Otto-Friedrich Universität Bamberg 14. März 2006
Professur für Politikwissenschaft, insb. Internationale Politik WS 2005/2006
Hauptseminar zu Themen der Außenpolitik:
Außen- und Sicherheitspolitik in Zeiten des Umbruchs
Kriegsökonomien der Neuen Kriege
Autor:
Oliver Beckmann Fachsemester 6, Dipl.-Pol.
- 1 -
Gliederung
1. Einleitung 2
2. Theoretischer Zugang: Was ist so neu an den Neuen Kriegen? 3
2.1. Kriegswirtschaften in internen Konflikten als Besonderheit
der Neuen Kriege 5
2.2. Mehrstufenschema zur Eigendynamik entfesselter Gewalt
nach Peter Waldmann 8
3. Fallbeispiel Libanon 10
3.1. Struktur der libanesischen Gesellschaft und Akteure
des Bürgerkrieges 11
3.2. Kriegsökonomie und Eigendynamik der Gewalt
im Libanonkonflikt 14
3.2.1. Charakteristiker des Milizsystems 14
3.2.2. Kriegsökonomie und derer Profiteure 16
4. Fazit 20
Literaturverzeichnis S 23
- 2 - 1.Einleitung
Die Neuen Kriege, The new Wars - wenige wissenschaftliche Fachbegriffe wurden so schnell und so umfangreich aufgegriffen, wie der von Mary Kaldor 2000 benutze und im wesentlichen vor allem durch Herfried Münkler weiter definierte Begriff zur Abgrenzung der Kriege der letzen ca. 15 Jahre von vormals großer „Alter“ Kriege. Der wissenschaftliche Diskurs versucht verstärkt, den Formenwandel der Kriege begreiflich und somit auch begrifflich zu machen. Vermehrt dezentrale und auf eigene Rechnung agierende Gewaltakteure, die Ressourcenallokation durch Marodieren, Erpressung und Extraktion von Hilfsgütern der Internationalen Hilfsorganisationen und der Zivilbevölkerung, ökonomisches Wirtschaften eingebunden in den Weltmarkt, die extreme Bereitschaft der Gewaltanwendung und etliche weitere, sind nur einige Merkmale, die im Speziellen die Neuen Kriege im ehemaligen Jugoslawien und im Herzen Afrikas - in Ruanda und im Kongo, um hier nur einige zu nennen - charakterisieren.
Diese Arbeit konzentriert sich auf eins der wichtigsten Charakteristiker der Neuen Kriege: Die Kriegsökonomie. Sowohl die unterschiedlichen Instrumentarien zur Ressourcenallokation in den Neuen Kriegen, wie auch die, zur Herausbildung der in dieser Arbeit im theoretischen Analyserahmen vorgestellten Kennzeichen der Kriegsökonomie, notwendigen
Rahmenbedingungen werden analysiert. Zum Spezifikum der Rahmenbedingung gehört - wie versucht wird aufzuzeigen - eine spezielle Gesellschaftsstruktur, die sich der verändernden Umwelt in Gewaltkonflikten anpasst. Um diesem Anspruch näher zu kommen, werden in dieser Arbeit zuerst - immer in der hier notwendigen Kürze - die Merkmale von Kriegsökonomien analysiert, die Besonderheiten und verschiedenen Formen aufgezeigt. Zur Erklärung der sich verändernden Rahmenbedingungen wird der theoretische Ansatz Waldmanns zur Eigendynamik der Gewalt angewendet.
In dieser Arbeit geht es mit dem analytischen Rahmen im Folgenden darum, anhand des Libanonkrieges zu zeigen, ob die im Wesentlichen von Kaldor ausgelöste Diskussion um die Neuen Kriege und derer Indikatoren, die im wissenschaftlichen Diskurs alle nach dem Zerfall der UdSSR stattgefunden haben 1 , und der sich herauskristallisierte Faktor der geänderten Kriegsökonomie, auch auf den Bürgerkrieg im Libanon anwendbar ist. Ziel ist es, die internen Dynamiken, Prozesse und Strukturen des von 1975 bis 1990 dauernden Krieges zu untersuchen und damit einen Beitrag zur Erklärung zu entwickeln, ob
1 So meint u. a. Daase, dass Konflikte im Kalten Krieg meist als „Stellvertreterkriege der Supermächte“
und somit als klassische zwischenstaatliche Kriege gedeutet wurden. 2003; S.166
- 3 -die ungemein lange Dauer des libanesischen Krieges, mit den Instrumentarien
- im Besonderen der sich geänderten Formen der Kriegsökonomie - der in den letzten Jahren entstandenen Diskussion über die Neuen Kriege, hilfreich erklärt werden kann? Gab es also einen signifikanten Zusammenhang zwischen der sich im Libanon entstehenden Formen der Kriegsökonomie und dem langen Fortbestehen des Krieges?
Zum Verständnis des Konfliktes werden dafür zunächst im dritten Abschnitt die historisch gewachsenen Kriegsursachen beleuchtet, im Folgenden die Akteursstruktur während des Krieges und zum Schluss die in die Rahmenbedingung Krieg eingebetteten Formen der libanesischen Kriegsökonomie analysiert. Mit der Konzentration auf die Kriegsökonomie soll allerdings nicht in Abrede gestellt werden, dass es eine viel umfassendere Gemengelage an Faktoren zum Kriegsfortbestehen gibt. Allerdings geht es in dieser Arbeit nicht um eine umfassende Darstellung des Libanonkrieges, vielmehr darum, zu untersuchen, ob abgesehen von etlichen oft untersuchten Spannungslinien, der Blickwinkel auf die ökonomischen Dynamiken in Kriegen einen weiteren Erkenntnisgewinn zulässt. Lock beschreibt diesen Blickwinkel wie folgt: „Ein ums andere Mal kann gezeigt werden, dass es sich bei der Radikalisierung von ethnischen, religiösen und sozialräumlichen Gruppenidentitäten im Verlauf der Konfliktgenese um instrumentelle Vorgänge handelt, bei denen reale oder perzipierte Ressourcenkonkurrenz auf den unterschiedlichsten Ebenen eine zentrale Rolle spielt.“ 2
2. Theoretischer Zugang: Was ist so neu an den Neuen Kriegen?
„Die Aushöhlung der Autonomie des Staates, in Extremfällen seine völlige Auflösung, bildet den Kontext, aus dem die Neuen Kriege erwachsen.“ 3 Staatszerfall, zumindest Staatsrückgang, sind die nach Kaldor nennenswerten Punkte der Neuen Kriege. Allerdings nur Punkte zur Determination der Rahmenbedingung, Staatszerfall hat es schon früher gegeben. Was sind also die weiteren Punkte, die die Klassifikation der Neuen Kriege vereinfachen?
Im historischen Vergleich grenzen die verschiedenen Autoren 4 die Neuen Kriege von den Alten Kriegen im Besonderen anhand ihrer Akteurskonstellation ab. So waren früher die
2 siehe Lock; http://www.peter-lock.de/txt/kriegsoekonomien.html , 9. März 2006
3 siehe Kaldor; S.12
4 u.a. Kaldor; Münkler; Daase; Lock; Schlichte
- 4 -Akteure Staaten 5 und der Krieg als Staatenkrieg völkerrechtlich definiert 6 . In den Neuen Kriegen hingegen trifft man zunehmend auf nicht-staatliche private Akteure, die für die „Verstetigung der Gewaltkonflikte“ 7 verantwortlich sind. Dies an sich betrachtet ist noch nicht neu, in der Geschichte trifft man bereits vermehrt auf Feudalritter und Condottiere. Der Unterscheid ist, dass diese „Milizionäre“ nicht Produzent ihrer genutzten Produktionsmittel waren. Sie bekamen einen Auftrag, eine Waffe, einen Lohn und zogen so ausgestattet in den Krieg. Neu an den Neuen Kriegen ist vielmehr der Selbstunterhalt 8 der Milizen, Warlords u.ä. Kriegsakteure. Diese Neuerungen und die in dieser Arbeit anhand des Libanonkrieges aufzuzeigenden verschiedensten Optionen, vom Raub bis zum legalen Handel 9 , stellen eine der elementaren Besonderheiten der Neuen Kriege dar.
Die Neuen Kriege der letzten 15 Jahre entzünden sich laut Herfried Münkler an den Rändern und Bruchstellen einstiger Imperien. In hoch entwickelten Industrieregionen hat die Kriegswahrscheinlichkeit rapide abgenommen, die kapitalistischen Strukturen dieser Länder führen zu einem Kosten-Nutzen-Kalkül, das den Krieg nicht mehr lohnenswert darstellt. Neue Kriege sind laut Münkler jedoch höchst lukrativ. 10 Durch die sich entziehende staatliche Steuerung auf die wirtschaftlichen Kreisläufe - eine wesentliche Erscheinung der Globalisierung 11 - können Kriegsparteien ungehindert von staatlicher Kontrolle auf Ressourcen zurückgreifen, diese in den Welthandel bringen oder ihm abringen und somit entziehen sich die ehemals politischen Beweggründe für einen Krieg. An dessen Stelle treten nun die kontinuierliche Ressourcenallokation als Zielsetzung für gewalttätige Auseinandersetzungen. Durch den steten Staatszerfall 12 als wesentlicher Indikator für neue Kriege, wird diese Allokation in nicht-staatliche Hände gegeben. Die wirtschaftliche Komponente, der billige Krieg, wird immer wieder als Grund zur veränderten Kriegskonstellation und -dynamik genannt. Die Bedeutung allerdings wird unterschiedlich bewertet. Im Widerspruch zu Münkler verstehen Jean/Rufin ökonomische Ursachen nicht als konfliktbestimmend, sondern eher als die durch den Konflikt erzeugte Notwendigkeit, sich den geänderten Rahmenbedingungen auch ökonomisch anzupassen. 13
5 vgl. u.a. Daase; 1999; S. 77: „…dass der Krieg ein spezifischer Rechtszustand zwischen Staaten ist.“
6 Aufstände, Rebellionen, Befreiungskämpfe hingegen wurden delegitimiert und kriminalisiert. siehe
Daase; 2003; S. 164
7 siehe Chojnacki; S. 197
8 Münkler; in Der Bürger im Staat; S.181
9 vgl. auch Elwert; Beobachtungen zur Zweckrationalität der Gewalt
10 Münkler; Die Neuen Kriege; S. 137ff.
11 Duffield; S. 163: “Under the impact of globalisation, such competence (to gover and maintain
economic, social and welfare standards) has been qualified and attenuated...”
12 vgl. Rotberg et all; When States Fail
13 Jean/Rufin; S. 8ff.
- 5 -Allen Autoren und Experten zum Thema Neuer Kriege gemein, ist der Bezug zur zunehmenden Entstaatlichung und die damit einhergehende Privatisierung von Gewalt. Dies am Beispiel des Libanonkrieges zu untersuchen, ist Ziel dieser Arbeit. Lässt sich der unheimlich lange Verlauf des Libanonkrieges anhand der geschaffenen Rahmenbedingungen und deren bedingter Kriegsökonomie erklären?
2.1. Kriegswirtschaften in internen Konflikten als Besonderheit der Neuen Kriege
Allen der so genannten Neuen Kriege gemein, ist das Faktum der im hohen Maße „in die globalen Waren- und Finanzzirkulation“ 14 integrierten Kriegsökonomien. Zu unterscheiden von den Kriegsökonomien der „Alten Kriege“ sind die Kriegsökonomien der Neuen Kriege im Speziellen anhand der differenzierten Betrachtung aus makro- und mikroökonomischer Sicht. Die klassische makroökonomische Sichtweise betrachtet Kriegsökonomien als Form und Ausrichtung einer Volkswirtschaft zur Verteidigungs- oder Angriffsvorbereitung. Die Kriegswirtschaften der zwei Weltkriege 15 waren zentralisiert, allumfassend und autark. 16 Mit dem mikroökonomischen Blickwinkel auf die „wirtschaftlichen Strategien zur Sicherung der für bewaffnete Kampfhandlungen notwendiger Ressourcen“ 17 aller beteiligter Akteure, ändert sich die Perspektive. Schlichte definiert es so: „Eine Kriegsökonomie ist… ein sozialer Raum, in dem die Verteilung und Aneignung von Ressourcen gewaltgesteuert läuft…“ 18 Mit dieser Perspektive werden im Folgenden die Strategien und Systeme der Akteure, die durch den Rahmen des Krieges - Zerfall der staatlichen Ordnung und Strukturen - bedingt, in Form von kollektivem Einsatz physischer Gewalt und der sich auflösenden Kontrolle des staatlichen Gewaltmonopols untersucht. Für die begriffliche Erfassung dieser Perspektive ist die Art der Strategien und die sich herausbildenden Systeme der Akteure eher nebensächlich. Vielmehr ist zu beachten, unter welchen Bedingungen die zu betrachtenden Strategien und Systeme entstehen. Es werden unterschiedliche Formen der wirtschaftlichen Reproduktion im Kriege untersucht, von dem organisierten Verbrechen zuzuordnenden Machenschaften wie auch dem Handel von kriegsunrelevanten Gebrauchsgütern. Das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf den vorgegebenen Rahmenbedingungen im Konflikt sowie den Akteuren, die ihr wirtschaftliches Handeln durch den Umstand Krieg erst zur Kriegsökonomie werden lassen.
14 siehe Lock; S. 191
15 vgl. auch Lock; S. 192: „Typisch für die meisten Kriegsökonomien des 20. Jahrhunderts war eine
staatlich gelenkte Mobilisierung der Wirtschaft durch massive Forschungsanstrengung, Intensivierung
und Expansion der Produktion….“
16 Kaldor; S. 19
17 siehe Lock; S. 193
18 Schlichte; S. 11
- 6 -Krieg und Ökonomie greifen ineinander und zwar hinsichtlich zweier Kriterien: Einerseits hat Krieg verheerende Konsequenzen für die jeweilige Volkswirtschaft - Zerstörung von Infrastruktur, Produktionsausfälle, ausfallende Produktionskräfte, Verwüstung der Agrarstrukturen, etc. Andererseits erfordert ein bewaffneter Konflikt den Zugang zu verschiedenen Ressourcen. Sowie in der Vorbereitung als auch in der Aktion des Konfliktes müssen Waffen und Munition beschafft und die „Einheiten“ besoldet werden 19 . Mit welchen Strategien, zu welchen Kosten, mit welchen Mitteln finanzieren sich Milizen oder andere nicht-stattliche Akteure in bewaffneten internen Konflikten? Diesen Fragen sind Jean/Rufin 20 nachgegangen. Das Resultat innerstaatlicher (Neuer) Kriege ist die ökonomische Dynamik, die sich im Laufe der Konflikte entwickelt. Jean/Rufin bilden aus der Erkenntnis ihrer umfangreichen Länderstudien verschiedene Typen: Sie unterscheiden zwischen geschlossenen und offenen Kriegsökonomien, sowie bei den Instrumentarien zwischen Raub und Organisierter Kriminalität.
Unter geschlossenen Kriegsökonomien verstehen Jean/Rufin Kriegsökonomien, in denen innerhalb eines bestimmten Gebietes die Milizen ausschließlich auf die darin enthaltenen Ressourcen zurückgreifen können 21 . In dieser Form wird Gewalt gegen die lokale Bevölkerung, in deren Mitte sie operieren, aus Gründen der fortlaufend notwendigen Aneignung ökonomischer Ressourcen ausgeschlossen. Zwang zur Herausgabe allerdings nicht. Diese geschlossenen Systeme scheiterten jedoch. Mao Tsetung und „Che“ Guevara, die Begründer dieser Form laut Jean/Rufin, waren die einzigen Beispiele für eine „erfolgreiche“ Ausübung dieser Theorien. Desto stärker die Kämpfe und das damit einhergehende Leid der Zivilbevölkerung, desto weniger werdend die Bereitschaft zur Unterstützung der Guerillas durch die Bevölkerung, was wiederum zu größerem Zwang und schlussendlich doch zur Gewalt gegenüber der Bevölkerung führt.
Offene Kriegsökonomien hingegen zeichnen sich durch von „außerhalb“ zugefügten kriegsrelevanter Ressourcen für Kombattanten aus. Dabei unterscheiden sie zwischen militärischen und humanitären Rückzugsgebieten. Eine bewaffnete Bewegung ist „plötzlich weniger verwundbar“ 22 , wenn sie ihre Basis oder ihr militärisches Rückzugsgebiet im Grenzgebiet eines Nachbarstaates hat. Die völkerrechtlich geschützten staatlichen Grenzen stellen die Garantie dar. Die wirtschaftliche Unterstützung, die Bewegungen durch das Gastland genießen und der Vorteil der Beendung der tödlichen Konfrontation mit der
19 vgl. Elwert: „Ohne die kühle Planung des Nachschubs an Waffen, Munition, Nahrung und Kraftstoff
kann das Morden keine Dauer haben.“ S. 86ff.
20 Jean/Rufin
21 ebenda S. 16 ff.
22 ebenda S. 19
- 7 -Zivilbevölkerung sind die zu nennenden Gründe für solch eine strategische Orientierung. Das humanitäre Rückzugsgebiet in einem Nachbarstaat hingegen ist nicht nur durch die Staatsgrenze geschützt, es wird - da es sich innerhalb von Flüchtlingslagern befindet - auch durch die Internationale Staatengemeinschaft geschützt. Das humanitäre Rückzugsgebiet dient somit dem Schutz sowie als Versorgungsbasis durch internationale Hilfsgüter. 23 Internationale Hilfe wird abgezweigt, erpresst, mit Zöllen belegt.
Seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und der damit eingeebbten Unterstützung von Konfliktparteien durch eine der Supermächte, basieren die Formen der Kriegsökonomie nur noch zu einem geringen Teil auf oben beschriebene externe Faktoren. Mit der fehlenden Unterstützung geht die Schwächung der Nationalstaaten 24 einher. Stattdessen entwickelten sich Instrumentarien des Raubs und der Organisierten Kriminalität, beides charakteristisch in der direkten Ausbeutung eines Territoriums und der darin existierenden Bevölkerung durch die bewaffnete Bewegung. Bei Raub handelt es sich um „destruktive Methoden der Aneignung“ 25 , bei der möglichst viele Ressourcen der Zivilbevölkerung entwendet werden. Organisierte Kriminalität stellt in Kriegsökonomien hingegen Alimentierungsmaßnahmen in Form von „illegaler Produktion, illegalen Abbau oder Handel von legalen oder illegalen Gütern oder Dienstleistungen“ dar, zeichnen sich durch „Berücksichtigung wirtschaftlicher Mechanismen aus“ 26 . Als klassische Beispiele sind hier die Drogenproduktion, die Erhebung von Steuern und Abgaben durch die nicht-staatlichen Akteure oder die Ausbeutung natürlicher Ressourcen zu nennen. 27
Jean/Rufin machen in ihrer Beschreibung deutlich, dass die nicht-staatlichen Akteure, die in den Neuen „innerstaatlichen“ Kriegen die entscheidenden Rollen spielen, ihre materielle Reproduktionsmaßnahmen an die veränderten internationalen Rahmenbedingungen 28 nahezu perfekt angeglichen haben. Der Zerfall der UdSSR und die damit einhergehenden Veränderungen des Internationalen Systems haben zu einer Neuorientierung der Kriegsökonomie geführt. Jean/Rufin haben allerdings, wie auch in dieser Arbeit im Folgenden dargelegt, aufgezeigt, dass auch schon in Konflikten vor den 1990er Jahren diese Formen der Kriegsökonomie herrschten. Betrachtet man besonders die Form des Raubes und der Organisierten Kriminalität, wird die Rahmensetzung durch den Krieg und die Folgen der
23 Jean/Rufin; S. 22: „Die Hilfslieferungen…alimentieren die Kriegsökonomie und stärken die
bewaffneten Bewegungen.“ Oder Götze S. 210 ff.
24 Jean/Rufin; S. 27
25 ebenda S. 27
26 ebenda S. 31
27 ebenda S. 31 ff.
28 Den Wegfall der externen Unterstützung durch die Supermächte im Ost-Westkonflikt sowie die
veränderte internationale Wirtschaftlage durch die Globalisierung
- 8 -Anpassung an diesen Zustand sowie an die Akteurskonstellation (meist nicht-staatlich vs. nicht-staatlich) als Fokus ersichtlich, den man benutzen muss, um die Notwendigkeit der veränderten materiellen Reproduktion zu erkennen. Die Rahmenbedingung Krieg produziert diese speziellen Formen der Kriegsökonomie, mit deren Hilfe die Akteure sich alimentieren sowie dadurch das Fortbestehen des Krieges sichern und auch suchen. Der mit dem ausgetragenen Konflikt einhergehende Staatszerfall ermöglicht erst die Formen der Kriegsökonomie und wird somit zum notwendigen Vehikel zur Sicherung der eigenen wirtschaftlichen Situation.
2.2. Mehrstufenschema zur Eigendynamik entfesselter Gewalt nach Peter Waldmann
Der Krieg an sich kann aufgrund seines „sich selbst perpetuierenden Charakters“ anhand Kausalanalysen im engeren Sinn nur unzureichend erklärt werden 29 . Die „unheimliche Eigendynamik“ ist für Kriege symptomatisch. Kriege brechen aus, Kriege eskalieren, der Kriegsprozess entzieht sich jedweder Kontrolle, Kriege ebben ab und eskalieren aufs Neue, sie entziehen sich im Kriegsverlauf ihrer urtümlichen Ursache 30 und bürgen so immer die Gefahr, sich zu verselbstständigen. Im Folgenden wird versucht, anhand des theoretischen Ansatzes von Peter Waldmann, der sich zum Ziel gesetzt hat, die fortlaufende Beständigkeit von Kriegen anhand von Prozessen/Dynamiken zu erklären, diesem sich selbst perpetuierenden Charakter näher zu kommen.
Insbesondere in Bürgerkriegen verselbstständigt sich laut Waldmann die Gewalt. Die Konfliktdynamik wird zur veränderten Form und Funktionen der Gewalt in den Neuen Kriegen 31 gesetzt. Waldmann unterscheidet in Hinsicht auf diesen Prozess der Dynamik drei Eskalationsstufen: 1. Verselbstständigung des Gewaltapparates, 2. Privatisierung der Gewalt, 3. Kommerzialisierung der Gewalt. 32 Die von Waldmann untersuchten Fälle befinden sich allerdings nicht ausschließlich auf einer der konstatierten Stufen, vielmehr enthalten sie Elemente von mehreren Stufen, wandern im Laufe des Krieges die „Stufenleiter“ hinauf und herunter.
Ausgangspunkt von Waldmanns Schemata ist ein fiktiver Normalzustand, in dem der Staat sein Gewaltmonopol und seine territoriale Integrität schützt. Die verwendete Gewalt stellt ein
29 vgl. Waldmann; S. 345
30 ebenda S. 344: „Die Wurzeln und Ursprungsmotive für langwierige Bürgerkriegskonflikte sind im
nachhinein oft nur schwer auszumachen; und sie verlieren vor allem im Zuge der Auseinandersetzungen
an Bedeutung, da der Krieg seine eigenen Gründe erzeugt, die ihn an- und forttreiben.“
31 Gewalt insbesondere gegen die Zivilbevölkerung und die hier nicht näher definierte Form der
Warlordherrschaft
32 Waldmann; S. 354
- 9 -„unabdingbares Instrument zur Erreichung eines bestimmten Zwecks“ dar. Die erste Stufe der Verselbstständigung des Gewaltapparates generiert sich „geräuschlos und gleichsam automatisch“ 33 aus der Abgrenzung zum staatlichen Gewaltmonopol. Diese Stufe ist das Resultat, aus der Notwendigkeit von „Aufständigen“ organisiert vorzugehen. Diese formierten Gewaltorganisationen führen ein Eigenleben und zeichnen sich durch das besondere Interesse der Selbsterhaltung aus. Zur Verselbstständigung kommt es durch den organisationsschaffenden Aspekt der Gewaltapparate: „Ob terroristische Zelle, Miliz, Guerillaverband oder Revolutionsheer, die Entwicklungstendenz all dieser
Gewaltorganisationen ist stets dieselbe. Einmal geschaffen, neigen sie dazu, sich zu verselbstständigen und zum Gewaltapparat zu degenerieren.“ 34 Ausschlaggebend für diesen Degenerationsprozess ist meist der Finanzbedarf. Im Laufe des Konfliktes stellt dabei die Anbindung an die Zivilbevölkerung, zumindest an die „Trägerschicht des Aufstandes“ 35 , eine Garantie dar, die politischen und gesellschaftlichen Ziele der Bewegung nicht aus den Augen zu lassen. Diese Bindung bricht in der zweiten Stufe, der Privatisierung der Gewalt. Gewalt wird zweckgründlich für mehrere Bestimmungen angewendet. Dabei werden die politischen und gesellschaftlichen Ziele zurückgestellt und die Gewalt privatisiert sich. Das Erreichen dieser Stufe lässt sich laut Waldmann an vielerlei Indikatoren erkennen. Zu nennen in der gegeben Kürze dieser Arbeit sind unter anderem dabei die zunehmenden Spannungen innerhalb der Bürgerkriegsparteien 36 , die Zivilbevölkerung wird als sozialer Rückhalt nicht mehr ernst genommen, sondern wird zum Objekt für Repressalien und Ausbeutung. Als dritter hier zu nennender Indikator wird Gewalt zur individuellen Bereicherung angewendet 37 . Auf dieser zweiten Stufe der Gewaltdynamik löst die erschreckend gestiegene Gewaltanwendung innerhalb der Bevölkerung „heftige Gefühle der Missbilligung und Empörung aus“ 38 . Auf dieser Stufe herrscht zusätzlich noch die kollektive Erinnerung, dass vormals das Recht und nicht die Gewalt Mittel des Zwangs war. An diesem Punkt zerbricht die zweite Stufe und es kommt zur dritten Stufe der Kommerzialisierung der Gewalt. Hier ist die Gesellschaft gekennzeichnet durch die selbstverständliche Duldung und auch Inanspruchnahme physischer Gewalt. Gewalt wird alltäglich und dringt in das zwischenmenschliche Zusammensein vollends ein. Gewalt wird zur kommerziellen Ware und
33 Waldmann; S. 354
34 ebenda S. 355
35 ebenda S. 356
36 ebenda S. 357:“…nicht selten brechen Kämpfe zwischen rivalisierenden Fraktionen aus.
Freischärlerführer verselbstständigen sich mit ihren Truppen…“.
37 ebenda S. 357: „Die Scheidelinie zwischen politischer Gewalt und normaler Gewaltkriminalität
verwischt…Dieselbe bewaffnete Gruppe kann sich einmal als Verband von Freiheitskämpfern
präsentieren, ein andermal als Bande von Wegelagerern…“.
38 ebenda S. 358
- 10 -führt zur kommerziellen Nachfrage. In einer Gesellschaftsstruktur, die sich im Bürgerkrieg befindet und in derer sich das staatliche Gewaltmonopol aufzulösen beginnt, benötigen Geschäftsleute, Unternehmer, Landwirte und etliche weitere eine Ersatzgarantie zur Sicherung ihres Hab und Gut. Die Existenz von Gewaltapparaten führt zum benötigten Schutz durch einen eigenen Gewaltapparat, und dieser will bezahlt, entlohnt oder versorgt werden. An dieser Stufe bricht laut Waldmann endgültig die Ausrichtung der Aufständigen auf ihre vormals politischen, gesellschaftlichen oder sozialen Ziele. Der bewaffnete Kampf und der Gewaltapparat generiert zu einem ausschließlich kommerziellen Instrumentarium zur Finanzierung und Erhalt der eigenen Gruppierung.
Ein weiteres sich abgrenzendes Kriterium zur Stufe zwei besteht in der Möglichkeit des veranlassten Mordens 39 . Mord und im weiteren Sinne die physische Gewalt an sich wird zu einer kaufbaren Leistung und dient nicht mehr ausschließlich der individuellen Bereicherung. Die Entwicklung vom fiktiven Normalzustand bis zur dritten Stufe ist laut Waldmann nichts Zwangsläufiges, wenn sie sich vollzieht, tut sie dies weder zügig noch zielstrebig, sie kann auf einer Stufe stehen bleiben, zurück wandern, springen oder abebben. Die drei Typen der Gewaltentwicklung dienen vielmehr der Verdeutlichung der Eigendynamik, die sich in Bürgerkriegen entwickelt und aus der „Eigenlogik sich perpetuierender und expandierender Gewaltprozesse herleitet“ 40 . Diese Verselbstständigung kann erklärend dazu beitragen, der Beobachtung von sich selbststabilisierenden Kriegen, gegenüber friedensfördernden Maßnahmen resistent gewordener Systeme, nachzugehen und Erklärungsversuche für solche Dynamiken zu entwickeln.
3. Fallbeispiel Libanon
Der von Hanf als „Prager Fenstersturz“ 41 des Libanon Konfliktes betitelte Beginn des sich fast 16 Jahre hinziehenden Krieges wird in der wissenschaftlichen Literatur auf den 13. April 1975 festgelegt. Der Krieg wurde durch Massaker, die Palästinenser und Maroniten jeweils an der anderen Gruppe im April verübten, ausgelöst. Was als bewaffnete Zusammenstöße begonnen hatte, führte schnell zum Zerfall des Landes: Die Armee löste sich in verschiedenste Elemente auf, die in ihrer Heterogenität stark differenzierbaren Gruppen, Parteien, lokalen Führer, sowie konfessionellen Gemeinschaften schlossen sich zu zwei verschiedenen Lagern bzw. Milizkoalitionen zusammen - der christlich Libanesischen Front und der muslimischen Nationalen Bewegung. Zum Verständnis der Akteurskonstellation und
39 Waldmann; S. 360
40 ebenda S. 360
41 Hanf; 1990; S. 264
- 11 -deren Beweggründe werden zunächst notwendige Faktoren, wie die Strukturmerkmale der libanesischen Gesellschaft und die Konfliktparteien, näher betrachtet, bevor auf den Kriegsverlauf eingegangen wird.
3.1. Struktur der libanesischen Gesellschaft und Akteure des Bürgerkrieges
Libanons Grenzen wurden 1920 durch die vom Völkerbund legitimierte französische Mandatsmacht festgelegt 42 . Die Grenzziehung führte zu einer äußerst heterogenen und fragmentierten Gesellschaft. 1943 setze der Libanon seine Unabhängigkeit gegenüber Frankreich durch. Die Fragmentierung des Libanons in 17 staatlich anerkannte Religionsgemeinschaften lässt sich geographisch mosaikgleich aufzeigen 43 . Vor dem Ausbruch des Krieges besaßen die Schiiten eine massive Mehrheit im Süden wie im Norden, die Sunniten besaßen ihrerseits eine Mehrheit in der Küstenregion, speziell in den Städten Tripoli, Saida und Tyre, die Christen hingegen dominierten den nördlichen Teil des Gebirges bis zur Beirut-Damaskus-Strasse und dem vorgelagerten Küstenstreifen. Weitere Gebiete wurden je zur Hälfte von Christen und Sunniten, teils war die Bevölkerung sogar aus Teilen von Sunniten, Schiiten und Christen zusammengesetzt. Eine Besonderheit im konfessionellen Mosaik des Libanons, stellt ein ungeschriebenes „gentleman’s agreement“ von 1932, der so genannte Nationalpakt dar 44 . Zentraler Bestandteil dieses schriftlich nicht fixierten Paktes ist der Verzicht der Christen auf die Ausrichtung nach Europa und der Muslimen auf die Wiedervereinigung zu einem syrischen Großreich. Zusätzlich wurde eine spezielle Machtvergabepraxis vereinbart. Der libanesische Staatspräsident ist seit Bestehen des Paktes immer ein Christ, der Parlamentspräsident ein Schiit und der Ministerpräsident ein Sunnit. 45 Zusätzlich wurde dieses konfessionelle Proporzsystem auch auf die Mandatsvergabe des libanesischen Parlaments angewendet, die Mandatsverteilung richtet sich nach einem 1932 ausgerechneten Schlüssel und schreibt fest, wie viele Mandate Christen und Muslime erhalten 46 . Dieses damals gemessene Verhältnis zwischen Christen und Muslimen bildete den starren Schlüssel, der im Laufe der Jahrzehnte, trotz sich aufgrund der höheren Fertilität der Muslime ändernden Bevölkerungsgewichtung, nicht angepasst wurde. Während der Großteil der Christen dieses Proporzsystem beibehalten wollte, forderten die libanesischen Muslime in
42 Schlicht; S. 3
43 Hanf; 1990; S. 258
44 Bieber; S. 69
45 Kuderna; S.246
46 Die Mandate der beiden Religionsgruppen werden innerhalb der Konfessionsgemeinschaften weiter
aufgeteilt
- 12 -den Jahrzehnten vor Ausbruch des Bürgerkrieges eine Anpassung und somit stellte dies eine von vielen Ursachen zur starken Fragmentierung entlang der Konfessionslinien und damit auch ein großer Streitpunkt innerhalb des Libanons dar. Anhand dieses Konfliktes werden in der wissenschaftlichen Literatur die beiden Lager des Krieges beschrieben. Weitere Unruheherde fand man durch die soziale Ungleichheit im Staate. Das extrem auf marktwirtschaftliche Regeln ausgelegte Wirtschaftssystem und die daraus resultierende marginale Sozialunterstützung durch den Staat führte zu extrem unterschiedlicher Klassenbildung. Denn zusätzlich wurden durch das konfessionelle Proporzsystem auch öffentliche Ämter vergeben 47 . Während die reiche Oberschicht noch von Mitgliedern aller Konfessionen gestellt wurde, gab es große Diskrepanzen in der Mittelschicht. Die höhere Mittelschicht - Beamte, Kaufleute, Angestellte - wurde vorwiegend von Christen gestellt, während die untere Mittelschicht - Landarbeiter, städtische Arbeiter - vorwiegend von Sunniten und Schiiten gestellt wurde. Am untersten Rand der sich auszeichnenden Klassengesellschaft standen Nichtlibanesen wie Palästinenser, Kurden und Syrer. 48 Diese hier in der Not der Kürze nur schemenhaft skizzierten Gegensätze führten bereits lange vor dem Libanonkrieg immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Konfessionen. In den Jahren vor dem Ausbruch nahmen die sozialen, gesellschaftlichen aber auch politischen Spannungen extrem zu 49 . Spätestens mit der Ankunft der im Schwarzen September 1970 aus Jordanien vertriebenen bewaffneten Kämpfer der PLO 50 , kam das konfessionelle Gleichgewicht vollends auseinander. Durch die Flüchtlingsbewegung in den Südlibanon wurden auch die dort bisher lebenden Schiiten nördlich in die Elendsquartiere rund um Beirut gedrängt.
Der libanesische Staat war schon lange vor dem Ausbruch des Krieges überfordert, seiner Funktion der Gewaltenkontrolle nachzukommen. Bereits zur Staatsgründung formten sich im Libanon quasi-autonome Regionen, in denen der Staat seinen Autoritätsanspruch nie völlig nachkommen konnte. Jede der einzelnen, meist durch einen Feudalherren oder einer konfessionellen Gruppe kontrollierten, Regionen, führte ihre eigene Miliz. Durch die Unterzeichnung des Cairo-Agreement 51 1969 wurde dieser Verlust an Souveränität noch deutlicher und in den palästinensischen Flüchtlingslagern sogar hoheitlich abgegeben.
47 Hanf; 1988; S. 667
48 Zur sozialen Spannung vgl. Hanf; 1988; S. 665ff, zur Vertreibung Hottinger; S. 563
49 Van de Walle; S. 95: „…that level of income, degree of ethno-linguistic fractionalization,
population, …all help to determine the outbreak and duration of civil wars.”
50 Hanf; 1990; S. 199
51 Zur Entstehung des Cairo Agreement siehe Khazen; S. 140ff; das Cairo Agreement an sich auf
http://www.lebanese-forces.org/lebanon/agreements/cairo.htm 2.März 2006
- 13 -Die palästinensischen Milizen 52 nutzen die vom libanesischen Staat garantierten Rechte in einem vorher nicht erwarteten Maße; zu Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen 1975 waren die palästinensischen Kampfverbände sogar zahlenmäßig der Libanesischen Armee überlegen. 53 Im Jahre 1969 kam es bereits zu den ersten Kämpfen zwischen der Libanesischen Armee und der PLO 54 . Dies machte besonders der christlichen Bevölkerung deutlich, dass erstens der Staat unfähig seine staatliche Souveränität gegenüber den Palästinenser durchzusetzen ist und zweitens, dass die Anwesenheit der Palästinenser zu einer Bedrohung für die innerstaatliche Balance anzusehen ist. Diese Erkenntnis hatte fatale Auswirkungen. Die christlichen Parteien forcierten ihrerseits die Bewaffnung ihrer bereits bestehender Milizen und gründeten weitere bewaffnete Verbände. Einem Gewaltapparat des anderen wurde ein eigener gegenüber gesetzt. Mit Beginn der Auseinandersetzung 1975 zerfiel das staatliche Gewaltmonopol vollends und im ganzen Land standen sich rivalisierende Milizen entgegen.
Die Existenz der Palästinenser wurde laut Hanf „zum Auslöser…und zugleich zum wichtigsten Konfliktgegenstand“ 55 , da dies auch zur Einmischung externer Konfliktparteien führte.
Im Besonderen zu nennen sind dabei Syrien und Israel. Beide Staaten engagierten sich militärisch im Konflikt und sahen den Austragungsort immer in Bezug auf den Nah-Ost-Konflikt. Israels bereits vor 1975 immer wieder gestartete bewaffnete Aktionen gegen die der Palästinenser gewählten Strategien des „Guerrilakrieg, des Terrorismus und der bewaffneten Diplomatie…, denen der Staat Israel nicht adäquat begegnen konnte“ 56 , dienten anfänglich der Sicherung der Nordgrenze vor bewaffneten Attentaten und Übergriffen. Mit dem Likud-Sieg 1977 änderte sich die Doktrin. Spätestens 1982 wurde dies durch die israelische Invasion im Libanon ersichtlich. Nicht mehr die Sicherung der Grenze, sondern die Zerschlagung der bewaffneten palästinensischen Strukturen war nun Ziel. Dazu wurde auch einflussreiche Hilfe für die christlichen Milizen sowie der Südlibanesische Armee in Form von Ausbildungs-, Rüstungs- sowie Finanzhilfen bereitgestellt 57 .
Syrien intervenierte zum ersten Mal im großen Stil 1976. Im Laufe des Kriegs stellte Syrien immer mehr eine militärische Großmacht im Libanon dar und forcierte durch die
52 Die verschiedenen Fraktionen, bei denen die Fatah die Stärkste darstellte, wurden später in der
Palästinensischen Befreiungsfraktion, der PLO (Palestinian Liberation Organisation), vereint.
53 Hanf; 1988; S.663
54 Hanf; 1990; S. 164
55 ebenda S. 241
56 siehe Daase; 1999; S. 165
57 Hanf; 1990; S. 238
- 14 -Unterstützung mal der einen, mal einer anderen Miliz, ein Gleichgewicht der Schwäche 58 . Syrien wollte als alleinige Macht im libanesischen Staat die Kontrolle über die ansonsten schwachen Akteure haben.
Im gleichen Maße wie die libanesische Gesellschaft, zerfiel auch die libanesische Armee. Sie spaltete sich entlang der oben bereits aufgezählten konfessionellen Linien und etliche Soldaten wanderten mit samt ihrer Armeeausrüstung zu den bewaffneten Milizen.
3.2. Kriegsökonomie und Eigendynamik der Gewalt im Libanonkonflikt In diesem Abschnitt wird nun versucht, Zusammenhänge des langen Fortdauerns des Libanonkrieges und den Formen der sich gebildeten Kriegsökonomie sowie des nach Waldmann idealtypisch skizzierten Mehrstufenschema zur Eigendynamik der Gewalt zu finden. Dazu wird vorerst in der hier gebotenen Kürze das libanesische Milizsystem - da dies, wie in Abschnitt 2.2. aufgezeigt, die Rahmenbedingung einer sich herausbildenden Kriegsökonomie darstellt - charakterisiert, bevor im nächsten Schritt die praktizierten Formen der Kriegsökonomie analysiert werden. Im letzten Schritt wird erklärt, inwiefern die sich gebildeten Formen der Kriegsökonomien, eingebettet im aufgezeigten Milizsystem, und das lange Fortbestehen des Konfliktes aufgrund der strukturellen Veränderung des gesamten Staates zusammenhängen - dies anhand der im Analyserahmen erarbeiteten Ansätze.
3.2.1. Charakteristiker des Milizsystems
Der wie bereits aufgezeigte kontinuierliche Zerfall des Staatsapparates, durch bewaffnete Auseinandersetzungen der verschiedenen Konfessionen sowie die daraus resultierenden Milizzusammenschlüsse, bedingt in prägendem Maße die libanesische Situation. Souveränität und Autorität - Eckpfeiler des Staatsapparates - wurden durch die externen Akteure sowie den Milizen in ihren jeweiligen Gebieten ausgeübt. 59 Durch Gebietskämpfe und damit einhergehenden Vertreibungen gelang es den Milizen konfessionell annäherungsweise homogene Gebiete zu schaffen, die unter ihrer militärischer aber auch unter administrativer Kontrolle standen. Exemplarisch dafür wurde sogar die Hauptstadt Beirut „geteilt“ - es gab ein christliches Ostbeirut und ein muslimisches Westbeirut - an deren „Grenze“ die Milizen befestigte Kontrollposten errichteten. Diese stetig steigende Abgrenzung vom Staatsapparat und die organisatorischen Strukturen innerhalb der Milizen sind Zeichen der ersten Stufe der Gewaltdynamik nach Waldmann, der Verselbstständigung des Gewaltapparates. Besonders
58 Hanf; 1988; S. 669
59 Jedoch bestanden rudimentäre Institutionen wie der Staatspräsident und das Parlament weiter. „Die
libanesische Republik mochte seit Jahren machtlos sein: Ihre Institutionen bestanden jedoch weiter…“
Hanf; 1990; S. 342
- 15 -die Schaffung der konfessionell homogenen Regionen ist ein Indikator der gewollten Bindung an die Zivilbevölkerung und dem Ziel, in einer möglichen Zukunft die gewünschten Ziele der jeweiligen Konfession durchzusetzen.
Zu den interkonfessionellen Abgrenzungen und bewaffneten Auseinandersetzungen, kamen zusätzlich auch intrakonfessionelle Kämpfe. So haben z.B. die christlichen Libanesischen Streitkräfte, die FL, andere christliche Milizen, wie die Marada oder Numur, mit Gewalt integriert. Dies diente zur Errichtung des Gewaltmonopols innerhalb der konfessionellen Gruppierung und des militärischen wie auch politisch alleinigen Machtanspruch der Milizführung. Zu dem war die Zielsetzung ab einem gewissen Punkt nicht mehr der Sieg über die verfeindete Miliz, sondern nur noch dessen Schwächung. „Niemand wollte …einen totalen Sieg.“ 60 Der permanente Einsatz von Gewalt diente nur noch der Legitimation der eigenen Existenz gegenüber der Zivilbevölkerung und der noch später genauer zu untersuchenden Finanzierung durch Repressionen. Dieser Einsatz führte zu einem immer schärfer werdenden und dementsprechend schwieriger zu überwindenden Konfliktpotential. Die Gewaltdynamik nahm ihren Lauf 61 und spätestens and diesem Punkt zerbricht Waldmanns erste Stufe und es kommt zur zweiten, der Privatisierung der Gewalt. Indikatoren wie die zunehmenden Spannungen innerhalb der Milizen und die Vernachlässigung der ursprünglichen Ziele - die politische, gesellschaftliche und soziale Änderung - die durch den bewaffneten Konflikt zu erreichen gedacht waren, machen dies deutlich. Die zumindest teilweise Abneigung von Gewalt durch die Zivilbevölkerung ist hier ein weiterer zu nennender Punkt.
Trotz diesem in „verfeindeten“ Regionen zerrütteten Staat, ist allerdings bemerkenswert, dass weiterhin ein nationaler Markt existierte, der die Milizen zur Kooperation zwang. 62 Rohstoffe und Produkte, auf die die Milizen angewiesen waren, konnten in keiner der gebildeten Gebiete autark produziert oder importiert werden. Sie wurden von Region zu Region transportiert, importierte Waren über den Seeweg gelangten so auch in Regionen ohne Küstenzugang. Hier können Waldmanns Stufen nicht trennscharf abgegrenzt werden. Einerseits ist die Gewaltdynamik so weit fortentwickelt, dass das libanesische Milizsystem Indikatoren der zweiten Stufe besitzt, andererseits werden durch den trotz der gewalttätigen
60 Hanf; 1990; S. 415: „In der Regel wurde militärische Macht lediglich eingesetzt, um den
jeweiligen Gegner einzuschüchtern,…, ihn bis zu einem Punkt gefügig zu machen, dass er bereit war,
politische Zugeständnisse zu machen.“
61 Khalaf, zit. nach Hanf; 1990; S. 416: „Die Furcht marginalisiert, assimiliert oder vertrieben zu werden,
verschärft die Intensität der Feindseligkeit… . Je stärker Gemeinschaften bedroht werden, desto mehr
greifen sie zur Gewalt, um ihre gefährdete Identität zu bewahren und umso besorgter werden sie über
die Chancen einer Konfliktlösung aus Furcht, die minimalen Gewinne zu verlieren… .“
62 Jean/Rufin; S. 72ff.
- 16 -Auseinandersetzung praktizierten Handel zwischen den Regionen bereits erste Anzeichen der dritten Stufe, der Kommerzialisierung der Gewalt, deutlich. Die dadurch profitierenden Akteure werden im nächsten Abschnitt beschrieben.
Des Weiteren war trotz der bewaffneten Kämpfe zwischen den Milizen auch die Bewegungsfreiheit der Zivilbevölkerung nie völlig eingeschränkt. Hanf schreibt: „Die Radiosender sagen Kämpfe und Beschießungen…an, geben Ratschläge für mögliche Umleitungen…wie andernorts im Fall von Verkehrsstaus…“ 63 .
An diesem Punkt kann man bereits weitere Indikatoren für Waldmanns konstatierte dritte Stufe der Gewalt ablesen. „Die Gesellschaft ist gekennzeichnet durch die selbstverständliche Duldung…der Gewalt.“ 64 Aufgrund der ständigen Gewalttätigkeit unterlagen die Produktionsstandorte sowie auch die Agrarflächen einer ständigen Gefahr, zerstört oder aber unter gegnerische Kontrolle zu geraten. Diese unkalkulierbare Situation führte zur Anpassung, der in die Formen der Kriegsökonomie eingebundenen Akteure, an die Rahmenbedingung des Krieges. Dies weist einen weiteren Indikator für Waldmanns dritte Stufe auf. Durch die Konfrontation mit militärischer Gewalt verloren Eigentumsrechte jegliche Garantie und es entstand eine immer größere Nachfrage nach „zivilen“ Sicherungsfirmen, die wiederum aus den Milzen entstanden. Die Kommerzialisierung der Gewalt war nun vollends erlangt.
Diese Entwicklung der Gewalt, die u.a. zweckrational zur Existenzsicherung dient, die zur Vernachlässigung der ursprünglichen Ziele führt, ist jedoch keine beabsichtigte, eher eine nicht-intendierte Konsequenz des Gewalteinsatzes, die in ihrem Resultat als Rahmenbedingung für die Herausbildung der Kriegsökonomieformen notwendig war.
3.2.2. Kriegsökonomie und derer Profiteure
Das im Laufe des Krieges immens organisierte Milizsystem führte zu einer Abhängigkeit 65 der Zivilbevölkerung von diesem System. An der Spitze dieses in alle Bereiche des Zivillebens eindringenden Systems, befindet sich eine Gruppe von Kriegsherren / Milizführer, darunter eine Schicht von Kriegsprofiteuren, die in den durch die Milizen etablierten administrativen Strukturen werktätig sind. Weiter unterhalb befinden sich Profiteure, die als Transporteure oder Spediteure von der Fragmentierung und dem trotzdessen aufrechterhaltenen Handel zwischen den Regionen profitieren. Die eigentliche Machtbasis der Milizen, nicht mehr die Zivilbevölkerung an sich, sondern die aus der Bevölkerung
63 Hanf; 1990; S. 417f
64 siehe Kapitel 2.1.
65 vgl. Hottingers Ausführungen zur Abhängigkeit am Bsp. des Drusenführers Kamal Jumblat; S. 33ff
- 17 -rekrutierten Milizionäre, stellen die unterste Stufe dar, die vordergründig „entlohnt“ 66 und weiter noch gemeinsam mit ihren Familien bei der Vergabe knapper Gütern bevorteilt wurden. Durch diese Einbindung eines großen Teils der libanesischen Bevölkerung in die militärischen aber auch administrativen und sozialen durch die Milizen geschaffenen und kontrollierten Strukturen, war das Groß der Zivilbevölkerung existentiell abhängig von dem geschaffenen Kriegssystem, und die fehlenden Alternativen führten zur Persistenz des Krieges.
Einerseits füllten, wie aufgezeigt, die Milizen das durch den zerfallenden Staat 67 entstandene Vakuum an administrativen, sozialen, sogar an legislativen und judikativen Strukturen. Dadurch entstanden Einnahmequellen für die Milizen in Form von finanzieller Extraktion durch Steuer 68 - und ähnlichen Abgabenerhebungen 69 . Andererseits führte die Regionenbildung und der gleichzeitig fortbestehende libanonweite Markt zu einer weiteren Einkommensquelle: Zollabgaben an den innerlibanesischen Grenzen. Diese und weitere Faktoren lassen erkennen, dass die im Krieg engagierten Akteure durch den Einsatz von Gewalt zugleich jene Rahmenbedingungen schufen - den Zerfall des Staates - in denen ihr weiteres ökonomisches Handeln integriert wurde.
Zusätzlich zu den im Folgenden zu nennenden internen Formen der Kriegsökonomie, soll an dieser Stelle noch kurz die externe Unterstützung genannt werden. Wie aufgezeigt haben Syrien und Israel durch massive finanzielle Unterstützung einzelnen Milizen finanziert. Weitere Länder, die einzelne Milizen finanzielle Unterstützung zusicherten, waren vor allem arabische Staaten wie Iran, Irak, Jordanien, Ägypten, aber auch westliche, wie vor allem Frankreich. Im Weiteren diente das weiter existierende und funktionierende Bankenwesen, dass in seiner Geheimhaltung nur mit der Schweiz vergleichbar ist 70 , erhebliche Finanzströme aus der Diaspora in den Libanon. 71
Um bei den internen Formen anzufangen, bietet sich an, mit Jean/Rufins Instrumentarien des Raubes und der Organisierten Kriminalität, die Ressourcenallokation der Milizen zu
66 Entlohnung nicht nur im Sinne von einer festen Bezahlung. Vielmehr wurde auch die
Beschlagnahmung von fremden Gütern, also Raub, als wohlgemeinte Entlohnung durch die
Milizführung angesehen. vgl. Jean/Rufin; S. 55ff.
67 Van de Walle; S.94: „It is possible to distinguish sets…that lead to types of state failure:… a second one
in which protracted state weakness leads to a progressive implosion of the state apparatus.
68 Im Laufe des Krieges wurden auf jegliche Produkte, ökonomische Transaktionen u.ä. Steuern erhoben.
Ob Benzin, Mehl oder „Arbeitserlaubnisse“, Gebühren und Steuern wurden wie vormals durch den
Staat, nun durch die Milzen erwirtschaftet.
69 Zoll- oder Steuerabgaben wurden auch im Besonderen durch die von den Milizen kontrollierten Häfen
eingenommen. Die Internationalen Schifffahrtsgesellschaften löschten, trotz Bitten der libanesischen
Regierung dies zu unterlassen, ihre Ladungen an diesen Häfen und Akkreditierten so die Milizverbände.
vgl. Jean/Rufin; S. 52ff.
70 Nicht von ungefähr kam die häufig benutzte Darstellung des Libanon als „Schweiz des Nahen Osten“
71 Khalaf; S. 252
- 18 -untersuchen. Eine der bedeutendsten Form der Kriegsökonomie im Libanon stellt sicherlich der Drogenanbau und die Vermarktung - als Indikator für die Organisierte Kriminalität - dar. Aufgrund der Qualität des „libanesischen Cannabis“ 72 und den im Vergleich zu legalen Agrarprodukten höheren Gewinnmargen, breitete sich der Drogenanbau bereits vor dem Krieg - obwohl gesetzlich verboten - aus. Der Staat besaß keine geeigneten Mittel, der Expansion effektiv entgegenzuwirken. Die Illegalität schaffte jedoch die Rahmenbedingung, den Anbau und die Produktion versteckt, heimlich oder zumindest nicht im „großen Stil“ zu betreiben, da insbesondere die Internationale Staatengemeinschaft sehr genau beobachtete, welche Entwicklung und welche Maßnahmen sich gegen das „Drogengeschäft“ im Libanon abzeigten. Diese Rahmenbedingungen erodierten jedoch mit Ausbruch des Krieges. Der Macht- und Einflussbereich des libanesischen Staates verringerte sich massiv. Die Drogenproduktion entwich vollends der staatlichen Kontrolle. Musste die „Drogenproduktion“ vor dem Krieg noch vereinzelt mit staatlichen Maßnahmen gegen sich rechnen, so konnten die an der Produktion Beteiligten nun frei von Sanktionsfurcht die Produktion immens ankurbeln und der Libanon sich in den siebziger und achtziger Jahren zum größten Produzenten illegaler Drogen im Nahen und Mittleren Osten entwickeln 73 . Zusätzlich zum Cannabisanbau expandierte die Drogenproduktion um weitere Drogen wie Mohn, dazu wurden des Weiteren Laboratorien zur Herstellung synthetischer Drogen aufgebaut. Die Milizen duldeten in ihren Gebieten nicht nur die Produktion und den Handel, sie waren personell wie auch finanziell involviert. Der bestehende libanesische Markt und die weiterhin guten Verbindungen in den Welthandel, ermöglichten es der libanesischen Drogenwirtschaft, ihre Produkte zu exportieren.
Laut dem United Office on Drugs and Crime vergrößerte sich die für Cannabis benutze Fläche im Libanon von 11.000 auf 16.000 Hektar und die genutzte Anbaufläche für Mohn von 3.500 auf ca. 5.000 Hektar. 74 Diese Expansion führte zwangsläufig zum Rückgang anderer agrarischer Produkte und führte somit zu einer stärkeren Involvierung der Zivilbevölkerung in dem vom Drogenhandel bestimmten Sektor. Dank der Rahmenbedingung Krieg und dem dadurch einhergehenden Zerfall des Staates, gab es keinerlei Schranken bei der Drogenproduktion und somit bedingte dies den immensen Standortvorteil auf dem Weltmarkt. Die Tatsache, dass es sich um auf dem Weltmarkt illegale Güter handelt, war im libanesischen Bürgerkrieg nicht von Bedeutung.
72 United Nations Office on Drugs and Crime Länderprofil Libanon
http://www.unodc.org/egypt/en/country_profile_lebanon.html ; 2.März 2006
73 ebenda
74 ebenda
- 19 -Zur direkten Beteiligung der Milizen am Anbau, Produktion und Handel bot die Drogenökonomie noch weitere Einkommensquellen: Schutzgelder zur „Protektion“ der Anbauflächen oder beim Transport über die regionalen Grenzen hinweg auferlegte „Zölle“. Die Bedeutung der Milizen innerhalb der Drogenökonomie und somit der von Jean/Rufin genannten Kriterien der Organisierten Kriminalität war zentral. Zum einen haben die Milizen mit ihren militärischen Konfrontationen überhaupt erst die grundlegenden sowie notwendigen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die Drogenökonomie in der aufgezeigten Art und Weise entwickeln konnte, geschaffen und forcierten diese im Laufe des Krieges weiter. Andererseits stellten die Milizen die zentralen Akteure und Profiteure innerhalb der Drogenökonomie dar, die somit die von ihnen geschaffenen Rahmenbedingungen wunderbar ausnutzen. Dies wiederum führte dazu, dass die notwendigen Finanzen zur Aufrechterhaltung der Milizen u.a. aus diesem Geschäft kamen - die Selbstperpetuierung des Krieges war in vollem Lauf.
Zusätzlich zu dem von Jean/Rufin definierten Typus der Organisierten Gewalt führte die libanesische Milizwirtschaft auch typischen Formen des Raubes. Zu der erzwungenen Extraktion von Ressourcen aus der Mitte der Zivilbevölkerung gehörte vor allem die Form der Plünderung und Konfiszierung durch die Milizen. Die Rahmenbedingung hierfür leistet wieder einmal der zerfallende Staat, das einhergehende Chaos durch die Machtlosigkeit der Judikativen und Exekutiven, sowie die anfänglich finanziell schwach ausgestatteten Milizen an sich. So kam es eingangs des Libanonkonfliktes häufig zur, von allen Autoren als bedeutende Form der Kriegsökonomie der Neuen Kriege bezeichneten, Form des Marodierens. Geplündert wurde im Eigentum der Zivilbevölkerung 75 , aber auch im „größeren Stil“ durch klassischen Raub, beispielsweise der British Bank of the Middle East, in der die palästinensische Miliz ca. 50 Millionen $ erbeutete.
Die Erpressung von Lösegeldern - ein heute oft gebrauchtes Mittel in Kriegs- bzw. „Krisengebieten“ wie dem Irak - war auch bereits im Libanonkonflikt eine rege gebrauchte Quelle zur Ressourcenextraktion. 76 Es entwickelte sich eine quasi Entführungsindustrie, die einerseits ausländische Mitarbeiter, andererseits aus der jeweils anderen konfessionellen Gemeinschaft wichtige Personen, entführte, um Lösegeld sowie teilweise auch politische Zugeständnisse zufordern.
Eine weitere von Jean/Rufin genannte Methode des Raubes stellt die Schutzgelderpressung dar. Auch dieser Form der erzwungenen finanziellen Extraktion aus der Zivilbevölkerung bedienten sich die Milizen. Die Auflösung des Gewaltmonopols und die Privatisierung von
75 vgl. Jean/Rufin; S. 52 ff.
76 ebenda S. 55ff.
- 20 - Gewalt durchdie Milizen führte zu einem „Sicherheitsmarkt“, in dem von den Milizen organisierte Sicherheit persönlich körperlicher Art oder auch von Unternehmen, Produktionsstandorten oder Agrarnutzflächen garantiert wurde. Diejenigen, die den Bedarf nach Sicherheit auslösten, bedienten den daraus resultierenden Markt. Aller hier schemenhaften und in der gebotenen Kürze aufgezeigten Formen der Kriegsökonomie gemein, ist die Praktizierung von Gewalt als grundlegende Bedingung zur Schaffung solcher Kriegsökonomiestrukturen. Die Anpassung an die sich herausbildenden Rahmenbedingungen - der Staatszerfall und aber auch der fortwährenden Verflechtung des immer noch bestehenden Gesamt-Libanesischen Marktes mit der Weltwirtschaft - die zunächst ja überhaupt erst durch den Einsatz der Gewalt entstanden, war der Ausgangspunkt für die Milizen, die oben gezeigten Formen der Ressourcenextraktion zu schaffen. Bemerkenswert dabei ist der Umstand, dass die libanesischen Milizen bei ihren praktizierten Formen der Kriegsökonomie nicht allein auf Extraktion von Ressourcen aus der Zivilbevölkerung, also dem von Jean/Rufin aufgezeigten Raub, beschränkten, sondern sich auch produktiv in Form des Drogenanbaus und -handels engagierten, was wiederum
Faktoren der von Jean/Rufin genannten Organisierten Kriminalität beinhaltet. Dies macht die Beabsichtigung der Milizen, eines auf langfristig ökonomisches Überleben ausgelegten Bestrebens deutlich.
4. Fazit
Zusammenfassend lässt sich an dieser Stelle nun sagen, dass im Besonderen die Drogenökonomie zu strukturellen Veränderungen und damit einhergehend einen Beitrag zum ungemein langen Bürgerkrieg im Libanon führte. Einerseits hatte die oben beschriebene Form der Drogenökonomie die Folge der vermehrten Integration großer Teile der Zivilbevölkerung. Dadurch entwickelte sich die Drogenökonomie, die die anderen Agraranbaustrukturen verdrängte, zur tragenden ökonomischen Komponente des Miliz- und somit auch zum Kriegssystem. Durch die hohe Produktivität und den immensen Gewinnen war es erst den Milizen möglich, sich im oben schemenhaft dargestellten Kriegsgeschehen mit jener Kontinuität zu engagieren. Des Weiteren führte die Übernahme der staatlichen Aufgaben und die dadurch resultierenden Gewinne durch Steuer u.ä. Einahmen zum Fortbestehen des Krieges. Die Ausübung der staatlichen Rolle durch Angehörige der Miliz diente einerseits der finanziellen Restriktion, andererseits symbolisierte diese Ausübung gleichzeitig den Machtanspruch der Milizen. Diese geschaffenen Strukturen wieder aufzugeben, waren viele der Milizionäre in keiner Weise bereit. Im Gegenteil: Die Verselbständigung des
- 21 -Machtvollzugs bedingte im Selbstanspruch der Milizen die Verselbständigung und Zementierung ihres Milizsystems. Die Durchsetzungsinstanz - sei es im Verwaltungs-, Sozial-, Bildungs-, Judikativ- wie auch Legislativbereich - wurde vollends durch die Miliz ausgeübt. Die Einbindung der Zivilbevölkerung in diese Bereiche ging einher mit der Einbindung in die Miliz. Somit wurden immer größere Teile der Bevölkerung Teil des Milizsystems und dementsprechend mit ausschlaggebend für den stetigen Struktur- und Systemwandel.
Der Wandel der Milizen zum wichtigsten Arbeitgeber beeinflusste die Loyalität der Zivilbevölkerung, nicht mehr nur konfessionelle Zugehörigkeit, politische Überzeugung oder das Schutzbedürfnis waren alleinig ausschlaggebend, auch die wirtschaftliche Abhängigkeit führte zur Anbindung.
Die Bildung der verschiedensten Formen der aufgezeigten Kriegsökonomie, die Verstetigung und ihre Weiterbildung hatten immense Auswirkungen auf die Struktur und das System des Libanons. Die erhebliche Veränderung der Zivilbevölkerung bewirkte die strukturelle Veränderung der libanesischen Ökonomie, ebenso prägte die aus diesem Prozess resultierende, strukturell veränderte Ökonomie die gesellschaftlichen Strukturen. Die Integration, die Bündelung der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht, die Herausbildung neuer Eliten, all dies aus der Mitte der Milizen führte zur Stabilisierung der Milizen und damit zum Fortbestehen des Bürgerkrieges.
In diese Rahmenbedingungen des Struktur- und Systemwandels eingebettet - an dieser Stelle muss wieder die grundlegende Rahmenbedingung des zerfallenden Staates genannt werden, ohne die, der in dieser Arbeit aufgezeigte Systemwandel in dieser Form nicht möglich gewesen wär - lässt sich ferner ein von ökonomischen Motiven geleitetes Interesse am Fortbestand des Krieges ablesen. Die Bildung eines Gewaltmarktes in dem Sicherheit erkauft werden muss, der Drogenhandel und die damit einhergehende Kooperation zwischen den Milizen dienen dieser Erkenntnis. Dass trotz des steten Blutvergießen, der ständigen Übergriffe, der Racheakte, der zu beklagender Opfer eine Kooperation zwischen den verfeindeten Milizen auf ökonomischer Basis, nicht allerdings auf politischer Basis, möglich war, führt zu dem Schluss, dass die durch die Rahmenbedingungen des Krieges und der aufgezeigten Folgen - die geschaffenen Formen der libanesischen Kriegsökonomieselbstperpetuierende Auswirkungen, wenn nicht sogar eine geänderte Motivationsgrundlage weg von der politischen Zielsetzung zur wirtschaftlichen, haben.
Welchen Beitrag leistete die sich in dieser Arbeit dargestellte libanesische Kriegsökonomie zum Fortbestehen des Krieges?
- 22 -Die notwendige Sicherung und der Erwerb von Ressourcen durch die Milizen und das daraus resultierende „wirtschaftliche Handeln“, führte erst zur möglichen Fortsetzung der gewalttätigen Auseinandersetzung mit den verfeindeten Milizen. Stete physische Gewalt selbst, führte zur selbstverständlichen Duldung aber auch zur Nachfrage nach Schutz und rechtfertigte zudem die Milizexistenz. Hinzukommend veränderte die Form der Kriegsökonomie das gesamtstrukturelle gesellschaftliche Gefüge. Dieser Strukturwandel stabilisierte wiederum das Milizsystem im Besonderen durch die Integration von großen Teilen der Zivilbevölkerung.
Als für die Begründung des extrem langen Fortbestehens Neuer Kriege, kann anhand des Libanonbeispiels die von Waldmann konstatierte Erklärung der Eigendynamik entfesselter Gewalt nur teilweise dienen. Zwar kann man anhand der idealtypischen Strukturen seines Mehrstufenschemas die stete Strukturveränderung der libanesischen Gesellschaft wie aufgezeigt ablesen, diese jedoch nicht trennscharf. Waldmann bemerkt treffend, dass Konflikte nie auf einer Stufe stehen bleiben, oft verschiedene Indikatoren einzelner Stufen in sich vereinen. Das Libanonbeispiel bekräftigt diese Aussage. Der von Kaldor, Münkler und weiteren Autoren ausgelöste Perspektivwechsel in der Kriegsdiskussion, weg von der Ursachenforschung hin zur kriegsinternen Beobachtung, ist auch für das Fallbeispiel Libanon treffend. Abgesehen von den konfessionellen, sozialen, machtpolitischen und etlichen weiteren zum Bürgerkrieg im Libanon führenden Spannungen, entwickelte sich im Krieg selbst eine Eigendynamik, die eins der wesentlichen Elemente der Neuen Kriege, die veränderte Kriegsökonomie, im gesamten Maße in sich vereinte und die zum ungemein langen Kriegsverlauf über fast 16 Jahre im bedeutenden Maße beitrugen.
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http://www.unodc.org/egypt/en/country_profile_lebanon.html ; 2.März 2006
Arbeit zitieren:
Oliver Beckmann, 2006, Kriegsökonomien der Neuen Kriege - Möglicher Grund des ungemein langen Fortbestehens des Libanonkrieges?, München, GRIN Verlag GmbH
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Vom 11. September 2001 zum Irak-Krieg 2003
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