Inhalt
Einleitung 2
1. Die demografische Situation und ihre Einflussfaktoren 3
1.1 Determinanten der Bevölkerungsentwicklung 3
1.1.1 Fertilität 4
1.1.2 Mortalität 5
1.1.3 Migration 6
1.2 Ursachen der Entwicklung einzelner Faktoren 7
1.2.1 Wandel von Werte- und Interessenslage 8
1.2.2 Gestiegene Überlebensfähigkeit 9
1.3 Künftige Entwicklung 11
2. Auswirkungen auf die Wirtschaft 12
2.1 Veränderung des Arbeitsmarktes 12
2.1.1 Quantitative Betrachtung 12
2.1.2 Qualitative Betrachtung 13
2.2 Nachfrageseitige Auswirkungen 14
2.2.1 Quantitative Betrachtung 14
2.2.2 Qualitative Betrachtung 15
3. Gesellschaftliche und soziale Auswirkungen 16
3.1 Finanzierung des Sozialstaates 17
3.1.1 Gesetzliche Rentenversicherung 17
3.1.2 Gesundheitswesen und Pflege 19
3.2 Arbeit, Bildung und Integration 20
3.2.1 Lebensarbeitszeit und Erwachsenenbildung 20
3.2.2 Primärbildung und Integration von Zuwanderern 21
4. Zusammenfassung und Schlusssatz 23
Literatur 5 24
Einleitung
Eine Urlaubsreise in ein fremdes Land bringt verschiedenartige Impressionen mit sich. Besonders Reisen auf fremde Kontinente, in andere Kulturen, vermitteln ein anderes Gefühl vom Leben. Doch eine Beobachtung ist fast allen Fernreisezielen nichtindustrieller Art gemein: Es sind wesentlich mehr Kinder und Jugendliche auf den Straßen als in Deutschland? Purer Zufall, mangelnde Beschäftigung - oder doch Ausdruck generativer Grundunterschiede? Hingegen lassen sich Kinder- und Jugendgruppen auf Ausflügen oder in der Freizeit in Deutschland immer seltener beobachten, Spielplätze stehen leer, Kinderprogramme verschwinden zunehmend aus dem Fernsehrepertoire. Sind unsere Kinder beschäftigter als jene anderer Nationen, oder haben wir schlichtweg weniger Kinder?
Noch Mitte des 19. Jahrhunderts sah die Lage ganz anders aus. Deutschland wies die dritthöchste Geburtsrate aller heutigen OECD-Länder auf, die Bevölkerung explodierte geradezu. Der deutsche Geburtenüberschuss verursache eine Massenauswanderung in die USA, was die Deutschen noch vor den Briten zur damalig größten Bevölkerungsgruppe machte. Doch diese Zeiten sind lange vorbei. Heute stagnieren die Geburten auf einem Level, das dem des Anfangs 20. Jahrhunderts nicht annähernd gleich kommt. Was zu Anfang der Demografie und der Bevölkerungsbeobachtung als „Bevölkerungspyramide“ bezeichnet wurde, verwandelte sich zunehmend in eine Urne - mit künftiger Tendenz zum Pilz. Was erwartet Deutschland angesichts alternder Gesellschaft und ausbleibender Geburten? Wie verändert sich Staat, Menschen und Lebensformen? All das soll in der vorliegenden Arbeit zur Behandlung kom- men.
1. Die demografische Situation und ihre Einflussfaktoren
Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wuchs die Weltbevölkerung nur langsam und, durch außerordentliche Faktoren wie Kriege und Wirtschaftskrisen, regional unstetig. Etwa ab 1950 jedoch, setzte ein bis dahin bespielloser Anstieg der Geburten ein, der die Einwohnerzahlen
aller Kontinente signifikant steigen ließ 1 . Während sich vielerorts dieser Trend bis in die neunziger Jahre fortsetzte, so in Lateinamerika, Afrika und teilweise Asien, änderte sich die Situation in Europa und insbesondere in Deutschland bereits in der zweiten Hälfte der siebziger Dekade diametral. Das bis dahin herrschende Geburtsniveau viel dramatisch und erholte
sich seither nicht mehr 2 . Dem entgegengesetzt die Entwicklung der Lebensdauer deutscher Einwohner, welche seit Anfang des 20. Jahrhunderts kontinuierlich stieg. Mittlerweile weist ein Neugeborenes die doppelte Lebenserwartung als „noch“ von vor 100 Jahren auf. Die verlängerte Lebenszeit der Menschen mag zwar zunächst einer Bevölkerungsschrumpfung entgegenwirken, da mehr Menschen länger leben, jedoch ist diese Wirkung eher kosmetischer Natur, solange keine adäquaten Geburtenzahlen hervorgebracht werden. Die Bevölkerung Deutschlands würde bereits seit den siebziger Jahren rückläufig sein, würde diese nicht durch Migration gestärkt werden. Erst die seit Jahrzehnten positiven Wanderungssaldi ermöglichten die Erhaltung und sogar Vermehrung des Bestandes von 1970. Allerdings ist die Zuwanderung kein Primärstandbein der Bevölkerung Deutschlands und wird bei weiterhin stagnierenden oder gar sinkenden Geburtsraten, die Schrumpfung nicht amortisieren können. Selbst traditionell einwanderungsstarke Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika können Ihren
Bevölkerungsbestand nicht allein durch Einwanderung konstatieren 3 .
1.1 Determinanten der Bevölkerungsentwicklung
Die Bevölkerungsentwicklung eines Staates stützt sich in erster Linie auf drei Primärfaktoren: die Geburtsfreudigkeit, die Sterblichkeit und die Wanderung. Daneben lassen sich weitere Sekundäreinflusse festhalten, wie die Verstädterung, und extraordinäre Einflüsse wie Kriege oder Naturkatastrophen, wobei letztere bislang keine massiven demografischen Auswirkun-
1 vgl.Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 147
2 Sinn,H.-W., Das demografische Defizit - Die Fakten, die Folgen, die Ursachen und die Politikimplikationen, in: Auswirkungen der demografischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, Birg,H., Hrsg.: Lit Verlag Münster, 2005, S. 55
3 vgl. Bertelsmann Stiftung, Die demografische Bedrohung meistern - Erste Bausteine zur Erarbeitung eines nationalen integrierten Aktionsplans, 2003, S. 7
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gen mit sich brachten 4 . Denkbar wäre ferner ein massiver und nachhaltiger Einfluss durch Epidemien oder Pandemien, wie etwa der Pest im 14. Jahrhundert, welche das Leben eines
Drittels der Bevölkerung Europas forderte 5 , oder der s.g. Spanischen Grippe, die Anfang des
20. Jahrhunderts über 50 Mio. Tote im Alter zwischen 16 und 40 Jahren brachte 6 . Außerordentliche Faktoren dieser Art, bleiben in der vorliegenden Arbeit jedoch weitestgehend unbe-handelt, da zum einen die Eignung für eine Prognose nicht geben ist, zum anderen die Auswirkungen kleinerer Epidemien eher zu Geburtenverschiebungen als zu Geburtenausfällen führen; ähnlich verhält es sich mit Wirtschaftskrisen.
Die Bevölkerung eines Staates läst sich in erster Nährung als Differenz von Geborenen- und Gestorbenenzahlen definieren. Hinzu kommt der Einfluss der Wanderung. Nachfolgend die Primärfaktoren in singulärer Beleuchtung.
1.1.1 Fertilität
Als Grundlage des menschlichen Werdens und Vermehren, ja sogar als Terminierung der Natur, dient die Fortpflanzung dem Erhalt menschlichen Lebens. Analog stellt die Fertilität auch die wichtigste Determinante im Bevölkerungsfluss dar. Eben diese sinkt seit den sechziger Jahren ohne jeglichen Gewalteinfluss, im tiefsten Frieden, kontinuierlich und mit beachtlicher negativer Steigung. Die Abbildung 1., S. 5 zeigt den im laufe des letzten Jahrhunderts stark schwankenden Verlauf der Geburtenziffer in Deutschland. Doch während die Tiefpunkte der Perioden um 1910, 1935 und 1945 wieder amortisiert wurden, scheint der in den letzten dreißig Jahren eingesetzte Trend auch weiterhin Bestand haben zu werden. Des Weiteren zeigt sich die quantitative Auswirkung der rückläufigen Geburtenraten auf das Bevölkerungsniveau in der Deckung des Bestandserhaltungsniveaus. Diese ist bereits seit 1970 nicht mehr gegeben, was bereits ab diesem Zeitpunkt zu einer Schrumpfung der Bevölkerung führte -Zuwanderer exklusive.
4 vgl. Swiaczny,F., Aktuelle Aspekte des Weltbevölkerungsprozesses - Regionalisierte Ergebnisse der UN World Population Prospects 2004, Hrsg.: BiB - Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung beim Statistischen Bundesamt, 2005, Heft 117, S. 7
5 Brockhaus Enzyklopädie
6 Taubenberger, J. K., Reid, A.H., Fanning, T.G., Das Killervirus der Spanischen Grippe, in: Spektrum der Wissenschaft, April 2005, S. 52
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Dieser Trend ist bereits auf mittlere Sicht mehr als beunruhigend, da nachhaltig sinkende bzw. gesunkene Geburtenzahlen, zwangsläufig zu einer implosionsartigen Schrumpfung der Bevölkerung führen. Denn die heute nicht Geborenen, fehlen morgen als Eltern. Sollte die schlechte „Geburtsmoral“ anhalten, so werden entsprechend immer weniger Eltern, immer weniger Kinder hervorbringen. Allein die gesunkene Zahl Kinder und junger Menschen, veraltert die Bevölkerung enorm. An diesem Strang zieht - wenn auch andererseits - die Entwicklung der Lebenserwartung.
1.1.2 Mortalität
Wie bereits ausgeführt, resultiert die Bevölkerung eines Staates neben der Migration aus dem Saldo der Geburts- und Sterberaten. Die rückläufige Geburtshäufigkeit belastet diese Bilanz bereits enorm, hinzu kommt eine deutlich gestiegene Lebenserwartung. Die Abbildung 2, S. 6, zeigt die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen des jeweiligen Jahrgangs im Verlauf des letzten Jahrhunderts. Bemerkenswert ist dabei der Wert absoluten Anstiegs der Lebenserwartung von unter 50 Jahren im Jahr 1900 auf über 80 Jahre (Frauen) im Jahr 2000.
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Die Kombination beider Faktoren - der sinkenden Geburtenraten und steigender Lebenserwartung - lässt die Vermutung zu, die Bevölkerungszahl müsse sich zunächst die Waage halten, da die längere Lebensdauer fehlende Geburten kompensiert. Dies trifft jedoch nur kurzfristig zu, da bei gleich bleibender Bevölkerungsstärke, aber vergreister Bevölkerungsstruktur, der Anteil der im Lebensabend befindlichen Personen rapide ansteigt. Als Folge sterben mehr
Menschen als Geboren werden - und das bereits seit 1970 7 . Angesichts dieser Entwicklung müsste die Bevölkerung Deutschlands bereits ab diesem Zeitpunk schwinden. Genau das Gegenteil war jedoch der Fall, die Bevölkerungsstärke stieg von 72,4 Mio. im Jahr 1960 auf über
82 Mio. im Jahr 2003 8 . Für diese Entwicklung ist größtenteils die Migration verantwortlich.
1.1.3 Migration
Seit dem Anfang der sechziger Jahre kann Deutschland getrost als Einwanderungsland bezeichnet werden. Der Welle der Hilfsarbeiter in den Sechzigern und Siebziegern, folgten massive Einwanderungen von Asylbewerbern sowie die große Späteinsiedlung vertriebener Deutschen Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger.
Wie unterschiedlich die Auffassungen Einzelner zur breiten Einwanderung sein mögen, so hat diese demografisch eine recht eindeutige Bedeutung. Die Abbildung 3, S. 7 zeigt den Verlauf
7 vgl. Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 38
8 Statistisches Bundesamt
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der Bevölkerung Deutschlands mit und ohne Berücksichtigung der jeweils dargestellten Wanderungssaldi.
Abbildung 3: Entwicklung des Migrationssaldos sowie der natürlichen und tatsächlichen Bevölkerungsentwicklung, Statistisches Bundesamt
Die Bevölkerungszahl würde sich seit etwa 1972 konstant verringern, würde diese nicht durch die Einwanderung gehalten und ausgebaut werden. Am Rande angemerkt, entspricht die Different der Abszissenwerte beider Kurven zum Jahre 2004 der ungefähren Anzahl Arbeitsloser in Deutschland.
1.2 Ursachen der Entwicklung einzelner Faktoren
Die Ursache des Geburtenrückganges, als wichtigster Determinante des generativen Verhal-tens 9 , ist vielfältigen Einflussfaktoren aus dem individuellen familiären oder gesamtwirtschaftlichen Bereich unterworfen, deren wechselseitige Abhängigkeit weitgehend unbekannt
ist 10 . Der Verlauf der Lebenserwartung lässt sich hingegen relativ sicher und plausibel erklären. Unter Verzicht auf tief greifende Interpendenzuntersuchungen wird nachfolgend auf bestimmte Veränderungen gesellschaftlicher und persönlicher Art eingegangen.
9 vgl. Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 45
10 Schubnell,H., Der Geburtenrückgang in der Bundesrepublik Deutschland - Entwicklung, Ursachen, Auswirkungen, in: Schriftenreihe des Bundesminist. für Jugend, Familie und Gesundheit, 1973, Heft 6, S. 49
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1.2.1 Wandel von Werte- und Interessenslage
In Deutschland, wie auch in anderen Industriestaaten, stammen die meisten Kinder aus eheli-
chen Beziehungen 11 . Die Anzahl Heiratsschließungen hat sich jedoch im Laufe der letzten 40 Jahren halbiert. Dem gegenüber steht eine Verdreifachung der Scheidungsquote im gleichen Zeitraum.
Abbildung 4: Zahl der Heiraten je 1000
Einwohner, Statistisches Bundesamt
Neben den extrem ungünstigen Bedingungen zunehmenden getrennt Lebens bzw. scheidender Ehen, spielen auch wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. So bedeutet die Geburt eines Kindes meist ein Aussetzten der Berufstätigkeit für die Mutter. Dies führt zu einer doppelten Belastung für die Familie, da einerseits Mehrausgaben aufgrund des Zuwachses anstehen, andererseits ein Teil des Familieneinkommens ausbleibt. Selbst wenn die wirtschaftliche Rechnung kinderfreundlich ausfällt, so stellt sich die Frage, ob der erwünschte Zweck nicht bereits mit
einem Kind erfüllt ist 12 . Doch meist fällt die Entscheidung eher kinderfeindlich aus, so die
11 Sinn,H.-W., Das demografische Defizit - Die Fakten, die Folgen, die Ursachen und die Politikimplikationen, in: Auswirkungen der demografischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, Birg,H., Hrsg.: Lit Verlag Münster, 2005, S. 61
12 vgl. Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 46
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beobachtet zunehmende Beliebtheit der DINK-Familie. „Double income, no kids“ findet brei-te Anwendung in der konsumorientierten Schicht junger Menschen 13 .
Der Wunsch nach Kindern scheint durch andere Lebensziele überlagert bzw. verdrängt zu werden. Dies geschieht offenbar zunehmend aufgrund eines Wandels im Rollenverständnis der Frau. Die Aufgabe als Mutter nimmt nunmehr nicht unbedingt den ersten Platz ein, sondern konkurriert mit anderen Formen der Selbstverwirklichung wie etwa einer ausgeprägten
Karriere oder breitem Konsum. 14 Dieser Trend ist keine Neuerscheinung. Bereits 1977 schrieb die Bundesregierung als Antwort auf eine kleine Anfrage im Bundestag zur langfristigen Bevölkerungsentwicklung: „In weiten Kreisen unserer Bevölkerung dürfte sich die Vorstellung festgesetzt haben, dass nur eine recht kleine Kinderzahl mit den derzeitigen Leitbil-dern von persönlicher Freiheit, Selbstverwirklichung und Lebensstandard vereinbar ist“ 15 .
Des Weiteren zeigt die ansteigende Zahl kinderlosen Ehen, dass Kinder keinesfalls als direkte Schlussfolgerung einer Heirat angesehen werden. Die Geburt eines Kindes wird genau geplant, das Wort Familienplanung rückte in diesem Zusammenhang auch in den Medien zunehmend in den Vordergrund. Während es frührer einer Entscheidung bedurfte, wenn kein Kind zur Welt kommen sollte, so ist heute die Entscheidung für ein Kind Voraussetzung für seine Geburt. Die immer werdende Seltenheit positiver Entscheidung liegt wohl auch in der natürlichen Trägheit des Menschen. Denn wenn früherer diese Trägheit zu einer kontinuierli-chen Geburtenhäufigkeit führte, sorgt sie nun für eine Stagnation 16 .
Schließlich mögen auch das veränderte Risikobewusstsein junger Menschen, sowie die Sorge um eine angemessene körperliche und geistige Erziehung, sowie Bildung des Kindes zu der zurückhaltenden Geburtsfreudigkeit beitragen.
1.2.2 Gestiegene Überlebensfähigkeit
Die gestiegene durchschnittliche Lebenserwartung resultiert aus der breiten Überlebensfähigkeit der Bevölkerung. Alt und sehr alt Gewordene gab es auch früher, jedoch nicht in dieser
13 vgl. Sinn,H.-W., Das demografische Defizit - Die Fakten, die Folgen, die Ursachen und die Politikimplikationen, in: Auswirkungen der demografischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, Birg,H., Hrsg.: Lit Verlag Münster, 2005, S. 53
14 vgl. Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen Wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 46
15 Bundestagsdrucksache 8/680, 24.06.1977, S. 2
16 vgl. Jürgens, H.W., Franke, L., Keine Kinder - keine Zukunft?, Hrsg.: Jürgens, H.W., Boppard, 1978, S. 44
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Stärke. Die Abbildung 6 zeigt Überlebenskurven von Frauen in Deutschland zu jeweils unterschiedlichen Zeiten des letzten Jahrhunderts.
Die dramatisch gestiegene Überlebensfähigkeit hängt sicherlich mit der rasanten Entwicklung der Humanmedizin sowie dem allgemein gestiegenen Bewusstsein für Lebensweise und Hygiene zusammen. Gleichzeitig stieg auch die gefühlte Vitalität, wohl mit allgemein humanerer Lebensweise verbunden.
1.3 Künftige Entwicklung
Sollten sich künftig die Geburtenzahlen gleichwohl niedrig verhalten, während die Menschen wie erwartet lange und länger leben, ist mit nachhaltigen Verschiebungen der Bevölkerungsstruktur zu rechnen. So würde sich unter Annahme hoher Lebenserwartung sowie mittlerer Zuwanderung die Bevölkerungszahl zum Jahre 2050 um ca. 6 Mio. verringern, während das mittlere Alter von heute 40,9 Jahren auf über 50 Jahre steigt. Die Abbildung 8, verdeutlicht diese prognostizierte Entwicklung.
Abbildung 8: Altersstruktur in Deutschland, Statistisches Bundesamt, Prognose 2050 (Annahmen: hohe Lebenserwartung, mittlere Zuwanderung)
Eine derartige Vergreisung der Gesellschaft, kann zu verschiedenartigen Problemen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und sozialpolitischer Natur führen. Alle Bereiche eines funktionierenden Staates wären von einer solch massiven Verschiebung der Bevölkerungsstruktur betroffen. Um so bedrohlicher ist die Vorstellung politischer Hilflosigkeit, vor dem Hinter-grund stets steigenden Anteils älterer Wähler. Das Medianalter, also jenes Alter, das die Gruppe der Wähler in zwei gleich große Gruppen teilt, steigt Prognosen zur Folge von heute 47 Jah-
ren auf 53 Jahre im Jahr 2025 17 . Diese zunehmende Gerontokratiesierung zeigt sich bereits heute in der Schwierigkeit der Aktion entgegen Interessen von Rentnern. Entsprechend fand
sich die SPD nach Einführung der Riester-Rente rasch seitens der Union überholt 18 .
17 vgl. Sinn, H.-W., Übelmesser, S., Pensions and the Path to Gernotocracy in Germany, in: European Journal of Political Economy 19, 2002, S. 153
18 ebenda, S. 66
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2. Auswirkungen auf die Wirtschaft
Angesichts einer Veränderung der Bevölkerung, in Menge sowie Zusammensetzung, wird sich wohl auch die Volkswirtschaft als solche und viele Ihrer Partiellteile verändern. Denn Wohlstand, beruhend auf Produktion, also Wertschöpfung, als natürliches Ziel einer Volks-
wirtschaft, bedarf zunächst drei Grundfaktoren - Arbeit, Kapital und Boden 19 . Während der Boden der Bundesrepublik von der demografischen Entwicklung weitestgehend unberührt bleibt, werden die Faktoren Arbeit und Kapital möglicherweise einem Einfluss unterworfen werden, der zudem von einer Interdependenz dieser beiden Faktoren abhängt.
2.1 Veränderung des Arbeitsmarktes
2.1.1 Quantitative Betrachtung
Wie bereits ausgeführt, darf mit einer absoluten Abnahme der Bevölkerungszahl im Laufe der nächsten fünfzig Jahre gerechnet werden. Begleitet wird dieser Schrumpfungsprozess durch eine allmähliche Verschiebung der Massenbreite, also der Spitze unserer Altersverteilung, in höhere Altersstufen. Die zahlenmäßige Schrumpfung, sowie die relative Alterung der Menschen schlagen sich deutlich am Arbeitsangebot nieder. Während durch zunehmende Alterung, die Belegschaft bzw. der Erwerbstätigenkreis immer älter wird, mangelt es aufgrund fehlender Geburten an rekrutierungsfähigen Nachkommen. Die Abbildung 10 verdeutlicht diesen Zusammenhang.
Abbildung 10: Zahl und Alter der Erwerbstätigen im Wandel, statistisches Bundesamt, Eurostat(Annahme hoher Lebenserwartung und mittlerer Zuwanderung)
19 vgl. Woll,.A, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Vahlens Handbücher der Wirtschafts- uns Sozialwissenschaften, 12. Auflage, Verlag Franz Vahlen, München, 1996, ISBN: 3-8006-2091-X, S. 56
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Der in Abbildung 10 dargestellten Prognose lässt sich entnehmen, das der im Jahre 2003 zur Verfügung stehenden Gruppe Erwerbstätiger von knapp 37 Mio. Menschen, im Jahr 2050 nur noch eine Gruppe in Stärke von nur noch knapp 29 Mio. gegenüberstehen wird. Ferner geht nicht nur der absolute Betrag erwerbstätiger Menschen zurück, auch der relative Anteil dieser verringert sich um beinahe 10 Prozentpunkte. Die heutigen Arbeitsmarktprobleme könnten sich also ins genaue Gegenteil wandeln, in ein zahlenmäßiges Defizit an Arbeitskräften. Sicherlich wird die weltweite Wanderung diesem Effekt entgegenwirken, ob dies jedoch ausreicht ist eher zu bezweifeln. Als Folge massiven zahlenmäßigen Rückgangs Erwerbstätiger, wird wohl auch Deutschlands Wirtschaftswachstum gedämpft werden - es sei denn, quantitative Einbußen
können durch individuelle Produktivitätssteigerung kompensiert werden 20 .
2.1.2 Qualitative Betrachtung
Wie lässt sich die Entwicklung alternder Belegschaft mit zunehmender Technologisierung und Komplexität des Humanbedarfs des Standortes Deutschland vereinbaren? Dieser Fragestellung widmet sich eine Ganze Reihe von Publikationen und Gutachten - mit teils gänzlich unter-
schiedlichen Ergebnissen. Als belastbar können Aussagen der Enquete-Kommission 21 gewertet werden, der nach das Altern auf zweierlei Weise die Produktivität beeinflusst.
Im Bereich der „kristallinen Intelligenz“, also sozialer und kommunikativer Fähigkeiten, wurden zunächst keine Anzeichen für negative Trends ermittelt. Ältere stehen in Bezug auf Erfahrungswissen, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeiten, sowie sozialer Kompetenz im Team, den Jüngeren in Nichts nach. Hinsichtlich sozialer und personenbezogener Fähigkeiten wird sogar ein komparativer Vorteil unterstellt. Die Lebenslange, eventuell sogar Branchenspezifische Erfahrung kann sich positiv auf Leistungsfähigkeit und somit Produktivität auswir-
ken 22 .
Hingegen scheinen ältere Arbeitnehmer Nachteile im Bereich der Aneignung neuer Arbeitstechniken sowie Aufnahme bzw. Verarbeitung neunen Wissens - also der „fluiden Intelligenz“
- immense Nachteile aufzuweisen. So sinkt mit zunehmendem Alter die geistige Beweglich- 20 vgl.Rürup,B., Bevölkerungsalterung und Wirtschaftswachstum: Hypothesen und empirische Befunde, in: Prosperität in einer alternden Gesellschaft, Hrsg.: Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik, 2000, S. 100
21 Enquete-Kommission „Demografischer Wandel“, Berichtsentwurf der Arbeitsgruppe I „Wirtschaft und Arbeit“, Bonn, 1998
22 vgl. ebenda ( 20 )
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keit, sowie Umstellungsfähigkeit insbesondere im Umgang mit neunen Techniken und komplexen Aufgabenstellungen. Das Konzentrations- und Abstraktionsvermögen lassen nach,
Lern- und Aufnahmebereitschaft sinken 23 . Nicht zuletzt sinkt auch die persönliche Mobilität, was in einer zunehmend auf Dienstleitung ausgerichteten Wirtschaft zu einer handfesten Behinderung der Entwicklung führen kann. Dem kommt hinzu, dass die im Laufe des Berufslebens erworbenen Qualifikationen durch den technologischen Fortschritt entwertet werden, so dass ohne fortlaufende Qualifikationsanstrengungen Disqualifizierung eintreten kann.
Analoge Effekte könnten auch die Innovationsfähigkeit moderner Betriebe betreffen. Denn angesichts verschlechterter Aufnahmefähigkeit und Lernbereitschaft bzw. -Vermögen der Belegschaft, sehen sich Unternehmen hinsichtlich der Einführung und Nutzung technisch-
organisatorischer Innovationen in Schwierigkeiten 24 . Ähnlich verhält es sich mit dem allgemeinen Know-how-Niveau. Junge Menschen als Berufseinsteiger oder Berufswechsler, bringen neueste Kenntnisse und Fähigkeiten mit, welche von Betrieben benötigt und gefordert
werden 25 . Wenn jedoch im Zuge des Geburtenrückgangs Jahr für Jahr schwächer besetzte Gruppen Neueinsteiger auf den Arbeitsmarkt kommen, steigt die Anforderung um Flexibilität und Weiterbildung bei den bereits Erwerbstätigen.
Es wird schließlich deutlich, dass der Weg zu einer Erhaltung der Produktivität, von einer Steigerung ganz zu schweigen, nur durch lebenslanges Fortbilden zu bestreiten ist.
2.2 Nachfrageseitige Auswirkungen
2.2.1 Quantitative Betrachtung
In erster Näherung kann davon ausgegangen werden, dass durch eine Verringerung der Bevöl-kerungszahl, die Zahl der Konsumenten verringert wird 26 . In der Literatur wird in diesem Zusammenhang ein weiterer Synergieeffekt diskutiert, nämlich die relative Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens, bei Unterstellung gleichen Volkseinkommens und entsprechend verringer-
23 vgl.Rürup,B., Bevölkerungsalterung und Wirtschaftswachstum: Hypothesen und empirische Befunde, in: Prosperität in einer alternden Gesellschaft, Hrsg.: Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik, 2000, S. 101
24 vgl. enbenda
25 vgl. Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen Wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 101
26 vgl. Rürup,B., Bevölkerungsalterung und Wirtschaftswachstum: Hypothesen und empirische Befunde, in: Prosperität in einer alternden Gesellschaft, Hrsg.: Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik, 2000, S. 89
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ter Bevölkerung. Dabei geht man von einer Erhöhung der Sparquote, bedingt durch ein höheres Pro-Kopf-Einkommen, aus - was entsprechend zu einem relativen Konsumrückgang führt.
Nach RÜRUP ist diese Annahme jedoch weder zwingend noch empirisch belegt 27 .
Für eine Betrachtung der Konsumnachfrage ist ferner nicht nur die Höhe der Bevölkerungszahl von Relevanz, sondern in nicht unerheblichem Maße die Anzahl Haushalte. Denn Konsum und Konsumausgaben sind nur zu einem Teil personenbezogen, in einem weiteren Teil haushalts-gebunden 28 . Eben im Bereich haushaltsbezogener Konsumausgaben geht man nicht von einer Senkung aus, da über 60-Jährige vornehmlich in 1-2 Personen Haushalten leben, deren Zahl
sich entsprechend alternder Bevölkerung vergrößern wird 29 .
Es stehen sich also zwei Effekte gegenüber, die Schrumpfung potentieller Konsumenten einerseits, und der Wachstum relativ konsumstarker 1-2 Personen Haushalte andererseits. Eine belastbare Prognose lässt sich in diesem Zusammenhang kaum treffen, es wird jedoch angenommen, dass diese Entwicklungen auf mittelfristige Sicht das Konsumniveau stabilisieren wer-den 30 .
2.2.2 Qualitative Betrachtung
Eine Verschiebung der Bevölkerungsstruktur hin zu älteren Gruppen, verstärkt deren Einfluss auf die Konsumstruktur. Entsprechend wird die Schicht der über 60-Jähruigen zu einer großen und lukrativen Zielgruppe. Ergänzend zu den Ausführungen unter 2.2.1, soll kurz die Einkommenssituation der besagten Gruppe beleuchtet werden. Nach MÜNNICH beträgt das Einkommen eines 2-Personen-Rentnerhaushaltes durchschnittlich nur die Hälfte dessen, was ei-
nem 2-Personen-Arbeitnehmerhaushalt zur Verfügung steht 31 . Bei näherer Betrachtung ergibt sich aber eine starke Annäherung an das Niveau der Arbeitnehmer, da Belastungen wie Steuern und Abgaben nicht gegeben sind. Man darf von einem 2-Drittel Wert ausgehen. Zudem verfügen Haushalte mit einem Haushaltsvorstand von über 65 Jahren Alter über hohe Geldvermö-
27 vgl.Rürup,B., Bevölkerungsalterung und Wirtschaftswachstum: Hypothesen und empirische Befunde, in: Prosperität in einer alternden Gesellschaft, Hrsg.: Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik, 2000, S. 90
28 ebenda
29 vgl. Münnich, M., Zur wirtschaftlichen Lage von Ein- und Zweipersonenrentnerhaushalten - Ergebnisse der Einkommens- und Verbraucherstichprobe 1993, in: Wirtschaft und Statistik 2/97, 1997, S. 120
30 vgl. Rürup,B., Bevölkerungsalterung und Wirtschaftswachstum: Hypothesen und empirische Befunde, in: Prosperität in einer alternden Gesellschaft, Hrsg.: Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik, 2000, S. 91
31 vgl. Münnich, M., Zur wirtschaftlichen Lage von Ein- und Zweipersonenrentnerhaushalten - Ergebnisse der Einkommens- und Verbraucherstichprobe 1993, in: Wirtschaft und Statistik 2/97, 1997, S. 40
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gensbestände. Diese sind jedoch sehr ungleich verteilt, als dass es zu einer breitflächigen Be-trachtung von Relevanz wäre 32 . Der Gruppe Älterer werden also hohe Konsumpotentiale beigemessen, so dass diese Gruppe sich bald als eine der wichtigsten in der Werbelandschaft wieder finden wird.
Das Konsumverhalten einer Altersschicht - und vor allem auch der der Älteren - gilt ferner als stark kohortenabhängig. So haben heute beispielsweise wesentlich mehr ältere Menschen eine
Fahrerlaubnis als früher 33 . Im Allgemeinen lassen sich jedoch folgende Entwicklungen erwarten 34 :
- Wohnausgaben steigen anteilig, da ältere Menschen ihre Wohnungsgröße eher unter-proportional ihrem Lebenszyklus anpassen.
- Ausgaben im Bereich Gesundheit und Pflege steigen, während jene für Mobilität abnehmen.
- Zunehmende Freizeit lässt die Ausgaben für Zeitungen, Fernsehen und Reisen steigen.
Auch andere Präferenzen dürften künftig geweckt werden, da die Werbung die Zielgruppe älterer Menschen zunehmend entdeckt.
3. Gesellschaftliche und soziale Auswirkungen
Neben Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeit, schlägt sich die zunehmende Alterung auch auf gesamtgesellschaftlicher und sozialer Ebene nieder. Dabei sind nicht nur Systeme sozialer Sicherung in Gefahr, die Entwicklung beeinflusst sicherlich auch Bereiche der Gesellschaft wie Familie, Bildung oder soziales Gleichgewicht. Doch die wohl wichtigste Frage ist jene nach der Finanzierbarkeit staatlicher Rentenversicherung.
32 vgl. Enquete-Kommission „Demografischer Wandel“, Berichtsentwurf der Arbeitsgruppe I „Wirtschaft und Arbeit“, Bonn, 1998, S. 149
33 vgl. Rürup,B., Bevölkerungsalterung und Wirtschaftswachstum: Hypothesen und empirische Befunde, in: Prosperität in einer alternden Gesellschaft, Hrsg.: Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik, 2000, S. 92
34 vgl. ebenda
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3.1 Finanzierung des Sozialstaates
Eine der zentralen Funktionen eines Staates, als Ordnungseinheit gesellschaftlichen Zusammenlebens, ist die Umverteilung von Mitteln. Der Begriff Umverteilung impliziert bereits die Notwendigkeit, das zu Verteilende zunächst einzufordern. Eben auf dem Prinzip des Ein- und Auszahlens basiert die Systematik staatlicher Rentenvorsorge. Als Grundvoraussetzung für die Funktion eines solchen Systems, hat jedoch als Parameter zu gelten, dass die Zahl der Erwerbstätigen jene der Rentner deutlich übersteigt. Dies schein aber angesichts einer alternder Gesellschaft akut in Gefahr zu sein.
3.1.1 Gesetzliche Rentenversicherung
Als Maßgabe für die Belastung Erwerbstätiger, als Einzahler, durch die Leistungsempfänger,
alter oder junge Menschen, gelten die Alten- bzw. Jugendquotienten 35 . Diese spiegeln das Verhältnis der einen zu den anderen wieder. Die Abbildung 11 zeigt die prognostizierte Entwicklung dieser Quoten unter Annahme hoher Lebenserwartung sowie mittlerer Zuwanderung.
Abbildung 11: Jugend-, Alten- und Gesamtquotient, Statistisches Bundesamt
Bei Betrachtung des Jahres 2003 ergeben sich bei einem Unterstützungsquotient für Jugendliche von 34% bzw. 50%, drei bzw. nur zwei Erwerbstätige pro zu unterstützenden Jugendlichen. Beim Gesamtquotienten sind wir bereits heute bei einem Wert von etwas über Eins-zu-Eins. Angesichts prognostizierter Bevölkerungsentwicklung, wird sich das heutige System bereits bald als nicht tragbar herausstellen - ausbleibende Reformen vorausgesetzt.
Angriffspunkte für eventuelle Verbesserungen gibt es aber genug. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist die Rentenbezugsdauer in Verbindung mit dem Renteneintrittsalter. Letzteres ist mit 65 Jahren zwar den Umständen entsprechend, jedoch wird dieses Alter nur von etwas
35 vgl. Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen Wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 154
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über 20% der aus dem Berufsleben Scheidenden eingehalten. An die 60% der Arbeitnehmer
verlassen die Erwerbstätigkeit vor dem Renteneintrittsalter 36 . Eben dies stellt eine doppelte Belastung für die Rentenkassen dar: Einerseits verkürzt sich die Beitragsdauer um die Zeit vorzeitigen Austritts, zum anderen verlängert sich die Rentenbezugsdauer, welche ohne hin durch den enormen Lebensdauerwachstum stakt stieg, um die selbige Zeit.
Weiterer Handlungsbedarf besteht im Grundsatz deutscher Alterssicherung. Während in anderen Ländern diese relativ gleichmäßig auf die Träger gesetzliche, betriebliche und private Rentenversicherung verteilt ist, ist die Alterssicherung in Deutschland zu über 80% durch die gesetzliche Rentenversicherung realisiert.
Eine Homogenisierung zugunsten privater Altersvorsorge könnte zudem eine Belebung des Finanzmarktes mit sich bringen. Ohne Reformen, jedenfalls, erwartet die Rürup-Kommission einen anstieg des Beitragssatzes um 10PP auf 25% bei gleichzeitigem Rückgang des Rentenni-
veaus um 10PP auf etwas über 40% zum Jahr 2040 37 .
36 Bundesagentur für Arbeit
37 Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Rürup-Bericht
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3.1.2 Gesundheitswesen und Pflege
Eines der wichtigsten Elemente beständigen und sozialen Staates, war und ist für die Deutschen die Gesundheitsversorgung. Entsprechend sind Auswirkungen auf diesen Sektor von hohem Interesse und maßgeblich für die „Stimmung“ der alternden Bevölkerung. Dabei erweisen sich jedoch belastbare Aussagen als schwierig, da die Kombination verschiedener Faktoren nahe zu undurchsichtig ist. Der medizinische Fortschritt der Vergangenheit impliziert zwar weitere Erfolge für die Zukunft, doch zeigte sich auch, dass bei wirksamer Bekämpfung bekannter Krankheiten, neue Leiden auftreten oder in den Vordergrund rücken, da diese bisher überlagert wurden oder aber erst in einem höheren Alter auftreten, welches die Menschen im
Zuge steigender Lebenserwartung erreichen 38 .
Sinnvoll sind jedoch Überlegungen zur potentiellen Entwicklung der Auslastung gegenwärtig
vorhandener Kapazitäten des Gesundheitswesens, personeller und räumlicher Art 39 .
Zunächst kann davon ausgegangen werden, dass bei einer schwindenden Bevölkerungszahl,
auch jene der Patienten zurückgeht 40 . Diese These klammert jedoch die Altersentwicklung künftiger Patienten aus, da bei verkleinerter aber stark veralteter Bevölkerung, der Anteil Be-handlungsbedürftiger rapide ansteigen muss, was für einen absoluten Anstieg des Zulaufs sorgen kann. In diesem Zusammenhang kann die Relation Kranke je Arzt als Vergleichsgrundlage dienen. Als Folge kontinuierlichen Bevölkerungsrückgangs, sinkt die Quote Kranke je Arzt zunächst leicht, um jedoch später vom analogen Effekt bei Ärzten eingeholt zu werden. Denn mit schwindender Bevölkerung, nimmt auch die Anzahl Arzte, Krankenschwestern, Pflegepersonals ab. In Summe ergibt sich eine beträchtliche Erhöhung der Quote, somit eine stärkere Auslastung vorhandener Ressourcen. Ob jedoch die Qualität medizinischer Versorgung bei überproportionalem Anstieg der Bedürftigen und gleichzeitigem Rückgang des operativen Personals realisierbar ist, kann getrost bezweifelt werden. Die Gegenwärtige Protestaktion deutscher Arzte zeigt zudem, dass Politik und Wirtschaft keine Anreize für einen Berufseinstieg für die immer wenigen Nachkommen schaffen.
Des Weiteren darf von einer rapiden Erhöhung Bedürftiger um stationäre Behandlung und Pflege ausgegangen werden. Denn mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil chronischer Krankheiten stark zu und damit die Intensität der Inanspruchnahme stationärer Behandlungsar-
38 vgl.Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen Wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 125
39 vgl. ebenda
40 vgl. ebenda
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ten 41 . Analog dürfte sich der Bedarf nach Pflege verhalten. In Abbildung 12 ist eine Prognose dieser Entwicklung dargestellt.
Sodann prognostiziert man eine Verdoppelung stationär Pflegebedürftiger, was nicht zuletzt von veränderter Familienstruktur rührt.
3.2 Arbeit, Bildung und Integration
Veränderungen der Bevölkerungsstruktur im Hinblick auf das Humankapital, implizieren Veränderungsnotwendigkeit im Bereich Arbeit und Bildung. Bereits aufgezeigte Auswirkungen auf das Rentensystem deuten auf die Notwendigkeit der Veränderung bisher geltender Arbeitskultur.
3.2.1 Lebensarbeitszeit und Erwachsenenbildung
Wie bereits ausgeführt, werden wir auf kurz oder lang um eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht herumkommen. Nach einer Einschätzung der UN aus dem Jahr 2001, bedarf es, um den Erhalt der Produktivität, einer Anhebung des formellen deutschen Rentenalters von
41 vgl. Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen Wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 129
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heute 65 Jahren auf 77 42 , was jedoch den aktuellen Akzeptanzrahmen der Politik bei weitem sprängen dürfte.
Angesichts längerer Lebensarbeitszeit stellt sich erneut die Frage nach der Qualifikation. Denn es ist zu bezweifeln, dass ein Erwerbstätiger sein verlängertes Arbeitsleben nur mit seiner Primärbildung produktiv und produktivitätssteigernd meistert. Die Realisierung lebenslangen, berufsbegleitenden Lernens wird jedoch von natürlichen wie ökonomischen Faktoren erschwert. Zum einen beeinträchtigen die bereits dargestellten natürlichen Alterseinflusse, wie mangelnde Flexibilität und Reagibilität hinsichtlich neuer Techniken, das erfolgreiche Fortbilden. Andererseits, und nicht zuletzt aus dem zunächst Genannten rührend, verhalten sich Unternehmen bei der Fortbildung Älterer eher zurückhaltend. Denn die Amortisationsphase des
neu aufgebauten Humankapitals ist bei Älteren kürzer als bei Jüngeren 43 , so dass nur eine geringe Zahl von Investitionen in diesem Bereich als lohnend erscheint. Die Länge der Amortisa-
tionsphase bemisst sich jedoch an der restlichen Lebensarbeitszeit 44 - dem Renteneintrittsalter. Eine Anhebung der Altersgrenze würde folglich auf das Kalkül der Weiterbildung positiven Einfluss nehmen.
3.2.2 Primärbildung und Integration von Zuwanderern
Die Nachfrage nach Primärbildung, also grundschulischer und gymnasialer Ausbildung, geht
mit der Fertilität einher 45 . Entsprechend darf angenommen werden, dass die Zahl Nachfragender also Kinder und Jugendlicher, in den nächsten 50 Jahren stark schrumpfen wird. Entsprechend werden die Kapazitäten angepasst werden müssen, was unter Umständen Veränderungen für den Lehrkörper bedeutet. Denn diejenigen, die in der Primärbildung nicht mehr gebraucht werden, werden in der Erwachsenenbildung um so mehr benötigt. Angesichts konstanter und eventuell steigender Zuwanderung, und vor dem Hintergrund junger und geburtsfreudiger Ein-wanderer, lässt sich eine stabile Prognose jedoch kaum realisieren.
Einwanderer und deren Kinder stellten bereits heute einen nicht unerheblichen Teil der Bil-dungslandschaft dar. Bei weiterhin stagnierender Fertilität der Deutschen, wird sich der Anteil
42 United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division, Replacement Migration: Is it a Solution to Declining and Ageing Populations?, New York, 2001, S. 42
43 vgl. Boockmann, B., Steiner, V., Gesellschaftliche Alterung, Humankapital und Produktivität, in: Prosperität in einer alternden Gesellschaft, Hrsg.: Frankfurter Institut - Stiftung Marktwirtschaft und Politik, 2000, S. 131
44 vgl. ebenda, S.132
45 vgl. Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen Wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979, S. 102
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Kinder und Jugendlicher mit Migrationshintergrund noch weiter verstärken. Angesichts dieser Entwicklung, erscheint die Integration der Bildungsinländer als überaus wichtig - die aktuelle Situation ist jedoch mehr als erschreckend. Die Abbildung 13 illustriert die Ergebnisse der PI-SA-Studie im Bereich Mathematik, von Einheimischen, Einwanderern und deren Kinder (1. Generation).
Abbildung 13: Ergebnisse der PISA 2003, Mathematikleistungen,
erreichte Punktzahl, OECD
Dabei wird ein unikaler Trend deutlich, nämlich die dramatische Verschlechterung der 1. Generation gegenüber Einwanderern selbst. Die glänzende Situation Kanadas, bedingt durch restriktive Einwanderungspolitik, mag dabei ein nicht ganz gelungenes Vergleichsbeispiel sein, die Situation der Schweiz und analog Frankreichs jedoch sehr wohl. Ein guter und dabei mehrseitig wirksamer Lösungsansatz könnten Ganztagsschulen darstellen. Einerseits wirkt sich die integrierte Art der Bildung, also mit begleitenden Aufgaben und praktischen Stunden, positiv auf Disziplin und Lerneffekt, somit auf die Leistungen im Allgemeinen, aus. Andererseits könnte dadurch auch eine Entlastung der Eltern erzielt werden, welche angesichts dargestellter Problematik künftigen Arbeitskräftemangels und allgemeiner Geburtsdepression als dringlich erforderlich scheint. Eben die mangelnde Verbreitung ganztägiger Bildungseinrichtungen ist meinem Erachten nach die Ursache der fertilen Zurückhaltung. Die Abbildung 14 stellt das Ergebnis einer Umfrage im Rahmen des International Social Survey Programms dar,
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dargestellt ist der Anteil der Personen, die der Auffassung zustimmen, ein Kind im Vorschulalter würde unter der Berufstätigkeit der Mutter leiden.
4. Zusammenfassung und Schlusssatz
Angesichts aufgezeigter Entwicklungen der vielen Einfluss nehmenden Faktoren, fällt es schwer, hinsichtlich deutscher Zukunftsentwicklung, optimistisch zu bleiben. Besondere Sorgen bereitet mir die Frage, wie andere Nationen auf das Phänomen Gesamtalterung reagieren. Insbesondere im Hinblick auf die aufblühenden Wirtschaftsbeziehungen mit China und Ostasien, welchen - Japan ausgenommen - derartige Probleme fremd sind. Wie wird Deutschland die Herausforderung globaler Präsenz angesichts zunehmender Komplexität und Dynamik der Wertschöpfung und Entwicklung meistern? Der im Verlauf des letzten Jahrhunderts angereicherte technologische, arbeitstechnische und organisatorische Vorsprung wird sich sicherlich nur durch hoch und höchst Bildung verbunden mit Konzentration auf höchst technologische und komplexe Erzeugnisse und Leistungen halten lassen. HighEnd - von Kindesbeinen an….
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5. Literatur
Bertelsmann Stiftung, Die demografische Bedrohung meistern - Erste Bausteine zur Erarbeitung eines nationalen integrierten Aktionsplans, 2003
Brockhaus Enzyklopädie
Bundestagsdrucksache 8/680, 24.06.1977
Buttler,G., Bevölkerungsrückgang in der Bundesrepublik - Ausmaß und Konsequenzen, aus: Materialien des Instituts der deutschen wirtschaft 2, Hrsg.: Deutscher Instituts-Verlag GmbH, 1979
Enquete-Kommission „Demografischer Wandel“, Berichtsentwurf der Arbeitsgruppe I „Wirtschaft und Arbeit“, Bonn, 1998
Jürgens, H.W., Franke, L., Keine Kinder - keine Zukunft?, Hrsg.: Jürgens, H.W., Boppard, 1978
Münnich, M., Zur wirtschaftlichen Lage von Ein- und Zweipersonenrentnerhaushalten - Ergebnisse der Einkommens- und Verbraucherstichprobe 1993, in: Wirtschaft und Statistik 2/97, 1997
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Schubnell, H., Der Geburtenrückgang in der Bundesrepublik Deutschland - Entwicklung, Ursachen, Auswirkungen, in: Schriftenreihe des Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, 1973, Heft 6
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Swiaczny,F., Aktuelle Aspekte des Weltbevölkerungsprozesses - Regionalisierte Ergebnisse der UN World Population Prospects 2004, Hrsg.: BiB - Bundesinstitut für Bevölke-rungsforschung beim Statistischen Bundesamt, 2005, Heft 117
Taubenberger, J. K., Reid, A.H., Fanning, T.G., Das Killervirus der Spanischen Grippe, in: Spektrum der Wissenschaft, April 2005
United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division, Replacement Migration: Is it a Solution to Declining and Ageing Populations?, New York, 2001
Woll,.A, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Vahlens Handbücher der Wirtschafts- uns Sozi- alwissenschaften, 12. Auflage, Verlag Franz Vahlen, München, 1996
Arbeit zitieren:
2006, Was bedeutet die demografische Entwicklung für Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland?, München, GRIN Verlag GmbH
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