Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Definitionen
3. Relevante Wanderungsmodelle
4. Intraregionale Wanderungen
5. Wanderungen und Lebenszyklus
5.1 Durch einzelne Lebenszyklusphasen motivierte Wanderungen
5.1.1 Wanderungen in der Gründungsphase
5.1.2 Wanderungen in der Expansionsphase
5.1.3 Wanderungen in der Konsolidierungsphase
5.1.4 Wanderungen in der Stagnations- und Altersphase
6. Schlussbetrachtung
Literaturverzeichnis
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Die Frage der intraregionalen Wanderung unter besonderer Berücksichtigung des Lebenszykluskonzeptes, betrifft die Gesellschaft mehr, als es ein Einzelner glauben mag. Während des ganzen Lebens sind wir von solchen Wanderungsentscheidungen betroffen.
Ob ein Umzug in eine fremde Stadt aufgrund eines angefangenen Studiums, oder Wegzug aufs Land zur Familiengründung, sowie der eventuelle spätere Rückzug in ruhige abgeschiedene Lagen, um den Lebensabend zu genießen. Das alles sind Migrationen, die durch lebensphasenabhängige Entscheidungen ausgelöst worden sind. Meistens passieren Migrationen nicht spontan, sondern sind von Vorphasen langer Planungen begleitet, denn eine Entscheidung für eine Wanderung, also schlicht eine langfristige
Wohnsitzverlagerung, trifft wohl kein Mensch richtig leicht. Jeder ist mental, familiär, beruflich und emotional an einen bestimmten Ort gebunden, und je länger er schon an diesem Ort lebt, desto schwerer fällt ihm die Entscheidung, von diesem Ort wegzuziehen. Das ist besonders an älteren Menschen zu sehen, die vielleicht seit ihrer Geburt in einem bestimmten Dorf, oder in einer Stadt leben. Für sie ist es extrem schwierig, egal aus welchen Gründen, aus ihrer Heimat wegzuziehen, auch wenn sie von Kriegen, Baumaßnahmen, oder Naturfaktoren bedroht werden. Bei jüngeren Menschen hingegen, ist die Bereitschaft zur Migration z.T. sehr hoch. Ein Beispiel ist der Wegzug der Kinder aus dem Haushalt der Eltern. Welcher Jugendliche freut sich nicht auf den Augenblick, an dem er endlich dem Elternhaushalt den Rücken kehren darf und in eine eigene „Bude“ zieht? Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die bestätigen mal wieder die Regel. Meistens sind junge Menschen, die noch nicht fest im Berufsleben stehen, die mobilsten, da sie noch nicht an so viele Faktoren wie Ältere gebunden sind, und weil sie noch nicht so starke Wurzeln in einem bestimmten Gebiet geschlagen haben. Außerdem sind sie oft bereit für vermeintlich bessere Berufs- und Bildungschancen wegzuziehen. Mit dem Alter ändert sich auch der Typus der Wanderungen und v.a. die Gründe für diese. Es sind einfach andere Faktoren, die zu Wanderungen animieren. Extreme Motivatoren für Migrationen sind politische und wirtschaftliche Gründe, sowie Vertreibungen jeglicher Art. Diese Seminararbeit und die von mir ausgewertete Literatur soll sich aber auf „intraregionale Wanderungen“ beschränken, so dass schon mal viele dieser Beweggründe für Wanderungen entfallen, was sich aus der Definition der „Region“ und von „intraregional“ ergibt.
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2. Definitionen
Spätestens an dieser Stelle sind die Begriffe zu definieren,, die im Titel dieser Arbeit stecken.
Eine „intraregionale Wanderung“ ist eine Wanderung innerhalb einer Region, und ist nicht zu verwechseln mit interregionalen Wanderungen, die sich zwischen mehreren Regionen abspielen. Unter „Wanderung“ versteht man die Verlagerung eines Funktionsstandortes, insbesondere eines Wohn- oder Betriebsstandortes. Die Definition der „Region“ ist sehr vielfältig und wird von mir nicht ausformuliert, sondern speziell auf den in dieser Seminararbeit verwendeten Begriff bezogen. Generell ist es ein konkreter dreidimensionaler Ausschnitt aus der Erdoberfläche. Grundsätzlich wird „Region“ als Begriff für eine geographisch-räumliche Einheit verwendet, von mittlerer Größe, die sich nach außen funktional oder auch strukturell abgrenzen lässt (vgl. LESER 1997: 358, 690, 978-979).
Folglich ist die „intraregionale Wanderung“ die Verlagerung eines Funktionsstandortes innerhalb einer geographischen Einheit von einer mittleren Größe. Dazu zählt z.B. Stadt-Land-Wanderung, oder Wanderungen über kleinere Distanzen. Die genaue Abgrenzung ist jedoch nicht gegeben und, so ist es abhängig von persönlichen Einstellungen, in wie weit man etwas als „regional“ bezeichnen kann. Die Definition bietet da nur einen kleinen Anhaltspunkt.
Ebenso wird der „Wanderungsbegriff“ in der Umgangssprache und der Literatur unterschiedlich verwendet. Notwendig ist v.a. die Abgrenzung des Begriffes von anderen Formen räumlicher Mobilität und der Hinweis auf die Beziehungen zwischen räumlicher und sozialer Mobilität (vgl. BÄHR 1983: 278). Unter „sozialer Mobilität“ versteht man den Positionswechsel innerhalb eines sozialen Systems, der sich vertikal, also als sozialer Auf-, bzw. Abstieg, oder horizontal, also ohne Veränderung in der Statushierarchie, vollziehen kann. Zwischen den beiden Arten der Mobilität besteht ein deutlicher Zusammenhang. Meist sind Änderungen des Wohnortes eng mit den Änderungen von Arbeitsplatz, oder Beruf verknüpft, d.h. dass räumliche Mobilität nur im sozialstrukturellen Zusammenhang gesehen werden kann (vgl. BÄHR 1983: 279).
Weitere definitorische Probleme existieren bei der Abgrenzung der Wanderungsferne. Knüpft man an den Begriff „Außenwanderungen“, die Tatsache an, dass es sich dabei um
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internationale Wanderungen, also um Migrationen mit Überschreiten von Staatsgrenzen, handelt, so sollte man die gleichen Kriterien auf den Begriff der „Binnenwanderungen“ anwenden. An dieser Stelle sollte man sich den administrativ festgelegten Verwaltungsgrenzen bedienen, um eine Nah- und Fernabgrenzung zu treffen. Dazu zählen Stadtgrenzen, Gemeindegrenzen, Kreisgrenzen, Grenzen der Regierungsbezirke und der Länder. Somit kehren wir zum vorherigen Problem der „inter- und intraregionalen Wanderung“ zurück. Ein sehr hilfreiches theoretisches Konstrukt hierzu, liefert GATZWEILER (1975: 31 ff.). An eine „interregionale Wanderung“ als Wohnortwechsel, knüpft er nämlich auch die Verlagerung anderer Aktivitätsstandorte (Bildung, Versorgung, Arbeiten, Freizeit...) an. Bei einer „intraregionalen Wanderung“ hingegen (bei GATZWEILER „innerregionale ...“) bleiben die übrigen Aktivitätsstandorte weitgehend erhalten. Eine pragmatische Lösung des Problems der Regionsabgrenzung bildet die Operationalisierung diese Begriffes durch die Orientierung an den Einflussbereichen von Ober- und Mittelzentren. Die zeitliche Dimension sollte an dieser Stelle nur in soweit interessieren, als dass es sich bei der Migration um eine dauerhafte, oder zumindest längerfristige Wohnsitzverlagerung, handelt (vgl. BÄHR 1983: 281). Eine Definition für „Lebenszyklus“ liefert Elisabeth LICHTENBERGER (1998: 144 ff.) in ihrem Standardwerk zur Stadtgeographie. Der Lebensverlauf eines Individuums wird in 2 grundsätzliche Phasen unterteilt: die Aufbauphase, und die Abbauphase. Die erste beginnt mit dem Auszug aus dem Elternhaus und der Gründung eines Singlehaushaltes, oder dem Zusammenziehen mit dem Lebenspartner und endet mit dem Beginn der zweiten Phase, nämlich dem Auszug der eigenen Kinder. Hier beginnt die Abbauphase und endet mit dem Einzug in einen Altersruhesitz, oder Altenheim. Diese zwei Phasen sind noch mal in kleinere Zellen unterteilt. Die folgende Tabelle verdeutlicht das System, an dieser Stelle werden die einige Kapitel später erläuterten möglichen Wohnstandorte als Beispiele dargestellt.
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Abb.1 : Lebenszykluskonzept nach Elisabeth Lichtenberger (1998). Quelle: http:://www.xthor.de/geographie/Segregation2/segregation2.html (10.06.2002)
Eine sehr ähnliche Beschreibung des Lebenszykluskonzepts findet sich bei KULS (1993). Der Unterschied zu LICHTENBERGER liegt in der etwas genauen Ausformulierung der Phasen, von denen es nicht zwei, sondern vier gibt.
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Abb.2: Phasen des (Familien)Lebenszyklus nach KAUFMANN u.a. 1979, KULS 1993 Quelle: http://www.mailbox.univie.ac.at/~husak6/Materialien/
Skriptum/SkriptumKap4Teil2.pdf
(14.06.2002)
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3. Relevante Wanderungsmodelle
Die Bevölkerungsgeographie bedient sich verschiedener theoretischer Modelle, um Migrationen erklärbarer und nachvollziehbarer zu machen. In diesem Kapitel möchte ich auf einige dieser Modelle eingehen, so dass eine ausreichende Theoriebasis für das Verständnis der weiteren Arbeit gegeben ist. Dem Distanz- und Gravitationsmodell möchte ich nicht viel Beachtung schenken, da es für die Behandlung dieses spezifischen Themas von geringerer Bedeutung ist.
Wichtiger ist das nächste, nämlich das regressionsanalytische Wanderungsmodell. Dieses hebt sich von der Annahme ab, dass nur die Bevölkerungszahlen des Zu- und des Abwanderungsgebietes als Einflussfaktoren für Wanderungsbewegungen angesehen werden können. Bei diesem Modell kommen noch andere Faktoren hinzu. Hierbei lassen sich vier Faktorengruppen analysieren: 1. Faktoren in Verbindung mit dem Herkunftsgebiet 2. Faktoren in Verbindung mit dem Zielgebiet 3. intervenierende Hindernisse (z.B. Gesetz, Kosten...) 4. persönliche Faktoren (vgl. BÄHR 1983: 300, 301)
Es gilt auch unter besonderer Berücksichtigung des Lebenszykluskonzeptes: keiner dieser vier Faktoren ist mehr oder weniger wichtig als ein anderer, vielmehr hat jeder dieser Faktoren die gleiche Bedeutung und Wichtigkeit für den Migrationsvorgang. Beim Lebenszykluskonzept wird man leicht dazu verleitet zu sagen, dass die „persönlichen Faktoren“ eine besondere Rolle spielen, und das mag in Einzelfällen schon so sein, es ist jedoch nicht korrekt, als Wanderungsursache nur diese anzugeben. Es wird immer so sein, dass die vier Faktoren in permanenter Wechselwirkung miteinander stehen, sich somit gegenseitig beeinflussen, verstärken oder abschwächen. Ein kurzes Beispiel soll das verdeutlichen: eine Familie mit Kindern ist der Meinung, dass ein Einfamilienhaus im suburbanen Raum besser wäre, um die Kinder groß zu ziehen, als eine Mietwohnung in der Stadt. Das wäre der Faktor 4, also persönliche Präferenzen. Die Folge ist: die Familie wandert an den Stadtrand und mietet oder kauft ein Einfamilienhaus.
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Von den Auswahlmöglichkeiten A, B, oder C, wählt die Familie die ihrer Meinung nach beste Alternative. Der Grund dafür ist:
Zu erkennen ist die sog. Push - Pull - Systematik, was im Klartext heißt, dass Wanderungen durch abstoßende Kräfte der Herkunftsregion und anziehende Kräfte der Zielregion determiniert werden (vgl. BÄHR 1983: 301).
Weitere Modelle, welche für die Thematik von Bedeutung sind, sind probabilistische und verhaltensorientierte Wanderungsmodelle. Diese beziehen sich im Wesentlichen auf das individuelle Verhalten und beschreiben Wanderungsentscheidungen unter
Unsicherheitsbedingungen. Danach ist das Ausfallen der Entscheidung (die nicht zwangsweise von nur einer Person getroffen werden muss) vom individuellen Anspruchsniveau abhängig, aber auch vom Grad der Informationsbeschaffung und -verarbeitung über alle Migrationsalternativen. Beim verhaltensorientierten Ansatz von WOLPERT (1965) steht hauptsächlich das Such-, Wahrnehmungs- und Bewertungsverhalten der Entscheidungsträger im Vorfeld der Migration. Mit einbeziehen muss man jedoch auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und hier insbesondere die Situation auf dem Wohnungsmarkt (vgl. BÄHR 1983:304).
Einen guten Überblick über das allgemeine Entscheidungsmodell liefert die Abb.3 (vgl. BÄHR 1983: 305). Weitere Ausführungen zu Wanderungsmodellen würden dem eigentlichen Thema dieser Arbeit nicht weiter dienen.
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4. Intraregionale Wanderungen
Die Praxis des Begriffpaares der „intraregionalen Wanderung“ impliziert die Tatsache, dass es sich hierbei, ganz simpel, um einen Wohnsitzwechsel handelt. Würden wir es bei der o.g. Definition belassen, müssten die weiteren Aktivitätsstandorte weitgehend erhalten bleiben. Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich mich allgemein mit intraregionalen Wanderungen auseinandersetzen, bis ich letztendlich Beispiele geben werde, die die Hintergründe solcher Migrationsprozesse verdeutlichen sollen. Selbstverständlich werde ich bei alledem das Lebenszykluskonzept als Einflussfaktor besonders berücksichtigen.
Die ersten Wellen von intraregionalen Wanderungen begannen im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss der Industrialisierung. Damals noch von sehr hohen Bevölkerungswachstum geprägt, wanderten viele Menschen aus dem ländlichen Bereich in die Städte. Das führte zu einem starken Bevölkerungszuwachs in den Städten. Diese Wanderungen waren meist motiviert durch Strukturwandlungen in der Landwirtschaft („Agrarische Revolution“) und Ansiedlungen von Industrie in alten und neuen städtischen Zentren (vgl. HEINEBERG 2001: 32). Die Menschen versprachen sich durch einen Job in den neuen Industrien einen besseren Lebensstandard und verbesserte Lebensbedingungen, was, wie wir wissen, nur bedingt zutraf. Die damalige Urbanisierung war mit wirtschaftlichen Wachstum verbunden, Bevölkerung und Wirtschaft waren stark konzentriert, da das damalige Verkehrsnetz und Einkommen nur arbeitsplatznahe Wohnungen zuließen (vgl. HEINEBERG 2001: 52). Somit verwundert es nicht, dass die Städte damals eine starke Anziehungskraft auf die z.T. sehr verarmte Landbevölkerung ausübten, man suchte sein Glück in den Agglomerationsräumen. Ein ähnlicher Prozess ist heute in den Entwicklungsländern zu beobachten; er läuft jedoch anders ab und ist vielfach anders motiviert. Die rasante Urbanisierung, hin zur Bildung von „Megastädten“ (> 10 Mil. Einwohner) ist sowohl durch allgemein hohe Bevölkerungszuwachsraten, als auch durch eine allgemein hohe Abwanderung in die Städte verursacht. An dieser Stelle ist es nur z.T. eine „intraregionale Wanderung“, wichtig sind jedoch die Gründe, die zu Migrationen in Städte führen.
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Diese erscheinen meist in Anlehnung an Lebenszykluskonzepte und sind somit deutlich Alters- und Lebensphasenabhängig. Zu nennen sind „push-factors“ wie:
- Wandel in der Agrar- und Sozialstruktur infolge von Boden- und Agrarreformen
- Agrare Überbevölkerung
- Naturkatastrophen
- Auflösung von Primärgruppen
- Unzureichende Ernährung
- Arbeitslosigkeit
- Verschuldung
Folgende „pull-factors spielen eine wichtige Rolle:
- Erwartungsdeckung durch die „moderne Stadtfassade“
- Vorstellung von besseren Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten
- Soziale Anonymität
- Soziale Aufstiegchancen
- Bessere Bildung (vgl. HEINEBERG 2001: 31)
Besonders innerhalb der „pull-factors“ sind einige Punkte auszumachen, die ganz eng mit dem Lebenszyklus in Verbindung stehen. Natürlich ist in diesem Fall der Einfluss des Lebenszyklus als Planungsgrundlage nicht in dem Maße ausschlaggebend, wie in den weit entwickelten Industrieländern. Die Wanderungen sind hier meistens eher erzwungen und nicht freiwillig motiviert.
Die heute in den Industrieländern am meisten ausgeprägte Form von intraregionalen Wanderungen ist die sog. „Stadtrandwanderung“, oder „Suburbanisierung“. Dabei handelt es sich um die intraregionale Dekonzentration von Bevölkerung, Arbeitsplätzen und Infrastruktur in verdichteten Regionen hochindustrialisierter Länder. In München begann sie z.T. schon relativ früh, nämlich zu Zeiten des bayr. Königreiches, war damals aber nur auf die Adelsschicht und Oberschicht beschränkt. Gebiete wie Gräfelfing oder Planegg wurden damals mit Villen bebaut, die der Oberschicht ermöglichten, den Wohnstandort an den Erholungsstandort zu verlagern. Das waren Gesellschaftsschichten, die, wenn überhaupt, nur an wenigen Tagen dem Geldverdienen nachgehen mussten und dadurch auch keinem Zwang ausgesetzt waren in der Nähe der Arbeitsstätte zu wohnen. Man kann nur mutmaßen, dass das Lebenszykluskonzept damals nicht in der heutigen Form eine Rolle spielte: das geht aus der o.g. Tatsache des nicht täglichen Erwerbs hervor. Die alltägliche Mobilität war sehr beschränkt; ein Nahverkehrssystem existierte praktisch nicht,
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was dazu beitrug, dass die gewöhnlich arbeitenden Gesellschaftsschichten ihren Wohnort am Arbeitsplatz orientieren mussten. Der Trend der Stadt-Umland-Wanderung setzte sich fort und erreichte seinen Höhepunkt in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Das steigende Pro-Kopf-Einkommen und die allgemeine extrem hohe Zunahme der persönlichen Mobilität, sei es aufgrund von Automobilisierung oder dem rasanten Ausbau der ÖPNV-Systeme, erlaubten es den Stadtbürgern, flexibler mit der Wohnstandortwahl umzugehen und sie auch nach der persönlichen Lebensplanung zu richten. Andererseits bringt diese Auswanderung in stadtnahe Gemeinden viele Probleme mit sich. In erster Linie wäre die enorme Verstärkung des Pendelverkehrs zu nennen, die aufgrund der Trennung der Funktionen „Wohnen“ und „Arbeiten“ und somit längeren Verkehrswegen, eine hohe verkehrliche Belastung der Verdichtungsräume erzeugt. Dadurch wird das Wohnen in der Großstadt durch ein steigendes Verkehrsaufkommen und zunehmende Umweltbelastung beeinträchtigt.
Weitere schwerwiegende Probleme treten in folgenden Bereichen auf:
- der Unterauslastung der städtischen Infrastruktur steht eine Überbelastung im Umland gegenüber,
- nach Geschäftsschluss tritt eine Verödung der Innenstädte mit negativen Konsequenzen auf,
- durch eine Umschichtung der Sozialstruktur verlieren die Städte weiter an Attraktivität,
- die Steuereinnahmen in den Städten sinken zu Gunsten der Umlandgemeinden,
- steigende Bodenpreise und knapper Baugrund führen zur weiteren Zersiedelung der Landschaft (vgl. BÄHR: 1983: 359)
Das sind spezifische Probleme der Großstädte, die aufgrund von Abwanderungen in das Umland entstehen. Dem gegenüber stehen Probleme der Umlandgemeinden, die anderer Natur, trotzdem nicht weniger schwerwiegend sind. Beispielhaft zu sehen sind diese in den Umlandgemeinden Münchens. Das rasante Wachstum, etwa in den 60er oder 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, führte so einige ehemals landwirtschaftlich geprägte Dörfer an den Rand des Zusammenbruchs. Man begriff z.B. erst sehr spät, dass man Bautätigkeiten mit sinnvoller Planung regeln muss. Oft hat die Bebauung gewuchert und einen gesichtslosen Siedlungsbrei hinterlassen. Bauernhäuser neben hochverdichteten Hochhäusern, vermischt mit Gewerbeflächen und Einfamilienhäusern; solch eine Bebauung wäre heute undenkbar. Unbelebte Schlafstädte ohne Zentrum, ohne Kultur- und
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Freizeitangebot, aus denen die Kaufkraft in die Großstadt abfließt. Unterentwickelte Infrastruktur, die dem rasanten Wachstum und den Ansprüchen der Bewohner nicht gerecht wird. So mancher Auswanderer, der „im Grünen“ seinen Lebensabend verbringen wollte, oder so manche Familie, die im Umland hoffte ihre Kinder kindergerecht groß ziehen zu können, ist wohl hart mit der Realität konfrontiert worden. Manche werden sich geärgert haben, über die unangenehmen Effekte der Gewerbesuburbanisierung (Lärm, Gestank, Verschmutzung...), über das mühsame Vorankommen auf den verstopften Strassen, über fehlende Kindergartenplätze, fehlende Schulplätze, nicht existierenden Spielplätze, u.s.w. Obwohl sich sehr viele, auch aus der Mittelschicht, eine Wohnsitzverlagerung ins Umland leisten konnten, blieb das wahre ländliche und idyllische doch nur wieder den Reichen vorenthalten. Als Beispiele wären die Stadt Germering zu nennen, die gerade dabei ist sich zu konsolidieren und die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen, und Gemeinden wie Grünwald, Gräfelfing, oder Planegg, die feinste Wohnflächen und gut ausgebaute infrastrukturelle Leistungen für betuchtere Bürger bieten.
Eine direkte Verknüpfung zum Lebenszyklus, liefert die Untersuchung der Wanderungsmotive für den Zu- oder Wegzug aus den Bereichen der Innenstadt. Diese ergeben sich aus dem Verhältnis der Vor- und Nachteile der Innenstädte, oder allgemein der Kernstädte gegenüber ihrem räumlichen Umfeld. Wirtschaftsgeographisch gesagt ergeben sich aus der Analyse der Wanderungsmotive Standortvor- bzw. Nachteile für bestimmte Gebiete. So ergibt sich für die Kernstädte nur bei den berufsbezogenen Wanderungen eine positive Bilanz. Ihr Bedeutungsüberschuss liegt demnach allein in ihren Ausbildungs- und Arbeitsplätzen (vgl. BÄHR 1983: 360). Heutzutage ist diese Aussage aus einer älteren Literatur kritisch zu sehen, denn in den letzten Jahrzehnten hat eine enorme Gewerbesuburbanisierung stattgefunden. Die außerstädtischen Gewerbegebiete haben sehr an Bedeutung gewonnen; in München muss man, um sich davon zu überzeugen, nur mal nach Schleißheim, oder Eching-Neufahrn fahren. Die Diskussion über den Bau einer ringförmigen S-Bahnverbindung, zeigt ganz deutlich, wie sehr sich der typische Pendlerstrom geändert hat. Man fährt nicht mehr morgens in die Stadt zur Arbeit und fährt nach Feierabend ins Umland wieder heim, sondern man fährt sozusagen immer und überall hin. Die Städter fahren auch mal in Umlandgewerbegebiete und die Umlandbewohner fahren genauso in andere, auch weitere entfernte Umlandgemeinden in die Arbeit. Der Pendelstrom ist also nicht mehr konzentrisch, sondern sehr dispers und
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polyzentrisch. Das ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass die alten Strukturen der Funktionsteilung Arbeiten in der Stadt - Wohnen im Umland, nicht mehr gelten. Seit ungefähr 20 Jahren ist aber auch ein Prozess der Wiederbesiedelung der innenstadtnahen Bereiche zu verzeichnen. Die sog. „Gentrification“ also Veredelung von städtischen Wohngebieten, führte dazu, dass ehemals unbeliebte, verkommene und zur Ghettobildung neigende Viertel z.T. zum großen Teil wieder sehr beliebt sind. Das ist zurückzuführen auf die Immigration von kinderlosen Lebensgemeinschaften, Künstlern, Homosexuellen, Stadtbewohnern mit alternativen Lebensweisen und jungen Singlehaushalten. Die Innenstadt gilt als „hip“, solange man keine Familie gründet und Kinder erziehen muss. Das basiert auf der Tatsache, dass immer weniger Menschen früh heiraten und Kinder bekommen und nicht bereit sind wegen Kindern auf einen komfortablen Lebensstandard zu verzichten. Für diese Leute bieten diese innenstadtnahen Bezirke den optimalen Wohnstandort, sie bieten eine Fülle von für diese Bevölkerungsgruppe wichtigen Einrichtungen (Kultur, Kneipen, Ateliers,
Bildungseinrichtungen der höheren Art, u.s.w.). Das ist ein optimales Beispiel für die Tatsache, wie sich durch die Veränderung der Lebensweisen und somit der Lebenszykluskonzepte, auch die Wanderungsprozesse anpassen und verändern.
Bei Motiven, die die Wohnfunktion direkt oder indirekt betreffen, ist der Saldo der Kernstadt negativ (vgl. BÄHR 1983: 360). Zu beachten ist die Tatsache, dass sich hinter „veränderten Wohnwünschen“, auch veränderte Rahmenbedingungen des
Wohnungsmarktes und andere Zwänge (Kündigungen, Mieterhöhungen....) verbergen. Das bedeutet, und widersetzt sich dem Lebenszykluskonzept, dass nicht immer ein ausdrücklicher Wunsch zum Verlassen der Kernstadt existiert, es vielmehr ein äußerer Druck ist, der die „Stadtflucht“ eher zur „Stadtverdrängung“ mutieren lässt. POPP (1976) konnte für Erlanger Altstadt zeigen, dass sich dort mehrere Wanderungsabläufe, die sehr unterschiedlich sein können, überlagern. Er klassifizierte sie in 4 Typen, deren Motivation unterschiedlich ist (vgl. BÄHR 1983: 360, 361). Der Typ 1 entspricht der arbeitsplatz- und studienplatzorientierten Wanderung meist junger Einpersonenhaushalte. Die Vorteile der Innenstadt liegen in den geringen Entfernungen zum Arbeits- bzw. Studienplatz, sowie zu den wichtigen Einkaufsstätten und z.T. in relativ niedrigen Mieten. Nach Beendigung des Studiums oder nach einem Arbeitsplatzwechsel, wird die Innenstadt nach einer kurzen Wohndauer verlassen.
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Beim Typ 2 ist der Zuzug in die Kernstadt ähnlich motiviert. Der Wegzug steht mit Wohnungsgründen in Verbindung. Die äußeren Anlässe für einen Wohnungswechsel können eine Heirat, der Nachzug von Familienangehörigen, oder die Vergrößerung des Haushalts im Rahmen des Lebenszyklus sein. Wird der Arbeitsplatz in der Innenstadt beibehalten, steuert dieser Personenkreis einen großen Beitrag zum Anschwellen des Pendlerstromes bei.
Beim Typ 3, der seltener vertreten ist, handelt es sich vielfach um einen erzwungenen Wohnwechsel. Hier ist der Anteil älterer Menschen besonders hoch. Der 4., ebenfalls seltener Typ, ist eine Unterform vom Typ 1, wobei nach einem Zuzug von Außen, noch innerhalb der Kernstadt umgezogen wir. Das trifft häufig für Gastarbeiter und Studenten zu. (vgl. BÄHR 1983: 361)
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5. Wanderungen und Lebenszyklus
Wie aus den vorherigen Ausführungen schon ersichtlich wird, hängt eine Migration und die ihr zu Grunde liegende Entscheidung, nicht nur vom Sozialstatus des Entscheiders ab, sondern auch von seinem Alter. Das Alter wiederum impliziert eine bestimmte Lebenssituation, d.h. die Lebensphasen befinden sich, abgesehen von einigen Ausnahmen, jeweils in einem bestimmten Lebensalter. Die Bereitschaft zur Wanderung ist somit stark von dem Alter der Person abhängig. Nach WAGNER (1990) hat diese Alterselektivität der Mobilität ein im historischen und internationalen Vergleich stabiles Muster. Die Wanderungsrate nimmt im Kindesalter, bedingt durch die gebundene Migration, exponentiell ab. Beim Übertritt ins Erwachsenenalter steigt sie sprunghaft an, um bei den in etwa 18 - 25 jährigen ihren Höhepunkt zu erreichen; in diesem Alter sind die Personen am mobilsten (Auszug aus dem Elternhaus, Ausbildung, Berufstätigkeit, Heirat...). Danach folgt eine stetige Abnahme der Wanderungsneigungen, erst bei den ca. 60- und 70jährigen steigt die Mobilität etwas, was mit der Altersruhesitzwanderung und Altersversorgung erklärbar ist. Die in der Abbildung 4 dargestellte Kurve zeigt den Zusammenhang zwischen Alter und Wanderungsrate. Zum Vergleich dazu enthält der rechte Teil der Abbildung empirisch ermittelte Mobilitätsfaktoren. KALTER (1993) erklärt den Kurvenverlauf durch lebenszyklisch bedingte Veränderungen in der Gewichtung und Berücksichtigung der Ziele. Bei jungen Menschen stehen andere Ziele (wie Bildung, Haushalt, Freizeit...) im Vordergrund, während für ältere Leute, andere Ziele wichtiger sind (vgl. MOBIPLAN 1999: 36-37).
Abb.4 Zusammenhang von Alter und Wanderungsrate, bzw. Mobilitätsfaktor f (Rogers 1988 (links), und Killisch 1979 (rechts)).
Quelle: MOBIPLAN (1999), S.37; http://wwwrwth-aachen/mobiplan/pdf/stand_forschung.pdf
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Zur Darstellung der Korrelation zwischen Lebenszyklus und Wanderung, kann man sich auch der Daten zur Alterszusammensetzung der Bevölkerung in den zu untersuchenden Gebieten bedienen. Eine höhere Aussagekraft erreicht man aber durch die Aufstellung und Analyse der sog. „Migrationsbäume“. Das sind Diagramme, bei denen die positiven Wanderungssalden je Altersgruppe auf der Abszisse nach rechts aufgetragen werden, die negativen auf der Abszisse nach links. Auf der Ordinate klassifiziert man die Altersgruppen in 5 Jahresklassen. Als Beispiel sollen die Migrationsbäume von Teilgebieten Bonns dienen. Sie beziehen sich nur auf den Hauptwohnsitz.
Abb. 5: Migrationsbäume für die Stadt Bonn und ausgewählte Teilräume. Anteilswerte der Wanderungssalden an der Wohnbevölkerung nach Altersklassen. Werte von 1965/69. Quelle: BÄHR (1983): 362
Für die Stadt Bonn als Ganzes folgt aus der Betrachtung des Migrationsbaumes der Hinweis auf Altersruhesitzwanderung und die Tatsache, dass viele Familien mit Kleinkindern aus der Stadt ausgewandert sind. Der zunehmende Anteil der älteren Menschen in unserer Gesellschaft und der zunehmende Wohlstand, führen dazu, dass immer mehr Rentner und Pensionäre aus den umweltbelasteten Agglomerationsräumen wegziehen und sich für das Alter einen neuen Wohnstandort in landschaftlich reizvolleren und klimatisch begünstigten Gegenden suchen (vgl. BÄHR 1983: 192). In den anderen Teilen der Stadt hat sich die alterspezifische Mobilität anders ausgewirkt.
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Es gibt einen hohen Gegensatz zwischen den innenstadtnahen Bereichen und dem Stadtrand, in der dazwischenliegenden Zone ist die Mobilität im Allgemeinen geringer und die Bevölkerungszusammensetzung weniger einseitig.
In der „Innenstadt Nord“ überwiegen die Zuzüge der 20 - 24jährigen, verlassen wird das Gebiet v.a. von Familien in wachsenden und konsolidierten Phasen des Lebenszyklus. Noch auffälliger ist der Prozess in der „Innenstadt Süd“, wo die negativen Werte für Kinder und Kleinkinder besonders ausgeprägt sind. Hohe Zuwächse verzeichnet der Bereich hauptsächlich bei den 15 - 29jährigen. Die ebenfalls negativen Bilanzen für fast alle Gruppen über 59, bestätigen die in mehreren Untersuchungen zum intraurbanen Umzugsverhalten älterer Menschen gemachten Beobachtungen. Demnach sind die Wanderungsströme dieser Bevölkerungsgruppe ebenfalls überwiegend nach außen gerichtet. Die Überalterung so mancher zentrumsnaher Wohnbereiche erklärt sich nicht aus verstärkten Zuzügen, sondern aus einer geringen Mobilität dieser Gruppe (vgl. BÄHR 1983: 363).
Einen anderen Typ verkörpert „Auerberg“, ein Neubaugebiet am Stadtrand von Bonn. Alle Altersklassen verzeichnen eine Bevölkerungszunahme durch Wanderungen, sie ist jedoch bei den Kleinkindern und der Elterngeneration am höchsten. Bei einem Neubaugebiet aus den 50er Jahren verhält es sich dagegen ganz anders. Hier ist in fast allen Altersgruppen eine starke Abwanderung zu verzeichnen, wobei sie am deutlichsten bei der jungen Generation zu Tage tritt, die damals das Elternhaus verließ (vgl. BÄHR 1983: 363). Diese Daten sind zwar mittlerweile schon sehr alt, aber nicht automatisch ungültig, da sie ganz gut den allgemeinen Trend der Wanderungen unter dem Einfluss des Lebenszykluskonzeptes wieder geben. Drei Motivationsgruppen lassen sich deutlich ausmachen:
- Junge Leute, die das Elternhaus verlassen, um in einem Singlehaushalt unterzukommen, oder eine Familie zu gründen.
- Junge bis mittelalte Familien mit Kindern und Kleinkindern in wachsenden und konsolidierten Phasen des Lebenszyklus, die geeignete Standorte zur Großziehung
- Pensionäre und Rentner, die einen Alterruhesitz aufsuchen und aus der Stadt emigrieren.
- In allen Typen gibt es den wirtschaftlichen Motivationsfaktor, also die
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An diesen Punkten sind typische Muster zu erkennen, die ich als Hauptmuster der Migrationen bezeichnen würde, deren Motivation der Lebenszyklus ist. Der Wohlstand und die Mobilität haben im starken Maße zugenommen, die Verkehrssysteme sind leistungsfähiger und dynamischer geworden. Die Migrationen finden über größere Entfernungen statt, ohne zwangsweise nicht-intraregional zu werden. Die Region ist meiner Meinung nach kein starrer, festgezurrter Begriff, sondern wird mit der zunehmenden Globalisierung ausgedehnter, so wie „kleiner“ die Welt wird. Hochleistungsfähige Verkehrsnetze, moderne Kommunikationsweisen (denkt man an die Revolution, die das Internet ausgelöst hat), größere Agglomerationsräume und immer kürzere (hier würde ich statt „mental maps“, „mental distances“ sagen) subjektive Entfernungen, führen zu einer Vergrößerung der subjektiven, empfundenen Region. V.a. die Ballungsräume und ihre Regionen werden immer größer und wuchern geradezu in die umliegenden Landschaften. Um wieder mal als das einleuchtendste Beispiel München hervorzuheben: die Entfernung München - Augsburg war früher nur mit einer „halben Reise“ zu bewerkstelligen. Irgendwann baute man eine Eisenbahnlinie, heute liegt Augsburg fast im Einzugsbereich der Münchner S-Bahn, so dass in absehbarer Zeit sicherlich eine S-Bahnlinie dort hinführen wird. Ich denke, in einer Zeit in der jeder „einfach mal so“ übers Wochenende in sein mehrere hundert Kilometer entferntes Ferienhaus reisen (ob fahren oder fliegen...) kann, bedarf auch der Begriff der „intraregionaler Wanderung“ einer distanzbezogenen Korrektur.
5.1. Durch einzelne Lebenszyklusphasen motivierte Wanderungen
Im Mittelpunkt der intraregionalen Wanderung steht der Wechsel des Wohnsitzes, oft bei gleichzeitiger Beibehaltung der anderen Funktionsstandorte (vgl. STEINBERG 1974: 36). Die Wohnstandortwahl ist maßgeblich von Faktoren beeinflusst wie: persönliche Biographie, Ausbildungsbiographie, Erwerbsbiographie, Art der momentanen Lebensphase, Familienstand, Kinderzahl, Alter. Die Autoren BIRG und FLÖTHMANN zeigen, dass Entscheidungen für einen Wohnortwechsel auf der individuellen Ebene zu suchen sind, also vielmehr auf der Mikro- statt auf der Makroebene. So können externe Faktoren in der Makroebene (z.B. Veränderungen des Arbeitsmarktes) durchaus
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Wanderungsentscheidungen begünstigen, jede davon betroffene Person reagiert in ihrer Entscheidungen jedoch anders auf diese Faktoren. Vielmehr hängt die Wanderungsbereitschaft vom Alter der betrachteten Person und somit von ihrer persönlichen Biographie ab (vgl. BIRG; FLÖTHMANN 1992: 27-33). Eine bestimmte Wanderungsrichtung ist zwar oft für die jeweilige Phase des Lebenszyklus beispielhaft, aber nie als einzig mögliche und richtige anzusehen, sondern im Vergleich zu anderen genau so optimalen Möglichkeiten zu betrachten.
5.1.1 Wanderungen in der Gründungsphase
Die Gründungsphase beginnt mit dem Auszug aus dem Elternhaus, und der Gründung eines eigenen Haushaltes. In den meisten Fällen ist es ein Einpersonenhaushalt, manchmal wird dies „übersprungen“ und es wird ein „junger Zweipersonenhaushalt“ gegründet. Die maximale Mobilität wird im Alter von 18 - 24 Jahren erreicht und nimmt danach kontinuierlich ab (vgl. BIRG; FLÖTHMANN 1992: S.45). E. SPIEGEL (1992) liefert mit einer im Jahre 1984 gemachten Untersuchung gute Beispiele und Anhaltspunkte für die Mobilität in dieser Lebensphase. Das durchschnittliche Alter beim Auszug aus dem Elternhaus lag für die Personen, die zum Befragungszeitpunkt 26 Jahre und älter waren bei 21,1 Jahren. Der größere Teil hat nach dem Auszug alleine gelebt (37,1%), 30% zogen sofort mit einem Partner oder Ehepartner zusammen, 10% lebten in einer Wohngemeinschaft. Zwischen den Befragten ergeben sich jedoch einige Unterschiede:
- Frauen sind deutlich häufiger als Männer mit einem Partner zusammen gezogen
- Personen mit einem Volksschulabschluss sind wesentlich häufiger erst mit der
(vgl. SPIEGEL 1992: 125 - 132).
Generell ist die hohe Mobilität in der Gründungsphase mit Eintritten ins berufsbezogene oder höhere Ausbildungssystem, mit Eintritten ins Erwerbsleben, mit früheren Partnerschaftsgründungen und mit dem Auszug aus dem Elternhaushalt allgemein, verbunden (vgl. AUFHAUSER 1995: 203).
Die Abb.6 listet einige solcher Gründe für den Auszug aus dem Elternhaus auf. Zu beachten ist, dass es sich hierbei um Mehrfachnennungen handelt und dass in diesen Fällen nicht zwangsweise von intraregionalen Wanderungen zu sprechen ist. Die Studie bezieht
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sich auf die Mobilität jüngerer Erwachsenenhaushalte in innenstadtnahen Wohngebiet, beschränkt sich jedoch nicht auf eine bestimmte Wanderungsentfernung.
Abb. 6: Gründe für den Auszug aus dem Elternhaus (Mehrfachnennungen) Quelle: SPIEGEL (1992): 128
Wichtig ist die Tatsache, dass man bei der Auswertung der Tabelle für diese Thematik, die nicht berücksichtigte Wanderungsdistanz beachten muss. Bei intraregionalen Wanderungen hätten die beiden Punkte „Ausbildungs- oder Arbeitsplatz in einer anderen Stadt“ und „Umzug in andere Stadt aus anderen Gründen“ in dieser Form nicht existiert. Es wird hier zwar die generelle Mobilitätsbereitschaft untersucht, es ist aber davon auszugehen, dass die Gründe für den Auszug aus dem Elternhaus bei intraregionalen Wanderungen durchaus mit den oben genannten vergleichbar sind.
Typisch für die Migrationen in der Gründungsphase ist die Gentrification (siehe Kapitel 4, Seite 12), bei der Auszüge aus dem Elternhaus und junge Partnerschaftsgründungen (und auch -trennungen) dominieren (vgl. AUFHAUSER 1995: 225). Hier bilden die dichtbesiedelte Innenstadt und innenstadtnahe Bereiche sehr oft die Destinationen für intraregionale Wanderungen.
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5.1.2 Wanderungen in der Expansionsphase
Die Expansionsphase bezieht sich auf den wachsenden Haushalt, d.h. auf junge Paare mit Kleinkindern und Kindern im Vorschulalter. Hier nehmen generell die Ansprüche an den Wohnraum zu und durch meist bessere berufliche Stellung als in der Gründungsphase, nimmt auch der Wohlstand der Familie zu. Die Ansprüche an den Wohnraum beziehen sich hauptsächlich auf die Größe der Wohnung sowie ihre Kinderfreundlichkeit und die Kinderfreundlichkeit der Umwelt. In dieser Phase der Familienerweiterung ist es ersichtlich, dass dicht besiedelte, urbane Wohngegenden eher als unvorteilhaft wahrgenommen werden, während versucht wird einen Kompromiss zu finden, zwischen der Nähe zu zentralen Orten und dem Arbeitsplatz, sowie dem optimalen Wohnraum, meist etwas abseits der Agglomeration, oder am Stadtrand. Dieser Kompromiss mündet in intraregionalen Wanderungen, mit der Verlegung der Wohnfunktion und der Beibehaltung vieler anderer Hauptfunktionen, wie dem Arbeitsplatz. Das führt z.B. oft zu der bereits schon angesprochenen Stadt-Umland-Wanderung. Wichtiger Faktor, wie bei allen Wanderungen, ist auch hier die wirtschaftliche Ausstattung der Familie. Manche würden sich zwar wünschen aus der Stadt auszuziehen, können es sich jedoch schlichtweg nicht leisten.
Eine empirische Untersuchung von E. STEINER (1974) in der Stadt und Großraum München, zeigt welche Gründe wesentlich für den Umzug wachsender Haushalte waren. Die wichtigsten drei waren:
- Raummangel
- Ausstattungsmängel
- Standortmängel (laut, schmutzig)
Die Mängel, die in Verbindung mit der alten Wohnung stehen sind Lärm- und Luftverschmutzung, sowie Ausstattungsmängel; bei kinderreichen Familien sind es eine drohende Kündigung [soziale Unakzeptanz vieler Kinder in einer Familie ?; Anm. d. Verf.] und fehlender Spielplatz. Folglich ergeben sich Ansprüche an den Wohnstandort, die nur in bestimmten Lagen realisiert werden können. Zu diesen Standortfaktoren zählen hauptsächlich:
- Nähe von Schule
- Nähe vom Arbeitsplatz
- Ruhige Lage
- Gute Verkehrsverbindungen
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- Einkaufsmöglichkeiten (vgl. STEINBERG 1974: 89-103).
Dass daraus nicht zwingend eine Wanderung ins Stadtumland erfolgt ist ersichtlich, denn nicht nur das Stadtumland bietet explizit diese Standortvorteile. Einerseits können auch manche ruhigere Viertel in innenstadtnahen Bereichen durchaus diese Anforderungen erfüllen, andererseits bestehen oft in Umlandgemeinden ebenso wie in dicht bebauten Gebieten Defizite, die diese Faktoren betreffen. Im Falle der Expansionsphase sind die Wanderungsbewegungen z.T. sehr diffus, und noch weniger in eine bestimmte Richtung kanalisiert, wie die Wanderungen in der Gründungsphase, wo v.a. die ausbildungsbezogene Wanderung relativ stark innenstadtgerichtet ist.
5.1.3 Wanderungen in der Konsolidierungsphase
In der Konsolidierungsphase sind im Haushalt keine Kleinkinder mehr, der Nachwuchs geht zur Schule und ist zwischen 7 und 18 Jahre alt. Zu dieser Phase ist zu sagen, dass sie nun nicht so sehr zu Wanderungen motiviert, wie die Phasen davor, was sich aus der Abb.4 herauslesen lässt. Hier ist die Wanderungsrate sowohl bei den Kindern (etwa 10-14 Jahre), als auch bei der Elterngeneration am Minimalpegel (vgl. AUFHAUSER 1995: 203). Das liegt daran, dass nach erfolgten Wanderungen in der Gründungs- und Expansionsphase die Motivation zu weiteren Wanderungen stark nachlässt. Als Motivatoren gelten in diesem Fall mehr evtl. auftretende Push-Faktoren, die die Familie zur Wanderung zwingen. Freiwillige Wanderungen werden aufgrund der starken Gewöhnung der Betroffenen an die physische und soziale Umwelt und Umgebung möglichst unterlassen. Als ein wichtiger Grund hierfür gilt die Assimilierung der Kinder an die eigene Bildungsanstalt und die damit verbundenen sozialen Verknüpfungen. In der Praxis zeigt sich, dass Eltern nur sehr ungern ihre Kinder von einer Schule nehmen, um sie dann an eine andere zu versetzen. Eine Ausnahme bildet die Versetzung an eine weiterführende Schule, die von vornherein eine andere Bildungsanstalt indiziert, wie aber schon gesagt entstehen nur selten Notwendigkeiten zur freiwilligen Wohnsitzverlagerung. Ein Hauptmotiv für Wanderungen in dieser Lebensphase ist ein durch den Arbeitgeber erzwungener Arbeitsstellenwechsel, der manchmal mit einem Wohnortwechsel einher geht. Eine bestimmte Wanderungsrichtung ist an dieser Stelle jedoch beim besten Willen nicht auszumachen, die starke Abhängigkeit von der Arbeitsstelle eines Elternteiles, führt durch Abwägung aller vor und Nachteile eines bestimmten Wohnstandortes zu einer Wanderung in die Nähe der Arbeitsstätte, wo auch immer sich diese befindet.
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5.1.4 Wanderungen in der Stagnations- und Altersphase
In dieser Phase steigt wieder die Wanderungsbereitschaft. Das ist zurück zuführen auf den Auszug der erwachsenen Kinder aus dem Elternhaus, die nun ihrerseits in die Gründungsphase treten, und eine damit zusammen hängende leicht ansteigende Mobilität der älteren Menschen. Der einsetzende Ruhestand entkoppelt das Individuum von einem wichtigen Hemmfaktor, nämlich der Arbeitsstelle. Daraus folgt eine erhöhtes Mobilitätsvermögen, das mit anderen Faktoren zu einer Wanderung führen kann. In der Stagnations- und Altersphase gelten ganz andere Maßstäbe und Anforderungen an den Wohnraum, als sie in den vorherigen Phasen gegolten haben. Das plötzliche Fehlen der Kinder verursacht einen Raumüberschuss, dessen weitere Nutzung als unwirtschaftlich anzusehen ist, außerdem werden aufgrund des zunehmenden Alters und der somit abnehmenden physischen Leistungsfähigkeit, verschiedene andere Standortfaktoren wichtiger. Auch hier spielt das Vorhandensein von genügend Geldmitteln eine sehr große Rolle, da kein neues Kapital durch Arbeit mehr finanziert werden kann. So ist man auf das momentane, meist niedrige Einkommen, und das Ersparte angewiesen, was nicht immer eine wünschenswerte Mobilität tatsächlich erlaubt. Oft ist man von Behörden abhängig, die einem eine Sozialwohnung o.ä. zuweisen. In der bereits schon erwähnten Untersuchung von E.STEINBERG (1974), äußern die Rentner nur wenig Ansprüche an den Wohnraum, da sie sich vom Wohnungsamt abhängig fühlen. Als Wohnstandort der Rentner werden alte Viertel, bzw. altes Stadtgebiet angegeben (vgl. STEINBERG 1974: 102). Häufig sind es auch externe Faktoren (als push-Faktoren), die ältere Menschen zur Wanderung bewegen. Das wären z.B. eine drohende Kündigung der Wohnung, die Wohnausstattung der alten Wohnung (Fehlen von Zentralheizung, Bad, Lift werden zu lebensbedrohlichen Faktoren) und persönliche Gründe. Pull-Faktoren sind meiner Meinung nach nur bei den reicheren Rentnern als Motivatoren anzusehen, denn nur mit genügend Geld lässt sich ein bestimmter persönlicher Wunsch nach qualitativer Verbesserung des Wohnraumes realisieren. Ich persönlich beobachte eher eine Abneigung älterer Menschen gegenüber Wohnsitzverlagerungen, „wenn es nicht unbedingt sein muss“. Sie fühlen sich durch Umzüge überfordert und sind oft sehr stark mental und z.T. auch familiär an einen bestimmten Standort gebunden. Die immer mehr zunehmende Pflegebedürftigkeit im Laufe des Lebenszyklus zwingt den Betroffenen dann letztendlich zur Inanspruchnahme einer der Pflege gerechten Wohnsituation. Dabei handelt es sich eher um eine unfreiwillige Migration (wer geht schon gern in ein Altenheim) und auch hier gibt es starke
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Unterschiede zwischen reichen und armen Alten. Die heutigen Altenheime sind nicht an bestimmte Gebiete und Standorte gebunden, es gibt sie überall, wobei die Anzahl im stark verstädterten Bereich höher ist als im Stadtumland. Es gibt jedoch klare qualitative Unterschiede, die diese Einkommensdisparitäten wieder spiegeln. Die
Altersruhesitzwanderung ist oft an interregionalen Wanderungen auszumachen, die z.B. ins Berchtesgadener Land, nach Garmisch-Partenkirchen, oder in ähnlich reizvolle Gebiete führen. Relevant ist die Frage des Geldes und nicht die Frage der momentanen oder späteren Pflegebedürftigkeit, weil den wandernden Rentnern sozusagen auch die für sie relevanten Einrichtungen folgen. Man hat schon längst erkannt, dass das Phänomen der Altenwanderung ein lukratives Geschäft verspricht und hat in den davon betroffenen Gebieten, wie z.B. in Florida (USA), ganze Siedlungen für Alte errichten lassen. Diese beinhalten natürlich das ganze Spektrum an Einrichtungen , die der wohlhabende Rentner zum Leben braucht, wie:
- eine gut ausgebaute Infrastruktur,
- Nähe zu Versorgungseinrichtungen,
- Krankenhäuser und Kliniken,
- Rehazentren und altengerechte Freizeiteinrichtungen.
Das weitere Eingehen auf den Punkt der Altersruhesitzwanderung würde den Rahmen dieser Arbeit jedoch sprengen, v.a. im Sinne der europaweiten internationalen Migration, wie z.B.der Auswanderung von Rentnern nach Mallorca.
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6. Schlussbetrachtung
Ich hoffe durch diese Arbeit einen kleinen, aber ausreichenden Einblick in die Thematik der intraregionalen Wanderungen unter besonderer Berücksichtigung des Lebenszykluskonzepts gegeben zu haben. Das größte Problem ist, dass dieses Thema sehr vielschichtig ist und auch tief in andere Wissenschaften wie Psychologie und Soziologie greift. D.h., man kann oft keine klaren Aussagen zu bestimmten Fakten treffen und sie somit nicht als Tatsachen hinnehmen. Es existiert einiges an theoretischem Material, die empirischen Untersuchungen sind meines Wissens nach jedoch sehr rar. Das was ich mit dieser Arbeit aussagen wollte, habe ich getan: jede Veränderung der Lebenssituation impliziert eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Migrationen. Es bestehen gewisse Tendenzen zu bestimmten Destinationen, es ist jedoch von sehr vielen komplexen und undurchschaubaren Faktoren abhängig, ob dieses Migrationspotential auch tatsächlich in die Realität umgesetzt wird und wenn ja, wo die Wanderung hingehen wird. In der Zukunft werden diese Migrationsströme noch an Bedeutung zunehmen, denn die Gesellschaft wird mobiler, unabhängiger und die Welt wird kleiner. Diese Migrationen bewegen sich sowohl im regionalen Bereich, die Zunahme wird meines Erachtens nach jedoch mehr die nationale und internationale Ebene betreffen, da schon sehr viele Möglichkeiten der intraregionalen Wanderung, auch in ihrer Intensität, bereits jetzt schon ausgereizt sind.
In diesem Sinne ist es zu hoffen, dass die Politik und Verwaltung die Probleme und Chancen, die sich durch Wanderungen ergeben, erkennt, und sich auf diese einstellt.
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Literaturverzeichnis
BÄHR, JÜRGEN (1983): Bevölkerungsgeographie. Stuttgart.
LESER, HARTMUT (Hrsg.) (2001): Diercke- Wörterbuch Allgemeine Geographie. München.
HEINEBERG, H. (2001): Grundriss Allgemeine Geographie.: Stadtgeographie. Paderborn
SPIEGEL, ERIKA (1992):
Biographische und räumliche Mobilität jüngerer Erwachsenen-
STEINBERG, Wohnstandortverhalten intraregionaler Mobilität. München.
AUFHAUSER, ELISABETH (1995): Wohnchancen - Wohnrisiken. Räumliche Mobilität
MOBIPLAN (1999): http://www.rwth-aachen.de/mobiplan/pdf/stand_forschung.pdf Abrufdatum: 20.06.2002
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Handout
Proseminar Bevölkerungsgeographie
Intraregionale Wanderungen unter besonderer
Berücksichtigung des Lebenszykluskonzeptes Referent: Martin Doskoczynski 10.06.2002
1. Definitionen
Region:
Geographisch-räumliche Einheit mittlerer Größe, die sich funktional und strukturell abgrenzen lässt. Die Abgrenzung ist oft schwierig und nicht eindeutig, deshalb orientiert man sich in der Praxis am Einflussbereich von Ober- und Mittelzentren.
Intraregionale Wanderung:
Wanderung innerhalb einer Region, also Verlagerung des Wohn- oder Betriebsstandortes. Bei dieser Form von Wanderung bleiben die anderen Funktionsstandorte weitgehend erhalten (arbeiten, sich versorgen, sich bilden, sich erholen).
Im Gegensatz dazu werden bei den interregionalen Wanderungen die anderen Funktionen ebenso verlagert. Intraregionale Wanderungen verursachen Pendelverkehr.
Lebenszykluskonzept:
Der Lebenslauf eines Menschen lässt sich in verschiedene Phasen unterteilen. Der Mensch erhält dadurch die Möglichkeit sein Leben nach diesen Phasen zu planen.
Gründungsphase: Auszug aus dem Elternhaus und Gründung eines eigenen Haushaltes, Ein- oder Mehrpersonenhaushaltes. Diese Phase ist meist mit dem Eintritt ins höhere Ausbildungssystem oder ins Berufsleben verbunden. Expansionsphase: Erweiterung des jungen Haushaltes um Nachwuchs („child rearing stage“).
Konsolidierungsphase: Haushalt mit Kindern in Schul- und Berufsausbildung. Schrumpfender Haushalt, aus dem die Kinder ausziehen („child launching stage“) Stagnations- und Altersphase: Pensionszeitpunkt, später Tod eines Elternteils.
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2. Relevante Wanderungsmodelle
Dazu siehe Referat von Volker Effing, gehalten am 19.06.2002. Die wichtigsten Modelle für diese Thematik sind die regressionsanalytischen Modelle sowie die verhaltensorientierten und probabilistischen Modelle.
3. Intraregionale Wanderungen
Die heute auftretenden intraregionalen Wanderungen sind ein Versuch, die Vorteile einer Stadt zu nutzen, bei gleichzeitiger Vermeidung der auftretenden Nachteile. Dabei kommt es zu der sog. Suburbanisierung, oder Stadt-Land-Wanderung, also einer intraregionalen Dekonzentration von Bevölkerung, Arbeitsplätzen und Infrastruktur.
Die Dekonzentration von Wohnbevölkerung begann schon relativ früh (in München bereits schon zu Zeiten des Königreiches) und erreichte einen Höhepunkt im Zeitraum zwischen 1970 und 1990.
Die Funktionstrennung verursacht viele Probleme, wie Umweltbelastung durch den Pendelverkehr und infrastrukturelle Unter-, sowie Überbelastung. Intraregionale Wanderungen in Form von Suburbanisierung sind sehr energieintensiv.
Die zunehmende individuelle Mobilität und der hohe Lebensstandard seit ca. den 1950er Jahren, erlauben dem Menschen seinen Wohnort nach der Ausrichtung an einem Lebensziel zu bestimmen. Die Bedeutung der Standortvor- und Nachteile variiert zwischen den Bevölkerungsgruppen, nach der aktuellen Stellung im Lebens- bzw. Familienzyklus.
Neuerdings ist wieder ein sehr minimal auftretender Trend der Wiederbesiedelung der Kernstädte zu verzeichnen („Gentrification“), grundsätzlich verzeichnen die Städte bei allen Bevölkerungsgruppen hohe Wanderungsverluste. Gewinne sind nur bei der Gruppe der 18 - 24jährigen zu beobachten.
4. Wanderungen und Lebenszyklus
Die Bereitschaft zur Migration ist stark altersabhängig, folglich ist sie in den diversen Phasen des Lebenszyklus unterschiedlich ausgeprägt. Diese Alterselektivität hat im internationalen und historischen Vergleich ein stabiles Muster.
Im Kindesalter nimmt die Wanderungsrate bedingt durch die gebundene Migration exponentiell ab. Beim Übertritt ins Erwachsenenalter steigt sie rasch an, so dass sie im Alter von ca. 18 - 25 das Maximum erreicht. Danach folgt eine stetige Abnahme, erst bei den 60 - 70jährigen steigt die Mobilität etwas.
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Abb.4 Zusammenhang von Alter und Wanderungsrate, bzw. Mobilitätsfaktor f (Rogers 1988 (links), und Killisch 1979 (rechts)).
Quelle: MOBIPLAN (1999), S.37; http://wwwrwth-aachen/mobiplan/pdf/stand_forschung.pdf Abrufdatum: 20.06.2002
Der Kurvenverlauf erklärt sich durch lebenszyklisch bedingte Veränderungen in der Gewichtung und Berücksichtigung von Zielen. Die einzelnen Motivationsgruppen sind:
- junge Leute, die das Elternhaus verlassen, um einen Singlehaushalt, oder eine Familie zu gründen
- junge bis mittel alte Familien in wachsenden und konsolidierten Phasen des Lebenszyklus, die geeignete Standorte zur Erziehung der Kinder präferieren.
- Pensionäre und Rentner, die einen Altersruhesitz aufsuchen und oft aus der Stadt emigrieren (Altersruhesitz- oder Altenwanderung) Bei allen Gruppen ist eine starke Abhängigkeit von ihrer wirtschaftlichen Situation gegeben.
5. Wanderungen in den einzelnen Phasen des Lebenszyklus a. Wanderungen in der Gründungsphase
Diese Phase beginnt mit dem Auszug aus dem Elternhaus. Die Mobilität ist in dieser Phase am höchsten und ist mit Eintritten ins berufsbezogene oder höhere Ausbildungssystem, oder ins Erwerbsleben und mit Partnerschaftsgründungen verbunden.
Es wird ein eigener Ein- oder Zweipersonenhaushalt gegründet. Diese Gruppe wandert meist in Städte, speziell in die Innenstädte und innenstadtnahe Bereiche.
b. Wanderungen in der Expansionsphase
Die Expansionsphase bezieht sich auf den wachsenden Haushalt, d.h. auf junge Paare mit Kleinkindern und Kindern im Vorschulalter. Die Ansprüche an den Wohnraum nehmen deutlich zu. Wichtig ist v.a.: die Größe der Wohnung, ihre Kinderfreundlichkeit und die Kinderfreundlichkeit der Umwelt. Das Zielgebiet erfüllt die Ansprüche an den Wohnraum, zugleich wird die Nähe zum Arbeitsplatz und zu zentralen Orten beibehalten. Typisch für diese Phase ist
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die Stadt - Umland - Wanderung, da dicht besiedelte, urbane Gegenden als unvorteilhaft gelten.
Die wirtschaftliche Ausstattung der Familie ist sehr bedeutsam, da die Wanderungen in dieser Phase sehr kapitalintensiv sind.
c. Wanderungen in der Konsolidierungsphase
Im Haushalt gibt es keine Kleinkinder mehr, der Nachwuchs geht zur Schule. Die Motivation zu Wanderungen ist sehr gering, auftretende Wanderungen sind meist erzwungen (Arbeitsplatzwechsel, erzwungene Aufgabe des Wohnraums...). Die Bindung der Kinder an die Schule und das soziale Umfeld ist groß. Folglich gibt es keine typische Wanderungsrichtung.
d. Wanderungen in der Stagnations- und Altersphase
Nachwuchs tritt in die eigene Gründungsphase und verlässt das Elternhaus. Die Wanderungsbereitschaft der Elterngeneration steigt wieder. Die Ansprüche an den Wohnraum ändern sich: es entsteht ein Raumüberschuss, die physische Leistungsfähigkeit lässt nach. Man ist im Ruhestand nicht mehr an den wichtigen Hemmfaktor Arbeitsplatz gebunden. Freiwillige Wanderungen trotzdem in der Minderzahl, starke Abhängigkeit vom Einkommen (Arbeitslohn entfällt!), Wanderungen meist erzwungen (Wohnungskündigung, Pflegebedürftigkeit). Starke emotionale Bindung an die Umgebung.
Die später auftretende erzwungene Inanspruchnahme von Pflegeeinrichtungen führt zu Umzügen in Altenheime, die sich im urbanen Raum konzentrieren. Bei reichen Rentnern: Umzug in hochwertige Heime, oft „im Grünen“ und Trend zur verstärkten interregionalen und internationalen Wanderungen in landschaftlich reizvolle und wenig umweltbelastete Gebiete.
Dadurch Bau von speziellen Einrichtungen in Gebieten mit hohem Anteil an Rentnern.
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Die Definition der „Region“ ist sehr vielfältig
konkreter dreidimensionaler Ausschnitt aus der Erdoberfläche
der „Wanderungsbegriff“ in der Umgangssprache und der Literatur unterschiedlich verwendet
Beziehungen zwischen räumlicher und sozialer Mobilität
Zwischen den beiden Arten der Mobilität besteht ein deutlicher Zusammenhang. Meist sind Änderungen des Wohnortes eng mit den Änderungen von Arbeitsplatz, oder Beruf verknüpft, d.h. dass räumliche Mobilität nur im sozialstrukturellen Zusammenhang gesehen werden kann
„Binnenwanderungen:. An dieser Stelle sollte man sich den administrativ festgelegten Verwaltungsgrenzen bedienen, um eine Nah- und Fernabgrenzung zu treffen. Dazu zählen Stadtgrenzen, Gemeindegrenzen, Kreisgrenzen, Grenzen der Regierungsbezirke und der Länder.
pragmatische Lösung des Problems der Regionsabgrenzung bildet die Operationalisierung dieses Begriffes durch die Orientierung an den Einflussbereichen von Ober- und Mittelzentren.oder Planungsregionen
dauerhafte, oder zumindest längerfristige Wohnsitzverlagerung
regressionsanalytische Wanderungsmodell. Dieses hebt sich von der Annahme ab, dass nur die Bevölkerungszahlen des Zu- und des Abwanderungsgebietes als Einflussfaktoren für Wanderungsbewegungen angesehen werden
vier Faktorengruppen analysieren: 5. Faktoren in Verbindung mit dem Herkunftsgebiet 6. Faktoren in Verbindung mit dem Zielgebiet 7. intervenierende Hindernisse (z.B. Gesetz, Kosten...) 8. persönliche Faktoren
jeder dieser Faktoren die gleiche Bedeutung und Wichtigkeit für den Migrationsvorgang eine Familie mit Kindern ist der Meinung, dass ein Einfamilienhaus im suburbanen Raum besser wäre, um die Kinder groß zu ziehen, als eine Mietwohnung in der Stadt. Das wäre der Faktor 4, also persönliche Präferenzen. Die Folge ist: die Familie wandert an den Stadtrand und mietet oder kauft ein Einfamilienhaus. Von den Auswahlmöglichkeiten A, B, oder C, wählt die Familie die ihrer Meinung nach beste Alternative. Der Grund dafür ist:
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Zu erkennen ist die sog. Push - Pull - Systematik, was im Klartext heißt, dass Wanderungen durch abstoßende Kräfte der Herkunftsregion und anziehende Kräfte der Zielregion determiniert werden
probabilistische und verhaltensorientierte Wanderungsmodelle
individuelles Verhalten und beschreiben Wanderungsentscheidungen unter Unsicherheitsbedingungen
Ausfallen der Entscheidung (die nicht zwangsweise von nur einer Person getroffen werden muss) vom individuellen Anspruchsniveau abhängig, aber auch vom Grad der Informationsbeschaffung und -verarbeitung über alle Migrationsalternativen
Such-, Wahrnehmungs- und Bewertungsverhalten der Entscheidungsträger im Vorfeld der Migration
auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und hier insbesondere die Situation auf dem Wohnungsmarkt
Industrialisierung. Damals noch von sehr hohen Bevölkerungswachstum geprägt, wanderten viele Menschen aus dem ländlichen Bereich in die Städte. Das führte zu einem starken Bevölkerungszuwachs in den Städten. Diese Wanderungen waren meist motiviert durch Strukturwandlungen in der Landwirtschaft („Agrarische Revolution“) und Ansiedlungen von Industrie in alten und neuen städtischen Zentren
wirtschaftlichen Wachstum verbunden, Bevölkerung und Wirtschaft waren stark konzentriert, da das damalige Verkehrsnetz und Einkommen nur arbeitsplatznahe Wohnungen zuließen
„Stadtrandwanderung“, oder „Suburbanisierung“. Dabei handelt es sich um die intraregionale Dekonzentration von Bevölkerung, Arbeitsplätzen und Infrastruktur in verdichteten Regionen hochindustrialisierter Länder. In München begann sie z.T. schon relativ früh, nämlich zu Zeiten des bayr. Königreiches, war damals aber nur auf die Adelsschicht und Oberschicht beschränkt
Gräfelfing oder Planegg wurden damals mit Villen bebaut, die der Oberschicht ermöglichten, den Wohnstandort an den Erholungsstandort zu verlagern. Das waren Gesellschaftsschichten, die, wenn überhaupt, nur an wenigen Tagen dem Geldverdienen nachgehen mussten und dadurch auch keinem Zwang ausgesetzt waren in der Nähe der Arbeitsstätte zu wohnen. Man kann nur mutmaßen, dass das Lebenszykluskonzept damals nicht in der heutigen Form eine Rolle spielte: das geht aus der o.g. Tatsache des nicht täglichen Erwerbs hervor. Die alltägliche Mobilität war sehr beschränkt; ein Nahverkehrssystem existierte praktisch nicht, was dazu beitrug, dass die gewöhnlich arbeitenden Gesellschaftsschichten ihren Wohnort am Arbeitsplatz orientieren mussten
Stadt-Umland-Wanderung setzte sich fort und erreichte seinen Höhepunkt in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Das steigende Pro-Kopf-Einkommen und die allgemeine extrem hohe Zunahme der persönlichen Mobilität, sei es aufgrund von Automobilisierung oder dem rasanten Ausbau der ÖPNV-Systeme, erlaubten es den Stadtbürgern, flexibler mit der Wohnstandortwahl umzugehen und sie auch nach der persönlichen Lebensplanung
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zu richten. Andererseits bringt diese Auswanderung in stadtnahe Gemeinden viele Probleme mit sich. In erster Linie wäre die enorme Verstärkung des Pendelverkehrs zu nennen, die aufgrund der Trennung der Funktionen „Wohnen“ und „Arbeiten“ und somit längeren Verkehrswegen, eine hohe verkehrliche Belastung der Verdichtungsräume erzeugt. Dadurch wird das Wohnen in der Großstadt durch ein steigendes Verkehrsaufkommen und zunehmende Umweltbelastung beeinträchtigt.
- der Unterauslastung der städtischen Infrastruktur steht eine Überbelastung im Umland gegenüber,
- nach Geschäftsschluss tritt eine Verödung der Innenstädte mit negativen Konsequenzen auf,
- durch eine Umschichtung der Sozialstruktur verlieren die Städte weiter an Attraktivität,
- die Steuereinnahmen in den Städten sinken zu Gunsten der Umlandgemeinden, steigende Bodenpreise und knapper Baugrund führen zur weiteren Zersiedelung der Landschaft
Das rasante Wachstum, etwa in den 60er oder 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, führte so einige ehemals landwirtschaftlich geprägte Dörfer an den Rand des Zusammenbruchs. Man begriff z.B. erst sehr spät, dass man Bautätigkeiten mit sinnvoller Planung regeln muss. Oft hat die Bebauung gewuchert und einen gesichtslosen Siedlungsbrei hinterlassen. Bauernhäuser neben hochverdichteten Hochhäusern, vermischt mit Gewerbeflächen und Einfamilienhäusern; solch eine Bebauung wäre heute undenkbar. Unbelebte Schlafstädte ohne Zentrum, ohne Kultur- und Freizeitangebot, aus denen die Kaufkraft in die Großstadt abfließt. Unterentwickelte Infrastruktur, die dem rasanten Wachstum und den Ansprüchen der Bewohner nicht gerecht wird.
ergeben sich aus der Analyse der Wanderungsmotive Standortvor- bzw. Nachteile für bestimmte Gebiete. So ergibt sich für die Kernstädte nur bei den berufsbezogenen Wanderungen eine positive Bilanz. Ihr Bedeutungsüberschuss liegt demnach allein in ihren Ausbildungs- und Arbeitsplätzen
Heutzutage ist diese Aussage aus einer älteren Literatur kritisch zu sehen, denn in den letzten Jahrzehnten hat eine enorme Gewerbesuburbanisierung stattgefunden. Die außerstädtischen Gewerbegebiete haben sehr an Bedeutung gewonnen
Die Diskussion über den Bau einer ringförmigen S-Bahnverbindung, zeigt ganz deutlich, wie sehr sich der typische Pendlerstrom geändert hat. Man fährt nicht mehr morgens in die Stadt zur Arbeit und fährt nach Feierabend ins Umland wieder heim, sondern man fährt sozusagen immer und überall hin. Die Städter fahren auch mal in Umlandgewerbegebiete und die Umlandbewohner fahren genauso in andere, auch weitere entfernte Umlandgemeinden in die Arbeit. Der Pendelstrom ist also nicht mehr konzentrisch, sondern sehr dispers und polyzentrisch. Das ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass die alten Strukturen der Funktionsteilung Arbeiten in der Stadt - Wohnen im Umland, nicht mehr gelten
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Seit ungefähr 20 Jahren ist aber auch ein Prozess der Wiederbesiedelung der innenstadtnahen Bereiche zu verzeichnen. Die sog. „Gentrification“ also Veredelung von städtischen Wohngebieten, führte dazu, dass ehemals unbeliebte, verkommene und zur Ghettobildung neigende Viertel z.T. zum großen Teil wieder sehr beliebt sind. Das ist zurückzuführen auf die Immigration von kinderlosen Lebensgemeinschaften, Künstlern, Homosexuellen, Stadtbewohnern mit alternativen Lebensweisen und jungen Singlehaushalten. Die Innenstadt gilt als „hip“, solange man keine Familie gründet und Kinder erziehen muss. Das basiert auf der Tatsache, dass immer weniger Menschen früh heiraten und Kinder bekommen und nicht bereit sind wegen Kindern auf einen komfortablen Lebensstandard zu verzichten. Für diese Leute bieten diese innenstadtnahen Bezirke den optimalen Wohnstandort, sie bieten eine Fülle von für diese Bevölkerungsgruppe wichtigen Einrichtungen (Kultur, Kneipen, Ateliers, Bildungseinrichtungen der höheren Art, u.s.w.). Das ist ein optimales Beispiel für die Tatsache, wie sich durch die Veränderung der Lebensweisen und somit der Lebenszykluskonzepte, auch die Wanderungsprozesse anpassen und verändern
Bei Motiven, die die Wohnfunktion direkt oder indirekt betreffen, ist der Saldo der Kernstadt negativ (vgl. BÄHR 1983: 360). Zu beachten ist die Tatsache, dass sich hinter „veränderten Wohnwünschen“, auch veränderte Rahmenbedingungen des
Wohnungsmarktes und andere Zwänge (Kündigungen, Mieterhöhungen....) verbergen. Das bedeutet, und widersetzt sich dem Lebenszykluskonzept, dass nicht immer ein ausdrücklicher Wunsch zum Verlassen der Kernstadt existiert, es vielmehr ein äußerer Druck ist, der die „Stadtflucht“ eher zur „Stadtverdrängung“ mutieren lässt.
POPP (1976) konnte für Erlanger Altstadt zeigen, dass sich dort mehrere Wanderungsabläufe, die sehr unterschiedlich sein können, überlagern. Er klassifizierte sie in 4 Typen, deren Motivation unterschiedlich ist (vgl. BÄHR 1983: 360, 361). Der Typ 1 entspricht der arbeitsplatz- und studienplatzorientierten Wanderung meist junger Einpersonenhaushalte. Die Vorteile der Innenstadt liegen in den geringen Entfernungen zum Arbeits- bzw. Studienplatz, sowie zu den wichtigen Einkaufsstätten und z.T. in relativ niedrigen Mieten. Nach Beendigung des Studiums oder nach einem Arbeitsplatzwechsel, wird die Innenstadt nach einer kurzen Wohndauer verlassen. Beim Typ 2 ist der Zuzug in die Kernstadt ähnlich motiviert. Der Wegzug steht mit Wohnungsgründen in Verbindung. Die äußeren Anlässe für einen Wohnungswechsel können eine Heirat, der Nachzug von Familienangehörigen, oder die Vergrößerung des Haushalts im Rahmen des Lebenszyklus sein. Wird der Arbeitsplatz in der Innenstadt beibehalten, steuert dieser Personenkreis einen großen Beitrag zum Anschwellen des Pendlerstromes bei.
Beim Typ 3, der seltener vertreten ist, handelt es sich vielfach um einen erzwungenen Wohnwechsel. Hier ist der Anteil älterer Menschen besonders hoch. Der 4., ebenfalls seltener Typ, ist eine Unterform vom Typ 1, wobei nach einem Zuzug von Außen, noch innerhalb der Kernstadt umgezogen wir. Das trifft häufig für Gastarbeiter und Studenten zu. (vgl. BÄHR 1983: 361)
lebenszyklisch bedingte Veränderungen in der Gewichtung und Berücksichtigung der Ziele. Bei jungen Menschen stehen andere Ziele (wie Bildung, Haushalt, Freizeit...) im Vordergrund, während für ältere Leute, andere Ziele wichtiger sind
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Für die Stadt Bonn als Ganzes folgt aus der Betrachtung des Migrationsbaumes der Hinweis auf Altersruhesitzwanderung und die Tatsache, dass viele Familien mit Kleinkindern aus der Stadt ausgewandert sind. Der zunehmende Anteil der älteren Menschen in unserer Gesellschaft und der zunehmende Wohlstand, führen dazu, dass immer mehr Rentner und Pensionäre aus den umweltbelasteten Agglomerationsräumen wegziehen und sich für das Alter einen neuen Wohnstandort in landschaftlich reizvolleren und klimatisch begünstigten Gegenden suchen
In den anderen Teilen der Stadt hat sich die alterspezifische Mobilität anders ausgewirkt. Es gibt einen hohen Gegensatz zwischen den innenstadtnahen Bereichen und dem Stadtrand, in der dazwischenliegenden Zone ist die Mobilität im Allgemeinen geringer und die Bevölkerungszusammensetzung weniger einseitig.
In der „Innenstadt Nord“ überwiegen die Zuzüge der 20 - 24jährigen, verlassen wird das Gebiet v.a. von Familien in wachsenden und konsolidierten Phasen des Lebenszyklus. Noch auffälliger ist der Prozess in der „Innenstadt Süd“, wo die negativen Werte für Kinder und Kleinkinder besonders ausgeprägt sind. Hohe Zuwächse verzeichnet der Bereich hauptsächlich bei den 15 - 29jährigen. Die ebenfalls negativen Bilanzen für fast alle Gruppen über 59, bestätigen die in mehreren Untersuchungen zum intraurbanen Umzugsverhalten älterer Menschen gemachten Beobachtungen. Demnach sind die Wanderungsströme dieser Bevölkerungsgruppe ebenfalls überwiegend nach außen gerichtet. Die Überalterung so mancher zentrumsnaher Wohnbereiche erklärt sich nicht aus verstärkten Zuzügen, sondern aus einer geringen Mobilität dieser Gruppe
Einen anderen Typ verkörpert „Auerberg“, ein Neubaugebiet am Stadtrand von Bonn. Alle Altersklassen verzeichnen eine Bevölkerungszunahme durch Wanderungen, sie ist jedoch bei den Kleinkindern und der Elterngeneration am höchsten. Bei einem Neubaugebiet aus den 50er Jahren verhält es sich dagegen ganz anders. Hier ist in fast allen Altersgruppen eine starke Abwanderung zu verzeichnen, wobei sie am deutlichsten bei der jungen Generation zu Tage tritt, die damals das Elternhaus verließ
. Der Wohlstand und die Mobilität haben im starken Maße zugenommen, die Verkehrssysteme sind leistungsfähiger und dynamischer geworden. Die Migrationen finden über größere Entfernungen statt, ohne zwangsweise nicht-intraregional zu werden. Die Region ist meiner Meinung nach kein starrer, festgezurrter Begriff, sondern wird mit der zunehmenden Globalisierung ausgedehnter, so wie „kleiner“ die Welt wird. Hochleistungsfähige Verkehrsnetze, moderne Kommunikationsweisen (denkt man an die Revolution, die das Internet ausgelöst hat), größere Agglomerationsräume und immer kürzere (hier würde ich statt „mental maps“, „mental distances“ sagen) subjektive Entfernungen, führen zu einer Vergrößerung der subjektiven, empfundenen Region. V.a. die Ballungsräume und ihre Regionen werden immer größer und wuchern geradezu in die umliegenden Landschaften. Um wieder mal als das einleuchtendste Beispiel München hervorzuheben: die Entfernung München - Augsburg war früher nur mit einer „halben Reise“ zu bewerkstelligen. Irgendwann baute man eine Eisenbahnlinie, heute liegt Augsburg fast im Einzugsbereich der Münchner S-Bahn, so dass in absehbarer Zeit sicherlich eine S-Bahnlinie dort hinführen wird. Ich denke, in einer Zeit in der jeder „einfach mal so“ übers Wochenende in sein mehrere hundert Kilometer entferntes Ferienhaus reisen (ob fahren oder fliegen...) kann, bedarf auch der Begriff der „intraregionaler Wanderung“ einer distanzbezogenen Korrektur.
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- Frauen sind deutlich häufiger als Männer mit einem Partner zusammen gezogen
- Personen mit einem Volksschulabschluss sind wesentlich häufiger erst mit der Heirat ausgezogen, wesentlich seltener allein in eine Wohnung oder ein
Typisch für die Migrationen in der Gründungsphase ist die Gentrification
Hier nehmen generell die Ansprüche an den Wohnraum zu und durch meist bessere berufliche Stellung als in der Gründungsphase, nimmt auch der Wohlstand der Familie zu.
Manche würden sich zwar wünschen aus der Stadt auszuziehen, können es sich jedoch schlichtweg nicht leisten.
Eine empirische Untersuchung von E. STEINER (1974) in der Stadt und Großraum München, zeigt welche Gründe wesentlich für den Umzug wachsender Haushalte waren. Die wichtigsten drei waren:
- Raummangel
- Ausstattungsmängel
- Standortmängel (laut, schmutzig)
Die Mängel, die in Verbindung mit der alten Wohnung stehen sind Lärm- und Luftverschmutzung, sowie Ausstattungsmängel; bei kinderreichen Familien sind es eine drohende Kündigung [soziale Unakzeptanz vieler Kinder in einer Familie ?; Anm. d. Verf.] und fehlender Spielplatz. Folglich ergeben sich Ansprüche an den Wohnstandort, die nur in bestimmten Lagen realisiert werden können. Zu diesen Standortfaktoren zählen hauptsächlich:
- Nähe von Schule
- Nähe vom Arbeitsplatz
- Ruhige Lage
- Gute Verkehrsverbindungen
- Einkaufsmöglichkeiten
Dass daraus nicht zwingend eine Wanderung ins Stadtumland erfolgt ist ersichtlich, denn nicht nur das Stadtumland bietet explizit diese Standortvorteile. Einerseits können auch manche ruhigere Viertel in innenstadtnahen Bereichen durchaus diese Anforderungen erfüllen, andererseits bestehen oft in Umlandgemeinden ebenso wie in dicht bebauten Gebieten Defizite, die diese Faktoren betreffen. Im Falle der Expansionsphase sind die Wanderungsbewegungen z.T. sehr diffus, und noch weniger in eine bestimmte Richtung kanalisiert, wie die Wanderungen in der Gründungsphase, wo v.a. die ausbildungsbezogene Wanderung relativ stark innenstadtgerichtet ist.
Das liegt daran, dass nach erfolgten Wanderungen in der Gründungs- und Expansionsphase die Motivation zu weiteren Wanderungen stark nachlässt
Als Motivatoren gelten in diesem Fall mehr evtl. auftretende Push-Faktoren, die die Familie zur Wanderung zwingen. Freiwillige Wanderungen werden aufgrund der starken Gewöhnung der Betroffenen an die physische und soziale Umwelt und Umgebung möglichst unterlassen. Als ein wichtiger Grund hierfür gilt die Assimilierung der Kinder an die eigene Bildungsanstalt und die damit verbundenen sozialen Verknüpfungen. In der Praxis zeigt sich, dass Eltern nur sehr ungern ihre Kinder von einer Schule nehmen, um sie
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dann an eine andere zu versetzen. Eine Ausnahme bildet die Versetzung an eine weiterführende Schule, die von vornherein eine andere Bildungsanstalt indiziert, wie aber schon gesagt entstehen nur selten Notwendigkeiten zur freiwilligen Wohnsitzverlagerung.
Ein Hauptmotiv für Wanderungen in dieser Lebensphase ist ein durch den Arbeitgeber erzwungener Arbeitsstellenwechsel, der manchmal mit einem Wohnortwechsel einher geht. Eine bestimmte Wanderungsrichtung ist an dieser Stelle jedoch beim besten Willen nicht auszumachen, die starke Abhängigkeit von der Arbeitsstelle eines Elternteiles, führt durch Abwägung aller vor und Nachteile eines bestimmten Wohnstandortes zu einer Wanderung in die Nähe der Arbeitsstätte, wo auch immer sich diese befindet.
. So ist man auf das momentane, meist niedrige Einkommen, und das Ersparte angewiesen, was nicht immer eine wünschenswerte Mobilität tatsächlich erlaubt
Oft ist man von Behörden abhängig, die einem eine Sozialwohnung o.ä. zuweisen. In der bereits schon erwähnten Untersuchung von E.STEINBERG (1974), äußern die Rentner nur wenig Ansprüche an den Wohnraum, da sie sich vom Wohnungsamt abhängig fühlen. Als Wohnstandort der Rentner werden alte Viertel, bzw. altes Stadtgebiet angegeben
Häufig sind es auch externe Faktoren (als push-Faktoren), die ältere Menschen zur Wanderung bewegen. Das wären z.B. eine drohende Kündigung der Wohnung, die Wohnausstattung der alten Wohnung (Fehlen von Zentralheizung, Bad, Lift werden zu lebensbedrohlichen Faktoren) und persönliche Gründe. Pull-Faktoren sind meiner Meinung nach nur bei den reicheren Rentnern als Motivatoren anzusehen, denn nur mit genügend Geld lässt sich ein bestimmter persönlicher Wunsch nach qualitativer Verbesserung des Wohnraumes realisieren
Ich persönlich beobachte eher eine Abneigung älterer Menschen gegenüber Wohnsitzverlagerungen, „wenn es nicht unbedingt sein muss“. Sie fühlen sich durch Umzüge überfordert und sind oft sehr stark mental und z.T. auch familiär an einen bestimmten Standort gebunden
Siedlungen für Alte errichten lassen. Diese beinhalten natürlich das ganze Spektrum an Einrichtungen , die der wohlhabende Rentner zum Leben braucht, wie:
- eine gut ausgebaute Infrastruktur,
- Nähe zu Versorgungseinrichtungen,
- Krankenhäuser und Kliniken,
- Rehazentren und altengerechte Freizeiteinrichtungen.
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Literatur:
BÄHR, JÜRGEN (1983): Bevölkerungsgeographie. Stuttgart.
LESER, HARTMUT (Hrsg.) (2001): Diercke- Wörterbuch Allgemeine Geographie.
München.
HEINEBERG, H. (2001): Grundriss Allgemeine Geographie.: Stadtgeographie. Paderborn
SPIEGEL, ERIKA (1992):
Biographische und räumliche Mobilität jüngerer Erwachsenen-
STEINBERG, Wohnstandortverhalten
intraregionaler Mobilität. München.
AUFHAUSER, ELISABETH (1995): Wohnchancen - Wohnrisiken. Räumliche Mobilität
MOBIPLAN (1999): http://www.rwth-aachen.de/mobiplan/pdf/stand_forschung.pdf
Abrufdatum: 20.06.2002
INSTITUT FÜR LÄNDERKUNDE, LEIPZIG (Hrsg.)(2001): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland, Band
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Abb. 2: Phasen des (Familien)Lebenszyklus nach KAUFMANN u.a. 1979 und KULS 1993
Quelle: http://www.mailbox.univie.ac.at/~husak6/Materialien/Skriptum/skriptumKap4Teil2.pdf (14.06.2002)
Arbeit zitieren:
Martin Doskoczynski, 2002, Intraregionale Wanderungen unter besonderer Berücksichtigung des Lebenszykluskonzeptes, München, GRIN Verlag GmbH
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