Bedanken möchte ich mich bei der Mitarbeiterin des Archivs der deutschen Jugendbewegung (Burg Ludwigstein, Kassel) für die Hilfestellungen bei den Recherchearbeiten im Archiv und bei den Mitarbeitern der Bundesgeschäftsstellen der Pfadfinderverbände für ihre Literaturempfehlungen.
Aschaffenburg, den 15. Oktober 2001 Erik Böttcher
Über den Autor:
Erik Böttcher (geboren 1979) ist seit 1997 Pfadfinder im Stamm Bärentöter Aschaffenburg des Pfadfinderbundes Weltenbummler, einem
interkonfessionellen Pfadfinderbund im Deutschen Pfadfinderverband (DPV).
Über dieses Werk:
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Adresse des Autors:
Erik Böttcher, Haselmühlweg 7, 63741 Aschaffenburg
eMail: erik@pfadfinder-aschaffenburg.de
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Die Folgen der Machtergreifung für die interkonfessionellen
Pfadfinderb ünde in Deutschland
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel :
Einleitung 5
1.1. Hinführung zum Thema
1.2. Historische Entwicklung
2. Kapitel :
Reichsschaft Deutscher Pfadfinder 9
2.1. Charakteristik der Reichsschaft Deutscher Pfadfinder
2.2. Folgen der Machtergreifung für die Reichsschaft Deutscher Pfadfinder
3. Kapitel :
Pfadfinderb ünde im Großdeutschen Bund. 14
3.1. Charakteristik der Pfadfinderbünde im Großdeutschen Bund
3.2. Folgen der Machtergreifung für den Großdeutschen Bund
4. Kapitel :
Unterschiede Gemeinsamkeiten im Verhalten der Bünde. 19
5. Kapitel :
Ausblick : „Nachkriegsjahre“ 22
Anhang :
Literaturverzeichnis 24
Quellenangabe zum Titelblatt 26
Ehrenw örtliche Erklärung 27
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1. Kapitel : Einleitung
1.1. Hinführung zum Thema
Das neunzigjährige Bestehen der Pfadfinderbewegung 1 in Deutschland sowie das hundertjährige Bestehen der Wandervogelbewegung 2 im Jahre 2001 führt in zahlreichen Pfadfinder- und Wandervogelbünden zur Wiederentdeckung ihrer eigenen Geschichte. Zahlreiche Bünde veröffentlichen in ihren Bundeszeitschriften die geschichtliche Entwicklung der Wandervogel- und Pfadfinderbewegung. Auch auf mehreren größeren Lagern wird die Deutsche Pfadfindergeschichte in diesem Jahr durch Ausstellungen und Gesprächsrunden mit Altpfadfindern näher beleuchtet. Die Pfadfindergeschichte in den Jahren 1933 bis 1945 wird jedoch in den meisten Publikationen, die in diesem Jahr herausgegeben wurden, nur oberflächlich behandelt.
Diese Seminararbeit soll zeigen, dass die einzelnen Bünde, die zum Ende der Weimarer Republik aktiv waren, recht unterschiedlich auf die Machtergreifung reagierten und dass nach dem „allgemeinen Verbot der Bünde“ im Juni 1933 die Pfadfinderbewegung kein abruptes Ende fand.
Um dem Leser einen Überblick zu geben, stelle ich zunächst die historische Entwicklung von der Machtergreifung bis zur Gleichschaltung der Jugend im Dritten Reich vor.
Anschließend zeige ich - nach einer kurzen Charakterisierung der jeweiligen Bünde - im 2. bis 3. Kapitel - die Folgen der Machtergreifung für einige interkonfessionelle Pfadfinderbünde auf.
1 Die Pfadfinderbewegung ist eine freiwillige, nicht-politische Erziehungsbewegung für junge Leute, die
offen ist für alle ohne Unterschied von Herkunft, Rasse oder Glaubensbekenntnis. Die vom Gründer
der Pfadfinderbewegung Robert Baden Powell in seinem Buch „Scouting for Boys“
niedergeschriebenen Grundsätze und Methoden finden in der Pfadfinderbewegung Anwendung.
2 Der fahrende Schüler oder Scholar dient der Wandervogelbewegung als Leitbild. Die Wanderfahrt,
Volkslieder, Volkstanz und Laienspiel sind nicht nur Methoden der Wandervogelbewegung, sondern
auch ihr Zweck.
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Bei der Auswahl der Pfadfinderbünde beschränke ich mich auf drei große Pfadfinderbünde. Neben diesen drei Pfadfinderbünden gab es weitere interkonfessionelle Pfadfinderbünde, die jedoch zumeist geringere Mitgliederzahlen aufwiesen und auch für die weitere Geschichte der Deutschen Pfadfinderbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg nur eine geringe Rolle spielten. Eine Betrachtung der weiteren Pfadfinder- sowie der Pfadfinderinnenbünde würde den Umfang dieser Seminararbeit sprengen.
Die Reichsschaft Deutscher Pfadfinder (RDP) war ein Pfadfinderbund, der durch geschickte Verhandlungen das allgemeine Verbot der Bünde überlebte und zu einer Keimzelle der interkonfessionellen Pfadfinderei im Dritten Reich wurde. Nach dem Verbot der RDP ging ein Großteil der Gruppen in die Illegalität. Bemühungen der RDP-Bundesführung, die Pfadfinderei im Dritten Reich legal weiter zu betreiben, scheiterten.
Die interkonfessionellen Pfadfinderbünde Deutscher Pfadfinderbund (DPB) und die Deutsche Freischar, die sich dem Großdeutschen Bund anschlossen, bekannten sich im Gegensatz zu der RDP recht früh zum Nationalsozialismus und wurden am 17. Juni 1933 verboten. Ab diesem Zeitpunkt gingen die Gruppen dieser Bünde in die Illegalität oder in den Organisationen der NSDAP auf.
Im vierten Kapitel erkläre und beurteile ich das Verhalten der einzelnen Bünde sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verhalten der einzelnen Pfadfinderbünde.
Abschließend spanne ich im fünften Kapitel einen Bogen in die Nachkriegszeit und zeige auf, wie die Entwicklungen im Dritten Reich den Aufbau der Pfadfinderbewegung nach dem Krieg beeinflussten.
1.2. Historische Entwicklung
Die Wirtschaft des Deutschen Reiches wurde nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg durch Reparationen an die Siegermächte, den Verlust von Reichsgebiet und der Kolonien, Inflation und Arbeitslosigkeit geschwächt. Die
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junge Republik, für Deutschland eine bisher ungewohnte Regierungsform, hatte es sehr schwer, sich gegen die immer stärker aufkommenden radikalen Kräfte durchzusetzen, die in der Notzeit eine besonders gute Plattform für ihre politischen Agitationen fanden.
Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler als Führer der NSDAP (Nationalsozialistische Partei Deutschland) Reichskanzler des Deutschen Reiches. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand, am 28. Februar 1933, erließ der Reichspräsident unter Berufung auf Artikel 48, Absatz 2 der Reichsverfassung eine Verordnung zum „Schutz von Volk und Staat“ und zur „Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte“. Dies bedeutete eine Aufhebung des Rechts auf freie Meinungsäußerung, des Vereins- und Versammlungsrechts, der Pressefreiheit und des Postgeheimnisses. Mit der Bekanntgabe der Verordnung begann in Deutschland die Beseitigung des Pluralismus in Politik und Gesellschaft zu Gunsten der von der NSDAP geführten und ausgerichteten Volksgemeinschaft. Am 5. März 1933 erhielt die NSDAP im Bündnis mit der DNVP 52 Prozent der Stimmen. 3
Im Jugendbereich begann die Gleichschaltung am 5. April 1933 durch die Besetzung des Reichsausschusses der Jugendverbände. Die Hitlerjugend (HJ) erhielt ausführliche Materialien über die einzelnen Jugendverbände, die eine Gesamtmitgliederstärke von rund 5 bis 6 Millionen Jugendlichen hatten. Neben dem Reichsausschuss der Jugendverbände wurden weitere wichtige überverbandliche Organisationen (Deutsches Jugendherbergswerk,
Mittelstelle Deutscher Jugend in Europa) durch die HJ besetzt. Wenige Tage nach der Besetzung des Reichausschusses wurden alle jüdischen und marxistischen Jugendorganisationen aufgelöst. Politische
Jugendorganisationen wurden durch die Ausschaltung der jeweiligen Erwachsenenorganisation verboten. 4
Das nächste Ziel der Hitlerjugend war es, konfessionelle Jugendverbände sowie Verbände der bündischen und freien Jugendbewegung, (zu denen
3 s. Thamer Hans-Ulrich: „Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft“,
in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 251, S. 29ff.
4 s. Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich, S. 20f.
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man die interkonfessionellen Pfadfinder dieser Zeit zählen kann) aufzulösen und in die Hitlerjugend einzugliedern. Da der Handlungsspielraum Baldur von Schirachs als Vorsitzender des Reichsausschusses zu gering war, berief Adolf Hitler ihn am 17. Juni 1933 zum „Jugendführer des Deutschen Reiches“. Als Jugendführer des Deutschen Reiches löste er sofort den Reichsausschuss der Jugendverbände und den Großdeutschen Bund auf. Neugründungen von Jugendverbänden bedurften von da an der Genehmigung Schirachs. Ab diesem Zeitpunkt waren bis auf die Reichsschaft Deutscher Pfadfinder alle interkonfessionellen Pfadfinderbünde verboten. 5
Ende 1933 wurden durch ein Abkommen zwischen von Schirach und dem Reichsbischof Müller alle Angehörigen des evangelischen Jugendwerkes unter 18 Jahren in die HJ eingegliedert. Im März 1934 mussten endgültig alle Mitglieder der Christlichen Pfadfinderschaft unter 18 Jahren in die HJ eingegliedert werden. 6 Eine analoge Regelung für die katholische Jugend konnte von Schirach aufgrund des starken Einflusses des Vatikans zunächst nicht durchsetzen. In den Jahren 1934 - 1935 hat das NS-Regime die Arbeit der katholischen Jugend, insbesondere der katholischen Pfadfinder, stark eingeschränkt. Am 1.12.1936 wurde im Gesetz über die Hitlerjugend festgelegt, dass die gesamte deutsche Jugend in der Hitlerjugend zusammengefasst werden muss und dass als Erziehungsträger im Reich das Elternhaus, die Schule und die Hitlerjugend gelten. 7 Der katholische Pfadfinderbund, die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg, wurde im Februar 1938 aufgelöst und verboten. 8
5 s. Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich, S. 21 ff.
6 s. Pointner, Alfred: Streifzug durch die Geschichte der Christlichen Pfadfinder, in: Scouting 2/96,
S.21.
7 s. Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich, S. 24ff.
8 s. DPSG-Bundesführung [Hrsg.]: Georgspfadfinder in Deutschland, S. 13.
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2. Reichsschaft Deutscher Pfadfinder
2.1 Charakteristik der Reichsschaft Deutscher Pfadfinder (RDP)
Am 31. Dezember 1932 vereinigten sich auf dem Eckardskopf bei Oberhof der Bund der Reichspfadfinder, der Deutsche Späherbund, der Neudeutsche Pfadfinderbund, der Bayrische Pfadfinderring München, der DPB St. Georgsring, der Bund der Neupfadfinder, die Kreuzpfadfinder, Württembergische Gruppen des Kolonial-Jugendkorps sowie größere bündische Gruppen Niedersachsens zur „Reichsschaft Deutscher Pfadfinder“ (RDP).
Die meisten Gruppen hatte der Bund in Westfalen, im Rheinland, in Bayern, Oberschlesien und Norddeutschland. Die RDP war kein reiner Pfadfinderbund, der alleine nach den Prinzipien des Gründers der Pfadfinderbewegung, Lord Robert Baden Powell, arbeitete, sondern ein Pfadfinderbund, der von der Jugendbewegung beeinflusst war. Dies zeigt sich in der Bejahung des „obersten bündischen Gesetz[es], dem [des] Gesetz[es] von Führertum und Gefolgschaftstreue“ und der Hervorhebung des Bundes als „ Gestalt volklichen Daseins“. 9
„Ein jugendpolitisches Charakteristikum der Reichspfadfinder war ihr energisches Eintreten für Kontakte zum internationalen Pfadfindertum, ja für den baldigstmöglichen Eintritt in das I.B. [Internationale Büro]“ , so Seidelmann. 10
2.2 Die Folgen der Machtergreifung für die RDP
Die RDP reagierte auf die Machtergreifung zunächst mit dem Anschluss an den Großdeutschen Bund am 2. April 1933. Nachdem der Großdeutsche Bund ein Bekenntnis zu Hitler ablegte, stellte die RDP für sich fest, dass der Bund als Pfadfindergemeinschaft im Großdeutschen Bund nicht weiter
9 s. Unbekannt: „Reichsschaft Deutscher Pfadfinder“, in: Speerwacht, Februar 1933, S. 22.
10 s. Seidelmann, Karl: Pfadfinder in der deutschen Jugendgeschichte, S. 89.
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existieren würde und schied daher aus diesem aus. 11 Am 1.5.1933 wurdennach ihrem Antrag auf Mitgliedschaft - die Mitglieder der RDP-Bundesführung, Dr. Rudolf Jürgens (rulf) und Walther Jansen (michael) in die NSDAP aufgenommen. „Mündlich“, so Umba, „war im Bund die Parole ausgegeben worden: Alle in die Partei, damit wir [der Bund] erhalten bleiben.“ 12
Zum ersten Bundeslager der RDP kamen die Gruppen des Bundes, Pfingsten 1933, auf der ‘Kartause’ bei Koblenz zusammen. Im Gegensatz zu dem Bundeslager des Großdeutschen Bundes, welches zur selben Zeit in der Lüneburger Heide stattfand, wurde das Lager nicht durch die Staatsgewalt aufgelöst. 13
Nachdem Baldur von Schirach am 17. Juni 1933 den Großdeutschen Bund aufgelöst hatte, wurden RDP-Gruppen in zahlreichen Städten verboten und ihre Heime durchsucht. Dr. Eberhard Plewe (Ebbo), der nach dem Verbot des Deutschen Pfadfinderbundes (einem Mitgliedsbund des Großdeutschen Bundes) in die RDP wechselte, gelang es zur Legitimation weiterer Aktivitäten, eine Bescheinigung über die Nichtauflösung der RDP von der Reichsjugendführung zu bekommen. Obwohl gegen eine Ungarnfahrt der RDP im August 1933 auf Seiten der Reichsjugendführung keine Bedenken bestanden, war die Beteiligung am Jamboree 14 , einem internationalen Pfadfindertreffen, dass in Gödölö (Ungarn) stattfand, unerwünscht. Ungeachtet des Verbotes folgten 50 Jungen der Einladung des ungarischen Pfadfinderbundes zum Jamboree nach Gödölö. In „Zivil“ konnten die Jungen nicht als Pfadfinder erkannt werden und erreichten so unerkannt die tschechoslowakische Grenze bei Tetschen (Elbe), von wo sie in Pfadfinderkluft 15 zum Jamboee weiter reisten. Rulle, Bundesführer der RDP, traf unfreiwillig in Budapest den Stabschef der Hitlerjugend Nabersberg, der
11 s. Diener, W. Jürgen: „Die Suche nach Einigkeit und Einheit“, in: Puls, Ausgabe 16 - August 1988,
S. 11.
12 s. Diener, W. Jürgen: „Die Pfadfinder inder [...] sowie die bündische Spät- und Verbotszeit“, in:
Bundesseminar Geschichte, S. 26.
13 s. Kössling, Heinz: Reichsschaft Deutscher Pfadfinder, in: Puls 12, S. 5.
14 Unter dem Begriff „Jamboree“ versteht man das alle 4 Jahre stattfindende Treffen von Pfadfindern
aus aller Welt.
15 Unter dem Begriff „Pfadfinderkluft“ versteht man die spezielle Bekleidung eines Pfadfinders.
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ihm mitteilte, dass die Fahrt ab sofort verboten sei. Zum Schein schloss Rulle den Fahrtenleiter, Hajo Klopp, aus dem Bund aus. Wenige Tage später erklärte Nabersberg gegenüber Rulle, dass er die Rolle des Auslandsfeldmeister der RDP übernehmen wolle, falls die Partei die RDP nicht verbieten würde. Da die RDP das Jamboree trotz Verbotes besuchte, stellte Nabersberg beim Untersuchungs- und Schlichtungsausschuss der Reichsleitung der NSDAP in München (Uschla RL) einen Ausschlussantrag gegen Rulle und Hajo Klopp. Dieser Antrag wurde aber vom obersten Parteirichter Walter Buch, aufgrund des Fehlens eines schriftlichen Verbotes der Ungarn-Fahrt, abgelehnt. Als Konsequenz der Probleme mit Nabersberg legte Rulle sein Amt als Bundesführer des mittlerweile 4000 Mitglieder starken Pfadfinderbundes nieder. Am 19. Februar 1934 erklärte Baldur von Schirach gegenüber Walther Jansen, dem neuen Bundesführer der RDP, dass Eberhard Plewe als Leiter des Auslandsamtes abgesetzt sei und nun Stabschef Nabersberg an diese Stelle treten solle. 16
Die Hitlerjugend erhoffte sich über die RDP Auslandsbeziehungen, unter anderem zum Internationalen Büro der Pfadfinder, zu bekommen. 17 Eberhard Plewe informierte sofort alle befreundeten Pfadfinderbünde, dass der HJ-Stabschef nun das Auslandsamt übernommen hatte. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass Nabersberg in London das Internationale Pfadfinderbüro besuchte. Das Internationale Büro lehnte jedoch die Vorschläge einer Zusammenarbeit mit der Hitlerjugend ab. Auch in Frankreich konnte er keinen Kontakt zur französischen Pfadfinderorganisation „Scout de France“ knüpfen. 18
Die Mitgliederexplosion innerhalb der RDP fiel der Reichsjugendführung negativ auf. Zahlreiche Gruppen, die durch die Auflösung des Großdeutschen Bundes in die Illegalität gehen mussten, schlossen sich der legal operierenden RDP an. Aus diesen Gründen wurde am 26. Mai 1934 ein Verbot der RDP durch das ‘Geheime Staatspolizeiamt’ durchgesetzt. Das
16 s. Diener W. Jürgen: „Die Pfadfinder in der [...] sowie die bündische Spät- und Verbotszeit“, in:
Bundesseminar Geschichte, S. 26f.
17 s. Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich, S. 24.
18 s. Diener W. Jürgen: „Die Suche nach Einigkeit und Einheit“ in: Puls 16, S. 18.
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′Geheime Staatspolizeiamt′ begründete das Verbot damit, dass die RDP eine
Gefährdung der öffentlichen Ruhe und staatlichen Ordnung sei. Trotz des Verbotes, so Kössling, wurden weiterhin Fahrten und Heimabende - nun illegal - durchgeführt. „Man traf sich in verschwiegenen Kellern, in Gartenlauben oder [an] geheimen Stellen des Waldes zu ′illegalen′ Zusammenkünften. Die ′Große Fahrt′ führte nun unter heimlicher oder
gefährlicher Grenzlandüberschreitung nur noch in das Ausland.“ erklärt Kössling. 19 Politisch oder ‘rassisch’ Verfolgte wurden von Karl Wappen, einem führenden Mitglied der RDP an der deutschen Grenze bis zum Kriegsbeginn an holländische oder belgische Pfadfinder übergeben. 20
Auf oberster Führungsebene kämpfte die Bundesführung gegen das Verbot. In mehreren Unterredungen versuchte sie eine Wiederzulassung bei verschiedenen Ministerien zu erwirken. Nach langen Verhandlungen entstand im Herbst 1935 ein Kompromisspapier über die Zulassung eines Deutschen Pfadfinderkorps, nachdem die Gruppen des RDP in einem ‘Deutschen Pfadfinderkorps’ wieder zugelassen werden sollten. Die Wiederzulassung war an den Bedingungen geknüpft in die Bundesleitung des Deutschen Pfadfinderkorps einen vom Reichsjugendführer zu benennenden Vertreter zu entsenden und dem Reichsjugendführer die Ehrenführerschaft des Deutschen Pfadfinderkorps zu übertragen. Innerhalb der Bundesführung sprach sich Walther Jansen bejahend über eine Wiedergründung der RDP als ‘Deutsches Pfadfinderkorps’ aus. Dr. Eberhard Plewe (Ebbo) forderte jedoch, dass das ‘Deutsche Pfadfinderkorps’ nicht dem Reichsjugendministerium, sondern einem anderen Ministerium unterstellt wird. Von Schirach ging jedoch auf diese Forderung nicht ein. 21
Die Gruppen arbeiteten auch nach dem Verbot illegal weiter. Dies belegen Briefe, Namenslisten und Berichte über Auslandsfahrten der RDP, die nach dem Anschluss Österreichs von der Gestapo im Büro des Österreichischen Pfadfinderbundes gefunden wurden. Die gesamte Führungselite der RDP, u. a. Walther Jansen (michael), Dr. Eberhard Plewe (ebbo), Dr. Alexander Lion
19
s. Kössling, Heinz: „Reichsschaft Deutscher Pfadfinder“, in:
Puls 12,
S. 12.
20 s. Malzacher, Florian: Jugendbewegung für Anfänger, S. 132.
21 s. Diener, W. Jürgen: „Die Suche nach Einigkeit und Einheit“, in: Puls 16, S. 20 ff.
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(ali), Erich Pfeil und Heinz Kössling (heino) wurden daraufhin im Hauptsitz der Gestapo in Berlin festgehalten. Der ehemalige Bundesführer Dr. Rudolf Jürgens (rulff) floh in die Schweiz.
Mit der Verhaftung der Führungselite der RDP, der Einführung der Jugenddienstordnung der Reichsregierung im März 1939 und dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wurde die Untergrundtätigkeit weiter erschwert. Von diesem Zeitpunkt an liegen mir keine Unterlagen über eine weitere bundesweit angelegte illegal betriebene Pfadfinderarbeit vor.
Wieder freigelassen, findet Walther Jansen Anschluss an
Widerstandsgruppen im Auswärtigen Amt. Nach dem Attentat auf Hitler internierte man ihn zusammen mit Ebbo Plewe in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Beide wurden von alliierten Truppen befreit. 22
22 s. Kössling, Heinz: „Reichschaft Deutscher Pfadfinder“, in: Puls 12, S. 12ff.
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3. Pfadfinderbünde im Großdeutschen Bund
3.1. Charakteristik der Pfadfinderbünde im Großdeutschen Bund
Der nach Hitlers Machtergreifung initiierte Großdeutsche Bund beherbergte neben Jugendbünden, die der Bündischen Jugend bzw. der Wandervogelbewegung zuzuordnen sind, verschiedene interkonfessionelle Pfadfinderbünde, wie die Deutsche Freischar und der Deutsche Pfadfinderbund.
Deutscher Pfadfinderbund
Der Deutsche Pfadfinderbund ist Deutschlands älteste Pfadfinder-organisation. Sie wurde am 18. Januar 1911 durch Maximilian Bayer gegründet. In der Zeit bis zum 1. Weltkrieg war der Deutsche Pfadfinderbund eine rein scoutistische Jugendorganisation nach den Prinzipien des Gründers Robert Baden Powells. Seit dem 1. Deutschen Pfadfindertag auf Schloss Prunn im Jahre 1919 konnte sich der Deutsche Pfadfinderbund Elemente des Wandervogels nicht mehr entziehen. Bezeichnend für den DPB war der Naumburger Beschluss von 1920, nach dem der DPB solange nicht mit Pfadfinderorganisationen feindlicher Länder (und damit auch dem Internationalen Büro) zusammenarbeiten würde, bis alle ausländischen Soldaten von deutschem Boden abziehen würden. 23
Deutsche Freischar
Die Deutsche Freischar ist ein Zusammenschluss verschiedener Einzelbünde, die sich zunächst im Jahre 1926 zum Bund der Wandervögel und Pfadfinder zusammenschlossen und sich dann im Jahr 1927 in die ‘Deutsche Freischar’ umbenannten. Gründungsbünde waren der ‘Großdeutsche Pfadfinderbund’, ‘Altwandervogel’, ‘Wandervogel e.V.’, ‘Reichstand’, ‘Gefolgschaft Deutscher Wandervögel’ und die
Sudetendeutsche Jungenschaft. Als größter Bund der Bündischen Jugend,
23 s. Seidelmann, Karl: Pfadfinder in der dt. Jugendgeschichte, S. 68ff.
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hatte die Freischar eine große Wirkung auf alle Bünde. Ihre volkspädagogische Arbeit (Mitarbeit an Volkshochschulen) und ihr Schrifttum trugen dazu bei. 24 Die Gruppen des Bundes wurden in drei Altersgruppen eingeteilt, um so einem ‘Lebensbund’ 25 näher zu kommen. Stämme 26 gehörten der ‘Jungenschaft’ an, während ältere Jugendliche, die ihren Gruppen entwachsen waren, Mitglieder der ‘Jungmannschaft’ wurden. Erwachsene wurden Mitglieder der ‘Mannschaft’. 27
3.2. Folgen der Machtergreifung für die Pfadfinderbünde im GdB
Am 8. März 1933, drei Tage nach dem Wahlsieg der NSDAP, schrieben fünf führende Mitglieder der Deutschen Freischar einen offenen Brief, der auch im Völkischen Beobachter abgedruckt wurde. Sie erklärten in dem Schreiben „überzeugt von der Bedeutung der nationalsozialistischen Bewegung“ 28 den Eintritt in die NSDAP. Die Deutsche Freischar sei mit ihrer Grenz- und Auslandsarbeit schon immer „im gleichen Schritt mit der NS-Bewegung“ 29 gegangen. In einem Anschreiben an die Bundesmitglieder, teilte die Bundesführung mit, dass eine Einordnung in das nationalsozialistische System jedoch nicht bedeutet, dass „wir den Bund als feste Gliederung der NSDAP zuführen wollen: Wir erwarten vielmehr, daß [sic!] jeder einzelne sich selbstständig für die Bewegung zur Verfügung stellt“ . 30 Der Deutsche Pfadfinderbund erklärte in seiner Mitgliederzeitschrift, dass Pfadfinder nun in dem gewandelten Staat „ den[m] Volke im Staate dienen 31 “ müssten. Wichtig war dem DPB aber auch, dass HJ und Pfadfinder getrennte Aufgaben haben sollten, „deren Lösung jedoch in beiden Fällen Deutschland dient. Eine Vereinheitlichung, wie sie das faschistische Italien versucht, bedeutet in unserem Volke Verarmung.“ 32
24 s. Fröher, Lothar: Der weite Weg - Die deutsche Jugendbewegung seit Ende des 19. Jahrhunderts,
S. 74ff.
25 Unter einem Lebensbund versteht man die Mitgliedschaft in einem Bund, die über die Zeit als
Jugendlicher und junger Erwachsener hinausgeht und erst mit dem Tod endet.
26 Unter dem Begriff „Stamm“ versteht man eine Ortsgruppe eines Pfadfinderbundes.
27 s. Malzacher, Florian : Jugendbewegung für Anfänger, S. 93.
28 s. Hellfeld, Matthias: Bündische Jugend und Hitlerjugend, S. 80.
29 ebd.
30 ebd.
31 zitiert nach Unbekannt: Hitlerjugend marschiert, in: Speerwacht Heft 5 - April 1933.
32 ebd.
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Die Pfadfinderbünde, die später Mitglieder des Großdeutschen Bundes wurden, suchten nach einer Möglichkeit, der Gleichschaltung wirksam entgegenzutreten. Auf Ortsebene wurden Pfadfindergruppen bereits von Hitlerjugendgruppen, sowohl verbal, als auch körperlich angegriffen. Vom 28. bis 29. März 1933 vereinbarten die Bundesführer der beteiligten Bünde die Bündigung der ‘Freischar junger Nation’, des ‘Jungsturms’, der ‘Reichsschaft Deutscher Pfadfinder’, der ‘Deutschen Freischar’, der ‘Geusen’, des ‘Deutschen Pfadfinderbundes, dem ‘Deutschen Pfadfindercorps’ und der ‘Freischar evangelischer Pfadfinder’ zum Großdeutschen Bund (GdB). Verbindungen bestanden auch zur ‘Großdeutschen Gildenschaft’, der ‘Deutsch-Akademischen Gildenschaft’, des ‘Großdeutschen Gildenrings’, des ‘Ringes Akademischer Freischaren’ und einiger bündischen Studentenvertretungen.
Durch den Zusammenschluss mehrerer Einzelbünde sollte ein Gegengewicht zur Hitlerjugend geschaffen werden, ohne dabei die Politik des Nationalsozialismus in Frage zu stellen. Zum ‘Bundesführer auf Lebenszeit’ wählte man Admiral von Trotha. Der GdB trat dem ‘Kampfbund für deutsche Kultur’ bei. 33 „Durch die kooperative Aufnahme des GdB in den Kampfbund ist die seit 1918 geleitete Aufgabe der Bünde in aller Form als im Sinne der Nationalsozalistischen Bewegung gesehen anerkannt“ , beschrieb Helmut Kittel in der Bundeszeitung der Deutschen Freischar. 34 Nachdem am 15.4.1933 das Bundeskapital des GdB zum ersten Mal zusammentrat, bekannte man sich in einer gemeinsamen Erklärung zu Adolf Hitler und zu seinem Kampf für den Aufbau Deutschlands. Der Wille des GdB sei es, die bündischen Kräfte in die nationalsozialstische Bewegung einzuordnen. 35 „ Die Reichsschaft Deutscher Pfadfinder (RDP) schied [...] aus dem Großdeutschen Bund wieder aus, da Zielsetzung, Aufgabenstellung und Wesenserklärung der RDP diesen Schritt bedingen mußten.“ , erklärte Heinz Kössling. 36 Baldur von Schirach sah nicht ein, warum die Gruppen des Großdeutschen Bundes weiterhin ihr Eigenleben führen sollten, da sich die
33 s. Hellfeld, Matthias: Bündische Jugend und Hitlerjugend, S. 90.
34 s. Kittel, Helmut: „Der GdB im Nationals. Kampfbund für Deutsche Kultur“, in: Zeitung 28. April 1933.
35 s. Hellfeld, Matthias: Bündische Jugend und Hitlerjugend, S. 92.
36 zitiert nach Kössling, Heinz : „Reichsschaft Deutscher Pfadfinder“, in: Puls 12, S. 4.
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Führer des Großdeutschen Bundes zum Nationalsozialismus öffentlich bekannt hatten. Weltanschaulich, so Schirach, wären die Gruppen im Großdeutschen Bund, ebenso nationalsozialistisch eingestellt, wie die Hitlerjugend. 37 Am 3. Mai 1933 kündigte die Bundesführung der Deutschen Freischar eine Anordnung, dass bei allen öffentlichen Auftritten vor den Fahnen und Wimpeln der Freischar die Hakenkreuzfahne geführt werden müsste. 38
Zu Pfingsten trafen sich auf dem Truppenübungsplatz Munsterlager in der Lüneburger Heide die Gruppen des Großdeutschen Bundes zu ihrem ersten Bundeslager. Sieben- bis zehntausend Kinder und Jugendliche nahmen an diesem Lager teil. Einige Mitglieder waren bereits in Braunhemd, Reithosen und -stiefeln angereist, was zur Verunsicherung anderer Lagerteilnehmer führte. Andere Mitglieder zeigten ihre Abneigung gegenüber Schirach durch das Verbrennen von Strohmännern und das Aufhängen einer Kleiderpuppe am Fahnenmast des Lagers, die ihm ähnlich sahen. 39 Am Abend des. 4 Juni 1933 wurde der Bundestag des GdB über den zuständigen Landrat durch Baldur von Schirach polizeilich aufgelöst. Als Grund wurde eine Bedrohung der SA und SS durch die Jungen und Mädchen auf dem Bundeslager angegeben. Karl Seidelmann sieht in der Auflösung des Munsterlagers weder ein „Heldenlied noch eine Kapitulation: Es war der letzte Akt der Selbstbehauptung der Bünde, voller Ahnung, daß [sic!] die Freiheit verloren war.“ 40
Einige Wochen später hieß es in einer Pressemitteilung, dass der Grund für die Auflösung des Bundestages „in dem Widerstreben der Führerschaft des Großdeutschen Bundes gegen die bedingungslose Eingliederung der Bündischen Jugend in die Hitlerjugend zu suchen ist.“ 41 Baldur von Schirach wurde am 17. Juni 1933 zum Jugendführer des Deutschen Reiches benannt. Damit unterstand ihm die gesamte Jugendarbeit in Deutschland, er hatte
37 s. Schirach, Baldur: Ich glaubte an Hitler, S. 191.
38 s. Kittel, Helmut: „Anordnungen“, in: Zeitung 3. Jahrgang Nr. 7 - 3. Mai 1933, S. 2
39 s. Seidelmann, Karl : Abschied von der Freiheit, in: Puls 10, S. 5.
40 s. Gruber, Heinz: „50 Jahre Munsterlager [...]“, in: Puls 10, S. 3
41 s. Hellfeld, von Matthias : Bündische Jugend und Hitlerjugend, S. 95.
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über die Zulässigkeit der Jugendorganisationen zu entscheiden, Neugründungen bedurften seiner Genehmigung. Direkt am Tag seiner Ernennung erfolgte das Verbot des GdB. Dieser wird mit all seinen Unter-und Teilorganisationen aufgelöst. 42 Am 28. Juni 1933 befahl Admiral von Trotha in einem Schreiben an alle Gruppen sich in die Formationen der Hitlerjugend einzugliedern und erklärte, dass der Reichskanzler den Befehl des Jugendführers nicht widerrief. Die Entscheidung des Kanzlers, so Trotha, sei für den GdB und seine Gruppen bindend. 43 Schirach beschrieb, dass Trotha ihm wegen seines „Handstreichs“ ein Jahr lang gegrollt hatte. Nach der Versöhnung wurde Trotha Ehren-Führer der Marine-Hitler-Jugend. 44
Da mit der Auflösung des GdB keine Publikationen mehr erschienen, fehlen Hinweise auf den Verbleib der Mitglieder. Es liegen mir keine Quellen vor, ob interkonfessionelle Pfadfinderbünde des GdB geschlossen in die Illegalität, in die zu diesem Zeitpunkt legal arbeitenden Bünde (RDP bzw. konfessionell gebundene Pfadfinderbünde) oder in die Hitlerjugend gingen. Auf Orts-, bzw. Regionsebene entschieden die jeweiligen Verantwortlichen für sich und ihre Gruppe, welchen Weg sie gingen. Das im Jahre 1926 von der Deutschen Freischar gegründete Boberhaus, ein Volkshochschulheim, konnte noch durch „Anpassung“ und „Stillhalten“ bis 1936 bestehen. 45 Gruppen, die geschlossen in die HJ gingen, konnten Elemente der Jugendbewegung und der Pfadfinderei, wie Großfahrten in andere Länder und das Singen bündischer Lieder, in ihre Arbeit einfließen lassen. Im Herbst 1934 gab es erste ‘Säuberungsaktionen’ in der HJ, da viele ehemalige Pfadfinderführer der HJ-Führung untragbar erschienen, weil sie in den ihnen anvertrauten Gruppen ein elitäres bündisch-pfadfinderisches Eigenleben entwickelten, was mit dem HJ-Anspruch als Volksjugend kollidierte. 46
42
s. Hellfeld, von Matthias :
Bündische Jugend und Hitlerjugend,
S. 95.
43 s. Gruber Heinz : „Bleibt die Dokumentation der Jugendbewegung unvollendet?“, in: Puls 8 - S. 5.
44 s. Schirach, Baldur von: Ich glaubte an Hitler, S. 191.
45 s. Malzacher, Florian: Jugendbewegung für Anfänger, S. 93f.
46 s. Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich, S. 125f.
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4. Unterschiede & Gemeinsamkeiten
im Verhalten der Bünde
Um das Verhalten der Pfadfinderbünde beurteilen zu können, ist vorweg zu nehmen, dass am 23. März 1933 fast sämtliche Parteien dem sogenannten Ermächtigungsgesetz einhellig zustimmten. Die interkonfessionellen Pfadfinder waren daher - gesellschaftspolitisch betrachtet - ein relativ unbedeutender Faktor der Zustimmung zum Nationalsozialismus.
Die Pfadfinderbünde hatten nach der Machtergreifung Hitlers drei Möglichkeiten der Gleichschaltung entgegen zu treten. Sie konnten sich dem Nationalsozialismus unterwerfen, um vor allem die jüngeren Mitglieder nicht Gefahren von Untergrundkämpfen auszusetzen, was grundsätzlich einer veranwortungsbewussten Jugendleitung nicht zum Vorwurf gemacht werden darf.
Eine zweite Möglichkeit war der Widerstand in Form von einem getarnten Fortleben der Gruppen mit Lagern, Fahrten und Heimabenden im Untergrund. Dies wurde vor allem von den Gruppen der RDP betrieben. Die dritte Möglichkeit, eine Fortführung der bündisch geprägten Pfadfinderarbeit in den Organisationen der Hitlerjugend, wurde vor allem von den ehemaligen Gruppen des Großdeutschen Bundes favorisiert.
In ihrer Gesamtheit waren alle in dieser Seminararbeit untersuchten Pfadfinderbünde 1933 nicht aufgrund ideologischer Haltungen vom Nationalsozialismus abgeneigt. Es waren zumeist „Unvereinbarkeiten in der Lebenswelt, die bündische Jugendgruppen in den Gegensatz zum nationalsozialistischen Staat brachten.“ 47 Der Anstoß für einen Widerstandswillen der Pfadfinderbünde gegen das Regime ist daher zunächst in dem Totalitätsanspruch der HJ zu suchen und nicht in der ideologischen und politischen Haltung der NSDAP. Erst nach dem Verbot der Bünde waren Pfadfinderführer, die in den Widerstand gingen, ablehnend gegenüber der ideologischen Haltung der Partei eingestelllt.
47 s. Klönne, Arno: „Nicht die Worte waren entscheidend [...]“, in: Gegen den Strom , S. 11.
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An dieser Stelle sei aber auch auf die Schwierigkeiten einer Beurteilung der Bünde hingewiesen. Denn trotz geschlossenen Auftretens als ein Bund, darf nicht übersehen werden, dass die jeweiligen Bünde ein Konglomerat meist unterschiedlicher Anschauungen und Führungspersönlichkeiten waren.
Bei der Untersuchung der Pfadfinderbünde ist zu festzuhalten, dass der Wille zur Integration in den Reihen der NS-Bewegung in den Pfadfinderbünden, die sich dem Großdeutschen Bund angeschlossen hatten, sichtbar stärker war, als zur Aufrechterhaltung von Autonomie und Eigenverantwortlichkeit. Dieses Verhalten ist bei der Deutschen Freischar besonders auffällig. Es stellt sich die Frage, warum die Bundesführung der Deutschen Freischar bereits 3 Tage nach dem Wahlsieg der NSDAP ihren Eintritt in die Partei öffentlich beantragte. Bei einer näheren Betrachtung der Bundesgeschichte der Deutschen Freischar, erkennt man einen Einschnitt durch den Tod des Bundesführes Ernst Buske am 27. Februar 1930. Da Buske nie eine andere Person neben sich als Führer geduldet hatte, kommt Tusk zu dem Schlussgedanken, dass nach dem Tod Buskes die Deutsche Freischar ein „ steuerloses Schiff“ war. 48 Die neue Freischar-Bundesführung konnte, wenn man den Gedanken Tusks aufgreift, nicht mit einer breiten Zustimmung aller Freischar-Mitglieder bei einem Kampf gegen das Verbot der Freischar kämpfen. Hellfeld kommt zu der Auffassung, dass durch den Tod Buskes das „vorhandene Gleichgewicht zwischen national-konservativen Orientierungen und freideutschen, liberal-demokratischen Überzeugungen nicht mehr bestand.“ 49 Anzumerken bleibt, dass die „Deutsche Freischar“ aufgrund ihrer großen Erwachsenenorganisation (Jungmannschaft bzw. Mannschaft) der einzigste Pfadfinderbund war, der zu einem organisierten Widerstand hätte aufrufen können.
Im Gegensatz zu den Pfadfinderbünden DPB und Deutsche Freischar, war es der Reichsschaft Deutscher Pfadfinder enorm wichtig Autonomie und Eigenverantwortlichkeit aufrecht zu erhalten. Während die Pfadfinderbünde im Großdeutschen Bund rasch „ Schirachs Beispiel “ folgten und „ ausdrücklich
48 zitiert nach Malzacher, Florian: Jugendbewegung für Anfänger, S. 96.
49 s. Hellfeld, Matthias: Bündische Jugend und Hitlerjugend, S. 80.
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alle[n] Juden den Eintritt“ in ihre Reihen untersagten 50 , gehörten der RDP weiterhin jüdische Jungen - vor allem in den Leipziger, Offenbacher und Frankfurter Gruppen - an. 51 Der Widerstandswille der RDP gegen die Eingliederung in die HJ wurde nach dem Verbot des Großdeutschen Bundes stärker, da weitere Gruppen Mitglied der RDP wurden, die sich nicht gleichschalten lassen und einem legal operierenden Pfadfinderbund angehören möchten wollten.
50 s. Koch, W. Hannsjoachim: Geschichte der Hitlerjugend, S. 151.
51 s. Kössling, Heinz: „Reichsschaft Deutscher Pfadfinder“ in Puls 12, S. 4.
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5. Ausblick : „Nachkriegsjahre“
Als mit der Befreiung durch die Allierten das ´1000jährige Reich´ nach zwölf Jahren zusammenbrach, waren sämtliche Pfadfinderorganisationen nicht mehr vorhanden. „Die menschlichen Bindungen“, so Walther Jansen (michael), „ waren stärker als Haß und Verfolgung“. 52 Daher begannen recht schnell ehemalige Pfadfinder mit dem Neuaufbau von Pfadfinderbünden in Deutschland.
Die konfessionellen Pfadfinder hatten es leichter im noch jungen Deutschland Pfadfinderbünde aufzubauen. Dies lag zum einen an der „engen Bindung an die kirchlichen Organisationen und Einrichtungen“ . 53 Zum anderen an dem kürzeren Verbotszeitraum. Während die
interkonfessionellen Pfadfinder bereits seit elf (RDP), bzw. zwölf Jahren (Bünde des GdB) verboten waren, konnten die konfessionell gebundenen Pfadfinder der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) auf eine siebjährige Verbotszeit zurückblicken.
Die alten Führungen der Reichsschaft Deutscher Pfadfinder und des Deutschen Pfadfinderbundes begannen in Berlin den ‘Deutschen Pfadfinderbund’ zu gründen, der heute noch als bündisch geprägter Pfadfinderbund existiert.
Am 4. - 6. Mai 1948 wurde der ‘Bund freier Pfadfinder’ gegründet. Aus dem Bund bildete sich im Dezember gleichen Jahres der ‘Bund Deutscher Pfadfinder’, der zusammen mit den konfessionellen Partnern DPSG und CP in die ‘Internationale Pfadfinderkonferenz’ aufgenommen wurde. 54
Ehemalige Mitglieder der ‘Deutschen Freischar’ gründeten die Deutsche Freischar neu, die sich heute nicht mehr als bündischer Pfadfinderbund, sondern als eine reine bündische Vereinigung auf den Grundlagen der Deutschen Jugendbewegung versteht.
52 zitiert nach Jansen, Walther : Deutscher Pfadfinderspiegel, S. 45.
53 ebd., S. 45.
54 ebd., S. 45.
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Nicht in allen Besatzungszonen konnten Pfadfindergruppen gegründet werden. Was früher die Hitlerjugend war, wurde in der sowjetischen Besatzungszone die FDJ (Freie Deutsche Jugend); sie trugen blaue statt brauner Hemen und gliederten sich rasch unter Erich Honneckers energischer Führung in den Apparat der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, ein.
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Anhang: Literaturverzeichnis
a) Beiträge aus Zeitungen & Sammelwerken:
DIENER, W. JÜRGEN (UMBA): „Die Suche nach Einigkeit und Einheit“, in: Puls 16 - August 1988, Heidenheim (Südmarkverlag).
DIENER, W. JÜRGEN (UMBA): „Die Pfadfinder in der Erneuerungs-und
Sezessionsbewegung (1919 - 1929) sowie die bündische Spät- und Verbotszeit“,
in: Bundesseminar Geschichte 1998, Lich (Eigenverlag BdP).
GRUBER, HEINZ: „50 Jahre Munsterlager, 50 Jahre Verbot der bündischen Jugend“,
in: Puls 10 - Oktober 1983, Heidenheim (Südmarkverlag).
KITTEL, HELMUT: „Der Großdeutsche Bund im Nationalsozialistischen Kampfbund für ´Deutsche Kultur´.“, in: Zeitung - 3. Jahrgang Nr. 6 (28. April 1933), Deutsche Freischar [Hrsg.].
KITTEL, HELMUT: „Anordnungen“,
in: Zeitung - 3. Jahrgang Nr. 7 (3. Mai 1933), Deutsche Freischar [Hrsg.].
KLÖNNE, ARNO: „Nicht die Worte waren entscheidend - Bündisches Singen im ´Dritten Reich´“ ,
in: Gegen den Strom, Köln (Jungenschaft Schwarzer Adler) [Hrsg.], 1999.
KÖSSLING, HEINZ: „Reichsschaft Deutscher Pfadfinder“, in: Puls 12, Heidenheim (Südmark Verlag).
POINTNER, ALFRED: „Streifzug durch die Geschichte der Christlichen Pfadfinder“, in: Scouting 2/96, Baunach (Deutscher Spurbuchverlag).
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THAMER, HANS-ULRICH: „Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft“, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 251, Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung [Hrsg.]), 2000.
UNBEKANNT: „Hitlerjugend marschiert“,
in: Speerwacht - Heft 5 (April 1933), Leipzig (J.J. Weber).
UNBEKANNT: „Reichsschaft Deutscher Pfadfinder“, in: Speerwacht - Heft 3 (Februar 1933), Leipzig (J.J.Weber).
b) Bücher:
DPSG-B UNDESFÜRUNG [HRSG.]: Georgspfadfinder in Deutschland Düsseldorf (Georgs-Verlag), Oktober 1959.
FRÖHER, LOTHAR: Der weite Weg - Die deutsche Jugendbewegung seit Ende
des 19. Jahrhunderts, Heidenheim (Südmarkverlag), 1984.
HELLFELD, MATTHIAS: Bündische Jugend und Hitlerjugend - Zur Geschichte von Anpassung und Widerstand (1930 - 1939), Köln (Verlag Wissenschaft & Politik), 1987.
JANSEN, WALTHER (MICHAEL): Deutscher Pfadfinderspiegel, Braunschweig (Hans Oeding), 1964.
KLÖNNE, ARNO: Jugend im Dritten Reich, Köln (PapyRossa-Verlag), 1999.
KOCH, W. HANNSJOACHIM: Geschichte der Hitlerjugend, Percha am Starnberger See (Verlag R.S. Schulz), 1975.
MALZACHER, FLORIAN: Jugendbewegung für Anfänger, Witzenhausen (Südmarkverlag), 1993.
SCHIRACH, BALDUR VON: Ich glaubte an Hitler, Hamburg (Mosaik-Verlag), 1967.
SEIDELMANN, KARL: Die Pfadfinder in der deutschen Jugendgeschichte, Hannover (Hermann Schroedel Verlag), 1980.
Arbeit zitieren:
E. Böttcher, 2002, Die Folgen der Machtergreifung für die interkonfessionellen Pfadfinderbünde in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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