Friedrich von Schillers Ballade
Die Ballade fordert von Mann oder Frau ein, Farbe zu bekennen in diesen Fragen: Worauf gründet sich der Mut des Ritters? Inwieweit ist er mitverantwortlich? Hätte er das Verhängnis, in das er geriet, abwenden können? Worin liegt der Schlüssel, der Fokus der Geschichte? Wer ist der wahre Held dieser Ballade und wer der größte Versager? Was vermitteln uns die Tiere? Welches ist die eigentliche, tiefe Tragik dieser Ballade? Legt sie uns aktuelle Bezüge nahe?
1. Wer ist der eigentliche Held der Ballade? Der Ritter ist zwar mutig, aber zum Heldentum gehört auch Verantwortungsbewußtsein, was sich darin ausdrückt, daß man die Frage beantworten kann: „Wofür, mein Freund, hast Du Deinen Mut bewiesen, Dein Leben aufs Spiel gesetzt?“ Der Ritter ist immerhin klug genug, aus der Geschichte zu lernen und sich zu befreien. Aus der Emotion des Erlebens seiner Tat heraus, gelenkt über Amygdala und Hippocampus, wird es seiner Großhirnrinde klar. Damals war es zwar undenkbar, den Minnedienst auszuschlagen. Doch irgendwann muß ein Anfang gemacht werden, selbst auf die Gefahr hin, oberflächlich betrachtete Ehre zu verlieren. Dazu gehören gleichermaßen Mut, Verstand und Würde. In kritischer Lage gilt es besonders, Neues zu wagen, Charakter zu zeigen. Der eigentliche Held der Ballade ist ein ganz anderer, nämlich der Löwe, und ihm allein verdankt der Ritter nun sein Leben. Schiller dient dieser Ritter aber als Spiegel, die wahren Verhältnisse der Geschichte zu beleuchten und zu verdeutlichen.
2. Welches ist der Schlüssel, der Fokus der Ballade? Wo liegt der Brennpunkt, von dem man, wie in einem Gemälde, die Linien der Perspektive ableiten und so das ganze Bild deuten und darin lesen kann, wie in einem offenen Buch? Der Brennpunkt ist eine bedauernswerte Frau, Kunigunde, die völlig unfähig ist, zu lieben. Das hat, wie man sieht, fatale Folgen. Denn wegen ihrer Unfähigkeit zu lieben ist Kunigunde auch nicht in der Lage, sich selbst zu finden, ihr „Ich“ zu bestimmen und deswegen gezwungen, ihr Selbst sich stets über die Reaktion ihres Umfeldes bestätigen zu lassen. Wohl ist sie sensibel für alles, was sie selbst betrifft, hat aber, weil sie nicht über die Regung verfügt, die wir Liebe nennen, kein Gewissen für die Bedrängnis und Gefahr, in die sie ihre Mitmenschen bringt. Bei Männern finden wir solche Defizite in vielen berühmten geschichtlichen Gestalten, die ebenso kein Maß für sich selbst und für ihre Mitmenschen hatten, wie z. B. Napoleon, oder Hannibal, oder Alexander der Große, der sogar seinen besten Freund eigenhändig erstach, als dieser ihm die beständig geforderte Bestätigung einmal versagte. Parallelen sind in Schillers Ballade „Der Taucher“. Wie Geld und Gold wird auch Geltung zur Münze der Käuflichkeit.
Wo andere Frauen ein Herz haben, hat Kunigunde ein kosmisches Schwarzes Loch, das zwar hohe Anziehungskraft ausübt - aber jeden, der ihr zu nahe kommt, ins Verderben führt, wie eben jenen armen Ritter, der sich schon länger um Kunigunde bemüht und ihr herbes Defizit nicht wahrhaben will. So spielt sie mit ihm, da sie ihn erst öffentlich verspottet und ihm nach der Mutprobe, völlig ungerührt,
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Joachim Lund bv, 2006, Bemerkungen zu Schillers Ballade "Der Handschuh", vertont von Robert Schumann, München, GRIN Verlag GmbH
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