Universit at Mannheim Deutsche Philologie
PS - Deutsche Reiseliteratur im 18. und 19. Jh. SS 2005
Die literarische (Wieder-)
Entdeckung Siziliens am Beispiel
der Reisebeschreibungen von
Riedesel, Goethe und Seume
Miriam Oberle
Inhaltsverzeichnis
1 Allgemeines 1
2 Reisen unter verschiedenen Vorzeichen 2
2.1 Motiv/Intention der Reise 3
2.2 Aufbau und Form der Reiseberichte 4
3 Imagologie und Sizilienwahrnehmung 6
3.1 Mythos Sizilien die Wegbereiter und Nachfolger 7
3.1.1 Insel der Gegens atze 9
3.2 Von Nordl andern und S udl andern/Identit at und Alterit at 11
4 Schlußbetrachtungen 15
5 Literatur 17
5.1 Sekund arliteratur 17
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1 Allgemeines
Italien war schon lange Ziel von Reisen gewesen. Erst als Ziel f ur Pilger, dann als humanistische Bildungsreise und Kavalierstour junger Adliger. Die literarische und ,,touristische" Entdeckung Siziliens begann vergleichsweise sp at. W ahrend Italien bis Neapel schon lange Ziel der Kavalierstouren war, geriet Sizilien erst Mitte des 18. Jahrhunderts in den Blickpunkt. Durch Johann Joachim Winckelmanns Distinktion von r omischer und griechischer Kultur verschob sich das Interesse der Intellektuellen weg von der r omischen Literatur, hin zur asthetisch gepr agten griechischen Kultur. 1 Da Griechenland aus politischen Gr unden f ur Reisende unzug anglich war, boten S uditalien und vor allem Sizilien einen w urdigen Ersatz. Zuvor endete die Grande Tour eines Jeden stets in Neapel. Dies lag nicht zuletzt auch am wenig erschlossenen S uden Italiens. Der Weg uber Land von Neapel aus
war zu gef ahrlich und Sizilien selbst bot noch wenig kulturelles Leben und Gasth auser, die den adligen Herren Unterkunft h atten bieten k onnen. Auch Johann Caspar Goethe beendete seine Italienreise mit Neapel. Erst Johann Hermann von Riedesel besuchte als einer der ersten Kultur- und Bildungsreisenden 1767 Sizilien. Unter Ein u seines Freundes und Mentors Johann Joachim Winckelmann machte er sich auf, die griechischen Altert umer Siziliens zu erforschen, zu beschreiben und zu vermessen. Er steht noch in der Tradition der Studienreise. Doch durch Laurence Sternes 1768 erschienene ,,Sentimantal Journey" kam ein neues Reiseideal auf welches ,,sich nun vermehrt auf sinnliche Eindr ucke im Kunst- und Landschaftserlebnis konzentrierte." 2 Riedesel folgten Goethe und Seume. Ab Mitte des 19.Jh. geh ort Sizilien zum festen Bestandteil einer italienischen Reise. Diese Arbeit besch aftigt sich mit folgenden Reisebeschreibungen Siziliens: Johann Hermann von Riedesels Reise durch Sizilien und Grogriechenland, Die italienische Reise von Johann Wolfgang von Goethe - hier liegt der Bezug fast ausschlielich auf dem Aufenthalt in Sizilien und Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 von Johann Gottfried Seume - auch hier gilt das Augenmerk den Sizilienbeschreibungen. Zu betrachten sei hier: Wo sind die Gemeinsamkeiten? Wo sind die Unterschiede? Unter welchen Voraussetzun-
1 Vgl.Meier, Albert. Das Land zum Buch. Klassische Literatur und Italienwahrnehmung im 18. Jahrhundert. In: Deutsches Italienbild und Italienisches Deutschlandbild im 18.Jahrhundert. T ubingen 1993.
2 Herder, Johann Gottfried: Italienische Reise. Hamburg 2003. Nachwort. S. 623-645.
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gen und mit welchen Interessen und Intentionen sind sie gereist und wie hat dies m oglicherweise das jeweilige Bild und die Wahrnehmung Siziliens beein ut?
2 Reisen unter verschiedenen Vorzeichen
Angeregt durch seinen Freund Winckelmann reist Riedesel 1768 nach Sizilien. Unter anderem durch ihn ist er geschult in Kunst, Kultur und Architektur der alten Griechen. Von Neapel aus nimmt er das Schi. Auf Sizilien ist das ubliche Transportmittel das Pferd oder der Maulesel, da es noch nicht viele Wege oder Straen gibt, die f ur eine Kutsche tauglich w aren. Er reist alleine. Seine Reise dauert insgesamt drei Monate, vom 10. M arz bis 8. Juni 1776.
Auch Goethe reist zun achst alleine und inkognito, unter dem Namen Philippo Miller Tedesco (erst in Sizilien gibt er seine Identit at preis), allerdings mit gen ugend Kontakten und vor allem mit dem n otigen nanziellen Hin-tergrund. In Sizilien ist er mit Kniep unterwegs. W ahrend Goethe seine Erfahrungen schriftlich xiert, ist Kniep damit besch aftigt, Tempel und Landschaften zeichnerisch festzuhalten. Wie alle, reisen auch Goethe und Kniep per Schi von Neapel nach Palermo. Innerhalb Siziliens wird sich per Pferd und Maulesel oder Kutsche und S anfte fortbewegt; oder zu Fu. Das Sizilien-Kapitel der Italienischen Reise beginnt am 29. M arz und endet knapp anderthalb Monate sp ater am 13. Mai 1787.
Seume tritt seine Reise mit geliehenem Geld an und bewegt sich zu Fu fort. ,,Wer geht", bemerkt er, ,,sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr als wer f ahrt. ... Sobald man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der urspr unglichen Humanit at entfernt." 3 Allen Risiken zum Trotz schl agt er sich alleine bis Syrakus durch; er heuert immer wieder Mauleself uhrer an. Da er dadurch n aher am Volk und am Land ist, wird sich auch an seinen Beschreibungen zeigen, die sich klar von Goethe und Riedesel abheben. Im Gegensatz zu Goethe und Riedesel ist er nicht von Stande, kann aber bei Unterk unften durchaus auf Empfehlungsschreiben und ahnliche Kontakte zur uckgreifen. Dies nimmt er nicht immer war - ob aus nanziellen oder programmatischen Motiven ist unklar, da die
3 http://www.emmet.de/por/htm
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Meinungen dar uber auseinandergehen, genauso wie uber seine Intention,
da auch bei ihm Realit at und Selbstilisierung verschwimmen.
2.1 Motiv/Intention der Reise
Riedesel sucht und ndet gezielt und nahezu ausschlielich die antiken St atten der Griechen - er will die arch aologisch noch unerforschte Insel entdecken, vermessen und beschreiben. Er hat weder f ur die byzantinischen Mosaike in Monreale einen Blick, noch f ur die mannigfaltigen Uberbleibsel
der vielen anderen Eroberer Siziliens wie den Normannen oder Arabern. Im Gegensatz zu Goethe und Seume reist er nicht aus einer Krisensituation heraus nach Italien. Goethe hingegen verl at Deutschland geradezu uchtartig und inkognito. Die Enge Weimars und seine pers onliche Krise durch die ungl uckliche Liebe zu Charlotte von Stein festigen den Entschlu, endlich nach Italien zu reisen. Schon von klein auf wuchs in ihm die Italiensehnsucht, sicherlich auch durch die Reise des Vaters, der mit einigem Ehrgeiz und viel Hingabe seine italienische Reise in italienisch niederschrieb. In Italien sucht er eine innere Befreiung aus seiner deutschen Existenz. Goethe spricht oft von Wiedergeburt. Er sucht und ndet eine Art Heilung seiner Seele. Heutzutage w urde man wohl von einer Reise zur Selbstndung und Neudenierung der eigenen Identit at sprechen. Kein anderer beein ute so sehr die Italienwahrnehmung der Deutschen wie Goethe, und regte so sehr den Diskurs an. So gehen heute noch viele Assoziationen und Bilder auf dieses Motiv, Italien als Sehnsuchtsland und Heilsland in Lebenskrisen, zur uck. Auch Seume sagt man eine Krise nach { wie Goethe eine ungl uckliche Liebe { doch man ist sich nicht einig. Er selbst auerte sich zu seiner Reise wie folgt: ,,Meine meisten Schicksale lagen in den Verh altnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sizilien war vielleicht der erste ganz freie Entschlu von einiger Bedeutung". 4 Und auch Goethe auert sich wie folgt uber Sizilien: ,,Wie traurig hat man nicht unsere Jugend auf das gestaltlose Pal astina und das gestaltverwirrende Rom beschr ankt. Sizilien und Neugriechenland l at mich nun wieder ein frisches Leben hoen." 5
4 http://www.seume.de/Sites/Spazier/Spazier.htm
5 Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999. Teil II. S.266.
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2.2 Aufbau und Form der Reiseberichte
Riedesesels Reisebericht ist in einer Art Brief verfat. Insgesamt umfat die Ver oentlichung zwei Sendschreiben, wobei sich nur das erste auf Sizilien bezieht, w ahrend sich das zweite mit seiner Reise durch Kalabrien bis nach Neapel besch aftigt. Riedesel steht noch in der Tradition der statistisch-enzyklop adischen Bildungsreise. Dennoch nden sich auch bei ihm schon Einblicke in die sizilianische Alltagswelt, ,,wie die wirtschaftlichen Aktivit aten, die Sitten und Gebr auche, den Charakter der Einwohner, die Organisation des Staates." 6 Besonders au allig, im Gegensatz zu Goethe und Seume, sind die h aufg vorkommenden Aufz ahlungen und Abmessungen von Tempeln und Gegenst anden oder bei wirtschaftlichen Aspekten. W ahrend Seume etwa nur erw ahnt, das das Volk ein Drittel an die Feudalherren abgeben mu, h ort sich Riedesels Beschreibung eher wie ein Wirtschaftsbericht an: ,,Der Magistrat hat einen Vergleich mit dem Volke gemacht, best andig das Brod um den nehmlichen Preis zu geben; 33. Unzen oder 66. Loth um 4. Neapolitanische Grani, ohngef ahr ein Groschen." 7 Seume verzichtet bewut auf solch detaillierte Beschreibungen - auch bei den Tempeln und Kunstgegenst anden - und verweist auf seine Vorg anger. Riedesel ver oentlicht seine Sendschreiben an Winckelmann erst durch dessen Dr angen. Erkennbar bleibt jedoch die Brieorm auch in der pers onlichen Anrede:,,Da Sie mir erlauben, mein werthester Freund, Ihnen meine Anmerkungen uber die vollbrachte Reise um Sicilien und das K onigreich Neapel mitzutheilen, so machen sie sich gefat, verschiedenes,[...] zu h oren." 8 lautet der erste Satz des ersten Sendschreibens.
Goethes Italienische Reise ist eine stilisierte Reisebeschreibung, die sich der Form und des Stils der Reiseliteratur bedient, sie aber auch immer wieder bricht. Erst 29 Jahre nach der Reise schreibt und ver oentlicht er anlehnend an seine Tagebuchaufzeichnungen und Briefe ,,Die italienische Reise". Schon diese zeitliche Diskrepanz zwischen Reise und Ver oentlichung ist ungew ohnlich. Es geht hier nicht so sehr um die Stilisierung Italiens, sondern vielmehr um eine Selbststilisierung des Dichters Goethe. Die Di- 6 Scamardi,Teodoro:,,Selbstandigkeit genug?"Zur Rezeption der Sizilien-Literatur im Spaziergang nach Syrakus. In: TEXT+KRITIK. 126. Johann Gottfried Seume. S.60. 7 Riedesel, Johann Hermann von: Reise durch Sizilien und Grogriechenland. Berlin 1965. S. 23. 8 Ebd. S. 21.
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stanz wird auch immer wieder signalisiert, dennoch spielt Goethe mit der Illusion der Unmittelbarkeit - die Erfahrungen seiner italienischen Reise sollen authentisch und unmittelbar wirken. Au allig sind hier die genauen Tagebuchangaben (z.B. ,,Palermo, den 8. April 1787. Ostersonntag.) 9 . Obwohl Goethe der einzige ist, der die Reise erst im Alter redigiert und ver oentlicht, schat er durch diese strikte Tagebuchform das Gef uhl von Unmittelbarkeit und Authentizit at. Die Adressaten verschiedener Textpassagen wechseln. Einmal heit es: ,,Nun denke ich ruhig zu euch hin uber [...]" 10 { an anderer Stelle: ,,Dieses Blatt sollte nun, meine Geliebten, [...]." 11 ,,Die italienische Reise" ist in drei Teile eingeteilt. Der erste Teil umfat die Reise bis Rom und den Romaufenthalt. Der zweite Teil enth alt Aufzeichnungen uber die Aufenthalte in Neapel und Sizilien. Der dritte Teil schlielich beschreibt den zweiten Romaufenthalt.
Seume hingegen teilt seine Reise in die besuchten St adte ein und verzichtet auf jegliche Datumsangaben. Er spricht den Leser in einer Vorrede direkt an: ,,Lieber Leser,[...] ich hoe, Du bist mein Freund oder wirst es werden; [...]." 12 Im eigentlichen Reisebericht vermischt sich das ,,Du" an den Leser oft mit einem ,,Du" an einen Freund oder Bekannten in Deutsch-land. ,,[...]ich bin gar ein schlechter Systematiker." 13 auert sich Seume an einer Stelle und dies umschreibt auch die h augen thematischen und gedanklichen Spr unge und Br uche in seiner Erz ahlweise. Er beginnt den ,,Spaziergang nach Syrakus" mit einer Vorrede an den Leser. Seine Reisebeschreibung ist in zwei Teile geteilt; der erste Teil umfat die Reise von Leipzig nach Syrakus, der zweite Teil die R uckreise. Wie auch Riedesel uberarbeitet und ver oentlicht er seine Reisebeschreibungen erst auf Druck von Auen.
9 Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999. Teil II. S. 260. 10 Ebd. S. 253. 11 Ebd. S. 254.
12 Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. In: Johann Gottfried Seume Werke. Band 1. Frankfurt am Main 1993. S. 157. 13 Ebd. S. 378.
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3 Imagologie und Sizilienwahrnehmung
Die Wahrnehmung der Einwohner, der anderen Kultur und deren St atten ist stets gepr agt durch Zuschreibungen und Vorstellungen, die aus der eigenen Kultur hervorgehen. Diese Vorstellungen beein ussen von Anfang an den Betrachter und Reisenden und wirken sich auf dessen Wahrnehmung des Landes und der Menschen aus. 14 Auch darf man nicht vergessen, da bis zur Mitte des 20.Jh. in Schulb uchern und dort vor allem in Erdkundeb uchern, die Beschreibung von L andern immer mit der Beschreibung der Menschen verbunden ist. Hier wird vor allem immer nach typischen, pauschalen Wesensz ugen gesucht, die oft und gerne mittels des Klimas erkl art werden. Hier bilden sich Stereotypen uber den sogenannten ,,Nationalcharakter" von L andern, die noch heute in unseren Vorstellungen wirken. So heit es in einem Auszug aus einem Schulbuch: ,,Die Italier [...] (wie es meist bei Bewohnern s udlicher L ander der Fall ist) arbeiten nicht gern und lieben das s ue Nichtsthun (il dolce far niente). (Homann 1833)." 15 Neben den Schulb uchern steht die Literatur zur Verf ugung. Riedesel bezieht sich z.B. oft auf die Beschreibungen des Cluverius oder Fazzellus und bem uht sich, deren Beobachtungen zu falsizieren oder zu verizieren. Er sieht sich als objektiven Beobachter und versucht die Eigenschaften der Einwohner genauso zu beschreiben, wie die Tempel. Seine Beurteilung wie die der Sch onheit der Frauen ist gepr agt durch die Suche nach dem griechischen Ideal, da er sucht und ndet - bei den Frauen wie bei den Tempeln. Ein wesentlicher Teil der Stereotypenbildung macht die Unterscheidung zwischen Nordl andern und S udlandern aus. Diese beschreibt nicht nur die Herkunft der Menschen, sondern dient auch zur Einteilung in spezielle Wesensz uge. Diese Unterscheidungen und Einteilungen werden teilweise von Goethe gef ordert, dadurch, da er im Gegensatz zu seinem Vater, Italien als Deutschland komplement ares Land betrachtet. ,,Hatte Johann Caspar von Goethe Italien und Deutschland noch als analoge L ander verstanden, so begreift der Sohn Johann Wolfgang von Anfang an den essentiellen Gegensatz: den Kontrast zwischen dem sinnlichen, heiteren ,,Arkadien" und
14 Vgl. Peter J. Brenner: Die Erfahrung der Fremde. Zur Entwicklung einer Wahrneh-mungsform in der Geschichte des Reiseberichtes
15 Heitmann, Klaus: ,,Von den Itali anern sagt man insgemein, dass sie...". Zur Propagierung von Stereotypen im deutschen Schulbuch alter und neuer Zeit. In: Spiegelungen. Romanistische Beitr age zur Imagologie. Heidelberg 1996. S. 314.
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dem kunstfeindlichen, d usteren ,,Cimmerien"." 16 Diese Stilisierung der Gegens atze wirkt bis heute in uns nach und beein ut unser Bild von Italien und dem S uden.
3.1 Mythos Sizilien - die Wegbereiter und Nachfolger
Was wei man in jener Zeit uber Sizilien? Welche Bilder und Vorannahnen
Siziliens haben Riedesel, Goethe und Seume? Alle drei sind vorgebildet und verf ugen uber ein Wissen uber Sizilien, das sich aus der kanonischen Literatur, enzyklop adischen Abhandlungen und zeitgen ossischen Reisebeschreibungen von Patrick Brydone, Johann Heinrich Bartels, Friedrich M unter und Jacob Phillipp d'Orville speist. 17 Hinzu kommt die klassische r omische und griechische Literatur. In allen Betrachtungen Siziliens steht es immer im Vergleich zu seiner vergangenen Hochkultur { dem fr uheren Grogrie-chenland. Das normannisch-arabische Kulturerbe auf Sizilien hingegen gilt lange als barbarisch und ndet nur wenig Interesse, wie man an Riedesels Auerungen uber den Dom von Monreale feststellt: ,,Ich ubergehe die
Gothische Musaico-Arbeit, wovon die Sicilianer soviel Geschrey machen." 18 Auch wenn das (wiedererwachte) Interesse an Sizilien noch jung war, beziehen sich Riedesel, Goethe und Seume schon auf ihre ,,Vorg anger". Riedesel steht ganz unter Ein u Winckelmanns' Kunstgeschichte, wie auch Goethe, der jedoch nach einer Erweiterung des Winckelmannschen Kunstbegris strebt. Goethe selbst bekennt sich in der ,,Italienischen Reise" recht liebevoll zu Riedesel. Eher zaghaft beruft er sich w ahrend seines Aufenthaltes in Girgenti 19 auf Riedesel und bezeichnet ihn als Mentor, ,,[...] auf den ich von Zeit zu Zeit hinblicke und hinhorche; es ist der treiche von Riedesel, dessen B uchlein ich wie ein Brevier oder Talisman am Busen trage." 20 Seume allerdings will sich als kritischen Beobachter darstellen und ,,neigt [...] dazu, seine Gew ahrstexte in programmatischer und provozierender Absicht zu verleugnen, indem er bei jeder Gelegenheit die sensualistische Na- 16 Herder:Italienische Reise. Hamburg 2003. Nachwort. S. 623-645.
17 Vgl. Scamardi, Teodoro: ,,Selbst andigkeit genug?"Zur Rezeption der Sizilien-Literatur im Spaziergang nach Syrakus. In: TEXT+KRITIK. 126. Johann Gottfried Seume. 18 Riedesel, Johann Hermann von: Reise durch Sizilien und Grogriechenland. Berlin 1965. S. 23. 19 ozieller Name: Agrigento
20 Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999. Teil II. S. 283.
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tur der Wahrnehmungsprozesse hervorhebt [...]." 21 Anders verf ahrt Goethe, der sich ganz bewut und oen in einer kulurellen Tradition der Reisenden und speziell der Italienreisenden sieht, die er wie folgt beschreibt:
,,Vorgearbeitet in dem Steinreiche Siziliens hat uns Graf Borch sehr emsig, und wer nach ihm, gleichen Sinnes die Insel besucht, wird ihm recht gern Dank zollen. Ich nde es angenehm sowie p ichtm aig, das Andenken eines Vorg angers zu feiern. Bin ich doch nur ein Vorfahr von k unftigen andern, im Leben wie auf der Reise." 22
Die kulturelle, literarische Vorbildung der drei ist recht ahnlich - alle sind mit den kanonischen Werken ihrer Zeit vertraut. Dies merkt man auch an den Reiserouten, die nicht sehr voneinander abweichen, was zeigt, da es schon damals eine Vorgabe der wichtigen Ziele in Sizilien gab. Alle reisen von Palermo aus uber Segesta, Trapani, Marsala, Agrigento, Siracusa weiter uber Catania nach Messina, um die wichtigsten Stationen zu nennen. Al-
lein Seume wagt sich als erster weiter ins Landesinnere vor. Er ist auch der einzige, der noch Orte wie Cefal u zwischen Messina und Palermo erw ahnt; dieser K ustenstreifen bleibt f ur die damaligen Reisenden g anzlich uninteressant. Und doch versucht jeder einzelne seinen speziellen, ,,neuen" Teil zur Sizilien- und Reiseliteratur beizutragen. Riedesel ist ganz auf den Spuren Grogriechenlands und versucht die ehemals so bl uhende Zivilisation zu entdecken und zu erahnen und wird doch immer wieder entt auscht, wenn ihm die Realit at Siziliens in Form von Armut und Verfall entgegenkommt. Jedoch beklagt er sich nicht einfach uber den Verfall der Insel, sondern es
folgen schon bei ihm politische Analysen Einwohner auf der Insel 23 :
,,Hier hatte ich die Ursache, uber den elenden Zustand des
jetzigen Siciliens, in Vergleichung des alten, zu seufzen; so viele St adte, so viele verschiedene V olker, so viele Reichth umer
21 Scamardi, Teodoro: ,,Selbst andigkeit genug?"Zur Rezeption der Sizilien-Literatur im Spaziergang nach Syrakus. In: TEXT+KRITIK. 126. Johann Gottfried Seume. S. 59. 22 Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999. Teil II. S. 266/267.
23 Vgl. Scamardi, Teodoro: ,,Selbst andigkeit genug?"Zur Rezeption der Sizilien-Literatur im Spaziergang nach Syrakus. In: TEXT+KRITIK. 126. Johann Gottfried Seume.
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sind vernichtet; kaum die ganze Insel hat so viele Einwohner als Siracusa allein vor Zeiten hatte, 1,200,000. Menschen; so viele herrliche Gegenden, welche Frucht brachten, sind w uste aus Mangel der Arbeiter; so viele geraume Seehafen ohne Schie, aus Mangel des Handels; so viele Menschen mangeln Brod, weil die Edelleute und M onche alle G uter besitzen!" 24
Riedesel sieht hier einen klaren Zusammenhang zwischen Armut und Feudalherrschaft und kritisiert dies. Was bei Riedesel nur in kleineren Passagen zum Ausdruck kommt, wird bei Seume mehr und mehr zum Programm: die Kritik an der politischen und sozialen Situation Siziliens. Goethe hingegen schat es, selbst die politischen und sozialen Verh altnisse eher als Lokalkolorit zu betrachten, indem er sie asthetisiert. W ahrend Sizilien immer mehr ,,zur wichtigsten Landschaft neben der Stadterfahrung Rom" 25 wird, zeichnet sich langsam eine Tendenzwende ab; weg von der r omischen Literatur hin zur griechischen; weg von der enzyklop adischen Studienreise, hin zur astethischen, sensualistischen Bildungreise. ,,Am deutlichsten ist dieser Paradigmenwechsel in Goethes Italienischer Reise zu beobachten, wo weder Horaz, noch Juvenal oder Properz auftauchen, damit f ur Homer Platz bleibt." 26 Goethe ist auch auf den Spuren Odysseus' und der griechischen Mythologie. Er bereist Sizilien vor allem als K unstler und Dichter. Die Begegnung mit dem Fremden wird f ur ihn vor allem durch die Dominanz der Kunst interessant. 27 Auf Sizilien kann er auch seinen geologischen und botanischen Interessen nachgehen.
3.1.1 Insel der Gegens¨ atze
In allen drei Reisebeschreibungen avanciert Sizilien mehr und mehr zum Land der Gegens atze. Schon bei Riedesel zeigt sich die Diskrepanz zwischen der Hochkultur Grogriechenlands und des Zerfalls Siziliens in jener
24 Riedesel, Johann Hermann von: Reise durch Sizilien und Grogriechenland. Berlin 1965. S. 61/62.
25 Meier, Albert. Das Land zum Buch. Klassische Literatur und Italienwahrnehmung im 18. Jahrhundert. In: Deutsches Italienbild und Italienisches Deutschlandbild im 18.Jahr-hundert. T ubingen 1993. S. 31. 26 Ebd. S. 31
27 Vgl. P utter, Linda Maria: Reisen durchs Museum. Bildungserlebnisse deutscher Schrifsteller in Italien (1770-1830). In: Germanistische Texte und Studien. Band 60. 1998.
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Zeit. Durch seine geographische Lage ist Sizilien besonders interessant { noch in Europa, ist es doch auch schon ein Tor zu Afrika. Dichotomien, die uns in allen Reisebeschreibungen begegnen sind z.B. H olle im Gegensatz zu Elysium/Arkadien 28 So schreibt Seume an einer Stelle: ,,Kommt man von Caltagirone her uber, so geht man zuletzt durch fruchtbare Felsenschluchten, und steigt einen Berg herab, als ob es in die H olle ginge; und es geht in ein Elysium." 29 Eng damit verkn upft ist auch der Gegensatz von Fruchtbarkeit/Reichtum und Armut, welcher immer wieder betont wird: ,,Ist das nicht eine Blasphemie in Sicilien, das ehemals die Brotkammer f ur die Stadt Rom war? Ich konnte meinen Unwillen kaum bergen." 30 Und an einer anderen Stelle bemerkt er betroen: ,,Noch nie habe ich eine solche Armut gesehen, und nie habe ich mir sie nur so entsetzlich denken k onnen." 31 Die Gegens atze werden auch durch die Beschreibung der klimatischen Verh altnisse Siziliens hervorgehoben. Auf der einen Seite die Hitze und auf der anderen Seite die K alte des Atna.
Und immer wieder der Vergleich der bl uhende Vergangenheit mit einer chaotisch zerr utteten Gegenwart, die auch von Armut und Ausbeutung gepr agt ist.
Auch Natur und Kultur stehen sich gegen uber und verschmelzen aber in manchen Beschreibungen miteinander: ,,Griechische Physionomien giebt es nicht wenige in beiden Geschlechtern,[...]und man ndet viele m annliche und weiblche Sch onheiten; mehr jedoch in dem anderen Geschlecht." 32 Be-
28 ,,Arkadien[...] ist ein abgeschlossenes Berg- und Hochland etwa in der Mitte der s udgriechischen Halbinsel (Peloponnes). Seine Bewohner galten im Altertum als rauhes Hirtenvolk. Gewisse Charakterz uge Arkadiens lassen sich durch seine isolierte geographische Lage erkl aren. Seine Einwohner sehen sich als das alteste griechische Volk uberhaupt
an. [...] In der griechischen Mythologie wurde Arkadien verkl art zum Ort des Goldenen Zeitalters, wo die Menschen unbelastet von m uhsamer Arbeit und gesellschaftlichem Anpassungsdruck in einer idyllischen Natur als zufriedene und gl uckliche Hirten lebten. Entsprechend war es das ideale Thema der antiken bukolischen Literatur (z.B. der Hirtengedichte Vergils), aber auch der reichen bukolischen Literatur der europ aischen Renaissance und des Barock, sowie zahlloser Gem alde des 16. bis 18. Jahrhunderts. In der antiken lateinischen Literatur wird der urspr unglich in Griechenland bendliche Ort oft nach Sizilien verlegt. http://de.wikipedia.org/wiki/Arkadien" (18.10.2005) 29 Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. In: Johann Gottfried Seume Werke. Band 1. Frankfurt am Main 1993. S. 344. 30 Ebd. S. 325. 31 Ebd. S. 325.
32 Riedesel, Johann Hermann von: Reise durch Sizilien und Grogriechenland. Berlin
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sonders Riedesel scheint durchaus beeindruckt von den sizilianischen Frauen, da er als einziger immer wieder auf deren Sch onheit und Fruchtbarkeit verweist.
3.2 Von Nordl¨ andern und S¨ udl¨ andern/Identit¨ at und Alterit¨ at
Wie schon erw ahnt, ist es typisch f ur diese Zeit das Wesen der Menschen anhand der klimatischen Bedingungen zu erkl aren - die Klimatheorie 33 war bis ins 19. Jahrhundert recht beliebt und verbreitet. Daraus ergab sich die Hervorhbung der Gegens atze zwischen Nord- und S udl andern. Und so ndet man in allen Reisebeschreibungen Bez uge darauf: ,, [...] und die reine und heitere Luft macht sie munter, lustig und fr ohlichen Herzens; [...]." 34 Und an einer anderen Stelle:,,Diese Nation ist wie alle mitt agige V olker, sein, scharfsinnig und voller Talent; hat aber auch die Weichlichkeit, Wollust und Arglist, [...]." 35 Riedesel betont immer wieder, da er dem g angigen Vorurteil, da Sizilien voll mit R aubern und Dieben sei, nicht zustimmen kann - er habe nur gute Erfahrungen gemacht. Uber die Einwohner von
Agrigento schreibt er: ,,Die alte Pracht und Neigung zur Wollust ist unter ihnen jetzo verbannt [...]" und verweist gleich darauf, woher er das Vorurteil hat - aus einem lateinischen Ausspruch: Agrigentini deliciis quotidie iat se dedunt, ac si crastino die morituri; domos vero ita extruere, quasi eternum victuri. 36 " 37 Dennoch nden sich bei Riedesel viele noch heute be-
1965.S. 73.
33 ,,Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Klimatologie ist die Klimatheorie eine rein europ aische Angelegenheit; sie ist Teil der europ aischen Geschichte von der Antike bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, mit einigen Ausl aufern im 19. Jahrundert. Sie spiegelt die versuche der europ aischen V olker ihre nationale Identit at in der Auseinandersetzung mit den Nachbarv olkern zu bestimmen und den Gegensatz dank der Referenz auf die Natur zu legitimieren; [...]."(Fink, Gonthier-Louis: Diskriminierung und Rehabilitierung des Nordens im Spiegel der Klimatheorie. In: Imagologie des Nordens. Kulturelle Konstruktionen des N ordlichen in interdisziplin arer Perspektive. Frankfurt a. M. 2004. S. 45.) 34 Riedesel, Johann Hermann von: Reise durch Sizilien und Grogriechenland. Berlin 1965. S. 63. 35 Ebd. S. 72. 36 Ebd. S. 39.
37 Die Agrigentiner geben sich t aglich den Daseinswonnen so hin, als wenn sie morgen sterben m uten, aber sie bauen ihre H auser, als wenn sie ewig leben w urden. (Ebd. S. 105.)
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stehende Vorurteile und Klischees uber den sizilianischen Charakter wie die
Neigung zur ,,Eifersucht und Rachgierde", welche ,,heftiger als an irgend einer Nation." 38 sei.
Auch Seume kann sich trotz kritischen und objektiven Anspruch nicht immer seiner eigenen kulturellen Vorurteile erwehren. So ndet sich bei ihm oft eine Diskrepanz zwischen kritischer Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Verh altnissen und dem Auern von stereotypen Verhaltensweisen: ,,Schade, da die exemplarische sicilianische Faulheit es nicht besser benutzt und geniet."
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Das Klischee des tr agen, faulen S udl anders taucht immer wieder in kleinen und gr oeren Abs atzen auf - so behauptet er auch uber die Gegend bei Lentini, da diese sicher besser w are ,,wenn man nur etwas eiiger w are."
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. An solchen Zuschreibungen zeigt sich, da Seume nicht immer seinem Anspruch gerecht wird, Sizilien und die Sizilianer ohne Vorannahmen zu betrachten. So schwankt er zwischen sozialkritischer Analyse der Umst ande in Sizilien und den Stereotypen seiner Zeit: ,,Die Sizilianer sind ein sehr gutm utiges, neugieriges V olkchen, die in der ersten Viertelstunde ganz treuherzig dem Fremden alles abzufragen verstehen."
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Ein besonderer Gegensatz zu Deutschland stellt auch immer wieder der Katholizismus dar, der auf die protestantischen Reisenden trit: Als das Gespr ach zwischen Seume und einem Sizilianer auf die Religion kommt, sagt Seume, da er ihm dar uber ,,so wenig als m oglich, so schonend als m oglich sagte."
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Und beschreibt die Reaktion des Sizilianers: ,,aber er konnte durchaus nicht begreifen, wie man nicht an den Papst glauben und ohne M onche leben k onne."
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Auch Riedesel hatte wenig f ur die religi ose Tradition der Insel ubrig: ,,Gleichwie ich die heilige Rosalia von
Palermo mit Stillschweigen ubergangen habe, so will ich auch desgleichen
von der Madonna di Trapani und anderen unz ahligen wundert atigen Heiligen in ganz Sicilien tun." 44 Goethe dagegen l at sich ganz in den Bann der heiligen Rosalia auf dem Monte Pellegrino ziehen. Er verweist auf die
38 Ebd. S. 74.
39 Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. In: Johann Gottfried Seume Werke. Band 1. Frankfurt am Main 1993. S. 344. 40 Ebd. S. 345. 41 Ebd. S. 334. 42 Ebd. S. 334/335. 43 Ebd. S. 334/335.
44 Vgl. Sizilien. Ein literarisches Landschaftsbild. Inselverlag Frankfurt a. M./Leipzig. 2000.
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Beschreibungen Brydones und l at diesen mystischen Ort auf sich wirken:
,,Es war eine groe Stille in dieser gleichsam wieder ausge-storbenen W uste, eine groe Reinlichkeit in einer wilden H ohle; der Flitterputz des katholischen, besonders sizilianischen Gottesdienstes, hier noch zun achst seiner nat urlichen Einfalt; die Illusion, welche die Gestalt der sch onen Schl aferin hervorbr achte, auch einem ge ubten Auge noch reizend [...]." 45
Seumes Kritik am s uditalienischen Klerus steht im engen Zusammenhang zu seiner Kritik an Napoleon und den aktuellen politischen Zust anden und Ereignissen in Europa. ,,Das Motiv vom sittenlosen und prassenden M onch" 46 ndet sich sowohl bei ihm, als auch bei Riedesel. Seume ubergeht
die Schutzheilige Palermos ganz und betont immer wieder die Armut, aber auch die vermeintliche Unf ahigkeit der Sizilianer zur Organisation und Ordnung { im Gegensatz zu den deutschen Klischees: Flei, Ordnung und Disziplin. ,,Das Haus ist schlecht genug, und ein deutscher Dorfschulze w urde sich sch amen, es nicht besser gemacht zu haben." 47
Auch bei Goethe nden sich gegens atzliche Zuschreibungen von deutscher und italienischer Identit at. Einerseits bemerkt er, da sie sich beim Anlegen der Parks ,,haush altischer als die Nordl ander" 48 verhalten, um an anderer Stelle ahnlich wie schon Riedesel und Seume auf die Unreinlichkeit einzugehen. So etwa in der Passage uber den Zustand der Straen
von Palermo. Auf Nachfrage Goethes wieso die Straen nicht sauber gehalten werden, sondern der Dreck einfach weg auf die Strae gekehrt wird, entgegnet ihm ein Sizilianer, dies sei bei ihnen so und verweist gleichzeitig auf die sch onen Besen. ,,Und, lustig genommen, war es wirklich an dem. Sie haben niedliche Beschen von Zwergpalmen[...]." 49 So setzt Goethe keine ,,nordl andische" Haltung auf, sondern wertet diese Umgehensweise
45 Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Johann Wolfgang von Goethe. Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999. S. 259.
46 Vgl. Scamardi, Teodoro: ,,Selbst andigkeit genug?"Zur Rezeption der Sizilien-Literatur im Spaziergang nach Syrakus. In: TEXT+KRITIK. 126. Johann Gottfried Seume. 47 Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. In: Johann Gottfried Seume Werke. Band 1. Frankfurt am Main 1993. S. 382.
48 Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999. Teil II. S. 261. 49 Ebd. S. 257.
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um in einen angenehmen Zug der Sizilianer. So asthetisiert Goethe ,,selbst [die] negativsten Zuschreibungen des italienischen Nationalcharakters." 50 Goethe sieht in der Stilisierung Italiens zum Sehnsuchtsland und Land der Wiedergeburt auch immer eine Kritik an Deutschland. F ur ihn festigen sich mehr und mehr die Gegens atze zwischen Nordl andern und S udl andern, die durch die Dichotomien wie Unfreiheit-Freiheit, Unsinnlichkeit-Sinnlichkeit, Schwermut-Leichtigkeit bekr aftigt werden. Diese Gegens atze sind f ur ihn jedoch nicht un uberwindbar - sie erg anzen sein nordisches Ich und ,,vervollkommnen" es. Sizilien bzw. Italien dient ihm zur kreativen Befreiung und Selbstndung, was in Deutschland nicht m oglich gewesen w are. In der Kunst sieht Goethe aber auch die Aufhebung der Widerspr uche und Gegens atze, da die Kunst, wenn auch aus der Vergangenheit, die Gegenwart beein ut und f ur ihn auch dominiert. Auch bei der Beschreibung von Landschaften betreibt er oft literarische Landschaftsmalerei, es sei denn er geht seinen geologischen und naturwissenschaftlichen Studien nach. Aber auch diese scheinen oft unter dem Ein u seiner pantheistischen 51 Gedankeng ange zum Leben und der Natur zu stehen. Keiner betont den Gegensatz zwischen ,,Arkadien" und ,,Cimmerien" so sehr wie Goethe - klimatisch wie emotional.
Seume hingegen geht von einem ganz anderen Blickwinkel aus: er ist Verfasser aufkl arerischer Schriften und sieht sich als politischer Unterschichts-Autor. Er will Sizilien unkonventionell, subjektiv und kritisch erfahren und beschreiben. Er will sich ,,vor allem auch von den asthetischen Identit atsentw urfen der Kunstepoche ab [heben]" 52 und versucht sich vom idealisierten Italienbild zu distanzieren. Im Gegensatz zu Goethe sieht Seume gelebte Geschichte an allen Orten, die er durchstreift { und sieht die Geschichte von Feldherren, Herrschaftsh ausern und den Menschen an sich vor uberziehen. Da er sich trotz all der ihm bewuten Geschichte nah an der Realit at und dem Alltag zeigen m ochte, betont er vor allem durch
50 P utter, Linda Maria: Reisen durchs Museum. Bildungserlebnisse deutscher Schrifsteller in Italien (1770-1830). In: Germanistische Texte und Studien. Band 60. 1998. S. 186. 51 Hier vor allem der immanent transzendente Pantheismus: ,,Pantheismus (griech. ,,All-Gott-Lehre"), macht das All, die Natur zu Gott [...].[...] der immanent-transzendente P., nachdem sich Gott in den Dingen verwirklicht (Spinoza, dt. Idealismus, Goethe, Schleiermacher, Eucken.)" (Schischko, Georgie (Hrsg.): Philosphisches W orterbuch. Stuttgart 1991.)
52 P utter, Linda Maria: Reisen durchs Museum. Bildungserlebnisse deutscher Schrifsteller in Italien (1770-1830). In: Germanistische Texte und Studien. Band 60. 1998. S. 218.
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immer wiederkehrende Einsch ube italienischer bzw. sizilianischer Zitate. Au allig ist, da er im Gegensatz zu Riedesel und Goethe nicht nur klassische Literaten zitiert, sondern auch die einheimische Bev olkerung z. B. bei der Beschreibung einer Szene mit seinem ,,Cicerone",,[...]der eine Art Liebesliedchen sang, und sehr emphatisch drollig genug immer wiederholte: Kischta nutte, kischta nutte iu verru, iu verru. (Questa notte io verro) 53 ." 54
Objektivit at und Entfaltung der bereits vorhandenen Identit at ist bei ihm, wie bei seinen Vorg angern ein Topos. ,,Doch geht es Seume nicht um die Aktivierung eines bisher unbewuten Potentials, um so etwas wie Goethes 'Wiedergeburt', sondern um das Ausleben bereits ,,lebendig in der Seele liegenden Gesinnungen"." 55 Zu m oglichen Ungereimtheiten oder Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit sagt Seume schon in seiner Vorrede zur zweiten Au age: ,,Gegen den Strom der Zeit kann zwar der Einzelne nicht schwimmen; aber wer die Kraft hat, h alt fest und l at sich von demselben nicht fortreien." 56
4 Schlußbetrachtungen
Im Laufe der Hausarbeit hat sich vor allem gezeigt, da Goethe und Seume interessante Gegenpole bilden; durch ihre Herangehensweise und ihre unterschiedlichen Anspr uche an das Thema Reisen und Wahrnehmung des Fremden, w ahrend Riedesel n aher an der traditionellen Reisebeschreibung bleibt. Alle drei hatten Sizilien schon im Kopf und waren zun achst durch die kanonische Literatur ihrer Zeit ahnlich ausgestattet { und doch setzte jeder einen anderen Schwerpunkt, durch das, was er suchte und das, was er nden und sehen wollte. Riedesel betrachtet Sizilien vorwiegend aus den Augen des Kunsthistorikers und Arch aologen { Goethe sieht Sizilien durch die Augen eines K unstlers und eines Suchenden { und Seume sieht seinen
53 Diese Nacht werde ich kommen
54 Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. In: Johann Gottfried Seume Werke. Band 1. Frankfurt am Main 1993. S. 332.
55 P utter, Linda Maria: Reisen durchs Museum. Bildungserlebnisse deutscher Schrifsteller in Italien (1770-1830). In: Germanistische Texte und Studien. Band 60. 1998. S. 219. 56 Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. In: Johann Gottfried Seume Werke. Band 1. Frankfurt am Main 1993. S. 164.
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Schwerpunkt mehr und mehr in sozialkritischen Beschreibungen. ,,Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schl ussel zu allem." 57 sagte Goethe einst uber Sizilien und noch heute werden Reisen auf den Spuren Goethes nach Sizilien angeboten und wer einmal dort war, erinnert sich an die vielen Pl atze und Gasth auser, an denen ein Schild h angt, das auf Goethes einstige Anwesenheit aufmerksam macht. Au allig ist, das bis heute die Reiserouten durch Sizilien durch deren Rezeption vorgezeichnet zu sein scheinen und selbst die Straen scheinen sich an den schon damals interessanten St adten entlangzuhangeln. Wer sich f ur die antiken St atten interessiert kann auf Studienreisen von Palermo aus eine Rundreise an der K uste entlang uber Segesta, Trapani, Agrigento, Siracusa, Taormina und Catania machen. Und wer sich an Seume halten m ochte, wagt sich eventuell als Rucksacktourist in das Landesinnere, das heutzutage zumindest per Uberlandbus und Auto zu erreichen ist, und macht einen Abstecher nach Enna, Caltanisetta oder Erice. Wie schon Goethe, Seume und Riedesel, ist man auch heute gepr agt durch Zuschreibungen und Assoziationen. Manche sind weggefallen, andere, wie etwa der Mythos der Maa, aber auch der Kampf dagegen sind hinzugekommen. Auch heute gilt: ,,Bin ich doch nur ein Vorfahr von k unftigen andern, im Leben wie auf der Reise." 58
57 Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Johann Wolfgang von Goethe. Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999. Teil II. S. 267. 58 Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999. Teil II. S. 266/267.
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5 Literatur
Goethe, Johann Wolfgang von: Italienische Reise. In: Johann Wolfgang von Goethe. Meisterwerke. Band 7. Mundus Verlag. 1999.
Riedesel, Johann Hermann von: Reise durch Sizilien und Grogriechenland. Berlin 1965.
Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. In: Johann Gottfried Seume Werke. Band 1. Frankfurt am Main 1993.
5.1 Sekund¨ arliteratur
Brenner, Peter J.: Die Erfahrung der Fremde. Zur Entwicklung einer Wahr-nehmungsform in der Geschichte des Reiseberichtes. In: Ders. (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deeutschen Literatur. Frankfurt/M. 1989.
Fink, Gonthier-Louis: Diskriminierung und Rehabilitierung des Nordens im Spiegel der Klimatheorie. In: Imagologie des Nordens. Kulturelle Konstruktionen des N ordlichen in interdisziplin arer Perspektive. Frankfurt a. M. 2004.
Heitmann, Klaus: ,,Von den Itali anern sagt man insgemein, dass sie...". Zur Propagierung von Stereotypen im deutschen Schulbuch alter und neuer Zeit. In: Spiegelungen. Romanistische Beitr age zur Imagologie. Heidelberg 1996.
Herder: Italienische Reise. Hamburg 2003. Nachwort. S. 623-645.
Meier, Albert. Das Land zum Buch. Klassische Literatur und Italienwahrnehmung im 18. Jahrhundert. In: Deutsches Italienbild und Italienisches Deutschlandbild im 18.Jahrhundert. T ubingen 1993.
P utter, Linda Maria: Reisen durchs Museum. Bildungserlebnisse deutscher Schrifsteller in Italien (1770-1830). In: Germanistische Texte und Studien. Band 60. 1998.
Scamardi, Teodoro: ,,Selbst andigkeit genug?"Zur Rezeption der Sizilien-Literatur im Spaziergang nach Syrakus. In: TEXT+KRITIK. 126. Johann Gottfried Seume.
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Waetzoldt, Wilhelm: Das klassische Land. Wandlungen der Italiensehnsucht. Leipzig 1927.
http://www.seume.de/Sites/Spazier/Spazier.htm (10.10.2005)
http://de.wikipedia.org (18.10.2005)
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Miriam Oberle, 2005, Die literarische (Wieder-) Entdeckung Siziliens am Beispiel der, München, GRIN Verlag GmbH
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