Die Achtundsechziger Altgermanistik und das Alteritäts-Paradigma
Von der Revolte mit emanzipatorischem Anspruch zu erneuter Erkenntnisblockade
Seit dem wiederauflebenden Interesse für mittelalterliche Dichtung zur Mitte des 18. Jahrhunderts war die Interpretation der Texte, sowie das Bild vom Mittelalter in Deutschland, immer auch von Funktionalisierung gekennzeichnet. Die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmten auch die Beurteilung der mittelalterlichen Texte und des Mittelalterbildes. Die Beschreibung der Geschichte der Mittelalterbilder und ihrer jeweiligen Funktionalisierung war denn auch Ausgangspunkt und kritisch-emanzipatorischer Anspruch von 68er Altgermanisten.
Dieser Aufsatz versucht, den Anspruch der ehemals revoltierenden Altgermanisten-Generation aufzunehmen und auf diese selbst anzuwenden, um so die Errichtung neuer Erkenntnisblockaden durch ebendiese Revolte-Generation verständlich zu machen.
Mittelalterliche Dichtung und bürgerliche Emanzipation
Wenn Johann Jakob Bodmer 1748 eine Auswahl von Minneliedern der Manessischen Sammlung publiziert 1 , um diese von der pforte des thöthlichen Vergessens 2 zu retten, so steht hinter der Herausgabe dieser Dichtungen bereits eine moralisch-didaktische Absicht. Dem gegenwärtigen Zeitalter mit seiner Sittenverderbnis will er den Zeitgenossen vorbildhaft die Zeugnisse einer anderen Kulturepoche gegenüberstellen. Die Dichter der eigenen Zeit werden auf die Minnesinger des Mittelalters verwiesen auf deren Artigkeit in den Gedanken und Vorstellungen. 3 Die Bewunderung für deren Zärtlichkeit in den Herzen, für Keuschheit der Damen, Treue, sanfte Neigungen, Heldenmut, der in der mittelalterlichen Dichtung gefunden wird, geht einher mit der Ablehnung der kulturell dominierenden antikisierenden Hofkultur, der latinisierenden französischen Hof-Ästhetik und Poetologie. 4 Bodmer sucht und findet in den Dichtungen des Mittelalters
1 J.J. Bodmer: Probe der alten schwäbischen Poesie des Dreyzehnten Jahrhunderts. Aus der Maneßischen Sammlung. Zit. nach:Volker Mertens; Bodmer und die Folgen. In: Gerd Althoff:(Hg.) Die Deutschen und ihr Mittelalter. Darmstadt 1992
2 Brief an Schinz, 22.März 1779, zit. nach Volker Mertens a.a.O., S. 56.
3 Zit. nach Volker Mertens a.a.O. S, 57
4 Schon der Leipziger Dozent Christian Thomasius hatte durch seine Vorlesungsankündigung in deutscher Sprache, im Herbst 1687, eine kühne praktische Kritik am latinisierten Universitätsbetrieb geleistet. Mit dem vorherrschenden Phänomen, daß „...heut zu Tage alles bey uns Französisch seyn muß“ setzt er sich in seiner Vorlesung durch die Frage „Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen sollte?“ auseinander. Er kommt zu dem Ergebnis, es handele sich bei der Idealisierung des Französischen entweder
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Empfindungen, die nicht marquiert, nicht Wortergießungen sind. 5 Als bloße Wortdrescher versteht denn auch Rousseau die klassischen Meister französischer Hofkultur, Corneille und Racine. 6 Die Haltung der Bewunderung und Vertrautheit der wiederentdeckten mittelalterlichen Dichtung gegenüber speist sich auch aus dem Vergleich mit der zeitgenössischen anakreontischen Lyrik. Bodmers Übersetzungsversuche mittelalterlicher Minnelieder lehnen sich in Metrik und Vokabular an die Vertreter der anakreontischen Lyrik Friedrich von Hagedorn und Johann Wilhelm Ludwig Gleim an. 7
Die volkssprachliche anakreontische Lyrik bestätigt somit die Gleichgestimmtheit der Zeitgenossen mit den poetischen Freunden vor 500 Jahren und den gemeinsamen Gegensatz zur vorherrschenden antikisierenden französischen Hofkultur. Dichter und Gebildete der 2. Jahrhunderthälfte des 18. Jahrhunderts sehen im Minnesang eigene Gefühlserfahrungen zum Ausdruck gebracht, fanden hier Ursprünglichkeit und Echtheit, statt unaufrichtiger Galanterie und Frivolität. Der 1772 gegründete Göttinger Hainbund versucht sich daher als Dichterkreis auch in Nachdichtungen mittelalterlicher Minnelieder. 1803 gibt Ludwig Tieck seine „Minnelieder aus dem schwäbischen Zeitalter heraus. Da es doch nur eine Poesie gebe, die in sich selbst von den frühesten Zeiten bis in die fernste Zukunft [...] ein unzertrennliches Ganze ausmacht 8 , glaubt Tieck es sei an der Zeit, in der Nachfolge insbesondere Bodmers, von neuem an die ältere deutsche Poesie zu erinnern und das größere Publicum mit dieser bekannt zu machen, denn so konstatiert er: So wie jetzt wurden die Alten noch nie gelesen und übersetzt. 9 Gemeint ist nicht nur die ältere deutsche Poesie, sondern die ältere volkssprachliche Poesie überhaupt. Shakespeare, die italienischen Poeten, spanischen Dichter, Lieder der Provenzalen, Romanzen des Nordens, bis hin zu den Blüthen der indischen Imagination. 10 August Wilhelm Schlegel versteht denn auch unter romantischer Poesie eine europäische Dichtart, die in einer neueren Volkssprache in volksmäßiger Weise dargestellt wird. 11
um Vorurteil und Einbildung oder aber um Nebensächliches, wie die modische Nachahmung der Kleidung, des Kochens, des Tanzens, des Hausrats etc.. Christian Thomasius: Von Nachahmung der Franzosen. In: Friedrich der Große. De La litterature allemande. Darmstadt 1969, S. 217.
5 So z.B. bei Wolfram von Eschenbach. J.J.Bodmer zit. nach Volker Merttens a.a.O. S.62.
6 J.J. Rousseau: La Nouvelle Heloise. II Lettre XVII. Zit. nach Arnold Hauser: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. München 1975 (1953), S. 604.
8 Ludwig Tieck. Zit. nach Volker Mertens a.a.O. S.75.
9 Ludwig Tieck: Minnelieder aus dem Schwäbischen Zeitalter. Wien 1820
10 Ludwig Tieck: Minnelieder.... S. 6.
11 August Wilhelm Schlegel: Geschichte der romantischen Literatur. Berliner Vorlesungen 1802-1803. Hg. v. Edgar Lohner. Stuttgart 1965.
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Bereits 1878 hatte Johann Gottfried Herder durch die Herausgabe einer Sammlung von Volksliedern auf die echte menschliche Natur, die natürlichen Empfindungen und Gefühle aufmerksam machen wollen, die in den Volksliedern aller Nationen aufzufinden seien, also Natur, Naivität, das treueste Bild der Zeiten und den wahren Geist des Volkes, die Simplizität, die lebhafte Empfindung. 12
Wer mit diesen Volksliedern nichts anfangen könne, die gleichsam selbst Stamm und Mark der Nation seien, wer sie verachtet und nicht fühlt, zeigt daß er im Tande ausländischer Nachäfferei so ersoffen, oder mit unwesentlichem Flittergolde der Außenmummerei so verwebt sei, daß ihm das, was Körper der Nation ist, unwert und unfühlbar geworden. 13
Wenn bürgerliche Schriftsteller und Gelehrte gegen die hegemoniale französisch-latinisierende Hofkultur 14 und das dominierende Bild vom barbarischen Mittelalter polemisieren 15 und diesem insbesondere volkssprachliche mittelalterliche Texte entgegenhalten und ein ideales Mittelalterbild entwerfen 16 , so erfüllte dies auch die Funktion, die Legitimation der aufgeklärten absolutistischen
12 Johann Gottfried Herder: Stimmen der Völker in Liedern. 1878/79. Hg. v. Christel Käschel. Wiesbaden, Leipzig 1966. Siehe S. 348.
13 Vorrede zur geplanten Ausgabe von 1774. Siehe Christel Käschel a.a.O., S. 348.
14 Friedrich der Große empfiehlt, angesichts der Mängel und der Dürftigkeit der deutschen Literatur, zur Erziehung und Bildung der eigenen Nation, die Übersetzung griechischer, lateinischer und französischer Schriftsteller, um „Energie zu bekommen“ und Fortschritte zu beschleunigen. In: Friedrich der Grosse; De la litterature allemande. Darmstadt 1969, S. 60.
15 „Die dunklen Seiten dieses Zeitraumes stehen in allen Büchern; jeder klassischeSchöndenker, der die Polizierung unseres Jahrhunderts fürs Nonplusultra der Menschheit hält, hat Gelegenheit, ganze Jahrhunderte auf Barbarei, elendes Staatsrecht, Aberglauben und Dummheit, Mangel der Sitten und Abgeschmacktheit - in Schulen, in Landsitzen, in Tempeln, in Klöstern, in Rathäusern, in Handwerkszünften, in Hütten und Häusern zu schmälen und über das Licht unseres Jahrhunderts, das ist, über seinen Leichtsinn und Ausgelassenheit, über seine Wärme in Ideen und Kälte in Handlungen, über seine scheinbare Stärke und Freiheit und über seine würkliche Todesschwäche und Ermattung unter Unglauben, Despotismus und Üppigkeit zu lobjauchzen. Davon sind alle Bücher unserer Voltaire und Hume, Robertsons und Iselins voll, und es wird ein so schön Gemälde, wie sie die Aufklärung und Verbesserung der Welt aus der trüben Zeit des Deismus und Despotismus der Seelen, das ist in Philosophie und Ruhe, herleiten - daß dabei jedem liebhaber seiner Zeit das Herz lacht.“
Johann Gottfried Herder: Auch eine Philosopie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. (1774) In: Herders Werke in fünf Bänden. Berllin und Weimar 1978. Hg. v. den nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar. Ausgewählt und eingeleitet von Regine Otto. Bd. III, S. 81.
„Wenn demnach das Mittelalter eine so verwahrloste, ausgeartete, finstere, rohe, barbarische Zeit wäre (und wie die neumodigen Historiker sie sonst schelten mögen) als man gemeinhin glaubt, so würde es allerdings unbegreiflich
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„Da lag in diesen, dem Scheine nach gewaltsamen Auftritten und Verbindungen oft ein Festes, Bindendes, Edles und Großherrliches, das wir mit unsereren gottlob feinen Sitten, aufgelösten Zünften und dafür gebundenen Ländern und angeborener Klugheit und Völkerliebe bis ans Ende der Erde fürwahr weder fühlen noch kaum mehr fühlen können.“ „...der Mangel des Handels und der Freiheit verhinderte Ausgelassenheit und erhielt simple Menschheit - Keuschheit und Fruchtbarkeit in Ehen, Armut und Fleiß und Zusammendrang in Häusern. Die rohen Zünfte und Freiherrlichkeiten machten Ritter- und Handwerksstolz, aber zugleich Zutrauen auf sich, Festigkeit in seinem Kreise, Mannheit auf seinem Mittelpunkte wehrte der ärgsten Plage der Menschheit, dem Land- und
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Herrschaft im Namen einer idealeren Einrichtung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu bestreiten. Exemplarisch kommt dies in der Person von Justus Möser zum Ausdruck, der als Syndakus der Osnabrückischen Ritterschaft und später Geheimer Referendar politischen Einfluss auf die Geschichte des kleinen geistlichen Fürstentums ausübte und sich schriftstellerisch betätigte 17 . Er ist 1773 Mitautor der von Herder herausgegebenen Schrift „Von deutscher Art und Kunst“ 18 , in der Möser die „Deutsche Geschichte“ nicht wie üblich als Herrscher-und Dynastengeschichte behandelt, sondern unter dem Aspekt des Verlustes der gemeinen Freiheit. Diese habe es in der güldenen Zeit bis zu Karl dem Großen noch gegeben, als die hohe und gemeine Ehre noch mit dem Landeigentum verknüpft waren. Indem Möser den Entwicklungsgang der deutschen Geschichte zur Territorialhoheit skizziert und als eine nicht unbedingt zwangsläufige Entwicklung beschreibt, thematisiert er die Möglichkeit, durch eine Änderung der politischen Verfassung die ursprüngliche Einheit der Nation und die güldne Zeit zurückzugewinnen Möser ist es denn auch, der es wagt in einer Gegenschrift 1781 19 dem abschätzigen Urteil des preußischen Königs Friedrich der Große über die deutsche Literatur in „De la letterature Allemande“ entgegenzutreten, während geplante Gegenschriften anderer Autoren nicht realisiert wurden, so die von Hamann und Leisewitz. Goethe vernichtete seine bereits fertige Gegenschrift. Wieland äußerte sich nur kurz anonym. 20
„Die wahre Ursache, warum Deutschland nach den Zeiten der Minnesinger wieder versunken führt J. Möser darauf zurück, das wir immer von lateinisch gelehrten Männern erzogen sind, die unsere einheimischen Früchte verachteten und lieber Italienische oder Französische von mittelmäßiger Güte ziehen, als deutsche Art und Kunst zur Vollkommenheit bringen wollten. 21
Seelenjoche, unter das offenbar, seitdem alle Inseln aufgelöst sind, alles mit froh- und freiem Mut sinkt. “J.G. Herder: Auch eine Philosophie....a.a.O., S. 82.
18 Herder, Goethe, Frisi, Möser: Von deutscher Art und Kunst. Hamburg 1773. Hg. v. Hans Dietrich Irmscher,
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Justus Möser: Über die deutsche Sprache und Literatur. Schreiben an einen Freund nebst einer Nachschrift die
De la litterature allemande. Darmstadt 1969,
20 J. Dr. Carl Schlüddekopf: Vorbemerkung a.a.O.,Weimar 1902, S. VI. 21 Möser: Über die deutsche Sprache ....a.a.O. S. 180
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Altgermanistik und Revolte
Diese, gegen die absolutistische Gesellschaft gerichtete bürgerlich-emanzipatorische Funktion des literarischen Urteils über mittelalterliche Literatur nicht verstanden zu haben und sich unkritisch dem Urteil der ersten Germanisten und Literaturgeschichtsschreiber angeschlossen zu haben 22 , wird in der Zeit der bundesrepublikanischen 68er Revolte der Vorwurf jüngerer Germanisten an die etablierte Fachwissenschaft. 23
Namen wie Gustav Ehrismann, Hans Naumann, Hermann Schneider, Helmut de Boor werden für eine geistesgeschichtlich ausgerichtete Methode kritisiert, die die Autarkie des gesellschaftlichen Bewusstseins gegenüber dem gesellschaftlichen Sein postuliert: „Die ‘sittliche Idealwelt’ der ‘ritterlichen Dichtung’ erscheint als Produkt eines verselbständigten sittlichen Bewußtseins, das seinerseits nicht Ergebnis der Tätigkeit wirklicher Menschen ist, sondern seine Herleitung aus traditionellen Gedankengebäuden (Antike, ‘christlicher Geist’, ‘ritterliche Standesanschauungen’) erfährt, die als selbständig wirksam gedacht werden, deren Beziehung zu den materiellen Lebensbedingungen jedenfalls nicht mehr Gegenstand der Reflexion ist.“ 24 (24) Durch eine sozial geschichtliche Fundierung der Begriffe von Literatur und Mittelalter will eine neue Generation von Altgermanisten den Fehlinterpretationen und Wertungen der traditionellen Altgermanistik entgehen, die „ritterliche Dichtung“ zumeist als „Kulturideal von glücklicher Geschlossenheit“ 25 missverstand. Unbehagen erzeugt jetzt eine Altgermanistik, die bei der Behandlung der höfischen Dichtung „zu schnell“ von „hoher menschlicher Vervollkommnung“, von „liebender Hinwendung zum Du“, vom „souverän werdenden Menschen“, von „Bildung“ und „Bändigung des Triebhaften“ schwärmt, „ohne die zugrunde liegenden Wortinhalte zu präzisieren“. 26 Ein Jargon ist in Misskredit
22 „Unter dem Einfluß der Romantik haben Literaturhistoriker verschiedentlich die Gesellschaftsideale der höfischen Dichtung als feudale Alltagsrealität und die Zeitklagen als Dokumente fundalmentaler Krisen interpretiert.“
23 „In Kreisen der ökonomisch machtlosen deutschen Intelligenz wird in der Folgezeit (d.h. Kap. 1.3. Deutsche Mittelalterrezeption um 1800, H.H.) ein Konzept vorgetragen, das das Heil für die deutsche Nation nur aus der eigenen, idealistisch verklärten geschichtlichen Vergangenheit fließen sieht und bis weit ins 2O. Jahrhundert hinein kanonische Geltung behalten sollte.“ (S.17)
24 Dieter Richter: „Ritterliche Dichtung“. Die Ritter und die Ahnengalerie des deutschen Bürgertums, In: Literatur im Feudalismus. Hg. v. Dieter Richter u.a. Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaften Bd. 5, Stuttgart 1975. S. 17.
25 Hans Naumann: Ritterliche Standeskultur in Deutschland. In Naumann/Müller; Höfische Kultur. Halle 1929, S.1. Zitiert nach D. Richter: Literatur im Feudalismus a.a.O., S. 22.
26 Rolf Endres: Einführung in die mittelhochdeutsche Literatur. Frankfurt-Berlin-Wien 1971. S. 30.
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geraten, der von Studenten und breiter Öffentlichkeit jahrelang willig hingenommen wurde, was nachdenklich stimmen sollte, so Rolf Endres. 27
Das Ausmaß der Frustration und Skepsis, dem sich eine neue Generation von Altgermanisten der etablierten Fachwissenschaft gegenüber ausgesetzt sah, kommt in der Frage; „Wurde hier nur Schindluder getrieben mit den verschrobenen Sehnsüchten der Menschheit? Oder steckte in aller Phrasenhaftigkeit irgendwo nicht doch ein ‘echtes Anliegen’?“, zum Ausdruck. 28 Die Fragwürdigkeit einer etablierten Altgermanistik, deren bloßes Ästhetisieren, betuliches Moralisieren und pseudophilosophisches Sinnieren 29 denunziert wird, wird durch den Verdacht verschärft, dass die Terminologie 30 der traditionellen Altgermanistik und „etwas der Methode Inhärentes aktuell nur konkretisiert zu werden brauchte“, um für die faschistische Mobilisierung der Gesellschaft dienstbar gemacht werden zu können. 31 „Eben weil jene alten, längst im nationalen Unterbewusstsein befestigten und durch unbewusste Identifikation sanktionierten Klischees erneut benutzt und die Einzelnen aus dem Regelkreis ihres völkisch oder auch nur national bornierten Horizonts nicht heraus gelöst, sondern nur noch tiefer hineingeführt wurden.“ 32 Nachdem die Machtverhältnisse an den Universitäten es denn zuließen 33 , wird in den70er Jahren in einer Vielzahl von Einzeluntersuchungen versucht, der falschen Vertrautheit der Altgermanistik mit den mittelalterlichen Texten, ja deren Bewunderung für die darin enthaltene „sittliche Idealwelt“ entgegenzutreten. Durch die Rekonstruktion der historischen und soziologischen Bedingungsfaktoren wird ein angemessener Einblick in die Entstehungszusammenhänge der Texte, deren „Sitz im Leben“ 34 , angestrebt. Der so fremd gewordene Text wird dann erneut auf die in ihm enthaltenen Aussagen hin befragt und auf die möglichen Motive für seine Entstehung, die er zu erkennen gibt.
Insbesondere mittelalterliche Texte, die auf gesellschaftliche Konflikte zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen schließen ließen, wie z. B. Helmbrecht, Seifried Helbling, Neidharts Lieder, Strickers Maeren, erfreuen sich lebhaften Forschungsinteresses. Zwar wird ein Nachlassen der
27 Rolf Endres a.a.O., S.30.
28 Rolf Endres a.a.O.
29 Rolf Endres a.a.O.
30 Dieter Richter a.a.O., S. 32
31 Dieter Richter a.a.O., S. 30.
32 Helmut Brackert: Heldische Treue, Heldische Tapferkeit, Heldisches Schicksal. Die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes.
In: Literatur in der Schule Bd. I, Mittelalterliche Texte im Unterricht. Hg. v. Helmut Brackert u.a., München 1973, S. 92.
33 Dieter Richter verweist eingangs seiner „Anmerkungen“, darauf, daß sein veröffentlichter Aufsatz „Ritterliche Dichtung’. Die Ritter und die Ahnengalerie des deutschen Bürgertums“, von 1975, bereits 1969 geschrieben wurde, die Machtverhältnisse an den Universitäten eine Veröffentlichung aber nicht zuließen. Siehe auch seine im Vorwort von „Literatur im Feudalismus“ gegebene kritische Beschreibung des germanistischen Studienbetriebes bis zur Veränderung des germanistischen Selbstverständnisses in den Endsechzigern. Dieter Richter a.a.O., S. 33.
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Ursula Peters: Literatur in der Stadt: Studien zu den sozialen Voraussetzungen und kulturellen Organisationsformen
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Bemühungen um Fragestellungen das Verhältnis Literatur und Gesellschaft betreffend, zugunsten einer erneuten Betonung von literarischer Immanenz, bereits seit Mitte der 70er Jahre diagnostiziert 35 und Kritik an einer dezidiert materialistischen Literaturbetrachtung geäußert, die mit einer orthodoxen Entgegensetzung bürgerlicher und materialistischer
Literaturgeschichtsschreibung operiere 36 und zu einer schädlichen Verfestigung von Einstellungen und Haltungen der Fachwissenschaft, dem literarischen Gegenstand gegenüber geführt habe. 37 Allerdings stellt Ursula Peters in einem „Überblick über neuere Ansätze literaturhistorischer Mediävistik“ erst in den Endneunzigern fest, das literaturhistorische Interesse an der Beziehung von literarischem Text und gesellschaftlichem Kontext sei eher in den Hintergrund der literaturhistorischen Mediävistik getreten, Den „Anlaß“ für die thematische wie methodische Neuorientierung der Fachwissenschaft hin zu Fragestellungen der Mentalitätsgeschichte und spezifischen Medialität älterer Texte etwa, sieht sie im „Ungenügen an einer mehr oder weniger planen Referentialisierung literarischer Werke auf Bereiche der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ gegeben.38 Die Frage stellt sich allerdings, ob mit dem „Anlaß“, dem festgestellten Ungenügen also, z. B. der wirkungsmächtigen gesellschaftsgeschichtlichen Deutung des Minnesangs durch Erich Köhler in den 60ern, die die mediävistische Diskussion geprägt hat, auch der Grund für die Neuorientierung der Fachwissenschaft und die Attraktivität der neuen Forschungsrichtungen („Körperphilologie, Mentalitätsgeschichte, Frauen- und Genderforschung) benannt ist? Ist die thematische wie methodische Neuorientierung der Mediävistik nur der, auf fortschreitende Erkenntnis zielenden Logik des wissenschaftlichen Diskurses zu danken oder aber reagiert die Zunft der Altgermanisten hier eher auf Faktoren, die außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses liegen, also auf gleichzeitige gesamtgesellschaftliche Entwicklungen?
Die Fragestellung sollte ja der zwischenzeitlich arrivierten altgermanistischen Revoltegeneration nicht unbekannt sein. Hatte sie doch in den Endsechzigern in der Auseinandersetzung mit der traditionellen Altgermanistik den erkenntniskritischen Gedanken von Lukács hervorgehoben; auch das Denken und Handeln der Literaturwissenschaftler sei „Moment jener geschichtlichen Totalität, der es angehört [...] Stufe jenes geschichtlichen Prozesses, in dem es wirksam ist.“ 38 „Ein Erkenntnisinteresse gegenwärtiger Menschen aber muß es sein,“ so postulieren auch die Autoren des 2. Bandes von „Literatur in der Schule, Mittelalterliche Texte im Unterricht 2.Teil“ in den Mitsiebzigern, „ihre eigene Gegenwart in ihrer Historität, d. h. in ihrer geschichtlichen
35 Helmut Brackert: Bauernkrieg und Literatur. Frankfurt 1975. Siehe Einleitung.
36 Helmut Brall: Zur sozialgeschichtlichen Interpretation mittelalterlicher Literatur. Anmerkungen zum Stand der Diskussion. In: Höfische Dichtung oder Literatur im Feudalismus. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, Heft 26, Göttingen 1977. Hg. v. Wolfgang Haubrichs. S. 19.
37 Wolfgang Haubrichs: Höfische Dichtung oder Literatur im Feudalismus. Einleitung, a.a.O., S. 14.
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Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. Studien über marxistische Dialektik. Berlin 1923, S. 61. Zit.
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Gewordenheit zu begreifen, und damit eine notwendige Voraussetzung kritischer Gegenwartsanalyse und das heißt der eigenen Positionserklärung zu erfüllen.“ 39
Das Fremde am Mittelalter
Im Folgenden soll deshalb anhand einer kulturkritischen Beschreibung der bundesrepublikanischen gesellschaftlichen Entwicklung seit ’68 die Überprüfung eines möglichen Zusammenhanges von gesellschaftlichen Prozessen und Entwicklungen in der literaturhistorischen Mediävistik erfolgen. Zur Fortschrittlichkeit der 68er Studentenrevolte konstatiert Dietrich Schwanitz in
den Endneunzigern, ihre eigentliche Leistung sei es gewesen, zum Untergang des obrigkeitlichen Stils wilhelminischer Prägung in der BRD beigetragen zu haben.
Neben dieser Fortschrittlichkeit sei es jedoch zu einer für Universität und Gesellschaft fatalen Entwicklung gekommen. 40 Nach dem Abebben der Leidenschaften sei die Universität zu einem Kampfplatz für Lobbyisten geworden, Gruppenzugehörigkeit sei wichtiger geworden als individuelle Leistung. Abweichung, Originalität und Individualismus seien fort hin zum Risiko geworden. Schwanitz sieht eine Entwicklungslinie, die von der Zeit der Entlarvungen, der Ideologiekritik in den Sozial- und Geisteswissenschaften, die den großen Demaskierern die ersten Karrierechanchen eröffnete, hin zur Moralwirtschaft führt.
In der Gesellschaft sei die Phase der Regression durch die Entwicklung eines alternativen Sozialstils bedingt worden, welchen er als Stil der Intimkommunikation in Kleingruppen charakterisiert. Spontaneität, Authentizität, Direktheit, Distanzlosigkeit, Unmittelbarkeit des Ausdrucks, stets sprungbereite Empörungsbereitschaft etc. sei propagiert und kultiviert worden. 41 Wie in der anti westlichen Kulturkritik der Weimarer Republik werde eine Kultur überlegener Innerlichkeit reklamiert. Es sei also letztlich nicht gelungen, den autoritären Sozialstil durch ein neues Ethos zivilisierten Verhaltens zu ersetzen. Die zeitgemäße kulturindustrielle Zurichtung der Subjekte beschreibt er so: „ Hatte es die Nachkriegsgeneration mit den Häusern, haben es die Heutigen mit den Körpern.“ 42
39 Mittelalterliche Texte im Unterricht 2. Teil. Literatur in der Schule Bd. II. Hg. v. H. Brackert u.a. , S. 17.
40 Dietrich Schwanitz: Welttheater auf der Strasse. Die Revolte der Studenten. FAZ-Magazin, Heft 951 vom 22.05.1998.
41 D.Schwanitz a.a.O. S. 25.
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Kulturindustrielles Styling habe die Dramaturgie der Biographien mit ihrer festen Verlaufsfigur von Kindheit,
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„Weil sie keine verborgenen inneren Fähigkeiten haben, die der Gestalt und Körperlichkeit opponieren könnten, kommen einander benachbarte Körper nicht umhin miteinander Kontakt anzuknüpfen, undenkbar, daß sie nur zufällig nebeneinander liegen, ‘ihre Fransen verknüpfen sich“. Stoßen die Körper aneinander so übertragen sie wechselseitig ihre Eigenschaften“. Von solch phantastischer Kommunikationsleistung mittelalterlicher Körperlichkeit wird bereits in den Mitsiebzigern berichtet. 43 Das 16. Jahrhundert sei noch bis auf wenige nicht zählende Ausnahmen von Intellektuellen, das Jahrhundert der Gerüche, Düfte, Töne und der „anfaßbaren Körper“ 44 Später bewältigten die Affekte, zuvor ein Ineinander sein von Körper und Handlung, die Fähigkeit identisch zu reagieren, die Vielheit der Dinge nicht mehr. 45 Die abendländische Geschichte lasse sich als zunehmender Objektverlust der Affekte beschreiben, als Prozess des Zurückdrängens des Körpers. 46
Während aber bei Schwanitz die Woodstock-Generation der Kulturindustrie endgültig zum Durchbruch verhilft und - so vermutet er - wahrscheinlich die letzte klassische Jugendrevolte war 47 , wird Woodstock, „irrational, gegen Normen verstoßend, aber auch auf tiefe Bedürfnisse weisend“, bei Rittner 48 zum Hoffnungszeichen einer abendländischen Kultur, die den Körper zu erfolgreich zum Schweigen gebracht hat.
Von der Radikalität erkennender Selbstkritik, die sich in einer Archäologie der menschlichen Natur ans Werke mache, aber hänge es nicht zuletzt ab, ob das Schweigen der Körper aufzubrechen sei. 49
Zwar ist es sicherlich legitim, zu fragen, ob die Voraussetzungen der Kulturwissenschaften europäischer Prägung zutreffen, die fast immer davon ausgegangen sind, „ daß die Menschen der Vergangenheit von denselben Bestrebungen, Gefühlen und Überlegungen geleitet waren, wie wir sie aus Introspektion von uns selbst kennen“ 50 oder ob zum Verständnis historischgesellschaftlicher Vorgänge die „Rekonstruktion des affektiven Lebens einer bestimmten Epoche“ 51 notwendig ist. Wenn auch Wolf Dieter Stempel mit Blick auf den Begriff mittelalterlicher
43 Volker Rittner: Handlung, Lebenswelt und Subjektivierung. In: Dieter Kamper, Volker Rittner (Hg.): Zur Geschichte des Körpers. München-Wien 1976, S. 23.
44 Lucien Febvre: Le probleme de l’incroyance au 16. Siecle. La religion de Rabelais, Paris 1968, S. 393-399. Zit. Nach Volker Rittner a.a.O., S. 40.
45 Volker Rittner a.a.O. S. 40.
46 Volker Rittner a.a.O. S. 25.
47 D. Schwanitz a.a.O. S.26.
48 Volker Rittner a.a.O. S. 16.
49 D. Kamper, V. Rittner: Zur Geschichte des Korpers. S. 12.
50 Peter Dinzelbacher: Liebe im Frühmittelalter. Zur Kritik der Kontinuitätstheorie. LiLi 74 (1989), S. 12.
51 Lucien Febvre: Sensibilität und Geschichte. Zugänge zum Gefühlsleben früherer Epochen. In: M. Bloch, F.Brandell, L.Febvre u.a.: Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse. Frankfurt a.M 1977, S. 323.
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Obszönität bereits 1968 davon ausging, die Frage nach der ganz anderen Gefühlswelt mittelalterlicher Menschen habe sich längst erledigt.
Die Anschauung von I. Siciliano referierend 52 , mittelalterliche Obszönität bestehe nur in unserer Vorstellung, was wir heute geneigt seien in diese Kategorie einzuordnen, sei letztlich Ausdruck der Unbefangenheit des mittelalterlichen Menschen gegenüber sexuellen Dingen, die in der Literatur der Zeit ohne Beschränkung auf bestimmte Gattungen zwangsläufig zutage trete, da dem mittelalterlichen Autor bei der Abbildung des Lebens eine kritische Distanzierung vom Gegenstand fremd gewesen, die Kunst der Aussparung ihm unbekannt gewesen sei, urteilt W. D. Stempel wie folgt: „Eine solche Auffassung bedarf heute keiner Widerlegung mehr; sie beruht auf einer weitgehend überholten wissenschaftlichen Ideologie, die dem Mittelalter den Reiz des Primitiven, Naiven und Naturhaften zuerkennt“. 53
Sicherlich konnte W. D. Stempel zu seiner Zeit noch nicht absehen, daß sich Mittelalterbilder, wie die von Johan Huizinga, im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts erneut großer Popularität erfreuen würden. 54 Der moderne Mensch mache „sich in der Regel keine Vorstellung von der zügellosen Extravaganz und Entflammbarkeit des mittelalterlichen Gemütes“. 55 „So grell und bunt war das Leben, daß es den Geruch von Blut und Rosen in einem Atemzug vertrug. Zwischen höllischen Ängsten und kindlichstem Spaß, zwischen grausamer Härte und schluchzender Rührung schwankte das Volk hin und her wie ein Riese mit einem Kinderkopf. Es lebt in Extremen, zwischen der gänzlichen Verleugnung aller weltlichen Freuden und einem wahnsinnigen Hang zu Reichtum und Genuß, zwischen düsterem Haß und der lachlustigsten Gutmütigkeit.“ 56
Wie Huizinga geht auch Norbert Elias von einer mittelalterlichen Gesellschaft aus, in der die Triebe, die Emotionen, ungebundener, unvermittelter, unverhüllter spielten als dies später der Fall gewesen sei. 57 Er baut seine Beobachtungen zu einer Zivilisationstheorie aus, in der er den Prozess der Zivilisierung in der abendländischen Gesellschaft, vom Mittelalter in die Moderne
52 I. Siciliano: Fr. Villon et les themes poetiques du moyen age. Paris 1934, 148, 150.
53 S. 189. Stempel weist in seinem Aufsatz nach. daß von der postulierten Unbefangenheit des mittelalterlichen Menschen gegenüber sexuellen Dingen keineswegs die Rede sein kann und urteilt; „Wir können nach diesem Überblick mit Sicherheit darauf schließen, daß der Bereich des Obszönen in der höfischen Umwelt tabuisiert ist.“ S. 191.Wolf Dieter Stempel: Mittelalterliche Obszönität als literaturästhetisches Problem. In: Poetik und Hermeneutik III . Die nicht mehr schönen Künste. Grenzphänomene des Ästhetischen. Hg. v. Hans Robert Jauss, München 1968.
54 Auf Huizinga aufbauend und dessen Thesen weiterentwickelnd, kritisiert Lucien Febvre bereits in den 70ern: „Es gibt ein Buch, daß in Frankreich nicht das Ansehen genießt, das es verdiente, nämlich Huizingas Herbst des Mittelalters“. Siehe L. Febvre: Sensibilität und Geschichte a.a.O. S. 319. 55
Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters. Stuttgart 1975 (1941). Hg. v. Kurt Köster. S. 18.
56 J. Huizinga a.a.O. S. 29.
57 „Vieles von dem was uns als Gegensatz erscheint, die Intensität ihrer Frömmigkeit, die Gewalt ihrer Höllenangst, ihrer Schuldgefühle, ihrer Buße, die immensen Ausbrüche von Freud und Lustigkeit, das plötzliche Aufflackern und die unbezähmbare Kraft ihres Hasses und ihrer Angriffslust, alles das, ebenso wie der rasche Umschlag von einer Stimmung zur anderen, sind in Wahrheit Symptome ein und derselben Gestaltung des emotionalen Lebens.“ Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Bd. I Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. Baden Baden 1977, S. 277.
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beschreibt. Affektregulierung und Triebmodellierung entwickeln sich demnach parallel zu einer Gesellschaft, die von Zentralisierung und Ausdifferenzierung der Funktionen geprägt ist, die Verflechtungsketten der Menschen werden länger, die Abhängigkeiten der Menschen voneinander größer. 58
Spannend und forschungsrelevant erscheint heute weniger eine mittelalterliche Gesellschaft, in der ganz andere Gefühlswelten, Affektregelungen und Triebmodellierungen, Schamschwellen, Peinlichkeitsstandards, ein anderes Hören und Sehen 59 , Riechen und Schmecken etc. vorherrschte, zumal nach Hans Peter Duerrs voluminöser und überzeugender Entmythologisierungsarbeit 60 , sondern die Frage eben, warum sich auch gegen Ende des 20. Jahrhunderts Forschungsrichtungen wie „Körperphilologie“ und „Mentalitätsgeschichte“, die die Alteritätsperspektive voraussetzen, weiterhin so großer Beliebtheit erfreuen. So rechnet Wolfgang Haubrichs, wohl nicht ohne leise Ironie, schon damit, daß einmal ein Kapitel im Buch der Wissenschaftsgeschichte, das die neunziger Jahre behandelt, mit „Der multiplizierte Körper“ überschrieben werden wird. 61
Auch wenn die Attraktivität des Jausschen Entwurfs der Alterität 62 , auf dem Hintergrund der radikalen Kritik der 68er an der traditionellen Altgermanistik, wie gezeigt, nur zu verständlich erscheint, so ist ihre Popularität gegen Ende des letzten Jahrhunderts jedoch erklärungsbedürftig. 63
58 „Wenn an Stelle relativ unabhängiger, gesellschaftlicher Funktionen mehr und mehr abhängige in der Gesellschaft hervortreten - zum Beispiel an Stelle freier Ritter höfische Ritter und schließlich Höflinge oder an Stelle relativ unabhängiger Kaufleute abhängige Kaufleute und Angestellte - dann verändert sich notwendigerweise zugleich die Affektmodellierung, der Aufbau des Triebhaushalts und des Denkens, kurzum der ganze, soziogene Habitus und die sozialen Attituden der Menschen....“Norbert Elias a.a.O. Bd. II Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, Baden Baden 1976, S. 146.
59 Horst Wenzel: Hören und Sehen, Schrift und Bild: Kultur und Gedächtnis im Mittelalter. München 1995.
60 Hans Peter Duerr: Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Bd. I Nacktheit und Scham. Frankfurt a.M. 1988. Bd. II Intimität. Frankfurt a.M. 1990. Bd. III Obszönität und Gewalt. Frankfurt a.M. 1993. Bd. IV Der erortische Leib. Frankfurt a.M. 1997.
61 „Auch in der Wissenschaft trägt man wieder Body, So nimmt es nicht Wunder, daß Arbeiten zum Thema ‘Körper’ und ‘Verkörperung’ in den Kulturwissenschaften inflationieren. Leicht ist, sich vorzustellen, daß einmal ein Kapitel im Buch der Wissenschaftsgeschichte, das die neunziger Jahre behandelt, mit ‘Der multiplizierte Körper’ überschrieben werden wird.“
Wolfgang Haubrichs: Bilder, Körper und Konstrukte. Ansätze einer kulturellen Epochensemantik in der philologischen Mediävistik. In: LiLi 100 (1995), S. 48. Siehe auch Ursula Peters: Zwischen New Historicism und Gender-Forschung a.a.O.
62 Nach H. R. Jauss sei die Chance einer neuen Erkenntnis mittelalterlicher Literatur gegeben, wenn man ihren Charakter als Zeugnis einer archaischen, politisch wie kulturell ganz für sich stehenden geschichtlichen Welt in befremdender „Andersheit“ erkenne.
Hans Robert Jauss: Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur. Gesammelte Aufsätze 1956-1976. München 1976, S. 15.
63 „So wird die Idee einer zwischen Eigen und Anders liegenden epochalen Zäsur als Kontinuitätsbruch vorausgesetzt, ohne daß dies irgendwie räumlich, zeitlich und geschichtsphilosophisch geklärt würde.“ Stephan Fuchs: Das Andere und das Fremde. Bemerkungen zum Interesse an mittelalterlicher Literatur.In: Der fremdgewordene Text. Festschrift für Helmut Brackert zum 65. Geburtstag. Hg. v. Silvia Bovenschen, Winfried Frey, Stephan Fuchs, Walter Raitz, Dieter Seitz. Berlin-New York 1997, S. 369.
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Im Kontext der mediävistischen Ringvorlesung zur Feier des 65. Geburtstages von Helmut Brackert, 1997, klärt Werner Röcke eingangs in seinem Vortrag 64 den Begriff der Fremdheit. Die Fremdheit der Fremden sei nicht ontologisch, also nicht als objektive Qualität, sondern als Diskurs über das Fremde zu verstehen. „Aus diesem Grund geben die Entwürfe und Beschreibungen fremder Völker und Kulturen vor allem Auskunft über die Wahrnehmungs- und Verstehensmuster ihrer Betrachter, weniger aber über das Fremde selbst.“ 65 Die nach dem Vortrag gestellte Frage, was denn die Begriffsklärung als Voraussetzung des Diskurses über Fremdheit, über die Zunft der Altgermanisten aktuell und ihr Interesse an der Fremdheit des Mittelalters aussage, konnte wohl in dem gegebenen Rahmen gar nicht verstanden werden.
Die Röckesche Definition selbstreflexiv auf die literaturhistorische Mediävistik angewandt, hätte ja bedeutet zu konstatieren, das Interesse an der Fremdheit des Mittelalters sei insbesondere ein Interesse an Aussagen über sich selbst, über Phantasien und Sehnsüchte des Betrachters, die er ins ferne Mittelalter projiziert. 66 Dass es sich beim Entwurf von Mittelalterbildern nicht eigentlich um Aussagen über das Mittelalter handele, sondern um das Verhältnis des Betrachters zu Fortschritt und Moderne, die Mittelalter Deutung entzweie sich dementsprechend in Abstoßung und Identifikation, beschreibt auch Otto Gerhard Oexle. 67
Demzufolge bezeichne der Begriff Mittelalter entweder „eine unzeitgemäße, geschichtlich überholte Scheußlichkeit“ oder aber das „Staunen erregende ‘Andere“, das seinen Reiz ausübt, „durch die Verheißung der Buntheit, des unbeschwerten Genusses, der Lebenslust, der Ursprünglichkeit, Spontaneität und Unmittelbarkeit - im Gegensatz zu dem was der moderne Mensch in seiner Welt an Langeweile, ‘Entfremdung’, Komplexität, Unüberschaubarkeit, Einschränkung und Rationalität zu leben sich gezwungen sieht.“ 68
Die Alteritätsperspektive auf das Mittelalter hat längst ihre aufklärerische Kraft gegen „eine ältere Illusion geschichtlicher Kontinuität“ verloren 69 , und ist zum probaten Mythos geworden. Dieser ist für seine Produzenten vermutlich insbesondere deshalb attraktiv;
64 Werner Röcke: Erdrandbewohner und Wunderzeichen. Deutungsmuster von Alterität in der Literatur des Mittelalters. Vortrag vom 23.01.1997 in der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt. In: Der fremdgewordene Text. Festschrift für H. Brackert a. a. O., S. 265.
65 Werner Röcke: Erdrandbewohner .....a.a.O. , S.266.
66 So bereits Rüdiger Krohn 1974: „Das Gerede vom ‘sinnenfrohen Mittelalter’entspricht der wissenschaftlichen Ideologie von der ‘natürlichen Unbefangenheit’ dieser Zeit. Es waren besonders die zu Beginn des Jahrhunderts sehr beliebten ‘Kultur und Sittengeschichten’, die mit immer neuen delikaten Detail-Informationen ein Mittelalterbild erstellten, das einer empirischen Überprüfung nicht standhält, das dagegen in seiner betont libertinösen Derbheit viel eher eine rückwärtsgewandte Projektion der verdrängten Sehnsüchte zu sein scheint, die das Bürgertum dieser Epoche mit seinem eigenen Schicklichkeitsempfinden nicht vereinbaren konnte“. Rüdiger Krohn: Der unanständige Bürger.Untersuchungen zum Obszönen in den Fastnachtsspielen des 15. Jahrhunderts. Kronberg Ts.1974, S.44.
67 Otto Gerhard Oexle: Das entzweite Mittelalter. In: Gerd Althoff (Hg.): Die Deutschen und ihr Mittelalter. Darmstadt 1992, S.12, S.23.
68 O.G. Oexle a.a.O. S.10, S.11.
69 H.R. Jauss: Alterität....a.a.O. S.15.
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- weil er die Aufmerksamkeit des Publikums sichert, indem er Phantastisches bietet. 70
Die Arbeit an den Voraussetzungen zur Wiedergewinnung einer verschütteten Ursprünglichkeit und Spontaneität, anderen Gefühlsintensität, Liebesfähigkeit etc. wäre dann sein auch gesellschaftspolitisch relevantes Projekt und davon abgeleitetes Prestige. 71 Der Mythos ist dem besseren Argument gegenüber resistent. Obwohl Hans Peter Duerr dem Mythos vom Zivilisationsprozess in seinem mehrbändigen Werk überzeugend entgegentritt und nachweist, „dass von einer allgemeinen Evolution der Gesittung hin zu stärkerer Triebkontrolle und ‘Affektmodellierung’ innerhalb der letzten Jahrtausende nicht die Rede sein kann“; „Was ich bestreite, ist zum einen, daß diese Entwicklung eine Intensivierung der sozialen Kontrolle mit sich brachte, und zum anderen, daß sie den Menschen einen ganz andersartigen ‘Triebhaushalt’ angezüchtet hat, einen neuen ‘psychischen Habitus’, der sich durch höhere Schamschranken und Peinlichkeitsbarrieren, durch eine Reduktion von Unmittelbarkeit, Spontaneität, Aggressivität und Grausamkeit sowie eine Intensivierung und Stabilisierung von Höflichkeit, ‘Etikette’ und gegenseitiger Rücksichtnahme vom früheren ‘Habitus’ unterscheidet.“ 72 , werden seine Forschungsergebnisse in den Sozialwissenschaften entweder kaum zur Kenntnis genommen oder erzeugen stark emotionalisierte Abwehrreaktionen. 73
70 „Es läßt sich der rasante Popularitätszuwachs des Mittelalters innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte nachgerade in den Kategorien dieser verabsolutierten Alteritätsperspektive beschreiben“. Stephan Fuchs: Das Andere .....a.a.O. S. 370.
71
Eine Archäologie der menschlichen Natur als Voraussetzung für das Aufbrechen des Schweigens der Körper.
72 H.P. Duerr: Der Mythos.....Bd. II, Vorwort S. 7. Bd. III, S.26.
73 H.P. Duerr: Der Mythos.....Bd. II, Einleitung S. 11.
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Erkenntnis und Blockade
Verständlich werden die aktuelle Attraktivität und das Festhalten an der Perspektive der Fremdheit des Mittelalters wohl nur dann, wenn man die Alteritäts-These als Generationenprojekt betrachtet. Eine Generation von Altgermanisten, die durch eine starke Aversion gegen den Jargon und das „Gewäsch“ 74 der traditionellen Altgermanistik bis ’68 geprägt ist 75 , findet unter dem Banner der „Fremdheit“ zu neuer Identität, gegen die scheinbar falsche Vertrautheit der Altvordern mit den mittelalterlichen Texten.
Was Thomas E. Schmidt im Zusammenhang einer Grass-Rede 76 , und der darauf folgenden öffentlichen Reaktion, für den kulturpolitischen Raum der BRD vermutet, kann wohl auch auf den Bereich der literaturhistorischen Mediävistik übertragen werden. Bei der Aufregung um Günter Grass gehe es gar nicht um deutsche Politik, „sondern um die Rettung von Biographien“. „Der Intellektuelle muß nicht unbedingt etwas Zutreffendes behaupten, sondern er soll ein Kollektiv schaffen, eine Gemeinschaft......“ 77
Zur gleichen Einschätzung wie D. Schwanitz und Th. E. Schmidt kommt auch H.P. Duerr, wenn er rückblickend in einem Interview feststellt:
„Bei den meisten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen geht es primär nicht um die Wahrheit, sondern um Macht und Prestige. Als ich vor einiger Zeit die Zivilisationstheorie von Norbert Elias in Frage gestellt habe, ist mir klargeworden, was es bedeutet ein Interpretationskartell anzugreifen, etablierten Leuten ein Meinungsmonopol streitig zu machen. Da verwandeln sich ganz plötzlich scheinbar triebkontrollierte und finanziell abgesicherte Berufsdenker in Machtpolitiker, die a l l e Mittel, selbst die unsaubersten, benutzen, um weiterhin das Ruder zu führen.“ 78
Die Auseinandersetzung um die Alteritätsperspektive erhält ihre Dramatik nicht nur, weil hier wissenschaftlich ein unzutreffendes Menschen- und Mittelalterbild angegriffen wird. Duerrs Entmythologisierungsarbeit greift zentral das Selbstverständnis einer (Altgermanisten) Generation an, die ihre Biographie und ihr Lebenswerk affektiv noch immer an die erfolgreiche
74 Rolf Endres a.a. O. S. 30.
75 So sieht auch Rüdiger Schnell die Positionierung vieler Fachkollegen als Ausdruck dieser Aversion. Das Beharrungsvermögen eines Teils der Altgermanisten angesichts der überholten Köhlerschen Herleitung der höfischen Liebesauffassung aus der mutmaßlichen sozialpsychologischen Verfassung inferiorer Gruppen, lasse „etwas von der Frustration ahnen, die die traditionellen geistesgeschichtlichen Erklärungsversuche hervorgerufen haben.“
Rüdiger Schnell: Die „höfische Liebe“ als Gegenstand von Psychohistorie, Sozial- und Mentalitätsgeschichte. In: Poetica, Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft, Hg. v. Karlheinz Stierle, München.23. Bd. 1991,. Heft 3-4, S. 385.
76 Laudatio von Günter Grass auf den Schriftsteller Yasar Kemal bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche 1997.
77 Thomas E. Schmidt: Viele Grüße aus den Siebzigern. Der deutsche Intellektuelle will wieder eine Symbolfigur sein. Frankfurter Rundschau 25.10.1997.
78 H.P. Duerr: Gänge und Untergänge, Essays und Interviews. Frankfurt 1999. S. 102.
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Überwindung der Positionen der traditionellen Altgermanistik bis ’68 geknüpft sieht. Die Reaktion ist dann verständlicherweise dieselbe, die Dieter Richter in den Endsechzigern beklagte, als die „Machtverhältnisse“ an den Universitäten seine dezidiert historisch-soziologisch ausgerichtete Arbeit nicht zuließen oder die abweisende Haltung, die Franz Schultz im Berliner Germanischen Seminar um 1900 erfuhr, als er die herrschende historisch-philologische Schule mit einem zeit- und geistesgeschichtlich ausgerichteten Ansatz konfrontierte. 79 „So arbeiten wir hier nicht“ oder „das ist nicht unser Ansatz“, sind dann wohl die wiederkehrenden ablehnenden Bescheide etablierter Wissenschaftler auf vorgeschlagene abweichende Forschungsansätze.
Auf der Strecke bleibt ein Bezug zum Mittelalter, der dessen erstaunliche Kontinuität 80 und Aktualität herausarbeitete und deutlich machte, daß es wohl zu jeder Zeit auf die Qualität und Kraft des Diskurses und daraus abgeleitetes gesellschaftliches Handeln ankommt, das zu einem Gelingen oder Scheitern der Gesamtgesellschaft führt.
Wenn der Philosoph und Soziologe Oskar Negt mit Bezug auf '68 und die Erinnerung an deutsche demokratische Tradition zum Gesschichtsbewußtsein heutiger Intellektueller Stellung nimmt und kritisiert, dieses Geschichtsbewußtsein sei schon wieder, wie vor '68, von Opportunismus und dem „niederträchtigen Vergessen“ geprägt 81 , so hat er eine Tradition im Auge, die die nicht wenigen freiheitlich und sozial gesinnten Männer und Frauen meint, „ auch ganze Gruppen und Stände, die sich mit der Bevormundung der Herrschenden nicht abfinden wollten“ 82 , wie der aufständischen Stedinger Bauern 1234 und der Salpeterer in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Für das demokratisch gewachsene Bewußtsein der Menschen seien jene Traditionen, „die vielleicht nicht immer in jenen geschichtlichen Augenblicken erfolgreich waren, da sie sich rührten, aber weiter wühlten“ am Ende wichtiger gewesen, „als alles, was von der Siegerarroganz in den Geschichtsbüchern überliefert wurde“. 83
Das Auffinden und Beschreiben der Wurzeln solcher Traditionen im Mittelalter, so z.B. des wohl wirkungsmächtigen kollektiven Widerstandes und korporativen Zusammenschlusses des niederen Adels gegen herrschaftliche Vereinnahmung, fiele dann auch in den Aufgabenbereich der literaturhistorischen Mediävistik. Nimmt sie diese Aufgabe aufgrund der beschriebenen
79 Siehe Anmerkung 33.
80 Erfolgreiche Beispiele für eine andere Wahrnehmung des Mittelalters, für eine Überwindung des Gegensatzes von Moderne und Mittelalter in Abstoßung und Identifikation, sieht Oexle z.B. in den Arbeiten von Max Weber, Otto Hinze und Marc Bloch. Hier stehe nämlich die Frage nach der Verknüpfung von Mittelalter und Moderne im Vordergrund, „ die Frage also nach der mittelalterlichen Genese der modernen Kultur, die Frage nach den Bedingungen der Verkettung von Umständen, die dazu geführt haben, daß aus diesem Mittelalter, nämlich dem okzidentalen, gerade diese Moderne entstanden ist, in der wir leben.“O. G. Oexle a.a.O , S. 25. Zur Aktualität des Mittelalters und einem Begriff vom Mittelalter, der von der negativen Aura befreit ist, „die ihm eine gewisse Kulturpublizistik im Geiste der Renaissance umgehängt hat“, siehe auch den Essay von Umberto Eco: Über Gott und die Welt, Kap. I. Auf dem Weg zu einem neuen Mittelalter,a.a.O., S. 10.
81 Oskar Negt: Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht. Göttingen 1998. S. 31.
82 Oskar Negt a.a.O. S. 31.
83 Oskar Negt a.a.O., S. 32.
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Erkenntnisblockade nicht wahr, trägt sie statt Orientierungshilfe zu leisten, zur allgemeinen Desorientierung bei, so hat die Fachwissenschaft auch mitzuverantworten, wenn sich gesamtgesellschaftlich autoritäre und auf verschärfte Ausbeutung ausgerichtete Konzepte durchsetzen, statt solcher, die Demokratie und Mitmenschlichkeit intendieren. Ebensowenig, wie sich unter dem Alteritätsparadigma die Transformationsprozesse zutreffend beschreiben lassen, die, ausgehend vom Mittelalter, zu unseren modernen westlichen Herrschaftsstrukturen führten, läßt sich auch die weitgehend emanzipierte Stellung der Frau in der modernen deutschen und westeuropäischen Gesellschaft erklären , ohne die diesen Geschlechterbeziehungen zugrunde liegenden Diskurse und Konfrontationen im Mittelalter zu begreifen.
Warum dann z.B. im ausgehenden 15. Jahrhundert die denunzierten Frauen eines Herrschftsbereiches dem Hexenverfolger und dem Prozess der Vernichtung entgehen und der Inquisitor des Landes verwiesen wird, in einem benachbarten Herrschaftsbereich die Hexenverfolgung vom gleichen Inquisitor jedoch „erfolgreich“ 84 betrieben werden kann, bleibt dann weiterhin fraglich.
Warum die Wertzuschreibung der Frauen vom hegemonialen Status der Verehrungswürdigkeit im Hochmittelalter, in der volkssprachlichen Dichtung, in den folgenden Jahrhunderten im Absinken begriffen ist und sich die Frauen seit der Frühen Neuzeit dann schließlich sogar mit der Vernichtungsdrohung im Kontext der Hexenverfolgung konfrontiert sehen, bleibt ebenso erklärungsbedürftig, wie die Beschreibung und Identifikation der diesem Prozess zugrunde liegenden Texte.
Daß sich der zeitgenössische Rezipient von der unter dem Paradigma der Alterität stehenden Altgermanistik gelangweilt abwendet und manche Bundesländer ganz auf die Behandlung von mittelalterlichen Texten in der Schule verzichten zu können glauben, ist dann nur folgerichtig. 85 Mag sein, dass sich mancher Student, trotz der Mühen sich in die mittelhochdeutsche Sprache einzuarbeiten, durch die Überschaubarkeit des Kanons in der literaturhistorischen Mediävistik „fangen und motivieren“ 86 läßt, was aber ist damit gewonnen, Projektionen und Mißverständnisse
84 Helmut Brackert: Zur Sexualisierung des Hexenmusters in der Frühen Neuzeit. In: Ordnung und Lust; Bilder von Liebe, Ehe und Sexualität in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Hg. v. Hans Jürgen Bachorski. Trier 1991. S. 338.
85 Susanne Kusicke: Die Altgermanistik ist bescheiden geworden. FAZ 4.2.1999.
Marbacher Arbeitskreises für Geschichte der Germanistik.Hg. v. Christoph König. Doppelheft 21/22, 2002, Germanistik - eine politische Wissenschaft, S. 54.
86 Hans Jürgen Bachorski, zitiert nach Susanne Kusicke a.a.O.
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weiterzugeben 87 , denen vor einigen Jahrhunderten bereits die Entdecker fremder Kulturen (Conquistadoren, Ethnologen), mit ihrem ethnozentristisch-europäischen Blick 88 aufgesessen sind?
Obwohl die 68er Altgermanistengeneration sich nunmehr allmählich von den Universitäten verabschiedet, scheint die Popularität des von ihr aufgestellten Alteritätspostulats weiterhin ungebrochen. Eine neue Revolte-Generation ist nicht in Sicht, die Zeiten sind nicht danach, und da die Entwicklung der Globalisierung es immer schwieriger machen dürfte, das ganz Andere menschlicher Lebensformen in entlegenen Gegenden dieser Erde, bei fremden Kulturen, aufzufinden, wächst dem Mittelalter als geeigneter Projektionsfläche zukünftig vermutlich eher noch verstärkt Bedeutung zu.
87 Bachorski führt Friedrich Schiller in seiner Jenaer Antrittsrede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte“ an, der differenziert auf in ihrer zivilisatorischen Entwicklung zurückgebliebene Völker blicke, um sein Forschungsprojekt „Bilder von Liebe, Ehe und Sexualität in Spätmittelalter und Früher Neuzeit zu erläutern. Dieses beschäftige sich mit den Alternativen zu den heute gültigen Normen von Sexualtität und Ehe, die bis zur Formierung der modernen bürgerlichen Gesellschaft sichtbar gewesen seien und selbst einem Friedrich Schiller Anlass zur Nachdenklichkeit gewesen seien. Siehe H. J. Bachorski (Hg.): Ordnung und Lust; Einleitung, a.a.O.
88 Hans Peter Duerr führt das Missverständnis vieler früher Ethnologen und Forscher, die Scham- und Verhaltensstandards traditioneller Gesellschaften betreffend, auf die Herkunft jener Beobachter zurück. Mit ihrem ethnozentrisch europäischen Blick suchten diese eher nach „physischen“ denn nach „psychischen Schranken“ und konnten somit die subtilen Schamschranken und Affektkontrollen dieser Gesellschaften nicht erkennen..Siehe H. P. Duerr: Nacktheit und Scham, a.a.O., S. 172.
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Horst Haub, 2006, Achtundsechziger Altgermanistik und das Paradigma Alterität, München, GRIN Verlag GmbH
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