Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
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Tab.1: Asylanträge in Europa 1990-2003 14
Tab.2: Asylantragszahlen und Anerkennungsquoten 1996-2003 27
Tab.3: Asylanträge in Europa 2003 und 2004 93
Abb.1: Asylanträge in ausgewählten Ländern Europas 13
Abb.2: Asylanträge in ausgewählten Ländern Europas ohne Deutschland 13
Abb.3: Asylanträge und Schutzgewährung in Deutschland. 15
Abb.4: Asylanträge und Schutzgewährung in den Niederlanden 16
Abb.5: Asylanträge und Schutzgewährung in der Schweiz 17
Abb.6: Asylanträge und Schutzgewährung in Schweden. 18
Abb.7: Asylanträge und Schutzgewährung in Frankreich 19
Abb.8: Asylanträge und Schutzgewährung im Vereinigten Königreich 20
Abb.9: Asylanträge in den EU-Beitrittsländern 1990-1996 21
Abb.10: Asylanträge in den EU-Beitrittsländern 1997-2003 22
Abb.11: Asylanträge und Schutzgewährung in Polen 23
Abb.12: Asylanträge und Schutzgewährung in Ungarn 24
Abb.13: Asylanträge und Schutzgewährung in Tschechien 25
Abb.14: Hauptasylländer 1990-2003 28
Abb.15: Hauptasylländer 1990-1996 29
Abb.16: Hauptasylländer 1997-2003 30
Abb.17: Hauptasylländer 2003 31
Abb.18: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Deutschland 1990 33
Abb.19: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Deutschland 1996 34
Abb.20: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Deutschland 2003 34
Abb.21: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in den Niederlanden 1990 35
Abb.22: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in den Niederlanden 1996 36
Abb.23: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in den Niederlanden 2003 37
Abb.24: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in der Schweiz 1990 38
Abb.25: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in der Schweiz 1996 39
Abb.26: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in der Schweiz 2003 39
0
Abb.27: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Schweden 1990 40
Abb.28: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Schweden 1996 41
Abb.29: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Schweden 2003 41
Abb.30: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Frankreich 1990 42
Abb.31: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Frankreich 1996 43
Abb.32: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Frankreich 2003 43
Abb.33: Hauptherkunftsländer Asylsuchender im Vereinigten Königreich 44
Abb.34: Hauptherkunftsländer Asylsuchender im Vereinigten Königreich 1996 45
Abb.35: Hauptherkunftsländer Asylsuchender im Vereinigten Königreich 2003 45
Abb.36: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Polen 1996 47
Abb.37: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Polen 2003 47
Abb.38: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Ungarn 1996 48
Abb.39: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Ungarn 2003 48
Abb.40: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Tschechien 1996 49
Abb.41: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Tschechien 2003 49
Abb.42: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in EU und Schweiz 1990 50
Abb.43: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in EU und Schweiz 1996 51
Abb.44: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in EU und Schweiz 2003 52
Abb.45: BIP pro Kopf in KKS in ausgewählten Ländern Europas 2003 62
Abb.46: Asylanträge in ausgewählten Ländern Europas 2003 63
Abb.47: Asylzugänge aus Indien und Rumänien in der Schweiz 71
Abb.48: Asylzugänge aus Afghanistan in Deutschland und den Niederlanden 74
Abb.49: Funktionen Sozialer Netzwerke im Migrationsprozess 83
Abb.50: Determinanten der Verteilung der Asylgesuche 100
0
Abkürzungsverzeichnis
AA Asylum Applications AsylVfG Asylverfahrensgesetz CRR Convention Recognition Rate ECRE European Council on Refugees and Exiles Europäischer Flüchtlingsrat EU Europäische Union EUROSTAT Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaften GFK Genfer Flüchtlingskonvention GG Grundgesetz IDP Internally Displaced Person Binnenflüchtling OAS Organization of American States OAU Organization of African Unity TRR Total Recognition Rate United Nations High Commissioner for Refugees UNHCR
Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen
0
Inhaltsverzeichnis
Widmung 0
Abk ürzungsverzeichnis 0
Abbildungsverzeichnis 0
1. Einleitung 1
2. Methodisches 3
2.1 Vorstellung der Methode 3
2.2 Verwertung und Verwertbarkeit von Flüchtlingsstatistiken 5
3. Flüchtlingsmigration: Definitionen und Kategorien 8
3.1 Migration, Flüchtlinge, Asyl 8
3.2 Typologien von Flüchtlingen in Europa 10
4. Asylmigration nach Europa seit 1990 12
4.1 Asylanträge in der Europäischen Union und der Schweiz 14
4.1.1 Deutschland 15
4.1.2 Niederlande 16
4.1.3 Schweiz 17
4.1.4 Schweden 18
4.1.5 Frankreich 19
4.1.6 Vereinigtes Königreich 20
4.2 Asylanträge in den Beitrittsstaaten der Europäischen Union 21
4.2.1 Polen 23
4.2.2 Ungarn 23
4.2.3 Tschechische Republik 24
4.3 Die Anerkennungsquoten 25
4.4 Zwischenfazit 28
5. Asylmigration nach Herkunftsländern 32
5.1 Die Herkunft Asylsuchender in der EU und der Schweiz 32
5.1.1 Deutschland 32
5.1.2 Niederlande 35
5.1.3 Schweiz 37
5.1.4 Schweden 40
5.1.5 Frankreich 42
5.1.6 Vereinigtes Königreich 44
5.2 Die Herkunft Asylsuchender in den EU-Beitrittsstaaten 46
5.2.1 Polen 46
5.2.2 Ungarn 48
5.2.3 Tschechische Republik 49
5.3 Zwischenfazit 50
6. Fluchtgründe: Die Push-Faktoren 54
6.1 Politische Push-Faktoren 55
6.2 Ökonomische Push-Faktoren 57
6.3 Sonstige Push-Faktoren 58
7. Bestimmende Faktoren bei der Verteilung der Flüchtlinge 59
7.1 Zur Informiertheit der Flüchtlinge 60
7.2 Ökonomische Faktoren 62
7.2.1 Die soziale Sicherung 63
7.2.2 Erwerbsmöglichkeiten 64
7.3 Politische Faktoren 67
7.3.1 Übergreifende Entwicklungen in der Asylpolitik 68
7.3.2 Unilaterale Politikmaßnahmen 69
7.3.2.1 Abschottungsmaßnahmen 70
7.3.2.2 Abschreckungsmaßnahmen 75
7.4 Besondere Verbindungen zwischen Herkunfts- und Asylland 77
7.4.1 Postkoloniale Verbindungen 78
7.4.2 Sonstige Verbindungen 81
7.4.3 Soziale Netzwerke 82
7.5 Schlepper- und Schleuserorganisationen 85
7.6 Die geopolitische Situation 87
7.6.1 Die räumliche Nähe von Flucht- und Asylland 87
7.6.2 Der Image-Faktor 89
7.6.3 Sonstige Einflüsse 90
8. Schlussbetrachtung und Ausblick 91
Diese Magisterarbeit widme ich meinen Eltern. Ohne die großartige Unterstützung, die sie mir in allen Lebenslagen gewährten, hätte ich nicht studieren können.
0
1. Einleitung
In den achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre stieg die Anzahl der Asylsuchenden in Europa deutlich an: von rund 75.000 im Jahr 1983 auf über 700.000 im Jahr 1992. Seitdem nehmen die Asylantragszahlen insbesondere in
den westeuropäischen Staaten - mit kurzen Unterbrechungen - stetig ab. 1
„EU Sees Sharp Drop in Asylum Applications“ 2 , „European Union Shuts Door to Refugees and Asylum Seekers“ 3 und „Asylum Requests Jump in New European Countries“ 4 latten Pressemitteilungen für das Jahr 2003. In jenem Jahr sank die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent
auf 288.000. 5 Besonders deutlich war der Rückgang in den Staaten der Europäischen Union. Die EU-Beitrittsländer hingegen verzeichneten rund 31
Prozent mehr Asylanträge. 6
„A more interventionist approach to the cause, treatment and cure of refugee
flows is unavoidable - and unavoidably political.“ 7
Ziel der Arbeit ist vor diesem Hintergrund, die Flüchtlingsströme in Europa zu analysieren und die ausschlaggebenden Faktoren für die unterschiedliche Verteilung der Asylsuchenden zu ermitteln: Wie hat sich die Verteilung in den vergangenen Jahren verändert? Warum werden manche europäische Länder von besonders vielen Flüchtlingen heimgesucht? Wo kommen die Flüchtlinge her? Welche Kriterien beeinflussen die Wahl eines Flüchtlings? Und gibt es
1 vgl. ECRE: Asylum Applications in 35 industrialised countries, 1982-2002. Im Internet: http://www.ecre.org/statistics/applications%20in%20industrialised%20countries%201982%20-%202002.pdf, abgerufen am 31.1.05, 17:52 Uhr.
2 Oezcan, Veysel: EU Sees Sharp Drop in Asylum Applications. Washington 2004. Im Internet: http://www.migrationinformation.org/Feature/display.cfm?id=218, Stand 1.4.04, abgerufen am 10.01.05, 0:03 Uhr.
3 Ruiz, Hiram: Europe: European Union Shuts Doors to Refugees and Asylum Seekers; International Community Ignores Chechens’ Plight. Im Internet: http://www.refugees.org/ newsroomsub.aspx?id=1068&fragment=0&SearchType=OR&terms=Europe, Stand 29.5.03, abgerufen am 22.2.05, 12:01 Uhr.
4 N.N.: Asylum request jump in new European countries. 2004. Im Internet: http://www. eubusiness.com/afp/040831153801.ac3dm4dq, Stand 31.8.04, abgerufen am 10.1.05, 0:37 Uhr.
5 vgl. UNHCR: Industriestaaten verzeichnen weniger Asylanträge. Im Internet: http://www.unhcr.de/unhcr.php/cat/18/aid/961, Stand 24.2.04, abgerufen am 3.1.05, 18:42 Uhr.
6 vgl. UNHCR: Deutlicher Rückgang der Asylanträge. Im Internet: http://www.unhcr.de/ unhcr.php/cat/27/aid/1092, Stand 31.8.04, abgerufen am 7.01.05, 21:16 Uhr.
7 Roberts, Adam: More Refugees, less Asylum: A Regime in Transformation. In: Journal of Refugee Studies, Vol. 11 No. 4/1998. S.394f. (künftig zitiert: Roberts, 1998. S.)
1
überhaupt eine Wahl oder werden Fluchtroute und Asylland zunehmend von Faktoren bestimmt, die außerhalb des Einflussbereiches der Flüchtlinge liegen?
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Flüchtlingsbewegungen in den 15
Staaten der Europäischen Union I , in den EU-Beitrittsländern II und in der Schweiz von 1990 bis einschließlich 2003. Mithilfe quantitativer Analysen werden Flüchtlingsbewegungen und Flüchtlingsverteilung auf die Länder Europas untersucht. Daraufhin wird anhand einer detaillierten Literaturanalyse hypothetisch argumentiert, womit eventuelle Veränderungen der Flüchtlingszahlen zusammenhängen könnten.
Dafür erfolgt zunächst eine methodische Einleitung (Kapitel 2), in der auch auf die Datenlage eingegangen wird, sowie ein Überblick über die Asylmigration in der EU, den Beitrittsländern und der Schweiz seit 1990 (Kapitel 3 bis 5). Nach einem einführenden Kapitel zur Erklärung von Schlüsselbegriffen (Kapitel 3), folgt eine quantitative Analyse von Asylantragszahlen und Anerkennungsquoten der einzelnen Länder (Kapitel 4). Im fünften Kapitel wird die Asylmigration nach Europa schließlich nach Herkunftsländern aufgeschlüsselt.
Die Literaturanalyse der Arbeit beginnt mit der Skizzierung der so genannten ‚Push-Faktoren’, also derjenigen Determinanten, die als Auslöser einer Flucht gelten (Kapitel 6). Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit liegt auf den Faktoren, die die Flucht aufrechterhalten, die Fluchtroute beeinflussen und die Verteilung der Flüchtlinge in Europa bestimmen (Kapitel 7). So können Flüchtlinge etwa aus wirtschaftlichen Motiven ein bestimmtes Land ansteuern (7.2). Oder sie können wegen bestimmter nationaler und supranationaler Politikmaßnahmen am Betreten eines Landes gehindert werden (7.3). Ferner können historische Verbindungen zwischen Herkunfts- und Asylland wie zum Beispiel eine koloniale Vergangenheit Flüchtlinge motivieren, das ehemalige Mutterland anzusteuern (7.4). Des Weiteren nehmen Flüchtlinge zunehmend die Hilfe von Schleusern in Anspruch, sodass die Entscheidung für ein bestimmtes Asylland auch von entsprechenden Schlepper-Angeboten abhängig gemacht wird (7.5). Die räumliche Nähe von Flucht- und Asylland, der ‚Image-Faktor’ eines potentiellen Aufnahmelandes und Faktoren wie Gerüchte und
2
politische Debatten werden unter dem Abschnitt ‚Geopolitische Situation’ untersucht (8.6).
Dabei werden die einzelnen Faktoren stets auf die aktuellen Flüchtlingsstatistiken bezogen und Hypothesen über das Ausmaß ihres Einflusses erarbeitet.
2. Methodisches
2.1 Vorstellung der Methode
Die methodische Vorgehensweise dieser Arbeit besteht aus quantitativen und qualitativen Sekundäranalysen. Es wird folglich auf bereits vorhandene Datenbestände zurückgegriffen.
Eine quantitative Analyse ist eine Vorgehensweise der empirischen Sozial-forschung zur Messung sozialer Tatbestände. Darunter fallen beispielsweise
die Erhebung, Verarbeitung und Analyse von Daten. 8 Kapitel vier und fünf dieser Arbeit beinhalten demnach eine deskriptive Statistik: Relevante Flüchtlingsdaten ausgewählter europäischer Länder, die hauptsächlich auf den Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) basieren, werden beschrieben und miteinander in Verbindung gesetzt. So werden etwa die Veränderungen der jährlichen Asylanträge und Anerkennungsquoten für den Zeitraum 1990 bis 2003 miteinander verglichen. Dabei werden nicht die Bestände von Asylsuchenden, sondern ausschließlich die jährlich eingehenden Anträge von individuellen Flüchtlingen zu Grunde gelegt.
Im Mittelpunkt der Analyse stehen dabei Deutschland, die Niederlande, die Schweiz, Schweden, Frankreich und das Vereinigte Königreich sowie die EU-Beitrittsländer Polen, Ungarn und die Tschechische Republik. Jedoch wird zu Vergleichszwecken immer wieder auf andere Staaten Europas eingegangen.
Ein weiterer Fokus der Analyse liegt auf der Herkunft der Flüchtlinge: Für die Jahre 1990, 1996 und 2003 wird für jedes ausgewählte Land ein Querschnitt durch die sechs Hauptherkunftsstaaten von Asylsuchenden erarbeitet. Diese
8 vgl. Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung. 4. Auflage. Basel 2005. S.490. (künftig zitiert: Lamnek, 2005. S.)
3
Zeitabschnitte bieten sich deshalb an, weil sie nicht mit großen Flüchtlingskrisen wie beispielsweise der Massenflucht aus dem ehemaligen Jugoslawien zusammenfallen. Sie spiegeln also weitestgehend das ‚normale Asylgeschehen’ wider. Obwohl die quantitative Sekundäranalyse der Arbeit primär deskriptiv ausgelegt ist, wird zum besseren Verständnis bereits vereinzelt auf Ursachen der Flüchtlingsbewegungen eingegangen.
Auf viele der abgebildeten Graphiken wird im Laufe der Arbeit zurückgekommen. Im Anhang befinden sich deshalb alle Länder-Diagramme im Überblick. Diese können ausgeklappt werden, sodass sie während des Lesens
stets präsent sind. III
Problematisch an einem rein quantitativen Forschungsvorgehen ist, dass es vorrangig auf das Erarbeiten von Zahlen hinausläuft - „es wird jedoch kaum gezeigt, wie der Mensch wirklich handelt und wie seine Interpretationen des
Handelns aussehen“ 9 . Um die Veränderungen der Flüchtlingsbewegungen in Europa zu deuten, wird im zweiten Abschnitt eine detaillierte Literaturanalyse durchgeführt, die Aspekte quantitativer und qualitativer Sozialforschung vereint. Eine Befragung von Flüchtlingen oder potentiellen Migranten drängt sich beispielsweise auf, um die Entscheidungsprozesse zu erforschen, die der Wahl eines Asyllandes zugrunde liegen. Im Zuge der Literaturanalyse werden
demnach größtenteils quantitative und qualitative Interviews IV mit Flüchtlingen herangezogen.
Doch auch diese Methode qualitativer Sozialforschung birgt Fehlerquellen: Im Fall der Flüchtlingsbefragungen sorgt besonders die ‚Soziale Erwünschtheit’ für eine Verzerrungen von Antworten. Sie kann sich als „situationsspezifische Reaktion auf die Datenerhebung [äußern,] wobei aufgrund bestimmter Konsequenzbefürchtungen die tatsächlichen Sachverhalte verschwiegen oder
beschönigt werden“ 10 . Die in den Flüchtlingsinterviews angesprochene Thematik deckt sich teilweise mit dem Inhalt behördlicher Befragungen. So entsteht bei vielen Flüchtlingen ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Interviewpartner und sie geben Antworten, die ihnen zur Erlangung einer Asyl-
9 Girtler,Roland: Methoden der qualitativen Sozialforschung. Anleitung zur Feldarbeit. Wien / Köln / Graz 1984. S.27.
10 Schnell, Rainer, Paul B. Hill u. Elke Esser: Methoden der empirischen Sozialforschung. 7. Auflage. München 2005. S.355.
4
genehmigung zweckdienlich erscheinen. 11 Ferner ist die befragte Personengruppe oftmals selbstselektiv: Wenn potentielle Migranten noch im Herkunfts-land über ihre Fluchtpläne interviewt werden, führt dies automatisch zum Ausschluss derjenigen Personen, die keine Zeit haben, ihre Flucht zu planen und das Land spontan verlassen müssen.
Es wird somit deutlich, dass reine Datenuntersuchungen zwar das Ausmaß der Flüchtlingsbewegungen widerspiegeln, jedoch oft nur Spekulationen darüber zulassen, welche Faktoren die Veränderungen der Flüchtlingszahlen beeinflusst haben. Aspekte qualitativer Sozialforschung etwa in Form von Befragungen bieten hingegen einen genaueren Rückschluss über persönliche Fluchtgründe und Motive für die Wahl des Ziellandes. Mithilfe der Methodenkombination aus quantitativer und qualitativer Analyse soll mit dieser Arbeit eine hypothetische Argumentation über Stellenwert und Relevanz der Determinanten von Flüchtlingsbewegungen in Europa vorgenommen werden.
2.2 Verwertung und Verwertbarkeit von Flüchtlingsstatistiken
„Counting refugees is at best an approximate science.“ 12
Um genau zu erfassen, wie viele Flüchtlinge aus einem Land in ein anderes migrieren, müsste jede einzelne Person gezählt und deren individuelle Fluchtroute nachvollzogen werden. Eine Aufgabe, deren Erfüllung nicht zu realisieren ist. ‚Gezählt’ werden Flüchtlinge in der Regel von den Regierungen der Asylländer. Diese leiten ihre Daten an internationale Flüchtlings-organisationen wie den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen
weiter. 13
Allerdings bestehen bei den nationalen Erfassungsmethoden von Flüchtlingen erhebliche Unterschiede: Eine Vielzahl europäischer Länder erhebt die Anzahl der asylsuchenden Personen, andere nehmen nur die Anträge, die ganze
11 vgl. Efionayi-Mäder, Denise et al.: Asyldestination Europa. Eine Geographie der Asylbewegungen. Zürich 2001. S.28. (künftig zitiert: Efionayi-Mäder et al., 2001. S.)
12 US Department of State: World Refugee Report. Washington DC 1991. S.85.
13 vgl. Hovy, Bela: Statistically correct asylum data: prospects and limitations. Working Paper No.37. Genf 2001. S.1. Im Internet: http://www.unhcr.ch/cgi-bin/texis/vtx/home/opendoc. pdf?tbl=STATISTICS&id=3b9378e5a&page=home, abgerufen am 2.2.05, 23:41 Uhr. (künftig zitiert: Hovy, 2001. S.)
5
Familien mit einschließen können, in ihre Statistiken auf. 14 Aus diesem Grunde werden die Daten für das Vereinigte Königreich, die keine Familienangehörigen mit einbeziehen, oftmals unterschätzt. Darüber hinaus wird in diversen Ländern Europas keine Unterscheidung zwischen Erst- und Folgeanträgen unternommen. In Deutschland etwa erfolgt eine getrennte Erfassung erst seit
1995 15 , Schwedens Migrationsstatistik fasst Erst- und Folgeanträge auf Asyl noch immer zusammen. 16
Eine weitere Schwierigkeit besteht bei den Angaben zur Anerkennung von Flüchtlingen. Zahlreiche Staaten räumen „temporären Schutz“ ein, wenn sie mit einem plötzlichen Massenzustrom von Menschen konfrontiert werden. Dies war beispielsweise bei zahlreichen Flüchtlingen aus dem ehemaligen
Jugoslawien in den neunziger Jahren der Fall. 17 Dieser temporäre Schutz, auch als „Humanitarian Status“ bezeichnet, wird von Land zu Land unterschiedlich interpretiert. Während er in Staaten wie Österreich und Frankreich gar keine
Anwendung findet, beschränkt er sich in Dänemark auf De-Facto-Flüchtlinge V . In Spanien wiederum umfasst er auch „other forms of protection“. 18 Zudem mangelt es in den nationalen Flüchtlingsdaten oftmals an spezifischen
Informationen über Herkunft, Alter oder Geschlecht der Flüchtlinge. 19 Weil die meisten europäischen Asylländer beispielsweise nur die Nationalität der Flüchtlinge aufnehmen, waren nur wenige von ihnen in der Lage, Asylbewerber aus dem Kosovo von anderen Asylsuchenden aus dem
ehemaligen Jugoslawien zu unterscheiden. 20
14 vgl. Hovy, Bela: Asylum migration in Europe: Pattern, determinants and the Role of East-West movements. In: King, Russel (Hrsg.): The new geography of European migrations. 1993. S.208. (künftig zitiert: Hovy, 1993. S.)
15 vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.): Migration und Asyl in Zahlen. Nürnberg 2004. S.18.
16 vgl. Currle, Edda (Hrsg.): Migration in Europa. Daten und Hintergründe. Stuttgart 2004. S.218. (künftig zitiert: Currle, 2004. S.)
17 vgl. UNHCR: Fragen und Antworten zur Genfer Flüchtlingskonvention. Im Internet: http://www.unhcr.at/index.php/aid/169, Stand am 9.8.02, abgerufen am 22.3.05, 18:36 Uhr. (künftig zitiert: UNHCR: Genfer Flüchtlingskonvention)
18 vgl. UNHCR: Trends in Asylum Decisions in 38 Countries, 1999-2000. A Comparative Analysis of asylum statistics and indicators in 38, mostly industrialized, countries. Genf 2001. S.6. Im Internet: http://www.unhcr.ch/cgi-bin/texis/vtx/home/opendoc.pdf?tbl=PROTECTION &page=PROTECT&id=3b947fb84, Stand 22.6.01, abgerufen am 13.2.05, 19:06 Uhr. (künftig zitiert: UNHCR: Trends in Asylum Decisions, 2001. S.)
19 vgl. Böcker, Anita u. Tetty Havinga: Asylum Migration to the European Union: Patterns of Origin and Destination. Nijmegen 1997. S.7. (künftig zitiert: Böcker u. Havinga, 1997. S.)
20 vgl. Crisp, Jeff: “Who has counted the refugees?” UNHCR and the politics of numbers. Genf 1999. S.7. Im Internet: http://www.jha.ac/articles/u012.pdf, Stand 1.08.1999, abgerufen am 16.01.2005, 23:28 Uhr. (künftig zitiert: Crisp, 1999. S.)
6
Nicht nur aufgrund nationaler Erhebungsunterschiede kann die Zahl der Asylsuchenden nicht mit Flussgröße und Flussrichtung internationaler Flüchtlingsströme gleichgesetzt werden. Ein Großteil der Zwangsmigranten taucht in den Asylantragszahlen erst gar nicht auf: So haben mittlerweile mehrere Asylländer das so genannte ‚in-country processing’ eingeführt, bei dem der Antrag auf Asyl bereits im Herkunftsland bzw. einem Drittland
gestellt werden muss. 21 Überdies sind Asylanträge eines Flüchtlings in mehreren Ländern keine Seltenheit. Tschetschenische Flüchtlinge beispielsweise reichen zuweilen Asylgesuche in Polen und der Tschechischen Republik
ein, obwohl sie eigentlich Österreich oder Belgien anzielen. 22
Eine Flucht kann auch in einem Staat enden, der als Asylland erst gar nicht in Betracht gezogen wurde. Aufgrund zunehmend restriktiver Migrationsbestimmungen müssen vermehrt Fluchtumwege in Kauf genommen werden. Unter Umständen wird durch verschärfte Einreisebestimmungen eine Weiter-wanderung sogar gänzlich unmöglich und das ursprüngliche Transitland wird
Zieldestination. 23 Besonders hohe Asylantragszahlen eines Landes müssen also nicht unbedingt für dessen Beliebtheit sprechen.
Bei der ausschließlichen Fokussierung auf die Asylanträge könnte darüber hinaus ein Nebeneffekt der Asylpolitik Europas vernachlässigt werden: Zwangsmigranten mögen es vorziehen, als illegale Einwanderer ins Land zu kommen, als einen Asylantrag zu stellen und sich dem Risiko einer
Abschiebung aussetzen. 24 Indem Flüchtlinge vermehrt durch ihre Sozialen Netzwerke ins Asylland gelangen, wird die „asylum route“ häufig auch ganz
umgangen. 25
Folglich bergen die verfügbaren Daten zur Erfassung von Flüchtlingsbewegungen Ungenauigkeiten. Offizielle Statistiken wie die des Hohen
21 vgl. Böcker u. Havinga, 1997. S.7.
22 vgl. UNHCR: Chechens show no interest in Poland. In: From the Foreign Land. Heft 20/2004. Im Internet: http://www.unhcr.pl/english/newsletter/20/polska_nie.php, abgerufen am 8.3.05, 18:35 Uhr. (künftig zitiert: UNHCR: Chechens show no interest in Poland, 2004.)
23 vgl. Hovy, 1993. S.208.
24 vgl. Böcker, Anita u. Tetty Havinga: Asylum Applications in the European Union: Patterns and Trends and the Effects of Policy Measures. In: Journal of Refugee Studies. Vol.11. Heft 3/ 1998. S.265. (künftig zitiert: Böcker u Havinga, 1998. S.)
25 vgl. Koser, Khalid: European migration report: recent asylum migration in Europe. In: New community. Vol. 22 Heft 1/ 1996. S.154. (künftig zitiert: Koser, 1996. S.)
7
Flüchtlingskommissars, des Europäischen Flüchtlingsrats (ECRE) oder des Statistischen Amtes der Europäischen Gemeinschaften (EUROSTAT) können in vielen Fällen nur als grobe Richtlinien gelten. Dennoch werden sie als Grundlage dieser Arbeit herangezogen: „It is the best information available.“ 26
3. Flüchtlingsmigration: Definitionen und Kategorien
3.1 Migration, Flüchtlinge, Asyl
Im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen steht die Migration von Flüchtlingen. Von ‚Migration’ ist nach allgemeiner Definition die Rede, „wenn
es um das Überschreiten der Grenzen von Nationalstaaten geht“ 27 . Die Grenzüberschreitung als Flüchtlinge hat insofern spezifischen Charakter, als dass sie faktisch immer zwangsweise erfolgt, selbst wenn sie scheinbar freiwillig unternommen wird:
„Es sind Wanderungs- bzw. Migrationsvorgänge, die interner (innerhalb eines Landes) oder internationaler (über die Landesgrenzen hinweg) sowie temporärer
(Repatriierung) oder permanenter (Dauerasyl) Natur sein können.“ 28
Die Definition des Begriffs ‚Flüchtling’ ist im Abkommen über die Rechtstellung der Flüchtlinge vom 28.7.1951, der Genfer Flüchtlingskonvention, festgelegt. Sie ist das einzige universell geltende Abkommen, das sich ausschließlich und umfassend Flüchtlingen widmet. Die Konvention bestimmt den rechtlichen Schutz, die Hilfe und die sozialen Rechte, die ein Flüchtling von den Unterzeichnerstaaten erhalten soll. Zunächst war sie darauf beschränkt, hauptsächlich europäische Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkriegs zu schützen. Ein Protokoll von 1967 erweiterte den Geltungsbereich der Konvention, als das Problem globale Ausmaße erreichte. Mittlerweile sind 143 Staaten einem oder beiden Verträgen beigetreten und
haben die völkerrechtliche Verpflichtung in nationales Recht transformiert. 29
26 Böcker u. Havinga, 1997. S.7.
27 Thränhardt, Dietrich: Der Nationalstaat als migrationspolitischer Akteur. In: Thränhardt, Dietrich u. Uwe Hunger (Hrsg.): Migration im Spannungsfeld von Globalisierung und Nationalstaat. Wiesbaden 2003. S.8.
28 Müller, Johannes: Das Flüchtlingsproblem in seiner weltweiten Dimension, in: Müller, Johannes (Hrsg.): Flüchtlinge und Asyl. Politisch handeln aus christlicher Verantwortung. Frankfurt am Main 1990. S.18.
29 vgl. UNHCR: Genfer Flüchtlingskonvention.
8
Die Genfer Flüchtlingskonvention definiert einen ‚Flüchtling’ als eine Person, die „sich aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch
nehmen will“ 30 .
Der Flüchtlingsbegriffes hat in den vergangenen Jahrzehnten jedoch vielerorts eine Wandlung erfahren. Während Organisationen anderer Kontinente wie die Organization of African Unity (OAU) oder die Organization of American States (OAS) den Flüchtlingsbegriff auf weitere Personengruppen ausgedehnt
haben, 31 behielten westliche Regierungen die klassische Definition bei und haben diese vereinzelt sogar noch enger gefasst. 32 So stellt sich die Bezeichnung ‚Flüchtling’ als Sammelbegriff dar, der unterschiedliche Typen von Flüchtlingen mit jeweils spezifischen Fluchtmotiven beschreibt.
Dagegen liegt dem asylrechtlichen Flüchtlingsbegriff ein Idealtypus des Flüchtlings mit ganz besonderen Eigenschaften - nicht der Realtypus heutiger
Massenfluchtbewegungen - zugrunde. 33 So werden beispielsweise Binnenvertriebene, Internally Displaced Persons (IDPs), nicht von der Genfer Flüchtlingskonvention erfasst, weil sie sich noch im eigenen Land befinden. Laut Definition handelt es sich dabei um Menschen, die „durch bewaffnete Konflikte, allgemeine Gewalt, Menschenrechtsverletzungen oder durch natürliche oder von Menschen verursachte Katastrophen gezwungen wurden,
30 UNHCR: Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 (In Kraft getreten am 22. April 1954) und Protokoll über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 31. Januar 1967 (In Kraft getreten am 4. Oktober 1967). Im Internet: http://www.unhcr.de/ pdf/45.pdf, abgerufen am 11.10.04, 13:58 Uhr.
31 vgl. Crisp, 1999. S.4.
32 vgl. Holzer, Thomas, Gerald Schneider u. Thomas Widmer: The Impact of Legislative Deterrence Measures on the Number of Asylum Applications in Switzerland (1986-1995). In: International Migration Review. Vol.34 Heft 4/ 2000. S.1184. (künftig zitiert: Holzer, Schneider u. Widmer, 2000. S.)
33 vgl. Nuscheler, Franz: Internationale Migration. Flucht und Asyl. 2. Auflage. Wiesbaden 2004. S.107. (künftig zitiert: Nuscheler, 2004. S.)
9
ihre Heimat zu verlassen“ 34 . In Medien und allgemeinem Sprachgebrauch werden IDPs bereits unter den Begriff ‚Flüchtlinge’ subsumiert:
„Having at one and the same time both a narrow legal definition and a broad political understanding of the term refugee does undeniably cause
confusion.” 35
Um als politischer Flüchtling anerkannt zu werden und im Zielland verweilen zu dürfen, muss Asyl beantragt werden. Der Begriff ‚Asyl’ stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt ‚Zufluchtsort’. Asyl beschreibt das Recht Verfolgter auf persönlichen Schutz und den Schutz vor Auslieferung, den ein
Staat auf seinem Hoheitsgebiet gewährt. 36 Ein Recht auf Asyl geht jedoch nicht einmal aus der Genfer Flüchtlingskonvention hervor. Sie bietet auch keinen automatischen oder dauerhaften Schutz für Flüchtlinge. Festgelegt ist dagegen das Prinzip des Non-Refoulement als das Verbot einer erzwungenen Rückkehr in ein Land, in dem einer Person Verfolgung droht. Es ist Bestandteil des
allgemeinen Völkerrechts und somit für jeden Staat bindend. 37
3.2 Typologien von Flüchtlingen in Europa
Der Migrationswissenschaftler Khalid Koser typisiert die Flüchtlingsmigration in Europa in vier Kategorien:
1.) Die so genannten Quotenflüchtlinge werden von europäischen Staaten auf Basis nationaler Quotenregelungen in das eigene Hoheitsgebiet gebracht. In den siebziger und frühen achtziger Jahren kam eine Vielzahl von Flüchtlingen durch diese Quotenregelungen nach Europa, seitdem nahm ihre Anzahl rapide ab. Schweden ist eines der wenigen Länder, das in Zusammenarbeit mit dem UNHCR noch Quoten-flüchtlinge auswählt und ihren Unterhalt gewährleist. 38
34 UNHCR: Binnenvertriebene: Frage und Antworten. Im Internet: http://www.unhcr.de/ unhcr.php/aid/166, Stand 9.8.02, abgerufen am 28.2.05, 21:14 Uhr.
35 Roberts, 1998. S.382.
36 vgl. Europäische Union: Häufig gestellte Fragen - Asylpolitik. Im Internet: http://europa.eu. int/comm/justice_home/faq/asylum/faq_asylum_de.htm, abgerufen am 22.3.05, 23:02 Uhr.
37 vgl. UNHCR: Genfer Flüchtlingskonvention.
38 vgl. Currle, 2004. S.202.
10
2.) Mit der Abnahme der Quotenflüchtlinge ging Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre eine drastische Zunahme spontaner Asylbewerber einher. Diese kommen in der Regel aus Asien und Afrika und stellen einen Asylantrag kurz nach ihrer Ankunft in Westeuropa. Im Gegensatz zu den Quotenflüchtlingen ist die Anzahl spontaner Asylbewerber von nationalen Regierungen nur beschränkt kontrollierbar. In der Öffentlichkeit werden sie oftmals als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnet - mit der konkludenten
3.) Andeutung, dass es keine ‚echten’ Flüchtlinge seien.
4.) Die nach Westen gerichteten Flüchtlingsbewegungen aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion bestimmten insbesondere zu Beginn der neunziger Jahre das Asylgeschehen in Europa. Ein Großteil der Flüchtlinge stammte aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Mit der Zunahme der Flüchtlingsmigration aus der Russischen Föderation um die Jahrtausendwende sind Flüchtlinge dieser Kategorie wieder in
verstärktem Maße in Europa präsent. 39
5.) Die Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien stellen in den neunziger Jahren die zahlenmäßig größte Flüchtlingsbewegung in Europa. Aufgrund innerstaatlicher Konflikte mussten sie ihr Land verlassen und steuerten vornehmlich Aufnahmeländer wie Deutschland, die Schweiz und Schweden an. Wegen der Massenflucht aus dem ehemaligen Jugoslawien wurde oftmals auf individuelle Asylverfahren verzichtet und stattdessen vielen Flüchtlingen ein temporärer Schutz
„prima facie“ VI gewährt. 40
Da sich diese Arbeit in erster Linie auf Personen bezieht, die einen Asylantrag gestellt haben, wird besonders auf die Flüchtlingskategorie 2.) und 3.) und
39 vgl. UNHCR: Asylum Applications in Industrialized Countries: 1980-1999. Trends in Asylum Applications Lodged in 37, mostly industrialized, countries. Genf 2001. Im Internet: http://www.unhcr.ch/cgi-bin/texis/vtx/home/+YwwBmpea9mpwwwwnwwwwwwwhFqA IRERfIRfgItFqA5BwBo5Boq5AFqAIRERfIRfgIcFqzWK8Xe2S4pKKDzmxwwwwwww/ope ndoc.pdf, Stand November 2001, abgerufen am 13.2.05, 14:06 Uhr. (künftig zitiert: UNHCR:
Asylum Applications, 2001. S.)
40 vgl. Koser, 1996. S.153 f.
11
partiell auch 4.) eingegangen. Die Begriffe Flüchtlinge, Asylsuchende, Asylbewerber und (Zwangs-) Migranten werden als Synonyme verwendet. Sie bezeichnen in jedem Fall Menschen, die fliehen mussten und im Ausland Schutz suchten oder im Begriff waren, dies zu tun. Die Begriffe Schlepper, Schleuser, Schmuggler und (Flucht-)Agenten werden ebenfalls synonym an-gewandt.
Die Flüchtlinge aus der Bundesrepublik Jugoslawien, Bosnien Herzegowina und Serbien Montenegro werden in der Regel als Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien bezeichnet.
4. Asylmigration nach Europa seit 1990
Zwischen 1990 und 2003 suchten rund fünf Millionen Flüchtlinge in den Ländern der Europäischen Union um Asyl. Die genaue Entwicklung der nationalen Asylantrags- und Anerkennungszahlen zeigt die Untersuchung im folgenden Teil der Arbeit.
Die Analyse konzentriert sich dabei auf die fünf EU-Staaten Deutschland, Niederlande, Schweden, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Diese Länder verzeichnen im Untersuchungszeitraum besonders hohe Asylantrags-zahlen und reagierten darauf verstärkt mit gesetzlichen Maßnahmen. 41 Polen, Ungarn und die Tschechische Republik eignen sich für eine genauere Analyse, da sie unter den EU-Beitrittsländern ein besonders hohes Flüchtlingsaufkommen registrieren - jedoch in unterschiedlichen Intervallen und mit unterschiedlichen Herkunftsländern der Asylsuchenden. Schließlich war auch die Schweiz mit in die Betrachtung aufzunehmen. Im Untersuchungszeitraum verzeichnet sie die höchsten Asylantragszahlen im Verhältnis zur Bevölkerung. Vor allem durch die Ereignisse im Kosovo wurde die Schweiz Ende der neunziger Jahre in dieser Hinsicht zum gefragtesten
westlichen Asylland Europas. 42
41 vgl. Zetter, Roger et al.: An assessment of the impact of asylum policies in Europe 1990-2000, part 2. In: Home Office (hrsg.) Home Office Online Report 17/03. S.23f.. Im Internet: http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs2/rdsolr1703.pdf, abgerufen am 10.3.05, 21:19 Uhr. (künftig zitiert: Zetter et al., 2003. S.)
42 vgl. UNHCR: Asylum Levels and Trends; Europe And Non-European Industrialized Countries, 2003. Im Internet: http://www.unhcr.ch/cgi-bin/texis/vtx/home/+5wwBme92j dewxwwwwnwwwwwwwhFqnN0bItFqnDni5AFqnN0bIDzmxwwwwwww/opendoc.pdf?tbl=S
12
400000 350000 300000 250000 200000 150000
100000 50000
Abb.1: Asylanträge in ausgewählten Ländern Europas 43
Abb.2: Asylanträge in ausgewählten Ländern Europas ohne Deutschland
Bei den Asylantragszahlen der zu untersuchenden Länder herrscht wenig Einheitlichkeit. Von 1990 bis 2003 wurden die Staaten Europas in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlichen Zeiträumen mit Flüchtlingsbewegungen konfrontiert. Lediglich einen Anstieg der Asylantragszahlen zu Beginn der neunziger Jahre, der zum großen Teil mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien zusammenhängt, registrieren fast alle Länder. Während die Antragszahlen in den Niederlanden und der Schweiz in unregelmäßigen Wellenbewegungen verlaufen, flacht die Flüchtlingskurve in Deutschland wie auch in geringerem Maße in Schweden nach ihrem absoluten
TATISTICS&id=403b1d7e4&page=statistics, Stand 24.12.04, abgerufen am 2.2.05, 21:08 Uhr.
(künftig zitiert: UNHCR: Asylum Levels and Trends, 2004. S.)
43 vgl. ebd. S.9.
13
Maximum 1992 stark und kontinuierlich ab. Polen und Tschechien wiederum verzeichnen seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts einen durchgehenden Anstieg der Asylbewerberzahlen. Noch deutlicher ist die Zunahme im Vereinigten Königreich: Nach mehreren An- und Abstiegen meldet das Empire im Jahr 2003 die höchsten Asylantragszahlen Europas.
4.1 Asylanträge in der Europäischen Union und der Schweiz
Auch die absoluten Zahlen für den Gesamtzeitraum unterscheiden sich deutlich voneinander (siehe Tab.1). Mit über zwei Millionen Asylanträgen ist Deutschland das Asylland Nummer eins; insgesamt 40,7 Prozent aller Asylgesuche in der Europäischen Union wurden hier gestellt. Weit hinter Deutschland liegen das Vereinigte Königreich und Frankreich an Position zwei und drei. Überdurchschnittlich viele Asylbegehren wurden ferner in den Niederlanden, der Schweiz, Schweden, Belgien und Österreich gestellt.
Eine vollkommen andere Reihenfolge der Hauptaufnahmeländer ergibt die Umrechnung der Asylanträge auf die jeweilige Bevölkerungsdichte: Europaweit liegt die Schweiz mit deutlichem Abstand auf dem ersten Platz, hier kommen 51,3 Asylanträge auf 1.000 Einwohner. In der Europäischen
44 vgl. ebd. S.5f.
14
Union ist Schweden ganz vorn platziert. Auch Österreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland, Dänemark und Luxemburg nehmen bei dieser Einteilung die vorderen Ränge ein - was im Fall von Deutschland auf die hohen Antragszahlen, bei Luxemburg dagegen auf die geringe Bevölkerung zurückzuführen ist.
Das Verhältnis zwischen Asylantragszahlen und Bevölkerungsdichte soll nur aus Gründen der Vollständigkeit erwähnt werden. Die Arbeit fokussiert auf die individuellen Motive für die Wahl eines Asyllandes. Die Bevölkerungsdichte der europäischen Staaten dürfte darauf, wenn überhaupt, nur sekundären Einfluss haben.
4.1.1 Deutschland
Deutschland ist zahlenmäßig die wichtigste Destination für Flüchtlinge in Europa: Von 1990 bis 2003 suchten rund 2,2 Millionen Menschen in Deutschland um politisches Asyl - damit verzeichnet Deutschland rund 41 Prozent aller in der EU gestellten Asylanträge. Einen deutlichen Höhepunkt finden die Antragszahlen im Jahr 1992 mit über 438.000 Asylgesuchen, der unter anderem auf die Flüchtlingswelle aus dem ehemaligen Jugoslawien
zurückzuführen ist. 46 Seitdem sind die Flüchtlingszahlen bedeutend zurückgegangen: Bis zum Jahr 1994 bricht die Antragskurve stark ein; diese
45 vgl. UNHCR: Asylum Levels and Trends, 2004. S.9 / UNHCR: Statistical Yearbook 2003 -Annex I. S.49 Im Internet: http://www.unhcr.ch/cgi-bin/texis/vtx/home/+lwwBmoTeGrnw wwwnwwwwwwwhFqAIRERfIRfgItFqA5BwBo5Boq5AFqAIRERfIRfgIcFqlel6jzlg2aIBwBo 5BoqwcajnwGxddAel7WDXXvDzmxwwwwwww1FqmRbZ/opendoc.pdf, abgerufen am 3.3.05, 19:03 Uhr. (künftig zitiert: UNHCR: Statistical Yearbook 2003. S.) Die folgenden Graphiken für ‚Asylanträge und Schutzgewährung’ beziehen sich auf diese Quellen.
46 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.61.
15
Abnahme ist größtenteils durch einen spektakulären Rückgang der rumänischen und einer etwas bescheideneren Abnahme der jugoslawischen Asylsuchenden bedingt.
Grund für die sinkenden Antragszahlen ist die Verschärfung des nationalen Asylrechts. Mit dem so genannten Asylkompromiss aus dem Jahre 1993 wurden unter anderem das Grundrecht auf Asyl beschränkt, ein beschleunigtes Verfahren für offensichtlich unbegründete Anträge beschlossen und eine Liste ‚Sicherer Dritt- und Herkunftsländer’ erlassen. Wer aus einem dieser gelisteten Länder kam bzw. eines durchquerte, konnte nur noch unter erschwerten
Bedingungen einen Asylantrag stellen. 47
4.1.2 Niederlande
Die Asylzuwanderung in die Niederlande lässt für den Untersuchungszeitraum starke Schwankungen erkennen. Zu Beginn der neunziger Jahre lag die Anzahl der Asylsuchenden relativ konstant bei rund 20.000 Personen. Die weiterhin kritische Lage im ehemaligen Jugoslawien in Verbindung mit migrationspolitischen Restriktionen in anderen Ländern führte zu einem sprunghaften
Anstieg im Jahre 1993. 48 Ihren Klimax finden die Antragszahlen 1994 mit 52.570 Anträgen; 1998 steigt der Flüchtlingszulauf erneut auf etwa 44.000 Anträge jährlich an. Seit 2000 registrieren die Niederlande jedes Jahr deutlich weniger Flüchtlinge.
47 vgl. Bade Klaus u. Jochen Oltmer: Normalfall Migration. Bonn 2004. S.113. (künftig zitiert: Bade u. Oltmer, 2004. S.)
48 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.66.
16
Ursachen für die beträchtlichen Schwankungen sind zum Einen die spezielle Situation der Niederlande als eines der wichtigsten Aufnahmeländer. Zum Anderen scheinen die Niederlande den Rückgang der Asylbewerberzahlen in anderen europäischen Ländern (wie beispielsweise Deutschland) Anfang der neunziger Jahre ‚aufgefangen’ zu haben. Daraufhin reagierten die Niederlande ebenfalls mit gesetzlichen Verschärfungen im Asylbereich. Die neuen Regelungen ließen in Verbindung mit der sich entspannenden Lage im ehemaligen Jugoslawien einen vorläufigen Rückgang der Antragszahlen zu. Der erneute Anstieg gegen Ende des vergangenen Jahrzehnts ist auf die Verschärfung der Situation im Irak, in Afghanistan und im Kosovo zurück-
zuführen. 49
4.1.3 Schweiz
Wie in den Niederlanden zeichnen sich auch in der Schweiz große Schwankungen der Flüchtlingszahlen ab. Anfang der neunziger Jahre waren die Asylantragszahlen hoch, so suchten 1991 fast 42.000 Personen in der Schweiz Asyl. Bedingt durch den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien und der generell hohen Asylzuwanderung nach Mittel- und Westeuropa erreichen die
Zahlen ein bislang nicht da gewesenes Niveau. 50
Aufgrund verschärfter rechtlicher Regelungen nahm auch in der Schweiz die Zahl der Flüchtlinge wieder ab. Die weitestgehende Stabilisierung der Asyl- 49 vgl.Currle, 2004. S.185.
50 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.72.
17
bewerberzahlen in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts wurde durch die Ereignisse im Kosovo unterbrochen. 1998 und 1999 kamen fast 90.000 Flüchtlinge in die Schweiz. Gemessen an ihrer Bevölkerungsdichte registrierte sie
damit den größten Flüchtlingszulauf in Europa. 51 Zu Beginn des neuen Jahrtausends bleibt das Auf und Ab der schweizerischen Asylmigration erhalten, die Zahlen bewegen sich jedoch auf einem deutlich niedrigeren Niveau.
4.1.4 Schweden
Die schwedische Flüchtlingskurve ähnelt der deutschen: Ihren Klimax verzeichnet sie im Jahr 1992: Über 84.000 Menschen kamen nach Schweden, um politisches Asyl zu beantragen. Damit besaß das skandinavische Land zum Höhepunkt der Asylzuwanderung europaweit die meisten Asylbewerber pro
Kopf der einheimischen Bevölkerung. 52
Ein Großteil der Antragssteller kam aus dem jugoslawischen Kriegsgebiet. Schweden wurde zu einer bevorzugten Zieldestination, weil sich wie in Deutschland und der Schweiz aufgrund der Gastarbeitermigration in den sechziger und siebziger Jahren bereits jugoslawische Netzwerke im Land gebildet hatten. Die deutliche Reduzierung der Zahlen Mitte der neunziger Jahre ist neben strikteren Regelungen im Asylbereich also auch auf das Abklingen der Kriegshandlungen im jugoslawischen Krisengebiet zurück-
zuführen. 53
51 vgl. UNHCR: Asylum Levels and Trends, 2004. S.9.
52 vgl. UNHCR: Asylum Levels and Trends, 2004. S.9.
53 vgl. Currle, 2004. S.218.
18
Mit etwa 5.800 Asylanträgen im Jahr 1996 hat das Flüchtlingsaufkommen seinen Tiefpunkt erreicht, beginnt seitdem aber wieder stetig anzusteigen. 2003 kommen insgesamt 31.360 Asylbewerber ins Land. Schweden liegt damit für dieses Jahr in der Rangliste der europäischen Asylländer auf Position fünf.
4.1.5 Frankreich
Die Asylantragszahlen in Frankreich lassen sich als eine relativ regelmäßige Wellenbewegung beschreiben. Der Verlauf von 1990 bis 1996 spiegelt den von 1997 bis 2003: Seit dem Höchststand zu Beginn der neunziger Jahre mit rund 55.000 Asylbewerbern sinken die Zahlen beständig, bis 1997 der tiefste Stand des Untersuchungszeitraumes erreicht wird (17.405 Anträge). Dieser Rückgang
geht auf eine Reihe von Restriktionen im Asylrecht zurück. 54 Seit Mitte der neunziger Jahre steigen die Asylantragszahlen wieder und erreichen 2003 etwa die Höhe von 1990 (51.400 Anträge).
Im europäischen Vergleich hat die Asylzuwanderung der neunziger Jahre in Frankreich eine eher unbedeutende Rolle gespielt. Vor allem der Vergleich mit dem Nachbarland Deutschland macht den geringen Flüchtlingszulauf deutlich: Zwischen 1990 und 2001 kamen über zwei Millionen Asylsuchende nach Deutschland, dagegen hatten nur rund 380.000 Flüchtlinge Frankreich als Zieldestination gewählt. Ein Grund für die niedrigen Antragszahlen ist die Tatsache, dass Personen aus osteuropäischen Ländern, die besonders in der ersten Hälfte der neunziger Jahre einen Großteil der Flüchtlinge stellten, eher
54 vgl. Zetter, 2000. S.23.
19
andere Länder heimsuchen. 55 Darüber hinaus wird Frankreich seit Ende der neunziger Jahre zunehmend vom Vereinigten Königreich entlastet; viele Personen verlassen das Land über den Ärmelkanal wieder.
4.1.6 Vereinigtes Königreich
Abb.8: Asylanträge und Schutzgewährung im Vereinigten Königreich
Die Asylmigration im Vereinigten Königreich demonstriert aufgrund beständiger Auf- und Abbewegungen einen relativ speziellen Flüchtlingszulauf. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Antragsteller aus dem ehemaligen Jugoslawien, die das Flüchtlingsgeschehen in Europa deutlich mitbestimmten, im Vereinigten Königreich eine eher untergeordnete Rolle
spielten. 56
Zwar ist auch hier zu Beginn der neunziger Jahre ein Anstieg der Asylzahlen ersichtlich. Jedoch ist diese Zunahme in erster Linie auf Flüchtlingsströme vom afrikanischen Kontinent zurückzuführen. Auf die erste Antragswelle folgt kurze Zeit später ein weiterer, geringerer Flüchtlingsschub und gegen Ende des Jahrzehnts steigen die Zahlen in ein neues europäisches Maximum (bitte die unterschiedliche Skalierung beachten).
Der zeitweilige Rückgang der Asylantragszahlen in den Jahren 1996 und 1997 resultiert aus einer Verschärfung des Asylrechts; der Effekt ist jedoch nur
temporär. 57 2000 registriert das Vereinigte Königreich mit rund 100.000
55 vgl. Currle, 2004. S.104.
56 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.74.
57 vgl. Zetter et al., 2003. S.64.
20
Asylanträgen die höchsten Flüchtlingszahlen in Europa und erreicht damit den höchsten Stand seiner Geschichte. Auch in den Folgejahren bleibt das Vereinigte Königreich das Land mit den höchsten Asylbewerberzahlen, obwohl sie im Jahr 2003 auf rund 61.000 Asylgesuche absinken.
Das Vereinigte Königreich gilt ferner als ‚Sonderfall’, weil es nicht zu den Ländern des Schengener Übereinkommens gehört. Es fängt somit eine hohe Anzahl der Asylbewerber auf, die den Schengener Raum verlassen müssen
(mehr zum Schengener Übereinkommen in Kapitel 7.3.1). 58
4.2 Asylanträge in den Beitrittsstaaten der Europäischen Union
Seit Mitte der neunziger Jahre zeichnet sich in den Beitrittsstaaten der Europäischen Union ein deutlicher Anstieg an Asylbewerbern ab. Am Geringsten fällt der Zuwachs in Estland, Lettland und Litauen aus. Während der relative Anteil der Flüchtlinge zwar auch hier erheblich zunimmt, bleiben die absoluten Zahlen in den baltischen Staaten mit Maximen wie 23, 58 bzw. 320 Asylanträgen äußerst gering.
Ähnlich gestalten sich die Antragsdaten für Malta und Zypern. Auch hier beginnen die Asylzugänge in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts langsam zu
58 vgl. Currle, 2004. S.127.
59 vgl. UNHCR: Asylum Levels and Trends, 2004. S.9.
21
steigen. Mit Beginn des neuen Jahrtausends schnellen sie jedoch wesentlich drastischer in die Höhe. In Malta liegt der Anstieg von 2002 auf 2003 bei 63 Prozent auf 570 Asylsuchende. Zypern verzeichnet einen Zuwachs von 364 Prozent: von 950 Asylbewerbern im Jahr 2002 auf 4.410 im Jahr 2003.
Auch Rumänien und Bulgarien, die erst im Jahr 2007 der EU beitreten werden, registrieren seit Mitte der neunziger Jahre steigende Flüchtlingszahlen. Die rumänische Asylkurve erreicht 2001 ihren Höhepunkt (2.431 Anträge), ein Jahr später meldet auch Bulgarien die höchsten Antragszahlen in der Geschichte des Landes (2.888 Anträge).
Die Flüchtlingslage betreffend ähneln Rumänien und Bulgarien den Staaten, die bereits mit dem 1. Mai 2004 der Europäischen Union angehören. Dies legt die Vermutung nahe, dass der formale Aufnahmeakt in die EU keine Schlüsselrolle spielt. Die Orientierung dieser Länder in Richtung ‚Europäische Union’ könnte für die Wahl der Flüchtlinge hingegen ausschlaggebend sein.
Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und die Slowakei sind die EU-Beitrittsstaaten, die an Länder der ‚Kern-EU’ wie Deutschland bzw. Österreich grenzen. Sie verzeichnen seit Mitte der neunziger Jahre die zahlenstärksten Asylzugänge.
22
4.2.1 Polen
Die Antragszahlen in Polen beginnen in der Mitte der neunziger Jahre merklich zu steigen. Bis auf einen kleinen Einbruch 1999 setzt sich der Aufwärtstrend bis 2003 mit 6.920 Anträgen deutlich fort. Im Vergleich zu den neunziger Jahren ist der Flüchtlingszuwachs im neuen Jahrtausend zwar hoch, die absoluten Asylantragszahlen bleiben jedoch noch äußerst gering.
Die Zunahme der Anträge steht in direkter Verbindung mit den asylpolitischen Veränderungen in Westeuropa. Restriktivere Migrationsbestimmungen und immer effizientere Grenzkontrollen lassen das Land für zahlreiche Flüchtlinge vom ursprünglich geplanten Transit- zum Zielland werden. Seitdem Flüchtlinge aus Polen nach der Drittstaatenregelung an der deutsch-polnischen Grenze nach Polen zurückgeschoben werden können, versuchen zahlreiche dieser Abgeschobenen, in Polen Asyl zu erlangen. Es gilt zudem als
wahrscheinlich, dass sich ein großer Teil weiterhin illegal in Polen aufhält. 60
4.2.2 Ungarn
In Ungarn schnellen die Flüchtlingszahlen erst gegen Ende des vergangenen Jahrzehnts in die Höhe, dafür in wesentlich größerem Ausmaße: Zwischen 1997 und 1998 steigen die Asylanträge von 209 auf 7.097, erreichen mit rund 11.500 Anträgen bereits ein weiteres Jahr später ihr Maximum. Jedoch fallen sie im Jahr 2003 wieder deutlich ab.
60 vgl. Currle, 2004. S.379.
23
Der deutliche Anstieg an Asylantragsstellern ist auch hier in erster Linie auf Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien zurückzuführen: Mehr als ein Drittel aller zwischen 1995 und 2000 gestellten Asylgesuche gehen auf Ange-
hörige der Bundesrepublik Jugoslawien oder Bosnien Herzegowinas zurück. 61
Ungarn war 1989 das erste Land Ostmitteleuropas, das die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnete. Jedoch ist die Anwendung des internationalen Flüchtlingsrechts erst seit 1998 nicht mehr ausschließlich auf aus Europa stammende Flüchtlinge beschränkt. Seither hat sich nicht nur die Anzahl, sondern auch die Zusammensetzung der Flüchtlinge geändert. 2002 waren ca. 88 Prozent aller Asylanträge von Personen außereuropäischer Herkunft gestellt worden, 2003 waren es ca. 75 Prozent. Ungarn ist weiterhin ein wichtiges Transitland bei der Einwanderung in die Europäische Union. Etwa 75 Prozent derjenigen Personen, die versuchen,
illegal auszureisen, sind ehemalige Bewohner von Flüchtlingszentren. 62
4.2.3 Tschechische Republik
Die Tschechische Republik ist das EU-Beitrittsland mit den bisher höchsten Asylantragszahlen. Der rapide Anstieg beginnt zwar erst 1998, übertrifft mit
61 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.103.
62 vgl. Goos, Anna: Standards verbessern. Die ungarischen EU-Beitrittsbestrebungen machten einige Reformen im Bereich der Einwanderungs- und Asylpolitik nötig. In: http://www.auslaender.rlp.de/themen/treff104/104-35-39.html, abgerufen am 5.2.05, 23:38 Uhr. (künftig zitiert. Goos, 2004. S.)
24
18.087 Anträgen im Jahr 2001 jedoch sogar Länder der Kern-EU wie beispielsweise Irland, Italien und Dänemark.
Der Höhepunkt der Asylantragszahlen geht größtenteils auf Flüchtlinge aus Osteuropa zurück. Vor allem Personen aus der Ukraine, Rumänien und der Republik Moldau steuerten Mitte der neunziger Jahre in verstärktem Maße
Tschechien an. 63
Seit dem Jahr 2001 schwächt die Asylzuwanderung zwar wieder ab. Jedoch liegt die Tschechische Republik im gesamten Untersuchungszeitraum europaweit an zwölfter Stelle. Das Land verzeichnete von 1990 bis 2003 somit mehr Asylanträge als manche Länder der Europäischen Union wie beispielsweise Finnland, Irland und Griechenland.
4.3 Die Anerkennungsquoten
Die absoluten Anerkennungszahlen für jedes Land zu analysieren, wäre für diese Arbeit nicht zweckdienlich. Schließlich liegt der Fokus auf der Verteilung, im Sinne eines ‚Ankommens’ der Flüchtlinge in Europa. Die Höhe der Asylbewerber, die tatsächlich im Land bleiben dürfen, stellt gewissermaßen den darauf folgenden Schritt einer Asylmigration dar.
Jedoch können Anerkennungsraten Einfluss auf die Verteilung der später folgenden Flüchtlingskohorten ausüben. Wenn sich herumspricht, dass die Anerkennungsquoten für eine bestimmte Nationalität merklich gesunken sind,
63 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.57f.
25
werden die nächsten Asylsuchenden mit eben dieser Staatsangehörigkeit das
Land möglichst umgehen. 64 Der Rückgang der Asylantragszahlen in Frankreich zu Beginn der neunziger Jahre wird beispielsweise den sinkenden
Anerkennungsquoten für Türken und Angolanern zugesprochen. 65
Das Kriterium ‚Anerkennungsrate’ wird somit viel interessanter, wenn es im Hinblick auf bestimmte Herkunftsländer analysiert wird. Dem Aspekt der herkunftsspezifischen Anerkennungsquoten wird in Kapitel 7.3.2.2 Rechnung getragen. Es kann zwar nicht für alle Asylländer die Anerkennungsquoten von jeder Flüchtlingsnationalität analysiert werden. Es werden jedoch repräsentative Beispiele angeführt.
Auf die absoluten Anerkennungszahlen soll an dieser Stelle folglich nur kurz eingegangen werden: Die Anerkennung eines Asylbewerbers als Konventions-flüchtling stellt den grundlegendsten Flüchtlingsschutz dar. 66 Lediglich in Deutschland wird das Asylrecht nicht nur aufgrund der völkerrechtlichen Verpflichtungen aus der GFK gewährt. Es erhält vielmehr als Grundrecht
Verfassungsrang (Artikel 16a GG IX ). 67 Allerdings wird zunehmend weniger Personen der Status nach der Genfer Flüchtlingskonvention gewährt. Viele Staaten Europas sind im Laufe der achtziger und neunziger Jahre dazu
übergegangen, nur noch ein temporäres Bleiberecht zuzusprechen. 68 Vielen Flüchtlingen ist der Unterschied zwischen den verschienen Anerkennungsformen jedoch nicht bewusst:
„The crucial factor is not the recognition rates themselves, but the chance of
being allowed to stay.“ 69
64 vgl. Neumayer, Eric: What makes some west european countries more attractive than others? In: European Union Politics. Vol.5. No.2/ 2004. S.171. (künftig zitiert: Neumayer, 2004. S.)
65 vgl. Böcker u. Havinga, 1998. S.260.
66 vgl. UNHCR: Genfer Flüchtlingskonvention.
67 vgl. Bundesministerium des Inneren: Asyl und Flüchtlinge. Im Internet: http://www.zuwanderung.de/1_fluechtlinge.html, Stand 2005, abgerufen am 1.4.05, 23:20 Uhr. (künftig: BMI: Asyl und Flüchtlinge, 2005.)
68 vgl. UNHCR: Statistical Yearbook 2001. Refugees, Asylum-seekers and Other Persons of Concern. Trends in Displacement, Protection and Solutions. Statistical Annex. Genf 2002. Im Internet: http://www.ecre.org/factfile/FAQfiles/annexes01.pdf, abgerufen am 8.1.05, 18:59 Uhr.
69 Böcker u. Havinga, 1997. S.62.
26
Somit ist in den Graphiken nicht nur die Anerkennung nach der Genfer Flüchtlingskonvention dargestellt (grün), sondern auch die Schutzgewährung insgesamt, in der die Anerkennung nach der GFK und der humanitäre Schutz zusammengefasst sind (blau).
In allen europäischen Ländern liegen die Zahlen der Anerkennungen weit unter den Asylanträgen. Die Chancen für eine Aufnahme sind „verschwindend
gering“ 70 .
Beim Vergleich von Asylantragszahlen und Anerkennungsraten werden keine Regelmäßigkeiten ersichtlich. In Deutschland schwankt die Anerkennungsrate für den abgebildeten Zeitraum zwischen 6,1 und 26,9 Prozent. Im Jahr 2001 werden mit Abstand die meisten Flüchtlinge anerkannt. Wäre dies ein Attraktivitätsmerkmal für potentielle Asylsuchende, so müssten die Antragszahlen in den Folgejahren steigen. Stattdessen sinken sie von rund
88.300 auf 71.100 und schließlich auf 50.450. XIII
In Frankreich hält sich die Anerkennung von Flüchtlingen relativ stabil bei ca. 17 Prozent. Die französischen Asylantragszahlen hingegen steigen beständig.
70 Holzer, Thomas u. Gerald Schneider: Asylpolitik auf Abwegen. Nationalstaatliche und europäische Reaktionen auf die Globalisierung der Flüchtlingsströme. Opladen 2002. S.17. (künftig zitiert. Holzer u. Schneider, 2002. S.)
71 vgl. UNHCR: Statistical Yearbook 2003. S.49f. / UNHCR: Asylum Applications Lodged in Industrialized Countries: Levels and Trends, 2000-2002. Genf 2003. Im Internet: http://www.unhcr.ch/cgi-bin/texis/vtx/home/+ywwBmejuhgKwwwwnwwwwwwwhFqAIRER fIRfgItFqA5BwBo5Boq5AFqAIRERfIRfgIcFq-elxHnOc1MawppcoqwBodD5el7Ttctn GowD5Dzmxwwwwwww/opendoc.pdf, abgerufen am 2.2.05, 21:05. (künftig zitiert: UNHCR: Asylum Applications 2000-2002, 2003. S.)
27
Die humanitäre Schutzgewährung für Flüchtlinge ist in Schweden mit Abstand am Höchsten: Über die Hälfte der Asylantragsteller durfte 1996 zumindest vorübergehend in Schweden bleiben, 1997 waren es sogar über 62 Prozent. Die Anerkennung nach der Genfer Flüchtlingskonvention ist mit Werten zwischen 1,1 und 2,1 Prozent von 2000 bis 2003 hingegen wesentlich niedriger als bei anderen europäischen Staaten. Auch hier zeigt sich kein Zusammenhang zwischen Anträgen und Anerkennung: Die Antragszahlen nehmen mit kleinen Unterbrechungen beständig zu, die Anerkennungsquote schwankt. Polen als EU-Beitrittsland verzeichnet steigende Flüchtlingszahlen, obwohl die Anerkennungspraxis seit 1998 ausgesprochen rigide ausfällt. 1999 und 2000 wird lediglich zwei Prozent der Asylantragsteller Schutz gewährt. 2001 steigen die Anerkennungsraten wieder, die Antragszahlen folgen unbeirrt ihrem Aufwärtstrend.
4.3 Zwischenfazit
Trotz des deutlichen Rückgangs der Asylanträge seit Mitte der neunziger Jahre bleibt Deutschland das zugangsstärkste Asylland im Untersuchungszeitraum. Rund 37 Prozent aller Asylanträge, die von 1990 bis 2003 in den Ländern der Europäischen Union, den EU-Beitrittsstaaten und in der Schweiz gestellt wurden, registrierten deutsche Behörden. Das Vereinigte Königreich als zweitgrößtes Asylland liegt ganze 23 Prozentpunkte hinter Deutschland. Die
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darauf folgenden Asylländer weisen nur geringe Differenzen in den absoluten Antragszahlen auf. Frankreich und die Niederlande haben acht bzw. sieben Prozent aller Asylbegehren datiert und die Schweiz, die aufgrund ihrer Nicht-Zugehörigkeit zur Europäischen Union in Asyltabellen oft ausgeklammert wird, liegt mit sechs Prozent auf dem vierten Platz. Es folgen Schweden, Belgien, Österreich, Italien und Dänemark.
Wird der Untersuchungszeitraum in zwei Phasen geteilt, wird deutlich, dass die Überrepräsentanz Deutschlands aus der ersten Untersuchungshälfte resultiert.
Über die Hälfte aller Asylgesuche wurden von 1990 bis 1996 in Deutschland gestellt. Das sind rund 41 Prozent mehr Anträge als im zweigrößten Asylland dieser Phase: dem Vereinigten Königreich. Die Plätze zwei bis zehn unterscheiden sich nur um wenige Prozentpunkte voneinander. Es sind die gleichen Länder, die auch für die Gesamtspanne die vorderen Plätze einnehmen, allerdings mit leicht geänderter Reihenfolge. Anstelle von Italien, rangiert nun Spanien auf Platz neun der Hauptasylländer.
In der zweiten Zeitspanne sind die Asylgesuche weitaus gleichmäßiger auf die europäischen Länder verteilt, was bereits durch die Kategorie ‚Sonstige’ zu erkennen ist. Das klassische Hauptaufnahmeland Deutschland liegt zwar auch
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hier noch an erster Stelle, unterscheidet sich aber jedoch nicht mehr erheblich vom Vereinigten Königreich, das um neun Prozentpunkte vorgerückt ist.
Unverändert an dritter Stelle liegt Frankreich, gefolgt von den Niederlanden, der Schweiz, Belgien und Österreich. Schweden verliert vier Plätze und befindet sich nur noch auf Position acht. Italien und Dänemark rangieren wie im Gesamtzeitraum auf den Plätzen neun und zehn.
Durch die Zweiteilung des Untersuchungszeitraumes wird eine Verschiebung in der Rangliste der Hauptasylländer deutlich. Es zeigt sich ein Trend weg von den ‚klassischen Hauptaufnahmeländern’ hin zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Flüchtlinge in Europa. Dennoch sind es in der ersten wie in der zweiten Zeitspanne mit einer Ausnahme die gleichen Staaten, die von Asylsuchenden vornehmlich angezielt werden.
Die EU-Beitrittsstaaten verzeichneten von 1997 bis 2003 einen erheblichen Asylzuwachs. Insgesamt bleibt ihr Anteil an Asylsuchenden jedoch gering. In der Zeitspanne von 1997 bis 2003 befindet sich kein Beitrittsstaat unter den zehn Hauptaufnahmeländern; mit den Antragszahlen der Kern-EU konnten die Beitrittsländer demnach definitiv nicht gleichziehen.
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Jedoch ist die Orientierung dorthin nicht zu ignorieren. Unter den zehn Hauptasylländer für das Jahr 2003 befinden sich bereits zwei neue EU-Staaten: die Tschechische Republik und die Slowakei.
Besonders Beitrittsstaaten mit räumlicher Nähe zur Kern-EU verzeichneten in den vergangenen Jahren einen hohen Asylbewerberanstieg. Die hohen Flüchtlingszahlen lassen eine Entwicklung vom Transit- zum Zielland für Flüchtlinge vermuten.
Jedoch darf nicht vernachlässigt werden, dass viele Flüchtlinge in mehreren Ländern Asyl beantragen und so von Statistiken mehrfach erfasst werden. Dies ist beispielsweise bei Tschetschenen der Fall, die bereits seit 2001 zu den größten Flüchtlingsgruppen in der Tschechischen Republik gehören (sie fallen unter die Kategorie ‚Russische Föderation’). Nach einem Bericht des UNHCR folgen viele tschetschenische Flüchtlinge einer Route von Polen durch die Tschechische Republik nach Österreich - ohne Absicht, in einem der Länder tatsächlich zu bleiben:
„On the contrary, many may have used the asylum system to get to a pre-determined destination other than those listed.“ 72
72 UNHCR: Chechens in the Czech Republic: Seeking Asylum, Temporary Stay or Safe Passage? In: From the foreign land, Heft 20/ 2004. Im Internet: http://www.unhcr.pl/english/ newsletter/20/czechy.php, abgerufen am 9.3.05, 18:33 Uhr. (künftig zitiert: UNHCR: Chechens in the Czech Republic, 2004.)
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In solchen Fällen erledigen sich die Asylanträge folglich von selbst, weil die Antragsteller nach kurzer Zeit wieder aus dem Land ‚verschwinden’. In Ungarn werden auf diese Weise rund 70 Prozent der Anträge und Verfahren
nach wenigen Wochen abgebrochen. 73 Die meisten von ihnen versuchen, illegal auszureisen. 74 Noch höhere Zahlen der illegalen Weiterwanderung treffen auf die Slowakei zu. Darüber hinaus befinden sich alle Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge nahe der westlichen und südlichen
Grenze des Landes. 75
Die Größe des Anteils ‚verschwundener’ Flüchtlinge ist jedoch oftmals schwer ausfindig zu machen. So werden diese Personen z.B. in den polnischen
Asylstatistiken mit den abgewiesenen Asylbewerbern zusammengefasst. 76
5. Asylmigration nach Herkunftsländern
Für die Eruierung der Hauptsendeländer von Asylbewerbern wird im Folgenden jedes Asylland für die Jahre 1990, 1996 und 2003 nach den sechs häufigsten Asylzugängen aufgeschlüsselt. Da die Datenlage der EU-Beitrittsstaaten für die erste Hälfte der neunziger Jahre größtenteils unvollständig ist, werden für diese Länder nur die Zeitabschnitte 1996 und 2003 analysiert.
5.1 Die Herkunft Asylsuchender in der EU und der Schweiz
5.1.1 Deutschland
Bei den Asylzugängen in Deutschland dominiert im Jahr 1990 die Flüchtlingsmigration aus Ost- und Südosteuropa. Über 35.000 Rumänen stellten einen Asylantrag, gefolgt von rund 22.000 Bürgern der Bundesrepublik Jugoslawien.
73 vgl. N.N.: Rüsten für den großen Ansturm. Nachbarländer befürchten, Ziel illegaler Migration zu werden - und treffen Vorkehrungen, in: http://www.wienerzeitung.at/ frameless/eu.htm?ID=M15&Menu=223447, Stand 1.2.05, abgerufen am 16.2.05, 23:56 Uhr.
74 vgl. Goos, 2004. S.2.
75 vgl. Kunze, Martin: Vom Transit- zum Zielland? Wien 2004. S.4. Im Internet: http://www.auslaender.rlp.de/themen/treff204/204-13-22.html, abgerufen am 11.01.05, 23:50 Uhr. (künftig zitiert: Kunze, 2004. S.)
76 vgl. UNHCR: Asylum Seekers from Russian Federation in Poland. Statistical Information -2004. Im Internet: www.unhcr.pl/files/250/chechens-2004stat.doc, abgerufen am 4.3.05, 21:11 Uhr.
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Abb.18: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Deutschland 1990 77 (193.063)
Aufgrund der Anwerbeverträge von Gastarbeitern Ende der 60er Jahre hatten sich in Deutschland Soziale Netzwerke von Bürgern aus Jugoslawien gebildet. Die Einwanderung dieser Bevölkerungsgruppe begann deshalb bereits vor dem
Ausbruch des jugoslawischen Bürgerkrieges. 78
Ebenfalls durch die Präsenz von Landsleuten in Deutschland positiv beeinflusst waren die Flüchtlinge aus der Türkei. Türkische Bürger bleiben den gesamten Untersuchungszeitraum hindurch eine der Hauptflüchtlingsgruppen mit einem überproportional hohen Anteil an kurdischen Antragstellern (konstant über 80
Prozent in den neunziger Jahren). 79
Wie in der Schweiz, den Niederlanden und Schweden stellen Asylsuchende aus dem Libanon einen großen Flüchtlingsanteil. Die zahlreichen vietnamesischen Antragssteller sind in erster Linie ehemalige Vertragsarbeitsnehmer der DDR,
die nun um politisches Asyl in der vereinigten Bundesrepublik suchen. 80 Die Einwanderung von Vietnamesen verzeichnet sonst nur Frankreich bei den Hauptasylgruppen, während polnische Flüchtlinge auch andere europäische Staaten ansteuern.
Neben der quantitativen Abnahme der Asylanträge um rund ein Viertel findet in Deutschland zwischen 1990 und 1996 eine Verschiebung der Sendestaaten in Richtung Asien statt. Zwar dominieren noch immer die Flüchtlinge aus dem
77 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.61. Die folgenden Graphiken der Hauptherkunftsländer von Flüchtlingen für die Jahre 1990 und 1996 beziehen sich auf diese Quelle.
78 vgl. Bade u. Oltmer, 2004. S.72.
79 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.61f.
80 vgl. Currle, 2004. S.48.
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ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Jedoch sind mit dem Irak, dem Iran, Afghanistan und Sri Lanka vier neue asiatische Sendeländer hinzugekommen.
Abb.19: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Deutschland 1996 (149.157)
Rumänien, das 1990 noch den größten Flüchtlingsanteil stellte, befindet sich inzwischen unter ‚Sonstige’. Aufgrund der Klassifizierung Rumäniens als ‚Sicheres Herkunftsland’ im Rahmen des Asylkompromisses von 1993, haben
1996 nur noch 2.105 Rumänen in Deutschland einen Antrag gestellt. 81 Das sind rund 33.000 weniger als 1990 und ihr Anteil schwindet in den kommenden Jahren merklich weiter.
Abb.20: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Deutschland 2003 82 (50.450)
2003 beantragen nur noch 50.450 Flüchtlinge in Deutschland Asyl, dies ist lediglich ein Drittel der Zahlen von 1996. Damit hat Deutschland seinen Spitzenrang unter den europäischen Asylländern eingebüßt und liegt nun hinter dem Vereinigten Königreich und Frankreich an dritter Stelle.
81 vgl. Zetter et al., 2003. S.27.
82 vgl. UNHCR: Asylum Levels and Trends, 2004. S.25 Die folgenden Graphiken der Hauptherkunftsländer von Flüchtlingen für das Jahr 2003 beziehen sich auf diese Quelle.
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Die meisten Asylanträge dieses Jahres stammen von Türken. Aus dem ehemaligen Jugoslawien kommen noch rund zehn Prozent der Asylbegehren. Diese Flüchtlinge sind hauptsächlich Albaner, deren Flucht durch die Konflikte im Kosovo ausgelöst wurde. Der Irak liegt als Sendeland unverändert auf Position drei. Zum ersten Mal sind die Russische Föderation und China in der Rangliste der Hauptherkunftsländer vertreten. Diese Flüchtlingsgruppen finden sich auch in anderen europäischen Staaten wieder.
5.1.2 Niederlande
Zu Beginn der neunziger Jahre liegt die Zahl der Asylsuchenden in den Niederlanden stets bei rund 20.000 Personen. Da in den Niederlanden aufgrund der langen und diversifizierten Zuwanderungstradition Netzwerke verschiedenster Zuwanderungsgruppen bestehen, ist das Land bei ausbrechenden
Konflikten im Herkunftsland ein bevorzugtes Ziel von Asylsuchenden. 83
Abb.21: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in den Niederlanden 1990 (21.208)
1990 ähneln die Herkunftsregionen der Niederlande denen des Vereinigten Königreiches. Aus Sri Lanka und Somalia kommen in etwa gleich viele Flüchtlinge in beide europäische Länder. Aufgrund seiner geographischen Lage sind die Niederlande überdies Anlaufstelle von Flüchtlingen aus Rumänien und Polen. Während des gesamten Untersuchungszeitraumes kommt
ein großer Teil der iranischen Flüchtlinge in Europa in die Niederlande, 84 1990 ist der Iran Sendeland Nummer drei. Zusammen mit Deutschland, Schweden
83 vgl. Currle, 2004. S.184.
84 vgl. Koser, Khalid: Social Networks and the Asylum Cycle: The Case of Iranians in the Netherlands. In: International Migration Review. Vol.31. Heft 3/ 1997. S.592. (künftig zitiert: Koser, 1997. S.)
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und der Schweiz registrieren die Niederlande einen Großteil der Antragsteller aus dem Libanon.
Abb.22: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in den Niederlanden 1996 (22.857)
In den letzten Jahren des vergangenen Jahrzehnts hat die Verschärfung der Situation beispielsweise im Irak, im Kosovo und in Afghanistan zu einem erneuten Anstieg der Asylanträge in den Niederlanden geführt. Bereits 1996 zeichnen sich steigende Antragszahlen von Flüchtlingen asiatischer Herkunft ab.
Während die Anzahl srilankischer Migranten um über 50 Prozent abgenommen hat (von über 3.000 im Jahr 1990 auf rund 1.500 im Jahr 1996), sind die Asylantragszahlen von Personen aus Somalia weitestgehend konstant geblieben. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Anzahl von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien in den Jahren 1990 und 1996 gering: Asylanträge von Bosniern machen 1996 nur rund vier Prozent aus.
In den neunziger Jahren insgesamt haben Asylbewerber aus dem ehemaligen Jugoslawien mit fast einem Fünftel aller Anträge eine klare Spitzenstellung eingenommen. Allerdings war deren Zahl starken Schwankungen unterworfen - was erklärt, warum die Querschnittsgraphiken für 1990 und 1996 die hohen Antragszahlen nicht wiedergeben. Besonders nach 1995 gingen die Flüchtlingszahlen stark zurück und spielten erst wieder mit dem Kosovo-Konflikt eine entscheidende Rolle.
Zeitgleich mit dem Abschwächen der Flüchtlingswelle vom Balkan haben sich zwei ‚neue’ Herkunftsländer an die Spitze geschoben: der Irak und Afghanistan.
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Abb.23: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in den Niederlanden 2003 (13.402)
Sieben Jahre später hat sich das Flüchtlingsaufkommen in den Niederlanden deutlich dezimiert, mit 13.402 Asylanträgen verzeichnet das Land rund 10.000 Flüchtlinge weniger als 1996.
Die Sendeländer sind dagegen weitestgehend gleich geblieben: Rund ein Viertel aller Asylgesuche wird 2003 von Irakern gestellt, aus dem Iran und Afghanistan kommen rund je vier Prozent aller Flüchtlinge. Weiterhin stammt ein Großteil der Flüchtlinge aus Somalia. ‚Neu’ unter den größten Flüchtlingsgruppen sind in diesem Jahr Asylsuchende aus Liberia und der Türkei mit je rund drei Prozent. Ihre absolute Anzahl ist jedoch sehr gering (441 und 414 Asylanträge).
Im Vergleich zu 1990 hat der prozentuale Anteil ‚sonstiger Flüchtlinge’ deutlich zugenommen: Mit 57 Prozent weist er auf eine Diversifizierung der Herkunftsstaaten in den Niederlanden hin.
5.1.3 Schweiz
Die gesamten Asylbewegungen in der Schweiz sind größtenteils auf die Entwicklung der jugoslawischen Flüchtlingsströme zurückzuführen; nach Deutschland ist die Schweiz das wichtigste Zielland jugoslawischer Asyl-
suchender. 85
Zu Beginn der neunziger Jahre waren die Asylbewerberzahlen in der Schweiz besonders hoch. Nicht nur durch den Beginn des jugoslawischen Bürgerkrieges, sondern auch durch die generell hohe Asylzuwanderung nach Mittel-
85 vgl.Efionayi-Mäder et al., 2001. S.45.
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und Westeuropa erreichten die Zahlen ein hohes Niveau (1991 verzeichnet die
Schweiz 41.629 Asylanträge). 86
Abb.24: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in der Schweiz 1990 (25.836)
Der Querschnitt durch die Hauptherkunftsländer für das Jahr 1990 legt im Grunde vier Hauptherkunftsländer offen: Flüchtlinge aus der Türkei, der Bundesrepublik Jugoslawien, dem Libanon und Sri Lanka stellen rund zwei Drittel aller Asylanträge. Hierbei zeigt sich erneut, welch große Rolle persönliche Bindungen bei internationalen Wanderungen spielen. Von den sechziger bis in die achtziger Jahre rekrutierte die Schweiz Hunderttausende von Saisonniers in Jugoslawien, die sich im Verlauf der Jahre im Land niederließen. Noch vor Kriegsausbruch kamen viele jugoslawische Flüchtlinge
in das Land, in dem sie Verwandte und Bekannte wähnten. 87 Auch der zu diesem Zeitpunkt noch größere Anteil türkischer Flüchtlinge ist auf diese Bindungen zurückzuführen. Die Flüchtlingsbewegungen aus dem Libanon, Sri Lanka, Indien und Rumänien verzeichnen mit der Schweiz auch andere europäische Staaten. Im Gegensatz zum Nachbarland Deutschland ist der Anteil asiatischer Asylsuchender wesentlich höher.
1996 wird die Schweiz mit wesentlich weniger Asylmigration konfrontiert, mit 17.021 registrierten Asylbewerber haben die Anträge um rund ein Drittel abgenommen.
Das Migrationsgeschehen ist besonders von den Konflikten am Balkan bestimmt: 42 Prozent der Asylanträge stammen von Flüchtlingen aus dem
86 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.72.
87 vgl. Currle, 2004. S.342.
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ehemaligen Jugoslawien. Damit ist die Schweiz nach Deutschland das wichtigste Ziel jugoslawischer Asylsuchender.
Abb.25: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in der Schweiz 1996 (17.021)
Srilankische Asylbewerber stellen mit rund elf Prozent noch immer einen großen Flüchtlingsanteil, stark zurückgegangen ist dagegen die Zwangsmigration aus der Türkei (von 7.300 auf rund 1.300 Asylbewerber). Neu bei den Herkunftsländern sind Somalia und die Demokratische Republik Kongo. Einher mit der quantitativen Abnahme der Flüchtlingszahlen geht eine Zunahme des Abschnittes ‚Sonstige’. Auch in der Schweiz findet folglich eine Diversifizierung der Herkunftsländer statt.
Abb.26: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in der Schweiz 2003 (21.050)
Sieben Jahre später, hat sich der Anteil ‚Sonstige’ mit 59 Prozent beinahe verdoppelt. Die Hauptherkunftsländer haben inzwischen nur noch einen relativ geringen Anteil am Flüchtlingsgeschehen: Rund 18 Prozent der Flüchtlinge kommen weiterhin aus dem ehemaligen Jugoslawien. Diese hohe Zahl steht in direktem Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt. Nur gering zugenommen hat der Anteil türkischer Asylmigranten (1996:1.300, 2003: 1.700). Zum ersten
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Mal in Erscheinung treten Flüchtlinge aus dem Irak, Georgien und Algerien. Irakische Asylsuchende verzeichnen derweil fast alle EU-Staaten, während algerische Flüchtlinge sonst nur noch Frankreich ansteuern. Georgien als eines der Hauptherkunftsländer verzeichnen neben der Schweiz nur die EU-Beitrittsländer Ungarn und die Tschechische Republik (und in etwas geringem Ausmaße auch Österreich), was die geographischen Nähe als Begründung für die Präsenz dieser Flüchtlinge nahe legt.
5.1.4 Schweden
Die Herkunftsländer von Asylsuchenden in Schweden verändern sich zwischen 1990 und 2003 nur wenig. Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und Somalia sind über den gesamten Zeitraum unter den häufigsten Sendeländern. Auch der Iran und der Irak sind überdurchschnittlich vertreten.
Abb.27: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Schweden 1990 (29.420)
1990 stellen vor allem Iraner und Libanesen einen Asylantrag in Schweden. Wie Deutschland, die Niederlande, die Schweiz und Frankreich verzeichnet das Land ferner einen hohen Anteil an rumänischen Flüchtlingen. Auch Asylbewerber aus Somalia kommen nicht nur nach Schweden (siehe Vereinigtes Königreich und die Niederlande). Es zeichnet sich bereits die 1992 stattfindende Massenflucht von Jugoslawen ab, rund 2.300 Personen aus der Bundesrepublik Jugoslawien kommen nach Schweden (zwei Jahre später sind es fast 70.000).
Wie in Deutschland und der Schweiz hängt die hohe jugoslawische Zuwanderung mit der Anwerbung jugoslawischer Gastarbeiter in den siebziger Jahren zusammen.
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Abb.28: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Schweden 1996 (5.753)
Sechs Jahre später sind die Asylantragszahlen in Schweden merklich gesunken: Nur noch rund 5.800 Flüchtlinge suchen in dem skandinavischen Land Asyl, das ist nur noch ein Fünftel der Zahlen von 1990. Der Irak liegt in der Rangliste der Herkunftsländer an erster Stelle, mit über 1.500 Anträgen stellen Irakis fast ein Drittel aller Asylbegehren. Zwangsmigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien sind zwar im Verhältnis noch stark vertreten, das Flüchtlingsaufkommen insgesamt ist jedoch weit zurückgegangen. Nur noch 363 Personen aus der Bundesrepublik Jugoslawien und 262 aus Bosnien Herzegowina stellen einen Antrag. Auch kommen weniger Flüchtlinge aus Somalia und dem Iran. An sechster Stelle liegen russische Asylanträge mit rund vier Prozent.
Abb.29: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Schweden 2003 (31.360)
2003 liegen die schwedischen Asylantragszahlen wieder wesentlich höher, mit 31.360 Asylgesuchen ist das Ausmaß in etwa mit dem von 1990 (29.420) vergleichbar. Die Flüchtlingsmigration aus den Konfliktregionen des ehemaligen Jugoslawien hat sich inzwischen an die erste Stelle geschoben. Unter den
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Asylanträgen aus Serbien Montenegro befindet sich ein großer Anteil Kosovo-Albaner.
Auch die absoluten Zahlen irakischer Asylgesuche sind gestiegen, wenn auch der Irak nur noch an dritter Stelle der Hauptsendeländer liegt. Eine Flüchtlingsgruppe, die in Schweden häufiger aufkommt, als in anderen europäischen Staaten ist die der ‚Staatenlosen’. Weiterhin an sechster Stelle, jedoch mit wesentlich mehr Asylgesuchen als 1996, befinden sich Flüchtlinge aus der Russischen Föderation.
5.1.4 Frankreich
Die Herkunftsstaaten Asylsuchender in Frankreich sind 1990 relativ gleichmäßig auf die Kontinente Europa, Asien und Afrika aufgeteilt. Rund 20 Prozent der Flüchtlinge kommen aus der Türkei, die weiteren fünf Sendestaaten stellen in etwa zu gleichen Anteilen die Demokratische Republik Kongo, Mali, Rumänien, Vietnam und Angola.
Abb.30: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Frankreich 1990 (54.813)
Mit Mali und Vietnam sind zwei ehemalige französische Kolonien unter den Herkunftsländern. Die demokratische Republik Kongo stand zwar unter belgischer Kolonialherrschaft, Amtsprache ist dort aber bis dato französisch. Dies lässt vermuten, dass der Faktor Landessprache ein Attraktivitätskriterium bei der Wahl eines Asyllandes ist.
Sechs Jahre später liegt die Asylmigration nach Frankreich auf dem tiefsten Stand des zu untersuchenden Zeitraumes: Nur noch rund 17.400 Asylsuchende werden erfasst. Fast ein Viertel der Flüchtlinge stammt aus Rumänien. Es
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scheint, als wäre der rumänische Asylstrom aufgrund der Verschärfungen im deutschen und österreichischen Asylrecht nach Frankreich umgeleitet worden (in Deutschland und Österreich war Rumänien 1990 noch Herkunftsland Nummer Eins, 1996 aber fast gänzlich von der Liste der Sendeländer verschwunden).
Abb.31: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Frankreich 1996 (17.405)
China, Sri Lanka und die Bundesrepublik Jugoslawien erscheinen das erste Mal unter den Sendeländern in Frankreich. Mit nur vier Prozent ist der Anteil von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien verhältnismäßig gering. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat die jugoslawische Flüchtlingsmigration aufgrund geringer Migrationsbeziehungen zwischen den beiden Re-
gierungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt. 88 Inzwischen ist unter den Hauptherkunftsstaaten keine ehemalige französische Kolonie mehr aufzufinden. Im Gegensatz zu anderen Staaten hat sich der Abschnitt ‚Sonstige’ von 1990 bis 1996 geringfügig minimiert.
Abb.32: Hauptherkunftsländer Asylsuchender Frankreich 2003 (51.400)
88 vgl. Currle, 2004. S.106.
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2003 hat sich das Bild erneut gewandelt: Die Asylantragszahlen befinden sich auf hohem Niveau, mit 51.400 Asylanträgen erreichen sie fast das Maximum von 1990. Die drei Hauptsendeländer Türkei, China und die Demokratische Republik Kongo sind bereits in den vergangen Jahren präsent gewesen. Mit Algerien und Mauretanien sind erneut zwei ehemalige französische Kolonien unter den Ursprungsländern. Den Anstieg von Flüchtlingen aus der Russischen Föderation teilt sich Frankreich mit anderen europäischen Staaten. Im Gegensatz zu 1996 ist der Abschnitt ‚Sonstige’ um 14 Prozentpunkte angewachsen, was dem europäischem Trend der Diversifizierung der Herkunftsländer entspricht.
5.1.6 Vereinigtes Königreich
Das Migrationsgeschehen des Vereinigten Königreiches ist durch seine koloniale Vergangenheit geprägt. So kamen in den neunziger Jahren hauptsächlich Flüchtlinge aus Afrika und Asien ins Empire, während Deutschland beispielsweise vor allem osteuropäische Flüchtlinge registrierte.
Abb.33: Hauptherkunftsländer Asylsuchender im Vereinigtes Königreich 1990 (26.205)
1990 sind die Herkunftsstaaten bereits deutlich diversifiziert. Haupt-herkunftsland ist Sri Lanka mit rund 13 Prozent der Asylgesuche. In etwa gleich viele Flüchtlinge kommen aus der Demokratischen Republik Kongo, aus Äthiopien, Somalia, Uganda und Angola. Damit sind die Sendeländer relativ speziell. Es lassen sich lediglich Ähnlichkeiten mit den Niederlanden und Frankreich ausfindig machen, äthiopische Flüchtlinge finden sich auch in
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Schwedens Migrationsstatistik wieder. Mit Sri Lanka, Somalia und Uganda stammt ein Großteil der Asylmigranten aus ehemaligen Kolonialgebieten.
Abb.34: Hauptherkunftsländer Asylsuchender im Vereinigtes Königreich 1996 (29.640)
Sechs Jahre später haben sich die Hauptherkunftsregionen einer deutlichen Wandlung unterzogen: Nigeria, Indien, Somalia, Pakistan, die Türkei und die Russische Föderation stellen - ungefähr zu gleichen Teilen - die meisten Asylbewerber in diesem Jahr.
Erneut fällt die koloniale Vergangenheit ins Gewicht, die ersten vier der Hauptherkunftsländer sind Nachfolgestaaten ehemaliger britischer Kolonien. Mit der Türkei und Russland reiht sich das Vereinigte Königreich in die Hauptherkunftsregionen anderer europäischer Länder ein. Der Abschnitt ‚Sonstige’ ist um fast 20 Prozent auf 64 angestiegen - Zeichen dafür, dass zunehmend verschiedene Asylgruppen die Insel ansteuern.
Abb.35: Hauptherkunftsländer Asylsuchender im Vereinigtes Königreich 2003 (61.050)
2003 hat sich die Anzahl der Asylbewerber mehr als verdoppelt, das Vereinigte Königreich nimmt in diesem Jahr europaweit die meisten Asylbewerber auf.
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Mittlerweile ist das Land der wichtigste Aufnahmestaat der somalischen Migrationsbewegungen. Wie in Deutschland und der Schweiz ist der Irak ein weiteres Hauptsendeland. Zahlreiche Antragsteller kommen ferner aus China, Zimbabwe, dem Iran und der Türkei.
Dabei weisen die Sendestaaten Somalia, Irak und Zimbabwe wieder eine historische Verbindung mit dem Vereinigten Königreich auf. Trotz des Anstiegs des Flüchtlingsvolumens ist der Abschnitt ‚Sonstige’ erneut größer geworden. Die hohen Flüchtlingszahlen lassen sich also nicht auf den Zuwachs einer oder einiger weniger Asylgruppen zurückführen. Asylbewerber aus unterschiedlichen Sendeländern kommen verstärkt in das Vereinigte Königreich. In keinem anderen Land ist der Anteil ‚Sonstige’ so hoch wie hier.
5.2 Die Herkunft Asylsuchender in den EU-Beitrittsstaaten
Bei den ausgewählten EU-Beitrittsstaaten können nur die Jahre 1996 und 2003 näher beleuchtet werden. Die Begründung dafür liegt in der überwiegend unzureichenden Datenlage. Zum Einen sind für die erste Hälfte der neunziger Jahre oftmals gar keine Angaben über die Höhe der Asylanträge vorhanden (dies gilt besonders für die baltischen Staaten sowie für Slowenien, Zypern, Bulgarien und Rumänien). Zum Anderen sind die Asylantragszahlen entweder noch so gering (z.B. in der Slowakei, auf Malta und in Ungarn) bzw. nicht nach Herkunftsstaaten aufgeschlüsselt (Polen und Ungarn), sodass sie für eine
Analyse ungeeignet sind. 89
5.2.1 Polen
Die Hauptsendeländer von Flüchtlingen in Polen liegen ausnahmslos östlich des Landes. Zwangsmigranten aus Sri Lanka, Afghanistan, Irak und Indien sind zu diesem Zeitpunkt auch in anderen europäischen Staaten präsent. Asylanträge von Flüchtlingen aus Armenien und Bangladesh, die hier Rang vier und sechs der Hauptsenderegionen belegen, sind jedoch weitestgehend spezifisch.
89 vgl. International Centre for Migration Policy Development: Asylum Applications in EU-Candidate Countries. A Genereal Overview over the Period 1990-2001, with an analysis of trends in the years 1999-2001. Wien 2002. S.1.
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Abb.36: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Polen 1996 (3.205)
Seitdem, wie bereits angedeutet, Flüchtlinge aus Polen nach der Drittstaatenregelung an der deutsch-polnischen Grenze zurückgeschoben werden können, versuchen zahlreiche dieser Abgeschobenen, in Polen Asyl zu erlangen. Dies müsste bewirken, dass sich die Herkunftsländer von Asylsuchenden in Deutschland und Polen weitestgehend ähneln. Ein Vergleich der beiden Staaten gibt dieser Vermutung Recht: Polen und Deutschland registrieren beide besonders viele Flüchtlinge aus Sri Lanka, Afghanistan und dem Irak. Allerdings sind die Flüchtlingszahlen in Polen mit rund 3.300 Anträgen insgesamt noch sehr niedrig.
Abb.37: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Polen 2003 (6.920)
2003 hat sich das Flüchtlingsaufkommen in Polen mehr als verdoppelt, bleibt mit knapp 7.000 Anträgen jedoch auf niedrigem Niveau. Auffällig ist dabei der überdimensional große Anteil von Flüchtlingen aus der Russischen Föderation,
der in erster Linie aus den Konflikten in Tschetschenien resultiert. 90 Afghanistan, Indien und Armenien befinden sich weiterhin unter den Haupt-
90 vgl.UNHCR: Chechens show no interest in Poland, 2004.
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sendeländern. Mit Pakistan und der Ukraine sind zwei neue östlich gelegene Staaten unter den Herkunftsregionen.
Für 2003 sind erstaunlicherweise praktisch keine Parallelen mit Deutschland vorhanden: Lediglich Flüchtlinge aus der Russischen Föderation haben beide Staaten gemein.
5.2.2 Ungarn
Abb.38: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Ungarn 1996 (667)
1996 befindet sich die Flüchtlingsmigration in Ungarn noch auf verschwindend geringem Niveau. Die Flüchtlinge kommen aus den Krisengebieten der Zeit: aus dem Irak, Afghanistan, der Bundesrepublik Jugoslawien und der Türkei. Zusammen mit den Niederlanden verzeichnet Ungarn einen relativ hohen Anteil an Flüchtlingen aus Liberia.
Abb.39: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Ungarn 2003 (2.400)
2003 ist das Flüchtlingsvolumen in Ungarn fast dreimal so hoch wie 1996, jedoch ist die Asylantragskurve in diesem Jahr wieder im Sinken begriffen
48
(Maximum war 1999 mit 11.500 Asylanträgen). Im europaweiten Vergleich sind die Asylantragszahlen noch sehr niedrig.
Alle Herkunftsländer von Flüchtlingen liegen östlich bzw. südöstlich von Ungarn. Mit der Anwendung der Genfer Flüchtlingskonvention auf auch nichteuropäische Flüchtlinge setzten 1997 Flüchtlingsbewegungen aus Asien und Afrika ein und haben bis dato Bestand: Bis auf die Türkei liegen alle Hauptherkunftsländer für das Jahr 2003 in Asien.
5.2.3 Tschechische Republik
Abb.40: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Tschechien 1996 (2.156)
Im Gegensatz zu Polen und Ungarn stammen 1996 die meisten Asylsuchenden in der Tschechischen Republik aus Osteuropa. Bulgarien und Polen machen rund 70 Prozent der gesamten Asylmigration aus. Die weiteren Flüchtlingsgruppen, die zahlenmäßig äußerst gering sind, hat Tschechien mit anderen EU-Beitrittsländern weitestgehend gemein: Sie stammen aus östlich gelegenen Staaten wie Afghanistan, Irak, Armenien und der Russischen Föderation.
Abb.41: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in Tschechien 2003 (11.390)
49
Bis 2003 haben die Flüchtlingszahlen in der Tschechischen Republik rasant zugenommen, mit 11.390 Anträgen hat sich die Anzahl innerhalb von sieben Jahren mehr als verfünffacht. Der Anstieg geht vornehmlich auf russische und ukrainische Asylbewerber zurück. Weitere Flüchtlingskohorten kommen aus dem Nachbarland Slowakei, aus China, Vietnam und Georgien. Tschechiens Hauptherkunftsstaaten von Flüchtlingen ähneln damit den deutschen. Flüchtlinge aus der Russischen Föderation, China und Vietnam spiegeln sich in beiden Asylstatistiken wider.
An dieser Stelle soll erneut das Problem der Mehrfachanträge Erwähnung finden. Flüchtlinge stellen oftmals in Ländern einen Asylantrag, obwohl dort gar keine Bleibe-Absichten bestehen. 2002 sah es zwar noch so aus, als würden viele Flüchtlinge Polen und die Tschechische Republik als Zielland ansteuern: „More asylum seekers remained in the country during the processing of their
asylum claims than was the case in 2001.“ 91 2003 wurden jedoch erneut viele ‚verschwundene’ Flüchtlinge registriert. Sie waren meist illegal weitergewan-
dert. 92
5.3 Zwischenfazit
Abb.42: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in EU und Schweiz 1990 (437.749) XV
Die Zusammensetzung der Asylsuchenden gestaltete sich in Europa heterogen.
91 UNHCR: Central Europe and the Baltic States. In: Global Report 2002. S. 414. Im Internet: http://www.unhcr.ch/cgi-bin/texis/vtx/home/+EwwBme4Ca+KwwwwtwwwwwwwhFqhT0yfEtFqnp1xcAFqhT0yfEcFq ewD1OMdGnaw5Oc1Ma5nnAnG5aGnMwoDnmaoDaBrnaqd1DBGOam1GoDtaBrnapGdqn5 5oDtelX3qmxwwwwwww/opendoc.pdf, abgerufen am 10.3.05, 17:14 Uhr.
92 vgl. UNHCR: Chechens in the Czech Republic, 2004.
50
Im Jahr 1990 stellen mit 14 Prozent aller Asylgesuche Rumänen die größte Flüchtlingsgruppe in der EU und der Schweiz. Unter den sechs häufigsten Asylzugängen liegen ferner die Türkei, die Bundesrepublik Jugoslawien, Afghanistan, Sri Lanka und der Iran.
Die Querschnittsuntersuchungen der europäischen Länder haben gezeigt, dass die Flüchtlingszusammensetzung von Land zu Land verschieden und auch inner-staatlich sehr diversifiziert ist.
Mit Ausnahme von Amerika haben Flüchtlinge aus allen Kontinenten Europa heimgesucht. Die Flüchtlingsbewegungen aus Europa stammen 1990 hauptsächlich aus dem Osten und Südosten. Rumänien ist mit Ausnahme vom Vereinigten Königreich und Griechenland in allen EU-Staaten und der Schweiz unter den häufigsten Asylzugängen. Europäische Migranten stammen ferner aus der Türkei, Polen und Bulgarien. Länder, in denen bereits ausgeprägte Soziale Netzwerke von Jugoslawen bestehen (wie Deutschland, die Schweiz, Österreich, Finnland und Schweden) werden bereits 1990 Ziel von jugoslawischen Asylsuchenden.
Die afrikanischen Flüchtlingsbewegungen gingen in erster Linie von Angola, der Demokratischen Republik Kongo und Äthiopien aus. Weitaus mehr Flüchtlinge kamen 1990 aus Asien: Aus dem Libanon, Sri Lanka, Irak und Iran und in geringerem Maße aus Indien, Vietnam und Pakistan.
Abb.43: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in EU und Schweiz 1996 (325.607)
Sechs Jahre später hat sich das Migrationsvolumen um rund ein Viertel reduziert. Es ist weiterhin von den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien geprägt: Rund ein Fünftel aller Asylanträge stammt von Jugoslawen oder Bosniern - dabei haben, wie bereits angedeutet, viele Flüchtlinge aus dem
51
ehemaligen Jugoslawien gar keinen Asylantrag gestellt. Die Türkei befindet sich 1996 unverändert an zweiter Stelle. Als Herkunftsland neu und gleich an dritter Position liegt der Irak. Weiterhin kommen viele Asylsuchenden aus Rumänien, im Vergleich zu 1990 sind es jedoch wesentlich weniger. Auch die Flüchtlingsbewegungen aus Sri Lanka sind abgeschwächt.
Flüchtlinge aus dem Irak, aus Sri Lanka, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien sind bei fast allen Ländern 1996 unter den häufigsten Herkunftsstaaten zu finden. Rumänische Asylbewerber ballen sich dagegen nur in Frankreich, Spanien, Irland und Belgien. Generell zeichnet sich 1996 eine Verschiebung der Herkunftsländer von Europa nach Asien ab.
2003 hat die Zahl der Flüchtlinge in Europa erneut abgenommen. Die meisten Asylantragsteller stammen weiterhin aus dem ehemaligen Jugoslawien: Insgesamt rund 22.000 Flüchtlinge aus Serbien Montenegro, in erster Linie Kosovo-Albaner, suchten in der EU und der Schweiz um Asyl.
Abb.44: Hauptherkunftsländer Asylsuchender in EU und Schweiz 2003 (298.099)
Wie bereits in den Vorjahren bleibt die Türkei 2003 eine der Hauptherkunftsregionen. Gleiches gilt für den Irak, mit rund 21.500 Asylantragstellern unterscheidet sich der irakische Flüchtlingsanteil nur geringfügig von den Zwangsmigranten aus Serbien Montenegro und der Türkei. Zum ersten Mal taucht die Russische Föderation unter den Sendestaaten auf. Dies ist in erster Linie auf den hohen Anstieg von russischen Flüchtlingen in Österreich, Deutschland und Frankreich zurückzuführen. In der
52
Europäischen Union stieg der Anteil russischer Asylbewerber um 34 Prozent,
in ganz Europa ging ihre Anzahl um 73 Prozent hinauf. 93 China und Nigeria, auf Position fünf und sechs der Herkunftsregionen, werden ebenfalls zum ersten Mal verzeichnet: Chinesische Flüchtlinge kommen in erster Linie nach Deutschland, Frankreich und in das Vereinigtes Königreich. Der Asylzuwachs aus Nigeria erklärt sich aus einem drastischen Anstieg in Irland, Spanien, Griechenland und Österreich.
Die Herkunft Asylsuchender in den EU-Beitrittsländern unterscheidet sich nicht eklatant von Flüchtlingen in den Kern-EU-Staaten. Für das Jahr 2003 sind insbesondere Parallelen zwischen der Tschechischen Republik und Deutschland auszumachen. Lediglich der relative Anteil von Flüchtlingen aus östlich gelegenen Ländern (Armenien, Ukraine, Russische Föderation, Georgien, etc.) ist in den Beitrittsstaaten höher.
Die genaue Route eines Flüchtlings vom Ursprungsland zur Zieldestination auszumachen, ist eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Durch einen Vergleich der Hauptherkunftsländer von Flüchtlingen in den Staaten Europas kann jedoch eine ungefähre Vorstellung über die Fluchtrichtung gewonnen werden. Aus der Russischen Föderation beispielsweise kommen 2003 zahlreiche Flüchtlinge nach Europa. Besonders hohe Asylantragszahlen registrieren dabei die Staaten der Kern-EU (Deutschland, Österreich, Frankreich, Schweden) und die daran angrenzenden Beitrittsstaaten (Polen, die Tschechische Republik und die Slowakei). Ungarn, Rumänien und Bulgarien hingegen, die teilweise dichter an der Herkunftsregion, jedoch weiter weg von der Kern-EU liegen, weisen praktisch keine Asylmigration aus der Russischen Föderation auf. Dies lässt mutmaßen, dass bei diesen Flüchtligen nicht primär „to reach a place
of safety“ 94 angestrebt wird bzw. dass dieses eigentliche Hauptziel einer Zwangsmigration anders ausgelegt werden muss: Wenn schon die Entscheidung für eine langfristige Ausreise gefällt ist, wird im ‚allersichersten’ Staat ein
93 vgl. UNHCR: Industriestaaten verzeichneten 2003 weniger Asylanträge. Im Internet: http://www.unhcr.at/index.php/cat/17/aid/1399, Stand 24.2.04, abgerufen am 22.11.04, 18:44 Uhr.
94 Robinson, Vaughan u. Jeremy Segrott: Understanding the decision-making of asylum seekers. Home Office Research Study 243. Home Office Research, Development and Statistics Directorate. July 2002. S. 7. Im Internet: http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs2/hors243.pdf, abgerufen am 4.1.05, 13 Uhr. (künftig zitiert: Robinson u. Segrott, 2002. S.)
53
Asylgesuch gestellt - unter Umständen auch im ‚allersichtersten’ Land in wirtschaftlicher Hinsicht.
6. Fluchtgründe: Die Push-Faktoren
Bei der Erforschung von Flüchtlingsbewegungen wird zwischen Faktoren, die eine Flucht auslösen und solchen, die eine Flucht aufrechterhalten, unterschieden:
„The conditions hat initiate international movement may be quite different from
those that perpetuate it across time and space.“ 95
Eines der bekanntesten Theoriekonzepte für die Erforschung von Migrationsursachen ist das Push- und Pull-Modell. Push-Faktoren (auch als Schubfaktoren bezeichnet) bewegen Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Es sind Bedingungen am Herkunftsort, die als unerträglich empfunden werden
und weitestgehend außerhalb der Kontrollweite der Asylländer liegen. 96 Pull- bzw. Sogfaktoren entstehendagegen in den potentiellen Zielländern. Sie bieten
etwas an, das Angehörigen anderer Staaten anziehend erscheint. 97 Das Push- und Pull-Modell weist jedoch Defizite auf: So kann es etwa nicht erklären, warum eine Region Migration verursacht, eine ähnlich benachteiligte dagegen nicht. Oder warum sich Menschen aus einer Region zur Flucht entscheiden, andere jedoch in demselben Gebiet bleiben. Darüber hinaus vermag das Modell nichts über die Richtung von Flüchtlingsströme auszu-sagen. 98
Das Push- und Pull-Modell mag revisionsbedürftig sein, jedoch liefert es noch immer ein erklärungsfähiges Grundmuster. Somit wird es im Folgenden weiter verfolgt.
Migrationstheorien gehen davon aus, dass Fluchtbewegungen vorwiegend von Schubfaktoren ausgelöst werden. Dies gilt in erster Linie für plötzlich auf-
95 Massey,Douglas et al.: Theories of International Migration: A Review and Appraisal. In: Population and development review. Vol.19 Heft 3/ 1993. S.448. (künftig zitiert: Massey et al., 1993. S.)
96 vgl. Holzer, Schneider u. Widmer, 2000. S.1187.
97 vgl. Nuscheler, 2004. S.102.
98 vgl. Schoorl, Jeanette: Push and pull factors of International Migration. A comparative report. Luxemburg 2000. S.3. (künftig zitiert: Schoorl, 2000. S.)
54
tretende Bedrohungsituationen, die durch Kriege oder Naturkatastrophen herbeigeführt werden.
Anders verhält es sich bei antizipatorischen Migranten, die ihre Ausreise in mehreren Etappen vorbereiten können. Bei einer Emigration auf Dauer, bei Arbeitsmigration und ‚Wirtschaftsflucht’ sind eher die Verheißungen des Ziellandes auf ein besseres Leben ausschlaggebend. Der Entscheidung zur Abwanderung folgen „das Ausloten von Fluchtmöglichkeiten, das Aussuchen von potentiellen Zielländern und das Abwägen von persönlichen Verlusten und
Gewinnen“ 99 .
Eine Asylmigration befindet sich zwischen diesen Einordnungen: Sie fällt einerseits in die Kategorie der Fluchtbewegungen, andererseits stellt sie eine Emigration auf Dauer dar. Push- wie Pullfaktoren müssten demnach in ähnlicher Intensität auf den Migrationsprozess einwirken.
Bei Migrationsprozessen besteht überdies die Annahme, dass ein Individuum die Kosten, die ihm bei einem Bleiben im Ursprungsland entstehen würden, gegen den Nutzen einer eventuellen Auswanderung abwägt. Überwiegen die Kosten im Herkunftsland denen einer Migration, wird eine Auswanderung
wahrscheinlich. 100 Inwiefern solch eine Kosten-Nutzen- (bzw. Kosten-Kosten-) Abwägung auch bei einer Zwangsmigration vorgenommen wird, soll ebenfalls Bestandteil der folgenden Untersuchung sein.
6.1 Politische Push-Faktoren
Bisher existierende Analysen über politische Ursachen von Flüchtlingsströmen stellen politische Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Bürgerkriege in den Mittelpunkt. Bimal Gosh sieht Faktoren wie „civil strife, ethnic conflicts
and violation of human rights” 101 als Hauptgründe für aktuelle und potentielle Massenbewegungen. Für Harto Hakovirta sind „warfare and repression” 102 elementare Auslöser von Flüchtlingsströmen.
99 Nuscheler, 2004. S.107.
100 vgl. Neumayer, Eric: Bogus Refugees? The Determinants of Asylum Migration to Western Europe. London School of Economics and Political Sciences. London 2003. S.6. Im Internet: http://www.lse.ac.uk/collections/geographyAndEnvironment/pdf/rp82.pdf; abgerufen am 12.12.04, 0:01 Uhr. (künftig zitiert: Neumayer, 2003. S.)
101 Gosh, Bimal: Huddled Masses and Uncertain Shores. Insight into Irregular Migration. The Hague 1998. S.44 (künftig zitiert: Gosh, 1998. S.)
102 Hakovirta, Harto: The World Refugee Problem. Tampere 1991. S.53.
55
Eine der ersten multivariat angelegten Studien stammt von Susanne
Schmeidl 103 . Sie analysiert insgesamt 109 Länder, die Migrationsbewegungen verursachen und eben auch solche, aus denen keine Flüchtlinge stammen im Zeitraum von 1971 bis 1990. Gemäß ihren Ergebnissen kommt „generalized violence“ ein besonders hoher Stellenwert bei der Auslösung von Fluchtbewegungen zu. Genozide, Bürgerkriege, insbesondere in Verbindung mit militärischen Interventionen und ethnische Rebellionen zwängen Menschen dazu, auszuwandern. Ferner wird die gewichtige Rolle von Sozialen Netzwerken, einer Diaspora-Gemeinschaft im Asylland, in den Mittelpunkt
gestellt. XVI Ihre Studie ergibt keinen Beweis dafür, dass der Typus des politischen Regimes Menschen zur Flucht zwingen könnten. 104
Viele von Schmeidls Ergebnissen sind von Christian Davenport et al. 105 bestätigt worden. Die Untersuchung deckt von 1964 bis 1989 insgesamt 129 Länder ab und bezieht - im Gegensatz zu Schmeidl - auch Binnenflüchtlinge mit ein. Wie Schmeidl kommen auch Davenport et al. zu dem Ergebnis, dass Bürgerkriege und Genozide als Hauptverursacher von Flüchtlingsbewegungen gelten können. Auch die Wichtigkeit Sozialer Netzwerke wird in dieser Studie betont. Anders als bei Schmeidl lösen außenpolitische Konflikte wie z.B. zwischenstaatliche Kriege nach Davenport et al. keine Fluchtbewegungen aus. Die politische Ausrichtung des Regimes sei ebenfalls von geringer Bedeutung. Ein Regimewechsel hingegen könne die Wahrscheinlichkeit von Fluchtbewegungen deutlich erhöhen.
Eric Neumayer 106 greift in seiner Studie über die Asylmigration nach Europa den Gedanken der Kosten-Nutzen-Maximierung auf: Ein Individuum wäge die Kosten, die ihm beim Bleiben im Ursprungsland entstehen, gegen den Nutzen ab, der ihn im Asylland erwarte. Anhand einer mathematischen Formel prüft Neumayer die Relevanz sämtlicher Push-Faktoren und resümiert, wie Schmeidl
103 vgl. Schmeidel, Susanne: Exploring the causes of Forced Migration: A Pooled Time-Series Analysis, 1971-1990. In: Social Science Quarterly. Vol.78 Heft 2/ 1997. S.284-308. (künftig zitiert: Schmeidl, 1997. S.)
104 vgl. Schmeidl, 1997. S.304.
105 vgl. Davenport, Christian A. et al: Sometimes you just have to leave: Domestic Threats and Forced Migration, 1964-1989. Texas 2000. (künftig zitiert: Davenport et al., 2000. S.)
106 vgl. Neumayer, 2003. S.6.
56
und Davenport et al., Migrationsnetzwerke als wichtigste Komponente. Eine autokratische Regierung sorge anfangs für hohes Flüchtlingsaufkommen, mindere sie anschließend jedoch deutlich ab. Menschenrechtsverletzungen, Bürgerkriege, politische Repressionen, ethnische Aufständen oder der Zusammenbruch eines politischen Regimes seien dagegen durchweg positiv mit Asylflüssen assoziiert. Überraschenderweise sind bei Neumayer weder Genozide noch bewaffnete außenpolitische Konflikte von Bedeutung. Dies lässt sich mit dem divergierenden Forschungsgegenstand begründen: Im Gegensatz zu Schmeidl und Davenport et al., die sich mit dem Aufkommen von Flüchtlingsbewegungen beschäftigen, konzentriert sich Neumayer auf die Asylmigration nach Europa. Im Anbetracht oftmals langer Fluchtrouten setzt dies eine intensive Migrationsvorbereitung voraus. Push-Faktoren von Permanenz sind demnach ausschlaggebend. Genozide hingegen stellen in der Regel eine temporäre Bedrohung dar, die Menschen verweilen solange im Nachbarsstaat oder als IDPs im eigenen Land. Sobald sich die Situation bessert, kehren sie in ihre Herkunftsregion zurück.
6.2 Ökonomische Push-Faktoren
Im Hinblick auf eine Flüchtlingsmigration wiegen ökonomische Schubfaktoren wenig. Schmeidl untersucht die Relevanz von „economic hardship“ und
„poverty“ im Ursprungsland und stuft sie im Anschluss als sehr gering ein. 107 Auch Davenport et al. teilen die Schlussfolgerung, dass wirtschaftliche Bedrohungen in der Regel nicht fluchtauslösend wirken:
„GNP per capita fails to produce a statistically significant parameter
estimate.“ 108
Dieses Ergebnis kann deshalb nicht verwundern, da Schmeidls und Davenports Studien auf unfreiwillige Migration beschränkt sind. Menschen, die Hals über Kopf ihr Land verlassen müssen, dürften von lebensbedrohlicheren Umständen motiviert sein, als von einem niedrigen BIP oder einem geringen Wirtschaftswachstum.
107 vgl. Schmeidl, S.303f.
108 Davenport et al., 2000. S.43.
57
Sind Armut, Arbeitslosigkeit und die Suche nach höherem Einkommen auch
„völlig unzureichende Erklärungen“ 109 für eine Asylmigration? In Neumayers Berechnungen sind ökonomische Faktoren „statistically significant with the expected sign“: Der Push-Effekt von niedrigem Einkommen und Wirtschaftswachstum im Ursprungsland sei zwar gering. Und auch der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zeige keinen großen Schubeffekt. Wirtschaftliche Diskriminierungen von ethnischen Minderheiten hingegen
können in hohem Maße Migrationsprozesse nach sich ziehen. 110 Andere Berechnungen betonen die Relevanz einer Inflation im Ursprungsland. So stieg mit der Inflationsrate in der Türkei auch die Anzahl türkischer
Asylbewerber in Europa. 111
Darüber hinaus darf ein klassisches Problem des Push-Faktors ‚Armut’ nicht übersehen werden. Aus Mangel an finanziellen Möglichkeiten wandern eben
nicht die „Ärmsten der Armen“ 112 aus und besonders reiche Personen haben oftmals keinen Grund dazu. 113
6.3 Sonstige Push-Faktoren
Neben politischen Unruhen und wirtschaftlichen Entbehrungen können Umweltkatastrophen Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. So können Erdbeben, groß angelegte Abholzungen von Wäldern und Insektenplagen Menschen ihre Lebensgrundlage rauben und sie zur Flucht veranlassen. Insbesondere in Verbindung mit bewaffneten Konflikten können Umwelt-katastrophen massive Fluchtbewegungen auslösen. 114 Im Zuge des globalen Klimawandels nimmt die Anzahl der Flüchtlinge stetig zu, die vor Naturkatastrophen, Desertifikation und vergleichbaren Umweltveränderungen fliehen. Im Jahr 1999 hat es erstmals mehr Umwelt- als
109 Parnreiter, Christof: Die Mär von den Lohndifferentialen. Migrationstheoretische Überlegungen am Beispiel Mexikos. In: IMIS (Hrsg.): IMIS-Beitrage, Heft 17 /2001. S.55-89.
110 vgl. Neumayer, 2003. S.27.
111 vgl. Holzer, Schneider u. Widmer, 2000. S.2004.
112 Nuscheler, 2004. S.68.
113 vgl. Neumayer, 2003. S.8.
114 vgl. Gosh, 1998. S.49f.
58
Kriegsflüchtlinge weltweit gegeben (25 Millionen zu 21 Millionen). Im Jahr
2025 könnte die Zahl vier Mal so hoch ausfallen. 115
Erneut schwächt die Bedeutung dieser Faktoren ab, wenn sie auf eine Asylmigration angewandt werden. Naturkatastrophen sind in der Regel von kurzer Dauer, sodass eine groß angelegte Flucht in ein womöglich weit entferntes Land in der Regel nicht vorgenommen wird.
„Threats to personal integrity stemming from natural disasters and food
shortages [are not statistically significant].“ 116
7. Bestimmende Faktoren bei der Verteilung der Flüchtlinge
Dieses Kapitel trägt bewusst nicht die Punkt 6.) ergänzende Überschrift: ‚Die Pull-Faktoren’, da viele der Kriterien, die die Flüchtlings-Distribution bestimmen, nicht ausschließlich dieser Kategorie zuzuordnen sind. Während die Präsenz von Familie und Freunden im Asylland nahezu alle
Studien als wichtigsten Pullfaktor deklarieren 117 , gilt die räumliche Nähe von Herkunfts- und Asylland als „important facilitator“ 118 . Darüber hinaus können sich während der Flucht Umstände ergeben, die das Erreichen der eigentlichen
Zieldestination unmöglich machen. 119
„To reach a place of safety” ist - Flüchtlingsbefragungen zufolge - das
grundlegende Ziel von Asylsuchenden. 120 Jedoch ist strittig, ob sich Migranten bewusst für ein Asylland entscheiden. Wenn Flüchtlinge beispielsweise durch mehrere Länder fliehen und womöglich mehrere Asylanträge stellen, wirkt dies nicht mehr als Flucht mit dem Ziel, in Sicherheit zu gelangen. Es entsteht der
115 vgl. N.N.: Große Flüsse stark verschmutzt. 25 Millionen Menschen mussten umsiedeln. Im Internet: http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/news/02318/, abgerufen am 2.3.05, 18:20 Uhr.
116 Neumayer, 2003. S.27f.
117 vgl. Boyd, Monica: Family And Personal Networks In International Migration: Recent Developments And New Agendas. In: International Migration Review. Vol. 23. Heft 3/ 1989. S.638-670 / Massey et al., 1993 / Koser u. Pinkerton, 2001 / Böcker u. Havinga, 1997 / …
118 Neumayer, 2004. S.163.
119 vgl. Böcker u. Havinga,1997. S.79f.
120 vgl. Robinson u. Segrott, 2002, S.7.
59
Eindruck eines „shopping around for a new and easily accessible place to ask
for status“ 121 .
Attraktivitäts-Merkmale eines Aufnahmelandes können tatsächlich vorhanden sein oder lediglich von den Asylsuchenden als solche wahr- bzw. angenommen werden.
„Such decision is likely to be the result of a multitude of complex and mutually non-exclusive factors, whose relative importance can differ across origin
countries as well as across individuals from the same country of origin.” 122
7.1 Zur Informiertheit der Flüchtlinge
Die Implementierung politischer Maßnahmen beruht auf der Annahme, dass Asylbewerber über die relative Attraktivität der Industrieländer informiert
sind. 123 Bei der Analyse der Wahlmöglichkeiten eines Flüchtlings muss jedoch zwischen spontaner und vorbereiteter Flucht unterschieden werden. Menschen, die ihr Heimatland auf schnellstem Wege verlassen müssen, haben in der Regel
wenig Zeit, sich über mögliche Zieldestinationen zu informieren. 124 Lediglich die Fluchtrichtung nach Europa oder Nordamerika steht im Vorhinein fest. Die Wahl für ein Zielland wird erst während der Flucht oder eines Aufenthaltes in
einem Transitland getroffen. 125
Asylsuchende hingegen, die ihre Flucht planen können, nehmen in erster Linie
Soziale Netzwerke im Asylland als Informationsquelle in Anspruch. 126 Vor der Flucht lassen sie sich über die Asylpolitik, soziale und ökonomische Faktoren sowie Fremdenfeindlichkeit und Arbeitsmöglichkeiten im potentiellen
121 Roberts,1998. S.128.
122 Neumayer, 2004. S.163f.
123 vgl. Thielemann, Eiko R.: Does Policy Matter? On Governments’ Attempts to Control Unwanted Migration. London School of Economics and Political Sciences. London 2003. S.8. Im Internet: http://www.tcd.ie/iiis/Discussion%20Paper%20pdfs/iiisdp09.pdf, abgerufen am 19.12.04, 12:18 Uhr.(künftig zitiert: Thielemann, 2003. S.)
124 vgl. Havinga, Tetty u. Anita Böcker: Country of Asylum by Choice or Chance: Asylum-Seekers in Belgium, the Netherlands and the UK. In: Journal of ethnic and migration studies. Vol. 25 No.1/1999. S.58 (künftig zitiert: Havinga u. Böcker, 1999. S.)
125 vgl. Koser, Khalid u. Charles Pinkerton: The social networks of asylum seekers and the dissemination of information about countries of asylum. Migration Research Unit. University College London. London 2001. S.26.Im Internet:
http://www.homeoffice.gov.uk/rds/pdfs2/socialnetwork.pdf, abgerufen am 30.12.04, 23:47 Uhr. (künftig zitiert: Koser u. Pinkerton, 2001. S.)
126 vgl. Boyd, 1989. S.642.
60
Aufnahmeland aufklären. 127 Familie und Freunde im Asylland sind deshalb die wichtigste Wissensquelle, weil sie zum Einen die Informationen filtern, die für ihre Nachkommen relevant sind. Zum Anderen bringen ihnen die künftigen Asylsuchenden großes Vertrauen entgegen.
Objektiv betrachtet sind die Auskünfte von Sozialen Netzwerken jedoch nicht immer verlässlich. Bei einem längeren Aufenthalt im Zielland geht oftmals der Sinn dafür verloren, welche Kriterien für die nachfolgenden Flüchtlinge von
Wichtigkeit sind. 128 In Telefongesprächen mit den potentiellen Migranten werden positive Ereignisse der eigenen Fluchtgeschichte in den Vordergrund gestellt, negative hingegen vernachlässigt:
„Irregular migration is also [often] encouraged by wrong information and consequent unrealistic expectations of job opportunities and housing and living
conditions in the destination country.“ 129
Ebenfalls eine wichtige Informationsgrundlage bieten Fernsehen und Presseerzeugnisse. Asylsuchende im Vereinigten Königreich gaben an, negative Berichte über Deutschlands Asylpolitik gegenüber Srilankis gelesen zu haben.
Daraufhin hätten sie sich in der Landeswahl umentschieden. 130
Selbst Asylsuchende, die ihre Flucht vorbereiten konnten, besitzen folglich nur eine vage Vorstellung von ihrem Asylland. Sobald sie mit den wahren Verhält-
nissen konfrontiert werden, bleiben Enttäuschungen oftmals nicht aus. 131 Die Erkenntnis, dass die Wahlmöglichkeiten eines Flüchtlings aus Mangel an Informationen merklich begrenzt sind, dürfte auch die Vermutung entkräften, dass die Entscheidung für ein bestimmtes Asylland im Zuge einer ökonomisch determinierten Nutzen-Nutzen-Kalkulation gefällt wird:
„We found little evidence for the claim that there is widespread and systematic ‘asylum shopping’ to exploit differences in host countries welfare
provisions.” 132
127 vgl. Koser, 1997. S.598.
128 vgl. Koser u. Pinkerton, 2001. S.6f.
129 Gosh, 1998. S.67.
130 vgl. Robinson u. Segrott, 2002. S.47.
131 vgl. Barsky, R.F.: Arguing the American Dream à la Canada: Former Soviet Citizens’ Justification for their Choice of Host Country. In: Journal of Refugee Studies. Vol.8 No.2/1995. S.139.
132 Thielemann, 2003. S.32.
61
7.2 Ökonomische Faktoren
„Poor living standards and employment opportunities in the country of origin make it more attractive to seek improvement of one’s economic fortune
abroad.“ 133
Bleibt Flüchtlingen bei der Suche nach einem Asylland etwa aufgrund feststehender Schlepperangebote kein eigener Entscheidungsspielraum, spielen ökonomische Faktoren als Attraktivitätsmaßstab folglich keine Rolle. Asylsuchende jedoch, die Zeit und Möglichkeiten haben, zwischen verschiedenen Zieldestinationen zu wählen, ziehen ökonomische Komponenten durchaus in
ihre Überlegungen mit ein. 134
Nach der ökonomischen Theorie beantragen Flüchtlinge in Ländern Asyl, die die sich durch eine niedrige Arbeitslosenquote und eine hohes Wirtschafts-
wachstum auszeichnen. 135 Ein hohes Bruttoinlandsprodukt werde oftmals mit einer großzügigen Wohlfahrtspraxis und einer niedrigen Arbeitslosenquote assoziiert.
200
180 160 140 120 100 80 60 40 20 0
L u x e m Abb.45: BIP in KKS XVII pro Kopf in ausgewählten Ländern Europas 2003 136
133 Neumayer, 2003. S.7.
134 vgl. Tielemann, 2004. S.25.
135 vgl. Massey et al., 1993. S.433 f.
136 vgl. Eurostat: Statistics in Focus. Economy and Finance. 8/ 2005. S.7. Im Internet: http://epp.eurostat.cec.eu.int/cache/ITY_OFFPUB/KS-NJ-05-008/EN/KS-NJ-05-008-EN.PDF, abgerufen am 31.3.05, 16:38 Uhr.
62
70000
60000 50000 40000 30000 20000 10000 0
L u x e m Abb.46: Asylantragszahlen in ausgewählten Ländern Europas 2003 137
Die abgebildeten Säulendiagramme für das Jahr 2003, die lediglich eine Momentaufnahme darbieten können, schließen einen direkten Zusammenhang zwischen der Höhe des Bruttoinlandsproduktes und den Asylantragszahlen eines Landes aus. Luxemburg weist 2003 das höchsten BIP in KKS pro Kopf auf und registriert im Gegensatz dazu die niedrigsten Zahlen bei den Asylantragszahlen. Die ökonomischen Werte der weiteren EU-Staaten unterscheiden sich nur peripher voneinander, es bestehen jedoch große Differenzen bei den Asylantragszahlen: Die Asyllast wird hauptsächlich vom Vereinigten Königreich, Frankreich, Deutschland und Schweden getragen. In den EU-Beitrittsstaaten sind zwar BIP und Antragsdaten insgesamt niedrig. Jedoch verzeichnet Polen für 2003 mehr als doppelt so viele Asylbewerber wie Ungarn, obwohl das ungarische Bruttoinlandsprodukt wesentlich höher liegt.
7.2.1 Die soziale Sicherung
Es besteht die Annahme, dass großzügige „welfare benefits“ 138 eine Magnetwirkung auf Asylsuchende haben. Um die Antragszahlen abzusenken, wurden deshalb in den neunziger Jahren die Sozialleistungen für Flüchtlinge in vielen Staaten eingeschränkt.
137 vgl. UNHCR: Asylum Levels and Trends, 2004. S.9.
138 Robinson u. Segrott, 2000. S.1.
63
Bezüglich der sozialen Leistungen für Asylsuchende herrschen in den Staaten
Europas große Unterschiede. 139 Während Schweden den Flüchtlingen Bargeld auszahlt, gewähren andere Staaten eine Unterstützung in Form von Gutscheinen (beispielsweise Deutschland, die Niederlande und Vereinigtes Königreich). Frankreich und Italien bewilligen den Asylsuchenden im Land nur für eine kurze Zeit soziale Leistungen. Griechenland hält gar keine
Unterstützung für Asylbewerber bereit. 140
Obwohl Frankreich zu den eher restriktiven Staaten bei der Gewährung von sozialen Hilfeleistungen gehört, ist die Zahl von Asylsuchenden in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.
Mit dem „Asylum and Immigration Act“ von 1993 wurde die Unterstützung von Flüchtlingen im Vereinigten Königreich von Bargeld auf Einkaufs-gutscheine umgestellt. 141 Nichtsdestotrotz stiegen die Antragszahlen weiterhin beständig an.
Auch Deutschland („[that] has for some time been very restrictive in terms of
benefits it gives asylum seekers” 142 ) erfasst überdurchschnittlich hohe Asylantragszahlen.
Eine ‚Magnetwirkung’ von großzügigen Sozialleistungen für Flüchtlinge kann demnach ausgeschlossen werden. Dass eine Beschneidung von sozialen Unterstützungen gänzlich wirkungslos bleibt, hält jedoch ebenso wenig einer Behauptung stand.
„In the absence of strong economic arguments, it would seem that cuts in
benefits are driven by political considerations.“ 143
7.2.2 Erwerbsmöglichkeiten
Bei der Beurteilung des Attraktivitätskriteriums ‚Erwerbstätigkeit’ liegen in der Migrationsforschung Divergenzen vor:
139 vgl. Schuster, Liza: A Comparative Analysis of the Asylum Policy of Seven European Governments. In: Journal of Refugee Studies, Vol.13 No. 1/2000. S.123. (künftig zitiert: Schuster, 2000. S.)
140 vgl. Zetter et al., 2003. S.23f.
141 vgl. Currle, 2004. S.129.
142 Schuster, 2000. S.123.
143 ebd., S.124.
64
So zeigen im quantitativen Forschungsteil der Studie von Denise Efionayi-Mäder et al. XVIII die nationalen Änderungen bezüglich des Zugangs zum Arbeitsmarkt nur bedingt messbaren Einfluss auf die Verteilung der Asylflüsse. Zu diesem Ergebnis kommt auch Eric Neumayer, der die Verteilung von Asylbewerbern in Westeuropa anhand einer Formel errechnete. 144 Andere Analysen XIX sehen in beschränkten Arbeitsmöglichkeiten einen schwer wiegenden Nachteil, der sich durchaus auf die Landeswahl auswirken kann. Dies träfe insbesondere für Wirtschaftsmigranten zu, die die ‚asylum route’ wählen, gelte aber auch für ‚echte’ Asylbewerber.
In Deutschland wurde im Mai 1997 eine Arbeitsaufnahme während des Asylverfahrens untersagt. Daraufhin wird in den Diagrammen ein sofort einsetzender Rückgang der Asylanträge sichtbar.
Bereits seit 1991 dürfen Asylsuchende in Frankreich nicht mehr erwerbstätig
werden. 145 Auch hier fiel die Anzahl der Asylsuchenden im Folgejahr von rund 47.000 auf 29.000.
Erneut werden die Grenzen von rein quantitativen Untersuchungen sichtbar: Da in Deutschland und Frankreich ganze Maßnahmenpakete im Asylbereich erlassen wurden, lässt sich der Rückgang nicht eindeutig auf eine Beschränkung der Erwerbstätigkeit zurückführen.
Qualitative Studien über die Relevanz ökonomischer Kriterien ergeben ein differenzierteres Bild. Einer Befragung von Flüchtlingen im Vereinigten Königreich zufolge kommen Asylsuchende mit der Grunderwartung „to earn a
living“ ins Aufnahmeland. 146 Bisweilen besäßen sie bestimmte berufliche Fähigkeiten und hofften, diese im Asylland anwenden zu können. Es käme ebenfalls vor, dass Migranten die ‚asylum route’ wählen, um sich eine Arbeitsaufnahme zu erleichtern.
Die qualitative Analyse von Anita Böcker und Tetty Havinga, in der 45 ‚key
informants’ XX in verschiedenen Staaten interviewt wurden, ergibt - je nach Asylland - unterschiedliche Resultate: Die Befragungen in den Niederlanden (wo ein Arbeitsverbot für Asylsuchende besteht und praktisch kein informeller Sektor existiert) stellten einen relativ niedrigen Stellenwert einer Arbeits-
144 vgl.Neumayer, 2004. S.171.
145 vgl. Zetter et al., 2003. S.23.
146 vgl. Robinson u. Segrott, 2002. S.54.
65
aufnahme heraus. 147 Die Informanten in Belgien hingegen betonten die Möglichkeit einer Erwerbstätigkeit als ausschlaggebendes Kriterium für die
Landeswahl. 148
Existiert ein ausgeprägter informeller Sektor im Aufnahmeland, wiegt das Verbot einer Arbeitsaufnahme weniger. In Italien beispielsweise ist Asylbewerbern eine Arbeitsaufnahme generell untersagt. Jedoch steht ihnen die Möglichkeit einer illegalen Erwerbstätigkeit offen, so wie den vielen illegalen
Migranten im Land. 149
„Countries which offer asylum-seekers only limited economic opportunities
nevertheless receive substantial numbers of asylum seekers.“ 150
Vergleichbar mit anderen Attraktivitätsfaktoren eines Asyllandes wiegen die Erwerbsmöglichkeiten im Entscheidungsprozess eines Flüchtlings von Herkunftsland zu Herkunftsland unterschiedlich. Unter anderem hängt der Stellenwert von den demographischen Merkmalen der Asylsuchenden ab: Flüchtlinge aus Rumänien, Polen, Sri Lanka und Ghana beispielsweise legen generell viel Wert auf Arbeitsmöglichkeiten. Ihre Eigenschaften ähneln oftmals denen von Arbeitsmigranten: Es sind typischerweise junge, ledige Männer.
Den geringsten Effekt auf die Verteilung der Asylgesuche hat bei den
ökonomischen Faktoren das Wirtschaftswachstum eines Landes. 151 Interessanterweise weisen die Berechnungen von Neumayer sogar den gegenteiligen Effekt auf: Die meisten Flüchtlinge gingen in Länder, in denen das Wirtschaftswachstum am niedrigsten ist. Dies könne damit zusammenhängen, dass reiche Länder generell ein langsameres Tempo beim Wirtschafts-wachstum aufweisen als ärmere Staaten. 152
Summa summarum ist die anziehende Wirkung der ‚economic opportunities’ gering. Während die Möglichkeit einer Arbeitsaufnahme für bestimmte
147 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.54.
148 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.58.
149 vgl. Finotelli, Claudia: A Comparative Analysis of the Italian and German Asylum Policies. In: IMIS (hrgs.): IMIS-Beitrage, Heft 24/2004. S.93.
150 Havinga u. Böcker, 1999. S.54.
151 vgl. Neumayer, 2003. S.27. / Thielemann, 2003. S.25.
152 vgl. Neumayer, 2004. S.171.
66
Flüchtlingsgruppen eine Rolle spielt, sind die ‚social benefits’ im Asylland weniger bedeutend. Das Wirtschaftswachstum scheint durchweg irrelevant für die Wahl eines Ziellandes zu sein.
Dies könnte sich dadurch erklären, dass Asylbewerber die Zieldestinationen lediglich nach einem ungefähren ökonomischen Gesamtbild beurteilen. In den vagen Vorstellungen der Flüchtlinge sind westeuropäische Ländern generell
‚reich’. 153
7.3 Politische Faktoren
„Generell gelten alle staatlichen Interventionen im Asylbereich dem Ziel, die
Kosten-Nutzen-Relationen potentieller Asylbewerber zu beeinflussen.“ 154
Bereits Mitte der achtziger Jahre haben die europäischen Asylpolitiken zahlreiche Änderungen erfahren. Die nationalen Maßnahmen zielten in erster Linie darauf ab, die Zuwanderung von Flüchtlingen ins eigenen Staatsgebiet zu unterbinden. Die asylpolitischen Neuerungen von 1990 bis 2003 betreffen praktisch alle Bereiche des Flüchtlingswesens wie Einreise- und Zulassungsbestimmungen, die Gestaltung des Asylverfahrens, die sozialen Aufnahmebedingungen und Regelungen zur Erwerbstätigkeit von Asylsuchenden. Längerfristige Integrationsmöglichkeiten für anerkannte Flüchtlinge scheinen für diese Analyse zweitrangig, da sie nur einen geringen Teil der Flüchtlinge betreffen - sie werden bei der Untersuchung der Politik-Maßnahmen folglich nicht berücksichtigt.
Der generelle Rückgang von Asylanträgen Mitte der neunziger Jahre wird oftmals mit einer verschärften Asylpolitik begründet. Die starke Abnahme in Deutschland zwischen 1993 und 1994 wird beispielsweise der Einschränkung des Grundrechts auf Asyl und der neuen Asylgesetzgebung zugeschrieben. In der Schweiz und dem Vereinigten Königreich wird die Implementierung strengerer Asylgesetze ebenfalls für die Verringerung der Antragszahlen
verantwortlich gemacht. 155
153 vgl. Thielemann, 2003. S.25.
154 Holzer u. Schneider. S.38.
155 vgl. Koser, 1996. S.153.
67
7.3.1 Übergreifende Entwicklungen in der Asylpolitik
Vor der Analyse der nationalstaatlichen Asylmaßnahmen ist ein Hinweis auf die Rechtslage der Europäischen Union angebracht. Bis Mitte 1999 gehörten Asyl- und Migrationsfragen zum dritten Grundpfeiler (Justiz und Inneres) der EU. Mit dem Vertrag von Maastricht, der am 1. November 1993 in Kraft trat, schafften die EU-Mitgliedsstaaten erstmals eine vertragsrechtliche Grundlage für eine migrationspolitische Zusammenarbeit. Von einer gemeinsamen
Asylpolitik waren sie jedoch noch weit entfernt. 156
Eine weitere wichtige Etappe stellt in diesem Zusammenhang das Schengener Übereinkommen dar, das (1985 von Deutschland, Frankreich und den Benelux-Ländern initiiert) den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an den Binnengrenzen zwischen den Vertragsparteien zum Ziel hatte. Das Schengener Übereinkommen wurde 1993 rechtskräftig; zu den Mitgliedern zählen mittlerweile Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Finnland, Griechenland, Italien, Island, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden und Spanien. Neben gemeinsamen Visabestimmungen gehören zu den Regelungsgegenständen unter anderem die
Außengrenzkontrollen und die Zuständigkeitsregeln für die Durchführung von
Asylverfahren. 157 Das Schengener Übereinkommen kann somit als Prototyp für den Aufbau einer gemeinsamen Visa- und Asylpolitik angesehen werden. 158
Ein Teil der Schengener Regelungen wurde inzwischen durch die des Dubliner Übereinkommens von 1990 ersetzt. Es ist das bislang einzige verbindliche Instrument aller EU-Staaten im Asylbereich. Es trat am 1.9.1997 in Kraft und klärt in erster Linie die Zuständigkeit für die Prüfung eines Asylantrages
156 vgl. Tomei, Verónica; Europäisierung nationaler Migrationspolitik. Eine Studie zur Veränderung von Regieren in Europa. Stuttgart 2001.S.54 (künftig zitiert: Tomei, 2001.S.)
157 vgl. Auswärtiges Amt: Schengener Übereinkommen und Schengener Durchführungsübereinkommen. Im Internet: http://www.auswaertigesamt.de/www/de/willkommen/einreisebestimmungen/schengen_html, Stand Juli 2003, abgerufen am 24.3.05, 19:39 Uhr.
158 vgl. Santel, Bernhard: European Community and Asylum Seekers. The Harmonization of Asylum Policies. In: Thränhardt, Dietrich (Hrsg.): Europe - a new immigration continent: policies and politics in comparative perspective. 2. Auflage. Münster 1995. S.123. (künftig zitiert: Santel, 1995. S.)
68
innerhalb der EU. Es gilt das Prinzip, dass der Staat, der einem Asylsuchenden
zuerst Zutritt gewährt, für die Prüfung des Asylgesuches verantwortlich ist. 159 Mit dem 1997 unterzeichneten Amsterdamer Vertrag wurde der Schengen-Besitzstand in die EU eingegliedert. Die wesentliche Neuerung, die der Unionsvertrag für die Migrationspolitik bringt, ist die Überführung migrationspolitischer Bereiche in die erste Säule, also in die Gemeinschaftszuständigkeit. Die EG kann damit erstmals verbindliche
Rechtsakte im Bereich des Asylrechts erlassen. 160
Ein weiterer Schritt zur Annäherung der europäischen Migrationspolitiken wurde im Oktober 1999 anlässlich des Europäischen Rats in Tampere festgelegt. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union einigten sich auf eine künftige Zusammenarbeit im Hinblick auf ein gemeinsames europäisches Asylsystem und eine gemeinsame europäische Einwanderungspolitik. Ziel war die Vereinheitlichung der Bedingungen für eine Einreise in die
Europäische Union. 161
Im April 2004 verständigten sich die EU-Mitgliedsstaaten auf eine Asylverfahrensrichtlinie. Diese legt fest, wie über Asylanträge entschieden wird und welche Mindeststandards für Asylverfahren in den 25 EU-Staaten gelten. Das Europäische Parlament muss sich noch zu der EU-Richtlinie äußern, bevor
sie formell vom EU-Ministerrat verabschiedet werden kann. 162
7.3.2 Unilaterale Politikmaßnahmen
Regierungen verfügen über zwei Möglichkeiten, um die Attraktivität ihres Landes herabzusetzen: In der Implementierung von Abschottungs- und
Abschreckungsmaßnahmen. 163
159 vgl. UNHCR: Übereinkommen über die Bestimmung des zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaften gestellten Asylantrags - Dubliner Übereinkommen. Im Internet: http://unhcr.de/pdf/141.pdf, abgerufen am 23.12.04, 19:46 Uhr.
160 vgl. Tomei, 2001. S.57.
161 vgl. Europäische Kommission: Tampere. Geburtsstunde der EU-Politik für Justiz und Inneres. Fact Sheet # 3.1. Im Internet: http://europa.eu.int/comm/councils/bx20040617/ tampere_09_2002_de.pdf, abgerufen am 6.3.05, 19:56 Uhr.
162 vgl. UNHCR: UNHCR veröffentlicht Kommentar zu EU-Richtlinie. Im Internet: http://unhcr.de/unhcr.php/cat/18/aid/1194, Stand 29.3.05, abgerufen am 30.3.05, 11 Uhr.
163 vgl. Holzer u. Schneider, 2002. S.38f.
69
Das Ergreifen von Abschottungsmaßnahmen beinhaltet zumeist eine engere Definition des Asylrechts; der Flüchtlingsstatus soll einem immer kleineren Kreis von Personen zugestanden werden. Beispiele dafür sind die Verhängung des Status ‚Sicherer Herkunftsländer’, Regelungen, die die Abschiebung von Flüchtlingen in so genannte ‚Sichere Drittstaaten’ vorsehen und Visumspflichten für die Einreise von Personen aus bestimmen Ländern.
Abschreckungsmaßnahmen sind Strategien, mit denen Aufnahmestaaten versuchen, die Anreize für potentielle Asylsuchende herabzusetzen, ihren Antrag gerade in diesem Land zu stellen. Zu solchen Maßnahmen gehören die Reduktion von Sozialleistungen, die Erschwerung des Zugangs zum Arbeitsmarkt, die Unterbringung von Flüchtlingen in Lagern und die Senkung der Anerkennungsquoten.
Da viele Abschreckungsmaßnahmen die ökonomische Gesamtattraktivität eines Landes betreffen, die bereits geschildert wurde, genügt hier eine kurze Ausführung.
7.3.2.1 Abschottungsmaßnahmen
Die unmittelbarste Abschottungsmaßnahme besteht im Erlass einer Liste ‚Sicherer Herkunftsstaaten’. Stellt ein Flüchtling aus einem dieser ‚sicheren’ Länder ein Asylgesuch, verzichten die Behörden grundsätzlich automatisch auf
die Einleitung des Verfahrens und reichen die Rückführung ein. 164 Die Staaten Europas verwenden dieses Abschottungsinstrument seit den frühen neunziger Jahren. Zwar wollen sich die Innenminister der EU-Staaten künftig auf eine
gemeinsame Liste ‚Sicherer Herkunftsländer’ einigen, 165 doch noch entscheidet jedes Land einzeln darüber, in welchem Staat die Lage als unbedenklich eingestuft wird.
Deutschland klassifizierte 1992 die Situation in Bulgarien, Ghana, Polen, Rumänien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn als ‚sicher’. Gem. §29a
AsylVfG XXI ist ein Asylantrag von Personen aus einem dieser Staaten „als
164 vgl. Holzer u. Schneider, 2002. S.39f.
165 vgl. N.N.: EU-Staaten listen sichere Herkunftsländer. Im Internet: http://www.tagesthemen.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID2379496_TYP_THE_NAV_REF1, 00.html, Stand 3.10.03, abgerufen am 5.2.05, 22:05 Uhr.
70
offensichtlich unbegründet abzulehnen, es sei denn, die von dem Ausländer angegebenen Tatsachen oder Beweismittel begründen die Annahme, dass ihm abweichend von der allgemeinen Lage im Herkunftsstaat politische Verfolgung droht“.
Bereits kurze Zeit später gingen die Asylantragszahlen von Flüchtlingen aus diesen Ländern drastisch zurück: So befanden sich 1990 etwa Flüchtlinge aus Rumänien (mit über 35.000 Anträgen) und Polen (über 9.000) noch unter den häufigsten Sendeländern. 1996 liegt Rumänien als Sendeland nur noch an 15. Stelle. Die Antragszahlen aus Polen sind bis 1996 so niedrig, dass das Land nicht einmal mehr unter die 40 häufigsten Herkunftsstaaten fällt und
stattdessen in der Kategorie „Other/unknown“ verschwindet. 166
In der Schweiz wurden zwischen 1991 unter anderem Indien und Rumänien als ‚Sichere Herkunftsländer’ deklariert. Die Verschärfungen spiegeln sich in den Statistiken der Hauptherkunftsländer wider: 1990 gehören Rumänien (rund 5.500 Anträge) und Indien (über 1.800) noch zu den häufigsten Herkunftsregionen - sechs Jahre später mit nur noch 70 bzw. 201 Gesuchen nicht mehr.
Bereits vor Inkrafttreten des Dubliner Übereinkommens hatte ein Großteil der europäischen Länder eine Liste mit ‚Sicheren Drittstaaten’ eingeführt. Nach
166 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.100f.
167 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.72f. / UNHCR: Asylum Applications, 2000-2002, 2003. S.11f.
71
der Schweiz legte Frankreich 1990 ‚Sichere Drittstaaten’ fest, es folgten Deutschland 1993, die Niederlande 1994 und das Vereinigte Königreich
1996. 168
So bestimmt in Deutschland § 26a AsylVfG, dass einem Ausländer, wenn er bereits einen anderen Staat erreicht hat, in dem die Genfer Flüchtlingskonvention gilt, die Einreise bereits an der Grenze zu verweigern ist. Wer aus einem ‚Sicheren Drittstaat’ einreist, kann sich in Deutschland nicht mehr auf
das Grundrecht auf Asyl berufen. 169 ‚Sichere Drittstaaten’ sind nach den verfassungsrechtlichen Vorgaben die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaften sowie weitere europäische Staaten, in denen die Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention und der Menschenrechtskonvention sichergestellt ist.
Fast alle untersuchten Länder verzeichnen nach der Implementierung der Drittstaaten-Regelung einen deutlichen Rückgang der Asylantragszahlen. So gingen in Frankreich die Asylanträge von 1990 bis 1992 um fast 50 Prozent zurück. In die Niederlande kommen im Jahr nach der Gesetzeseinführung nur noch rund 29.000 Asylbewerber, während es im Vorjahr noch rund 52.500 waren. Lediglich im Vereinigten Königreich sinken die Zahlen mit der
Einführung ‚Sicherer Drittstaaten’ nicht. 170 Dies könnte sich damit erklären, dass das Vereinigte Königreich durch seine Insellage eine ‚Anreise’ auf dem Landweg unmöglich macht. Asylbewerber kommen mit dem Flugzeugoftmals direkt aus dem Sendeland - in das Vereinigte Königreich. Ein ‚Sicherer Drittstaat’ kann so nicht durchquert werden.
Auch die Visumsbestimmungen eines Landes können die Entscheidungsfindung von Flüchtlingen beeinflussen. Aufgrund der ‚visa-prior-to-entry’ kommen Migranten nur noch in das Gebiet der Europäischen Union, wenn im
Vorhinein ein Visum beantragt wurde. 171 Viele EU-Länder haben neben den Gemeinschaftsvisa, die seit 1986 für fast alle Nicht-EU-Staaten gelten, zusätzlich Einreisebestimmungen für andere Nationalitäten verhängt.
168 vgl. Zetter, 2000. S.23f.
169 vgl. § 26a Asylverfahrensgesetz
170 vgl. UNHCR: Asylum Levels and Trends, 2004. S.9
171 vgl. Santel, 1996. S.114.
72
Visumsbestimmungen sind meist herkunftsspezifische Maßnahmen, das heißt für Flüchtlinge aus bestimmten Ländern gelten strengere Einreisebestimmungen als für andere. Im Vereinigten Königreich wurde 1989 für türkische Migranten eine Visumspflicht eingeführt. Daraufhin fiel die Anzahl türkischer Asylbewerber von 2.415 auf 1.590. Jedoch stiegen die Asylanträge von Türken in den Folgejahren erneut an - zwar schwankend, aber beständig.
1997 folgte eine Visumspflicht für Migranten aus Kolumbien. 172 Infolge dessen nahm die Zahl der Asylanträge von kolumbianischen Flüchtlingen von 1.330 auf 425 ab. Allerdings stieg sie im darauf folgenden Jahr erneut auf 1.000 an.
„The introduction of visa requirements generally has only a temporary effect in
part because other countries often introduce visa requirements as well.“ 173
Immer restriktivere Migrationsbestimmungen sorgen nicht nur für eine
„transformation of asylum seekers into illegal immigrants“ 174 . Sie bringen ferner eine Bedeutungssteigerung von Transitländern mit sich. Flüchtlinge erreichen ihre Zieldestination in zunehmendem Maße nur über Umwege. Dabei ‚wandern’ bestimmte Nationalitäten durch bestimmte Transitländer, da auch Transitländern für gewisse Herkunftsländer Visabestimmungen erlassen. Ist eine Weiterreise vom Transit- ins Zielland unmöglich, müssen Flüchtlinge oftmals lange Zeit in Übergangsländern ausharren oder gar für immer dort
bleiben. 175 Im Fall der Slowakei, die an die Kernstaaten der EU grenzt, wird bereits ein Wandel „vom Transit- zum Zielland“ gemutmaßt. 176
Indem Staaten ihre Asylpolitik immer im Verhältnis zu anderen Staaten restringieren, provozieren sie einen Schneeballeffekt. Als Beispiel wurde bereits die Einführung der ‚Sicheren Drittstaaten’ angeführt, die wie in einer
„chain reaction“ 177 jedes Land sukzessive vornahm.
Das Gesamtvolumen von Asylsuchenden in Europa wird so jedoch nicht reduziert. Oftmals schwappen Flüchtlingsströme lediglich in andere Länder
172 vgl. Zetter et al., 2003. S.66.
173 Havinga u. Böcker, 1999. S.54.
174 Koser, 1996. S.156f.
175 vgl. Koser u. Pinkerton, 2001. S.21.
176 vgl. Kunze, 2004. S.1.
177 Böcker u. Havinga, 1998. S.246.
73
um. Eine solche Verschiebung findet insbesondere dann statt, wenn ein anderer Aufnahmestaat ein Substitut darstellt.
Dabei sind zwei Faktoren von besonderer Bedeutung: Zum Einen die Landessprache bzw. Sprachkenntnisse großer Bevölkerungsteile und zum Anderen, ob sich bereits Landsleute der Flüchtlinge im Aufnahmeland
aufhalten. 178 In diesem Sinne wären Deutschland und die Schweiz gute Substitute für Asylsuchende aus der Türkei, während das Asylland Frankreich für algerische Flüchtlinge schlecht durch Schweden substituiert wäre.
Ein ‚Auffangen der Flüchtlingsströme’ zeigt sich jedoch auch bei Staaten, denen die Landessprache nicht gemeinsam ist. Nachdem in Deutschland aufgrund verschiedener Gesetzesänderungen die Asylantragszahlen 1993 drastisch sanken, nahmen sie in den Niederlanden um mehr als das Doppelte zu (von 20.350 im Jahr 1992 auf 52.573 im Jahr 1994). Die afghanische Asylmigration macht die Umverteilung der Flüchtlinge deutlich:
9000
8000 7000 6000 5000 4000 3000 2000 1000 0
Deutschland Niederlande Abb.48: Asylzugänge aus Afghanistan in Deutschland und den Niederlanden
Weitere Abschottungsmaßnahmen stellen eine „efficent border control“ und
„safety zones“ dar. 179 Eine illegale Einreise von Polen nach Deutschland beispielsweise ist aufgrund strenger Grenzkontrollen so gut wie unmöglich. 180 An der französischen Grenze dürfen Asylbewerber ohne zureichende
178 vgl. Holzer u. Schneider, 2002. S.51.
179 vgl. Schuster, 2000. S.122.
180 vgl. UNHCR: Chechens in the Czech Republic, 2004.
74
Dokumente bis zu 20 Tage in „waiting zones“ in Gewahrsam genommen
werden. 181
7.3.2.2 Abschreckungsmaßnahmen
Abschreckungsmaßnahmen hindern Flüchtlinge zwar nicht unmittelbar daran, das Aufnahmeland zu betreten. Sie setzen dessen Attraktivität jedoch herab, um eine Entscheidung für ein anderes Land zu provozieren. Dabei sind besonders die Anerkennungsquoten von Flüchtlingen von Belang. Sobald die Anerkennungsquoten in einem Land sinken, lässt auch der Zustrom
an Asylbewerbern nach. 182
„A higher recognition rate [on the other hand] in the previous year leads to a
higher share of asylum seekers the next year.” 183
Dabei dauert es im Durchschnitt sieben Monate, bis sich die geänderten Anerkennungsraten in den Antragszahlen widerspiegeln. Dies ist der Zeitraum, in dem sich die neue Anerkennungspraxis unter den potentiellen Asylsuchenden und deren Schleuserorganisationen herumgesprochen hat. Die zeitliche Verzögerung variiert je nach räumlicher Nähe zwischen Asyl- und Sendeland. Hinzu kommt, dass Anerkennungsraten meist mit einer zeitlichen
Verzögerung von mehreren Monaten veröffentlicht werden. 184
Anerkennungsquoten können jedoch nicht wahllos gesenkt werden. Als Ende der neunziger Jahre nur noch rund zehn Prozent aller Asylsuchenden in Europa Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention gewährt wurde, entstand für die
Regierungen ein „Rechtfertigungsproblem“ 185 . In der Öffentlichkeit wurden vermehrt ‚unechte’ Flüchtlinge für die hohen Ablehnungszahlen verantwortlich gemacht. Mit der Absenkung der Anerkennung nach der GFK ging jedoch die Einführung des humanitären Schutzes einher, den wesentlich mehr Asylsuchende erhielten. Diese Vorgehensweise birgt jedoch Widersprüche,
181 vgl. Zetter et al., 2003. S.23.
182 vgl. Holzer u. Schneider, S.81 / 94.
183 Neumayer, 2004. S.171.
184 vgl. Holzer, Schneider u. Widmer, 2000. S.2001f.
185 Holzer u. Schneider, 2000. S.17.
75
denn „bogus refugees“ XXII würde schließlich gar kein Schutz - auch kein subsidiärer - zugestanden werden.
Über die exakte Auswirkung der Anerkennungsraten auf künftige Flüchtlingszahlen herrscht noch wenig Klarheit: „The recognition rate is not always of key
significance“ 186 - diese Einschätzung differiert beispielsweise mit folgender Beurteilung: „the impact that the recognition rate has on the number of asylum
applications is extremely large“ 187 .
Wie bereits unter Kapitel 7.2.1 dargelegt, haben ökonomische Faktoren wie die Kürzungen von Sozialleistungen nur beschränkt Wirkung auf die Anzahl der
Asylsuchenden: „Receiving benefits was […] not a major factor.“ 188 Die These, „je weniger attraktiv ein Land in […] wirtschaftlicher Hinsicht ist, desto geringer fällt der Zustrom an Asylbewerbern aus“, gilt gemeinhin als
falsifiziert. 189 Bei der Wahl des Asyllandes spielen weder finanzielle Zuwendungen noch die Art der Unterbringung eine wichtige Rolle. 190 Lediglich das Recht auf Arbeit wird bisweilen als relevanter Faktor angesehen. Befragungen von Flüchtlingen im Vereinigten Königreich sprechen jedoch „education a
stronger influence than employment“ 191 zu.
Besonders den Hauptasylländern Europas wird zugesprochen, dass sie die Anzahl der Asylbewerber in ihrem Hoheitsgebiet mit Politik-Maßnahmen
absenken konnten. 192 Die Wirkung von politischen Änderungen im Asylbereich unterscheidet sich jedoch von Maßnahme zu Maßnahme: Die größte Bremsung von Asylflüssen evozieren Migrationsbestimmungen, die direkt am Betreten eines Landes hindern. Restriktionen in der Zulassung zum Asylverfahren wie der Ausschluss von Asylbewerbern aus ‚Sicheren Herkunftsstaaten’ wird ebenfalls ein weit reichender Effekt zugesprochen.
186 Havinga u. Böcker, 1999. S.53.
187 Holzer, Schneider u. Widmer, 2000. S.2001.
188 Robinson u. Segrott, 2002. S.50.
189 vgl. Holzer u. Schneider, 2000. S.93.
190 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.53.
191 Robinson u. Segrott, 2002. S. 57.
192 vgl. Vink, Maarten u. Frits Meijerink: Asylum Applications and Recognition Rates in EU Member States 1982-2001: A Quantitative Analysis. In: Journal of Refugee Studies. Vol.16. No.3/2003. S.313 (künftig zitiert: Vink u. Meijerink, 2003. S.)
76
Gleiches gilt für Maßnahmen, die gezielt auf bestimmte Herkunftsgruppen
ausgerichtet sind. 193
Maßnahmenbündel können diese Wirkungen noch verstärken. Zu denken ist
dabei an die „Totalrevision des Asylrechts“ 194 in Deutschland. Gerade weil die Politikmaßnahmen nicht isoliert auftreten, wird eine Gegenüberstellung von Politikmaßnahmen und Asylflüssen oftmals unmöglich. Darüber hinaus müssten auch die Push-Faktoren im Herkunftsland mit in die Betrachtung eingezogen werden. Ist die Lage im Sendestaat etwa auf einem kritischen Niveau angelangt, stellen strenge Asylgesetze kein ausschlaggebendes
Hindernis für eine Einwanderung dar. 195
„In practice, it proves hard to control immigration to the extent that only ‚wanted’ migrants enter countries of destination and that they only stay for
certain periods of time.” 196
7.4 Besondere Verbindungen zwischen Herkunfts- und Asylland
Die Analyse der Herkunftsländer (Kapitel 5) hat eine unregelmäßige Verteilung der Asylsuchenden zwischen 1990 und 2003 veranschaulicht. So haben in Deutschland anfangs vornehmlich Osteuropäer, Türken und Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und später auch aus Asien einen Antrag gestellt. Während die Schweiz ähnliche Sendeländer verzeichnet, stammen die Asylbewerber im Vereinigten Königreich vornehmlich vom afrikanischen und asiatischen Kontinent. Die Zusammenstellung der Herkunftsländer wandelt sich in den Zeitabschnitten 1990/1996/2003 zwar mehrmals, es ist jedoch offensichtlich, dass bestimmte Aufnahmeländer ein ‚Stammklientel’ von Asylbewerbern aufweisen:
„Asylum seekers from a particular country of origin often tend to go to a
particular country within the European Union.“ 197
193 vgl. Efionayi-Mäder, S.67.
194 ebd., S.139.
195 vgl. Holzer u. Schneider, 2002. S.102.
196 Schoorl, 2000. S.XVI
197 Böcker u. Havinga, 1998. S.245.
77
Dieses Phänomen begründet sich in der ersten Linie mit besonderen Verbindungen zwischen Aufnahme- und Sendeland, die historisch gewachsen sind und noch immer Einfluss auf das Verhältnis der Staaten haben.
7.4.1 Postkoloniale Verbindungen
In vielen Fällen entstammt dieser besondere ‚Link’ einer kolonialen
Vergangenheit. 198 Während der Besatzungszeit hatten die Kolonialmächte in ihren Protektoraten in der Regel Strukturen aufgebaut, die das eigene System widerspiegelten.
Sind den Asylsuchenden Sprache, Kultur und Bildungssystem des Aufnahmelandes vertraut, so sinkt der zu betreibende Immigrationsaufwand. Die Migrationskosten sind also deutlich geringer als bei einer Einwanderung in ein alternatives Land.
Die Kreisdiagramme der quantitativen Analyse konnten eine Auswirkung der kolonialen Vergangenheit Frankreichs und des Vereinigten Königreichs auf die Flüchtlingsbewegungen bestätigen: Unter den sechs häufigsten Herkunftsländern von Asylsuchenden in Frankreich befinden sich 1990 zwei ehemalige französische Kolonien: Mali und Vietnam. Im Jahr 2003 sind Algerien und Mauretanien Hauptsendeländer mit kolonialer Verbindung. Die größten Asylzugänge mit kolonialer Vergangenheit stammen im Vereinigten Königreich aus Somalia, Sri Lanka, Nigeria, Indien und Pakistan. Sie haben geringe Anpassungskosten, weil sie zum großen Teil in der Schule Englisch lernen und das heimische Bildungssystem mit dem britischen
vergleichbar ist. 199
Koloniale Links ziehen häufig erleichterte Visabestimmungen nach sich, was (wie bereits unter Kapitel 7.3.2.1 dargestellt) die Möglichkeit einer
Asylantragstellung erheblich erleichtert. 200 Darüber hinaus wählen viele Asylsuchende das ehemalige Mutterland als Zieldestination, weil sie die
198 vgl. Massey et al., 1993. S.444.
199 vgl. ebd. S.446.
200 vgl. Hovy, 1993. S.225.
78
einstige Besatzungsmacht in der historischen Verantwortung sehen, eine
Aufnahme zu gewähren. 201
Trotz der mannigfaltigen Gründe, die ehemalige Kolonialmacht anzusteuern, können Asylantragszahlen von Personen aus einstigen Kolonien gering ausfallen. So war beispielsweise der Libanon französisches Protektorat und in vielen Teilen des Landes ist französisch noch weit verbreitet. Dennoch stellt nur ein verschwindend geringer Anteil von libanesischen Flüchtlingen einen
Asylantrag in Frankreich. 202 In anderen europäischen Staaten hingegen sind die Asylzahlen von Libanesen hoch: Bedingt durch die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Israel gehört der Libanon in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, der Schweiz und Schweden 1990 zu den Hauptherkunftsländern von Flüchtlingen.
Auch der Anteil afghanischer Flüchtlinge im Vereinigten Königreich hält sich trotz historischer Verbindung auf niedrigem Niveau: 1990, 1996 und 2003 befindet sich Afghanistan nicht einmal unter den sechs Hauptsendeländern. Beträchtlicher war der Anteil afghanischer Flüchtlinge hingegen in den Nieder-landen und in Deutschland.
Eine mögliche Erklärung für verschwindend geringe Antragszahlen von Flüchtlingen aus ehemaligen Kolonien liegt oftmals in einem Ausweichen auf andere Migrationsformen. Ferner könnten positive politische Maßnahmen oder
die Präsenz einer ‚Ethnic Community’ XXIII (die nicht auf kolonialen Links basiert) andere Länder attraktiver machen. 203
Koloniale Links bzw. deren Nachwirkungen üben einen großen Einfluss auf die Verteilung der Flüchtlinge in Europa aus. Diese Einflussnahme nehme -anderen Studien zufolge - jedoch ab, da die immer restriktiveren Migrations-
bestimmungen auch Flüchtlinge aus ehemaligen Kolonialgebieten beträfen. 204
201 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.51.
202 vgl. ECRE: Country Report France. S.2. Im Internet: http://www.forumrefugies.org/image/ divers/ECRE_France_report2003.pdf, abgerufen am 18.2.05, 23:21 Uhr.
203 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.47.
204 Böcker u. Havinga, 1999. S.256f.
79
Mit Beginn der achtziger Jahre streben Flüchtlinge zunehmend Ziele ohne
koloniale Bindungen an: SriLankis gehen in die Schweiz 205 , Iraner in die Niederlande 206 und auch bei algerischen Flüchtlingen hat sich im vergangenen Jahrzehnt ein Destinationswandel vollzogen. Sie kommen zwar noch immer in großen Mengen ins ehemalige Mutterland Frankreich, zielen jedoch häufig
auch das Vereinigte Königreich an. 207
Für dieses Phänomen gibt es mehrere Gründe. Unter anderem unterscheiden sich die Zwangsmigranten der neunziger Jahre erheblich von ihren Vorgängern:
„More Algerians are now better educated, and it is most often the educated and employed who have the possibility to travel“.
Die unterschiedlichen sozialen Positionen sorgen dafür, dass der Kontakt zwischen den neuen Flüchtlingen und der bereits etablierten algerischen Community in Frankreich nachlässt. Viele Asylsuchende beherrschen inzwischen Englisch, sodass das Kriterium der gemeinsamen französischen Sprache abschwächt. Darüber hinaus gilt - den Angaben der Flüchtlinge zufolge - eine kleine ethnische Community wie im Vereinigten Königreich als Vorteil: Algerier würden weniger auffallen und die Einheimischen ihnen mehr Toleranz entgegenbringen. Auch schreckten die die guten Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien von einer Einwanderung ab:
„Many Algerians […] expressed a desire to come to a place with no political ties
to Algeria“. 208
Die obigen Kreisdiagramme reflektieren diese verringernde Relevanz von kolonialen Bindungen nicht. Was neben den stichprobenartigen Analyseabschnitten auch damit zusammenhängen könnte, dass der Untersuchungszeitraum von vierzehn Jahren für diese Beobachtung zu kurz gewählt ist.
205 vgl. MacDowell, Christopher: A Tamil asylum diaspora: Sri Lankan migration, settlement and politics in Switzerland. Refugee and forced migration studies, Vol. 1. Berghahn 1996.
206 vgl. Koser, 1997. S.591f..
207 vgl. Collyer, Michael: Explaining Chance in Established Migration Systems: The Movement of Algerians to France and the UK. In: Sussex Migration Working Paper no.16, 2003. S.1. In: http://www.sussex.ac.uk/migration/publications/working_papers/mwp16.pdf, abgerufen am 9.3.05, 13 Uhr. (künftig zitiert: Collyer, 2003. S.)
208 ebd., S.13.
80
7.4.2 Sonstige Verbindungen
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Anwerbung von Arbeitskräften für den Wiederaufbau Westeuropas durch eine liberale Einwanderungspolitik erleichtert. Alle hochindustrialisierten Länder Europas haben zwischen 1945 und 1973 Arbeitskräfte rekrutiert. In Ländern ohne koloniale Bindungen wie beispielsweise der Schweiz und Deutschland gab es multi- und bilaterale Abkommen, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken - so mit Italien,
Spanien, Jugoslawien, der Türkei, Griechenland und Portugal. 209 Schweden rekrutierte vor allem Türken, Griechen und Jugoslawen 210 .
„A strong presence in a country of destination of foreigners of one nationality
may enhance further migration of persons of the same nationality.” 211
Die Gastarbeiter waren gewissermaßen Pioniere, die eine Einwanderung von Familie, Freunden und Bekannten auf dem Asylweg nach sich zog. Es entwickelte sich eine Kettenwanderung, die “zwischen verschiedenen
Migrationskategorien - Arbeits- und Asylmigration - eine Brücke schlägt” 212 . Besonders in Zeiten politischer Instabilität und massiven Menschenrechtsverletzungen im Herkunftsland werden Flüchtlingsströme durch die
Anwesenheit Bekannter dirigiert. 213
Dies offenbart sich besonders bei Flüchtlingen aus den krisengeschüttelten Regionen Europas; der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien. In Ländern mit vorhergegangener Arbeitsmigration sind die Asylantragszahlen überdurchschnittlich hoch: In Deutschland und der Schweiz sind Türken und Bürger aus dem ehemaligen Jugoslawien 1990, 1996 und 2003 unter den drei häufigsten Asylzugängen. Auch in Schweden befinden sich Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien stets unter den häufigsten Asylgruppen.
Der hohe Anteil osteuropäischer Asylbewerber in Deutschland zu Beginn der neunziger Jahre basiert auf der bevorzugten Behandlung von Flüchtlingen, die während des Kalten Kriegs aus der Sowjetunion flüchteten. Bis 1989 durften
209 vgl. Nigg, Heinz: Internationale Migration und Binnenwanderung im Überblick. S.253. Im Internet: http://www.da-und-fort.ch/pdf/daundfort_mat.pdf, abgerufen am 7.2.05, 17:39 Uhr
210 vgl. Currle, 2004. S.197.
211 Hovy, 1993. S.225.
212 Efionayi-Mäder et al., 2001. S.135.
213 vgl. Hovy, 1993. S.225.
81
fast alle Flüchtlinge aus dem Sowjetblock, auch wenn ihr Asylantrag abgelehnt
wurde, in Deutschland bleiben. 214
Politische Beziehungen zwischen den Regierungen von Sende- und Zielland sind grundsätzlich nicht von Bedeutung. Wie bereits angedeutet, tendieren Flüchtlinge bei einem sehr guten bilateralen Verhältnis vereinzelt dazu, ein drittes Land aufzusuchen. Wie die algerischen Zwangsmigranten meiden Flüchtlinge von der Elfenbeinküste aus diesem Grunde Frankreich und gehen
stattdessen in das Vereinigte Königreich. 215
Im Gegensatz dazu kann sich eine gute Beziehung zwischen der Regierung im Asylland und der Opposition im Herkunftsstaat positiv auf die Aufnahme der Flüchtlinge auswirken.
Andere Verbindungen wie gemeinsame Religion, kultureller Austausch oder Handelsbeziehungen haben grundsätzlich keinen Einfluss auf die Verteilung
der Flüchtlinge. 216
7.4.3 Soziale Netzwerke
Aus aufeinander folgenden Migrationsströmen entwickelt sich im Laufe der Jahre ein organisiertes soziales System, das den Migrationsfluss aufrechterhält:
die Sozialen Netzwerke. 217
Bereits vorhandene Soziale Netzwerke im Zielland reduzieren die Kosten
künftiger Flüchtlinge und steigern deren Migrationsgewinn 219 : Sie helfen nicht nur beim Fluchtprozess, in dem sie Kontakte zu Schleusern herstellen und für
214 vgl. Böcker u. Havinga, 1998. S.257f.
215 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.52.
216 vgl. Böcker u. Havinga, 1997. S.82.
217 Russel, King: Why do people migrate? The geography of departure. In: King, Russel (Hrsg.): The new geography of European migrations. London 1993. S.21.
218 vgl. Koser, 1997. S.594.
219 vgl. Massey et al., 1993. S.448.
82
die Fluchtkosten aufkommen. Darüber hinaus haben sie unterstützende
Funktion beim Zurechtfinden in der neuen Heimat. 220 Somit kommt Sozialen Netzwerken eine Selektionsfunktion zu: Durch ihre Informationen, ihr Wissen und ihre finanziellen Zuwendungen können sie
beeinflussen, wer ihnen ins Asylland folgt. 221
Durch eine etablierte Diaspora-Gemeinschaft wird Migration von Generation
zu Generation vereinfacht und damit zum selbst erhaltenden Prozess. 222 Im Umkehrschluss kann also von der Verbreitung der Asylbewerber auf die Präsenz von Sozialen Netzwerken geschlossen werden. Während sich Flüchtlinge aus Mali und Mauretanien z.B. in erster Linie nach Frankreich orientieren, weil sie dort Familie und Freunde wähnen, sind Iraner in praktisch allen europäischen Staaten präsent: „What this means is that for many Iranians
social networks exist across Europe“ 223 .
Dabei wird selbst die Präsenz entfernter Bekannter in der Entscheidungsfindung eines Flüchtlings berücksichtigt:
„Any kind of contact, no matter how fleeting will constitute a pull factor for potential asylum seekers that can tip the balance towards the decision to claim
asylum in a particular country.“ 224
220 vgl. Boyd, 1989. S.657.
221 vgl. Koser u. Pinkerton, 2001. S.11.
222 vgl. Boyd, 1989. S.641.
223 Koser, 1997. S.596.
224 Thielemann, 2003. S.26.
83
Je enger sich jedoch das Verhältnis zwischen den potentiellen Migranten und ihren Netzwerken im Zielland gestaltet, desto wahrscheinlicher wird deren
Nachkommen. 225
Bei einer durch Soziale Netzwerke motivierten Migration wird demnach keine Entscheidung für das Land an sich gefällt. Es steht vielmehr „to join a family
member, friend or acquaintance“ 226 im Vordergrund.
Erneut sei darauf hingewiesen, dass sich die vorangegangenen Überlegungen auf Asylsuchende beziehen, die über ihr Zielland eigenständig entscheiden konnten. In vielen Fällen bleibt jedoch keine Zeit, Unterstützung von den Bekannten im Asylland einzuholen oder ihre Kontaktierung wäre gar zu
gefährlich. 227
Historische Verbindungen und die sich daraus entwickelnden Sozialen Netzwerke stellen Schlüsselfaktoren bei der Verteilung von Flüchtlingen in Europa dar. Eventuelle Veränderungen bei der Distribution können sie jedoch nicht erklären: Warum sinkt beispielsweise die Anzahl nigerianischer Asylbewerber von 1996 bis 2003 im Vereinigten Königreich, steigt in Irland hingegen rapide an?
Überdies suchen Flüchtlinge auch in Ländern ohne historische Verbindungen
Asyl, kommen folglich als Pioniere ins Land. 228 Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass sich um diese erste Migrationskohorte neue Soziale Netzwerke bilden werden.
Es kommt auch durchaus vor, dass sich zwar Familienmitglieder und Freunde im Asylland aufhalten, diese von den Flüchtlingen aber gar nicht kontaktiert
werden. 229
„Historical ties between countries seem to function as a major determinant of asylum migration.[…] At the same time, however anomalies to this pattern
demonstrate that other forces are also at work.” 230
225 vgl. Massey et al., 1993. S.461.
226 Havinga u. Böcker, 1999. S.50.
227 vgl. Koser, 1997. S.599.
228 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.45f.
229 vgl. Koser u. Pinkerton, 2001. S.11f.
230 Hovy, 1993. S.224f.
84
Die Auswirkung von historischen Verbindungen müssen also stets im Kontext von anderen Kriterien - wie Push-Faktoren und Politikmaßnahmen - betrachtet werden.
7.5 Schlepper- und Schleuserorganisationen
„The final destination of […] asylum seekers may be more strongly affected by the geography of smuggling networks through Europe than by policy changes
per se.“ 231
Ein Großteil der Flüchtlinge, der im Asylland nach der Fluchtorganisation befragt wurde, hatte zumindest für eine Etappe die Hilfe von Schleppern in
Anspruch genommen. 232 In vielen Fällen wandten sie sich bereits im Herkunfts-land sukzessive an mehrere Schlepper oder vertrauten sich größeren Organisationen an.
Schleuser sind in erster Linie dafür verantwortlich, Pässe und Reisedokumente zu beschaffen und die Migranten ins Zielland zu bringen. Im Gegenzug müssen die Flüchtlinge die dafür erforderlichen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Die Aufbringung der nötigen Kosten gaben viele Asylsuchende als die Voraussetzung an, um ins Wunschland zu gelangen. Die durchaus beliebten Zieldestinationen USA, Kanada und Australien sind aus diesen Gründen oftmals
nicht erreichbar. 233
Fluchtagenten kommt damit - ähnlich wie den Sozialen Netzwerken - eine Selektionsfunktion zu: Durch ihre Preisgestaltung entscheiden sie zum Einen, wer migriert. Zum Anderen sind sie beim Endziel der Flucht zumindest mitbestimmend. Schließlich sind Schlepper in der Regel auf bestimmte Länder spezialisiert, die Zieldestination kann von den Flüchtlingen lediglich aus einer
feststehenden Angebotspalette gewählt werden. 234
Vereinzelt vertrauen sich Migranten Schleusern an, ohne im Vorhinein ein Ziel festgelegt zu haben. Die Entscheidung für das Asylland verlagert sich somit
231 Koser, 1996. S.156.
232 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.56f. / Koser, 1997. S.599f. / Efionayi-Mäder et al., 2001. S.145f.
233 vgl. Efionayi-Mäder et al., 2001. S.105.
234 vgl. Havinga u. Böcker, 1999. S.56f.
85
vollständig auf die Ebene der Schleuser. Die Kontrolle über den Migrations-verlauf geht für die Flüchtlinge damit gänzlich verloren. 235
Da Schleuser die Flüchtlinge illegal in die jeweilige Zieldestination bringen, kann über ihre Bedeutung im Migrationsprozess lediglich gemutmaßt werden.
Es wird ihnen jedoch in zunehmendem Maße eine „key role“ 236 zugesagt. Im Anbetracht steigender Migrationsbarrieren seien Flüchtlinge immer mehr auf das Agieren von Schleppern angewiesen. Die restriktive Asylgesetzgebung in
Europa eröffne den Schleuserbanden somit eine Nische. 237
Auch die Rolle von Schleusern muss in Verbindung mit anderen Faktoren betrachtet werden: So steigt mit einer zunehmenden räumlichen Distanz zwischen Herkunfts- und Asylland die Wahrscheinlichkeit, die Flucht mithilfe von Schleppern zu gestalten. Kosovo-albanische Flüchtlinge beispielsweise bestimmten ihren Reiseverlauf in die Schweiz relativ autonom. Migranten aus Sri Lanka kamen dagegen fast ausschließlich mithilfe von Schleppern ins
Land. 238
Dabei stellt meist die Familie im Zielland den Kontakt zu den Agenten her. 239 Soziale Netzwerke und Schmuggler sind also zwei fluchtbeeinflussende Faktoren, die direkt miteinander interagieren. Während Familie und Freunden die vorbereitenden Maßnahmen treffen, führen Schleuser die Flucht letztendlich durch:
„In other words, smugglers can in some circumstance override the effect of social
networks on the migration of asylum seekers.“ 240
Die Existenz von kolonialen und historischen Verbindungen zwischen Sende-und Zielland können die Schlepperaktivitäten erheblich beeinflussen. Bereits existierende Diaspora-Gemeinschaften, bevorzugte Behandlungen durch Immigrationsbehörden, die Kenntnis von gemeinsamer Sprache, Kultur und Gesellschaft erleichtern die Tätigkeit von Schleuserorganisationen erheblich.
235 vgl. Koser u. Pinkerton, 2001. S.24f.
236 Robinson u. Segrott, 2002. S. 25.
237 vgl. UNCHR: Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt. Bonn 1995. S.241.
238 vgl. Efionyi-Mäder et al., 2001. S.95.
239 vgl. ebd. S.145f.
240 Koser u. Pinkerton, 2001. S.26.
86
7.6 Die geopolitische Situation
7.6.1 Die räumliche Nähe von Herkunfts- und Asylland
Die Distanz zwischen Herkunfts- und Zielland wird in der Migrationsforschung unterschiedlich bewertet: Studien, die beispielsweise die Asylmigration in die Schweiz zum Gegenstand haben, deklarieren die geographische Nähe als
wichtigen Pull-Faktor 241 . Dagegen sehen Untersuchungen, die sich auf mehrere industrialisierte Länder beziehen, eine leichte Erreichbarkeit des Asyllandes
lediglich als vereinfachendes Element. 242
Die Untersuchung dieser Arbeit stützt sich auf die Verteilung der Flüchtlinge in Europa, ‚single case studies’ sind bei der Beurteilung einer räumlichen Nähe nur von begrenztem Nutzen. Darüber hinaus hat die Distanz zwischen Asyl- und Zielland für den europäischen Kontinent einen wesentlich geringeren Stellen-
wert als für den afrikanischen oder asiatischen. 243 Die größte Flüchtlingsgruppe weltweit stellten im Jahr 2003 Afghanen (insgesamt rund 2.136.000). Sie gingen in erster Linie in die Nachbarländer Pakistan oder in den Iran. Auch sudanesische Zwangsmigranten, die zweitgrößte Flüchtlingskohorte, suchten als ‚main asylum countries’ Uganda, den Tschad, Äthiopien und Kenia - also
benachbarte Staaten - auf. 244
Für eine hohe Relevanz der räumlichen Nähe sprechen von 1990 bis 2003 die Flüchtlingsbewegungen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Osteuropa und Russland. Jedoch nicht durchgehend: Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen zwar in großen Mengen in die unweiten Länder Ungarn, die Schweiz, Deutschland und die Tschechische Republik. Ein Großteil von ihnen ging aber auch ins wesentlich weiter entfernte Schweden.
241 vgl. Holzer u. Schneider, 2002. S.132 / Holzer, Schneider u. Widmer, 2000. S.1193.
242 vgl. Neumayer, 2004. S.163.
243 vgl. Thielemann, 2003. S.27.
244 vgl. UNHCR: Refugees by Numbers 2003. S.9. Im Internet: http://www.unhcr.ch/cgi-bin/texis/vtx/home/+LwwBmej94FexxwwwwnwwwwwwwhFqoUfIfRZ2ItFqt5nwGqrAFqoUf IfRZ2IcFqEelRqxh1tnn5axOaN1MxnG5a+XX6elX3qmxwwwwwww/opendoc.pdf, abgerufen am 9.3.05, 18:49 Uhr.
87
Die Massenflucht aus der Russischen Föderation spiegelt sich im Jahr 2003 besonders in den westlichen EU-Beitrittsländern und den östlichsten Kernstaaten der EU wider. In den weit entfernten Ländern Frankreich und Schweden sind sie ebenfalls in hohen Zahlen präsent. In Ungarn hingegen, das wesentlich näher an der russischen Grenze liegt als die Länder der Europäischen Union, tauchen russische Flüchtlinge nicht einmal unter den sechs häufigsten Asylzugängen auf.
Ein Großteil der Asylsuchenden in Europa stammt aus Asien und zuweilen aus Afrika. So sind Flüchtlinge aus dem Irak, dem Iran, aus Afghanistan und Somalia während des gesamten Untersuchungszeitraumes in großen Mengen vertreten. Der Faktor räumliche Nähe dürfte hier nur in Maßen mit hinein-
gespielt haben. XXIV
Die Erreichbarkeit eines Landes hängt darüber hinaus in hohem Maße von den Transportmöglichkeiten ab. Während Deutschland theoretisch auf dem Landweg zu erreichen ist, sind Asylsuchende mit dem Vereinigten Königreich als Ziel auf Flugverbindungen angewiesen.
Der Stellenwert einer räumlichen Nähe im Migrationsprozess wird deutlicher, wenn erneut die Überlegung einer ‚Kosten-Nutzen-Kalkulationen’ ins Spiel gebracht wird. Eine kurze Distanz zwischen Sende- und Asylland kann schlicht
mit geringen Migrationskosten gleichgesetzt werden. 245 Denn neben einer kürzeren Fluchtstrecke zieht eine räumliche Nähe oftmals eine ähnliche Kultur
nach sich. 246 Vergleichbare gesellschaftliche und kulturelle Systeme reduzieren, wie bereits dargelegt, die Migrationskosten und können Flüchtlinge in ihrer Entscheidungsfindung positiv beeinflussen.
Sind jedoch noch andere Kostenreduzierer wie Soziale Netzwerke oder eine gemeinsame Sprache vorhanden, wird zuweilen eine längere Entfernung in Kauf genommen, um die Kosten durch andere Elemente im Endeffekt wesentlich mehr zu verringern. Deshalb muss die Wirksamkeit des Faktors ‚Räumliche Nähe’ stets in Verbindung mit anderen Fluchtdeterminanten betrachtet werden.
245 vgl. Thielemann, 2003. S.14.
246 vgl. Neumayer, 2004. S.165.
88
Die Richtung der Flüchtlingsbewegungen aus dem ehemaligen Jugoslawien bestätigen eine Interaktion zwischen geographischer Nähe und Sozialen Netzwerken: Jugoslawische Flüchtlinge suchten von 1990 bis 2003 in erster Linie die nahen Länder auf, in denen bereits Soziale Netzwerke existierten (Deutschland, Schweiz, Österreich, Schweden). Griechenland hingegen, das ebenfalls an Jugoslawien grenzt, verzeichnet nur eine mäßige Flüchtlingsmigration.
Die Beobachtungen über die räumliche Distanz zwischen Herkunfts- und Asylländern von Flüchtlingen bestätigen die These nach Massey et al.:
„Although proximity obviously facilitates the formation of exchange
relationships, it does not guarantee them nor does distance preclude them.“ 247
7.6.2 Der Image-Faktor
„Favourable perceptions as to how liberal a potential host country is, show a strong, and positive relationship with the relative numbers of applications that a
country receives.“ 248
In Flüchtlingsbefragung heben viele Asylantragsteller das „democratic
image“ 249 des gewählten Aufnahmelandes hervor. Das Bild, das sich Flüchtlinge von ihrer Zieldestination machen, entsteht im Wesentlichen durch drei Faktoren: Durch die Sozialen Netzwerke im Asylland, mediale Übertragungen und das internationale Engagement der Zieldestination. Wie bereits angedeutet, sind die Informationen von Sozialen Netzwerken persönlich gefärbt und nicht immer zuverlässig. Dennoch bringen Flüchtlinge ihnen das meiste Vertrauen entgegen - der kommunikative Austausch mit Familie und Freunden im Aufnahmeland formt die Vorstellungen vom Asylland demnach besonders.
Den Medien kommt im Entscheidungsprozess von Flüchtlingen eine indirekte Rolle zu. Sie verbreiten zwar keine Informationen über die Migrationsbestimmungen eines Landes, übermitteln jedoch Eindrücke von der generellen
247 Massey et al.,1993. S.454.
248 Thielemann, 2003. S.26.
249 Böcker u. Havinga, 1997. S.84.
89
wirtschaftlichen, politischen und sozialen Situation. 250 Diese wird in das ‚democratic image’ von Asylsuchenden eingegliedert.
Staaten, die sich über die eigenen Grenzen hinweg für andere einsetzen, also internationales Engagement zeigen, genießen ein positives Image. Asylsuchende in der Schweiz gaben als Grund für ihre Wahl die humanitäre Tradition des Landes an:
„Immer wieder werden das Rote Kreuz, dessen Flüchtlingslager und Aktionen weltweit bekannt sind, und die internationalen Organisationen in Genf
erwähnt.“ 251
Der „Mythos des Ziellandes“ 252 kann sich auch aus sehr subtilen Gründen entwickeln: So können sich beispielsweise Motive auf der Nationalflagge oder Abbilder auf den Münzen der Landeswährung auf die persönliche Einschätzung
eines Landes auswirken. 253
Ausschlaggebend für den Ruf eines Landes ist seine Beständigkeit. Die Einführung des Gutschein-Systems im Vereinigten Königreich beispielsweise
konnte dessen Ruf keinen Abbruch tun 254 :
„Some destination countries will always be more attractive owing to their history […], their geographical location and their language ties with developing
countries.“ 255
7.6.3 Sonstige Einflüsse
Ein Gerücht ist eine Informationsweitergabe, die nicht wahrheitsgebunden sein muss. Es wurde bereits ausreichend dargelegt, dass ein Großteil der Flüchtlinge (sei es aus Gründen der Eile oder leidlicher Informiertheit) nur einen oberflächlichen Kenntnisstand über die verschiedenen Zieldestinationen besitzt. Aus diesem Grund sind sie für Gerüchte, die oftmals ihre einzige Informations-
quelle darstellen, äußerst anfällig. 256 Insbesondere „unconfirmed reports about a
250 vgl. Koser u. Pinkerton, 2001. S.13.
251 Efionayi-Mäder et al., 2001. S.116
252 Kunze, 2004. S.4.
253 vgl. Barsky, 1995. S.137.
254 vgl. Thielemann, 2003. S.33.
255 Neumayer, 2004. S.176.
256 vgl. Havinga u. Böcker, 1999.S.52.
90
country’s lenient admission policy“ 257 können das Fluchtziel spontan umbestimmen.
So haben sich 2003 viele tschetschenische Flüchtlinge von ihren überfüllten Flüchtlingszentren in Polen auf in die Tschechische Republik gemacht. Dem Aufbruch war die interne Information vorausgegangen, dass die medizinische
Versorgung von Asylsuchenden in Tschechien besser wäre. 258
Die politische Stimmung im Land äußert sich in politische Debatten, dem Maß an Fremdenfeindlichkeit und nicht zuletzt symbolischen Ereignissen. Wie bereits angedeutet, werden asylpolitische Maßnahmen vor ihrem offiziellen Erlass ausführlich diskutiert. Durch Medienübertragungen können die Asylsuchenden von den politischen Debatten bereits im Herkunftsland erfahren. In anderen Fällen nehmen Flüchtlinge die Diskussionen erst nach ihrer Ankunft in Westeuropa wahr und entscheiden sich daraufhin in ihrer Landeswahl um. So wird gemutmaßt, dass zu Beginn der neunziger Jahre bereits die Debatten um die Verschärfung des Asylrechts in Deutschland viele Flüchtlinge zu einer
Weiterwanderung in die Niederlande veranlassten. 259
Staaten mit einem relativ hohen Maß an Fremdenfeindlichkeit, das sich z.B. in Medienkampagnen oder symbolischen Ereignissen niederschlagen kann, wirken auf Flüchtlinge abschreckend. Länder mit einem hohen Anteil rechter Parteien im Parlament empfangen grundsätzlich weniger Asylsuchende, ein hoher Anteil
linker Parteien hat den gegenteiligen Effekt. 260 Dies könnte jedoch auch daran liegen, dass rechte Parteien in der Regel schärfere Migrationsbestimmungen implementieren.
8. Schlussbetrachtung und Ausblick
Es bleibt festzuhalten, dass zwischen 1990 und 2003 umfangreiche Flüchtlingsbewegungen in Europa stattgefunden haben. Die Asylstatistiken der europäischen Länder zeigen jedoch nur wenige Gemeinsamkeiten: Lediglich zwei Anstiege der Flüchtlingskurven - zu Beginn und zum Ende der neunziger
257 Hovy, 1993. S.225.
258 vgl. UNHCR: Chechens show no interest in Poland, 2004.
259 vgl. Böcker u. Havinga, 1997. S.52.
260 vgl. Neumayer, 2004. S.171.
91
Jahre, die zum großen Teil mit den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien zusammenhängen - finden sich in mehreren nationalen Asylstatistiken wieder.
In Deutschland zeigt sich der quantitative Wandel des Asylgeschehens am Deutlichsten: Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts war Deutschland mit Abstand Asylland Nummer eins in Europa. Nach einer umfassenden Gesetzesreform im Asylbereich 1993 gingen die Antragszahlen jedoch schlagartig zurück. Für den gesamten Untersuchungszeitraum bleibt Deutschland zwar das Land mit den höchsten Antragswerten, im Jahr 2003 liegt es jedoch nur noch auf Rang drei in der Liste der Hauptasylländer. An der Spitze abgelöst wurde es vom Vereinigten Königreich, das seit 1996 einen beständigen Asylzuwachs verzeichnet. Frankreich rangiert 2003 auf dem zweiten Rang, ist für den gesamten Untersuchungszeitraum jedoch ‚nur’ drittstärkstes Zielland von Flüchtlingen. Die Niederlande, die Schweiz und Schweden bestimmen von 1990 bis 2003 die Ränge vier bis sechs. In den Niederlanden und der Schweiz ist dabei das Asylgeschehen von hohen Schwankungen gekennzeichnet. Schwedens Antragskurve ähnelt hingegen der deutschen: Nach einem eklatanten Höhepunkt im Jahr 1992 sind die Flüchtlingszahlen stark rückläufig.
Die Beitrittsstaaten der Europäischen Union verzeichnen seit Mitte der neunziger Jahre deutlich steigende Asylbewerberzahlen. Im Vergleich zu den Vorjahren ist der Flüchtlingszuwachs in den zwölf künftigen EU-Ländern zwar erheblich, die absoluten Zahlen bleiben jedoch gering. Die Tschechische Republik registriert den größten Asylbewerberanstieg und auch das polnische Asylsystem zeigte sich durch steigende Flüchtlingszahlen im
Jahr 2003 überlastet. 261 Die ungarische Asylkurve weist 1997 zwar ebenfalls einen schlagartigen Anstieg auf, seit 2001 ist sie jedoch ebenso drastisch wieder gesunken. Pressemittelungen wie „Asylum Requests jump in European Countries“ sind daher nicht nur wegen der vielfachen Mehrfachanträge auf Asyl mit Vorsicht zu genießen. Als Ausblick auf die weitere Entwicklung in der mittlerweile erweiterten Europäischen Union bieten sich die Zahlen des Jahres 2004 an:
261 vgl. UNHCR: Chechens in the Czech Republic, 2004.
92
Tab.3: Asylanträge in den EU-Beitrittsstaaten 2003 und 2004 262
Lediglich Zypern, Malta, Polen und in etwas geringerem Maße die Slowakei verzeichnen unter den neuen EU-Ländern 2004 nennenswerte Zuwächse. In etwa gleich geblieben sind die Antragszahlen in Estland, Lettland, Litauen und Slowenien. Wesentlich geringer fallen sie dagegen in Ungarn, der Tschechischen Republik, Rumänien und Bulgarien aus.
Die Asylantragszahlen in den Beitrittsstaaten scheinen zu stagnieren. Während der prozentuale Anstieg von 2002 auf 2003 rund 31 Prozent ausmachte, lag er 2004 nur noch bei vier Prozent. Ein Großteil der neuen bzw. künftigen EU-Länder fügt sich somit dem Trend der sinkenden Asylgesuche, der bereits Jahre zuvor in den Staaten der ‚alten’ EU eingesetzt hatte.
Obschon sich die Asylmigration zunehmend auf mehrere Länder verteilt, existieren noch immer ‚Hauptaufnahmeländer’: Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, die Schweiz, Österreich, Schweden und die Niederlande sind während des gesamten Untersuchungszeitraums mit besonders hohen Flüchtlingszahlen konfrontiert.
Dies lässt vielfach den Ruf nach einem „burden sharing“ XXV laut werden. 263 Ein solcher ‚Flüchtlings-Lastenausgleich’ böte sich beispielsweise in Form von „sharing resources“ oder „sharing people“ an. Bei der „sharing resources“-Methode würde mithilfe eines Verteilungsschlüssels, ausgehend von Bevölkerungsgröße oder Bruttoinlandsprodukt, für jedes Land eine jährliche Durchschnittszahl von Flüchtlingen festgelegt. Davon
262 vgl. UNHCR: Asylanträge 2004 in EU-Mitgliedstaaten, anderen europäischen und außereuropäischen Staaten . Im Internet: http://unhcr.de/pdf/489.pdf, Stand 3.3.05, abgerufen am 5.3.05, 1:56 Uhr.
263 vgl. Vink u. Meijerink, 2003. S.300.
93
nach unten abweichende Länder müssten den ‚Flüchtlingsmangel’ finanziell ausgleichen. Staaten mit überdurchschnittlich hohem Asylaufkommen würden Empfängerländer.
Die Idee des „sharing people“ bezieht sich auf Maßnahmen zur Umsiedlung von Flüchtlingen. Dies ist aus mehreren Gründen nicht sinnvoll. Zum Einen ziehen weniger beliebte Asylländer einen finanziellen Ausgleich einer Aufnahme von
Flüchtlingen vor. 264 Zum Anderen kommen Flüchtlinge, wie mehrfach dargelegt, aus guten Gründen in ein bestimmtes Asylland. Sie würden mit Sicherheit versuchen, einer Zwangsumsiedlung zu entgehen.
Kritikwürdig ist dabei, dass bei der Beurteilung der nationalen ‚Flüchtlingslage’ das Hauptaugenmerk stets auf den Asylantragszahlen liegt. Dagegen wird der Anteil der Flüchtlinge, der tatsächlich im Land bleiben darf, oft vernachlässigt. So wird der Höhepunkt der Asylbewegung in Deutschland mit knapp 450.000 Asylanträgen im Jahr 1992 in praktisch jeder Studie angeführt. Dass jedoch nur
4,25 Prozent von ihnen als asylberechtigt anerkannt wurden, 265 findet äußerst selten Erwähnung. Ähnliches gilt für die Flüchtlingsbewegungen in den EU-Beitrittsstaaten: Die steigenden Asylantragszahlen werden proklamiert, die rigide Anerkennungspraxis weitestgehend verschwiegen. Als ‚Hauptaufnahmeländer’ Europas müssten eigentlich Länder wie die Schweiz und die Niederlande deklariert werden - hier dürfen die meisten Flüchtlinge tatsächlich im Land verweilen.
Zu Beginn der neunziger Jahre dominiert in Europa die Flüchtlingsmigration aus Osteuropa. In der Mitte des vergangenen Jahrzehnts nimmt der Anteil spontaner Asylbewerber aus dem Iran, dem Irak und Afghanistan zu. 2003 zeichnet sich ein deutlicher Anstieg der russischen und chinesischen Flüchtlingsmigration ab. Über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg spielen ferner die jugoslawische und die türkische Flüchtlingsmigration eine gewichtige Rolle.
Solche temporären ‚Herkunftstrends’ von Flüchtlingen spiegeln sich jedoch nicht in jedem Land Europas wieder. Selbst benachbarte Staaten, die Kultur, gesetzliche Regelungen und geographische Distanz zu den Herkunftsländern
264 vgl. Neumayer, 2004. S.176.
265 vgl. BMI: Asyl und Flüchtlinge, 2005.
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weitestgehend gemein haben, empfangen höchst unterschiedliche Flüchtlingsgruppen. Jeder europäische Staat besitzt seine eigene ‚Flüchtlingskultur’: Das Asylgeschehen in der Schweiz ist von Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei geprägt, Flüchtlinge aus Mali und Mauretanien finden sich nur in französischen Asylstatistiken wieder und die Herkunftsländer von Flüchtlingen in Polen liegen größtenteils östlich des Landes. Allen Staaten weitestgehend gemein ist jedoch ein weitgehender Diversifizierungstrend bei den Herkunftsländern: Es kommen zunehmend Flüchtlinge aus verschiedenen Staaten in die Länder Europas.
Das ‚Ankommen’ eines Flüchtlings in einem Asylland ist von einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren abhängig. Diese wirken auf unterschiedlichen Ebenen und bedingen, schwächen oder relativieren sich gegenseitig. Abschreckende Politikmaßnahmen gelten beispielsweise als überwiegend zwecklos, wenn sich die Push-Faktoren im Nachbarland auf
kritischem Niveau befinden. 266 So konnten selbst zunehmende Restriktionen im Asylbereich Tausende Kosovo-Flüchtlinge nicht von einer Einwanderung in die Schweiz abhalten.
Asylsuchende in Europa versuchen, langfristigen Push-Faktoren im Ursprungsland zu entkommen. Insbesondere Bürgerkriege, politische Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und ethnische Diskriminierungen gelten als Auslöser von Asylmigration.
Um die individuelle Handlungsebene einer Fluchtmigration nachvollziehen zu können, wird oftmals von einer ‚Kosten-Nutzen-Kalkulation’ bei Asylbewerbern ausgegangen. Bereits vor der Flucht wiegt der potentielle Migrant die Kosten, die ihm bei einem Verbleiben im Herkunftsland entstehen würden, gegen die Nutzen einer Migration ab. Nachdem die Entscheidung einer Auswanderung gefällt ist, schlägt die Kosten-Nutzen-Rechnung in eine Nutzen-Nutzen-Rechnung um: Der Flüchtling entscheidet sich für das Land, das ihm den größten Nutzen bietet bzw. die geringsten Kosten fordert.
Für dieses Vorgehen muss ein Flüchtling über die potentiellen Asylländer informiert sein. Befragungen von Asylbewerbern legen jedoch meist ein
266 vgl. Holzer, Schneider u. Widmer, 2000. S.2005.
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oberflächliches Wissen über die Situation in den Herkunftsländern offen. Die Annahme einer ‚bewussten Entscheidung’ für ein Zielland muss demnach relativiert werden. Schließlich könnte das ‚Stranden’ eines Flüchtlings in einem Land auch durch falsche Informationsweitergabe bedingt sein. Hätte der Flüchtling die genaue Lage gekannt, hätte er sich unter Umständen in eine andere Richtung orientiert.
Bei einer derart schlechten Informiertheit können ökonomische Faktoren bei der Wahl eines Landes nur eine untergeordnete Rolle spielen. Zumal die Staaten Westeuropas von Flüchtlingen generell als reich betrachtet werden. Wirtschaftswachstum oder Bruttoinlandsprodukt gelten als Nebensächlichkeiten und haben keinen Einfluss auf die Richtung der Flüchtlingsbewegungen. Lediglich die Möglichkeit einer (legalen) Erwerbstätigkeit stufen Asylsuchenden häufig als wichtig ein, das Ausmaß sozialer Hilfsleistungen wiegt hingegen weniger.
Mit der Implementierung politischer Restriktionen sollen die Migrationskosten von Flüchtlingen angehoben werden. Politische Maßnahmen können dabei abschottenden bzw. abschreckenden Charakter haben. Obwohl in der Europäischen Union eine Annäherung der Migrationspolitiken angestrebt wird, finden die asylrechtlichen Regelungen in erster Linie noch auf nationaler Ebene statt.
Zu den effektivsten politischen Abschottungsmaßnahmen gehört die Einführung des Prinzips der ‚Sicheren Herkunftsstaaten’ bzw. der ‚Sicheren Drittstaaten’. Diese Verfahren haben in fast allen untersuchten Ländern zu einer Abnahme an Asylgesuchen geführt. Eine Visumspflicht für Flüchtlinge aus bestimmten Herkunftsländern lässt die respektiven Asylzahlen nur vorübergehend sinken. Zu den Abschreckungsmaßnahmen gehört in erster Linie das Absenken der Anerkennungsraten. Dieses Vorgehen ist jedoch nur dann ‚effektiv’, wenn es auf bestimmte Herkunftsländer angewendet wird.
Die quantitative Analyse dieser Arbeit hat die Wirkung von Politikmaßnahmen im Asylbereich weitestgehend bestätigt. Da Regierungen häufig ganze Maßnahmenpakete erlassen, ließen sich die Effekte einzelner Bestimmungen nicht immer in den Asylstatistiken ausfindig machen. Oftmals lenken Gesetzesänderungen Flüchtlingsströme lediglich in ein liberaleres Nachbarland um - was
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einmal mehr die Notwendigkeit einer Harmonisierung der Asylgesetzgebung auf EU-Ebene verdeutlicht.
Etablierte Diaspora-Gemeinschaften zeigen sich gegen solche Umverteilungs-
effekte weitestgehend resistent. 267 So behielten Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien ihre ‚Stamm-Asylländer’ während des Untersuchungszeitraumes weitestgehend bei.
Eine fortdauernde Einwanderung einer bestimmten Flüchtlingsgruppe in ein Land ist unter anderem durch eine koloniale Vergangenheit motiviert. In den Migrationsstatistiken Frankreichs und des Vereinigten Königreiches spiegelt sich die Verbindung zwischen ehemaliger Kolonie und einstigem Mutterland deutlich wider. Eine abnehmende Bedeutung der kolonialen ‚Links’, die andere Studien betonen, konnte in dieser Untersuchung nicht festgestellt werden.
In bestimmten Fällen stellt die Asylwanderung nach Deutschland, Schweden und in die Schweiz den nachfolgenden Migrationstypus einer Arbeitsmigration dar. In den sechziger und siebziger Jahren warben diese Länder Gastarbeiter unter anderem aus Jugoslawien und der Türkei an. Der Anteil an Asylbewerbern aus diesen Ländern ist von 1990 bis 2003 durchgehend hoch.
Die sich aus diesen Kettenmigrationen bildenden Sozialen Netzwerke nehmen eine Schlüsselrolle im Migrationsprozess ein. Familie, Freunde und Bekannte im Asylland repräsentieren gewissermaßen das organisatorische Element der Flucht. Soziale Netzwerke sind die wichtigste Informationsquelle der künftigen Migranten, sie motivieren zur Flucht und stellen Kontakte zu Schleusern her. Insbesondere reduzieren sie jedoch die Migrationskosten, sobald der Flüchtling im Asylland angekommen ist.
Veränderungen bei den Herkunftsländern von Flüchtlingen (vergleiche z.B. die Asylmigration in das Vereinigte Königreich 1996 und 2003) demonstrieren jedoch, dass Soziale Netzwerke nicht allein steuerndes Element von Flüchtlingsbewegungen sein können. Über abschottende Politikmaßnahmen wie der Einführung ‚Sicherer Herkunftsstaaten’, die letztlich in allen Staaten gelten
267 vgl. Efionayi-Mäder et al., 2001. S.143.
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und bestimmten Flüchtlingsgruppen einen Asylantrag schlicht unmöglich machen, helfen selbst familiäre Bindungen nicht hinweg.
Während Familie und Freunde im Exil die Flucht planen, führen Schleuser sie gegen Entgelt durch. Schlepperorganisationen bilden eine „Vermittlungsinstanz zwischen der individuellen Handlungsebene und den objektiven
Rahmenbedingungen“ 268 . Da sich letztere durch immer restriktivere Einwanderungsbestimmungen deutlich verschlechtern, gewinnen Agenten im Migrationsprozess an Bedeutung. Die Reiseroute wird von den verfügbaren Schlepperangeboten abhängig gemacht. Oftmals liegt der Fluchtverlauf gänzlich in den Händen der Schleuser - eine ‚Wahl’ haben Flüchtlinge in diesen Fällen nicht mehr.
„As organizations develop to support, sustain and promote international movement, the international flow of migrants becomes more and more
institutionalized and independent of the factors that originally caused it.” 269
Aus der Professionalisierung des Schleusertums entwickelt sich ein neues Wirkungsgefüge der fluchtbeeinflussenden Faktoren: Mit der Möglichkeit, durch Transitländer hindurchgeschleust zu werden und illegal ins Zielland zu gelangen, können sich Flüchtlinge über eine Visumspflicht beispielsweise ‚hinwegsetzen’.
Eine weitere - durch restriktivere Asylgesetze evozierte - neue Entwicklung ist die Bedeutungssteigerung von Transitländern. Aufgrund des „erstaunlich
koordinierten Abschottungskurs[es]“ 270 der europäischen Länder müssen Zwangsmigranten vermehrt Fluchtumwege in Kauf nehmen. 271 Dabei wird zunehmend Zeit in Transitländern verbracht, in denen sich sodann neue
Netzwerke ausbilden. 272
Weder in die Kategorie der ‚Organisationshilfe’ noch der des ‚ausführenden Organs’ fällt das Kriterium der geographischen Nähe. Zwar steuern Asylbewerbern häufig benachbarte Länder an; genauso häufig kommt es jedoch
268 Efionayi-Mäder et al., 2001. S.145.
269 Massey et al., 1993. S.450f.
270 Holzer u. Schneider, 2002. S.15.
271 vgl. Böcker u. Havinga, 1997. S.54.
272 vgl. Koser u. Pinkerton, 2001. S.22f.
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vor, dass Flüchtlinge Tausende von Kilometern zurücklegen. Die geographische Nähe gilt als vereinfachendes Element einer Migration, sie ist ein reiner Reduzierer von Fluchtkosten. Durch die Präsenz Sozialer Netzwerke im Asylland sind die Kosten jedoch meist schon so weit abgesenkt, dass die geographische Nähe keine ausschlaggebende Wirkung mehr entfaltet.
Flüchtlinge haben von ihren potentiellen Aufnahmeländern ein ‚democratic image’. In diesem verdichten sich gewissermaßen alle fluchtbeeinflussenden Faktoren auf individueller Ebene. Gerüchte, politische Debatten und das humanitäre Engagement eines Asyllandes finden in diesem Bild ihren Niederschlag. Dieser „Mythos des Ziellandes“ ist von Bestand und selbst gegen die Einführung restriktiverer Asylbestimmungen weitestgehend resistent. Die Faktoren, die für einen Flüchtling bei der Wahl des Ziellandes von Relevanz sind, variieren je nach Herkunftsland und seinen demographischen Merkmalen. Es kristallisiert sich jedoch eine zunehmende Flexibilität bei der Landeswahl heraus: Der Faktor der gemeinsamen Sprache nimmt mit der Verbreitung des Englischen an Bedeutung ab. Aufgrund sozialer Unterschiede zwischen den Pioniermigranten und den jetzt nachfolgenden Asylsuchenden verlieren auch große ethnische Gemeinschaften im Aufnahmestaat an Gewicht.
Ein großer Prozentsatz von Flüchtlingen verlässt darüber hinaus das
Heimatland, ohne sich bereits auf eine Zieldestination festgelegt zu haben. 273 Ereignisse, die sich während der Flucht zutragen, können Flüchtlingsbefragungen zufolge einen großen Einfluss auf die letztendliche ‚Landung’ in
einem Staat ausüben. Eine „destination by chance“ 274 kann sich schlicht aus ungünstigen Schleuserangeboten oder nicht verfügbaren Visa für bestimmte Transitländer ergeben.
Demnach ist es weniger die Situation im Zielland, die eine Flucht dirigiert, sondern die Situation des Asylbewerbers und die Umstände seiner Flucht. Das Zielland ergibt sich in solchen Fällen erst während des Migrationsprozesses. Die Vornahme einer Nutzenmaximierung von Asylsuchenden muss in diesem Fall in Frage gestellt werden.
273 vgl. Koser u. Pinkerton, 2001. S.28.
274 Havinga u. Böcker, 1999. S.57.
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Welche fluchtbestimmenden Faktoren den größten Einfluss ausüben, wird in der Migrationsforschung unterschiedlich bewertet. Denn in jedem Fluchtprozess wirken verschiedene Effekte in unterschiedlicher Intensität:
„Some factors are generally not important but may nevertheless be very important for asylum-seekers from a particular country of origin going to a
particular country of destination at a particular time.“ 275
Die Analyse dieser Arbeit spricht jedem Faktor einen Einflussgrad zu, der je nach individueller Situation von mehr oder weniger Gewicht ist. Die folgende Graphik fasst die wichtigsten Kriterien zusammen, ohne dabei bestimmte Faktoren in den Vordergrund zu stellen.
275 ebd. S.59.
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Kritik an den in der Migrationsforschung weit verbreiteten quantitativen Berechnungen über die Verteilung der Flüchtlinge ist demnach angebracht. Diese Kalkulationen, bei denen eine mathematische Formel die Relevanz einzelner Faktoren ergibt, haben mit der Realität nur wenig gemeinsam, da die durchaus relevanten ‚Zufallsfaktoren’ darin nicht gebührend berücksichtigt werden.
Flüchtlingsbefragungen sind das einzige Mittel, um die ‚wahren’ Gründe herauszufinden, die letztendlich zum Zielland geführt haben. Bislang liegen jedoch zu wenige solcher Interviews mit viel zu kleinen Stichproben vor. In den neunziger Jahren kamen beispielsweise rund 20.000 Asylsuchende aus dem Iran
in die Niederlande 277 . Demgegenüber erscheint die Befragung von 30 iranischen Flüchtlingen im Rahmen einer Studie 278 als unverhältnismäßig.
Darüber hinaus liegt ein besonderer Schwerpunkt der Migrationsforschung auf der staatlichen Beeinflussbarkeit der Flüchtlingsverteilung. Die Bekämpfung der Fluchtursachen scheint hingegen weniger beliebtes Thema zu sein. So „naiv“ diese Lösung klingen mag, eine Linderung für das ‚Flüchtlingsproblem’
liegt in einer Krisenpräventionen in den Herkunftsländern. 279
„Migration Policy is not among the reasons why people do or do not migrate.“ 280
Obwohl sich die ‚main asylum countries’ in Afrika und Asien befinden, genießt der europäische Kontinent in der Asylforschung augenscheinlich die meiste Aufmerksamkeit. Eine isolierte Betrachtung der Flüchtlingsbewegungen in Europa (wie auch mit dieser Arbeit geschehen) kann nur einen Bruchteil der weltweiten Migrationsströme beleuchten.
Der Kreis dieser Migrationsforschung würde sich erst schließen, wenn alle Flüchtlingsbewegungen berücksichtigt würden - nicht nur die der Asylmigration nach Europa.
276 vgl. Efionayi-Mäder et al., 2001. S.21.Die Graphik wurde gemäß den Ergebnissen dieser Arbeit modifiziert.
277 vgl. UNHCR: Asylum Applications, 2001. S.66.
278 vgl. Koser, 1997. S.591.
279 vgl. Holzer u. Schneider, 2002. S.229.
280 Thielemann, 2003. S.14
101
„Ich versichere, dass ich die nachstehende Arbeit eigenständig und ohne fremde Hilfe angefertigt und mich anderer als der in der Arbeit angegebenen Hilfsmittel nicht bedient habe. Alle Stellen, die sinngemäß oder wörtlich aus Veröffentlichungen übernommen wurden, sind als solche kenntlich gemacht."
__________________________________________________ Ort, Datum, Unterschrift
I Obwohl Schweden, Österreich und Finnland zu Beginn des Untersuchungszeitraumes noch nicht zur Europäischen Union gehören, bezieht sich die Analyse stets auf die 15 EU-Staaten des Standes von 1995 (Deutschland, Dänemark, Schweden, Finnland, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Spanien, Italien, Portugal, Griechenland, Österreich, Vereinigtes Königreich, Irland).
II Unter den Begriff ‚EU-Beitrittsstaaten’ fallen Estland, Lettland, Litauen, Polen, Ungarn, Slowenien, Slowakei, Tschechische Republik, Malta, Zypern, Bulgarien und Rumänien. III Graphiken zur Visualisierung von Asylantrags- und Anerkennungszahlen von Ländern, die nicht im Zentrum der Analyse stehen, befinden sich im Anhang.
IV Ein quantitatives Interview ist ein planmäßiges Vorgehen wissenschaftlicher Zielsetzung, bei dem die Versuchsperson durch eine Reihe gezielter Fragten oder mitgeteilter Stimuli zu verbalen Informationen veranlasst werden soll. Bei qualitativen Interviews ist hingegen lediglich ein Rahmenthema festgelegt, es gibt keinen festen Fragebogen und kein festes Frageschema. (vgl. Lamnek, 2005. S.725.)
V Als De-Facto-Flüchtlinge gelten gemeinhin solchen, die keinen Asylantrag gestellt haben oder deren Antrag abgelehnt wurde. Sie werden vorübergehend geduldet, weil ihnen bei einer Abschiebung erhebliche Gefahren im Herkunftsland drohen oder weil es andere humanitäre Gründe für ihre Anwesenheit gibt. (vgl. Geißer, Rainer: Lebenssituation ethnischer Minderheiten. In: Informationen zur politischen Bildung. Heft 269. Im Internet: http://www.bpb.de/publikationen /3REA04,0,0,Lebenssituation_ethnischer_Minderheiten.html, abgerufen am 21.3.05, 23:36 Uhr.)
VI prima facie = da das Gegenteil nicht bewiesen ist (vgl. UNHCR: Flüchtlinge schützen. Fragen und Antworten. Genf 2002. S.10.)
VII Begründung für die farbliche Einteilung: Die rote Linie markiert die jährlichen Asylanträge. Die Darstellung der Schutzgewährung erfolgt in zwei Kategorien: Da vielen Flüchtlingen die unterschiedlichen Anerkennungspraxen nicht bewusst ist (und es in dieser Arbeit darauf ankommt, die Gründe für die ‚Wahl des Ziellandes’ herauszustellen), werden alle Formen der Schutzgewährung zusammen mit der blauen Linie demonstriert. Welcher Teil davon den Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention ausmacht, stellt die grüne Linie dar. VIII Die französischen Asylantragszahlen für das Jahr 2003 enthalten keine Daten für den Monat Dezember. IX GG = Grundgesetz
X AA = Asylum Applications = Asylanträge (J.T.) XI TRR = Total Recognition Rate = Schutzgewährung insgesamt (J.T.)
102
XII CRR = Convention Recognition Rate = Schutz nach der GFK (J.T.) XIII Jedoch könnten sich noch andere Faktoren wie beispielsweise politische Abschottungsmaßnahmen in den Statistiken niederschlagen.
XIV Wie die folgenden drei Graphiken bezieht sich dieses Diagramm auf die Länder der Europäischen Union, die EU-Beitrittsstaaten und die Schweiz. XV Die EU-Beitrittsländer werden in der folgenden Zusammenfassung der Hauptherkunftsländer ausgeklammert, damit die Darstellungen für 1990, 1996 und 2003 nicht verzerrt werden.
XVI Soziale Netzwerke werden in dieser Arbeit jedoch unter der Kategorie ‚Pull-Faktoren’ geführt und im Kapitel 7.4.3 erläutert.
XVII KKS: Kaufkraftstandard. Da die Preise in den einzelnen Ländern voneinander abweichen, müssen diese Preisunterschiede bereinigt werden, bevor man Vergleiche für den Lebensstandard anstellen kann. Durch Gegenüberstellung des BIP je Einwohner in KKS erhält man einen Vergleich für den Lebensstandard in verschiedenen Ländern. Ist der Indexwert eines Landes größer als 100, so hat dieses Land ein BIP pro Kopf über dem EU-Durchschnitt (und umgekehrt). (EU 15=100 / EU 25 = 91,8) (vgl. Europäische Kommission: Fakten und Zahlen der Europäischen Union. Luxemburg 2004. S. 22f. Im Internet: http://europa.eu.int/ comm/publications/booklets/ eu_glance/44/de-1.pdf, abgerufen am 11.3.05, 16:55 Uhr.) XVIII Als statistische Grundlage der Analyse von Efionayi-Mäder et al. wurden die Aufnahmestaaten Deutschland, Vereinigtes Königreich, Niederlande, Belgien, Österreich und die Schweiz und die 14 zahlenmäßig wichtigsten Herkunftsländer von Asylsuchenden gewählt und die Wirkung von administrativen und politischen Maßnahmen auf die relative Verteilung der Asylgesuche in Europa zwischen 1992 und 1999 ermittelt.
XIX In der quantitativen Studie von Thielemann wurde in 20 OECD-Staaten von 1985 bis 1999 die Effekte von Policy-Maßnahmen auf die Verteilung der Flüchtlinge untersucht. XX Unter den’ key informants’ befanden sich: “persons working in refugee associations, organisations providing assistance to asylum-seekers, lawyers, immigration officers and interpreters.” XXI AsylVfG = Asylverfahrensgesetz
XXII bogus refugees = falsche Flüchtlinge (J.T.) (vgl. Neumayer, 2003. S.1.) XXIII ethnic community = Gemeinschaft ethnischer Minderheiten (J.T.) XXIV Um dies jedoch genau zu überprüfen, müssten die Verteilung der Flüchtlinge aus dem Irak, Iran, etc. auch auf die Länder anderer Kontinente überprüft werden. XXV burden sharing = Lastenteilung (J.T.)
103
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Graphiken weitere EU-Staaten XI.
Abb.51: Asylanträge und Schutzgewährung in Dänemark
Abb.52: Asylanträge und Schutzgewährung in Belgien
Abb.53 Asylanträge und Schutzgewährung in Finnland
xxii
Abb.55:Asylanträge und Schutzgewährung in Irland
Abb.56: Asylanträge und Schutzgewährung in Italien
xxiii
Abb.57: Asylanträge und Schutzgewährung in Österreich
Abb.58 Asylanträge und Schutzgewährung in Portugal
Abb.59: Asylanträge und Schutzgewährung in Spanien
xxiv
Graphiken weitere Beitrittsstaaten XII.
Abb.60: Asylanträge und Schutzgewährung in Bulgarien
Abb.61 Asylanträge und Schutzgewährung in Estland
Abb.62: Asylanträge und Schutzgewährung in Lettland
xxv
Abb.63: Asylanträge und Schutzgewährung in Litauen
Abb.64: Asylanträge und Schutzgewährung auf Malta
Abb.65: Asylanträge und Schutzgewährung in Rumänien
xxvi
Arbeit zitieren:
Julia Tzschätzsch, 2005, Asylmigration nach Europa - Eine Analyse der Flüchtlingsströme, München, GRIN Verlag GmbH
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