LMU München - Institut für Kommunikationswissenschaft
Proseminar I: Theorien und Modelle der Kommunikationswissenschaft Verfasser:
Hausarbeit
DominikLeiner
Inhalt
1. Einleitung 2
1.1. Der dynamisch-transaktionale Ansatz. 2
1.2. Ziel dieser Hausarbeit. 2
1.3. Denkweise dynamische-transaktionaler Theorien. 3
Die Transaktion als zentraler Wirkungszusammenhang. 3
Die molare bzw. ökologische Sichtweise. 4
Dynamik innerhalb der Systembestandteile. 4
2. Hintergründe des Paradigmenwechsels 5
2.1. Historische Fallstricke. 5
2.2. Computer, Quantenphysik und chaotische Mathematik. 5
Parallelen. 6
3. Anwendung des dynamisch-transaktionalen Ansatzes 7
3.1. Den Naturwissenschaften in den Mikrokosmos folgen? 7
Wie erstrebenswert ist dies? 8
3.2. Einsatz und Vorteile der dynamisch-transaktionalen Postulate. 8
Ökologische Sichtweise. 8
Transaktionale Perspektive. 12
Dynamik der Modelle. 15
4. Vorsprung durch Transaktion und Dynamik? 19
4.1. Mehrwert dynamisch-transaktionaler Theorien. 19
Beschreibung. 19
Erkl ärung. 20
Prognose und Intervention. 20
4.2. Fazit. 21
5. Literatur 22
1
1. Einleitung
1.1. Der dynamisch-transaktionale Ansatz
Vor dem Hintergrund neuer theoretischer Ansätze in der Mathematik und Physik der 80er Jahre, Informatik, Chaosforschung und Quantentheorie, veröffentlichten Werner Früh und Klaus Schönbach 1982 den dynamisch-transaktionalen Ansatz der Medienwirkungsforschung - ein Paradigma, mit dessen Hilfe Probleme bestehender Theorien vermieden werden sollen. Diese Probleme formuliert Früh (1991, S. 18) wie folgt: „Jeder Aspekt [von Medienwirkung] wird theoretisch in gesonderten Hypothesen oder etwas komplexeren Theorien präziser beschrieben, so daß notwendig eine nahezu unüberschaubar heterogene Situation vielfältiger theoretischer Ansätze von jeweils begrenzter Reichweite entstehen muß.“ Der dynamisch-transaktionale Ansatz erhebt zwar nicht den Anspruch einer Universal-theorie, aber immerhin soll die fundamentale Abkehr vom klassischen monokausalen Wirkungskonzept (Ursache-Wirkung) hin zu einem transaktionalen Wirkungsverständnis (gegenseitige Wechselwirkung zwischen Systemgrößen) zeigen, „daß sich nicht nur so mancher bisher verdeckte theoretische Widerspruch klärt, sondern daß auch eine ganze Reihe von Phänomenen, die in den unterschiedlichsten theoretischen Zusammenhängen mit ganz verschiedenartigen Begriffen belegt wurden, mit dem selben Konzept einheitlich beschreibbar sind“ (Früh, 1991, S. 18).
Der Ansatz erhebt ebenfalls nicht den Anspruch, bereits eine Theorie zu sein. Er will lediglich eine „Denkweise“ für zukünftige Theorien vorgeben (Früh, 1991, S. 18). Da eine Denkweise theoretisch jedoch nicht falsifizierbar ist, muss sich die Qualität bzw. Brauchbarkeit des Ansatzes in den Theorien beweisen, die seiner Denkweise folgen.
1.2. Ziel dieser Hausarbeit
Inzwischen ist der dynamisch-transaktionale Ansatz 20 Jahre alt. Seine Forderungen erscheinen gerechtfertigt - doch explizit zur Bildung neuer Theorien verwenden ihn nur wenige, wie Schönbach und Früh (1984) selbst, oder Wirth (1997). In dieser Arbeit würde ich gerne zeigen, welche Vorteile der Ansatz bringt, welche Probleme er aufwirft, wann es sinnvoll ist, ihn zu verwenden und warum er die Kommunikationswissenschaft bislang nicht reformierte. Da dies jedoch den Rahmen sprengen würde, beschränke ich mich auf eine kurze Einordnung in das moderne Wissenschaftsbild und eine Betrachtung seiner Vor- und Nachteile in Bezug auf die basalen Aufgaben von Wissenschaft: Beschreibung, Erklärung, Prognose und Intervention.
1.3. Denkweise dynamische-transaktionaler Theorien
Um den Ansatz besser fassen zu können, werden im folgenden kurz seine wichtigsten Vorgaben an Theorien erläutert, nach denen sich der Vergleich verschiedener Studien in
Kapitel 3.2 gliedern wird. Dabei sollen insbesondere die Unterschiede zu den „klassischen“ Wirkungsmodellen deutlich werden.
Die Transaktion als zentraler Wirkungszusammenhang
Eine zentrale Innovation des dynamisch-transaktionalen Ansatzes ist die Integration einerseits der rezipientenzentrierten Nutzenansätze und andererseits der kommunikator- bzw. stimuluszentrierten Wirkungsansätze (Burkart, 1995, S. 230). Dabei wird davon ausgegangen, dass die beiden Wirkungsrichtungen (Selektion der Medieninhalte durch den Rezipienten auf der einen und Darbietung von Stimuli auf der anderen Seite) nicht nur zeitlich getrennt wirksam werden können, sondern dass sie vielmehr in einer oftmals sehr engen Wechselwirkung stehen und sich somit gegenseitig beeinflussen, was Früh und Schönbach (1982, S. 79) als „Transaktion“ bezeichnen.
Solche Transaktionen werden im Weiteren nicht nur zwischen den Faktoren Stimulus (Medienbotschaft) und Selektion (Rezipient) beschrieben, sondern ebenso zwischen anderen Faktoren, wie Aktivation und Wissen des Rezipienten (Schönbach & Früh, 1984, S. 41) oder Kommunikator und dessen Aussage (Schönbach & Früh, 1984, S. 62). Die Konsequenzen der transaktionalen Wirkungssicht sieht Früh sehr umfassend: „Der alte kausalistische Wirkungsbegriff, der Medienwirkung als einseitige transitive Beziehung auffasste, hat zumindest als dominante Denkform ausgedient.“ (Früh, 1991, S. 17)
„Das dynamisch-transaktionale Modell betont ausdrücklich, daß es begrenzte Phasen und Aspekte im Wirkungsprozeß gibt, die wohl angemessener kausal oder funktional im Rahmen einer der beiden bekannten Perspektiven erklärt werden können. Auch kann natürlich aus einem ganz spezifischen Forschungsinteresse heraus eine ausschließlich einseitige Perspektive bewußt eingenommen werden. Dennoch unterstellt das dynamisch-transaktionale Modell, daß auch diese absichtsvoll einseitigen Perspektiven allenfalls bei einigen sehr eng umgrenzten Fragestellungen zu befriedigenden Ergebnissen führen, wenn sie nicht in einen Kontext eingebettet werden, der auch transaktionale Wirkungsbeziehungen enthält.“ (Früh, 1991, S. 17)
Die molare bzw. ökologische Sichtweise
Eng verknüpft mit dieser weitreichenden transaktionalen Sichtweise des Ansatzes ist die Forderung, in der Realität offene Systeme, die mit anderen Systemen in Wechselwirkung stehen, wie z.B. das Fernsehprogramm mit Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft, in der Theoriebildung nicht als geschlossene Systeme zu behandeln (Früh, 1991, S. 44, 67). Diese „molare (ökologische) Sichtweise betont, daß Medienwirkungen sowie alle Einflussgrößen nie isoliert, sondern immer Teil eines komplexen Beziehungsgeflechts innerhalb eines größeren Kontextes sind“ (Wirth, 1997, S. 90).
„Die Welt, in der wir leben und zu der wir gehören, ist überaus komplex“ (Früh, 1991, S. 59). Um sie dennoch soweit zu vereinfachen, dass eine Theorie einen gewissen Gültigkeitsbereich behält, ohne jedoch wichtige Details zu verlieren, schlägt Früh (1991, S. 65-75, 68-70) einen gestaffelten Detailreichtum vor: Während das Innere des Systems sehr detailliert erfasst wird (z.B. anhand Aktivation, Stress, Belastung, Medienverhalten), wird zugelassen, dass die umgebenden und weiter entfernte Systeme weit gröber, z.B auf der Ebene gesellschaftlicher Subsysteme, wie Politik oder Wirtschaft, betrachtet werden. Auf diese Weise werden Mikro- und Makrovorgänge innerhalb eines Modells in Beziehung gebracht. Je nach Fragestellung kann jedes System und Subsystem des Gesamtmodells dabei auf der Mikroebene betrachtet werden, um exaktere Erkenntnisse zu erzielen, oder es wird nur aus der Makroperspektive beobachtet, weil die Einflüsse auf den eigentlichen Forschungs-gegenstand als eher gering oder als relativ konstant erachtet werden. (Früh, 1991, S. 44-45)
Dynamik innerhalb der Systembestandteile
Wiederum angelehnt an das Wirkungsverhältnis der Transaktion ist die Forderung, alle Elemente des betrachteten Systems (Faktoren) als potentiell veränderlich zu sehen. Manche Faktoren sind zwar relativ stabil (z.B. der sozioökonomische Status des Rezipienten), andere jedoch (wie sein Interesse an einem Thema, sein Wissen oder seine Mediennutzung) können sich während des betrachteten Zeitraums merklich verändern (Früh, 1991, S. 50-51). Als Kontrastbeispiel sei hier die Kultivierungshypothese genannt, welche die Mediennutzung eines Rezipienten als konstant betrachtet: Vielseher sind demzufolge immer Vielseher -Wenigseher bleiben Wenigseher. Wohl nicht zuletzt weil es sich hierbei um eine Theorie auf der Makroebene handelt, werden kurzfristige Änderungen, die der Durchschnitt nicht erfassen kann, (ebenso wie qualitative interindividuelle Unterschiede in der Mediennutzung) als unbedeutend für das Gesamtergebnis erachtet. Früh (1991, S. 50) erwägt hingegen, dass möglicherweise genau diese grobe Quantisierung der Realität die eigentlichen Zusammenhänge überdeckt und „die oft als minimal gemessenen Effekte [anderer Theorien] häufig auf diese - falschen - Annahmen zurückzuführen und damit Artefakte sind.“
2. Hintergründe des Paradigmenwechsels
2.1. Historische Fallstricke
(Mono-)Kausale Erklärungen beobachteter Zusammenhänge sind die Grundlage nahezu aller klassischen naturwissenschaftlichen Ansätze. Dieses Verständnis von Wirkungen wurde mit dem Behaviorismus - wohl nicht zuletzt wegen seiner Einfachheit - auch in die Psychologie und die damit verbundene Kommunikationswissenschaft übernommen. Das Gesetz der großen Zahlen überdeckte das Dilemma: Wenn ein System nur komplex genug wäre, wenn nur genug Variablen zusammenwirken, so müssten sich die Unterschiede wohl kompensieren und allenfalls in einem Messfehler auftauchen. Also teilte man die Untersuchungsobjekte nach oftmals oberflächlichen Kriterien (wie z.B. der Fernsehdauer) in Kategorien (wie Viel- und Wenigseher) und hoffte, dass dieses eine Kriterium, diese eine Ursache, mit allen anderen Variablen so stark zusammenhing, dass wenigstens schwache mathematische Zusammenhänge zwischen „Ursache“ (z.B. Fernsehkonsum) und „Wirkung“ (z.B. Wissensänderung oder Gewaltbereitschaft) nachgewiesen werden konnten (Kunczik & Zipfel, 2001, S. 400).
Mit der kognitiven Wende wurde langsam deutlich, dass die Erklärung des Menschen und seiner sozialen Umwelt mit solch einfachen Modellen in einer Sackgasse enden würde, denn während sich die moderne Physik immer kleineren Einheiten widmete, betrachtete die Kommunikationswissenschaft selbst auf der Mikro-Ebene noch hochkomplexe Systeme (z.B. Menschen), deren unzählige Prozesse bis heute weder vollständig gemessen, geschweige denn mathematisch erfasst werden können (Worg, 1993, S. 30-33). In den 60er Jahren begann schließlich ein Prozess, Psychologie und Kommunikationswissenschaft endlich sachgerecht zu behandeln, nämlich als Strukturwissenschaften. Weil jedoch weder eine alte Wissenschaftstradition, noch ein ausgeprägtes Problembewusstsein bei den Wissenschaftlern und am wenigsten wirtschaftliche Interessen in dieser Richtung existieren, gibt es in der Kommunikationswissenschaft auch heute noch viel zu tun.
2.2. Computer, Quantenphysik und chaotische Mathematik
Zum Glück steht das Forschungsfeld „Kommunikation“ mit diesem Problem aber nicht alleine da. Auch die Physik stieß in den 80ern auf Probleme, bei denen ihre althergebrachten Instrumente versagten. So entdeckte man chaotische Systeme, wie das Wetter, die keiner linearen Logik mehr folgen wollten: Kleinste Veränderungen eines Faktors können in solchen Systemen zu extremen Veränderungen des Ergebnisses führen. Und obwohl es sich dabei um einfachst gestrickte Systeme aus zwei Magneten und einer Eisenkugel handeln kann (das „Magnetpendel“), deren Verhaltensursachen (Kräfte) mit wenigen Formeln genau beschrieben werden können, hat man keine Chance, das Verhalten des Gesamtsystems mathematisch exakt vorherzusagen (Worg, 1993, S. 32).
Doch nicht nur bei Makrosystemen stieß man auf solche Probleme - auch im Mikrokosmos, auf der Ebene von Atomen konnten und können Phänomene (Radioaktivität) zwar
physikalisch erklärt, aber bislang mathematisch nicht genauer erfasst werden als mit Hilfe von Auftretenswahrscheinlichkeiten für Ereignisse (z.B. radioaktiven Zerfall). Auf der Suche nach den kleinsten Einheiten kam die Physik schließlich bei den Quanten an und gelangte auch hier zu Modellen von komplexen Systemen mit simultan wechselwirkenden Teilchen - oder, was wahrscheinlicher ist, wiederum komplexen Subsystemen.
Maßgeblich unterstützt wurde die Erforschung solcher Systeme durch die rasante Entwicklung der Rechenmaschinen - Computer. Hier konnte man chaotische Systeme und Modelle mit komplexen Wechselwirkungen relativ genau und vor allem im zeitlichen Verlauf simulieren. Geeignete Instrumente zur Analyse der Daten entwickelte die Mathematik. Parallelen
Es zeigen sich deutlich Parallelen zum dynamisch-transaktionalen Ansatz der Medien-wirkungsforschung: Transaktionale Wechselwirkungen, hochkomplexe Systeme, bei denen Systeme mit über- und untergeordneten Systemen transagieren und nicht zuletzt zeitliche Veränderungen des gesamten Systemzustands auf der Quantenebene. Auch die Idee, dass es eine objektiv beobachtbare Wirklichkeit nicht geben kann, weil „der Beobachter immer Teil des Systems ist, das er erforschen will“, was nichts andere bedeutet, „als daß der Forscher durch den Meßakt das Meßobjekt mit konstituiert“ (Wirth, 1997, S. 91-92) ist ein Grundprinzip und bislang fundamentales Problem der Quantenphysik.
Diese Überschneidungen bringen natürlich den Vorteil mit sich, dass die mathematischen Methoden der Physik teilweise direkt auf kommunikationswissenschaftliche Fragestellungen und Modelle übertragen werden können. Allerdings zeigen sich auch sehr deutlich die heutigen Grenzen: Chaotische Systeme - und zu diesen darf das hochkomplexe System Mensch gezählt werden - sind derart sensibel, dass selbst ein fast perfektes Modell keine langfristigen Prognosen erlaubt. Zudem ist der Rechenaufwand zur Erfassung aller potentiell relevanten Einflussgrößen (oft wiederum komplexe Systeme) in ihrer notwendigen Genauigkeit auf absehbare Zeit nicht zu realisieren. Was dies für die praktische Anwendung bedeutet, wird gegen Ende des folgenden Kapitels behandelt.
3. Anwendung des dynamisch-transaktionalen Ansatzes
Wissen und dessen Vermittlung durch Medien stellt einen zentralen Ansatzpunkt der Arbeiten von Schönbach und Früh zum dynamisch-transaktionalen Ansatz dar (Früh, 1991, S. 26-39). Sowohl Früh selbst als auch andere Autoren greifen gerne auf dieses Konzept zurück, welches Früh anhand von „Szenarien“ beschreibt. Sei es, um den Ansatz zu erläutern (Burkart, 2002, S. 240-243; Kunczik & Zipfel, 2001, S. 252-254) oder um das Modell in eigene Arbeiten zu integrieren (Früh, 1994, S. 70-75; Wirth, 1997, S. 88-92). Aufgrund dieser großen Verbreitung des Themas Wissen in dynamisch-transaktionalen Theorien will ich die Aspekte des Ansatzes am Vergleich dreier Studien mit eben diesem Schwerpunkt zeigen. Zwei Arbeiten behandeln die Hypothese der wachsenden Wissenskluft: Zum einen die überarbeitete Fassung von Tichenor, Donohue und Olien (1980), welche keinen Bezug zu Schönbach und Frühs Ansatz nimmt, und zum anderen die Behandlung des Themas durch Wirth (1997), welche den Ansatz explizit verwendet (Wirth, 1997, S. 352). Als Ergänzung dient eine Arbeit von Früh zur „Realitätsvermittlung durch Massenmedien“ (1994), die unter anderem die Vorteile des dynamisch-transaktionalen Ansatzes nutzen will, um der „analytischen und konzeptionellen Verkürzung des untersuchten Phänomens“ zu begegnen (Früh, 1994, S. 70).
3.1. Den Naturwissenschaften in den Mikrokosmos folgen?
Zunächst will ich deutlich machen, in welcher Form das dynamisch-transaktionale Konzept zur Anwendung kommt. Nach den oben angesprochenen „Parallelen“ zu Physik und Mathematik könnte es nämlich durchaus ein erstrebenswertes Ziel sein, den Menschen in Form einer detaillierten Computersimulation zu erfassen - eine Möglichkeit, die bei einfachen chaotischen Systemen interessante Möglichkeiten eröffnet. Solch ein Modell menschlicher Informationsverarbeitung könnte auf verschiedenen Abstraktionsebenen immer genauer ausgearbeitet werden. Gleichsam der Physik könnte man immer weiter in den Mikrokosmos des Menschen vordringen und sein Verhalten aus dem Zusammenspiel von Neuronen erklären. Das Modell gäbe Systemanalytikern Aufschlüsse über Wechselwirkungen (transaktionale Perspektive), das Zustandekommen komplexerer „Funktionseinheiten“ (molare bzw. in diesem Fall eher modulare Perspektive) und nicht zuletzt die zeitliche Entwicklung verschiedener Prozesse (dynamische Perspektive). Genügend Rechenpower vorausgesetzt, könnte man versuchen, das Modell gar auf gesamte Sozialgebilde auszuweiten und die Funktion sozialer Systeme so auf ihre Elemente zurückführen.
Wie erstrebenswert ist dies?
„Aufgrund der transaktionalen Prozesse sind viele Einflußgrößen im Medienwirkungsprozeß so stark miteinander verwoben oder verschmolzen, daß eine Auftrennung nur dann sinnvoll (und notwendig) wäre, wenn diese Transaktionen Forschungsgegenstand sind .... Für andere Forschungsfragen kann es im Gegensatz dazu sehr aufschlußreich sein, die transaktional verschmolzenen Elemente als Komponenten eines größeren Ganzen zu betrachten ...“ (Wirth, 1997, S. 91)
Die Gedächtnispsychologie hat nicht zuletzt mit dem Modell neuronaler Netze wertvolle Ergebnisse aus diesem Mikrokosmos erlangt, doch ist bislang nicht zu erwarten, dass auch der Weg zurück zum Gesamtsystem „Mensch“ wieder gelingt: Viel zu komplex ist dieses System, um es vollständig als Einheit in all seinen Details zu erfassen - viel zu beschränkt sind heutige mathematische und technische Instrumente.
Die Realität der Kommunikationswissenschaft sieht nicht so aus, als dass der Mensch in Echtzeit auf neuronaler Ebene erfasst werden könnte, sondern eher derart, dass man sich auf Befragungen und beobachtetes Verhalten stützen muss. Der Abstand zwischen den Messungen liegt dabei bestenfalls im Rahmen von Stunden, viel öfter handelt es sich um Zeiträume von Tagen oder Wochen. Auch die Anzahl der Messungen ist mehr als dürftig. So stammen die Daten für die Längsschnittstudie der Gruppe Tichenor, Donohue und Olien aus zwei Befragungen von 1970 und 1972 (Tichenor et al., 1980, S. 196), die Ergebnisse von Wirth basieren auf einer Vorher- und einer Nachhermessung, die in etwa 10 bis 15 Minuten Abstand erfolgt sein dürften (Wirth, 1997, S. 352). Früh ließ seine Versuchspersonen ebenfalls zweimal antreten - in diesem Fall im Abstand einer Woche zur Reproduktion verschiedener „natürlich“ rezipierter Medienbeiträge (Früh, 1994, S. 113, S. 124).
3.2. Einsatz und Vorteile der dynamisch-transaktionalen Postulate Ökologische Sichtweise
Obwohl Tichenor et al. (1980, S. 178, 185) zunächst vom Verhalten verschiedener Subsysteme sprechen ist die Untersuchungseinheit der betrachteten Arbeiten durchweg der einzelne Menschen. Die Untersuchungen richten ihre Perspektive damit alle am für sie Messbaren aus, was im Folgenden die Mesoebene darstellen soll. Der dynamisch-transaktionale Ansatz fordert nun eine molare bzw. ökologische Sichtweise, welche „betont, daß Medienwirkungen sowie alle Einflußgrößen nie isoliert, sondern immer Teil eines komplexen Beziehungsgeflechts innerhalb eines größeren Kontextes sind. Dieser Kontext ist zudem hierarchisch gegliedert, etwa von organismisch-physiologischen über psychologische und sozialpsychologische bis hin zu gesamtgesellschaftlichen Einflußbedingungen“ (Wirth, 1997, S. 90-91; vgl. auch Früh 1991, S. 38). Konkret bedeutet dies, dass Theorien neben Einflüssen aus der Mikro- und Makroebene auch die Beziehungen zwischen diesen Variablen klären müssen.
Als Mikroebene benennen die Arbeiten dabei funktionale Konstrukte des menschlichen Denkens: Wissen, Motivation, Aktivation, Interesse, Fähigkeiten zum Verstehen und Verarbeiten von Informationen, etc. Die Makroebene wird repräsentiert durch die gesellschaftliche Einbindung der betrachteten Personen auf sehr verschiedenen Ebenen. Die wichtigsten sind: interpersonale Kontakte, Arbeitsumgebung und Peergroup sowie soziale Schicht. Tichenor et al. konnten weder 1970 noch in der hier besprochenen Arbeit von 1980 auf den dynamisch-transaktionalen Ansatz Bezug nehmen. Dennoch finden sich die „Neuerungen“ des Ansatzes auch hier - wenn auch zum Teil nur in Ansätzen. Der Titel des Buches „Community conflict & the press“ deutet bereits an, in welchem Zusammenhang die Hypothese von der wachsenden Wissenskluft („Knowledge Gap“) gesehen wird. Es geht um die gesellschaftliche Ungleichheit bei der Verteilung von Wissen und die daraus entstehenden (ungerechten) Vorteile für bestimmte Gruppen: „as the flow of information into a social system increases, segments of the population with higher level of education often acquire this information at a faster rate than segments with low education“ (Tichenor et al., 1980, S. 177). „Whenever an innovation is introduced into a social system, those segments already organized to accommodate the innovation are likely to be the first to adopt it and benefit from it“ (Tichenor et al., S. 178). Obwohl Tichenor et al. die Bildung als einzige (unabhängige) Variable zur Erklärung der Wissenskluft heranziehen, implizieren sie in ihrer Argumentation häufig, dass höhere Bildung automatisch mit einem höheren sozialen Status einhergehe (Tichenor et al., S. 176-179).
Die Makroperspektive wird in der Arbeit großzügig miteinbezogen. Zum einen stammt, wie oben gezeigt, bereits die Fragestellung aus der gesamtgesellschaftlichen Ebene, zum anderen nutzen Tichenor et al. (1980, S. 179-180) die Makroperspektive zur Erklärung ihrer Befunde. So wird der regelmäßige Kontakt einer hoch gebildeten Person mit anderen Gebildeten („other engineers and technical specialists“) herangezogen, um zu erklären, warum diese Person einen häufigeren und einfacheren Zugang zu weiterem Fachwissen habe und dieses in einen größeren Bezugsrahmen einordnen könne als eine niedrig gebildete Person. Ebenso soll der Status dieser Person („his organizational contacts and his status as a professional“) erklären, warum der höher Gebildete deutlich besseren Zugang zu Vor- und Kontextwissen habe („the engineer is in a stream of correspondence, professional journals, and industrial trade magazines which have previously alerted him to, an kept him remind of, the idea of superconductivity“). In einem weiteren Schritt weisen Tichenor et al. auf Eigenheiten des Gesellschaftssystems hin, die höher Gebildeten die Rezeption von Printmedien, der primären Quelle für Wissen, wie Wirth (1997, S. 302) zeigte, erleichtern und sie niedriger gebildeten Gesellschaftsgruppen erschweren („Massive portions of the knowledge generation and distribution industry ... are oriented toward persons with higher education.“, Tichenor et al. 1980, S. 182-183).
Anders gestaltet sich die Situation in Bezug auf die Mikroperspektive. Ein wichtiger Vorwurf an Tichenor, Donohue und Olien bezüglich ihres ersten Entwurfs 1970 war, dass sie „motivationale Faktoren der Wissenskluftthese außer acht gelassen“ haben (Wirth, 1997,
S. 34). Diese Kritik ist auch auf die Fassung von 1980 anzuwenden, denn außer einem allgemeinen Interesse an Büchern bzw. Informationen seitens bestimmter Bevölkerungsgruppen (Tichenor et al., 1980, S. 178) taucht die Motivation nicht in den Thesen auf. Die Mikroebene wird insoweit gestreift, als das Verstehen von Texten und Fachausdrücken, vorhandenes Wissen sowie Selektionsverhalten (Tichenor et al., S. 179, 181, 185) als Gründe genannt werden für unterschiedlich gute Aneignung von Wissen. In der eigentlichen Datenanalyse schließlich taucht die Mikroebene überhaupt nicht auf, die Makroebene wird wenigstens oberflächlich angerissen (mit der Bedeutung verschiedener Themen für bestimmte Untersuchungsgebiete). Auch das komplexe Beziehungsgeflecht, welches für eine wachsende Wissenskluft verantwortlich sein könnte, wird zwar immer wieder impliziert, z.B. wenn davon ausgegangen wird, dass die soziale Schicht eng mit dem Bildungsniveau zusammenhängt (siehe oben), und stellenweise gar in die Erklärungen aufgenommen (Tichenor et al., S. 180), doch eine Einbeziehung der vielen Variablen in den Thesen oder die Analyse findet nicht statt. Zum einen dürfte dieser Mangel darin begründet sein, dass Tichenor et al. „ihre Annahmen mit Sekundäranalysen in anderem Kontext durchgeführter Studien“ begründeten (Kunczik & Zipfel, 2001, S. 385), wobei die fraglichen Daten schlicht nicht zur Verfügung standen, zum anderen bewegt sich die Arbeit - vermutlich nicht zuletzt durch die 1970 zur Verfügung stehenden Instrumente - auf einem relativ einfachen Niveau der Datenanalyse (einfaches Kausalmodell), welche die Beziehungen zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene kaum adäquat erfassen hätte können.
Einen ganz klaren Vorteil hat in diesem Bezug Wirth mit seiner Studie von 1997, die nicht nur auf die Daten eines speziell angepassten Experiments zurückgreifen kann (Wirth, 1997, S. 352), sondern auch ausführlichen Gebrauch von Pfadanalyse und computergestützter Datenauswertung macht (Wirth, 1997, S. 233). Dadurch besteht die Möglichkeit, nicht nur Daten verschiedener Ebenen in die Berechnungen einfließen zu lassen, sondern diese auch auf verschiedenen Abstraktionsniveaus - relativ zum Untersuchungsobjekt oder zur jeweiligen Forschungsfrage - zu betrachten. So fließen in die Analyse Daten ein, die sich auf die gesellschaftliche Situation der Person (z.B. Schulbildung), auf ihre jeweilige Präferenzen (z.B. politisches Interesse), auf die Rezeptionssituation (z.B. Vorwissen, Aktivierung, subjektive Verständlichkeit) sowie auf Eigenschaften des rezipierten Materials beziehen (Wirth, 1997, S. 232, 242). Diese Variablen können im mathematischen Modell gemäß des ökologischen Ansatzes „gleichzeitig als unabhängige und abhängige Variablen in Erscheinung treten“ (Wirth, 1997, S. 236). Abhängig von der jeweiligen Forschungsfrage besteht die Möglichkeit, die Korrelationen zwischen allen Variablen zu berechnen, manche wegzulassen oder einige zu sog. „Syndromen“ zusammenzufassen (Wirth, 1997, S. 281, 285). Die ökologische Qualität dieser Analysemethode zeigt sich aber vor allem in der Möglichkeit, in mehrstufigen Konzepten (Wirth, 1997, S. 281) einfache Korrelationen (Bildung → Nachwissen) detaillierter zu beleuchten (als Kette: Bildung → Printnutzung, Aufmerksamkeit, etc... → Vorwissen → Nachwissen) und dadurch den zunächst eher komplexen Zusammenhang zwischen solchen Variablen aufzulösen. Kausalketten (sofern man hier von
Kausalität sprechen darf) können entsprechend in immer kleinere Schritte zerlegt werden. Dabei wird anhand der Korrelationskoeffizienten auch deutlich, inwieweit die Empirie das Modell stützt oder ob sich nur durch das anfangs grobe Raster ein vermeintlicher Zusammenhang eingeschlichen hatte.
Mit dieser Methode gelingt es Wirth, die Faktoren, welche Tichenor et al. zur Erklärung der wachsenden Wissenskluft heranzogen, in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu zeigen und damit einige Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Thesen der Wissenskluftforschung aufzulösen. So hängt Bildung mit politischem Interesse (Korrelation +.36) und politischer Expertise (Korrelation +.71) beispielsweise stark zusammen (Wirth, 1997, S. 281) - die Frage Bildung (Tichenor et al., 1980) versus Interesse/Motivation (wie bei Ettma und Kline, Wirth, 1997, S. 34) stellt sich gar nicht. Das komplexe, ökologische „Beziehungsgeflecht“, welches Wirth (1997, S. 90, siehe 1.3) behandeln will, lässt sich mit dieser Form der Datenanalyse zumindest teilweise mathematisch erfassen. Es zeigt sich dabei auch sehr deutlich, dass die schwachen Korrelationen anderer Theorien zwischen Ursache und Wirkung sehr stark damit zusammenhängen, dass sehr unterschiedliche Einflüsse für das Zustandekommen der Wirkung verantwortlich sind. Dies ist ein Beleg dafür, dass monokausale Modelle, wie sie in vielen klassischen Theorien verwendet werden, längst nicht mehr zeitgemäß sind und durch multikausale Modelle, wie der dynamisch-transaktionale Ansatz vorschlägt (Schönbach & Früh, 1984, S. 43), ersetzt bzw. ergänzt werden müssen. Früh schließlich taucht in diesem Vergleich als Mitbegründer des dynamisch-transaktionalen Ansatzes auf. Seine Studie mit dem Titel „Realitätsvermittlung durch Massenmedien: die permanente Transformation der Wirklichkeit“ von 1994 (Zwischenbericht unter dem selben Titel 1986) stellt eines seiner neuesten Werke dar. Der dynamisch-transaktionale Ansatz wird hier sehr intensiv und bewusst genutzt - nicht zuletzt, um seine Tauglichkeit in Bezug auf reale Forschungsarbeit unter Beweis zu stellen (Früh, 1994, S. 70). Trotz der Ankündigung, das „Zusammenwirken medialer, personaler und situativer Bedingungen“ als relevante Wirkungsfaktoren für die „subjektive Realitätsvorstellung“ (Früh, 1994, S. 80) aufzuzeigen, stellt sich die Präsentation seiner Ergebnisse sehr klassisch dar. So vergleicht Früh die Struktur der Medieninhalte mit dem daraus reproduzierten Wissen seiner Versuchspersonen, belässt es aber dabei, die Anteile der verschiedenen Strukturmerkmale (z.B. Anteil der Handlungen, der Personen, oder der Attribute des Beschriebenen) zwischen Medienbeitrag und Reproduktion quantitativ zu vergleichen, ohne ihre Beziehungen zu untersuchen. So kommt er zwar zu dem Ergebnis, dass die „in der Nachrichtenwertforschung festgestellte (und gelegentlich beklagte) Personalisierung des Geschehens ... vom Publikum ... sogar noch verstärkt“ wird, „Eigenschaften oder Auffälligkeiten von Handlungen, Personen und Sachverhalten [dagegen] nicht so stark beachtet [werden], wie in den Medien“ (Früh, 1994, S. 124). An anderer Stelle erwähnt Früh (1994, S. 81) motivationale Anreize, die zumindest teils auf die Rezeptionssituation bezogen seien. Den zu erwartenden Zusammenhang zwischen einer bildhaften (attributreichen) Berichterstattung und derer Anreize für den Rezipienten stellt er aber nicht dar.
Ein zentrales Instrument seiner Studie, welches die ökonomische Perspektive hingegen stark betont, ist seine Strukturanalyse der Beiträge und Reproduktionen mithilfe der „dynamisch-transaktionalen Komplexität (dtK)“ (Früh, 1994, S. 129), welche unter anderem „die transaktionalen Verstehensprozesse zwischen Mikro- und Makroebene der Textbedeutung [(Detail- und Globalinformation eines Textes)] beschreibt“ (Früh, 1994, S. 130). In diesen Index fließen neben klassischen linguistischen Erkenntnissen Überlegungen zum dynamischen Prozess des Verstehens von Texten ein, die höchst plausibel erscheinen (Früh, 1994, S. 71-72). Die Maßeinheit beruht dabei auf dem (hierarchischen) Beziehungsgeflecht zwischen Sinnabschnitten des Textes (Früh, 1994, S. 129).
Trotz der Tatsache, dass die Struktur von Wissen und Texten, die dieses vermitteln, einen zentralen Punkt seiner Studie darstellt, in der Früh die molare Perspektive deutlich umsetzen kann, bleibt der schale Beigeschmack, dass er seinem hoch gesteckten Ziel, alle relevanten Einflussgrößen in ein Beziehungsgeflecht einzuordnen, mit dem vorliegenden Buch nicht wirklich gerecht wird. Verantwortlich dafür dürfte aber auch sein, dass er für die Gewinnung der empirischen Daten ein Laborexperiment strikt ablehnt, weil die „Vernachlässigung der Aspekte Transaktion, Kontext und Zeit ... essentielle Wirkungsfaktoren [ausblendet]“ (Früh, 1994, S. 70), und statt dessen ein Felddesign wählt, was die Datenerfassung stark erschwert.
Transaktionale Perspektive
Der Grund dafür, dass Schönbach und Früh mit dem dynamisch-transaktionalen Paradigma fordern, Wirkungen seien weniger kausal als vielmehr als Wechselwirkungen verschiedener Systeme zu sehen, liegt vor allen Dingen in der klassischen theoretischen Trennung der Medienwirkung begründet: Wirkungen durch das Nutzungsverhalten der Rezipienten auf der einen Seite und Auswirkungen der Botschaft bzw. des Kommunikators auf der anderen Seite. In der Tat eine Zerteilung des Komplexes Medienwirkung, die dazu führt, dass keine der beiden Seiten alleine die Realität wirklich gut beschreiben könnte. Sieht man die Transaktion als Neuerung des dynamisch-transaktionalen Ansatzes, ist es zum einen interessant, inwieweit die jeweiligen Studien Ursachen für Medienwirkung auf der Rezipienten- bzw. der Kommuni-katorseite sehen, und zum anderen, ob diese Wirkungen als einseitig gerichtete Kausalzusammenhänge gesehen werden oder eher als beidseitige Wechselwirkung. Die eigentlichen Analysen von Tichenor et al. (1980) zielen klar auf einen einseitig gerichteten Kausalzusammenhang ab zwischen Bildung („education“, aber auch „more knowledgeable“) und der Aneignung neuen Wissens aus den Massenmedien (Tichenor et al., S. 193, S. 200). Allerdings gehen sie sowohl auf das Medienangebot als auch auf die Nutzung dessen durch die Rezipienten ein. So ist von der Medienindustrie die Rede, welche ihre Produkte speziell auf die Bedürfnisse Höhergebildeter abstimmt (Tichenor et al., S. 182) und es wird davon ausgegangen, dass die Informationen, die Höhergebildete durch ihr Arbeitsumfeld („regular contacts“, Tichenor et al., S. 179) und ihre ihren Status („Because of his organizational contacts ans his status as a professional, the engineer is in a stream of correspondence, professional journals, and industrial trade magazines“, Tichenor et al.,
S. 180) erlangen, einen bedeutenden Einfluss darauf habe, über welche Themenbereiche sie Vorwissen besitzen, zu welchem Wissen sie Zugang haben und somit, welches Wissen sie erlangen können. Diesen angebots- bzw. stimuluszentrierten Aspekten stehen Aspekte der Selektion gegenüber. So wird erwähnt, dass ein Höhergebildeter („the engineer , as a college graduate“) eher eine Zeitung (impliziert: der Qualitätspresse) abonniert (Tichenor et al., S. 179) und dass er eher nach weiteren Informationen zu diesem Thema suchen wird („students seeking adult education were heavily concentrated in upper income and educational groups. Persons who had already succeeded at school and in professional positions came to school to learn still more.“, Tichenor et al., S. 182). Zudem stellen Tichenor et al. Aspekte der eigentlichen Rezeption heraus, nämlich dass Höhergebildete durch ihr größeres Vorwissen zum einen neue Informationen besser in ihr bestehendes Wissen integrieren können (Tichenor et al., S. 179-180) und zum anderen deutlich bessere Chancen haben, neue Informationen überhaupt erst zu verstehen (Tichenor et al., S. 179). Der Vorwurf, die Wissenskluftforschung durch Tichenor et al. sei „als ein prinzipiell kommunikatorzentrierter Ansatz konzipiert“ (Wirth, 1997, S. 88), scheint mir deshalb nicht gerechtfertigt, erklären sie doch die meisten ihrer Annahmen mit Nutzung und Rezeption der Information. Allerdings gehen sie nicht soweit, die genannten Ursachen auch in einer Wechselwirkungsbeziehung mit der Wirkung Wissenszuwachs darzustellen. Einzig die Aussage, dass Gebildete auch in Zukunft eher Interesse daran haben, sich weiter zu bilden, welche zudem auf einer Arbeit Johnstones von 1965 basiert (Tichenor et al., 1980, S. 182), stellt einen Hinweis darauf dar, dass möglicherweise über eine potenzielle gegenseitige Verstärkung von Wissen und spezifischem Interesse - die Vorzeige-Transaktion Schönbach und Frühs (Früh & Schönbach, 1982, S. 78-79) - nachgedacht wurde. Die eigentliche Wirkung der Information auf den Rezipienten beschreiben Tichenor et al. aber nicht, sie gehen vielmehr davon aus, dass der Kontakt mit Information und deren Verstehen mit Wissenserwerb einhergehen. Die Kritik, dass bislang in der Wissenskluftforschung eine Stimulus-Response-Orientierung vorherrsche (Wirth, 1997, S. 85) scheint zuzutreffen. Deutlich strukturierter beschreibt Wirth (1997) die Einflüsse, welche zu verschiedenem Nutzen der Massenmedien für verschiedene Gruppen führen können. Er stellt außerdem für das Segment Informationsangebot in Aussicht, „die komplexe Beziehung zwischen Informationsangebot und dem Erwerb von Wissen genauer zu erforschen“ (Wirth, 1997, S. 47). Was er nicht untersucht, sind die Unterschiede im Medien- und sonstigen Informationsangebot, das den verschiedenen Bildungs- bzw. Sozialschichten offen steht (z.B. für die Zielgruppe verständliche Publikationen sowie berufliche oder private Kontakte), wie es Tichenor et al. anregen. Stattdessen beleuchtet er den Unterschied zwischen vorhandener medialer Information und subjektivem Informationswert (Wirth, 1997, S. 47). Im anderem Segment „Nutzungs- und rezeptionsbedingte Wissensklüfte“ (Wirth, 1997, S. 56) kümmert er sich vor allem um die Frage, ob Wissensklüfte eher auf verschiedene Nutzung (Selektion) oder unterschiedliches Rezeptionsverhalten zurückzuführen seien, wobei er neben Vorwissen und subjektiver Verständlichkeit (welche bereits Tichenor et al. zumindest erwähnten) auch die
subjektive Aktivierung und Informationsqualität in seine Untersuchungen miteinbezieht. Transaktionale Wechselwirkungen erläutert aber auch Wirth nur sehr eingeschränkt, wenn er beispielsweise darauf hinweist, dass die „mehrstufige Wissenskluft“ (Bildung → politische Expertise und Printorientierung → Vorwissen → Nachwissen) zwar „einen geordneten Zeitablauf [impliziert]“ (Wirth, 1997, S. 284), was so aber nicht zutreffe: „Zwar ist die Schulbildung wahrscheinlich tatsächlich abgeschlossen, bevor das relevante Faktorenbündel entstanden ist, alle anderen Prozesse laufen jedoch eher parallel als hintereinander ab. Das verwendete Analysemodell beruht nicht auf einer zeitlichen, sondern auf einer logischen Abfolge, so daß der mehrstufige Wirkungsprozeß eher zu verstehen ist als eine zunehmende Spezifizierung und Konkretisierung von sozialisatorischen über transsituationalen hin zu themenspezifischen Faktoren.“ (Wirth, 1997, S. 284)
Zahlreiche Hinweise, „daß sowohl Mediennutzung den Erwerb von Wissen fördert, als auch umgekehrt Wissen zu verstärkter Mediennutzung über ein Thema führt“ (Wirth, 1997, S. 45, vgl. S. 85, 90) und dass „Meinung und Wissen erst in Transaktion des Rezipienten mit der Medienbotschaft entstehen“ (Wirth, 1997, S. 90) zeigen, dass die transaktionale Sichtweise durchaus auf verschiedene Bereiche ausgedehnt wird, das Groß der Korrelationen erklärt Wirth dennoch klassisch kausal, so z.B. dass „Personen mit einer starken Orientierung an Printmedien und einer Präferenz für den Wissenserwerb ... deshalb so erfolgreich beim Wissenserwerb [sind], weil sie in der Regel zu den Themen bereits so viel Vorinformationen besitzen, daß ihnen die Aufnahme und Verarbeitung neuer Informationen sehr leicht fällt“ (Wirth, 1997, S. 282).
Die Studie Frühs (1994) schließlich behandelt die eigentliche Verarbeitung von Informationen durch den Rezipienten. Daher ist durch das Thema ein Fokus auf die Nutzung und Rezeption der Medieninformation vorgegeben. Dennoch untersucht Früh explizit „Das Einflußpotential von Medien und Publikum im Vergleich“ (Früh, S. 134) und ergänzt damit die nutzenzentrierte Einseitigkeit des Uses-and-gratifications Approach. Deutlich zeigen sich hier die Schwierigkeiten, aber auch das Potenzial, welche die transaktionale Perspektive aufwirft: Die eigentliche Wechselwirkung zwischen Medienangebot und Rezeption sowie Nutzung desselben ist viel mehr, als der Vergleich beider Einflussgrößen: So geht Früh einerseits der Frage nach, in welcher Ausprägung „die Art und Weise, in der ein Thema durch die Medien dargestellt wird, sich in den Vorstellungen niederschlägt, die die Rezipienten von diesem Thema erhalten“ (Früh, 1994, S. 135) und andererseits, welche Folgen es hat, dass bereits wenige der darin enthaltenen Schlüsselreize Schemata im Rezipienten aktivieren, die „nun ihrerseits in einem 'top-down'-Prozeß die weitere Wahrnehmung des Textes [steuern]“ (Früh, S. 135). Weil Menschen zudem „kognitive Stile als langfristig wirksame individuelle Informationsverarbeitungsstrategien genereller Art“ entwickeln (Früh, S. 136) sind solche Transaktionen nicht einmal unbedingt universell. Dadurch
wird schon solch eine einzelne Transaktion zu einem komplexen Forschungsgebiet. Entsprechend beschränkt sich Früh im Folgenden auch darauf, wie oben erwähnt die Einflusspotenziale Medienbeitrag, Schemata und kognitive Stile quantitativ zu vergleichen, womit er zumindest in seinen Analysen die Transaktion selbst nicht untersucht (Früh, S. 136). Vielmehr nutzt Früh die transaktionale Perspektive (wie auch die molare Perspektive) um Begriffe und Instrumente besser auf die beobachtete Realität abzustimmen. Bei der Definition des Begriffs Wissen weist er so zum Beispiel ausführlich darauf hin, dass Wissen in einer stetigen Wechselbeziehung mit der Verwendung des selben stehe. „Die Verwendung von Wissen ist demzufolge eines seiner essentiellen Definitionskriterien“ (Früh, 1994, S. 72): „Wissen wird immer aus konkretem Anlaß benutzt und geht deshalb auch immer mit den aktuellen Informationen des konkreten Verwendungszusammenhangs eine symbiotische Verbindung ein.“ (Früh, 1994, S. 72) Und auch die weiter oben erwähnte „dynamisch-transaktionale Komplexität“ als Maß für die Struktur eines Textes beruht auf der Überlegung, dass beim Verstehen von Information ständig Wechselwirkungen stattfinden zwischen bereits erfasster Information, dem daraus entstandenen Bild vom Text (Textbedeutung) und zu erfassender aktuelle Information (Satzbzw. Wortbedeutung) (Früh, 1994, S. 71-72). Besondere Bedeutung misst Früh den zahlreichen Transaktion bei, die während eines natürlichen Rezeptionsvorgangs auftreten -„vorherige, gleichzeitige und nachfolgende Kommunikationsvorgänge sowie parallele Primärerlebnisse“ (Früh, S. 70) - welche zu ignorieren er typischen Untersuchungsdesigns vorwirft (Früh, S. 70). Zwar widmet er sich diesen Prozessen in seiner Auswertung nicht weiter, er nimmt aber wie oben erwähnt vom Laborexperiment Abstand, belässt die Versuchspersonen bewusst in einem „natürlichen Rezeptionskontext“ (Früh, S. 139) und lässt neben vorgegebenen Sendungen Themen von den Versuchspersonen frei auswählen (Früh, S. 139).
Dynamik der Modelle
Der Wunsch, Modelle so zu entwerfen, dass sie nicht nur auf kausalen Zusammenhängen, sondern auf dynamischen Prozessen basieren, stellt einen zentralen Punkt im dynamischtransaktionalen Ansatz dar, denn Transaktionen sind nur als Prozesse zu verstehen - statische Wechselwirkungen gibt es nicht. Außerdem wechselt das Bild des Menschen von einer Momentaufnahme des passiven, messbaren Objekts zu einer Filmsequenz eines aktiven und mit der Umgebung interagierenden Lebewesens. Das gesamte Modell wird dadurch um die Dimension der Zeit erweitert, was nicht nur auf die zu messende und zu erklärende Datenmenge einen massiven Einfluss hat, sondern Theorien auch zwingt, neben dem Zusammenwirken von Variablen auch den zeitlichen Verlauf einer Entwicklung zu erklären. So steht nicht mehr alleine die Frage zu klären, welches Wissen sich Menschen aus einer vorgegebenen statischen Menge von Informationen aneignen, sondern auch, welche Zeit sie dafür benötigen, welchen Einfluss eine Änderung des Angebots auf diesen Prozess hat und in
welcher Reihenfolge Informationen wie wirken. Dass es sich dabei um durchaus relevante Einflüsse handelt, war übrigens auch Hovland, Janis und Kelley 1961 in ihren Yale Studies schon bewusst, als sie die „Organization of persuasive arguments“ (Hovland et al., S. 14)also die logische und damit zeitliche Anordnung von Argumenten bei der Vermittlung von Informationen - untersuchten. Nicht zuletzt sollte eine Theorie beachten, dass auch der Mensch Veränderungen unterworfen ist, welche durch den Kommunikationsprozess selbst hervorgerufen werden können. Ersichtlich ist dabei ein Fall, wo das zukünftige Selektionsverhalten verändert wird, wie es der Uses-and-gratifications Approach beschreibt, in weniger deutlichen Fällen ist auch das Erlernen neuen Wissens als Veränderung zu begreifen, die auf aktuelle und folgende Prozesse Einfluss haben kann. Ein praktisches Problem im Zusammenhang mit einer dynamischen Sichtweise wurde bereits weiter oben angerissen: Der zeitliche Abstand verschiedener Messungen liegt mit heutigen Mitteln wie Befragung oder Experiment im Bereich zwischen 10 Minuten und zwei Jahren. Eine Panelstudie mit drei Messzeitpunkten darf bereits als Luxus gelten - die vorliegenden Studien können jeweils auf maximal zwei Messungen zurückgreifen. Dass empirische gestützte Aussagen über zeitliche Verlaufsformen damit kaum möglich sind, liegt auf der Hand.
Die Hypothese der wachsenden Wissenskluft stellt in diesem Kontext einen Sonderfall unter den „klassischen“ Theorien der Kommunikationswissenschaft dar, weil sie als Wirkung bereits einen dynamischen Prozess sieht, nämlich das Anwachsen eines Wissensunterschieds zwischen verschiedenen Bevölkerungsschichten mit der Zeit. Als Ursache wird ebenfalls eine Veränderung angenommen, nämlich die Steigerung des Informationsflusses in ein soziales System (Tichenor et al., 1980, S. 177). Tichenor et al. sprechen sogar davon, dass die Geschwindigkeit der Informationsaneignung - eine Variable, die in statischen Systemen nicht beobachtbar wäre - die eigentliche Auswirkung einer höheren Bildung bzw. ausgeprägteren Vorwissens sei: „In the typical case of publicizing a topic, those who are already more knowledgeable tend to acquire the new information at a faster rate than those who are less knowledgeable“ (Tichenor et al., S 200). In ihren Erklärungen beschreiben Tichenor et al. Kommunikation zudem häufig als Prozess (wörtlich: „communication processes“, Tichenor et al., S. 179). So zum Beispiel, basiere das Verstehen neuer Information (eines Fachausdrucks) auf dem Vorhandensein alter Information (Vorwissen) (Tichenor et al., S. 179) und es sei notwendig, an Wissen zu erinnern, damit dieses abrufbar bleibe (Tichenor et al., S. 180). Abgesehen davon behandeln Tichenor et al. (1980) die Dynamik der Wissenskluft eher nachlässig. So sehen sie nicht zuletzt aufgrund des spärlichen Datenmaterials (siehe oben) für ihre Analyse die Möglichkeit, ihre These auch mit nur einer Messung zu bestätigen (Tichenor et al., S. 192). Dabei ziehen sie aber Schlussfolgerungen, die mindestens als höchst unsicher gelten dürfen und weniger die Öffnung einer Wissenskluft als deren (durch die Berichterstattung bedingtes) Vorhandensein zeigen, was den Faktor Zeit quasi ausschaltet. Anzurechnen ist der Forschungsgruppe hingegen, dass sie sich auch der Entwicklung einer Wissenskluft nach dem Abflauen der Medienberichterstattung widmet (Tichenor et al., S. 196-
199). Mit ihren Messwerten 1970 und 1972 können sie tatsächlich eine Veränderung der Wissenskluft zwischen Mittel- und Hochgebildeten beobachten, was sie als ein sich Schließen der Wissenskluft deuten (Tichenor et al., S. 199). Mit seinem experimentellen Design hat Wirth (1997) eine deutlich bessere Ausgangsposition, um die Wissenskluftthese analytisch zu erfassen. Bereits im Vorfeld fällt allerdings auf, dass die zwei Messzeitpunkte auch hier nur eingeschränkt die Veränderung der Versuchspersonen erfassen können. So wird zum einen ausschließlich die Veränderung des Wissens untersucht, alle anderen Variablen werden als konstant erachtet - was innerhalb des kurzen Messintervalls wohl auch zutreffen dürfte -, zum anderen kann trotz des im Vergleich kürzesten Messintervalls die Entstehung von Wissen aus Informationen nicht näher untersucht werden. Dies zeigt die Grenzen der verfügbaren Messmethoden, aber noch nicht die „dynamische Qualität“ der Studie, da diese ein anderes Forschungsinteresse hat. Häufig erwähnt wird Schönbach und Frühs „Vorzeige-Transaktion“ zwischen Wissen und Interesse („Wer über ein Thema gut Bescheid weiß, wird weiteren Informationen darüber häufig besonders aufgeschlossen sein bzw. wird motiviert sein nach solchen zu suchen.“, Wirth 1997, S. 44); entsprechend fließen „subjektive Aktivierung“ und „Vorinteresse“ als Variablen in die Untersuchung ein (Wirth, 1997, S. 232, 237). Aufgrund der wenigen Messungen gibt die Analyse aber auch hier keinen Aufschluss über den Prozess dieser Wechselwirkung. Was den dynamischen Aspekt der Analyse betrifft, ist deshalb keine Weiterentwicklung gegenüber Tichenor et al. zu erkennen, die Erklärungen hingegen weisen im Kontext transaktionaler Beziehungen darauf hin, dass besonders die Konstrukte Wissen, Motivation (Wirth, 1997, S. 45, 92) und das Verstehen und Verarbeiten von Informationen (Wirth, 1997, S. 47, 56) dynamische Prozesse sind, die es noch näher zu erforschen gilt. Oben wurde erwähnt, das eine dynamische Sichtweise die Basis transaktionaler Überlegungen ist. Dass dies andersherum nicht gilt und man Dynamik auch ohne die tiefergehende Analyse aller relevanten Transaktionen analysieren kann, zeigt die Untersuchung von Früh (1994). Zwar kann auch diese nur zwei Messzeitpunkte vorweisen, doch sind Forschungsfrage und Messungen anders angelegt, als in den Studien von Tichenor et al. (1980) und Wirth (1997).
Zur Datenerhebung wählte Früh (1994) ein Felddesign, bei dem seine Versuchspersonen in einem natürlichen Kontext Medienbeiträge (teils vorgegeben, teils frei gewählt) rezipieren sollten. Nach Ablauf des Versuchs sowie eine Woche später waren die Beiträge zu reproduzieren. Die Struktur, Qualität und Quantität des Medienbeitrags und der beiden Reproduktionen wurden mit verschiedenen Instrumenten gemessen. Dadurch steht Früh in seiner Analyse nicht nur der Unterschied zwischen Medienbeitrag und Reproduktion zur Verfügung, er kann zudem einen Vergleich der beiden Reproduktionen vornehmen und damit die Veränderung des Wissens über den Zeitraum einer Woche genau betrachten. Das Thema der Studie ist die „Transformation“ von Informationen zu Wissen und damit das Konzept der menschlichen Speicherung von Realität - mit der Untersuchung besagter struktureller Veränderungen, sowohl zwischen Medienbeitrag und erster Reproduktion, als auch zwischen
den beiden Reproduktionen, gelingt es ihm, Prozesse der menschlichen Datenverarbeitung bzw. Realitätstransformation äußerst plausibel darzustellen. Das zentrale
Untersuchungsobjekt Wissen wird dabei, auch in der Wahl der verwendeten Analyse-Instrumente (vgl „dynamisch-transaktionale Komplexität“, Früh 1994, S. 130), konsequent dynamisch behandelt:
„Information wird aktiv in vorhandenes Wissen integriert und in der Regel in Kommunikationsvorgängen wieder benutzt, nicht einfach nur angesammelt.“ (Früh, 1994, S. 74)
4. Vorsprung durch Transaktion und Dynamik?
Wie bereits an der klassischen Untersuchung von Tichenor, Donohue und Olien (1980) ersichtlich wird, sind die Forderungen des dynamisch-transaktionalen Ansatzes nicht durchweg neu. Da jedoch bis vor kurzem die Werkzeuge zur Datenanalyse für eine komplexe Untersuchung von Beziehungsgeflechten nicht ausreichten, waren Theorien zumindest in ihrer Kernaussage auf das empirisch Nachweisbare und damit auf einfache Kausalzusammenhänge beschränkt. Heute scheint die Kommunikationswissenschaft sich teilweise in diesen Kernaussagen festgefahren zu haben - zum einen, damit auch neue Ergebnisse zu alten Fragen passen bzw. mit alten Studien vergleichbar bleiben, und zum anderen sicherlich auch, weil man sich mit der freien Interpretation bestehender Thesen schnell abseits befahrener Straßen wiederfindet.
4.1. Mehrwert dynamisch-transaktionaler Theorien
Eine Beurteilung, welcher Nutzen mit der konsequenten Anwendung des dynamischtransaktionalen Paradigmas verbunden ist, gestaltet sich schwierig, nicht zuletzt aufgrund der mäßigen Resonanz auf den dynamisch-transaktionalen Ansatz. Die vorliegenden Studien von Wirth (1997) und Früh (1994) konnten jeweils einen Teilaspekt des Konzepts gut umsetzen, scheuen jedoch den ungleich höheren Aufwand, der notwendig wäre, um alle Aspekte des Paradigmas gleichermaßen ausführlich zu behandeln. Anhand der basalen Aufgaben von Theorien versuche ich dennoch kurz, einige Vorteile zu erläutern. Beschreibung
Das Beschreibungspotenzial der vorliegenden Arbeiten gliedert sich jeweils in zwei Bereiche. Zum einen ist das Untersuchungsgebiet durch angemessene Begriffe, die auch einer gewissen externen Validität gerecht werden, zu erfassen und zum anderen müssen Instrumente zur Datenerhebung gewählt werden, die zu den gewählten Begriffen passen. In beiden Aspekten zeigt sich die Studie von Früh (1994) mit ihrer konsequenten Erfassung des zentralen Untersuchungsobjekts Wissen sehr erfolgreich. Der dynamischtransaktionale Ansatz erlaubt es Früh dabei, Wissen auf der Basis neuerer Erkenntnisse der Neuropsychologie adäquat zu beschreiben und mit teilweise speziell für diesen Zweck entwickelten Instrumenten entsprechend zu erfassen. Dies stellt insofern einen deutlichen Fortschritt dar, als das Konstrukt Wissen der Forschungsgruppe um Tichenor große Probleme bereitet. Ihre Arbeit entleiht das Wort dem allgemeinen Sprachgebrauch und versucht ständig, Wissen umfassender zu sehen, als nur in Form reinen Faktenwissens. Doch in ihren Erklärungen wird es nie genau definiert und in der Datenerhebung sind Tichenor et al. doch wieder auf das oberflächliche Faktenwissen angewiesen.
Erklärung
Die Erklärungsqualität einer Arbeit misst sich ebenfalls in mehreren Aspekten. So wird neben einer plausiblen Erklärung der beobachteten Phänomene auch die empirische Stützung dieser Erklärung gewünscht.
Die eigentlich sehr ersichtlichen Erklärungen ihrer These schwächen Tichenor et al. (1980) durch die begriffliche Vermengung von Fakten-, Hintergrund- und Allgemeinwissen ab, wodurch sie auf eine richtige Interpretation durch den Leser angewiesen sind. Doch vor allem scheitert die Studie von Tichenor et al. am empirischen Fundament, denn eigentlich schlüssige Erklärungen der Wissenskluftthese werden schlichtweg nicht überprüft. Da es sich dabei teilweise um mehrstufige und multifaktorell bedingte Zusammenhänge handelt, kann Wirth (1997) in diesem Punkt zeigen, welche Vorteile die Analyse eines Sachverhalts unter der molaren Perspektive hat. Seine Erklärungen sind zwar nicht so ausschmückend an Beispielen erläutert, dafür aber in der Datenanalyse nachvollziehbar.
Prognose und Intervention
Die Hypothese der wachsenden Wissenskluft baut auf dem Misserfolg einiger Informationskampagnen auf, welche ihre Zielgruppe, nämlich die unteren Bildungsschichten, krass verfehlten. Heute erreichen solche Kampagnen in aller Regel ihre Zielgruppe - ob dies als Intervention im Sinne der Wissenskluftthese zu bewerten ist, möchte ich offen lassen. Tatsache ist, dass bereits die zuverlässige Prognose von Entwicklungen für die Kommunikationswissenschaft schwierig ist, wodurch Interventionen stets mit einem großen Risiko behaftet sind, völlig an den intendierten Zielen vorbei zu wirken.
Früh (1994) zeigt in seiner Studie, dass sich Menschen über ihre Prädispositionen hinaus darin unterscheiden, wie sie die Realität wahrnehmen und verarbeiten. Hinter scheinbar einfachen Zusammenhängen stehen komplexe Prozesse, die - wie Wirth (1997) zeigt - zudem in ein enges Beziehungsgeflecht mit anderen Prozessen eingebunden sein können. Die Physik kann sich bei solchen Unsicherheiten auf das Gesetz der großen Zahlen verlassen, aber die Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft sind oftmals kultur- oder personenspezifisch und somit nur eingeschränkt auf die Allgemeinheit übertragbar. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass für konkrete Einzelfälle in Zukunft sichere Aussagen möglich sein werden, wenn dies bereits bei einfachen, vollständig erfassbaren chaotischen Systemen nicht gelingt. Zumindest aber kann man sich der Analyse von Eigenheiten solcher Systeme widmen und für relativ homogene Personengruppen propabilistische Aussagen formulieren. Interessant ist in diesem Kontext der Vorschlag von Früh (1991, S. 38), Wirkungsverläufe „als Ereignisketten im "Wirkungsfeld" mit spezifischen Übergangswahrscheinlichkeiten“ zu prognostizieren. Hierfür scheinen nämlich die Beziehungsgeflechte bzw. Kausalketten, wie Wirth (1997) sie aufzeigt, gut geeignet.
Außerdem hat der dynamisch Aspekt für die Prognose von Medienwirkungen eine besondere Bedeutung, denn nur hier widmen sich Theorien tatsächlich der zeitlichen Entwicklung eines Phänomens.
4.2. Fazit
Es sind noch lange nicht alle Fragen beantwortet, die durch das „neue Paradigma der Medienwirkungen“ (Früh & Schönbach, 1982, S. 74) aufgeworfen wurden. So lag der Fokus der Studien bislang jeweils entweder auf dem untersuchten System (Früh, 1994) oder auf der eigentlichen Medienwirkung (Wirth, 1997). Das Zusammenspiel dieser Aspekte dürfte weit schwieriger zu erfassen sein als es die einzelnen Studien bislang darstellen. Diese und viele weitere Transaktionen werden zudem bislang nur oberflächlich beleuchtet - sie sind sicherlich noch genauer zu behandeln und vor allem empirisch zu belegen. Derzeit sehe ich eine gewisse Tendenz, das Wort 'Transaktion' zu verwenden, um einen komplexen Sachverhalt und eine damit verbundene Kausalität anzudeuten, ohne tiefer darauf eingehen zu müssen. Obwohl aktuelle Analysemethoden interessante Möglichkeiten bieten, gibt es auch hier noch Einiges zu tun. So weist Wirth ausdrücklich darauf hin, dass das von ihm verwendete Analysemodell lineare Zusammenhänge zwischen Variablen erwartet (Wirth, 1997, S. 235). Doch es ist davon auszugehen, dass sich die Zusammenhänge wohl nur zu einem geringen Anteil linear, quadratisch oder exponenziell verhalten, was bedeutet, dass viele Beziehungen zwischen Einflussgrößen bislang nur eingeschränkt untersucht werden können. Als Ergebnis einer umfassend dynamisch, transaktional und molar angelegten Analyse erhält man in der Regel ein komplexes Beziehungsgeflecht verschiedener Variablen bzw. Prozesse. Spätestens in der Anwendung ist man aber auf einfachere Zusammenhänge angewiesen. Hier gilt es noch Konzepte zu finden, die den praktischen Gebrauch der Ergebnisse vereinfachen.
Die Molarität schafft Berührungspunkte zwischen dem dynamisch-transaktionalen Ansatz und Bemühungen der Systemtheorie. Insbesondere deren funktionale bzw. semantische Ausrichtung (Kunczik & Zipfel, 2001, S. 66) könnte helfen, die Kommunikationswissenschaft aus der Perspektive einer Strukturwissenschaft anzugehen. Dabei sollte aber nicht der Fehler wiederholt werden, die vielversprechenden Ansätze in Konkurrenz zu betrachten. Grundsätzlich ist das dynamisch-transaktionale Paradigma dennoch zu empfehlen. Dabei geht es weniger um das Beschreiten völlig neuer Wege, sondern vielmehr um einen Weg aus dem selbst verschuldeten Erbsenzählen zurück zu einer Wissenschaftsperspektive, die dem Menschen als Untersuchungsobjekt wieder gerecht wird. Anhand der besprochenen Arbeiten von Früh (1994) und Wirth (1997) kann sehr gut gezeigt werden, wie heutige psychologische Erkenntnisse und verfügbare Instrumente es durchaus ermöglichen, das dynamischtransaktionale Paradigma in der wissenschaftlichen Theoriebildung umzusetzen, ohne dadurch die interne Validität der Ergebnisse in Frage zu stellen. Eine facettenreiche Betrachtung kommunikationswissenschaftlicher Probleme, wie sie zu Zeiten Tichenors schon angedacht wurde, an den begrenzten Möglichkeiten aber scheiterte, ist damit heute möglich. Deshalb verschenken Theorien, die heute noch auf der Basis veralteter Konzepte entstehen, einen großen Teil ihrer Möglichkeiten.
5. Literatur
• Burkart, R. (1995). Kommunikationswissenschaft, Grundlagen und Problemfelder . Wien, Köln, Weimar: Böhlau.
• Burkart, R. (2002). Kommunikationswissenschaft (4. Auflage). Köln: Böhlau. • Früh, W. (1991). Medienwirkungen : Das dynamisch-transaktionale Modell. Theorie und empirische Forschung. Opladen: Westdeutscher Verlag. • Früh, W. (1994). Realitätsvermittlung durch Massenmedien: die permanente Transformation der Wirklichkeit. Opladen: Westdeutscher Verlag. • Früh, W. & Schönbach, K. (1982). Der dynamisch-transaktionale Ansatz. Ein neues Paradigma der Medienwirkungen. In Publizistik , 27 (1/2), 74-88. • Hovland, C. I., Janis, I. L. & Kelley, H. H. (1961). Communication and Persuasion. New Haven: Yale University Press.
• Kunczik, M. & Zipfel, A. (2001). Publizistik: ein Studienhandbuch . Köln, Weimar, Wien: Böhlau.
• Schönbach, K. & Früh, W. (1991) 1984). Der dynamisch-transaktionale Ansatz II: Konsequenzen. In W. Früh (Hrsg.), Medienwirkungen : Das dynamisch-transaktionale Modell. Theorie und empirische Forschung (S. 41-58). Opladen: Westdeutscher Verlag. • Tichenor, P. J., Donohue G. A. & Olien, C. N. (1980). Community conflict & the press. Mass communication, poliy, and community conflict. Beverly Hills, London: SAGE Publications.
• Wirth, W. (1997). Von der Information zum Wissen: die Rolle der Rezeption für die Entstehung von Wissensunterschieden . Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. • Worg, R. (1993). Deterministisches Chaos, Wege in die nichtlineare Dynamik. Mannheim: B.I. Wissenschaftsverlag.
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Dominik Leiner, 2003, Der dynamischtransaktionale Ansatz, München, GRIN Verlag GmbH
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