Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Sozialisation 2
3. Die eigene Realität 3
4. Die subjektive Definition der Situation 4
5. Der Gesellschaftsmensch 5
6. Rollenidentifikation und Rollendistanz 7
7. Multiple Rollen 8
8. Fremdbilder und Selbstbilder 9
9. Selbstreflexion 10
10. Fazit 11
1. Einleitung
In der folgenden Arbeit werde ich versuchen die Funktionen des menschlichen Rollenverhaltens zu beschreiben und zu erklären. Beginnen möchte ich mit der Funktion die Rollen für eine G esellschaft erfüllen und wieso ERVING GOFFMAN die Rolle als „Grundeinheit der Sozialisation“ (GOFFMAN 1973; 97) bezeichnet. Bei der Analyse soll dann insbesondere das Problem der „freien Rollenwahl“ und deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung behandelt werden. Auch auf die Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung soll eingegangen werden, wobei hier die Möglichkeit der Manipulation des Anderen, sowie der Glaube an die eigenen Rollen im Mittelpunkt stehen soll. Abschließend werde ich noch das Problem der Vereinheitlichung mehrer sich widersprechender Rollen thematisieren und die Entwicklung des „Selbst“ als soziales Phänomen erläutern.
Die Hauptthese dieses Aufsatzes lautet: Der Prozess der Sozialisation bzw. die vorangegangen Lebensumstände und Erfahrungen prägen die „Wahl“ der Rollen und deren Auslebung. Des Weiteren beeinflussen die Rollen unsere Selbstwahrnehmung und prägen somit den Charakter. Anfangen möchte ich mit einem Zitat von Robert Ezra Park, das mir in GOFFMANs Buch „Wir alle spielen Theater“ aufgefallen ist und für diesen Aufsatz von großer Wichtigkeit sein wird:
„Es ist wohl kein historischer Zufall, dass das Wort Person in seiner ursprünglichen
Bedeutung eine Maske bezeichnet. Darin liegt eher eine Anerkennung der Tatsache, dass
jedermann überall und immer mehr oder weniger bewusst eine Rolle spielt…In diesen
Rollen erkennen wir einander; in diesen Rollen erkennen wir uns selbst. In einem gewissen
Sinne und insoweit diese Maske das Bild darstellt, das wir uns von uns selbst geschaffen
haben - die Rolle, die wir zu erfüllen trachten -, ist die Maske unser wahreres Selbst: das
Selbst, das wir zu sein möchten. Schließlich wird die Vorstellung unserer Rolle zu unserer
Natur und zu einem integralen Teil unserer Persönlichkeit. Wir kommen als Individuen zur
Welt, bauen einen Charakter auf und werden Personen.“ (GOFFMAN 1969; 21)
Als gesellschaftliche Wesen wird das Selbstbild bzw. der Charakter der Menschen durch die kulturell geprägten, normativen Ansprüche und Erwartungen bestimmt. Menschen scheinen sich über ihre Rollen zu identifizieren.
Rollen sind nach GOFFMAN „als die typische Reaktion von Individuen in einer besonderen Position definiert“ (GOFFMAN 1973; 104). Wichtig ist es zwischen der typischen R eaktion (also den kulturellen Rollenerwartungen) und der tatsächlichen Reaktion (also dem eigentlichen Rollenverhalten) zu unterscheiden - dazu später mehr. Jeder Rolle geht ein gesellschaftlicher Status, d.h. eine Position in einem System zahlreicher, sich wechselseitig ergänzender Positionen, voraus. „Demgemäß ist es eine Position und nicht eine Rolle, die man einnehmen, die man ausfüllen und wieder verlassen kann, denn eine Rolle kann nur „gespielt“ werden“ (GOFFMAN 1973; 95).
Da ein System immer gewissen Regeln und Gesetzen unterliegt, f unktioniert auch das Gesellschaftssystem nur unter Berücksichtigung bestimmter „Spielregeln“, die das Zusammenleben ermöglichen. Diese Regeln sind kulturpolitisch vorgegeben und sollen im Laufe des Sozialisationsprozesses internalisiert werden.
2. Sozialisation
Der Prozess der Sozialisation - insbesondere die frühkindlichen Erfahrungen - ist ausschlaggebend für die Entwicklung persönlicher Charakterzüge. Ausgehend von dem gesellschaftlichen Status der Familie werden bereits sehr früh überaus prägende Erfahrungen gemacht, die den individuellen Entwicklungsprozess grundlegend eingrenzen. So ist beispielsweise durch zahlreiche soziologische Studien ersichtlich, dass man je nach Familienstand in einen bestimmten Status hineingeboren wird und entsprechende Rollen erlernen muss. Auch wenn die persönliche Entwicklung in modernen Gesellschaften deutlich freier und unbestimmter ablaufen kann, als es noch in Ständegesellschaften der Fall war, ist die individuelle Entwicklung aufgrund der generativen Übertragung von Ressourcen (Wissen, Geld, Sozialverhalten, Werte und Tabus etc.) bereits eingegrenzt. Die gesellschaftliche Stellung scheint nicht frei wählbar zu sein. Die Aufstiegschancen, s owie die Möglichkeit sich „Selbst zu verwirklichen“, sind vielmehr durch die verfügbaren und angeeigneten Ressourcen gerahmt und werden somit nicht allen Menschen in gleichem Maße geboten.
Die einmal erlernten Rollen beeinflussen dann sicherlich alle weiteren Rollenentscheidungen, wenngleich die Rollenwahl nicht als vorherbestimmt bezeichnet werden kann. Man kann aber auch keineswegs von einer „freien Rollenwahl“ sprechen, sondern muss stets die individuellen Prägungen beachten. GOFFMAN sagt, „daß der Sozialisierungsprozeß nicht nur verwandelt; er fixiert auch“ (GOFFMAN 1969; 53). D ie (frühkindliche) Sozialisation, also sämtliche Erfahrungen und Erlebnisse - manche mehr, manche weniger - und die derzeitigen Lebensumstände prägen die Rollenwahl und das tatsächliche Rollenverhalten. Dabei entscheidet man sich (oft unbewusst) für Rollen, die einen persönlichen Vorteil oder gesellschaftliche Anerkennung bringen.
3. Die eigene Realität
Bevor ich mit meinen Ausführungen beginne, möchte ich kurz einen fiktiven Interaktionsprozess darstellen und beschreiben, wie eine soziale Situation individuell interpretiert wird und einem entsprechenden Ziel folgend Informationen ausgetauscht werden.
Was passiert, wenn zwei oder mehr Menschen aufeinander treffen? Bereits im allerersten Moment einer Interaktion und sei sie noch so flüchtig, haben alle Teilnehmer die jeweilige soziale Situation für sich interpretiert. Bei dieser individuellen Situationsdefinition werden die oft unbewusst
aufgenommenen I nformationen, die von den Anderen ebenfalls oft unbewusst vermittelt werden, mit den entsprechenden vorangegangenen Erfahrungen und bereits vorhandenen Klischeevorstellungen und Rollenbildern verknüpft. Aufbauend auf den früheren Erfahrungen mit ähnlichen Personen bzw. entsprechenden Rolleninhabern, wird die Situation anhand der „persönlichen Fassade“ (d.h. Verhaltensweisen und E rscheinungsbilder) der anderen Teilnehmer definiert. Dabei spielen noch weitere Faktoren, wie die eigene Gemütslage, aber vor allem auch der kulturelle Hintergrund, die gesellschaftlichen Normen, Gesetze und Tabus, sowie Ort und Zeit des Geschehens eine entscheidende Rolle.
Wenn nun die Interaktionssituation einmal interpretiert worden ist, werden unmittelbar darauf aufbauend (Rollen-)Erwartungen an die Interaktionspartner gestellt, aber auch eigene Ziele und Wünsche werden gesteckt. Angenommen der Informationsaustausch geht weiter, so bleibt alles Folgende durch die erste Situationsbestimmung geprägt - der erste Eindruck bleibt entscheidend. Gestützt auf Erzählungen und eigenen Erfahrungen, nimmt ein Akteur soviel von der Umgebung auf, dass er weiß, wie und was er spielen soll bzw. muss. Dementsprechend werden Informationen weitergegeben oder verborgen, um den jeweiligen Gegenüber gemäß der eigenen (Wirklichkeits-)Vorstellungen manipulieren zu können. Jeder Teilnehmer ist bemüht, b estimmte Dinge auszudrücken oder eben nicht auszudrücken, um seine Ziele zu erreichen und seine persönlichen Vorstellungen von der Realität dieser Situation zu vermitteln. Um dieses zu erreichen ist neben der eigenen Persönlichkeitskontrolle, sowie der menschlichen Empathie, ein gewisses Maß übereinstimmender (oft kultureller) Symbole erforderlich. Es bleibt aber zu bedenken, dass es trotz zahlreicher eindeutig bestimmter Symbole, Worten und Gesten und einer eventuell ähnlichen Situationsbestimmung - eine exakt gleiche wird es wohl nie geben - immer wieder zu Fehlinterpretationen, Missverständnissen oder ähnlichem kommen kann. „Auf Grund eben dieser Neigung des Publikums, Zeichen zu deuten, kann es die Hinweise missverstehen oder zufällige beziehungsweise versehentliche Gesten und Ereignisse, die nach dem Willen des Darstellers keinerlei Bedeutung übermitteln sollten, falsch interpretieren“ (GOFFMAN 1969; 48). Jeder Teilnehmer einer sozialen Situation ist darum bemüht, einen positiven Eindruck bei den Anderen hervorzurufen. Er möchte seine „Wahrheit“ den anderen vermitteln und diese so manipulieren, dass er seine Ziele durchsetzen kann. Dieser Eindrucksmanipulation sind jedoch Grenzen gesetzt, da wie gerade beschrieben die Interpretationsmöglichkeiten dessen, was der Darsteller ausdrücken will, ä ußerst vielfältig sind. Durch eine gute Rhetorik, eine hohe soziale Intelligenz und zahlreiche andere Faktoren steigt die Chance Andere zu beeinflussen.
4. Die subjektive Definition der Situation
Jede soziale Situation, gleichwohl wo und wann die Situation auftritt und wie viele Akteure beteiligt sind, ist durch zahlreiche objektive und subjektive Faktoren gerahmt. Nach dem Thomas-Theorem “If men define situations as real, they are real in their consequences” handelt jeder Akteur entsprechend seinen persönlichen Empfindungen, die er dieser sozialen Situation beimisst. Die persönliche Definition der Situation bildet folglich den Rahmen dessen, wie auf eine Situation reagiert wird. Die teilnehmenden Akteure suchen nach entsprechenden Lösungsmöglichkeiten, ihr Ziel zu erreichen. Dabei wird die Situation sowohl vor einem persönlichen, als auch einem kollektiven Hintergrund erkannt, eingeschätzt und bewertet. Der persönliche Hintergrund umfasst die Erfahrungen, Perspektiven, Veranlagungen, sowie die physischen und psychischen Faktoren. Der kollektive Hintergrund ist durch kulturelle Vorschriften, Normen, Gesetze, Regeln und T abus gegeben und wird im Sozialisationsprozess weitergegeben.
Durch die subjektive Definition wird die Situation gerahmt und eine persönliche Wirklichkeitsvorstellung entsteht. Ausgehend von der Rahmung - die bereits die Handlungsmöglichkeiten einschränkt - erfolgt eine weitere, konkrete Handlungsselektion. Es werden möglichst viele Informationen verarbeitet und der Lösungsweg ausgewählt, der den größten Nutzen zu bringen scheint. Hier ist zu beachten, dass kein handelnder Akteur jemals alle Informationen aus einer sozialen Situation wahrnimmt und für seine persönliche Situationsanalyse nutzen kann. Die Informationsvermittlung ist vielmehr immer unvollständig und fehlerhaft.
Welche Lösungswege die Akteure „wählen“, wird durch die individuelle Zielsetzung, die Erfolgswahrscheinlichkeit sowie den Nutzen bestimmt. Als nützlich werden im Regelfall soziale Wertschätzungen und physisches Wohlbefinden g esehen. Vor dem kollektiven und persönlichen Hintergrund werden vornehmlich Routinehandlungen - die sich in vergangenen, ähnlichen Situationen bewährt h aben - ausgewählt. Manchmal sind aber doch neue, alternative Lösungswege nützlicher. Diese werden dann mit Hilfe der menschlichen Fähigkeit Situationen vorauszuplanen, rational abgewogen.
5. Der Gesellschaftsmensch
Nun soll etwas genauer auf den von der Gesellschaft vermittelten kulturellen Hintergrund eingegangen werden.
Nicht nur für Soziologen steht mittlerweile fest, dass die kulturelle Prägung enorm wichtig für das menschliche (Rollen-)Verhalten ist. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen und das eigene Weltbild, die Ziele und das Verhalten sind nur im Rahmen der entsprechend internalisierten gesellschaftlichen Werte und Normen denkbar.
Jedes Individuum nimmt am kulturellen Leben einer Gesellschaft teil. Die Art der Teilnahme ist dabei durch die Stellung in der Gesellschaft und die Erziehung, die entsprechende Stellung zu übernehmen, bestimmt. Ein jedes gesellschaftliches System sollte als funktionale Einheit einer Gesellschaft verstanden werden. Die Stellung oder der Status entspricht dann dem Platz, den ein Individuum zu einer bestimmten Zeit in einem b estimmten System einnimmt. Ihm wird also ein Status zugeschrieben. An den jeweiligen Status sind bestimmte kulturelle Erwartungen und Werte gebunden, die der entsprechende Akteur erlernen muss. In der Soziologie spricht man hier von einer Rolle. Es ist zu beachten, dass ein Status mehrfach in einer Gesellschaft vorkommen kann und eine Person mehrere Rollen in verschiedenen Systemen innehat. Entscheidend ist aber, dass immer nur eine Rolle oder ein Status gerade aktiv ist, während alle anderen Rollen latent sind. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass diese Rollen für die aktuelle Situation unbedeutend sind oder sein müssen.
An jede Position werden spezielle kulturelle Anforderungen gestellt, die über die allgemeingültigen gesamtgesellschaftlichen Anforderungen hinausgehen. Wer auch immer eine bestimmte gesellschaftliche Position einnimmt, verpflichtet sich dazu, rollenspezifischen Ansprüchen gerecht zu werden. Die kulturellen Zwänge und Erwartungen zerstören somit ein Stück der Individualität. Die Gesellschaft bestimmt die Bahn in der individuelle, rollenspezifische Entwicklung möglich ist.
„Durch die Art, wie er den Dingen Aufmerksamkeit schenkt, fällt jeder von uns eine Wahl, welche Art Welt es sein soll, in der er leben will“ (aus ZEIT Nr. 9/06 S.35 William James) aber sämtliche Darstellungen sind immer an gesellschaftlichen Werten und Ansehen ausgerichtet. Mit anderen Worten, bilden die kulturellen Ansprüche einer Gesellschaft den Rahmen für die persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten einer Person bzw. einer Rolle und das was wir tun bzw. tun müssen bestimmt unser sein.
6. Rollenidentifikation und Rollendistanz
Mit der Wahl einer Rolle müssen auch immer die ihr anhaftenden normativen Verpflichtungen übernommen werden. „Beim Begriff Rolle ist ferner zu unterscheiden zwischen Rollenerwartungen und dem tatsächlichen Rollenverhalten“ (KÖNIG 1967; 144)
Um zu zeigen, dass man mehr ist als die bloße Rolle, distanziert sich das Individuum von der Rolle. Die „Trennung zwischen dem Individuum und seiner mutmaßlichen Rolle werde ich Rollendistanz nennen“ ( GOFFMAN 1973; 121). Der Rolleninhaber setzt sich mit den an ihn gestellten Erwartungen auseinander und reflektiert sein eigenes Verhalten. Spätestens dort treten die ersten Probleme auf, sich mit einer Rolle vollends zu identifizieren, wenn der Darsteller nicht bereit ist, sich so zu verhalten, wie es vom entsprechenden Rollenbild erwartet wird. Der Akteur, der nicht bereit ist sich der Rolle anzupassen, baut eine gewisse Distanz zur Rolle auf. „Der Begriff Rollendistanz [wurde] eingeführt, um auf Handlungen verweisen zu können, die effektiv eine ablehnende Gleichgültigkeit des Darstellers einer Rolle vermitteln, die er vorführt (GOFFMAN 1973; 125). Die Regeln und Ansprüche an eine Rolle müssen erst erlernt werden. Somit findet eine schrittweise Annäherung und Identifizierung mit der Rolle statt. Der Grad der Identifikation mit einer Rolle bzw. der Glaube an die eigene Rolle kann sich verändern. GOFFMAN unterscheidet hier zwischen dem zynischen Darsteller, der sich v on der Rolle distanziert und sich seines „Schauspiels“ bewusst ist und dem aufrichtigen Darsteller, also der von seiner eigenen Rolle vollends überzeugte
Akteur. Hierbei handelt es sich um zwei Pole eines Kontinuums, so dass eine Vermischung beider Typen möglich, ja sogar wahrscheinlich ist. Es muss wohl davon ausgegangen werden, dass Akteure eine neue Rolle mit größerer Distanz spielen, da die Rolle noch nicht in dem Maße internalisiert wurde. Man kann Fehler machen, da man einen Anfängerbonus besitzt; man kann leichter einen Rückzug aus der Aufgabe vornehmen, da das eigene Leben (noch) nicht durch die neue Rolle bestimmt oder gelenkt wird. Im Laufe der Zeit verinnerlicht man die für die jeweilige Rolle institutionalisierte Fassade zusehends und die g esellschaftlichen Rollenerwartungen bestimmen die eigene, persönliche Erwartungshaltung und dienen der „Selbstbestätigung“. Gleichzeitig weicht die anfängliche Zurückhaltung, aus Angst etwas falsch zu machen und missverstanden zu werden, mehr und mehr einer offenen und vertrauten Haltung gegenüber dem Partner.
7. Multiple Rollen
Da wir im Laufe der Zeit mehr als nur eine Rolle übernehmen, kann es dazu kommen, dass die Rollen nicht miteinander vereinbar sind. Auch wenn es sicherlich so ist, dass nicht alle Rollen gleichzeitig präsentiert werden müssen, bleiben auch die Rollen, die wir latent mittragen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu spielen, für unseren Charakter und unser Selbstbild von Bedeutung. Darsteller neigen oft dazu „den Eindruck zu erwecken, die Rolle, die sie zur Zeit spielen, sei ihre wichtigste, und die Attribute […] seien ihre wesentlichen und charakteristischen Attribute“ (GOFFMAN 1969; 125)
Es ist deshalb oftmals hilfreich, sein Publikum genau zu kennen und zu wissen welchem Interaktionspartner wir in welcher Rolle begegnen müssen um keine Unstimmigkeiten zu provozieren. Ein Darsteller sollte darum bemüht sein, „daß diejenigen, die ihn in der einen Rolle sehen, nicht die gleichen sind, wie die, die ihn in einer seiner anderen [der ersten w idersprechenden Rolle] sehen“ (GOFFMAN 1969; 126). Ein Publikum, das uns in einer Rolle kennen lernt, würde w omöglich durch andere Rollen irritiert werden. Schlimmsten Falls ist das Bild, das die Person von uns hatte, gar nicht mit Teilen des neuen Rollencharakters vereinbar.
Die verschiedenen Rollen sollten deshalb entweder miteinander vereinbar sein, oder vor einem differenzierten Publikum gespielt werden, um das Bild, das wir vermittelt haben oder versucht haben zu vermitteln, aufrecht halten zu können. Die widersprüchlichen Rollenbilder des (multiplen) Darstellers würden das Publikumsbild sonst zu sehr verwirren und die Überzeugungskraft des Darstellers - und somit die Möglichkeit den Eindruck zu manipulieren - würde enorm sinken. „Am wichtigsten ist vielleicht die Tatsache, daß ein falscher Eindruck, den ein Einzelner in irgendeiner seiner Rollen erweckt, seinen gesamten Status, dessen Teil die Rolle ist, bedrohen kann, denn eine diskreditierende Entdeckung [lässt allgemeine Zweifel aufkommen]“ (GOFFMAN 1969; 60).
8. Fremdbilder und Selbstbilder
Aufbauend auf der persönlichen Definition einer Situation wird im Folgenden die Selbstdarstellung & Selbstwahrnehmung im Alltag noch eingehender beschrieben. Dabei sollen die Möglichkeiten und Grenzen, durch Ausdruckskontrolle einen spezifischen Eindruck beim Publikum zu vermitteln, aufgezeigt werden. Es soll also gezeigt werden, inwieweit man seine Handlungen und Verhaltensweisen so einsetzen kann, dass das Publikum ein positives bzw. vom Darsteller erwünschtes Persönlichkeitsbild entwickelt.
Ein jeder ist bemüht, sich bei seinem Publikum - insbesondere wenn es ihm nahe steht bzw. ihm von großer Wichtigkeit ist - positiv darzustellen. Er verhält sich deshalb den Ansprüchen, die das Publikum an ihn bzw. seine R olle stellt, entsprechend, um den erwünschten Eindruck zu erwecken. Viel öfter als wir glauben, verfolgen wir bei einer Interaktion das Ziel, dem Gegenüber unsere Sicht der Dinge nahe zu legen. Wir sind bemüht, ihn zu unseren Gunsten zu manipulieren.
In jeder Gesellschaft, Gemeinschaft oder kleineren Gruppierung gibt es zahlreiche Symbole, Gesten und Ausdrucksmöglichkeiten, denen eine bestimmte Bedeutung zukommt. Dennoch scheinen die zahlreichen Möglichkeiten sich auszudrücken, nicht zwangsläufig eindeutige Interpretationen hervorzurufen.
Vielmehr gibt es eine enorme Anzahl verschiedenster Interpretationsmöglichkeiten, je nachdem, welches Gewicht welcher Information gegeben wird und welche Information wie aufgenommen wird.
Jeder Darsteller definiert eine Situation entsprechend seinem persönlichen Weltbild und interagiert dementsprechend. Der oder die jeweiligen Interaktionspartner interpretieren die Situation aufgrund anderer Erfahrungen womöglich „falsch“. „Der Ausdruck, den er sich selbst gibt, und der A usdruck, den er ausstrahlt“(GOFFMAN 1969; 6) stimmen nicht zwangsläufig überein. Dadurch kommt es zu einer Diskrepanz, zwischen dem Ausdruck den der Handelnde vermitteln wollte und dem Eindruck, den der oder die Beobachter von seinem Verhalten bekommen.
9. Selbstreflexion
Selbstreflexion heißt über die eigenen Gedanken und Handlungen nachzudenken und führt dazu, sich selber (besser) in seiner Umgebung wahrzunehmen. Man wird auf sich selber aufmerksam.
Was halten andere von mir? - Diese Frage spiegelt die erwartete öffentliche Aufmerksamkeit wieder. Sowohl die äußere Erscheinung als auch das Verhalten, verbunden mit den Normen und ungeschriebenen Regeln die der Rolle des Handelnden zugeordnet werden, bestimmen die Normalität. Jede Form von Abweichung scheint besondere Aufmerksamkeit beim Publikum hervorzurufen. Dabei ist es so, dass allein die Möglichkeit beobachtet zu werden anscheinend ausreicht das Rollenbewusstsein zu stärken. In dem Moment, wo Blicke auf den Akteur gerichtet werden (oder dieser auch nur glaubt im Blickfeld potentieller Zuschauer zu stehen), wendet sich der Akteur zusehends repräsentativen Selbstaspekten, wie seiner Kleidung, Mimik etc. hin. Im Umkehrschluss ist anzunehmen, dass auch Nichtbeobachtung bzw. Nichtkommunikation das Verhalten beeinflusst.
Die Frage, wodurch das menschliche Verhalten in Situationen bestimmt ist, wo sie ganz alleine und somit sicherlich unbeobachtet sind, soll hier nicht weiter untersucht werden.
Ich gehe jedoch davon aus, dass auch in diesen Situationen eine Rolle gespielt wird - nicht für ein Publikum sondern einzig und allein für den Darsteller selber und seine Eigenwahrnehmung. Das Selbstbild entspricht dabei wohl nicht zwangsläufig der “Realität“. Diese Diskrepanz drückt sich beispielsweise darin aus, dass ein Akteur der es nicht gewöhnt ist, sich auf Video oder Tonband zu hören bzw. zu sehen , diese Rückmeldung seiner persönlichen Äußerungen anders wahrnimmt, als er es selber erwartet hätte.
Man kann somit zu dem Schluss kommen, dass Beobachtungssituationen und Wahrnehmungsrückmeldungen eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit auslösen. Dadurch kommt es zu einem gestiegenen Rollenbewusstsein, was zwangsläufig das Verhalten beeinflusst.
10. Fazit
GOFFMAN stellte sich die Frage, inwieweit die Zumutungen der G esellschaft die Darstellung der Identität stören. Durch den Begriff der Rollendistanz wies er auf „eine gewisse Diskrepanz zwischen dem Selbst der situationsabhängigen Rolle und dem Selbst der sozialen Rolle“ (GOFFMAN 1973; 151) hin. Aufbauend auf den Arbeiten von ERVING GOFFMAN - insbesondere seines Buches „Wir alle spielen Theater“ - habe ich deshalb zu vermitteln versucht, dass das „Selbst“ als soziales Konstrukt verstanden werden muss.
Als Bedingung für ein stabiles Selbstbild, müssen die kulturellen Normen ausreichend internalisiert werden. Die Menschen stellen ja ständig unbewusst Vermutungen darüber an, was wohl als Nächstes passieren wird. Durch den Sozialisationsprozess sollte jedem Gesellschaftsmitglied ein Bild dessen vermittelt werden, was in welcher Position von einem erwartet wird. Das erlernte Repertoire wird dann in den entsprechenden Situationen abgerufen. Und je älter man wird, desto mehr Erfahrungen hat man, denen man vertraut. Ein weiteres Ergebnis ist, dass es mehrere Realitäten (bzw. keine feste, dauerhafte und eindeutige Realität) zu geben scheint, wenn es darum geht Sozialverhalten und Charaktere wahrzunehmen und zu beurteilen.
Vielmehr ist es so, dass verschiedene Personen die unterschiedlichsten (sozialen) Realitätsvorstellungen entwickeln. So weicht die Selbstwahrnehmung häufig von der Fremdwahrnehmung ab. Es ist sogar festzustellen, dass ein und dieselbe Person sich bemühen muss, ihre, je nach Rolle variierenden,
Situationsdefinitionen und Realvorstellungen zu einem Weltbild zu vereinen. Wenn ein Akteur eine Rolle lange genug spielt, fängt er an sie zu internalisieren, d.h. sie wird ein Teil seiner „Selbst“ und bestimmt mehr und mehr seine Sichtweise.
Literaturverzeichnis
GOFFMAN, Erving (1973): Interaktion: Spaß am Spiel/Rollendistanz, München, 1973, englisch: Encounters, Indianapolis, 1961
GOFFMAN, Erving (1969): Wir alle spielen Theater, München, 1969, englisch: The Presentation of Self in Everyday Life, New York, 1959 KÖNIG, Rene (1967): Soziologie, Frankfurt am Main, 1967
Arbeit zitieren:
Patrick Lamers, 2006, Selbstdarstellungen und Selbstwahrnehmung, München, GRIN Verlag GmbH
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