Gliederung:
I Einleitung 3
II Hauptteil 4
II.1 Kollektive Unsicherheit. 4
II.1.A -MForm versus U-Form 4
II.1.B Das DR-Modell 10
II.1.B.i Big-Bang versus Gradualismus 10
II.1.B.ii Der Reformzeitpunkt. 13
II.1.B.iii Komplementaritäten und Reformimpuls. 13
II.1.B.iv Revisionskosten. 14
II.1.B.v Die optimale Reihenfolge. 15
II.2 Individuelle Unsicherheit 15
II.3 Reformen unter Sicherheit 17
II.3.A Bündeln von Reformen zur Gewinnung von Mehrheiten 17
II.3.B Teile und Herrsche 18
III Schluß: Welche Strategie ist optimal? 20
IV Literaturverzeichnis. 23
2
I Einleitung
1978 begann China mit einem langanhaltenden Reformprozess, bei dem das planwirtschaftliche Produktionssystem langsam auf ein marktwirtschaftliches System umgestellt wurde. Die einzelnen Reformschritte wurden nacheinander und schrittweise durchgeführt und können
damit sowohl in zeitlicher als auch räumlicher Hinsicht als graduell bezeichnet werden. 1 In vielen anderen postkommunistischen Ländern und verschiedenen Entwicklungsländern mit ähnlich gravierenden Reformschritten konnte man dagegen eine Bündelung verschiedenster
Reformschritte beobachten, 2 was als Big-Bang-Strategie bezeichnet werden kann. Die Implementierung von Big-Bang-Strategien führte in vielen Ländern zu unmittelbaren ökonomi-schen und sozialen Problemen, 3 was die Frage nahe legt, ob graduelle Reformen grundsätzlich besser sind.
Um diese Frage zu beantworten, ist eine Unterscheidung der Beurteilungskriterien nötig: Eine Reformstrategie kann besser sein als eine andere, weil sie (a) einen höheren Wohlfahrtseffekt erzeugt. Dies wäre die Lösung eines wohlfahrtsmaximierenden Sozialplaners, der keinen politischen Beschränkungen unterliegt. Da diese Annahme jedoch irreal ist, müssen weitere Kriterien hinzugefügt werden: Reformstrategien sind besser als andere, weil sie (b) unter gegebenen politischen Verhältnissen (Mehrheitswahlrecht, Vetorecht, Mitsprache von Interessengruppen, usw.) machbar sind und zu keiner Revision führen. Weiterhin ist aus Sicht des Reformers zu beachten, dass (c) Reformen nicht zum eigenen Machtverlust führen (zu beachten z.B. bei J-Kurven-Effekten).
Im Folgenden soll festgestellt werden, wie sich politische Beschränkungen auf die Vorteilhaftigkeit von Reformenstrategien auswirken. Es erfolgt eine Betonung auf die Kriterien (b) und (c) und es wird sich zeigen, dass nicht immer die wohlfahrtsmaximierende Strategie auch die politisch machbare ist. Am Ende kann vielleicht festgestellt werden, unter welchen Umständen welche Strategie die politischen Machbarkeitskriterien erfüllt.
3
1 siehe Lin, Cai, Li (1996); Roland (2000, S. 63), McMillan (2004)
2 Marangos (2002, S. 260) zählt hierzu Polen, Tschechoslowakei, Bulgarien, Russland, Albanien, Estland und Lettland; Martinelli, Tommasi (1998, S. 285) weiterhin Bolivien, Ghana, Mexiko, Argentinien und Peru.
3 Martinelli, Tommasi (1998, S. 285) zählen hierzu Bolivien, Ghana, Mexiko, Polen, Argentinien und Peru; Stiglitz (1999) und McMillan (2004) Russland; siehe auch Tommasi, Velasco (1996, S. 214) für eine
Gegendarstellung.
3
Roland (2000, S.63) sieht einen der Gründe für den Reformerfolg Chinas in der besonderen Organisationsstruktur der chinesischen Planwirtschaft. Sie war nicht wie in Osteuropa und Russland in einzelne, landesweite Branchen wie Bergbau, Landwirtschaft, Textilien, Maschinenbau usw. gegliedert und separaten, überregionalen Ministerien untergeordnet, sondern regional organisiert, so dass Branchen regionalen Verwaltungseinheiten unterstanden. Die Struktur der Sowjet-Staaten kann laut Roland (2000) angelehnt an Williamson (1975) und Chandler (1962) als U-Form bezeichnet werden, während die Organisation Chinas eher dezentral, ähnlich einer M-Form war. Die aus der regionalen Organisation resultierende Duplikation von Produktionsketten führte zwar zu einer geringeren Ausschöpfung von Skalenerträgen, war jedoch von Vorteil bei der Implementierung von Reformvorhaben. Reformen konnten erst in einer Region ausprobiert und nach guten Ergebnissen auf andere Regionen übertragen werden. Mit anderen Worten: Die M-Form-Struktur erlaubte es, zu geringeren Kosten aus Reformen zu lernen.
Dieser Sachverhalt soll angelehnt an Roland (2000) in einem auf Qian, Roland und Xu (1998) zurückgehenden organisationstheoretischen Modell dargestellt werden. Das Modell geht von zwei Reformen i = 1,2 aus, die in zwei Regionen r = A,B implementiert werden. Der Reformerfolg wird durch zwei Voraussetzungen bestimmt: Einerseits muss das Reformkonzept gut sein, andererseits braucht eine erfolgreiche Implementierung eine gute Koordination, d.h. eine gute Abstimmung der beiden Reformen aufeinander. Man kann sich dies an zwei Beispielre-formen verdeutlichen: Der Restrukturierung eines Unternehmens bei gleichzeitiger Implementierung eines sozialen Auffangnetzes für entlassene Mitarbeiter. Gute Koordination erfordert die genaue Abstimmung der Anspruchskriterien (Alter, Position/Dienstgrad, Familien-stand, Verweildauer im Unternehmen, Gehalt usw.) auf die Leistungskriterien (Höhe, Dauer, Art der Leistungen, Budget usw.) des Auffangnetzes. Bei Abstimmungsfehlern kann eine Restrukturierung zu sozialen Problemen führen und politische Instabilität hervorrufen.
4
Grundsätzlich stehen zwei Strategien zu Verfügung: Die gleichzeitige landesweite Implementierung beider Reformen (hier Big-Bang genannt) oder eine graduelle Strategie, bei der beide Reformen zuerst lokal getestet und nur bei Erfolg auf andere Regionen übertragen werden. Im Folgenden soll im Hinblick auf die unterschiedlichen Organisationsstrukturen untersucht werden, welche Strategien vorteilhaft sind.
Die Durchführung der Reform erfolgt über zwei Hierarchiestufen: Einem Top-Management und einem Middle-Management, wobei die Management-Ebenen in den unterschiedlichen Hierarchietypen unterschiedliche Aufgaben haben. Die Middle-Manager stehen in der U-Form regionenübergreifend jeweils einer Branche vor, während sie bei der M-Form branchenübergreifend einer bestimmten Region verantwortlich sind. Somit ist bei der U-Form allein der Top-Manager für die Koordination der Reformen verantwortlich, während bei der M-Form die Middlemanager die Koordination übernehmen. Es wird angenommen, dass die Middlemanager perfekt über ihre Regionen Bescheid wissen, so dass die Reformen bei der M-Form immer perfekt koordiniert sind. Bei der U-Form jedoch hängt die erfolgreiche Koordination vom Informationsfluss zwischen den Management-Ebenen ab, der nur mit einer
Wahrscheinlichkeit von λ (0≤λ≤1) korrekt ist.
Es sei angenommen, dass Reformkonzepte kostenlos verfügbar sind, die Koordination aber Kosten hervorruft (die Manager müssen z.B. für eine korrekte Abstimmung der Reformen ausgebildet werden). Unter diesen Annahmen, würde nach einem Fehlschlag grundsätzlich ein neues Konzept gewählt, da die Koordinationskosten ohnehin anfallen und das Top-Management bei der U-Form zudem nicht wissen kann, ob das Reformkonzept oder die Koordination für ein Scheitern verantwortlich ist.
Für eine erfolgreiche Reformimplementierung muss sowohl das Reformkonzept gut sein als auch die Koordination der Reformschritte stimmen.
5
Die Auszahlungen als Maßzahl für den Reformerfolg seien wie folgt definiert: Der Nettobarwert des Status-quo sei ½ für jede Region, das Ergebnis einer mißlungenen Reform sei 0 und bei erfolgreicher Reform sei der Nettobarwert G/2 in jeder Region. Für die Koordination entstehen Kosten in Höhe von C.
Zunächst sollen graduelle Reformen und Big-Bang in der M-Form verglichen werden: Big-Bang in der M-Form:
Da Reformen immer korrekt koordiniert werden, hängt der Erfolg allein von der Qualität des Konzepts ab, das mit der Wahrscheinlichkeit p gut und mit der Wahrscheinlichkeit (1-p) schlecht ist. Bei einem guten Konzept beträgt die Gesamtauszahlung als Summe der Nettobarwerte beider Regionen G, bei einem schlechten Konzept null. Mit der Wahrscheinlichkeit (1-p) erfolgt eine neue Reform mit einem neuen Konzept, wobei man wieder zur Ausgangssituation gelangt und sich die Auszahlungsstruktur wiederholt. Die erwartete Auszahlung beläuft sich damit auf:
δπ π ( − + = , δ = periodischer Diskontierungsfaktor p pG ) 1
mB mB
und nach Auflösen ergibt sich:
Für die Koordination sind die lokalen Manager verantwortlich, wodurch bei zwei Regionen Kosten in Höhe 2C anfallen. Mit der Wahrscheinlichkeit von (1-p) ist das Konzept jedoch schlecht und die Reform muß wiederholt werden, so daß die Kostenstruktur c m sich wiederholt.
mB
Gradualismus in der M-Form:
Bei einer graduellen Strategie wird das Konzept zunächst in einer Region getestet. Mit der Wahrscheinlichkeit p ist das Konzept gut und die Auszahlung beträgt (1-δ)(G+1)/2 (Nettobarwert von G/2 für die erste Region, aber ½ für die zweite, abgezinst mit (1-δ) auf die erste Periode). In der zweiten Periode wird dasselbe Programm in der anderen Region angewandt und die Auszahlung beträgt (1-δ)G (G/2 für jede Region, abgezinst). Mit der Wahrscheinlichkeit (1-p) ist das Programm jedoch schlecht, die Auszahlung in der Experimentierregion beträgt null und in der anderen (1-δ)/2. In diesem Fall muß ein neues Projekt starten. Die erwartete Gesamtauszahlung beträgt:
⎡
π = p ⎢ ⎣
mG
7
π =
mG
Die Kosten ergeben sich folgendermaßen: Zunächst muß nur ein Manager ausgebildet werden und es entstehen Kosten in Höhe von C. Bei Erfolg fallen dieselben Kosten dann wieder für die zweite Region an, bei Mißerfolg ist man wieder in der Ausgangssituation:
δ + = C c
mG = π = π − − Es seien c M die Nettoauszahlungen bei Big-Bang und c M die
mB mB B mG mG G
M − Nettoauszahlungen bei Gradualismus. Durch Bildung der Differenz M lässt sich die
B G
Vorteilhaftigkeit der beiden Strategien beurteilen:
= − M M
B G δ C − ) 1 ( p lässt sich als Optionswert des Wartens unter Gradualis- Dererste Term im Zähler
mus interpretieren. Die Ausbildungskosten müssen in der zweiten Region nur dann aufgewendet werden, wenn das Reformkonzept gut ist. Im Falle eines schlechten Reformkonzeptes können diese Kosten im Gegensatz zur Big-Bang-Strategie gespart werden. Der zweite
δ > − − Ausdruck im Zähler 0 2 / ) 1 )( 1 ( pG sind die erwarteten Verzögerungskosten, die durch
die verzögerte Implementierung eines erfolgreichen Konzepts entstehen. Je nach dem, ob
M − M größer oder kleiner als Null ist, ist entweder Gradualismus oder Big-Bang
B G
vorteilhafter. Entscheidend für das Ergebnis sind die Größen p und C. Je größer p, d.h. je größer die Wahrscheinlichkeit, dass das Konzept gut ist, desto eher ist Big-Bang vorteilhaft, da Reformgewinne schneller verwirklicht werden können: Es gilt:
− ∂ ) ( M M < B G 0 .
∂ p
Andererseits steigt die Vorteilhaftigkeit von Gradualismus mit der Höhe der Kosten C.
Dieselbe Kosten-Nutzen-Rechnung lässt sich anstellen für die U-Form-Organisation:
Unter Einbindung des Parameters λ lässt sich zeigen, 4 dass sich die erwarteten Auszahlungen
beim Big-Bang-Ansatz auf
[ ]
uB
C [ ] = Die Kosten dagegen ergeben: c uB ( ) ( ) .
λ δ 2 − + − − 2 p p 1 1 1
8
4 siehe Roland (2000, S. 61)
8
=π
c U Es sei: . uB uB B
Folgende Überlegungen zeigen, daß die U-Form von graduellen Reformen nicht profitiert: Ein Optionswert des Wartens existiert nicht, denn die Koordinationskosten sind bei beiden Strategien gleich, da sie beim Top-Management anfallen. Andererseits besteht keine Möglichkeit aus Reformen zu lernen, denn die Komplementaritäten zwischen den Reformen führen bei partieller Implementierung zwingend zu schlechten Ergebnissen, so dass eine gute Koordination durch das Top-Management nicht überprüft werden kann. Das Ergebnis von graduellen Reformen in der U-Form kann nicht besser sein als bei Big-Bang. U mit M und M lässt sich weiterhin zeigen, dass Beim Vergleich von
B B G
U > wenn λ nahe eins liegt. Das bedeutet: Bei gutem Informationsfluss ist } , max{ M M
G B B
die U-Form für die Reformimplementierung (in Form von Big-Bang-Reformen) günstiger als die M-Form. Wenn dagegen λ klein und C groß ist, ist G U , da dann M und B M größer als B
einerseits der Optionswert des Wartens groß ist und andererseits durch den schlechten Informationsfluss der Kostenvorteil der U-Form niedrig ist. Dann entpuppt sich die M-Form als die vorteilhaftere Organisationsstruktur und Gradualismus als die bessere Strategie. Die Reformen Chinas verfolgten jedoch nicht nur in räumlicher Dimension eine graduelle Strategie, sondern auch in zeitlicher 5 (Agrarreformen erfolgten vor industriellen Reformen, Privatisierung staatlicher Wirtschaftseinheiten erst später im Reformprozess). Die Vorteilhaftigkeit zeitlich gradueller Strategien zeigten Dewatripont und Roland in einem weiteren Modell unter Berücksichtigung von Komplementaritäten, Revisionskosten und Unsicherheit
im Reformprozess. 6 Auch dieses Modell geht von kollektiver Unsicherheit über den Reformprozess aus, was nach Roland (2000) eine wesentliche Rolle spielt, da nicht jeder Übergangsprozess zu einem sogenannten „deutschen Wirtschaftswunder“ führen muss, sondern auch zu schlechten Ergebnissen wie dem der Weimarer Republik.
9
5 siehe Lin, Cai, Li (1996); Roland (2000, S. 63)
6 Dewatripont, Roland (1998), Roland (2000, S.31ff.)
9
Das Modell geht von einem repräsentativen Individuum aus, welches durch den Reformprozess in unterschiedlicher Weise betroffen sein kann, je nach dem welches Zufallsereignis (welcher Naturzustand) im Reformprozess realisiert wird. Das Eintreten der Naturzustände O sei bestimmt durch verschiedene Determinanten j,k welche sein können: Das Investitionsniveau, die Anzahl neuer privater Unternehmen oder Außenhandelsergebnisse etc. Es sollen zwei Reformen i=1,2 durchgeführt werden. Bei kompletter Reformimplementierung beträgt das Ergebnis (die Nettoauszahlung) für das repräsentative Individuum F(O 1j, O 2k ) bei Realisierung von O 1j und O 2k . Bei nur teilweiser Reform beträgt das Nettoergebnis P(O im ) bei Implementierung von Reform i und Realisierung von O im . Aufgrund von Komplementaritäten zwischen den Reformschritten ist die Implementierung einer Teilreform grundsätzlich schlechter als die komplette Reform, was durch die Bedingung P(.) << F(., .) ausgedrückt wird. Ein Beispiel für solche Komplementaritäten wäre die oben angeführte Beziehung zwischen der Restrukturierung eines Unternehmens bei gleichzeitiger Implementierung eines sozialen Auffangnetzes. Die alleinige Durchführung einer einzelnen Maßnahme führt zu schlechteren Ergebnissen als die Durchführung des gesamten Konzepts. Der Vorteil einer partiellen Reform liegt jedoch in der Informationsgewinnung: Durch Realisierung von P(O im ) erhält man Informationen über O im und kann damit auf das Ergebnis bei vollständiger Reform rückschließen. (Hätte man zum Beispiel bei Privatisierungsentscheidungen Informationen über das Ausmaß an unternehmerischer Initiative in der Gesellschaft, könnte man auf das Ergebnis bei vollständiger Privatisierung schließen). Es sei N i die Anzahl möglicher Naturzustände und S in ein Element aus N i . Dann kann S in als „Signal“ verstanden werden, das relevante Informationen über den Reformverlauf offenbart.
Die Signale S in seien wie folgt gereiht:
[ ] [ ] )
( ) ' ( E n n
, j
D.h. je größer n, desto größer ist der Erwartungswert der Reform. Die Status-Quo-Auszahlung betrage null und eine Rückkehr zum Status-quo sei jederzeit möglich, wobei jedoch Revisionskosten anfallen, die das repräsentative Individuum zu tragen
hat. Die Kosten seien ξ i bei Reform i und ξ bei ganzer Reform.
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{ } < Es gilt: , was bedeutet, dass die Revision einer Teilreform immer 1 , max 0
2 1 2
günstiger ist als Revision der ganzen Reform. Weiterhin gilt: P(O im ) < -ξ i , d.h. eine Rückkehr zum Status-Quo ist in jedem Fall besser als die Teilreform beizubehalten. Die Auflösung der Unsicherheit erfolge grundsätzlich eine Periode nach Reformimplementierung. Die Auszahlung von Big-Bang-Reformen lässt sich dann wie folgt darstellen:
BB In der ersten Periode ergibt sich eine erwartete Auszahlung von . Das erwartete ) , ( O O F E
2 1 k j , k j
Ergebnis der zweiten Periode hängt davon ab, ob die Reform revidiert (Auszahlung von -ξ) ). δ <1 sei der periodische ) , ( j O O F oder beibehalten wird (Auszahlung von
2 1 k Diskontierungsfaktor.
Im Folgenden soll die Auszahlung unter Gradualismus ermittelt werden: Angenommen, nach Implementierung von Reform 1 wurde Signal S 1n beobachtet. Dann beträgt die Auszahlung bei Fortsetzung der Reform:
[ ] ( ) ξ δ δ − + − = } \ ) , ( , max{ \ ) , ( ) 1 ( S O O F E S O O F E S R
1 2 1 1 2 1 1 2 n k j n k j n , , k j k j
Definiert man n ~ so, dass für alle größeren Werte von n die Reform fortgesetzt wird, so dass ~ ≥ ξ ≥ ⇔ − also gilt: ) ( ) ) ( ( n n S R , lässt sich die ex-ante Auszahlung der graduellen Strate- 1 1 2 n
gie darstellen als:
~ ~ δ ξ δ δ ≥ + − < + − = )] ( [ ) Pr( ) )( Pr( ) ( ) 1 ( S R E n n n n O P E GR .
1 2 1 1 12 n j ~ ≥ n n j
In der ersten Periode ergibt sich die erwartete Auszahlung von . Je nach Höhe von n ) ( 1 j O P E
j
wird dann über Fortführung oder Revision entschieden, was zu den alternativen Auszahlungen von -ξ 1 und )] ( [ S R E führt. Mit Hilfe des Ausdrucks für Big-Bang lässt sich das
1 2 n ~ ≥ n n Ergebnis umformen zu:
~ ξ δ δ δ − − < + + − = )]} ( [ ){ Pr( ) ( ) 1 ( S R E n n BB O P E GR
1 2 1 1 12 n j ~ < n n j
Dieser Ausdruck zeigt die Vorteile der beiden Strategien: Der erste Term ist definitionsgemäß negativ und stellt die Übergangskosten der graduellen Strategie aufgrund von Komplementaritäten dar. Die Vorteile von Gradualismus zeigt der dritte Term: Er kann als „Optionswert früher Revision“ verstanden werden. Gibt es Zufallsereignisse, bei denen eine Rückkehr zum
~ n < > 0, so ist dieser Wert definitionsgemäß positiv. Status-Quo erfolgt, d.h. gilt ) Pr( n
Der Ausdruck lässt sich so interpretieren, dass graduelle Reformen vorteilhaft sein können, wenn der erste Teilschritt informativ ist: Dies erfordert zum einen Lerneffekte (N i > 1), zum anderen muss es Ereignisse geben, die zu einer Revision nach dem ersten Teilschritt zwingen.
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Angenommen, es gäbe keine Lerneffekte, d.h. es gibt nur ein Signal S in (N i = 1), dann steht
ξ − < S R , was automatisch zu der Handlungspfad von vornherein fest: Entweder es gilt ) ) ( (
1 1 2 n
einer Revision nach partieller Reform führt - dann wäre es aber besser, die Reform gar nicht
ξ − ≥ S R , wodurch von vornherein ein Fortfahren festerst zu beginnen - oder es gilt ) ) ( (
1 1 2 n
steht, was Big-Bang automatisch attraktiver macht, da Übergangskosten gespart werden.
n ~ < Lerneffekte existieren zwar, wenn N i > 1. Gibt es jedoch kein n, so dass n
~ = < n ( 0 ) Pr( n ), so würde auch hier die Reform mit Sicherheit weitergeführt und Big-Bang wäre besser. In beiden Fällen wäre die partielle Reform nicht informativ. Partielle Reformen
~ n < sind nur informativ, wenn gilt ) Pr( n > 0. Es zeigt sich also:
(1) Big-Bang ist vorteilhaft bei einer ausreichenden Kombination aus hohen Übergangskosten
δ − << 0, einem hohen Erwartungswert von Big-Bang und einem niedrigen ) ( ) 1 ( O P E
1 j j
Optionswert früher Revision.
(2) Gradualismus dagegen ist vorteilhaft bei einem ausreichend hohen Optionswert und niedrigen Übergangskosten. Dies führt zu folgendem Ergebnis: Entscheidend ist weniger das Ergebnis der Teilreform, sondern viel mehr seine Eigenschaft, Informationen über den weiteren Reformverlauf zu enthüllen.
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II.1.B.ii Der Reformzeitpunkt
Die unterschiedlichen ex-ante-Auszahlungen beider Strategien lassen Rückschlüsse auf einen möglichen Reformzeitpunkt zu. Angenommen, es gilt die Beziehung GR 12 > 0 > BB und der Status-Quo verschlechtert sich mit der Zeit. Daraus kann man schließen, dass die graduelle Strategie früher probiert wird während Big-Bang erst später erfolgt (wenn Status-Quo < BB)
- d.h. nach verpassten Möglichkeiten für Gradualismus. Dies könnte erklären, weshalb die frühen Reformer Ungarn und China graduelle Strategien anwendeten, während die späten Reformer aus Osteuropa und Russland Big-Bang-Strategien durchführten.
II.1.B.iii Komplementaritäten und Reformimpuls
Komplementaritäten und Revisionskosten spielen eine entscheidende Rolle bei der Beurtei-
lung von Reformstrategien. 7 Bisher wurde angenommen, dass Komplementaritäten zu einem schlechten und daher instabilen Ergebnis von partiellen Reformen führen, was entweder zu Revision oder zu voller Reformimplementierung führen muss. Dies hindert graduelle Strategien keineswegs daran, optimal zu sein, wie sich zeigen wird, denn die Übergangskosten der ersten Reform können mehr als kompensiert werden durch die Möglichkeit der Informationsgewinnung.
Weiterhin können Komplementaritäten einen Reformimpuls erzeugen, der bei Big-Bang fehlt.
Dies zeigt der folgende Fall mit Auszahlungen in Form von ( )
( ) γ ξ γ − − = im < − O O P . Komplementarität erfordert, dass O .
im i im
Bei statistisch unabhängigen Reformen und ohne Komplementaritäten, d.h. wenn gilt: γ = 0,
ist Gradualismus nie besser als Big-Bang, denn die erwartete Auszahlung von Big-Bang ist lediglich die Summe der erwarteten Auszahlungen der Teilreformen. Angenommen, die
zweite Reform erscheint unattraktiv, also wenn ( ) 0 < O E , würde höchstens die erste
2 k
k
Reform probiert, aber nie die zweite. Man kann jedoch zeigen, dass bei Annahme von Komplementaritäten auch die zweite Reform durchgeführt werden kann, so lange gilt:
( ) 0 O ξ > + + O E . Der Grund liegt in der Möglichkeit, durch den zweiten Reformschritt
2 1 1 k j
k
die Gewinne aus der ersten Reform nicht ganz zu verlieren, falls sich ein positiver Naturzu-stand herausgestellt hat. Durch Komplementaritäten ist die erste Reform grundsätzlich nicht stabil. Der einzige Weg, Reformgewinne aus der ersten Reform beizubehalten liegt darin, die
13
7 Dewatripont, Roland (1998), Roland (2000, S. 37ff.)
13
bittere Pille des zweiten Reformschritts zu schlucken. Komplementaritäten können also eine notwendige Bedingung für die Optimalität von graduellen Reformen sein.
II.1.B.iv Revisionskosten
Ebenso ist die Annahme von Revisionskosten entscheidend für die Überlegenheit von gradu-ellen Reformen. Bei Annahme von fehlenden Revisionskosten, also wenn ξ = ξ i = 0, ist Big-Bang immer die bessere Strategie. Denn bei Annahme einer kurzen Übergangsperiode (δ 1)
( )
wäre die Auszahlung nach Fortführung der Reform S R 1 nie kleiner null, d.h. es gäbe
n 2
n ~ < und der Optionswert früher Revision wäre grundsätzlich null. keinen Wert n, so dass n
Ohne Revisionskosten wäre jede Informationsgewinnung kostenlos und da Big-Bang relevante Informationen schneller hervorbringt, wäre Gradualismus niemals besser. In diesem Zusammenhang beschreibt Roland (2000, S.41) ein Modell von Bertocchi und Spagat (1997), das von großen Lerneffekten im Vergleich zu den Revisionskosten ausgeht. Angenommen, eine Regierung möchte Subventionen im Staatssektor abbauen, was notgedrungen zu Entlassungen führt. Bei Sicherheit über die Absorptionsgeschwindigkeit der freigewordenen Arbeitskräfte im privaten Sektor erfolgt der Subventionsabbau graduell mit der Absorptionsrate. Bei Unsicherheit über die Absorptionsrate ist jedoch ein starker Stellenabbau am Anfang optimal, da dadurch Kenntnisse über die Höhe der Absorptionsrate gewonnen werden können. Bei niedriger Absorptionsrate würden Subventionen teilweise wieder eingeführt und der Stellenabbau verlangsamt. Da hier Revisionskosten (die Wiedereinführung von Subventionen) niedrig sind, ist ein schnelles Vorgehen (ähnlich einer Big-Bang-Strategie) also besser. Je höher also die Revisionskosten, desto niedriger die Reformgeschwindigkeit bei Unsicherheit. Bei Abwesenheit von Revisionskosten führt Unsicherheit zu einer Beschleunigung der Reform.
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II.1.B.v Die optimale Reihenfolge
Stellen sich graduelle Reformen als optimal heraus, so führt dies unmittelbar zur Frage nach der optimalen Reihenfolge von Reformschritten. Ohne dass hier eine tiefergehende Analyse des Problems erfolgen soll, sollen nur einige Kriterien genannt werden, die die Wahl einer Reformsequenz erfüllen sollte (Roland (2000, S. 42)): (1) Durch die Wahl einer bestimmten Reformsequenz sollten die Reformschritte informativ bleiben. (2) Durch die gewählte Reformsequenz sollte die Reform ex-ante zustimmungsfähig bleiben und nicht zu Revision führen. (3) Die Sequenz sollte sukzessive Mehrheiten für weitere Reformen bilden und einen Reformimpuls erzeugen.
II.2 Individuelle Unsicherheit
Die obige Analyse ging von identischen Individuen und kollektiver Unsicherheit im Reformprozess aus. Konträr zum obigen Ergebnis sind die Ergebnisse bei Annahme von individueller Unsicherheit, wenn im Reformprozess also Gewinner und Verlierer entstehen. Das Modell folgt Roland (2000, S. 28), aufbauend auf Fernandez und Rodrik (1991). Wieder geht es um zwei Reformen i = 1,2, die bei den Betroffenen Gewinne g i > 0 mit der Wahrscheinlichkeit p i oder Verluste l i < 0 mit der Gegenwahrscheinlichkeit (1- p i ) erzeugen. Aufgrund der großen Anzahl Individuen ist die jeweilige Wahrscheinlichkeit identisch mit der Anzahl Gewinner und Verlierer. Nachdem beide Reformen implementiert wurden, ob graduell oder gleichzeitig, ergibt sich folgende Verteilung der Gewinne und Verluste:
Tabelle II.1 (Quelle: Roland (2000, S.29))
Der entscheidende Unterschied zu kollektiver Unsicherheit ist, dass aufgrund allseits bekannter Auszahlungen und deren Wahrscheinlichkeiten von vornherein feststeht, ob Reformen revidiert werden oder nicht. Im Falle von sicherer Revision aber wird eine Reform überhaupt nicht erst initiiert.
Für die Big-Bang-Strategie bedeutet dies, dass beide Reformen nur dann implementiert werden, wenn gilt: p 1 g 1 + (1- p 1 )l 1 + p 2 g 2 + (1- p 2 )l 2 > 0, d.h., wenn der Erwartungswert
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positiv ist und wenn die Auszahlung des Medianwählers (in diesem Modell l 1 + g 2 ) 8 die Revisionskosten ξ übertrifft, d.h. wenn gilt: l 1 + g 2 > -ξ . Die letzte Bedingung legt fest, wann
keine Revision erfolgt.
Durch eine graduelle Strategie entstehen Komplementaritäten, so dass sich der Erwartungs-wert der ersten Reform verringert um γ, so dass gilt: p 1 g 1 + (1- p 1 )l 1 - γ < -ξ 1 , wobei ξ 1 die
Revisionskosten der ersten Reform sind. Werden Reformen nicht revidiert, beträgt der
Erwartungswert bei Gradualismus (1-δ) [p 1 g 1 + (1- p 1 )l 1 - γ] + δ[ p 1 g 1 + (1- p 1 )l 1 + p 2 g 2 + (1-
p 2 )l 2 ]. Diese Gleichung zeigt, dass Gradualismus ohne Revision grundsätzlich schlechter ist als Big-Bang, da Übergangskosten durch Komplementaritäten entstehen und im Falle eines positiven Big-Bang-Ergebnisses das Ergebnis verzögert wird.
Die folgenden Überlegungen zeigen, dass Gradualismus nie besser sein kann als Big-Bang: (1) Angenommen, es gibt keine Revision nach dem ersten Teilschritt, dann ist Big-Bang grundsätzlich besser, da keine Übergangskosten anfallen.
(2) Angenommen, es gibt Revision nach dem ersten Teilschritt und nach vollständiger Implementierung - dann würde keine Strategie gewählt.
(3) Angenommen, es gibt Revision nach dem ersten Teilschritt, aber keine Revision nach Big-Bang, wodurch Big-Bang bei obiger Bedingung eines positiven Erwartungswertes besser ist (Es lässt sich zeigen, dass eine solche Konstellation durchaus bestehen kann, wenn nämlich
die Verlierer des ersten Teilschritts in der Mehrheit sind (p 1 < ½) und p 1 (g 1 - l 1 ) > ξ 1 gilt) 9 .
Das heißt aber, dass Gradualismus einen zusätzlichen Reformwiderstand in der Übergangsperiode erzeugt, der bei Big-Bang fehlt. Bei individueller Unsicherheit ist Gradualismus nicht besser als Big-Bang.
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8 Siehe Roland (2000, S.29)
9 Siehe Roland (2000, S.30)
16
II.3 Reformen unter Sicherheit
Obiger Vorteil von Big-Bang lässt sich anhand einer weiteren Matrix zeigen, in der angenommen wird, dass die individuellen Auszahlungen sicher sind:
II.3.A Bündeln von Reformen zur Gewinnung von Mehrheiten
Es existieren drei Gruppen, wobei die erste Gruppe Gewinner beider Reformen und die zweite Gruppe Verlierer bei jeder Reform ist. Die dritte Gruppe verliert bei der zweiten Reform, profitiert aber auch von vollständiger Implementierung:
Tabelle II.2 (Quelle: Roland (2000, S. 73))
Der Wert ∆ soll zeigen, dass hier im Gegensatz zu oben bei Big-Bang Ineffizienzen entstehen
und Gradualismus einen höheren Wohlfahrtseffekt hat. Trotzdem sind graduelle Reformen bei der obigen Verteilung nicht machbar, da eine Mehrheit den zweiten Reformschritt blockiert. Die Reform kann nur als Paket durchgeführt werden, da in diesem Fall Gruppe 0 und Gruppe 2 dafür stimmen.
Zu anderen Ergebnissen kommt man durch Änderung der Werte in der Auszahlungsmatrix. So zum Beispiel bei folgendem Schema:
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Tabelle II.3 (Quelle: Roland (2000, S. 70))
Das Gesamtergebnis sei hier unabhängig von der Strategie und führe immer zu einer Mehrheit, die verliert (Gruppe 1 und 2). Damit ist klar, dass Big-Bang nicht durchsetzbar sein kann, wohl aber Gradualismus: Wird zunächst nur Reform 1 angeboten, so stimmen Gruppe 0 und Gruppe 2 dafür. In einer weiteren Runde würde Reform 2 angeboten und Gruppe 1 und 2 würden dafür stimmen. In jedem Teilschritt ließe sich eine Mehrheit für die Reform gewinnen. Die Strategie verläuft nach dem Muster „Teile und Herrsche“ und ist abhängig davon, dass die unterschiedlichen Gruppen nicht in der Lage sind, intertemporale, bindende Verträge abzuschließen, da sich sonst die Gruppen 1 und 2 zusammentun würden und im gegenseitigen Interesse gegen die Reform stimmen würden, die dem jeweils anderen schadet. Beide könnten bei dieser Strategie gewinnen, da sie eine negative Gesamtauszahlung haben. Die Auszahlungsstruktur entscheidet darüber, welche Strategie machbar ist. Ist es nicht möglich, für jede Reform eine Mehrheit zu finden, so kann die Reform möglicherweise dennoch als Paket Zustimmung finden. „Teile und Herrsche“ - Strategien gelingen dagegen, wenn ein klarer Interessenkonflikt zwischen den Parteien herrscht und ein Bündeln der Reform die Interessen gegen die Reform vereinen würde. Durch einzelne Teilschritte können diese Interessen getrennt werden.
Interessant ist, dass Martinelli und Tommasi (1998) in einem anderen Modell bei leicht modifizierten Annahmen zu dem gegenteiligen Ergebnis kommen. Sie gehen dabei von der Möglichkeit aus, Entscheidungen des Reformers mit einem Veto zu blockieren. Obwohl Gradualismus in ihrem Modell zu höheren Auszahlungen führt, sind politische Beschränkungen der Grund dafür, dass Big-Bang die einzig machbare Strategie ist, da Gradualismus zu Zeitinkonsistenz führt.
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Die Verlierer der einzelnen Reformschritte blockieren die Reform, da sie nicht in der Lage sind mit den anderen Gruppen bindende Verträge zu schließen. Verlierer f der ersten Reform weiß, dass der Verlierer t des nächsten Reformschritts mit Sicherheit gegen die Reform stimmen wird, so dass f die Verluste aus der ersten Reform nicht durch Gewinne in weiteren Reformschritten kompensieren kann. Also wird bei einer graduellen Strategie niemand für Reformen stimmen.
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III Schluß: Welche Strategie ist optimal?
Die obige Analyse zeigt, wie sehr die Machbarkeit von Reformen von den spezifischen Umständen abhängt.
In Bezugnahme auf Organisationsstrukturen konnte gezeigt werden, dass unter den gegebenen Umständen graduelle Strategien in der U-Form nie besser sind als Big-Bang. In der M-Form steigt die Vorteilhaftigkeit von Gradualismus mit den Implementierungskosten und sinkt mit der Erfolgswahrscheinlichkeit des Reformkonzepts.
Das Modell von Dewatripont und Roland zeigte, dass zeitlich graduelle Strategien eine höhere Flexibilität und Experimentierfähigkeit aufweisen können als Big-Bang, solange partielle Reformen Informationen enthüllen und niedrigere Revisionskosten aufweisen. Dies macht graduelle Strategien ex-ante schmackhafter und kann helfen, eventuellen Reformwiderstand zu überwinden. Andererseits hat die Big-Bang-Strategie den Vorteil einer
niedrigeren Reversibilität aufgrund höherer Revisionskosten. 10 Ein Reformer, der sich keinem Reformwiderstand ausgesetzt sieht, würde daher eher Big-Bang wählen. Als Ergebnis lässt sich formulieren, dass kollektive Unsicherheit zu einem Trade-off zwischen ex-antepolitischer Beschränkung der Initialisierung und ex-post-politischer Beschränkung der Irreversibilität führt. Weiterhin zeigte sich, dass Komplementaritäten einen Reformimpuls erzeugen können und niedrige Revisionskosten die Reform beschleunigen.
Laut Tommasi und Velasco (1996, S. 207) kritisieren Martinelli und Tommasi (1995) das Modell dahingehend, dass es auf einem reinen „Planungsproblem“ basiere und politische Beschränkungen nicht explizit miteinbezieht. Sie heben das Problem der Zeitinkonsistenz gradueller Strategien hervor, das durch niedrigere Experimentierkosten nicht beseitigt wird.
Weiterhin wurde gezeigt, dass bei Annahme von individueller Unsicherheit und der dadurch entstehenden Ungleichheit im Reformprozess graduelle Strategien einen zusätzlichen Reformwiderstand in der Übergangsperiode schaffen. Reformen konnten unter Umständen nur als Big-Bang ausgeführt werden.
20
10 siehe Roland (2000, S. 35f.)
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Bei Abwesenheit von Unsicherheit hängt die Vorteilhaftigkeit von Strategien stark von den Verteilungswirkungen der Reform und den politischen Umständen ab. Gibt es bei unterschiedlichen Reformschritten immer unterschiedliche Verlierer, so kann bei Annahme von Mehrheitswahlrecht eine graduelle Strategie besser sein - bei Annahme von Vetomacht muß die Reform jedoch gebündelt werden, so daß Verlierer der einen Reform unmittelbar durch eine andere Reform kompensiert werden. Gibt es Reformschritte, bei denen eine Mehrheit verliert, so kann diese Reform eventuell mit anderen Reformschritten gebündelt werden, so daß sich insgesamt eine Mehrheit für die Reform ergibt.
Die Analyse zeigt, wie sehr politische und institutionelle Rahmenbedingungen Einfluss nehmen auf mögliche Reformstrategien. Nicht immer werden ökonomisch sinnvolle Reformstrategien zu politisch machbaren. Die Diskussion der verschiedenen Organisationsstrukturen könnte zeigen, dass China die besseren Möglichkeiten hatte, graduelle Reformen zu implementieren, während andere postkommunistische Staaten nur die Option von Big-Bang-Reformen hatten (Das Ergebnis von graduellen Reformen in der U-Form kann nicht besser sein als bei Big-Bang). Dem halten Tommasi und Velasco (1996, S.209) entgegen, dass gerade bei Transformationsprozessen starke Komplementaritäten zwischen den Reformschritten herrschen und deshalb graduelle Strategien eine bessere politische Machbarkeit haben. Für McMillan (2004) sind Big-Bang-Reformen in Anlehnung an Popper (1971, S. 157 - 159) eine Art utopische Gesellschaftsplanung und eine Anmaßung an Wissen. Graduelle Reformen und ihre Experimentierfähigkeit seien die einzig ehrliche Antwort auf unsere begrenzten Kenntnisse von Reformprozessen. Für Marangos (2002) liegen die Probleme der osteuropäischen Reformprozesse dagegen in der Anwendung des neoklassischen Transformationsmodells, egal ob in der Big-Bang-Ausprägung oder als Gradualismus. Das neoklassische Modell sei geprägt von Unstimmigkeiten und vernachlässige institutionelle und polische Elemente. Auch nach Einschätzung von Dewatripont und Roland (1998, S.244) haben Big-Bang-Strategien bei ihrer Anwendung in Osteuropa die politischen Beschränkungen des Transformationsprozesses unterschätzt. In Folge haben sämtliche Big-Bang-Programme nachträgliche Änderungen, Revisionen oder Verzögerungen erfahren. In Litauen, Polen und Ungarn kam es sogar zum Wahlsieg rückwärtsgewandter kommunistischer Kräfte.
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Martinelli und Tommasi (1998, S. 300) ziehen aus ihrer Analyse den Schluß, dass internationale Institutionen und Verträge eine wichtige Rolle bei Reformprozessen spielen können. Sie sollten die politischen Beschränkungen der Länder in Betracht ziehen, um diese bei Reformprozessen zu unterstützen. Möglicherweise wären dann Reformen mit weit weniger Übergangskosten möglich.
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IV Literaturverzeichnis
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Marangos, J. (2002). “A Political Economy Approach to the Neoclassical Model of Transition”, in: American Journal of Economics and Sociology 61 (2002), 259 - 276
Martinelli, Tommasi (1995). “Economic Reforms and Political Constraints: On the Time Inconsistency of Gradual Sequencing” Mimeo. U. Carlos III, Madrid
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Arno Wellner, 2006, Reformpakete versus Einzelmaßnahmen, München, GRIN Verlag GmbH
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