Die Idee der preußischen Universität um 1800
1. Einleitung 1
1.1. Thema 1
1.1.1. Zugang - "Das Wunder von Berlin" 1
1.1.2. Definition 1
1.2. Fragestellung 2
1.3. Thesen 2
1.4. Gliederung der Argumentation 3
2. Argumentation 3
2.1. Gründe für das Entstehen der Universitätsidee 3
2.1.1. Die universitäre Realität um 1800 3
2.1.2. Der Gegenentwurf der "Aufklärung" 4
2.1.3. Die Geisteshaltung. 5
2.1.3.1. Humboldts 5
2.1.3.2. Fichtes und Schellings 6
2.1.3.3. Schleiermachers 6
2.1.4. Vergleich / Folgerungen 7
2.2. Das Verhältnis der Universitätsidee zur sozialen und politischen Wirklichkeit 7
2.2.1. Verhältnis zur politischen Realität 7
2.2.1.1. Die Anforderungen des Staates an die Universität 7
2.2.1.2. Darstellung des Gegensatzes 8
2.2.2. Verhältnis zur sozialen Realität 9
2.2.2.1. Die sozialen Verhältnisse in Preußen 9
2.2.2.2. Darstellung des Gegensatzes 10
2.3. Der Grund des weltweiten Erfolges der Universitätsidee 11
2.3.1. Hilfsthese: Wissenschaft ist Forschung 11
2.3.2. Andere Universitätsideen 11
2.3.3. Kurzer Vergleich der Modelle 11
2.3.4. Folgerungen 13
3. Zusammenfassung / Ausblick 13
4. Quellen 15
Die Idee der preußischen Universität um 1800
"Denn nur die Wissenschaft, die aus dem Innern stammt und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet dem Charakter um, und dem Staat ist ebensowenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun"
(Wilhelm von Humboldt)
1.Einleitung
1.1.Thema
1.1.1.Zugang - "Das Wunder von Berlin"
Die Gründung der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin im Jahre 1809 kam einem Wunder gleich.
Dies lag daran, dass sie in eine Epoche der Universitätsgeschichte fiel, in der viele Universitäten ihren Betrieb einstellen mussten und allenthalben Rufe nach einer Umwandlung der verbliebenen Universitäten in Fachhochschulen laut wurden. Dies lag zum größten Teil in der ungenügenden Leistung dieser Einrichtung in Forschung und Lehre begründet - kurzum: Die Institution Universität steckte in einer handfesten Krise.
Auch die Rahmenbedingungen waren für die Gründung einer staatlichen Institution auf den ersten Blick alles andere als günstig: Schließlich lag die verheerende Niederlage der preußischen Armee gegen das napoleonische Frankreich nur 3 Jahre zurück, seitdem stand Preußen unter französischer Besatzung, war nur noch formal selbstständig.
Die Idee der preußischen Universität, die in dieser Gründung ihren Niederschlag fand, wird von den meisten der heutigen Zeitgenossen, denen dieser Begriff bekannt ist, reflexmäßig mit den Schlagworten "Humboldtsches Bildungsideal", "Einheit von Forschung und Lehre", "Einsamkeit und Freiheit" assoziiert und im nächsten Atemzug als nicht mehr zeitgemäß oder als idealistische Träumerei abgetan. Ich werde nun auf den folgenden Seiten versuchen, darzulegen, warum diese Idee nicht so antiquiert ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
1.1.2.Definition
Als Thema dieser Hausarbeit wählte ich die Idee der preußischen Universität um 1800. Diesen Begriff setze ich gleich mit der "Idee der deutschen Universität", dem "preußischem Universitätsmodell" oder der "klassischen deutschen Universitätsidee". In der Fachliteratur wird dieser Begriff im Wesentlichen durch die in den Denkschriften von Fichte, Schelling, Schleiermacher und Humboldt enthaltenen Gedanken definiert. 1
Ich werde im Folgenden die wesentlichen Kerngedanken anhand der von mir benutzten Sekundärliteratur wiedergeben.
"Einsamkeit und Freiheit": Dies bezeichnet die soziale Seite der preußischen Universitätsidee.
Mit Einsamkeit ist gemeint, dass der Prozess der Bildung durch Wissenschaft,
1 Friedrich Wilhelm Schelling: Vorlesung über die Methode des akademischen Studiums (1802)
Johann Gottlieb Fichte: Deduzierter Plan einer in Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt (1807)
Friedrich Schleiermacher: Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn (1808)
Wilhelm von Humboldt: über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin (1810)
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welcher das Ziel eines Universitätsaufenthaltes darstellen soll, in einer Entfernung vom bürgerlichen Leben vor sich gehen soll.
Unter Freiheit versteht man die Lehr- und Forschungsfreiheit der Professoren ebenso wie die Lernfreiheit der Studenten. Mit Freiheit ist hier nicht nur gemeint, dass der Staat sich unterstehen soll, den Wissenschaftlern irgendwelche Grenzen der Erkenntnis vorzugeben. Es ist auch die Forderung enthalten, Anforderungen des Staates nach unmittelbar nützlichen Erkenntnissen und unmittelbar nützlichen Kenntnissen der Studenten von der Universität zu weisen. Damit ist nicht gemeint, dass die auf der Universität erworbene Bildung für das praktische Leben vollkommen nichtig ist. So wird Bildung als Formung des Denkens und Formung des Charakters verstanden, welche ja trivialerweise im täglichen Leben stets vonnöten sind. Die Lernfreiheit ist auch der wesentliche Punkt, in dem sich die Universität von der Schule abgrenzt: Während in der Schule der junge Mensch unter Anleitung des Lehrers gebildet wird, ist die Universität der Platz, an dem der junge Mensch sich selbst bildet.
"Einheit von Forschung und Lehre": Dies bezeichnet die Methode mit der Wissen gewonnen und Wissen erworben werden soll. Diesem liegt ein Wissenschaftsbegriff zugrunde, demzufolge „die Wissenschaft als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes" 2 zu betrachten ist. Also ist es sinnlos, den Studenten fertige Erkenntnisse vorzusetzen. Stattdessen müssen sich Professoren und Studenten gemeinsam bemühen, zu dem vorzudringen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wobei der Student logischerweise von der Erfahrung, dem Wissen und dem Überblick des Professors profitiert und andersherum der Professor vom Forschungsdrang des Studenten.
"Das Ganze erkennen": Die Universität soll der Ort sein, an dem nicht (nur) Kenntnisse in einer Spezialdisziplin vermittelt werden, sondern an dem der Student auch versuchen soll, eine Gesamtschau des Wissens zu erwerben und Zusammenhänge zwischen den Einzeldisziplinen zu sehen.
1.2.Fragestellung
Wenden wir uns nun den Fragen zu, mit deren Hilfe wir uns dem Thema nähern werden:
1. Was sind die Gründe für das Entstehen der preußischen Universitäts-Idee? 2. Wie verhielt sich die Universitäts-Idee zu der sozialen und politischen Realität in Preußen um 1800?
3. Warum setzte sich das preußische Universitäts-Modell weltweit durch?
1.3.Thesen
Hier nun meine Meinung zu den oben spezifizierten Fragen: Zu 1. Folgende Gründe waren für das Entstehen der preußischen
2 [Kessel], S. 220
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Zu 2. * Die Universitäts-Idee stand entgegengesetzt zu den Anforderungen, die
Zu 3. Die Universitätsidee war erfolgreich, weil sie dem am meisten Raum gab,
1.4.Gliederung der Argumentation
Im folgenden Hauptteil wird jeder These ein eigenes Unterkapitel gewidmet sein. Im ersten Unterkapitel werde ich zunächst darstellen, wie die Lage auf der Universität um 1800 aussah, dann den aus der Aufklärung entsprungenen Gegenentwurf präsentieren und schließlich schlussfolgern, dass Humboldt & Co. aufgrund dieser Tatsachen gar nicht anders konnten, als ihre Idee der Universität zu entwickeln. Im zweiten Unterkapitel werde ich am Anfang die Ansprüche der preußischen Kultusbürokratie an die Universität darstellen und im Anschluss den krassen Gegensatz zur Universitätsidee verdeutlichen.
Analog werde ich kurz die sozialen Verhältnisse in Preußen schildern und danach darlegen, worin der Konflikt zur Idee bestand.
Im dritten Unterkapitel werde ich anfangs kurz begründen, warum Forschung das Wesen der Wissenschaft ist. Anschließend werde ich einen kurzen Blick auf den Markt der Universitätsideen am Anfang des 19. Jahrhunderts werfen und schliesslich anhand eines kurzen Vergleichs zeigen, dass in keiner konkurrierenden Idee der Forschung soviel Raum gegeben wurde wie in der preußischen. Hieraus wird dann die These geschlussfolgert.
2.Argumentation
2.1.Gründe für das Entstehen der Universitätsidee
2.1.1.Die universitäre Realität um 1800
Die deutsche Universität war am Wechsel zum 19. Jh. (von einigen löblichen Ausnahmen wie Göttingen oder Halle abgesehen) am Ende. "Wissenschaftlich bedeutete sie nur wenig" 3 , da ein Großteil der Forschung an außeruniversitären Einrichtungen, den Akademien stattfand.
Vielmehr hatte sie vor allem einen Ausbildungsauftrag, der in den 3 oberen Fakultäten (Theologie, Jura und Medizin) erfüllt wurde, auf deren Besuch die philosophische oder Artistenfakultät vorbereitete. Dies hat den Grund, dass die auf die Universität strömenden jungen Menschen nur eine recht bescheidene Schulbildung erlangt hatten, deren Mängel auf der Universität beseitigt werden mussten. In der Folge waren die Besucher der Universität recht jung, manche begannen ihr Studium schon mit 16 Jahren.
Die Ausbildung fand vorwiegend für den Staat statt. Da dieser treue Diener brauchte, nahm er sich heraus, auf die zu vermittelnden Inhalte Einfluss zu nehmen, dies betraf insbesondere die theologische und juristische Fakultät.
Die Professoren waren meist unterbezahlt und überlastet, so gab Kant zum Beispiel bis zu 28 Wochenstunden. Aus der Unterbezahlung resultierte auch, dass die Professoren lieber Privatstunden gaben, worunter verständlicherweise die Lehre litt. Auf der anderen Seite war es einem Großteil der Studenten durchaus nicht um den Wissenserwerb, sondern um den Genuss der sich durch das Studium auftuenden Freiheiten zu tun. Die Klagen über undisziplinierte, sich prügelnde und duellierende
3 [Ellwein], S. 111
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Studenten waren allerorten zu hören. Ein Gutteil mag dazu auch die eigene Gerichtsbarkeit der Universitäten beigetragen haben, die gegen die Aufrührer nicht energisch genug durchgriff.
Die Lehre fand meistens in Form eines Kathedervortrags statt, in dem der Lehrende aus fremden Büchern vorlas und diese dann interpretierte sowie seine Meinung dazu kundtat. Das Komplement dazu war die öffentliche Disputation, die einen regen akademischen Meinungsaustausch hätte darstellen sollen. Jedoch war diese zu einer reinen Formalie erstarrt, da in ihr vorwiegend Dogmen ausgetauscht wurden. Als Illustration soll uns ein Bericht Wilhelm von Humboldts von einer Vorlesung des Marburger Professors Selchow dienen:
"Sein Vortrag missfiel mir gänzlich. Ein [...] ganz aufs Nachschreiben eingerichteter Ton, platte, undeutsche und lächerliche Ausdrücke, [...] Zitate ohne aufhören nach Seite und Paragraph in ungeheurer Menge [...], endlich durchgehends ein ekelhaft eitler, affektierter Ton" 4
Auch damals beklagte man sich schon über die Massen von Studenten, die an die Universitäten strömten und erließ mehrere Gesetze, u.a. mit dem Ziel, arme Studenten von der Universität fernzuhalten, da diese als die gefährlichsten Unruhestifter angesehen wurden.
Weiterhin charakteristisch war die provinzielle Enge, in der der Universitätsbetrieb von statten ging. Als Professoren wurden zumeist nur ortsansässige ausgewählt. Eine Klage des Kanzlers der Königsberger Universität, von Korff, mag das belegen:
„Die Einheimischen gehen nicht auswärts, die Auswärtigen kommen nicht hierher, daher bleibt alles bei einer gewissen Schläffrigkeit und Sicherheit.“ 5
Auch den Studenten wurde geheißen, nur an den inländischen Universitäten zu studieren, da andernfalls eine Einstellung im Staatsdienst nicht stattfinden würde. Es liegt nun auf der Hand, dass sich diese provinzielle Enge auf die Leistungsfähigkeit der Universität niederschlug, auch wenn es Ausnahmen wie Kant gab.
Abschliessend lässt sich sagen, dass das dogmatische Denken, welches feste Lehrsätze zu behaupten sucht und auf der Universität vorherrschte, nicht dafür geeignet war, eine forschende Universität zu begründen.
2.1.2.Der Gegenentwurf der "Aufklärung"
Zunächst einmal müssen wir uns verdeutlichen, dass es einen Unterschied zwischen der Geistesströmung der Aufklärung und dem aus ihr entsprungenen Erziehungsideal gibt.
Die Geistesströmung der Aufklärung wird nach Kant durch den Leitspruch „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ charakterisiert. In diesem Sinne forderte er auch, dass es zumindestens der philosophischen Fakultät erlaubt sein müsse, ohne Einfluss der Politik der Suche nach der Wahrheit nachzugehen. Es ist anzunehmen, dass diese Forderung auch den Autoren der preußischen Universitätsidee bekannt war und so in diese mit eingeflossen ist. Betrachten wir nun das Erziehungsideal der Aufklärung. Dieses bestand darin, den Menschen zu nützlicher Tätigkeit und nüchternen Urteilvermögen zu erziehen. Es brachte es mit sich, dass besonders handwerkliche und gewerbliche Tätigkeiten angesehen waren, Tätigkeiten, welche keinen unmittelbaren Nutzen einbrachten, wurden dagegen geringer geschätzt.
Das aus diesem Erziehungsideal abgeleitete Universitätskonzept musste sich nun gegen die bestehende Universitätsstruktur richten, in der, wie oben erwähnt, vor allen
4 [Ellwein], S. 111
5 [Schelsky], S. 27
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Dingen Lehrsätze auswendig gelernt werden mussten, die zumeist ohne praktischen Nutzen waren.
Also zielte man auf eine Abschaffung der Universitäten im bisherigen Sinne, die so der Pädagoge Christian Gotthilf Salzmann „junge Menschen der Welt und der Arbeit entziehen“ 6 .
Stattdessen wollte man, zur Vermittlung lebensnaher, nützlicher Kenntnisse, Institutionen einrichten, die dem recht nahe kommen, was wir heute unter Fachhochschulen verstehen.
Man hielt es auch für angebracht, für jeden im Staate notwendigen Beruf einen eigenen Studiengang an Fachhochschulen einzurichten. Dabei wurde natürlich die Einheit der Universität auseinander gerissen. Man hätte genauso gut für jeden Studiengang eine eigene Fachhochschule einrichten können. Es ist klar, dass unter diesen Umständen die Einheit des Wissens keine Rolle mehr spielt, sie wird höchstens noch als "enzyklopädische Sammlung" 7 , also als Aneinandereihung der einzelnen Kenntnisse, dargeboten.
Es wird deutlich, dass in der aufklärerischen Universitätskonzeption kein Platz für eine Erkenntnis um der Erkenntnis wegen ist, da der sich im Berufsleben behauptende Mensch herangezogen werden soll. Schelling drückt diese Einstellung polemisch mit dem "Spinnrad, das wichtiger ist als das Weltsystem" aus. Andererseits darf natürlich nicht verschwiegen werden, dass auf das Konto der "Aufklärer" auch die Universitätsgründungen in Halle (1694) und Göttingen (1737) gingen, die von den Berliner Universitätsgründern als vorbildlich angesehen wurden, was unter anderem auch darin Ausdruck fand, dass einige der an die Universität Berlin berufenen Professoren zuvor in Halle gelehrt hatten (zum Beispiel der Altphilologe Wolf).
Auch muss erwähnt werden, dass die Aufklärer eine bedeutende Vorleistung für die idealistischen Universitätsreformer lieferten: Sie schafften den überholten Gebrauch von Latein als Unterrichtssprache auf den Universitäten ab.
Da den Verantwortlichen jedoch klar war, dass nicht nur Wissen weitergegeben werden musste, sondern auch Wissen gewonnen werden musste, suchte man nun nach einem Raum für die Wissenschaft.
Als ein solcher wurden die Akademien gegründet, auf denen die Forscher von den Entbehrungen des Lehrbetriebs unbeeinträchtigt ihrer Tätigkeit nachgehen konnten und sich nicht mit "gelehrten Grillen" (Leibniz) beschäftigen mussten. Als Beispiel sei hier die 1700 gegründete Preußische Akademie der Wissenschaften genannt.
2.1.3.Die Geisteshaltung...
2.1.3.1... Humboldts
Ich möchte vor allem auf das Bildungsverständnis Humboldts eingehen. Als Ausgangspunkt soll uns folgendes Zitat dienen:
"Jeder Mensch existiert doch eigentlich für sich; Ausbildung des Individuums für das Individuum und nach den dem Individuum eigenen Kräften und Fähigkeiten muss also der einzige Zweck alles Menschenbildens sein" 8 .
Hieraus sieht man nun, dass für Humboldt der Ziel der Bildung darin liegt, individuell auf jeden Menschen einzugehen und die ihm eigenen Talente zu fördern, so weit es eben geht. Diese Bildung soll nicht an irgendwelche äußeren Notwendigkeiten
6 [Schelsky], S. 33
7 [Schelsky], S. 35
8 [Kessel], S. 60/61
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ausgerichtet sein, sondern soll sich allein am Individuum orientieren beziehen und für dieses da sein.
Als weiteres Indiz mag uns folgender Satz dienen:
„Der wahre Zweck des Menschen ... ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ 9
Die Äußerung ist aus folgenden Gründen interessant: 1. In ihr wird der Stellenwert deutlich, den Humboldt der Bildung beimisst. 2. In ihr tritt der ganzheitliche Aspekt der Bildung deutlich hervor, alle Talente des Menschen sollen in einem ausgeglichenen Verhältnis zum Ausdruck kommen.
Für das Verhältnis des Staates zum Erziehungsprozess schwebt Humboldt folgendes vor:
"dass der Staat seiner Idee nach die Erziehung nicht bestimmen dürfe, - dass er vielmehr immer hinderlich ist, sobald er sich hineinmischt, dass die Sache an sich ohne ihn unendlich besser gehen würde…" 10
Hieraus kann man deutlich ablesen, dass Humboldt die Einflussnahme des Staates auf Erziehung und Bildung auf ein Minimum begrenzt sehen möchte. Weiterhin meinte Humboldt, dass der Staat, auch wenn er es wollte, keinen großen Einfluss auf den „Geist des Individuums" 11 habe, „man könne eben nur zusehen" 12 .
2.1.3.2.… Fichtes und Schellings
Fichte und Schelling gehörten zu den bedeutendsten Philosophen der Epoche des deutschen Idealismus. Ich möchte hier eine grobe Charakterisierung desselben versuchen:
Ein Merkmal ist der hohe Anspruch, „auf einer metaphysischen Grundlage, die dem Selbstverständnis der modernen Welt standhalten sollte, denkend auf den Begriff zu bringen, was die Welt im Innersten zusammenhält“ 13 . Weiterhin bemerkenswert war „die Fülle der sich abwechselnden Systementwürfe und die Intensität der philosophischen Gedankenbemühung“ 14 Es werden drei Hauptantriebe der idealistischen Philosophie ausgemacht, nämlich 1. „die Suche nach einer angemessenen Theorie der Subjektivität, 2. die Ausarbeitung einer adäquaten Systemform der Philosophie mit einem widerspruchsfreien Konzept des Absoluten, 3. die Verbindung der Prinzipien der praktischen und theoretischen Philosophie“ 15 .
2.1.3.3.… Schleiermachers
Ich möchte besonders auf Schleiermachers Konzeption des Individuums hinweisen. Diese ist dadurch gekennzeichnet, dass "jeder auf seine eigene Art die Menschheit darstellen soll, sich zur Lebensaufgabe machen soll, 'immer mehr zu werden, was er ist'“ 16 , wenn er auch nie damit fertig wird.
Weiterhin geht es Schleiermacher in seiner Philosophie auch darum, "das höchste Wissen zu erlangen" 17 , das als Bedingung nötig sei, um zu einer Einheit von Denken und Sein zu gelangen.
9 [Kessel], S. 217
10 [Kessel], S. 210
11 [Kessel], S. 209
12 [Kessel], S. 209
13 [Philo], S. 24
14 [Philo], S. 24
15 [Philo], S. 27
16 [BBK]
17 [BBK]
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Des weiteren sieht es Schleiermacher als erstrebenswert an, zu einer "Einheit des Wissens zu gelangen" 18 .
2.1.4.Vergleich / Folgerungen
Führen wir nun einen Vergleich der universitären Realität und dem Universitätskonzept der Aufklärung auf der einen und der Geisteshaltung der Autoren der Universitätsidee auf der anderen Seite durch.
Auf der einen Seite steht nun die dogmatische Gelehrsamkeit der alten Universität, die Schelling, Fichte und Schleiermacher durchaus bekannt war, da sie Professoren waren. Dieser Zustand muss in ihnen, die zu den größten Denkern ihrer Epoche gehörten, Ekel hervorgerufen haben. Zur Verdeutlichung mache man sich klar, dass zum Beispiel Fichte in seiner Philosophie versuchte, „alle Gegenstände der (kantischen) Philosophie [...] aus den bisher unentdeckten Prinzipien herzuleiten“ 19 . Wie muss auf einen solchen Geist das Auswendiglernen von Lehrsätzen gewirkt haben, wie es auf der alten Universität praktiziert wurde. Weiterhin haben wir das Konzept der Aufklärung, in der der Mensch zu einem nützlichen Fachmann ausgebildet werden sollte. Wenn man dies zum Beispiel mit dem Bildungsverständnis Humboldts vergleicht, der ja gerade alle im Menschen schlummernden Talente erweckt sehen wollte, wird der Unterschied deutlich. Auch wenn man sich verdeutlicht, dass Schelling, Fichte und Schleiermacher Theoretiker par excellence waren, sieht man, dass die Universität, die nach dem Erziehungsdenken der Aufklärer vorwiegend Kenntnisse für das praktische Leben vermitteln sollte, diesen ein Dorn im Auge sein musste.
Angesichts dieser Gegensätze wird nun klar, dass es unausweichlich war, dass diese Denker schließlich (teilweise aus der Philosophie des deutschen Idealismus heraus) eine ihrer eigenen Geisteshaltung entsprechende Universitätsidee entwickeln mussten.
2.2.Das Verhältnis der Universitätsidee zur sozialen
und politischen Wirklichkeit
2.2.1.Verhältnis zur politischen Realität
2.2.1.1.Die Anforderungen des Staates an die Universität
Zunächst müssen wir uns darüber klar werden, welche Regierungsform der preußische Staat um 1800 hatte. Dies war die absolutistische Monarchie, in der sämtliche Staatsgewalt vom Fürsten ausging. Dieser wurde in Preußen in seinem Regierungshandeln von einem Kabinett unterstützt, dem die Minister angehörten. Also ist es zunächst wichtig, darzustellen, was die Wünsche des Königs, und in zweiter Linie, seiner Minister waren.
Dem um 1800 amtierenden König, Friedrich Wilhelm III., wurde nachgesagt, er sei „phantasielos, trocken und pedantisch“ 20 , sein Lebenszuschnitt sei „einfach und unliterarisch“ 21 , er wurde als Bürgerkönig charakterisiert. Betrachten wir nun die im Bürgertum vorherrschende Geistesströmung: Diese war die der ausgehenden Aufklärung. Als Idealbild des Bürgers wurde der tüchtige, sich im Berufsleben bewährende Mensch angesehen, der auf diese Weise seinen Gott huldigt. Also wurde vorwiegend die Ausbildung zu gewerblichen Berufen als nützlich
18 [BBK]
19 [Philo], S. 27
20 [Schoeps], S. 107
21 [Schoeps], S. 107
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angesehen. Dies ging soweit, dass es sogar in den Reihen der Monarchen en vogue war, ein Handwerk zu erlernen.
Dies konnte natürlich auch nicht ohne Einfluss auf die Kultuspolitik bleiben. So bestimmte Friedrich Wilhelm III. in einer Kabinettsorder an die Preußische Akademie der Wissenschaften:
„Ich kann der Akademie nicht bergen, dass das Ganze ihrer Arbeiten nicht genug auf den allgemeinen Nutzen hingerichtet zu seyn scheint. Man hat sich zu sehr darauf eingeschränkt, abstrakte Gegenstände auseinander zu setzen, [...] und man hat daran nicht gedacht, die Einsichten auf wahrhaft nützliche Gegenstände zu richten.“ 22 Hieraus sieht man deutlich, dass es den Kulturpolitikern seinerzeit nicht darum ging, der Wissenschaft die Freiheit zu geben, auch zu nicht unmittelbar nützlichen Ergebnissen zu kommen. Vielmehr sieht man, dass das Bestreben darauf gerichtet war, im Stile eines „akademischen Bergwerks“ die für das praktische Leben sinnvollen Erkenntnisse zu Tage zu fördern.
Ein weiterer Beleg für die Anspruchshaltung der preußischen Politik findet sich in einem vom damaligen Justizminister Massow, dem auch das Bildungswesen unterstand, in einer Rezension sehr gelobten Buch:
„So viele Hauptklassen von Staatsdienern es in einem Lande gibt, so viele Arten von Seminaren müssen auch daselbst vorhanden sein“ 23
Hier wird nun einer Aufgliederung in der Universitäten in Spezialhochschulen das Wort geredet, von einer Einheit der Wissenschaft ist überhaupt keine Rede. Auch die Äußerungen Massows, der von Max Lenz „ein Fanatiker der Nützlichkeit genannt“ wurde, selbst gehen in diese Richtung:
„[...] unterschreibe ich die Meinung, dass statt der Universitäten nur Gymnasien und Akademien für Ärzte, Juristen, etc. sein sollten“ 24 . Auch der Nachfolger Humboldts auf dem Posten des Leiters der Unterrichtsverwaltung, von Schuckmann, stand in dieser Tradition. Er sorgte laut Kabinettsorder dafür, dass „klare Begriffe und solche Gesinnungen verbreitet werden, wodurch Nutzen für das praktische Leben, [...] und Vertrauen und Folgsamkeit gegen die Regierung bewirkt werden [...]“ 25 .
Ein weiteres Beleg für diese Haltung sind die Gründungen verschiedener Fachhochschulen (unter anderem die Bergakademien in Berlin (1770), Clausthal-Zellerfeld (1775), Freiberg (1776); Tierarznei (1790)- und Militärarztschule (1795) sowie Bauakademie in Berlin(1799).
2.2.1.2.Darstellung des Gegensatzes
Der Gegensatz liegt nun fast auf der Hand: Während, wie oben geschildert, die Kulturpolitik weitgehend die aufklärerische Universitätskonzeption umgesetzt sehen möchte, stellt sich ja gerade die Idee der Universität gegen „diese Ideenleere, die sich Aufklärung zu nennen untersteht“ (Schelling). Machen wir uns den Gegensatz nun nochmals anhand der Kerngedanken der Universitätsidee im Einzelnen klar:
„Einsamkeit und Freiheit“: Während ja Humboldt & Co. die Eingriffe des •
Staates in den Wissenschaftsbetrieb minimieren wollten, lassen es sich die preußischen Kulturbürokraten nicht nehmen, verwertbare Kenntnisse und brauchbare Untertanen als Ergebnisse des Wissenschaftsprozesses zu fordern.
„Einheit von Forschung und Lehre“: Da die Universitäten zu Fachhochschulen •
umgewandelt werden sollen (reine Ausbildungsstätte), hat die Forschung an ihr keinen Platz oder einen nur sehr geringen Stellenwert. Folglich ist auch die
22 [Schelsky], S. 37
23 Heinrich Stephani, Grundzüge der Staatserziehungswissenschaft, 1797
24 [Schelsky], S. 36
25 [Schelsky], S. 37
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Einheit von Forschung und Lehre an ihr keineswegs gegeben. Statt des von Fichte geforderten sokratischen Dialogs nun also der gleiche Paukunterricht wie auf der Schule.
„Das Ganze erkennen“: Dieser Gedanke entspricht gerade nicht den •
Anforderungen der Politik. Diese sieht in der Universität nicht anderes als den gewaltigen Zusammenschluss mehrerer Schulen, den es aufzulösen gelte.
2.2.2.Verhältnis zur sozialen Realität
2.2.2.1.Die sozialen Verhältnisse in Preußen
Die preussische Gesellschaft war im Wesentlichen eine Agrargesellschaft. Dies kann man damit belegen, dass 65 % aller Erwerbstätigken in der Landwirtschaft beschäftigt waren und 90 % der Bevölkerung auf dem Land lebten. Die auf dem Land lebende Bevölkerung teilte sich auf in einen Adel, dessen Spannbreite vom verarmten Landjunker bis zum Hochadel reichte und ein zumeist von diesem abhängiges Bauerntum, innerhalb dessen ebenfalls erhebliche Unterschiede in punkto Wohlstand und rechtlicher Stellung bestanden. Das Land gehörte zumeist dem König (Staatsdomäne) oder dem Adel, der Anteil der verschiedenen Besitzformen war von Provinz zu Provinz unterschiedlich. Die Beziehung des Bauerntums zum Adel wird mit den Worten „Erbuntertänigkeit“ und „Leibeigenschaft“ charakterisiert, wobei das erstere noch die mildere Form der Abhängigkeit ist.
Das Kernstück der Erbuntertänigkeit war die sogenannte Schollenpflicht der Bauern, welche durch diese an das ihnen zugewiesene Stück Land gebunden waren. Von dieser betroffen war nicht nur der Bauer selbst, sondern auch seine gesamte Familie. Wie der Name schon andeutet, wurde diese Untertänigkeit an die Kinder des Bauern weitergegeben.
Zu diesem Eingriff die räumliche Freiheit des Bauern kam noch hinzu, dass nur mit Zustimmung des Gutsherrn geheiratet werden konnte. Im beruflichen Sektor war das Erlernen eines Handwerks von der Zustimmung des Herrn abhängig. Selbstverständlich war der Bauer seinem Herrn Arbeitsdienste (Frondienste) schuldig, diese nahmen bis zu 5 Tage in der Woche in Anspruch. Auch die Kinder des Bauern waren in der Regel ihrem Herrn Dienste schuldig, so mussten sie in der Regel ab dem 10. Lebensjahr 3 Jahre den sogenannten Gesindedienst auf dem Hof ihres Herrn ableisten. Während dieser Zeit waren sie in Ställen und Scheunen untergebracht.
Wie bereits angedeutet, verfügten die lokalen Adelsherren mit den abgeschlossenen Gutsbezirken „über mehr oder weniger abgeschlossene Machtbereiche“ 26 . So verfügte der Gutsherr neben der Grundherrschaft auch über die Gerichtsherrschaft und damit auch über das Recht auf körperliche Züchtigung in seinem Gutsbezirk.
Weiterhin war er in diesem auch Schul- und Kirchenpatron sowie Träger der Polizeigewalt.
Diese feudale Struktur wurde damit verteidigt, dass der Bauer seinem Herrn gegenüber nicht nur Dienstpflichten habe, sondern dieser auch die Pflicht, die Existenz seiner Untertanen sicherzustellen.
Das Bürgertum hatte im Preußen des ausgehenden 18. Jahrhunderts nur ein geringes Gewicht, da es, wie oben dargestellt, nur wenige Städte gab, in denen sich ein solches entwickeln konnte.
26 [Preußen], S. 28
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Ein weiterer prägender Faktor der preußischen Gesellschaft war die starke Militarisierung. So stand Preußen zwar nach Einwohnerzahl und Fläche an dreizehnter beziehungsweise zehnter, jedoch nach der Truppenstärke (200 000 Mann am Ende der Regierungszeit Friedrichs II.) an vierter Stelle in Europa. Die feudal-ständische Ordnung im Zivilen setzte sich beim Militär fort: Die Offiziere rekrutierten sich aus dem Adel, wohingegen die Mannschaften aus dem Bauerntum (teils mit sehr zweifelhaften Methoden) rekrutiert wurden.
2.2.2.2.Darstellung des Gegensatzes
Ich werde versuchen, den Gegensatz anhand von drei Konfliktlinien darzustellen: 1. Freiheit vs. Zwang
2. klassenlose Gesellschaft vs. Ständegesellschaft 3. Leistungsprinzip vs. Herkunftsprinzip
Zu 1.
In 1.1.2 haben wir schon gesehen, dass die Universität für Professoren und Studenten weitreichende Freiheiten bot.
In vorhergegangenen Kapitel haben wir schon gezeigt, dass Zwang das beherrschende Element im preußischen Staat war:
Die Landbevölkerung war gezwungen gegenüber ihrem Herrn Dienst zu leisten, sie war gezwungen, auf ihrem Stückchen Land kleben zu bleiben, wenn der Herr dass wollte, sie war gezwungen, ihren Herrn um Erlaubnis zu ersuchen, wenn sie heiraten wollte.
In der Stadt gab es immer noch den Zunftzwang, weiterhin zwang der König seine Untertanen in der Armee zu dienen. Zu 2.
Das Leben innerhalb der Universität sollte nach Auffassung Humboldts „eine grundsätzlich gleichberechtigte Gelehrtengeselligkeit von Professoren und Studenten“ 27 prägen, in der es keine Unterscheidung in nicht-wissend und wissend gibt.
Der Grund dieser Auffassung ist das Paradigma, dass es nicht auf die Menge des Wissens ankommt, dass jemand erworben hat, sondern auf die Einstellung, auf den Forscherdrang, mit der er dieses zu erwerben versucht. Dieses Streben wird beim Professor genauso wie beim Studenten vermutet.
Dem gegenüber steht nun die ständische Gesellschaft, in der er sehr wohl eine Unterscheidung gibt, und zwar nach frei und unfrei, besitzend und besitzlos, befehlend und gehorchend. Zu 3.
Laut Schelling soll die Universität der Ort sein, an dem „nichts gilt, als die Wissenschaft und kein anderer Unterschied dar ist, als welchen das Talent und die Bildung macht“ 28 . Weiterhin sollen „nur die Besten herrschen“. Dem gegenüber gestellt ist nun das Herkunftsprinzip, welches in Preußen vorherrschte, es machten eben nicht nur Talent und Bildung aus, welchen Platz man im Staate einnahm.
War man als Sohn eines Leibeigenen geboren, so hatte man ein Leben mit Frondiensten und Gängelung vor sich und man durfte in der Regel auch in der Armee dienen und gehorchen.
War man hingegen als Sohn eines Adligen geboren, so war einem mit großer Wahrscheinlichkeit ein in materieller wie in rechtlicher Hinsicht lebenswerteres Leben beschieden.
27 [Schelsky], S. 72
28 [Schelsky], S. 60
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2.3.Der Grund des weltweiten Erfolges der
Universitätsidee
2.3.1.Hilfsthese: Wissenschaft ist Forschung
Zur Begründung werfen wir einen Blick auf folgende Definition: „Jede intersubjektiv überprüfbare Untersuchung von Tatbeständen und die auf ihr beruhende, systematische Beschreibung und - wenn möglich - Erklärung der untersuchten Tatbestände.“ 29
Dies ist nun genau das, was man gemeinhin unter Forschung versteht: - Die objektive Untersuchung - Die systematische Beschreibung (Das „Wie“) - Die Suche nach den Ursachen (Das „Warum“)
Weiterhin wird man, wenn man in demselben Werk unter„Forschung“ nachschlägt, auf „Wissenschaft“ verwiesen
2.3.2.Andere Universitätsideen
Die Universität ist ein Produkt Europas. Also ist es sinnvoll, sich auf dem europäischen Markt nach mit der preußischen Universitätsidee konkurrierenden Ideen Ausschau zu halten.
Laut Walter Rüeggs „Geschichte der Universität in Europa“ existierten am Anfang des 19. Jahrhunderts folgende Universitätsmodelle: Das französische Modell • Das britische Modell •
Das im Kapitel 1.1.2. dargestellte preußische Modell •
2.3.3.Kurzer Vergleich der Modelle
Es ist „nur im übertragenen Sinne berechtigt, bei den britischen Universitäten von einem Modell zu sprechen“ 30 . Dies liegt darin begründet, dass die verschiedenen Hochschultypen, die in Großbritannien am Beginn des 19. Jahrhunderts existierten, infolge fehlender staatlicher Hochschulpolitik keinen inneren Zusammenhang aufwiesen. So reichte die Spannweite von den eher auf Berufsausbildung ausgerichteten Universitäten Schottlands bis zu den elitären englischen Colleges in Cambridge und Oxford, an denen vorwiegend humanistische Bildung vermittelt werden sollte.
Aufgrund dieses uneinheitlichen Bildes wird das britische Modell nicht in unseren Vergleich mit einfließen.
Der Vergleich des deutschen und des französischen Modells wird nun anhand der folgenden Kritierien stattfinden: 1. Verhältnis der Universitäten zum Staat 2. Verhältnis der Einzelwissenschaften zueinander 3. Verhältnis der Professoren zu den Studenten 4. Auf den Universitäten vermittelte Kenntnisse / Fertigkeiten. Zu 1.
Das Verhältnis der preußischen Universität zum Staat ist dadurch gekennzeichnet, dass dieser sich weitestgehend aus dem Wissenschaftsprozess heraushält. So bestanden für Humboldt die einzigen Aufgaben des Staates darin, die Unabhängigkeit der Universität sicherzustellen und ihre Professoren zu bestimmen.
29 [WissTheorie], S. 512
30 [Rüegg], S. 59
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Die Idee der preußischen Universität um 1800
In napoleonischen Frankreich hingegen war die Universität für den Staat die Einrichtung, die die für den Staat und die Gesellschaft notwendigen Beamten und freien Berufe ausbilden sollte. In diesem Geiste wurde die universitäre Ausbildung mit Hilfe einer Studienordnung minutiös geregelt.
Der Staat war natürlich nicht nur an fachlich versierten, akademisch ausgebildeten Kräften interessiert. Mindestens genauso gewollt war die Akzeptanz der nachrevolutionären politischen und gesellschaftlichen Ordnung durch die angehende Elite, die auf der Universität ausgebildet wurde. Folglich wurde der Unterricht auf politische und religiöse Konformität überwacht.
Zu 2.
Im preußischen Universitätsmodell wurde von einer Einheit der Wissenschaft ausgegangen, insofern gab es von der Idee her gar keine Einzelwissenschaften, obwohl die althergebrachte Gliederung der Universität in vier Fakultäten bei der Gründung der Berliner Universität beibehalten wurde. Dem gegenüber steht die Gliederung des französischen Hochschulsystems in einzelne, mit einander unverbundene Fakultäten, die den Charakter von Spezialhochschulen hatten.
Auch standen die Einzelwissenschaften in einer Rangfolge zueinander, die unter anderem in der Studiendauer und den zu entrichtenden Studiengebühren ihren Ausdruck fand.
An der Spitze standen die Wissenschaften, die den Studenten für einen finanziell lukrativen Beruf qualifizierten (vor allem Medizin und Jura). Am unteren Ende der Skala standen das Studium der Geistes- und Naturwissenschaften, die nur zum Beruf des Lehrers qualifizierten.
Auch in der Besoldung der Professoren fand diese Rangfolge ihren Niederschlag.
Zu 3.
Während an der preußischen Universität Professor und Student, nach Humboldts Idee, prinzipiell gleichberechtigt sein sollten und ungezwungen zusammenwirken sollten,
sah der französische Staat in der Universität eine Kadettenanstalt, in der militärische Disziplin herrschen sollte.
Zu 4.
Für die Väter der preußischen Universitätsidee waren die im Laufe des Studiums erworbenen Kenntnisse eher zweitrangig. Wesentlich wichtiger sei hingegen, dass während des Studiums eine Schulung des Denkens und des Charakters stattfände. Eine rein berufliche Ausbildung wurde übereinstimmend abgelehnt. Auf französischer Seite hingegen steht die Berufsausbildung von Spezialisten im Vordergrund. Dies drückt sich unter anderem darin aus, dass die unmittelbar berufsqualifizierenden Fächer in der Rangfolge ganz oben stehen (s.o.).
Zusammenfassend lässt sich also folgendes sagen:
Das Universitätssystem in Frankreich war durch eine bürokratisch geregelte zentralistische Organsisation und Kontrolle geprägt. Durch das Auseinanderreissen der Teildisziplinen wurden „philosophische Köpfe“, wie Schiller den erkennenwollenden Menschen nannte, entmutigt, nach Vollendung ihres Wissens zu streben. Weiterhin trugen das militärische Klima sowie die Ausrichtung auf die Berufsausbildung dazu bei, das eine Suche nach der Erkenntnis um der Erkenntnis selbst willen nicht begünstigt wurde.
Damit haben wir nun gezeigt, dass das preußische Universitätsmodell dem Forschungsdrang des Menschen am besten angepasst war.
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Die Idee der preußischen Universität um 1800
2.3.4.Folgerungen
Wir haben nun folgendes gezeigt (bzw. wir wissen folgendes):
An einer Universität wird in der Hauptsache Wissenschaft betrieben • Wissenschaft ist Forschung •
Die Idee der preußischen Universität gab der Forschung am meisten Raum. •
Daraus folgt nun der Erfolg der genannten Universitätsidee: Logischerweise setzt sich die Idee einer Institution am ehesten durch, die den in ihr betriebenen Inhalten am meisten Rechnung trägt.
3.Zusammenfassung / Ausblick
Ich denke, es ist im vorangegangenen Kapitel klar geworden, dass sich die Universität ihre neue Idee gab, weil sie mit dem Rücken zur Wand stand und sogar ihre Abschaffung ernsthaft erwogen wurde. (Es sollte erwähnt werden, dass sie an Zustandekommen dieses Zustandes selber kräftig mitgewirkt hat). Auch ist klar geworden, dass diese Idee eigentlich genau dem Gegenteil dessen entsprach, was der Politik als Wunsch vorschwebte. Auch die soziale Seite der Idee entsprach bei weitem nicht dem, was sonst im Staate Preußen als normal galt. Das diese Idee es aber trotzdem geschafft hat, sich nicht nur in Deutschland durchzusetzen, sonder international Erfolg zu haben, lag daran, dass man sich in einer Krisenzeit darauf besonnen hat, was denn das Wesen und der Kern einer Universität ist und darauf aufbauend ein Konzept entwickelt hat, dass diesem Kern der Institution Gestalt verleiht.
Vergleicht man nun die prekäre Lage, in der sich die Universität damals befand, mit der heutigen Situation der Hochschulen, so wird man viele Gemeinsamkeiten entdecken können:
Auch heute ist von der Massenuniversität die Rede, die den in ihr tätigen Professoren aufgrund der hohen Lehrverpflichtungen kaum Zeit für ihre Forschungstätigkeiten lasse und in der die meisten Studenten unmotiviert und unfähig seien. Natürlich ist die Mittelknappheit in den Zeiten überschuldeter öffentlicher Haushalte (gerade im Bundesland Bremen) stets gegenwärtig.
Weiterhin geht die aktuelle Tendenz dahin, das Universitätsstudium zu verschulen (siehe Einführung des Bachelor-/Mastersystems). Diese Tendenz kommt auch in den Hochschulplänen der „Aufklärung“ vor.
Auch die aktuelle Forderung, dass die Universität sich flexibel und schnell an den Problemen orientieren müsse, die gerade für die Gesellschaft oder, noch wesentlich wichtiger, für die Wirtschaft, von Nutzen seien, erinnert doch sehr stark an die um 1800 herrschenden Verhältnisse.
Diese teilweise Kongruenz der aktuell herrschenden Verhältnisse mit den um 1800 herrschenden Verhältnissen ist es nun, die die von mir im Kapitel 1.1.1 geäußerte Meinung stützt, die Humboldtsche Universitätsidee sei aktueller, als allgemein gemeint wird: Sie ist es, weil...
...erstens anhand ihrer Entstehung deutlich wird, dass sich eine (wissenschaftliche) Institution gerade in Krisenzeiten darüber zur Besinnung kommen sollte, was denn ihr Kern und Wesen ist.
...sie zweitens deutlich macht, das in dieser Besinnung die Wünsche der Politik oder das, was von der Gesellschaft oder der Wirtschaft als en vogue vorgegeben wird, keine Rolle spielen dürfen.
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Die Idee der preußischen Universität um 1800
Ich möchte nun noch ausgangs zwei Fragen in den Raum stellen, über die sich der geneigte Leser seine Gedanken machen möchte: Ist der Optimismus, mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts ans Werk •
gegangen wurde (Frei nach dem Motto: „Wenn man der geistigen Tätigkeit, der Vernunft nur freien Raum lässt, wird die Wissenschaft ihren wohltätigen Segen über das Land ergießen“) noch gerechtfertigt? (Man denke an die von der Wissenschaft mitentwickelten Atombomben)
Ist das Konzept der Universität als eine Stätte der Selbstbildung nicht etwas •
naiv? Schließlich sind die Studenten, die um des Erkennen willens studieren in der Minderheit.
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Arbeit zitieren:
Volker Irmler, 2006, Die Idee der preussischen Universität um 1800, München, GRIN Verlag GmbH
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