Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1 - 2
Historische Betrachtung
I. Historische Überlieferung 3 - 4
I.1. Zeitgenössische Überlieferungen
I. 1. 1. Angelsächsische Quellen
5
a) Anglo - Saxon Chronicle
5 - 9
b) Vita Eadwardi Regis qui apud Westmonasterium requiescit
I. 1. 2. Normannische Quellen
9 - 10
a) Wilhelm von Jumièges: Gesta Normannorum Ducum
10 - 11
b) Wilhelm von Poitiers: Gesta Guillemi ducis Normannorum et regis Anglorum
12 - 14
c) Carmen de Hastingae Proelio
14 - 15
d) Der Bildteppich von Bayeux
I. 2. Überlieferungen des 12. Jahrhunderts
15 - 16
a) Chronik des John von Worcester
17 - 18
b) Ordericus Vitalis: Historia Ecclesiastica
19 - 20
c) Wilhelm von Malmesbury: Gesta Regum Anglorum
20 - 21
d) Wace: Roman de Rou
I. 3. Nordische Überlieferungen : Skaldenlyrik, Königssagas, Snorri Sturluson
22 - 23
a) Skaldenlyrik
23 - 24
b) Königssagas
24 - 25
c) Snorri Sturluson: Heimskringla
I. 4. Vita Haroldi 25 - 26
I. 5. Europäische Sichtweisen: kontinentale und skandinavische Berichte 26 - 32
II. Die Schlacht von Hastings: Die historische Betrachtung der Hauptakteure 33
II. 1. Eduard der Bekenner und die Vertreter des Hauses Godwin:
Urspr ünge und Entwicklung 34 - 37
37 - 38
a) Die frühen Jahre
b) Das Ringen um die Herrschaft
II. 2. Kampf um die Vormachtstellung:
Die Vertreibung und Rückkehr des Hauses Godwin 38 - 41
II. 3. Die Frage der Nachfolge 41 - 44
II. 4. Die Aufstiege Harold Godwinssons und Wilhelms von der Normandie 44 - 47
II. 5. Der Eid 47 - 51
II. 6. Das Ende einer Herrschaft: Der Tod Eduard des Bekenners 51 - 55
II. 7. Rex Haroldus 55 - 58
II. 8. Die Schlacht von Stamford Bridge 58 - 61
II. 9. Die Schlacht von Hastings 61 - 69
II. 10. Schilderungen über das Fortleben König Harolds II. 69 - 73
III. Die historische Darstellung der Schlacht von Hastings
und ihrer Hauptakteure bis in die Moderne 74 - 76
Literarische Betrachtung 77 - 78
IV. Der viktorianische historische Roman:
Die Schlacht von Hastings bei Edward Bulwer - Lytton und Charles Kingsley 79
a) Edward Bulwer - Lytton: Harold, der letzte Sachsenkönig (1848)
b) Charles Kingsley: Hereward the Wake (1866) V. Das viktorianische Drama: Alfred Tennysons „Harold, a Drama“(1876) 88 - 93
VI. Darstellung von Historie im Kinderbuch:
Die Schlacht von Hastings in Rudyard Kiplings
„Puck of Pook´s Hill“(1910) und „Rewards and Fairies“(1913) 94 - 99
VII. ‘Comic Histories’:
Die humorvolle Darstellung von Historie in Punch und dessen Ablegern 100 - 103
VIII. Der historische Roman im 20. Jahrhundert:
Die Schlacht von Hastings bei Hope Muntz und Julian Rathbone
104 - 108 a) Hope Muntz: Der Goldene Reiter (1949)
109 - 115 b) Julian Rathbone: Der letzte englische König (1997)
Abschluss 116 - 118
Literaturverzeichnis 119 - 124
‘Hei’ - rief er - ‘faß´ und ergreife dich, Engelland!’“ 1
Der 14. Oktober 1066 markierte einen der bedeutenden Wendepunkte in der englischen Geschichte. Nach dem Tode des kinderlosen König Eduard - des Bekenners - aus der angestammten Dynastie Cerdics hatten drei nicht diesem Haus angehörenden Bewerber - HaroldGodwinsson (Earl von Wessex), Harald Hardraada (König von Norwegen), Wilhelm (Herzog der Normandie) - Anspruch auf den Thron Englands erhoben. Der Earl von Wessex erlangte raschen Zugriff auf die Königswürde. Doch innerhalb weniger Monate wurde das Inselreich durch Invasionen der beiden anderen Prätendenten in einen verhängnisvollen Zweifrontenkrieg hineingezogen. Während der norwegische König in der Schlacht von Stamford Bridge (25.09.1066) besiegt werden konnte, unterlagen die überanstrengten angelsächsischen Fußtruppen an der Südküste bei Hastings dem aus Reiterei, Bogenschützen und anderen Fußsoldaten zusammengesetzten Lehns - und Söldnerheer des Normannenherzogs. Harold von Wessex hatte seine Machtmittel und Kriegskunst überschätzt und fand in der berüchtigten Schlacht von Hastings seinen Tod. Diese Schlacht bildete die Grundlage der so genannten „normannischen Eroberung“ Englands, die die Vereinigung von insularem und kontinentalen Herrschaftsbereichs des Herzogs beinhaltete. Der normannische Herzog nahm am Weihnachtstag des Jahres 1066 in der Grabeskirche des Bekenners zu Westminster die Königswürde der Angelsachsen auf und baute eine zentralistische Herrschaft über das gewonnene Land und seine Leute auf. Das Königtum Wilhelm I. des Eroberers (1066 - 1087) leitete darüber hinaus eine zukunftsweisende enge Verflechtung zwischen England und dem „lateinischen“ Europa ein. Das Inselreich löste sich damit aus seinen traditionellen Bindungen an das wikingische Skandinavien.
1 Vgl. Schwab, H. - R., „Taillefer“, in: Schwab, H. R., (Hrsg.) (1983), Ludwig Uhlands Werke, Bd. 1, Frankfurt/
Main: Insel Verlag, 212.
Diese Arbeit versucht, die Hintergründe jenes epochalen Ereignisses zu erklären. Im Zentrum der Darstellung sollen jedoch die Handlungsträger, ihre Verflechtungen und schicksalhafte Bindungen stehen. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, die Charakteristika und Persönlichkeitsprofile der Akteure, auf Grundlage der historischen Quellenlage und ihrer fiktiven Bearbeitungen in verschiedenen literarischen Genres, zu ermitteln. Hierbei werden im ersten Abschnitt, in der historischen Betrachtung, die jeweiligen Personen und Ereignisse in Form von Episoden in chronologischer Reihenfolge interpretiert. Die Basis hierfür sind die zeitgenössischen (angelsächsischen und normannischen) Überlieferungen und die Quellen des 12. und 13. Jahrhunderts. Darüber hinaus soll ein kurzer Ausblick auf die Bewertung der Schlacht und ihrer Hauptakteure aus europäischer Sicht erfolgen. Die Schilderung fokussiert sich auf Eduard den Bekenner, sein Verhältnis zu den Vertretern des Hauses Godwin, das zu jener Zeit ein wichtiges Machtzentrum Englands darstellte, und die Beziehungen beider Parteien zu Wilhelm von der Normandie. Von diesem Ausgangspunkt aus soll dann die weitere Entwicklung der Personendarstellungen in den historischen Werken bis in die die Moderne nachgezeichnet werden.
Im zweiten Teil, der literarischen Betrachtung, wird dann anhand ausgewählter Werke auch versucht, die historischen Persönlichkeiten im fiktiven Kontext näher zu beleuchten. Die meisten literarischen Darstellungen basieren im Wesentlichen auf den vorher angeführten historischen Überlieferungen. Aus diesem Grund ist es auch interessant, die Bearbeitung des historischen Stoffes genauer zu betrachten. Zudem sollen auch hier mögliche Tendenzen sichtbar gemacht werden.
Die Repräsentation der Hauptakteure der Schlacht von Hastings in Geschichte und Literatur verkörpert eine Thematik, die, in den jeweiligen Betrachtungsweisen, Stoff für viele Kontroversen gab. Im gleichen Maße jedoch ist dies ein unerschöpflicher Bereich. Die Darstellung der individuellen Charakterzüge der einzelnen historischen Persönlichkeiten war immer abhängig von Zeit, Kontext und Umständen. Somit wird hierin untersucht, wie einzelne Entwicklungen und Tendenzen in den historischen und literarischen Betrachtungen die Bilder der einzelnen Hauptakteure prägten. 2
2 Die hier verwendete Zitierweise soll nach den Vorgaben des Instituts für Anglistik erfolgen. Somit ergeben sich
einige Abweichungen zur üblichen Darstellungsweise von Literaturangaben der Geschichtswissenschaft. Zudem
werden hier die modernen Versionen der Eigennamen benutzt.
Historische Betrachtung
I. Historische Überlieferung
Die nun folgende Darstellung enthält die wichtigsten historischen Überlieferungen für eine Charakterisierung der Schlacht von Hastings im Jahre 1066 und ihrer Hauptakteure. Hierbei erfolgt zunächst eine zeitliche Einordnung der Quellen und ihrer Verfasser. Darüber hinaus ist es von Bedeutung, die jeweiligen Zeugnisse lokal zu bestimmen, um Hintergründe und mögliche Tendenz genauer betrachten zu können.
Im Besonderen ist dabei der Unterschied zwischen angelsächsischem und normannischem Raum zu beachten, da gerade in der unmittelbaren Zeit nach der Eroberung die normannische Propagandamaschinerie ein historisches Bild der Ereignisse prägte, das bis in die Moderne hineinwirkte und angelsächsische Darstellungen im Wesentlichen verdrängte. Zudem ist d ie historische Zuverlässigkeit der einzelnen Werke ein Faktor, der zu bestimmen ist. Außerdem spielen Königssagas und Skaldendichtung des nordischen Kulturkreises (Island, Skandinavien) auf den Nebenschauplätzen eine Rolle, da sie oftmals eine ganz spezifische Betrachtungsweise der damaligen Geschehnisse in England haben. Hinzu kommt ein, von seiner Gewichtigkeit sekundär, nur bestimmte Ausschnitte betrachtendes, aber informatives Zeugnis (Vita Haroldi).
Den Abschluss bildet dann ein Ausblick auf die Sichtweise der Schlacht von Hastings im Rest Europas. Hierbei ist der Artikel The Norman Conquest through European Eyes von Elisabeth van Houts eine kritisch - informative Grundlage. 3
Die zwei wichtigsten zeitgenössischen Quellen des angelsächsischen Raumes sin d die Anglo -Saxon Chronicle und die Vita Eadwardi Regis. Die letztere wurde ausführlich durch Frank Barlow in der Edition The Life of King Edward who rests at Westminster und in seinem Buch Edward the Confessor bearbeitet.
Auf normannischer Seite sind die Darstellungen von Wilhelm von Jumièges und Wilhelm von Poitiers typische Repräsentanten der normannischen Propaganda. Während Wilhelm von Poitiers Gesta Guillelmi ducis Normannorum et Regis Anglorum eine Art Vita Wilhelms des Eroberers ist, behandelt Wilhelm von Jumièges in seiner Gesta Normannorum Ducum Wilhelm als einen Repräsentanten in einer Reihe von normannischen Herzögen.
3 Vgl.van Houts, E., „The Norman Conquest through European Eyes“, in: EHR 110 (1995), 832 - 854.
Viele Kontroversen erzeugte hingegen das Carmen de Hastingae Proelio. Besonders in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stritten sich bedeutende Historiker über Autor, Abfassungszeitraum und historischen Wert der Überlieferung. 4
Die einzige bildliche Darstellung der normannischen Eroberung Englands ist der Bildteppich von Bayeux. Er stellt die unmittelbare Vorgeschichte und den Schlachtverlauf ausführlich dar. Aber auch um ihn drehen sich zahllose Diskussionen, da natürlich die Illustrationen und kurzen Textauszüge nicht immer eindeutig sind. Zudem sind auch Entstehungsort, - zeit, Künstler und mögliche Bezugsquellen nebulös. 5
Die historischen Zeugnisse des zwölften Jahrhunderts sind gekennzeichnet durch ihren zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen, was oftmals zu einer Verschmelzung mit den zeitgenössischen Charakterisierungen führt.
Während sich die Chronik des John von Worcester noch sehr nah an der Darstellung der Anglo - Saxon Chronicle orientiert, sind Ordericus Vitalis´ Historia Ecclesiastica und Wilhelm von Malmesburys Gesta Regum Anglorum von dem Merkmal der Verschmelzung (auch beider Kulturbereiche) geprägt, was manchmal zu eigentümlichen Anmerkungen führt. Waces Roman de Rou hingegen weicht durch seine gewählte literarische Gattungs - und Sprachform insofern von den anderen ab, da er sich neben den historischen Quellen auch an der Tradition der Chansons de Geste bediente.
Der Ausblick auf die nordischen Überlieferungen ist u.a. bedeutend für die frühmittelalterliche Verschränkung des anglo - skandinavischen Kulturkreises. Skaldenlyrik und Königssagas lassen noch einmal den Heldenmythos hochleben und ermöglichen einen begrenzten Einblick in die damalige Kultur. Außerdem sind sie meistens in Kompilationen erhalten, die aus unterschiedlichsten Quellen gespeist sind.
Abschließend wurde die Vita Haroldi gewählt, da sie teilweise von der allgemein anerkannten Darstellung der Ereignisse abweicht, aber gleichzeitig andere Sichtweisen punktuell hervorhebt.
4 Vgl. Davis, R.H.C./Engels, L.J., „The Carmen des Hastingae Proelio”, in: Proceedings of the Battle Abbey
Conference II (1979), 1 - 20.
5 Vgl. Brooks, N.P./Walker, H.E., „The Authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry“, in: Proceedings of
the Battle Abbey Conference I (1978), 1 - 34; für einen kunstgeschichtlichen Ansatz, vgl. Grape, W. (1994), Der
Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel.
I. 1. Zeitgenössische Überlieferungen I.1.1 Angelsächsische Quellen
a) Anglo - Saxon Chronicle
Die Anglo - Saxon Chronicle gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Überlieferungen aus dem angelsächsischen Raum.
Ihre Bezeichnung bezieht sich hierbei auf eine Sammlung von Annalen mit meist unbekanntem Verfasser, Abfassungsort und -zeit.
Der Ursprung der so genannten Chronik lässt sich bis in die Regierungszeit Alfr ed des Großen im neunten Jahrhundert zurückverfolgen. Die darin enthaltenen Zeugnisse zogen ihre Informationen anfangs aus unterschiedlichen Quellen, wie Bedas Historia Ecclesiastica. Erst danach entwickelten sich fortwährend eigenständigere Schreibarten. Dabei ist aber zu beachten, dass die jeweiligen Kompilatoren weder objektiv, noch unbeeinflusst ihre Berichte verfassten, sondern oftmals ihren Standpunkt der Ereignisse darlegten. 6 Überdies sind durch die verschiedenen Abfassungsorte fünf Versionen (MSS A - E) mit teilweise abweichenden Darstellungen heute erhalten.
Der ausführlichste Bericht der Schlacht von Hastings ist im Manuskript D enthalten. Auch ist der Standpunkt dieser Version bezüglich der Persönlichkeiten und Ereignisse relativ neutral, währen z.B. Manuskript C, kompiliert in Abingdon, eine royalistische Haltung einnimmt; oder Manuskript E, kompiliert in Canterbury, eher der Godwin - Familie zugeneigt ist. 7
Aus diesem Grund, repräsentiert die D - Version der Anglo - Saxon Chronicle eines der wertvollsten Zeugnisse bezüglich der angelsächsischen Sichtweise des Geschehens. Die oftmals mangelnde Zuverlässigkeit in der Betrachtungsweise erschwert daher die Herausfilterung objektiver Informationen, aber in der Auseinandersetzung mit anderen, davon unabhängigen, zeitgenössischen Zeugnissen, können Tendenzen sichtbar gemacht werden.
b) Vita Eadwardi Regis qui apud Westmonasterium requiescit
Bei der Vita Eadwardi handelt es sich um ein Werk mit anonymem Verfasser, das eine Lobeshymne auf Königin Edith und ihrer Familie darstellt, aber auch hagiografische Elemente zugunsten Eduard des Bekenners aufweist.
6 Vgl. Keyes, S., „Anglo - Saxon Chronicle“, in: Lapidge, M. et al (Hrsg.) (1999), The Blackwell Encyclopaedia
of Anglo - Saxon England, London: Blackwell, 35.
7 Vgl. Walker, I. (1997), Harold: The Last Anglo - Saxon King, Stroud: Sutton, xxiii.
Es besteht aus zwei Teilen (Buch I und Buch II) mit jeweils eigenen Prologen, geschrieben in elegischen Versen. Auch die jeweiligen Abschlüsse enden mit entsprechenden Dialogen zwischen Poet und Muse. 8
Buch I stellt einen historischen Essay dar, gestaltet als Ablauf von Episoden oder Akten, die durch dichterische Elemente sowohl unterbrochen als auch verbunden werden. Im Prolog wird die Absicht des Autors deutlich - instruiert durch seine Muse will er ein Werk zu Ehren der Königin, ihrer großartigen Familie, und ihres Gatten, König Eduard, verfassen. Hierbei werden in den folgenden Kapiteln die Ursprünge, Entwicklungen und Charakteristika der Familienmitglieder gezeigt. Dies ist alles eingebettet im Lauf der Geschichte und der Ereignisse mit einem katastrophalen Ende für die Godwin - Dynastie. Das Buch schließt mit dem Tod Eduards und der Feststellung, dass es nicht in einer solchen Tragödie enden sollte. 9 Buch II betrachtet dann das religiöse - und Heilsleben Eduards. Hierbei erklärt der Autor ausdrücklich, dass ihn die Ereignisse zu einer Änderung seines Vorhabens zwangen. Das im vorherigen Buch dargestellte tragische Ende all seiner Hauptakteure veranlass te ihn, sich auf ein völlig neues Gebiet - dem religiösen Leben des edlen Eduard - zu begeben. In den nun folgenden Abschnitten werden dann eine Mehrzahl von Wundern und Heilsakten, sowie seine Visionen dargelegt. 10
Dieses Werk ist von der Gestaltung als auch inhaltlich dem Encomium Emmae Reginae, dem Loblied auf Eduards Mutter, Königin Emma, ähnlich. 11 Der Prolog zu Buch I der Vita Eadwardi und das Argumentum des Encomium Emmae Reginae formulieren die gleichen Ziele: das eine geschrieben zu Ehren von Königin Edith, das andere zu Ehren Königin Emmas. Der Autor des letztgenannten erklärt dabei sorgfältigähnlich der Vita Eadwardi - obwohl seine Darstellung mit König Svein beginnt, dass sein Werk nur zu Ehren Emmas verfasst wurde.
Jedoch dürfen diese Ähnlichkeiten nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche Erzählarten in jener Zeit durchaus üblich waren und deshalb nichts Außergewöhnliches darstellten. Aber es ist nicht auszuschließen, dass der Anonymus der Vita Eadwardi das Encomium Emmae Reginae kannte und die strukturellen Eigenheiten nutzte, obwohl der Verbreitungsradius von historischen Zeugnissen damals relativ gering war. Entweder stammten die Autoren aus der gleichen Gegend bzw. Klöstern oder nutzten nur die gleichen strukturellen Elemente, da es sich bei beiden um Auftragswerke handelte.
8 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1992), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Nelson and Sons, xv.
9 Ibid., xvi.
10 ibid., xvii.
11 Vgl. Campbell, A., (Hrsg.) (1949), Encomium Emmae Reginae, London: Royal Historical Society.
Eine andere Problematik ist der Abfassungszeitraum der Vita. Hierbei gibt es verschiedene Kontroversen, ob damit, im Besonderen Buch I, bereits vor Eduards Tod oder erst kurz vor Tostigs und Harolds Ableben begonnen wurde. 12
Da es ein Auftragswerk zugunsten von Königin Edith ist, ist anzunehmen, dass das Gesamtwerk noch in ihrer Lebenszeit (ante 1075) und wahrscheinlich der Absetzung des Erzbischofs von Canterbury Stigand (1070) vollendet wurde.
Das letztgenannte große Ereignis in der Darstellung ist die Schlacht von Hastings (14. Oktober 1066), und die Erzählung geht nicht über ein Jahr und einen Tag nach König Eduards Tod (Januar 1067) hinaus. 13
Diese Argumentation wäre schlüssig, wenn Buch II nicht hagiografische Elemente enthalten würde. Der Heiligenkult um St. Eduard in Westminster scheint ein Produkt des zwölften Jahrhunderts zu sein. Infolgedessen liegen wir entweder einem Anachronismus bzw. literarischer Verfälschung auf, oder Buch II wurde wesentlich später verfasst u nd Buch I revidiert und bearbeitet. Aus diesem Grund, wird nun der Fokus auf Buch II gelegt, da Buch I relativ klar dem historischen Rahmen entspricht. Auch hier geben einige interne Indikatoren Aufschluss:
Eine Referenz auf Stigand, während er wohl noch das Amt des Erzbischofs bekleidete, führt zu der Annahme, dass es kurz nach der Eroberung geschrieben wurde. 14 Das Buch schließt mit Geschehnissen, die wahrscheinlich nur einige Wochen nach Eduards Tod stattfanden. Der Autor schrieb in einer Zeit des Aufruhrs, was Eduard auf seinem Totenbett prophezeite. Das alles ließe auf das Jahr 1067 schließen. Da damit aber noch nicht das Problem der hagiografischen Elemente gelöst ist, könnte man annehmen, das Werk wäre in einer wesentlich späteren Revision neu bearbeitet worden.
Letztlich aber, ist dies auch nicht zufrieden stellend. Was nun einer objektiven Wahrheit entspricht, kann hier nicht nachvollzogen werden. Womöglich sind alle rätselhaften Elemente und Erklärungsversuche den historischen Umständen geschuldet.
Daneben stellt die Autorschaft der Vita Eadwardi ein zusätzliches Hindernis dar. Der Autor selbst gibt nur wenige Einzelheiten über seine Person preis: er sagt, er wäre ein geübter Autor, hätte Unterstützung von der Königin erhalten; bezieht sich auf sie als seine „Herrin“ (domina) und ihre Brüder als „Herren“ (domini); erwähnt gemeinsame Unterredungen. Zum Zeitpunkt der Abfassung sei er arm, aber frei gewesen und angeblich das Opfer von Neid und
12 Vgl. Schnith, K., „Die Wende der englischen Geschichte im 11. Jahrhundert“, in: HJ 86 (1966), 34 - 39.
13 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Nelson and Sons, xxv.
14 Ibid., xxviii.
Missgunst. 15 Der Verfasser muss sich außerdem im geistlichen Um feld bewegt haben, aber seine Position ist nicht greifbar. Aber er war relativ sicher nicht englischer Herkunft. Er identifiziert sich niemals mit den Engländern, manchmal scheint er sich sogar deutlich von ihnen abzugrenzen. Außerdem verurteilt er die Unwürdigkeit der angelsächsischen Kirche. Darüber hinaus sind seine Kenntnisse über englische Geschichte und Geografie sehr begrenzt. Man darf hierbei aber nicht automatisch darauf schließen, er wäre Normanne gewesen, denn nur wenig Sympathie wird den normannischen Großen am königlichen Hof (z.B. Robert von Jumièges) entgegengebracht.
Es ist hier eher wahrscheinlich, dass der Autor aus Lothringen oder Flandern stammte. 16 So werden z.B. Herzog Baldwin von Flandern als „Freund des englischen Volkes“ bezeichnet und Kenntnisse der flämischen Geschichte und Geografie verdeutlicht; oder die Erwähnung der Stadt Saint - Omer und einheimische Spielarten von Orts - und Personennamen sind dominant.
Allgemein hin werden daher Goscelin oder Folcard als Verfasser der Vita Eadwardi angenommen. 17 Beide verfügten über die gleiche Bildung und gingen ähnlichen Karrieren in England nach. Goscelin kam etwa 1058 nach England und Folcard vor 1069, vielleicht auch schon vor 1066. Außerdem gehörten sie den bekanntesten Klöstern in Saint - Omer (St. Bertin) an. Dort waren solche historischen Abhandlungen, insbesondere Heiligenviten in Reimprosa, charakteristisch.
Im Gegensatz zu Folcard, ist sehr viel über Goscelin bekannt, 18 und er wird aus diesem Grunde als großer Anwärter auf die Autorschaft angesehen. Er lebte in Wessex als ein „familiaris“ Bischofs Hermann von Wiltshire, der mit der Königin und dem König befreundet war. Es ist daher leicht möglich, ihn mit der Autorschaft zu belegen. Folcards Lebensweg ist dagegen relativ unbekannt. Nur, dass er arm war und Unterstützung bei Königin bzw. deren Familie fand, ist bekannt.
Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist es aber kaum möglich, einen exakten Verfasser des anonymen Werkes herauszufiltern - letztlich mag dieses Faktum von persönlicher Tendenz und Einstellung abhängen, einen objektiven Beweis gibt es jedoch nicht. Zusammenfassend gehört die Vita Eadwardi, neben der Anglo - Saxon Chronicle, zu der bemerkenswertesten Überlieferung des zeitgenössischen Geschehens aus angelsächsischer bzw. englischer Sichtweise.
15 Ibid., xli.
16 Ibid., xlii
17 Ibid., xlv.
18 Ibid., xlviii.
Jedoch darf man dabei nicht vergessen, dass sie ein Auftragswerk zugunsten von Königin Edith und ihrer Familie darstellt. Infolgedessen ist sie tendenziös und panegyrisch gefärbt, deshalb vom historischen Wert gemindert. Aber sie gibt einen Einblick in die verlorene Welt angelsächsischer Großer vor dem Umbruch.
I.1.2 Normannische Quellen
a) Wilhelm von Jumièges: Gesta Normannorum Ducum
Im elften und zwölften Jahrhundert waren die Gesta Normannorum Ducum die weitverbreiteste Geschichte über die normannischen Herzöge und daher auch über die Normandie. 19
Der Verfasser Wilhelm von Jumièges stützte sich in seinem Werk auf die Vorarbeit eines Dudo von Saint - Quentin, der den Anfangspunkt der historiografischen Tradition in der Normandie bildete. Dudo war der erste Historiker, der eine Geschichte über die normannischen Herzöge schrieb.
Die Gesta Normannorum Ducum ist etwa 1070/1071 im Kloster von Jumièges entstanden. 20 Seine Geschichte wurde später mehrmals revidiert und adaptiert und letztlich in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts durch Robert von Torigny erneut bearbeitet. Wilhelm widmete seine Gesta 1070/ 1071 dem König Wilhelm von England und Herzog der Normandie. Hierbei verkürzte er Dudos Überlieferung bis zu dem Zeitpunkt der Pazifikation Englands. 21
In seiner Widmung erläutert er, er hätte zwar Dudos Arbeit verkürzt, hätte aber nicht dessen Geschichten über die Ursprünge Rollos, seinen Prophezeiungen u.a. Auswüchse übernommen, da dieser sich zu dem Zeitpunkt noch im heidnischen Umfeld bewegte. In seinem ersten Buch erzählt er dann, wie die ersten Wikinger nach Frankreich kamen. In den folgenden drei Büchern die Geschichten von Rollo, Wilhelm Langschwert und Richard I - alles auf der Grundlage von Dudos Zeugnis.
Ab Buch V fängt Wilhelm von Jumièges an, seine eigene Geschichte der normannischen Herzöge zu erzählen. Er beruft sich dabei auf das, was er selbst gehört bzw. gesehen hat und
19 Vgl. van Houts, E., „The Gesta Normannorum Ducum: A History without an End”, in: Proceedings of the
Battle Abbey Conference III (1980), 106.
20 Vgl. Walker, I. (1997), Harold: The Last Anglo - Saxon King, Stroud: Sutton, xxiv.
21 Vgl. van Houts, E., „The Gesta Normannorum Ducum”: A History without an End, in: Proceedings of the
Battle Abbey Conference III (1980), 107.
auf die Historia Francorum Senonensis. 22 Die Bücher V, VI danach Richard II (996 - 1026), die Brüder Richard III (1026 - 1027/28) und Robert I (1027/28 - 1035). Dann gelangt er schließlich zu Wilhelm selbst. Der Autor beendet das Werk mit einem langen Epilog, in dem er König Wilhelm und seinen Sohn Robert (Courthose), Herzog der Normandie, preist. Wilhelm von Jumièges stellte in seiner Gesta Normannorum Ducum, hinsichtlich des Anspruchs Wilhelms auf den Thron Englands, die so genannte „englische Frage“ in den Vordergrund. Er sah seine Hauptaufgabe darin, nicht nur Wilhelms Herrschaftsanspruch, sondern auch dessen gewaltsame Machtübernahme zu legitimisieren. Hierbei folgte Wilhelm von Jumièges der panegyrischen Schreibtradition zur Rechtfertigung von Wilhelms Übernahme des englischen Throns: einem Status, den normannische Herzöge lange zuvor begierig erlangen wollten. 23
Leider ist in diesem Zusammenhang nicht bekannt, ob es sich bei der Gesta Normannorum Ducum um ein Auftragswerk König Wilhelms handelte - dennoch ist eine klare Tendenz erkennbar.
b)Wilhelm von Poitiers: Gesta Guillelmi ducis Normannorum et regis Ang lorum
Wilhelm von Poitiers Gesta Guillelmi wurden einst als „Sprachrohr des Eroberers“ 24 bezeichnet.
Das Werk enthält eine wesentlich ausführlichere Darstellung des herzoglichen Anspruchs auf den englischen Thron als bei Wilhelm von Jumièges. Jene Ausführlichkeit führt aber zu signifikanten Unstimmigkeiten, die eine Tendenz sichtbar machen und damit die Glaubwürdigkeit einschränken.
Wilhelm von Poitiers entstammte einer adligen Familie in oder bei Préaux. Etwa 1028 geboren, studierte er später in Poitiers, wo er auch das Priesteramt bekleidete und wurde dann in den herzoglichen Haushalt als Kaplan berufen. Er selbst war jedoch nicht Augenzeuge der Ereignisse von 1066. 25
Seine Gesta Guillelmi sind in biografischer Form verfasst. Unglücklicherweise aber scheint das Werk unvollständig zu sein, da nichts über Herzog Wilhelms Geburt, Kindheit oder früher Jugend berichtet wird. 26 Auch ist das Ende abrupt.
22 Ibid., 108.
23 Ibid., 111.
24 Vgl. Bradbury, J., (1998), The Battle of Hastings, Gloucestershire: Sutton, 147.
25 Ibid., 147.
26 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris: Société
d´Edition Les Belles Lettres, XIII.
Buch I beginnt mit dem Tod König Knuts; die Auseinandersetzungen Herzog Wilhelms in Maine (I, 37-40) werden dann in den folgenden Absätzen dargestellt, genauso wie die Gesandtschaft Harold Godwinssons und dessen Eid in Bonneville - sur - Touques. Das Buch schließt mit dem Tod König Eduards (I, 42).
Erst Buch II behandelt ausführlich die Eroberung Englands, die Krönun g Wilhelms und dessen Regierungszeit.
Bemerkenswert ist hierbei, wie militärische und diplomatische Geschehnisse hinter der Persönlichkeit Wilhelms zurücktreten. Er ist der ideale Herrscher: fromm, friedliebend und Beschützer des Glaubens (I, 47 - 59). Im Gegensatz dazu, werden seine Gegner als Tyrannen bzw. Usurpatoren charakterisiert. 27
Der Abfassungszeitraum der Überlieferung liegt wahrscheinlich zwischen 1072/1073 und 1074. 28 Dies kann, auf der einen Seite, anhand bestimmter Ausdrucksweisen, Erwähnungen oder Interpretationen der Ereignisse gezeigt werden, die eine Datierung zwischen 1073 bis 1074 wahrscheinlich machen.
Auf der anderen Seite, sprechen dazu bestimmte genannte Fakten für eine solche zeitliche Begrenzung: die Enthebung Stigands aus dem Erzbist um von Canterbury (1070), die Einweihung der Abtei Saint - Etienne in Caen (1073) und Kenntnisse über den normannischen Abenteurer Roussel de Baillant (1073). 29
Auf welche Berichte sich Wilhelm von Poitiers in seiner Darstellung stützte, ist eine komplexe Problematik. Man kann auf jeden Fall davon ausgehen, dass er sich auf Augenzeugenberichte an der Schlacht beteiligter Personen oder Personengruppen stützte. Was jedoch seine literarischen Grundlagen angeht, ist die Situation weniger eindeutig. In der Vergangenheit wurde die These aufgestellt, Wilhelm von Poitiers hätte sich in seinem Werk auf die Gesta Normannorum Ducum Wilhelm von Jumièges berufen. 30 Analogien zwischen beiden Darstellungen sind hierbei offensichtlich. Aber Wilhelm von Poitiers muss sich deshalb nicht zwangsläufig darauf berufen haben. Es wäre auch möglich, dass sich beide Autoren auf eine andere Überlieferung bezogen, die heute nicht mehr bekannt oder erhalten ist. Aber auch diese Annahme stellt keinen profunden Lösungsweg dar. Schließlich wi rd dies wohl weiter im Dunkel verweilen. Wilhelm von Poitiers hat letztendlich mit seiner Gesta Guillelmi eine einflussreiche Vorlage normannischer Propaganda geschaffen und dazu beigetragen, das heutige Bild von den Ereignissen zu prägen.
27 Ibid., XIV.
28 Ibid., XVII.
29 Ibid., XIX.
30 Ibid., XXVI.
c) Carmen de Hastingae Proelio
Im Jahre 1826 entdeckte der deutsche Gelehrte Georg H. Pertz, Archivar in Hannover, ein episches Gedicht über die normannische Invasion Englands, überliefert in zwei Manuskripten, in der Königlichen Bibliothek in Brüssel. 31
In keinem der Manuskripte war weder Titel noch Autor benannt. Im Proömium aber stand „L. W. salutat“. Daraus schloss Pertz L repräsentierte Lanfranc, Abt von Caen (1063 - 1070) und Erzbischof von Canterbury (1070 - 1089). 32 Die andere Person erschien zunächst rätselhaft, jedoch stieß Pertz auf einen Abschnitt in Ordericus Vitalis´ Historia Ecclesiastica. 33 „Guido etiam praesul Ambianensis metricum Carmen edidit, quo, Maronem et Papinium gesta heroum pangentes ciuitatus, Senlacium bellum descripsit, Heraldum uituperans et condempuans, Guillelmum uero collandus et magnificans.“
Er interpretierte aus diesem Grund, dass Wido (Guy oder Guido) Bischof von Amiens Verfasser dieses Gedichtes sei. Zunächst wurde auch dies allgemein übernommen. Aber ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden erhebliche Zweifel an der Autorschaft und weiter sogar an der Qualität als historische Quelle. Während G. H. White Wido von Amiens komplett ausschloss, behauptete Raymonde Foreville, dass das Carmen als Quelle für Wilhelm von Poitiers Gesta Guillelmi diente. Letztlich führte die kritische Auseinandersetzung mit dem Problem, grob gesprochen, zu einer eindeutigen Tendenz: Frank Barlow und Kurt - Ulrich Jäschke sahen Widos Autorschaft als sehr wahrscheinlich, aber nicht vollständig nachgewiesen an und akzeptierten das Carmen als historische Quelle mit leichten Abstrichen. Catherine Morton und Hope Muntz verteidigten Wido als eindeutigen Verfasser und sahen das Carmen als eine wichtige authentische Quelle an. 34 Nur R. H. C. Davis behauptete in seinem Artikel: „ (…) the Carmen is neither an original source nor the poem by Guy of Amiens. “ 35 Er sah es eher als einen Übungstext aus dem zwölften Jahrhundert an.
31 Vgl. Barlow, F., (Hrsg), (1999), The Carmen de Hastingae Proelio of Guy Bishop of Amiens, Oxford:
Clarendon Press, XIII.
32 Ibid., XIV.
33 Vgl. Chibnall, M., (Hrsg.), (1983), The Ecclesiastical History of Orderic Vitalis, Vol. I, Oxford: Clarendon
Press, 184 - 187.
34 Vgl. Davis, R. H. C./Engels, L. J., „The Carmen de Hastingae Proelio”, in: Proceedings of the Battle Abbey
Conference II (1979), 4; Barlow, F., „The Carmen de Hastingae Proelio”, in: Bourne, K./Watt, D. C., (Hrsg.)
(1967), Studies in International History, London: Longmans, 38f.; Jäschke, K. - U., (1977), Wilhelm der
Eroberer: Sein doppelter Herrschaftsantritt im Jahre 1066, Sigmaringen: Jan ThorbeckeVerlag, 79f.
35 Davis, R. H. C., „The Carmen de Hastingae Proelio“, in: EHR 93 (1978), 261.
Damit ist auch schon das Problem der Datierung angerissen. Paläografische Untersuchungen datierten die Manuskripte um das Jahr 1100. 36 Nimmt man dann auch noch Wido von Amiens als Autor an, liefert dessen Ableben den ersten terminus ante quem. Er starb am 22. Dezember 1075. 37 Darüber hinaus gehörte er zu der Gesandtschaft, die mit der späteren Königi n Mathilde (Gattin des Eroberers) 1067 nach England kam. Zu diesem Zeitpunkt soll das Carmen bereits vollendet gewesen sein. 38
Zudem wird in dem Gedicht im Besonderen Widos Halbonkel Eustachius II. von Boulogne gepriesen. Somit setzte der Verfasser zumindest ein Einvernehmen zwischen Eustachius und Wilhelm voraus oder hielt es für denkbar. Solch ein Einvernehmen wäre aber bereits seit Herbst 1067 erheblich gestört gewesen, da sich Eustachius an Erhebungen in Kent beteiligte. 39 Dieser Fakt führt hingegen nicht automatisch zu der Annahme, das Werk wäre vor 1067 abgefasst worden - vielleicht war er nur in Unkenntnis von den Ereignissen. Schließlich kann festgestellt werden, dass die so „prononciert berichtete Titeländerung“ 40 von Graf/ Herzog zu König samt der faktischen Wertschätzung Harolds II. eine Entstehungs- und Vortragzeit nahe legen, die beides noch als aktuell ansahen. Das heute noch erhaltene Carmen de Hastingae Proelio ist jedoch unvollständig. Die Überlieferung besteht aus 835 Versen, eingeleitet durch 25 Hexametern und dann durchweg Zweizeilern. Es ist metrisch unvollendet, da es mit einem Hexameter endet und somit zumindest ein Teil eines Zweizeilers fehlt. 41
Die Berichtzeit der Darstellung umfasst das Warten auf günstigen Wind für die Überfahrt um Michaelis 1066 bis zur Salbung des neuen Königs von England am Weihnachtstag 1066. Die Schauplätze sind die normannisch - französischen Küsten, Südostengland vom nicht namhaft gemachten Pevensey bis Dover, schließlich London und das „Münster“ westlich der mittelalterlichen Stadt, also Palast und Peterskirche von Westminster. 42 Die tradierte Titelgebung des Gedichts verrät zumeist die Konzentrierung der Verse auf die Schlacht von Hastings - was im Text selbst nicht benannt wird. Hier wird als Schlachtort Senlac angegeben.
36 Vgl. Barlow, F., „The Carmen de Hastingae Proelio“, in: Bourne, K. /Watt, D. C., (Hrsg.) (1967), Studies in
International History, London: Longmans, 37.
37 Vgl. Jäschke, K. - U.,(1977), Wilhelm der Eroberer: Sein doppelter Herrschaftsantritt im Jahre 1066,
Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag, 83.
38 Ibid., 83.
39 Ibid., 85.
40 Ibid., 87.
41 Davis, R. H. C. /Engels, L. J., „The Carmen de Hastingae Proelio”, in: Proceedings of the Battle Abbey
Conference II (1979), 8.
42 Ibid., 8.
Daneben zeigt sich ein zweites Thema - die Rechtsgrundlage oder der Anspruch des Normannenherzogs auf England. Dies wird bereits ausdrücklich in den einleitenden Versen vollzogen, sogar zum Motiv für die Arbeit des Dichters erhoben. Wilhelm ha be sich nur das erstritten, was ihm zustand. 43
Zusammenfassend gesehen, bilden die Überlieferung und dessen erhebliche Kontroversen einen Komplex aus verzerrter Realitätssuche, literarischen Techniken und nicht eindeutigen Feststellungen, die eine genaue Erfassung des Werkes erheblich erschweren. Trotzdem scheint auch in diesem Text eine eindeutig pro - normannische Tendenz und Panegyrik, ähnlich wie bei Wilhelm von Poitiers und Wilhelm von Jumièges, hindurch. Gemäß dieser Feststellung treten die Autorschaft und Abfassungszeitraum in den Hintergrund.
d) Der Bildteppich von Bayeux
Der Bildteppich von Bayeux, eine in der Stadt Bayeux aufbewahrte, über siebzig Meter lange Bildstickerei, schildert die Eroberung Englands durch die Normannen in der Schlacht von Hastings und illustriert dessen Vorgeschichte.
Seit seiner Wiederentdeckung durch Lancelot und Montfaucon im frühen achtzehnten Jahrhundert, erregt er bis in die heutige Zeit die Gemüter. 44 Der Teppich stellt daher eine der bedeutendsten, aber auch rätselhaftesten Kunstwerke des Mittelalters dar. Der so genannte Teppich ist aber, genau betrachtet, gar kein Teppich, sondern ein mit Wollfäden bestickter Leinenstreifen, ca. 50 cm hoch und 70,34 m lang. 45 Leider weist das Kunstwerk einige Beschädigungen auf, so dass der ursprüngliche Abschluss verloren ging. Aber einige Indizien sprechen dafür, dass Odo von Bayeux (Halbbruder Wilhelms) durch seine dominante Präsenz auf dem Teppich der Auftraggeber war, der 1077 seinen Neubau der Kathedrale in Bayeux weihte.
Ungeklärt ist auch, an welchem Ort und welchem Land der Teppich hergestellt wurde. Die heutige Forschung plädiert für Südengland. Auch gibt es keine Informationen über den Künstler. 46 Der Künstler bzw. Entwerfer, der für den Entwurf des Teppichs verantwortlich war, müsste mit Darstellungen über die Eroberung vertraut gewesen sein; dass es sich dabei um einen geschriebenen Bericht handelte und kein Augenzeugenbericht, verdeutlicht ein Missverständnis: auf dem Teppich attackiert Wilhelm die bretonische Festung Dol u nd sein
43 Ibid., 9.
44 Vgl. Brooks, N. P. /Walker, H. E., „The Authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry”, in: Proceedings
of the Battle Abbey Conference I (1978), 1.
45 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Ein Triumphdenkmal der Normannen, Münc hen: Prestel, 23.
46 Ibid., 23.
Widersacher, Conan von der Bretagne, flieht an einem Seil. Wilhelm von Poitiers z.B. berichtet in der Angelegenheit davon, dass sich Conan zum Zeitpunkt der Belagerung überhaupt nicht in der Festung befand. 47 Zudem enthält der Teppich mehrere Einzelheiten und Beobachtungen des Entwerfers, die für die Entstehungszeit von einer Generation nach der Eroberung sprechen. Auch hinsichtlich der Herkunft des Denkmals tendiert die Forschung zu England. Es gibt aber keine augenfälligen Beweise, da kein Kunstwerk des elften Jahrhunderts überdauerte, das mit dem Figurenstil des Teppichs umfassend und zugleich unmittelbar verwandt wäre. 48
Unter Berücksichtigung der Grenzen und Konventionen, hinsichtlich Gestaltung und Verarbeitungstechnik, der damaligen Zeit und der Einbeziehung der Restauratoren aus dem neunzehnten Jahrhundert, stellt der Bildteppich von Bayeux eine gewichtige Quelle der normannischen Eroberung dar.
Er ist dabei möglicherweise eine sehr frühe Charakterisierung, welche sowohl zu englischen als auch normannischen Traditionen Zugang hatte. Außerdem werden die Informationen durch die Augen eines sehr talentierten Künstlers präsentiert. Aber das bedeutet nicht, dass der Bericht objektiv oder gar fehlerfrei wäre - gerade im Hinblick auf eine sehr wahrscheinliche Funktion als Auftragswerk von normannischer Seite. Basierend auf diesen Feststellungen, können einzelne Szenen des Teppichs von ihrer tendenziösen Einstellung befreit werden und damit den historischen Quellenwert erhöhen. Außerdem ist der Bildteppich die einzige bildliche Darstellung der Ereignisse von 1064 bis 1066, der die Geschehnisse in ihrer elementarsten Form wiedergibt und gerade dadurch eine hohe Attraktivität besitzt.
I.2. Überlieferungen des 12. Jahrhunderts
a) Chronik des John von Worcester
Diese Chronik war im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in Europa sehr bekannt und wurde aus jenem Grunde vielfach genutzt. Lange Zeit wurde sie von modernen Gelehrten als eines der wertvollsten Werke zur Kenntnisgewinnung über die angelsächsische E poche des ausgehenden elften und frühen zwölften Jahrhunderts angesehen. 49
47 Brooks, N. P. /Walker, H. E., „The Authority and Interpretation of the Bayeux Tapestry”, in: Proceedings of
the Battle Abbey Conference I (1978), 3.
48 Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 44.
49 Vgl. Darlington, R. R./McGurk, P., (Hrsg.) (1995), The Chronicle of John of Worcester, Oxford: Clarendon
Press, xvii.
Bis vor einigen Jahrzehnten kannte man jene Chronik auch nur unter dem Namen Florence of Worcester, was sich auch in der Forschungsliteratur niederschlug. Bei dem Werk handelt es sich um eine Weltchronik, die die Geschichte - mit Hauptaugenmerk ab 450 auf englische bzw. britische Geschehnisse - vom Anbeginn der Menschheit bis zum Jahre 1140 betrachtet. Dort endet nämlich abrupt das Hauptmanuskript.
Die Chronik wurde in Worcester in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts kompiliert. Die traditionelle Zuschreibung der Überlieferung auf den Mönch Florence beruht hierbei auf der Beschreibung seiner Person unter der Annale für das Jahr 1118, das sein Ableben aufzeichnete. Jedoch wurde bald diese Zuschreibung in Frage gestellt, da sich in dem Hauptmanuskript der Mönch John in einem Hexameter unter dem Eintrag für das Jahr 1138 Darstellt: „(…) corrigat ista legens offendit signa Iohannes.“ 50 Außerdem berichtete Ordericus Vitalis in seiner Historia Ecclesiastica, dass, als er nach Worcester reiste, der Mönch John mit der Erarbeitung einer Chronik beschäftigt war. 51 In seinem Zeugnis berief sich John im Wesentlichen auf die Anglo - Saxon Chronicle, was deutlich in den Erwähnungen der einzelnen Annalenzusätze zu Tage tritt. Hinsichtlich der Darstellungen des zehnten und frühen elften Jahrhunderts ist die Chronik durch Elemente von Heiligenviten ergänzt und stilistisch transformiert. Für den Zeitraum nach 1066 bildet dann die Anglo - Saxon Chronicle wieder die Grundlage, obwohl nun einschneidende Divergenzen und vermehrte Zusätze anzutreffen sind. 52 Da es sich bei der vorliegenden Quelle um eine Chronik handelt, ist ihrem historischen Wert ein relativ hoher Grad beizumessen.
Anders als bei der Anglo - Saxon Chronicle, ist hier versucht worden, persönliche Standpunkte und Umstände aus der Darstellung wegzulassen. Dies ist aber - in Bezug auf die Informationsquellen - nicht immer gelungen. Sie ist jedoch eine der wenigen Berichte aus der wiederum angelsächsischen Sichtweise.
50 Ibid., xvii.
51 Vgl. Chibnall, M., (Hrsg.) (1983), The Ecclesiastical History of Orderic Vitalis, Vol. II, Oxford: Clarendon
Press, xxi.
52 Vgl. Darlington, R. R./McGurk, P., (Hrsg.) (1995), The Chronicle of John of Worcester, Oxford: Clarendon
Press, xx.
b) Ordericus Vitalis: Historia Ecclesiastica
Ordericus Vitalis aus St. Évroul war einer der bemerkenswertesten anglo - normannischen Historiker seiner Zeit. Seine Historia Ecclesiastica, welcher er dreißig Jahre seines Lebens opferte, stellt dabei sein größtes und wichtigstes Werk dar. 53 Es gibt nur wenige Informationen über seinen Werdegang; was bekannt ist, stammt aus den wenigen Anmerkungen aus seinen Werken. Er war anglo - normannischer Abstammung; sein Vater war Odelerius von Orléans (ein Franzose) und seine Mutter eine nicht näher genannte Engländerin. 54 Geboren 1075 in Shrewsbury, kam er schnell in die Bahnen einer geistlichen Karriere. Jedoch verblieb er nicht an seinem Geburtsort, sondern wurde früh von seinem Vater in das weit entfernte normannische Kloster St. Évroul geschickt. Dort, innerhalb der Klostermauern, verbrachte er seine Zeit hauptsächlich mit dem Abschreiben von Büchern. Hierbei kam er auch in Kontakt mit Wilhelm von Jumièges Gesta Normannorum Ducum, welche er bearbeitete und mit Interpolationen versah. 55 Möglicherweise begann er schon zu dieser Zeit mit seiner Arbeit an der Historia Ecclesiastica, aber hier zunächst nur als Geschichte über die Kirche der Normandie. 56
Einige Bemerkungen in den ersten Kapiteln seines Werkes lassen auf Anfängen im ersten Jahrzehnt des zwölften Jahrhunderts schließen - Nachweise gibt es aber erst für 1114/1115. 57 Ordericus bezog höchstwahrscheinlich seine Informationen für die Abfassung der Historia Ecclesiastica aus der gut ausgestatteten Bibliothek von St. Évroul. Sein Lehrmeister John von Reims hatte wohl schon vorher eine Frühgeschichte des Klosters und eine kurze Chronik für das Jahr 1112 verfasst, darüber hinaus noch einige Heiligenviten. Ordericus selbst bearbeitete Bedas Historia Anglorum und die bereits erwähnte Gesta Normannorum Ducum. Neben einigen Kommentaren und lokalen Annalen, bildeten jene genannten Werke eine Grundlage für die Überlieferung. 58 Ob es in St. Évroul jemals eine Abschrift von Wilhelm von Poitiers Gesta Guillelmi gab, ist nicht eindeutig nachweisbar. Jedenfalls werden sie nicht in den klösterlichen Katalogen des zwölften Jahrhunderts erwähnt. Aber Ordericus verehrte die Gesta Guillemi, sowohl stilistisch als auch für die vorgegebene Authentizität aus Augenzeugenberichten. Er kopierte daraus überschwänglich, manchmal Wort für Wort. Zudem wird angenommen, er hätte einen großen Teil des verloren geglaubten Abschlusses in
53 Vgl. Chibnall, M., (Hrsg.) (1983), The Ecclesiastical History of Orderic Vitalis, Vol. II, Oxford: Clarendon
Press, xii.
54 Vgl. Ibid., xii; Ordericus bezeichnete sich selbst als angligena.
55 Ibid., xiv.
56 Ibid., xiv.
57 Ibid., xv.
seinem vierten Buch erhalten. 59 Aus diesen Gründen, ist es oftmals schwierig herauszufiltern, welche Teile der Erzählung auf Wilhelm von Poitiers zurückzuführen sind und welche sich aus anderen Quellen herleiten.
Hinsichtlich der normannischen Eroberung Englands benutzte Ordericus im Wesentlichen die Gesta Guillelmi als Referenzwerk, aber auch Auszüge aus den Gesta Normannorum Ducum und des Carmen de Hastingae Proelio sind im begrenzten Maße sichtbar. 60 Aber einige Aussagen können auf keinen der bekannten Autoren und Werke zurückgeführt werden. Im Großen und Ganzen also, trotz seiner Affinität zu England, akzeptierte Ordericus die offizielle Version der Ereignisse (z.B. Harolds Eidesleistung und dessen Bruch, worüber die sonstigen englischen Quellen schweigen).
Die historische Wertigkeit seines Werkes hängt zudem in großen Teilen von seinen Bezugsquellen oder die Handhabung dieser seinerseits ab. Dort, wo Ordericus geschriebene Quellen als Vorlage hatte, benutzte er sie in unterschiedlicher Weise - manchmal in Abkürzungen, Zitationen oder direkt aus dem Gedächtnis. Wie gesehen, benutzte er ausführlich die Gesta Guillelmi und zitierte daraus viel freier als aus jeder anderen Überlieferung. 61 Dabei fügte er Informationen aus anderen Quellen hinzu, die er als verlässlich betrachtete. Gelegentlich stellte er auch seine eigene Interpretation über das Ganze. Die Historia Ecclesiastica versuchte somit, für das zwölfte Jahrhundert auch durchaus üblich, eine anglo - normannische Sichtweise der Geschehnisse zu vermitteln. Ordericus Vitalis gehörte schon zu der Generation, die nicht mehr unmittelbar von der Erob erung und dessen Folgen beeinflusst war. Die Zeit der anfänglichen Aufruhr und Unordnung war vorüber und eine relativ stabile Königsherrschaft wiederhergestellt.
Infolgedessen, schlug sich dies auch in der Literatur nieder. Jetzt bestand nicht mehr unmittelbar die Frage, die Königsherrschaft zu legitimieren, sondern die Ereignisse möglichst in einer Einheit darzustellen. Zur Erarbeitung eines solchen Vorhabens musste es natürlicherweise manchmal schwierig gewesen sein, bestimmte Berichte oder Fakten adäquat einzuordnen oder wegzulassen. Daher erklären sich wohl auch Abweichungen von der offiziellen Version und tendenziöse Standpunkte. Letztlich aber stellte die Historia Ecclesiastica ein umfassendes und bemerkenswertes Werk einer neuen Generation von Historikern dar.
58 Ibid., xvii.
59 Ibid., xviii.
60 Ibid., xxiii.
61 Ibid., xxxii.
c) Wilhelm von Malmesbury: Gesta Regum Anglorum
Wilhelm von Malmesbury, ein Zeitgenosse von Ordericus Vitalis, gehörte auch zu den wichtigsten Historikern und Hagiografen des zwölften Jahrhunderts. Unglücklicherweise, ist nur wenig über seine persönliche Entwicklung bekannt. Alle Kenntnisse über seinen Lebenslauf ergeben sich aus den Bruchstücken persönlicher Angaben in seinen Werken. Aber auch er scheint anglo - normannischer Abstammung gewesen zu sein. Das wird zumindest aus einigen Randbemerkungen sichtbar: „Quia utriusque gentis sanguinem trado.“ 62
Darüber hinaus sind heute zwanzig Werke erhalten, die er wahrscheinlich vor Vollendung seines fünfzigsten Lebensjahres geschrieben hat. Jedoch kennt man genauso wenig sein exaktes Todesdatum wie seinen Geburtstag. Es wird aber angenommen, dass er nach 1142 gestorben sein muss. Das ergibt sich nämlich aus der Tatsache, dass seine letzte Arbeit abrupt in der Mitte jenes Jahres - Höhepunkt des englischen Bürgerkrieges zwischen Mathilde und Stephen von Blois - endet. 63
Die Gesta Regum Anglorum wurden in der Folge eines Besuches von „Königin“ Mathilde im Kloster Malmesbury begonnen. Da sie dessen Patronin war, bat sie wohl Wilhelm um eine Abfassung eines Berichtes über die vorgebliche Verbindung zwischen ihrer Familie und dem Gründer des Klosters St. Aldhelm. 64
Buch I beginnt mit einem kurzen Überblick über die Geschichte Britanniens, von der Invasion Caesars bis zum Abzug der Römer. Schwenkt dann zur Entwicklung der jeweiligen angelsächsischen Reiche über. Buch II befasst sich mit dem Aufstieg von Wessex, geht dann zum anglo - dänischen Interludium über, gefolgt vom Tod Harold Godwinssons bis zur Ankunft der Normannen. Buch III ist eine ausführliche Beschreibung der Herrschaft König Wilhelm I. Die Bücher IV und V schließen dann die geschichtliche Darstellung bis zum Jahr 1120 ab.
Die Datierung des Abfassungszeitraums kann nicht genau ermittelt werden. Laut einiger versteckter Angaben, könnte dieser zwischen 1114 bis 1123 liegen. 65 Danach erfolgten wohl
62 Vgl. Duffy, T. D., (Hrsg.) (1840), Willelmi Malmesburiensis Monachi: Gesta Anglorum atque Historia
Novella, Vol. II, London: Sumptibus Societatis, v.
63 Ibid., viii.
64 Vgl. Thompsons, R. M., „William of Malmesbury“, in: Lapidge, M. et al (Hrsg.) (1999), The Blackwell
Encyclopaedia of Anglo - Saxon England, London: Blackwell, 477.
65 Vgl. Hardy, T. D. (Hrsg.) (1840), Willelmi Malmesburiensis Monachi: Gesta Anglorum atque Historia
Novella, Vol. II, London: Sumptibus Societatis, ix.
einige Revisionen, wobei wichtige Zusätze eingefügt und teilweise ursprüngliche Absätze komplett ersetzt wurden. 66
Seine Bezugsquellen setzten sich aus unterschiedlichen Bereichen zusammen. Auf der einen Seite, zog er Informationen zur angelsächsischen Ära aus der Anglo - Saxon Chronicle, sächsischen Gesetzgebungen, Abhandlungen Goscelins, Hariulfs und anderen vorherigen Autoren. Dazu kamen noch Urkunden, Briefe und andere offizielle Dokumente. Auf der anderen Seite, benutzte er heute nicht mehr erhaltene Quellen und seinen eigenen Kenntnisstand der Ereignisse. 67
Wilhelm von Malmesburys Qualität als Historiker erscheint für heutige Verhältnisse manchmal eigentümlich: Informationen aus seinen Bezugsquellen sind zuweilen so stark mit seinen eigenen Anmerkungen verflochten, dass sie nicht mehr von seiner Darstellung zu trennen sind. Hat er nicht genug Hinweise oder betrachtet historische Fakten als uninteressant, bereichert er seine Berichte mit Anekdoten fernab jeglicher Objektivität. Trotzdem stellt auch er eine wertvolle Quelle für die Betrachtungsweise der Ereignisse von 1066 und ihrer Vorgeschichte für das zwölfte Jahrhundert dar. Ähnlich wie bei Ordericus Vitalis war er ein Kind seiner Zeit, das durch die Umstände und vorgeblichen Tatsachenberichte bestimmt war.
d) Wace: Roman de Rou
Ludwig Uhland entdeckte bei seinem Aufenthalt in Paris Bruchstücke eines Heldengedichtes, aus denen er u. a. die Romanze von Taillefer entlehnte. 68 Was Uhland damals entdeckte, war der Roman de Rou von Wace. Robert Wace - er selbst hatte sich den Vornamen niemals beigefügt - wurde wahrscheinlich im ersten Jahrzehnt des zwölften Jahrhunderts in Jersey geboren und starb in England gegen 1184. 69 Er begann seine Studien in Caen und kehrte, nachdem er längere zeit in Frankreich verweilt hatte, nach jener Stadt zurück, in welcher Heinrich II. „residierte und glänzende Feste gab“ 70 , um sich häuslich niederzulassen. Im Jahr 1160 vollendete er dann den Roman de Rou und widmete ihm König Heinrich II.
66 Ibid., ix.
67 Ibid., xii.
68 Vgl. Schwab, H. - R., „Taillefer“, in: Schwab, H. - R., (Hrsg.) (1983), Ludwig Uhlands Werke, Bd. 1,
Frankfurt am Main: Insel Verlag, 211 - 213.
69 Vgl. von Gaudy, F., (Hrsg.) (1835), Robert Wace: Der Roman von Rollo und den Herzögen der Normandie,
Glogau: Fleming, 11.
70 Ibid., 11.
Wace verfasste seine Werke in der anglo - normannischen Form des Altfranzösischen. 71 Sein gesamtes Opus umfasste drei kleinere religiöse Abhandlungen, der Roman de Brut und Roman de Rou. Sein allseits bekannter Roman de Brut basierte im Wesentlichen auf Geoffrey von Monmouths Abhandlung über die englischen Könige und wurde 1155 abgeschlossen. Der „Rou“ im Roman de Rou bezeichnet hierbei Rollo (oder Hrolf/Rolf), den Wikinger, durch den die Normandie begründet wurde. Die Intention Waces lag deshalb in der Charakterisierung aller normannischen Herzöge bis in seine Lebenszeit. Dabei ist der Roman de Rou nicht gleich Vorlage normannischer Propaganda, aber seine Quellen vermochten teilweise dies zu sein. 72 Er bezog sich auf Dudo von Saint - Quentin, Wilhelm von Jumièges, Wilhelm von Poitiers, Ordericus Vitalis, Wilhelm von Malmesbury und Robert von Torigny. Darüber hinaus sind auch Auszüge aus dem Carmen de Hastingae Proelio und die Version des Teppichs von Bayeux nachweisbar.
Zusätzlich spielt die gewählte Sprachform eine eminente Rolle. Hierbei kann man eine Verbindung zu der mündlichen französischen Tradition, den Chansons de Geste, ziehen, die den legendären Karl den Großen und seine Ritter zelebrierten. Besonders in seinen Anekdoten wird dies deutlich. 73 Überdies besteht das heute erhaltene Gedicht aus mehr als 16000 Versen und wurde in der Edition in vier Teilen unterschieden: Teil I mit 750 Versen befasst sich mit der Laufbahn des Piraten Hasting, ein Vorfahre Rollos. Teil II, aus 4425 Versen bestehend, stellt die Periode von Rollos Einfall in den Norden Frankreichs, mit der darauf folgenden Etablierung der Normandie, bis in die Mitte der Herrschaft von Richard I. dar. Dann erfolgt ein abruptes Ende mit einigen Bemerkungen über das harte Leben eines Dichters. Teil III behandelt danach in aller Ausführlichkeit die normannische Eroberung von 1066; bestehend aus 11440 Versen. 74 Dabei legt Wace besonderen Wert auf den Werdegang Herzog Wilhelms, was seinen Bezugsquellen geschuldet sein dürfte. Schließlich enthält Teil IV das Ende der Geschichte von Richard Courthose und seiner Nachfolger bis 1106, dem sechsten Regierungsjahr Heinrich I.
Der Roman de Rou ist die einzige unter den aufgeführten Quellen, in der mündlich überliefertes Material nachweisbar ist. Außerdem gibt es darin wahrscheinlich genuine Traditionen, die in keinen der anderen Überlieferungen zu finden sind.
71 Vgl. Bennett, M., „Poetry as History? The Roman de Rou as a Source for the Norman Conquest”, in: ANS V
(1982), 22.
72 Ibid., 22.
73 Ibid., 23.
74 Ibid., 24.
I.3. Nordische Überlieferungen: Skaldenlyrik, Königssagas, Snorri Sturluson
a) Skaldenlyrik
Die nordische Skaldenlyrik bildete besonders im Mittelalter einen wesentlichen Bestandteil der skandinavischen und isländischen Dichtkunst.
Hierbei ist die Ausdrucksweise der skaldischen Dichter - ähnlich wie bei den keltischen Barden - sehr spezifisch. Sie muss erst erlernt werden, um vollständig verstanden zu werden. Die Themenbereiche beziehen sich hauptsächlich auf zeitgenössische Ereignisse, wobei viele skaldische Gedichte Loblieder auf noch lebende bzw. gerade verstorbene Könige oder andere führende Persönlichkeiten sind. 75 Überdies kann die überwiegende Mehrzahl skaldischer Lyrik auch namentlich bekannten Dichtern zugeschrieben werden. Der Ursprung dieser Dichtform ist wahrscheinlich die Bragis Ragnasdrápa aus dem neunten Jahrhundert. Das nach früheren Quellen älteste skaldische Gedicht, hat Bilder auf einem Schild zum Thema. 76 Bildliche Darstellungen auf Schildern hatten zumeist einen mythologischen Hintergrund. Später wurden auch andere Skaldengedichte über die Heldentaten der Götter verfasst. Somit war die skaldische Dichtung dann in einem großen Maß an religiösen - heidnischen Dimensionen geknüpft, was in der vorchristlichen Zeit häufiger zu beobachten war. Es herrschte eine Verschränkung zwischen Kunstformen und religiösen Perspektiven auf non- abstrakter Ebene vor, d. h. Dichtung wie bildende Kunst standen im Dienst des Glaubens. 77
Die Skaldenlyrik wurde zunächst nur mündlich überliefert, erst mit der Einführung des Schreibens in den einzelnen Ländern erfolgte auch eine schriftliche Fixierung einiger Lieder. Unglücklicherweise, ist dennoch Vieles verloren gegangen, was übrig blieb, wurde hauptsächlich deshalb gerettet, da es in verschiedenen Prosaerzählungen, z. B. in Sagas oder didaktischen Werken, aufgenommen wurde. 78 Hierbei zitierten Autoren Verse, um ihre Geschichtsschreibung verlässlicher erscheinen zu lassen.
Skaldendichtung hatte auch gerade deshalb so viel Verbreitung im Norden Europas, da es wohl ein sehr alter, weit verbreiteter und sicherlich allen germanischen Völkern gemeinsamer Brauch war, dass ein Dichter seine Gedichte gern in Anwesenheit eines Königs oder Gönners vortrug. Daher entstanden die meisten skaldischen Gedichte über Herrscher, insbesondere Norwegens.
75 Vgl. Kristjannson, J. (1994), Eddas und Sagas: Die mittelalterliche Literatur Islands, Hamburg: Burske, 85.
76 Ibid., 91.
77 Ibid., 91.
78 Ibid., 92.
Darüber hinaus wurde lange Zeit in der Forschung angenommen, dass im Lauf des zehnten Jahrhunderts die skaldische Dichtung in Norwegen ausstarb. Jedoch zeigten jüngere Untersuchungen und Entdeckungen, dass diese Kunst noch lange in Norwegen lebendig war, jedoch in geringerem Maße in schriftlicher Form heute noch vorhanden ist. Jene erhaltenen Skaldengedichte sind in den Königssagas eingeführt worden; und jene wurden hauptsächlich auf Island verfasst. 79
b) Königssagas
Sagas bzw. ihre erweiterte Form der Königssagas sind eine der großartigsten Leistungen der Isländer, aber ihre Herkunft und Entwicklung bleiben in vielerlei Hinsicht im Dunkeln. Auch hierbei ist der Hauptgrund der Verlust vieler Manuskripte der Sagas aus der Frühzeit. Die bekanntesten, populärsten und vollständig erhaltenen Sagatexte sind die Morkinskinna, Fagrskinna und die noch später auszuführende Heimskringla Snorri Sturlusons. 80 Sie alle bezeichnen freie Versionen älterer Texte, die durch das Material aus den Gedichten der Hofdichter, aus mündlicher Überlieferung, die zweifellos teils mit den Gedichten in Verbindung stand, und letztlich aus der Fantasie der Verfasser selbst ergänzt wurden. 81 Die erste Übersicht dieser Art ist in der Morkinskinna enthalten. Sie ist eine Art Fortsetzung der Oláfs saga helga, weil sie mit der Regierungszeit seines Sohnes, Magnus des Guten, beginnt. Inhaltlich und methodologisch bringt der Verfasser die Ereignisse häufig in chronologisch falscher Reihenfolge, widerspricht und wiederholt sich. In gewissem Maße ist diese Verwirrung wohl darauf zurückzuführen, dass sich der Autor auf sich widersprechende Überlieferungen bezog. 82 Der Name Morkinskinna („dunkles Pergament“) wurde ursprünglich der Handschrift der frühen Königssagas gegeben, obwohl viele Pergamenthandschriften noch dunkler waren.
Die Fagrskinna („das schöne Pergament“) erhielt den Namen auf die gleiche Art. Leider kann es aber nicht mit Gewissheit nachvollzogen werden, ob die Namensgebung gerechtfertigt war, da das Manuskript 1728 beim Großbrand der Stadt Kopenhagen vernichtet wurde. 83 Stilistisch ist es eine Darstellung aller norwegischen Könige seit Hálfdan dem Schwarzen (Vater Harald Schönhaars) bis hin zu Magnús Erkigusson und muss gege n 1220 geschrieben worden sein. 84
79 Ibid., 100.
80 Ibid., 165.
81 Ibid., 165.
82 Ibid., 166.
83 Ibid., 167.
84 Ibid., 171.
Der Verfasser hat bei der Erstellung seines Werkes hauptsächlich die Überlieferungen mit unwesentlichen Veränderungen abgeschrieben und entsprechend seines gewählten Rahmens angepasst. Der Hauptteil stammt aus der Oláfs saga tryggvasonar von Oddr, der ältesten Saga des Heiligen Olaf und der Morkinskinna, aber die Auswahl des Materials und die relative Ausdehnung der Erzählung sind recht sonderbar. Hierbei scheint der Autor am wortgewandtesten, wenn er große Schlachten beschreibt. Sonst ist das Werk jedoch unsystematisch und überstürzt zusammengeschrieben. Hingegen an anderer Stelle vermittelt der Verfasser wieder den Eindruck eines realistisch - kritischen Historikers. 85 Er ignoriert z.B. sämtliche übernatürliche Erzählungen und weicht häufig von seiner Quelle ab, wenn er Texte für zuverlässiger hält. Außerdem nimmt er oftmals Bezug auf die alte Dichtung und zitiert Strophen zur Unterstützung der Beschreibung der Ereignisse.
c) Snorri Sturluson: Heimskringla
Snorri Sturluson wurde im Jahre 1179 (möglicherweise auch 1178) geboren. 86 Er war der Sohn eines reichen Häuptlings, der aufgrund seiner Intelligenz und Brutalität Macht gewonnen hatte. Snorri selbst jedoch wuchs als Ziehsohn von Jón Loptsson in einer der wichtigsten Kulturstätten des Lands, in Oddi, auf.
Aufgrund dieser Vorgeschichte und eigenem Vermögen konnte Snorri später viel Einfluss gewinnen. Er war durch die Ehen seiner Töchter mit den führenden Männern Islands verbunden, bekleidete zwei Mal das Amt des Gesetzessprechers und verbrachte einige Zeit im Ausland am Hof des norwegischen Königs und bei anderen mächtigen Männern in Norwegen und Schweden. 87
Die Heimskringla, Snorris Buch der Königssagas, hat ihren Namen nach den ersten Worten der Ynglinga saga erhalten: „Kringla heimsins, sú mannfolkit byggvir, er mjök vágskorin.“ 88 Das Werk beginnt mit den legendären und mythischen Königen, die in Uppsala in Schweden regierten. Die Dynastie siedelte dann nach Norwegen um, womit der Eintritt in die Historie dargestellt wird: der Regierungszeit von Hálfdan dem Schwarzen und seinem Sohn, Harald Schönhaar, dem ersten Herrscher über ganz Norwegen. Jeder König erhält eine Saga in chronologischer Reihenfolge, jedoch nimmt die Erzählung über den Heiligen Olaf den meisten Raum ein. 89
85 Ibid., 167.
86 Ibid., 177.
87 Ibid., 172.
88 Vgl. Ibid., 172:„Der Kreis der Welt, den die Menschheit bewohnt, ist tief von Buchten zerklüftet.“
89 Ibid., 172.
Snorri schöpft in seiner Darstellung hauptsächlich aus der skaldischen Dichtung, da deren Entstehung den historischen Ereignissen zeitlich am nächsten steht. Überdies stellt er gern seine Hauptpersonen in Porträtform dar, wenn er eine Saga oder eine Episode beendet. Zudem ist er bemüht, seinen Erzählungen einen realistischen Modus zu geben. Er lässt einige übernatürliche Beschreibungen ganz weg und verändert andere. Außerdem legt er seinen Hauptfiguren oft lange zusammenhängende Reden in den Mund. Viele der Dialoge basieren zum Teil auf seinen Quellen, aber er verleiht ihnen immer eine neue, herausragende Bedeutung, indem der die Autoren schärfer und zielgerichteter macht und sie häufig mit einer Andeutung auf das versieht, was später in der Saga geschehen wird. 90 Dabei geht Snorri über die übliche Erzähltradition der Sagas hinaus und versucht, durch Gespräche, den breiten Zusammenhang der sich widerstrebenden Gruppen oder Nationen zu erklären.
Vielleicht aus diesem Grunde, wurde Snorris Heimskringla in der jüngeren Geschichte so oft rezipiert. Gerade in den Unabhängigkeitsbestrebungen Norwegens im 19. Jahrhundert, sich aus der Verbindung mit Schweden zu lösen, war die Heimskringla die „Primärquelle“.
I.4. Vita Haroldi
Im British Museum existiert ein Manuskript, dass die letzten Jahre Harold Godwinssons zum Thema hat - die Vita Haroldi.
Fiktional angedacht, fand sie bei Historikern nur wenig Zuspruch, da sie im Gegensatz zu der offiziell anerkannten Darstellung steht. In diesem Bericht überlebt nämlich Harold Godwinsson die Schlacht von Hastings und lebt unentdeckt bis an sein Lebensende. Das Manuskript der Vita Haroldi wurde in der Abtei zu Waltham zu Ehren ihres königlichen Patrons, König Harold II., aufbewahrt, der dort eine schwere Krankheit überwand. 91 Der Sachverhalt des dortigen Aufbewahrungsortes mutet eigenartig an. Außerdem scheint die Tatsache, dass eine Abschrift der Vita aus dem zwölften Jahrhundert aus einer anderen Edition, möglicherweise des Originals, stammt, darauf hinzudeuten, dass keine Mühen gescheut wurden, die Erhaltung zu garantieren. Darüber hinaus erhielt die Waltham Abtei noch Jahrhunderte nach Harolds Tod Zuwendungen von Besuchern, die das Grab des letzten angelsächsischen Königs sehen wollten. Aber, laut der Darstellung der Vita Haroldi, wurde er dort gar nicht begraben.
90 Ibid., 173.
91 Vgl. http://www.medievalhistory.net/page0086.htm; 17.08.2005
Stilistisch ist die Geschichte einfach und tragisch - nicht wie die „classical romances“ aus dem dreizehnten Jahrhundert mit Tendenzen zu Überlänge und Übertreibung. Zudem sticht ein Merkmal besonders heraus: viele Charakteristika scheinen aus zeitgenössischen Augenzeugenberichten zu stammen. 92
Im Jahre 1885 veröffentlichte Walter Birch, ein Mitarbeiter des British Museums, die erste und einzige englische Übersetzung des lateinischen Manuskripts. Birch befasste sich vorher intensiv mit dem vorliegenden Material und fand heraus, dass das erhaltene Manuskript angeblich aus dem zwölften Jahrhundert stammte. 93
Trotz des inoffiziellen und fiktionalen Charakters der Darstellung, gewann die Vita Haroldi gerade in der national - patriotisch gesinnten Geschichtsschreibung und Literatur des neunzehnten Jahrhunderts zunehmend an Boden. Das Überleben angelsächsischer Tradition, personifiziert durch Harold Godwinsson, erfüllte dabei wohl die Sehnsucht in der nationalenteilweise romantisierten - Identitätssuche der Zeit. Insofern bildet sie eine Grundlage für eine alternative Darstellungsweise, die aber einer genauen Prüfung hinsichtlich historischer Reliabilität nicht standhält
I.5. Europäische Sichtweisen: kontinentale und skandinavische Berichte
Die Ereignisse im Oktober 1066 erregten nicht nur die Gemüter von Angelsachsen und Normannen, sondern zeigten auch erheblichen Niederschlag in anderen Teilen Europas. Historiker haben hierbei lange Zeit kontinentale und skandinavische Überliefer ungen, die den Tod Harold Godwinssons und Sieg Wilhelms von der Normandie in der Schlacht von Hastings dokumentierten, ignoriert und sich vorwiegend auf die Berichte aus England und der Normandie beschränkt.
Aber da, im Besonderen, die normannischen Quelle n dazu tendierten, den neuen englischen König zu verherrlichen und die fortfolgenden angelsächsischen Erzählungen unter normannischer Herrschaft und deren Einfluss verfasst wurden, lassen sich nach 1066 nur wenige lokal - kritische Stimmen nachweisen. Aus diesem Grund, sollen hier nun auch Darstellungen des europäischen Festlandes und Skandinaviens 94 berücksichtigt und untersucht werden, ob und inwieweit jene die Eroberung Englands in einem neuen Licht zeigen. Hierbei ist aber zu bemerken, dass die Quellengattung der Annalen mit Vorsicht zu genießen ist. Annalen wurden im Wesentlichen auf der Grundlage von jährlichen zeitgenössischen
92 Ibid., 17.08.2005
93 Ibid., 17.08.2005
Berichten verfasst. Jene jedoch, die in ihrem Ganzen etappenweise bearbeitet wurden, können aus einem späteren Zeitraum stammen, da sie oftmals später in anderen Skriptorien wiederholt kopiert und auf den neuesten Stand gebracht wurden. Chroniken und Biografien sind in dieser Hinsicht weniger problematisch.
Überdies begrenzt sich die geografische Verortung der Schilderungen auf Skandinavien, das Heilige Römische Reich, Flandern, Frankreich und Italien. England und die Normandie sind schon an anderer Stelle berücksichtigt. Die zeitliche Begrenzung ist hierbei das Jahr 1150. 95 Der Beginn der Charakterisierung liegt im Norden - in Skandinavien. In diesem Punkt muss bemerkt werden, dass die meisten Normannen des elften Jahrhunderts noch eine direkte Abstammung von den Wikingern vorweisen konnten. Jedoch waren die Verbindungen zwischen der Normandie und Skandinavien zu diesem Zeitpunkt bereits zerrissen. Es gibt zwei nordische Quellen, die im Zusammenhang mit Hastings eine Rolle spielen: die eine Quelle, die Gesta Hamburgensis ecclesiae pontificum, geschrieben um 1180, stammt von Adam von Bremen. 96 Seine Darstellung ist an dieser Stelle von Bedeutung, da er 1068 oder 1069 den dänischen König Svein Esthritsson traf und möglicherweise dessen Sichtweise aufnahm. Adam bezeichnete Harold Godwinsson als „ vir maleficus“, der als Usurpator den Thron Englands für sich beanspruchte. 97 Er führt dabei weiter aus, dass Harold nicht nur seinen Bruder Tostig, sondern auch den norwegischen König Harald Hardraada und den König von Irland tötete und dass nur acht Tage später Wilhelm nach England kam 98 und eine Schlacht gegen den ermüdeten Sieger schlug. Ha rold, zusammen mit 100000 Engländern, starb. 99 Obwohl Adam von Bremen Harolds Wahl zum König verurteilte, rechtfertigte er Wilhelms Invasion und seine Thronfolge nur insoweit es einer göttlichen Vergeltung gleichkam. Eine ähnliche Haltung findet man in den zeitgenössischen englischen Quellen wie der Vita Eadwardi oder der Anglo - Saxon Chronicle.
Die zweite Darstellung, die eine dänische Sichtweise reflektiert, stammt von 1122, als der angelsächsische Exilant Aelnoth von Canterbury, der zu dieser Zeit in Ode nse lebte, seine Biografie von König Knut IV, Sohn König Svein Esthritssons, schrieb. Aelnoth behauptete, Knut hätte seine Invasion von 1085 als Racheakt für die Tötung König Harold Godwinssons und die Unterjochung des englischen Volkes geplant. 100
94 Hierbei sind die o.g. Darstellungen ausgenommen.
95 Vgl. van Houts, E., „The Norman Conquest through European Eyes“, in: EHR 110 (1995), 832 - 854.
96 Ibid., 836.
97 Vgl. ibid., 836; Buch III.
98 Vgl. ibid., 836:„Willelmus(...) ab Gallia transfretans in Angliam lasso victori bellum intulit.“ .
99 „Bastardus victor in ultionem die, quemipsi offenderant Angli (...). “; vgl. ibid., 836.
100 Vgl. van Houts, E., „The Norman Conquest through European Eyes“, in: EHR 110 (1995), 837.
König Knut wird diesbezüglich als Beschützer des englischen Volkes gegen die fremden Aggressoren charakterisiert. Es ist verwunderlich, dass selbst ein halbes Jahrhundert nach der Eroberung einige immer noch England als Teil der skandinavischen Welt betrachteten. Der diplomatische Kontakt zwischen der Normandie und dem Heiligen Römischen Reich erscheint vor 1066 obskur. Nur Wilhelm von Poitiers behauptete, dass König Heinrich IV. (1056 - 1106) eine freundschaftliche Verbindung zum normannischen Herzog pflegte. 101 Auch waren vorher die Kontakte des englischen Königs Eduard zum Heiligen Römischen Reich rar gesät.
Die „deutschen“ Quellen können geografisch in drei Gruppen unterschieden werden: a) nord - und mitteldeutsche; b) süddeutsche; c) lothringische bzw. westdeutsche Quellen. Zu der ersten Gruppe gehört die bereits erwähnte Darstellung Adam von Bremens, stark beeinflusst durch den Kontakt zu König Svein Esthritsson. Sein Bericht taucht, fast wörtlich, aber mit interessanten Interpolationen, im so genannten Annalisto Saxo wieder auf. Dies wurde in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts anonym in Halberstadt verfasst. 102 Zwei andere Chroniken aus diesem Bereich enthalten Verweise auf Wilhelm dem Eroberer, die seinen außergewöhnlichen Ruf nach der Eroberung illustrieren. Jedoch wird in beiden Berichten das eigentliche Ereignis ignoriert.
Lampert von Hersfeld erwähnt die Schlacht von Stamford Bridge, nicht aber von Hastings. 103 Bruno von Magdeburg, der 1082 einen Bericht über die Auseinandersetzungen zwischen König Heinrich IV. und den Sachsen (1073 - 1074) abfasste, erklärte, dass Heinrich, in Erfordernis militärischer Unterstützung, Botschaften an andere europäische Herrscher, u.a. König Wilhelm, aussandte. Laut Bruno lehnte Wilhelm mit der Begründung ab, er hätte den Thron nur mit Gewalt erlangt und fürchtete um Aufstände in seiner Abwesenheit. 104 Beide Berichte stammten wahrscheinlich von wenig verlässlichen Quellen, zeigen aber den Respekt vor Wilhelms Reputation.
Zu der zweiten Gruppe - den süddeutschen Quellen - gehören zwei bayerische Darstellungen, die aber unabhängig voneinander erschienen, obwohl es in beiden Hinweise auf den Halleyschen Kometen gibt. 105 Frutolf von Michelsberg aus Bamberg beschuldigt Wilhelm,
101 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris: Société
D´Edition Les Belles Lettres, 154: „Et Romanorum imperatori Henrico, Henrici imperatoris filio, nepoti
imperatori Chuonradi, noviter junctis fuit in amicitia, cujus edicto quemlibet hostem Germania ei, si postularet,
veniret adjutrix.“
102 Vgl. MGH SS, vi, 694 - 695.
103 Vgl. Annales, 110; vgl. Schmidt, A./Fritz, W. D., (Hrsg.) (1962), Lampert von Hersfeld: Annales, Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 132.
104 Vgl. Bruno von Magdeburg, „De Bello Saxonico“, in: Schmale, F., (Hrsg.) (1963), Quellen zur Geschichte
Heinrichs IV, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 242.
105 Vgl. van Houts, E., „The Norman Conquest through European Eyes“, in: EHR, 110 (1995), 841.
nur Unglück und Leid über England gebracht zu haben. 106 In leicht abgewandelter Form erscheint dieser Bericht auch bei Bischof Otto von Freising. Die Darstellung, enthalten in den Annalen des Klosters Niederalteich, erscheint hierbei detaillierter und interessanter, da sie angeblich auf Augenzeugenberichten beruhen soll. 107 Die andere, 1075 anonym verfasste, Darlegung beschreibt hingegen zuerst ausführlich die Erscheinung des Kometen und kommt dann auf die Schlacht von Hastings zu sprechen. 108
In diesem Punkt erscheint es überraschend, dass der Autor auf eine Invasion v on Aquitaniern anstatt von Normannen verweist. Darüber hinaus erscheint der Hinweis auf eine Seeschlacht auch bei Wilhelm von Poitiers. Die dritte und letzte Gruppe - Quellen aus Lothringen bzw. westlichen Teil des Heiligen Römischen Reiches - umfasst mehrere wichtige Aussagen. Aus Verdun stammt die Chronik von Hugh von Flavigny. Jener trat des Öfteren in Kontakt mit der Normandie. Nachdem er von der Erscheinung des Kometen im Jahre 1065 berichtet, kommt er auf die Thronfolge nach König Eduards Tod und den darauf folgenden Querelen zu sprechen. 109 Hugh hält sich in diesem Zusammenhang sehr nah an die normannische Version der Eroberung. Aus den Ardennen stammt ein anonymer Bericht, der darstellt, wie Wilhelm England eroberte und, aus Dankbarkeit zu Gott, Klöst er reformierte und legislativ bzw. administrativ das öffentliche Leben ordnete. 110 Aber außer jenen Aussagen lässt sich nur wenig hinsichtlich einer Charakterisierung der Eroberung oder der Person Wilhelms herausziehen.
Im frühen zwölften Jahrhundert unterschied Sigbert von Gembloux zwischen den Schlachten von Stamford Bridge und Hastings. Seine Darlegung ist kurz und faktenreich. Er gibt keine Erklärungen für Wilhelms Handlungen. 111 In dieser Hinsicht gleicht seine Darstellung vielen anderen deutschen Chroniken, die nur kurze Hinweise auf die Eroberung Englands aufweisen. Im Gegensatz zu den Berichten aus dem Heiligen Römischen Reich, waren die flämischen Annalisten sehr gut informiert. Zu jener Zeit verhielt sich der dortige Herzog Baldwin V. (1035 - 1067) den Parteien gegenüber neutral. Auch lebten viele flämische Gelehrte in England in der Epoche des Umbruchs: dem Hagiografen Goscelin von Saint - Bertin erschien es dabei wohl gleich, wer England beherrschte, während sein Mitstreiter Folcard aus seinem Amt als Abt durch König Wilhelm enthoben wurde. In Flandern selbst sind die Annalen kurz und eindeutig. Sie berichten von Wilhelms Invasion, der Tötung Harolds und der Krönung in
106 Vgl. Frutolf von Michelsberg, „Chronicon“, in: Schmale, F./Schmale - Ott, I., (Hrsg.) (1972), Frutolfs und
Ekkehards Chroniken und die anonyme Kaiserchronik, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 78.
107 Vgl. van Houts, E. „The Norman Conquest through European Eyes“, in: EHR 110 (1995), 841.
108 Vgl. MGH SS, xx, 817 - 818.
109 Vgl. Hugh von Flavigny, „Chronicon“, in: MGH SS, (1856), v, 409 - 410.
110 Vgl. van Houts, E., „The Norman Conquest Through European Eyes“, in: EHR 110 (1995), 843.
London. 112 Jene flämischen Kommentatoren schrieben dann in ihrer Gesamtzahl negativ ü ber Wilhelm, wobei ihre Äußerungen im krassen Gegensatz zur militärischen Unterstützung einiger flämischer Soldaten von 1066 standen.
Jedoch zu Beginn des zwölften Jahrhunderts änderte sich auf einmal die Haltung gegenüber Wilhelms Handlungsparametern. Lambert von Saint - Omer fügte in seinem Liber Floridus neben der Genealogie der angelsächsischen Königsfamilie auch die normannische Herzogsdynastie ein. Er berichtete, dass nach dem Tod von König Eduard, Harold den Thron unrechtmäßig an sich riss, Wilhelm der Bastard dann England eroberte, Harold tötete und den Thron für sich selbst in Anspruch nahm. Aber Lambert erklärte hierbei den Grund dafür: Wilhelm erhielt das Reich durch Erbrecht. Zu diesem Zeitpunkt gehörte er damit nur zu einer kleinen Gruppe von Historikern in Europa, die die Aufmerksamkeit auf die Blutsverwandtschaft zwischen Eduard und Wilhelm lenkten.
In der französischen Krondomäne - Flandern war formell eine französische Provinz - wurde Wilhelms Errungenschaft durch die Mehrheit der Historiker in einem positivem Licht beleuchtet. Unter den wichtigsten der zeitgenössischen Darstellungen befindet sich Hariulf von Saint - Riquiers Chronicon Centulense. Darin beschuldigt er Harold des Eidbruchs gegenüber König Eduard, der das Regnum seinem Cousin Alfgar gewährte. Als Harold dann unrechtmäßig die Macht und Insignien an sich gezogen hatte, hätte die „höchste und allmächtigste Instanz“ Gottes Wilhelm zum neuen König Englands bestimmt. 113 Hariulfs Interpretation bedarf einer gewissen Aufmerksamkeit, da er zu einem gewissen Grade in die Geschäfte des angelsächsischen und normannischen Hofes eingeweiht war. Sein Abt, Gervinus, kannte König Eduard und Königin Edith. Unglücklicherweise, macht seine Darstellung keinen Sinn. Er könnte, möglicherweise, anstatt Alf gar, Edgar Atheling damit gemeint haben, der ja nun als letzter aus der Cerdic - Familie einen realen Herrschaftsanspruch hatte und bekanntlich wegen seiner Jugend übergangen wurde. Hugh von Fleury, aus Saint -Benoît - sur - Loire, sympathisierte in seinem Liber qui Modernorum regum Francorum continet actus (1144) offen mit Wilhelm dem Eroberer. 114 Seine Beziehungen zum anglonormannischen Hof sind bekannt, da er seine zeitgenössische Chronik Adela, der jüngsten Tochter König Wilhelms, widmete. Er behauptete, Herzog Wilhelms Adoption durch König Eduard führte zu dessen Thronanspruch und den folgenden Ereignissen. Neben jenen Darstellungen tritt noch eine anonyme Chronik von Cambrai,
111 Sigbert von Gembloux, „Chronicon“, in: MGH SS, (1858), vi, 366.
112 Vgl. van Houts, E., „The Norman Conquest through European Eyes“, in: EHR 110 (1995), 844.
113 Ibid., 845.
114 Hugh von Fleury, „Liber qui Modernorum regum Francorum continet actus“, in: MGH SS, (1863), ix, 389 -
390.
geschrieben 1133, hervor. 115 Der Anonymus legt dar, der Krieg zwischen Wilhelm und Harold sei wegen Eidbruchs - hier aber hinsichtlich der Heiratsvereinbarungen gegenüber Wilhelms Tochter - ausgebrochen. Dieser Teil der Geschichte stimmt mit den Darstellungen von Wilhelm von Poitiers und Ordericus Vitalis überein.
Wie man hier sieht, sind die Berichte aus Frankreich, sowohl zeitgenössisch als auch später, wohl von normannischer Propaganda beeinflusst, was den engen Kontakten der jeweiligen Persönlichkeiten bzw. der lokalen Verbindungen geschuldet sein müsste. Der letzte Punkt der Reise durch Europa ist Italien. Italien bzw. das Papsttum hatten ein besonderes Verhältnis zu den Normannen.
Ein Teil von Normannen war im frühen zwölften Jahrhundert nach Italien gekommen und um 1066 fest etabliert. Papst Alexander II war in seiner Auseinandersetzung mit Kaiser Heinrich IV. auf die Hilfe der Normannen angewiesen gewesen, wobei er im Gegenzug die normannische Souveränität im Süden Italiens anerkannte. 116 Amatus von Montecassino begann seine Geschichte der Normannen (um 1085) mit einem kurzen Ausbli ck auf die Normandie und ihrem bekanntesten Herzog Wilhelm dem Eroberer. Amatus beschrieb hierbei, im Hinblick auf die Ereignisse von 1066, Eduard den Bekenner als guten König und Harold als „maledit homme“. 117 Er führte weiter fort, dass Harold durch einen Pfeil im Auge starb, Wilhelm als siegreicher Herrscher auf den Thron kam und dass König Svein von Wilhelm geschlagen wurde. Überdies bezeichnete er das Erscheinen des Kometen als positives Omen für das Unternehmen. Zieht man außerdem die enge Verbindung zwischen Montecassino und den römischen Päpsten in Betracht, könnte man auf eine ähnliche Haltung der Kurie zu Wilhelms Reputation schließen. Letztlich unterstützten doch die zeitgenössischen Päpste (Alexander II; Gregor VII) Wilhelms Herrschaftsanspruch, auf der Grundlage von Harolds Eidbruchs, mit dem päpstlichen Banner.
Die Schlussfolgerung aus der Darstellung ist relativ eindeutig. Die kontinentalen Zeitgenossen Wilhelm des Eroberers verurteilten genauso wenig die Beweisführung und Gewalt der Normannen wie sie Respekt und Bewunderung gegenüber dem militärischen Sieg und der Reform der englischen Kirche Ausdruck verliehen. Die normannische Propagandamaschinerie tat ihr Übriges, jedoch war ihre negative Einflussnahme auf die Gelehrten des Kontinents weniger stark. Während in England jegliche Kritik verstummte, war dies auf dem Festland immer noch möglich. In Skandinavien bedauerte man den Zusammenbruch der früheren Verbindungen zu England. Im Heiligen Römischen Reich
115 Vgl. van Houts, E., „The Norman Conquest through European Eyes“, in: EHR 110 (1995), 847.
116 Ibid., 849.
117 Ähnlich wie Adam von Bremens „vir maleficus“.; vgl. ibid., 850.
vermischten sich Angst vor möglichen norma nnischen Aggressoren mit der Bewunderung über Wilhelms Tatendrang. Die Gelehrten in Flandern waren zumindest zeitgenössisch einstimmig in ihrer Ablehnung zu Wilhelms aggressivem Handeln. Frankreich zeigte in der Mehrheit Bewunderung für sein Verhalten und der Tendenz zur Unterstützung seines Thronanspruchs. Darüber hinaus war die Stimmung in Italien, vorwiegend bedingt durch Verwandtschaft und Machtballung, eindeutig pro - normannisch. Selbst eine Generation später, als abzusehen war, dass die sich normannische Herrschaft bzw. ihrer Nachfolger in England weiter festigte, änderten sich die kontinentalen Darstellungen nur wenig in ihrer Wertung. In dieser Hinsicht, stellen sie zu den propagandistisch - panegyrisch gefärbten normannischen Überlieferungen eine gewisse Form von Gegengewicht, in Bezug auf die Schlacht von Hastings, dar.
II. Die Schlacht von Hastings: Die historische Betrachtung der Hauptakteure
Die nun folgende Schilderung soll versuchen, die Repräsentation der Hauptakteure d er Schlacht von Hastings in den beschriebenen Überlieferungen darzustellen. Hierbei soll die eigentliche Schlacht in den Hintergrund treten. Für die Deutung der Handlungsmuster und Charakteristika der einzelnen Personen, müssen Ursachen und Anlass der normannischen Eroberung Englands herausgearbeitet werden. Nur in jenem Kontext können auch die Charaktere näher betrachtet werden. Anhand von bestimmten Episoden werden im Anschluss die Handlungsträger vorgestellt. Darüber hinaus wird in diesem Zusammenhang versucht, Persönlichkeitsmuster in den jeweiligen Überlieferungstraditionen auszumachen. Aufgrund dieser Tatsache, verifizieren subjektive Tatbestände aber oftmals nicht das nach außen vertretene, objektive historische Bild. Gerade die subjektiven Sichtweisen können dann ferner größeren Aufschluss über die damaligen Standpunkte geben. Die Darstellung beginnt mit dem persönlichen und politischen Hintergrund Eduard des Bekenners. Hierbei soll ein besonderes Augenmerk auf sein Verhältnis zu den Vertretern des Hauses Godwin bis zu seiner Inthronisierung im Jahre 1042 gelegt werden. Des Weiteren wird geschildert, wie sich dieses Verhältnis bis hin zum offenen Konflikt 1051/1052 fortentwickelt. In diesem Kontext treten immer wieder die Kinderlosigkeit König Eduards und die daraus resultierende Thronfolgefrage in den Mittelpunkt. Im Folgenden sollen dann die Aufstiege der großen Kontrahenten der Schlacht von Hastings, Harold Godwinsson und Wilhelm von der Normandie, zu großen Machthabern aufgezeigt werden. Ein erstes Aufeinandertreffen beider Akteure erfolgte ja in der Reise Harolds in die Normandie. In dieser Episode soll der Eid des Earls von Wessex, der dem normannischen Herzog den Thronanspruch sichern sollte, den Höhepunkt bilden.
Des Weiteren bildet das Ableben König Eduard des Bekenners ein zentrales Thema, das das Drama von Hastings noch weiter vorantreibt. Auch sollen die verschiedenen Standpunkte dargestellt werden. Ferner repräsentiert die Amtszeit König Harolds II., gekennzeichnet durch zwei entscheidende Schlachten, den letzten Akt in der angelsächsischen Historie, die mit dem Ableben ihres letzten Vertreters in der Schlacht von Hastings am 14. Oktober 1066 beendet scheint. Jedoch soll mit der Darstellung der Legendenbildung um den Mythos des letzten angelsächsischen Königs und dessen Fortleben, die abschließende Episode der Betrachtung erfolgen.
II.1. Eduard der Bekenner und die Vertreter des Hauses Godwin: Ursprünge und Entwicklung
a) Die frühen Jahre
Die historische Betrachtung der Hauptakteure, deren Ve rwicklungen in der Schlacht von Hastings resultierten, bedarf zunächst eines Rückblickes auf die Ursprünge und Entwicklung jener Personen bzw. Persönlichkeiten. Im Besonderen muss hier Eduard (der spätere Bekenner) betrachtet werden. Seine Kinderlosigkeit mit Edith, Tochter Earl Godwins, führte ja erst zu einer Nachfolge, die die englische Geschichte entscheidend veränderte. Jene Tatsache war u.a. eng mit seiner Entwicklung und persönlicher Geschichte verknüpft. Aus diesem Grunde, sollen hier zunächst seine Ursprünge und Entwicklung bis hin zur Thronerhebung und Königsweihe (1042/1043) dargestellt werden.
Eduard, Sohn König Ethelreds II., wurde in eine Welt hineingeboren, die durch Machtkämpfe um den englischen Thron gekennzeichnet war. Ethelred II. sah sich einer immensen Bedrohung aus dem Norden entgegen, die letztlich zu seiner Exilierung führte. Er hatte zudem im Jahre 1002 aus taktischen Gründen Emma, die Tochter des normannischen Herzogs Richard I., geheiratet. Er wollte damit seine Position im anglo - skandinavischen Bereich stärken. Jedoch nützte ihm das nur wenig.
Aus der Verbindung zwischen Emma und Ethelred entsprang Eduard. Er wuchs, beeinflusst die politischen und familiären Umstände, in zwei Welten auf. Er stand zwischen einer stark nordisch geprägten Kultur Englands und einem im großen Maße christlich bestimmten kontinentalen Lebensbereich - zu jenem Zeitpunkt zwei starke Gegensätze. Der Tod seines Vaters im Jahre 1016 riss ein weiteres Loch in Eduards früher Entwicklung. Zudem heiratete seine Mutter 1017 den Mann, der für die Vertreibung der königlichen Familie verantwortlich war und die Krone Englands erobert hatte - Knut. Eduard und sein Bruder Alfred wurden darauf hin in der Normandie zurück gelassen, während ihre Mutter ihrer Verbindung mit Knut nachging und ihm zwei andere Kinder (Harthaknut und Gunnhild) gebar. 118
In der Normandie erhielten Eduard und Alfred eine Ausbildung, die ihrem Stand gerecht wurde. Schon hier muss Eduard die Grundlagen für seine spätere tiefe Frömmigkeit gelegt haben.
Dann, im Jahre 1036, ereilte ihn ein erneuter Schicksalsschlag, der sein weiteres Fortkommen beeinflussen sollte - der grausame Tod seines Bruders Alfred. Dieser reiste nach England,
wobei der genaue Grund nicht geklärt ist. Entweder wollte er nur seine Mu tter besuchen oder sich in die königliche Nachfolge nach dem Tod Knuts einmischen. Die Quellenlage für seine Ermordung ist nicht eindeutig. Die verschiedenen Handschriften der Anglo - Saxon Chronicle versuchten eine direkte Verbindung zu Earl Godwin zu verschleiern bzw. zu umschreiben. 119 Während die normannischen Überlieferungen, im Besonderen Wilhelm von Poitiers, die ganze Schuld an der Tötung auf Earl Godwin abwälzen und diesen Vorfall als einen Grund für die Rache Wilhelms für 1066 nennen. 120 Zudem weiß der Autor der Vita Eadwardi nicht genau, was er glauben soll und verliert sich in Umschreibungen. 121 Trotz dieses abschreckenden Ereignisses erscheint Eduard im Jahre 1041 plötzlich wieder auf der historischen Bühne. Er kehrt an den englischen Hof zurück, der zu diesem Zeitpunkt von seinem Halbbruder Harthaknut beherrscht wird. Auch hier sind die Berichte über die Motive und Veranlassung Eduards nicht eindeutig. Die Versionen C/D der Anglo - Saxon Chronicle berichten nur von der Rückkehr Eduards nach England. Sie enthalten aber keine genauen Hintergrundinformationen. 122 Demgegenüber steht die Darstellung im Encomium Emmae Reginae. Laut diesem Bericht lud Harthaknut Eduard nach England, damit er ihn bei seiner Herrschaft unterstütze. 123 Auch Wilhelm von Poitiers betrachtete Harthaknut hierbei als Wohltäter, der Eduard wieder an den königlichen Hof wieder zurückholte. 124 Jedoch
118 Vgl. Barlow, F., (1970), Edward the Confessor, London: Yale University Press, 38.
119 Vgl. Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, 158/159; C -
Version: [1036] „In this year Alfred, the blameless prince, son of king Æthelred, came hither to this country, in
order to visit his mother who was residing in Winchester; but earl Godwine would not permit him to, neither
moreover would other men who wielded great power, because the popular cry was greatly in favour of Harold,
although it was unjust.”; D - Version [1036] „(…) but those who wielded great power in this land would not
permit it (…)”; Die anderen Versionen erwähnen den Vorfall nicht.
120 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris:
Société D´Edition Les Belles Lettres, 6: „Non multo post deinde intersticio temporis Doroberniam venit
Alveradus transvectus ex portu Icio, accuratius quam frater antea adversus vein praeperatus. Sceptrum
paternum requiebat.” - Darstellung von Alfreds Thronanspruch; ibid., 8: „Quem adeuntem interioria Godwinus
comes nefario dolo suscipiens factione iniquissima tradidit.”; ibid., 10: „Ideo brevi exclamatione hac te nos
alloquemur, Godwine, cujus mortui nomen infamae superset atque odiosum (…) cur in exitium tui tuorumque
perfidissimam proditionem admittis, cudelissime homicida?” - Anklage an Earl Godwin’s Beteiligung.
121 Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Tomas Nelson and Sons, 20: „(…) Britanniam eum armatis puncioribus Francis in consultius ingressus,
superque patrio regno a dipiscendo cum ageret incautius, iussu predicti regis perpera m aiunt captum, et a
mortum usque cruciatum, comites vero, ut aiunt, dolo ex armatus, quosdam interemptos, reliquos victoribus in
servitium datos.”
122 Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, 162/163: [1041]
„And early in the same year came Edward (…) from abroad (…), had long been in exile from his country, but
was nevertheless sworn in as [future] king; and then remained thus in his brother’s court as long as he
[Harthaknut] lived.”
123 Campbell, A. (Hrsg.) (1949), Encomium Emmae Reginae, London: Royal Historical Society, 52/53: „Qui
fratris iussiuni obandiens Anglicas partes aduehitur, et mater amboque filii regni paratis commodes nulla lite
intercedente utuntur. Hic fides habetur regni sotiis, hic inniolabile niget faedus materni fraternique amoris.”
124 Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris: Société
D´Edition Les Belles Lettres, 28: „Ipsius quoque viribus consilii Edwardus, Hardeknuti vita finita, faudem in
paterno solio coronatus residet tam sapientia eximia morum probitate, quam antiqua prosapia, ea dignus
gloria.”
vermittelt er den Eindruck, dass Herzog Wilhelm - zu diesem Zeitpunkt dreizehn Jahre altauch als helfende Instanz auftrat. 125
Aber bereits 1042 stirbt der junge Harthaknut plötzlich: „ [He] died as he stood at his drink and he suddenly fell to the ground with a horrible convulsion (…).” 126 Eduard wird darauf hin durch den Witan zum neuen englischen König gewählt. John von Worcester berichtet, dieses wäre im Wesentlichen der Unterstützung Earl Godwins geschuldet gewesen. 127 Earl Godwin war zu jener Zeit einer der wichtigsten und mächtigsten Magnaten Englands. Er erlebte seinen Aufstieg unter der Herrschaft Knuts als einer der wenigen angelsächsischen Großen des Landes. Durch seine Heiratsverbindung mit Gytha, einer Verwandten König Knuts, wurde sein Status noch verbessert. Als Vertreter des Königs wurde ihm eine Mittlerposition zwischen Volk und König zugeschrieben. 128 Zudem erfüllte er seine Aufgaben immer loyal gegenüber dem Volke als eine Art pater patris. 129 Jedoch war die Beteiligung an der der Tötung Alfreds immer ein Fleck auf seiner weißen Weste. Die Krönung Eduards zum englischen König fand jedoch - infolge äußerer Bedrohung - erst 1043 statt. Leider ist die Darstellung der Vita Eadwardi der einzig detaillierte Bericht dieses Vorgangs. Er ist nur wenig verlässlich, da hierbei ein alter König dargestellt wird. Der Autor sah den König wohl kurz vor seinem Tod bzw. in der Repräsentation des Bildteppichs von Bayeux und benutzte dies bei seiner Beschreibung.
Er lobte ihn wegen seiner majestätischen, würdevollen Erscheinung, die er selbst im privaten Bereich nicht ablegte. In seinem Zorn, konnte er ebenso gut aus der Haut fahren. Zudem war er gut gebaut, ausgestattet mit weißer Haarpracht und Bart, dünnen weißen Händen und einem rosigen Gesicht. 130
125 Ibid., 30: „Edwardus autem dum grato reputaret affectu, quam sumptuosam liberalitatem, quam singularem
honorem, quam familiarem dilectionem in Normannia sibi impenderit princes Guillemus, tam beneficiis quam
linea consanguinitatis longe sibi conjunctior; quinetiam quam studioso ejus auxilio in regnum sit restitutis,
potissimum aliquid atque gratissimum recompensare desiderans more honestorum; co ronae quam per cum
adeptus est, cum rata donatione haeredem statuere decrevit.”
126 Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, 162.
127 Darlington, R. R. /McGurk, P., (Hrsg.) (1995), The Chronicle of John of Worcester, Vol. II, Oxford:
Clarendon Press, 534/535: [1042] „Cuius frater Eduuardus, amitentibus maxime comite Goduuino et
Wigormensi praesul Liuiugo, Lundonie lenatur in regem (…)”
128 Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 5: „Erat quoque morum equilitate tum cunctis ipsi regi gratissimus, assiduo laboris
accinctu incomparabilis, rocunda et prompter affabilitate omnibus affabilis.”
129 Ibid., 6: „Undecumque emergerent iniuriae, in hoc ius et lex inpromptu recuperabatur. Unde non pro domino
habebatur, sed a cunctis patriae filiis pro patre colebatur.”
130 Ibid., 12: „Et statum sive formam eiusdum non praetereamus, nomonis persona erat recentissima, discretae,
proceritatis, capillis et barba canizie in signis lactea, facie plena et cute rosea, et regius homo, continua
gravitate iocundus humilitatis incedens visibus, gratissimae cum quovis affabilitatis. Si ratio aliquem suscitaret
animi motum, leonini videbatur terroris, iram tamen non prodebat iurgiis (…). In frequentia vere se regem et
dominum, in privato, salua quidam regia maiestate, agebat suis consocium.”
Da diese Schilderung aber kontrovers und obskur erscheint, und es für diese Zeit kaum Vergleichsmöglichkeiten gibt, kann seine Persönlichkeit nur durch die Darstell ung seiner Handlungen und Politik betrachtet werden.
b)Das Ringen um die Herrschaft
König Eduard begann seine Herrschaft in einem Alter, das die meisten seiner Vorgänger nie erreicht hatten. Jedoch bemühte er sich, zumindest in den ersten Jahren, energis ch um die Etablierung seiner königlichen Machtstellung. Hier war nur wenig von seiner späteren inneren Zurückgezogenheit zu bemerken. Zudem schien die Haltung zu Earl Godwin und dessen Familie noch relativ gut gewesen zu sein. Das lässt sich an der Tatsache erkennen, dass er zunächst Earl Godwin für seine Unterstützung entsprechend entschädigte und später dessen Söhne Svein und Harold nacheinander in den Status eines Earls beförderte. Aber im Jahr 1043, treten Eduards wohl schon lange schwelende Ressentimen ts gegenüber seiner Mutter Emma offen zu Tage. Im November 1043 ritt er, zusammen mit den Earls Siward von Northumbria und Leofric von Mercia, nach Winchester und vertrieb sie aus ihren Ländereien und entmachtete sie auch damit. Der Hintergrund war wohl die Erhebung Stigands zum Bischof von Ostanglien. Er war ein Günstling Emmas - jedoch in Eduards Augen unerwünscht. 131 Dennoch werden Emma und Stigand kurze Zeit später wieder in Amt und Würden eingesetzt. Die Gründe dafür sind in den englischen Überlieferunge n nicht enthalten. Es gibt gleichwohl die Legende der Heiligen Mildred, die besagt, dass Eduard Schande für die ihr zugefügten Wunden empfand, seiner Muter mit sofortiger Wirkung alles zurückgab und sie flehentlich um Verzeihung bat. Nach diesem Vorfall spielt Emma bis zu ihrem Tod in den historischen Berichten keine Rolle mehr.
Eduard war Zeit seines Lebens unverheiratet geblieben. Bis zu seiner Königserhebung stellte sich auch nicht die Frage. In der Zeit des normannischen Exils besaß er nicht den entsprechenden Status oder Ländereien, die ihn zu einem aussichtsreichen Heiratskandidaten hätte machen können. Auch war zu jenem Zeitpunkt eine Thronfolge, aufgrund der politischen Umstände, in weite Ferne gerückt.
Überdies sträubte er sich in der Anfangszeit se iner Königsherrschaft vehement gegen eine solche Verbindung. Er sah sich wohl in seiner Ungebundenheit fähiger, eine stabile
131 Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, Versionen C/D/E,
163/165.; Darlington, R. R. / McGurk, P. (Hrsg.) (1995), The Chronicle of John of Worcester, Vol. II, London:
Clarendon Press, 535/536.
Herrschaft zu errichten. Ob hier schon die religiöse Komponente ein entscheidender Faktor war, ist unbekannt und in diesem Kontext auch eher unwahrscheinlich. Dennoch musste nun die englische Thronfolge gesichert werden. Die vorangegangenen Zeiten der Unruhe und des Aufruhrs hatten ihre Spuren hinterlassen. Außerdem forderte Eduards fortgeschrittenes Lebensalter seinen Tribut und verlangte nach baldigem Handeln. Also wurde eine entsprechende Heiratskandidatin ausgesucht - Edith, die Tochter Earl Godwins. Sie repräsentierte die idealen Charakteristika für die Braut eines Königs: gebildet, keusch, redegewandt, ruhig, mehrsprachig (franzö sisch, dänisch, irisch), großzügig und loyal. 132 Zudem war sie etwa zwanzig Jahre jünger als der König und somit im besten Alter zur Sicherung der Nachfolge. Darüber hinaus waren nun Earl Godwin und seine Familie untrennbar mit dem Königshaus verbunden. Die Heirat erfolgte am 23. Januar 1045. 133 Es ist jedoch nicht geklärt, in welchem Verhältnis sie in Wirklichkeit zueinander standen. Ein gewisses maß an Zuneigung wird vorhanden gewesen sein, aber selbst die zeitgenössische Beschreibung des Paares in der Vita Eadwardi wirkt eigentümlich: Eduard bezeichnet Edith eher als Tochter als seine Gattin. Sie dient ihm ergeben und wird zu seinen Füßen sitzend dargestellt - selbst für diese Zeit ungewöhnlich. 134 Überdies sprechen die Tatsachen der Kinderlosigkeit, Eduards tiefer Frömmigkeit und spätere Entfremdung von seiner Frau dafür, dass die Ehe wohl nie vollzogen wurde. Aber selbst dieser Faktor wird in der Überlieferung der Vita Eadwardi durch eine Vision Brihtwalds, Bischof von Winchester, in seiner Todesstunde entschuldigt: Eduard würde ein zölibatäres Leben führen. 135 Somit schien das Schicksal unausweichlich.
II.2. Kampf um die Vormachtsstellung: Die Vertreibung und Rückkehr des Hauses Godwin
Die Mitglieder des Hauses Godwin hatten bis in die Mitte des elften Jahrhun derts wichtige Schlüsselpositionen in der Herrschaft über England errungen.
132 Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 22.
133 Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, 163; Versionen C/E:
[1045] „In this same year king Edward took to wife Edith, the daughter of earl Godwine, ten days before
Candlemas.”
134 Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 42: „Cui cum ex more et regia sedes assidue pararetur a regis latere, preter
ecclesiam et regalem mensam malebat ad pedes ipsius sedere, nisi forte manum illi porrigeret, vel nuta dextere
iuxta se ad sedendum invitaret sive cogeret.”; ibid., 79: „(…) Ad reginam vero suis assidentem (…). Obsecata
est enim michi devote, et laterimo simper propius astitit in loco carissi meae filiae (…).”
Dennoch brachen in der Folgezeit, verursacht durch einige Umstände, offen Konflikte zwischen dem König und den Vertretern der Godwin - Familie auf. Auf der einen Seite, stand Svein Godwinssons ungebührliches Verhalten. Nach Kämpfen in Wales hatte er die Äbtissin von Leominster entführt. 136 Erst nach Androhung von Exkommunikation ließ er sie frei und wurde ins Exil gezwungen, was zudem den Verlust seiner Ländereien zur Folge hatte. Die tieferen Beweggründe für seine Handlungsweise sind unklar, jedoch konnte solch ein Verhalten eben nicht geduldet werden. Diese Episode ist in der Hinsicht von Bedeutung, dass Earl Godwins umfangreichen Befugnissen und Machtbereichen nun ein Riegel vorgesc hoben wurde. Er musste sich dem Willen des Königs und des Witans beugen.
Ein zweiter Umstand, der zur Verschlechterung des Verhältnisses beider Parteien führte, waren die so genannten „normannischen Günstlinge“. 137 Dies bezeichnete jene Normannen, die Eduard bei seiner Ankunft in England (vor seiner Inthronisierung) mit sich brachte, oder die ihm dorthin gefolgt waren. Zu jenen gehörten Eduards Neffe Ralph, zuvor Graf des Vexin und dann Earl von Hereford; Ralph der Staller und Robert fitzWimarc, sowie drei Bischöfe, von denen Robert von Jumièges (zunächst Bischof von London) noch eine gewichtige Rolle spielen sollte. Selbst die Vita Eadwardi ließ keinen Zweifel daran, dass er als engster Vertrauter des Königs den größten Einfluss besaß.
Unmittelbar in die Krise von 1051/1052 führte, laut jener Darstellung, Roberts Transferierung nach Canterbury auf Kosten eines aus Gründen der Verwandtschaft von Godwin begünstigten Gegenkandidaten und die Feindschaft zwischen Godwin und Robert, in deren Verlauf die Erbitterung über den skandalösen Mord an Eduards Bruder Alfred erneut entfacht wurde. 138 Im Jahr 1051 gelangten dann die Spannungen zu ihrem Höhepunkt, als Earl Godwin und seine Söhne den König herausforderten und damit das Land an den Rand des Bürgerkrieges führten. Laut der Anglo - Saxon Chronicle soll sich Godwin dem königlichen Befehl widersetzt haben, die Stadt Dover zu brandschatzen als eine Bestrafung für einen Zusammenstoß zwischen den Bewohnern der Stadt und der Gefolgschaft des Grafen Eustachius von Boulogne, d er dem König einen Besuch abstatten wollte. 139
135 Ibid., 9: „(…) cum ecce inter sancta sanctorum videt beatum Petrum, apostolorum primum, decentem nominis
personam in regem consacrare, celibem ei vitam designare, requique annos sub certo vite calculo determinare.”
136 Vgl. Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, 164: [1046] „In
this year earl Svein marched into Wales, and Gruffyd, the northern king, together with him, and hostages were
given to him. When he was on his homeward way, he had the abbess of Leominster fetched to him, and kept her
as long as he pleased. And then let her go home.”
137 Vgl. Brown, R. A., (2004), Die Normannen, Düsseldorf: Albatros Verlag, 72.
138 Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 22.
139 Garmo nsway, G. M., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, Version D, 173/175.
König Eduard konnte, zusammen mit den Earls Siward von Northumbria und Leofric von Mercia, den Aufstand unterdrücken, in dessen Folge die Godwin - Familie exiliert wurde. Während die Brüder Harold, Gyrth und Leofwine nach Irland flohen, ging der Rest der Familie nach Flandern. Die Königin jedoch ereilte ein andres Schicksal. Laut der Anglo -Saxon Chronicle wurde sie in das Kloster Wherwell verbannt, aber dabei werden keine näheren Hintergründe genannt. 140 Die Vita Eadwardi hingegen mildert die Angelegenheit ab. Der anonyme Autor behauptet nämlich, sie sei in das Kloster Wilton, wo sie ihre Ausbildung erhielt, geschickt worden, um das Ende der Aufruhr im Reich im Schutz der Klostermauern abzuwarten. 141 In der Schilderung des John von Worcester wird dies aber wesentlich negativer dargestellt. Hierin hätte der König Edith wegen seiner Wut auf Earl Godwin glanzlos in das Kloster Wherwell gesandt. 142 Jedenfalls wird in der letzten Darstellung eindeutig der Bruch der Eheleute sichtbar. Brachte man sich vorher noch Sympathie entgegen, so war spätestens seit diesem Vorfall, eine Entfremdung klar sichtbar.
König Eduard befand sich nun auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die unliebsamen Mitstreiter um die Regentschaft waren verbannt und die pro - normannische Politik schien durchgesetzt. Es war das letzte große Aufbäumen eines Mannes, der in seiner Wut skrupellos und unbarmherzig gegenüber seinen Gegnern agierte. Er war noch einmal ein vir virium 143 - ein Mann der Tat. Aber er konnte in der folgenden Zeit die Durchsetzung seiner angestrebten Politik nicht weiter vorantreiben. Die „Fremdlinge“ waren im Volk unbeliebt und schwächten die Machtstellung des Königs.
Im Jahre 1052 dann - Eduards Bemühungen um Eigenständigkeit und Herrschaft im eigenen Hause müssen als gescheitert betrachtet werden - war Earl Godwin wieder mit Waffengewalt zurückgekehrt, nahm mit seinen Söhnen erneut seinen Platz im Königreich ein, und seine Tochter, die Königin wurde wieder an die Seite ihres Gatten gesetzt. Auch hier weichen die zeitgenössischen Darstellungen leicht voneinander ab. Die Vita Eadwardi stellt Earl Godwin als den loyalen und gottesfürchtigen Diener des Königs dar, 144 der seinem Herren nie schaden wollte, noch nach dem Leben trachtete.
140 Ibid., Version D, 174/175.
141 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 23: „(…) ut Wiltunis, monasterio, quo educate erat, prestlaretur tantorum turbinum
regni quietam.”
142 Vgl. Darlington, R. R./McGurk, P. (Hrsg.) (1995), The Chronicle of John of Worcester, Vol. II, Oxford:
Clarendon Press, 562/563: [1051] „Reginam uero Edgitham rex, propter iram quam aduersus patrem suum
Goduuinum habuerat, repudiavit et cum una pedissequa Huuereuuellam eam sine honore misit, et abbatisse
custodiendam commendavit.”
143 Vgl. Campbell, A., (Hrsg.) (1949), Encomium Emmae Reginae; London: Royal Historical Society, 54.
144 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 23: „Verum fidelis et deo devotus dux verbis et nutu admodum abhorruit. ‘Deum’,
In der Version der Anglo - Saxon Chronicle kann nur durch Vermittlung ein Ausgleich erzielt werden. 145
Dennoch bedeutete die triumphale Rückkehr den Sieg einer anti - normannischen Politik, denn viele der normannischen Vertrauten Eduards wurden aus dem Land vertrieben, so a uch Robert von Jumièges. Sein Nachfolger wurde Stigand, ein ergebener Günstling Godwins.
II.3. Die Frage der Nachfolge
Nach angelsächsischer Rechtsauffassung war die Grundvoraussetzung der Thronfolge die Abstammung vom westsächsischen, auf den sagenhaften Cerdic zurückführenden, Königshaus. 146 Aus diesem Grund, rückte der Fokus wieder auf die Nachfolgefrage. Zwischen 1053 und 1057 wurde daher ein Plan gefasst, noch lebende Mitglieder des westsächsischen Königshauses zu suchen. Man wurde auch fündig, indem man Eduard, den Sohn von Edmund „Eisenseite“, der seit dem Jahre 1016 in Ungarn in der Verbannung lebte, entdeckte. Eduard der „Verbannte“ war nach dem Tod seines Vaters (1016) vor der Rache König Knuts dorthin geflohen. 147 Er war in England ziemlich unbekannt, doch wurden bezüglich seiner Rückkehr Verhandlungen eingeleitet. Hierbei ist es nicht eindeutig, ob es auf direkten Wunsch des Königs oder eher auf Drängen der Großen des Landes, insbesondere Harold Godwinssons, geschah. 148
Schließlich traf er im Jahre 1057 in England ein, wobei er anscheinend von seiner Gemahlin Agatha und seinen drei Kindern, Margarete, Edgar und Christina begeleitet wurde. 149 Es war ein wichtiges Ereignis, da er unter großem Gepränge und mit der Unterstützung des Kaisers und als mächtiger und reicher Edelmann auftrat. Jedoch starb er unter geheimnisvollen Umständen, bevor er den königlichen Hof erreichen konnte. Die D - Version der Anglo -Saxon Chronicle macht die Dinge noch verworrener, indem sie sich in dunklen Andeutungen einer unnatürlichen Todesursache ergeht: [1057] „Alas! His was a cruel fate, and disastrous to all this nation: That he ended his life so soon after he came to England, to the misfortune of
inquit, ‘fidelitatis sue in corde meo habeam hodie testum, me scilicet nulle mortem, quam aliquid indecens et
iniquum egerim, vel agam, vel mevivo agi permittam, in dominum meum regem’.”
145 Vgl. Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, Version D,
180/181.
146 Vgl. Schnith, K., „Die Wende der englischen Geschichte im 11. Jahrhundert, in: HJB 86 (1966), 23.
147 Vgl. Douglas, D.C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 176.
148 Der König ließ ihn eigens 1054 zu sich kommen, um ihn als Thronerben ausrufen zu lassen. Vgl. Darlington,
R. R./McGurk, P., (Hrsg.) (1995), The Chronicle of John of Worcester, Vol. II, Oxford: Clarendon Press,
564/565: [1054] „(…) ibidem per integrum annum mansit, et Regis ex parte imperatori subgenit ut, leg atis
Vngariam missis, inde fratrudem suum Eduuardum, Regis uidelicet Eadmundi Ferrei Lateris filium, reduceret,
Angliam que uenire faceret.”
149 Vgl. Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 176.
this wretched people. “ 150 Zwar mangelt es jener Aussage jeglicher besonderer Anklage ungehörlicher Machenschaften, doch scheinen diese Sätze dazu bestimmt, Verdacht zu erregen; außerdem gab es in England viele mächtige Männer, denen die Ankunft des „Verbannten“ unwillkommen sein musste.
Der nächste mögliche Nachfolger aus der Cerdic - Linie hätte sein Sohn Edgar sein müssen. Dieser wurde jedoch zunächst wegen seines jungen Alters übergangen, da von einer instabilen Königsherrschaft ausgegangen wurde. Aus diesem Grund, war die Nachfolgefrage vermeintlich wieder an ihren Ausgangspunkt zurückgesetzt worden, jedoch eine Regelung seitens des Königs soll bereits vorher stattgefunden haben.
Eine Anmerkung in der D - Version der Anglo - Saxon Chronicle für das Jahr 1051 besagt: [1051] „Then soon came duke William from beyond the sea with a great retinue of Frenchmen, and the king received him and as many of his companions as it pleased him.“ 151 Ein Besuch des normannischen Herzogs Wilhelm für diesen Zeitpunkt wird nur in dieser, aber in keiner der anderen zeitgenössischen Darstellungen, auch nicht in den normannischen, erwähnt. Erst später, bei John von Worcester für das Jahr 1051, erscheint jener Bericht wieder. Er wurde danach bei dem Roman de Rou von Wace (1170) wiederholt. Man kann daraus schließen, dass den Worten aus dem D - Manuskript ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit zugemessen wurde.
Falls also der Herzog 1051/1052 jemals englischen Boden betrat, dann tat er es zu einem Zeitpunkt, als die pro - normannische Partei im Königreich auf dem Höhepunkt ihrer macht war. Jedoch spricht das Fehlen entsprechender Einträge in den Werken Wilhelm von Poitiers und Wilhelm von Jumièges gegen eine persönliche Anwesenheit Herzog Wilhelms in England vor 1066. Außerdem musste sich der Herzog 1051 verzweifelt mit eigenen Angelegenheiten in der Normandie beschäftigen. Seine dortige herzogliche Stellung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest etabliert. Dennoch wird mittlerweile angenommen, dass es ein Thronversprechen Eduards gegenüber Wilhelm gab. 152
In den Gesta Guillelmi behauptet Wilhelm von Poitiers, dass Leofric und Siward, zusammen mit dem König, Wilhelms Nachfolge bestätigten. Das würde auf das Jahr 1051 schließen lassen, aber Wilhelm von Poitiers führt weiter aus, dass auch Erzbischof Stigand und Earl Godwin dem zustimmten. 153
150 Vgl. Garmonsway, G. N., (1990) (Hrsg.), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, Version D, 188.
151 Ibid., Version D, 174/175.
152 Vgl. John, E., „Edward the Confessor and the Norman Succession“, in: EHR 94 (1979), 255 f.
153 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition Les Belles Lettres, 174/176 : „(…) cujus me haeredem (…) statuit dominus meus et
consanguineus ex Edwardus, ob maximos honores et plurima beneficia (…). Sane neque id absque suorem
Diese Tatsache mutet eigenartig an, da eigentlich nicht davon ausgegangen werden kann, dass ein anti - normannisch gesinnter Earl Godwin dem normannischen Herzog eine solche Zustimmung gäbe. Aber, entsprechende persönliche und politische Umstände, könnten den Earl in die Enge getrieben haben.
Das angelsächsische Königreich sah sich, durch die verschlechterten Beziehungen zu Skandinavien, wieder einer erneuten nordischen Bedrohung ausgesetzt. Daher war es ratsam, sich neue, kontinentale Alliierte zu suchen. Eine Allianz mit der Normand ie schien am aussichtsreichsten, denn sie wurde schon seit langem als echte Antwort auf die nordische Bedrohung angesehen. 154 Zudem waren die politischen und persönlichen Präferenzen des Königs mitentscheidend. Der Bekenner war den Dänen nur wenig zugeneigt, da sie für sein Exil verantwortlich waren. Er stand jedoch in verwandtschaftlicher Beziehung zu Herzog Wilhelm (über seine Mutter Emma) und verbrachte einen wichtigen Teil seines Lebens in der Normandie. Earl Godwin hingegen hatte durch das Verhalten sein es Sohnes Svein wesentlich an Prestige und Macht eingebüßt, war aber immer noch ein wichtiges Mitglied des Witan. König Eduard war im Falle eines Abschlusses einer entsprechenden Allianz auf die Zustimmung des Witan angewiesen.
Der Earl befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer persönlichen Zwickmühle - alle Versuche, seinen Sohn Svein in Zustimmung des Königs wieder aus der Verbannung zurückzuholen, waren gescheitert. Wenn der König nun diese Situation nutzte, um dem Earl eine Eidesleistung und Zustimmung zu Wilhelms Nachfolge abzupressen, wäre der Eintrag in den Gesta Guillelmi gerechtfertigt. 155 Es würde sich dann auch in die Darstellung einreihen, dass nämlich der Erzbischof von Canterbury, Robert von Jumièges zum Herzog gesandt wurde, zusammen mit Godwins Sohn Wulfnoth und Enkel Hakon als Garanten, um ihm von der Entscheidung zu berichten. 156 Dies könnte zwischen Mitte Frühjahr und dem 21. Juni 1051 geschehen sein, als sich Robert auf dem Weg nach Rom befand, um dort als Erzbischof von Canterbury sein Pallium entgegenzunehmen. Vielleicht war dann der Aufstand des Earls von Wessex sogar durch sein Wissen um diesen Handel verursacht worden; in diesem Fall, müsste man das Geschehen in Dover als zweitrangige Ursache der darauf folgenden Rebellion betrachten.
optimatum consensu, verum consilio Stigandi, archiepiscopi, Godwini comitis, Leurici comitis, Sigardi comitis,
qui etiam jurejurando suis manibus confirmaverunt, quod post Edwardi decessum me reciperunt dominum, nec
ullatenus preferent in vita illius patriam hanc ullo impedimento contra me occupari (…).”; Man muss hier die
Person des Erzbischof als literarisch überhöhte Figur einordnen.
154 Vgl. Barlow, F., „Edward the Confessor’s Early Life, Character and Attitudes, in: EHR 80 (1965), 245.
155 Vgl. Campbell, M. W., „Earl Godwin of Wessex and Edward the Confessor’s Promise to the Throne”, in:
Traditio 28 (1972), 151.
156 Vgl. Brown, R. A., (2004), Die Normannen, Düsseldorf: Albatros, 73.
Auf alle Fälle aber waren Godwin und seine Söhne gegen Ende des Jahres 1051 aus England verbannt; der König, der lange Zeit normannische Unterstützung erhalten hatte, war Herr in seinem Königreich und Herzog Wilhelm von der Normandie zu seinem Erben ernannt. Falls die in England gegen Ende des Jahres 1051 herrschenden Verhältnisse fortgedauert hätten, wäre es sogar möglich gewesen, dass die politische Vereinigung Englands und der Normandie unter der Königsherrschaft eines normannischen Herzogs auf friedliche Ar t zustande gekommen wäre. 157 Doch sollten die Ereignisse beiderseits des Kanals die Lage sofort verändern.
II. 4. Die Aufstiege Harold Godwinssons und Wilhelms von der Normandie
Die erfolgreiche Restauration des Hauses Godwin im Jahre 1052 besiegelte das E nde der königlichen Autorität.
König Eduard hatte sich wohl nie von dieser Schmach erholt und zog sich immer weiter zurück. Er widmete sich nunmehr seinen geistlichen Aktivitäten und überließ die Staatsgeschäfte anderen.
Mit ihrer Rückkehr markierten auch die Mitglieder der Familie Godwin das Scheitern der von Eduard protegierten pro - normannischen Politik. Die endgültigen Folgen dieser Ereignisse konnten sich für die künftige Entwicklung der anglo - normannischen Beziehungen nur als katastrophal erweisen. Die Geschehnisse des Jahres 1052 festigten zudem die Macht des Hauses Godwin so sehr, dass weder König noch irgendeine andere feindlich gesinnte Instanz imstande war, sie je wieder zu verdrängen. Sie verringerten den politischen Einfluss der Normandie auf ein Mindestmaß und entschieden dadurch, dass der Herzog, falls er je König von England werden sollte, dies nur durch einen Krieg erreichen konnte. 158 Im Jahre 1053 verstarb Earl Godwin, und da sein ältester Sohn Svein 1052 auf einer Pilgerfahrt gestorben war, wurde sein zweiter Sohn Harold zum Oberhaupt der Familie und Earl von Wessex. Zwei Jahre später starb Earl Siward und die Grafschaft Northumbria gelangte an Harolds Bruder Tostig, wodurch die Macht der Familie noch zunahm. 159 Die Anglo - Saxon Chronicle schildert Harold in diesem Kontext als „the noble earl, who ever faithfully obeyed his noble lord in words and deeds, neglecting nothing whereof the national
157 Vgl. Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 173.
158 Ibid., 175.
159 Ibid., 175.
king stood in need.“. 160 Überdies repräsentierte er, laut der Vita Eadwardi einen zweiten Judas Maccabäus: ein wahrer Freund des Volkes, der seine Aufgaben noch tatkräftiger als sein Vater erledigte. Er verfolgte dabei seinen Weg mit Geduld, Gnade und Freundlichkeit gegenüber jenen, die ihm wohl gesonnen waren. 161
Hieraus wird deutlich, dass sein Verhältnis zum König, im Gegensatz zu Earl Godwin, ein erheblich besseres war. Eduard selbst soll bei seiner Erhebung zum Earl von Wessex für ihn gesprochen haben (in favore). Harold stand darüber hinaus seinem Vater in nichts nach und baute einen ähnlichen Machtstatus auf. 162 Er stieg nämlich in der Folgezeit zu einem Subregulus - zum wichtigsten Mann Englands nach dem König - auf. Die Erledigung aller politischen Aufgaben oblag nun ihm, während sich der König zunehmend in seine Abgeschiedenheit zurückzog.
Seine Erscheinung muss auf seine Zeitgenossen Eindruck ausgeübt haben, denn sowohl in der Vita Eadwardi als auch in den Gesta Guillelmi wird dessen gewürdigt. Die Vita Eadwardi beschreibt ihn hierbei als einen großen Menschen in guter körperlicher Verfassung. Er war offen und hatte ein sonniges Temperament, konnte aber dennoch Widersprüche leicht aufdecken. Er teilte zudem jedem, den er für loyal hielt, seine Pläne mitvielleicht manchmal zu seinem eigenen Nachteil. Er wird darüber hinaus ehrenwert und gelassen dargestellt und verfügt außerdem über die Stärke der Ausdauer. 163 Im Gegensatz dazu, war sein jüngerer Bruder Tostig der Verschlossenere. Er war flexibler, aber gelegentlich zu übereifrig in seinen Beurteilungen über Menschen. Überdies war er zuverlässig und verlor nie sein Ziel aus dem Auge. Laut der Vita Eadwardi war er auch der religiösere von beiden - während Harold in dieser Angelegenheit leichtfertiger geschildert wird. 164 Der Anonymus der Vita Eadwardi zieht dabei auch immer wieder Vergleiche zu antiken Heldenfiguren, wie Atlas und Hermes. Persönlichkeiten, die wie ein Fels in der Brandung stehen. Die beiden Brüder repräsentierten, in Anlehnung an diese Vorbilder, ein ideales Herrschergespann, das die Geschicke Englands in seine Hand nehmen könnte. 165 Unglücklicherweise entzweiten sie sich, was katastrophale Geschehnisse zur Folge hatte.
160 Vgl. Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, Versionen C/D,
194/195.
161 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 30: „Virtute enim corporis et animi in populo praestabat ut alter Juda Machabeus,
amisque gentis suae et patriae vices celabrat patris intentius, et eiusdam gressibus incedit, patientia ecilicet et
misericordia, et affabilitate cum benevolentibus.”
162 Ibid., 30: „(…)filius eius major natu et sapientia (...)”
163 Ibid., 31 f.
164 Ibid., 32.
165 Barlow, F., (1970), Edward the Confessor, London: Yale University Press, 197: „(…) two brightly shining
offspring of a cloud - born land, as strong as Hercules; when united in peace they seem to the English the
Der Aufstieg Wilhelms in der Normandie hingegen verlief wesentlich problematischer: „Er gewann ja das Erbe seines Herzogtums trotz übermächtiger Gegnerschaft und erdrückender Schwierigkeiten während seiner Minderjährigkeit, als seine Beschützer und Freunde sogar in seinem Beisein erschlagen wurden.“ 166
Er wurde 1027/1028 in Falaise als unehelicher Sohn Herzogs Robert I. und Herlèves geboren, sah sich aber von Anfang an erheblichen Widerständen ausgesetzt. Über seine Mutter ist leider nur wenig bekannt, da die zeitgenössischen Historiker diskret über ihre Abstammung schweigen. Jedoch wurde sie nach der Geburt Wilhelms mit Herluin, Vicomte von Conteville, verheiratet. Aus dieser Verbindung gingen u.a. Odo von Bayeux oder Robert, Graf von Mortain, hervor. 167
Über Wilhelms Kindheit (er bekam zunächst den wenig schmeichelhaften Beinamen „der Bastard“) ist auch nur wenig bekannt. Jedoch entwickelten sich darüber Legenden, in denen ihm schon in seiner Kindheit große Taten vorausgesagt wurden. In Wilhelm von Malmesburys Gesta Regum Anglorum wird berichtet, dass Robert Herlève zum ersten Mal sah, als sie auf der Strasse tanzte; darauf hin brachte er sie sofort in seine Burg. Und in dieser Nacht, nachdem sie Wilhelm empfangen hatte, träumte Herlève, dass ein Baum aus ihrem Körper wüchse, dessen Zweige die ganze Normandie und England überschatteten. 168
Wilhelm wurde von seinem Vater anfangs nicht als legitimer Erbe anerkannt, hatte also keine rechtlichen Ansprüche auf die Nachfolge. Aber zu jenem Zeitpunkt, herrschte in der Normandie Bürgerkrieg. Als sich dann Robert 1034 entschloss, auf eine Pilgerreise nach Jerusalem zu gehen, wurde er dazu gedrängt, seine Nachfolge zu sichern. Er führte darauf hin den illegitimen Wilhelm als Erben an. Dieser war erst acht Jahre alt und konnte nur durch die Unterstützung der Anhänger Roberts überleben. Robert kehrte zudem nie von seiner Reise zurück.
Herzog Wilhelm wurde dann mit 19 Jahren Herr über sein Herzogtum, nachdem er seine Gegner in seinem ersten großen Sieg bei Val - ès - Dunes im Jahre 1047 überwunden hatte. 169 Von da an herrschte er mit fast absoluter Macht, welche die all seiner Vorgänger in den Schatten stellte, und mit dem Beistand einer ausgewählten Aristokratie, die durch sein
kingdom’s heart of oak. And just in the ancient world it was Atlas and Hermes who jointly supported these two
Angelic Angels, combining their strength, keep the English frontiers safe (…).”
166 Vgl. Brown, R. A., (2004), Die Normannen, Düsseldorf: Albatros, 58 f.
167 Vgl. Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 25.
168 Vgl. Hardy, T. D.,(Hrsg.) (1840), Willhelmi Malmesbiriensis Monachi: Gesta Regum Anglorum atque
Historia Novella, Vol. II, London: Sumptibus Societatis, 391.
169 Vgl. Brown, R. A., (2004), Die Normannen, Düsseldorf: Albatros, 59.
Prestige, durch Verwandtschaft, durch materielle Interessen und nicht zuletzt durch lehnrechtliche Verbindungen eng an ihn gebunden war.
Er konnte sich wahrscheinlich auch nur mit Hilfe seiner individuellen Charakterzüge durchsetzen. Seine furchtbare Kindheit und schmerzhafte Jugend hatten ihn zu einem harten und nüchternen Mann gemacht, der mit seiner Kriegskunst und Tatkraft die Eignung zur Führung besaß. Neben seiner Brutalität, Tapferkeit, Zähigkeit und Zielstrebigkeit, konnte er sich aber auch nachsichtig gegenüber seinen Gegnern zeigen. Ihn also als „groben Raufbold“ oder „blutrünstiges Scheusal“ 170 zu bezeichnen, wäre falsch. Gerade in religiöser Hinsicht wird dies deutlich. Er hatte Respekt vor kirchlichen Einrichtungen, seine persönliche Frömmigkeit war zweifellos echt; beim Essen und Trinken war er enthaltsam und seine Mäßigkeit galt als außergewöhnlich. Er war liebesfähig und konnte manchmal auch bei anderen Zuneigung erwecken; zuzeiten konnte er sogar großzügig und freund lich sein. 171 Dies alles spiegelte sich auch in seiner Politik wider. Er war ein Produkt seiner Zeit: „Ein kriegerisches Zeitalter ehrt den Krieger, und in dem jungen Wilhelm fand es einen Kriegsmann, der dieser Verehrung würdig war. Er war hochgewachsen und außerordentlich stark, und seine persönlichen Heldentaten auf dem Schlachtfeld hatten Aufsehen erregt. Doch konnten diese Eigenschaften nicht die besondere Bewunderung erklären, die er ab 1060 genoß.“ 172
II. 5. Der Eid
Die überlegene Stellung Harold Godwinssons, Earls von Wessex, wurde nach 1057 immer offensichtlicher. Zudem versetzten ihn das Ableben der Earls Leofric und Ralph in die Lage, den Landbesitz seiner Familie noch mehr zu erweitern. Er selbst eignete sich Herefordshire an; Ostanglien kam in die Hände seines Bruders Gyrth, und sein zweiter Bruder Leofwine erhielt eine Grafschaft, die sich von Buckinghamshire bis nach Kent erstreckte. 173 Infolge dieser Anordnungen beherrschten Harold und seine Brüder Gyrth, Tostig und Leofwine unter König Eduard fast ganz England.
Herzog Wilhelm, auf der anderen Seite des Kanals, hatte sich auch von allen inneren und äußeren Bedrohungen befreit, seinen Machtbereich etabliert und seiner Stellung als Herzog eine neue Dimension verliehen. Daher dürfte er im Jahre 1064 gespürt haben, dass sich seine
170 Vgl. Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 379.
171 Ibid., 380.
172 Ibid., 91.
173 Ibid., 176.
Aussicht, das lang versprochene England zu gewinnen, wesentlich verbessert hatte, dass aber der Aufstieg des Earls von Wessex gleichzeitig auf diesem Weg zu einem großen Hindernis geworden war.
Nun, da sich das Leben Eduard des Bekenners seinem Ende zuneigte, standen sich die beiden durch den Kanal getrennten Männer als mögliche Rivalen im Kampf um England gegenüber. „Die Verbindung, die sich seit dem Jahre 1035 ununterbrochen zwischen der Normandie und England entwickelt hatte, kristallisierte sich bereits im Jahre 1064 zu einer persönlichen Opposition zwischen zwei Männern, die im 11. Jahrhundert zu den bemerkenswertesten Persönlichkeiten Europas gehörten.“ 174
Die in den normannischen Überlieferungen dargestellte Reise Harolds in die Normandie ist in keiner der zeitgenössischen angelsächsischen Quellen enthalten. Im Jahre 1064 175 stach Harold von Bosham in Sussex aus in See, um in Europa einige Aufgaben zu erfüllen. Fast jede Einzelheit der darauf folgenden Ereignisse bildete das Thema zahlloser Kontroversen, wobei keine einzige der auf ihnen aufgebauten Interpretationen eine abschließende Darstellung gibt. Nach den drei frühesten Berichten (Wilhelm von Jumièges, Wilhelm von Poitiers, Bildteppich von Bayeux) der Geschehnisse scheint jedoch die Annahme gerechtfertigt, dass dem Earl von Wessex bei dieser Gelegenheit von Eduard dem Bekenner befohlen worden war, sich in die Normandie zu begeben, um dort im Beisein Wilhelms das Vermächtnis der englischen Thronfolge zu bestätigen, das der König dem Herzog gemacht hatte. 176
Wilhelm von Jumièges und Wilhelm von Poitiers bewerten hierbei den Besuch Harolds als ausschlaggebend für die spätere Durchsetzung des Thronanspruchs durch Herzog Wilhelm, und auf dem Bildteppich von Bayeux ist das Ereignis abgebildet. Wilhelm von Jumièges erwähnt die Sache nur kurz, wie es auch sonst seine Art ist, aber Wilhelm von Poitiers liefert einen detaillierten Bericht über die Reise und die Eidesleistung. Auch die Darstellung auf dem Teppich von Bayeux ist bemerkenswert, da sie als illustrative Darstellung viel Spekulationsraum lässt.
Laut den Schilderungen wurde Harold durch einen heftigen Wind von seinem Kurs abgetrieben und gezwungen, an der Küste der Grafschaft Ponthieu zu landen. Dort wurde er von dem dort herrschendem Grafen Guy (Wido) gefangen genommen und in den Kerker
174 Ibid., 179/180.
175 Vgl. Brown, R. A., (2004), Die Normannen, Düsseldorf: Albatros, 75.
176 Vgl. Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 180; vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952),
Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris: Société D´Edition Les Belles Lettres, 100.
geworfen. 177 Für Herzog Wilhelm ergab diese Lage eine günstige Gelegenheit, die er sofort ergriff. Vielleicht wusste er ja sogar, dass Harolds Reise mit dem Versprechen zusammenhing, das Eduard ihm einige Zeit vorher gegeben hatte. Jedenfalls nutzte er sofort die Vorteile, die er unter diesen für ihn selbst äußerst günstigen Umständen aus einem persönlichen Kontakt mit dem Subregulus ziehen konnte. Er verlangte die sofortige Auslieferung Harolds von dem Grafen Guy, der gewissermaßen einen Vasallen der Normandie darstellte, und dem der Herzog möglicherweise Lösegeld zahlte. Graf Guy empfand es seinerseits entweder als klug oder aber als vorteilhaft, auf das Angebot des Herzogs einzugehen. Er brachte Harold nach Eu, wo ihn der Herzog mit einer Truppe bewaffneter Reiter empfing. 178 Danach wurde Harold nach Rouen geleitet. 179
In den folgenden Darstellungen sind sich die Quellen uneinig über den Ort der Eidesleistung. Wilhelm von Jumièges benennt Rouen, während die Gesta Guillemi Bayeux favorisieren; der Bildteppich von Bayeux dagegen lässt den Eid in Bonneville - sur - Touques stattfinden. 180 Wilhelm von Jumièges bemerkt hierbei sachlich, dass der Earl „hinsichtlich des Königreiches unter vielen Eiden seine Lehnstreue schwor.“ 181 Der Bildteppich von Bayeux zeigt den feierlichen Charakter dieser Handlung und hebt nachdrücklich die Reliquien hervor, auf die dieser Eid abgelegt wurde. Darüber hinaus erfolgt hier die Eidesleistung erst nach dem Feldzug gegen Conan von der Bretagne. 182 Wilhelm von Poitiers dagegen verzeichnet den Wortlaut dieser feierlich abgegebenen Erklärungen. Der Earl schwor, am Hofe Eduard des Bekenners als Vertreter (vicarius) des Herzogs zu wirken, und verpflichtete sich, alles, was in seiner Macht stand zu unternehmen, um den Herzog nach dem Tode des Bekenners die englische Thronfolge zu sichern. Für die Zwischenzeit versprach er, in gewissen Festungen, vor allem aber in Dover, einige Garnisonen zu unterhalten. Zu diesem Übereinkommen
177 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société Les Belles Lettres, 100 : „ (...) a Heraldus, dum ob id negotium venire contenderet, itineris marini
periculo evaso littus arripuit Pontivi, ubi i n manus comitis Guidonis incidit. Capti in custodiam traduntu, ipse et
comitatus ejus; quod infortunium vir adeo magnus naufragio mutaret.” ; vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich
von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 95 - 98: „HIC hAROLD:MARE
NAVIGAVIT:ET VELIS:VENTO:PLENIS VE =/=NIT:INTERRA:VVIDONIS/COMITIS -HAROLD
hIC:APPREhENDIT:VVIDO:HAROLD¯V-ET DVXIT:EVM AD BELREM:ETIBI EVM:TENVIT”
178 Vgl. Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 180/181.
179 Foreville, R., (Hrsg.) 1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris : Société
D´Edition Les Belles Lettres, 102 : „Heraldum vere sufficientissime cum honore sui principatus caput
Rotomagum introduxit (...).”
180 Ibid., 102: „(...)eo a ducato ad Bonamvillam consilio, illic Heraldus ei didelitatem sancto ritu christianorum
juravit.”; vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München Prestel,
117: „hIE VVILLELM VENIT:BAHAS VBI hAROLD:SACRAMENTVM:FECIT:/VVILLELMO DVCI: -“
181 Vgl. Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 181.
182 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 117:
In diesem Kontext stellt sich der Eid nicht als ein Akt privater Übereinkunft dar, sondern als feierliche
Zeremonie. Herzog Wilhelm sitzt frontal auf seinem Thron, das erhobene Schwert gegen die rechte Schulter
gelehnt. Harold schwört mit ausgestreckten Armen auf zwei Reliquienschreinen.
gehörte ferner, dass der Herzog ungefähr zur gleichen Zeit den Earl als seinen Vasallen zum normannischen Ritter schlug; außerdem verpflichtete er sich anscheinend, eine der Töchter des Herzogs zu heiraten. 183 Harold lebt zu diesem Zeitpunkt in einer so genannten „Friedelehe“ (more danicum) - d.h. von der römisch - katholischen Kirche sanktionierte Verbindung; galt also als ledig. Wilhelm von Malmesbury und Snorri Sturluson bekräftigen die Klausel einer Heirat - sind aber wahrscheinlich schon der Legendenbildung anheim gefallen. 184
In der Darstellung von Ordericus Vitalis wird im Anschluss an die Eidesleistung auf die charakterlichen Eigenschaften Harolds eingegangen, wo die wichtige Frage der Treue in dieser Angelegenheit gestellt wird. 185 Vitalis wollte damit womöglich auf die charakterliche Schwäche Harolds hinsichtlich des künftigen Eidbruches hinweisen. Dies sind die wenigen Fakten, die aus jenen Berichten über diese berühmte Handlung überliefert sind. Jedoch sollte bald die Legendenbildung einsetzen, wonach Harold bei dieser Gelegenheit unter Zwang handelte bzw. das Opfer eines Betruges war. 186 Dies erscheint zweifelhaft. Die Lage Harold Godwinssons in der Normandie war sicher schwierig. Er zögerte wahrscheinlich, ob er den Anordnungen des Königs und den eindringlichen Wünschen des Herzogs, der zu dieser Zeit sein Gastgeber und Beschützer war, trotzen sollte oder nicht. Es scheint andererseits nicht unmöglich, dass er den Ereignissen bereitwillig zustimmte. Jedenfalls, so stellen es die Gesta Guillelmi und Gesta Normannorum Ducum dar, nahm Harold - hier als besondere Ehre zu werten - am Feldzug in die Bretagne als
183 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers : Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition Les Belles Lettres, 102.
184 Vgl. Hardy, T. D., (Hrsg.) (1840), Willhelmi Malmesbiriensis Monachi: Gesta Regum Anglorum atque
Historia Novella, Vol. II, London: Sumptibus Societatis, 383: „Ibi Haroldus, et ingenio et manu probatus,
Normannum in sui amorem convertit; atque, ut se magis commendaret, ultro illi tunc quidem castellum
Doroberniae quod ajus Anglicuzm, sacramento firmavit: quare et filia, adhuc impubis, despensione, et totiu s
patrimonii amplitudine donatus, familiarum partium habebatur.”; vgl. Niedner, F., (Hrsg.) (1965), Snorri´s
Königsbuch (Heimskringla), Bd. 3, Düsseldorf; Köln: Diederichs Verlag, 147: „Als Harald diesen Antrag
vorgebracht hatte, da nahmen ihn alle beifällig auf, die Zeugen waren, und sie befürworteten die Werbung beim
Jarl, und die Sache endete schließlich so, daß man das Mädchen mit Harold verlobte. Weil sie aber zu jung war,
da wurde die Hochzeit noch einige Jahre hinausgeschoben.”
185 Vgl. Chibnall, M., (Hrsg.) (1983), The Ecclesiastical History of Orderic Vitalis, Vol. II, Oxford: Clarendon
Press, 136/137: „Erat enim Anglus magnitudine et elegantia ui ribusque corporis: animique audacia et linguae
facundia multisque facetiis et pribitatibus admirabilis. Sed quid ei tanta dona sine fide quae bonorum omnium
fundamentum est contulerunt?”
186 Vgl. von Gaudy, F., (Hrsg.) (1835), Robert Wace: Der Roman von Rollo und den Herzögen der Normandie,
Glogau: Fleming, 224/225: „Um zu empfangen diesen Eid, versammelt er von weit und breit, in Bayeux (also
geht die Sage), die Großen all an einem Tage. Reliquien vereint er dann an einem Ort so viel er kann, legt alle in
ein räum´ges Becken und lässt mit Goldstoff sie bedecken, so dass Harold´s nicht sehen kann und keiner sagt s
und zeigts ihm dann, (…). Als Harold darauf gelegt die Hand, hat ihn ein Zittern übermannt, drauf leistet er
Gelübd und Schwur, doch als wär’s zum Spotte nur.“
Waffengefährte des Herzogs teil. Dort rettete er, laut dem Bildteppich von Bayeux, heldenhaft zwei normannische Soldaten, die im Treibsand zu versinken drohten. 187 Vor seiner Abreise erfolgte dann die Übergabe seines Neffen Hakon, einer der von Earl Godwin gestellten Geiseln aus dem Jahr 1051 und wird mit zahlreichen Geschenken überhäuft. Harolds Stellung als möglicher Nebenbuhler Herzog Wilhelm um den englischen Thron war nach seiner Rückkehr nach England unwiderruflich kompromittiert. Vielleicht schweigen auch aus diesem Grund die zeitgenössischen angelsächsischen Quellen über die Geschehnisse.
Der Vorteil, den Herzog Wilhelm im Jahre 1064 über den Earl von Wessex gewonnen hatte, sollte bald durch die in England erfolgenden Ereignisse, wachsen.
II. 6. Das Ende einer Herrschaft: Der Tod König Eduard des Bekenners
In den letzten Monaten vor dem Tod des Königs, erlebte England bereits einige Vorboten der der künftigen Ereignisse. Ein Geschehnis, das zur Entzweiung von Harold und Tostig führte, erfolgte im Herbst des Jahres 1065.
In Northumbria erhob sich ein Aufstand gegen Tostig, der seit 1055 dort Earl war. 188 Die Rebellion breitete sich schnell aus, und die Aufständischen erklärten Tostig für vogelfrei. Darauf hin boten sie seine Grafschaft dem Bruder Earl Edwins von Mercia, Morcar, an und zogen südwärts nach Northampton, um vom König eine Bestätigung ihrer Beschlüsse zu erzwingen. Harold versuchte, zugunsten seines Bruders einen Kompromiss zu schließen, was jedoch misslang. König Eduard sah sich gezwungen, Morcar als Earl von Northumbria anzuerkennen. Tostig und seine Gemahlin Judith flohen aus England, um bei ihrem Halbbruder, Graf Baldwin V., Zuflucht zu finden. 189
So wurde Earl Harolds Stellung in England durch jene Ereignisse ernstlich geschwächt, die seinen Bruder aus einer mächtigen Grafschaft vertrieben und an seine Stelle, entgegen den Wünschen des Earls von Wessex, einen Verwandten Leofrics aus dem Hause Mercia setzten, die keinerlei Grund hatte, irgendein Mitglied der Familie Godwin freundschaftlich gesinnt zu sein.
Jedoch könnten hinter diesen politischen Begebenheiten auch eine familiäre Tragödie im Hause Godwin stecken. Eine Anmerkung in der Vita Haroldi lässt Raum zur Spekulation.
187 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 110:
„ET hIC:TRANSIERVUNT:FLVMEN:COSNONIS:/hIC:hAROLD:DVX:TRAhEBAT:EOS:/DE ARENA“
188 Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 184.
Dort wird behauptet, Harold würde hinter dem Aufstand stecken. 190 Harolds staatsmännisches Verhalten erzeugte vielleicht bei Tostig das Gefühl der persönlichen Beleidigung. Auch verschlechtere sich, in diesem Zusammenhang, die Beziehung Harolds zu seiner Schwester, der Königin. Sie hatte in den letzten Jahren, nach dem Rückzug Eduards aus allen öffentlichen Geschäften, enorm an Einfluss am königlichen Hof gewonnen. Zudem trug sie einen wichtigen Anteil an Tostigs Politik.
Es wird ihr zudem die Verantwortlichkeit für den Tod des northumbrischen Gefolgsmannes Gospatric, ein Verwandter Earl Siwards, in Tostigs Interesse nachgesagt. Dies geschah nur wenige Monate vor dem Aufstand in Northumbria und könnte auch Grund für Tostigs Unpopularität gewesen sein. 191
In der Darstellung der Vita Eadwardi wird auch ihre Sympathie zugunsten Tostigs in der Auseinandersetzung mit Harold deutlich. Im Gegensatz zu der Machtlosigkeit des Königs (mariti impotentia), hätte sie entsprechende Dinge bewirken können - ihr wurde nur nicht die Gelegenheit dazu gegeben. 192
Die Haltung der anderen Familienmitglieder in dieser Angelegenheit wird nicht beleuchtet. Die Positionen von Leofwine und Gyrth sind zwar unbekannt, aber es ist anzunehmen, dass Gyrth seinem Bruder Tostig sehr nahe stand, da er in den Überlieferungen oftmals mit ihm in Verbindung gebracht wird.
Der Zustand des Königs verschlechterte sich in der Folgezeit derart, dass er kaum in der Lage war, sein Lebenswerk - die Westminster - Abtei - am 28. Dezember einzuweihen. Die Repräsentation des königlichen Hofes zu Weihnachten 1065 in der Vita Eadwardi wirkt hierbei sehr skurril. Der anonyme Autor erzeugt ein Bild, das einem Theaterstück ähnelt. Die Akteure bewegen sich dabei in einem Rahmen, der zwar glaubhaft erscheint, aber zugleich in der historischen Wertigkeit extrem einbüßt. Am Ende der Szenerie versinkt Eduard in einem komatösen Schlaf, durchbrochen von Intervallen des Deliriums mit visionalem Charakter. 193 Vor seinem Sterbebett versammelt, befinden sich die Königin Edith (am Ende des Bettes, Eduards Füße wärmend), Earl Harold, Robert fitzWimarch und der Erzbischof von Canterbury, Stigand.
189 Ibid., 184.; vgl. Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent,
Versionen C/D/E, 192 - 195.
190 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 52: „Decebatur quoque, si dignum esset credere, fratris sui Haroldi insidioso, quo
absit, suasu hanc dementiam contra ducem suum aggressos esse; sed ego huic detestabili nequitae a tanto
principae in fratrum suum nonaudeo nec vellem fidem adhibere.”
191 Vgl. John, E., „Edward the Confessor and the Norman Succession, in: EHR, 94 (1979), 259.
192 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 53 f. „At regina, quae huic dissidio confundebatur fratrum illinc regis mariti
impotentia destivebatur, cum consilio, quo potissimum ex dei gratia eminebat si audiretur (...).”
Dies ist auch auf der Darstellung auf dem Teppich von Bayeux zu finden: Dort stehen zwei Szenen übereinander. Oben liegt der sterbenskranke König im Bett. Um ihn herum, haben sich seine Getreuen versammelt. Darunter befindet sich eine trauernde Frau, mit der die Königin Edith wohl gemeint ist. Im Bild darunter, wird der Tote in Gegenwart eines Geistlichen für die Bestattung vorbereitet. 194
König Eduard der Bekenner verstarb in der Nacht zum 5. Januar 1066, wahrscheinlich an einer Gehirnblutung. 195
Es ist hierbei aber viel interessanter, was unmittelbar vor seinem Ableben geschah. In seinen Phasen des Deliriums hatte Eduard wiederholt Visionen, u.a. jene vom Grünen Baum, in der er die schrecklichen Ereignisse der Zukunft voraussagt. Alle Versammelten sind zutiefst erschrocken und glauben ihm. 196 Nur Stigand hält den König infolge seines Zustandes nicht mehr für zurechnungsfähig. 197 Hierbei wird die Haltung des Autors gegenüber Stigands deutlich. Er hegt nur wenige Sympathien für ihn, u.a. aus dem Grunde seines zweifelhaften Aufstieges und unkanonischen Status.
Einige Zeilen weiter finden sich dann die entscheidenden Aussagen, die über die Zukunft Englands entscheiden sollten. Der König widmet seine letzten Worte seinem Vermächtnis: Eduards erste Sorge gilt seiner Frau und Königin, das Königreich kommt erst an zweiter Stelle und danach die normannischen Freunde des Königs in England. Al le drei werden ohne besonderen Unterschied unter den Schutz Harolds gestellt. „Und indem er seine Hand nach Harold, seinem Statthalter (nutricium), ihrem Bruder ausstreckte, sagte er: ‘Ich vertraue diese Frau und das ganze Königreich deiner Obhut an, dass du ihr dienst und sie ehrst in treuem Gehorsam als deiner Herrin und Schwester, die sie wahrlich ist, und beraube sie nicht, solange sie lebt, irgendeiner Ehre, die ich ihr gewährt habe. Gleichermaßen vertraue ich dir diese Männer an, die das Land ihrer Ge burt aus Liebe
193 Ibid., 76.
194 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 122:
„hIC EADVVARDVS:REX IN LECTO: ALLOQUIT¯:FIDEIES:_/ET hIC:DEVNCTVS/EST“
195 Vgl. Barlow, F., (1970), Edward the Confessor, London Yale University Press, 243; vgl. Barlow, F., (Hrsg.)
(1962), The Life of King Edward who rests at Westminster, London; Paris; New York: Thomas Nelson and Sons,
54, „(...) contigit hoc ante ipsum pauciis diebus, cum mox intra ipsos natalicos dies idem deo earus rex
Aedwardus ex contradicta animi egritudine languesans obiit quidem mundo, sed feliciter assumptus est victurus
cum deo.”
196 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1962), The Life of King Edward who rests at Westminster , London, Paris; New York:
Thomas Nelson and Sons, 76: „Auditis hic qui aderant (...) terentur nimium utpote qui plenum de to malis et de
negata spe pietatis audierunt verbum.”
197 Ibid., 76: „(...) archiepiscopus qui debuerat vel primus pavere, vel verbum consilii dare, in fatuato corde
subenurat in aurum ducis senio confectum et morbo, quid diceret nescire.”
zu mir verlassen haben (…), dass du sie schützt und in deine Dienste nimmst (…) oder sie in Frieden nach Hause zurücksendest.’” 198
Auch Wilhelm von Poitiers akzeptierte die Reichsübertragung an Harold auf dem Sterbebett als eine Tatsache, betrachtete sie aber gegenüber der früheren Übertragung an seinen Herren als ungültig. In seinem Bericht übernimmt jedoch Harold die Gegenposition: „Denn seit der Zeit, als der gesegnete Augustinus in dieses Land kam“, lässt er Harold sagen, „war es der allgemeine Brauch dieses Volkes, dass eine in der Stunde des Todes gewährte Gabe gültig sei.“ 199
Wenn es hier wirklich einen Widerstreit der Rechtsbräuche in England und der Normandie gab und damit auch ein Konflikt in der Einschätzung, wird hier eine zusätzlich e Dimension in Hinsicht aus die Ereignisse von 1066 sichtbar.
Der Tod Eduard des Bekenners markierte das Ende der Vorherrschaft des Königshauses Wessex aus der Linie des legendären Cerdic. Ob hier nun auch der letzte legitime angelsächsische König verblich, ist eine Frage des Blickwinkels. Die Verortung Eduard des Bekenners in der englischen Geschichte ist nicht einfach. Bei seinen Zeitgenossen hinterließ er nur wenig Eindruck. Er stand nach der normannischen Eroberung Englands für einen Vertreter der „guten alten Zeiten“. Erst seine Kanonisierung durch Papst Alexander III. am 7. Februar 1161 200 , ließ ihn zu einer heiligen Figur aufsteigen. Zudem war er einer der wichtigsten Heiligen König Heinrichs III., der seinen Sohn nach ihm benannte. „Der angelsächsische Name ‘Eduard’ entwickelte sich damit zu einem neuen Leitnamen der angevinischen Dynastie.“ 201
In der heutigen Zeit, wurde er eher misstrauisch beäugt: als ein unaufrichtiger und undurchsichtiger Mensch, als ein zweifelhafter Patriot, als ein schwacher und verantwortungsloser König, als fragwürdiger Heiliger. 202 Zusätzlich könnte er als vollkommener Fehlschlag gedeutet werden. Ein Mann, der immer unter dem Einfluss und Macht anderer stand; jemand, der in seinem ganzen Leben nur Opfer der Umstände war. Dies reflektiert aber nur eine oberflächliche Auffassung seiner Person. Eine nähere Analyse seines
198 Ibid., 79; Man könnte „nutricius“ (Ernährer) in diesem Zusammenhang direkt für den „Erben des
Reiches“ benutzen. „Statthalter“ scheint aber adäquater.Vgl. Ni edner, F., (Hrsg.) (1965), Snorri´s Königsbuch
(Heimskringla), Bd, 3, Düsseldorf; Köln: Diederichs Verlag, 147: „Es heißt, daß, als der König im Sterben lag,
Harald in seiner Nähe war und nur wenige Männer außerdem. Da bog sich Harold über den König und sp rach:
‘Hiermit rufe ich euch alle zu Zeugen an, dass der König nur sein Königtum und die Alleinherrschaft in England
gab.“; vgl. Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, Versionen
C/D, 192/193.
199 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume le Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition les Belles Lettres, 172/174.
200 Vgl. Barlow, F., (1970), Edward the Confessor, London; Paris, New York: Yale University Press, xxi.
201 Vgl. Sarnowsky, J., (2002), England im Mittelalter, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 151.
202 Barlow, F., (1970), Edward the Confessor, London; Paris; New York. Yale University Press, 286.
Verhaltens offenbart eine findige und intelligente Urteilskraft. Obwohl er sich in den letzten Jahren seiner Herrschaft überwiegend dem religiösen Bereich widmete, bedeutet das automatisch nicht, er wäre plötzlich politisch handlungsunfähig gewesen. Der Strudel der Ereignisse lässt heute nur keine Alternative durchscheinen.
Viele Urteile über die Person Eduard des Bekenners waren meist in Interpretationen mit politischer Zielsetzung eingebettet, die sich oftmals in ungerechtfertigten Ressentiments im Zusammenhang mit der normannischen Invasion Englands äußerten. Seine wahren Errungenschaften wurden oft ignoriert. In der Zeit zwischen 1042 und 1066 war unter Eduards Herrschaft ein Königreich entstanden, das eine größere organische Einheit als jemals zuvor darstellte. Er verlieh dem frühmittelalterlich geprägten England die Struktur eines festen Staatsgebildes.
II. 7. Rex Haroldus
König Eduard war ohne Nachkommen verst orben, daher trat sofort wieder die Frage der englischen Thronfolge in den Vordergrund.
Die Hauptakteure der folgenden Geschehnisse, die sich um die Problematik drehten waren: Earl Harold von Wessex, König Harald Hardraada von Norwegen, 203 der verbannte Earl Tostig von Northumbria und natürlich Herzog Wilhelm II. der Normandie. In der Rivalität jener Männer spiegelten sich hierbei auch die großen politischen Probleme wider, die durch die Beziehungen zwischen Skandinavien, England und der Normandie entstanden waren. Überdies berichten die zeitgenössischen Darstellungen von einem unheilvollen Omen,einem Kometen - das am Himmel am Himmel in Europa aufzuleuchten begann. 204 Harold Godwinsson ergriff die Gelegenheit und ließ sich einen Tag nach dem Tode Eduard des Bekenners, d.h. am Tage seiner Beerdigung, mit Unterstützung einer in London anwesenden Gruppe von Feudalherren wählen und zum König krönen; anscheinend geschah dies durch Erzbischof Ealdred von York in des Bekenners neuen Abtei von Westminster.
203 Vgl. Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 177. Hardraada war ein Halbbruder des
Heiligen Olaf. Er stützte sich in seinem Anspruch auf die Thronfolge in England auf einen zwischen Harthaknut
und Magnus geschlossenen Pakt.
204 Vgl. Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, Versionen C/D,
194/195: [1066] „At that time, throughout all England, a portent such as men had never seen before, was seen in
the heavens. Some declared that the star was a comet, which some call ‘the long - haired star’.“; vgl. Grape, W.,
(1994), Der Teppich von Bayeux, München: Prestel, 124: „ISTI MIRANT STELLA/hARLOD“; Es wird suggeriert,
dass die Erscheinung auch Harold mit Besorgnis erfüllt. Er sitzt mit geneigtem Kopf und hört einem Mann zu.
Der Teppich legt nahe, dass es um die befürchtete Invasion der Normannen geht.; vgl. von Gaudy, F., (Hrsg. )
(1835), Robert Wace: Der Roman von Rollo und den Herzögen der Normandie, Glogau: Fleming, 239: „Es ließ
zur Zeit, wo dies geschehn ein mächtiges Gestirn sich sehn, das vierzehn Tag am Himmel stand, südwärts den
Strahlenschwert gewandt. Gewöhnlich schaut man solchen Stern, bekommt ein Reich ´nen neuen Herrn.“
Hierbei bestätigt nur John von Worcester die Weihe durch den Erzbischof von York. 205 In der Darstellung des Bildteppichs von Bayeux sieht man, dass einer der zwei Männer, die vor Harold stehen, die Krone übergibt. Daneben sitzt dann der neue König mit Zepter und Reichsapfel auf dem Thron. Rechts von Harold wird ihm das Staatsschwert dargereicht. Auf der anderen Seite hält der Erzbischof von Canterbury (Stigand) im Ornat das Manipel und hebt seine Hände. Der Teppich bekundet damit, dass Stigand die Krönungszeremonie vornahm. 206 Wilhelm von Poitiers stellt diese Krönungszeremonie, im Sinne der normannischen Propaganda, als einen verräterischen und hinterhältigen Akt dar. Harold stiehlt die Krone und wird auch noch durch den unkanonischen, mit dem Bann belegten, Stigand geweiht. 207 Die gleiche Haltung nimmt auch Ordericus Vitalis ein. Die unangemessene Hast der Vorgänge könnte darauf hinweisen, dass Harold den Plan schon vorher gefasst hatte und um mögliche Opposition fürchtete. Gerade in der Übergehung von Edgar Atheling, als den letzten legitimen Nachfolger aus dem Hause Cerdics, der zu diesem Zeitpunkt noch zu jung war, hätte ein solcher Moment bestehen krönen; oder eine illegitime Betrachtung der Designation durch Eduard den Bekenner hätte Gegner, sogar aus den eigenen Reihen, hervorrufen können.
Jedoch könnten die Umstände jener Zeit schnelles Handeln erfordert haben. Man wusste, dass von Skandinavien her ein erneuter Angriff auf England bevorstand und dass Tostig von Flandern mit Waffengewalt zurückkehren konnte. Unter diesen Umständen war eine harte Führung notwendig, die am Besten vom Earl von Wessex, der bereits der mächtigste Mann in England war, übernommen werden konnte. 208
In diesem Zusammenhang ist die Haltung von Tostig Godwinsson interessant. Es ist zwar nicht erwiesen, ob er sogar selbst nach der englischen Krone trachtete, jedoch ist seine Reaktion auf Harolds Inthronisierung nur wenig positiv. In der Heimskringla steht: „Als aber Jarl Tosti, sein Bruder, erfuhr, da war er wenig zufrieden.“ 209 Er kehrte nach England zurück
205 Vgl. Darlington, R. R./ McGurk, P., (Hrsg.) (1995), The Chronicle of John of Worcester, Vol. II, Oxford:
Clarendon Press, 600/601: „Quo tumulato, subregulus Haroldus (...) quem rex ante sua decessionem regni
successorem elegerat, a totius Angliae ad regale culmen electus die eodum ab Aldredo Eboracensi
archiepiscopus in regem est honorifice consecratus.“
206 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 123:
„hIC DEDERVNT:hAROLDO:/CORONA:REGIS hIC RESIDET:hAROLD/
REX:ANGLORVM:/STIGANT/ARCIEP¯S“
207 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris:
Société D´Edition Les Belles Lettres, 146: „Nec sustinuit Anglus quid electio publica statueret consulere; sed in
die Cugubri quo optimos ille humatus est, cum gens universa plangeret, perjurus regum solium cum plenum
occupavit, quibusdam iniquis faventibus (...). Ordinatus est non sancta consecratione Stigandi, justo zelo
apostolici et anathemate ministerio sacerdotum privati.“
208 Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 187.
209 Vgl. Niedner, F., (Hrsg.) (1965), Snorri´s Königsbuch (Heimskringla), Bd. 3, Düsseldorf; Köln: Diederichs
Verlag, 147.
und stellt König Harold zur Rede: „König Harald sagte, er dächte nicht daran, die Königswürde aufzugeben, denn er sei feierlich auf den Thron, den der König innehatte, gesetzt worden, und er wäre dann gesalbt und habe die Königsweihe empfangen. Die g anze Masse des Volkes schlug sich auf seine Seite, und überdies hatte er alle Königsschätze in Verwahrung.“ 210 Darauf hin, laut der Überlieferung von Ordericus Vitalis, erklärt Tostig ihm offen den Krieg. 211 Da er aber nicht über ausreichende Streitkräfte verfügte, brauchte er Verbündete. Ordericus Vitalis behauptet, dass Tostig von Flandern aus in die Normandie reiste, um sich durch Herzog Wilhelm entsprechende Unterstützung zu verschaffen. Im Gegenzug wollte er dem Herzog die Krone sichern. 212 Jener Bericht ist aber nirgendwo anders vermerkt, so dass er wahrscheinlich der späteren Rekonstruktion und damit Verfälschung der Ereignisse geschuldet sein dürfte.
Auch Snorri Sturluson berichtet von der zweifelhaften Suche Tostigs nach Unterstützung: „(...) denn Tosti war ein sehr kluger Mann, ein gewaltiger Krieger und wohl befreundet mit den Häuptlingen des Landes.“ 213 Hier beschränkt sich seine Suche aber auf den skandinavischen Raum. Diese Tatsache ist aber von Snorris Darstellungsweise abhängig, die sich im Wesentlichen auf die nordischen Könige und deren Einflussbereich beschränkt. Tostig reist nach Dänemark, um den dortigen König Svein (hier: Svend) um Hilfe zu bitten. Dieser winkt jedoch ab, da sich diese Angelegenheit wohl als zu heikel erweisen würde. Daher nimmt Tostig die letzte mögliche Gelegenheit war: „Möglicherweise werde ich nun um Freundschaft nachsuchen, wo es viel weniger angebracht ist (...).“ 214 Dies alles deutet auf seine opportunistische Haltung hin. Er nimmt alles, was er bekommen kann, nur um seinen eigenen Willen und Status durchzusetzen. Dabei ist es ihm egal, wer das ausübende Instrument ist. Sein Trotz gegenüber seinem Bruder Harold muss so groß gewesen sein, dass er gar nicht mehr das Verderben erkannte, in das er hineinlief. Nach der Schilderung der Heimskringla fuhr Tostig nun nach Norwegen, um den dortigen König Harald Hardraada (der „Harte“) zur Unterstützung zu bewegen. Tostig trifft genau den richtigen Punkt bei dem von Ehrgeiz zerfressenem König: „Willst du aber England erobern, dann werde ich es so einrichten, daß der größte Teil der dortigen Häuptlinge deine Freunde und Förderer sind. Mir fehlt meinem Bruder Harald gegenüber nichts als der
210 Ibid, 148.
211 Vgl. Chibnall, M., (Hrsg.) (1983), The Ecclesiastical History of Orderic Vitalis, Vol. II, Oxford: Clarendon
Press, 138/139: „Tunc Tosticus (...) aduertens Heraldi fratres sui praenalere fascinus, (...), contradixit et aperte
pepugnare decreuit.“
212 Ibid., 138/139.
213 Vgl. Niedner, F., (Hrsg.) (1965), Snorri´s Königsbuch (Heimskringla), Bd. 3, Düsseldorf; Köln: Diederichs
Verlag, 148.
214 Ibid., 148.
Königsname.“ 215 Sie fassen dann zusammen den Entschluss, im Sommer nach England zu fahren, um das Reich zu erobern.
Der König von Norwegen hatte zu dieser Zeit mehr als genug Erfahrung und das nötige Temperament, um eine entsprechende Invasion Englands vorzunehmen. Er hatte nach seiner Vertreibung aus Norwegen, in seinen verschiedenen Exilaufenthalten (u.a . Sizilien, Bulgarien u.a. Teilen des Byzantinischen Reiches) in den Jahren zwischen 1034 und 1043, genug Erfahrung in der Kriegführung gewonnen. Außerdem konnte er sich nach seiner Rückkehr erfolgreich gegen seinen Konkurrenten Svein Esthritsson, König von Dänemark, durchsetzen. Er trug nicht umsonst seinen Beinamen der Harte. 216
In der Zwischenzeit versuchte König Harold II. seine Stellung in England zu etablieren. Ein wichtiger Punkt hierbei war die Anerkennung im Norden des Reiches. In den nördlichen Provinzen erhob sich sofort nach seiner Inthronisierung Unzufriedenheit. Infolgedessen zog Harold ganz zu Anfang seiner Herrschaft nach York, wo es ihm mit der Unterstützung Bischof Wulfstans von Worcester und zweifellos mit der Hilfe des Erzbischofs Ealdred gelang, den Aufruhr zu ersticken. Darüber hinaus wurde die Zustimmung der Earls Edwin und Morcar wichtig. Um sich ihre Treue zu erhalten, stimmte Harold wahrscheinlich während der ersten Monate seiner Herrschaft dem Projekt zu, deren Schwester Aldgitha (ode r Edith) zu heiraten. Sie war die Witwe des walisischen Herrschers Gryffydd, den Harold, noch in seiner Eigenschaft als Earl, erfolgreich bekämpft hatte. In dieser Lage war die Stellung eines Königs, der jederzeit den Angriffen seines verbannten Bruders oder des mächtigen Königs von Norwegen ausgeliefert war und ihnen Widerstand leisten musste, äußerst unsicher. Er stellte sich seinem Schicksal dennoch trotzig entgegen. „Eine zugunsten Harold Godwinssons, des letzten angelsächsischen Königs gehaltene Verteidigungsrede (...) sollte sich (...)auf die Art und Weise beziehen, mit der ein mächtiger Krieger und tapferer Mann neun Monate lang gegen eine feindlich gesinnte Welt kämpfte, die ihn schließlich (...) überwältigte.“ 217
II. 8. Die Schlacht von Stamford Bridge
In seiner Besorgnis um eine Invasion Englands durch Herzog Wilhelm, hatte König Harold den ganzen Süden Englands mit Streitkräften abgesichert. Aber die Zeit des Wartens war lang und wegen der sich ankündigenden Erntezeit, lösten sich nach und nach die stationierten
215 Ibid., 150.
216 Vgl. Walker, I. (1997), Harold: The Last Anglo - Saxon King, Stroud: Sutton, 153.
217 Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 188/189.
Heeresverbände auf. Harold hatte aber den Norden vernachlässigt, was sich fatal auswirken sollte.
Anfang Mai des Jahres 1066 unternahm Tostig nämlich den Versuch, mit Waffengewalt nach England zurückzukehren. 218 Er verwüstete die Insel Wight und besetzte dann Sandwich, wo er eingeborene Seeleute in seinen Dienst nahm; darauf hin segelte er mit einer sechzig Schiffen starken Flotte an der Ostküste entlang bis zur Mündung des Humber. Als er jedoch im nördlicheren Lincolnshire Raubzüge unternahm, wurde sein Heer durch Truppen vernichtet, die durch Edwin von Mercia aufgestellt waren, woraufhin viele seiner überlebenden Gefolgsleute fahnenflüchtig wurden. Darauf hin segelte Tostig mit seiner reduzierten Flotte nordwärts und nahm bei König Malcolm von Schottland Zuflucht. 219 Wenige Monate später griff dann Harald Hardraada England an - ein Feldzug, der den großen Wikingerüberfällen unter Knut vergleichbar war. 220 Tostig stieß zu ihm und am 18. September war die gesamte Streitmacht bis zur Mündung des Humber vorgestoßen und landete bei Riccall am Yorkshire Ouse. Darauf hin zogen sie gen York, wo sie sich bei Gate Fulford den Streitkräften Edwins und Morcars stellten, die sie vernichtend schlugen. 221 Im Süden müssen diese Nachrichten Harold Godwinsson als überwältigenden Schock erreicht haben. Doch erfolgte seine Reaktion auf diese Drohung sehr schnell. Sofort brach er mit seinem gesamten Heer nach Norden auf. Dort trafen die Heere bei Stamford Bridge aufeinander.
Entgegen aller anderen Überlieferungen, versuchte Snorri Sturluson in seiner Heimskringla, den historischen Charakteren Leben einzuhauchen. Hierbei wird zunächst der Bruderkonflikt in den Vordergrund gestellt. Auch ist seine Darstellung mit Anekdoten angereichert. So sieht Harold Godwinsson einen Vertreter des norwegischen Heeres unglücklich fallen und fragt seine Gefolgsleute: „Kennt ihr diesen großen Mann, der vom Pferde fiel, der mit dem blauen Wams und dem glänzenden Helme?“ „Das ist der König selbst“, versetzten jene. Der Engländerkönig sagte: „Ein großer Mann und stolzer Haltung, doch scheint es, ihn verließe das Glück.“ 222
Im Folgenden greift Harold Godwinsson zu einer List, um den Kontakt zu seinem Bruder zu suchen und die Lage genauer betrachten zu können. Er steckt sich in das Gewand eines sein er Gefolgsleute und reitet in das norwegische Lager - quasi als Botschafter. Er trifft auf Tostig
218 Vgl. Garmonsway, G. N., (Hrsg.) (1990), The Anglo - Saxon Chronicle, London: J. M. Dent, Versionen C/D,
194 - 197.
219 Ibid., Versionen C/D, 194 - 197.
220 Ibid., Versionen C/D, 196/197.
221 Vgl. Douglas, D . C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 198.
und überbringt ihm die vermeintliche Botschaft: „Dein Bruder Harald sendet dir einen Gruß und zugleich diese Botschaft: Du sollst Frieden halten und ganz Northumberland, und ehe, dass du ihn angreifst, will er dir lieber den dritten Teil seines Reiches geben.“ 223 Tostig durchschaut die Situation, ist aber immer noch erfüllt von den Ressentiments gegenüber seinem Bruder: „Das ist ein anderes Angebot als Unfrieden und trug wie im Winter (…). Wohlan, ich nehme die Bedingung an, was will er aber dann König Harald Sigurdsson für seine Mühe bieten“ 224
Darauf hin erfolgt die bekannte Aussage, die symbolisch für die ganze Schlacht steht: „Er hat wohl davon gesprochen, wieviel er ihm von England gönne, nämlich sieben Fuß breit Land oder um so viel mehr, als jener seine Mannen überragt.“ 225
Später entbrannte eine harte und blutige Schlacht, in der sowohl Tostig als auch der König von Norwegen ums Leben kommen.
Bei Snorri Sturluson kämpft der norwegische König hart und verbissen: „König Harald Sigurdsson wurde nun so wütend, dass er weit aus der Schlachtreihe vorlief und mit beiden Händen hieb (…). Da wichen alle, die ihm zunächst standen, vor ihm zurück, und es war nahe daran, dass die Engländer sich in Flucht auflösten (…). König Harald Sigurdsson wurde durch einen Pfeil in die Kehle getroffen. Diese Wunde gab ihm den Tod (…)“. 226 Der Tod von Tostig wird in der Heimskringla nicht mehr explizit erwähnt, wahrscheinlich spielt er in diesem Zusammenhang keine tragende Rolle mehr, da das Hauptaugenmerk auf dem König selbst lag. Snorri findet zum Schluss der Darstellung über Harald Hardraada noch einige Bemerkungen zu dessen Statur und Sinnesart: „Allgemein sagte man im Volke, König Harald habe alle Leute an Klugheit und Ratsicherheit übertroffen, ob er nun einen schnellen Entschluss fassen oder einen weit ausschauenden Plan entwerfen musste. Stets war er siegreich (…). Hinsichtlich seiner körperlichen Beschaffenheit war er „ein schöner und stattlicher Mann, mit gelblichem Haar und gelblichem Bart (…). Er hatte lange Hände und Füße, war aber sonst wohl gewachsen. Fünf Ellen maß seine Gestalt.“ 227 Jedoch verhehlte
222 Vgl. Niedner, F., (Hrsg.) (1965), Snorri´s Königsbuch (Heimskringla), Bd. III, Düsseldorf; Köln: Diederichs
Verlag, 159.
223 Ibid., 159.
224 Ibid., 159.
225 Ibid., 159.
226 Ibid., 162; vgl. Niedner, F., (Hrsg.) (1965), Norwegische Königsgeschichten: Novellenartige Erzählungen
(þættr), Bd. 1, Düsseldorf; Köln: Diederichs Verlag, 307. In diesem Zusammenhang gibt es eine Geschichte
(Hemmingþættr), in der Heming Aslaksson Harald Hardraada diese Pfeilwunde zugefügt haben soll. In dieser
Erzählung tritt das Harte und Gewaltsame in Haralds abenteuerlicher Sinnesart hervor. Harald sieht in Hemming,
ein geheimnisvoller Bauernsohn, einen Thr onprätendenten. er soll getötet werden; überlebt aber nur mit Hilfe
des Heiligen Olaf, der ihm erscheint. Hemming schwört Rache und verdingt sich später im englischen Heer unter
der Führung Harold Godwinssons. In der Schlacht bei Stamford Bridge schießt er den tödlichen Pfeil ab.
227 Vgl. Niedner, F., (Hrsg.) (1965), Snorri´s Königsbuch (Heimskringla), Düsseldorf; Köln: Diederichs Verlag,
169.
Snorri nicht dessen Gier nach Macht und Reichtum: „König Harald war äußerst begierig nach Macht und nach jeder Art von Gewinn (…) aber heerte, um seinen Ruhm und seine Macht zu mehren, und er unterwarf sich alles Volk, so weit er konnte.“ 228 Mit der Schlacht von Stamford Bridge am 25. September 1066 war einer der größten Siege des ganzen Mittelalters errungen worden. Sie kennzeichnet auch Harold Godwinsson als einen bemerkenswerten Befehlshaber. Der norwegische Gegner hatte bei Gate Fulford zwar schwere Verluste erlitten, doch war das Heer unter der Führung eines der berühmtesten Krieger jener zeit nichtsdestoweniger furchtbar. Darüber hinaus war das Heer, das Harold Godwinsson zur Verfügung hatte, in höchster Eile gesammelt worden und hatte unter der Belastung eines mehrere Tage dauernden Gewaltmarsches gekämpft. Was diesen Feldzug jedoch so außergewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass ein von London aus operierender Feldherr, trotz der Umstände, fähig war, seinen großen Gegner zu überraschen. König Harolds Sieg war ebenso verdient wie vollständig, doch kam es nun darauf an, ob er rechtzeitig in den Süden gelangen konnte, um dort der bevorstehenden Landung des Herzogs der Normandie entgegenzutreten.
II. 9. Die Schlacht von Hastings
Mit der Inthronisierung Harald Godwinssons zum englischen König war in der Normandie der Siedepunkt aller bisherigen Spannungen erreicht. Der Bildteppich von Bayeux zeigt, wie ein Schiff die Nachrichten in die Normandie bringt. 229 Für Herzog Wilhelm bedeutete Harolds Machtergreifung sowohl eine persönliche Beleidigung als auch eine politische Herausforderung. Seine Reaktion auf die Neuigkeiten aus England erfolgte blitzartig. Er sandte sofort Protest an den englischen Hof, was aber nur eine rein formale Handlung war, da der Herzog von Anfang an wusste, dass seine ganze politische Zukunft nun von seinen Fähigkeiten abhing, seine Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen. Diese Tatsache wird auch bei den Gesta Guillemi deutlich. 230 Selbst in der Darstellung bei Snorri Sturluson wird der
228 Ibid., 170.
229 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 143:
„HIC:NVNTIATVM EST:/WILLELM DE hAROLD:/“
230 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société Les Belles Lettres, 146 : „Dux Guillelmus, habita cum ais consultatione, armis injuriam ulcisci, armis
haereditam reposcere decrevit, tametsi complures majorum id ingeniose dissuaderent, ut rem nimis a reluam,
Normanniae viribus longe majorem.”
Thronanspruch Wilhelms deutlich, jedoch spielt auch der Bruch des Heiratsversprechens mit der Tochter des Herzogs eine gewichtige Rolle. 231
Der zeitliche Ablauf der folgenden Ereignisse vor der Schlacht und die von Herzog Wilhelm getroffenen Maßnahmen erscheinen zunächst verworren, doch sind Intention und Zielsetzung ebenso klar wie der Abschluss.
In der kritischen Zwischenzeit sicherte sich Herzog Wilhelm wohl zunächst die Unterstützung seiner Vasallen und förderte die Spaltung zwischen seinen Rivalen. Er wandte sich mit Erfolg an die öffentliche Meinung Europas. Zudem traf er wesentliche Vo rbereitung zur Rüstung seines Heeres. Ein wesentlicher Aspekt zur Absicherung seines Unternehmens war die Absegnung durch den Papst. Unter Führung des Archiediakons Gilbert von Lisieux schickte er eine Gesandtschaft aus, die von Papst Alexander II. zugunst en des Herzogs ein Urteil erbitten sollte. Unglücklicherweise existieren keine Berichte darüber, wie die Angelegenheit in Rom aufgenommen wurde. Es fehlt auch jegliches Material über eine eventuell an Harold Godwinsson ergangene Aufforderung, zu seiner Verteidigung zu erscheinen. Auf der anderen Seite, lassen sich Argumente der Vertreter des Herzogs vermuten: Harolds Eid und dessen durch die Thronbesteigung erfolgte Bruch.
Das Ergebnis war, dass der Herzog letztlich die Billigung des Papstes, den päpstliche n Segen und das päpstliche Banner für das Unternehmen erhielt, womit die Rechtmäßigkeit seiner Sache von der höchsten Instanz des lateinischen Christentums bestätigt wurde. Überdies verfolgte Herzog Wilhelm in seinen Vorbereitungen eine regelrechte diploma tische Offensive: Allianzähnliche Vereinbarungen wurden mit dem jungen deutschen König Heinrich IV. und sogar mit Svein Esthritsson von Dänemark getroffen, der selbst ein potentieller Anwärter auf den englischen Thron war durch seine Verwandtschaft mit Knut. 232
In der Heimskringla befindet sich eine skurrile Anmerkung hinsichtlich des Verhältnisses des Herzogs zu seiner Frau kurz vor seiner Abreise, das dramatische Ausmaße annimmt: „An dem Tage (…) trat sein Weib zu ihm und wollte mit ihm reden. Als er dies s ah, da stieß er nach ihr mit seiner Ferse und trieb ihr die Sporen in die Brust, dass sie tief eindrang. Da fiel sie hin und war sofort tot, der Jarl ritt aber nun zum Schiff (…)“ 233 Jene Episode entspricht nicht
231 Vgl. Niedner, F., (Hrsg.) (1965), Snorri´s Königsbuch (Heimskringla), Bd. 3, Düsseldorf; Köln: Diederichs
Verlag, 164: “(...)der Bastard Wilhelm, der Jarl von Rouen, hörte von dem Tode des Engländerkönigs Edwards,
seines Verwandten, ferner auch, daß man in england Harald Godwinsson zum Könige gewählt hatte und daß
dieser als König geweiht war. Wilhelm aber glaubte, ein besseres Anrecht auf England zu haben als harald
wegen seiner Verwandtschaft mit König Edward. Mit bestimmte ihn auch, daß er den Schimpf an Harald rächen
zu müssen glaubte, daß jener die Verlobung mit seiner Tochter nicht eingehalten hatte.”
232 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition Les Belles Lettres, 152.
233 Vgl. Niedner, F., (Hrsg,) (1965), Snorri´s Königsbuch (Heimskringla), Bd. 3, Düsseldorf ; Köln : Diederichs
Verlag, 164/165.
den historischen Tatsachen. Zudem wird hier deutlich, wie viel Snorri aus der Skaldenlyrik schöpfte, die zwar den Ereignissen sehr nahe stand, jedoch nur wenig verlässlich war. Es sollte hier wohl eine Überspitzung der Ereignisse dargestellt werden, die sich in der Persönlichkeit des Herzogs niederschlug - als ein grobschlächtiger Machthaber; obwohl ihn Snorri später als „größer und stärker als die meisten Männer“ darstellte - als ein „tüchtiger Ritter, ein gewaltiger Kriegsmann, aber grausamen Herzens“. Zudem war er ein „sehr kluger Mann, doch galt er für wenig verlässlich“. 234
Die unmittelbaren Ereignisse vor der Landung in England waren im Wesentlichen von den klimatischen Verhältnissen abhängig. Der Wind auf dem Kanal war ein ungewisser Faktor. Das Flehen um günstige Winde bestimmten die Gedanken der Normannen und ihrer Verbündeter zu dieser Zeit. Während König Harold zwei tage nach der Schlacht von Stamford Bridge seine erschöpften Truppen in York rasten ließ, kam über dem Kanal günstiger Wind auf. Hastig ließ der Herzog die Truppen einschiffen. Am 27. September stach die Flotte bei Einbruch der Nacht in See, landete dann aber nach einigen Zwischenfällen am 28. September mit seinen Truppen bei Pevensey, wo er fast keinen Widerstand vorfand. „Damit schloss er ein Unternehmen ab, das seinen Ergebnissen nach beurteilt, als eine der wichtigsten Operationen zur See in der Kriegsgeschichte betrachtet werden kann.“ 235 Bei der Landung in Pevensey soll Wilhelm gestolpert und gestürzt sein, was abermals als ein positives Vorzeichen für seine zukünftige Herrschaft gedeutet wurde - diese Tatsache wird zumindest im Roman de Rou aufgezeigt: „Als Wilhelm auf der Hände Ballen das Schiff verlassend, ist gefallen, so hoben alle an zu schrein: Die muß ein übles Zeichen sein! Da rief der Herzog überlaut: Bei Gottes Glanz! Ihr Herrn, schaut das Land mit jeder Hand mich fassen, nie will ich´s ohne Kampf verlassen. Dies All´s gehört nur uns allein. Jetzt wird ich sehn, wer kühn wird seyn.“ 236
Zudem werden in den zeitgenössischen normannischen Überlieferungen vermehrt Eigenschaften der Hauptakteure der kommenden Schlacht dargeboten. Im Carmen de Hastingae Proelio wird König Harold als frevelhafter Brudermörder dargestellt. Als ein Kain, der den Kopf seines Bruders mit dem Schwert abtrennte und diesen verächtlich in der Erde begrub. 237 Herzog Wilhelm hingegen wird als Wahrer des Rechts (Justicie cultor), als Friedensbringer (patrie pax), als Feind seiner Feinde (hostibus hostis) und als Beschützer der
234 Ibid., 164/165.
235 Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 199.
236 von Gaudy, F., (Hrsg.) (1835), Robert Wace: Der Roman von Rollo und den Herzögen der Normandie,
Glogau: Fleming, 246.
237 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1999), The Carmen de Hastingae Proelio of Guy Bishop of Amiens, Oxford:
Clarendon Press, 8.
Kirche (tutor ecclesie) präsentiert 238 - Charakteristika eines rechtschaffenen, legitimen mittelalterlichen Herrschers, der seines Rechts beraubt wurde.
Ähnlich verhält es sich bei Wilhelm von Poitiers. Auch wird Harold als Unhold bezeichnet, der den Thron unrechtmäßig an sich riss, während Wilhelm als ein gläubiger und weiser (catholico et sapienti) Mann bezeichnet wird, der kein Unrecht geschehen lasse. 239 Zudem wird der Herzog mit antiken Vorbildern wie Agamemnon oder Xerxes verglichen, die mit Hilfe ihrer Kriegskunst, fremde Reiche eroberten. 240 Es muss hierbei berücksichtigt werden, dass die normannische Tradition Wilhelms Rechtsanspruch legitimieren sollte. Somit musste er diese Eigenschaften erfüllen und Harold, als sein Gegner, musste in jenen negativen Bildern eines Usurpators, Verräters und Verbrechers dargestellt werden. Wie die Realität und die Haltungen der Kontrahenten tatsächlich aussahen, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Womöglich waren beide sich in ihren persönlichen Eigenschaften zu ähnlich. Berücksichtigt man den Besuch Harolds in der Normandie (1064) und die daraus folgenden Darstellungen, so steht wahrscheinlich hinter den offiziellen Verlautbarungen letztlich wohl nur verletzter Stolz und Ehre. Die ersten Maßnahmen des Herzogs nach der Landung galten der Ausrichtung eines strategisch günstigen Ausgangspunktes. So wurde in einem alten römischen Kastell eine Burg errichtet und der Hafen bei Hastings entsprechend befestigt. König Harold bekam wohl die Nachricht von der normannischen Landung am oder um den 1. Oktober in York und begab sich unverzüglich auf seinen letzten Feldzug. Er legte in höchstens dreizehn Tagen die Distanz von York nach London zurück. Dort hielt er sich so kurz wie möglich auf, um zusätzliche Truppen zu sammeln. Er marschierte dann die weitere Strecke bis nach Sussex hinein und näherte sich Hastings am Freitagabend, dem 13. Oktober. 241
Der Austragungsort der Schlacht wird generell bei der Stadt Hastings lokalisiert. Die Darstellung auf dem Bildteppich von Bayeux bestätigt dies auch. 242 Jedoch gibt der Autor des Carmen de Hastingae Proelio dem Schlachtort keinen expliziten Namen. Nur die Zuschreibung bei Ordericus Vitalis „(…) metricum Carmen edidit (…) Senlacium bellum
238 Ibid., 4.
239 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition Les Belles Lettres, 156/158.
240 Ibid., 162.
241 Brown, R. A., (2004), Die Normannen, Düsseldorf: Albatros, 88.
242 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 145:
„hIC:MILITES:EXIERVNT:DE HESTENGA“
descripsit (…)“ 243 benennt Senlac und der Ort Hastings tritt nur als Hafen nach der Schlacht auf. Allgemein wird aber angenommen, dass die Sc hlacht bei Telham Hill nahe der heutigen Stadt Battle stattfand. 244
In der Schilderung des Bildteppichs von Bayeux steht dabei Wilhelm vor den Toren von Hastings in voller Rüstung. Mit Ausnahme eine später erscheinenden Ritters trägt der Herzog neben seinem Kettenhemd als einziger zusätzlich Panzergamaschen. 245 In den nun folgenden, übrigen Überlieferungen erfolgen zunächst Berichte von Spähern der jeweiligen Lager. Bei Wilhelm von Poitiers erreicht Robert, Sohn der Guimara und normannischer Abstammung, das Lager Wilhelms. Er berichtet von einem kampfeswütigen Harold, der nach dem Gewinn der Schlacht von Stamford Bridge, einer erneuten Auseinandersetzung energisch entgegengeht. 246 Im Anschluss versuchen Unterhändler, die ihnen aufgetragenen Botschaften mit den jeweiligen Forderungen geltend zu machen. Bei beiden Herrschern stößt dies natürlich auf Ablehnung. Eine offene Auseinandersetzung ist unausweichlich.
Die Schlacht beginnt um neun Uhr früh, am Samstag, den 14. Oktober 1066, mit ungefähren 7000 Männern auf beiden Seiten.
Im Carmen de Hastingae Proelio und im Roman de Rou kennzeichnet die Taillefer -Geschichte den Beginn der Schlacht. Taillefer (Incisor - ferri), der mit seinem Schwert an der Front des normannischen Heeres jongliert, stiftet die Engländer an, ihn zu attackieren. Er tötet darauf hin den ersten Engländer, indem er dessen Kopf abschlägt und diesen als gutes Omen für den Ausgang der Schlacht den Normannen zeigt. 247 Bei Wace wird dies hingegen wird dies weniger brutal gezeigt. 248
Die Episode des Taillefer im Carmen de Hastingae Proelio stellt die einzige zeitgenössische Sichtweise dieser Figur dar. Weder bei Wilhelm von Poitiers, Wilhelm von Jumièges oder auf dem Bildteppich von Bayeux wird der Schlachtbeginn durch solch einen Charakter eingeleitet. Hier ist eher überliefert, wie die normannische Reiterei und Bogenschützen gegen die
243 Vgl. Chibnall, M., (Hrsg.) (1983), The Ecclesiastical History of Orderic Vitalis, Vol.II, Oxford: Clarendon
Press, 184 - 187.
244 Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 202.
245 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 143.
246 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition Les Belles Lettres, 170 : „Prudens vir computaris, domi militaeque cuncta hactenus prudenter
egisti. ”
247 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1999), The Carmen de Hastingae Proelio of Guy Bishop of Amiens, Oxford:
Clarendon Press, 24.
248 Vgl. von Gaudy, F., (Hrsg.) (1835), Robert Wace: Der Roman von Rollo und den Herzögen der Normandie,
Glogau: Fleming, 285: „(…) Gewahrt Vergünstigung mir nun, im Kampf den ersten Hieb zu tun (…) [Taillefer]
trifft einen Feind, macht´s ihm Garaus (…).“
Angelsachsen vorrücken. Diese bilden einen Schildwall und können sich einer Attacke der Kavallerie von beiden Seiten erwehren. 249
Die nächste wichtige Episode in der Auseinandersetzung der beiden Konkurrenten war das Gerücht, der Herzog sei gefallen. Dies hätte eine entscheidende Wende in der Schlacht bedeuten können. Wilhelm selbst machte dieser Schwächephase im Schlachtverlauf ein Ende, eine Szene, die sehr plastisch auf dem Bildteppich von Bayeux dargestellt wird: Der Herzog lüftet seinen Helm, um sein Gesicht zu zeigen, Graf Eustachius von Boulogne zeigt auf ihn, damit sich auch die Zweifler überzeugen können, und Bischof Odo von Bayeux hält die jungen fliehenden Knappen mit geschwungener Keule, dem Zeichen seiner Amtswürde, zurück und wendet sie wieder gegen den Feind. Der Herzog trifft darauf hin folgende Verlautbarung: „Schaut mich an. Ich lebe und werde mit Gottes Hilfe gewinnen: Welche Torheit treibt euch zur Flucht? (…).“ 250
Das Kampfgeschehen tobt noch mehrere Stunden bis sich schließlich der herbstliche Abendnebel niedersenkt und ein konzentrierter Angriff der normannischen Reiterei und des Fußvolkes das gewünschte Resultat bringt: die englischen Reihen werden im Zentrum durchstoßen und Harold am Fuß seiner Standarte getötet.
Hierbei ist der Tod des englischen Königs von eminenter Bedeutung, da damit der Widerstand nach und nach zusammenbrach. Sein genauer Todeszeitpunkt und exakte Todesursache sind nicht richtig geklärt. Wilhelm von Jumièges berichtet, dass er bereits schon beim ersten Angriff auf die Phalanx fiel und seine Brüder Gyrth und Leofwine erst später verschieden. Das Carmen de Hastingae Proelio und der Bildteppich von Bayeux setzen seinen Tod an das Ende der Schlacht. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass mit dem Tod des Königs der dramatische Höhepunkt der Schlacht präsentiert werden sollte und damit nur ein literarisches bzw. künstlerisches Stilmittel erschöpft wurde. 251 Auch die späteren Darstellungen tendieren zur letztgenannten Todeszeit. Letztlich aber konnte im Strudel des Kampfgeschehens kein genauer Todeszeitpunkt ausgemacht werden.
Hinsichtlich seiner Todesursache gibt es verschiedene Überlieferungsstränge. Wilhelm von Poitiers und Ordericus Vitalis nennen keine Ursache, sondern erwähnen nur, dass man seinen
249 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 151:
„HIC WILLELM:DVX ALLOQVITVR:SUIS:MILITIBVS:VT PREPARARENTSE:VIRILITE R ET
SAPIENTER:AD:PRELIVM:CONTRA ANGLORVM EXERCITU¯“
250 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition Les Belles Lettres, 190.
251 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1999), The Carmen de Hastingae Proelio of Guy Bishop of Amiens, Oxford:
Clarendon Press, 32; vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen,
München: Prestel, 162.
Leichnam nicht anhand seines Gesichtes identifizieren konnte. 252 Während Wilhelm von Jumièges von einem mit vielen Wunden übersäten Körper spricht und hierbei wahrscheinlich lediglich einen Topos aufbaut. Nur im Carmen de Hastingae Proelio und dem Bildteppich von Bayeux wird versucht, dem Geschehen einige Details zu entlocken. Unter der Überschrift hIC:FRANCI PVGNANT ET CECIDERVNT QVI ERANT:CVM hAROLDO:-hIC hAROLD:REX:INTERFECTVS:EST ET FVGA:VERTERVM ANGLI 253 entwickelt sich auf dem Teppich eine Szenerie, in der im Besonderen die Namen Bischof Odos, des Herzogs und Eustachius von Boulognes hervorgehoben werden, bei der sechs normannische Ritter fünf englische Krieger angreifen. Die englischen Schilde si nd dabei von Pfeilen durchlöchert. Die Szene schließt mit einem rätselhaften Bild. Der Kopf eines unbewaffneten, englischen Soldaten wird durch einen Normannen so in die Höhe gehalten, dass dieser geköpft werden könnte. Darauf hin wird ein toter englischer Krieger gezeigt und am unteren Rand des Bildes sind normannische Bogenschützen hervorgehoben. Unter den Worten hIC hAROLD:REX:INTERFECTVS:EST erscheinen vier normannische Ritter, (einer auf der linken, zwei auf der rechten Seite und einer in der Mitte) die elf Engländer angreifen. Wer in dem folgenden Bild nun Harold darstellt, wird nicht richtig klar und wurde heftig diskutiert. Jedenfalls werden dann vier verwundete bzw. gefallene Soldaten gezeigt, die entweder noch fallen oder schon daniederliegen: der Standartenträger auf der Linken, zwei Männer auf der Rechten und einer im Zentrum. Wenn man dabei annimmt, die seitlichen Figuren stellten Mitglieder der königlichen Leibwache dar, dann verblieben lediglich zwei Kandidaten, ein noch lebender und ein toter. 254 Betrachtet man darauf hin noch genauer das Bild unter hAROLD:REX, dann sieht man eine adlige Figur, die in der linken Hand sowohl ein Schild als auch eine Lanze hält und mit der rechten Hand nach einem Pfeil greift. Dieser könnte den Krieger am Kopf verletzt haben, wenn man bedenkt, dass er erst seine rechte Hand frei machen musste, um den Pfeil zu fassen. Unter INTERFECTVS:EST wird ferner ein stürzender Charakter gezeigt, der ungeschützt durch das Schwert seines Angreifers am linken Schenkel verletzt wird. In diesem Zusammenhang, kann auch das gesamte Dilemma umgangen werden, wenn man akzeptiert, dass Harold zwei Mal dargestellt wird. Zuerst gezeigt in all seiner majestätischen Größe, auch wenn durch einen Pfeil verletzt, und danach stürzend. Dieses Faktum würde aber im Gegensatz zu der üblichen Praxis des Entwerfers bzw.
252 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition Les Belles Lettres, 204.
253 Vgl. Grape, W., (1994), Der Teppich von Bayeux: Triumphdenkmal der Normannen, München: Prestel, 162.
254 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1999), The Carmen de Hastingae Proelio of Guy Bishop of Amiens, Oxford:
Clarendon Press, xxxii.
Künstlers stehen, einen Charakter unmittelbar in der nächsten Bildfolge wiederholt zu zeigen. 255
Im Carmen de Hastingae Proelio wird König Harold durch den Herzog, zusammen mit drei anderen Rittern (Eustachius von Boulogne; Hector, ‘der edle Erbe von Ponthieu’; Gilfard) getötet. Der erste durchsticht seine Brust („[…]primus dissoluens cuspide pectus […]“), der zweite schlägt den Kopf ab („[…] caput amputat ense secundus […]“), der dritte durchtrennt seine Eingeweide („ […] telo uentris tertius extra rigat […]“) und der vierte durchschlägt die Lenden und trägt diese weg („Abscitit coxam quartus; proculegit ademptam […]“). 256 Was hierbei aber so verwunderlich ist, ist die Tatsache, dass eine Beteiligung Herzog Wilhelms bei der Tötung Harolds nicht erwähnt ist. Gerade er hätte eine so „glorreiche Tat“ seines Herren vermerken müssen. Auch ist dies nicht in einer der anderen Schilderungen enthalten.
Wace spricht hingegen von einer Pfeilverwundung im Auge, die ihn aber noch nicht tötete. Erst zwei Ritter verletzten ihn tödlich: „Da drängte sich heran ein Ritter, und schlug ihn an des Helmes Gitter, so daß er hinter über sank, und eh´s ihm aufzusteh´n gelang, warf ihn ein zweiter Kämpfer wieder, die Lende durchbohrend, nieder. Die Wunde war im dicken Bein und drang bis an die Knochen ein.“ 257
Nur bei Wilhelm von Malmesbury wird einzig und allein von der legendären Pfeilwunde berichtet, die den englischen König niederstreckte. 258 Schließlich war am Ende des 14. Oktober 1066 die Schlacht zugunsten des Herzogs entschieden. „Als nun der Tag zu Ende ging, erkannte das englische Heer über jeden Zweifel, dass sie den Normannen nicht länger standhalten konnten. Sie wussten, dass sie durch schwere Verluste geschwächt waren; dass der König selbst, mit seinen Brüdern und vielen Großen des Königreichs, gefallen war; dass diejenigen, welche noch standhielten, nahezu all ihrer Kräfte beraubt waren und dass sie auf keinerlei Hilfe hoffen konnten. Sie sahen die Normannen kaum geschwächt durch tödliche Verluste, wie diese sie heftiger bedrängten als am Anfang, so als ob sie neue Kraft im Kampf gefunden hätten; sie sahen das Ungestüm des Herzogs, welcher niemanden verschonte, der sich ihm entgegenstellte, sie sahen diese Tapferkeit, die nur im Sieg Ruhe finden würde. Deshalb wandten sie sich zur Flucht (…).“ 259
255 Ibid., xxxiii.
256 Ibid., 32.
257 Vgl. von Gaudy, F., (Hrsg.) (1835), Robert Wace: Der Roman von Rollo und den Herzögen der Normandie,
Glogau: Fleming, 300.
258 Vgl. Hardy, T. D., (Hrsg.) (1840), Willhelmi Malmesbiriensis Monachi: Gesta Regum Anglorum atque
Historia Novella, Vol. Ii, London: Sumptibus Societatis, 387.
259 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D´Edition Les Belles Lettres, 200.
Die normannischen Ritter, im Feuer des Sieges entbrannt, verfolgten sie weit in das im Dunkel liegende Hinterland hinein, und als der Herzog wieder auf das Schlachtfeld zurückkehrte, fand er es mit der „Blüte des englischen Adels und der Jugend“ 260 übersät. Die Stärke Englands bzw. Harolds II. lag tot danieder. Mit der Schlacht von Hastings ist ein Wendepunkt in der englischen, aber auch der normannischen, Geschichte markiert w orden. Mit der Krönung Wilhelms zum englischen König am Weihnachtstag 1066 war nunmehr die Phase der Verschränkung des insularen und kontinentalen Herrschafts - und Kulturbereiches eingeleitet worden.
II. 10. Schilderungen über das Fortleben König Harolds II.
Nach dem glücklichen Ausgang der Schlacht kehrte nun Herzog Wilhelm, so Wilhelm von Poitiers und Carmen de Hastingae Proelio, auf das Schlachtfeld zurück und ließ seine gefallenen Gefolgsleute würdevoll begraben, während er die Leichname der Englände r den Würmern u.a. Getier überließ. 261
Die verstümmelten Gebeine Harolds aber verhüllte er in purpurnes Leinen und nahm es mit zu seinem Lager, um ihn nach den üblichen Bestattungsriten zu begraben. 262 Dort taucht plötzlich Harolds Mutter Gytha auf. Sie erbittet die Auslieferung des Leichnams, aufgewogen gegen eine entsprechende Menge Goldes. Der Herzog schlägt dies erzürnt aus und schwört, eher werde erd dem Toten den Hafen anvertrauen, und zwar durch eine Bestattung unter einem Steinhügel, als solch einer Sache zuzustimmen. 263
Schließlich wird Harold auf einer hohen Klippe unter der Erde begraben und ein Stein mit folgender Inschrift darüber gesetzt:
„Hüter der Küste“ wird hingegen bei Wilhelm von Poitiers ironisch, vielleicht sogar sarkastisch gedeutet. Man habe „spöttisch gesagt, er müsse als Hüter der Küste und des Meeres postiert werden, die er mit Waffen zuvor wie ein Wahnsinniger belegt hat.“ 265 Auf
260 Ibid., 204.
261 Ibid., 204.; vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1999), The Carmen de Hastingae Proelio of Guy Bishop of Amiens,
Oxford: Clarendon Press, 34.
262 Vgl. Barlow, F., (Hrsg.) (1999), The Carmen de Hastingae Proelio of Bishop Guy of Amiens, Oxford:
Clarendon Press, 34.
263 Ibid., 34.
264 Ibid., 34.
265 Vgl. Foreville, R., (Hrsg.) (1952), Guillaume de Poitiers: Histoire de Guillaume le Conquérant, Paris :
Société D Édition Les Belles Lettres, 204.
den heutigen Betrachter wirkt dies wohl verhöhnend, jedoch muss darauf hingewiesen werden, dass Harold bis zum 8. September 1066 tatsächlich zu Land und zu Wasser einen unübersehbaren Schutz der Südküste Englands durch sein militärisches Aufgebot und Flott e unterhalten hatte. 266 Darüber hinaus gibt es auch Belege für germanische Vorstellungen vom Schutz der königlichen Tote, was besonders im nordischen Kulturkreis vorzufinden ist. Betrachtet man also Herzog Wilhelms Verhalten gegenüber seinem toten Gegner, au ch in seiner spöttischen Ausformung, so muss festgestellt werden, dass er Harold gegenüber auf jene Geste der äußersten Geringschätzung noch nach dem Tod verzichtete. Dies dürfte ein ehrenvolles Maß an Achtung und Wertschätzung Wilhelms gegenüber seinem Ko nkurrenten erweisen, womit „barbarische“ Charakteristika im Persönlichkeitsprofil des Herzogs unter diesem Aspekt ausgeschlossen werden können.
Somit lässt die zeitgenössische normannische Überlieferungstradition Harold Godwinsson als „Hüter der Küste“ vor den Gestaden Englands ruhen.
Bei Wace, im zwölften Jahrhundert hingegen, wird Harold in Waltham begraben: „Harold, den sie gefunden haben, ward in Waltham´s Abten begraben; ich weiß nicht, wer ihn fortgetragen, kann auch, wer ihn begrub, nicht sagen. Doch blieb noch mancher liegen dort; und mancher lief bei Nacht schon fort.“ 267 Hierbei verarbeitete Wace die Legendenbildung um den Mythos des Fortlebens Harold Godwinssons, die seither weiter fortgetragen wurde. In jenen inoffiziellen Darstellungen, im Besonderen die Vita Haroldi und Schilderungen der nordischen Tradition, überlebt nämlich Harold schwer verletzt die Schlacht von Hastings. Im Bericht der Vita Haroldi wird Harold vom Schlachtfeld getragen und nach Winchester befördert, wo er durch eine geheimnisumwobene Sarazenerin gesund gepflegt wird. 268 Zwei Jahre später verlässt er England, erhält aber keine entsprechende Unterstützung zur Rückgewinnung seines Vaterlandes, und begibt sich darauf hin auf eine Pilgerreise. Nach seiner Rückkehr lebte er dann als Eremit in einer Höhle nahe Dover. Schließlich, nachdem er verkleidet durch das walisische Marschland wanderte, erreichte er Chester, wo er sich wiederum in eine Eremitage begab. Erst auf dem Totenbett gibt er gegenüber seinem Beichtvater seine wahre Identität preis. 269
In den Überlieferungen des nordischen Kultur - und Sagenkreises erscheinen auch einige Berichte über ein Fortleben des letzten angelsächsischen Königs. Im letzten Kapitel der
266 Vgl. Jäschke, K - U., (1977), Wilhelm der Eroberer: Sein doppelter Herrschaftsantritt im Jahre 1066,
Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag, 46.
267 Vgl. von Gaudy, F., (Hrsg.) (1835), Robert Wace: Der Roman von Rollo und den Herzögen der Normandie,
Glogau: Fleming, 305.
268 Vgl. Ashdown, M., „An Icelandic Account of the Survival of Harold Godw insson“, in: Clemoes, P., (Hrsg.)
(1959), The Anglo - Saxons, London: Bowers and Bowers, 129.
HemmingsÞættr, der Geschichte Hemming Aslakssons (vgl. Fußnote 162, S. 62) wird Harold durch zwei einheimische Plünderer entdeckt und mitgenommen. Sie erkennen ihn als den König und am folgenden Tag senden sie nach Hemming, der dem König ja vorher diente. Hemming will darauf hin Harold bei der Aufstellung einer Widerstandsarmee helfen. Der König aber ist des Kämpfens müde und sucht nach Einsamkeit. Er bittet Hemming nur nach einer Eremitage in Canterbury, um Wilhelm in der Kirche beobachten zu können. So lebt er dann drei Jahre bis ihm eine Krankheit dem Tode nahe bringt. Nach seinem Ableben werden die Glocken geläutet. König Wilhelm fragt Hemming, für wen denn die Glocken erklingen würden und dieser antwortet: für Harold Godwinsson. Der aufgehetzte Wilhelm will Harolds Leichnam sehen und erblickt ihn als eine heilige Figur. Er droht darauf hin Hemming mit dem Tode, dann bietet er ihm jedoch alles, damit er ihm die gleiche Treue erweise wie dem letzten englischen König. Hemming aber lehnt dies dankend ab und entsagt dem weltlichen Leben. Er verbringt den Rest seines irdischen Da seins in der gleichen Eremitage wie sein Herr - in ergebener Treue zu Harold. 270 Neben der HemmingsÞættr existieren noch zwei andere nordische Darstellungen, die vom Überleben Harolds handeln. In der Formanna Sögur hören auch zwei Plünderer auf dem Schlachtfeld von Hastings eine Stimme aus dem Berg von Toten. Auch hier wird er zunächst gepflegt, verweigert aber die Preisgabe seiner Identität. Der Autor erklärt jedoch, dass es sich bei dem Verwundeten um Harold Godwinsson handelt. Harold wählt hier gleicherma ßen das freiwillige Los eines Einsiedlers, aber in diesem Bericht, wird er nach seinem Tode auf Befehl Wilhelms in London unter den anderen englischen Königen begraben. 271 Überdies wird in einer isländischen Saga über Eduard den Bekenner (JátvarÞar Saga) eine englische Überlieferung erwähnt, bei der Harold die schlacht überlebte. Zudem verweigert er auch hier die Rückgewinnung des Königreiches und bevorzugt das Leben eines Eremiten. 272 In dieser Saga lebt Harold bis in die Herrschaftszeit des „älteren Heinrichs“. 273 Betrachtet man dabei den Umstand, dass diese Überlieferung wahrscheinlich in der Herrschaftszeit Heinrichs III. von England verfasst wurde, würde das auf Heinrich II. Plantagenêt schließen lassen (1154 - 1189). Ein unsäglicher Faktor, da dies eine imme ns lange Lebenszeit zur Folge hätte.
Alle genannten Berichte vom Überleben Harold Godwinssons enthalten das Element der Hoffnung. Ein Volk, das zunächst der Herrschaft einer fremdwärtigen Macht ausgeliefert
269 Ibid., 129.
270 Ibid., 122 - 124.
271 Ibid., 128.
272 Ibid., 129.
273 Ibid., 130.
scheint, sehnt sich nach der einzigen großen Identifikationsfigur (ähnlich der Friedrich Barbarossas im deutschen Kulturkreis). Die Legendenbildung um den Mythos Harold Godwinsson wurde dabei noch durch die Tatsache geschürt, dass letztlich der Leichnam Harolds durch die Auswirkungen der Schlacht nie exakt identifiziert werden konnte. König Harold, als Galionsfigur des Aufbäumens der Engländer gegen die neuen Machthaber, repräsentiert hierbei auch den Kampf um die eigene Identität. Ein Überleben des letzten englischen Königs hätte einen neuen Widerstand etablieren und zur finalen Auseinandersetzung führen können. Jedoch entkräften die genannten Berichte seines Überlebens bereits eine solche Möglichkeit, da der Charakter lieber unentdeckt, einsam und kampfesmüde sein Leben fristet und erst nach seinem Ableben eine entsprechende Würdigung erfährt. Dies verweist vielleicht auf eine Parallele im kulturellen und politischen Bereich jener Zeit. Harold Godwinsson stellte den idealen Krieger seiner Zeit dar, der durchdrungen war durch die militärischen Traditionen seiner englischen und dänischen Vorväter. Weisheit und Mut, Geduld und Mäßigkeit kennzeichneten wichtige Eigenschaften seiner Person. Sie spiegelten sich auch in seinen Handlungen wider, ebenso wie Barmherzigkeit und Vernunft. Jedoch war er beizeiten zu redselig und die Schwäche bei Eidesbekundungen hatten fatale Folgen. Die religiöse Dimension seiner Persönlichkeit sind nur wenig beleuchtet worden. Er pflegte aber wohl engen Kontakt zu Bischof Wulfstan und unterstützte einige wichtige Ordenshäuser wie Worcester, Malmesbury, Abingdon oder Peterborough. Zudem zeigt ihn der Bildteppich von Bayeux wie er, vor seiner Abreise in die Normandie, in Bosham betet. 274 Außerdem war er in einem großen Maße seiner Familie verbunden. Nicht nur als späteres Oberhaupt des Hauses Godwin, sondern auch im Bereich seiner eigenen Ehe schien er hingebungsvoll zu agieren. Er war etwa zwanzig Jahre mit Edith „Schwanenhals“ in more danico, ohne eine kirchliche Absegnung, verheiratet. Aus dieser Verbindung entsprangen sechs Kinder. 275 Unglücklicherweise wurde Edith von den meisten klerikalen Autoren nur als Geliebte oder Konkubine dargestellt. Nur die Vita Haroldi entwirft eine Romanze, die zu lebenslanger, inniger Verbundenheit führte. Seine zweite Ehe zu Aldgitha, der Schwester Edwins und Morcars, war im Strudel der Ereignisse mehr oder weniger erzwungen worden, und diente nur zur Anerkennung seiner königlichen Herrschaft. Letztendlich schien aber Harold im Urteil seiner Zeitgenossen von Gott abgeurteilt worden zu sein. Das fatale Ende de r Schlacht und sein Tod waren die Bestrafung seiner Sünden, im Besonderen der Bruch des heiligen Eids. Aus heutiger Sicht jedoch ist ein exaktes Deutungs - und Handlungsmuster seiner Person weniger einfach. Die Ursachen seines Niederganges können jedoch hierbei in
274 Vgl. Walker, I., (1997), Harold: The Last Anglo - Saxon King, Stroud: Sutton, 125.
zweierlei Hinsicht betrachtet werden. Zum ein, erreicht er den englischen Thron durch Usurpation, konnte diesen aber nicht gegen die Rechtsansprüche Wilhelms halten. Zum anderen, lag das Kriegsglück bei dem besser ausgerüsteten Mann und seiner Armee. Mit seinem Dahinscheiden wurde ein neues Zeitalter in England eingeläutet. Die historische Figur Harold Godwinsson verlor sich dann in den Untiefen der Geschichte. Erst mit dem Wiederaufblühen des englischen Patriotismus und der Versuche, eine englisch e Identität historisch zu legitimieren, wurde ihm wieder neues Leben eingehaucht. Infolgedessen wurde er auf den Sockel eines der letzten angelsächsischen Heroen gehoben, der sich einer fremdwärtigen Übermacht entgegenstellte.
275 Ibid., 128.
III. Die historische Darstellung der Schlacht von Hastings und ihrer Hauptakteure bis in die Moderne
Die Behandlung der Schlacht von Hastings und ihrer Hauptakteure gehört zu den Merkwürdigkeiten des englischen Schrifttums. Hierbei ist es sonderbar, wie über Jahrhunderte hinweg die Geschichte dieses Zeitabschnittes Staatsmännern und Rechtsgelehrten, Pamphletisten und Geistlichen, Stoff zu einem unaufhörlichen Wortkrieg lieferte, der von akuten Streitfragen und augenblicklichen Spannungen geschürt wurde. 276 Viele Kontroversen durchzogen dabei fast die gesamte englische Literatur. In diesem Kontext suchten, z. B. Erzbischof Matthew und seine Kollegen vor dem Tod Königin Elisabeths I. noch in der von den normannischen Einflüssen unberührt gebliebenen altenglischen Kirc he Vorbilder für die Reformation zur Schaffung eines neuen Kirchensytems. Jedoch gab es im 17. Jahrhundert nur wenige politische Zankäpfel, die sich in irgendeiner Weise auf die normannische Eroberung oder deren Persönlichkeiten, im Besonderen Wilhelms, be zogen. Denn in diesem Fall kamen Rechtsanwälte nicht nur mit den Anhängern des Königtums, sondern auch mit der neueren Geschichtsschreibung in Konflikt. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang, wie wichtig der Begriff des normannischen Jochs den Levellers („Gleichmacher“) geworden war.
Erst im 18. Jahrhundert erfolgte dann eine kontinuierlich wachsende Weiterverfolgung der Debatte auf konstitutionellem Gebiet, deren Bedeutungsgewinn unter dem Einfluss der liberalen und nationalen Strömungen ihren Höhepunkt erreichte.
Als liberaler, der Whig - Partei nahe stehender Patriot, machte der Historiker E. A. Freeman aus seiner Verehrung und Vorliebe für die angelsächsische Epoche und ihrem letzten angelsächsischen König Harold Godwinsson, der bei ihm als wahrer Sta atsmann oder gerade zu als das personifizierte Ebenbild Gladstones erscheint, in seinem epochalen Werk über Die Geschichte der normannischen Eroberung keinen Hehl. 277 Schon aus der Anlage des Werkes, das mit der angelsächsischen Frühzeit einsetzt und mit dem Tode Eduard des Bekenners und dessen Folgen endet, wurde die Grundüberzeugung des Autors deutlich: Die Vitalität des altenglischen Erbes war so ungebrochen, dass die normannischen Eroberer sich innerhalb weniger Generationen zu „echten Engländern“ entwickelt hätten. 278 Im Gegensatz zu seinen Vorgängern aus dem politischen Lager des 17. Jahrhunderts sah Freeman in der
276 Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 11.
277 Vgl. Krieger, K. - F., „Grundprobleme und Forschungsschwerpunkte der englischen Geschichte im
Mittelalter“, in: Niedhardt, G. (Hrsg.) (1982), Einführung in die englische Geschichte, München: Beck, 16.
278 Ibid., 16.
normannischen Eroberung daher auch kein nationales Unglück, sondern allenfalls ein reinigendes Feuer, das die Nation gelehrt habe, sich selbst zu erkennen und neue Kräfte für die Entwicklung neuer Regierungsformen zu schöpfen.
Im Gegensatz dazu, stand die Auffassung des konservativen, der Tory - Partei nahe stehendem J. H. Round. Zwar neigte er auch dazu, die angelsächsische Spätzeit mit der Gladstone - Ära des 19. Jahrhunderts zu vergleichen, machte aber aus seiner Abneigung zum Liberalismus keinen Hehl. Aus diesem Grund wurde sein Geschichtsbild von der angelsächsischen Epoche bestimmt, die er als eine Zeit des Verfalls, geprägt von einer fast anarchistischen und daher zutiefst destruktiven Form der Freiheit erschien. 279 Laut seiner Darstellung, komme den normannischen Eroberern der Verdienst zu, die Nation „aus der Dekadenz herausgeführt und sie damit vor dem endgültigen Niedergang“ 280 bewahrt zu haben. Aus dieser Haltung entwickelte sich gleichermaßen die Einstellung gegenüber den Akteuren, die die Ereignisse prägten. Hierbei tritt Harold Godwinsson als letzte Ausformung jener Epoche auf, die einfach beseitigt werden musste, um den Verfall aufzuhalten. Wilhelm der Eroberer ist in dieser Hinsicht dann zwar nicht der heroische Befreier eines Volkes, aber das bessere Übel.
Dabei war in jener Zeit die nachträgliche Karriere Wilhelms fast genauso bemerkenswert betrachtet worden wie seine tatsächliche Laufbahn im elften Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert benutzten ihn Liberale, fanatische Sektierer oder moderne Nationalisten in gleichem Maße für ihre Zwecke. Auf der einen Seite, huldigte man ihm als einen Begründer der englischen Größe, andererseits gab man ihm die Schuld an einer der beschämendsten Niederlagen Englands. 281 Er galt auch, im Besonderen, als Feind des Protestantismus, gleichzeitig aber auch als einer der hartnäckigsten Widersacher des Papsttums. Man nannte ihn zugleich Begründer und Zerstörer der englischen Verfassung. 282 Auf der anderen Seite des Kanals, in Frankreich, wurde er hingegen als französischer Nationalheld gefeiert, obwohl er in den zeitgenössischen Betrachtungen des elften Jahrhunderts eher um seine normannische Unabhängigkeit kämpfte. Im Gegenzug aber, wurde er auch als Verfechter des Aberglaubens und als Feind des Volkes angesehen, was Calvinisten und Revolutionäre dazu trieb, sein Grab zu verwüsten und seine sterblichen Überreste in alle Winde zu verstreuen. 283
279 Ibid., 16.
280 Ibid., 16.
281 Douglas, D. C., (1980), Wilhelm der Eroberer, München: Beck, 14.
282 Ibid., 14.
283 Ibid., 14.
Letztlich soll in diesem Kontext ein Ausblick auf die polemische Tradition des viktorianischen Zeitalters anhand zweier Persönlichkeiten - Thomas Carlyle und der schon erwähnte E. A. Freeman - erfolgen. Sie repräsentieren die wesentlichen Grundlagen der politischen und kulturellen Sichtweisen jener Zeit.
Auf der einen Seite steht Thomas Carlyle, der in gewisser Hinsicht die Gedanken John Miltons ausdrückt:
„Was wären wir ohne die Normannen geworden? Ein gefräßiges Rassengemisch aus Juten und Angeln, unfähig, große Bündnisse zu schließen; ein Rassengemisch, das sich in schönster Eintracht den Wanst vollschlägt, weitab von Träumen heroischer Mühsal, Stille und Geduld, die in die weiten Sphären des Universums und auf die goldenen Gipfel führen, wo die Geister der Morgendämmerung wohnen.“ 284
Dieses Zitat mutet im ersten Moment eigenartig an, aber man kann dem vollkommen entgegengesetzte Gedanken gegenüberstellen:
„Wir müssen erkennen, dass der Geist, der die ‘Petition of Right’ schuf, einst in England unter den Fahnen lief, und wir dürfen nicht vergessen, das die ‘gute alte Sache’ genau das Anliegen war, für das Harold auf dem Schlachtfeld und Waltheof auf dem Schafott starben.“ 285
Jene Aussagen repräsentieren Zitate bedeutender Männer, die als Exponenten der Geschichtsschreibung ihrer Zeit galten. Die Tatsache, dass sie in jener Weise über einen Zeitabschnitt des elften Jahrhunderts schreiben konnten, bestätigt der Einfluss der von ihnen übernommenen, widersprüchlichen Überlieferung, die sie ihren Nachfolgern weiterzugeben suchten. Selbst bis in die heutige Zeit ist das Prestige dieser polemischen Tradition nachweisbar und sorgt weiterhin für Kontroversen.
284 Ibid., 14.
Literarische Betrachtung
Bei der literarischen Betrachtung der Schlacht von Hastings und ihrer Hauptakteure sollen selektiv Darstellungen unterschiedlicher Literaturgenres herausgegriffen und thematisch untersucht werden, wie die historischen Persönlichkeiten fiktiv wiedergegeben werden. Zudem wird versucht, die zeitlichen, politischen und gesellschaftlichen Umstände in der Betrachtung der jeweiligen Werke einfließen zu lassen, um auch hier mögliche Tendenzen sichtbar zu machen.
Die Charakterisierung beginnt mit dem viktorianischen historischen Roman. Hierbei werden Edward Bulwer - Lyttons Harold, der letzte Sachsenkönig (1848) und Charles Kingsleys Hereward the Wake (1866) als Beispiele für den wiederaufkeimenden nationalen Patriotismus Großbritanniens im 19. Jahrhundert angeführt.
Der historische Roman erfüllte zu dieser Zeit eine besondere Funktion, da er den enormen Wissensdurst der Bevölkerung nach nationaler Historie befriedigte. Die Suche nach einer gemeinsamen Identität prägte somit auch die Tendenz beider Werke. Hierin wird Harold Godwinsson, der letzte angelsächsische König, als tragischer Held gefeiert. Er repräsentiert den idealen englischen Herrscher: ein Kämpfer für die Freiheit, der der Bedrohung der fremdwärtigen Macht der Normannen die Stirn bietet. Leider stirbt er und so vermeintlich England. Jedoch enthalten beide Darstellungen einen Funken Hoffnung: das Aufrechte und Freiheitsliebende der englischen Seele wird sich auch unter dem größten Druck erhalten und durchsetzen. Harold und seine Gefolgsleute sollen nicht umsonst gestorben sein. Die dramatische Schilderung der Ereignisse von1066 wird in Alfred Tennysons Harold, a Drama (1876) wiedergegeben. Auch er vertritt die gleiche Grundhaltung gegenüber den Charakteren: Harold, der perfekte Engländer, steht dem normannischen Tyrannen gegenüber. Einen komplett anderen Standpunkt vertritt hingegen Rudyard Kipling in Puck of Pook´s Hill (1910) und Rewards and Fairies (1913). Im Stil eines Kinderbuches zeigt er Harold als einen alten, gebrochenen Mann. Der einst glorreiche Krieger überlebte hier die Schlacht und verbringt den Rest seiner Tage geistig verwirrt als Eremit. Kiplings Darstellung unterscheidet sich hier grundlegend von den historischen Erzählungen seiner Zeit. Er bringt den Aspekt des Humors mit ein, somit wirkt er der von nationalem Pathos beladenen Schilderungen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts entgegen. Die humoristischen Elemente machen die historischen Größen greifbarer und lebensnaher.
285 Ibid., 14.
Hiermit ist auch schon die humorvolle Darstellung von Historie angesprochen. Das 1814 gegründete Punch - Magazine war die Grundlage für viele ironische und humoristische Betrachtungen. Daraus entstanden die so genannten Comic Histories, einer literarischgrafischen Mischform, die eine Vorlage für die späteren Comic - Strips waren. Der ironisch, teilweise auch sarkastische, Stil entblößte viele Mythen und Legenden historischer Charaktere, so auch bei Wilhelm und Harold.
Der Goldene Reiter (1949) von Hope Muntz repräsentiert den klassischen historischen Roman. In mühevoller, detaillierter Arbeit erschafft sie ein historisches Epos. Gespeist aus den verschiedenen Überlieferungssträngen, gelingt es ihr, die tradierten Elemente in gekonnter Weise zu verknüpfen. Die historischen Figuren werden vor den Augen des Lesers lebendig und vermitteln den Eindruck von den zeitgenössischen Geschehnissen. Der letzte englische König (1997) von Julian Rathbone soll hier den Abschluss bilden. Der Autor verbindet hierin die Elemente des historischen Romans mit einer ironisch - lakonischen Betrachtungsweise der Hintergründe der Schlacht von Hastings. Mit seiner Erläuterung der geistigen Abgründe und Verhältnisse der Figuren zueinander, vermengt mit schwarzem englischem Humor, macht er die Lektüre zu einem interessanten Ausflug ins England des 11. Jahrhunderts.
IV. Der viktorianische historische Roman: Die Schlacht von Hastings bei Edward Bulwer - Lytton und Charles Kingsley
Sir Walter Scott (1771 - 1832) gilt allgemein hin als Begründer des modernen historischen Romans. Mit der Veröffentlichung von Waverly und den folgenden Romanen verhalf er einer damals neuartigen literarischen Gattung zu europäischem Ansehen und zu einem beispiellosen Siegeszug. Dabei gingen seine Neigungen frühzeitig in die Richtung eines intensiven Kontakts mit der Historie, der bei ihm noch auf der unmittelbaren Verbundenheit mit volkstümlicher Überlieferung beruhte. 286
In diesem Zusammenhang, stellt der historische Roman nicht zufällig ein Produkt des frühen 19. Jahrhunderts dar. Auslöser war der durch Industrielle Revolution hervorgerufene Wandel der englischen Lebensverhältnisse. Hierbei bildete die Darstellung der Vergangenheit die Grundlage zu einem kontrastreichen und nicht selten verklärten Orientierungspol. Zudem waren ebenso wirkungsmächtige Faktoren für die Beschäftigung mit der Geschichte die Französische Revolution und die in ihrem Gefolge ein tretenden außenpolitischen Umwälzungen.
Nun trat das Bewusstsein von geschichtlicher Bedingtheit der menschlichen Existenz in den allgemeinen, öffentlichen Erfahrungshorizont ein. Darüber hinaus gaben zugleich das Aufkommen von Nationalismus und dem einhergehenden Patriotismus mächtigen Antrieb. In den Kämpfen mit dem napoleonischen Frankreich wurden die europäischen Völker und besonders das politisch führende England verstärkt ihrer nationalen Identität und damit auch ihrer historisch geprägten Besonderheit gewahr. 287 Aus diesen Gründen, wuchs das zu Beginn der viktorianischen Epoche vorhandene Interesse an Geschichte enorm. Unglücklicherweise, steckte die moderne Historiografie zu diesem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen und konnte dem äußeren Druck noch nicht genügen. Die lebhafte Nachfrage nach historischem Schrifttum katapultierte den historischen Roman nach vorn. Er füllte die entstandene Kluft zwischen Angebot und Nachfrage aus und übernahm zunächst die Funktion der Geschichtsschreibung. Jedoch ermangelte es dieser Gattung, aufgrund ihrer fiktiven Dimension, oftmals an objektiver Nachweisbarkeit von historischen Figuren oder Schauplätzen. Infolgedessen, veranlassten die davon ausgehenden Impulse die Geschichtsschreibung zu einer darstellungsmäßigeren Anlehnung an das von der Romanliteratur in Mode gebrachte Verfahren.
286 Vgl. Müllenbrock, H. - J. (1980), Der historische Roman im 19. Jahrhundert, Heidelberg: Universitätsverlag,
19.
a) Edward Bulwer - Lytton: Harold, der letzte Sachsenkönig (1848)
Edward George Earle Lytton Bulwer (1803 - 1873), der nach seiner Erhebung in den Adelsstand den Namen Bulwer - Lytton führte, emanzipierte den historischen Roman aus dem Scott - Nachlass. 288 Seine historischen Romane sind sowohl von Historikern als auch von Anthropologen wegen ihrer kenntnisreichen Detailschilderungen gelobt worden. Indem er quasi als Historiker an die Materie heranging und seine historiografische Kompetenz zur Ausgangsbasis seines Gattungsverständnisses erhob, kam er den damaligen utilitaristischen Tendenzen entgegen, in deren Namen in der frühviktorianischen Epoche an Literatur verstärkt die Forderung nach solide r Information gerichtet wurde. 289 Zudem lag sein Hauptaugenmerk, als historischer Romancier, darin, zunächst seine Sachkunde zu beweisen. Erst danach setzte seine komplementäre Aufgabe ein, den Gründen für den tatsächlichen Geschichtsablauf und der Mentalitä t der handelnden Personen nachzuspüren. In seinem Sinne, hatte sich das spezifischromanhafte der authentischen Geschichte unterzuordnen; auf keinen Fall durfte es mit ihren Anforderungen in Konflikt geraten. Die Aufdeckung der hinter dem Geschehen liegenden Motive sollte die Historiografie mit Leben füllen, und somit die eigentliche Anziehungskraft des historischen Romans ausmachen.
Edward Bulwer - Lytton, der zwar nicht zu den großen literarischen Namen zählt, aber unter den historischen Romanautoren Englands einen gesicherten, aus literaturgeschichtlicher Sicht sogar einen wichtigen Platz einnimmt, brachte die Voraussetzung gediegener Sachkenntnis mit. In diesem Kontext ist sein Werk Harold, der letzte Sachsenkönig ein durchaus sorgfältig recherchierter historischer Roman. Hierin erfolgt eine wohl fundierte Darstellung des politischen Geschehens der Unterwerfung Englands und der normannischen Invasion. Mit Hilfe gründlicher Dokumentation, die sich in wissenschaftlich anmutendem Belegreichtum niederschlägt, gibt Bulwer - Lytton einen durch eingehende Quellenstudien abgesicherten Bericht der Zeitereignisse, der in seiner Verlässlichkeit dem damaligen Erkenntnisstand entspricht.
Schon in der Widmung des Werkes an C. J. d´Ennecourt (Mitglied des Parlaments) w ird das Anliegen fundierter Sachkenntnis eingebettet in Romanform deutlich: „Wollte ich mich auf so ganz neuen Boden wagen, so blieb mir nur die Wahl zwischen zwei Dingen: entweder den Schein der Pedanterie auf mich zu laden, indem ich dem Leser
287 Ibid., 22.
288 Ibid., 45.
289 Ibid., 46.
Nachforschungen vor Augen führte, welche ihn zugleich mit dem Verfasser geraden Weges in die eigentlichen Memoiren jener Zeit einzuweihen, oder alle Ansprüche auf Genauigkeit gänzlich bei Seite zu werfen und mich damit zu begnügen, statt meine eigene Ansicht über die Verwendung der natürlichen Romantik aus der wirklichen Geschichte zu verfolgen, diese letztere in einem offenkundigen Roman zu verwandeln.“ 290 Darüber hinaus, tritt in der Anlage des Werkes der Einfluss des englischen Patriotismus offen zu Tage. „Die normannische Eroberung war unser trojanischer Sieg - eine Epoche, über welche hinaus unsere Gelehrsamkeit nur selten die Fantasie sich versteigen läßt.“ 291 Ganz in der Tradition seines Zeitgenossen Thomas Carlyle, sah Bulwer - Lytton die normannische Eroberung Englands als ein Interludium zum Aufbruch in ein neues Zeitalter, in dem die Nation auf Grundlage ihrer Wurzeln dem künftigen Führungsanspruch gerecht werden sollte: „Für uns Engländer insbesondere besteht neben dem engeren Interesse an jener Lust zu Abenteuern, Unternehmungen und Verbesserungen, wofür die normannische Ritterschaft das edelste Vorbild abgab, noch jene tiefere und rührender Theilname an dem letzten Aufglimmen der alten sächsischen Monarchie, das sich in den traurigen Blättern unserer Chroniken vor unseren Augen eröffnet.“ 292
In diesem Sinne, formulierte er auch seinen Anspruch in der Darstellung seiner Charaktere, „(…) als einer Schilderung (…), die in der langen unsicheren Erinnerung der Jahrhunderte so sorglos übergangen wurden.“ 293 Hierin sucht er nach dem „Ideal jenes ächt sächsischen Charakters: (…) mit seiner in jener frühern Zeit sich entfaltenden geduldigen Ausdauer, mit seiner Freiheits - und Gerechtigkeitsliebe, - dem männlichen Pflichtgefühle mehr als dem ritterlichen Sinne für Ehre und jenem unzerstörbaren Elemente praktischen Strebens und muthvollen Wollens (…)“. 294 Um dieses Ideal herum konstruiert er das Bild von Harold Godwinsson, dem letzten angelsächsischen König, der teilweise als archaisch anmutender Übermensch auftritt, sich aber dennoch heldenhaft seinem Schicksal beugt. In diesem Zusammenhang darf auch die Darstellung Wilhelm des Eroberers, der bedeutendste Konkurrent Harolds, nicht vergessen werden. Bulwer -Lytton will hierbei „gegen den normannischen Herzog (…) so mild verf ahren, als es die Gerechtigkeit nur immer zulässt, obwohl es ebenso unmöglich ist, seine Feinheit zu
290 Vgl. Bulwer - Lytton, E. (1848), Harold, der letzte Sachsenkönig, Stuttgart: Verlag der Meßler´schen
Buchhandlung, 7.
291 Ibid., 7.
292 Ibid., 7.
293 Ibid., 8.
294 Ibid., 11.
läugnen wie sein Genie ihm abzustreiten (…)“ 295 Unglücklicherweise, verfällt er oftmals in bloße Schwarz - Weiß - Malerei, mit dem Kampf von Gut und Böse, wobei die eindeutigen Sympathien auf Seiten des „patriotischen Harolds“ 296 liegen. Gemäß der Intention, die Natur eines idealen Engländers ergründen zu wollen, verfällt der Autor in seiner Darstellung wiederholt in die kulturgeschichtliche Dimension der Völk er, die die englische Nation prägten: Angelsachsen, Dänen, Normannen. In Einschüben, die die eigentliche Handlung aussetzen, werden Charakteristika dieser Völkergruppen präsentiert. So vergleicht er die Normannen mit Spartanern: „Die Lage der Normannen in Frankreich hatte in der That mit der der Spartaner in Griechenland viele Aehnlichkeiten. Jene hatten mit geringen Streitkräften inmitten einer unterjochten finsteren Bevölkerung, umringt von eifersüchtigen furchtlosen Feinden, eine Niederlage erzwungen.“ 297 In seinem Bemühen um eine höchstmögliche Akkuratesse in der Schilderung der historischen Tradition, vernachlässigte der Verfasser oftmals die inhaltlichen Seiten seines Romans. Die Dramatisierung der Vergangenheit sollte durch Schilderung des Innen - und Privatlebens der historischen Persönlichkeiten erreicht werden, worauf Bulwer - Lytton die fiktiven Elemente weitgehend einengte. Die Folge war eine fragwürdige Zweiteilung von historisch akkurater Außenseite und dichterisch frei verfügbarer Innenseite. Unterstrichen wurde die Künstlichkeit noch dadurch, dass die wenigen erfundenen Charaktere meist reine passive Rollen spielten und in das authentische Geschehen nicht eingriffen. Außerdem neigte er dazu, solchen Nebenfiguren im Interesse epochentypischer Merkmale teilweise zu stark zu abstrahieren. 298
In jenem Kontext, werden z. B. die Vertreter des Hauses Godwin nach ihrer Rückkehr aus dem Exil im Jahre 1052 ausführlich beschrieben So war Earl Godwin „Repräsentant des Volks in höchster Potenz“ 299 ; Tostig „(…) der gefürchtetste und grausamste von Godwins - Söhnen - er, welcher bestimmt war, den Sachsen das zu werden, was Julian den Goten gewesen(…)“ 300 ; oder Harold mit „lauter Charakterzüge[n] sächsischer Schönheit auf ihrer höchsten reinsten Stufe.“ 301 Hierbei ist zwar eindeutig die Überlieferungstradition (Vita Eadwardi) erkennbar, jedoch erfolgt die Schilderung zum Leidwesen der strukturellen Elemente des Romans. Der Pomp verdrängt die Handlung.
295 Ibid., 11.
296 Ibid., 12.
297 Ibid., 64.
298 Vgl. Müllenbrock, H. - J. (1980), Der historische Roman des 19. Jahrhunderts, Heidelberg:
Universitätsverlag, 47.
299 Vgl. Bulwer - Lytton, E., (1848), Harold, der letzte Sachsenkönig, Stuttgart: Verlag der Meßler´schen
Buchhandlung, 112.
300 Ibid., 115.
Jedoch ist Harold, der letzte Sachsenkönig, trotz seiner überdimensionierten, tendenziösen und ausladenden Darlegung, hinsichtlich der Repräsentation der Persönlichkeiten der Schlacht von Hastings eine wahre Fundgrube.
In der Schilderung des Bruderzwistes zwischen Harold und Tostig, der in der Schlacht von Stamford Bridge seinen Höhepunkt erreicht, tauchen im Buch immer wieder Hinweise auf das fatale Ende auf. Jene spielen auf die persönlichen Eigenschaften der Brüder an. Im Gegensatz zu Harold, der beim „Handeln eher standhaft und geduldig“ war, zeigte sich Tostig „rasch und stürmisch“. 302 Selbst ihr Vater, Earl Godwin, warnte auf seinem Totenbett vor einer Auseinandersetzung der Beiden: „Was ich aber am meisten fürchte (…) ist nicht der Feind von außen, sondern die Eifersucht im Innern. Neben Harold steht Tostig, räuberisch im Eingreifen, aber unmächtig im Festhalten - fähig allein zum Umsturz, zur Rettung kraftlos.“ 303
So ergibt es sich dann auch, dass Tostig, nach dem Aufstieg Harolds zum Earl von Wessex, von Eifersucht zerfressen, nur noch Rache an seinem Bruder ausüben will : „Er sah, dass Godwins ganzes haus allein in Harold konzentrierte und dass trotz seiner eigenen verwegenen Tapferkeit, trotz seiner Verbindung mit dem Blute Alfreds und Karls des Großen sein Durst nach Gewalt einzig nur durch seinen Bruder befriedigt werden konnte.“ 304 Selbst auf dem Schlachtfeld von Stamford Bridge zeigt er sich unnachgiebig, als der verkleidete Harold ihm ein großmütiges Angebot offeriert. Er will die finale Entscheidung: „Er kam hierher und so auch ich, um wie ein tapferer Mann zu gewinnen oder den Tod des tapfern zu sterben.“ 305 Bulwer - Lytton präsentiert hier einen Tostig, der sich als jüngerer Bruder um seine Chancen bzw. Macht betrogen und in Harold den einzig Schuldigen dafür sieht. Ähnlich wie in den zeitgenössischen Quellen wird a uch hier seine stürmische Art hervorgehoben. Seine Unüberlegtheit und blinde Wut lassen ihn ins Verderben schreiten.
Überdies bereitet der Autor den Konflikt zwischen Harold und Wilhelm ausführlich vor, wobei nicht nur Charakteristika, sondern auch die physische Erscheinung beschrieben werden.
Als Harold, in seiner Funktion als Subregulus, in Erwägung zieht, in die Normandie zu reisen, um außenpolitische Pakte abzuschließen, erkundigt er sich bei König Eduard über den normannischen Herzog. Der König warnt ihn eindrücklich vor der herzoglichen List:
301 Ibid., 140.
302 Ibid., 57.
303 Ibid., 108.
304 Ibid., 231.
305 Ibid., 549.
„Er ist nicht so einfältig von Gemüth, dass er deinem Vergnügen oder sogar meinem Willen irgendetwas zugestände, wenn es ihm nicht Gewinn einträgt (…).“ 306 In einer folgenden Szene legt dann der Verfasser, entsprechend seines Stils, den Fokus einzig und allein auf den Herzog. Zunächst geht er auf dessen äußere Erscheinung ein. So hatte Wilhelms „athletische Gestalt mit seinem Besuche in England gar vieles von ihrem jugendlichem Ebenmaße verloren, wiewohl sie noch nicht durch jene Korpulenz entstellt war, welche bei den Normannen wie den Spartanern eine gleich seltene Krankheit bildete.“ 307 Seine Regentschaft hatte „(…) um das intrigierende Auge“ 308 tiefe Runzeln in seinem Gesicht hinterlassen. Im Folgenden, werden sein e Eigenschaften so beschrieben, dass seine „heroische Natur (…) bereits einzelne Vorzeichen“ dessen verrieten, was aus ihm werden würde, „wenn seine feurigen Leidenschaften, sein schonungsloser Wille einen weiteren Spielraum vor sich fänden.“ 309 Die heuchlerische, listige und hinterhältige Art wird dann noch offenkundiger, als der „sauertöpfische Engländer“ 310 ihm ins Netz gegangen ist. Laut Bulwer - Lytton setzt er zur Erreichung seines Zieles alles daran, durch Charaden Harold mutwillig zu täuschen. So nimmt er ihn mit auf den Feldzug in die Bretagne, um Harold, den Krieger, zu beeindrucken. „So lange die Expedition dauerte, theilte William Tisch und Zelt mit seinem Gaste. Dem äußeren Anscheine nach herrschte brüderliche Vertraulichkeit zwischen ihnen.“ 311 Sogar der Herzog selbst behauptet von sich, „Ich bin zu ewigem Komplottieren und Intrigen bestimmt (…)“ 312 ; und führt seinen Plan fort, der in dem bekannten Eid Harolds mündet.
Harold, der stolze Engländer, ist, trotz seines Argwohns, in die Falle getreten. O hnmächtig und geblendet hatte er Englands Zukunft verkauft: „Die stattliche Fröhlichkeit des Abendbankettes erschien (…) wie das boshafte Gelage einer teuflischen Orgie. In jedem Gesichte glaubte er den Triumph über den Verkauf von Englands Seele zu lesen (…)“. 313 „Schwindelnd und wie im Traume“ 314 , hatte er den Eid abgelegt, der sein Schicksal besiegelte und ihm tief in der Seele brannte. Zurück in England, sucht er nach Absolution. Sein Machtwille war aber stärker, verdrängt die Episode und absolviert die n euen schweren Aufgaben. Nach dem Tode Eduards, der ihn zu seinem Nachfolger ernannte, 315
306 Ibid., 342.
307 Ibid., 375.
308 Ibid., 376.
309 Ibid., 376.
310 Ibid., 381.
311 Ibid., 353.
312 Ibid., 400.
313 Ibid., 421.
314 Ibid., 426.
315 Vgl. ibid., 500: „Eure Herzen sind, wie ich sehe, für Harold den Earl, so sey es - je l´octroi!“
erfüllte er, als neuer englischer König, seine Verpflichtungen. In ihm vereinten sich, so die Meinung des Autors, alle Elemente eines weisen Staatsmannes: „(…) Eintracht mit der Kirche, (…) Zuneigung des Volkes, (…) und die Kriegsmacht seines Landes.“ 316 Letztendlich ist aber die kriegerische Auseinandersetzung unvermeidlich. Nach dem glorreichen Sieg über den norwegischen König und seinen Bruder Tostig bei Stamford Bridge, kämpft er auf dem Schlachtfeld von Hastings unentwegt und entschlossen für das Schicksal Englands. Selbst ein auf ihn niederschmetternder Pfeil setzt ihn nur kurzzeitig außer Gefecht: „Er wankt, taumelt einige Schritte zurück und sinkt am Fuße seiner prachtvollen Standarte nieder. Mit verzweifelter Hand und zitternd in Todesnoth zerbricht er die Spitze des Pfeiles, dass der Widerhaken stecken bleibt.“ 317 Er stirbt jedoch an den Folgen. England lag danieder.
In dieser Darstellung, anders als die zeitgenössischen Berichte, zeigt sich der Herzog jedoch nach dem Tode Harolds und seiner Gefolgsleute unnachgiebig. Als zwei Mönche den Leichnam Harolds aufwiegen wollten, wiegelte er trotzig ab: „Nein (…) wir nehmen kein Gold für eines Verräters Leiche. (…) unbedingt bleibe der von der Kirche Verfluchte und die Raubvögel sollen ihre Jungen mit seinem Aase füttern.“ 318 Erst nach einem eindringlichen Appell an die normannische Ritterlichkeit gibt er nach. Harold wird in der Abtei zu Waltham begraben, überschrieben mit den rührenden Worten „Harold Infelix“ 319
Edward Bulwer - Lytton hat in diesem Opus über einen Meilenstein der englischen Geschichte, den letzten angelsächsischen Helden wiederaufleben lassen. Im gleichen Maße repräsentierte er auch die Wurzeln der englischen Nation. Freiheitsliebe, Stärke, Pflichterfüllung kennzeichneten seine Persönlichkeit und so die Englands. Der Tod Harolds erscheint hier langfristig als Sieg des englischen Volkes, aber auch gleichzeitig als eine Mahnung. So schließt Bulwer - Lytton das Buch mit den folgenden Worten: „Auf manchem geräuschlosen Felde, Ihr sächsischen Helden, haben Eure Hinterbliebenen mit Gedanken, statt der Armeen den Sieg von den normannischen Ueberwindern zurückerobert, und so oft die Freiheit mit besserem Glücke der Ge walt widersteht, so oft die Gerechtigkeit, die alte Niederlage sühnend, den bewaffneten Betrug, der das Unrecht heiligen möchte, niederwirft - ebenso oft magst Du lächeln, o Seele unseres sächsischen Harolds, befriedigt lächelnd über dem sächsischen Volke!“ 320
316 Ibid., 525.
317 Ibid., 636/637.
318 Ibid., 639.
319 Ibid., 645.
320 Ibid., 646.
b) Charles Kingsley: Hereward the Wake (1866)
Der historische Roman von Charles Kingsley erhält ebenso wie bei Edward Bulwer -Lytton eine politisch - öffentliche Ausrichtung. Kingsley, von Beruf Geistlicher, nahm regen Anteil am Zeitgeschehen und trat in seinem Romanwerk aus religiösem Verantwortungsgefühl für die Position des christlichen Sozialismus ein. 321 Seine historischen Romane müssen in Bezugszusammenhang seiner die Abhilfe aktueller Missstände betreibende Reformbestrebungen gerückt werden. In ihnen wird die Historie für propagandistische Zwecke nutzbar gemacht. Ähnlich wie bei Bulwer - Lytton, ist auch bei ihm der historische Aufwand in romanhafter Schilderung der Vergangenheit beträchtlich, so dass sich die Frage nach Historizität und Aktualität aufdrängt. In den Vorarbeiten für seine historischen Werke betrieb er immenses Quellenstudium, das sich auch dann in der fiktiven Darstellung niederschlug. Leider erfolgte dies oftmals zum Leidwesen seiner Darstellung. Auch in seinem letzten historischen Roman Hereward the Wake, erstarrt die historische Figur zu einem idealisierten Mythos des letzten angelsächsischen Widerstandes gegen die normannischen Invasoren im Leitbild des viktorianischen Zeitalters. In diesem Werk erfährt dann auch der zähe Widerstan d, den Hereward in dem der historischen Region Ostanglien umfassenden Fenland gegen Wilhelm den Eroberer organisierte, eine epische Gestaltung. Seine Benutzung von Quellen wie der Gesta Herewardi, der Anglo - Saxon Chronicle oder des Domesday Books zeigt hierbei sein Bestreben um historische Glaubwürdigkeit. Zwar um fachliche Seriosität bemüht, ging Kingsley jedoch vor allem von seiner eigenen Deutung aus. Er imitierte hierbei auch den nordisch geprägten Sagenstil, womit er sogar einen gewissen Anspruch auf Originalität erheben konnte.
In Bezug auf die Schlacht von Hastings, ihrer Vorläufer und Akteure ist Hereward the Wake von Bedeutung, da in diesem Werk von einem äußeren Blickwinkel ausgegangen wird. Im Zentrum der Geschichte steht der nordenglische Adlige Hereward, aus dessen Sichtweise die Geschehnisse geschildert werden. Er war zwar selbst kein Augenzeuge der Ereignisse, kannte aber die angelsächsischen Vertreter und offenbart seinen persönlichen Standpunkt. Zudem ist Hereward ein Repräsentant des nordisch geprägten Englands, der für die Ideale des wikingischen Kulturkreises einsteht. Infolgedessen, ist er auch erschüttert, als er vom Tod Harald Hardraadas in der Schlacht von Stamford Bridge hört. In seinen Augen war er der Vorbildlichste alle nordischen Herrscher, für den es sich zu
kämpfen lohnte: „(…)Harold Sigurdsson, Harold Hardraade, Harold the Viking, Harold the Varanger, Harold the Lionslayer, Harold of Constantinople, the bravest among champions, the wisest among kings, the cunningest among minst rels, the darling of the Vikings of the north (…).“ 322
Für Tostig Godwinsson, der Alliierte Hardraadas, hingegen hat er nur wenige Sympathien. Sein Tod ist ihm letztlich egal. Er bezeichnet ihn nur als „(…) the cold - meat butcher“ 323 oder als „an outlaw and a wolf´s head himself“. 324
Die Darstellung von Harold Godwinsson ist zwiespältig. Zum einen, bewundert Hereward sein kriegerisches Talent, dem er sein Leben zu verdanken hat: „The Godwinsson is a gallant fighter and a wise general (…)“. 325 Auf der anderen Seite, hat er aber auch viele abwertende Bemerkungen für ihn übrig. Er hält ihn für keinen guten Herrscher, ebenso wie seinen Vorgänger Eduard der Bekenner 326 , der sowieso in der feindlichen Umwelt nicht überleben wird. 327 Vielmehr ist nun für Hereward selbst die Zeit gekommen, als letzter fähiger Vertreter des angelsächsischen Englands, die Dinge in die Hand zu nehmen. Kingsleys plastische Wiedergabe des Zeitgeschehens mit seinen archaischen Auseinandersetzungen steht in diesem Kontext inhaltlich im Zeichen des Myt hos vom normannischen Joch Englands. Die Thematisierung jenes Mythos entspricht im Wesentlichen dem angelsächsischen Patriotismus in Bulwer - Lyttons Harold, der letzte Sachsenkönig. Hereward the Wake legt die normannische Besetzung Englands als ein denkwürdiges Ereignis mit keineswegs irreparablen Folgen aus. Somit erhält das Heldentum der englischen Widerstandsbewegung zwar unter dem Gesichtspunkt des damaligen Scheiterns einen tragischen Anstrich. Jedoch wird der letztlich nicht vergebliche Heroismus der Vorfahren nur beschworen, um auf die angelsächsischen Traditionen wie der Freiheitsidee zurückgehende zivilisatorische Selbstverwirklichung Englands, angesichts der kühnen Perspektiven der eigenen Zeit, als eigentliche historische Bestimmung am Horizont der Zukunft aufleuchten zu lassen. Die Erweckung der altenglischen Tatkraft sollte dabei der zeitgenössischen Generation im 19. Jahrhundert ein historisch - motiviertes Selbstvertrauen geben. 328
321 Vgl. Müllenbrock, H. - J., (1980), Der historische Roman im 19. Jahrhundert, Heidelberg: Universitätsverlag,
60.
322 Vgl. Kingsley, C., (1969), The Works, Vol. XI, Hildesheim: Ohns Verlagsbuchhandlung, 208.
323 Ibid., 191.
324 Ibid., 188.
325 Ibid., 209.
326 Ibid., 188: „(…) one fool less on earth, and one saint more (…) in heaven.”
327 Ibid., 188: „(…) every dog has his day. (…) And his will be a short one (…).”
328 Vgl. Müllenbrock, H. - J., (1980), Der historische Roman im 19. Jahrhundert, Heidelberg: Universitätsverlag,
70.
V. Das viktorianische Drama: Alfred Tennysons „Harold, a Drama“ (1876)
Alfred Tennyson, der berühmte viktorianische Literat, war bekannt für die Bearbeitung historischer Stoffe. Er selbst behauptete von sich, er wäre in der Leidenschaft der Vergangenheit, inspiriert durch die Ferne, gefangen. 329 In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts widmete er sich im Besonderen der Erforschung der englischen Geschichte. Noch vor dem Ende jenes Jahrzehnts hatte er bereits drei Dramen und eine Vielzahl von Gedichten komplettiert, die sich bekannten historischen Ereignissen des Zeitraums von der römischen Invasion Britanniens bis zum Ende des 16. Jahrhunderts widmeten. In diesem Zusammenhang, spielte wohl seine Frau, Emily Tennyson, eine immense Rolle, da sie ein großes Interesse an historischen Werken hegte und dabei wohl ihren Gatten mit dieser Thematik inspirierte. Beide befassten sich ausführlich mit historischen Texten u. a. über Alfred den Großen oder Englands im Mittelalter. 330 Damit ist auch schon die Bandbreite des Interessenschwerpunktes Tennysons angesprochen, der mehr als fünfzig Werke über die britische und europäische Geschichte vor der Französischen Revolution beinhaltete. Überdies unternahm die Familie Tennyson im Herbst des Jahres 1864 eine Reise in die Bretagne. Dort besuchten sie eine Vielzahl von historisch geprägten Kirchen, Kathedralen oder Palästen, u. a. auch den berühmten Bildteppich von Bayeux, der einen tiefen Eindruck auf die Tennysons hinterließ. 331 Aus diesem Grund, ist es ersichtlich, woher Alfred Tennyson seine ersten Inspirationen für Harold, a Drama erhielt.
Auch hier korrespondierte das historische Interesse Tennysons mit der allgemein steigenden Popularität, der neuen akademischen Disziplin der Historiografie. Wie so Vieles in der viktorianischen Epoche war dieses Interesse begründet in der Suche nach nationaler Identität. Für eine Generation, die immer noch an den unaufhaltsamen Fortschritt glaubte, enthielt die Vergangenheit die wesentlichen Anhaltspunkte für die zeitgenössischen und zukünftigen Ereignisse. Infolgedessen, nahm das Studium nationaler Literatur und Geschichte einen zentralen Platz ein, in den von den klassischen Lehren okkupierten Institutionen.
329 Vgl. Turner, P., (1990), Victorian Poetry, Drama and Miscellaneous Prose 1837 - 1890, Oxford: Clarendon
Press, 12: „It is the distance that charms me in the landscape, the picture and the past, and not the immediate
today in which I move.”
330 Vgl. Ormond, L., (1993), Alfred Tennyson: A Literary Life, London: Macmillan, 176.
331 Ibid., 177: Emily schrieb in einem Brief, dass der Teppich sehr einnehmend war. „It gives one a feeling of
perfect truthfulness. (…) The object of the piece seemed to us the justification of William. A good wife’s deed.
The Cathedral very fine - A. is, I hope, glad to have been here.”
Dieses Phänomen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde schon des Öfteren als Englishness, die Schaffung der nationalen (englischen) Identität, bezeichnet. 332 Ein grundlegendes Element dieser neuen Form von Nationalismus war nun die Erforschung der englischen Geschichte.
Eine wesentliche Quelle für Harold, a Drama war E. A. Freemans Darstellung über die Geschichte der normannischen Eroberung. Darüber hinaus verwendete Tennyson auch John Richard Greens Short History of the English People, das zu dem damaligen Zeitpunkt das einflussreichste Werk dieser Gattung war. 333
Die intensive Beschäftigung mit der Historie war aber nur ein Faktor in der dramatischen Bearbeitung dieses Stoffes. In seiner Auswahl historischer Stoffe, die einmal Englands Theaterbühnen erreichen sollten, folgte er den Vorbildern der Romantiker bis hin zu Shakespearischer Systematik - eine fatale Wahl.
Im Jahre 1876 hatte Tennyson Harold, a Drama dann fertig gestellt. 334 Ein Werk mit viel Dramatik und nur wenigen Charakteren. Unglücklicherweise, wurde es erst nach dem Tod Tennysons aufgeführt.
Thematisch handelt das Werk von der normannischen Eroberung Englands im Jahre 1066. Hierin werden Harold und die Angelsachsen mit England identifiziert, während die Normannen als grausame Invasoren, unterstützt von der fremdwärtigen Macht des Papsttums, dargestellt werden. In diesem Kontext, wird Tennysons Angst vor einem möglichen Einfall Frankreichs und seiner Abneigung gegenüber dem Katholizismus deutlich aufgezeigt. Tennyson präsentiert Harold Godwinsson als den perfekten Engländer, der unbeeindruckt scheint von dem schlechten Omen des Kometen oder den Visionen eines untätigen, lustlosen englischen Königs. Letztlich muss er sich aber auch hier seinem Schicksal beugen.
Schematisch gesehen, orientierte sich der Autor in diesem Drama an der Struktur von Bulwer - Lyttons Harold, der letzte Sachsenkönig. Er übernahm sogar einige Passagen wortwörtlich und bearbeitete sie nur im Stil eines Dramas. Da im Jahre 1876 Edward Bulwer - Lytton bereits verstorben war, erscheint die Widmung des Werkes an dessen Sohn, Lord Lytton Viceroy and Gouvernour - General of India eher ironisch, denn Tennyson und Bulwer - Lytton ergaben sich in ihrer Lebenszeit gegenseitigen Animositäten.
332 Ibid., 177.
333 Ibid., 178.
334 Ibid., 181.
In Harold, a Drama wird in der ersten Szene des ersten Aktes besonderes Augenmerk auf die Erscheinung des Kometen gelegt. Dieser hat hierin eine immense Bedeutung als schlechtes Vorzeichen für Krieg bzw. Thronumsturz und versetzt alle Menschen Englands in helle Aufregung. 335 Tennyson nimmt diese Szene zum Anlass, um wesentliche Personen des Geschehens einzuführen, wobei die Paarungen Harold - Stigand und Tostig
- Edward schon wichtige handlungsthematische Muster nachzeichnen. So steht Stigand eindeutig in Kontrast zu Eduard. Als der Erzbischof von Canterbury nämlich nach der Deutung des Kometen gefragt wird, winkt er ab, da er Eduards inaktiven Status als die größere Bedrohung Englands sieht. Eduard wird als Marionette der Normannen dargestellt. 336 Dann erfolgt der Auftritt Harolds, der sich unbeeindruckt von der Erscheinung des Kometen zeigt. Falls dies der Untergang, dann beträfe es die ganze Welt, auch die Normannen. 337 Im Folgenden mockiert er sich über Eduards Gottesfürchtigkeit und tiefe Religiosität : „Who, seeing war in heaven, for heaven’s credit makes it on earth (…).“ 338 Er sieht die größere Gefahr von seinem Bruder Tostig ausgehen, der gerade in Northumbria entmachtet wurde und nun beim König Unterschlupf sucht. Auch hier wird schon der künftige Bruderzwist angekündigt, indem schon jetzt auf Tostigs stürmisches Gemüt und opportunistisches Verhalten angespielt wird: „(…)he hath learnt, despite the tiger in him, To sleek and supple himself to the king’s hand (…) Our Tostig loves the hand and not the man.“ 339 Während Harold als wahrer, ehrenhafter Verteidiger Englands dargestellt wird, der seinen jüngeren Bruder nur in die Schranken weisen will. Tostig und Harold streiten sich über die Situation in Northumbria, hierbei wird Eduard indirekt miteinbezogen, indem er Tostig zum Earl gemacht hatte. 340 Tostig verteidigt vehement und ist erbost über Harolds Einstellung. An anderer Stelle spricht er, im ironischen Unterton, Harolds Charakteristika an. Er preist zwar seine kriegerischen und diplomatischen Qualitäten an, bezeichnet ihn aber als den nicht unbedingt besten Vertreter des Hauses Godwin: “My most worthy brother, That art the quietest man in all the world
- Ay, ay and wise in peace and great in war - Pray God the People chose thee for their
335 Vgl. Tennyson, A., (1877), Harold, a Drama, Leipzig: Tauchnitz, 13: „It glares in heaven, it glares upon the
Thames. The people are as thick as bees below, They hum like bees, - they cannot speak - for awe; Look to the
skies, then to the river, strike their hearts, and hold their babies up to tit. I think that they would molochize them
too, To have the heavens clear.”
336 Ibid., 16: „What’s up is faith, what’s down is heresy. Our friends, the Normans, help to shake his chair (…).”
337 Ibid., 18: „Why not the doom of all the world as well? For all the world sees it as well as England. (…) it
threatens us no more Than French or Norman (…).”
338 Ibid., 18.
339 Ibid., 19.
340 Ibid., 27: „The king hath made me Earl; make me not fool! Nor make the king a fool, who made me Earl!”
king! But all the powers of the house of Godwin Are not enframed in thee. “ 341 Der Streit wird auf die Spitze getrieben als Tostig ganz offen die Machtfrage stellt. Er versteht nicht, warum Harold alle politische Macht Englands in seinen Händen halten soll. Jener entgegnet: „The king? The king is ever at his prayers; In all that handles matter of the state I am the king.“ 342 Tostig fühlt sich davon persönlich angegriffen, da er sich doch als Günstling Eduards sieht. Er will nun alles daran setzen, damit Harold nicht zum König ernannt wird: „That shalt thou have be If I can thwart thee.“ 343 Diese Aussage markiert den offenen Bruch zwischen den Brüdern, der in der Schlacht von Stamford Bridge ausgetragen wird. Dort erinnert Tostig Harold an den Verrat, den er gegenüber ihm und dem Hause Godwin begangen hat. „Thou hast no passion fort he house of Godwin - Thou hast but cared to make thyself king - Thou hast sold me for a cry - Thou gavest thy voice against me in council - I hate thee, and despise thee, and defy thee. Farewell forever!” 344 Im Großen und Ganzen, stellt Tennyson hier Tostig Godwinsson als stürmischen Jüngling dar, der oft unüberlegt handelt und deshalb von seinen Brüdern nie Ernst genommen wurde 345 . Sein Potenzial wurde verkannt. Nur seine Schwester Edith ergreift für ihn Partei, kann ihn aber in seinem Tun nicht aufhalten.
Im anschließenden Zwiegespräch Harolds mit dem englischen König erscheint dann noch eine weitere interessante Komponente: die Nachfolgefrage. Eduard, seines Amtes überdrüssig, will die Krone an Harold, dem Diener Englands, übergeben: „(…) thou hast broken all my foes, lightened for me, The weight of this poor crown, and left me time and peace for prayer to gain a better one. Twelve years of service! England loves thee for it. Thou art to rule her.” 346 Im Folgenden warnt er weise Harold vor einer Reise in die Normandie, da die Himmelserscheinung ein schlechtes Vorzeichen sei. Harold zeigt sich jedoch unbeeindruckt und denkt eher pragmatisch.
Unter diesen Voraussetzungen verlässt Harold England und geht dem normannischen Herzog in die Falle. Ähnlich wie bei Bulwer - Lytton wird auch hier der normannische Herzog in seinen negativen Zügen dargestellt. Er hält von seinem angelsächsischen Kontrahenten nur wenig („Saxon woodcock“ 347 ). Tennyson verdeutlicht Wilhelms intrigante Züge in seinem Streben nach der englischen Krone. Der gefangene Harold soll
341 Ibid., 28.
342 Ibid., 33.
343 Ibid., 33.
344 Ibid., 158.
345 Ibid., 34: „Tostig (…) galls himself, He cannot smell a rose but prick his nose Against the thorn, and rails
against the rose.“
346 Ibid., 22/23.
347 Ibid., 57.
hier nur Mittel zum Zweck sein. Alles wird daran gesetzt Harold von seiner Aufgabe zu überzeugen, jedoch mit unbilligen Mitteln.
In diesem Drama wird übermäßig viel Wert auf den Opferstatus des Earls von Wessex gelegt. Sogar sein Bruder Wulfnoth, als normannische Geisel, wird dazu benutzt, Harold zu hintergehen. Alles läuft auf die Ableistung des Eides aus, der Herzog Wilhelm die Krone Englands sichern sollte. Im Zwiegespräch mit dem Herzog, stimmt Harold einer solchen Regelung zu. Nun bestimmen Selbstzweifel und Scham Harolds Gedanken: „For having lost myself, said ‘ay’ when I meant ‘no’, lied like a lad That dreads the pendent scourge, said ‘ay’ for ‘no’!” 348 Dennoch sieht er zumindest dieses Versprechen als unverbindlich an, da er offensichtlich belogen wurde: „He call´d my word my bond! He is a liar who knows I am a liar, And makes believe my word - The crime be on his head - no bounden - no.” 349
Jedoch erfolgt der eigentliche Betrug erst in der Halle des herzoglichen Palastes, wo Harold auf Reliquien schwört: „I swear to help thee to the crown of England (.) According as king Edward promises.“ 350 Als die heiligen Gebeine freigelegt werden, ist der Earl schockiert, fühlt sich verraten - im Besonderen durch seinen Bruder Wulfnoth. Niedergeschlagen und seiner Ehre beraubt, reist er zurück nach England. Harold, der edle Engländer, scheint niedergerungen. Stigand entschuldigt Harold, indem er an das staatsmännische Verhalten Earl Godwins erinnert: „Is naked truth acceptable in true life? I have heard a saying of thy father Godwin, That, were a man of state nakedly true, Man would but take him fort he craftier liar.“ Somit versucht hier der Autor, auf der einen Seite, Harolds Handeln zu rechtfertigen - ihn wieder in seinen angestammten Status zurückzuführen. Auf der anderen Seite, wird indirekt die Schuld beim Normannen aufgezeigt. Dennoch erscheint das blutige Schicksal unausweichlich. Eduard, durch Visionen auf seinem Todesbett gepeinigt, sieht den Untergang Englands voraus: „(…) - a lake, A sea of blood - we are drown´d in blood - for God Has fill´d the quiver, and death has drawn the bow - Sangulac! Sanguelac! The arrow! The arrow!“ Tennyson übernimmt hierbei die Überlieferungen von Ordericus Vitalis und des Carmen de Hastingae Proelio, wandelt jedoch Senlac („sandlake“) in Sanguelac („Blutsee“) um. Damit wird schon ein dramatischer Höhepunkt umrissen.
Letztendlich führt Eduards Tod und Harolds Königserhebung unabwendbar zur Schlacht von Hastings und dem Untergang Harolds und seiner Gefolgsleute.
348 Ibid., 93.
349 Ibid., 94.
350 Ibid., 97.
In diesem Zusammenhang, stellt der Verfasser Harolds Ende nicht im Schlachtgeschehen dar. Jener wird bereits im Vorfeld der Schlacht verabschiedet. Als Godwinsson sich kurz vor dem Kampf ausruht, schiebt der Autor Visionen Eduards, Wulfnoths, Tostigs und normannischer Heiliger ein. Sie alle verabschieden Harold von seinem irdischen Dasein. 351
Der neue englische König wacht erschrocken auf, ist aber nun fest entschlossen, alles Englische zu verteidigen. Aber erst im letzten Gespräch mit seiner Frau Edith (Schwanenhals oder Swanneck) wird er geläutert. Er erkennt nun seine Fehler, huldigt der Vorzeichen und sieht, dass er der letzte englische König ist: „Edith, the sign in heaventhe sudden blast at sea - My fatal oath - the dead saints - the dark dreams - The Pope´s Anathema - the holy Rood That bow´d me at Waltham - Edith, if I, the last Englisch king of England (…).“ 352 Sein Ende ist nah und er tritt von der Bühne ab: „Farewell! I am dead as Death this day to ought of earth´s save William’s death or mine.” 353 Im Folgenden wird das Schlachtgeschehen durch die Augen Stigands und Ediths geschildert.
Im Ergebnis verbleibt Tennyson der allgemeinen Auffassung seiner Zeit: Harold, der letzte angelsächsische König, stirbt in Ausübung seiner Pflicht. Der Wahrer und Verteidiger Englands beendet sein irdisches Leben als glorreicher Krieger, der die Freiheit der Nation verteidigt. Seine Läuterung im Vorfeld der finalen Auseinandersetzung machte ihn wieder zu einem glaubwürdigen Vertreter des englischen Geschlechtes. Nur das Schicksal war ihm überlegen.
Im Großen und Ganzen, ist aber Harold, a Drama ein eher unspektakuläres Bühnenstück, das vom historischen Pathos der viktorianischen Epoche geprägt war.
351 Ibid., 184: „Because I loved thee in my mortal day, To tell thee thou shalt die on Senlac hill - Sanguelac.”
(Eduard); „No more, no more, dear brother, never more - Sanguelac.” (Wulfnoth); „Thou gavest thy voice
against me in my life, I give my voice against thee from the grave - Sanguelac.” (Tostig); „O hapless Harold!
King but for an hour! Thou swearest falsely against thee out of heaven! Sanguelac! Sanguelac! The arrow! The
arrow!” (normannische Heilige)
352 Ibid., 191.
353 Ibid., 191.
VI. Darstellung von Historie im Kinderbuch: Die Schlacht von Hastings in Rudyard Kiplings „Puck of Pook´s Hill“(1910) und „Rewards and Fairies“(1913)
Die folgenden Überlegungen gelten den historischen Erzählungen Rudyard Kiplings Puck of Pook´s Hill (1910) und Rewards and Fairies (1913). In beiden Bänden wird die Problematik des Humoristischen in der fiktionalen Darstellung der Vergangenheit behandelt. Dies repräsentiert einen Aspekt, der für die beiden Erzählungsfolgen wesentlich zu sein scheint und sie von anderen historischen Erzählungen vor und um 1900 unterscheidet. Darüber hinaus verarbeitete Kipling diese Thematik in Form von Kinder -und Jugendliteratur.
Er versuchte darin, in scheinbar nur einfacher Gestaltungsweise das Gefühl der „Dauer im geschichtlichen Wandel ebenso wie das des Wandels im Beständigen“ 354 zu vermitteln. Der die Puck - Geschichten entscheidend tragende Dialog ist bewegt, pointiert und oft umgangssprachlich. Nicht zuletzt tragen dabei die Gedichte, die die Erzählungen verbinden, zum Gesamteindruck bei.
Als Kipling Puck of Pook´s Hill und Rewards and Fairies Anfang des 20. Jahrhunderts für seine Kinder schrieb, ließ er die englische Vergangenheit von der Prähistorie bis zum Krieg gegen Napoleon vor ihnen lebendig werden. Die Charaktere Dan und Una, John bzw. Elsie Kipling, führen hierin einen verkürzten Midsummer Night´s Dream mit den Rollen Bottoms, Titanias, der Elfen und Pucks auf: 355 in einem Feenring und am Midsummer Eve. Das drei Mal wiederholte Spiel hat beschwörende Kraft. Die Figur des Puck erscheint, schließt mit ihnen Freundschaft und in den folgenden Erzählungen bringt er, „the oldest thing in England“, sie mit Gestalten der Vergangenheit zusammen. 356 In diesem Kontext, wird die Idee umgesetzt, Gestalten aus der prähistorischen, angelsächsischen, normannischen, spätmittelalterlichen Vergangenheit, aus dem 17. Jahrhundert und dem ausgehendem 18. Jahrhundert anschaulich und wie selbst verständlich erscheinen zu lassen. Zudem ergibt sich vom „Regionalem her (…) in den Puck - Geschichten auch der nationale Appell; Sussex [Schauplatz der Handlungen] steht
354 Vgl. Sehrt, E. T., (1979), Humor und Historie in Kiplings Puck Geschichten, Göttingen: Vandenhoeck und
Ruprecht, 5.
355 Vgl. Kipling, R., (1913), Rewards and Fairies, New York: Charles Scribner’s Sons, 3: „Once upon a time,
Dan and Una, brother and sister, living in the English country, had the good fortune to meet with Puck, alias
Robin Goodfellow, alias Nick o´Lincoln, alias Lob - lie - by - the - fire, the last survivor in England of those
whom mortals call Fairies.”
stellvertretend für England.“ 357 In diesem häufig auftauchendem Gedanken einer einigen englischen Nation tritt zugleich das Ethos dieser Vergangenheitsbilder zutage, „(…) der Grundsatz der männlichen Pflichterfüllung, des heroischen Opfers gegenüber der Gemeinschaft, der Versöhnung einander widerstreitender Weltanschauungen.“ 358 Die zentrale Figur aller Geschichten in beiden Bänden ist Puck. Kiplings Puck, im Gegensatz zu dem Puck Shakespeares, ist dabei ein durchaus männlicher, unromantischer Kobold: „a small, brown, broadshouldererd, pointly - eared person with a snub nose, slanting blue eyes, and a grin that ran right across freckled face (…)“, mit „bare, hairy feet“ und einer Stimme, die weithin dröhnt. 359 Seine Bodenständigkeit verrät sich in seiner Sprache, mit drastisch, derber Ausdrucksweise. Hierbei nähert er sich besonders in den Anfängen und Schlüssen der Erzählungen in Satz und Wort dem Dialekt von Sussex an. Oft spricht und verhält er sich genauso wie Old Hobden, der als gutmütige, verschmitzte Randfigur wiederholt in beiden Bänden auftaucht und ebenso wie Puck die Beständigkeit im Wandel der Zeit repräsentiert. 360
Gleichermaßen wird mit dem Auftreten des Puck - Charakters der Rahmen der Erzählungen festgelegt. Er ist nicht nur der Veranstalter der Begegnungen mit den historischen Figuren, sondern auch ihr Kommentator und erscheint oft sogar in der Rolle des Mitakteurs, da er bei fast allen vergangenen Ereignissen bereits dabei war. Somit sind Puck of Pook´s Hill und Rewards and Fairies hervorragende Beispiele für die Rahmentechnik des Erzählers Kipling, mit der er Erzählrahmen und Erzähltes miteinander integriert. 361
In Bezug auf die normannische Eroberung lässt der Autor in Puck of Pook´s Hill drei, nach 1066 spielende Geschichten des Normannen Sir Richard Dalynridge auftreten: Die Freundschaft des Angelsachsen Hugh mit dem landerobernden Sir Richard, beider Kamp f, ihre Versöhnung trotz der Belehnung Sir Richards mit Hughs Manor, und die Liebe zwischen Sir Richard und Lady Aelneva (Young Men at the Manor) leitet hinüber zu der Abenteuergeschichte The Kings of the Joyous Venture mit der Fahrt Richards und Hughs nach Afrika und klingt aus in Old Men in Pevensey, in dem das schon in Young Men at the
356 Ibid., 16: „You shall see what you shall see and you shall hear what you shall hear, though it shall have
happened three thousand a year (…).”
357 Vgl. Sehrt, E. T., (1979), Humor und Historie in Kiplings Puck - Geschichten, Göttingen: Vandenhoeck und
Ruprecht, 8.
358 Ibid., 8.
359 Ibid., 9.
360 Ibid., 10.
361 Ibid., 12.
Manor angeschlagene Thema eines einigen sächsisch - normannischen Englands wieder aufgegriffen und abgerundet wird. 362
Die Schlacht von Hastings selbst wird nur kurz erwähnt, die sonst in historiografischen oder fiktiven Darstellungen der Zeit für die Jugend ausgiebig betont wurde, so in Charles Dickens Child History of England (1851 - 1853), E. A. Freemans Old English History for Children (1869) oder etwa, wenige Jahre nach den Puck - Geschichten, in des Oxforder Historiker C. R. L. Fletchers History of England (1911), die ausdrücklich verfasst war „for all boys and girls who are interested in the study of Great Britain and her Empire“ und für die Kipling eingeschobene Gedichte beisteuerte. 363 In der Person des Sir Richard Dalynridge: „(…) an old, white - haired man dressed in a loose glimmery gown of chain - mail“ 364 werden die Begebenheiten der Schlacht nur kurz angedeutet. Über „santlache“ (Hastings) sagt er lediglich: „We fought. At the day´s end they all ran.“ 365 Erst im zweiten Band Rewards and Fairies tritt in der letzten Erzählung - The Tree of Justice - einer der beiden Hauptakteure der Schlacht, Harold Godwinsson, auf.
Diese Erzählung ist darin einzigartig, dass das komische Element nur von den Gestalten der Erzählung empfunden wird. Es strahlt kaum auf den Leser oder die zuhörenden Kinder aus, denen der aus den angelsächsisch - normannischen Erzählungen aus dem erst an Band bekannte Sir Richard Dalynridge noch einmal aus der Zeit Heinrichs I. (1100 -1135) berichtet. Gelächter und ein nun sehr tiefsinniger Humor haben ihre Funktion, aber die Geschichte als Ganzes ist dabei überhaupt nicht erheiternd: „Sie verdeutlicht die Komik des Inkongruenten in einem sehr ernsthaften Zusammenhang.“ 366 So sagt Dan, als die Geschichte weiter fortschreitet: „This tale is getting like the woods, (…) darker and twistier every minute.“ 367 Hierin zeigt sich am Deutlichsten, dass Kipling nicht allein nur für Kinder schrieb.
Das Geschehen und die Hauptfiguren in The Tree of Justice sind, mit Ausnahme König Heinrich I., im Wesentlichen fiktiv. Hierbei stellt Kipling eine doppelte Fiktion dar, wenn nach einer großen Jagd Heinrichs der tot geglaubte Harold Godwinsson dem König vorgestellt wird. An dieser Stelle übernahm der Verfasser wohl in gewissem Maße die Traditionen der Vita Haroldi oder der des skandinavischen Kulturkreises, die von dem
362 Ibid., 16 f.
363 Ibid., 17.
364 Vgl. Kipling, R., (1910), Puck of Pook´s Hill, New York: Charles Scribner’s Sons, 38.
365 Ibid., 42.
366 Vgl. Sehrt, E. T., (1979), Humor und Historie in Kiplings Puck - Geschichten, Göttingen: Vandenhoeck und
Ruprecht, 42
Überleben Harolds berichteten. In diesem Zusammenhang aber, lehnte sein wichtigster Gewährsmann für den historischen Hintergrund seiner normannischen Geschichte, E. A. Freeman, solche Berichte als Legenden oder „mere romance“ ab, die allerdings den angeblich als Einsiedler gestorbenen Harold dem Heiligen Eduard dem Bekenner positiv annähere. 368 Die Überlieferungen enthalten im Übrigen nichts von dem bei Kipling geschilderten Lebenslauf Harolds; ebenso ist seine Begegnung mit dem normannischen König wohl Kiplings Einfall. Er erzielt eine wirkungsvolle Konfrontation zwischen dem einstigen und dem neuen Herrscher, aber noch wichtiger ist hier die Figur des Rahere. Der historische Rahere und die ihn betreffende Tradition sind wichtig für die Interpretation von dieser Erzählung. Kipling kannte womöglich Raheres Grabmal in der berühmten ältesten Londoner Prioreikirche, St. Bartholomew the Great in Smithfield, das ihn als Raherus Primus Cononicus et Primus Prior Unius Ecclesiae darstellt. Darüber hinaus gibt es auch Überlieferungen, nach denen Rahere Hofnarr Heinrichs I. gewesen sei, ehe er aus Reue über sein Weltleben in den Klerikerstand eintrat. 369 Kipling übernahm die letzt genannte Überlieferungstradition und machte den Narren Rahere zum Mittelpunkt der Erzählung.
Der The Tree of Justice des Titels bezeichnet einen Galgenbaum, an dem Heinrich I. noch vor Beginn des Geschehens 26 Angelsachsen zur Sühne für die Ermordung eines kentischen Ritters hinrichten ließ. Der Galgen durchzieht zudem als Leitbild in verschiedenen Hinweisen auch die ganze Erzählung. Überdies geht es in dieser Geschichte um das Problem und die Zuständigkeit menschlicher Gerechtigkeit. Harold Godwinsson taucht hierin zum ersten Mal als einer der angelsächsischen Treiber auf, der im Pilgerhemd seit Jahren ruhelos alle Heiligenschreine Englands besucht hatte, und Rahere erstmals unter dem Galgen von Stamford Bridge traf, wie er den Aasvögeln erzählte, wer er einst war. Diese Tatsache wird jedoch erst zum Ende berichtet. Zu Beginn kennt ihn niemand, außer Rahere und nach ihm der Engländer Hugh, die um die Identität des alten Mannes wissen. Jener wird dann vor den König gebracht, da er während der Jagd Spottrufen normannischer Ritter mit dem Schrei „Ware Red William´s arrow!“ 370 beantwortete, einer Anspielung auf die Ermordung von Heinrichs Vorgänger und Bruder Wilhelm Rufus.
367 Vgl. Kipling, R., (1913), Rewards and Fairies, New York: Charles Scribner’s Sons, 362.
368 Vgl. Sehrt, E. T., (1979), Humor und Historie in Kiplings Puck - Geschichten, Göttingen: Vandenhoeck und
Ruprecht, 42.
369 Ibid., 43.
370 Vgl. Kipling, R., (1913), Rewards and Fairies, New York: Charles Scribner’s Sons, 359.
Im Folgenden soll er sich nun vor König Heinrich wegen seines Zwischenrufs verantworten, der den vermeintlichen Frieden zwischen Normannen und Angelsachsen gefährdete. Der König will den unbekannten alten Mann aburteilen, der sich kindischhilflos als „Rahere´s Man“ auf diesen beruft. Zu seinem Glück kann Rahere durch seine spöttische Überredungskunst ein Urteil verhindern.
Entscheidend und symptomatisch - auf der Metaebene - stehen darüber hinaus zwei Aussprüche, die wesentlich zum Verständnis des Ganzen beitragen. Zum einen, sagt Rahere, als Hugh in Harold seinen einstigen König wieder erkennt: „(…) each man must have his black hour or where would bet he merit of laughing?“. 371 Zum anderen, auf dem Höhepunkt der noch folgenden Gerichtsszene, spricht er von „The king - his bishop - his knights - all the world´s crazy chessboard (…)“. 372 Während im ersten Ausspruch das Lachen als Korrigens dunkler Lebensstunden gedeutet werden kann, so fasst der zweite die ganze Welt als sinnloses Spiel auf. Außerdem gewinnt hier, mehr als sonst im Werk Kiplings, das Wort fool die Bedeutung einer Leitfunktion. Es dient hierbei der Verwirrung und Aufhebung aller individuellen Unterschiede. Jene Bezeichnung stellt Harold, Heinrich und Rahere einander gleich und lässt offen, ob Rahere an Wahnsinn, Torheit oder einen beide umfassenden Zustand denkt. Rahere steht, in jenem Kontext, als „wise fool“ schon über den beiden anderen Charakteren. Wenn er dann das traditionelle Narrenrecht auf eine de facto ihm nicht zukommende Autorität mit dem Befehl beansprucht, die Ritter soll ten Harold hängen, so hat dies hier reale Folgen, denn Heinrichs Entscheidungsfreiheit wird paralysiert. 373
Der König begegnet dann dem unbekannten Zwischenrufer nochmals, als er mit seinen Adligen und Bischöfen bei Tische sitzt, und erst jetzt stellt Rahere ihn als den bisher tot geglaubten König vor. Die Schilderung wird dramatisiert und von den Dialogen der meisten Anwesenden beherrscht. Hierbei prallen aufeinander: Harolds wirre Jammereien, Heinrichs zunächst hervortretende Höflichkeit, mit der er dem Alten einen Becher Wein offeriert, die Kommentare der zunächst ungläubigen, aber bald von Harolds Identität überzeigten Adligen und Raheres kurzen Hinweisen.
Ferner, kurz vor Harolds Tod am Ende der Erzählung, bilden biblische Anklänge in Form von indirekten, anspielenden Zitaten, eine für die Umstimmung des Königs und seines
371 Ibid., 362.
372 Ibid., 374.
373 Vgl. Sehrt, E. T., (1979), Humor und Historie in Kiplings Puck - Geschichten, Göttingen: Vandenhoeck und
Ruprecht, 46.
Hofs maßgebendes thematisches Muster, das zu dem doppelten Wesen Raheres in sinnvoller Beziehung steht. 374
Aus den Andeutungen geht hervor, dass Harold bereits für seine tatsächliche oder angebliche Schuld bereits reumütig gebüßt habe. 375 Jene Buße, die Kipling in die fiktive Geschichte des Greises Harold einführt, ist dessen Steinigung, ein ebenso wenig bloß anekdotisches Prinzip wie Harolds Pilgerreisen.
Die anwesenden geistlichen Adligen sehen dies auch für gerechtfertigt an: „A right mock and a just shame.“ 376 Doch Rahere erinnert sie im gleichen Moment an ihre moralische Schwäche, deren Ehre und Frömmigkeit er genauso in Frage stellt. Es geht hierbei nur um „Man´s Justice“, die Rahere in seinen Fragen als Ungerechtigkeit ironisiert. Letztlich treibt der Narr dies bis zu dem Höhepunkt der an Harold gerichteten Worte, dass ihn niemand verspotte und der abschließenden Frage: „Who here judges this man? Henry of England - Nigel - de Aquila! On you souls, swift the answer!” 377 Da ihm darauf niemand antwortet, fast er kurz vor Harolds Ableben zusammen: „The King - his bishops - the knights - all the world’s crazy chessboard neither mock nor judge thee!” 378 Die Welt als verrückt, gebrochen und rissig darzustellen, bezeichnet hier einen Humor, der über die Durchleuchtung menschlichen Stolzes hinausreicht.
In The Tree of Justice ist die Figur Harold Godwinssons ein „Gewesener”, ein Schatten, der am Ende der Erzählung stirbt. Er begreift erst im Erlöschen seines Lebenslichtes, wer er eigentlich war. Sein Überleben war die Bestrafung seiner Sünden. Der einst würdevolle, stolze König, verfällt dem Wahnsinn und kann nur mit Hilfe des königlichen Narren weiterhin sein Dasein fristen. Er repräsentiert dabei den Niedergang, während die Herrschaft Heinrich I. den Aufstieg kennzeichnete. Gerade im Zeitalter des Imperialismus wurde hierin eine Problematik thematisiert, die in der damaligen politischen und gesellschaftlichen Diskussion mit Vorsicht behandelt wurde.
374 Ibid., 48.
375 Vgl. Kipling, R., (1913), Rewards and Fairies, New York: Charles Scribner’s Sons, 369: „He hath been
somewhat punished through, maybe, little fault of his own.”
376 Ibid., 373.
377 Ibid., 374.
378 Ibid., 374.
VII. ‘Comic Histrories’: Die humorvolle Darstellung von Historie - Punch und dessen Ablegern
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Problem der wahrheitsgetreuen Wiedergabe von Geschichte immer offensichtlicher. Eine eigene realistische Auffassung von Geschichte empfand die Darstellungsweise der bis dahin üblichen Geschichtsbücher zu pompös und konstruiert. Somit führte die Diskrepanz zwischen persönlicher Ansicht und offizieller Repräsentation zum satirischen Angriff auf die damaligen Historik er. Man warf ihnen vor, dass sie bewusst Tatsachen verschwiegen hatten, um ihrer wissenschaftlichen Disziplin größeres Ansehen zu verleihen. 379 Im Besonderen schlug sich diese Haltung in dem humoristischen Magazin Punch, or The London Charivari nieder. Punch hatte Woche um Woche sein Publikum mit Jokosem aller Art versorgt, Sketchen, Parodien, und mehr oder minder inspirierten „light verses“ - englisches Lachen im Abonnement, Humor als natürliche Dauereinrichtung und zum Leben des Inselreichs längst so unerschütterlich hinzugehörend wie der „Five o´clock tea“, wie der Londoner Nebel oder die königliche Familie. 380
Die erste Ausgabe des Blattes erschien am 17. Juli 1814, mit dem viele Jahrzehnte beibehaltenem Untertitel The London Charivari, der an das berühmte Pariser Magazin anknüpfen sollte, das etwa zehn Jahre zuvor gegründet worden war. Zudem war der Haupttitel Punch der italienischen Comedia dell´arte entlehnt, genauer gesagt dem italienischen Spaßmacher Pulcinella , den die Engländer in einen Punchinello verwandelt hatten und der in der Punch and Judy Show des Puppenspieltheaters zu einer beliebten Figur der volkstümlichen Unterhaltung geworden war. 381 Darüber hinaus fällt die Zeit des Punch fast völlig mit dem viktorianischen Zeitalter zusammen. In seinen Anfangsjahren war es daher ein durchaus gesellschaftskritisches Blatt, das mit seinem Witz das englische Establishment aufs Korn nahm: Monarchie, Adel, Profit - und Besitzbürgertum, die Politiker, den hohen und niedren Klerus. „Merry old England“ hatte sich aber verändert. Jene romantisch verklärte Epoche feudalen Glanzes war nicht mehr das England, das Punch vorfand. Es war das England der industriellen Revolution und des sich stürmische entwickelnden Hochkapitalismus, es war ein von sozialen Unruhen, von sc hreienden sozialen Missständen erfülltes Land, es war die Zeit der äußersten Verelendung der
379 Vgl. Schnyder, H., (1953), Die Wiederbelebung des Mittelalters im humoristischen Abbild: Antiromantische
Strömungen in der englischen Literatur, Basel: Graßmann, 80 f.
380 Vgl. Berger, W. R., (1982), Punch: Viktorianischer Humor 1841 - 1901, Dortmund: Harenberg, 185.
381 Ibid., 185.
Massen, die Zeit, in der London zur größten Industrie - und Handelmetropole der Welt aufstieg und zugleich mit seinen Elendsvierteln in unvorstellbarem Schmutz ver sank. 382 Aus diesem Grund, konnten die Autoren und Künstler nur in ironisch - sarkastischer Weise auf die Gegebenheiten reagieren. In den so genannten Comic Histories, einer literarisch - grafischen Mischgattung, wurde dem Ausdruck verliehen. Die Comic Histories lassen sich hierbei einer schon im 18. Jahrhundert beginnenden parodistischen Tradition begreifen, die zunächst nur die Literatur der Vergangenheit nachahmte. 383 Anfangs wurden zunächst die Volksballade, später auch die Gothic Novel und die Romane Sir Walter Scotts parodiert. Im 19. Jahrhundert dann waren prominente Vertreter solcher Travestien etwa Richard Barnhains Ingoldsby Legends (1840) oder William Makepeace Thackerays Parodie auf Ivanhoe in Rebecca and Rowena (1849). Aber erst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden satirische und parodistische Darstellungen der englisch - politischen Geschichte hervorgebracht. Im Jahre 1842 veröffentlichte Thackeray in, von den Anfängen bis Eduard III. reichenden Folgen Miss Tickletoby´s Lectures on English History in Punch, denen er eigene Karikaturen beigab. 384 Von diesem Zeitpunkt an, war die Verbindung von Text und karikierender Grafik durchweg ein Merkmal der Comic Histories.
Zwischen 1847 bis 1848 erschien im Verlag des Punch Gilbert Abbot à Becketts zweibändige The Comic History of England, die von den Druiden bis zu Georg II. reichte. 385 Im Vorwort seines Werkes versucht der Autor eine Definition der Comic Histories, wenn auch diese nicht ihr Ziel ausdrücklich - prinzipiell aussprechen: „Persons and things, events and characters, have been deprived of their false colouring, by the plain and matter - of - fact spirit in which they have been approaches by the writer of the ‘Comic History of England’. He has never scrupled to take the liberty of tearing off the masks and fancy dresses of all who have hitherto been presented in disguise to the notice of posterity. Motives are treated in these pages as unceremoniously as men; and as the human disposition was much the same in former times as it is in the pre sent day, it has been judged by the rules of common sense, which are alike at every period.” 386
382 Ibid., 185.
383 Vgl. Schnyder, H., (1953), Die Wiederbelebung des Mittelalters im humoristischen Abbild: Antiromantsche
Strömungen in der englischen Literatur, Basel: Graßmann, 7.
384 Vgl. Sehrt, E. T., (1979), Humor und Historie in Kiplings Puck - Geschichten, Göttingen: Vandenhoeck und
Ruprecht, 71; Miss Tickletoby bezeichnete hierbei einen törichten alten Vogel, welcher eine sehr eigentümliche
Sichtweise auf die englische Geschichte hatte.
385 Ibid., 92.
386 Ibid., 93.
Letztlich wird hieraus das Ziel der Comic Histories deutlich: die Entlarvung traditionell anerkannter und verherrlichter Größe, als deren eigentliche Motive Egoismus, Ehrgeiz, Machtsucht, Gewalttätigkeit und Betrug. So wird die Schlacht von Hastings in Miss Tickletoby´s Lectures on English History in pseudoloyaler Ironie als ganz unheroisch und pragmatisch dargestellt: „Harold being dead, his majesty King William - of whom, as he now became our legitimate souvereign, it behaves every loyal heart to speak with respect
- took possession of England, and, as is natural, gave all the good places at his disposal to his party (…). He was a gallant soldier, truly stern, wi se, and prudent, as far as his own interests were concerned (…).” 387
Wo die historische Leistung nur als Resultat von Macht - und Gewinnstreben verstanden wird, wird auch die Todesstunde des Königs zum satirisch - glossiertem Rollenspiel: „As usual after a life of violence, blood, and rapine, he began to repent his death - bed; uttered some religious sentences (…) and gave a great quantity of the money he had robbed from the people to convents and priests.” 388 Darüber hinaus wird jede idealisierte Verherrlichung, im Besonderen bei Schlachtendarstellungen, lächerlich gemacht. So z. B. präsentiert à Beckett vor der Schlacht von Hastings einen „gigantic Norman, called Taillefer“. Er lässt ihn, seine Schlachtaxt auf seinem Kinn balancierend und auf die Spitze seines Speers einen Kopfstand machend, auftreten. Gleichermaßen wurde Harold Godwinssons Tod durch ein Wortspiel bagatellisiert: „Harold (…) observed with reference to the wound in his eye, that it was a bad look out, but he must make the best of it. At length he fell exhausted (…)”. 389
Überdies wird in der Darstellung von 1066 and All That verschiedene Überlieferungstraditionen sachlich, aber ironisch auf den Punkt gebracht: „In the year 1066 occurred the other date in English History, viz. ‘William the Conqueror, Ten - Sixty
- Six’. This is also called ‘The Battle of Hastings’, and was when William I (1066) conquered England at the ‘Battle of Senlac’ (Ten - Sixty - Six). Daneben befindet sch eine Karikatur mit der Überschrift: „First Conquering Action“, als Wilhelm bei der Landung stolpert und hinfällt. Letztendlich kommt die Schilderung zu dem doch „überraschenden“ und endgültigen Schluss: „The Norman Conquest was a good thing, as from this time onwards England stopped being conquered and thus was able to becom e top nation.“ 390
387 Ibid., 74.
388 Ibid., 74.
389 Ibid., 75.
390 Vgl. Seller, W.C./Yeatman, R. J., (1993), 1066 and All That, Gloucestershire: Alan Sutton Publishing, 17.
Eine solche Schilderung der Herrscher und ihrer Taten wendete sich gegen alle extremen Wendungen, Aussprüche, Meinungen oder Errungenschaften jenes Zeitalters, das zur Übertreibung, Romantisierung und Idealisierung von historischen Persön lichkeiten neigte. Jene damaligen Autoren versuchten, all das humoristisch bloßzustellen, was als übertrieben, extravagant oder anmaßend empfunden wurde. In jenem Zusammenhang, gewann die Karikatur zunehmend an Bedeutung. Sie verstärkte die komische Wirkun g, da die Texte oftmals allein sich nicht ausschließlich humoristisch gaben. Zudem trugen frei erfundene Episoden dazu bei, ein epochales Ereignis wie die Schlacht von Hastings von der Kehrseite zu zeigen. Ungemäße sprachliche Wendungen oder ein kolloquialer Redestil sorgten darüber hinaus dafür, dass die Größe der nationalen Vergangenheit in einem alltäglichen Licht erschien und dadurch zweifelhaft wurde. Zu dem Faktor des Alltäglichen, wie es der Leser der viktorianischen Zeit gewöhnt war, gesellten sich auch immer wieder Anachronismen. 391
Sie förderten dabei besonders jene respektlose Familiarität, die der Meinung entsprach, dass frühere Zeitläufe sich nur wenig voneinander, aber ebenso wenig von der Jetztzeit unterschieden, sondern nur durch die masks and fancy dresses, die sie sich umlegten und die eine schönfärberische Geschichtsschreibung noch romantisch übertrieb. Jene komischen Effekte wurden jedoch nicht unbedingt in den historischen Berichten präsentiert, sondern auch die Maßlosigkeit und Unangemesse nheit der Karikaturen ausgelöst. Die Entheroisierung und Entpathetisierung, die grafisch angezweifelte Richtigkeit und die Hegemonie der Geschichtsvorstellungen wurden radikal verzerrt. Kaum ein Herrscher, Adliger, Kleriker oder Bürger erschien hierbei, de r nicht durch exzentrische Körperhaltung, durch unharmonische Behandlung der Gliedmaßen, durch entweder dumpfe, dümmliche oder extrem erregte Gestik und Mimik gekennzeichnet war. So kam in den Karikaturen eine Welt auf den Betrachter zu, die ihr Gleichgewi cht eingebüßt und im ursprünglichen Wortverstand verrückt und unstimmig war, da sie keinerlei Maß kannte. 392 Somit trugen Punch und dessen Ausleger zur Hinterfragung und Bloßstellung der historischen Darstellung des viktorianischen Zeitalters bei, das durchdrungen war durch falschen Pathos, Patriotismus, Idealisierung und Romantisierung der Persönlichkeiten.
391 Sehrt, E. T., (1979), Humor und Historie in Kiplings Puck - Geschichte, Göttingen: Vandenhoeck und
Ruprecht, 76.
392 Ibid., 76.
VIII. Der historische Roman im 20. Jahrhundert: Die Schlacht von Hastings bei Hope Muntz und Julian Rathbone
a) Hope Muntz: Der Goldene Reiter (1949)
Hope Muntz, Historikerin und Autorin, hat in Der Goldene Reiter die Geschichte einer Zeit geschrieben, deren Gegenwart immer noch Aktualität genießt. Zugleich archaisch und modern, versucht der Roman nicht, Vorgänge und Gestalten des 11. Jahrhunderts aus dem Kenntnisstand der Moderne zu erklären. Dieses Werk verdankt seine Großartigkeit der Tatsache, dass es nicht an der Einfalt seiner Figuren rührt. Jene leben aus eigenem Gewissen, in einem eigenen Raum: Gebilde einer monumentalen Wirklichkeit, die zur Sage geworden ist. Sagenhaft sind auch die Farben des Romans. Sie zeigen den verblichenen Glanz alter Traditionen. Hinsichtlich des sprachlichen Stils jedoch formt Hope Muntz die Darstellung anders: stark, hart, wie in Holz geschnitten und ohne Beschönigung. Das Geschehen diktiert die Worte mit elementarer, fast kunstloser Kraft. In einem Nebensatz aber, immer in der letzten Kapitelzeile, reißplötzlich der Vorhang der Seelen auf, und die Blitze erleuchten ihre chaotische Dämmerung. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei großartige historische Figuren: Harold Godwinsson, der „Goldene Reiter“, und Wilhelm von der Normandie: beide überlebensgroß, beide zu Königen geboren. Schillernd steht der eine in der Grauzone zwischen Heldentum und eidbrecherischer List; fest , kalt, ein unbeugsamer Wille der andere, dem der Sieg zufällt, weil das Fragwürdige ohne Bestand ist und das Schöne sterben muss.
Hope Muntz stützte sich in ihrer Arbeit im Wesentlichen auf die zeitgenössischen Quellen und den Schilderungen des 12. und 13. Jahrhunderts. Hierbei wurden Legenden und Überlieferungen nur dann benutzt, sofern sie die Geschichte bereicherten und den gesicherten Tatsachen nicht widersprachen.
Der detaillierte, in großen Teilen historisch abgesicherte Bericht, umreißt die Charakteristika der Hauptfiguren äußerst genau. Im Gegensatz zu den tendenziös, patriotisch geformten Darstellungen des 19. Jahrhunderts, versucht hier die Autorin die Persönlichkeiten und ihre Verhältnisse genauer zu beleuchten. Überdies verfällt sie nicht in kontrastreicher Schwarz - Weiß - Malerei, sondern hebt die menschlichen Komponenten hervor. Somit verschwimmt das Pathos des englischen Helden Harold Godwinsson in den Niederungen seiner selbst; persönliche Schwächen sind hier nicht
lasterhaft. Dennoch wird er in diesem Buch als Edelmann präsentiert, der weltgewandt und gebildet, dem Bild eines rohen Kriegers widerspricht: „Graf Harold sprach das normannische Französisch mit Anmut, als sei er darin aufgewachsen, und dem König war es ein Genuß, ihm zuzuhören. Graf Harold war noch ansehnlicher als sein Vater, von mächtiger Gestalt und sehr schönem Antlitz; sein Haar, herrlich anzusehen, schimmerte wie Bronze.“ 393
Sein Kontrahent, Herzog Wilhelm, ist hier auch nicht der intrigante, listige, nur auf seinen Vorteil bedachte Herrscher. Seine Persönlichkeit und physische Erscheinung entsprechen den Umständen der Zeit: „Wilhelm war (…) von gedrungenem Körperbau und soldatischem Aussehen. Sein Haar war kohlschwarz, nach der Sitte seines Landes tr6ug er über den Brauen geradlinig geschnitten und hinten kurz geschoren bis zum Wirbel. Sein schönes, hartes Gesicht zeigte zwei helle Augen von stechendem Blick, und sein Kinn sprang um ein weniges hervor. Sein Nacken war stark wie ein Pfeiler und die Brust gewölbt und breit. Keiner verstand von der Kunst des Reitens mehr, und er hatte die Haltung eines Heerführers.“ 394
Die im Zentrum der Darstellung stehenden Hauptakteure der Schlacht von Hastings, Harold Godwinsson und Wilhelm von der Normandie, versuchen hierin durch Einholung von Informationen des jeweiligen anderen, charakteristische Persönlichkeitsprofile zu erstellen. So lässt sich der normannische Herzog von dem mittlerweile allseits bekannten Godwin - Söhnen, Harold und Tostig, berichten. Somit erfährt er, dass Tostig „ein sehr kluger Mann, furchtlos und voller Ränke“ ist. „Er verfolgt sein Ziel und nichts kann ihn ablenken. Er hat nicht viel Freunde, doch kann er sich Menschen gefügig machen.“ Während Harold gewöhnt ist, „alle Menschen als Freunde anzusehen und zu benutzen“, was ihn jedoch nicht daran hindert „ebensoviel zu wagen wie Tostig, eher noch mehr.“ 395
Auf der anderen Seite des Kanals, hat sich der Earl von Wessex, beeinflusst durch anti -normannische Ressentiments, schon ein vermeintliches Urteil über den Normannen gebildet. Er fühlt sich nun über Wilhelm triumphierend und äußert in einem Gespräch mit Edith Schwanenhals: Ich habe ihm einen Riegel vorgeschoben. (…). Seine königliche Heirat wird dem nun nichts mehr nützen, diesem kaltblütigen Plänemacher.“ 396
393 Vgl. Muntz, H., (1952), Der Goldene Reiter: Ein Roman um König Harold und Herzog Wilhelm, Hamburg:
Wolfgang Krieger Verlag, 56.
394 Ibid., 15.
395 Ibid., 59.
396 Ibid., 68.
Im Folgenden, sieht sich dann auch Wilhelm von dem nach Macht strebenden Harold in seinem Nachfolgerecht beschränkt und mutet misstrauisch an: „Ich glaube, dass Godwins Sohn nach der Krone ziehlt. Er lässt verbreiten, er werde den verbannten Prinzen heimbringen, damit dieser das Erbe meines Vetters annehme. Edward glaubt das und wagt nicht, sich zu widersetzen (…). Mir ist klar, daß Harold auf diese List verfiel, um den König sowohl wie das Volk für sich zu gewinnen (…). Wer vom Vater stammt (…) wird Mäuse fangen. Graf Godwins Söhnen fehlt es weder an Angst noch an Wagemut.“ 397 Die abneigenden Haltungen ändern sich jedoch abrupt, als Harold Schiffbruch an der nordfranzösischen Küste erleidet und Wilhelm ihn aus den Fängen des Grafen von Ponthieu freikauft.
Diese Episode bildet das eigentliche Herzstück der Geschichte. Im Gegensatz zu den bisher angeführten Berichten und Schilderungen, entwickelt sich hier eine tiefe Freundschaft, ja sogar brüderliche Liebe, zwischen den beiden Männern. Die Stimmung beiderseits ist geprägt von gegenseitigem Respekt und Achtung voreinander: „Auf den ersten Blick entstand zwischen Herzog Wilhelm und Harold eine große Zuneigung, und jeder dachte von dem anderen, daß sein Ruhm ihn nicht getrogen habe. Sie ritten zu dem Schloß mitsammen zurück, als wären sie von jeher gute Kameraden gewesen.“ 398 Wilhelm beschenkt Harold und seine Gefolgschaft in hohem Maße und führt ihnen die kriegerische Macht seiner Ritterschaft vor. Harold fühlt sich in seinem normannischen Exil sehr wohl. Er ist erholt, fernab von seinen großen Pflichten in seinem Vaterland. Zudem wird er mit der großen Ehre betraut, Wilhelm auf seinen Feldzug in die Bretagne zu begleiten, wo sie Tisch und Zelt teilten: „In jedem Gefecht standen sie immer im dichtesten Gewühl, und niemand konnte ihnen widerstehen. Daher kam es, daß die Freundschaft zwischen ihnen immer enger wurde. Sie kämpften wie Blutsbrüder fechten, einer schirmt den anderen.“ 399 Der Herzog ist begeistert von seinem englischen „Gefangenen“. Er lobt ihn in den höchsten Tönen: „Er ist ein großer Anführer (…), einer, für den Männer mit Freuden sterben werden. Es fehlt ihm weder an Verschlagenheit noch an Mut, aber er traut anderen und sich selbst zu viel. Und doch (…) ich habe nie einen Mann gesehen, der mir lieber wäre.“ Aber eine Tatsache betrübt ihn: „(…) aber ich denke doch, er kam hierher, um seine eigenen Zwecke zu verfolgen. Er kennt seine Macht. Er gedachte, mir eine Krone wegzuzaubern.“ 400 Nun ist der normannische Herzog geplagt
397 Ibid., 104.
398 Ibid., 194.
399 Ibid., 203.
400 Ibid., 201.
von Zweifeln. Er ist im Kampf mit sich selbst. Auf der einen Seite, will er die Freundschaft mit Harold erhalten, auf der anderen Seite, steht die Krone Englands. Im Gespräch mit Lanfranc erzählt er von einer Begebenheit bei der Belagerung der Festung Dol: „Ich sagte, Gott und König Edward hätten mi ch für die Krone Englands gewählt, auf daß die alten Fehden in besserer Zeit begraben würden. ‘Ihr und ich miteinander’, sagte ich, ‘wir beide, niemand sonst, können die verwirklichen. Wollt ihr mir helfen, sollt Ihr das halbe Königreich haben und mein Secundarius sein. (…)’. Darauf gaben wir uns die Hand.“ 401
Wilhelm sieht aber schon jetzt einen unvermeidlichen Konflikt voraus, da Harold „(…) alle Eigenschaften [besitzt], die ihn großmachen, aber eines fehlt ihm. In großen und kleinen und kleinen Zügen wird er sich von seinem Herzen leiten lassen. Er hat Ehrgeiz, aber würde um seinetwillen nicht das Land zugrunderichten. Er weiß, daß ich kämpfen, und zwar bis zum Ende, kämpfen würde.“ 402
Im Folgenden tritt dann alles so ein, wie es die Tradition hergibt. Harold schwört seinen fatalen Eid. Das Schicksal ist nun unausweichlich. Hope Muntz macht hierin jedoch den Unterschied, dass beide künftigen Kotrahenten beim Abschied nicht von Hass, betrogenem Stolz oder falschem Ehrgeiz erfüllt sind. Sie wissen, dass dieser Abschied ein Abschied von ihrer engen Vertrautheit und Freundschaft sein würde. Sie würden nun von den Umständen und der Politik in ihrem handeln diktiert werden. Aus diesem Grund, wirkt diese Szene sehr emotional: „‘Im Namen der Freundschaft denn’, sagte Wilhelm. Er küsste ihn auf beide Wangen, und Tränen drangen ihm in die Augen.“ 403 Die folgenden Ereignisse sind dann geprägt von den vielen Missverständnissen, persönlichen Enttäuschungen und schicksalhafter Ergebenheit. Während sich Harold mit Machtkämpfen herumschlagen muss und sich die Schlinge um seinen Hals im enger zieht, ist Wilhelm verärgert und enttäuscht über die Nichteinhaltung der Eidesleistung. Es wiegt hier aber die persönliche Komponente schwerer als die politische. Trotzdem bleibt der Respekt füreinander, in gewissem Maße bis zum Schluss erhalten. Die Autorin bringt letztlich abwechselnd immer wieder die Sichtweisen beider Kontrahenten zum Vorschein. Beide sind, für sich gesehen, menschlich schlüssig. Vordergründig geht es nicht unbedingt um Verrat, sondern um verletzten Stolz, verlorene Freundschaft und verlorene Hoffnungen. Herzog Wilhelm erringt „mit Gottes Hilfe“ 404
401 Ibid., 212/213.
402 Ibid., 214.
403 Ibid., 222.
404 Ibid., 518.
den Sieg, ihm verbleibt aber ein bitterer Beigeschmack: „Herzog Wilhelm hielt zu Pferden neben Harolds Zelt und blickte sich um, und sein Atem ging schwer.“ 405 Im Epilog des Buches wird auf die Bestattungsszene hingewiesen. Als Herzog Wilhelm nach einem christlichen Begräbnis für Harold befragt wird, antwortet er: „Wenn ich gekrönt bin, werde ich Gnade üben. Dann soll er mit seinen Brüdern in Waltham ruhen. Es sollen für immer auf dem Schlachtfeld Messen für seine Seele gelesen werden; ja der Hochaltar meiner Kirche soll dort stehen, wo Harold fiel.“ 406 Letztlich wird Harold aber auch an den Klippen über Hastings mit folgender Inschrift begraben:
Harold wird durch Wilhelm noch einmal Ehre erwiesen. Alle möglichen Ressentiments sind beiseite geschoben und ein neues Kapitel der englischen Geschichte beginnt. Hope Muntz kreierte mit Der Goldene Reiter einen gelungenen historischen Roman, frei von nationalem Pathos. Trotz detaillierter historischer Rahmung, war es ihr möglich, eine spannungsgeladene Darstellung ohne Wertminderung abzuliefern. Hierin wird die menschliche Komponente über dem politischen Geschehen gesetzt. Die Persönlichkeitsprofile der Hauptakteure sind dabei gut herausgearbeitet worden. Ihre Beweggründe werden schlüssig und glaubhaft erklärt, ohne irgendeine Parteinahme. Der Goldene Reiter stellt somit eine herausragende fiktive Adaption eines so wichtigen historischen Ereignisses der englischen Geschichte dar.
405 Ibid., 523.
406 Ibid., 537.
407 Ibid., 537.
b) Julian Rathbone: Der letzte englische König (1997)
Julian Rathbone gehört zu der Generation von Schriftstellern, die in ihrer Sichtweise konsequent, radikal, durchdacht und unendlich neugierig sind. Er veröffentlichte bisher 29 Bücher, die verschiedene literarische Genres umfassen. Zwei seiner Romane wurden sogar für den Booker Price nominiert, und er gewann einen Deutschen Krimi Preis. Einer seiner jüngsten Erfolge war der historische Roman Der letzte englische König, der die Hintergründe der Ereignisse des Jahres 1066 beleuchtet. Mit einem ironischen Unterton, stellt er die Persönlichkeiten und Charakteristika jener vergangenen Zeit in übersteigerter, satirischer Form dar. Hierin wird auch das nationale Pathos des 19. Jahrhunderts verunglimpft, um das komische Moment zu verdeutlichen. Auch Tabuthemen wie Homosexualität und Inzest werden nicht ausgelassen. Somit entsteht ein Bild des 11. Jahrhunderts, das, auf der einen Seite, auf den heutigen Leser real und umgänglich wirkt. Auf der anderen Seite, in Bezug auf die historische Perspektive, werden befremdliche Elemente sichtbar.
Hinsichtlich Anachronismen und historischer Genauigkeit, stellt der Autor auch selbst fest, dass „der Leser drei Arten von Anachronismen“ 408 finden wird. Während die unabsichtlichen leichte Beute für jene Leute sind, die anderen gerne Fehler nachweisen, sind die anderen beiden bewusst intendiert: „Sowohl der Dialog als auch die erzählerischen Passagen sind in moderner Prosa geschrieben.“ 409 So dürfen z. B. die Angehörigen des Königshauses Schimpfwörter benutzen. Rathbone begründet dies damit, dass angelsächsische Lords wohl „recht wilde Kerle“ waren, und es zur damaligen Zeit wahrscheinlich genauso üblich war wie heute. Auch werden moderne Versionen von Namen benutzt, sofern sie existieren. Jedoch erscheint die letzte Art von Anachronismen hierein etwas problematischer. Gelegentlich flechten die Charaktere oder sogar der Erzähler Zitate oder sinngemäße Zitate späterer Autoren eine oder nehmen indirekt Bezug auf spätere Zeiten. Laut Julian Rathbone verdeutliche dies eine Art „Kontinuum, das sowohl nach vorn als auch nach zurück verweist, es erinnert den Leser, besonders die englischen Lese, an ihre Wurzeln.“ 410
Der letzte englische König versucht auch, in dem Maße historische Persönlichkeiten, Ereignisse und Daten darzustellen, wenn es die wenigen und oftmals widerspr üchlichen Quellen belegen. Jedoch verfährt Rathbone in seiner Interpretation anders als ein
408 Vgl. Rathbone, J., (1997), Der letzte englische König, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 413.
409 Ibid., 413.
410 Ibid., 414.
Historiker, da es sich ja um einen fiktiven Roman handelt. So behandelt er z. B. einen wichtigen Teil der Beziehungen zwischen Eduard dem Bekenner und der Familie G odwin. Diese Art von Beziehungen erscheinen dem Verfasser eindeutig, und als Romancier kann er sie auch so darstellen. 411 Überdies lässt er auch Dinge aus, wenn sie dem Hauptstrang der Erzählung hinderlich waren, und wenn sich keine „Quellen zu einem bestimmten Thema oder einer bestimmten Zeitspanne“ 412 finden ließ, hat er sich die Freiheit genommen zu erfinden. Dieser historische Roman erzählt die Vorgeschichte der Schlacht von Hastings, dabei enthält er Szenen von solch enormer Plastizität, dass man sie nie wieder vergisst.
In dieser Darstellung überquert im Jahre 1066 ein aufgeblasener normannischer Herzog mit seiner Armee von beutegierigen Söldnern und Psychopathen den englischen Kanal und ändert den Verlauf der Geschichte. Drei Jahre später irrt dann Walt, der letzte Überlebende von König Harolds Leibwache, verwundet an Leib und Seele durch Europa und Vorderasien und fragt sich, wie es dazu kommen konnte. Julian Rathbone hat hier die Vorgeschichte der berüchtigten Schlacht von Hastings politisch und psychologisch rekonstruiert und einen Abgrund von Intrigen und Erpressungen aufgedeckt. Er schildert das eigenwillige Sexualleben Eduard des Bekenners und den mühseligen Aufstieg Harold Godwinssons zur Macht. Die Beschreibung intimster Einzelheiten lässt erahnen, dass der Sieg des Eroberers und der Untergang der angelsächsischen Herrschaft von vielen persönlichen Schwächen abhingen, letztlich aber wohl doch nur ein Unglücksfall waren. Die spannende Handlung und der frische, ironische Stil des Erzählers machen den historischen Roman zu einem aufregenden Ausflug in die Welt des Mittelalters.
In Der letzte englische König trifft der im Exil groß gewordenen Eduard im Jahre 1042 erstmals auf Earl Godwin und seine Familie. Godwins „dunkles Haar war ergraut, die Brauen trafen sich in der Mitte, und seine Nase schien Zeichen der Auflösung zu zeigen. Die dunklen Augen waren blutunterlaufen (…). Sein starker, untersetzter Körper und die geröteten, vernarbten Hände“ 413 wiesen die Spuren seines kriegerischen Lebens nach. Eduard ist angewidert von dieser Erscheinung. Zudem ist ihm die „Teufelsbrut“ suspekt: „Sweyn hatte etwas Gemeines an sich, ein Hauch von Bösem umgab ihn“ ; Leofwine litt unter der „Folge einer Akne“ und war lediglich ein „Jüngling, Körper und Charakter
411 Ibid., 414.
412 Ibid., 414.
413 Ibid., 94.
waren noch nicht vollständig ausgeprägt.“ 414 Schließlich blickte ihn Harold „mit einem Ausdruck an, der sowohl kühl, als auch interessiert schien.“ 415 Eduard hält ihn dann auch für „intelligent, und nicht nur verschlagen“, und wäre wohl deshalb am meisten zu fürchten.
Verspätet, jedoch pompös tritt Tostig auf. Eduard sieht sofort in ihm den „schönsten Jüngling“ 416 , den er jemals sah und mit dem ihn noch ein enges Verhältnis verbinden wird. Er ist sogleich beeindruckt von Tostigs körperlicher Erscheinung: „Aber es war sein Gesicht (…) das Gesicht eines ungezogenen Engels mit hoher Stirn und gerader Nase, mit Engelslippen, deren Winkel nach oben zeigten und ständig ein Lächeln versprachen, ein Lächeln, das schon in den weit auseinanderliegenden Augen leuchtete.“ 417 Als beide dann zusammen die Halle verlassen, bemerkt Godwin flapsig: „Was für Königstucken! Wie ist es mir nur gelungen, eine solche Schwuchtel zu zeugen.“ 418 In dieser Aussage wird der umgangssprachliche Stil Rathbones verdeutlicht. Jene offenherzige, plakative Art durchzieht die gesamte Handlung und löst die Charaktere oftmals aus ihrem Zeitgeschehen. Im Folgenden schildert auch Rathbone ausführlich die intimen Details ihrer Verbindung, eingehüllt in der Darstellung englischer Kultur und Sitten.
Der neue englische König, Eduard, muss zur Erhaltung des königlichen Geschlechts für Nachkommen sorgen. Seine homosexuelle Neigung ist ihm dabei hinderlich, also soll er sich in einem germanischen Fruchtbarkeitsritus mit Edith, der Tochter Godwins, vereinigen. Um ihn gefügig zu machen, werden ihm allerlei halluzinogene Tränke verabreicht. So erscheint ihm Edith durchaus anregend: „Sie hatte einen vollen Mund und trotzdem feine Gesichtszüge. Ihr flammend rotes Haar aber war es, das sie zu einer fast übernatürlichen Schönheit machte. (…). Es fiel ihm nicht schwer, ihr Gesicht wie das eines merkwürdig geschlechtslosen Knaben in der Pubertät zu betrachten.“ 419 Selbst nach der Hochzeit am 23. Februar 1045 scheiterten weitere Anstrengungen dieser Art und führten nur zur Wut und Verachtung beiderseits. Während sich Eduard nun völliger Enthaltsamkeit verschrieb, fand Edith „(…) diskreten Trost, wann immer sie konnte.“ 420 Die Nachfolgefrage bestimmte aber weiterhin das Verhältnis des Königs zur Godwin -Familie. Während er den alten Godwin hasste, entwickelte er im Laufe der Jahre für
414 Ibid., 95.
415 Ibid., 95.
416 Ibid., 95.
417 Ibid., 97.
418 Ibid., 98.
419 Ibid., 134/135.
Harold widerwillig Respekt. Tostig liebte er - war aber für ihn unerreichbar. Für Edith empfand er nur eine „kultivierte und distanzierte“ 421 Verachtung. Durch die eheliche Verbindung war er zwangsweise an den Clan gebunden. „Die gottlosen Godwins“ 422 bestimmten fortan sein Leben, was er angewidert hinnahm. In dieser Erzählung ist Eduard der schwache, zerrissene Charakter, der fremdbestimmt sein weltliches Dasein hinnimmt. In der weiteren Darstellung wird die Episode des Treueschwurs Harold Godwinssons vor dem normannischen Herzog durch Walt (Leibwächter und tragischer Held) lebensnah präsentiert. Hierin wird Herzog Wilhelm als arroganter, aufgeblasener Herrscher gezeigt, der als vermeintlicher Wohltäter seinen intriganten Plan zur Erringung der englischen Königskrone durchsetzt.
„Sein Haar war viel kürzer, als es der englischen Mode entsprach, (…) er war schlaksig und nicht so kräftig gebaut. (…). Sein im Großen und Ganzen gutes Aussehen wurde durch Tränensäcke und eine viel zu große Nase beeinträchtigt.“ 423 Er sieht in Harold nur ein Instrument seiner Herrschaft und bringt ihm hintergründig nur wenig Achtung entgegen, obwohl er nach außen hin den Schein wahren muss. Jedoch verrät er sich durch Versprecher: „Seht ihr nicht, daß wir einen Gast haben, vielleicht den nichtigste, ich meine den wichtigsten Gast, der diese Halle je geehrt hat.“ 424 Durch sein taktisches Verhalten gelingt es dann Wilhelm auch, Harold zu seinem Vasallen zu machen: der Freikauf aus den Fesseln des Grafen von Ponthieu ist zugleich eine Schuld, die Harold begleichen muss. Mit bittersüßer Stimme sagt der Herzog: „‘In gewisser Weise’, sagte er, und plötzlich war es fast ein Knurren, ‘könnte man sagen, daß ich Euer Leben gekauft habe. Ihr schuldet mir etwas, Harold. Wie hoch sind Eure Schulden, was sollen wir sagen (…) Vasallentum? Sollen wir sagen, lieber Harold, lieber Vetter, daß Ihr vom heutigen Tage an mein Vasall seid, daß Ihr mein Edelmann seid?’“ 425 Das Hinterhältige und Abwertende in Wilhelms Charakteristik wird noch deutlicher, als er Harold und seine Mannen auf dem Feldzug in die Bretagne mitnimmt. Entgegen anderer Darstellungen, soll Harold hier in eine Falle tappen, um als lästiger Gegner zu verschwinden: „Ihr seht, meine Herren, was für eine Person dieser Harold ist. Schleicht sich davon wie ein Leibeigener oder Sklave! Wir werden die Engländer nie wieder sehen, meine Herren. (…). Conan ist kein Dummkopf, er hat bestimmt Wachen aufgestellt, die sie schnell fassen und kurzen
420 Ibid., 138.
421 Ibid., 139.
422 Ibid., 146.
423 Ibid., 161.
424 Ibid., 162.
425 Ibid., 163.
Prozeß mit ihnen machen werden (…)“ 426 Harold belehrt ihn eines Besseren. Später beobachtet er den Herzog im Kampf und ist beeindruckt, gleichzeitig aber auch gewarnt: „Er rechnet einfach nicht damit, verletzt zu werden. Sein Selbstbewusstsein ist so groß, daß er sich keine Gegner vorstellen kann, der die Macht dazu hätte. Es ist eine Gabe. Eine gefährliche Gabe (…).“ 427
Zurück in Rouen, holt der normannische Herzog zu seinem Meisterstück aus. Mit der Hilfe Taillefers, der hier als eine Art Zauberer auftritt, erreicht er sein Ziel: „Die Halle verdunkelte sich und füllte sich mit Rauch (…). Vor seinen Augen und denen einer Menge anderer Leute verwandelten sich die Tänzerinnen in die Gestalten von zwei jungen Männern: instinktiv wußte er, daß sie sein Cousin Wulfnoth und sein Nef fe Hakon waren. Sie standen mit gebeugtem Kopf auf dem Podium, ihre Hände waren am Rücken gefesselt, um ihren Hals lagen Schlingen. Sie hoben die Köpfe und sahen ihn über die Länge der Halle hinweg flehentlich an.“ 428 Mit jenem Mittel der Illusion gelingt es Wilhelm, den verzweifelten Harold, den berühmten Eid abzupressen. Bewusstlos stürzt Harold zu Boden.
Nach seiner Rückkehr nach England trifft er zuerst auf Tostig, der der Überzeugung war, „daß Harold lediglich dazu da war, ihm zu verschaffen, was er haben wollte.“ 429 Tostigs „jugendlicher Charme seiner Persönlichkeit und seiner äußeren Erscheinung war längst dahin. Übrig geblieben waren Berechnung, Grausamkeit und Ehrgeiz.“ 430 Tostig war in Northumbria entmachtet worden und entzweit sich darüber mit seinem Bruder. In der folgenden Episode an Eduards Totenbett, stellt Rathbone sehr plastisch und realitätsnah den körperlichen und geistigen Verfall des Königs dar. Dieser hatte durch Krankheit (Diabetes Mellitus) seine Beine verloren und ein Todesgeruch umgab ih n: „Krankheit umgab den König wie eine Wolke - eine Mischung aus flüssigen Exkrementen, Weihrauch und aromatischen Ölen, die die Mönche auf seine Hände rieben. Aber da war noch etwas Schlimmeres, unter all diesen Ausdünstungen lag der widerwärtig süße Geruch, den eine Wunde absondert, wenn sie nicht heilt und das Fleisch verfault, obwohl der Mensch noch lebt.“ 431 Jedoch besteht er darauf, den normannischen Herzog zum neuen englischen König machen zu wollen, zu diesem Zeitpunkt nimmt das aber keiner der Anwesenden mehr Ernst.
426 Ibid., 164.
427 Ibid., 173.
428 Ibid., 182/183.
429 Ibid., 234.
430 Ibid., 234.
431 Ibid., 266.
Die höfische Gesellschaft, darunter die Königin, die mittlerweile enormen Einfluss ausübte, erwartet sehnsüchtig den Tod des Monarchen. Als er dann das „Todesröcheln“ von sich gibt, erklimmt die Königin „mit hoch erhobenem Kopf“ die Stufen zum Todesbett und „kniete nieder und hielt ihr Ohr nahe an die Lippen des Königs.“ 432 Der eintretende Tod wird dann pragmatisch beschrieben: „Der König furzte. Der König starb.“ 433 Triumphierend verlautbart Edith, im Anschluss, das vermeintliche Testament Eduards, das Harold Godwinsson zum Nachfolger bestimmte: „Ein inneres Leuchten umgab sie, als sie diese Worte sprach, eine Aura, die in mehr als zwanzig Jahren ihrer Ehe niemand an ihr bemerkt hatte. Die Witwenschaft stand ihr.“ 434 In dieser Weise kommt ihre harte, skrupellose und gerissene Art zum Vorschein. Die folgenden Szenen drängen das Geschehe weiter zum Höhepunkt - immer wieder unterbrochen durch Walts Schilderung seines Erlebten. Seine eigene Geschichte und die Darstellung der Ereignisse erscheinen nun auch mehr und mehr verwoben. Er sieht in Harold - nun englischer König - seinen Herren; die Verkörperung eines englischen Heroen. Den normannischen Herzog verachtet er.
Überdies wird Wilhelm in den Vorbereitungen der Invasion Englands als „analfixierter Anführer“ 435 bezeichnet. In Anlehnung an Sigmund Freuds Theorien werden sein „obsessiver Ordnungssinn und Ausbrüche fast unkontrollierbaren Zorns, wenn etwas nicht an Ort und Stelle ist“ auf seine Mutter zurückgeführt: „Seine Mutter war sich ihrer niederen Herkunft immer bewußt, und deshalb achtete sie genauestens darauf, daß ihr Sohn von Anfang an perfekt erzogen wurde und nie zur falschen Zeit am falschen Ort sein Häufchen setzte.“ 436 Dieser Verweis auf die Grundlagen der modernen Psychologie ist hierin auch typisch für Rathbones literarischen Stil, der damit zeitgenössischen Figuren Leben einhaucht, aber gleichzeitig als Instrument der Ironie benutzt. Der Autor setzt bewusst bei der Charakterisierung Wilhelms auf diese Stilmittel, um ihn der Lächerlichkeit preiszugeben und die Größe seiner historischen Persönlichkeit zu verunglimpfen. So wird er auch als „lebender Toter, besessen von einem Geist, der von außen in seinen Körper gedrungen war“ 437 präsentiert. Er wäre zu allem fähig gewesen: Er hätte seine Hände benutzt, um einen Neugeborenen die Leber aus dem Leib zu reißen und zu essen, wenn es opportun gewesen wäre und das gewünschte Bild vermittelt
432 Ibid., 279.
433 Ibid., 279.
434 Ibid., 279.
435 Ibid., 344.
436 Ibid., 344.
437 Ibid., 325.
hätte.“ 438 Dennoch vergaß er nie seine Gerissenheit und Schlauheit und konnte „immer den nächsten Schritt zu seinem angestrebten Ziel erkennen oder einen Ratschlag annehmen. Langfristig planen konnte er jedoch nicht.“ 439 Selbst nach der Landung in Pevensey oder kurz vor Beginn der Schlacht von Hastings wird er in keinem guten Licht dargestellt: „Er sah das ganze wie ein Theaterstück, er schrieb bereits die Geschichte dessen, was noch geschehen sollte, färbte es schön, damit die Welt, die Imperien, der Papst, die Nachwelt auch bestimmt beeindruckt wären.“ 440 Auch an seiner viel gepriesene Religiosität der zeitgenössischen normannischen Überlieferungen wird kein gutes Haar gelassen. So sucht er nach einem Schutzheiligen für seine Mission und liegt vollkommen daneben: „Gott für Wilhelm, England und den heiligen … Wer ist Schutzpatron von England, Odo? Meine Güte, du bist sch ließlich Bischof, du musst es wissen … Sankt Georg? Also Gott für Wilhelm, England, die Normandie - und den heiligen Georg.“ 441 Der heilige Georg war nämlich der berühmte Drachentöter und hatte überhaupt nichts mit England und der Normandie zu tun. Im Anschluss stürzt er sich wie ein Berserker ins Kampfgetümmel. Nun schwenkt die Darstellung wieder zu Walts Erlebnissen und seiner Wahrnehmung des letzten englischen Königs im Kampfgeschehen. Dem Mythos eines englischen Helden ergeben „umarmte [er] seine Brüder, schüttelte ihnen die Hand und wandte sich ab. In seinen Worten lag eine große Förmlichkeit und auch die art und Weise, wie er sein Kettenhemd anzog, seinen Helm aufsetzte“ 442 , verschrieb er sich der Legende. Tapfer und bis zum letzten Atemzug kämpft er für die Freiheit Englands. Rathbone übernahm bei der Darstellung seines Todes jene Überlieferungsstränge, in denen Harold erst durch einen Pfeil getroffen und dann durch vier Reiter zerstückelt wird.
Julian Rathbone hat in Der letzte englische König seine Interpretation der Schlacht von Hastings ganz in der Tradition des schwarzen englischen Humors verfasst. Seine Darstellung der Charaktere ist sowohl gelungen als auch bemerkenswert. Der kolloquiale Umgangston, psychologische Abgründe und Wirrungen des menschlic hen Verhaltens machen den Roman so interessant. Ganz in der Linie von Punch reißt Rathbone den historischen Figuren die Masken ab und bringt sie auf das Niveau eines Durchschnittsmenschen.
438 Ibid., 325.
439 Ibid., 325.
440 Ibid., 376.
441 Ibid., 378.
442 Ibid., 379.
Abschluss
„Wilhelm der Eroberer, dessen Unternehmen durch den Papst begünstigt wurde, unterwarf sich innerhalb kurzer Zeit die Engländer, die keine Heerführer besaßen und sich im weitesten
Die Darstellung der Hauptfiguren der Schlacht von Hastings in Geschichte und Literatur zeigte letztendlich, dass es keine eindeutige und objektive Schilderung der Personen und Ereignisse gibt. Vieles ist vom jeweiligen Entstehungsrahmen und den dahinter stehenden Personen abhängig.
In den zeitgenössischen historischen Überlieferungen wurden auf angelsächsischer Seite Eduard der Bekenner und die Vertreter des Hauses Godwin fast durchweg positiv beschrieben. Während Eduard auf religiöser Ebene den idealen Repräsentanten Englands war, war dies Harold Godwinsson auf der weltlichen. In den normannischen Traditionen jener Zeit werden Harold bzw. seine Familie fast nur in negativen Zügen dargestellt. Harold ist Eidbrecher, Verräter und Usurpator, dessen Sündenregister noch um Brudermord erweitert wurd e. Sein Tod markiert das Gottesurteil für seine Sünden. Auf der anderen Seite steht Herzog Wilhelm, der als markanter Herrscher seiner Zeit, sowohl in religiöser als auch weltlicher Dimension, das ihn beraubte Anrecht auf die Krone mit seiner enormen Fertigkeit zurückholte. In den Darstellungen des 12. und 13. Jahrhunderts, als die direkten Auswirkungen der Schlacht von Hastings abgeflacht waren, wurde versucht, ein historisch - neutraleres Bild zu erzeugen. Das gelang oftmals nicht, da sich die damaligen Autoren teilweise zu sehr in ihren Quellen verloren. Daher sind die Schilderungen der Persönlichkeiten abhängig von den Bezugsquellen, so dass die Schwarz - Weiß - Malerei (Held gegen Sünder) im jeweiligen Kontext weiter vorherrschte.
In den folgenden Jahrhunderten änderte sich daran nur wenig. Entweder wurden die Akteure verteufelt, verehrt oder gar vergessen. Erst im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert konnten, im Besonderen Harold und Wilhelm, politisch nutzbar gemacht werden. Erst mit der Entwicklung und Aufstieg zu Nationalstaaten wurde in Großbritannien bzw. Frankreich die Nachfrage nach nationaler Historie und deren Helden immer größer.
443 Vgl. Carroll, L., (1976), Alice im Wunderland, Berlin: Kinderbuchverlag, 125.
In Frankreich wurde Wilhelm der Eroberer zwiespältig betrachtet. Auf der einen Seite, feierte man ihn als den nationalen Volkshelden, der dem aufkeimenden England Einhalt gebieten konnte. Auf der anderen Seite, war er ein Vertreter des Katholizismus, was ihm in der Folge der Französischen Revolution nur wenige Sympathien einbrachte. Frankreich ächzte zudem im 19. Jahrhundert unter den Auswirkungen der napoleonischen Herrschaft und die nationale Historiografie besann sich auf andere Persönlichkeiten.
In Großbritannien entdeckte man den letzten angelsächsischen Herrscher neu. Während Harold Godwinsson bis zu jenem Zeitpunkt nur als der für seine Sünden Bestrafte galt und fast vergessen schien, stieg er nun zum nationalen Helden auf. Englischer Patriotismus und Nationalismus ließen in der Persönlichkeit Harolds die Elemente eines idealen englischen Herrschers aufleben. Freiheitsliebe, Großmütigkeit und Geduldsamkeit wurden durch seine Person verkörpert. Überdies hatte das „normannische Joch“ seine Spuren in der englischen Historiografie hinterlassen. Der normannische Herzog und spätere englische König wurde als niederträchtiger und intriganter Tyrann dargestellt. Nur mit List konnte er Harold und England besiegen und unterjochen.
Im 20. Jahrhundert brachten die beiden Weltkriege und die daraus entstehenden politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse eine Entspannung in der Charakterisierung der Persönlichkeiten mit sich. Die Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts war um Objektivität bemüht. Aus diesem Grund wurde versucht, die tendenziösen Darstellungen abzustreifen und mit Hilfe der Neubearbeitung der Überlieferungstraditionen ein wertneutrales Bild zu ermitteln. Somit wurde jeder Charakter für sich im Verhältnis zu den damaligen Gegebenheiten untersucht Aber auch hier ergaben sich entsprechende Forschungskontroversen, so dass bis heute keine objektive Schild erung möglich ist. Die Charakterisierung der historischen Persönlichkeiten in der Literatur ist etwas problematischer. Da es sich um Fiktion handelt, kann nie von einer objektiven Sichtweise ausgegangen werden. Jedoch sind bei den angeführten Werken der Entstehungszeitraum und der persönliche Hintergrund von Bedeutung. Bei Edward Bulwer - Lytton, Charles Kingsley und Alfred Tennyson wird der Einfluss von Patriotismus und Nationalismus offen zu Tage gebracht. Auch hier ist Harold der ideale Engländer, während Eduard als weltfremd und der normannische Herzog als intrigant bzw. hinterlistig geschildert werden. Zugleich aber werden in den humoristischen Betrachtungen von Punch und dessen Ausläufern jene Schilderungen hinterfragt und abgewertet. Hier werden den historischen Persönlichkeiten die verstaubten Masken abgerissen und ihre Fragwürdigkeit offenbart. Selbst bei Kipling, der einen verwirrten und gebrochenen Harold beschreibt, wird dies deutlich.
In den beiden historischen Romanen des 20. Jahrhunderts lässt sich hingegen kaum eine gesellschaftsabhängige Tendenz ausmachen. Während in der Erzählung von Hope Muntz, neben einer historisch - detaillierten Schilderung, versucht wird, eine emotionale Nähe zu den Charakteren zu erzeugen, herrscht bei Julian Rathbone die Ironie vor. Im Ergebnis ist in der historischen Betrachtung die Tendenz sehr eindeutig. Die jeweilige Darstellung der Charaktere hängt von den entsprechenden politischen bzw. gesellschaftlichen Hintergründen ab und rückt somit die Persönlichkeiten in die korrespondierende Richtung. Die literarische Betrachtung hat hingegen keine eindeutige Entwicklungstendenz. Zwar sind auch hier politische und gesellschaftliche Umstände oftmals maßgebend, jedoch sind die Autoren die ausführenden Elemente. Hier sind die individuellen Einstellungen und die Konzeptionen der Werke ausschlaggebende Faktoren. Die Repräsentation der Hauptakteure eines so entscheidenden Ereignisses wie der Schlacht von Hastings stellt somit letztlich eine Frage der persönlichen Auffassung dar.
Aus diesen Gründen konnte hier kaum eine erschöpfende Darstellung erfolgen. Die Thematik bildete aber eine interessante Grundlage für weitere Betrachtungen.
Literaturverzeichnis
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