LMU München - Institut für Kommunikationswissenschaft
Hauptseminar: Politische Kommunikation
Verfasser:Dominik Leiner
Inhalt
1. Schweigespirale und Systemtheorie. 3
1.1. Ideen und Perspektiven der Systemtheorie. 4
1.2. Gliederung der Systemtheorie und dieser Arbeit. 4
2. Systembeschreibung. 6
2.1. Begriffe und Konventionen. 6
2.1.1. Abstraktion von der Qualität. 6
2.1.2. Gemessene Größen: Signale. 6
2.1.3. Kausalzusammenhänge: Wirkungen. 7
2.1.4. System. 7
2.1.5. Darstellung im Blockschaltbild. 7
2.2. System der Schweigespirale. 8
2.2.1. Kern der Schweigespirale. 9
2.2.2. Signale. 9
2.2.3. Operationalisierung und Skalierung. 11
2.2.4. Wirkungen. 14
2.2.5. Darstellung im Blockschaltbild. 15
3. Strukturelle Systemanalyse. 18
3.1. Anwendung. 18
3.1.1. Das Übertragungsglied „soziale Natur“ 19
3.1.2. Analyse der Black Box. 20
3.2. Kritik. 24
3.2.1. Widersprüchliche Ergebnisse. 25
3.2.2. Nutzen der strukturellen Systemanalyse. 27
4. Kritik und Diskussion. 28
4.1. Kritik an der Theorie der Schweigespirale. 28
4.1.1. Begriffs-Verwirrungen. 28
4.1.2. Gesellschaft und Gruppe. 29
4.1.3. Widersprüche im Konstrukt „öffentliche Meinung“ 31
4.1.4. Ungeklärte Zusammenhänge. 32
4.1.5. Dimensionen von Meinung. 32
4.2. Probleme der Systemtheorie in den Sozialwissenschaften. 34
4.2.1. Enorme Komplexität. 34
4.2.2. Dynamische Systeme. 35
4.2.3. Rückwirkungsfreiheit. 36
4.2.4. Motive eines Systems. 37
4.2.5. Muster-Erkennung 38
5. Ausblick auf weitere Möglichkeiten. 39
5.1. Quantitative Systemanalyse. 39
5.1.1. Stationäre Analyse. 39
5.1.2. Dynamische Systemanalyse. 40
5.2. Ultimate Systemanalyse. 41
6. Zusammenfassung. 45
7. Literatur 46
1. Schweigespirale und Systemtheorie
Der Begriff der „Schweigespirale“ wurde Anfang der 70er Jahre von Elisabeth Noelle-Neumann geprägt. Die dahinter stehende Thjeorie stellt noch heute einen wichtigen Bestandteil der Kommunikationswissenschaft dar. Nicht etwa, weil man die Theorie hätte beweisen können oder weil neue Erkenntnisse darauf aufbauten. Nein - vielmehr ist die Schweigespirale einer der wenigen Versuche des Fachs, mit mikrotheoretischen Erkenntnissen der Psychologie ein makrotheoretisches Phänomen schlüssig zu erklären. Während anderen Klassiker der Kommunikationswissenschaft klar in der Psychologie (Mikroebene) oder in der Soziologie (Makroebene) verwurzelt sind, setzt sich die Schweigespirale zwischen diese Stühle und bewegt damit auch nach 30 Jahren noch das Gemüt der Wissenschaftler. Aber trotz umfangreicher Bemühungen fassen Kunczik und Zipfel die Situation noch 2001 wie folgt zusammen:
„Insgesamt sind bislang nur einzelne Komponenten, nicht jedoch alle psychologischen, kommunikationstheoretischen und soziologischen Elemente der Schweigespirale gemeinsam einer empirischen Prüfung unterzogen worden (Donsbach 1987b). Die Komplexität des Wirkungszusammenhangs und die Langfristigkeit der Wirkungsannahme erschweren eine solche Untersuchung erheblich.“ (S. 379).
Genau genommen scheitert der Versuch einer durchgehenden Überprüfung bereits an der unvollständigen Beschreibung. So wird zwar grob der Zusammenhang zwischen den einzlenen Konstrukten geschildert, doch bei der genaueren Beschäftigung mit der Theorie bleiben manche Fragen offen. Ihre Klärung wird allerdings nicht das wichtigste Ziel der vorliegenden Arbeit sein. Vielmehr soll gezeigt werden, dass das „alte“ Problem der Schweigespirale mit einem neuen Ansatz effektiver angegangen werden kann als es bislang geschah, und dass festgefahrene Probleme unter einer neuen Perspektive frischen Schwung bekommen. Tatsächlich ist der „neue“ Ansatz älter als die Kommunikationswissenschaft selbst und firmierte zunächst unter dem Namen Kybernetik. Später, in Abgrenzung zur Informations-theorie, wurde der Ansatz dann als Systemtheorie bezeichnet und noch später - etwa zur selben Zeit wie die Schweigespirale - floss die Idee durch Luhmann und Parsons als „soziologische Systemtheorie“ in die Sozialwissenschaften ein. Doch deren Spezialisierung erscheint im vorliegenden Fall eher kontraproduktiv. Deshalb orientiere ich mich im Folgenden an einer weniger speziellen und dafür sehr exakten Ausführung von Norbert Bischof (1998), der die Systemtheorie als Hilfswissenschaft auf der psychologischen Mikroebene anbietet.
1.1. Ideen und Perspektiven der Systemtheorie
Freilich stellt die Systemtheorie kein Allheilmittel dar. Sie bietet aber die Möglichkeit, einen komplexen Zusammenhang mit einer einheitlichen Darstellung sehr handlich zu erfassen. Gerade deshalb erscheint die Schweigespirale als dankbares Opfer für die Anwendung der Systemtheorie: Denn die Schweigespirale verknüpft „Thesen aus ganz verschiedenen Wissenschaftsgebieten“ verknüpft (Donsbach & Stevenson nach Noellen-Neumann, 2001, S. 295). Und so waren es gerade die verschiedenen Denkansätze und inkompatible Konstrukte, welche in der Vergangenheit Stoff für theoretische Diskrepanzen lieferten. In der Systemtheorie sind die Eigenheiten dieser Konstrukte prinzipiell völlig irrelevant. Sie geht nämlich davon aus, dass jedes System - unter Abstraktion von der Qualität einer Größe - als Wirkungsgefüge aus Signalen und Wirkungen darstellbar ist. Auf diese Begriffe wird im Abschnitt 2.1 näher eingegangen. Doch zunächst ein kurzer Überblick, was Sie in dieser Arbeit lesen können.
1.2. Gliederung der Systemtheorie und dieser Arbeit
Bischof schlägt eine
Einordnung und Unterteilung der Systemtheorie vor, wie sie in Abbildung 1 dargestellt ist (1998, S. 106). Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung der Systemtheorie
in eine ultimate und eine proximate Herangehensweise. Während die proximate Perspektive die Struktur eines Systems untersucht, vermag es die ultimate Sicht, dieser Struktur einen Sinn zu geben. Mehr dazu in Abschnitt 5.2.
Diese Arbeit orientiert sich an der oben dargestellten Gliederung, wobei aber nur zwei Aspekte der strukturellen proximaten Systemanalyse wirklich ausführlich behandelt werden: In Abschnitt 2 soll zunächst eine Abbildung der Theorie der Schweigespirale geschaffen werden. Anschließend wird Abschnitt 3 einen Teil dieses Systems strukturell analysieren. Im Kern will diese Arbeit untersuchen, ob die Systemtheorie sich in Luhmanns „Begriffs-kombinatorik“ (Kunzik & Zipfel, 2001, S. 84) erschöpft oder ob sie neben „einer Theoriespra-
che, die nur Eingeweihten zugänglich ist“ (Käsler nach Kunczik & Zipfel, S. 84) auch nützliche Ansätze für die wissenschaftliche Praxis bietet. Zu diesem Zweck sollen in Abschnitt 4 zentrale Probleme der Systemtheorie aufgezeigt werden, die auftreten, wenn diese in der Sozialwissenschaft verwendet wird. Abschließend wird noch auf weitere Möglichkeiten der Sys-temtheorie eingegangen: auf die quantitative Systemanalyse in Abschnitt 5.1 und auf die grundlegenden Ideen der ultimaten Systemanalyse in Abschnitt 5.2. Parallel zur Systemtheorie wird in dieser Arbeit die Theorie der Schweigespirale und der öffentliche Meinung behandelt. Es ist aber absehbar, dass dieser große Themenkomplex den Rahmen der Arbeit bei weitem sprengen würde. Deshalb beschränke ich mich in jedem Abschnitt auf einen kleinen Ausschnitt des Gesamtkomplexes. Am Ende dieser Arbeit werden daher mehr Fragen entstanden sein als geklärt werden konnten. Doch angesichts der Tatsache, dass die Theorie der Schweigespirale seit ihrer Entstehung mehr verteidigt denn weiterentwickelt wurde (vgl. Noelle-Neumann, 2001 S. 347-348), dürften neue Fragen der Theorie nur zuträglich sein. Und deshalb kritisiert Abschnitt 4 nicht nur die Systemtheorie sondern diskutiert auch einige Schwächen der Schweigespirale.
2. Systembeschreibung
Als erster Teilbereich der Systemtheorie (genauer der Systemanalyse) soll die proximate Strukturanalyse betrachtet werden. Ihr Ziel ist es, die Struktur eines Systems zu erforschenalso die Frage zu beantworten, welche Größen („Signale“) wie („Wirkungen“) miteinander zusammenhängen. Die dazu verwendeten Begriffe sollen im Folgenden in Anlehnung an Bischof (1998) näher beschrieben werden.
2.1. Begriffe und Konventionen
2.1.1. Abstraktion von der Qualität
Nach Bischof ist es die „Abstraktion von der Qualität“, welche die Systemtheorie gegenüber anderen Betrachtungsweisen, vor allem der Physik, auszeichnet (S. 15-20). Im Kern bedeutet diese Abstraktion eine große Vereinfachung für den Beobachter (S. 22): Er muss sich beispielsweise keine Gedanken über die Bedeutung öffentlicher Meinung und die Funktion eines quasistatistischen Sinns machen (vgl. im Gegensatz: Noelle-Neumann, 2001, S. 84-121, S. 316 f.). Hat der Beobachter diese Größen operationalisiert und kennt er ihre kausalen Zusammenhänge mit anderen Größen, so kann er damit bereits arbeiten. An dieser Stelle wird schon deutlich, dass die Systemtheorie nicht in Konkurrenz zu jenen psychologischen und soziologischen Theorien steht, auf welchen die Schweigespirale basiert. Im Gegensatz zu ihnen kann und will die proximate Systemtheorie kausale Zusammenhänge (Wirkungen) in Systemen nämlich gar nicht erklären.
2.1.2. Gemessene Größen: Signale
Für gemessene Größen in einem System wird der Begriff „Signal“ verwendet. Entsprechend der verwandten Informationstheorie „verbindet“ ein Signal stets einen Sender mit einem oder mehreren Empfängern. Dadurch ergibt sich ein „Ort im Kausalnexus“, welcher alleine das Signal identifiziert (Bischof, 1998, S. 28). Mit anderen Worten: Ein Signal ist jene Information (im technischen Sinne), die von einem Subsystem zu einem anderen fließt. Dabei ist es unerheblich, ob die Information optisch, haptisch, verbal oder gar telepathisch übertragen wird - von der Qualität wird ja grundsätzlich abgesehen (S. 28) 1 .
1 Die Absehung von der Qualität besagt aber nicht, dass es unbedeutend wäre, wie detailreich eine Information durch einen Kanal übertragen werden kann (vgl. Transinformation eines Kanals, Bischof, 1998, S. 68). So bietet ein optisch im Fernsehen übertragenes Signal dem Empfänger in der Regel mehr unterscheidbare Zustände als ein schriftlich in der Zeitung übertragenes Signal. Die Qualität des Kanals fließt also insofern in das Signal ein als es seinen Wertebereich limitiert.
Darüber hinaus besitzt ein Signal eine zweite konstituierende Eigenschaft (Bischof, 1998, S. 28): Es muss Informationen für seinen „Empfänger“ tragen. Und dies ist nur möglich, wenn es verschiedene Zustände annehmen kann. Deshalb können Konstanten keine Signale sein.
2.1.3. Kausalzusammenhänge: Wirkungen
Das Gegenstück zum Signal ist die so genannte Wirkung - ein Begriff, der potenziell zu Verwirrung führt. Tatsächlich versteckt sich dahinter nichts anderes, als ein Systembestandteil, der aus einem oder mehreren Eingangssignalen (Inputs) ein oder mehrere Ausgangssignale(Output) erzeugt (Bischof, 1998, S. 33). Genau genommen ist nicht einmal ein physisches Objekt dafür notwendig - jede kausale Beziehung zwischen Eingangsgrößen und einer Ausgangsgröße ist eine Wirkung (S. 28 f.). Darstellbar ist diese Beziehung am einfachsten durch eine mathematisch Formel y = F(x) bzw. y = F(x, z, ...) im Falle mehrerer Eingangsgrößen. Konkrete mathematische Formeln für eine Sozialwissenschaft? Spätestens an dieser Stelle dürfte ein gewisses Unbehagen gegenüber der Systemtheorie aufkeimen. Menschen als Bausteine sozialer Systeme sind weder elektronische Bauteile mit definierten Kennlinien noch Maschinen mit fest programmiertem Verhalten. Auf dieses Problem soll unter anderem in Abschnitt 4.2 eingegangen werden.
2.1.4. System
Das System schließlich ist nichts weiter als „ein konkreter Ausschnitt aus der physischen Realität, in dem Interaktionen stattfinden ...“ (Bischof, 1998, S. 13). Aus der Perspektive der Systemtheorie also die Gesamtheit der betrachteten Signale und Wirkungen. Keine Antwort gibt die Systemtheorie indes auf die Frage, welche Wirkungen bzw. Subsysteme noch Teil des Systems sind und welche nicht mehr. Dennoch werden externe Einflüsse auf das System dadurch nicht ausgeschlossen. Sie sind vielmehr die Grundlage für stationäre Systeme (Bischof, 1998, S. 35) und Ausgangspunkt einer Systemanalyse. Bezeichnet werden solche Signale, die von außen kommen, als freie Eingänge (S. 33). Für den Beobachter sind sie „kausal unterspezifiziert“, er weiß nichts darüber, weshalb sie einen bestimmten Wert annehmen (S. 27). Offene Eingänge stellen für das System also „Freiheit“ dar, das System unterliegt keiner totalen Determination im Sinne eines Laplace‘schen Dämons (S. 25-27).
2.1.5. Darstellung im Blockschaltbild
Für die Darstellung von Systemen gibt die Systemtheorie (unter anderem) das Blockschaltbild an die Hand (vgl. Bischof, 1998, S. 33-39): Signale werden darin als Pfeile, Wirkungen als Blöcke dargestellt.
So zeigt Abbildung 2 beispielhaft die korrekte Darstellung des Gesetzes von Yerkes und Dodson (1908), wonach die Leistung einer Person mit wachsender allgemeiner Aktivierung zunimmt bis zu einem Optimum, während sie nach
überschreiten des Optimums wieder abnimmt. Die Signale wären in diesem Fall die allgemeine Aktivierung (x) und die Leis-
tung (y). Anstatt des Diagramms ließe sich übrigens auch eine Formel im Block angeben. So einfach die beschriebenen Elemente und die Darstellung im Blockschaltbild auch wirken, für den Forscher haben sie einen klaren Vorteil: Er kann tatsächliche oder theoretische Systeme übersichtlich und exakt darstellen - zumindest in der Theorie. Ob dies auch auf die Schweigespirale zutrifft soll hier geklärt werden.
2.2. System der Schweigespirale
Will man das System der Schweigespirale darstellen, so ist es sinnvoll, sich zunächst Klarheit über die Grenzen des Systems zu verschaffen. Aus systemtheoretischer Sicht bedeutet dies nichts anderes als die betrachteten Signale zu benennen. Deshalb sollte an dieser Stelle eigentlich eine Tabelle sämtlicher Signale erscheinen, die sich aus den Abhandlungen zur Schweigespirale ableiten lassen. Doch schnell wurde klar, dass dies ein aussichtsloses Unterfangen werden würde.
Zum einen sieht Noelle-Neumann die Schweigespirale als allgemein gültige Konstante menschlicher Natur (2001, S. IV), was dazu führt, dass dasselbe theoretische Konstrukt in den verschiedensten Formen erscheint: So wird das Meinungsklima, welches zunächst durch die Abschätzung eines Wahlausgangs operationalisiert ist (S. 15-16) später mit der Gefahr zerschnittener Autoreifen (S. 80, S. 82) auf eine Ebene gestellt, um im Anschluss daran unverändert in das Konstrukt „Öffentliche Meinung“ überführt zu werden (S. 91). Diese findet sich anschließend in Form religiöse Moralvorstellungen wieder (S. 357-358). Zum anderen trugen die Kritik an der Schweigespirale und deren Differenzierung ebenfalls nicht unwesentlich dazu bei, dass immer neue Größen in die Erklärung des Prozesses mit einbezogen wurden. Deshalb wird die Schweigespirale und ihre Funktion heute an unterschied-
lichste individuelle, gesellschaftliche und thematische Voraussetzungen geknüpft 2 . Und all diese Faktoren wären als Signale aufzufassen.
Doch zurück zum System. Dieses soll einen Ausschnitt der konkreten Realität umfassen (siehe oben). Es muss also weder die gesamte (soziale) Welt beschreiben, noch muss es auf verschiedenste Sachverhalte anwendbar sein. Aus diesen Gründen und angesichts der enormen und unüberschaubaren Komplexität, welche der Schweigespirale inzwischen zu eigen ist, erscheint es sinnvoll, zunächst nur den Kern der Theorie ins Visier zu nehmen.
2.2.1. Kern der Schweigespirale
Als Ausgangspunkt bietet Noelle-Neumann folgende Zusammenfassung (2001, S. 299) an:
„Das Testen der Theorie ist kompliziert, weil sie auf vier einzelnen Annahmen beruht und auf einer fünften, die die Verknüpfung dieser vier betrifft. Die vier Annahmen sind:
1. Die Gesellschaft gebraucht gegenüber abweichenden Individuen Isolationsdrohungen.
2. Die Individuen empfinden ständig Isolationsfurcht. 3. Aus Isolationsfurcht versuchen die Individuen ständig, das Meinungsklima einzuschätzen.
4. Das Ergebnis der Einschätzung beeinflußt ihr Verhalten vor allem in der Öffentlichkeit und insbesondere durch Zeigen oder Verbergen von Meinungen, zum Beispiel Reden und Schweigen.
Die fünfte Annahme verknüpft die vier Annahmen und erklärt daraus Bildung, Verteidigung und Veränderung der öffentlichen Meinung.“
2.2.2. Signale
Welche Signale sich aus diesen fünf Thesen erschließen lassen, zeigen die Tabellen 1 und 2 auf der nächsten Seite.
2 Die Schweigespirale bzw. Teile dieser Theorie hängen nach Noelle-Neumann (2001) mit unzähligen Größen zusammen, z.B.: Milieu einer Person (S. 52), Situation der Öffentlichkeit einer Person und ihre Reaktion darauf (S. 202), individuelles Peinlichkeitsempfinden (S. 316) oder sektenhafte Abkapselung einer Personengruppe (S. 248); Wissen der Öffentlichkeit (S. 350), Konformität, Integration und Gefährdung einer Gesellschaft (S. VII, S. 192, S. 198), Werte der Zukunft (S. 319) oder auf thematischer Ebene gar Neuheit/Flüssigkeit und Emotionalisierung eines (Meinungs-)Themas (S. 219-220, S. 296), akute Krisen/Bedrohungen (S. 204), Argumentationsfähigkeit einer Meinungs-Partei (S. 248-249), etc.
Tabelle 1: Signale im Mikrobereich der Schweigespirale
Aus den Signalen, welche sich aus den Thesen erschließen lassen, repräsentieren 6 die (psychologische) Mikroebene der Theorie (oben). Aus ihrem Zusammenwirken wird die Entstehung öffentlicher Meinung gefolgert - einem Konstrukt der Makroebene (unten). Außerdem kann ein Meinungsklima nur wahrgenommen werden, wenn es tatsächlich existiert. Daher soll noch ein weiteres (Makro-)Signal in das System aufgenommen werden, welches im Folgenden als „Meinungsverteilung“ bezeichnet wird.
Tabelle 2: Signale im Makrobereich der Schweigespirale
Meinungs-Begrifflichkeiten
In der Tat ist die Unterscheidung von Meinungsklima und öffentlicher Meinung nicht ganz einfach. Noelle-Neumann verwendet für diese Begriffe nämlich eine ähnliche Operationalisierung. So definiert sie öffentliche Meinung als „Meinungen im kontroversen Bereich, die man öffentlich äußern kann, ohne sich zu isolieren“ (Noelle-Neumann, 2001, S. 91, ähnlich S. 257). Doch lässt sich dieses Konstrukt nicht ohne Probleme messen (S. 300) und deshalb ist im Kontext von Messungen immer die Rede vom Meinungsklima (z.B. S. 301-302, S. 296).
Das Meinungsklima aber entspricht der (individuell) wahrgenommenen öffentlichen Meinung (Noelle-Neumann, 2001, S. 79, S. 81, S. 302) oder auch der wahrgenommenen Meinungsverteilung (S. 27-28, S. 17, S. 25). In jedem Fall existiert Meinungsklima nicht unabhängig von einer Person, auch wenn These 3 auf Seite 299 dies impliziert. Um Verwechslungen zu vermeiden, verwende ich für die aggregierten Einzelmeinungen einer Gesellschaft daher - wie oben angekündigt - die Bezeichnung „Meinungsverteilung“.
2.2.3. Operationalisierung und Skalierung
Bevor die Zusammenhänge zwischen den beschriebenen Signalen betrachtet werden, ist es sinnvoll, deren Skalierung festzuhalten.
Meinung, Verhalten und Meinungsklima
Das Konstrukt „Meinung“ nimmt in der Theorie eine zentrale Rolle ein. Es sollte nicht vergessen werden, dass der Begriff in der Sozialforschung immer wieder Probleme aufwirft, doch diese sollen hier nicht weiter stören. Für die System-Betrachtung sind Meinungen einfach durch ihre Operationalisierung definiert. Im ursprünglichen Kontext der Schweigespirale also als Einstellung bzw. Präferenz gegenüber den Wahlalternativen einer Bundestagswahl. Noelle-Neumann (2001, S. 296) schreibt hierzu: „Man muß in der Art einer normalen Umfrage ermitteln, wie sich die Meinungen der Bevölkerung zu einem ausgewählten Thema verteilen.“ Orientiert man sich an der tatsächlichen Messung, so ist die „individuelle Meinung“ eine nominal skalierte Variable. Und zur Vereinfachung betrachtet Noelle-Neumann im Kontext von Schweigespirale und Bundestagswahl sogar nur zwei mögliche Alternativen: CDU/CSU und SPD. Damit wird die Meinung (m) zur schlichten dichotomen Variable. Das Verhalten (v) äußert sich im Zeigen oder Verbergen der eigenen Meinung. Hier tritt also zu den möglichen Ausprägungen von Meinung noch die dritte Ausprägung des „Schweigens“.
Auf der anderen Seite steht das wahrgenommene Meinungsklima (w). Auf Personenbasis beschreibt es, welche Meinung „die meisten“ - in den Augen des Individuums - vertreten. Das Signal kennt also die selben Ausprägungen wie Meinung (vgl. Noelle-Neumann, 2001, S. 27). Darüber hinaus ist noch eine dritte Ausprägung zu erwarten: Unwissenheit. Denn wenn etwa 65% der Bevölkerung eine Aussage darüber treffen können, wer wahrscheinlich die Wahl gewinnt (vgl. S. 17, S. 18), so will und/oder kann sich ein Viertel bis ein Drittel der Befragten nicht festlegen (S. 17, vgl. auch S. 78 im Kontext eines anderen Themas).
Meinungsaggregate
Im Aggregat gilt die Beschränkung auf nominale Meinungs-Werte freilich nicht mehr. In der Gesamt-Umfrage wird die Meinung, welche der Einzelne zur Antwort gab, zur Meinungsverteilung (p), einem metrischen Wert (vgl. z.B. Noelle-Neumann, 2001, S. 32). Nach obiger Vereinfachung betrachten wir nur zwei sich ausschließenden Wahlalternativen, von denen genau eine präferiert wird. Deshalb kann die Meinungsverteilung eindimensional durch den Anteil jener Befragten ausgedrückt werden, die eine der beiden Meinungsausprägungen präferieren. Der andere Anteil berechnet sich als Differenz auf 100%. Die öffentliche Meinung (o) stellt indes einen Sonderfall dar. Obwohl sie aus „einer Summe individueller Meinungen“ entsteht (Noelle-Neumann, 2001, S. 321), unterscheidet sie sich von der einfachen Meinungsverteilung. Um ihrer Definition (Isolation bei Nichtbeachtung, S. 91) gerecht zu werden, muss sie viel stärker polarisiert sein, als die Meinungsverteilung. Eine Operationalisierung zur Messung gibt Noelle-Neumann nicht, trotzdem muss dieses Signal für die Theorie der Schweigespirale wenigstens als hypothetisch messbares Konstrukt gedacht werden. Entsprechend der nominalen Skalierung von Meinung und Verhalten, und entsprechend der per Definition geforderten Polarität, ist auch für die inhaltliche Komponente von öffentlicher Meinung eine Nominalskalierung anzunehmen. Doch in Tabelle 2 wurde bereits darauf hingewiesen, dass es sich bei öffentlicher Meinung wenigstens um ein zweidimensionales Konstrukt handeln muss. Dadurch soll das Konstrukt verschiedenen An-forderungen gerecht werden, die Noelle-Neumann stellt:
• Öffentliche Meinung kann sich bilden (vgl. S. 299) im Sinne von entstehen. • Es gibt „... öffentliche Meinung in verschiedenen Aggregatszuständen, fest, flüssig und »luftartig«.“ (S. 91 nach F. Tönnies).
Es muss also es einen Zustand öffentlicher Meinung geben, in dem sie noch nicht existiert bzw. in dem sie noch nicht als Tradition oder Sitte verfestigt ist. Neben der inhaltlichen
Komponente (oi) wird deshalb noch eine zweite Komponente der Existenz bzw. Verfestigung (oe) angenommen. Da es keinen stichhaltigen Gründe gibt, diese Komponente auf diskrete Werte zu beschränken, wird sie als metrisch angenommen.
Abweichung und Isolation
Die verbleibenden Signale gestalten sich recht unkompliziert. Eine Isolationsdrohung (d) kann von der Gesellschaft gebraucht werden oder eben nicht. Freilich sind Abstufungen in der Ernsthaftigkeit der Drohung denkbar oder in der Anzahl der Personen, welche die Isolation androhen. Doch darauf geht Noelle-Neumann (2001) an keiner Stelle näher ein. Daher wird für die Isolationsdrohung eine dichotome Skalierung verwendet. Entsprechendes gilt für die Isolation (i) an sich.
Und auch die
Abweichung eines Individuums (a)
kann nur dichotom skaliert sein. Zum einen, weil eine teilweise Abweichung in der Theorie nicht behandelt wird, zum anderen, weil die Abweichung als Signal eine Besonderheit aufweist: Im Gegensatz zu den anderen Signalen handelt es sich um keine natürlich existierende Größe. Die Abweichung kommt erst als Nicht-Gleichheit zweier anderer Signale zustande. Sie kann also aus logischen Gründen nicht unmittelbar manipuliert werden (nicht einmal theoretisch, vgl. Bischof, 1998, S. 79). Es handelt sich also bei der Abweichung um eine so genannte Hilfsgröße, welche ausschließlich durch Manipulation der ihr zu Grund liegenden Wirkgrößen verändert werden kann. Im konkreten Fall wären dies das Verhalten (v) und die inhaltliche Komponente öffentlicher Meinung (oi). Und diese jeweils nominalen Signale können entweder übereinstimmen oder eben nicht, womit sich die dichotome Skalierung der Abweichung (a) ergibt. Eine Toleranzzone ist in der Theorie der Schweigespirale nicht vorgesehen. Damit ist auch schon die erste Wirkung in dem
System beschrieben: Die Abweichung (a) nimmt die Ausprägung 0 (keine Abweichung) an, falls Verhalten (v) und inhaltliche Komponente öffentlicher Meinung (oi) übereinstimmen, sonst die Ausprägung 1 (Abweichung).
Weitere Zusammenhänge werden im folgenden Abschnitt behandelt.
2.2.4. Wirkungen
Welche Wirkungen sich aus den oben genannten Thesen ableiten lassen, zeigt Tabelle 3.
Tabelle 3: Wirkungen im System der Schweigespirale
Was Noelle-Neumann (2001, S. 299) in ihren Thesen nicht erwähnt, ist die tatsächliche Isolation eines Individuums (i). Die Ursachen für das Signal i können deshalb nicht geklärt werden. Dies ist aber nicht weiter problematisch, weil die Schweigespirale ohnehin davon ausgeht, dass alleine die Furcht vor der denkbaren Isolation ein Verhalten zur Folge hat, welches diese Isolation bereits präventiv vermeidet (z.B. S. 64).
Rolle der öffentlichen Meinung
Die konkreten Einflüsse auf öffentliche Meinung (o) lassen die 5 Thesen (vgl. Seite 9) offen. Da Öffentliche Meinung nur auf gesellschaftlicher Ebene existiert, scheiden individuelle Signale für deren Entstehung aber aus - lediglich deren gesellschaftliche Aggregate wären als Ursachen für öffentliche Meinung denkbar. Im vorliegenden System also das beobachtbare Verhalten der Gesellschaftsmitglieder und die Meinungsverteilung (p). Nach den Ergebnissen von Noelle-Neumann (2001, S. 27) kann die tatsächliche Meinungsverteilung aber ausgeschlossen werden. Denn das wahrgenommene Meinungsklima ist
„... ganz unabhängig davon, ob und welche demoskopischen Zahlen veröffentlicht ...“ werden. Nachdem die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung im Allgemeinen aber gut funktioniert (S. 31) ist anzunehmen, dass auch die öffentliche Meinung selbst von den (veröffentlichten) Messungen der Meinungsverteilung unabhängig ist. Ist es also das beobachtbare Verhalten der Anderen, welches öffentliche Meinung bestimmt? Noelle-Neumann erteilt dieser Vermutung eine klare Absage: „... wenn ein Klimaumschwung eintritt ... dann wird das immer fast überall gleichzeitig empfunden ... . Das ist nur möglich, wenn Signale ganz offen sind, öffentlich also. Das Verhalten in der Familie, im Primärkreis ... das ist erst einmal für den Prozeß der Schweigespirale Nebensache.“ (2001, S. 36) Das Verhalten der Anderen scheidet als Einflussfaktor damit ebenfalls aus, denn entweder es spielt sich (beobachtbar) im unmittelbaren Umfeld ab und hat laut obiger Aussage keine Wirkung oder es ist nicht beobachtbar und kann damit ebenfalls nicht wirken. Erst das medial vermittelte Verhalten der Anderen, „die Beimischung von Öffentlichkeit“ genügt Noelle-Neumann (S. 222) zufolge, um die Schweigespirale zu erklären (vgl. auch S. 326). Doch die Massenmedien und deren Aussagen liegen außerhalb der Grenzen des Systems, welches hier betrachtet wird. Und da keines der bekannten Signale öffentliche Meinung erklärt, kann es sich bei diesem Signal nur um einen freien Eingang des Systems handeln. Mit diesen Überlegungen zu Signalen und deren Zusammenwirken hat man nun ausreichend Informationen, um das System in Form eines Blockschaltbilds darzustellen.
2.2.5. Darstellung im Blockschaltbild
Die Darstellung an sich (Abbildung 4) gestaltet sich unspektakulär. Entsprechend der vorhergehenden Überlegungen werden die beobachteten Signale über ihre Wirkungen verbunden. Die Meinungsverteilung (p) und die tatsächliche Isolation (i) fanden, wie oben erläutert, keinen Eingang in das System. Das „Fehlen“ dieser beiden Signale ist aber vertretbar, da sie nur aus logischen Gründen ergänzt wurden und in den 5 Thesen von Noelle-Neumann (2001, S. 299) ohnehin nicht erwähnt werden.
Abbildung 4 ist nicht mehr als eine rein deskriptive und vergleichsweise übersichtliche Darstellung dessen, was Noelle-Neumann als die 5 Annahmen der Theorie beschreibt (2001, S. 299). Allerdings muss eingeräumt werden, dass die „Isolationsfurcht“ (Thesen 2 und 3) mit dieser Abbildung (noch) nicht ausreichend gewürdigt wird.
Einige Blöcke im Schaltbild können übrigens mit etablierten Teilsystemen der Theorie in Übereinstimmung gebracht werden. Der Block rechts oben („d=a“) symbolisiert die Gesellschaft, welche gegenüber Abweichlern Isolationsdrohungen gebraucht (S. 299). Den Block links unten („w=...“) nennt Noelle-Neumann den „quasistatistischen Sinn“ (2001, S. 316-317), den Block darüber („v=f(m,w)“) würde sie wohl am ehesten als „soziale Natur des Menschen“ (S. 64) umschreiben, denn er ist es welcher auf das Meinungsklima reagiert. Allein die Wirkung, welche die Abweichung eines Individuums beschreibt („a=f(v,o)“), lässt sich nicht ohne Weiteres einordnen. Ist es die Gesellschaft, welche über Konformität und Abweichung entscheidet - oder sind es einzelne Individuen? Diese Frage muss leider offen bleiben...
Doch ganz unabhängig davon weist die vorliegende Modellierung auf einen Fehlschluss in der fünften These hin: Die „Bildung, Verteidigung und Veränderung der öffentlichen Meinung“ (S. 299) wird von dem System der vorhergehenden 4 Thesen nämlich gerade nicht erklärt. Denn wie oben beschrieben, kann öffentliche Meinung nur als freier Eingang des Systems gesehen werden. Dieses System beschreibt also nicht die Ursachen öffentlicher Meinung, sondern es beschreibt, in welcher Situation aus öffentlicher Meinung (o), individueller Meinung (m) und unter welchen Störeinflüssen (z) ein Individuum Isolationsdrohungen (d) erhält.
Zwischenbilanz
Zur Erinnerung: Ein Ziel dieser Arbeit ist es, die Schweigespirale mit Hilfe der Systemt-heorie besser greifbar zu machen. Allerdings kann das wichtigste Element der Schweigespirale, nämlich öffentliche Meinung, durch das beobachtete Systems bislang nicht einmal annähernd erklärt werden. Daher ist die Frage angebracht: Was wurde bisher überhaupt erreicht?
Zunächst wurde die Theorie der Schweigespirale auf die zwei Grundelemente eines Systems abstrahiert: Signale und Wirkungen. Anschließend wurde ein Teilsystem zur weiteren Untersuchung durch die betrachteten Signale abgegrenzt. Dabei wurde bereits festgestellt, dass einzelne Konstrukte der Theorie - allen voran die öffentliche Meinung - schwer zu fassen sind. Ihnen mangelt es nicht nur an einer Operationalisierung sondern auch an einer exakten Definition. Doch dies stellt nicht nur für die systemtheoretischen Betrachtung ein Problem dar - diese Indizien weisen vielmehr auf theoretische Unstimmigkeiten in der Theorie der Schweigespirale hin. Denn wenn Inhalt, Dimensionen und Wertebereiche von Konstrukten (in diesem Fall von Signalen) nicht abgegrenzt sind, so lädt dies zur willkürlichen Bedeutungsverschiebung und -erweiterung ein.
Das menschliche Denken ist nach meiner Erfahrung ein Meister im Erkennen von Mustern und Analogien. Doch bei wissenschaftlichen Theorien kann dies auch in Sackgassen führen. Im vorliegenden Fall gibt es verschiedene Beobachtungen in der realen Welt, wie Religion, Gruppendruck oder geringes Vorwissen, welche oft zu dem selben Ergebnis führen: Menschen äußern eine andere Meinung als die eigene. All diese Beobachtungen mit dem Aufkleber „öffentliche Meinung“ zu versehen, erscheint aus systemtheoretischer Sicht problematisch. Denn obgleich hier vielleicht ähnliche psychologische Prozesse wirken, laufen diese in völlig unterschiedlichem Kontext ab. Die Systeme, welche hinter den Prozessen stehen, dürften sich grundlegend unterscheiden. Und weil nicht nur interessant ist, was im Ergebnis herauskommt, sondern auch wie es entsteht - deshalb ist es sinnvoll Superkonstrukte für Supertheorien zu vermeiden.
Wie sieht das Ergebnis dieser kurzen Zwischenbilanz aus? Zum einen scheinen die Werkzeuge der Systemtheorie recht nützlich, wenn ein Theoriegeflecht exakt zu erfassen und einheitliche und übersichtliche darzustellen ist. Darüber hinaus kann die Systemtheorie auch beim Auffinden von Unstimmigkeiten und Ungenauigkeiten helfen und so frühzeitig auf theoretische Probleme hinweisen.
Doch bislang wurde die Systemtheorie nur rein deskriptiv angewandt. Der folgende Abschnitt soll weiter gehen und sich an der Analyse des Systems versuchen.
3. Strukturelle Systemanalyse
3.1. Anwendung
Ziel der strukturellen Systemanalyse ist es, verborgene Wirkungsgefüge in Blöcken zu erkennen. Ausgangspunkt ist eine Black Box - in diesem Fall eine Wirkung (auch als „Übertragungsglied“ bezeichnet), von der man weiß, dass die Eingangs- auf die Ausgangsgrößen wirken. Aber es ist nicht bekannt, wie die Größen untereinander verbunden sind. Recht anschaulich verdeutlicht dies eine Abbildung von Bischof:
Abbildung 5 zeigt fünf mögliche Wirkungsgefüge, aus denen ein Übertragungsglied mit einem Eingang (z) und zwei Ausgängen (x, y) bestehen kann. Von zentraler Bedeutung für die strukturelle Differenzierung sind die in der Abbildung verwendeten Pfeilsymbole. Sie symbolisieren eine (mindestens) indirekte (x y) bzw. direkte Wirkung (x y) zwischen zwei Signalen und legen damit die verborgene Struktur des Übertragungsglieds eindeutig fest. Um den Zusammenhang (direkt oder indirekt) zwischen zwei Signalen x und y zu überprüfen, kennt die strukturelle Systemanalyse zwei Grundoperationen: Manipulation und Aufschneidung (Bischof, 1998, S. 97). Doch mehr dazu weiter unten.
3.1.1. Das Übertragungsglied „soziale Natur“
Eine Differenzierung ist nur für „implizite“ Wirkung möglich - also bei einem Übertragungsglied, das mehr als einen Ausgang besitzt (Bischof, 1998, S. 95-97). Das bisher von der Schweigespirale modellierte System (vgl. Abbildung 4, Seite 16) besteht aber ausschließlich aus expliziten Übertragungsgliedern und befindet sich daher in einer Form, die nicht weiter differenziert werden muss. Aus diesem Grund wird das beobachtete System um ein neues Signal ergänzt.
Erweiterung des betrachteten Systems
Noelle-Neumann schreibt dem Meinungsklima (w) nicht nur
Auswirkungen auf das Redeverhalten (v) von Menschen zu, sondern auch auf ihr Wahlverhalten (2001, S. 16). Dieses Wahlverhalten (h) soll nun als Signal in das beobachtete System aufgenommen werden 3 . Die „Ursachen“ für das Wahlverhalten dürften in der individuellen Meinung (m) und im wahrgenommenem Meinungsklima (w) zu suchen sein. Außerdem könnte es mit dem (Rede-) Verhalten (v) in Zusammenhang steht. Das Übertragungsglied „soziale Natur“ erhält deshalb einen neuen Ausgang und wird dadurch zu einer impliziten Wirkung (Abbildung 6). Eine Veränderung der individuellen Meinung durch den Druck der öffentlichen Meinung ist aus Noelle-Neumanns Ausführungen übrigens nicht zu vermuten! Sie spricht ausschließlich von der Integration des tatsächlichen Verhaltens (S. 195) als Kompromiss zwischen „gesellschaftlichen Übereinstimmungen und den Neigungen, Überzeugungen des Einzelnen“ (S. 121) 4 .
(Gleichungs-)Systeme
Zurück zur Differenzierung des veränderten Übertragungsglieds „soziale Natur“. Während Abbildung 5 nur 5 Grundstrukturen für eine Wirkung mit einem Eingang und zwei Ausgängen
3 Als mögliche Ausprägungen werden die beiden Ausprägungen von Meinung sowie Nicht-Wahl angenommen.
4 Folgt man Überlegungen konsistenztheoretischer Ansätze, so ist eine Verhaltensänderung ohne Einstellungsänderung auf kognitiver und/oder emotionaler Ebene eher unwahrscheinlich. Dennoch ist der Wettstreit zwischen individueller und sozialer Natur des Menschen (also individueller Meinung und sozial-konformem Verhalten) ein Grundelement in den Überlegungen von Noelle-Neumann (2001, z.B. S. 121, S. 295). Dieses Grundelement muss in einer systemtheoretischen Modellierung ihrer Theorie entsprechend erhalten bleiben.
zeigt, liegt nun eine Wirkung mit zwei Eingängen vor. Entsprechend mehr explizite Formulierungen sind für die implizite Funktion f 1 (v, h) = f 2 (m, w) denkbar. Tabelle 4 zeigt die Möglichkeiten für die einzelnen Ausgänge. Unter der oben aufgestellten Voraussetzung, dass beide Signale v und h wenigstens indirekt von den Eingängen m und w abhängen (m → v, h und w → v, h), lassen sich die Gleichungssysteme in Tabelle 5 aufstellen.
w), so dass für ein Übertragungsglied mit je zwei Ein- und Ausgängen insgesamt 10 Grundtypen existieren.
3.1.2. Analyse der Black Box
Welche Struktur sich tatsächlich in dem Block versteckt, ist nun durch eine Analyse der direkten und indirekten Wirkungen zwischen den Ein- und Ausgangssignalen zugänglich. Dabei kommen die oben genannten Grundoperationen zum Einsatz.
Tatsächlich wäre eine empirische Durchführung dieser Operationen notwendig, um gesicherte Ergebnisse zu erhalten. Da dies den Rahmen der Arbeit aber sprengen dürfte, werden
im Folgenden wenigstens plausible Überlegungen dazu angestellt, welche Ergebnisse man erwarten darf.
Manipulation
„Bei der Manipulation versucht man, eine der beiden Ausgangsgrößen, sagen wir x, durch einen Eingriff in das System zu verändern. Ändert sich dabei reproduzierbar auch die andere Ausgangsgröße y (und kann man plausibel machen, daß man nicht etwas versehentlich [die beiden Größen zu Grund liegende Ursache] z oder y selbst manipuliert hat), dann gilt jedenfalls x → y“. (Bischof, 1998, S. 97)
Durch Manipulation des Systems lassen sich also Aussagen zu (mindestens indirekten) Wirkungen treffen. Im vorliegenden Fall interessieren die Wirkungen h → v und v → h. Weiß man um deren Zusammenhang bzw. die Unabhängigkeit, so lässt sich die Auswahl möglicher Strukturen bereits deutlich eingrenzen. Allerdings ist es zur Überprüfung notwendig, v und h unabhängig voneinander zu manipulieren, ohne dabei m oder w zu verändern.
Manipulation des Rede- und Schweigeverhaltens (v)
Unter „Reden“ subsumiert Noelle-Neumann (2001, S. 42) prinzipiell jegliche Verhaltensweisen, welche auf die (vermeintliche) Meinung des Redenden schließen lassen. Unter Schweigen ist entsprechend das Unterlassen dieser Verhaltensweisen zu verstehen. Ist es möglich, hier im Sinne einer Manipulation einzugreifen?
Denkbar wäre es, das Individuum einfach um ein entsprechendes Verhalten zu bitten. Da die Versuchsperson in diesem Fall um die „Vortäuschung“ des Verhaltens wüsste, ist eine Veränderung der tatsächlichen Meinung kaum zu befürchten. Ebenso dürfte die Person das Meinungsklima ihrer Umwelt nicht verändert wahrnehmen 5 . Die spannende Frage ist aber, wie man nun das Wahlverhalten messen soll. Denn würde man „jetzt mal die ehrliche Wahlabsicht“ wissen wollen, so würde man die gewünschte Manipulation aushebeln und den Versuch für die Messung unterbrechen. Die höchste Validität verspricht daher eine Durchführung des Versuchs am Wahltag und eine spätere Befragung zur Wahlhandlung. Hat man unmittelbar vor dem Versuch die (wirkliche) Wahlabsicht der Person in Erfahrung gebracht, so lässt sich feststellen, ob das manipulierte Verhalten auch zu einer veränderten
5 Es wäre möglich, dass die Person an ihren Gesprächspartnern Reaktionen auf das manipulierte Verhalten beobachtet, mit denen sie nicht gerechnet hatte. Dies wäre wahrscheinlich der Fall, wenn sich das bislang wahrgenommene Meinungsklima deutlich von der Realität unterschieden hätte. Derartige Verzerrungen ließen sich durch eine nachfolgende Befragung der Person kontrollieren und müssten bei der Auswertung der Ergebnisse berücksichtigt werden.
Wahlhandlung geführt hat. Insgesamt ist eine Wirkung des Redeverhaltens (v) auf das Wahlverhalten (h) aber eher unwahrscheinlich, so dass vom Ergebnis v h auszugehen ist.
Manipulation der Wahlhandlung (h)
Deutlich problematischer gestaltet sich die Manipulation der Wahlhandlung. Einerseits ist es verboten, politische Wahlen zu manipulieren, andererseits dürfte es in einem Laborexperiment kaum möglich sein, die Ernsthaftigkeit einer Bundestagswahl zu simulieren. Für die rein hypothetische Überlegung gehe ich davon aus, dass die Versuchsperson durch Bestechung zu einer bestimmten Wahlhandlung bewegt wurde und zwar bereits einige Tage vor der Wahl.
Obwohl hier eine gewisse Abhängigkeit von der Persönlichkeit zu erwarten ist, dürften Personen, die gegen ihre bisherige Meinung abstimmen sollen, kognitive Inkonsistenz erfahren. Entsprechend konsistenztheoretischen Ansätze wird „Inkonsistenz als unangenehmer psychischer Spannungszustand empfunden, der möglichst schnell zu beseitigen ist“ (Kunczik & Zipfel, 2001, S. 308-309; vgl. auch Festinger, Irle & Möntmann, 1978, S. 30). Ausgehend davon, dass die Manipulation der Wahlhandlung (h) erfolgreich war, kann die Person ihr restliches Kommunikationsverhalten (v) der geplanten Wahlhandlung anpassen, um die Dissonanz in ihrem Verhalten zu reduzieren 6 . Damit würde gelten: h v.
Alleine durch die Ergebnisse h und v
chungssysteme aus Tabelle 5 auf nur noch 4 Alternativen reduziert (vgl. Tabelle 6). Nämlich alle Systeme, in denen v von h abhängt, h aber nicht von v. Tabelle 7 stellt die verbleibenden Möglichkeiten im Blockschaltbild dar.
6 Nach Festinger et al. (1978, S. 31-35) wäre zu erwarten, dass nicht nur anderes Verhalten, sondern auch die kognitive und emotionale Einstellung (also die Meinung) verändert würde. Doch eine Veränderung der Meinung widerspricht der Theorie der Schweigespirale (vgl. Fußnote 4, S. 19). Abgesehen von der Veränderung des Redeverhaltens besteht für die Versuchsperson übrigens noch die Möglichkeit, ihre Wahlhandlung neu zu bewerten: „Es ist ja für die Wissenschaft“ oder „Eine einzelne Stimme zählt sowieso nicht“. Daher sollten die obigen hypothetischen Überlegungen nur als ein mögliches Ergebnis gesehen werden.
Aufschneidung
Da die Möglichkeiten durch die bisherigen Ergebnisse bereits stark eingeschränkt wurden, muss zur Bestimmung des richtigen Wirkungsgefüges nur noch die direkte Wirkung von m und w auf v überprüft werden.
Zur Überprüfung der direkten Wirkung „müssen wir einen weiteren Eingriff vornehmen, bei dem wir das System an geeigneter Stelle aufschneiden. Diese Operation muss so erfolgen, daß die kausale Koppelung zwischen [Eingang] z und [einem der Ausgänge] x erlischt. Ist es dann im so veränderten System möglich, durch Manipulation von z wenigstens noch [den anderen Ausgang] y zu verändern, so sagen wir, z wirke direkt auf y, und drücken dies durch einen Doppelpfeil aus: z y“. (Bischof, 1998, S. 97-98)
Aufschneidung: Wirkt die Meinung direkt auf das Redeverhalten? Ziel der ersten Aufschneidung muss also eine Veränderung des Systems sein, welche die Wirkung von m auf h unterbindet, den Zusammenhang von m und v aber nicht zerstört. Die Manipulation der Meinung m (zur Überprüfung der Wirkung) kann anschließend z.B. durch intensive Überzeugungsarbeit für eine der beiden Meinungsalternativen geschehen. Für diesen Versuch kommt uns die Realität entgegen. Denn trotz einer steigenden Tendenz zum Wechselwähler, sind Wahlabsichten (h) relativ stabil 7 (Arzheimer & Falter, 2002, S. 8; vgl. auch Noelle-Neumann, 2001, S. 19). Es ist also zu zeigen, dass eine Person durch ausreichende Überzeugungsarbeit dazu gebracht werden kann, eine Meinung zu vertreten, welche
7 Aus dem Infratest-dimap Wahlreport (1998, S. 12) und der repräsentativen Wahlstatistik (Werner, 2003, S. 174) lässt sich ein Wechselwähler-Anteil von ca. 5 bis 10% der Wahlberechtigten Bevölkerung abschätzen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass mehr als 90% der Wähler in zwei aufeinander folgenden Wahlen die selbe Partei wählen.
ihrer ursprünglichen Meinung und Wahlabsicht widerspricht. Dabei darf sich ihre Wahlabsicht (z.B. aus Habitualisierung) aber nicht verändert. Gelingt dies, was angesichts der hohen Stabilität von Wahlabsichten sehr wahrscheinlich ist, so kann von einer direkten Wirkung der Meinung auf das Redeverhalten ausgegangen werden: m v.
Aufschneidung: Wirkt das Meinungklima direkt auf das Redeverhalten? Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Meinungklima und Redeverhalten stellt sich eigentlich gar nicht, denn diese Wirkung ist eine fundamentale Grundlage der gesamten Theorie. Entsprechend kann man sich hier auf Ergebnisse von Noelle-Neumann (2001, S. 66-73) berufen, die zeigen, dass sich das Rede- bzw. in diesem Fall Schweige-Verhalten bei entsprechendem Meinungsklima verändert. Eine Veränderung der Wahlabsicht könnte durch entsprechende Messung kontrolliert und im Idealfall ausgeschlossen werden - doch bereits Noelle-Neumann beobachtete das Fehlen einer nachhaltigen Veränderung der Wahlabsicht (vgl. S. 54). Es gilt somit w v.
Zusammenfassung der Ergebnisse
Abbildung 7 fasst die Wirkungen zwischen m und w einerseits sowie h und v andererseits noch einmal zusammen (links). Daneben zeigt sie das Blockschaltbild des korrespondierenden Wirkungsgefüges.
Durch die Analyse des impliziten Übertragungsglieds „soziale Natur“ kann eindeutig auf das Wirkungsgefüge geschlossen werden, welches sich bislang in dieser Black Box befand. Das beobachtete System kann somit differenzierter dargestellt werden, was im Endeffekt neue Aussagen über das System ermöglicht.
3.2. Kritik
Bisher wurde dargestellt, wie man aus den „Reaktionen“ eines Systems auf dessen Innenleben schließen kann - ganz im Sinne des Behaviourismus. Doch das Ergebnis der strukturellen Differenzierung ist im dargestellten Falls gar nicht so eindeutig, wie es zunächst scheint.
3.2.1. Widersprüchliche Ergebnisse
Auf Widersprüche stößt man allerdings erst, wenn man die direkte Wirkung des wahrgenommenen Meinungsklimas auf die Wahlhandlung untersucht. Unter der gegebenen Prämisse m h und den Ergebnissen der Manipulationsversuche eigentlich eine unnötige Operation.
Wirkt w direkt auf h?
Zur Bestätigung dieser direkten Wirkung muss es gelingen, das System so zu unterbrechen, dass eine Manipulation des wahrgenommenen Meinungsklimas zwar die Wahlhandlung (h) beeinflusst, nicht jedoch das Rede- und Schweigeverhalten (v). Wie das wahrgenommene Meinungsklima manipuliert werden kann, zeigt Noelle-Neumann mit dem Droh- oder Eisenbahn-Test (2001, S. 66-67): In einer erzählten Situation erfährt die Versuchsperson aus den Meinungsäußerungen anwesender Personen, welche Meinung diese vertreten. Die Redebereitschaft der Versuchsperson wird daraufhin mit folgender Frage gemessen: „Würden Sie sich gerne mit diesem Menschen unterhalten, oder würden Sie keinen großen Wert darauf legen?“. Nach der Voraussetzung w h wird sich das Wahlverhalten der Versuchsperson in solch
einer Atmosphäre ändern, falls das wahrgenommene Meinungsklima nicht der individuellen Meinung entspricht (w ≠ m). Wird diese Voraussetzung nicht erfüllt, so muss das Meinungsklima im Versuch aggressiver manipuliert werden, bis diese Voraussetzung erfüllt ist. Ist jedoch der Druck des Meinungsklimas stark genug, um das Wahlverhalten zu beeinflussen, wie soll man dann einen Einfluss auf das, für die Versuchsperson wahrscheinlich weniger wichtige, Redeverhalten verhindern? Eine Bestechung wie bei der Manipulation des Signals v scheidet in diesem Fall aus, denn die direkte Manipulation eines Signals geht über die Aufschneidung hinaus. Und auch das Knebeln und Fesseln der Person (rein hypothetisch natürlich) führt nicht zum gewünschten Ergebnis, da in diesem Fall keine Wahlhandlung mehr möglich ist. Somit scheint diese Aufschneidung zwischen w und v unmöglich. Bei genauerer Betrachtung schließt bereits die Definition, welche Noelle-Neumann für „Reden und Schweigen“ (v) liefert, eine entsprechende Aufschneidung aus. Denn wenn das Kommunikationsverhalten „im weitesten Sinne“ auszulegen ist (2001, S. 42) und praktisch jede Form menschlichen Verhaltens umfasst, dann schließt es auch die Wahlhandlung mit ein. Es muss folglich gelten: w h. Aber diese Aussage steht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Manipulationsversuche. Geht man davon aus, dass die Manipulationsversuche korrekt durchgeführt wurden, dann ist der Fehler an anderer Stelle zu suchen.
Erklärung 1: Unbekannte Einflüsse
Eine sehr beliebte und häufig zutreffende Erklärung für nicht erklärbare Phänomene sind unbekannte Einflüsse und Störungen 8 . In der psychologischen Forschung lassen diese sich schon aufgrund individueller Unterschiede nie ausschließen. Man könnte also vermuten, dass die Ursachen von Rede- und Wahl-Verhalten nicht vollständig beschrieben wurden.
Erklärung 2: Falsche Prämissen
Mindestens ebenso wahrscheinlich ist es aber,
dass die Voraussetzungen des Systems falsch sind. So widerspricht es beispielsweise der Alltagserfahrung, die Meinung als freien Eingang des Systems zu betrachten. Viel eher würde man vermuten, dass die Meinung selbst ein Ausgang des Systems ist. Außerdem stellt die Meinung eine relativ stabile Größe dar - es ist also davon auszugehen, dass die
bestehende Meinung die zukünftige Meinung beeinflusst. Das Signal würde also, wie in Abbildung 8 dargestellt, in Art einer Rückführung wieder zurück ins System fließen. Mit drei Ausgängen erreicht das betrachtete Übertragungsglied nun die Komplexitätsstufe K(2) (Bischof, 1998, S. 94-95). Entsprechend lässt sich das verborgene Wirkungsgefüge in drei Blöcke der Komplexität K(0) - also mit jeweils einem Ausgang - zerlegen. Dadurch entstehen zahlreiche neue Möglichkeiten für die innere Struktur: Beispielsweise ein Regelkreis, welcher die bestehende Meinung mit einer gewissen Verzögerung an das wahrgenommene Meinungsklima anpasst und so die Dissonanz zwischen Meinung und Verhalten vermindert.
Erklärung 3: Unvollständige Beschreibung der Signale
Abschließend muss die Frage erlaubt sein, ob die Operationalisierung der Signale überhaupt ausreicht, um wenigstens alle möglichen Zustände des Systems zu erklären. Insbesondere das dichotome Messniveau der Meinung erscheint problematisch. Zum einen lehren Alltagserfahrung und psychologische Erkenntnisse, dass Meinung - oder Einstellung - in der Realität ein sehr vielschichtiges Konstrukt sein kann. Zum anderen können die Signale Meinung (m, 2 Ausprägungen) und wahrgenommenes Meinungsklima (w, 3 Ausprägungen) nur insgesamt 6 verschiedene Kombinationen bilden. Zur Erklärung der Variable Redeverhalten
8 Aus systemtheoretische Sicht besteht zwischen Einflüssen (also Eingangs-Signalen) und Störungen kein grundlegender Unterschied. Beides sind Quellen von Information bzw. unterspezifizierter Aktualität (vgl. Bischof, 1998, S. 71, S. 65).
(v, 3 Ausprägungen) reicht das vielleicht noch aus. Doch wenn ein Übertragungsglied, wie in Abbildung 8 dargestellt, aus diesen Signalen auch noch Meinung (m, 2 Ausprägungen) und Wahlverhalten (h, 3 Ausprägungen) erklären soll, so stößt man an eine wichtige Grenze. Wenn das (statische) System nämlich nur 6 (verschiedene) Eingangs-Zustände einnehmen kann, so sind nach der Informationstheorie auch nur maximal 6 Ausgangs-Zustände möglich (vgl. Bischof, 1998, S. 64-66). Von den theoretisch denkbaren 3(v) x 3(h) x 2(m) = 18 Ausgangs-Zuständen dürften in der Realität also nur 6 zu beobachten sein. Dies ist freilich recht unwahrscheinlich - also muss das Übertragungsglied entweder weitere Eingänge besitzen (z.B. Störungen, siehe auch Erklärung 1: Unbekannte Einflüsse, S. 26) oder die Eingangssignale sind tatsächlicher differenzierter zu betrachten als bislang geschehen. Tabelle 8 macht nochmal deutlich, warum
die gegebenen 6 Kombinationsmöglichkeiten praktisch doch nicht für die Erklärung des Rede-Verhaltens (v) genügen. Ist eine Person nämlich im Ungewissen darüber, welches Meinungsklima herrscht (w = ungewiss), so
könnte sie - ohne Widerspruch zur Schweigespirale - sowohl ihre eigene Meinung vertreten als auch in Schweigen verfallen. Da in der Realität wohl beides zu beobachten ist, spricht vieles dafür, insbesondere das Signal Meinung (m) differenziert zu betrachten. Mehr dazu in Abschnitt 4.1.
3.2.2. Nutzen der strukturellen Systemanalyse
In diesem Abschnitt wurde gezeigt, dass die strukturelle Systemanalyse viele Probleme aufwerfen kann. Doch im Allgemeinen muss man davon ausgehen, dass derartige Unstimmigkeiten lediglich Hinweise auf logische Probleme der betrachteten Theorie sind. Deshalb scheint die Systemtheorie auch hier zumindest einen großen Nutzen zu haben: Sie „findet“ logische Fehler im Theorie-Geflecht.
Darüber hinaus kann die progressive Differenzierung (die dargestellte Analyse unbekannter Wirkungsgefüge) ein praktisches Hilfsmittel bei der Modellierung in sich stimmiger Theorien sein. Und sowohl die Modellbildung als auch die Überprüfung im Experiment kann potenziell dadurch vereinfacht werden, dass selbst in komplexen Systemen nur jeweils ein Wirkungszusammenhang auf einmal untersucht werden muss.
4. Kritik und Diskussion
Die vorhergehenden Abschnitte haben versucht, grundlegende Methoden der Systemtheorie auf die festgefahrene Theorie der Schweigespirale anzuwenden. Dabei wurde klar, dass diese Theorie stellenweise mit massiven Mängeln zu kämpfen hat. Doch auch die Systemt-heorie ist alles andere als bereit für die Anwendung in einer Sozialwissenschaft. Während sich der Abschnitt 4.1 mit spezifischen Problemen der Schweigespirale auseinandersetzt, soll Abschnitt 4.2 von Problemen berichten, die im Rahmen dieser Arbeit mit der Systemtheorie auftraten und die zu großen Teilen auch noch nicht gelöst werden konnten.
4.1. Kritik an der Theorie der Schweigespirale
4.1.1. Begriffs-Verwirrungen
Es wurde darauf hingewiesen, dass Noelle-Neumann (2001) das Konzept der Schweigespirale auf verschiedenste Beobachtungen in der Realität anzuwenden versucht. Aus systemtheoretischer Sicht ist dies zulässig, wenn es sich (auf der gewählten Abstraktionsebene) wirklich um gleiche Systeme handelt. Das bedeutet, dass die gleichen Signale mit gleichem Wertebereich den gleichen (kausalen) Zusammenhängen folgen.
Im Buch „Öffentliche Meinung“ von Noelle-Neumann (2001) wird diese Anforderung nicht erfüllt. Daher haben die selben Begriffe mitunter unterschiedlichste Bedeutung. Neben der öffentlichen Meinung sind dabei insbesondere „Isolation“ und „Isolationsdrohung“ zu nennen. Hinter diesen Begriffen versteckt sich prinzipielle jede Handlung, die als Sanktion bzw. deren Androhung wirken kann. Angefangen bei vermiedenem Augenkontakt oder der Vermeidung von Nähe (S. 19), über die verbale Drohung (S. 70) und die Verweigerung von Hilfe (S. 81) bis hin zu zerschnittenen Autoreifen (S. 79-80) wird alles mögliche unter diesem Begriffspaar subsumiert. Eine klare Unterscheidung zwischen der Drohung und der Tat unterbleibt ebenso wie eine Definition des Tatbestands von Isolation. Der Begriff „Sanktion“ kommt dem beschrieben Konstrukt sicherlich näher. Doch selbst dann sollte wenigstens zwischen verschieden schweren Sanktionen unterschieden werden - ansonsten müsste jeder Sanktion die selbe Wirkung zugeschrieben werden. Dieser Zusammenhang ist in der Realität aber sicherlich nicht zu beobachten.
4.1.2. Gesellschaft und Gruppe
Isolation in der Gesellschaft?
Der Begriff „Isolation“ bringt noch ein weiteres Problem mit sich. Er bedeutet etwa so viel, wie den Ausschluss von einem gemeinschaftlichen Gut. Denkt man an Stämme als Lebensgemeinschaft, so ist es dort beispielsweise möglich, einem einzelnen Mitglied Nahrung oder Schutz zu verwehren. Denkt man an eine Clique, so können einem Mitglied die Kommunikation und damit gruppeninterne Informationen verwehrt werden. Noelle-Neumann versucht nun, die Erkenntnisse von Forschungen zur Gruppendynamik auf die gesamte Gesellschaft zu übertragen (2001, S. 304-306). Als dritte und schwerste Sanktion einer Gruppe nennt sie in diesem Kontext den Ausschluss des abweichenden Mitglieds (S. 304). Doch ist dies in der heutigen Massengesellschaft überhaupt möglich? Dank funktionaler Arbeitsteilung, einheitlicher Währung, Rechtsstaat und sozialer Absicherung wird es kaum möglich sein, einer Person Nahrung und Schutz zu verweigern. Und wenn, dann darf dies nach aktueller Rechtlage nicht durch einen beliebigen Teil der Gesellschaft, sondern nur durch die Exekutive erfolgen. Da Noelle-Neumann die öffentliche Meinung auf einer völlig anderen Ebene ansiedelt als verbindliche Rechtsnormen, ist die Sanktionierung mit dem Ausschluss aus der Gesellschaft (also Isolation) prinzipiell nicht möglich. Insofern ist es sicherlich berechtigte Kritik, dass sich das Verhalten von Gruppen nicht auf das Verhalten der Gesellschaft übertragen lässt. Dabei ist zu beachten, dass Noelle-Neumann (2001, S. 36) den Prozess der Schweigespirale ganz klar vom Bereich der Gruppe trennt und die gesellschaftliche Öffentlichkeit als Voraussetzung stellt.
Strukturen in der Gesellschaft
Das Verhalten des Primärkreises, also interpersonale Kommunikation, erklärt Noelle-Neumann zur „Nebensache“ (2001, S. 36). Dennoch nutzt sie in ihrer Theorie die Idee des Meinungsführers (Noelle-Neumann, 2001, z.B. S. VIII; Noelle-Neumann, Kepplinger & Donsbach, 1999, S. 214, S. 198) und nimmt sogar in Anspruch, ihn mit der Skala der Persönlichkeitsstärke wiederentdeckt zu haben (Noelle-Neumann, 2002, S. 129). Doch die Schweigespirale kennt Meinungsführer und andere „Außenseiter“ (Noelle-Neumann, 2001, S. 200) nur dann, wenn es darum geht, die öffentliche Meinung zu verändern. Im eigentlichen Prozess der Durchsetzung einer öffentlichen Meinung wird auf interpersonale Strukturen nicht eingegangen. Dabei müsste die Angst davor, von der Primärgruppe isoliert zu werden, doch wesentlich stärker sein als die Angst, von einer anonymen Gesellschaft isoliert zu werden. Immerhin bestehen zu verschiedenen Primärgruppen nicht nur kommunikative
Bindungen: Gerade die Bindungen an die Familie sind über eine lange Spanne des Lebens auch existenzieller Natur.
Betrachtet man außerdem noch verschiedene Ergebnisse von Noelle-Neumann zur Wahrnehmung des Meinungsklimas, so darf man vermuten, dass interpersonale Kommunikation gerade hier eine sehr große Rolle spielt. So schreibt Sie zwar, dass Personen das Meinungsklima im Allgemeinen korrekt wahrnehmen (2001, S. 31) - doch eigentlich stimmt das nicht. Die Frage, welche sie stellt lautet: „Einmal abgesehen von Ihrer eigenen Meinung - was glauben Sie, sind die meisten Leute für oder gegen ...“ (S. 25). Wüssten die Befragten tatsächlich um die Meinungsverteilung in der Bevölkerung, so müssten sie beim Überschreiten der 50%-Marke pro Meinung A einstimmig antworten: „Die meisten Leute sind der Meinung A“. Die entgegengesetzte Antwort müsste man erhalten, wenn die 50%-Marke zugunsten der anderen Meinung überschritten wird.
Tatsächlich verhält es sich aber ganz anders: Der Anteil jener Personen, die eine bestimmte Meinung im Vorteil sieht, gleicht dem Anteil, der diese Meinung vertritt. Eben dies meint Noelle-Neumann auch mit der vermeintlich guten Wahrnehmung des Meinungsklimas. Für diesen linearen Zusammenhang gibt es mindestens zwei gute Gründe - und der zweite spricht deutlich für eine große Bedeutung interpersonaler Kommunikation:
1. In Befragungen werden heikle Fragen manchmal projektiv gestellt. Das bedeutet, dass die Frage, was man selbst denke, durch die Frage ersetzt wird, was andere wohl denken. Als Forscher erwartet man sich dennoch, dass der Befragte seine eigenen Meinung verrät. Warum sollte er nicht auch auf die Frage nach dem Meinungsklima mit seiner eigenen Meinung antworten?
2. Wenn eine Person nach der Meinung „der meisten Leute“ gefragt wird, so wird sie kaum über 80 Mio. Bundesbürger nachdenken - schon alleine deshalb, weil sie deren individuelle Meinungen wahrscheinlich nicht kennen. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie an einige wenige Personen denkt, deren Meinung sie kennt oder zu kennen glaubt 9 . In den allermeisten Fällen dürften dies Personen aus dem persönlichen Umfeld und/oder medial vermittelte Personen sein. Nun steht zu vermuten, dass innerhalb von Gruppen eher eine homogen Meinung vertreten wird, dass die Meinungen also weniger auf Personen als mehr auf
9 Diese Vermutung entspricht etwa dem Konzept der Zugänglichkeit und Lebhaftigkeit von Informationen aus der Forschung zur Kultivierungshypothese (Kunczik & Zipfel, 2001, S. 408). Diese Hypothese besagt im Großen und Ganzen, dass jemand, der nach einer Einschätzung zu seiner Umwelt gefragt wird, sich an wenigen gut zugängliche Erinnerungen orientiert.
Gruppen verteilt sind 10 . Wenn ein Mitglied solch einer Gruppe nun nach der Meinung der meisten Leute gefragt wird, so dürfte es sehr wahrscheinlich mit der Gruppenmeinung ant-worten (außer die Medien vermitteln ein gänzlich anderes Bild 11 ). Die Verteilung der wahrgenommenen Meinungklimata der Befragten würde in diesem Fall nahe bei der tatsächlichen Meinungsverteilung liegen - eben jenes Ergebnis welches Noelle-Neumann beobachten konnte.
Noelle-Neumann, Kepplinger und Donsbach kommen zu dem Schluss, dass „... die persönliche Kommunikation im Wahlkampf 1998 eine ungleich größere Rolle als 1990 und 1994 spielte.“ (1999, S. 198) Angesichts der deutlichen Hinweisen darauf, dass interpersonale Kommunikation auch die Wahrnehmung des Meinungsklimas gravierend beeinflussen dürfte, scheint eine Verbannung der gesellschaftlichen Strukturen aus der Theorie der Schweigespirale kontraproduktiv. Nicht zuletzt deshalb, weil auch die wichtigen Komponenten Isolation und sozialer Druck klassische Elemente der Gruppe - nicht aber der Gesellschaft sind.
4.1.3. Widersprüche im Konstrukt „öffentliche Meinung“
Den Begriff „öffentliche Meinung“ beleuchtet Noelle-Neumann (2001, S. 84-199) sehr umfassend und kommt zu folgender Definition: „Öffentliche Meinung, das sind Meinungen, Verhaltensweisen, die man in der Öffentlichkeit äußern oder zeigen muß, wenn man sich nicht isolieren will ...“ (S. 257). Diese Definition hat allerdings zwei große Schwächen: Zum einen grenzt sie die öffentliche Meinung in keinster Weise von einer gesellschaftlichen „Norm“ ab. Zum anderen steht die Definition im krassen Widerspruch zu dem, was Noelle-Neumann von der öffentlichen Meinung fordert: So muss (!) man per Definition davon ausgehen, dass in der Gesellschaft weitgehende Einigkeit über die öffentliche Meinung besteht 12 . Andererseits aber tritt die Schweigespirale nur dort auf, „wo Meinungen miteinander ringen, wo neu aufkommende Auffassungen umgewälzt werden.“ (Noelle-Neumann, 2001, S. 91) Doch hier kann es eben (noch) keine öffentliche Meinung nach obiger Definition geben.
10 Noelle-Neumann, Kepplinger und Donsbach sprechen in diesem Zusammenhang davon, dass „... Meinungsführer ... mit ihrem ganzen Kreis gemeinsam in das neue Meinungslager [wechseln] ...“ (1999, S. 213).
11 Noelle-Neumann spricht dann von einem doppelten Meinungsklima (2001, S. 241).
12 Ist diese Vorgabe nicht erfüllt, so wird eine bestimmte Verhaltensweise von einer Teilöffentlichkeit begrüßt, von einer anderen aber sanktioniert. Also kann es dann logischerweise keine einheitliche Verhaltensweisen geben, die man äußern oder zeigen muss, wenn man sich nicht isolieren will.
4.1.4. Ungeklärte Zusammenhänge
Bei der Modellierung des Systems der Schweigespirale stolpert man aber noch über weitere Fußangeln. Besonders ist die Wirkung von öffentlicher Meinung auf das Wahlverhalten zu erwähnen.
Noelle-Neumann (2001, S. 19) beschreibt Folgendes: „Weder 1965 noch 1972 wurden die Wahlabsichten gleich mitgerissen, sie blieben in beiden Fällen bis fast zum Wahltag wie unberührt vom Hoch und Tief im Meinungsklima.“ Eine Begründung, warum die Nähe zum Wahltag (eine eher ungewöhnliche Größe) einen Einfluss auf die Wahlabsicht der Befragten hat, bleibt sie leider schuldig. Dafür verschweigt sie einen anderen plausiblen Grund für dieses Phänomen: Möglicherweise wurde die Messung der früheren Wahlabsicht verzerrt - nicht die Wahlabsicht am Wahltag. Für diese Annahme gibt es gute Begründungen: • Befragte können ihre Unzufriedenheit mit der „eigenen“ Partei zum Ausdruck bringen. • Befragte wollen der „eigenen“ Partei einen Denkzettel in Form schlechter Umfragewerte verpassen - oder sie wollen in einer Spielart instrumenteller Aktualisierung andere Wähler durch schlechte Umfrageergebnisse mobilisieren.
• Die Distanz zur tatsächlichen Wahl bietet Befragten eine Möglichkeit, mit Handlungsalternativen zu „spielen“, ohne dabei politische Folgen befürchten zu müssen. • Befragte haben sich angesichts der geringen aktuellen Handlungsrelevanz (geringes Involvement) noch nicht intensiv mit ihrer Wahlabsicht beschäftigt. Aus Unsicherheit orientieren sie sich an „selbst-ähnlichen“ Personen - also am eigenen Milieu. Insgesamt finde ich keine stichhaltige Begründung, warum das sozial nicht beobachtbare Wahlverhalten direkt durch sozialen Druck verändert werden sollte 13 , aber es gibt zahlreiche Gründe für eine Verzerrung der gemessenen Wahlabsicht im Vorfeld der Wahl.
4.1.5. Dimensionen von Meinung
In Abschnitt 3.2.1 wurde bereits darauf hingewiesen, dass die individuelle Meinung nur unzureichend durch ein Signal mit 2 Ausprägungen abgebildet wird - selbst wenn man von nur zwei Wahlalternativen ausgeht. Denn wie in Abschnitt 3.2.1 beschrieben, lässt sich beispielsweise nicht erklären, ob eine Person bei Unwissenheit über das Meinungsklima schweigen oder ihre eigene Meinung äußern wird.
13 Allenfalls eine indirekte Veränderung kann ich mir vorstellen. So könnte man einfach mehr Argumente aus dem redebereiten Lager hören. Dadurch könnte ein Lerneffekt - also eine Meinungsänderung verursacht werden. Eine derartige Idee vertritt Noelle-Neumann, wenn sie von der Argumentations(un)fähigkeit eines Standpunkts spricht (2001, S. 246-250).
Eine wichtige Signalkomponente, welche hier Klarheit schaffen können, lässt sich wohl am besten mit „Stärke der Meinung“ bzw. mit „Überzeugung“ bezeichnen. Die Sonntagsfrage ist zur Erhebung dieser Signalkomponente aber offensichtlich nicht geeignet. Daher ist es notwendig, die Operationalisierung der Meinung zu verändern. Tabelle 9 zeigt eine Auswahl möglicher Fragestellungen und damit verbundene Überlegungen:
Tabelle 9: Mögliche erweiterte Fragestellungen zur vollständigeren Messung von Meinung
Orientiert man sich während der Theoriebildung an einem systemtheoretischen Modell, so ist es empfehlenswert, die Fragestellung auch danach auszusuchen, wie die einzelnen Komponenten von Meinung in die Übertragungsglieder bzw. in die Formeln einfließen. Denkbar ist z.B. an einen Vergleich zwischen Stärke der öffentlichen Meinung (oben bezeichnet als Existenz-Komponente oe) und Stärke der eigenen Meinung, wobei inhaltlich jene Meinung geäußert wird, die stärker ist. In diesem Fall wäre die Fragestellung in der mittleren Spalte von Tabelle 9 wohl am besten geeignet.
4.2. Probleme der Systemtheorie in den Sozialwissenschaften
Die Ursprünge der Systemtheorie liegen zwischen Dampfmaschinen und elektrischen Bauteilen. Entsprechend stellt die Anwendung der Systemtheorie in der Biologie eine große Her-ausforderung dar. Doch zumindest ist in diesem Kontext der Gedanke vom „technischen“ System noch greifbar: Immerhin existieren hier unterscheidbare Organe und Nervenleitungen, die ein Äquivalent zu Bauteilen und Stromleitern bilden.
Bei der Anwendung der Systemtheorie in der Psychologie, wie es Bischof (1998) zeigt oder in der Sozialwissenschaft, wie es diese Arbeit in Grundzügen versucht, befindet man sich plötzlich auf einem sehr abstrakten Niveau. Gewöhnte Denkmuster stehen der Problemlösung unvermittelt im Weg und bekannte Einheiten und Messgrößen lassen sich nicht mehr in gewohnter Form abbilden. Entsprechend fand ich mich im Rahmen dieser Arbeit in zahlreichen Sackgassen wieder. Weil diese zum Teil für prinzipielle und schwerwiegende Probleme stehen, sollen die wichtigsten im Folgenden kurz beschrieben werden.
4.2.1. Enorme Komplexität
Große Systeme
Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland umfasst etwa 80 Mio. Bürger, davon ca. 60 Mio. Wahlberechtigte. Will man - wie in der Kritik an der Schweigespirale gefordert - die Kommunikations-Strukturen dieser Gesellschaft betrachten, so wäre im Extremfall ein System mit 80 Mio. Übertragungsgliedern zu analysieren. Praktisch dürften sich Modelle derartiger Systeme mit einigen hundert Knoten modellieren lassen, doch die Vernetzung der Personen untereinander ist alles andere als trivial. Netzwerkstudien (z.B. Weimann, 1994, S. 257-263) können hier zumindest nützliche Ausgangsdaten liefern, so dass eine realistische Modellierung der Kommunikations-Strukturen möglich erscheint.
Individuelle Unterschiede
Dennoch führen individuelle Unterschiede zwischen den einzelnen Personen (Teilsystemen) zu weiteren Problemen: Je nach Person könnte dasselbe Eingangs-Signal sehr unterschiedliche Ausgangs-Signale erzeugen. Wenn Noelle-Neumann beispielsweise von Mitläufern, Avandgardisten und einem harten Kern spricht (2001, S. 318-319), so handelt es sich bei diesen Personen sicherlich um Teilsysteme, die unterschiedliches Verhalten zeigen. Will man dennoch die Makro-Wirkungen in einer Gesellschaft untersuchen, wird man um einen enorm hohen Forschungs- und Modellierungs-Aufwand kaum herumkommen.
Chaotisches Verhalten
Problematisch könnte sich sich außerdem die Sensibilität einzelner Übertragungsglieder auswirken. Denn wenn z.B. eine bedeutende Persönlichkeit kleine Veränderungen der Eingangs-Signale enorm verstärkt, in dem Sinne, dass sich die Ausgangs-Signale massiv verändern (eine recht plausible Annahme beim Gedanken an die menschliche Psyche), so zeigt das Gesamt-System nach der Chaostheorie höchstwahrscheinlich chaotisches Verhalten. Die Vorhersagbarkeit des Systemverhaltens nimmt dann überproportional mit dem Vorhersagezeitraum ab bzw. der Vorhersagefehler nimmt entsprechend zu. Im Ergebnis sind die Möglichkeiten zur Prognose und Intervention in solchen Systemen relativ eingeschränkt und der Nutzen des notwendigen Forschungsaufwands muss ernsthaft in Frage gestellt werden.
Komplexe Signale
Die Komplexität menschlicher Kommunikation kann speziell für die Kommunikationswissenschaft ein ernsthaftes Problem darstellen. So gibt es in der Sprache nicht nur verschiedenste Bedeutungsebenen - auch nonverbale Kommunikation (z.B. eine „Isolationsdrohung“) spielt eine Rolle. Oben war gerade von der potenziell hohen Signal-Sensibilität von Menschen die Rede (genau genommen sind auch sie häufig durch chaotisches Verhalten zu charakterisieren). Um die Ausgänge (also die Reaktionen) einer Person adäquat beschreiben zu können wäre es mithin notwendig, die Eingangs-Signale sehr exakt zu kennen. Angesichts der Tatsache, dass bereits kleine Nuancen der Kommunikation große Unterschiede in der Bedeutung ausmachen können, erscheint der hierfür notwendige Aufwand enorm. Nur ein Beispiel für das Scheitern an der Kommunikation ist die bislang nur unzureichend erfolgte Abgrenzung der Begriffe Meinung und Information.
4.2.2. Dynamische Systeme
Beim Versuch, ein Kommunikations-Netz aus etwa 50 Personen zu generieren stieß ich auf ein weiteres prinzipielles Problem der Systemanalyse. So besteht in einem modellierten System entweder eine Verbindung zwischen zwei Übertragungsgliedern (in diesem Fall Personen) oder eben nicht. Doch in der Realität kann jede Person einfach eine andere ansprechen. Natürlich lässt sie in die Verbindungen eine Art „Unterbrecher“ einbauen, der Kommunikation nur „manchmal“ zulässt 14 - doch sehr praktikabel erscheint dies im ersten Augenblick nicht. Immerhin wären bei 50 Personen - die potenziell alle miteinander sprechen können - alleine mehr als 1200 Gesprächskombinationen aus jeweils 2 Personen möglich.
14 Also ein Übertragungsglied, das in Abhängigkeit von einem dichotomen Signal z das Eingangssignal entweder unverändert weiterleitet (y = x falls z=1) oder eben nicht (y = 0 falls z=0).
Hinzu kommt, dass jede dieser Verbindungen mit Unterbrechern auszustatten ist, welche seinerseits an weitere Signale im System gekoppelt sind. Will man auf diesem Weg tatsächlich ein System modellieren, so ist eine expotenzielle Steigerung der Komplexität mit der Anzahl der Personen zu erwarten.
Die Systemanalyse ist darauf optimiert, statische Systemkonfigurationen zu analysieren. Doch wenn sich die Struktur des Systems kontinuierlich verändert, dann bietet die Systemanalyse keine entsprechenden Werkzeuge mehr. Dies ist sicherlich keine Schwäche allein der Systemtheorie, doch bei der exakten Modellierung von Systemen mit Hilfe der Systemtheorie stößt man wahrscheinlicher auf dieses Problem dynamischer Strukturen als bei einer weniger genauen Betrachtung.
4.2.3. Rückwirkungsfreiheit
Auf eine weitere Eigenart der Sozialwissenschaft weisen Früh und Schönbach (1982) hin: Sie schreiben „Die strikte Trennung von ... Ursache und Wirkung ist aufgehoben ...“ (S. 85). An einem Beispiel beschreiben sie (S. 81-84), dass Medienstimuli zu Aufmerksamkeit gegenüber einem Thema („Aktivation“) führen können. Andererseits kann diese Aufmerksamkeit durch aktive Suche nach Informationen zu verstärktem Medienkonsum führen und damit zu wachsendem Wissen. Dieses (Kontext-)Wissen - oder auch dessen Fehlen - wiederum kann maßgeblich dafür verantwortlich sein, ob die Person auf zukünftige Medienstimuli mit Interesse reagiert oder diese ausfiltert. So wird das subjektive Interesse einmal zur Folge, ein andermal zur Ursache.
Grundsätzlich stellt es kein Problem dar, ein System zu bauen, welches ein solches Verhalten zeigt. Denn tatsächlich liegt keine Rückwirkung zwischen den Signalen vor, sondern lediglich eine (zeitversetzte) Rückführung (vgl. Bischof, 1998, S. 88-89). Dennoch sind hier Transaktions-Prozesse beschrieben, welche in sehr kurzen Zeitabschnitten „oszillieren“ können (Früh & Schönbach, 1982, S. 84, S. 79). Will man nun auf einer höheren (z.B. zeitlichen) Abstraktionsebene arbeiten, so lässt sich diese „Oszillation“ nicht mehr nachvollziehen. Es ist nur noch zu erkennen, dass sich beide Größen gleichzeitig verändern - die für die Sys-temtheorie unverzichtbare eindeutige Kausalität (x wirkt auf y) geht verloren. Auch Bischof beschäftigt sich mit diesem Problem (1998, S. 89-91). Er kommt zu dem Schluss, dass die Signale biologischer Systeme auf kleinster Ebene über Nervenzellen transportiert werden und dass diese Übertragungsglieder keine Rückwirkung kennen. Auf abstrakterer Ebene können auch Wirkungsketten, welche wenigstens ein derartiges Übertragungsglied enthalten, als rückwirkungsfrei angesehen werden (S. 91). Dennoch ist man ins-
gesamt (wie auch das Beispiel des dynamisch-transaktionalen Ansatzes zeigt) bei der Vorgabe klarer Kausalität an eine Systemebene gebunden, die weit weniger abstrakt ist, als das, was die Sozialwissenschaft eigentlich betrachten will.
Auch dies ist keine prinzipielle Schwäche der Systemtheorie (Früh und Schönbach beschreiben, dass die Wissenschaft allgemein eine kausale Vorstellung von Wirkung hat). Trotzdem mangelt es der Systemtheorie an Werkzeugen, um mit Zusammenhängen (Korrelationen) anstatt mit Kausalitäten zu arbeiten.
4.2.4. Motive eines Systems
Das Motiv der „Isolationsfurcht“ (vgl. These 2 von Noelle-Neumann auf Seite 9) ist in einem System aus Signalen und Wirkungen nicht ohne Weiteres zu verankern. Allgemein sind (technischen) Systemen Motive und Bedürfnisse nämlich fremd. Aus Sicht der Psychologie sind sie hingegen ungemein wichtige Einflussgrößen.
Um einem System Isolationsfurcht zu lehren, muss man also davon ausgehen, dass es (z.B. über evolutorische Prozesse) Strukturen ausgebildet hat, welche das Erreichen eines bestimmten Zustands begünstigen. Als Struktur ist hier der Regelkreis hervorzuheben (Bischof, 1998, S. 143-158). Im System der Schweigespirale müsste demnach zwischen wahrgenommenem Meinungsklima, eigener Meinung und Redeverhalten ein System liegen, welches das geplante Redeverhalten so regelt, dass die zu befürchtende Isolation gegen 0 geht. Für angeborene Motive sind solche Strukturen noch vergleichsweise plausibel. Doch wenn komplexe erlernte Bedürfnisse auf diesem Weg erklärt werden sollen, so gerät man schnell in Erklärungsnot. Allerdings müssen zahlreiche Auswahlprozesse gar nicht über Motive erklärbar sein, oft genügen bereits Präferenzen. So ist diese Problematik wohl eher für das psychologische Herangehen relevant als für das soziologische.
Man sollte noch ergänzen, dass die Systemtheorie hier durch die Abstraktion der Signale von ihrer Qualität (Bischof, 1998, S. 20-22) auch gewisse Vorzüge bietet. Denn hier müssen immateriellen kognitive Größen (Denkprozess) und reale Handlungen gleichzeitig betrachtet und miteinander in (kausale) Beziehung gesetzt werden. Unter Absehung von der Qualität darf man das Signal „geplantes Verhalten“ aus dem beschriebenen Regelkreis heraus direkt in ein Signal „tatsächliches Verhalten“ übertragen, ohne dass man erklären müsste, wie die menschliche Vorstellung die Realität tatsächlich beeinflusst (S. 22).
4.2.5. Muster-Erkennung
Abschließend soll das in meinen Augen schwerste Problem der Systemtheorie behandelt werden: Ein System ist genau ein (!) Ausschnitt der Realität. Ein anderer Ausschnitt ist auch
ein anderes System. Deshalb ist es zunächst nicht möglich, die Erkenntnisse, die man in einem System (z.B. Wahl in der BRD) gefunden hat, auf ein anderes System zu übertragen (z.B. Religion). Zur Erinnerung: Bei der Diskussion der Schweigespirale wurde genau dies kritisiert.
Doch diese Einschränkung stellt für den Forscher einen empfindlichen Einschnitt dar. Denn einmal gefundene Zusammenhänge darf er zunächst nicht mehr deduktiv auf neue Sachverhalte übertragen. Bischof (Vorlesung „Ideengeschichte der Psychologie“, nicht veröffentlicht; vgl. in Grundzügen auch Bischof, 1998, S. 19-20) unterscheidet hier die Materie- von den Strukturwissenschaften: In der Physik, einer Materiewissenschaft, ist die Struktur nur eine Störung 15 . Doch in der Biologie oder Soziologie bestimmt die Struktur eines Systems (z.B. eines Menschen) maßgeblich dessen Reaktion auf Stimuli 16 . Man will hier also die Struktur untersuchen - nicht die Elemente. Deshalb ist es sinnvoll, die Sozialwissenschaften mit den Hilfsmitteln einer Strukturwissenschaft zu bearbeiten (vgl. Bischof, 1998, S. 20-22). Doch ein absolutes Verbot von Deduktion gilt für die Strukturwissenschaften nicht. Allerdings wird von einem Forscher verlangt, ein neues System erst sehr genau zu untersuchen. Findet man heraus, dass es auf einem bestimmten Abstraktionsniveau die gleiche (Teil-) Struktur aufweist, wie ein bekanntes System, nur dann dürfen Erkenntnisse aus dem einen System auf das andere übertragen werden.
Diese Forderung erscheint eigentlich recht sinnvoll - angesichts der praktischen und theoretischen Probleme, welche die Schweigespirale bekam, als sie als Supertheorie verstanden und angewandt wurde. Dennoch wird hier Umdenken, ja beinahe ein Paradigmenwechsel gefordert.
15 So werden sich zwei physikalische Körper stets entsprechend ihrer Masse anziehen. Durch den strukturellen Rahmen wird diese Gesetzmäßigkeit zwar einmal zum Fallgesetz, ein andermal erklärt es die Bahnen der Planeten, es steckt jedoch stets das selbe Naturgesetz - die Gravitation - dahinter.
16 Beispielsweise ist die Speicherung von Informationen im menschlichen Gehirn auf die Vernetzung von Neuronen zurückzuführen, ebenso Instinkte und erlernte Verhaltensweisen.
Darüber hinaus sind auch alle Merkmale, die einen Menschen zum Menschen machen, nur als Struktur zu beschreiben. Wollte man hingegen jegliche Struktur ignorieren, so dürfte man auch keinen Unterschied mehr machen zwischen jungen und alten Menschen, Mäusen, Hunden und Tintenfischen - immerhin bestehen sie alle aus den selben Elementen.
Aus Keller & Marian Breland: The misbehavior of organisms (1960, zitiert von Bischof, Skript 9/4 zur Vorlesung WS 02/03): „Nachdem wir 14 Jahre lang ununterbrochen Tausende von Tieren konditioniert und beobachtet haben, kommen wir widerstrebend zu dem Schluß, dass das Verhalten keiner Species angemessen verstanden, vorhergesagt oder kontrolliert werden kann, wenn man nicht ihre instinktiven Muster, ihre Stammesgeschichte und ihre ökologische Nische kennt.“
5. Ausblick auf weitere Möglichkeiten
Im Rahmen dieser Arbeit können nur wenige Facetten der Systemtheorie umfassend gewürdigt werden. Um trotzdem einen Eindruck der Möglichkeiten zu vermitteln, welche die Systemanalyse bietet, werden hier die ausstehenden Analysemethoden knapp umrissen.
5.1. Quantitative Systemanalyse
5.1.1. Stationäre Analyse
Die quantitative Systemanalyse beschäftigt sich mit Kennlinien. Das bedeutet, dass ein Eingangssignal innerhalb seines Wertebereichs verändert, und ein Ausgangssignal dabei gemessen wird. Während das bei einem elektronischen Bauteil noch vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen ist, sind soziale Systeme etwas widerspenstig. Vor allem gestaltet sich die Konstanthaltung weiterer Eingänge schwierig. Dennoch kann die Ermittlung von Kennlinien auch dem Sozialwissenschaftler hilfreich sein. So stellt Noelle-Neumann beispielsweise Zeitreihen von Meinungsverteilung und wahrgenommenem Meinungsklima gegenüber (2001, S. 27-32) und schließt aus den ähnlich verlaufenden Kurven, dass die Meinungsverteilung vom Aggregat der Befragten gut eingeschätzt wird (S. 317). Sie geht sogar davon aus, dass Personen auch die Zu- und Abnahme von Meinungen spüren (S. 317) und so quasi schon proaktiv auf vermeintliche zukünftige Meinungsverteilungen reagieren können (also z.B. heute schon ihre Meinung verschweigen, da sie morgen in der Minderheit sein wird).
Ein mögliches Herangehen zur Überprüfung dieser Weitsichtigkeit könnte ein Vergleich der Kennlinien aus gemessener Meinungsverteilung und wahrgenommenem Meinungsklima sein - und zwar einmal in der
Situation, dass der Anteil einer Meinung ansteigt, und einmal bei abnehmendem Anteil. Verlaufen die Kennlinien auf verschiedenen Niveaus 17 so wäre dies ein Indiz für die Weitsichtigkeit der quasistatistischen Wahrnehmung (vgl. Abbildung 9). Als weitere Anwendung beschreibt Bischof (1998, S. 114-123), wie mit der Messung von Kennlinien auch Indizien dafür gesammelt werden können, welche von mehreren möglichen Strukturen sich in einem Übertragungsglied versteckt.
Abgesehen von derartigen Analysen fühlt man sich in der quantitativen Systemanalyse schnell heimisch. Denn die Messung von Kennlinien ist keine systemtheoretische Domäne. Auch klassische Fragestellungen sind der quantitativen Analyse zuzurechnen: Wie groß muss eine Abweichung sein, um sanktioniert zu werden? Und wie sehr muss das wahrgenommene Meinungsklima von der individuellen Meinung abweichen, damit eine Person schweigt?
5.1.2. Dynamische Systemanalyse
Einer etwas anderen Fragestellung folgt die dynamische Systemanalyse. Auch sie untersucht, in welcher Form sich ein Ausgangs-Signal verändert, wenn ein Eingang des Systems verändert wird. Im Gegensatz zur stationären
Analyse wird mit der Messung aber nicht gewartet, bis sich das Signal am Ausgang eingependelt hat. Im Gegenteil: Gerade der „Umschaltvorgang“ ist interessant. Im Kontext der Schweigespirale be-handelt Noelle-Neumann (2001, S. 51-56) beispielsweise die Frage, wie sich das Redeverhalten (in der Befragung) nach dem Wahltag verändert. Konkret „... gab es ... die Tendenz, daß nach einer Wahl mehr Leute
behaupteten, die Siegerpartei gewählt zu haben, als tatsächlich Stimmen für diese Partei gezählt wurden.“ (S. 51) Sie führt diese Beobachtung darauf zurück, dass sich die niedergedrückten Wahlverlierer nicht zu
17 Die Kennlinien müssten so verlaufen, dass das Meinungsklima bei steigendem Meinungs-Anteil besser, bei fallendem Anteil schlechter eingeschätzt wird. Diese Kennlinien ergeben dann zusammen eine so genannte Hysterese-Kurve (vgl. Bischof, 1998, S. 112-113).
erkennen geben wollten (S. 54). Doch möglicherweise steckt hinter den Schwankungen in der Bekenntnisbereitschaft auch System? Und setzt der Effekt eigentlich sofort ein oder mit einer gewissen Verzögerung?
Mit den selben Denkmodellen wie die Zeitreihenanalyse sucht die dynamische Systemanalyse nach Regelmäßigkeiten im Verlauf einer Zeitreihe. Allerdings interessiert sie sich vor allem für die Zeitreihen nach dem „Umschalten“ eines Eingangs 18 . Aus den Ergebnissen lassen sich gegebenenfalls Schlussfolgerungen über das untersuchte System treffen. So lässt sich auf Übertragungsglieder schließen, die ein Signal
zeitlich verzögern, auf Integrierer (deren Ausgang sich um den Eingangswert verändert), auf Differenzierer (die den Unterschied zum vorherigen Eingangssignal ausgeben) oder auf Regelkreise (deren Ausgangssignal zwar durch das veränderte Eingangssignal gestört wurde, die es aber wieder einpendeln). Weitere Frage im Dunstkreis der Schweigespirale sind: Wie reagiert die Öffentlichkeit auf Abweichler? Zählt sie deren Verstöße? Und wie reagiert die Meinungsverteilung auf eine Änderung der öffentlichen Meinung? Werden nur Meinungen verschoben oder wird das Gleichgewicht so gestört, dass eine Meinung die andere verdrängt (vgl. Abbildung 12)?
5.2. Ultimate Systemanalyse
Das am meisten beeindruckende Element der Systemtheorie ist wohl die ultimate Systemanalyse. Denn sie kann das Warum, das Optimum, das Gut und Böse erklären. Bischof (1998, S. 277) drückt es etwas verhaltener aus:
„Proximate Fragen sind solche, die man stellt, um ein Wirkungsgefüge zu ermitteln, Ultimate Fragen sind solche, die man stellt, um ein Wirkungsgefüge zu begründen.“ Zur Illustration soll auch hier ein konkretes Beispiel herhalten: Noelle-Neumann schreibt (2001, z.B. S. VII), dass Konformität eine wichtige Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit einer Gesellschaft darstellt. Daher ist die soziale Natur des Menschen, welche von negativ
18 Für den Fall, dass der Wahltermin bereits im Vorfeld bekannt ist, kann ebenso gut die Zeitreihe vor dem „Umschalten“, also vor dem Wahltermin interessieren.
konnotierten Begriffen wie „Mitläufer“ oder „Anpassung“ geprägt ist (S. II) nicht so schlecht wie ihr Ruf. Vielmehr hält die soziale Natur, „die soziale Haut“ die Gesellschaft zusammen (S. 262), weshalb man sie „... verstehen ... sollte, um nicht ungerecht gegenüber dem Mitläufer zu sein.“ (S. VIII)
Ist Konformität gut?
Im Großen und Ganzen dürfte dieser Überlegung viel Wahrheit innewohnen. Doch wenn Konformität für eine Gesellschaft so substanziell wichtig ist, warum wird dann nicht härter gegen Abweichler vorgegangen? Oder sind die „Herausforderer der öffentlichen Meinung“ (S. 200) vielleicht gar keine so große Gefahr? Letzteres ist wohl anzunehmen, denn die Sanktionen für Nicht-Konformisten - hämisches Grinsen und böse Blicke - sind vergleichsweise milde und unsere Sprache kennt sogar positive Bezeichnungen für solche Personen: Avandgardisten, Vorreiter, Vordenker. Nicht zuletzt fühlen wir sogar ehrlichen Respekt für Persönlichkeiten, die mit neuen Ideen die Welt umgestalteten - und besonders ehrwürdig erscheinen Personen wie Galileo, die sich gegen die Widrigkeiten der öffentlichen Ansichten durchsetzen mussten.
Klassischerweise könnte jetzt eine Grundsatzdiskussion um Normen und Werte geführt werden, welche wohl zu dem Schluss kommt, dass eigenständiges Denken wünschenswert ist - aber bitte erst nach der notwendigen Sozialisierung des Menschen. Denn Anarchisten sind unserer Kultur genauso ein Dorn im Auge wie die Mitläufer „falscher“ Ideen. Diese Diskussion wird allerdings keine Antwort darauf liefern können, wie (un)konform der Einzelne im Optimalfall sein sollte. Die ultimate Systemanalyse kann das. Dabei liefert sie außerdem noch eine Begründung für „richtiges“ Verhalten (in diesem Fall das richtige Maß an Konformismus), die unabhängig von moralischen Vorstellungen Bestand hat.
Evolution als Grundidee
Die Idee hinter der ultimaten Systemanalyse ist spätestens seit Darwin bekannt: Die Wahrscheinlichkeit, einen Organismus (bzw. ein System) in einem Ökosystem vorzufinden, hängt davon ab, wie viele fortpflanzungsfähige Nachkommen (gleiche Systeme) dieser Organismus während seiner Lebensspanne hat. Organismen, die gut an das Ökosystem angepasst sind (z.B. weil sie Nahrungsquellen effizienter nutzen) breiten sich aus und verdrängen die schlechter angepassten Organismen, wenn eine Selektion (z.B. in Jahren mit schlechtem Nahrungsangebot) stattfindet. Wenn im Rahmen der Fortpflanzung eine Mutation möglich ist, so dass neue, veränderte Organismen (Systeme) im Ökosystem auftauchen, so nennt man diesen Prozess Evolution.
Doch zurück zur menschlichen Gesellschaft und deren Konformität. Da hier eine Selektion (z.B. der Untergang einer Kultur) nur selten stattfindet, ist es nicht ganz einfach, eine Maßgröße für die „Eignung“ (die Darwin‘sche „Fitness“) des Systems zu finden. Dafür müsste man sich ausführlich mit der Frage beschäftigen, welche Größen zur Überlebensfähigkeit und Ausbreitung einer Gesellschaft beitragen. Der Einfachheit halber wird im Folgenden angenommen, dass die Eignung durch den Anteil jener Menschen in einer Gesellschaft zu messen sei, die nicht an Hunger leiden müssen, z.B. operationalisiert über den Nährwert ihrer Mahlzeiten.
Suche nach dem Optimum
Wurde eine Maßgröße für die Eignung eines Systems gefunden (und ist deren Idealwert bestimmt), so ist das weitere Vorgehen trivial. Es werden verschiedene Variationen des Systems mit unterschiedlichen Merkmalen getestet - das optimale System ist jenes, dessen Eignung dem Ideal am nächsten kommt.
In dem beschriebenen Fall müssten die System-Variationen verschiedene Grade von Kon-formität aufweisen. Für die korrekte Berechnung der Eignung ist außerdem eine hinreichend umfangreiche Kenntnis der Systeme erforderlich. Doch wenn man es schafft, eine plausible Größe für die Eignung einer Gesellschaft zu finden und diese Berechnungen durchführt, so weiß man, welcher Grad von Konformität optimal - und wie wichtig der eigenständig denkende Bürger für eine Gesellschaft ist.
Veränderliche Umwelt
Allerdings kann das zu optimierende System nicht ohne das umgebende Ökosystem betrachtet werden. Es gibt also bestimmte Rahmenbedingungen, welche in die Eignung des Systems einfließen. Für eine Gesellschaft könnte beispielsweise der technische Fortschritt solch eine Bedingung sein. Entsprechend ist die optimale Konformität stets auch abhängig von der aktuellen Situation einer Gesellschaft. Noelle-Neumann (2001, S. 199) stellt dazu folgende These auf: „Vielleicht liegt in der Gefährdung einer Gesellschaft - egal, welchen Ursachen, inneren oder äußeren, sie entspringt - ein Schlüssel: Ein höherer Grad von Gefahr verlangt nach einem höheren Grad von Integration, und höhere Integration wird erzwungen durch schärfere Reaktionen öffentlicher Meinung.“
So kann sich das Ideal der Konformität mit der Zeit verändern - oder auch mit dem Ort oder der Situation einer Gesellschaft. Damit können für verschiedene Gesellschaften auch verschiedene Ideale gelten. Wenn man davon ausgeht, dass solche Ideale in Sitten und Normen fixiert werden, dann erklärt die ultimate Systemtheorie auch, warum es sinnvoll - ja so-
gar im Ergebnis besser ist, wenn unterschiedliche Gesellschaften unterschiedliche Kulturen pflegen. Im „Nachtrag 2001“ geht Noelle-Neumann auf dieses Problem aus ihrer Perspektive ein (2001, S. 347-360): „Öffentliche Meinung hat ihre Grenzen in Zeit und Raum“.
Anwendung
Bei aller Toleranz darf aber nicht vergessen werden, dass eine wirkliche Selektion von Gesellschaften kaum stattfindet. Daher entsteht das Optimum nicht von selbst sondern es muss von Philosophen erdacht werden oder eben mit Hilfe der ultimaten Systemanalyse. Doch damit befindet man sich sehr schnell abseits der klassischen Sozialwissenschaften wieder. Daher sei noch auf eine naheliegendere Anwendung der ultimaten Sichtweise hingewiesen:
Noelle-Neumann stellt die Überlegung an, dass Isolationsfurcht wahrscheinlich genetisch verankert sei (2001, S. 299). Angesichts der Tatsache, dass eine Ausgrenzung aus der eigenen Sippe früher wahrscheinlich gravierende negative Auswirkungen auf die Lebenserwartung eines Menschen hatte, scheint die Entwicklung von Mechanismen zur Isolationsvermeidung sehr plausibel. Auf jeden Fall wirft die Isolationsfurcht damit eine weitere Fragestellung auf, die mit der ultimaten Systemanalyse fundiert bearbeitet werden kann.
6. Zusammenfassung
Diese Arbeit stellte eine klare Frage: Kann die Systemtheorie in den Sozialwissenschaften gewinnbringend angewandt werden? Nach dem Lesen von Abschnitt 4, wo zahlreiche Probleme aufgezeigt wurden, möchte man diese Frage vielleicht verneinen. Doch zur Verteidigung der Systemtheorie muss ich ergänzen, dass der überwiegende Teil der beschriebenen Schwierigkeiten erst bei einem sehr hohen Detail- und Komplexitätsgrad einer Theorie auftritt. Tatsächlich sind aktuelle Problemstellungen von diesen Gefielden noch weit entfernt - doch mit den Möglichkeiten wachsen eben auch die Ansprüche.
Eine Hilfswissenschaft
Alles in allem können die Werkzeuge der Systemtheorie eine sehr große Hilfe bei der Konzeption einer Theorie sein. Besondere Unterstützung leisten sie bei der Modellierung konsistenter (hypothetischer) Wirkungsgefüge, bei einer theoriegeleiteten Operationalisierung und natürlich bei der Untersuchung bzw. Analyse eines Systems. Parallel dazu erlauben Blockschaltbilder eine übersichtliche und dennoch exakte Abbildung des Theoriegeflechts. Die Nutzung der ultimaten Perspektive gewährt außerdem eine gewisse Unabhängigkeit von kulturellen Normen. Derart abgesicherte Begründungen sind weniger anfällig für unterschiedliche Wertauffassungen (Bewertungskonflikte) und normative Kritik.
Schweigespirale und Forschungsökonomie
Noelle-Neumann trägt in ihrem Buch, das bis 2001 immer wieder erweitert wurde, unzählige interessante Mosaiksteine zum Gesamtbild der Gesellschaft zusammen. Diese großartige Leistung will ich keinesfalls negieren. Die daraus entwickelte Theorie der Schweigespirale gibt dennoch Anlass zur Kritik: Sie weist sowohl in ihren Konstrukten als auch in deren Verknüpfung schwere logische Inkonsistenzen auf.
Natürlich bedeutet eine stringente Kontrolle der Theoriebildung mehr Aufwand. Doch verglichen mit der teuren Überprüfung in der Realität wäre es ökonomischer Unsinn, an der Konzeption zu sparen. Wie viel Verwirrung hätte vermieden werden können, wenn die Schweigespirale von Anfang an eine exakte Formulierung erhalten hätte? Ihr Beispiel zeigt, dass man bei der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung auf Hilfsmittel nicht verzichten kann. Die Systemtheorie ist ein solches Hilfsmittel und ihre Verwendung scheint sinnvoll.
7. Literatur
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http://www.bundeswahlleiter.de/download/waehlerverhalten.pdf WORG, Roman. (1993). Deterministisches Chaos, Wege in die nichtlineare Dynamik. B.I. Wissenschaftsverlag.
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Dominik Leiner, 2004, Die Schweigespirale - Eine systemanalytische Annäherung, München, GRIN Verlag GmbH
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