II
Inhaltsverzeichnis:
1. Die schulische Laufbahn als wichtiges Element der Prägung
f ür das weitere Leben S.1
2. Die Primar- und Sekundarstufe in Frankreich und Deutschland:
ein Vergleich S.1
2.1. Aufbau der Primar- u. Sekundarstufe S.1
2.1.1 Das französische Bildungssystem S.1
2.1.2 Das deutsche Bildungssystem S.3
2.1.3 Der markanteste Unterschied:
die Durchlässigkeit im Sekundarbereich I S.5
2.2 Geschichtlicher Hintergrund S.6
2.2.1 Die Wurzeln der „querelle scolaire“ und
Bem ühungen um das Prinzip der „égalité“ S.6
2.2.2 Deutschland seit den 60er Jahren S.8
2.3 Bildungskonzepte S.9
2.3.1 Frankreich: „éducation“ S.9
2.3.2 Deutschland: „Bildung“ S.10
2.3.3 Vergleich anhand der Lehrpläne der
école primaire bzw. Grundschule S.11
2.4 Probleme der jeweiligen Schulsysteme S.13
2.4.1 L´échec und querelle scolaire S.13
2.4.2 Gesamtschulen und die aktuelle
Diskussion um die Ganztagsschule S.14
3. Abitur und was jetzt? Internationale Ausblicke S.18
4. Literaturverzeichnis S.20
4.1 Literaturnachweis S.20
4.2 Bildnachweis 22
III
5. Anhang: Ausschnitte des „Programmes de l´école primaire“ (Ministère de l'éducation nationale, de la recherche et de la technologie) und des Lehrplans für die bayerische Grundschule (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus) S.23
1
1. Die schulische Laufbahn als wichtiges Element der Prägung für das weitere Leben des Schülers
Die schulische Ausbildung ist der Lebensabschnitt eines jeden Schülers in dem er nicht nur Wissen vermittelt bekommt, sondern in dem er, wenn auch auf unbewusstem Wege, in seiner Denkensweise, wie auch in anderen Faktoren wie in seinem Lernverhalten oder seinem Verhalten in der Gesellschaft für sein Leben geprägt wird. Da nun in jedem Staat ein unterschiedliches Schulsystem angewandt wird, ist also offensichtlich, dass die Mentalitätsunterschiede bereits in der Schulzeit geformt werden. Deswegen ist es aus einer interkulturellen Sicht sehr interessant, verschiedene Schulsysteme zu vergleichen. Durch den Vergleich der Primar- und der Sekundarstufen des deutschen und französischen Schulsystems sollen nun hier die Unterschiede der beiden Nachbarländer herausgearbeitet und interkulturell betrachtet werden. Hierbei finden folgende Fragen besondere Bedeutung: Welche Probleme bestehen in den beiden Ländern? Welche Faktoren erzeugen die Unterschiede und wie machen sich diese Unterschiede im späteren Leben, das ja auch eventuell im Ausland denkbar ist, bemerkbar?
2. Primar- und Sekundarstufen in Frankreich und Deutschland: Ein Vergleich
2.1 Aufbau der Primar- und Sekundarstufe
Unterschiede ergeben sich in fast jeder Domäne, ob es sich nun um die konkrete Verwaltung oder geistige Haltung handelt. Deswegen wird zunächst auf die strukturellen Unterschiede in den Schulsystemen eingegangen, um eine Basis für die folgenden Gegenüberstellungen zu bilden.
2.1.1 Das französische Bildungssystem
Das französische Schulsystem ist - mit Ausnahme der vorschulischen Erziehung in der école maternelle, auf die hier im weiteren nicht eingegangen wird, da sie einen eigenen Bereich des französischen Schulsystems bildet - dreigliedrig und somit in „école primaire“, „collège“ und „lycée“ eingeteilt.
2
Kinder und Jugendliche besuchen bis zum 15. Lebensjahr einen einheitlichen Unterricht, erst danach beginnt die Aufspaltung in verschiedene Zweige des Schulsystems. Berufliche Bildung wird im wesentlichen in schulischen Einrichtungen wie dem „lycée d'enseignement professionnel“ (L.E.P.) vermittelt.
Nach den fünf Unterrichtsjahren der école primaire, die sich aus dem einjährigen Vorbereitungskurs (CP = Cours préparatoire), dem zweijährigen Elementarkurs (CE = Cours elémentaire) und dem zweijährigen "mittleren" Kurs (CM = Cours moyen) zusammensetzen, folgt das collège mit weiteren vier Jahren. Die ersten zwei Jahre im collège kennen kaum eine äußere Differenzierung; erst danach beginnt eine Orientierung (cycle d'orientation) für die weiterführenden Schullaufbahnen. Die Ausbildung an einem collège gliedert sich in zwei Stufen von jeweils zwei Jahren, der Beobachtungsstufe und der Orientierungsstufe. Die Unterrichtsfächer sind in diesen vier Jahren für alle Schüler die gleichen. Schüler, die eine weitere schulische Karriere bis zum Abitur im lycée planen, schließen das collège nach der „troixième“ mit der Prüfung für das „brevet des collèges“ ab und erhalten somit die Berechtigung zum Besuchs des lycée général.
Das collège, das als Gesamtschule normalerweise für Chancengleichheit im Sinne der „égalité“ sorgen sollte, zeigt sich jedoch als „das größte Sorgenkind des französischen Bildungssystems“ (E.V.Große, H.H.Lüger: Frankreich verstehen, Darmstadt 1996, S. 243/44). Der gemeinsame Unterricht ist nämlich angesichts der Niveauunterschiede nicht ohne Probleme für einen Teil der Schülerschaft zu meistern, so dass sich circa 25% der Schüler nach der „cinqième“ für Ausweichzweige entscheiden. 1
Diesen 25% stehen dann drei Möglichkeiten des berufsbezogenen Unterrichts offen: das „lycée professionnel“, die „classes préprofessionnelles de niveau" (C.P.P.N = berufsvorbereitender Unterricht) oder die „classes préparatoires à l'apprentissage" ("C.P.A." = vorbereitender Lehrlingsunterricht).
Ziel des berufsvorbereitenden Unterrichts ist es, die Berufswahl durch Information und Einblicke in die verschiedenen Berufszweige zu erleichtern. Der vorbereitende Lehrlingsunterricht ist für 14-15 jährige gedacht, die bereits eine Berufswahl getroffen haben. Diese Schüler werden teils in der Schule und teils im Betrieb unterrichtet und ausgebildet. Den Abschluss des lycée professionnel bildet das „brevet d'études professionnelles“ (B.E.P.), die C.P.P.N. und die C.P.A. schließen nach 2-3 Jahren mit dem „certificat d’aptitude professionnelle“ (C.A.P.) ab.
1 vgl. E.V.Große, H.H.Lüger: Frankreich verstehen, Darmstadt 1996, S. 243/44
3
Für Schüler, die das collège mit dem brevet des collèges abgeschlossen haben, folgen nun drei Jahre auf dem „lycée“ oder dem „lycée professionnel“ das auf eine der folgenden Prüfungen vorbereitet: "baccalauréat de l'enseignement du second degré“ oder „baccalauréat général“ (Sekundarschulabitur),"baccalauréat de technicien" ("B.Tn." = technischesAbitur) oderaber "brevet de technicien" ("B.T." = technisches Diplom), wobei nur das baccalauréat général, das auf dem lycée erreicht werden kann, den Weg zur Hochschulbildung öffnet. Nach dem ersten Jahr legen die Schüler die Richtung ihres Abschlusses fest, der im lycée entweder literarisch (littéraire L), wirtschaftlich (économique et sociale ES) oder
mathematisch-naturwissenschaftlich (scientifique S) sein kann.
Das „lycée professionnel“, das ungefähr einer Berufsschule gleichgesetzt werden kann, sieht einen zwei bzw. dreijährigem Bildungsgang mit allgemeinbildenden, praxisorientierten und theoretischen Fächer mit Ausbildungsmaßnahmen in Betrieben vor. Es bietet über 40 verschiedene Richtungen vor allem im technischen Bereich (z.B. sciences technologiques industrielles STI, sciences médico-sociales SMS, sciences et technologies de laboratoire STL), wie auch Gastronomie und Musik und Tanz und schließt mit dem „brevet d’études professionnelles“ ab (vgl. Ministère de L´Education nationale : Procédures d'orientation en classe de seconde générale et technologique ou en classe de seconde spécifique, http://www.education.gouv.fr/orient/proc.htm). Durch die Vielfältigkeit der Fachrichtungen sollen den künftigen Arbeitsuchenden eine größere Chance auf einen Arbeitsplatz geboten werden.
Eine weiterer Weg, doch noch die Universität zu besuchen, bietet für die besten Absolventen des lycée professionnel der Übergang in die „première“ des lycées techniques, um ein BTn oder ein BT zu machen. Mit einem B.E.P. bleibt der Weg zur Universität verschlossen. Schülern, die bereits die C.P.A. oder die C.P.P.N. beendet haben, verfügen auch noch über die Möglichkeit, das B.E.P. abzulegen und so einen höheren Abschluss zu erreichen. “Eine Höherqualifizierung für begabte BEP- oder CAP-Inhaber am gleichen ‚lycée professionnel’ gestattet ein 1985/86 geschaffener zweijähriger Ausbildungsgang zum ‚Berufsabitur’ (baccalauréat professionnel = bac pro), der insgesamt mindestens vier Praktikumsmonate in örtlichen Betrieben enthält. Er sollte zur Aufwertung des beruflichen Unterrichts beitragen und hochqualifizierte Facharbeiter und -angestellte hervorbringen.“ 2
2 E.V.Große, H.H.Lüger: S. 249
4
2.1.2 Das deutsche Bildungssystem
Ebenso ist eine Dreiteilung des Schulsystems in Deutschland möglich: hier wird zwischen der Grundstufe, den Anfangsjahren jedes Schülers in der Grundschule, und der Sekundarstufe I und II unterschieden, wobei der Bereich I aus Orientierungsstufe, Hauptschule, Realschule, Gymnasium und Gesamtschule besteht und Bereich II nur die Klassen zwischen Sekundarbereich I und Hochschulwesen - also die Oberstufe des Gymnasiums - bezeichnet und mit dem Abitur abschließt.
Die in Deutschland neunjährige Schulpflicht beginnt nach Vollendung des 6. Lebensjahres mit der für alle Kinder gemeinsamen Grundschule, die abhängig von Bundesland zu Bundesland vier bis sechs Jahre dauert. Danach schließt sich der Sekundarbereich I mit der Orientierungsstufe an, die der Jahrgangsstufe 5 und 6 entspricht, wobei die Schüler je nach Noten oder Begabung der schulischen Laufbahn im Gymnasium oder auf der Hauptschule folgen.
So ist die Hauptschule die Pflichtschule für alle Schüler, die nach der Grundschule nicht Gymnasium oder, wie es in manchen Bundesländern möglich ist, die Realschule besuchen. Sie dauert meist von Klasse 5 bis 9 oder von 7 bis 9 oder 10, wenn eine Orientierungsstufe vorhanden ist, was wiederum abhängig vom Bundesland ist. Hier wird eine grundlegende Allgemeinbildung erworben. Schülern, die sich im Nachhinein doch für das Gymnasium geeignet erweisen, ist in manchen Bundesländern nach der fünften oder sechsten Jahrgangsstufe ein Übertritt ins Gymnasium erlaubt.
Mögliche Abschlüsse an Hauptschulen mit 10. Jahrgangsstufe ist der Mittlere Schulabschluss, an Schulen mit neun der Hauptschulabschluss oder der qualifizierte Hauptschulabschluss als Extraqualifikation. Was im französischen Schulsystem das collège, so ist die Hauptschule in Deutschland die Schulstufe, die am meisten in die Diskussion geraten ist. „Diese Schule leidet an fortschreitender Auszehrung“ 3 , da die Zahl der Schüler stetig abnimmt. Zum Beispiel gibt es bereits seit 1997 im Saarland diese Schulform nicht mehr.
Die Schulform der Realschule dauert vier bis sechs Jahre von Klasse 5 oder 7 bis 10 und soll eine allgemeine und berufsvorbereitende Bildung vermitteln. Sie ist zwischen Hauptschule und Gymnasium angesiedelt und kann so nach einem Abschluss der Hauptschule angeschlossen oder als leichtere Alternative für Umsteiger vom Gymnasium besucht werden.
3 E.V.Große, H.H.Lüger: S. 244
Arbeit zitieren:
Julia Halm, 2001, Die Primar- und Sekundarstufe in Frankreich und Deutschland: ein Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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