I. Inhaltsverzeichnis
I. Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Seekriegstheorien am Ende des 19. Jahrhunderts:
klassische und junge Schule 4
3. /
3.1 Flottenadmiral der Sowjetunion Sergej G. Gorschkow 8
3.2.1 „Die Seemacht des Staates“ 9
3.2.2 Begründung der Notwendigkeit einer starken sowjetischen Flotte 10
3.2.3 Die Zeitgemäße Konzeption einer ausgewogenen Flotte 14
4. Die Entwicklung der sowjetischen Seekriegsflotte 18
5. Bewertung: „Die Seemacht des Staates“ in Theorie und Praxis 23
II. Anlage 1: Die Seekriegsflotten der UdSSR und der USA 1986/ 87 28
III. Literaturverzeichnis 29
1
1. Einleitung
Eine Besonderheit des Lebenswerkes Sergej Gorschkows ist es, daß ihm sowohl Verdienste bei der Weiterentwicklung der Kriegstheorie zukommen, er gleichzeitig aber auch in einem besonders hohen Umfang unmittelbar an der Umsetzung derartiger Erkenntnisse beteiligt war. In diesem Sinne scheint es durchaus gerechtfertigt, zu seiner Charakterisierung Formulierungen wie „Mahan des 20. Jahrhunderts“ oder „Roter Tirpitz“ 1 zu gebrauchen.
Im folgenden soll beleuchtet werden, inwieweit derartiges auch inhaltlich gerechtfertigt ist und ob, wie im Titel formuliert, von einer sowjetischen Marinedoktrin gesprochen werden kann. Unter Doktrin im Sinne der sowjetischen Militärwissenschaft wird dabei, ausgehend von der Annahme, daß es eine Seestrategie an sich nicht geben kann, da Planungen dieser Ebene in den Bereich einer umfassenden Militärstrategie fallen, ein theoretisches Richtlinienkonzept verstanden, dessen Bedeutung über die Streitkräfte hinausgeht und eine bestimmte Militärstrategie zur Folge hat. 2 Ausgangspunkt der Betrachtungen sind die grundlegenden Seekriegstheorien und ihre Interpretationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Anschließend wird auf die Person Gorschkow sowie sein Hauptwerk „Die Seemacht des Staates“ näher eingegangen. Anhand der Darstellung einiger Schwerpunkte dieses Buches werden grundlegende theoretische Erkenntnisse Gorschkows hergeleitet. Eine Betrachtung des tatsächlichen Aufbaus der sowjetischen Seekriegsflotte soll ergänzend zum Verständnis von Gorschkows Marinekonzept beitragen. Dabei ist allerdings zu beachten, daß die Entscheidungsverläufe innerhalb der sowjetischen Führung auch aus heutiger Sicht nicht transparent sind 3 und der Einfluß Gorschkows und seiner Theorie aus diesem Grunde zunächst unbestimmt bleibt. Ebenso ist vor diesem Hintergrund die Zielstellung Gorschkows beim Verfassen seines Hauptwerkes zu bedenken. Unter Berücksichtigung dieser Blickwinkel soll im letzten Kapitel im Hinblick auf eine abschließende Wertung das Konzept Gorschkows hinsichtlich seines Verhältnisses zu den überkommenen Seekriegstheorien und hinsichtlich seiner Wirkungen diskutiert werden.
Ein Teil der verwandten Zeitungsartikel stammt aus dem Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung in St. Augustin. Aufgrund der Archivierungsform war eine Angabe der Seitenzahlen nicht möglich.
1 Schulz-Torge, Ulrich: Der „rote“ Tirpitz wurde 70 Jahre alt, in: Marineforum, 55. Jahrgang, Heft 3/ 1980, S.72f
2 vgl. Malek, Martin: Militärdoktrin und Marinepolitik der UdSSR 1956-1985, Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 1992, S.58ff
3 vgl. Fock, Harald: Vom Zarenadler bis zum Roten Stern, Herford: Mittler 1985, S.275ff
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2. Seekriegstheorien am Ende des 19. Jahrhunderts: klassische und junge Schule
Die zum Ende des 19. Jahrhunderts hin mit der verstärkten Nutzung des Dampfantriebes im Kriegsschiffbau einsetzende Diskussion um die theoretischen Grundlagen dieser neuen Form eines durch die technischen Neuerungen zunehmend geprägten modernen Seekrieges orientierte sich im wesentlichen an zwei Grundkonzepten, die vereinfacht als klassische und junge Schule bezeichnet werden.
Die sogenannte junge Schule - jeune école - entstand in der französischen Marine der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Durch den verlorenen Krieg auf einen Neuanfang orientiert, war die Theorie ihrer führenden Vertreter an den Auswirkungen technischer Neuerungen im Kriegsschiffbau ausgerichtet. Im Vordergrund standen dabei der Dampfantrieb, der die Möglichkeiten des Agierens auf See deutlich erhöhte und beispielsweise bisherige Blockadetaktiken unterlief, sowie der Torpedo, der die Spirale der stetigen Vergrößerung von Kaliber, Panzerung und darauf folgend Kriegsschiff, in Frage stellte. Daraus resultierte eine Ablehnung des Panzerschiffes, dessen Panzerung früher oder später durch neue Geschütze wertlos sein würde, ebenso wie sie bereits gegen Torpedoangriffe kleinerer, ungepanzerter und deshalb beweglicherer Einheiten nutzlos sei. Dies bedeutete ebenfalls eine Ablehnung von Schlachtflotten, die von den Vertretern der klassischen Seekriegstheorie als elementar für die Ausübung von Seeherrschaft angesehen wurden. Eine nachhaltige Kontrolle der See gerade in dieser Form wurde aber von der jeune école aufgrund der technischen Entwicklungen und ihrer Implikationen für den Seekrieg als nicht möglich erachtet. Die Kontrolle oder Beherrschung der See durch Blockieren des Gegners sollten deshalb nicht im Mittelpunkt der Flottenausrichtung stehen, Seekrieg sollte sich auf die unmittelbare Schädigung des Gegners sowie den Küstenschutz beschränken. Die Ausgestaltung der Flotte sollte weitgefächert sein und eine flexible und nicht „kongruente“ Kriegsführung ermöglichen, wie sie sich gedanklich in einer modellhaften Konfrontation eines schwerbewaffneten Panzerschiffes mit schnellen, ungepanzerten Torpedoträgern oder aus der im Rahmen dieses Theoriegebildes vielbeachteten Versenkung der italienischen Panzerfregatte „Ré d’Italia“ per Rammsporn in der Seeschlacht von Lissa 1866 ergab. 4
Alfred T. Mahan als bedeutendster Theoretiker der klassischen Schule leitete seine Gedanken zur Seemacht dagegen aus der Betrachtung relevanter historischer Ereignisse und Prozesse der Neuzeit ab. Ihre Gesetzmäßigkeiten übertrug er auf Gegenwart und Zukunft des Seekrieges. Seine Vorgehensweise unterscheidet sich damit von derjenigen der Vertreter der jeune ècole, die ausgehend von der Technologieentwicklung isolierte historische Ereignisse wie die Schlacht von Lissa oder den Blockadekrieg im deutschfranzösischen oder im amerikanischen Bürgerkrieg zur Stützung ihrer Thesen heranzogen. Mahan dagegen entwickelte aus der Untersuchung der Entwicklung anerkannter Seemächte - auch in ihrer Auseinandersetzung mit Landmächten - ein komplexes Modell von Seemacht und Seeherrschaft und ihren Auswirkungen auf die Entwicklung von
4 vgl. Brézet, Francois-Emmanuel: Lehren der Geschichte und technischer Fortschritt am Beispiel der Entwicklung der Doktrin der Jeune École in Frankreich, in: Duppler, Jörg (Hrsg.): Seemacht und Seestrategie im 19. und 20. Jahrhundert, Mittler: Hamburg u.a. 1999, S.135ff; sowie: Lutz, Dieter S.: Seemacht und Marinedoktrin. Eine Einführung in die theoretischen Grundlagen der Rüstung zur See, IFSH- Diskussionsbeiträge, Heft 23, Mai 1982, S.3ff
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Staaten. 5 Dabei kam er zu dem Schluß, daß Seemacht nicht ausschließlich militärische Komponenten umfaßt. Ihre Grundpfeiler sind vielmehr „Produktion, Schifffahrt und Kolonien“ 6 . Dabei bilden die Produktion und der daraus resultierende Handel den Ausgangspunkt von Seemacht, da sie die Notwendigkeit des „Wassertransportes“ 7 begründen beziehungsweise Ausdruck derselben sind. Die Kriegsmarinen wiederum „sind zum Schutz des Handels da. ... Die Nothwendigkeit einer Flotte in diesem engeren Sinne ergibt sich ... aus dem Vorhandensein der friedfertigen Schifffahrt und verschwindet mit dieser, ausgenommen dann, wenn eine Nation feindliche Absichten verfolgt und eine Flotte lediglich als Theil seiner militärischen Rüstung unterhält.“ 8 Die Kolonien schließlich dienen nach Mahan zur Forcierung des Handels, woraus deutlich wird, daß er von einem euroatlantisch-zentrierten Weltbild ausgeht, das heißt Handel als Ausdruck eines Verhältnisses zweier mehr oder weniger gleichberechtigter Partner langfristig für ihn voraussetzt, daß beide Partner unmittelbar oder mittelbar (ehemalige Kolonien) mit Europa in Verbindung stehen müssen. Der Besitz eigener Kolonien würde zudem auch im Kriege, wenn bisherige Handelsplätze versperrt sind, Handel ermöglichen und wenn es auch nur zwischen den eigenen Häfen ist. Dieser handelspolitische, imperialistische Ansatz wird ergänzt durch die militärische Funktion von Kolonien zum Schutz der Handelswege. 9 Die tatsächliche maritime Bedeutung eines Staates ist darauf aufbauend nach Mahan von sechs Hauptbedingungen abhängig: „1. die geographische Lage, 2. die physikalische Beschaffenheit einschließlich der hiermit zusammenhängenden Produktion und des Klimas, 3. die Ausdehnung des Machtbereiches, 4. die Bevölkerungszahl, 5. der Volkscharakter, 6. der Charakter der Regierung einschließlich der nationalen Einrichtungen.“ 10 Sie beeinflussen die Möglichkeiten der Seegeltung beziehungsweise die Art und Weise wie diese Möglichkeiten genutzt werden. Daraus ergibt sich - gerade in Verbindung mit der oben vorausgesetzten Abhängigkeit vom maritimen Handel, als Ausdruck des „Angewiesen-Seins ... auf die Nutzung der See“ 11 -, daß es auch Staaten gibt, auf die dieses Konzept der Seemacht nur bedingt zutrifft. 12 Das „Angewiesen-sein auf die Nutzung der See“ ist auch der Ausgangspunkt für die Gedanken zum Seekrieg. Dieser dient als politisches Instrument und ist als Teil der gesamten Kriegsanstrengungen eines Staates im Rahmen der Kriegsziele einzusetzen. Bei den auf die See angewiesenen Staaten stehen diese letztlich immer in Verbindung mit den Seeinteressen, Seeherrschaft wird zu einer grundlegenden Voraussetzung für die Realisierung der Kriegsziele. Der Seekrieg ist demnach für Mahan der Kampf um die Seeherrschaft als Ausdruck der Durchsetzung oder Sicherung von Seeinteressen im Sinne einer Gewährleistung der eigenen Nutzung der See und des Verhinderns der Nutzung der See durch den Gegner. Beide Aspekte lassen sich nach Mahan nachhaltig nur erreichen durch eine Blockade des Gegners, diese hat die Kontrolle über die See zur Folge und „ist
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vgl. Hanke, Michael:
Das Werk Alfred T. Mahan’s. Darstellung und Analyse,
Osnabrück: Biblio Verlag 1974, S.116
6 Mahan, Alfred T.: Der Einfluß der Seemacht auf die Geschichte, 1. Band, Berlin: Mittler 1898, S.28
7 ebenda, S.25
8 ebenda, S.26
9 vgl. ebenda, S.26ff, sowie: Hanke, Michael: Das Werk Alfred T. Mahan’s., a.a.O., S.74ff
10 Mahan, Alfred T.: Der Einfluß der Seemacht auf die Geschichte, a.a.O., S.28
11 Hanke, Michael: Das Werk Alfred T. Mahan’s., a.a.O., S.103
12 vgl. ebenda, S.94f
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der sichtbarste Ausdruck der Seeherrschaft“ 13 . Im Kampf gegen eine andere Seemacht setzt eine erfolgreiche Blockade die Neutralisierung der gegnerischen Flotte voraus; entsprechend Clausewitzs Vorgabe, „den Feind wehrlos zu machen sei das Ziel des kriegerischen Aktes“ 14 . Dazu sei eine Schlachtflotte nötig, die sowohl in der Lage ist, offensiv gegen die gegnerische Flotte vorzugehen als auch die eigenen Seeverbindungen zu schützen. Dem von der jeune ècole unter anderem favorisierten Kreuzerkrieg billigt Mahan zwar eine mögliche Schädigung des gegnerischen Handels zu, ein Schutz der eigenen Seeverbindungen sei dadurch jedoch nicht möglich. Eine Favorisierung des Kreuzerkrieges schließt somit Seeherrschaft aus, diese ist jedoch nach Mahan für Seemächte eine Voraussetzung zur Erreichung von Kriegszielen. 15 Da das Ziel des Schutzes der Seeverbindungen durch das Vernichten der gegnerischen Flotte faktisch ebenfalls erreicht wäre, ist für Mahan die Hauptaufgabe einer Kriegsmarine die Vernichtung der gegnerischen Flotte. 16 Daraus ergeben sich Folgen für die Gestaltung der Seekriegsflotten. Diese hätten sich schwerpunktmäßig auf die Vernichtung des Gegners zu konzentrieren. Voraussetzung ist eine Bündelung der Kapazitäten in Schlachtflotten; ein Kreuzerkrieg, der zur Verzettelung der Kräfte führt, wird auch aus diesem Grunde abgelehnt. Eine weitere Voraussetzung für Seeherrschaft im Kriege ist Seeherrschaft im Frieden. Autarke Stützpunkte sollen hier ein Netz bilden, welches Kontrolle der See ermöglicht. 17
In der Literatur wird im allgemeinen der mahanschen Theorie ein offensiver Charakter, der jeune école ein defensiver und für schwächere Flotten tauglicher Charakter zugesprochen. 18 Diese Sichtweise verkennt das Verständnis der jeune école, wonach in einem modernen Seekrieg ein nachhaltiges und offensives Beherrschen der Meere nicht möglich ist. Die tendentielle Richtigkeit dieser Aussage erwies sich bereits im 1. Weltkrieg. Im Verlauf des Krieges wurde deutlich, daß die Zielvorgabe ‚Beherrschung der Meere‘ auf einer Fehlinterpretation Mahans beruhte. Nicht die Kontrolle des Ozeans oder der Schutz der Seewege, sondern der Schutz des Handels auf den Seewegen war ausschlaggebend im atlantischen Zufuhrkrieg. Erst die Zusammenfassung der alliierten Handelsschiffe in Geleitzügen ermöglichte ihren Schutz, die Versenkungserfolge der deutschen U-Boote gingen drastisch zurück. Gerade in Deutschland war der Aspekt der Bedeutung der Seewege, der sich aus der von der Bedeutung des Handelns ausgehenden Argumentation Mahans ergibt, vor 1914 vernachlässigt worden. Dies stand nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der Übersetzung Mahans mit Hilfe von landkriegspezifischem Vokabular, wobei letzteres beispielsweise die Möglichkeit einer Eroberung von Seegebieten vergleichbar mit jener von Geländeabschnitten an Land implizierte. 19
13 vgl. Hanke, Michael: Das Werk Alfred T. Mahan’s., a.a.O., S.153
14 Clausewitz, Carl von: Vom Kriege, Berlin: Ullstein Verlag 1991, S.29
15 Hanke, Michael: Das Werk Alfred T. Mahan’s., a.a.O., S.145ff
16 vgl. Smith, Clyde Arnold: Seapower and Superpower. The Soviet Navy in the world ocean, UMI Dissertation Services 1986, S.92
17 vgl. Mahan, Alfred T.: Der Einfluß der Seemacht auf die Geschichte, a.a.O., S.26f, sowie: Smith, Clyde Arnold: Seapower and Superpower., a.a.O., S.95f
18 vgl. z.B. Lutz, Dieter S.: Seemacht und Marinedoktrin. Eine Einführung in die theoretischen Grundlagen der Rüstung zur See, IFSH- Diskussionsbeiträge, Heft 23, Mai 1982, S.3ff
19 vgl Adams, Henry H./ Clark, Ellory H: Der Handelskrieg, bearbeitet von: Klaus- Jürgen Müller, in: Potter, Elmar B./ Nimitz, Chester W.(Hrsg.): Seemacht. Eine Seekriegsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, dt. Fassung hrsg. von Jürgen Rohwer, München: Bernhard & Graefe Verlag 1974, S.433; 444
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In Großbritannien dagegen wurde die Diskussion um die Seewege bereits Anfang des Jahrhunderts durch die Gedanken Julian S. Corbetts, neben Mahan der bedeutenste Seekriegstheoretiker dieser Zeit, vorangetrieben. Dabei ging Corbett davon aus, daß Seeherrschaft kein Zustand, sondern immer zeitlich und örtlich begrenzt sei, die Seekriegsflotten demnach zu flexiblem Agieren befähigt sein müssen. 20 Im Gegensatz dazu strebte die deutsche Lehre der Vorkriegszeit eine alles entscheidende Seeschlacht der sich gegenüberstehenden Flotten an, durch welche die Frage der Seeherrschaft ein für allemal entschieden werden sollte. Damit stellte sich die deutsche Interpretation mit ihrem einseitigen absoluten Vernichtungskonzept letztlich auch gegen die Erkenntnisse Clausewitzs, der in seinem Werk „Vom Kriege“ festhielt, daß aufgrund der Friktionen das Führen eines Krieges als auch die Entscheidung eines Krieges nie absolut sein kann, weshalb die Vorbereitung auf einen Krieg nicht nur einseitig erfolgen sollte. 21 Die Fehlinterpretation Mahans in Deutschland hat tiefere Ursachen. Mahan gründete sein Werk auf die Untersuchung der Entwicklung von Nationen, die bereits Seemächte waren. Dies ergab sich aus der jeweiligen Stärke ihrer Flotte sowie aus ihrer günstigen geographischen Lage. Aufgrund des Abgeschnittenseins von den Ozeanen ist das kaiserliche Deutschland demnach keine Seemacht im mahanschen Sinne gewesen. Seine Theorien konnten demnach nur eingeschränkt für Deutschland gelten. Solange der Faktor „geographische Lage“ gegen „Null“ tendierte, konnte auch das Produkt „Seeherrschaft“ nur gering sein- auch wenn der Faktor „Flotte“ ins Unermeßliche wuchs. 22 Die unkritische Übertragung der Erkenntnisse Mahans, die sich auf Seemächte mit entsprechender geographischer Lage bezogen, auf das kaiserliche Deutschland barg somit bereits das nachfolgende Scheitern der Tirpitz-Flotte in sich.
Werden die angesprochenen Beispiele abschließend aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, so stellte der 1. Weltkrieg für beide Seiten das jeweilige Verständnis der Theorien Mahans in Frage. Es ist darauf hingewiesen worden, daß diese Widersprüche zum Teil auf Fehlinterpretationen der mahanschen Theorien beruhen. Andererseits wird am Seekrieg zwischen Deutschland und England 1914-18, der nach Mahans Vorgaben zur Seemacht sich für England nicht dermaßen bedrohlich entwickeln hätte dürfen, auch deutlich, daß die Zäsur des 1. Weltkrieges, die in einem anderen Zusammenhang mit Industrialisierung, Vergesellschaftung oder Ideologisierung des Krieges bezeichnet wird 23 , auch das Umfeld der Theorien Mahans berührte. Weder klassische noch junge Schule in ihrer dargestellten grundsätzlichen Form waren in der Lage, diesen Veränderungen zu entsprechen und den Lehren dieses Weltkrieges, die aus maritimer Sicht von Fernblockade über unentschiedene „Entscheidungsschlacht“, „Beinahe-Erfolg“ im Zufuhrkrieg 24 und Einsatz neuer Waffenträger wie U-Boot und Flugzeug reichten, in ihren Wechselwirkungen und der Komplexität des Gesamtkonfliktes zu entsprechen.
20 vgl. Dirks, Uwe: Julian S. Corbett: Strategische Theorie vor dem Hintergrund historischer Forschung, in: Duppler, Jörg (Hrsg.): Seemacht und Seestrategie im 19. und 20. Jahrhundert, a.a.O., 164ff
21 vgl. Clausewitz, Carl von: Vom Kriege, a.a.O., S.34; 86ff
22 vgl. Wegener, Edward: Die Rolle der Seemacht in unserer Zeit, in: Potter, Elmar B./ Nimitz, Chester W.(Hrsg.): Seemacht., a.a.O., S.1086f, sowie: ders.: Moskaus Offensive zur See. Eine Untersuchung der seestrategischen Rolle der sowjetischen Marinestreitkräfte im Ost-West-Konflikt, 2.Auflage, Bonn: MOV-Verlag 1974, S.13
23 vgl. Deist, Wilhelm: Militär, Staat und Gesellschaft, München: Oldenbourg 1991, S.385, sowie: Geyer, Michael: Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980, Frankfurt a.M: Suhrkamp 1984, S.97ff
24 vgl. Adams, Henry H./ Clark, Ellory H: Der Handelskrieg, a.a.O., S.444
6
3.1 Flottenadmiral der Sowjetunion Sergej G. Gorschkow
Sergej Georgijewitsch Gorschkow war von 1956 bis 1985 Oberbefehlshaber der sowjetischen Seekriegsflotte. Geboren 1910 in der Ukraine, trat er mit 17 Jahren in die sowjetische Seekriegsflotte ein. Im 2. Weltkrieg war Gorschkow als Befehlshaber verschiedener Flottillen im Bereich des Schwarzen und Asowschen Meeres eingesetzt. In diesen Zeitraum fiel auch seine Beförderung zum Konteradmiral (1941) im Alter von gerade 32 Jahren. Im Jahr 1955 wurde er Stellvertreter des Oberbefehlshabers der sowjetischen Seekriegsflotte. Bald darauf löst er den durch Unstimmigkeiten beim Ausbau der Marine und als Vertrauten Stalins auch politisch umstrittenen Oberbefehlshaber Kuznecow an der Spitze der Marine sowie als Stellvertretenden Verteidigungsminister der UdSSR ab. Erst 1985 wird Gorschkow im Rahmen der von Gorbatschow initiierten Neustrukturierung des militärischen Führungspersonals abgelöst. Gorschkow wurde zweimal mit dem Orden Held der Sowjetunion, sowie mit dem Leninpreis und dem Staatspreis der Sowjetunion ausgezeichnet. Im Jahr 1962 wurde er zum Flottenadmiral, fünf Jahre später zum Admiral der Flotte der Sowjetunion - entspricht dem Dienstgrad eines Marschalls der Sowjetunion - befördert. Drei Jahre nach seiner Versetzung in den Ruhestand verstirbt Gorschkow 1988 im Alter von 78 Jahren. 25 Als Gorschkow den Oberbefehl über die Seekriegsflotte 1956 übernahm, befand diese sich in sowohl nach innen als auch nach außen in einer schwierigen Lage. Nachdem die Seestreitkräfte im 2. Weltkrieg hauptsächlich nur zur Unterstützung der Heeresoperationen und insgesamt kaum offensiv eingesetzt wurden, erfolgte nach 1945 eine grundlegende Neuausrichtung und ein entsprechender Neuaufbau einer sowjetischen Seekriegsflotte mit einem zunächst ebenfalls wieder defensiven Konzept. Grundtenor dieser Konzeption war die Ausrichtung als anti-amphibisches Programm zur Küstensicherung. So sollten beispielsweise innerhalb von zwanzig Jahren 1.200 U-Boote der Flotte zur Verfügung stehen, den Planungen zufolge sollten jedoch nur rund 18% für einen ozeanischen Zufuhrkrieg verwendet werden. Größere Überwassereinheiten wie Kreuzer und Zerstörer sollten ebenfalls lediglich zur Küstensicherung dienen und als weitere Verteidigungslinie fungieren. Langfristig sollte auf dieser Basis jedoch eine homogene, breitgefächerte und den Ansprüchen der sowjetischen Weltpolitik angemessene Flotte entstehen. Da jedoch nach gleicher Maßgabe auch die Rüstungsanstrengungen für Heeres-, Luft- und Raketenrüstung verliefen, deutete sich Mitte der fünfziger Jahre bereits eine Verknappung der Ressourcen an. Die bereits nach dem Tod Stalins 1953 einsetzende Führungskrise verschärfte sich weiter, wobei auch die Marine davon nicht unberührt blieb, da mit Chrustschow zunehmend ein Politiker Einfluß gewann, der seine Position zum Teil den Marschällen der Roten Armee verdankte. Deren Einfluß auf und durch das Verteidigungsministerium erweiterte sich infolge dieser Entwicklungen, die Selbständigkeit der Seekriegsflotte wurde beschnitten. Auch die bisherige Konzeption einer langfristig zu errichtenden homogenen Flotte wurde durch Chrustschow in Frage gestellt. Den Sinn der Überwassereinheiten im Atomzeitalter anzweifelnd, forderte er den verstärkten Ausbau der U-Bootwaffe. Insgesamt soll die Marine zugunsten von Heer,
25 vgl. o.N.: Kurzbiographie, in: Gorschkow, Sergej G.: Vo flotskom stroju, Sankt Peterburg: Logos Vlg., 1996 sowie: Schulz-Torge, Ulrich: Der „rote“ Tirpitz wurde 70 Jahre alt, a.a.O., S.72f
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Arbeit zitieren:
Dr. Andre Röhl, 2002, Sergej Gorschkow und die Begründung einer sowjetischen Marinedoktrin, München, GRIN Verlag GmbH
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