I. Einleitung
Die Frage nach dem eigentlichen Wesen der Utopie wurde in den einzelnen Sitzungen des Seminars jeweils nur am Rande gestellt und eine tiefergehende Beantwortung blieb aus. Lediglich in der Sitzung vom 11.Juli, in der es u.a. um Johann Valentin Andraes Biographie ging, wurden im Kontext zu Richard von Dülmens „Die Utopie einer christlichen Gesellschaft“ einige Ausführungen dazu gemacht.
Zur Auswertung v.a. im Hinblick auf realhistorische Auswirkungen der gelesenen Texte ist eine weitergehende Klarstellung des Begriffs des „Utopischen“ unumgänglich. Zwar enthält Klaus J. Heinisch Nachwort zu dem die drei wichtigsten Texte enthaltenen „Der Utopische Staat“ eine ausführliche Darstellung des gesellschaftlichen Hintergrundes der Autoren, der literarischen Gattungseinordnung und auch späterer Wiederaufnahme etwa bei Marx und Mao, aber eine eindeutige Definition des „Utopischen“ fehlt auch hier. Das mag sicherlich an der komplexen Thematik selbst liegen, die eine klare und kurzgefasste Definition erschwert. Vergleicht man die klassische Utopie jedoch mit anderen benachbarten Ideenbegriffen bzw. literarischen Gattungen mag sich ein klareres Bild darstellen. Ein interessanter Ansatz dazu findet sich in Manfred Agathen´s „Geheimbund und Utopie -Illuminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung“ (1987, München), auf dessen Ausführungen ich die meinigen größtenteils stütze. Anhand des Vergleichs von „Utopie“ und „Chiliasmus“, den Agathen vornimmt, ergibt sich vielleicht doch so etwas wie eine brauchbare Definition von „Utopie“.
Im zweiten und Hauptteil dieser Textfassung möchte ich einige notwendige Informationen zur Überlieferung und Synthese antiken, christlichen und vorderasiatischen sog. Geheimwissenswie es sich etwa i.d. „Hermetik“ darstellt - geben, um dann am Beispiele des Illuminatenordens aufzuzeigen, inwieweit das „Utopische“ realhistorische Auswirkungen zeitigte bzw.die m.E. wesentliche Verschmelzung von „geheim“ und „utopisch“ im Rahmen der sog. Geheimgesellschaften tatsächlich existent war.
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Ich stütze mich dabei v.a. auf schon erwähnten Manfred Agathen, des weiteren auf Helmut Reinalters „Die Freimaurer“ (2000,München), Hans Biedermanns „Das verlorene Meister-wort“ (1987, Graz) 1 , Georg Schusters Klassiker „Geheime Gesellschaften, Verbindungen und Orden“ (1905, Leipzig) 2 sowie M.Baigent´s und R.Leigh´s „Der Tempel und die Loge“ (1990, Gladbeck) 3 . Letzteres enthält trotz der bei den Autoren leider allbekannten Schwächen einige aufschlussreiche Ausführungen.
An zusätzlicher Literatur ist noch D.A. Binders „Die diskrete Gesellschaft“ (1988, Graz)enthält sehr viele großseitige Abbildungen und Erläuterungen zur Symbolik der Maurerei -Richard von Dülmens o.g. „Die Utopie einer christlichen Gesellschaft“ (1978, Stuttgart) so wie G.R.S. Meads „Fragmente eines verschollenen Glaubens“ (1902,Berlin) und Benjamin Walkers „Gnosis - Vom Wissen göttlicher Geheimnisse“ (1983, München) zu erwähnen. Letztgenannte Titel v.a. zur Erschließung des Gnostizismus - der mit seiner Mischung jüdisch - vorderasiatischen und griechisch - antiken Gedankengutes Keimzelle allen späteren europäischen Geheimwissens darstellt.
II. Utopie und Chiliasmus
Nach H. Kesting stellt die Utopie die „literarische Fiktion eines irdischen Idealzustandes als Ausdruck des Willens, ihn auch zu schaffen“, d.h. der Versuch „die Erde in [...] die Werkstatt des Arbeiters“ zu verwandeln, dar 4 - womit der Wille zur Reformbereitschaft und Gruppenaktivität indiziert wird, d.h. der Ist - Zustand nicht mehr akzeptiert wird. Damit ist die Utopie zwangsläufig progressiv.
Demgegenüber äußert sich im Chiliasmus die Hoffnung auf eine von Außen - sprich Gottherbeigeführte Änderung der aktuellen Umstände, womit eine indirekte Hinnahme des Ist-Zustandes, zumindest was das eigene aktive Handeln betrifft, verbunden ist. Zielbestrebung des Chiliasten ist nicht die aktive Gruppenarbeit zur realen Änderung der Gesellschaft, sondern die Bekehrung des Einzelnen zur individuellen Umkehr und Reue. 5 Der Chiliasmus stellt als „Einbettung in eine religiös - kirchliche Vorstellungswelt [...] und von irrationalekstatischen Empfindungen“ 6 bestimmte „Konservative Grundstimmung“ den Gegenpol zur progressiven Utopie dar. Gegenpol v.a. in dem Sinne, dass die Utopie als Bestrebung zur Veränderung des Bestehenden zu mindest eine el itäre Gleichheit bedingt, während die chiliastische Umkehr und Reue für jedermann offen steht, dieser somit ein egalitäres Prinzip darstellt.
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Wenn der Chiliasmus u.a. auch als das „Hoffen auf eine irdische Herrschaft Christi“ bzw. „die metaphysischen Freuden einer transzendenten Welt“ 7 beschrieben werden kann, somit weltabgewandt ist, so können utopische Bestrebungen immer auch als Ausdruck der Kritik einer Klasse, die von der Macht durch ein „archaisches politisches System“ 8 fernge-halten wird, angesehen werden. Ermöglicht die rational geprägte Utopie religiöse Toleranz und weitgehende intellektuelle Freiheit, so ist diese für den auf Gottes - und zwar des allein wahren und einzigen Gottes - Segen angewiesenen Chiliasten das Übel per se. Paradoxerweise f ührt jedoch nicht der fanatische Glaubensbegriff des Chiliasten zur überstarken Unterdrückung des Einzelnen, sondern gerade das rational geforderte reibungslose Funktionieren des Staates, welches erst durch äußerste Sozialdisziplinierung als Vorraussetzung unbeschränkten Denkens erreicht werden kann. Reue ist individuell, ebenso wie Glauben nur individuell - trotz aller vorgegebenen Dogmatik - erfahrbar ist. So bedingt und bewahrt das chiliastische Prinzip letztlich die Einzigartigkeit des Individuums, während die Utopie diese zu Gunsten einer elitären Gleichheit nivelliert.
Verbindungspunkt beider Prinzipien ist u.a. die Askese - allerdings mit völlig unterschied licher Funktion. Dient die Sühne und Selbstkasteiung und das individuelle Schwärmen als Ausdruck des Gläubigen zur Reue, so ermöglicht Askese erst die innere Ausgeglichenheit des Utopischen Bürgers, somit das maschinenartige Funktionieren des Staatswesens. Trotz dieser Gegensätze ist eine eindeutige Trennung beider nicht möglich. Louis Mumford bezeichnete deswegen alle Utopie vor Morus als „in den Himmel verlegt und [...] sich Reich Gottes“ nennend. 9
Zusammenfassend kann die Utopie also als (literarisches) Bestreben zur Änderung eines als unbefriedigend empfundenen Gesellschaftszustandes mittels Herstellung einer elitären Gleichheit, religiöse Toleranz ermöglichende und staatliche Steurung des wirtschaftlichen Geschehens beschrieben werden. Kurz gesagt: die Utopisten sehen in der Änderung der Gesellschaft die Vorraussetzung zur vollen Entfaltung der Vernunft im Einzelnen, während die Chiliasten in der durch Reue bedingten religiösen Umkehr vom schlechten Leben das Heil des Einzelnen und indirekt auch das der Gesellschaft sehen. Oder mit Alfred Dorens Worten formuliert: die Utopie ist eine „vollkommene Gesellschaft, die innerhalb eines selbstbewusst - rationalen Gedankenentwurfes steht und somit denkbar und gestaltbar ist“, während der Chiliasmus die „Genesis des irdisch - himmlischen Paradieses [...] als Abschluß einer heils geschichtlichen E ntwicklung, die sich auf ein [...] prädestiniertes Ziel zu bewegt und vom Menschen nur erhofft und erwartet“ werden kann. 10
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III. Zur Überlieferung antiken Geheimwissens in der europäischen Tradition Dem unbedarften Leser stellt sich nun vielleicht die F rage, was denn antike, okkulte Lehren mit frühneuzeitlichen, gesellschaftskritischen Reformideen verbindet. Spätestens bei der Lektüre von Tommaso Campanellas „Civitas Solis“ sticht die Vielzahl astrologischer und vermutlich kabbalistischer Zahlensymbolik unübersehbar ins Auge, so dass sie nicht einfach als „Schrulle“ des Verfassers abgetan werden kann - zumal offenbar System dahintersteckt. Aber auch in den anderen Texten ist mystisch - alchemistisches Gedankengut, wenn auch weniger deutlich erkennbar, vorhanden. Eine Interpretation dieser textlichen Symbolik liegt mir fern und würde auch mein Wissen bei weitem übersteigen - zumal es sicher einschlägige Literatur gibt. 11 An dieser Stelle möchte ich nur grob einige Entwicklungslinien aufzeigen, die sich von der Antike bis in die Neuzeit durchziehen und das europäische Geistesleben vermut lich stärker beeinflusst haben, als den meisten Lesern etwa dieser utopischen Texte bewusst sein dürfte.
Oben erwähnte ich, dass die „Gnosis“ bzw. korrekterweise der „Gnostizismus“ als eine, wenn nicht als die Keimzelle abendländischen Geheimwissens anzusehen ist. Über die korrekte Begriffsverwendung wird bis heute viel diskutiert. Im Allgemeinen bezeichnet „Gnosis“ einfach nur das Wissen um geheimes, uraltes (oft göttlichen Ursprunges) Gedankengut, das nicht rein intellektuell erworben werden kann, sondern meist über verschiedene Stufen der Initiation er- worben werden muß. In diesem Sinne könnte man sowohl das maurerische Hochgradsystem als auch das katharische Consolamentum 12 als Gnosis bezeichnen. „Gnostizismus“ bezeichnet dagegen das „einigermaßen deutlich vom hermetischen Ideengut (Corpus Hermeticum) und dem Neuplatonismus getrennt[e]“ 13 Gedankengut einer Gruppe von (z.T. christlichen) Sekten des 2ten und 3ten Jahrhunderts, die durch den Glauben an eine dualistische Weltordnung ver- bunden waren. 14 Wichtiger noch als die gnostizistischen theologischen Lehren sollten - etwa für die spätere Alchemie - bestimmte religiöse Praktiken werden, wie etwa die ausgeprägte Gleichsetzung von Zahlensymbolik,/Tierkreiszeichen und Körperteilen, Wechselbeziehungen und Entsprechungen von Makro- und Mikrokosmos, geheime Gesten/Zeichen u.v.a., auf das hier nicht eingegangen werden kann. Dieser Gnostizismus breitete sich nach und nach im ganzen Imperium Romanum und sogar bis nach Zentralasien und Indien aus, stellte zeitweilig eine starke Konkurrenz für die sich formierende Großkirche da - u.a. sollen etwa Justinus der Märtyrer (+ 165), Clemens von Alexandria (+215), Origenes (+254), Epiphanus (+403) u.a. mehr oder weniger gnostisches
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Arbeit zitieren:
M.A. Holger Knaak, 2001, Zum Wesen der Utopie und utopischen Elementen in Geheimbünden, München, GRIN Verlag GmbH
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