der Modernisierungstheorien wird hier von der Integration in den Weltmarkt abgeraten, da er in den Entwicklungsländern die Unterentwicklung fördert. Begründet wird diese Analyse hier durch mehrere Merkmale des internationalen Systems und des darauf basierenden Weltmarktes. Erstens verschlechtern sich die
Austauschbeziehungen des Weltmarktes für die Entwicklungsländer, da die Preise der dort hergestellten Güter des primären Sektors langfristig verfallen. Für den Tourismus in Indien lässt sich dies jedoch nicht behaupten, da hier zum einen kaum Importe nötig sind und zum anderen die Preise der Tourismusindustrie eher steigen. Zweitens zeichnet sich die Struktur des internationalen Systems durch eine Dominanz der Industrieländer aus, was in den Entwicklungsländern der Peripherie zu einer deformierten Entwicklung führt. Diese Dominanz äußert sich einmal in nicht-marktförmigen Eingriffen, die Verhindern, dass Entwicklungsländer auch wirklich ihre komparativen Kostenvorteile nutzen
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können. In der Tourismusbranche wirken in diesem Sinn Subventionen staatlicher Fluggesellschaften oder Marktmonopole der Reisebüros in den Industrieländern. Für Indien ergeben sich daraus aber kaum Nachteile, da der Großteil der Touristen ihre Reise selber organisieren und somit die Sickerrate sehr gering ist. Zum anderen äußert sich diese Dominanz in den Auslandsinvestitionen transnationaler Unternehmen, welche
größtenteils aus den Industrienationen stammen. Im Tourismus in Manali haben bisher aber äußerst wenige internationale Hotelketten investiert, welche auch nur von wenigen internationalen Touristen genutzt werden. Hinsichtlich dieser Annahmen lassen sich die bisherigen Wirkungen des Tourismus also nicht als Stärkung der Abhängigkeiten interpretieren. Aufgrund des weitgehenden Fehlens dieser Mechanismen können diese Ansätze der Dependenztheorien zur Analyse der hier beobachte Entwicklung wenig beitragen.
Als externer Faktor nennt HAUCK auch die Ausbeutung des Subsistenzsektors durch den modernen Sektor, damit dieser die komparativen Kostenvorteile der niedrigen Löhne langfristig nutzen kann. In Manali lässt sich dieser Mechanismus teilweise beobachten, da sich die Anstellungen in der Tourismusbranche weltweit durch sehr niedrige Löhne auszeichnen und zusätzlich noch saisonal begrenzt sind. Viele Haushalte in Manali benötigen auch neben dem geldwirtschaftlichen Einkommen weiterhin die Selbstversorgung, ebenso wie viele Arbeitsmigranten nach der Saison in ihre Heimatregionen zurückkehren, wobei anzunehmen ist, dass sie dort wieder in der Subsistenzwirtschaft arbeiten. Aus dieser Sicht ist der Tourismus daher als entwicklungshemmend einzustufen, da er die dualen Strukturen langfristig erhält. Die bisherige Entwicklung dieses Aspekts lässt sich mit dieser Annahme auch erklären, wobei das Datenmaterial jedoch keine quantitative Aussage über die langfristige Entwicklung der Subsistenzwirtschaft zulässt. In der Theorie von ALTVATER und MAHNKOPF entspricht die Dominanz im internationalen System am ehesten den äußeren Restriktionen der Weltwirtschaft, die nur von den Industrienationen und den von ihnen kontrollierten Bretton-Woods-Institutionen ansatzweise zu beeinflussen sind. Zur Erzeugung von kohärenten Verhältnissen in dem grenzenlosen Raum der Ökonomie muss die Wirtschaft an das durchschnittliche Rentabilitätsniveau des Weltmarktes angepasst werden. Für den Tourismus bedeutet dies, dass sich die Preise im Vergleich zu der Qualität des Angebots global vereinheitlichen. Im Gegensatz zu alternativen Branchen liegen hier jedoch gegenläufige Tendenzen vor, da die Anhebung der Qualität des abgeleiteten Angebots, verbunden mit einer reinen Wachstumsstrategie die Qualität des natürlichen Angebots erheblich mindern kann. Daher ist nicht leicht auszumachen, wie sich diese Vereinheitlichungstendenz im Feld des Tourismus auswirkt. Geht man jedoch von einer Tendenz hin zum Massentourismus aus, lässt sich als Kohärenzbedingung im ökonomischen Raum Manalis der verstärkte Ausbau der Infrastruktur, speziell der Transportwege identifizieren, um
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vermehrt internationale mass tourists anzulocken. Für diesen Vereinheitlichungsprozess spricht das Modell von BUTLER zur Entwicklung von Tourismusorten, die überall und zu allen Zeiten immer wieder ähnlich verlief, was sich mit diesem Ansatz auch erklären lässt. Im Zuge der bisherigen Tourismusentwicklung wurde die Infrastruktur und Bettenzahl ja bereits stark ausgebaut, ebenso wie die Ansprüche der ausländischen Besucher und die Preise gestiegen sind, was sich daher als Fraktalisierung bezeichnen lässt. Dennoch überwiegen bisher Formen des
Individualtourismus, dessen Nachfrage sich an niedrigen Preisen orientiert und auch vielfach von dem informellen Sektor befriedigt wird. Aus der Perspektive dieses Ansatzes lässt sich dies so interpretieren, dass der Tourismus in Manali erst in bescheidenem Ausmaß kohärente Verhältnisse im ökonomischen Bereich bewirkte. Das zeigt sich an dem geringen Anteil der weltweiten Touristenankünfte den Indien wie auch Manali bisher anziehen konnte, sowie an der geringen Bedeutung des Massentourismus. Als Auswirkung dieser bestehenden Inkohärenz, aufgrund der äußeren Restriktionen, ist der Dualismus zwischen den modernen Sektoren und der weiter bestehenden Subsistenzwirtschaft, sowie der informelle Bereich der Tourismusbranche zu sehen, was durch diesen Ansatz auch erklärt wird. Die Frage, ob der Tourismus langfristig dazu beitragen kann die gesamte Ökonomie in Manali an das Weltmarktniveau anzugleichen, lässt sich hier nicht beantworten. Erste Anzeichen für einen Eintritt in die Stagnationsphase der Tourismusentwicklung sprechen aber eher dagegen. Der Ausschluss mancher Bevölkerungsteile von der wachsenden Tourismusbranche lassen sich als Prozesse der Fragmentierung erklären, ebenso wie auf einer höheren Ebene die Exklusion mancher Regionen in Himachal Pradesh, oder ganz Indiens. Dazu lassen sich in Manali einige Dorfbewohner und Migranten zählen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit, Alkohol- oder Drogenkonsums und niedriger Bildung aus dem formalen Wirtschaftsleben weitgehend ausgeschlossen wurden. In ganz Indien sind vor allem die peripheren Regionen, welche noch kaum einen formellen Sektor aufbauen konnten und daher Arbeitskräfte unter anderem nach Manali entsenden, als lose Fragmente zu bezeichnen. Im Ort der Fallstudie stellen die verschiedenen Tourismusbetriebe Fraktionen dar, welche im lokalen Tourismusmarkt um die Devisen der Besucher konkurrieren. Innerhalb der globalisierten Tourismuswirtschaft ist wiederum Manali als eine Fraktion zu deuten, die in globaler Konkurrenz mit anderen Reisezielen steht. Die steigenden Touristenankünfte, Preise und Bettenzahlen weisen hier auch auf eine Tendenz der Fraktionierung, hin. Insgesamt hat die Tourismusentwicklung also bisher Prozesse der Fraktionierung und Fragmentierung in größerem Ausmaß bewirkt als die der Vereinheitlichung.
Zusammenfassend sind die Wirkungen in diesem Bereich als eine Zunahme der externen Abhängigkeiten zu interpretieren. Der Tourismus konnte bisher nur in bescheidenem Ausmaß, sowie nur für einen kleinen Teil der Wirtschaft Kohärenz herstellen. Insgesamt hat sich Manali aber von einem Fragment im Tourismusmarkt zu einer Fraktion entwickelt,
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während hinsichtlich einzelner Bevölkerungsteile Fragmentierungserscheinungen zu beobachten waren. Die hier
beobachteten Prozesse, insbesondere das ökonomische Wachstum bei gleichzeitigem Ausschluss mancher Bevölkerungssegmente von dessen Erträgen, lassen sich mit dieser Theorie weitestgehend erklären, da hier zum einen von verschiedenen, gegenläufigen Tendenzen ausgegangen wird, welche im Verlauf der Entwicklung auch umschlagen können. Somit erzielt ALTVATER mit seinem Ansatz eine hohe Anschlussfähigkeit an unterschiedlichste empirische Erkenntnisse.
Nun ist zu diskutieren, welche Prozesse in der sozialen Sphäre aufgrund der ökonomischen Inkohärenz und der äußeren Restriktionen, welche die Herstellung kohärenter Verhältnisse behindern, in Manali beobachtet werden konnten.
Innerhalb der ursprünglichen Dörfer hat die Einführung der Geldwirtschaft, insbesondere aber die Integration in den Weltmarkt, die Kohärenz im sozialen Bereich auf unterschiedliche Weise verändert. Zuvor bestanden ausgeprägte soziale Netzwerke innerhalb der Kasten, die auf der gegenseitigen Hilfe bei den landwirtschaftlichen Arbeiten basierten. Auch lässt sich aufgrund der gemeinsamen Interessen hinsichtlich der Anpassung an das Ökosystem von einem gewissen Grundkonsens und gemeinsamen Normen innerhalb, wie zwischen den Dörfern ausgehen. Die schwer durchdringlichen Kastengrenzen verhärteten jedoch auch die Inkohärenz im sozialen Bereich, was mit den Landrechtsreformen der 60er und 70er Jahre durch einen Ausgleich der materiellen Ungleichheit aber abgeschwächt werden konnte.
Der Wandel der Versorgungsstrategien bewirkte in diesem Feld neue Konfliktlinien, die in unterschiedlichem Maße die gesellschaftliche Solidarität und den sozialen Konsens beeinträchtigten, jedoch auch teilweise quer zu alten Schichtungsprinzipien verlaufen. So wurde das stratifizierendes Merkmal des Eigentums an Boden durch das des Eigentums an Tourismusbetrieben ergänzt. Da somit auch Angehörige der Harjan-Kaste mit nur wenig, oder ohne Land die Möglichkeit zu sozialen Aufstieg haben, konnte die soziale Mobilität erhöht werden. Diese neue Option, den eigenen Status in der sozialen Hierarchie zu verbessern, kann daher als Erhöhung der Kohärenz interpretiert werden. Zum anderen hat jedoch die Einführung des Konkurrenzprinzips mit der
Tourismusentwicklung den Prozess der Individualisierung verstärkt und unterminiert den sozialen Konsens, wie die gesellschaftlichen Bindungen. Einige Dorfbewohner wurden im Zuge dieser Entwicklung weitgehend marginalisiert, während andere zu enormer Prosperität gekommen sind. Anzeichen der Kriminalität, die Drogen- und Alkoholsucht einiger Dorfbewohner, wie auch die Zunahme der Gewalt sprechen für diese Interpretation. Der Gesellschaftsvertrag wird aus der Perspektive der Globalisierungstheorie ALTVATERS daher zunehmend außer Kraft gesetzt, womit sich auch die Phänomene sozialer Anomie begründen lassen.
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Das zunehmende Engagement auswärtiger Unternehmer mindert den Einfluss der Dorfbewohner auf die weitere Entwicklung, weshalb auch davon auszugehen ist, dass der gesellschaftliche Konsens hinsichtlich der Entwicklungsrichtung prekärer wird. Während zum Beispiel die lokale Bevölkerung an einer Verbesserung der allgemeinen Infrastruktur interessiert ist, orientieren sich auswärtige Unternehmer, welche in ganz anderen Landesteilen wohnen, nur an dem Ausbau der touristischen Infrastruktur. Die gesellschaftliche Solidarität nimmt dadurch ebenfalls ab, was auch als zunehmende Inkohärenz zu deuten ist. Des weiteren wurde die Kohärenz durch das Bevölkerungswachstum und die Beschäftigung der zahlreichen Saisonkräfte beeinträchtigt. Die Zuwanderer verlieren durch die Migration in längerer Sicht ihre sozialen Bindungen und können diese in der sich individualisierenden Gesellschaft Manalis nur begrenzt neu knüpfen. Insbesondere aber die Saisonkräfte werden aufgrund ihrer Anzahl und des begrenzten Aufenthaltes nur mangelhaft in die Gesellschaft der Gemeinde integriert. Auch haben sie keine Möglichkeit an politischen Entscheidungen innerhalb der Gemeinde zu partizipieren, weshalb sie von dem gesellschaftlichen Konsens weitgehend ausgeschlossen bleiben. Die saisonale Beschränkung zementiert daher langfristig die Inkohärenz in der Gemeinde, wobei der begrenzte Aufenthalt der Saisonkräfte aber auch als Möglichkeit der zeitweiligen Exklusion von Störfaktoren interpretiert werden kann. Während der Saison ist jedoch von mangelnder gesellschaftlicher Solidarität auszugehen, was sich an den Vorurteilen der Dorfbewohner und Tourismusunternehmer gegenüber den Arbeitsmigranten sehen lässt. Die gewalttätigen Ausschreitung gegen tibetische Flüchtlinge sind hier wohl das extremste Merkmal des schwindenden Grundkonsenses und zeigen eine Tendenz der Fragmentierung mancher Dorfbewohner an. Innerhalb der Familien hat die Verschiebung des Einflusses zugunsten der Männer ebenfalls die Kohärenz vermindert. Dies zeigt sich auch an den geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Interessen hinsichtlich der Nutzung des Bergwaldes. So hat die männerdominierte
Tourismusentwicklung den Bergwald stark zurückgedrängt, während die Frauen den Zugang zu seinen natürlichen Ressourcen bewahren wollen. Auch zeugt die Zunahme der Gewalt gegenüber Frauen von schwindender Solidarität zwischen den Geschlechtern. Emanzipationsprozesse konnten in Manali durch den Tourismus kaum in Gang gesetzt werden, und so deutet die fast vollständige Exklusion der weiblichen Bevölkerung aus dem formellen Sektor auch hier auf Fragmentierungstendenzen hin. Insgesamt lässt sich für den sozialen Bereich daher festhalten, dass die Bedingungen für Kohärenz durch die Entwicklung eher verschlechtert wurden. Es kam zwar zu einem sozialen Ausgleich zwischen den beiden Kasten der Dorfbewohner, es entstanden jedoch neue Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Bevölkerungssegmenten und die Solidarität in der Gesellschaft hat durch die Auflösung sozialer Bindungen, wie der
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Exklusion mancher Bevölkerungssegmente abgenommen. Diese
Tendenzen lassen sich mit den Interdependenzen zwischen den funktionalen Räumen der Wirtschaft und des sozialen, wie politischen Bereichs, aber auch zwischen den verschiedenen Prozessen der Globalisierung begründen.
In der Dimension der Kultur lässt sich ein bestimmtes Maß an kultureller Homogenität als Kohärenzbedingung deuten. In diesem Sinne hat der Tourismus auch in dieser Dimension die Ordnung der Verhältnisse durcheinander gebracht, da er die kulturelle Heterogenität der Bevölkerung Manalis verstärkte. Zu kulturellen Fehlanpassungen kam es in erster Linie bei den männlichen Touristikern, insbesondere den Jugendlichen der eigentlichen Dörfer, welche in stetigen Kontakt mit den ausländischen Gästen stehen. Deren Imitationsverhalten der Ferienkultur lässt sich als Vereinheitlichungstendenz interpretieren, da sie globalisierte Kulturmuster wie der Konsum westlicher Massenprodukte übernehmen. Da sie sich aber nur bestimmte Teile der Ferienkultur aneignen, also auch traditionellen Werten und Handlungsorientierungen verbunden bleiben wird diese Tendenz von einer der kulturellen Fragmentierung überlagert. Darauf deutet auch die sehr unterschiedlichen Akkulturationsprozesse hin, die in den verschiedenen alten, wie neuen Bevölkerungsteilen sehr unterschiedlich verlaufen. Gerade diese gegenläufige Entwicklung hinsichtlich der begrenzten Möglichkeit Kultur global zu Vereinheitlichen geht auch der Ansatz von ALTVATER aus, womit die steigende Heterogenität in diesem Bereich zu erklären ist. Die Kohärenz zwischen den gesellschaftlichen Dimensionen und deren natürlichen Umwelt, verstanden als eine angepasste Lebensweise, welche die ökologischen Grenzen weitgehend akzeptiert, wurde aufgrund der Tourismusentwicklung und des allgemeinen Modernisierungsprozesses stark vermindert. Während die Lebensweise der Dorfbevölkerung vor dieser Entwicklung noch vollkommen an die Ressourcen und Risiken der Gebirgswelt angepasst war, wurden in Folge der Expansion der Tourismusbranche sowohl die natürlichen Ressourcen übernutzt, als auch die ökologischen Risiken weitgehend unterschätzt und wenig beachtet. Die Folgen dieser mangelnden Kohärenz wirken sich in Form von Überschwemmungen, Erdrutschen und dem erschwerten Zugang zu den natürlichen Ressourcen aus.
Die starke Übernutzung des Bergwaldes, die unkontrollierte Expansion der bebauten Flächen, sowie das stark gewachsene Abfallaufkommen mindern jedoch auch die Attraktivität des natürlichen Angebots. Aufgrund dieser wechselseitigen Rückkopplungen ist von einer weiteren Minderung der Kohärenz in der ökonomischen, sozialen und kulturellen Dimension auszugehen.
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7. Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit befasste sich mit der Entwicklung sozialer Prozesse in Entwicklungsländern, unter dem Einfluss des internationalen Tourismus. Um die empirischen Ergebnisse der hier behandelten Fallstudie theoretisch einordnen zu können, wurde die entwicklungstheoretische Diskussion mit deren klassischen Paradigmen, sowie neuere Ansätze aus beiden Lagern dargestellt. Als weiterer theoretischer Bezugsrahmen folgte eine Auseinandersetzung mit den Theorien zum Kulturwandel. In der darauf folgenden Diskussion der wissenschaftlichen Literatur zum Tourismus in Entwicklungsländer konnten die verschiedenen Aspekte dieses gesellschaftlichen Phänomens aufgezeigt werden. So wurde auch herausgearbeitet, dass der internationale Tourismus als eine Erscheinung der Modernisierung in den Industriestaaten aufzufassen ist, da die Ursachen für dieses Phänomen in den alltäglichen Lebenswelten der Menschen in modernen Gesellschaften liegen. Ermöglicht wurde der Tourismus auch erst durch den technologischen Fortschritt, der mit der Modernisierung erzielt werden konnte. Die Auswirkungen dieses Phänomens in den Zielgebieten werden daher in erheblichen Maße durch den Charakter der modernen Gesellschaften beeinflusst. Die in der Literatur diskutierten Wirkungen auf die Entwicklung in den Zielregionen hängen jedoch neben den spezifischen Tourismusformen und -arten vor allem von den dortigen Rahmenbedingungen ab. Die Touristen in Manali können den verschiedenen Typen des Individualtourismus zugerechnet werden und verfolgen in erster Linie selbstbezogene Motive mit regenerativen und kompensatorischen Funktionen. Die festgestellten Auswirkungen auf die Entwicklung sind jedoch vor dem Hintergrund eines starken Übergewichts an Binnentouristen zu sehen und konnten nur teilweise dem internationalen Tourismus eindeutig zugerechnet werden. Insgesamt war das Datenmaterial hinsichtlich mancher Aspekte zu mangelhaft, um eindeutige Aussagen zu treffen. Die empirischen Ergebnisse sind daher nur als Annäherung zu verstehen.
Im ökonomischen Bereich sind zahlreiche Arbeitsplätze im formellen und informellen Sektor entstanden, welche jedoch auch hier den branchenüblichen Restriktionen unterliegen. Der Devisenzufluss ist zwar aufgrund der Mehrheit an Individualreisenden als niedrig einzuschätzen, jedoch ist auch von einer geringen Sickerrate auszugehen. Weiterhin hat der Tourismus den Ausbau der Infrastruktur befördert und auch eine Diversifikation der Wirtschaft bewirkt. Dennoch ist die Ökonomie weitgehend von diesem Sektor abhängig.
In der sozialen Dimension konnten Differenzierungsprozesse beobacht werden, da sich sowohl die Wirtschaft als funktionales Subsystem ausdifferenziert hat, als auch die stratifizierenden Merkmale in der
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Gesellschaft zugenommen haben. Somit konnte auch die soziale Mobilität erhöht werden. Der Tourismus hat weiterhin Urbanisierungsprozesse in Gang gesetzt, und die Bevölkerung insgesamt durch Zuwanderung vermehrt, deren Umfang aufgrund der vielen Saisonkräfte jedoch auch stark fluktuiert. Die ursprünglichen Einwohner konnten ihren materiellen Status in der Mehrheit anheben, während sich die soziale Ungleichheit auf die neuen Bevölkerungssegmente ausgedehnt hat. Der festgestellte Kulturwandel aufgrund des Tourismus, aber auch durch andere Ursachen eingeleitet, führte zu einer Verstärkung der kulturellen Heterogenität. Bei einigen Bevölkerungssegmenten und unter den Saisonkräften konnten vor allem Demonstrations- und Imitationseffekte beobachtet werden, welche teilweise zu kulturellen Fehlanpassungen führten.
Die natürlichen Ressourcen wurden durch die Tourismusentwicklung teilweise zu stark beansprucht, was daher durch Naturkatastrophen auf die Bevölkerung rückwirkt.
Bei der Interpretation der Auswirkungen aufgrund der theoretischen Maßstäbe, lassen sich folgende Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Paradigmen feststellen. Aus der Perspektive der Modernisierungstheorien und neuerer, zum Teil ökonomischer Ansätze, aus diesem Feld ist die Ausdifferenzierung der Marktwirtschaft und das bisherige Wirtschaftswachstum als Modernisierungsprozess zu bewerten. Nicht geklärt wurde, inwieweit sich die Stabilisierung der ökonomischen Rahmenbedingungen und die gestiegene Bildung der Bevölkerung auf das Wachstum auswirkten. Auch wurden speziell für den Tourismus die zunehmenden Einflüsse der Systemumwelt als neue Unsicherheiten der Entwicklung festgestellt. Mit den Ansätzen der Dependenztheorien konnte die Wirkung des Tourismus als eine Zementierung dualer Strukturen, sowohl hinsichtlich des weiter bestehenden Subsistenzsektors, als auch bezüglich eines informellen Sektors interpretiert werden. Aus der Sicht der Globalisierungstheorie wurden hier zwar ansatzweise
Vereinheitlichungsprozesse festgestellt, welche aber von Tendenzen der Fragmentierung und Fraktionierung überlagert wurden. Daher hat der Tourismus die Inkohärenz im ökonomischen Raum verstärkt. Die Ansätze zur Begründung der Abhängigkeit aufgrund bestimmter Mechanismen in der Weltwirtschaft konnten zur Erklärung dieser Entwicklung jedoch wenig beitragen.
Weiterhin sind die Wirkungen auf die soziale Dimension mit den Modernisierungstheorien ebenfalls als Modernisierungsprozesse zu beschreiben. Die aufgeworfenen Probleme der mangelnden Integration, geringen Partizipation und schlecht ausgebildeten Kommunikation zwischen den heterogenen Bevölkerungssegmenten, werden hier auch als Hemmnisse der Entwicklung anerkannt. Diese Probleme werden hier aber auch als typische Begleiterscheinung von Modernisierungsprozessen analysiert, welche im weiteren Verlauf der Entwicklung überwunden
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werden. Ebenso wird hier von einer langfristigen Verdrängung des Subsistenzsektors durch den modernen Sektor ausgegangen. Der globalisierungstheoretische Ansatz von ALTVATER sieht in diesem Raum nur eine geringe Erhöhung der Kohärenz aufgrund der gestiegenen sozialen Mobilität. Insgesamt wird die Kohärenz aber durch Fragmentierungsprozesse innerhalb der Region, in der Gemeinde und auch in den Familien erheblich beeinträchtigt. Dies wird hier in erster Linie auf die äußeren Restriktionen zurückgeführt, welche sich aus der globalisierten Weltwirtschaft ergeben. Die Kultur wurde durch den Tourismus ebenfalls
Modernisierungsprozessen Modernisierungstheorien, da viele Einwohner ihre traditionelle Lebensweise weitgehend aufgegeben haben. Die Erhöhung der kulturellen Heterogenität und die kulturellen Fehlanpassungen in einigen Bevölkerungssegmenten sind jedoch auch in diesem Feld als Fehlentwicklung zu interpretieren. Mit der Globalisierungstheorie ist hier eine ähnliche Schlussfolgerung zu treffen, da die Auswirkungen hier als eine Zunahme der Inkohärenz und kulturellen Fragmentierung zu fassen sind.
Die Effekte des Tourismus auf die natürliche Umwelt wird aus beiden Perspektiven als Fehlentwicklung aufgefasst. Jedoch gehen die Modernisierungstheorien hier davon aus, dass diese Probleme am besten durch weitergehende Modernisierung zu lösen sind. Die
Globalisierungstheorie verortet hingegen in dem Modernisierungsprozess die Ursachen für diese Probleme und empfiehlt daher eine Änderung des Entwicklungsmodells.
Um auf das Zitat des indischen Wissenschaftlers zu Beginn dieser Arbeit zurück zu kommen, lässt sich festhalten, dass der ländliche Tourismus zwar durchaus als Instrument benutzt werden kann, um eine Entwicklung auf der Attraktorbahn der westlichen Modernisierung voran zu treiben. Daraus können sich aber auch erhebliche Probleme ergeben, welche jedoch aus den verschiedenen Perspektiven der Entwicklungsdiskussion sehr unterschiedlich eingeschätzt werden. Daher sind weitere Forschungstätigkeiten in diesem Feld dringend notwendig und zu diskutieren, um eine nachhaltige Entwicklung zu befördern und weitere Fehlentwicklungen zu minimieren.
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Stefan Zimmer, 2002, Die Entwicklung sozialer Strukturen im indischen Himalaya unter der Einwirkung des internationalen Tourismus, München, GRIN Verlag GmbH
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