Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Ich möchte mich bedanken - besonders bei Prof. Dr. Frindte und Dr. Funke, sowie den Mitarbeitern der Abteilung Kommunikationspsychologie für ihre umfangreiche Unterstützung, die interessanten Diskussionen und wertvollen Hilfestellungen.
Mein Dank gilt auch all jenen, die sich bereit erklärten an der Befragung teilzunehmen.
Herzlich danke ich meinen Eltern, im Besonderen meiner Lebensgefährtin und all meinen Freunden für ihre Anregungen, ihre Korrekturvorschläge und ihren Beistand in den letzten Monaten.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
I. Einleitung 5
II. Theoretischer Teil 6
II.1. Historische Wurzeln der Judenfeindschaft 6
II.1.1. Judenfeindschaft von der Antike bis zum deutschen Kaiserreich 7
II.1.2. Der moderne Antisemitismus 10
II.1.3. Antisemitismus seit 1945. 13
II.2. Definition des Antisemitismus 16
II.3. Psychologische Erklärungsansätze negativer Vorurteile. 20
II.3.1. Die klassische Vorurteilsforschung 20
II.3.1.1. Die Theorie der Autoritären Persönlichkeit. 21
II.3.1.2. Exkurs: Der Right-wing Autoritarianism 22
II.3.1.3. Die Frustrations-Aggression-Hypothese 29
II.3.1.4. Die Theorie der Relativen Deprivation 30
II.3.2. Moderne europäische Denktradition 32
Der Social Identity Approach. 32
II.3.3. Moderne amerikanische Denktradition 36
Exkurs : Die Social Dominance Theorie. 37
II.3.4. Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung im Vergleich 42
II.3.5. Ansätze der Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung 47
II.3.5.1. Der Ansatz von Bergmann und Erb. 47
II.3.5.2. Der Dreikomponentenansatz antisemitischer Einstellungen 57
II.3.6. Ein heuristisches Modell zur Zusammenhangsanalyse 61
II.4. Ansatzübergreifende empirische Ergebnisse der Antisemitismusforschung. 64
II.4.1. Sind die Deutschen Antisemiten? 65
II.4.2. Soziodemographische Bestimmungsfaktoren des Antisemitismus 69
II.5. Zusammenfassende Betrachtung zu Kapitel II. 71
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
III. Empirischer Teil 74
III.1. Forschungsgegenstand und Hypothesen 74
III.2. Untersuchungsdesign und Erhebungsdurchführung. 76
III.3. Beschreibung der Stichprobe 77
III.4. Die verwandten Skalen. 79
III.4.1. Die Antisemitismusskalen. 80
III.4.2. Die Autoritarismusskale. 82
III.4.3. Die Skale zur Sozialen Dominanzorientierung 84
III.5. Itemanalysen der Skalen. 86
III.5.1. Itemanalyse der Antisemitismusskale/Stereotypenliste 86
III.5.2. Itemanalyse der RWA 3 D-Skale. 90
III.5.3. Itemanalyse der Skale zur Sozialen Dominanzorientierung 92
III.6. Die Testung der Hypothesen 94
III.6.1. Die Testung der Antisemitismusstruktur. 94
III.6.2. Das Ausmaß der Kommunikationslatenz bei Antisemiten und
Nichtantisemiten 100
III.6.3. Die Zuschreibung von Stereotypen bei Christen, Juden und Muslimen 104
III.6.4. RWA und SDO als Prädiktoren des Antisemitismus 107
III.6.5. Der Zusammenhang zwischen soziostruktuellen Variablen und
Antisemitismus. 110
III.7. Zusammenfassung und Diskussion der empirischen Ergebnisse. 113
III.8. Fazit und Ausblick 121
IV. Literatur. 122
V. Anhang 131
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
I. Einleitung
Nachdem der nunmehr ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann in seiner anlässlich des 3. Oktobers 2003 gehaltenen Rede schlussfolgerte, dass mit gleicher Berechtigung nicht nur die Deutschen, sondern auch die Juden als „Tätervolk“ bezeichnet werden könnten, entbrannte erneut eine kontroverse Diskussion über den Antisemitismus in Deutsch-land. Die einen fanden nichts Anrüchiges in Hohmanns Äußerungen, andere verstanden seine Worte als perfide antisemitische Argumentation. Tatsächlich enthält Hohmann Rede nichts rechtlich Angreifbares - er spricht über die Geschichte, über Entschädigungszahlungen und über die Verantwortung der deutschen Bevölkerung hinsichtlich der Verbrechen des NS-Regimes. Aber, nachdem er feststellt, dass es viele leid sind sich weiterhin mit der Schuld auseinandersetzen zu müssen, vermutet er die Gefahr einer Instrumentalisierung der Vergangenheit und befürchtet die psychische Schädigung Deutscher infolge der fortwährenden Thematisierung. Im Anschluss daran stellt er die „Täterfrage“ und vergleicht jüdische Bolschewiki mit deutschen Nationalsozialisten. Schließlich gelangt er zu der Erkenntnis, dass die Juden nicht nur Opfer waren. Derartige Argumentationsformen werden oft von Antisemiten herangezogen und zielen darauf ab den Holocaust zu relativieren, die Schuld zu verharmlosen und der Verantwortung zu widersprechen. Dennoch ist Hohmann eine antisemitische Intention nicht eindeutig nachzuweisen und er selbst sieht sich schlussendlich als Opfer politischer Interessen. Das Beispiel verdeutlicht, dass der Antisemitismus kein leicht zu erfassendes gesellschaftliches Phänomen darstellt: Die direkte öffentliche Äußerung unterliegt dem Tabu und deshalb werden Antisemiten ihre Meinungen nur hintergründig kundtun. Auch müssen bei der Erforschung antisemitischer Einstellung der spezifische historische Kontext und die politische Nachkriegsentwicklung Deutschlands berücksichtigt werden.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die empirische Ergründung der strukturellen Beschaffenheit des Antisemitismus, seiner Ausdrucksformen und möglicher Einflussfaktoren. Im Vorfeld der Ergebnispräsentation wird der Theorieteil nach Besprechung der Historie des Antisemitismus ausgewählte Theorien der psychologischen Vorurteilsforschung vorstellen. Dadurch sollen die Entwicklungslinien der Forschung aufgezeigt und die konzeptuelle Eingruppierung der untersuchten Prädiktoren in die entsprechenden Denktraditionen verdeutlicht werden. Im Anschluss daran erfolgt die Besprechung zweier soziologisch bzw. sozialpsychologischkonstruktivistisch orientierter Ansätze der Antisemitismusforschung, die das theoretische Fundament der Untersuchung bilden.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
II. Theoretischer Teil
II.1. Historische Wurzeln der Judenfeindschaft
Die Juden? „Die haben doch den Herrn Jesu ermordet“; „die sind so reich, weil sie jeden über den Tisch ziehen“; „die erkennt man an ihrem Aussehen“; „mit denen sollte man lieber nichts zu tun haben“ und … „die gehören nicht zu uns.“
So oder so ähnlich dachten und denken auch heute noch manche Deutsche über die jüdische Minderheit. Doch wie kam es dazu, wieso können diese tradierten Vorurteile so hartnäckig über die Jahrhunderte fortbestehen? Um diese Fragen zu klären, soll im folgenden Abschnitt die Historie des Antisemitismus, deren Inhalte, Quellen und Hintergründe skizziert werden. Wie so oft bei Themen mit erheblicher Komplexität sind bei der geschichtlichen Betrachtung der Judenfeindschaft Einschränkungen unumgänglich. Zum Zwecke der Übersichtlichkeit wurde eine chronologische Form des historischen Abriss gewählt, der inhaltlich nur ein schemenhafter, auf das Wesentliche reduzierter, sein kann. Einige Aspekte, beispielsweise die Reaktionen der jüdischen Gemeinden auf judenfeindliche Handlungen und die Entwicklung des Judentums außerhalb Deutschlands, können daher nicht besprochen werden.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
II.1.1. Judenfeindschaft von der Antike bis zum deutschen Kaiserreich
Als historischer Ursprung der religiös motivierten Judenfeindschaft und des daraus resultierenden Antisemitismus der neuesten Zeit wird die im ersten Jahrhundert n. Chr. beginnende Abspaltung der frühen Christen vom Judentum angesehen. Der daraus entstandene religiös motivierte Konflikt zwischen Christen und Juden fußt zum einen in unterschiedlichen Glau-bensvorstellungen, andererseits in der fundamentalen Bedeutung des Judentums für die christliche Religion. Nach jüdischem Selbstverständnis steht der Mensch am Ende seiner Zeit Gott direkt gegenüber und muss sich für sein irdisches Tun verantworten. Damit lehnt die jüdische Religion eine Mittlerschaft zwischen Gott und den Menschen und daraus folgend den klerikalen Sündenerlass durch den Ablass oder die Beichte ab. Wie auch im Christentum ist der Glaube an den Messias eine Grundlage der jüdischen Religion. So beschreibt der Prophet Jesaja in der hebräischen, wie auch in der christlichen, Bibel die Erwartung des Gesandten Gottes:
Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates
und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. (Die Bibel, Jesaja 11.2-11.3)
Nur, und darin offenbart sich der wohl größte religiöse Widerspruch beider Konfessionen, ist die messianische Bedeutung Jesu Teil der christlichen, nicht der jüdischen Religion. 1 Die „Verkennung des Heilands“ war für die Christen umso demütigender, da, wie schon oben erwähnt, das Christentum seine Wurzeln in der mosaischen Glaubenslehre hat. Eine Abkehr von dieser hätte faktisch das Ende der christlichen Religion bedeutet.
Die zunehmende Erstarkung des Christentums und die Übernahme seiner Glaubensgrundsätze als Staatsreligion am Ende des 4. Jahrhunderts müssen für die Juden als verhängnisvolle Wende begriffen werden. Schon im frühen Mittelalter kam es, ausgelöst durch die christliche antijüdische Agitation, zu religiös motivierten Übergriffen, Diskriminierungen und Verboten gegenüber Juden. 2 Im Hochmittelalter verschärfte sich die gesellschaftliche Situation der Ju-
1 Interessantist in diesem Zusammenhang, dass im Neuen Testament nur an zwei Stellen Jesu als Messias direkt
erwähnt wird (Die Bibel, Joh 1,41; Joh 4,25). Die jüdische Einstellung der neuesten Zeit zu Jesus Christus be-
schreibt Ortag (1995, S. 78) wie folgt: „das moderne Judentum [nimmt] zu einem nennenswerten Teil eine eher
positive Haltung gegenüber dem Nazarener ein. So wird er im liberalen Judentum als ‘Bruder Jesu’ (Ben Chorin)
anerkannt.“
2 In den Evangelien, aber auch in den Paulusbriefen des Neuen Testamentes lassen sich verschiedene antijüdi-
sche Aussagen finden, die ihre beabsichtigte Wirkung wohl nicht verfehlt haben (Die Bibel, Mt 27,25; Mk 15, 6-
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den, sie „waren als Anhänger einer verworfenen Religion bestenfalls geduldet“ und wurden durch die Beschlüsse des 4. Lateranischen Konzils gesellschaftlich ausgegrenzt (Bergmann, 2002, S. 10). Sie durften keinen Landbesitz mehr erwerben, keine öffentlichen Ämter begleiten, mit dem Ausschluss aus den Zünften war ihnen der Handel und die Ausübung des Handwerks nur noch sehr eingeschränkt möglich, lediglich der den Christen verwehrte Geldverleih gegen Zins blieb den Juden allein vorbehalten.
Massaker an Juden sind seit den Kreuzzügen historisch belegt und wohl auf den „religiösen Taumel“ der Bevölkerung West- und Mitteleuropas zurückzuführen (Ortag, 1995, S. 79). Doch nicht nur religiöse Motive waren die Ursache der Judenpogrome. Der Antijudaismus wurde durch die weltlichen und geistlichen Eliten dieser Zeit gezielt als Ventil benutzt, um insbesondere den unteren Schichten eine für Staat oder Kirche ungefährliche Möglichkeit zu geben, die aus gesellschaftlichen Missständen und Schicksalsschlägen wie Hungersnöte oder Pestwellen resultierenden Unzufriedenheit auszuleben. Bergmann (2002, S. 12) sieht in der „ökonomischen Spezialisierung, die ihnen den Vorwurf des Wuchers eintrug und sie zu lohnenden Opfern von politischen Konflikten machte“ einen weiteren Hintergrund der Übergriffe gegen Juden. 3 Da sie in der christlichen Tradition seit Jahrhunderten als das Fremde, das Böse schlechthin identifiziert wurden, war es nicht schwierig, geeignete Vorwände für Gewalttaten zu finden. Dahmer (1993, S. 80) schreibt hierzu:
Der Ablauf dieser judophoben Aktionen, ihre „Anlässe“ und „Rechtfertigungen“, die gewöhnlich der Gru-
selkammer christlichen Aberglaubens entnommen waren, ehe sie im vergangenen Jahrhundert rassistisch
überformt wurden, sind von erschreckender Gleichförmigkeit.
Doch welche Rechtfertigungen lassen sich finden, die, da von „erschreckender Gleichförmigkeit“, so gehaltvoll sein müssten, dass sie die Jahrhunderte überdauern konnten? Neben den neutestamentarisch niedergeschriebenen Beschuldigungen des Christusmordes und der Stigmatisierung als Teufelssöhne durch den Klerus lassen sich zwei weitere religiös motivierte Anschuldigungen anführen: Der Hostienfrevel, also die Zerstörung oder Durchstechung der Hostie, und die Ritualmord-Legende. Die Hostienschändung kam im christlichen Verständnis der nochmaligen Ermordung Jesu durch die Juden gleich, da sich bei der Eucharistie Brot und Wein in Leib und Blut Christi umwandeln. Die Legende vom Ritualmord an Christenknaben
15; Joh 8, 37-47 und 1 Thess 2, 15). Aber, insbesondere die Paulusbriefe sind widersprüchlich (bspw. Die Bibel,
Röm 11,1-32).
3 Der jüdische Geldverleiher des Hochmittelalters ist hinsichtlich seiner ökonomischen und sozialen Stellung
nicht vergleichbar mit dem (jüdischen) Kreditgeber späterer Epochen.
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zur Osterzeit mit dem Zwecke, diese zu kreuzigen oder zu schlachten, um deren Blut zu konsumieren, war ein sehr mächtiges Werkzeug der Judenfeinde. 4 „Fälle“ von Ritualmorden lösten massive Judenpogrome aus. 5 Die Pestwellen des 14. Jahrhunderts schufen eine eher weltliche Variante der Anschuldigungen: Angebliche Brunnenvergiftungen durch Juden ziele auf die Vernichtung der Christen des Landes. Sämtliche jüdischen Gemeinden waren im Anschluss an die Vergiftungsbeschuldigungen Drangsalierungen, Mord und Vertreibung ausgesetzt.
Nur sehr wenigen jüdischen Händlern und Kaufleuten gelang im späten Mittelalter bzw. zur Reformationszeit der Aufstieg zu Lieferanten der Fürstenhöfe. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung lebte weiterhin eher schlecht als recht vom Hausier- und Trödel-handel bzw. von der Pfandleihe am Rande der Gesellschaft.
Mit dem Ende des 30jährigen Krieges und dem Beginn der kapitalistischen Entwicklung ver-loren Handel und Kreditgeschäfte ihren anrüchigen Charakter. Den vormals gesellschaftlich ausgesonderten (zumeist jüdischen) Geldverleihern war es möglich, aufgrund der ansteigenden Nachfrage an Kapital, Vermögen zu schaffen. Ähnliches trifft auch auf die Hausier- und Trödelhändler zu.
Freitag (2001, S. 126) sieht in der überdurchschnittlichen, religiös tradierten Bildung eine weitere Komponente des Erfolges jüdischer Kaufleute. So
spielte auch eine Rolle, dass Bildung, die Vermittlung von Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen […]
bei den Juden bereits viele Jahrhunderte vorher eine viel wichtigere Rolle als bei den christlichen Mehr-
heitsgesellschaften gespielt hat.
Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten: Der Aufstieg der jüdischen Kaufleute ließ Konkurrenzen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Händlern entstehen und gebar ein weiteres antijüdisches Vorurteil, das, des jüdischen Kaufmanns, dessen trickreiches, unredliches und geldgieriges Geschäftsgebaren Ursprung des ökonomischen Erfolges war. 6
Dennoch, obwohl nur zögerlich und von Rückschlägen begleitet, kann das 17. und 18. Jahr-hundert als Zeitalter der Aufklärung und der Französischen Revolution als entscheidender Wendepunkt für die jüdische Geschichte verstanden werden. Die rechtliche Stellung der jüdi-
4 DieBoshaftigkeit dieser Beschuldigung wird schon dadurch deutlich, dass Juden jeglicher Genuss von Blut
durch ihre Religion untersagt ist.
5 Bemerkenswert ist, dass es selbst im 19. und im frühen 20. Jahrhundert noch zu Vorwürfen dieser Art kam.
6 Der Stereotyp des geldgierigen, raffsüchtigen und auf unlautere Weise zu wirtschaftlichen Erfolg gekommenen
Juden hat sich, wie später noch gezeigt wird, bis in das 20. Jahrhundert hinein gehalten.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
schen Bevölkerung besserte sich erheblich, allmählich konnten die Juden am gesellschaftlichen Leben wieder teilhaben, vornehmlich wohl auch deshalb, weil sie wichtige Funktionen erfüllten. Hinweise hierfür finden sich in der von Friedrich II. vorgenommenen Klassifizierung der Juden nach ihrer ökonomischen Nützlichkeit.
Nur ein Jahrhundert später kam es in Verbindung mit dem überschäumenden Nationalismus der deutschen Nationalbewegung zu erneuten, massiven und flächendeckenden Ausschreitungen (Hep-Hep-Pogrome) gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Größen des deutschen Geistes, wie Fichte und von Kleist, Romantiker wie Arndt und Brentano oder Turnvater Jahn bereiteten den Nährboden für eine der verabscheuungswürdigsten Formen der Judenfeindschaft - die rassisch-biologisch begründete. 7
Trotz der immer wiederkehrenden Anfeindungen und des gefährlichen, rassisch fundierten Bodensatzes antijüdischer Agitation waren die Integrationsbestrebungen der jüdischen Bevölkerung aber durchaus erfolgreich. Juden sahen sich als Teil des deutschen Vaterlandes, der zeitgeistige Patriotismus, das staatsbürgerliche Bewusstsein und Wunsch nach der Herstellung der deutschen Einheit unterschied sich nicht von der politischen Denkweise der christlichen Bevölkerung. Insbesondere nach 1848 trugen Parlamentarier jüdischer Herkunft wesentlich zur politischen Entwicklung und Gestaltung des deutschen Kaiserreichs bei.
II.1.2. Der moderne Antisemitismus
Nur wenige Jahre nach der Reichsgründung kam es zur Krise der deutschen Wirtschaft, die in der Geschichte auch als „Gründerkrach“ einging. In dieser Phase der wirtschaftlichen Depression erschienen reihenweise antisemitische Artikel, die das Judenbild vieler Deutscher beeinflussten, unter anderem in der damals sehr populären Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“. Heid (2000, S.40) zitiert aus einer Ausgabe von 1876 den konservativen Journalisten Glagau:
Die ganze Weltgeschichte kennt kein zweites Beispiel, dass ein heimatloses Volk, eine physisch wie psy-chisch entschieden degenerierte Rasse bloß durch List und Schlauheit, durch Wucher und Schacher über
den Erdkreis gebietet!
7 Heid (2000, S. 24) nimmt u. a. Bezug zu den antisemitischen Äußerungen Fichtes und schreibt dazu wie folgt:
„Fichte lehnte die Emanzipation der Juden mit dem Hinweis auf die angeblich unausrottbare Verderbtheit des
jüdischen Charakters ab und schrieb ihnen […] kollektive und unveränderbare negative Eigenschaften zu.“
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Als Begründer der modernen antisemitischen Bewegung werden der protestantische Prediger Adolf Stoecker und der Historiker Heinrich von Treitschke angesehen. Ursprünglich wollte Stoecker mit Gründung seiner „Christlich-sozialen Arbeiterpartei“ der Arbeiterschaft eine parteipolitische Alternative zur Sozialdemokratie bieten, was ihm aufgrund seiner frühen Parteiprogrammatik aber misslang. Die in den 70er Jahren ausgelöste Debatte über die Stellung der Juden im deutschen Kaiserreich nutzte Stoecker aus und gebrauchte antisemitische Äußerungen zur politischen Agitation. Durch von Treitschke unterstützt, gelang eine Umbildung des „Radauantisemitismus“ zum verwissenschaftlichten „gutbürgerlichen Antisemitismus.“ Dazu Bergmann (2002, S. 45):
Das Neue des Antisemitismus lag in seinem Charakter als soziale und kulturelle Bewegung, in der Berufung
auf den Volkswillen, in der Rhetorik von der Befreiung des Judentums als Lösung aller Probleme und in der
Legitimation durch „wissenschaftliche“ Theorien und „historische“ Argumente. Mit der Verknüpfung nati-
onaler und christlicher Vorstellungen entwickelte sich der Antisemitismus zu einer allgemeinen Weltan-
schauung, die die Juden als „Symbol der Zeit“ (Theodor Barth) benutzte, das für die als bedrohlich erlebten
Züge der Modernität insgesamt stand […] Mit dieser Generalisierung der „Judenfrage“ wurden politische,
soziale und ökonomische Interessengegensätze aus ihrem Kontext gelöst und zu einem prinzipiellen Gegen-
satz von Deutsch-/Germanentum vs. Judentum gemacht.
Die besondere Brisanz der Umdeutung bestand also in der Universalität des modernen Antisemitismus. Damit wurde eine einfache und brauchbare Ideologie geschaffen, mittels derer man sämtliche ökonomische, politische und soziale Schwierigkeiten auf die seit Jahrhunderten ungeliebte jüdische Minderheit abwälzen konnte.
Die „Antisemitenliga“ um Willhelm Marr bildete einen spezifischen völkischen Antisemitismus aus und definierte die religiöse oder soziale „Judenfrage“ primär in eine „Rassenfrage“ um. Der Ansatz der „Antisemitenliga“ wird als Vorläufer des ideologischen Rassenantisemitismus angesehen, fand zunächst aber wenig Zustimmung in der Bevölkerung. Bis zur Jahrhundertwende gründeten sich zahlreiche antisemitische Vereine unterschiedlichster Couleur. Auch die deutsche Studentenschaft äußerte sich zunehmend antisemitischer. Beispielsweise übernahm der „Kyffhäuserverband“ judenfeindliche Inhalte in seine politische Programmatik und hat dadurch nicht unwesentlich zur antisemitischen Prägung der nachwachsenden geistigen Elite des Kaiserreichs beigetragen.
Die Nöte der Bevölkerung während und nach dem ersten Weltkrieg gaben den antisemitischen Agitatoren weitere Nahrung. Schuld an den gesellschaftlichen Veränderungen, an der
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Kriegsniederlage waren für weite Teile der Gesellschaft die Juden, obwohl diese ebenso an der Front kämpften und Entbehrungen erleiden mussten.
Die rechtsextremen Organisationen der Weimarer Republik bedienten sich einer gewaltigen rassisch-antisemitischen Propaganda. In zeitlich kurzer Folge erschienen Unmengen Handzettel, Flugblätter, Broschüren und Bücher mit antisemitischen Inhalten. 8 Waren in den letzten Jahrzehnten judenfeindliche Aktionen in der Hauptsache auf Wort und Schrift beschränkt, kam es in den 20er Jahren zu gewalttätigen Handlungen gegen Juden, vornehmlich durch Mitglieder der NSDAP und Anhänger der im „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“ organisierten antisemitischen Verbände. 9
Mit der Wahl Hitlers zum Reichskanzler wurden endgültig alle Hoffnungen der Juden zunichte gemacht, dass die demokratische Weimarer Republik die verbreiteten antijüdischen Ressentiments eindämmen und die Integrationsbestrebungen der jüdischen Bevölkerung unterstützen könne.
Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 und dem Aufstieg der NSDAP zur Regierungspartei wurde das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Judentums aufgeschlagen. Hitlers „Antisemitismus der Vernunft“, ein pseudowissenschaftliches Konglomerat aus Sozialdarwinismus, Rassenutopie und radikaler Elemente des rassisch-völkischen Antisemitismus wurde zum Heilmittel der innenpolitischen Schwierigkeiten Deutschlands verklärt und zur Staatsdoktrin erhoben. Nicht mehr allein Diskriminierung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung, sondern die Entfernung der Juden aus der Gesellschaft war der Zweck antisemitischer Propaganda.
In den dreißiger Jahren wurden zahlreiche administrative Verordnungen gegen Juden erlassen. Mit den „Nürnberger Gesetzen“ wurden ihnen wesentliche Bürgerrechte aberkannt, weitere besonders gehässige Regelungen, bspw. die Eintragung von Zwangsvornamen in den Personaldokumenten folgten. Massenpogrome, wie die „Reichskristallnacht“ 1938, veranlassten tausende von Juden, das Land zu verlassen.
8 Als bekannteste Hetzschrift dieser Zeit können wohl „ Die Protokolle der Weisen von Zion“ angesehen werden,
eine auf Fälschungen basierte Veröffentlichung der zaristischen Ochrana, dessen Essenz in der Erkenntnis liegt,
dass das „Weltjudentum“ hinter der Weltwirtschaftskrise stehe. Inhaltlich behandelten die Handzettel und Bro-
schüren der NSDAP und des DTSB primär die vermeintlichen physiologischen und habituellen Besonderheiten
der Juden.
9 Obwohl der Antisemitismus in den zwanziger Jahren stark verbreitet war, wird dennoch die Ansicht vertreten,
dass die Politik der Weimarer Republik, insbesondere in ihrer späten Phase, der Emanzipation und Integration
der jüdischen Bevölkerung dienlich war.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Mit der Wannsee-Konferenz und der anschließenden Massendeportation begann die letzte Phase der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik, die in der systematischen, millionenfachen Ermordung der Juden endete.
An dieser Stelle sei eine Abkehr von der vorgesehenen Gliederung gestattet. Die Frage, die sich bei der historischen Analyse des nationalsozialistischen Antisemitismus immer wieder stellt, ist: Wie konnte die Shoa geschehen? Wie war es möglich, dass „ganz normale Deutsche“ zu Bestien mutierten? Ist es denkbar, dass sich das „Volk der Dichter und Denker“ zu Hitlers „willfährigen Vollstreckern“ gleichschalten lies? Hat keiner etwas gewusst oder jeder nur etwas geahnt, vielleicht einfach nur geschwiegen?
Nun, wir kennen verschiedene historische Quellen der Judenfeindschaft und des Antisemitismus, die psychologische Vorurteilsforschung verfügt über verschiedene Erklärungsansätze, auf die später noch genauer eingegangen wird. Dennoch, die Unfassbarkeit des Geschehenen bleibt im Kern bestehen, erschwert die Aufarbeitung und begünstigt die Verdrängung, Relativierung oder Verleugnung der Schuldfrage.
II.1.3. Antisemitismus seit 1945
Die Stunde Null. Mit der Niederlage des Hitlerregimes wurde deren Ideologie die Legitimation entzogen, damit spielte auch der Antisemitismus in der Öffentlichkeit keine Rolle mehr. Die Alliierten unternahmen, zumindest in den ersten Nachkriegsjahren, große Anstrengungen der Entnazifizierung und Demokratisierung Deutschlands. Der Bevölkerung wurde unmissverständlich klar gemacht, dass rassistische und antisemitische Politik nicht mehr im Nach-kriegsdeutschland möglich ist.
War die deutsche Bevölkerung, beschämt durch die Konfrontation mit dem Massenmord der Nationalsozialisten, im ersten Nachkriegsjahr den gegenüber Juden eher freundlich eingestellt, lebten nur wenig später antisemitische Ressentiments wieder auf. Als Grundlage hierfür werden primär die Konkurrenz mit den jüdischen DP’s um die knappen Ressourcen von Nahrungsmitteln und Wohnraum, aber auch Ängste vor Restitutionsansprüchen angesehen. 10
10 Als DP’s („displaced persons“) bezeichnete man Flüchtlinge, die während des 3. Reiches in Arbeits- und Ver-
nichtungslager verschleppt wurden und nach dem Krieg wieder in ihre Heimat bzw. nach Deutschland zurück-
kamen.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Auch waren die seit Jahrzehnten verfestigten antijüdischen Vorurteile in der Bevölkerung trotz der Umerziehungsbemühungen durch die Alliierten nicht ohne weiteres „aus den Köpfen zu löschen“.
Die Stabilisierung und der erfolgreiche Wiederaufbau Deutschlands, die Einführung rechtsstaatlicher und demokratischer Prinzipien in beiden deutschen Staaten trugen zum Rückgang des Antisemitismus bei. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass judenfeindliche Einstellungen immer noch auf einem vergleichsweise hohen Niveau fortlebten, in der Bundesrepublik kam es z.B. 1959/60 zu einer Welle antisemitischer Schmierereien. Im Bemühen, die nationalsozialistische Vergangenheit zu bewältigen, wurden in der Bundesrepublik die Beteiligung und die moralische Mitschuld der Deutschen an der Shoa, wie auch die Frage der Wiedergutmachungszahlungen für das den Juden zugefügte Leid öffentlich und auf parlamentarischer Ebene thematisiert. In Konsequenz verabschiedete die Bundesregierung mehrere Gesetze, die die Entschädigungsleistungen regelten. 11 Weite Teile der Bevölkerung waren mit diesen Zahlungen jedoch nicht einverstanden, einerseits aus ökonomischen Motiven, andererseits waren sie nicht bereit das Schulderbe der Nationalsozialisten anzutreten. Dies ist insofern bemerkenswert, da die Vorwürfe der viel zu hohen Entschädigung und das Bild des auf Deutschlands Kosten lebenden (israelischen) Juden noch in den heutigen antisemitischen Überzeugungen von zentraler Bedeutung sind.
Die beiden deutschen Nachfolgestaaten vertraten aufgrund unterschiedlicher politischer Grundausrichtungen und Bündniszugehörigkeiten divergente Einstellungen zum Staate Israel. Während die bundesrepublikanische Haltung betont israelfreundlich war, formierte sich in der Deutschen Demokratischen Republik eine staatlich propagierte kritisch-delegitimierende Einstellung zum Staate Israel, die zumindest in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten antisemitisch unterfüttert wurde. Inwieweit man den Antizionismus der späteren DDR als latente Form des Antisemitismus auffassen kann, ist historisch strittig und wird auch heute noch kontrovers diskutiert (Mertens, 1995; dagegen: Herzog, 1999).
Der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 spaltete die westdeutsche Bevölkerung hinsichtlich ihrer politischen Stellung zu Israel. Auf der einen Seite bewunderte die Mehrheit der Deutschen die erreichte enorme Aufbauleistung und den Kampf eines Davids gegen den Goliath, im Sinne des kleinen Israels gegen die arabische nachbarstaatliche Übermacht. Die politische Linke
11 In diesem Zusammenhang ist interessant, dass selbst führende Politiker des Nachkriegsdeutschlands eine Ent-
schädigungszahlung zwar akzeptierten und unterstützten, die Schuldfrage der Deutschen aber sehr vorsichtig
behandelten (siehe bspw. die Rede Konrad Adenauers im Bundestag vom 27.09.1951, url:
http://www.jerusalem-schalom.de/konrad.htm, [16.09.2003].
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
aber betrachtete andererseits die kapitalistische Entwicklung bzw. die israelische Innen- und Außenpolitik zunehmend skeptisch und übernahm später antizionistische Positionen. Die linke Radikale vertrat einen Antizionismus auch mit antisemitischen Inhalten, derart, dass den Juden faschistoide Praktiken im Umgang mit den Palästinensern unterstellt wurden (vgl. Haury, 1992, S. 130f.).
Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss der 68er Studentenbewegung auf das politische Klima dieser Zeit, da sie die nur zögerliche Aufarbeitung der Nazivergangenheit nochmals thematisierten, damit die Schuldfrage den Vätern und Großvätern erneut stellten. Freytag (2000, S. 56) zur Bedeutung dieses Diskurses:
Mögen manche Vorwürfe der 68er auch eher emotional engagiert denn theoretisch fundiert gewesen sein, so
bleibt ihnen dennoch der Verdienst, die Beschäftigung mit dem alltäglichen Faschismus und Antisemitis-
mus der „kleinen Leute“ erstmals einer breiten gesellschaftlichen Diskussion zugeführt zu haben.
Waren die siebziger Jahre im Wesentlichen frei von antisemitischen Vorfällen, lösten die neu gegründeten rechtsextremen Organisationen bis in die heutige Zeit hinein heftige Diskussionen hinsichtlich der Asyl- und Ausländerpolitik aus. Im Zuge dieser xenophoben Propaganda häuften sich ausländerfeindliche und antisemitische Straftaten. Neben der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole, der Schändung jüdischer Friedhöfe und antisemitischer Schmierereien, dem Propagieren revisionistischer Ansichten, wie der Auschwitzlüge, kam es in den achtziger und neunziger Jahren zu massiven gewalttätigen Ausschreitungen und Brandanschlägen, vornehmlich gegen Asylbewerber und Ausländer. Verbale Entgleisungen deutscher Politiker und antisemitische Äußerungen von in der Öffentlichkeit stehenden Personen sind sicherlich noch in Erinnerung.
Inhaltlich ist der Antisemitismus unserer Zeit dem der vergangenen drei Jahrzehnte recht ähnlich, bevorzugt wurden allerdings einzelne, dem Zentralrat der Juden angehörende Personen verbal angegriffen, bedroht und beleidigt. Das Bundesministerium des Innern (BMI) präsentierte im Verfassungsschutzbericht 2002 beispielhafte Inhalte moderner antisemitischer Agitation:
Die NPD verbreitete weiterhin antisemitische Propaganda […] In der Juli-Ausgabe der .Deutschen Stimme.
hetzte das Redaktionsmitglied Waldemar Maier […] gegen den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in
Deutschland, dem er vorwarf, sich bewusst als .Ärgernis für nationalbewusste Deutsche. zu inszenieren und
dabei selbst den Antisemitismus - oder das, was er dafür hält zu provozieren. (BMI, 2003, S. 63)
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Die DVU zeigt […] einen für Rechtsextremisten typischen Antisemitismus. […] Sie suggerierten, das deut-sche Volk werde besonders durch die Juden daran gehindert, einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit zu ziehen […]. In den Beiträgen wurde eine Überpräsenz von Personen jüdischen Glaubens
oder jüdischer Abstammung in Politik, Wirtschaft und Medien behauptet, jüdische Organisationen diskredi-
tiert, deutsche Wiedergutmachungsleistungen verurteilt und Vorgänge in Israel und Palästina polemisch
kommentiert. (BMI, 2003, S. 77)
Anhand dieser Beispiele ist ersichtlich, dass auch der heutige Antisemitismus - wurzelnd in der Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Hinterlassenschaften - in seinen Inhalten die Schlussstrichdebatte, die angebliche jüdische Unterwanderung von Politik, Wirtschaft bzw. Medien und die Entschädigungszahlungen thematisiert, aber verstärkt eine gezielte personenspezifische Täter-Opfer-Umkehr vornimmt. Die Umkehr basiert auf der Unterstellung, dass diejenigen, die an die Vergangenheit erinnern, dies zum Zwecke der Instrumentalisierung missbrauchen, also gegen Deutschland einsetzen. Damit werden die (jüdischen) Erinnerer zu Beschuldigten und die Relativierer sehen sich als Opfer. Diese Argumentationsstrategie verfolgt ein politisches Ziel: Für die Verbreitung nationalistischen Gedankengutes ist eine möglichst positive Darstellung der deutschen Historie notwendig, deshalb sollen die NS-Verbrechen aus dem öffentlichen Bewusstsein abgedrängt werden.
II.2. Definition des Antisemitismus
Bisher wurden die historischen Hintergründe des Antisemitismus besprochen, eine Definition steht aber noch aus. Zunächst eine populärwissenschaftliche begriffliche Bestimmung aus dem Brockhaus (1996, S. 676):
Antisemitismus […] bezeichnet sowohl die Abneigung oder Feindseligkeit gegen Juden als auch (nationa-
list.) Bewegungen mit ausgeprägten judenfeindl. Tendenzen; heute v. a. als Sammelbegriff zur Kennzeich-nung unterschiedlich motivierter individueller und kollektiver antijüd. Einstellungen und Handlungen ver-
wendet. Von dem Publizisten Wilhelm Marr […] geprägt und gebraucht.
Inhaltlich zusammengefasst sehen die Antisemiten demnach in den Juden eine Minderheit, die, unfähig zur nationalen und kulturellen Einbürgerung, moralisch in ihrem Wesen minderwertig und daher für das Volk gefährlich, gesellschaftlich auszugrenzen oder zu bekämpfen seien. Viele Antisemitismusdefinitionen, so beklagt Silbermann (1982, S. 12f.), bewegen sich auf dieser groben Ebene der Begriffserklärung - für eine soziologisch-psychologische Herangehensweise sind sie zu ungenau.
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Der Terminus selbst knüpft sprach- und sachlogisch an den Begriff Semitismus an und basiert auf der alttestamentarischen Völkertafel (Die Bibel, Ms 1, 10). Als Semiten werden heterogene Völkergruppen (u. a. Elamiter, Assyrer, Babylonier und Aramäer) bezeichnet, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass ihre Schrift ohne Vokalbezeichnung auskommt. Da die oben genannten Völker keine geschlossene Gruppe im Sinne der Völkerkunde bilden, ist der Begriff ethnographisch ungeeignet. In der Literatur wird gern darauf hingewiesen, dass auch Araber Semiten sind und daraus folgend der Begriff Antisemitismus im Sinne der Judenfeindschaft eigentlich unsinnig ist.
Hinsichtlich der Wortschöpfung selbst verweisen die Quellen fälschlicherweise zumeist auf Wilhelm Marr, einem Ende des neunzehnten Jahrhunderts lebenden antisemitischen Agitator und Publizisten. Marr wird im Biographisch-Bibliographischem Kirchenlexikon (1993) als ehrgeizig und geltungssüchtig, mit einer wechselvollen ideologischen Entwicklung beschrieben. Als gesichert gilt, dass er den Antisemitismus um 1879 als politisches Schlagwort einführte. Dennoch wurde der Ausdruck bereits 1860 von Moritz Steinschneider, einem Orientalisten und hebräischen Bibliographen, verwandt. 12
Nach dem sozialpsychologischen Verständnis basiert der Antisemitismus auf Vorurteilen und rassistischen Einstellungen. 13 Vorurteile werden in der sozialpsychologischen Forschung nach Zick (1997, S. 49) wie folgt definiert:
Vorurteile […] sind individuelle Einstellungen, Affekte, Verhaltensweisen etc., die ein Individuum auf der
Basis seiner Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen (Ingroup) gegenüber anderen sozialen
14 (meist ethnischen) Minderheiten äußert.
Zick setzt bei Vorurteilen also einen Schwerpunkt auf Prozesse der „Ingroup-Identifikation und der Outgroup-Abwertung“ die von ihm als „die wesentlichen (individuellen) Mechanismen zur Ausbildung und/oder Aufrecherhaltung dieser Phänomene“ angesehen werden (Zick, 1997, S. 49).
Diese Definition erscheint mir im Kontext der modernen Antisemitismusforschung als noch zu allgemein. Differenzierter und deshalb für vorliegende Arbeit geeigneter ist die begriffli-
12 Steinschneider(1860) bezieht sich auf einen Artikel von Ernest Renan, einem nach 1945 umstrittenen Religi-
onswissenschaftler und Orientalisten und kritisiert dessen „antisemitischen Vorurtheile.“ Renans Antisemitismus
ist aber nicht explizit judenfeindlich im Sinne von Marr, sondern drückt sich in einer generellen Feindseligkeit
gegenüber den Semiten aus (vgl. url: http://www.phdn.org/antisem/antisemitismelemot.html, [18.09.2003].
13 Silbermann (1982, S.72) zufolge basiert der Antisemitismus hauptsächlich auf „tradierten antisemitischen
Einstellungsinhalten.“ Diese Einstellungsinhalte einsprechen im Silbermannschen Sinne Vorurteilen.
14 Zu beachten ist, dass Zick hier eine ansatzunspezifische, allgemeine Definition von Vorurteilen vorstellt, er
spricht von einer Arbeitsdefinition (vgl. Zick, 1997, S.49).
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che Bestimmung von Bergmann und Erb: In ihrem Verständnis sind (negative) Vorurteile zunächst gegen Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit und Gleichheit verstoßende Einstellungen. Letztere betrachten die Autoren
als Bestandteil des Wertesystems und des kollektiven Wissens einer Gruppe, die im Sozialisationsprozess
gelernt werden. Diese Einstellungen bilden dann Schemata, die die soziale Wahrnehmung der Gruppenmit-glieder steuern. (Bergmann & Erb, 1991a, S. 113)
Die Mehrdimensionalität des Vorurteils wird für die Erfassung des Antisemitismus als wesentlich erachtet. Folglich ist die alleinige Betrachtung der kognitiven Dimension (Stereotype) nicht ausreichend, zusätzlich müssen affektive (emotionale Einstellungen, soziale Distanz) und konative (im Sinne von mit den Einstellungen verknüpfte Handlungs- und Diskriminierungsbereitschaften) Elemente des Vorurteils beachtet werden.
Die Besonderheiten des deutschen Nachkriegsantisemitismus erfordern weitere Überlegungen: Bergmann und Erb charakterisieren die emotionale und soziale Ablehnung der Juden als Teil eines generellen Einstellungskomplexes, der Fremdenfeindlichkeit. Von letzterer ist die Ausländerfeindlichkeit zu unterscheiden. Diese beruht auf gegenwärtigen sozialen Konflikten zwischen bestimmten Gruppen und wird von den Autoren deshalb situationsgebundener und weniger allgemein verstanden. Antisemitismus ist aber nicht nur eine Variante fremdenfeindlicher Einstellungen, sondern bildet zusätzlich einen eigenständigen Einstellungskomplex, der im Wesentlichen auf die Folgen nationalsozialistischer Verbrechen zurückzuführen ist. Bei der Erforschung des deutschen Nachkriegsantisemitismus müssen dementsprechend zwei Aspekte berücksichtigt werden: Durch den spezifischen historischen und gesellschaftlichen Kontext ist Antisemitismus einerseits ein als singulär zu betrachtendes Diskriminierungsphänomen zu verstehen, andererseits ist er aber auch als Dimension der Fremdenfeindlichkeit einzuordnen. Damit erklärt sich die Relevanz der weiter unten beschriebenen Vorurteilstheorien, es wird aber deutlich, dass bei der Analyse antisemitischer Einstellungen deren soziale Gegebenheiten (z.B. durch öffentliche Tabuisierung entstandene Kommunikationslatenz) mit eingehen müssen.
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Abbildung 1: Dimensionen des Rechtsextremismus (nach Neumann & Frindte, 2001).
Andere Gelehrte sehen den Antisemitismus der heutigen Zeit inhaltlich als Dimension des Rechtsextremismus und verstehen ihn damit als ein Grundelement der Ungleichwertigkeitsideologien in Verbindung mit Ausgrenzungstendenzen (Heitmeyer et al., 1992; Benz, 1994; Frindte et al. (2001) Vernooij, 2001). 15 Dies widerspricht nicht der Sichtweise von Bergmann und Erb: Das Modell des Rechtsextremismus, als Konglomerat aus Ungleichwertigkeitsideologien und Gewaltbereitschaft, kann deren Antisemitismusdefinition leicht integrieren. Abbildung 1 verdeutlicht die postulierte Struktur des Rechtsextremismus.
Als Arbeitsdefinition soll in dieser Arbeit die Auslegung von Frindte, Funke und Jakob verwendet werden. Die Autoren beschreiben Antisemitismus als
jene falschen Projektionen […] mit denen Nichtjuden die Juden als Juden zu diffamieren versuchen. Und
die falschen Projektionen funktionieren, weil sie sich auf einen Mythos stützen, dessen Entstehung- und
Wirkmechanismen […] als Rituale der Zivilisation […] so alt wie die Zivilisation selbst sind. (Frindte, Fun-ke & Jakob, 1999, S. 120)
In ihrem Verständnis entspricht der beschriebene Mythos sozialen Konstruktionen, also gesellschaftlich geteilten, tradierten sozialen Deutungsmustern, die sich primär auf die Existenz der Juden und ihre Geschichte stützen. Sekundäre soziale Konstruktionen schaffen neue oder aktualisierte Zerrbilder, Geschichten mit dem Zwecke, das Fremdartige und Bedrohliche „des Juden“ darzustellen, um sie zu Sündenböcken zu machen (vgl. Frindte et al.,1999a, S. 120).
15 Zur Diskussion um die inhaltliche Begrifflichkeit des Rechtsextremismus siehe auch Neumann und Frindte
(2001).
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Die Stärke dieser Definition liegt darin, dass sie die funktionellen Wandlungen des Antisemitismus berücksichtigt und damit auf der von Bergmann und Erb (1991a) vorgenommenen begrifflichen Bestimmung antisemitischer Einstellungen aufbauen kann.
II.3. Psychologische Erklärungsansätze negativer Vorurteile
Die sozialpsychologische Vorurteilsforschung hat zahlreiche Denkansätze zu Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus hervorgebracht. Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen, diese zu systematisieren und einzuordnen. Die Übersicht von Zick (1997) klassifiziert hunderte Theorien und Ansätze hierarchisch nach individuellen, sozialen, anthropologischen, phänomenverwandten, den öffentlichen Meinungsaustausch betreffenden und historischen Diskursbereichen.
Nachfolgend sollen ausgewählte Denktraditionen und deren Ansätze beispielsweise vorgestellt werden. Besondere Beachtung finden dabei die Autoritarismus-These (Altemeyer, 1981; 1988; Funke 1999; 2002a), die Soziale Dominanztheorie (Sidanius & Pratto, 1999), der Ansatz von Bergmann und Erb (1986; 1991a) und der Dreikomponentenansatz antisemitischer Einstellungen von Frindte et al. (1999a), da diese die theoretische Basis für die vorliegende Untersuchung bilden. Die hier verwandte Gliederung lehnt sich an die oben beschriebene Diskursklassifikation von Zick (1997) an.
II.3.1. Die klassische Vorurteilsforschung
Neben der Frustrations-Aggressions-Hypothese (Dollard et al., 1939), der daraus entwickelten Sündenbocktheorie (Berkowitz (1962), dem Dogmatismusansatz (Rokeach, 1954), der These der Relativen Deprivation (Runciman, 1966) und dem Realistic Group Conflict (Sherif et al., 1961) sei hier besonders auf die Theorie der Autoritären Persönlichkeit von Adorno et al. (1950) hingewiesen. Diese Theorien haben die Denkansätze der späteren Jahrzehnte nachhaltig geprägt und gelten als Standardtheorien der psychologischen Vorurteilsforschung. 16
16 Die Bezeichnung als klassisch rührt daher, dass diese Theorien die Forschung bis in die siebziger Jahre domi-
nierten und im Anschluss daran erweitert bzw. reformuliert wurden oder zur Entwicklung neuerer Theorien
anregten.
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Nachfolgend sollen die Theorie der Autoritären Persönlichkeit und deren Modifikationen durch Altemeyers Right-wing Authoritarianism (Altemeyer, 1981; 1988; 1996), die Frustrations-Aggressions-Hypothese und die These der Relativen Deprivation skizziert werden. 17
II.3.1.1. Die Theorie der Autoritären Persönlichkeit
Die Theorie der Autoritären Persönlichkeit (TAP) von Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson und Sanford (Adorno et al., 1950) hat wie kaum eine andere die psychologische Vorurteils-forschung beeinflusst. Besonders die Ansätze zur Genese des Autoritarismus basieren auf den Überlegungen der TAP (Altemeyer, 1981; 1988; auch Oesterreich, 1993).
Nach Zerschlagung des Nationalsozialismus fiel es schwer, die Ursachen der faschistischen Massenbewegung ausschließlich durch ökonomische und gesellschaftliche Bedingungen zu erklären. In Konsequenz suchte man nach innerpsychischen Prozessen, die die „faschistische Persönlichkeit“ determinieren und für die Ausbildung von Vorurteilen bedeutsam sind.
Ausgehend von bis in die dreißiger Jahre zurückreichenden Vorarbeiten und Projekten in den USA formulierten Adorno et al. Anfang der fünfziger Jahre ihre Thesen zur „Authoritarian Personality“. Ausgangspunkt für ihre Studien zur „autoritären Persönlichkeit“ ist die Annahme
that the political, economic, and social convictions of an individual often form a broad and coherent pattern,
as if bound together by a ‘mentality’ or ‘spirit’ and that this pattern is an expression of deep-lying trends in
his personality. (Adorno et al., 1950; zit. nach Ganter, 1997, S. 17)
Im Sinne der Autoren sind politische und gesellschaftliche Überzeugungen des Individuums demnach Ausdruck einer zugrunde liegenden psychischen Struktur. An psychoanalytische Vorstellungen anknüpfend, wird diese als Ergebnis bestimmter Konstellationen zwischen Es, Ich und Über-Ich betrachtet, deren Entstehung primär auf elterliche Erziehungspraktiken in der frühen Kindheit zurückzuführen ist. Die autoritäre (männliche) Charakterstruktur resultiert, stark vereinfacht, aus der sado-masochistischen Auflösung des ödipalen Komplexes. In
17 Auf eine Darstellung des Dogmatismus und des Realistic-Group-Conflict (RCT) wird verzichtet, da meines
Erachtens der Dogmatismusansatz erhebliche konzeptionell-theoretische Unzulänglichkeiten aufweist und der
RCT als Vorläufer der modernen europäischen Vorurteilsforschung gilt, die im nächsten Kapitel gesondert be-
handelt wird. Die Beschreibung der oben aufgeführten Theorien erfolgt in chronologischer Abfolge, mit dem
Ziel die Entwicklungslinie der Forschung aufzuzeigen.
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deren Folge entwickelt sich eine „Ich-Schwache-Persönlichkeit“, die einerseits dazu neigt, sich sozialen Autoritäten zu unterwerfen und zum anderen durch aggressives, feindseliges Verhalten gegenüber Fremdgruppen gekennzeichnet ist (vgl. Ganter, 1997, S 12).
Um diese Grundannahmen empirisch zu untermauern, entwickelten Adorno et al. (1950) die Faschismus-Skale. 18 Ihre neun Subskalen verdeutlichen, was die Autoren unter einer autoritären Persönlichkeit verstehen, nämlich eine Person, die starr an konventionellen bürgerlichen Wertvorstellungen festhält (Konventionalismus), sich Autoritäten bereitwillig und unkritisch unterordnet (autoritäre Unterwürfigkeit) und dazu tendiert, Werteverletzer abzulehnen, zu verurteilen oder zu bestrafen (autoritäre Aggression). Für die spätere Autoritarismusforschung weniger relevante Subdimensionen erfassen anti-intrazeptive, abergläubige, vorurteilsvolle, macht-orientierte, destruktive, übertrieben sexuell-orientierte und projektive Persönlichkeitsmerkmale.
Die empirische Auswertung des umfangreichen Datenmaterials bestätigten zunächst die Validität der F-Skale und deren Zusammenhang mit den Ethnozentrismus- und Konventionalismusskalen. Aber, die theoretischen Konzeptionen der TAP, wie auch die durch Adorno et al. gestalteten Untersuchungssettings wurden massiv kritisiert. Entsprechend lang ist die Liste der aufgeführten Mängel. Wesentliche Einwände richteten sich beispielsweise gegen den psychodynamischen Ursprung der autoritären Charakterbildung, die selektive Probandenauswahl, die niedrigen Item-Interkorrelationen und die durchweg positive Polung der Items (vgl. z.B. Ganter, 1997; Weiss, 1983). 19
Trotz aller Kritik haben Adorno et al. Pionierarbeit für die sozialpsychologische Forschung geleistet. Modifizierte Teile der F-Skale spielen in der aktuellen Autoritarismus- und Antise-mitismusforschung weiterhin eine wichtige Rolle.
II.3.1.2. Exkurs: Der Right-wing Autoritarianism
Die Forschungsarbeiten von Altemeyer (1981, 1988) knüpfen inhaltlich direkt an die TAP von Adorno et al. (1950) an und werden, auch wenn sie eigentlich nicht der klassischen Vor-
18 Ursprünglichwurden vier Skalen entwickelt um Ethnozentrismus, politisch-ökonomischen Konservativismus,
Antisemitismus (indirekt) und antidemokratisch-autoritäre Persönlichkeitsstrukturen zu messen. Die E-Skale, die
AS-Skale und die PEC-Skale hatten aber keinen nennenswerten Einfluss auf die spätere Forschung.
19 Eine ausführliche Darstellung der Kritik an der TAP findet sich bei Zick (1997, S. 69f.).
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urteilsforschung zuzuordnen sind, deshalb in diesem Kapitel als Exkurs besprochen. Diese Gliederungsfolge steht in Übereinstimmung zu Zick (1997). Die dort aufgestellte Diskursklassifikation sieht Altemeyers Autoritarismusforschung in Nachfolge zu den Arbeiten von Adorno et al. Eine Einordnung in einen eigenständigen/anderen Diskursbereich wird von Zick (1997) nicht vorgenommen.
Ausgehend von der Kritik an der TAP verzichtet Altemeyer auf psychodymamische Erklärungsansätze des Autoritarismus und greift für deren Entstehung Elemente der Sozial-Kognitiven Lerntheorie (Bandura, 1979) auf: Autoritäre Grundstrukturen formen sich demnach schon in der frühen Kindheit durch Beobachtung, Identifikation und Nachahmung von bzw. mit geeigneten, also als kompetent, sympathisch und vertrauenswürdig, eingeschätzten Modellen. Aggressive Verhaltensmuster realer Personen (Eltern, Peers), Spielfilm- und Comichelden werden folglich vorzugsweise von unsicheren Charakteren übernommen und verfestigen sich im Laufe der weiteren Entwicklung.
Die eigentliche autoritäre Persönlichkeit, unter anderem beeinflusst von individuellen Dispositionen, dem gesellschaftlichen Kontext und den Lebenserfahrungen, bildet sich aber erst im frühen Erwachsenenalter aus und kann sich im weiteren Lebensverlauf wandeln (Altemeyer, 1988; Oerter & Montada, 1995).
Altemeyer definiert den Right-wing Authoritarianism (RWA) als individuellen Faktor, als Persönlichkeitsvariable, „a ’trait’ if you like“ (Altemeyer, 1988, S. 3) der sich über drei Einstellungscluster manifestiert: Autoritäre Submissivität, autoritäre Aggressivität und Konventionalismus. 20 Offensichtlich ist die Nähe zur TAP, schon Adorno et al. (1950) formulierten diese drei Subdimensionen zur Kennzeichnung autoritärer Einstellungen. Inhaltlich werden sie von Altemeyer aber etwas anders interpretiert:
By ‘right-wing authoritarianism’ I mean the combination of the following three attitudinal clusters in a per-
son:
1. Authoritarian submission- a high degree of submission to the authorities who are perceived to be estab-
lished and legitimate in the society in which one lives.
20 Unter Right-wing Authoritarianism versteht Altemeyer den Autoritarismus des Establishments. Diese definito-
rische Eingrenzung gründet sich in der politisch motivierten Kontroverse einiger Gelehrter und Politiker der
McCarthy-Ära um das Vorhandensein und deren strukturelle (Un)ähnlichkeiten linker vs. rechter Autoritärer.
Altemeyer hat sich nach empirischen Prüfungen deutlich gegen die Existenz eines linken (kommunistischen)
Autoritarismus ausgesprochen Die Bezeichnung RWA trägt also eher der politischen Historie als einem dahinter
stehenden politisch-theoretischen Pendant - im Sinne eines LWA - Rechnung (Altemeyer, 1988; Hopf, 1997;
Stone & Smith, 1993).
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2. Authoritarian aggression - a general aggressiveness, directed against various persons, that is perceived to
be sanctioned by established authorities.
3. Conventionalism - a high degree of adherence to the social conventions that are perceived to be endorsed
by society and its established authorities. (Altemeyer, 1988, S. 2)
Im Unterschied zu den Vorstellungen von Adorno et al. (1950) richtet sich die autoritäre Aggression nicht ausschließlich gegen Fremdgruppen oder „soziale Abweichler“. Zum Ziel aggressiver Einstellungen/Handlungen kann im Verständnis Altemeyers zunächst jede (als sanktioniert wahrgenommene) Person werden, doch dienen abweichende Minderheiten bevorzugt als Aggressionsobjekte. Der Schlüssel dafür liegt in der Vorstellung Autoritärer, dass Feindseligkeiten gegenüber Opponenten im Sinne der Autoritäten sind und diese die Verteidigung konventioneller Werte billigen. Im Widerspruch dazu stehen Gewalttätigkeiten sanktionierende Gesetze moderner Gesellschaften, die offene aggressive Handlungen eindämmen.
[Authoritarian] aggression does not mean that the right-wing authoritarian will always act aggressively
when opportunities arise. […] There are also prominent legal and social prohibitions against aggression in
our culture. This is why the perception of authoritative sanction is important. Its disinhibits the aggressive
impulse. (Altemeyer, 1988, S.5)
Die bereitwillige Subordination unter Autoritäten funktioniert bei autoritären Charakteren keineswegs automatisch oder blind. Auch Autoritäre können vorsätzlich gegen Regeln verstoßen oder Gesetze verletzen. In diesem Zusammenhang steht vielmehr die Frage: Wie viel situativen Druck benötigen Menschen, um sich Autoritäten unterzuordnen, um sich konventionellen Normen anzupassen oder um - ihren Interessen gegensätzliche- Anweisungen - zu befolgen? Und genau darin, so wird von Altemeyer angenommen, unterscheiden sich autoritäre Persönlichkeiten von nicht autoritären:
Some persons need very little situational pressure to (say) submit to authority, while others often require
significantly more. (Altemeyer, 1988, S.3)
Doch welche Normen, welche sozialen Werte werden von Autoritären als so wichtig erachtet, dass sie verteidigungswürdig erscheinen? Zunächst erst einmal sind es die, die von den etablierten Autoritäten geprägt und anerkannt werden. 21 Dies schafft Sicherheit. Da sich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse in modernen Kulturen selten drastisch verändern, bleiben Normen im Wesentlichen über lange Zeit bestehen. Das bedeutet nicht, dass sie keinem Veränderungsprozess unterliegen, ein fundamentaler gesellschaftlicher Wertewandel findet jedoch immer über einen langen Zeitraum hinweg statt. Somit werden Normen und Werte über-
21 Beziehungsweisedie von autoritären Personen subjektiv als solche wahrgenommen werden.
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liefert und sind Teil sozialer Tradition. Altemeyer zufolge beharren Autoritäre auf diesen überlieferten, eben konventionellen, Grundsätzen wie bspw. patriarchalischen Familienstrukturen, religiösen Moralvorstellungen, bürgerlichen Umgangsformen und einem konservativen Politikverständnis:
There is a strong belief that ‘our customs and national heritage are the things that have made us great’ and
that everyone ought to be made to show respect for them […] The right-wing authoritarian’s conventional-
ism is a code of how people ought to act, not how they do. (Altemeyer, 1988, S. 6)
Ein detailliertes theoretisches Fundament wird von Altemeyer nicht bereitgestellt, vielmehr leitet sich sein Autoritarismusansatz aus der Empirie ab und erklärt sich über die Kovariation der drei oben genannten Einstellungscluster: Mittels umfangreicher Itemanalysen und zahlreichen anschließenden Validierungsstudien entwickelte Altemeyer eine 30 Items umfassende und hinsichtlich der Merkmalsrichtung ihrer Items ausbalancierten Skale zur Erfassung des RWA (vollständig bei Altemeyer, 1996).
Andere Dimensionen der F-Skale leisten nach Ansicht Altemeyers keinen wesentlichen Erklärungsbeitrag zur Entstehung des autoritären Charakters, da die in empirischen Studien gefundenen korrelativen Zusammenhänge mit der RWA-Skale nur gering waren und deshalb eine Hinzunahme weiterer Subskalen zu seinem Autoritarismuskonstrukt nicht rechtfertigten (vgl. z.B. Altemeyer, 1988, S. 12).
Trotz der sparsamen theoretischen Konzeptionen zur Entstehung des Autoritarismus gilt die RWA-Skale als „das Standardinstrument der modernen (quantitativen) Autoritarismusforschung“ (Funke, 2002a, S.50, Hervorhebung im Original). Christie (1991) zufolge ist die RWA-Skale das zurzeit beste zur Verfügung stehende Fragebogeninstrument zur Messung dessen, was die Autoren der „Autoritären Persönlichkeit“ suchten (vgl. Funke, 2002b, S. 2). Nach einer Vielzahl verschiedener Studien an mehr als 20000, vornehmlich studentischen, Versuchspersonen berichtet Altemeyer (1988; 1996) von sehr zufrieden stellenden Reliabilitäten der RWA-Skale. Die mit Cronbachs Alpha gemessene innere Konsistenz der 30 Items umfassenden Skale liegt nicht unter α =.80, in der Mehrzahl der Untersuchungen zwischen α = .85 und α = .90. In seiner Publikation „Enemies of freedom“ bezieht sich Altemeyer (1988, S. 14) auf Reliabilitätsanalysen der RWA-Skale anderer Gelehrter:
J. H. Duckitt […] sent me similar evidence of a .93 Alpha obtained for the 30-item scale […] Heaven
(1984) reported an Alpha of .81 […]. And finally, Ray (1985) reported an Alpha of .89.
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Im deutschsprachigen Raum ließen sich ähnliche Alpha-Werte für adaptierte RWA-Skalen finden (bspw. Schneider, 1997; Six, Wolfradt & Zick, 2001; Funke, 2002a).
Obwohl Altemeyer die Struktur des Right-wing Authoritarianism als gemeinsames Auftreten dreier Einstellungscluster definiert, beschreibt er die RWA-Skale als eindimensional:
I have a definite hypothesis about the factor structure of the RWA Scale, namely, that it is essentially
unidimensional” (Altemeyer, 1996, S. 53)
Altemeyer begründet die Eindimensionalität der Skale durch Ergebnisse zahlreicher Faktorenanalysen, in denen immer wieder eine bzw. zwei hoch korrelierende Komponenten extrahiert wurden. Die Zweifaktorlösung stellt die postulierte Unidimensionalität nach Ansicht des Autors jedoch nicht in Frage und ist vielmehr Resultat der Merkmalsrichtung der Items (Altemeyer, 1988; 1996; auch Tarr & Lorr, 1991; Petzel, et al., 1997). Für eine dreidimensionale Struktur spricht sich Funke (2002a) aus. Seinen Untersuchungen zufolge variieren die RWA-Facetten („autoritäre Aggression“, „autoritäre Submissivität“ und „Konventionalismus“) in Abhängigkeit des Untersuchungsgegenstandes in ihrer Aufklärungskraft. Die von ihm entwickelte, auf Altemeyers Messinstrument aufbauende und bezüglich der drei Subdimensionen ausbalancierte RWA 3 D-Skale, erwies sich als zufrieden stellend reliabel und ermöglicht eine differenziertere Betrachtung des Autoritarismus.
Einige demographische Variablen werden mit Autoritarismus in Verbindung gebracht: So sind bspw. hoch Autoritäre häufig gekennzeichnet durch ein niedrigeres Bildungsniveau und einen geringeren sozioökonomischen Status (Meloen et al., 1996; Lüscher, 1997; McCourt et al, 1999). Vielfach verweisen die Forschungsergebnisse auf Zusammenhänge zwischen dem Lebensalter und der Ausprägung autoritäre Einstellungen (z. B. Feather, 1993; McFarland & Adelson, 1996; Duriez & van Hiel, 2002). Strittig ist die in jüngster Zeit aufgestellte These der regionalen Unterschiedlichkeit autoritärer Einstellungsneigungen. So berichten bspw. Rippl und Seipel (1998) von höheren Autoritarismuswerten bei der ostdeutschen Bevölkerung, anderen Studien zufolge lassen sich aber nur sehr geringe, daher vernachlässigbare bzw. keine Unterschiede finden (Lederer et al., 1991; Oesterreich, 1993; Frindte, Funke & Jakob, 1997; Schmidt & Heyder, 2000).
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Zahlreiche Studien dokumentieren die Nähe des Autoritarismus zu persönlichkeitsrelevanten Merkmalen. 22 So stehen insbesondere die Subdimensionen des NEO-FFI Offenheit und Gewissenhaftigkeit in Korrelation mit dem RWA (Trapnell, 1994; Lippa & Arad, 1999; Butler, 2000; Heaven & Bucci, 2001). Funke (2002a) und Zachariae (2002) können diese Ergebnisse für deutsche Stichproben bestätigen: Offenheit korreliert moderat negativ, Gewissenhaftigkeit leicht positiv mit Autoritarismus.
Religiosität und Konservatismus werden gelegentlich in enge Beziehungen zu Autoritarismus gestellt. Untersuchungen auf korrelativer Basis zeigen starke Zusammenhänge (r= >.70) zwischen religiösen Fundamentalismus (Altemeyer, 1988; 1998) und RWA auf. Heaven und Connors (2001), Saucier (2000) und Altemeyer (1988) berichten von mittleren Korrelationen (r zwischen .25 und .51) bezüglich RWA und Religiosität. Funke (2002a) verweist auf aktuelle Untersuchungen von Altemeyer und Hunsberger (1992), Hunsberger (1996) bzw. Duck und Hunsberger (1999), in denen Beziehungen zwischen christlicher Religiosität und Konventionalismus als Facette des RWA gefunden wurden. Studien von Altemeyer (1988), Meloen et al (1996) und Lüscher (1997) zufolge sind autoritäre Personen religiöser als Nichtautoritäre. Eine Interpretation der Unterschiedlichkeit bietet Lüscher (1997, S.27):
Autoritäre Personen scheinen ein gewisses Bedürfnis nach strikten Regeln und Konventionen zu haben. Re-
ligion kann, muss aber nicht, eine Quelle von solchen Regeln sein. Dies ließe darauf schließen, dass autori-
täre Personen stärker religiös sind.
Die Abgrenzung des Autoritarismus zu Konservatismus fällt nicht leicht. Für Ray (1985) ist die RWA-Skale nur ein weiteres Instrument zur Messung des Letzteren. Altemeyer entgegnet, dass zwar eine Facette des RWA, der Konventionalismus, dem Konservatismus inhaltlich ähnelt, Autoritarismus aber zusätzlich durch Submissivität und Aggressivität gegenüber sanktionierten Gruppen gekennzeichnet ist - „hardly the same thing as conservatism“ (Altemeyer, 1988, S.8). Oesterreich (1996, S. 121) stellt in diesem Zusammenhang eine interessante Überlegung an:
Autoritäre Persönlichkeiten sind jedoch nicht notwendigerweise konservativ, wie dies oft unterstellt wird.
[…] Allerdings spricht […] einiges dafür, dass die konventionelle Orientierung häufig zugleich auch eine
konservative ist. Der Grund dafür ist, dass in der bestehenden Gesellschaftsordnung die Schutzfunktion ge-
sellschaftlich konservativer Kreise in der Regel größer ist, als die liberaler: Sie repräsentieren in stärkerem
Maße gesellschaftliche Macht.
22 Als geeignetes Erhebungsinstrument für den deutschen Sprachraum wird das Neo-Fünf-Faktoren Inventar
(NEO-FFI) von Borkenau & Ostendorf (1993) angesehen.
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Aufwendigen, auf dem lexikalischen Ansatz beruhenden faktoranalytischen Untersuchungen von Saucier (2000) folgend, laden Autoritarismus, Konservatismus und Religiosität auf einen gemeinsamen, als „Alphaism“ benannten Faktor. Die ersten beiden Skalen korrelieren mit einem r =.77 recht hoch miteinander. Dennoch grenzt Saucier Autoritarismus und Konservatismus voneinander ab: RWA ist demnach mehr politisch (im Sinne rechter politischer Ideologien), ethnozentristisch und militaristisch orientiert, währenddessen der Konservatismus eher mit religiösen Themen in Verbindung steht.
Es erscheint plausibel, dass die von Altemeyer beschriebenen „Feinde der Freiheit“ (mit ihrer Tendenz auf abweichende und als sanktioniert wahrgenommene Fremdgruppen bzw. Minderheiten feindselig zu reagieren) in besonderem Maße für fremdenfeindliche Einstellungen anfällig sind. Faktisch konstruierte schon die Berkeley-Gruppe ihre F-Skale mit dem Ziel, faschistische, antidemokratische Merkmale des autoritären Charakters empirisch zu erfassen. Der Zusammenhang zwischen Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit bzw. Minderheitendiskriminierung, Antisemitismus ist in der Literatur vielfach dokumentiert. So verweist Altemeyer (1988; 1998) auf substantielle Zusammenhänge zwischen RWA und, mittels der „ Manitoba Ethnocentrism Scale“ gemessenen, diskriminierenden Einstellungen gegenüber Arabern, Asiaten, bzw. Afroamerikanern. Von ihm durchgeführte Studien bestätigen außerdem moderate Beziehungen (r um .40) zwischen Antisemitismus und RWA. Frindte, Funke, Jakob und Carmil (1999) berichten nach regressionsanalytisch gestützten Auswertungen ihrer Jugendstudie von einer nicht unerheblichen prädiktiven Bedeutung des RWA für manifesten Antisemitismus (β =.38). Ein geringer, aber signifikanter Zusammenhang (r =.33) zwischen beiden Konstrukten wurde ebenfalls von Erös und Fábián (1994) an einer repräsentativen ungarischen Stichprobe ermittelt (vgl. Frindte, Carmil & Funke, 1999). Untersuchungen anderer Forscher kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Withley, 1999; McFarland und Adelson, 1996; Duriez und van Hiel, 2002; Lippa und Arad, 1999; Zachariae, 2002; wie auch Zakrisson und Löfstrand (2002) und van Hiel, Pandelaere und Duriez, (2003) können die vorurteilsvollen, rassistischen oder fremdenfeindlichen Wesenszüge Autoritärer beispielsweise belegen. Den von Six, Wolfradt und Zick (2001) durchgeführten multiplen Regressionsanalysen ist zu entnehmen, dass hoch ausgeprägte autoritäre Einstellungsmuster zur Vorhersage offener Formen der Fremdenfeindlichkeit dienlich sind (β =.27).
Funke (2002a) betont den unterschiedlichen Aufklärungswert der einzelnen Subdimensionen des RWA auf Ausländerfeindlichkeit. Die nach seiner Erhebung errechneten standardisierten Betagewichte verdeutlichen einen mittleren Effekt von autoritärer Aggressivität und Submis-
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sivität (β =.36 bzw. β =.29). Der Einfluss von Konventionalismus wird dagegen nicht signifikant.
Nach einer Interviewstudie an 2000 österreichischen Probanden resümiert Rathner (2001a):
Die Analyse der Ursachen von Fremdenfeindlichkeit ergab, dass Autoritarismus eindeutig als wichtigste
Ursache von Fremdenfeindlichkeit zu nennen ist. Es folgen Antisemitismus, höheres Alter der Befragten,
große persönliche Verunsicherung sowie die politische Selbsteinstufung „eher rechts bis rechts“.
II.3.1.3. Die Frustrations-Aggression-Hypothese
In ihrer allgemeinen Form besagt die Frustrations-Aggressions-Hypothese (FAH), dass Aggressionen grundsätzlich als Folgen von Frustrationen auftreten. Nach Dollard et al. (1939) ruft das alltägliche soziale Leben Frustration hervor, die leicht in Aggressionen übergehen können. Falls dem Subjekt die eigentlichen Verursacher der Frustrationen ungeeignet für aggressive Verhaltensweisen erscheinen oder unbekannt sind, kann die Aggression auf ein anderes Ziel (z.B. Mitgliedern von Minderheiten oder Außengruppen) mittels Verschiebung übertragen werden. Eine Rechtfertigung der Feindseligkeiten erfolgt über Beschuldigungen und Stereotypisierungen (vgl. Zick, 1997, S. 82f.).
Die Attraktivität der FAH liegt in ihrer Einfachheit, doch genau dies ist die Ursache dafür, dass sie als theoretische Basis für empirische Analysen komplexer Vorurteilsmuster nur sehr eingeschränkt geeignet ist. Die Grundannahme der Theorie, Frustration führt zwangsläufig zu Aggression, ist schon auf phänomenologischer Ebene falsifizierbar. Kritisch wurde weiterhin angemerkt, dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen innerhalb der FAH keine Berücksichtigung finden.
Aufgrund dieser Kritik erweiterte Berkowitz (1962) die FAH zur Frustrations-Aggressions-Theorie intergruppaler Prozesse, in der Literatur auch als Sündenbock-Theorie bekannt. Berkowitz spezifizierte die Eigenschaften der zur Aggressionsverschiebung geeigneten Zielgruppen und definierte diejenigen Affekte, die der Übertragung von aversiven Ereignissen auf die „Sündenböcke“ als Mediatoren dienlich sind. 23 Wesentlicher Bestandteil der Theorie ist
23 Geeignete Zielgruppen, -personen, Minderheiten und Außenstehende werden von Berkowitz als Sündenböcke
bezeichnet (Zick, 1997).
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die Annahme, dass bei der Analyse von intergruppalen Prozessen die intrapersonale Ebene einbezogen wird, damit Persönlichkeitsunterschiede die Projektion auf andere determinieren.
Vor dem Hintergrund dieser Arbeit ist Berkowitz’ Erklärung der theoretischen Annahmen am Beispiel des amerikanischen Antisemitismus von Interesse:
Der Antisemitismus [ist] in der Arbeiterschaft verbreitet, weil Arbeiter, die frustriert über ihre soziale Lage
sind, ihre Frustration auf Sündenböcke verschieben, welche ähnliche Eigenschaften wie die Frustrations-quelle aufweisen. Sind die Arbeitgeber die Quelle der Frustration, ist es für die Arbeiter kaum möglich, ge-gen diese ihre Aggressionen zu richten […]. Dann werden die Aggressionen verschoben, und zwar wahr-
scheinlich auf Juden, weil mit diesen Merkmale verbunden werden, die sie den Arbeitgebern ähnlich macht.
(Berkowitz, 1962, zit. nach Zick, 1997, S. 85)
Die Erklärung von Vorurteilen auf einer personspezifischen, dispositionellen Ebene und die Berücksichtigung situationaler Einflüsse zwischen den Vorurteilsträgern, frustrierender Erlebnisse und den Sündenböcken machen diesen Ansatz durchaus interessant. Er kann aber nicht erklären, wie individuelle Aggression in kollektive Aggression transformiert wird. Er zeigt weiterhin nicht befriedigend auf, weshalb ganz bestimmte und möglicherweise in der Öffentlichkeit gar nicht präsente Minderheiten Opfer von Vorurteilen sind.
II.3.1.4. Die Theorie der Relativen Deprivation
In der psychologischen Forschung existieren eine Reihe von Ansätzen zur Erklärung von Vorurteilen, die die (subjektiven) Wahrnehmungen der sozialen Benachteiligung bzw. eines empfundenen Mangels gegenüber einer Minderheit als Vergleichsgruppe thematisieren. Die Formen der Deprivation werden in den Theorien jedoch unterschiedlich akzentuiert, auch gibt es Divergenzen hinsichtlich der Bedeutung intragruppaler vs. individueller Erklärungsebenen.
Im Zentrum der Theorie der Relativen Deprivation (RD) von Runciman (1966) steht ebenfalls die Annahme, dass ein subjektiv wahrgenommenes Missverhältnis zwischen erwarteten und tatsächlich erreichten Zielen zu Unzufriedenheit und Frustration führt und es daraus folgend zu Feindseligkeiten gegenüber einer Minderheit kommen kann.
Runciman unterscheidet zwei Arten relativer Deprivationen. Die relative „egoistische“ Deprivation vergleicht auf individueller Ebene, währenddessen die „fraternalistische“ relative De-
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privation auf sozialen Vergleichsprozessen in Intergruppenbeziehungen beruht. 24 Die individuelle Deprivation beschreibt also das subjektive Mangelerleben einer Person im Vergleich mit Mitgliedern der Eigengruppe, in dessen Folge es zu individuellen Kompensationsstrategien kommt (Wechsel des Arbeitsplatzes etc.). Für die Ausbildung von Vorurteilen bedeutsamer ist die zweite Deprivationsform, die fraternalistische, da sie auf gruppaler Ebene vergleicht und die anschließend wahrgenommenen Missverhältnisse im Sinne der RD zu einer Fremdgruppenabwertung führen können (vgl. Ganter, 1997; S. 7ff.).
Die Nähe der RD zur Frustrations-Aggressions-Hypothese bzw. zur Sündenbocktheorie ist offensichtlich, da ihre Grundannahmen nahezu identisch sind: Stereotype und Vorurteile erscheinen primär als Resultate der Bemühungen um eine Legitimierung der durch Frustration oder Deprivation erzeugten feindseligen Haltungen gegenüber Fremdgruppen. Dennoch gibt es einen zentralen Unterschied: Die FAH wie auch die Sündenbocktheorie beinhalten mit der Annahme der Aggressionsverschiebung und der Projektion auf Fremde psychodynamische Konzepte, während die Theorie der Relativen Deprivation eher auf soziologischen Überlegungen gründet.
Empirisch wurde der Zusammenhang zwischen relativer Deprivation und der Ausprägung von Vorurteilen gegenüber sozialen Gruppen durch verschiedene Untersuchungen bestätigt. Entsprechend dem Ansatz korreliert die fraternalistische stärker als die individuelle Deprivation mit der Abwertung von Minderheiten. Adäquate Ergebnisse finden sich auch in der aktuellen Rechtsextremismusforschung:
In diesem Zusammenhang [gemeint sind die Beziehungen zwischen fraternaler Deprivation und Vorurtei-
len, S.P.] sind auch aktuelle Studien relevant, die zeigen, dass rechtsextrem orientierte Jugendliche ein ho-
hes Ausmaß an fraternaler Deprivation aufweisen […]. In dem prominentesten Ansatz der Rechtsextremis-musforschung von Heitmeyer (1987) gehört die ‘Ideologie der Benachteiligung’, die als RD definiert wer-
den kann, zum Kern rechtsextremer Orientierungen. (Zick, 1997, S. 102)
Studien von Bergmann und Erb (1991a, S. 226) stehen im Einklang mit oben Genanntem: Antisemiten und Fremdenfeinde äußern häufiger ein „ein diffuses Gefühl von Unzufriedenheit und Benachteiligung“, dass aber nicht der objektiven sozialen Lage entsprechen muss. Daher ist eine einfache Kausalbeziehung zwischen Arbeitslosigkeit, daraus folgendem subjektiven Mangelerleben und der sich anschließenden Ausprägung antisemitischer bzw. fremden-
24 ImSinne von brüderlich, intergruppal.
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feindlicher Einstellungen nicht haltbar. Nach Ansicht der Autoren erscheinen zusätzliche Fak-toren, wie Lebenseinstellung oder „Lebenslust“, als relevant. Inwieweit diese als Disposition verstanden werden können bzw. wie sich deren Einfluss auf Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit nun genau gestaltet, wird nicht verdeutlicht.
Kritisch wurde zur Theorie der Relativen Deprivation außerdem angemerkt, dass sie gewalttätige Handlungen nicht erklären kann. Vorurteile können zwar durch Deprivationserlebnisse entstehen, der Schritt bis zur Gewaltintention bleibt aber unklar. Des Weiteren bleibt die Frage unbeantwortet, ob Deprivation konzeptuell als Einstellung oder als Emotion zu verstehen ist. Wie auch bei den vorher beschriebenen Ansätzen liefert die TRD keine Aussagen zu intergruppalen Differenzierungsprozessen.
Weil nach modernem Forschungsstand subjektive Deprivationserlebnisse die Ausprägung von rechtsextremen Orientierungen beeinflussen, kann die Theorie der Relativen Deprivation dennoch innerhalb eines komplexeren Modells zur Erklärung von Vorurteilen dennoch durchaus dienlich sein.
II.3.2. Moderne europäische Denktradition
Die chronische Vernachlässigung sozialstruktureller und situationaler Bedingungsfaktoren bei der Entstehung von Vorurteilen durch die oben beschriebenen Ansätze veranlasste die nachfolgende Forschung, verstärkt intergruppale Differenzierungs- und Vergleichsprozesse in ihren Theorien zu betrachten.
Analog zu der beschriebenen Diskursklassifikation von Zick (1997) skizziert dieses Kapitel die beiden wichtigsten Ansätze der modernen Vorurteilsforschung europäischer Tradition, die Social Identity Theory von Tajfel und Turner (1979) und die darauf aufbauende Self-Categorization Theory (Turner et al., 1987). Die sozialpsychologische Literatur fasst beide Ansätze auch unter dem Terminus „Social Identity Approach“ zusammen.
Der Social Identity Approach
Anknüpfend an die „Summer Camp Studies“ und die im Anschluss von Sherif et al. (1961) entwickelte Realistic Group Conflict Theory (RCT) formulierten Tajfel und Turner (1979) die
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Social Identity Theory (SIT), da die RCT einige Unzulänglichkeiten aufwies. Sherifs Kernthese, dass Diskriminierungen von Fremdgruppen oder Minderheiten auf realen intergruppalen Interessenkonflikten basieren, konnte in ihrer Allgemeingültigkeit nicht aufrechterhalten werden. Den von Tajfel und Turner durchgeführten Experimenten zu den Minimalbedingungen der Intergruppendiskriminierung zufolge, ist weder der reale Wettbewerb zwischen den Gruppen noch eine unmittelbare intragruppale Interaktion für die Ausbildung von Fremdgruppendiskriminierung notwendig. Allein die soziale Kategorisierung des Individuums reiche aus, um die Eigengruppe auf- bzw. die Fremdgruppe abzuwerten. Die SIT stellt einen Ansatz dar, diesen Prozess der sozialen Kategorisierung zu erklären (vgl. Ganter, 1997, S. 46ff.).
Tajfel und Turner zufolge werden soziale Kategorisierungen verstanden als
cognitive tools that segment, classify, and order the social envionments, and thus enable the individuals to
untertake many forms of social actions. (Tajfel & Turner, 1986; zit. nach Ganter, 1997, S. 48)
Neben der kognitiven Gliederung der sozialen Umwelt ermöglichen diese Kategorisierungsprozesse die soziale Einordnung der Person selbst in entsprechende Kategorien. Damit schafft sie sich eine soziale Identität, die sich auf dem subjektiven Wissen um die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gründet. Die soziale Gruppenidentifikation basiert dabei auf sozialen Vergleichen, bei denen Eigengruppe und Fremdgruppen hinsichtlich ihrer Ähnlichkeit relational beurteilt werden. In einem Satz zusammengefasst, besagen die theoretischen Kernelemente der SIT - also soziale Kategorisierung, soziale Identität und soziale Vergleichedass sich eine Person letztlich über ihre Gruppenzugehörigkeit definiert.
Auf diesen theoretischen Grundlagen aufbauend, formulierten Tajfel undTurner (1986) drei zentrale Grundannahmen:
Alle Individuen sind bestrebt, eine positive soziale Identität zu erreichen und diese zu erhalten.
Positive soziale Identität beruht wesentlich auf vorteilhaften Vergleichen zwischen der Eigen- und einigen relevanten Fremdgruppen. Die Eigengruppe muss als positiv unterscheidbar oder distinkt wahrgenommen werden.
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Falls die Individuen ihre soziale Identität als unbefriedigend wahrnehmen, versuchen sie entweder die Gruppe zu verlassen, in eine andere positive distinkte Gruppe überzuwechseln oder die Bewertungen ihrer Gruppe zu ändern (vgl. Ganter, 1997, S. 49). 25 Diese Überlegungen implizieren den Autoren zufolge eine Basishypothese:
The basis hypothesis, then, is that pressures to evaluate one’s own group positively through in-group/out-group comparisons lead social groups to attempt to differentiate from each other. (Taifel & Turner, 1986;
zit. nach Zick, 1997, S. 128)
Bei Betrachtung des theoretischen Fundaments wird deutlich, dass die SIT keine reine Vorur-teilstheorie darstellt, sondern für sich zunächst beansprucht, die Entstehung und Differenzierung von Gruppen im Allgemeinen zu erklären. Im Sinne der SIT können Vorurteile nur im Kontext der sozialen Beziehungen zwischen Gruppen verstanden werden. Demnach entstehen Vorurteile oder auch manifeste Diskriminierungen immer dann, wenn der Status der Eigengruppe und daraus folgend die eigene soziale Identität als ungewiss oder gefährdet angesehen wird. Damit wird im Umkehrschluss die funktionale Bedeutung von Vorurteilen deutlich: Sie dienen zur Stabilisierung und Aufrechterhaltung der positiven sozialen Identität, indem sie Erklärungen für gesellschaftliche Missverhältnisse bieten (soziale Kausalität), die intergruppalen Differenzen erklären und akzentuieren (soziale Differenzierung) sowie diskriminierende Behandlungen und negative Beurteilung anderer Gruppen rechtfertigen (soziale Rechtfertigung).
Da die SIT die soziale Kategorisierung als ein entscheidendes Moment bei der Ausbildung von Gruppenzugehörigkeit annimmt, aber die zugrunde liegenden Prozesse nicht erklärt, formulierten Turner et al. (1987) mit der Self Categorization Theory (SCT) Hypothesen über den Prozess der Kategorisierung in eine soziale Gruppe. Die SCT entspricht also einer Erweiterung der Theorie der sozialen Identität.
Im Kern besagt die SCT, dass sich Personen in verschiedenen sozialen Kontexten auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen (inter-spezies, inter-group, interpersonal) selbst kategorisieren können, wobei der soziale Kontext die jeweilige Ebene bestimmt, auf der sich die Person
25 Zu diesen Grundannahmen wurden von Tajfel und Turner weitere Zusatzbedingungen formuliert: Damit über-
haupt ein Vergleich zwischen Eigen- und Fremdgruppe zustande kommt, muss das Wissen um die eigene Grup-
penzugehörigkeit zunächst erst einmal vorausgesetzt werden. Des Weiteren werden Intergruppen-
Differenzierungen insbesondere bei Bedrohung der sozialen Identität und bei realen Gruppenkonflikten im Sinne
der RCT verstärkt vorgenommen, wobei die Reaktionen auf eine Bedrohung der sozialen Identität von der Legi-
timität und den Statusrelationen der Gruppen abhängt. Ebenso ist die Abgeschlossenheit oder Durchlässigkeit
der Gruppen(grenzen) relevant für die Handlungsstrategien der Gruppenmitglieder.
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einordnet. Die Salienz einer gemeinsamen sozialen Identität bewirkt bei hoher Ebenenwahl eine Depersonalisierung der Selbstwahrnehmung und führt zu intergruppalem statt interpersonalem Verhalten. 26 Welche Selbst-Kategorie nun salient wird, ist abhängig von der relativen Verfügbarkeit (accessibility) dieser Kategorie und ihrer Passung zu den Eigenschaften der spezifischen Situation (vgl. Zick, 1997, S. 131f.).
Detaillierte empirische Überprüfungen bestätigen im Großen und Ganzen die Hypothesen des SIA. Beispielsweise gelten die in unterschiedlichen Studien beobachteten Auswirkungen der Kategorisierungsprozesse auf Intergruppendiskriminierungen als „sehr robust und reliabel“ (Brown, 1995; zit. nach Ganter, 1997, S. 55). Empirische Evidenzen finden sich ebenfalls für den Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der Gruppenidentifikation und der in Folge entstehenden Eigengruppenauf- bzw. Fremdgruppenabwertung (vgl. Ganter, 1997, S. 55f.)
Dennoch ist der SIA nicht frei von Kritik. So werden nur unklare Annahmen über grundlegende Mechanismen der Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung gemacht. Folglich kann der SIA nicht genau erklären, warum es Personen gibt, die in sozialen Situationen ausgesprochen intergruppal agieren, während andere unter der gleichen situationalen Bedingung und der gleichen sozialen Gruppe angehörend, diesen Intergruppencharakter nicht aufweisen. Zick führt einen weiteren, aus seiner Sicht zentralen Kritikpunkt an. Der SIA nennt zwar kritische Determinanten des Ingroup-Outgroup-Vergleichs,
erklärt aber nicht hinreichend die Zusammenhänge zwischen übergeordneten, ideologischen und konkreten,
sozial diskriminierenden Einstellungen und Verhaltensweisen. (Zick, 1997, S. 140)
Die theoretischen Unzulänglichkeiten dieses Ansatzes mindern die Bedeutung des SIA für die sozialpsychologische Forschung aber nicht. Prozesse der Selbstkategorisierung, der sozialen Identität und des sozialen Vergleichs, also intergruppale Phänomene, werden als wichtige Komponenten bei der Ausbildung von Vorurteilen angesehen.
26 Der Terminus Salienz ist schwer sinnvoll übersetzbar und im deutschen Wortschatz eigentlich gar nicht defi-
niert. Im Zusammenhang mit der SCT wird er aber in der sozialpsychologischen Literatur häufig verwandt und
entspricht am ehesten einer Umschreibung des aristotelesschen „springenden Punktes“ im Sinne einer hervorge-
hobenen, aktuell vorherrschenden Bedeutsamkeit.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
II.3.3. Moderne amerikanische Denktradition
Im Gegensatz zu den europäischen Theorien stellt die moderne amerikanische Forschung die Analyse neuer, veränderter Vorurteilsformen in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen. Dabei wird von der These ausgegangen, dass, durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, Vorurteile „heute versteckter, subtiler, symbolischer - eben moderner - geäußert werden“ (Zick, 1997,S. 119). Zentrales Anliegen dieser Ansätze ist die inhaltliche Analyse modernisierter Vorurteile, die sich im amerikanischen Kontext vornehmlich in Formen des Rassismus ausdrücken und weiterhin die Entwicklung von Skalen zur Erfassung negativer Einstellungen gegenüber Minderheiten. 27
Amerikanische Beiträge zur Vorurteilsforschung fanden in der europäischen „scientific community“ relativ wenig Beachtung. Dies mag daran liegen, dass die historische und gesellschaftliche Spezifität des amerikanischen Rassismus Theorien entstehen lies, die sich in der Hauptsache auf das Verhältnis zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung beziehen. Selbst bei Betrachtung von Vorurteilen gegenüber Minderheiten, wie z.B. Hispanoamerikanern, wird deutlich, dass der gesellschaftliche Kontext der ethnischen Gruppen ein völlig anderer ist als der in Europa.
Pettigrew (1989) sieht die Unterschiede europäischer und amerikanischer rassischer Diskriminierung in verschiedenen Vorurteilsinhalten. In Europa wird die Fremdgruppe als Bedrohung kultureller Werte und des persönlichen Lebensstils wahrgenommen, während moderne amerikanische Rassisten Mitglieder von Minderheiten im Alltag akzeptieren, solange der Status quo ihrer Gruppe gewahrt bleibt. Der europäische Rassismus stellt sich, dieser Sichtweise entsprechend, als „fremdenängstlich“ dar, im Gegensatz zum amerikanischen, der eher hierarchische Komponenten enthält (vgl. Zick, 1997, S. 176).
Die postulierten Eigenheiten aufgreifend, formulierten Pettigrew und Meertens (1995) mit der Blatant vs. Subtle Prejudice ein auf europäische Besonderheiten - nicht ausschließlich auf die Analyse rassistischer Inhalte - angepasstes Pendant zu den Entwürfen der modernen amerikanischen Vorurteilsforschung und explizieren mit ihren Konzeptionen die Entstehung traditioneller wie auch moderner Vorurteile im europäischen Kontext. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass sich inhaltlich die Blatant und Subtle Prejudice in den Social Identity Appro-
27 Beispielhaftseien hier das Ambivalenz-Verstärker-Modell (Katz, 1981), der Modern Racism (McConahay,
1986) und die Theorie der Blatant und Subtle Prejudice (Pettigrew & Meertens (1995) genannt.
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ach integrieren lässt bzw. auf diesem aufbauen kann, da beide Ansätze intergruppale Differenzierungsprozesse als Grundlage der Entstehung von Diskriminierungen annehmen.
Exkurs: Die Social Dominance Theorie
Mit ihrer Social Dominance Theorie (SDT) stellten Sidanius und Pratto (1999) einen innovativen, auf der Betrachtung sozialer Hierarchiesysteme basierenden Mehrebenenansatz zur Erklärung von Vorurteilen vor:
SDT attempts to take element from the individual, group, institutional, and structural levels of analysis and
integrate them into a new view, more comprehensive, and more powerful theoretical framework. (Sidanius
28 & Pratto, 1999, S. 56)
Individuelle Dispositionen bilden zunächst die Grundlage für individuumsbasierte Hierarchien. Besondere Fähigkeiten, beispielsweise im künstlerischen, politischen oder akademischen Bereich, ermöglichen es Individuen, weitestgehend gruppenunabhängig gesellschaftliche Achtung zu erfahren, sozialen Status und Macht aufzubauen.
Nach Ansicht der Autoren entstehen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Spannungen aber hauptsächlich als Folge gruppenbasierter Hierarchien, wobei davon ausgegangen wird, dass alle menschlichen Gesellschaften auf Gruppenhierarchien begründet sind. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die ähnlich dem SIA als soziale Kategorie betrachtet wird, bestimmt den sozialen Status, die Privilegien und Beschränkungen ihrer Mitglieder. In Konsequenz verfügen Angehörige statushoher Gruppen über soziale und politische Autorität, bestimmen den Zugang zu ökonomischen Ressourcen und prägen gesellschaftlich relevante Werte und Normen. Die Sicherung ihres Status quo verlangt es, Mitglieder statusniederer Gruppen in den Möglichkeiten der Machtausübung zu beschränken bzw. die erreichten Statusunterschiede beizubehalten (vgl. Sidanius & Pratto, 1999, S. 31f.).
Mit dem Ziel, diese Thesen zu fundieren, spezifizierten Sidanius und Pratto diejenigen Gesellschaftssysteme, die zur gruppenbasierten Hierarchiebildung genutzt werden. Die Ausübung von Macht gegenüber Kindern durch Erwachsene kennzeichnen die Autoren innerhalb des Alterssystems. Geschlechtsspezifische patriarchalische Unterdrückung kategorisieren sie
28 Zick (1997) berücksichtigt die Social Dominance Theorie noch nicht in seiner entworfenen Diskursklassifika-
tion. Deshalb wird die SDT innerhalb der modernen amerikanischen Vorurteilsforschung als Exkurs besprochen.
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im Geschlechtssystem. Beide Systeme finden sich in nahezu allen Gesellschaften, sind also universell und stabil anzutreffen. Besonders geeignet zur Status erhaltenden Hierarchiebildung und Diskriminierung sind diejenigen Systeme, die Individuen scheinbar beliebig nach Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung, regionaler Herkunft, Hautfarbe und ähnlichem gruppieren. Diese sozial konstruierten Willkürlichkeitssysteme sind gesellschaftsspezifisch, anpassungsfähig, veränderlich und nur in Wohlstandsgesellschaften anzutreffen (vgl. Sidanius & Pratto, 1999, S. 32).
Um die geschaffenen gruppalen Ungleichheiten rechtfertigen und aufrechterhalten zu können, bedarf es allgemein geteilter „Wahrheiten“ in Form von Einstellungen und Überzeugungen. Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von Hierarchie fördernden, legitimierenden Mythen und nennen als Beispiel die Versklavung der Afroamerikaner im 19. Jahrhundert: Der aus der Leibeigenschaft gewonnene ökonomische Vorteil wurde durch pseudowissenschaftliche rassische Argumente gerechtfertigt. Als weitere Beispiele können das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit, die Vorstellung des unredlichen Juden, die Ideologie der Leistungsgesellschaft, Patriotismus und in subtilerer Form der politische Konservatismus angeführt werden. Im Gegensatz dazu stehen jene Ideologien, die Gruppengleichheit postulieren, also Hierarchie angleichende legitimierende Mythen zum Inhalt haben (bspw. Ideen einer mulikulturellen Gesellschaft, Sozialismus, Universalismus). Das Verhältnis beider „mythischen Kräfte“ bestimmt nun die soziale Struktur der Gesellschaft und somit die Status der Gruppen. 29 Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass Mitglieder statusniedrigerer Gruppen bestehende Hierarchien entgegen ihren Interessen verteidigen (vgl. Sidanius, Levin, Federico & Pratto, 2001, S. 307ff.).
Obwohl die Soziale Dominanztheorie im Schwerpunkt Gruppenphänomene analysiert, machen die Autoren zusätzlich eine der Person eigenen Tendenz, die Soziale Dominanzorientierung, für die Vorurteilsbildung verantwortlich. Abbildung 2 verdeutlicht schematisch die Stellung der Sozialen Dominanzorientierung (SDO) im Theoriegebäude der Sozialen Dominanz Theorie.
29 Da die (ökonomischen) Machtverhältnisse in modernen Sozietäten zugunsten der Statushöchsten verteilt sind,
ergibt sich ein sensibles Gesellschaftssystem, dass nicht frei von Spannungen sein kann, wobei gesellschaftliche
Veränderungen im Sinne bedeutsamer Machtverschiebungen wohl eher nicht zu erwarten sind. Die Bedeutung
hierarchieerhaltender legitimierender Mythen zu Sicherung des bestehenden Machtanspruches wird aber offen-sichtlich.
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Abbildung 2: Schematische Darstellung der Social Dominance Theory (nach Sidanius & Pratto, 1999).
Die SDO wird von Sidanius, Pratto & Bobo (1994, S. 999) definiert als
a very general orientation expressing general antiegalitarianism, a view of human existence as zero-sum and
relentless competition between groups, the desire for generalized, hierarchical relationships between social
groups, and in-group dominance over out-groups. SDO is also considered to be a normally distributed, indi-
vidual-difference variable, having its aetiology in both cultural (socialization) and biologically influenced
factors.
Vier Faktoren beeinflussen die individuelle Ausprägung der SDO: Die Mitgliedschaft und Identifikation zu bzw. mit einer durch die Willkürlichkeitssysteme bestimmten Gruppe, der gesellschaftliche Hintergrund mit entsprechender Sozialisierung, dispositionelle Eigenschaften (Temperament, Empathie) und die Geschlechtszugehörigkeit. Nach Ansicht der Autoren verfügen demnach ranghohe, männliche, heterosexuelle Weiße mit geachteten Professionen über ein stärkeres Ausmaß an sozialer Dominanzorientierung als statusniedrigere Frauen, Schwarze, Homosexuelle und Mitglieder ethnischer Minderheiten. (vgl. Sidanius & Pratto, 1999, S. 49ff).
Sidanius und Pratto (1999) sehen durch verschiedene empirische Untersuchungen ihre theoretischen Konzeptionen bestätigt. Die Autoren operationalisierten die SDO mittels einer 16 Items umfassenden, zweidimensionalen und ausbalancierten Skale. Diese wird mit einem Cronbachs Alpha nicht unter .80 als ausgezeichnet intern konsistent angesehen (Sidanius & Pratto, 1999; Whitley, 1999; Levin et al., 2002; für adaptierte Skalen siehe bspw. Six et al., 2001; Duriez & van Hiel, 2002; Zachariae, 2002).
Hinsichtlich der Dimensionalität der SDO 6 -Skale postulieren sie eine gruppenbasierte Gleichheitsdimension und eine weitere, die geeignet ist Gruppendominanz zu erfassen (vgl. Sidanius
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& Pratto, 1999, S. 70f.). Von einer zweifaktoriellen Struktur berichten auch Six, Wolfradt und Zick (2001, S.31), kritisieren aber, dass sich die zwei Dimensionen aufgrund der Merkmalsrichtung der Items (pro- und contraits) ergeben:
Sämtliche Items des ersten Faktors sind auch diejenigen, die nach Pratto et al. (1994) umgepolt werden
müssen. Sie sind als Items für Gruppengleichheit formuliert, werden aber als Maß für Soziale Dominanz in-
terpretiert, sofern diese Items abgelehnt werden. Sämtliche Items des zweiten Faktors sind contraits, d.h. I-
tems, in den Gruppenüberlegenheit postuliert wird. 30
Entsprechend den weiter oben formulierten Annahmen ist die SDO eng verknüpft mit dem Status der Gruppe:
We do have substantial evidence that group status is related to SDO […] those in higher-status groups had
reliably higher levels of SDO than those in lower-status groups. […] previous studies show that increasing
group status is linked to increasing SDO, robustly across samples, population, culture, and group status des-
ignation. (Sidanius & Pratto, 1999, S. 77)
Als stabile Kovariate von SDO wurde die Geschlechtszugehörigkeit ermittelt, soziale Dominanz ist bei Männern konsistent stärker vorhanden als bei Frauen (Sidanius, Pratto & Bobo, 1994; Lippa & Arad, 1999).
Individuelle Persönlichkeitseigenschaften, insbesondere Empathiefähigkeit, Offenheit und Verträglichkeit, gehen einher mit niedrigen SDO-Werten (Pratto, Sidanius, Stallworth & Malle, 1994; Sidanius & Pratto, 1999; Heaven & Bucci, 2001). Lippa und Arad (1999) charakterisieren stark sozial dominant orientierte Personen als kühl, maskulin auftretend, beherrschend, nachtragend und unverträglich.
Hohe Ausprägungen an Sozialer Dominanzorientierung stehen mit einer Vielzahl von Hierarchie fördernden sozialen Ideologien in positiver Beziehung. Hervorgehoben werden die Zusammenhänge bezüglich SDO und politisch-ökonomischen Konservatismus bzw. Sexismus, Nationalismus und Patriotismus, die Korrelationen liegen für den US-amerikanischen Raum zwischen r =.26 und r =.52 (Sidanius & Pratto, 1999). 31
Rassistische, Minderheiten diskriminierende und fremdenfeindliche Ideologien korrelieren moderat bis mittelstark mit SDO-Ausprägungen, so finden sich korrelative Beziehungen zwi-
30 Six,Wolfradt und Zick (2001) beziehen sich auf einen älteren Artikel von Pratto et al.. Zu dieser Zeit kam
schon die SDO 6 -Skale zur Anwendung. Ihre für den deutschen Sprachraum adaptierte Skale entspricht dieser.
31 Eine ausführliche Besprechung des ökonomisch-politischen Konservatismus und dessen Beziehung zur sozia-
len Dominanzorientierung findet sich bei Sidanius, Pratto und Bobo (1996).
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schen US-amerikanischem Rassismus und SDO von bis zu r =.56 (Sidanius, Pratto & Bobo, 1994; McFarland & Adelson, 1996; Sidanius & Pratto 1999). Ethnische Vorurteile in anderen kulturellen Kontexten (Israel, Taiwan, Mexiko, Belgien) weisen ähnliche Zusammenhänge auf (Levin & Sidanius, 1999; Sidanius & Pratto, 1999; van Hiel, Pandelaere & Duriez, 2003). Altemeyer (1998) berichtet von hohen Korrelationen zwischen Ethnozentrismus und Sozialer Dominanzorientierung. Weiterhin zeigen sich seinen Studien zufolge „soziale Dominatoren“ empfänglich für antisemitische Einstellungen. 32
Six, Wolfradt und Zick (2001) bestätigen die Wechselbeziehungen zwischen SDO und Fremdenfeindlichkeit. Allerdings fallen ihre Ergebnisse - in Übereinstimmung mit anderen europäischen Studien - deutlich geringer aus als die der oben genannten Autoren. Die Korrelationen sind zwar durchweg signifikant, liegen aber „nur“ zwischen r =.22 und r =.38 (bspw. Duriez & van Hiel, 2002; Zachariae, 2002; Zakrisson & Löfstrand, 2002).
Verschiedentlich wurde die diskriminante Validität der Sozialen Dominanzorientierung diskutiert: Von Interesse waren insbesondere Abgrenzungen zu Konservatismus und Autoritarismus. Sidanius, Pratto und Bobo (1994; 1996) und Sidanius und Pratto (1999) sehen die Eigenständigkeit der SDO zu den genannten Konstrukten durch korrelative Prüfungen bestätigt. Altemeyer (1998) fand in diversen Studien ähnliche Resultate. Auch Saucier (2000) kann diese Ergebnisse untermauern und kommt zu dem Schluss, dass Konservatismus und Autoritarismus auf einen anderen Metafaktor als die Soziale Dominanzorientierung laden (Alphaismus vs. Betaismus).
In den letzten Jahren konnte sich die innerhalb der Sozialen Dominanztheorie implementierte Soziale Dominanzorientierung als Prädiktor diskriminierender Einstellungen in der psychologischen Vorurteilsforschung etablieren. Dies liegt sicherlich nicht zuletzt in dem theoretischen Anspruch der SDT individuelle Diskriminierungstendenzen mit auf hierarchischen Gesellschaftsstrukturen beruhenden intergruppalen Prozessen zu verbinden. Ersichtlich und beabsichtigt ist die Integration einzelner Elemente bereits behandelter Erklärungsansätze:
From authoritarian personality theory […] come[s] the notion that the importance that people place on the
values of equality, dominance, and submission are of fundamental importance to our understanding of a
whole range of socialpolitical beliefs and behaviors. From realistic group conflict […] come[s] the notion
that the political choices and attitudes of individuals must often be seen within the context of group conflict
32 Altemeyer (1998) benutzte zur Messung die von ihm entwickelte „Militia Attitudes Scale“ (MAS), die Korre-
lation zwischen der MAS und SDO 5 betrugen .31.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
over both real and symbolic resource allocation. From SIT come the important notions that conflict between
groups is not necessarily or even primarily designed to maximize the absolute material return to the ingroup,
but rather to maximize the relative return to the ingroup, sometimes even at the cost of substantial material
loss to both the self and the ingroup. (Sidanius & Pratto, 1999, S. 57, Hervorhebung im Original)
Es erscheint (trotz der konzeptuellen Unzulänglichkeiten und der inhaltlichen Überlappungen mit anderen besprochenen Theorien) überlegenswert, inwieweit auch Elemente der Sünden-bock-Theorie und der Theorie der Relativen Deprivation auf den Grundkonzeptionen der SDT aufbauen können, um die Entstehung von Minderheitendiskriminierung mittels Aggressionsverschiebung durch statusniedrige, deprivierte Gruppen zu erklären.
II.3.4. Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung im Vergleich
Die in der Literatur dokumentierte starke Aufklärungskraft für ethnozentristische und fremdenfeindliche Einstellungen durch RWA und SDO lässt die Frage nach Gemeinsamkeiten bzw. Abgrenzungsmöglichkeiten aufkommen.
Doch zunächst erscheint eine begriffliche Einordnung beider Konstrukte notwendig: Six, Wolfradt und Zick (2001) charakterisieren den Autoritarismus und die Soziale Dominanzorientierung als generalisierte Einstellungen im Sinne von Allport (1935). Demnach sind generalisierte Einstellungen nicht als Dispositionen aufzufassen, da das durch sie hervorgerufene Verhalten „variabel und nur hinsichtlich ihrer Bedeutung stabil“ ist (Allport, 1935; zit. nach Six, Wolfradt & Zick, 2001, S. 24). Eine adäquate Auffassung vertritt Funke (2002a): Am Beispiel des Autoritarismus verdeutlicht er die Abgrenzung spezifischer zu generalisierten Einstellungen. Objekte der letztgenannten werden von ihm als soziale Sachverhaltsklassen verstanden, die sich im Zusammenschluss zu ideologischen Konzepten verdichten:
Diese deutliche Abgrenzung gegenüber spezifischen Einstellungen halte ich für erheblich und unerlässlich,
da sonst Erklärungszusammenhänge zirkulär würden: Wenn Autoritarismus eine [spezifische] Einstellung
ist, dann kann er keine anderen Einstellungen „erklären“, da er theoretisch nicht vorgeordnet wäre. (Funke,
2002a, S. 23)
Altemeyer (1998) wie auch Sidanius und Pratto (1999) betonen die konzeptuelle Eigenständigkeit von Autoritarismus und SDO. So wird der autoritäre Charakter als unterwürfig gegenüber Autoritätsfiguren der Eigengruppe und als deren Werte verteidigend beschrieben. „So-
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
ziale Dominatoren“ hingegen diskriminieren Fremdgruppen aufgrund einer vermeintlichen Minderwertigkeit gegenüber der eigenen Gruppe. Autoritarismus erfasst folglich eher intragruppale und die Soziale Dominanzorientierung vornehmlich intergruppale Beziehungen. In Abgrenzung zu Altemeyers „enemies of freedom“ bezeichnen Lippa und Arad (1999, S. 489) Personen mit hohen Ausprägungen an SDO daher als „enemies of equality“. Für Altemeyer sind sie „andere autoritäre Persönlichkeiten“: „Still, most social dominators do not belong to the ‘RWA Club’” (Altemeyer, 1998, S. 62, Hervorhebung im Original). Zu ähnlichen Einschätzungen kommen Duriez und van Hiel (2002): Sozial dominant Orientierte unterscheiden sich von Autoritären durch einen moderneren, kultivierten, subtileren und daher sozial akzeptierteren diskriminierenden Denkstil. Der „moderne Faschist“ ist in der Lage, seine Weltanschauungen perfekt auszudrücken und damit Meinungen anderer zu beeinflussen, ohne auf tumbe Bedrohungsszenarien traditioneller Werte und religiöser Moralvorstellungen durch Abweichler zurückzugreifen. Sein Ziel ist die Sicherung von Überlegenheit und Macht der Eigengruppe durch Beschränkungen der Fremdgruppen. Tradition und Normen der Autoritäten spielen eine untergeordnete Rolle.
Die Empirie bestätigt die Unterschiedlichkeit beider Konstrukte: Die meisten Untersuchungen zeigen nur geringe bis mittlere Korrelationen zwischen RWA und SDO auf (z. B. Altemeyer, 1998; Sidanius & Pratto, 1999; Duckitt, Wagner, du Plessis & Birum, 2002; Heaven & Con-nors, 2001; Duriez & van Hiel, 2001; Six, Wolfradt & Zick, 2001; Zachariae, 2002).
Aus der postulierten Gegensätzlichkeit lässt sich schlussfolgern, dass beide Konzepte unterschiedlich gut geeignet sind, verschiedene Formen fremdenfeindlicher und Minderheiten diskriminierender Einstellungen zu erklären. Resultate einer erst kürzlich veröffentlichen Arbeit von van Hiel, Pandelaere und Duriez, (2003) können diese Hypothese nicht vollständig stützen. Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung eignen sich demnach gleich gut als vorhersagende Variablen von Xenophobie und Rassismus bei studentischen Stichproben. Bei einer dritten an nichtstudentischen Versuchspersonen durchgeführten Erhebung berichten die Autoren aber von einer leichten prädiktiven Überlegenheit der SDO, leider werden Ursachen dieser Abweichungen nicht diskutiert. Eine interessante Einschätzung trifft Whitley (1999, S. 132):
SDO appears to be a general substratum of prejudice, witch are RWA layering on additional prejudice in the
cases of groups condemned by authority figures, perhaps especially by religious authority figures. There-
fore, this ‘add-on’ effect of authoritarianism is probably not limited to antigay prejudice but might also be
part of negative attitudes toward other groups condemned by traditionalist religious authorities.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Lippa und Arad (1999) explizieren Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung als Korrelate verschiedener Arten dispositioneller Vorurteilsklassen. Die als heiß und motiviert beschriebene „maladjusted prejudice“ richtet sich gegen Personen, die von Autoritären als Werte verletzende Abweichler wahrgenommen werden. Ressentiments gegenüber Homosexuellen, Andersgläubigen und Dissidenten im politischen und weltanschaulichen Sinne basieren auf diesem Diskriminierungsphänomen. Repressionen von Fremdgruppen (z.B. durch Sexismus, Chauvinismus, Machiavellismus) mit dem Ziel des Machterhaltes der Eigengruppe wurzeln auf der zweiten, eng mit der Sozialen Dominanzorientierung assoziierten, „dominan-ce-oriented prejudice.“ 33
Abbildung 3: Idealisiertes Modell der Einflussnahme von Persönlichkeitsvariablen, Weltsicht, RWA und SDO
auf die Ausbildung gruppenspezifischer Einstellungen (nach Duckitt et al., 2002).
Abbildung 3 veranschaulicht die von Duckitt et al. (2002) postulierte vermittelnde Bedeutung des Autoritarismus resp. der SDO bei der Ausbildung vorurteilsrelevanter Einstellungen. Stark vereinfacht erklärt das Modell den Einfluss zweier Persönlichkeitsvariablen („social conformity“ und „toughmindedness“) auf die individuelle Wahrnehmung der Gesellschaft. Unter Einwirkung der als ideologischen Einstellungsdimensionen charakterisierten Konstrukte RWA und SDO zeichnen sich diese „worldviews“ als verantwortlich für die Entstehung von Vorurteilen:
The model predicts that both RWA and SDO will directly increase both pro-in-group and anti-out-group at-
titudes. Personality and world view, however, are not seen as having general, direct impacts on prejudiced
33 Rein intuitiv ist die postulierte Existenz zweier distinkter, übergeordneter Vorurteilsklassen und deren Bezie-
hung zu den Konstrukten SDO und RWA zwar plausibel, ähnelt aber sehr dem weiter oben besprochenen Ansatz
von Six, Wolfradt und Zick (2001) wonach Autoritarismus und soziale Dominanzorientierung als generalisierte
Einstellungen zu verstehen sind. Zudem definieren die Autoren ihre „prejudices“ tautologisch über die beiden
Konstrukte.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
or ethnocentric attitudes, only indirect effects mediated through these ideological attitudes. (Duckitt et al.,
2002, S.77)
Ähnlich den Ergebnissen von Lippa und Arad (1999) sprechen Duckitts Untersuchungen für die relativ starke Aufklärungskraft von RWA und SDO bei der Vorurteilsanalyse. Seine Studien offenbaren ebenfalls leichte Unterschiede in der prädiktiven Stärke beider Konstrukte. So ist Duckitts SEM-Analysen beispielsweise zu entnehmen, dass Autoritarismus etwas besser geeignet ist nationalistische Denkweisen vorherzusagen als die Soziale Dominanzorientierung. Die relevanten standardisierten Pfadkoeffizienten des betreffenden Strukturgleichungsmodelles lagen bei λ=.40 resp. λ=.30. Generalisierte Ressentiments gegenüber Fremdgruppen können hingegen durch SDO besser aufgeklärt werden (λ=.57 bzw. λ=.43).
Die besondere Relevanz von RWA und SDO für die Erfassung des Antisemitismus könnte durch einen weiteren Aspekt begründet werden: Versteht man den modernen deutschen Antisemitismus als rein ideologischen Komplex, als Deutungsangebot, dass weder soziale Konflikte noch die Präsenz der jüdischen Bevölkerung zu seiner Rechtfertigung benötigt, dann wäre das Erlernen bzw. die Entwicklung antisemitischer Einstellungen aufgrund bestimmter Gruppen- und Milieuzugehörigkeiten nicht mehr primär bedeutsam. Insbesondere dann nicht, wenn sich traditionelle Herkunftsmilieus zunehmend auflösen und Biographien nicht mehr so konsistent und geradlinig verlaufen wie früher. Antisemitismus „wäre dann abhängig von bestimmten Persönlichkeitsstrukturen (kognitive Fähigkeiten, Autoritarismus usw.)“ (Bergmann & Erb, 2000, S.435).
Gleichwohl ist aber auch eine andere Argumentationsrichtung möglich: Der Zerfall traditioneller Herkunftsmilieus und die Entstehung von „Patchwork-Biographien“ bedingt - entsprechend dem momentanen sozialen Status - eine nur temporäre Teilhabe an Subkulturen. Folglich sind es also auch weiterhin gruppale Prozesse, die den Antisemitismus steuern, aber dann in einer veränderlicheren und an die Besonderheiten der Gesellschaft angepassteren Form. Über diese, von Bergmann und Erb angestellten Überlegungen lässt sich trefflich diskutieren: Die Ursachenbeschreibung des Antisemitismus stellt sich zunehmend diffuser dar, soziodemographische Merkmale oder soziale Faktoren antisemitischer Einstellungen verlieren im Vergleich zu den Ergebnissen der Antisemitismusstudien früherer Jahrzehnte deutlich an Einfluss.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Gegen das Primat der Persönlichkeit spricht die unterschiedliche regionale Ausprägung des Antisemitismus:
Die Tatsache, dass die verschiedenen Minderheiten in unterschiedlichem Maße Ablehnung erfahren und
dass Antisemitismus in Westdeutschland, Xenophobie hingegen in Ostdeutschland stärker ausgeprägt ist,
stellt die Autoritarismus- und Ethnozentrismustheorie vor theoretische Probleme […] doch müssen hier in
die Theorie historische Lernprozesse […] und Annahmen über die Wirkung des Zusammenlebens […] auf
die kulturelle und soziale Distanz als Einflussfaktoren integriert werden. (Bergmann & Erb, 2000, S. 435)
Die Autoren plädieren somit für eine integrierende Betrachtung von Persönlichkeitsvariablen und Gruppenprozessen. Diese Sicht ist intuitiv plausibel, dem modernen Forschungsstand entsprechend und analog zu der bereits beschriebenen Sozialen Dominanztheorie. 34
Die in diesem Abschnitt erfolgte Gegenüberstellung der SDO und des Autoritarismus ist eine wichtige Basis für die vorliegende Arbeit. In Anlehnung an die weiter oben dargelegten Überlegungen von Six, Wolfradt und Zick (2001) bzw. Funke (2002a) verstehe ich RWA und SDO als unterschiedliche Formen generalisierter Einstellungen. So erscheint die Soziale Domi-nanzorientierung als das modernere und breiter gefächerte Einstellungskonstrukt als der Autoritarismus. Dies schmälert zwar die Bedeutung des RWA für die Vorurteilsforschung nicht, dennoch ist eine verschieden starke Aufklärungskraft des heutigen Antisemitismus durch beide Konstrukte nicht abwegig.
Bislang wurden eher allgemeine Theorien und Erklärungskonzepte der Vorurteilsforschung beschrieben. Das nachfolgende Kapitel behandelt ausgewählte Ansätze der Antisemitismus-und Rechtsextremismusforschung und soll die Besonderheiten des deutschen Nachkriegsantisemitismus verdeutlichen.
34 Bergmann und Erb lassen den Leser aber im Unklaren, was sie begrifflich unter „bestimmten Persönlichkeits-
strukturen“ verstehen. Dennoch erscheint mir ihre Gegenüberstellung nicht ohne Hintersinn, da dadurch die
Wandlungsfähigkeit des Antisemitismus auf einer theoretischen Ebene thematisiert und die erklärende Bedeu-
tung individueller resp. gruppaler Prozesse in den Kontext der Antisemitismusforschung gestellt wird. Die da-
durch aufgeworfene Frage, ob Persönlichkeitsstrukturen, die Gesellschaft oder miteinander einhergehende Ein-
flüsse aus beiden Faktoren für die Ausbildung diskriminierender Einstellungen verantwortlich sind, ist keines-
wegs trivial und gesellschaftspolitisch bedeutsam. Nicht zuletzt deshalb, weil die Genese der Persönlichkeit in
Teilen als genetisch determiniert verstanden wird (Erbe-Umwelt Kontroverse) und folglich individuelle charak-
terliche Grundzüge (traits) anteilsmäßig auf Vererbung zurückzuführen sein könnten. Die Aufstellung einer
einfachen Gleichung derart, dass „schlechte Gene“ in Kombination mit deprivierten bzw. schwierigen Lebens-umständen „böse Menschen“ hervorbringt ist aber nicht gerechtfertigt. Vielmehr müssen Persönlichkeitsvariab-
len als sehr allgemeine Verhaltenstendenzen betrachtet werden, deren Entwicklung und Ausprägung von gesell-
schaftlich zur Verfügung gestellten Möglichkeitsräumen, Deutungsangeboten abhängig ist bzw. mit diesen in
wechselseitiger Beziehung stehen.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
II.3.5. Ansätze der Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung
Die von Zick (1997) unter Diskursbereich D eingeordneten Theorien und Erklärungsansätze analysieren die Entstehung und Aufrechterhaltung von vorurteilsverwandten Phänomenen weniger auf individuellen oder gruppalen Erklärungsebenen, sondern betrachten im Schwerpunkt den phänomenalen und situationsspezifischen Kontext. Besondere Merkmale des (deutschen) Rechtsextremismus bzw. des Antisemitismus, wie beispielsweise ein spezifischer his-torisch-ideologischer Hintergrund werden durch diese Ansätze explizit erfasst. Durch die Klassifikation in einen eigenen Diskursbereich wird verdeutlicht, dass Rechtsextremismus und Antisemitismus den „klassischen“ Vorurteils- oder Rassismusformen zwar sehr ähnlich sind, ihre Charakteristik aber zusätzliche Erklärungen verlangen. Deshalb werden hier zwei für die vorliegende Arbeit relevante Theorien der Antisemitismus-forschung besprochen, nämlich der Ansatz von Bergmann und Erb (1986; 1991a) und der daran anknüpfende Dreikomponentenansatz des Antisemitismus von Frindte, Funke und Jacob (1999).
II.3.5.1. Der Ansatz von Bergmann und Erb
Streng genommen stellen die Überlegungen von Bergmann und Erb keine in sich geschlossene sozialpsychologische Antisemitismustheorie dar. Ihre Herangehensweise ist vielmehr soziologisch orientiert, mit dem Anspruch, die soziale Struktur des antisemitischen Vorurteils zu erfassen.
Die Autoren deuten den deutschen Nachkriegsantisemitismus als spezifische Form, als Sonderfall des Antisemitismus und führen zur Fundierung dieser These einige gewichtige Gründe an: Mit der Zerschlagung des NS-Regimes wurde dessen antisemitische Staatsideologie abrupt beseitigt. Nach Kriegsende war es nur unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Konsequenzen möglich, antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit zu propagieren. Durch den Entzug öffentlicher Legitimation und die Tabuisierung des nach wie vor in der Bevölkerung weit verbreiteten antisemitischen Gedankengutes entstand ein „reprivatisierter und entideologisierter Antisemitismus“, ein „nicht-militanter und nicht-fanatischer Alltagsantisemitismus“ als privates Massenvorurteil (Bergmann & Erb, 1986, S. 224). Gelegentlich wird in
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
diesem Zusammenhang auch von einem „Antisemitismus ohne Antisemiten“ gesprochen (Marin, 1979).
Die nationalsozialistische Ermordung von einem Drittel der jüdischen Weltbevölkerung und der nach 1945 einsetzende Exodus zahlreicher Juden führten dazu, dass nur noch eine geringe Anzahl jüdischer Menschen in Deutschland verblieben. Bergmann und Erb nehmen an, dass antisemitische Vorurteile dadurch abstrahiert und abgeschwächt wurden, einerseits weil „die selektive Wahrnehmung [der Juden] wenig Anhaltspunkte besitzt“ („Antisemitismus ohne Juden“) und zum anderen, da es in Asylanten und Arbeitsemigranten geeignetere Feindbilder gab und gibt, auf die die psychische Energie der Antipathie umgeleitet werden kann (Bergmann & Erb, 1986, S. 224).
Zum Dritten muss die Betrachtung des deutschen Antisemitismus nach 1945 im Kontext der politischen Nachkriegsentwicklung geschehen, da beispielsweise bundespolitische Debatten über Schuld und Wiedergutmachung im Zusammenhang mit antisemitischen Einstellungen der Bevölkerung stehen. Eine unpolitische Betrachtungsweise des deutschen Nachkriegsantisemitismus vermag daher nicht dessen primäre Ursachen und Strukturen zu erfassen.
Aufgrund dieser Besonderheiten halten die Autoren eine Vielzahl soziologischer/psychologischer Vorurteilstheorien für die Antisemitismusforschung als nur eingeschränkt geeignet:
Der Antisemitismus hat heute seine Funktion als […] Ideologie in Deutschland verloren und überdies wohl
auch sozialpsychologische Wandlungen durchgemacht […]. Es ist daher in Betracht zu ziehen, dass die
klassischen psychodynamischen und krisentheoretischen Antisemitismustheorien nicht mehr voll greifen.
(Bergmann & Erb, 1986, S. 244)
Mit der öffentlichen Tabuisierung judenfeindlicher Ansichten entwickelte sich in Deutschland eine spezifische Form sozialer Latenz, welche bis in die heutige Zeit hinein fortbesteht. Soziale Latenz ist von psychischer Latenz abzugrenzen, da letztere, wohl als Resultat psychischer Verdrängung, auf der personellen Bewusstseinsebene verortet wird und man sie deshalb auch als Bewusstseinslatenz bezeichnet. Kommunikationslatenz, als soziale Latenz auf der Ebene gesellschaftlicher Systeme, charakterisieren Bergmann und Erb (1986, S. 226) in Anlehnung an Luhmann (1984) als „das Fehlen bestimmter Themen zur Ermöglichung und Steuerung von Kommunikation.“ 35 Mit dem Zwecke der Kommunikationssteuerung erhält die Kommu-
35 Zwischenbeiden Latenzformen nimmt Luhmann (1984, S. 458) Interdependenzen an, „da Kommunikation ein
hinreichendes Maß von Bewusstheit erfordert und umgekehrt Bewusstsein zur Kommunikation drängt.“
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
nikationslatenz eine funktionale Bedeutung: Sie reguliert, was öffentlich thematisiert wird und was nicht.
Hinsichtlich des bundesdeutschen Antisemitismus spricht einiges für die Existenz funktionaler Kommunikationslatenz, da die Auseinandersetzung mit der Shoa gesellschaftlich noch nicht abgeschlossen ist, antisemitische Einstellungen in anonymen Situationen stärker geäußert werden als in der Öffentlichkeit und antisemitische Entgleisungen vereinzelter Publizisten, Politiker und Journalisten massive öffentliche Kritik nach sich ziehen. 36
Die Annahme, dass Kommunikationslatenz bestimmte Funktionen übernimmt, wirft die Frage auf, warum dies notwendig ist. In Bezug auf die Situation Nachkriegsdeutschlands schützten oben angesprochene Regelungen der Kommunikation und sich daraus ergebende Kommunikationsverbote den Aufbau staatlicher und gesellschaftlicher Ordnungen. Sie übernahmen also die Funktion des (innerstaatlichen) Strukturschutzes.
Diese doch recht abstrakte Erläuterung kann am Beispiel des Antisemitismus konkretisiert werden: Der Wunsch der deutschen Bevölkerung nach Normalität und Gründung eines demokratischen Nachfolgestaates war nur durch die Abkehr von der nationalsozialistischen Ideologie möglich. Dabei sah sie sich mit einem erheblichen Glaubwürdigkeitsproblem konfrontiert, da sie die antisemitische Staatsdoktrin des Nationalsozialismus über ein Jahrzehnt mitgetragen oder zumindest geduldet hatte. Die Ausrufung der „Stunde Null“, der vollständige Neuanfang, stellte den Versuch dar, die faktisch gegebene und notwendige personelle Kontinuität durch Betonung von Diskontinuität zu überdecken (vgl. Bergmann & Erb, 1986, S. 228). Die öffentliche Äußerung der alten antisemitischen Ideologie hätte den Neubeginn aber in Frage gestellt, doch war der Antisemitismus immer noch im Denken vieler Deutscher vorhanden. Um den Aufbau der neuen Demokratien zu schützen, musste der Antisemitismus in der Öffentlichkeit tabuisiert, also strukturfunktionale Kommunikationslatenz erzeugt werden. 37 Erst mit zunehmender Stabilisierung der staatlichen Ordnung war die Auseinandersetzung mit den „heiklen Themen“ der NS-Vergangenheit möglich.
Der Latenzschutz war - und ist es in einer an die heutige politische Situation angepassten Form immer noch - auch außenpolitisch bedeutungsvoll. Bundesdeutsche Integrationsbestre-
36 Folglichliegt Bewusstheit vor, was gegen rein faktische Bewusstseinslatenz (durch Unkenntnis) spricht. Rein
faktische Kommunikationslatenz, bedingt durch fehlende Kommunikation aufgrund allgemeinen Desinteresses,
erscheint sehr unwahrscheinlich, da die Thematik in der Bevölkerung bekanntlich präsent war und ist.
37 In diesem Zusammenhang macht Luhmann (1984, S. 459) eine interessante und erforderliche Anmerkung:
„Wenn Strukturen Latenzschutz benötigen, heißt dies dann nicht, dass Bewusstheit bzw. Kommunikation un-möglich wäre; sondern es heißt nur, dass Bewusstheit bzw. Kommunikation Strukturen zerstören bzw. erhebli-che Umstrukturierungen auslösen würde, und dass diese Aussicht Latenz erhält, also Bewusstheit bzw. Kommu-
nikation blockiert.“
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
bungen ins westliche Lager und außenpolitischer Druck erforderten die glaubhafte Bestätigung der gelobten Besserung. In diesem Zusammenhang sind die auf parlamentarischer Ebene verabschiedeten Gesetze zur Wiedergutmachung als Staatsraison zu verstehen und damit weniger als Ergebnis gesellschaftlicher Aufarbeitung des Antisemitismus. Die notwendige Durchsetzung der Entschädigungsleistungen konnte nur durch die Schaffung entsprechender Kommunikationsverbote gelingen, da eine breite gesellschaftliche Debatte aufgrund der noch vorhanden antisemitischen Ressentiments in weiten Teilen der Bevölkerung für die Verabschiedung entsprechender Gesetze äußerst hinderlich gewesen wäre.
Fast sechs Jahrzehnte nach Kriegsende ist eine Kommunikationssperre aus oben beschriebenen Beweggründen nicht mehr anzunehmen. Die Bundesrepublik Deutschland, als Demokratie mit stabilen staatlichen und gesellschaftlichen Ordnungen, benötigt eine derartige Tabuisierung des Antisemitismus zum Zwecke des innerstaatlichen Strukturschutzes nicht mehr. Folglich ist die historische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und damit auch die Ausein-andersetzung mit der antisemitischen Ideologie des Nationalsozialismus seit einiger Zeit möglich. Dies bedeutet nicht, dass das Kommunikationsverbot aufgehoben wurde. „Harte“ öffentliche antisemitische Äußerungen sind auch weiterhin von strafrechtlicher Relevanz, da mit der bundesdeutschen Grundordnung unvereinbar. 38 Es bedeutet aber, dass das antisemitische Potential der Bevölkerung nicht mehr negiert und öffentlich thematisiert wird.
Für eine zunehmende Durchbrechung der Kommunikationslatenz spricht das Absinken des Latenzinteresses der Nachkriegsgeneration, da sie durch die „Gnade der späten Geburt“ selbst nicht in die NS-Verbrechen der Väter involviert war. Also möchte diese Generation vermehrt nicht mehr in Verantwortung genommen werden und dringt auf die Aufhebung des „unnormalen“ Kommunikationsverbotes. Bergmann und Erb (1986, S. 229) bemerken, dass
die Ablehnung dieser Aufhebung und das Aufrechterhalten der Schuldzumutung […] immer häufiger offen
als mögliche Ursache eines neuen Antisemitismus genannt [wird].
Die Autoren gehen in ihren theoretischen Überlegungen noch einen Schritt weiter und erwarten, dass mit „Normalisierung der Kommunikation“ öffentliche antisemitische Äußerungen in der Zukunft zunehmen werden, da der Antisemitismus in der Bevölkerung fortbesteht.
38 Entsprechende Regelungen sind dem deutschen Strafgesetzbuch (§ 130, Abs. 1 und 3) zu entnehmen. Zu einer
geeigneten Kommentierung des Gesetzestextes ist Schönke (2001) zu empfehlen.
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Doch im Grunde verhindern gerade die vorhandenen antisemitischen Einstellungen die Normalisierung, die Einleitung eines „natürlichen Verhältnisses, das nicht durch den Zusammenhang von Schuld und Opfer bestimmt wird“ (Bergmann & Erb, 1986, S.229). Sie verhindern es, weil ihre Inhalte auf der antisemitischen NS-Ideologie aufbauen, weil sie die Juden für den Antisemitismus verantwortlich machen und die deutsche Schuld relativieren. Solange diese Überzeugungen in einem nicht vernachlässigbaren Maße im Bewusstsein vieler vorhanden sind, kann kein „natürliches Verhältnis“ entstehen, auch wenn die Nachkriegsgeneration nicht für die Shoa verantwortlich ist. Deswegen bleibt die Kommunikationslatenz antisemitischer Aussagen weiterhin bestehen. 39
Luhmanns These, dass sich psychische und soziale Systeme wechselseitig stören können, da ihre Latenzbedürfnisse nicht übereinstimmen, folglich Bewusstsein soziale Latenzen im Drang zur Kommunikation zu unterminieren vermag, rechtfertigt die empirische Suche nach geeigneten Formen der Latenzdurchbrechung (zur These vgl. Luhmann, 1984, S. 456ff.). Zum einen kann antisemitische Kommunikation im Rahmen Gleichgesinnter (Konsensus-Gruppen) offen stattfinden. Eine weitere Möglichkeit besteht in der thematischen Verschiebung bzw. Umleitung auf mit Juden eng verknüpfte gesellschaftliche bzw. ideologische Kontexte (Überfremdung, Antikommunismus). Für vorliegende Arbeit interessanter ist aber eine andere Kommunikationsform, die der Ersatzkommunikation. Diese eignet sich immer dann für die Latenzdurchbrechung, wenn für sie das Kommunikationsverbot nicht gilt, nicht in gleicher Strenge gilt oder in der Öffentlichkeit strittig ist, ob deren Inhalte der Zensur unterliegen. Als Ersatzkommunikation für antisemitische Einstellungen könnte daher der Antizionismus dienlich sein, da dessen Beziehung zum Antisemitismus in der Gesellschaft umstritten ist und deshalb antizionistische Äußerungen nicht eindeutig unter das Kommunikationsverbot des Antisemitismus gestellt werden.
Die Unklarheit inwieweit Antizionismus als Nebenform des Antisemitismus zu charakterisieren ist, basiert möglicherweise auf unterschiedlichen Motiven antiisraelischer Äußerungen. So vermuten Bergmann und Erb (1991a), dass die Kritik an Israel zum einen auf pazifistischen Weltanschauungen, liberalen Wertevorstellungen bzw. einem linken Politikverständnis beruht und Israel als (imperialistischer) Staat mit einer aggressiven Militär- und Besatzungspolitik
39 Die Annahme, dass das Aufrechterhalten von Kommunikationslatenz weiterhin notwendig sei, um den Anti-
semitismus bzw. dessen Anwachsen zu verhindern, ist umstritten. Eine gegensätzliche Position meint, dass diese
Zensur den Antisemitismus eher fördere und nur durch die weitgehende Durchbrechung des Kommunikations-
verbotes antisemitische Einstellungen thematisiert, unter Veränderungsdruck gestellt und damit verringert wer-
den können.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
gesehen wird. Diese Argumentation auf politischer Ebene - die ein gewisses Politikinteresse voraussetzt - muss nicht zwangsläufig mit antisemitischen Elementen unterfüttert sein, da judenfeindliche Einstellungen für die Ablehnung der israelischen Politik prinzipiell unrelevant sind. Andererseits sind antiisraelische Überzeugungen aber dann antisemitisch, wenn Israel als „Judenstaat“ identifiziert und negativ bewertet wird, folglich Israelis mit Juden gleichgesetzt und letztere kollektiv - quasi als „Tätervolk“ - für die Politik Israels haftbar gemacht werden. Die Israelpolitik dient in diesem Falle als Bestätigung für das „zerstörerische Potential des Judentums“ bzw. der individuellen antisemitischen Einstellungen. Auch eignet sich die Diskreditierung der israelischen Politik zur moralischen Aufrechnung und Relativierung der deutschen Schuld, z.B. wenn Vergleiche zwischen der israelischen Palästinenserpolitik und der nationalsozialistischen Judenverfolgung angestellt werden. Eine derartige Argumentationsstrategie mündet zumeist in der unausgesprochenen Frage: „Wie kritikwürdig und moralisch integer ist ein Staat, dessen politische Vorgehensweisen mit NS-Praktiken vergleichbar sind?“ Damit wird deutlich, dass diese Kritikform ein eindeutiges Interesse verfolgt: Sie bedient Bestrebungen der extremen Rechten. Sie ist antizionistisch und antisemitisch zugleich.
Oben dargelegte Ausführungen zeigen die Schwierigkeiten auf, die der psychologischen Er-forschung von Antizionismus und dessen ersatzkommunikative Beziehung zu Antisemitismus im Wege stehen. Antizionismus und Israelkritik sind unklar definiert und daher nicht ohne weiteres voneinander trennbar. Bergmann und Erb (1991a) weisen auf erhebliche Schwierigkeiten der präzisen Sinnbestimmung des Antizionismus hin und beschreiben das in der entsprechenden Literatur anzutreffende Antizionismusverständnis. Aussagen werden demnach dann als eindeutig antizionistisch eingeschätzt, wenn diese Israel das
Existenzrecht absprechen und den Zionismus als eine imperialistische und rassistische Ideologie bezeich-
nen. Bei anderen Punkten der Israelkritik ist die Einschätzung als ‘antizionistisch’ vom politischen Standort
abhängig. (Bergmann & Erb, 1991a, S. 191)
Im Hinblick auf die Antisemitismusforschung wird die Eignung dieser begrifflichen Bestimmung aber relativiert, da es nach Auffassung der Autoren unwahrscheinlich ist, dass die Allgemeinheit in diesen israelkritischen Kategorien der „extremen Linken“ denkt, sondern sich hauptsächlich an aktuellen Ereignissen orientiert und diese im Kontext bestehender Einstellungen bewertet. Mit anderen Worten und die Sichtweise der Autoren zusammenfassend: Der offene Antizionismus der Linken ist vorrangig „eine [nichtantisemitische] Deduktion aus der
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Imperialismuskritik“, währenddessen antizionistische Äußerungen der Allgemeinheit auf die „fallweise […] negative Assoziation vom Israeli zum Juden“ zurückgeführt werden und auf vorhandenen antisemitischen Überzeugungen basieren (Bergmann & Erb, 1986, S. 232). 40 Wenn Antisemitismus der funktionalen Kommunikationslatenz unterliegt, dann ist es untersuchenswert, inwieweit Antisemiten die öffentliche Äußerung antisemitischen Gedankengutes meiden. Da sich Bewusstsein kommunikativ äußern will, dies aber aufgrund des bestehenden Kommunikationsverbotes nur in der Anonymität oder über ersatzweise Kommunikation möglich ist, sollten sich ebenfalls empirische Evidenzen finden lassen, die auf einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Ersatzkommunikation (hier Antizionismus) hinweisen.
Zur empirischen Prüfung dieser Thesen, benötigten Bergmann und Erb (1991a) zwei theoretische Vorraussetzungen. Grundlegend muss zunächst angenommen werden, dass antisemitische Überzeugungen in der Bevölkerung tatsächlich kommunikations- und nicht bewusstseinslatent fortbestehen. Ansonsten wäre eine Erhebung unsinnig, da sich unbekannte, verdrängte oder unbewusste Einstellungen so nicht erschließen würden. Die zweite Bedingung bezieht sich auf die von den Probanden subjektiv wahrgenommene Anonymität der Befragung. Eine Durchbrechung des Tabus, also die Äußerung der antisemitischen Einstellung, findet nur dann statt, wenn die Befragungssituation von den Versuchspersonen als anonym definiert wird. Falls dies nicht der Fall ist, kommt es sehr wahrscheinlich zur Abgabe sozial erwünschter Antworten bzw. zur Verweigerung der Mitarbeit. Die Problematik der sozialen Erwünschtheit ist seit längerer Zeit bekannt, wird im Kontext der sozialpsychologischen Vor-
40 Offensichtlichist die Abgrenzung der Israelkritik vom Antizionismus und sind deren Beziehungen zum Anti-
semitismus nicht leicht herzustellen. In meinem Verständnis widerspricht der Antizionismus, als Antonym zum
Zionismus, schon per definitionem der Gründung bzw. der Legitimation des Staates Israel, was aber noch nicht
bedeutet, dass dies aufgrund antisemitischer Motive geschehen muss. Eine Argumentationsbasis bildeten bei-
spielsweise völkerrechtliche Bedenken bezüglich der israelischen Staatsgründung (vgl. Hillgruber, 1998, S
499f). Andererseits kann, wenn die Entwicklung des Antizionismus nicht im politischen Kontext diskutiert wird,
mit einiger Berechtigung nach dessen antijüdischer Motiviertheit (z. B. durch religiöse, historische Gründe)
gefragt werden. Dann wäre Antizionismus aber nicht mehr nur Ersatzkommunikation, die sich als politisches
Instrument der wohl kalkulierten Störung und Durchbrechung des Kommunikationsverbotes eignet, sondern
wäre selbst Antisemitismus.
Die Israelkritik nimmt meines Erachtens primär Stellung zu (aktuellen) politischen Ereignissen, ohne Israel
zwangsläufig das Existenzrecht abzusprechen oder in irgendeiner Art und Weise auf den Zionismus einzugehen.
Damit sind akzeptierte israelkritische Äußerungen kein Privileg der Linken, Liberalen oder Pazifisten und stehen
zunächst nicht im Zusammenhang mit dem politischen Standort des Akteurs. Nur so ist zu verstehen, dass Ver-
treter des rechten Randes der konservativen Parteien unter dem Deckmantel des „Das wird man ja wohl mal
sagen dürfen“ israelkritische Aussagen sehr subtil mit antizionistischen und antisemitischen Tendenzen vermi-
schen können. Bergmann und Erb (1991a) meinen wohl eher die politische Intention (also den politischen Stand-
punkt) deran Israel Kritik übenden Person.
Provokant kann weiterhin gefragt werden, ob Antizionismus tatsächlich als ersatzweise Kommunikation des
Antisemitismus aufzufassen ist, da, zumindest auf der politischen Bühne Deutschlands, antizionistische Äuße-
rungen nicht (mehr) zugelassen werden. Möglicherweise stellt Israelkritik das geeignetere Instrument der Ersatz-kommunikation für Antisemitismus und Antizionismus dar.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
urteilsforschung immer wieder diskutiert und deren Feststellung wirkt fast schon trivial. Dennoch scheint sie hier besonders erwähnenswert, da der Antisemitismus dem Kommunikationsverbot unterliegt und zu den „heiklen“ Themen der Gesellschaft zählt.
Zur Prüfung genannter Überlegungen befragten die Autoren 1987 über 2100 Personen. In ihr Erhebungsinstrument/Interview nahmen sie unter anderem Variablen zur Abfrage antisemitischer und antizionistischer Positionen sowie kommunikationslatenter Tendenzen auf. Der von Bergmann und Erb konstruierte Index zu Kommunikationslatenz (Cronbachs Alpha =.57) enthält drei Items, die inhaltlich eine Verbindung zwischen der Äußerung negativer jüdischer Einstellungen und der daraus folgenden befürchteten gesellschaftlichen Sanktionierung herstellen. Die Ergebnisse der statistischen Auswertung sprechen für einen Zusammenhang zwischen Kommunikationsscheu und Antisemitismus. Die Skalen beider Konstrukte korrelieren mit einem Korrelationskoeffizienten von r=.47 mittelstark. Weitere deskriptive Analysen vermögen dieses Bild zu vervollständigen. Die Mehrheit der stark antisemitisch eingestellten Probanden (55 Prozent) erzielt hohe Werte auf dem Latenz-Index. Nur knapp ein Fünftel der Antisemiten fühlt sich frei von Latenzdruck. Dagegen äußern über 80 Prozent der Nicht-Antisemiten keine Kommunikationsvorbehalte.
Genannte Ergebnisse werden von den Autoren wie folgt interpretiert: Den antisemitisch Eingestellten ist der Latenzdruck durchaus bewusst. Sie wissen, dass ihre Ansichten in der Öffentlichkeit nicht toleriert werden. Sie äußern sich aber ihren Überzeugungen entsprechend, wohl, weil sie die Befragung als anonym wahrnehmen. Je stärker die antisemitische Einstellung, desto wahrscheinlicher auch die Vermeidung der öffentlichen Thematisierung. Allerdings gibt es einige Personen, die zwar eine hohe Kommunikationsscheu angeben, aber nicht als antisemitisch eingestuft werden können. Möglicherweise sei dies ein Indiz für angepasstes Antwortverhalten. Insgesamt schlussfolgern die Autoren, dass Kommunikationslatenz und Antisemitismus eng miteinander verbunden sind, sich aber nicht völlig decken (vgl. Bergmann & Erb, 1991a, S. 280f; vgl. auch Bergmann & Erb, 1991b, S. 512ff.). Zur Beurteilung inwieweit Antizionismus als ersatzweise Kommunikation des Antisemitismus auftritt, waren im Fragebogen/Interview Items zur „extrem scharfe[n] und überzogene[n] Kritik an der Politik Israels“ beinhaltet (Bergmann & Erb, 1991a, S. 191). Nach faktoranalytischer Itemselektion wurde ein Antizionismusindex aus denjenigen Variablen der politischen Israelkritik gebildet, die hoch auf einen Faktor („Aggressives Israel“) laden. Die interne Konsistenz der aus fünf Items bestehenden Skale fiel mit einem Cronbachs Alpha von .67 nur
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
mäßig aus. Nach Analyse der Daten berichten die Autoren von hohen positiven Wechselbeziehungen(r = .56) zwischen antisemitischen und antizionistischen Überzeugungen:
Es gilt also: je stärker die antisemitische Überzeugung, desto wahrscheinlicher schließt sie auch eine antizi-onistische Einstellung ein. Das Gleiche gilt umgekehrt. (Bergmann & Erb, 1991a, S. 193)
Ihre Annahme, dass antiisraelische Haltungen unterschiedlichen Motivkomplexen zu Grunde liegen, sehen die Autoren insofern bestätigt, da sich ca. ein Drittel der Antizionisten/Israelkritiker nicht antisemitisch äußert. Diese Gruppe repräsentiert Wähler des liberalen bzw. linken Parteienspektrums, steht den Ansprüchen Israels auf Wiedergutmachung und Erinnerung positiv gegenüber, ist aber hinsichtlich der Israelpolitik pro-palästinensisch eingestellt. Gegensätzlich dazu die „antisemitischen Antizionisten“: Sie bevorzugen bei der Wahl eher die konservativen Parteien, befürworten den Kampf der Palästinenser nur zu einem kleinen Teil und beurteilen Israel „stärker im Kontext antijüdischer Klischees“ (Bergmann & Erb, 1991a, S. 196).
Diese Ergebnisse sprechen zwar für eine gewisse empirische Evidenz beschriebener Motivkomplexe, jedoch sind sie nicht vorbehaltlos zu interpretieren, da die Beziehungen zwischen Antizionismus, Parteipräferenz und Unterstützung der palästinensischen Politik bei den kleinen Parteien über sehr geringe Fallzahlen hergestellt werden. Ungewiss ist auch, inwieweit die Abfrage der Parteipräferenz und der Palästinenserunterstützung das tatsächliche - und für die postulierten Motivkomplexe relevante - politische Denken der Probanden zu erfassen bzw. zu unterscheiden vermag. Auch bereitet der von den Gelehrten konstruierte Antizionismus-Index Schwierigkeiten, da nicht eindeutig vermittelt wird, auf welchen theoretischen Überlegungen derselbe aufbaut. Einerseits sei die Einschätzung unbestimmter Formen der Israelkritik als antizionistisch in Abhängigkeit vom „politischen Standort“ zu sehen (siehe oben) oder es „zur Begründung einer antiisraelischen Haltung zwei unterschiedliche Motivkomplexe gibt“ (Bergmann & Erb, 1991a, S. 195, Hervorhebung nicht im Original). Andererseits vermuten Bergmann und Erb, dass das,
was der Index als antizionistischen Komplex zusammenfasst […], unterschiedlichen politischen Motiven
entspringen könnte [und] für die Ablehnung Israels auf der ‘Rechten’ [...] wahrscheinlich […] der traditio-
nelle Antisemitismus verantwortlich [ist]. (Bergmann & Erb, 1991a, S. 194, Hervorhebung nicht im Origi-
nal)
Offenbar erachten die Autoren eine eingehende Auseinandersetzung mit der begrifflichen Bestimmung von Israelkritik, Antiisraelismus und Antizionismus für zweitrangig bzw. begrei-
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
fen deren Inhalte als äquivalent. Dies ist nicht angreifbar, da Ermessenssache, verursacht aber Verständnisschwierigkeiten.
Überzeugend ist die Vermutung, dass hinter antizionistischen bzw. israelkritischen oder antiisraelischen Statements wie auch immer geartete politische Motive stehen. Überzeugend ist auch, dass sich diese bei Linken, Liberalen, Pazifisten, Konservativen und rechten Ultras unterscheiden können. Damit erscheint ein genereller Antizionismus-Index gerechtfertigt. Nur, wenn Zusammenhänge zwischen allgemeinem Antizionismus und Antisemitismus untersucht werden sollen, darf derselbe aber keine antisemitischen Beimischungen beinhalten. Zumindest bei einem Item des Indikators ist eine derartige Konfundierung nicht auszuschließen. Womöglich sind die postulierten Zusammenhänge antizionistischer und antisemitischer Ansichten so unter anderem Folge der Indexkonstruktion. 41 In weiteren Auswertungsschritten untersuchten die Forscher die Bedeutung der NS-Vergangenheitsbewältigung für antisemitische Motiviertheit. Unter Vergangenheitsbewältigung werden Schlussstrichforderung, Schuldabwehr bzw. die Ablehnung von Verantwortung zusammengefasst und als Abwehr- bzw. Aufrechnungsstrategien verstanden. Erwartungsgemäß befürwortet der überwiegende Teil der Antisemiten den Schlussstrich und meint, dass nicht nur die Deutschen, sondern auch die Juden eine Mitschuld an der Shoa tragen. Zwar treten derartige Überzeugungen auch bei den nicht antisemitisch Eingestellten auf, jedoch in deutlich geringerer Häufigkeit.
Bezüglich der Ablehnung von historischer und materieller Verantwortung liefern die Daten ähnliche Beziehungen zu Antisemitismus. Doch inwieweit Aspekte der „unbewältigten Vergangenheit“ und speziell die Verantwortungsablehnung als Formen oder gar Ursachen eines neuen Antisemitismus angesehen werden können, ist mittels der Umfrageergebnisse nicht zu ergründen, da die Korrelationsanalysen keine Aussagen über die dimensionale Struktur des antisemitischen Vorurteils bzw. die Wirkrichtung des Zusammenhangs zulassen (vgl. Bergmann & Erb, 1991a, S. 233ff.).
Verantwortungsablehnung als Komponente, als Dimension des gegenwärtigen Antisemitismus? Diese These ist Gegenstand eines weiteren Ansatzes der Antisemitismusforschung.
41 Gemeint ist Item 5 des Antizionismus- Index: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im
Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“ (Bergmann &
Erb, 1991a, S.192). Der (politisch und historisch interessierten) Öffentlichkeit dürfte mittlerweile bekannt sein,
dass solche Vergleiche als antisemitisch eingeschätzt werden, somit könnten Ausprägungen auf dieser Variable
unter Beeinflussung von Antisemitismus stehen (vgl. auch url: www.bpb.de/publikationen/0386989922862090
9282874979571873,5,0,Antisemitismus.html, [5.11.2003].
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
II.3.5.2. Der Dreikomponentenansatz antisemitischer Einstellungen
Antisemitismus gehört Frindte et. al zufolge zu
jenen sozialen Konstruktionen über soziale Konstruktionen, mit denen die Konstrukteure (die Antisemiten
und Fremdenfeinde) sich selbst konstruieren. (Frindte et al., 1999a, S. 127)
Als soziale Konstruktionen werden, in der sozial-konstruktivistischen Denkart, die von den Mitgliedern sozialer Gemeinschaften geteilten Vorurteile, Einstellungen und Kognitionen bezeichnet. Sie kennzeichnen im weitesten Sinne die Art gemeinschaftlicher Weltdeutungen und dienen der Schaffung relevanter sozialer Bezugssysteme für die kognitive und soziale Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Fremdenfeindlichkeit, das dem Antisemitismus theoretisch vorgeordnete Konstrukt, wird als das soziale Deutungssystem verstanden, mit dessen Hilfe sich Mitglieder sozialer Gruppen abzugrenzen vermögen, indem sie die Eigengruppe aufwerten oder Fremdgruppen abwerten. Diese Auf- bzw. Abwertung gelingt mittels Herstellung von Unterschiedlichkeit der Gruppen (vgl. Frindte, 1999, S. 20ff.). Antisemitismus schließlich ist dasjenige soziale Deutungsmuster, aufgrund dessen „ Aussagen über Juden genutzt [werden], um jene zu Sündenböcken für die antisemitischen Wirklichkeiten zu machen“ (Frindte, 1999, S. 84). Er entspricht demnach sozialen Konstruktionen, die die soziale Gemeinschaft der Juden abwerten, indem sie Juden als Juden diffamieren. Zur Diffamierung eignen sich einerseits die überlieferten antisemitischen Vorurteile (primäre soziale Konstruktionen), anderseits können neue oder angepasste Zerrbilder (sekundäre soziale Konstruktionen) über Juden entstehen, die sie als Fremde, als bedrohlich und nicht der sozialen Gemeinschaft zugehörig darstellen (vgl. Frindte et al., 1999a, S.120).
Von diesen Überlegungen ausgehend, entwarfen die Autoren ein dreidimensionales Modell des Antisemitismus. Tradierte antisemitische Vorurteile, also „negative soziale Konstruktionen […] über Juden als Juden“ charakterisieren sie als manifesten Antisemitismus (Frindte et al., 1999a, S. 123, Hervorhebung im Original). Manifeste antisemitische Einstellungen können religiös motiviert sein, sich in säkularisierten Formen der Judenfeindschaft ausdrücken oder aber politisch-antijüdische Aussagen zum Inhalt haben. Die zweite Komponente, gekennzeichnet als latenter Antisemitismus, trägt den Besonderheiten des deutschen Nachkriegsantisemitismus Rechnung und steht in enger theoretischer Beziehung zu dem weiter oben dargelegten Ansatz von Bergmann und Erb. Zum Inhalt hat jene Dimension das Tabu der öffentlichen Äußerung antisemitischer Meinungen und entspricht der beschriebenen
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Kommunikationslatenz. Der dritte Bestandteil des antisemitischen Komplexes wird als Ver-antwortungsablehnung der Deutschen gegenüber den Juden beschrieben und bezieht sich auf zentrale Elemente der NS-Vergangenheitsbewältigung. Verantwortungsablehnung wird von den Autoren folglich vergleichsweise breit definiert und thematisiert neben Verantwortung im eigentlichen Sinne auch Schuld und Schlussstrich. Frindte et al. gehen in ihrer theoretischen Konzeption davon aus, dass sich relativ neue (negative) Haltungen Deutscher zu Juden zunehmend in der Ablehnung von Verantwortung ausdrücken und diese einen Teil des modernen Antisemitismus darstellen (vgl. Frindte et al., 1999a, S. 123).
Um die dreidimensionale Struktur des Antisemitismus zu prüfen, wurde 1996 eine weitgehend repräsentative Stichprobe deutscher Jugendlicher befragt (n = 2133). Zur Operationalisierung der abhängigen Variable Antisemitismus und ihrer Komponenten bildeten die Forscher eine 13 Items umfassende Skale (vollständig bei Frindte et al., 1999a, S. 129). Faktoranalytische Auswertungen sprechen für die angenommene Dreifaktorenstruktur: Der Antisemitismus-Index klärt knapp 63 Prozent der Varianz auf, die Variablen der drei Komponenten laden auf die entsprechenden Faktoren. Ergebnisse konfirmatorischer Faktorenanalysen lassen auf untereinander korrelierte Faktoren schließen. Somit bestehen die Dimensionen nicht unabhängig voneinander und bilden, wie es die Autoren ausdrücken, eine „komplexe Beziehungsstruktur“ (Frindte et al., 1999a, S. 124). Unter der Annahme der Kommunikationslatenz ist dies zu erwarten und bestätigt die theoretischen Überlegungen. Bemerkenswert ist, dass sich im Durchschnitt weniger als 10 Prozent der Jugendlichen manifest antisemitisch äußern, aber ein nicht unbeträchtlicher Teil den (positiv gepolten) Items der anderen Subskalen zustimmt. So sprechen sich beispielsweise ein Viertel für den Schlussstrich aus und nur ca. 20 Prozent der Befragten sehen eine besondere Verantwortung der Deutschen gegenüber den Juden. Analog zu den Ergebnissen von Bergmann und Erb (1991a) geben die manifest antisemitisch Eingestellten verstärkt Vorbehalte bei der Äußerung antisemitischer Meinungen an und glauben, dass sich auch Andere nicht trauen ihre eigentliche Überzeugung öffentlich mitzuteilen. Die Beziehung zwischen Verantwortungsabwehr und der tradierten antisemitischen Einstellung sind ähnlich, da hohe Werte des manifesten Antisemitismus mit zunehmender Verantwortungsablehnung einhergehen.
Um zu hinterfragen, ob der manifeste Antisemitismus prädiktive Bedeutung für Verantwortungsablehnung besitzt, führten Frindte et al. regressionsanalytische Berechnungen durch. Der ermittelte Steigungskoeffizient war zwar signifikant, fiel mit einem Betagewicht von β=.128 jedoch eher gering aus. Optimistisch interpretiert könnte man eine gewisse Aufklärungsten-
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
denz vermuten, möglicherweise ist die gefundene Signifikanz aber der großen Stichprobe geschuldet (vgl. Frindte et al., 1999a, S. 126). 42
Resümierend sehen die Autoren die angenommene dreifaktorielle Struktur des Antisemitismus durch ihre Befunde bestätigt. Manifeste antisemitische Einstellungen der Gegenwart sind mit Kommunikationsscheu und Verantwortungsabwehr eng verknüpft, daher ist die
Ablehnung von Verantwortung gegenüber den Juden […] möglicherweise auch eine neue Form von Anti-
semitismus. (Frindte et al., 1999a, S. 127)
„Möglicherweise“, weil der jugendliche Antisemitismus ein spezieller ist und zudem im Kontext einer allgemeinen Fremdenfeindlichkeit vorkommt. Verantwortungsablehnung der NS-Verbrechen erfüllt einerseits die Funktion der „demonstrativen Parteinahme für und die Identifikation mit den Tätern von damals“, somit wird deren Ideologie „zum Modell für den Umgang mit Fremden“ (Frindte et al., 1999a, S. 127). Abwehr von Verantwortung mag andererseits aber auch verdeutlichen, dass sich die dritte Nachkriegsgeneration in anderer Art und Weise als ihre Väter und Großväter mit Schuld und Sühne auseinandersetzt. Die Verweigerung des Schulderbes ist dann
auch ein Zeichen dafür, dass die negative, Schuldgefühle auslösende Identifikation mit den Tätern des Drit-ten Reiches […] für die dritte Generation an integrativer Funktion und an Bedeutung verloren hat. (Frindte
et al.., 1999a, S.127)
Einhergehend mit dem Verlust von Bedeutung der Schuld, nimmt die junge Generation Ver-antwortung als nicht mehr auf sie zutreffendes historisches Überbleibsel wahr und signalisiert implizit, dass die moralische Begrifflichkeit für Verantwortung für sie neu definiert werden muss.
Nicht zuletzt werden antisemitische Äußerungen genutzt, um einer fremdenfeindlichen Gesinnung Ausdruck zu verleihen. Damit liegen die Motive antisemitischer Bekundungen nicht unbedingt in einer traditionellen antisemitischen Einstellung. Juden werden als Fremde ver-standen und deshalb abgelehnt. Antisemitismus wird zum Bestandteil der Fremdenfeindlichkeit, ohne Bezugnahme auf den besonderen geschichtlichen Hintergrund oder überlieferte judenfeindliche Ressentiments. Auch ist das Aufgreifen antijüdischer Aussagen für jugendli- 42 Alsetwas besserer Prädiktor für die Ablehnung von Verantwortung erweißt sich den Daten zufolge die eben-
falls erhobene Ausländerfeindlichkeit (β =.315).
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che Fremdenfeinde deshalb reizvoll, weil sie wissen, dass sie ein Tabu brechen (vgl. Frindte et al., 1999a, S.127).
Antisemitismus der Jungen erscheint also in einem neuen Gewand und tritt nicht mehr nur in Form der überlieferten judenfeindlichen Ressentiments früherer Generationen auf. Es spricht einiges für die Annahme, dass Abwehr von Schuld und Verantwortung eine Facette antisemitischer Einstellungen repräsentiert oder sogar Ursache eines neuen Antisemitismus sein könnte (vgl. Bergmann & Erb, 1986, S. 229).
Sicherlich lassen die Untersuchungsergebnisse keine Verallgemeinerung auf andere Altersgruppen der Bevölkerung zu, da ausschließlich Jugendliche befragt wurden. Man mag einwenden, dass die Erhebung von Ausländer-, Fremdenfeindlichkeit und antisemitischen Einstellungen bei Jugendlichen kritisch zu betrachten ist, da beispielsweise ein gefestigtes politisches Verständnis nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann. Nichtsdestotrotz verüben Jugendliche teils erhebliche fremdenfeindliche und antisemitische Straftaten, die fernab von „Dummen-Jungen-Streichen“ liegen.
Den Ergebnissen und Überlegungen der Autoren folgend, steht die moderne Antisemitismus-forschung vor der Herausforderung, die gewandelte Struktur des antisemitischen Vorurteils zu berücksichtigen und in ihre theoretischen Konzeptionen weitere, aktuelle Dimensionen des Antisemitismus einzubinden. Von Interesse ist demgemäß die Prüfung, inwieweit die postulierte dreidimensionale Beschaffenheit des Antisemitismus auf andere Generationen zutrifft bzw. welche weiteren Aspekte für die Ausbildung und Aufrecherhaltung antisemitischer Meinungen zusätzlich oder anstelle von manifestem Antisemitismus, Kommunikationslatenz und Verantwortungsablehnung relevant sein könnten. Überlegenswert wäre dann auch, ob sich innerhalb der Subdimensionen generationsspezifische Unterschiede offenbaren, also z.B. der manifeste Antisemitismus älterer Menschen ein anderer ist als der jüngerer Populationen.
Einige dieser Fragen versucht die im Rahmen vorliegender Arbeit durchgeführte Studie zu klären, doch vorerst sollen die im zurückliegenden Kapitel vorgestellten Theorien und Ansätze der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung in einem Modell systematisiert werden. Hierzu bietet sich ein von Zick (1997) konstruiertes Heuristisches Modell zur Analyse psychologisch relevanter Zusammenhänge der Basisdeterminanten negativer ethnischer Vorurteile an und wird deshalb im folgenden Abschnitt vorgestellt.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
II.3.6. Ein heuristisches Modell zur Zusammenhangsanalyse
Die Theoriediskussion orientierte sich bislang an der von Zick (1997, S. 17ff.) aufgestellten Diskursklassifikation. Dessen Kategorisierung diente zur Herstellung eines „roten Fadens“ bei der Besprechung der, für Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus als relevant erachteten, verschiedenartigen Theorien und Denkansätze. In Abhängigkeit der theoretischen Herangehensweise nehmen alle vorgestellten Theorien/Ansätze spezifische Basisdeterminanten für die Vorurteilsentstehung, -aufrechterhaltung an.
Zum Zwecke einer integrierenden Betrachtung abstrahierte Zick diese Faktoren soweit, dass sie nicht mehr mit nur einer spezifischen Vorurteilstheorie in Verbindung stehen. Im Anschluss daran wurde zur Systematisierung der Determinanten ein heuristisches Modell entwickelt: Das heuristische Modell zur Analyse psychologisch relevanter Zusammenhänge zwischen Basisdeterminanten und Indikatoren negativer ethnischer Vorurteile (siehe Abbildung).
Abbildung 4: Heuristisches Modell zur Zusammenhangsanalyse relevanter Determinanten und Indikatoren
negativer ethnischer Vorurteile (nach Zick, 1997).
Ausgangspunkt des Modells ist die Annahme dreier Faktorenkategorien. Externe Faktoren vermögen die Vorurteilsbereitschaft entweder direkt zu determinieren oder ihr Einfluss auf die Vorurteile wird durch interne Determinanten mediiert. Den externen Faktoren zugehörig sind (a) demographische Faktoren (Alter, Geschlecht, Religion), (b) Statusdeterminanten wie Bildungsniveau und Schichtzugehörigkeit, des weiteren politisch-ideologische Grundhaltungen, die als (c) politische Präferenzen bezeichnet werden und schließlich die in der Vorurteils-
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forschung bisher wenig beachteten (d) Kontextdeterminanten. Zu letzteren zählen neben demographisch-geographischen Variablen meines Erachtens auch einschneidende geschichtliche Zusammenhänge, also der historische Kontext. 43
In der Annahme, dass externe Faktoren über die vermittelnde Wirkung interner Determinanten auf das Vorurteil einwirken, wurden den erstgenannten interne Faktoren theoretisch nach-geordnet. Letztere teilen sich in (intra-/inter-) personale versus (inter-) gruppale Determinanten auf. Beide spiegeln unterschiedliche Perspektiven der Vorurteilsursache wider. Während personale Determinanten die Ursache ethnischer Vorurteile auf psychische Dispositionen der Individuen oder ihrer engeren Beziehungen zurückführen, betrachten gruppale Determinanten den sozialen Kontext, also die Beziehungen zur Ingroup bzw. die wahrgenommene Differenz zwischen Eigen- und Fremdgruppe der Vorurteilsträger.
Zu den personalen Determinanten interner Faktoren werden im Modell u. a. autoritäre und dogmatische Persönlichkeitsstrukturen bzw. Einstellungssyndrome, Frustration, Sündenbockprojektion, negative Affekte, individuelle Deprivationserfahrungen und kognitive Flexibilität zugerechnet. Da sie nach Meinung der Vorurteilsforschung entweder theoretisch fragwürdig oder erst im Kontext gruppaler Faktoren verständlich sind, werden sie als weniger gewichtig als die Intergruppendeterminanten erachtet. Interessenkonflikte zwischen den Gruppen, fraternale Deprivation, Selbstkategorisierung und Identifikation mit der Majorität sowie Minderheitenkontakt repräsentieren Beispiele intergruppaler Determinanten. Auf der dritten Faktorenebene benennt das Modell vier wesentliche Indikatoren ethnischer Vorurteile. Da sich moderne Vorurteile von traditionellen dahingehend unterscheiden, dass sie nicht mehr so eindeutig als Vorurteile erkennbar sind, also subtiler auftreten, besteht die wichtigste Differenzierung in offenen (traditionellen) und subtilen (modernen) Vorurteilsformen. Weiters wird mit dem Kriterium der Antipathie ein „klassischer Indikator der affektiven Ablehnung“ in das Modell integriert (vgl. Zick, 1997, S. 223). Die Aufnahme der Diskriminierungsintention als vierter Indikator trägt den Ergebnissen der Forschung Rechnung, dass negative ethnische Vorurteile allein keine diskriminierenden Handlungen auslösen, sondern zusätzlich über die Intention der Outgroup-Diskriminierung mediiert werden (vgl. Zick, S. 216ff.).
43 Die externe Determinante „Historischer Kontext“ ist nicht Bestandteil des Modells von Zick (1997) und wird
deshalb eingeklammert dargestellt. Die Aufnahme wird als zulässig angesehen, da Zick ausdrücklich darauf
hinweist, dass weitere Faktoren Bestandteil des Modells sein könnten und die heuristische Modellkonstruktion
Hinzunahmen weiterer Faktoren gestattet (vgl. Zick, 1997, S. 220 und S. 384). Eine empirische Prüfung bezüg-
lich der Gültigkeit als externe Standardvariable ist aber weder von Zick, noch im Rahmen der vorliegenden Ar-
beit erfolgt.
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Die empirische Prüfung des Modells erfolgte anhand der Daten sieben repräsentativer Stichproben (u. a. Euro-Barometer-30-Umfrage, 1988). Einschränkend räumt Zick ein, dass nicht alle Determinanten bei der Analyse berücksichtigt werden konnten und die Operationalisierung der aufgenommenen Faktoren nur mittels einzelner Fragen möglich war. So fehlten bei der Modellprüfung u. a. persönlichkeitsspezifische Einstellungssyndrome (Autoritarismus) und das Konzept der Interessenkonflikte. Doch welches Bild ergeben die Auswertungen? Zick schlussfolgert:
Unter den externen Faktoren ist das Bildungsniveau die entscheidende Determinante ethnischer Vorurteile.
Unter den internen Faktoren sind die wahrgenommene Inkongruenz, eine konservative Orientierung, ein ge-
ringer Kontakt zu Mitgliedern kultureller Outgroups und ein hohes Maß an fraternaler Deprivation die be-
deutsamsten Prädiktoren und Mediatoren ethnischer Vorurteile. (Zick, 1997, S. 387)
Zusätzliche Datenauswertungen replizieren die Annahme, dass negative ethnische Vorurteile als Determinanten diskriminierender Handlungsintentionen anzunehmen sind. Interessant ist die tiefer gehende Betrachtung weiterer externer Faktoren. In Übereinstimmung zu den Ergebnissen von Bergmann und Erb findet auch Zick Effekte der Parteipräferenz auf negative Einstellungen gegenüber Minderheiten. Geprüft wurde ebenfalls eine soziodemographische Kontextdeterminante. Hier zeigte sich, dass der Ausländeranteil nicht signifikant mit der Vorurteilsausprägung zusammenhängt (vgl. Zick, 1997, S. 383ff.).
Nach Meinung Zicks bleibt der heuristische Charakter des Modells weiterhin bestehen. Einmal, weil nicht alle Beziehungen der Modellfaktoren zu ethnischen Vorurteilen erforscht werden konnten oder weitere vertiefende Untersuchungen vonnöten sind, möglicherweise unter Einbeziehung zusätzlicher Determinanten. Zum anderen liegen die Erhebungen über ein Jahrzehnt zurück und somit muss „unklar bleiben, ob sich die ethnischen Einstellungen […] bis heute geändert haben, v. a. wie sie sich geändert haben“ (Zick, 1997, S. 394). 44 Demgemäß versteht der Autor sein Modell als vorläufiges Ordnungsraster, mithilfe dessen sich theoretische Ansatzpunkte für die zukünftige Forschung ergeben.
44 Dieses Problem trifft in ähnlicher Form auch auf die vorgestellten Untersuchungen zum Antisemitismus von
Bergmann und Erb (1991a) zu.
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II.4. Ansatzübergreifende empirische Ergebnisse der Antisemitismusforschung
Erste Umfragen zur Erfassung des antisemitischen Vorurteils wurden bereits wenige Jahre nach Kriegsende in der amerikanischen und britischen Besatzungszone vorgenommen und belegten ein massives Fortbestehen des Antisemitismus bei der deutschen Bevölkerung (vgl. Bergmann & Erb, 1991a, S. 12). Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland führte das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) erste repräsentative Erhebungen zum Antisemitismus durch. Deren Daten werden als das früheste verwendbare Material der deutschen Anti-semitismusforschung angesehen. In den weiteren Jahrzehnten beschäftigten sich die bundesdeutsche Soziologie und (Sozial-) Psychologie nur sporadisch, meist ereignisbezogen mit dem Antisemitismus.
Eine Vergleichbarkeit der Befunde wird dadurch erschwert, dass der Antisemitismus in den Befragungen auf verschiedenen theoretischen Konzepten basierte und deshalb unterschiedlich operationalisiert wurde. Gelten antisemitische Vorurteile auch als Form negativer ethnischer Einstellungen, so kann deren Erforschung nur bedingt im Kontext der Intergruppenbeziehungen erfolgen, da im Gegensatz zu anderen Gesellschaften die jüdische Gruppe im (Nachkriegs-) Deutschland sehr klein ist. Deshalb spiel(t)en Ansätze der amerikanischen Vorurteils-und Minderheitenforschung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem deutschen Antisemitismus eine untergeordnete Rolle. Wenn man den Überlegungen von Bergmann und Erb folgt, sind Befunde zu antisemitischen Positionen ausländischer Stichproben nur eingeschränkt auf die hiesige Situation übertragbar, da der Antisemitismus Deutscher eng mit Aspekten der Vergangenheitsbewältigung verknüpft ist und die Äußerung einer antijüdischen Gesinnung der Zensur unterliegt.
Aufgrund des eben dargelegten bezieht sich dieses Kapitel in der Hauptsache auf Befragungen deutscher und österreichischer Stichproben. Gewiss sind deren historische und gesellschaftliche Kontexte nicht identisch, sie werden aber als hinreichend ähnlich erachtet, so dass der Bezug auch auf österreichische Studien meines Erachtens zulässig ist.
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II.4.1. Sind die Deutschen Antisemiten?
Natürlich sind Verallgemeinerungen solcher Art unsinnig, gleichwohl ist der „antisemitische Ungeist“ bei einer nicht unbeträchtlichen Zahl der Deutschen immer noch vorhanden. Das bedeutet nicht, dass die deutsche Bevölkerung besonders empfänglich für antijüdische Stereotype ist oder aus der Vergangenheit nichts gelernt hat. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Doch wie viele sind es, die antisemitischen Aussagen zustimmen und zeichnen sich über die Jahrzehnte hinweg quantitative Unterschiede ab?
Das IfD stellte 1949 einer repräsentativen Bevölkerungsgruppe die Frage, wie ihre Einstellung zu Juden sei. Ein Zehntel äußerte sich demonstrativ antisemitisch, zusätzlich standen 28 Prozent Juden ablehnend oder reserviert gegenüber (vgl. IfD, 1986, S. 10). Weitere Hinweise für weit verbreitete antisemitische Vorbehalte der Nachkriegsdeutschen lassen sich der IfD-Umfrage aus dem Jahre 1952 entnehmen: So meinen beispielsweise 37 Prozent der Befragten, dass es für Deutschland besser wäre, keine Juden im Land zu haben (vgl. IfD, 1986, S. 22). In seiner viel beachteten Publikation berichtet Silbermann (1982) von einem unverändert hohen Anteil antisemitisch eingestellter (West-) Deutscher:
In der Bundesrepublik [lebt] ein Bevölkerungsanteil von etwa zwanzig Prozent mit ausgeprägt antisemiti-
schen Vorurteilen […] und […] bei weiteren dreißig Prozent [ist] Antisemitismus in Latenz mehr oder we-
niger stark vorhanden. (Silbermann, 1982, S. 73) 45
Die Ergebnisse sind Resultat einer Mitte der siebziger Jahre durchgeführten Interviewstudie an über 2000 Personen. Silbermanns Antisemitismus-Skale umfasst Items zu verschiedenen, von ihm angenommenen Formen des Antisemitismus (z. B. rassischer, religiöser, wirtschaftlicher). Silbermann meint, dass ungefähr die Hälfte der Befragten mehr oder weniger stark ausgeprägte antisemitische Gesinnungen in sich tragen (vgl. Silbermann, 1982, S. 63). Diese Einschätzung ist nur schwer nachzuvollziehen, da sich nicht genau erschließen lässt, wie er methodisch vorging. 46 Auch wurden die unhistorische Konzeption der Studie, also die Nichtbeachtung geschichtlicher Kontextvariablen und die Sichtweise, dass Antisemitismus Folge von Intergruppenkonflikten sei, kritisiert (vgl. Bergmann & Erb, 1991a, S. 14, S. 20).
45 Der hier verwandte Begriff Latenz ist nicht mit Luhmanns Kommunikationslatenz zu verwechseln und ver-
steht sich zurückgreifend auf psychoanalytische Vorstellungen als etwas nicht in Erscheinung Tretendes, Aufge-
speichertes (vgl. Silbermann, 1982, S 35).
46 Bergmann und Erb bezeichnen die von Silbermann postulierten Ergebnisse als „mehr als kühn“ und schluss-
folgern dass bei Bildung der Skalenmittel eher von einem Viertel stark antisemitisch und zusätzlicher zwei Fünf-
tel leicht antisemitisch Eingestellter auszugehen sei (Bergmann & Erb, 1991, S. 60).
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Ebenfalls untersuchte Weiss (1983) in den siebziger Jahren mittels Fragebogenerhebung das antisemitische Potential der Österreicher an einer Wiener Stichprobe (n = 862) und kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie Silbermann. Ein Viertel der Wiener Befragten zeigte stark ausgeprägte antisemitische Einstellungen, weitere 25 Prozent bejahten zumindest teilweise Aspekte der tradierten Judenfeindschaft. (vgl. Weiss, 1983, S. 105). Zwischen 1980 und 1990 identifizierten mehrere Umfragen einen Bevölkerungsanteil zwischen 12 und 15 Prozent als eindeutig antisemitisch (IfD, 1986; Emnid, 1989; Bergmann & Erb, 1991a; auch Marin, 1987).
Doch welche empirischen Ergebnisse hinsichtlich des antisemitischen Ausmaßes finden sich im letzten Jahrzehnt? Die Sichtung verschiedener Studien verdeutlicht, dass es nach wie vor keine gemeinsame Grundlage bei den Skalenkonstruktionen gibt. Auch wird die Grenzziehung zwischen antisemitisch, tendenziell antisemitisch und nicht antisemitisch sehr unterschiedlich vorgenommen. Oftmals verzichten die Autoren ganz auf die Bildung von Gesamtindizes und die Beschreibung beschränkt sich auf die Darstellung der prozentualen Häufigkeit geäußerter Zustimmung einzelner Items. Studienübergreifende Betrachtungen sind daher eigentlich kaum möglich.
Die 1996 von Bergmann und Erb bei einer repräsentativen Stichprobe (n = 3237) verwandte Skale zum Antisemitismus verbindet traditionelle antisemitische Stereotype (jüdische Macht, Ausbeutung, Dominanz) mit der Frage der jüdischen Mitschuld an der Shoa. Sie stuften Pro-banden dann als antisemitisch ein, wenn jene mindestens zwei (positiv gepolte) Fragen mit mittlerer Zustimmung beantworteten. Im Ergebnis sind den Autoren zufolge 18 Prozent als antisemitisch einzuschätzen (vgl. Bergmann & Erb, 2000, S.405). Anzumerken ist jedoch, dass die Interkorrelationen der drei Items nur zwischen r =.45 und .51 lagen und die interne Konsistenz von einem Cronbachs Alpha =.74 gerade noch akzeptabel war. Wittenberg (2000) analysierte Sekundärdaten aus Bevölkerungsumfragen der Meinungsforschungsinstitute Emnid (1994), Infratest (1996) und Forsa (1998), 6671 verwertbare Interviews konnten in die Stichprobe insgesamt aufgenommen werden. Nach Bildung eines Antisemitismus-Indexes und Kontrolle des Zeitverlaufs berichtet er:
Der Anteil antisemitisch eingestellter Befragter hat sich gegenläufig von 19,1 Prozent (1994) über 12,1 Pro-
zent (1996) auf 10,6 Prozent im Jahr 1998 reduziert. (Wittenberg, 2000, S. 121)
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Seinen Auswertungen zufolge scheint sich das Einstellungsklima gegenüber Juden in Deutschland verbessert zu haben.
Rathner (2001b) untersuchte an 2000 Probanden heterogenen Alters das Ausmaß antisemitischer Einstellungen in der österreichischen Bevölkerung. Ungefähr ein Drittel der Stichprobe wird von ihm als moderat antisemitisch bezeichnet. 14 Prozent äußerten sich stark und weitere sechs Prozent sehr stark antisemitisch.
In einer Erhebung an deutschen Studierenden (n = 2167) von Ahlheim und Heger (2002), stimmten weniger als sieben Prozent der Probanden Items mit traditionellen antisemitischen Inhalten zu bzw. eher zu. Der Frage, ob es Studierende gab, die mehrere dieser Items bejahten, gehen die Autoren aber nicht nach. Insofern trifft die Studie keine Aussagen darüber, wie hoch der Anteil vehementer Antisemiten innerhalb der untersuchten Studentenschaft ist. Interessant sind aber ihre Analysen zum, wie sie ihn bezeichnen, „sekundären Antisemitismus“. Ein Antisemitismus in moderner Form, der „sich aus dem problematischen Umgang mit dem Holocaust ergibt“ (Ahlheim & Heger, 2002, S. 53). 47 Immerhin sind es 13 Prozent der Studierenden, die den beiden Aussagen der Skale zustimmen. Im Vergleich mit Fragen zu Verant-wortung und Schlussstrich wird deutlich, dass es überwiegend diese Gruppe ist, die die NS-Vergangenheit nicht mehr thematisieren möchte und keine besondere Verantwortlichkeit der Deutschen gegenüber den Juden erkennt. Auch meint ein gutes Drittel von ihnen, dass im Nationalsozialismus nicht alles so schlecht war, wie es heute dargestellt wird. Fast alle wünschen sich ein stärkeres Nationalbewusstsein der Deutschen. Die Werte der nicht als „sekundär antisemitisch“ Identifizierten fallen jeweils erheblich geringer aus (vgl. Ahlheim & Heger, 2002, S.48ff.).
An Jugendlichen erhobene Daten zum Ausmaß antisemitischer Einstellungen ähneln denen der Erwachsenenstichproben. Die bereits in Kapitel I.3.5.2. beschriebene Untersuchung von Frindte et al. kennzeichnet weniger als zehn Prozent der Jugendlichen als manifest antisemitisch. Ein weitaus höherer Anteil der Jugendlichen stimmte aber den Items der Dimension Verantwortungsablehnung (Schuld, Schlussstrich) zu (vgl. Frindte et al., 1999a, S. 124). Auch Burrmann und Seik (1996) schätzen ungefähr ein Zehntel der von ihnen befragten Jugendlichen (n = 400) als stark antisemitisch ein. Der von ihnen verwandte Antisemitismus-
47 DieAutoren operationalisierten ihren sekundären Antisemitismus über zwei Items: „Die Juden verstehen ganz
gut, das schlechte Gewissen der Deutschen auszunutzen“ und „Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit
des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen“ (Ahlheim & Heger,
2002, S. 54). Parallelen zu den Annahmen von Bergmann und Erb sind offensichtlich und gewollt (vgl. Berg-
mann & Erb, 1991a, S.257ff.).
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
Index bestand aus den Dimensionen traditioneller Antisemitismus, Diskriminationsbereitschaft (soziale Distanz, Ausgrenzung) und Vergangenheitsbewältigung). 48 Insbesondere Aspekte des letztgenannten Faktors beeinflussen nach Meinung der Autoren stark die Einstellungen Jugendlicher gegenüber Juden (vgl. Burrmann & Seik, 1996, S. 542ff.). Abschließend sei auf die Umfragen von Sturzbecher und Freitag (2000) hingewiesen. Zum Zwecke vergleichender Betrachtungen befragten sie Anfang bzw. Mitte der 90er Jahre repräsentative Jugendstichproben der Bundesländer NRW und Brandenburg. Zur Abbilddung judenfeindlicher Einstellungen unterscheiden sie vier Indikatoren: Antisemitische Vorurteile, Verantwortungsabwehr, Diskriminierungsbereitschaft und sozio-emotionale Ablehnung. Mittels konjunktiver Verknüpfung konstruierten sie aus diesen Facetten einen Gesamtindex. Zu dem Kreis der Antisemiten wurden nur diejenigen Jugendlichen gezählt, die über alle vier Dimensionen hinweg ausgeprägte antijüdische Antworttendenzen aufwiesen (für eine detailliertere Beschreibung der Gruppenzuordnung und Methodik vgl. Sturzbecher und Freytag (2000, S. 117f.).
Fünf Prozent der NRW-Jugendlichen und annähernd zwanzig Prozent der brandenburgischen Altersgefährten wurden nach Datenauswertung als konsistent antisemitisch eingestuft. 49 Bei vergleichender Betrachtung der prozentualen Häufigkeiten der Subskalen „Antisemitische Vorurteile“ und „Verantwortungsabwehr“ ist im Gegensatz zu den Ergebnissen obiger Umfragen auffällig, dass es unter Kontrolle von Herkunft und Geschlecht keine nennenswerten Unterschiede gibt. Mit anderen Worten und die Daten zur Hilfe nehmend: 36,7 Prozent der männlichen Brandenburger erzielen hohe Werte („eher hoch“ bzw. „hoch“) auf der manifesten Antisemitismusskale und 36,4 Prozent der brandenburgischen Jugendlichen werden als („eher hoch“ bzw. „hoch“) Verantwortung abwehrend eingeschätzt. Die männlichen Jugendlichen aus NRW erzielen Häufigkeiten von 16,8 bzw. 14,9 Prozent auf den Skalen. Wie diese, in Relation zu den anderen Studien geringe Ausprägung von Verantwortungsabwehr zustande kommt, ist schwer zu beurteilen. Rein intuitiv erscheint es aber schon ungewöhnlich, dass die Probanden gleich hohe Werte auf beiden Dimensionen zeigen bzw. dass die jungen Männer in NRW sogar leicht stärker antisemitisch vorurteilsbehaftet als Verant-wortung ablehnend sind. Die hohen Unterschiede zwischen brandenburgischen und nordrhein-westfälischen Jugendlichen auf dem Gesamtindex Antisemitismus sind wohl auch darauf zurückzuführen, dass sich weniger als ein Prozent der Mädchen und jungen Frauen aus
48 Welche methodische Vorgehensweise der Indexkonstruktion und der Gruppeneinteilung zugrunde lag, wird
nicht besprochen.
49 Auf die Gründe dieser erheblichen soziodemographischen Unterschiede soll an dieser Stelle nicht eingegangen
werden (vgl. hierzu: Sturzbecher & Freytag, 2000, S. 146ff.).
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NRW als antisemitisch zu erkennen gibt, währenddessen der Anteil bei den Brandenburgerinnen mehr als das Sechsfache beträgt( vgl. Sturzbecher & Freytag, 2000, S.104ff.).
Die eingangs gestellte Frage der quantitativen Veränderungen über die Jahrzehnte hinweg kann den Umfrageergebnissen folgend mit einer deutlichen Abnahme antisemitischer Einstellungen beantwortet werden. Nur noch ein geringer, aber nicht vernachlässigbarer, Teil der Bevölkerung hält heute an den tradierten antisemitischen Vorurteilen fest. Es sind eher Aspekte der Verantwortungsablehnung, also Fragen zu Wiedergutmachung, Schuld und Schlussstrich in denen sich antisemitische Ressentiments auszudrücken vermögen. Eine nicht unbeträchtliche Zahl der Deutschen mag sich nicht mehr erinnern und entwickelt so eine „fragwürdige Art des Umgangs mit der historischen Verantwortung“ die geeignet ist die jüdische Minderheit in neuer, in subtiler und nicht aggressiver Form abzuwerten (Sturzbecher & Freytag, 2000, S 116).
II.4.2. Soziodemographische Bestimmungsfaktoren des Antisemitismus
Spezifische Generationserfahrungen lassen einen Zusammenhang zwischen Alter und Antisemitismus vermuten. Tatsächlich gibt es in der Forschungsliteratur empirische Evidenzen dafür, dass mit zunehmendem Alter antisemitische Vorurteile ansteigen. Die durch den Nationalsozialismus beeinflusste Generation unterscheidet sich von jüngeren Kohorten deutlich im Ausmaß antisemitischer Vorurteile (z. B. Bergmann & Erb, 1991a; Golub, 1994; Wassermann, 2002; Wittenberg, 2000). Doch auch bei Betrachtung der Nachkriegsgenerationen zeigen sich klare Abstufungen. Eine Erklärung dafür wäre, dass mit steigendem Alter die Ablehnung von starkem Wandel, Fremd- und Neuheit (Konservatismus) einhergehen könnte (vgl. Bergmann & Erb, 2000, S. 407).
Der Bildung wird ebenfalls eine Einfluss nehmende Wirkung auf den Antisemitismus derart zugeschrieben, dass sich mit höherem Bildungsgrad antisemitische Einstellungen verringern (z. B. Wittenberg, 2000; Frindte et al., 1999b; Golub, 1994; IfD, 1986; Weiss, 1983). Auch Bergmann und Erb finden in ihren Untersuchungen genannte Zusammenhänge und konstatieren:
Längere und bessere Ausbildung führt einerseits zu einer stärkeren normativen Sozialisierung, d. h. zur Ü-
bernahme der zentralen Werte der demokratischen politischen Kultur, zu denen Toleranz gegenüber ethni-schen Gruppen gehört, andererseits zum Aufbau größerer kognitiver Fähigkeiten, was wiederum die Zu-
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
flucht zu vereinfachten, inflexiblen Wahrnehmungsschemata […], zu Verschwörungstheorien und zur Ent-
wicklung externer Kontrollüberzeugungen vermindern dürfte. (Bergmann & Erb, 2000, S. 415)
Da der Antisemitismus in enger Beziehung zu Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit steht, ist sehr wahrscheinlich, dass antisemitisch Eingestellte rechtsextreme politische Überzeugungen vertreten. Eine, wenn auch unbefriedigende Herangehensweise zur Erfassung dieser besteht in der Abfrage der Parteipräferenz. Insbesondere die (westdeutschen) Sympathisanten von „Die Republikaner“ äußern starke antisemitische Vorurteile (Bergmann & Erb, 2000). Ahlheim und Heger (2002) berichten, dass überdurchschnittlich viele ihrer Befragten, die sich eher politisch rechts einordnen, „sekundäre“ antisemitische Ressentiments bejahen. Die Jugendstudien von Sturzbecher und Freytag (2000) und Frindte et al. (1999b) ermittelten über regressionsanalytische Berechnungen eine mäßige prädiktive Bedeutung der politischen Orientierung.
Divergente Einschätzungen werden zu den Variablen Geschlecht und religiöser Zugehörigkeit getroffen. Währenddessen sich beispielsweise in den Untersuchungen von Wittenberg (2000), Sturzbecher und Freytag (2000) bedeutsame Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Antisemitismus (vornehmlich für Befragte aus den alten Bundesländern) ergeben, liefern die Studien von Bergmann und Erb (1991a; 2000) nur sehr geringe und in der Erhebung von 1996 nicht signifikante geschlechtsspezifische Differenzen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Frindte et al. (1999b) und Weiss (1983). In der Prognose scheinen sich die Urteile der Geschlechter anzugleichen.
In den Niederlanden erforschten Eisinga, Konig und Scheepers (1995) die Beeinflussung antisemitischer Einstellungen durch religiöse Faktoren an einer 728 Probanden umfassenden Stichprobe. Weniger christliche Orthodoxie, sondern die vertretene Meinung der religiösen Besonderheit des Christentums wirken sich mäßig stark auf den tradierten Antisemitismus mit religiösen Inhalten aus. Letzterer belegt einen starken Effekt auf säkularisierte antisemitische Orientierungen. Die Autoren schlussfolgern:
The results support the Glock and Stark argument that the effects of orthodoxy and religious particularism
on secular anti- Semitism are expressed indirectly through the intervening variable expressing religious hos-tility toward Jews. (Eisinga et al., 1995, S. 220)
Umfragen an deutschen Stichproben stützen die Ergebnisse von Eisinga et al. nur sehr bedingt. Zwar zeigen sich bei Ahlheim und Heger (2002), auch bei Frindte et at. (1999b) und Burrmann und Seik (1996) schwache empirische Evidenzen, die die Einflussnahme religiöser
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Faktoren auf Antisemitismus nicht ausschließen. Von einer gewichtigen prädiktiven Bedeutung der Religionszugehörigkeit ist aber wohl eher nicht mehr auszugehen.
II.5. Zusammenfassende Betrachtung zu Kapitel II
Die Ursprünge des Antisemitismus basieren auf religiösen Unterschieden zwischen der jüdischen und der christlichen Religion. Mit dem zunehmenden Einfluss des Christentums wurden Juden, eben aufgrund dieser religiösen Gegensätze, gesellschaftlich ausgegrenzt. Sie waren als ungeliebte Fremde Sündeböcke für so manche gesellschaftliche Missstände. Ihre erzwungene ökonomische Spezialisierung und der damit verbundene wirtschaftliche Erfolg nach dem 30jährigen Krieg ließ sie zu Konkurrenten der nichtjüdischen Händler werden. Dadurch etablierte sich ein weiteres Vorurteil, das des unredlichen, geldgierigen Juden. Der deutsche Nationalismus entwickelte eine auf rassisch-biologischen Unterschieden basierende Form der Judenfeindschaft, die - durch pseudowissenschaftliche Theorien und angeblich his-torische Argumente angereichert - den gutbürgerlichen Antisemitismus entstehen ließen. Der völkisch-rassische Antisemitismus der Nationalsozialisten war in seiner Form der radikalste, da er den Juden aufgrund „unveränderlicher rassischer Gegensätze“ jegliche Legitimation absprach und nur in der völligen Entfernung der jüdischen Bevölkerung eine adäquate Lösung eines vermeintlichen Weltkonfliktes zwischen Juden und „Ariern“ sah. Die Ablehnung der deutschen Schuld an der Shoa, die als ungerechtfertigt hoch erklärten Entschädigungszahlungen und die Abwehr von Verantwortung kennzeichnen beispielsweise die antisemitischen Einstellungen des Nachkriegsdeutschlands und auch die der heutigen Zeit.
In der Sozialpsychologie wird der Antisemitismus als negatives ethnisches Vorurteil verstanden und unter Fremdenfeindlichkeit bzw. Rechtsextremismus verortet. Die historische und gesellschaftliche Charakteristik des deutschen Antisemitismus macht es aber zusätzlich erforderlich, ihn als spezielles Diskriminierungsphänomen zu betrachten und bei Erforschung antisemitischer Einstellungen soziale Gegebenheiten zu berücksichtigen.
Innerhalb der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung existieren eine ganze Reihe unterschiedlicher Denkansätze und Herangehensweisen, um Minderheiten diskriminierende Einstellungen zu erklären. Eine Möglichkeit zur Klassifizierung besteht in der Einordnung nach der inhaltlichen Schwerpunktsetzung der Theorien. Dabei wird deutlich, dass die klassischen
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Ansätze der Vorurteilsforschung vornehmlich auf die Betrachtung (inter-) individueller Be-dingungsfaktoren fixiert waren und sozialstrukturelle bzw. situationale Einflüsse wenig Beachtung fanden. Daher sah sich die nachfolgende Forschung veranlasst, verstärkt intergruppale Differenzierungs- und Vergleichsprozesse zu untersuchen und theoretische Konzeptionen bereitzustellen, die die Interaktionen von Gruppen zu erklären vermögen. Mit der Sozialen Dominanztheorie wurde ein moderner Erklärungsansatz vorgestellt, der für sich beansprucht, individuelle Diskriminierungstendenzen mit intergruppalen Prozessen zu verbinden. Eine Gegenüberstellung der in der SDT implementierten Sozialen Dominanzorientierung mit dem RWA verdeutlichte, dass beide Konstrukte als generalisierte Einstellungen aufzufassen sind und sich zur Vorhersage von Minderheitendiskriminierung eignen. Dennoch werden sie als konzeptionell eigenständig angesehen, da empirische Befunde darauf hindeuten, dass RWA und SDO verschiedene Vorurteilsformen unterschiedlich stark bedingen. Au-toritäre diskriminieren folglich aufgrund der wahrgenommene Werteverletzung durch Abweichler und sozial dominant Orientierte zum Zwecke der Statussicherung der Eigengruppe.
Die gängigen Vorurteilstheorien sind für die Erforschung des Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung nur eingeschränkt geeignet. Zum einen, weil die jüdische Minderheit in Deutschland nur noch sehr gering vertreten ist und daher Intergruppenkonflikte faktisch nicht bestehen. Zum anderen ist es notwendig, den Antisemitismus im historischen Kontext und der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands zu betrachten. Die notwendige Tabuisierung antisemitischer Einstellungen, also die Herstellung funktionaler Kommunikationslatenz, ließ geeignete Formen antisemitischer Ersatzkommunikation entstehen.
Der Antisemitismus der Gegenwart ist eng verknüpft mit Aspekten der NS-Vergangenheitsbewältigung und drückt sich letztendlich in der Unterstellung aus, dass es die Juden seien, die der Schaffung eines normalen Verhältnisses entgegenstehen würden. Zur Untermauerung oder Begründung dieser These können beliebig die alten judenfeindlichen Stereotype herangezogen oder neue diskriminierende Zerrbilder erschaffen werden. Die Motive antisemitischer Orientierungen sind sehr unterschiedlich. Neben tradierten, übernommenen Einstellungsmustern ist Antisemitismus auch Ausdruck einer rechtsextremen Gesinnung bzw. der Abneigung von Fremden. Insbesondere bei der dritten Nachkriegsgeneration kommt ein neues Faktum hinzu: Sie verweigert die Übernahme des Schulderbes, fühlt sich nicht mehr verantwortlich und reagiert mit Unverständnis und Ablehnung.
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Zur weiteren Systematisierung der in den vorgestellten Ansätzen angenommenen Determinanten und Indikatoren negativer ethnischer Vorurteile wurde das von Zick (1997) entwickelte heuristische Modell aufgegriffen. Die darin aufgenommenen Einflussfaktoren abstrahierte Zick so stark, dass sie nicht mehr nur einer spezifischen Theorie zugeordnet werden können. Im Modell beinhaltet sind externe und interne Faktoren, die als wesentlich für die Ausbildung von Vorurteilen und Diskriminierungsintentionen erachtet werden.
Das Ausmaß antisemitischer Einstellungen hat sich seit Ende des Nationalsozialismus kontinuierlich verringert. Die empirischen Untersuchungen des letzten Jahrzehnts belegen, dass tradierte antisemitische Einstellungen nur noch bei einem geringen Prozentsatz der Bevölkerung vorhanden sind. Bedenklich stimmt aber die Zahl derjenigen, die mit Schlussstrichforderung, Schuld- und Verantwortungsabwehr die NS- Vergangenheit als sie nicht mehr betreffende Historie betrachten und implizit damit meinen, dass die Juden endlich aufhören sollten, die Deutschen mittels der „Moralkeule Auschwitz“ zu diskreditieren.
Der Antisemitismus wird mit verschiedenen soziodemographischen Variablen in Verbindung gebracht: Besonders Alter, Bildung und politische Orientierung beeinflussen signifikant die Ausbildung bzw. Aufrechterhaltung antisemitischer Orientierungen.
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III. Empirischer Teil
III.1. Forschungsgegenstand und Hypothesen
Aufbauend auf den in Teil I vorgestellten Erklärungsansätzen des Antisemitismus zielt die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführte Studie auf die Untersuchung des strukturellen Geflechts antisemitischer Einstellungen in Deutschland. Es wird davon ausgegangen, dass der Antisemitismus der deutschen Bevölkerung eng mit Aspekten der Verantwortungsablehnung gegenüber der jüdischen Minderheit verwoben ist und dem Einfluss geschaffener Kommunikationslatenz unterliegt. Mit der Zensur der öffentlichen antisemitischen Äußerung könnte eine spezifische Form der ersatzweisen Kommunikation entstanden sein, die überzogene Israelkritik. Möglicherweise drücken sich durch diese moderne Antisemitismen aus.
Primäres Forschungsanliegen ist demnach die Ergründung der Beschaffenheit antisemitischer Einstellungen unter Anlehnung an die von Frindte et al. (1999a) postulierte dreidimensionale Struktur des Antisemitismus. Latenter Antisemitismus soll hier aber anders als bei Frindte et al. definiert werden, und zwar weniger als Kommunikationsvermeidung antisemitischer Vorurteile, sondern vielmehr als subtile oder diffuse Antipathie gegenüber Juden, deren Äußerung im Wissen einer möglichen gesellschaftlichen Ächtung in nicht Konsensus-Gruppen unterbleibt. Außerdem wird mit der überharten Israelkritik ein vermuteter vierter Faktor der empirischen Prüfung unterzogen.
Weiterhin von Interesse ist die Analyse stereotypisierter Vorurteile gegenüber Juden und Muslimen. Insbesondere liegt das Augenmerk darauf, inwieweit quantitative Unterschiede bei den Eigenschaftszuschreibungen im Verhältnis zu den Einschätzungen der Christen existieren.
Da Autoritarismus und neuerdings die Soziale Dominanzorientierung als Prädiktoren für die Ausbildung bzw. Aufrechterhaltung fremdenfeindlicher und damit auch antisemitischer Einstellungen diskutiert werden, dient die Studie zweitens zur Erforschung deren Einflussnahme
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auf das antisemitische Vorurteil. Insbesondere die Einflüsse von Autoritarismus und SDO auf die verschiedenen Faktoren des Antisemitismus sind von Interesse.
Die Zusammenhangsanalyse zwischen verschiedenen soziostrukturellen Variablen und antisemitischen Ressentiments ist ebenfalls Gegenstand der Untersuchung. Dabei wird nur auf Variablen zurückgegriffen, für die bereits empirische Evidenzen vorliegen. Die Relevanz derartiger, wiederholender Analysen erklärt sich durch die gesellschaftlichen und historischen Besonderheiten des deutschen Antisemitismus.
Aufgrund der dargelegten Untersuchungsziele wurden folgende Hypothesen generiert:
Hyp. 1: Antisemitische Einstellungen identifizieren sich über vier Komponenten: manifester Antisemitismus, latenter Antisemitismus, Verantwortungsabwehr und überzogene Israelkritik.
Hyp. 1.1: Manifester und latenter Antisemitismus erfassen die „eigentlichen“ negativen Vorurteile gegenüber Juden, sie sind aber qualitativ verschiedenartig und deshalb strukturell voneinander trennbar.
Hyp. 1.2: Verantwortungsabwehr und überharte Israelkritik stellen moderne Ausdrucksformen antisemitischer Ressentiment dar.
Hyp. 2: Kommunikationsvermeidung ist bei Antisemiten und indifferent Eingestellten ausgeprägter vorhanden als bei Nichtantisemiten.
Hyp. 3: Juden werden negative Eigenschaften in höherem Maße zugeschrieben als Christen.
Hyp. 4: Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung sind geeignete Prädiktoren des Antisemitismus.
Hyp. 4.1: Beide Konstrukte vermögen die Subdimensionen des Antisemitismus verschieden stark zu erklären.
Hyp. 5: Soziostrukturelle Faktoren wie Alter, Schulabschluss, politische Orientierung und Religion stehen mit manifestem und latentem Antisemitismus in Zusammenhang.
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III.2. Untersuchungsdesign und Erhebungsdurchführung
Wegen der im Rahmen einer Diplomarbeit gebotenen zeitlichen und finanziellen Beschränkungen für empirische Untersuchungen war nur eine Erhebung mittels schriftlicher Befragung möglich. Neben dem Kosten- und Zeitvorteil erschien diese Methode auch deshalb als geeignet, weil im Gegensatz zu Interviewstudien vollständige Anonymität gewährleistet werden kann und diese bei Tabu- Themen unverfälschtere Antworten erbringt. Wesentliche Nachteile von Fragebogenuntersuchungen sind die Selektivität der Probanden - welche Personen die Mitarbeit verweigerten bleibt unklar- und die geringe Ausschöpfung der Stichprobe.
Die Durchführung der Erhebung erstreckte sich auf den Zeitraum von Dezember 2002 bis März 2003. Dem eigentlichen Erhebungsinstrument lag ein Begleitschreiben in Form eines Deckblattes bei, welches die Zielsetzung der Untersuchung beschrieb. Da etliche Items des Fragebogens Rückschlüsse auf die Erforschung antisemitischer Einstellung zuließen, die Teilnehmer aber nicht explizit auf das Thema Antisemitismus hingewiesen werden sollten, wurde der Zweck der Studie als Meinungserhebung bezüglich der Rolle der Juden in unserer Gesellschaft und als Erforschung der Einstellung Deutscher zum Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern in Nahost beschrieben. Um sozial erwünschte Antworten zu reduzieren, war im Begleitschreiben ausdrücklich vermerkt, dass die Daten nur für Forschungszwecke verwandt werden und keine Rückschlüsse auf die Identität der Teilnehmer möglich sind.
Die Rekrutierung der Testpersonen basierte auf unterschiedlichen Vorgehensweisen. Zum einen wurden Studenten der Friedrich-Schiller Universität Jena/Fachhochschule Jena gebeten, einen Fragebogen in der Vorlesung auszufüllen und einen weiteren einem Elternteil auszuhändigen. Der Elternfragebogen sollte dann in einer der nächsten Veranstaltungen dem Dozenten überreicht bzw. im Postfach hinterlegt werden. Verhältnismäßig wenige Eltern waren bereit an der Studie teilzunehmen bzw. leiteten die Studenten nicht die erwartete Anzahl von Fragebögen an die Eltern weiter.
In einer Kreisstadt Thüringens wurden nach Absprache mit den Inhabern in verschiedenen Gaststätten Fragebögen hinterlegt und mittels gut sichtbar angebrachtem Aushang auf die Studie hingewiesen. Historische Notgeldscheine der Stadt dienten als Obolus für die Teilnahme an der Studie.
Den weitaus größten Teil der Untersuchungsteilnehmer konnte das Schneeballverfahren gewinnen. Bei dieser Methode bewegten Bekannte, Verwandte und Freunde des Autors ihr sozi-
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ales Umfeld zur Teilnahme an der Studie und zur Weitergabe von Fragebögen an weitere Personen. Diese Vorgehensweise entwickelte eine enorme Eigendynamik, die die Heterogenität der Stichprobe positiv beeinflusste, aber die Einschätzung der Rücklaufquote unmöglich machte. Mehrfach forderten Personen zusätzlich Fragebögen über Dritte an, bzw. kopierten und versandten die Bögen auf eigene Kosten.
Zahlreiche kritische Anmerkungen und beigelegte Briefe belegen, wie sensibel viele Testpersonen auf die Items zur Erfassung antisemitischer Vorurteile und extrem scharfer Israelkritik reagierten. Neben dem allgemeinen Hinweis, dass solche Untersuchungen gesellschaftlich gefährlich seien und Antisemitismus Auftrieb geben könnten, empfand ein Teil der Befragten die Formulierung der Items als Zumutung und kritisierte entsprechend. Diese Kritik musste in Kauf genommen werden, da im Erachten des Autors die Erfassung judenfeindlicher Einstellungen nicht gelingen kann, wenn die Formulierung der (positiv gepolten) Aussagen eine Verurteilung und negative Bewertung antisemitischer bzw. israelkritischer Gesinnung impliziert. Folglich beinhaltete der Fragenkatalog Items, die es antisemitisch Eingestellten ermöglichten ihre Vorurteile auszudrücken. Bei der Itemsauswahl bzw. Itemformulierung wurde darauf geachtet, kein nationalsozialistisches oder rechtsextremes Vokabular zu verwenden.
III.3. Beschreibung der Stichprobe
Insgesamt konnten 411 Fragebögen in die Aus-
wertung einbezogen werden. Wie angedacht ist die Altersverteilung der Befragten heterogen und liegt zwischen 18 und 83 Jahren. Die bis 25 Jahre alten Probanden stellen mit 26 Prozent den größten Anteil der Stichprobe, gefolgt von den 26 bis 35 Jährigen. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen 36 und 65 Jahre alt. Ein relativ geringer Prozentsatz überschritt das Alter jenseits der 65. Abbildung 5 ist die Altersverteilung nach Gruppen zu entnehmen.
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Bei der Aufteilung nach Geschlecht ergibt sich folgendes Bild: Frauen sind in der Stichprobe mit 58 Prozent leicht überrepräsentiert, insbesondere die studentischen Befragten sind weiblich.
Die Stichprobe unterliegt einem deutlichen
Bildungs-Bias. Wie Abbildung 6 zeigt, verfügen 57 Prozent der Befragten über einen Oberstufenabschluss und etwas mehr als 30 Prozent absolvierten erfolgreich die POS bzw. die Realschule. Demgegenüber schlossen nur etwa 5 Prozent ihre Schulbildung mit dem Hauptschulabschluss ab.
50 Ermittelt über Kreuzvergleich der Variablen Schulbildung und derzeitige berufliche Tätigkeit.
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Bemerkenswert ist, dass die Hälfte der Befragten der evangelischen oder katholischen Kirche angehört und diese Gruppe zu 58 Prozent einen starken bzw. sehr starken Gottglauben äußert. Somit muss ungefähr ein Viertel der Stichprobe als stark religiös eingeschätzt werden. Der Bitte ihre politische Orientierung auf einer fünfstufigen Skale anzugeben, kam der überwiegende Teil der Probanden nach. Hier offenbart sich eine deutliche Verschiebung zugunsten einer eher linken politischen Anschauung (45 Prozent). 10 Prozent der Befragten beschrieben sich als eher rechts bzw. rechts politisch orientiert und weitere 43 Prozent bezeichneten ihre Politiksicht als „neutral“ oder liberal.
Die regionale Herkunft der Untersuchungsteilnehmer wurde nicht erhoben, da sich die Befragung ursprünglich auf Thüringen beschränken sollte. Durch die oben beschriebene Eigendynamik des Schneeballprinzips ist aber nicht auszuschließen, dass auch Probanden anderer Bundesländer an der Studie teilnahmen. So belegen die Poststempel auf den Kuverts der zu-rückgesandten Fragebögen beispielsweise die Beteiligung von Personen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern.
Dennoch wird vermutlich die Mehrheit der Testpersonen in städtischen Strukturen Thüringens wohnen.
III.4. Die verwandten Skalen
Bei der Absicht der Erforschung antisemitischer Einstellungen in Deutschland steht man unweigerlich vor der Problematik, dass sich bereits validierte Antisemitismusskalen konzeptuell stark unterscheiden und sich Items aus diesen Erhebungsinstrumenten deshalb schwerlich zur Schaffung einer allgemeinen Skale eignen. Weiterhin bedingen gesellschaftliche Veränderungen den Wandel antisemitischer Vorurteile, der Antisemitismus früherer Jahrzehnte war ein anderer als der heutige. Beispielsweise schwindet der Einfluss von Trägern nationalsozialistischer Ideologien, Lernprozesse setzten ein, die Zensur schuf moderne Formen der Äußerung antisemitischer Ressentiments und die NS-Vergangenheit wird Historie. Deshalb müssen Antisemitismusskalen aktualisiert und angepasst werden.
Der komplette verwandte Fragebogen befindet sich im Anhang. Es wird ersichtlich, dass er sich zum Zwecke der Übersichtlichkeit in verschiedene Teile gliedert. Nach dem oben beschriebenen Deckblatt wurde den Versuchpersonen eine Liste verschiedener Stereotype präsentiert, daran schließen sich Aussagen zur Erfassung von Autoritarismus und Sozialer Domi-
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nanzorientierung an, gefolgt von Items zur überharten Israelkritik. Die Subskalen des manifesten und latenten Antisemitismus bzw. der Verantwortungsablehnung bilden den fünften Teil des Instrumentes. Die letzten beiden Seiten dienten zur Erhebung soziostruktureller Variablen, der Erstellung eines personenspezifischen Codes und ließen im Abschluss den Probanden Raum für Anmerkungen oder Kritik.
Nachfolgend werden die Antisemitismusskalen, sowie die Itembatterien zum Autoritarismus und zur Sozialen Dominanzorientierung in der gebotenen Kürze vorgestellt. Auf die Besprechung der soziostrukturellen Variablen soll verzichtet werden, da Alter, Geschlecht, Schulabschluss, Beruf, Religionszugehörigkeit und politischer Orientierung die in der Antisemitis-musforschung üblichen Standardvariablen darstellen und auf deren Relevanz für diese Arbeit im Theorieteil bereits eingegangen wurde.
III.4.1. Die Antisemitismusskalen
Ein wichtiges Forschungsziel dieser Arbeit ist die Überprüfung des von Frindte et al. (1999a) vorgeschlagenen strukturellen Geflechts des Antisemitismus. Somit lag es nahe, die verwandten Items von Frindte et al. in das Erhebungsinstrument zu integrieren. Aber es sollten weitere Items hinzugezogen, unter die postulierten Dimensionen vorerst augenscheinlich verortet und die Gültigkeit des Modells mit zusätzlichen Items anschließend empirisch geprüft werden. Zu diesem Zwecke sichtete der Autor zunächst die in der Forschungsliteratur vorgestellten Antisemitismusskalen. Im zweiten Schritt wurden ausgewählte Items dieser Skalen mit dem Leiter und Mitarbeitern der Abteilung Kommunikationspsychologie hinsichtlich ihrer inhaltlichen Eignung diskutiert. Anschließend konnten die Subskalen aus bereits getesteten Items verschiedener Instrumentarien zusammengestellt werden (siehe hierzu Bergmann und Erb, 1991a; Enyedi, 1999; Frindte et al., 1999a; Kovács 1999a, 1999b; Pettigrew und Meertens, 1995; Smith, 1993 sowie Sturzbecher und Freytag, 2000). Bei einigen Items war es notwendig, sie leicht abzuändern oder ins Deutsche zu übersetzen. Mit einer ähnlichen Vorgehensweise wurden Items für die vermutete vierte Komponente des Antisemitismus generiert. Allerdings war es zusätzlich erforderlich, eigene Aussagen zu formulieren, da die Literatur keinen genügenden Itempool zur Erfassung überharter Israelkritik hergibt.
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Die Methodik der Skalenkonstruktion verdeutlicht den explorativen Charakter der Studie. Mit der Hinzunahme weiterer Items und einer vierten Dimension kann und sollte nicht die Validität der Antisemitismusskale von Frindte et al geprüft werden, wohl aber die Annahme einer vermuteten strukturellen Beschaffenheit antisemitischer Einstellungen. Nachfolgend dargestellte Subskalen bzw. die komplette Itembatterie zum Antisemitismus sind in dieser Zusammensetzung bislang nicht an Stichproben angewandt bzw. getestet worden. Damit unterliegt die konstruierte Gesamtskale und die auf ihr aufbauenden Befunde der Einschränkung, dass eine Validitätsprüfung durch weitere Untersuchungen noch aussteht. Der Wert dieser empirischen Arbeit liegt somit im Geben weiterer Anregungen zur Erforschung des Antisemitismus.
Die Subskale des manifesten Antisemitismus umfasst insgesamt 10 positiv gepolte Items. In diesen sind Aussagen des „klassischen“ Antisemitismus beinhaltet, also unter anderen Meinungen zur vermeintlichen jüdischen Unterwanderung der Gesellschaft, religiöser Begründung antisemitischer Einstellungen und Formen aggressiver Ausgrenzung von Juden. In der Subskale „latenter Antisemitismus“ sind neun Items enthalten, die sich auf Aussagen zur sozialen Distanz bzw. subtilen Diskriminierung der jüdischen Minderheit beziehen. Inhaltlich drücken sie keine historisch tradierten antisemitischen Ressentiments aus, sondern kennzeichnen die für Fremdenfurcht typische Minderheitenablehnung. Des Weiteren umfasst die Skale drei Aussagen des Zurückhaltens öffentlicher antisemitischer Bekundungen. In anderen Instrumentarien wird diese Kommunikationsvermeidung als eigenständige Dimension betrachtet. Hier sollte sie vorerst, aufgrund einer vermuteten starken inhaltlichen Überlappung beider Dimensionen, in die Skale des latenten Antisemitismus integriert werden. 51 Eine dritte Subskale enthält sechs Items, die den als problematisch empfundenen Umgang der besonderen Verantwortung Deutscher gegenüber den Juden und die Schlussstrichforderung unter die Vergangenheit thematisieren.
Schließlich erfragten 12 Items Meinungen zur Einschätzung der Israelpolitik. Diese Aussagen waren so formuliert, dass sie als geeignet erscheinen antisemitische Ersatzkommunikation zu
51 Zweifelsohne unterliegen ebenso manifeste Antisemitismen der Kommunikationslatenz, schon deshalb, weil
sie strafrechtlich relevant sein können. Dennoch, „harte“ Antisemiten können - und wollen es möglicherweise
auch - ihre judenfeindliche Gesinnung zum Ausdruck bringen, wenn auch um den Preis der Marginalisierung.
Unterstellt, dass ein Großteil der stark antisemitisch Eingestellten bereits politische Randpositionen vertritt,
dürfte die Furcht vor sozialer Ächtung aufgrund antisemitischer Gesinnung nicht so stark ausgeprägt sein. Das
Zurückhalten des Bekundens von weicheren Formen des Antisemitismus erscheint mir so eine andere zu sein, da
hier primär die Befürchtung des Verlustes gesellschaftlichen Ansehens von Bedeutung ist.
Beachte: wenn im nachfolgenden von Kommunikationslatenz gesprochen wird, so meint dies die Vermeidung
der antisemitischen Äußerung. Im Luhmannschen Sinne ist Kommunikationslatenz ein Strukturmerkmal syste-mischer Kommunikation. Hier wird jedoch eine Handlung der empirischen Analyse unterzogen.
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erfassen, sie operationalisierten demnach einen vierten Faktor des Antisemitismus, die überharte Israelkritik.
Zusätzlich dienten 31 ausgewählte Stereotype der Erfassung negativer/positiver Vorbehalte gegenüber Juden, Christen und Muslime. Diese Eigenschaftsliste entstammt einem früheren Instrument von Bergmann und Erb (1991a). Die gleichzeitige Vorurteilsabfrage zu Christen, Juden und Muslime erklärt sich dadurch, da im Verständnis des Autors die Zuschreibung spezifischer Eigenschaften von Juden nur im Verhältnis zu den anderen Religionsgruppen erfasst werden kann. Das bedeutet, dass Personen erst dann als vorurteilsbehaftet gegenüber Juden eingeschätzt werden sollten, wenn sie diese bezüglich ihrer Eigenschaften konsistent negativer bewerten als Christen. Die Aufnahme der Muslime ermöglicht einen Vergleich von Diskriminierungstendenzen zwischen beiden nichtchristlichen Religionsgruppen.
Insgesamt beinhaltet die verwandte Antisemitismusskale also 40 Items und eine Liste von 31 Stereotypen, die die theoretische Konzeption, d. h. die als wesentlich erachteten vier Aspekte des antisemitischen Vorurteils in geeigneter Weise abfragen sollten. Den Befragten ermöglichte eine fünfstufige Likert-Skale ihre Zustimmung bzw. Ablehnung zu den Items/Stereotypen auszudrücken. Die in die Auswertung einbezogenen Subskalen sind auf-grund ihres großen Umfangs in den Anhang ausgelagert.
III.4.2. Die Autoritarismusskale
Altemeyers „Right-wing Authoritarianism Scale“ ist eines der am meisten verwandten Messinstrumente zur Erfassung des Autoritarismus (RWA). Kapitel II.3.1.2, S. 22ff. stellte die der Skale zugrunde liegende theoretische Konzeption und wesentliche empirische Befunde vor. Letztere verdeutlichten die gute prädiktive Validität der RWA-Skale.
In dieser Studie kam aus zwei Gründen eine modifizierte Fassung, die RWA 3 D-Skale von Funke (2000c), zur Anwendung. Funke kritisierte die Annahme einer einfaktoriellen Struktur der Autoritarismusskale, da Altemeyer den RWA zugleich als gemeinsames Auftreten dreier Einstellungscluster definiert (vgl. Funke, 2002a, S. 77). Demzufolge bildete Funke eine Skale, die der dreidimensionalen Struktur des Konstruktes besser gerecht wird. Dabei sollten die Iteminhalte des Originals weitestgehend erhalten bleiben. Aufgrund der teilweise recht drasti-
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schen Formulierung bei Altemeyer erschien es dem Autor angebracht die Aussagen leicht abzuschwächen bzw. ggf. semantisch zu vereinfachen (vgl. Funke, 2002a, S. 137ff.). Die Endfassung der RWA 3 D-Skale enthält insgesamt 12 Items, die die drei Facetten des RWA getrennt voneinander erfassen sollen. Für autoritäre Aggressivität, autoritäre Submission und Konventionalismus beinhaltet die Itembatterie jeweils zwei in positiver und zwei in negativer Merkmalsrichtung formulierte Aussagen, sie ist demnach hinsichtlich Protraits und Contraits ausbalanciert. Die interne Konsistenz (gemessen mittels Cronbachs Alpha) der Skale liegt den Untersuchungen von Funke zufolge nicht unter α =.76 (vgl. Funke, 2002a, S. 354).
Der zweite Grund für die Verwendung dieses Messinstrumentes ist praktischer Natur. Da in der RWA 3 D-Skale deutlich weniger Items als bei Altemeyers RWA-Skale integriert sind, die Zuverlässigkeit der Erstgenannten aber als zufrieden stellend betrachtet wird, war die Kurz-form unter zeitökonomischen Gesichtspunkten die attraktivere Wahl. Wie bei den Antisemitismusskalen wurde den Probanden ein fünfstufiges Antwortformat vorgegeben.
Nachstehend sind die ausformulierten Variablen mit ihrer verwandten Kurzbezeichnung in Tabelle 1 dargestellt. Die Buchstaben a, s, und c kennzeichnen die Facetten des RWA, die Merkmalsrichtung der Items wird über die Buchstaben n und p verdeutlicht.
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Tabelle 1: RWA 3 D-Skale, Variablenbezeichnung und Itemtext (nach Funke, 2002c).
III.4.3. Die Skale zur Sozialen Dominanzorientierung
Die von Sidanius und Pratto Anfang der neunziger Jahre entwickelte „Social Dominance Orientation Scale“ dient der Erfassung auf Gruppen bezogener Hierarchiebefürwortung und umfasst in der sechsten Version 16 Items. In Abschnitt II.3.3.1, S. 37ff. wurde die Stellung der SDO innerhalb der Sozialen Dominanztheorie beschrieben und empirische Befunde hinsichtlich ihrer faktoriellen Struktur, ihrer Validität und internen Konsistenz vorgestellt. Den herangezogenen Forschungsberichten zufolge ist die SDO 6 -Skale nicht nur ein zweckmäßiges Instrument für die Messung inter-individuell verschiedenartiger Diskriminierungstendenzen gegenüber sozialen Gruppen, auch korrelieren hohe Ausprägungen auf der Skale moderat positiv mit fremdenfeindlichen Einstellungen.
Obwohl sich die Soziale Dominanzorientierung in der psychologischen Vorurteilsforschung zunehmend als Prädiktor diskriminierender Einstellungen etabliert, sind für den deutschen Sprachraum angepasste SDO-Skalen kaum vorhanden, was bedeutete, dass für die Befragung nur die Skalenadaption von Six, Wolfradt und Zick (2001) als hinreichend geeignet erschien. Augenscheinlich sind die Inhalte ihrer Variablen den englischsprachigen Pendants sehr ähnlich. Die Autoren geben aber in der mir zur Verfügung stehenden Veröffentlichung nicht an, welche Technik der Übersetzung zugrunde lag bzw. über welche statistischen Gütekriterien ihre Skale verfügt (vgl. Six, Wolfradt und Zick, 2001, S. 30f.). Insofern unterliegt die im Fragebogen implementierte Itembatterie zur SDO der Einschränkung, dass Validierungsstudien wohl noch ausstehen bzw. nicht zur Genüge erfolgten.
Wie bei den anderen verwandten Skalen auch, wurde für die Befragung ein fünfstufiges Ant-wortformat gewählt. Tabelle 2 zeigt den Itemtext und die Variablenbezeichnung der SDO-Skale. Die Buchstaben n und p markieren die Merkmalsrichtung der Items.
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Tabelle 2: Skale zur Sozialen Dominanzorientierung, Variablenbezeichnung und Itemtext (nach Six, Wolfradt
und Zick, 2001).
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III.5. Itemanalysen der Skalen
III.5.1. Itemanalyse der Antisemitismusskale/Stereotypenliste
Dem explorativen Charakter der Studie folgend, bot es sich zunächst an, mittels suchender und damit nicht inhaltlich geleiteter Faktorenanalyse erste Anhaltspunkte für eine mögliche strukturelle Beschaffenheit des Antisemitismus zu erlangen. Neben dieser Dimensionssuche sollten diejenigen Variablen entfernt werden, die nicht in genügender Stärke auf (mindestens) einen Faktor laden. Ziel war also mit der Reduktion der Skalenvariablen die Schaffung einer effizienten Gesamtskale unter Berücksichtigung möglicher Subskalen. Als Extraktionsmethode kam die Hauptkomponentenanalyse (PCA) mit Varimax-Rotation zum Einsatz.
Bei Aufnahme aller Antisemitismusitems (ohne Stereotype) erbrachte die Hauptkomponentenanalyse neun unterscheidbare, aber inhaltlich nur schwerlich interpretierbare Faktoren mit einem Eigenwert größer eins. Diese erklären insgesamt 61,5 Prozent der Varianz. Soll die Gesamtvarianz aufgeklärt werden, sind 40 Faktoren vonnöten. Dies entspricht der Anzahl der Variablen.
Nach Entfernung von Items mit ungenügenden
bzw. uneindeutigen (im Sinne mehrerer schwacher Ladungen auf verschiedenen Hauptkomponenten) Faktorladungen ergibt sich folgendes Bild: Die Hauptkomponentenanalyse extrahierte drei Faktoren (Eigenwert > 1), die kumulativ 59,5 Prozent der gesamten Varianz erklären. In die Analyse wurden 19 Variablen aufgenommen, all jene, die latente oder manifeste Aussagen beinhalten sollen, laden gemeinsam auf den ersten Faktor. In der
zweiten Komponente finden sich Items mit israelkritischen Äußerungen wieder. Hohe Faktorladungen von Verantwortung ablehnenden Aussagen sind der dritten Komponente zu Eigen. Abbildung 8 und Tabelle 3 veranschaulichen die Ergebnisse der Faktorenextraktion. Zur besseren Übersichtlichkeit wurden die Variablen in
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Abbildung 8 nach ihrer Ladungsstärke sortiert und Ladungskoeffizienten unter .30 unterdrückt. Die Tabelle zur durch die Faktoren erklärten Varianz ist dem Anhang beigefügt.
Eine weitere Hauptkomponentenanalyse unterzog nur die oben ausgewählten Variablen zum latenten und manifesten Antisemitismus der Faktorenextraktion, um mögliche (schwache) faktorielle Unterschiede auszumachen. Streng genommen ist diese Vorgehensweise schon Hypothesen geleitet und damit nicht mehr explorativ. Aber weder durch orthogonale, noch durch schiefwinklige Rotationsverfahren sind Hinweise auf mehr als eine Hauptkomponente mit Eigenwert größer eins zu finden.
Zur Vorraussetzungsprüfung explorativer Faktorenanalysen sind das KMO-Maß nach Kaiser und der Bartlett-Test auf Sphärizität dienlich. Die Testergebnisse zeigen, dass die Zusammenstellung der Variablen für ein faktoranalytisches Modell gut geeignet zu sein scheint, und die Hypothese des nur zufälligen Zustandekommens aller Korrelationen zwischen den Items mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit p =.000 zurückgewiesen werden kann (Tabelle im Anhang). 52 Auch die MSA-Werte (Maß für die Angemessenheit der Stichprobe) der einzelnen Variablen
52 Eine Vorraussetzung des Bartlett-Tests ist die Normalverteilung der Variablen. Die Testergebnisse müssen mit
Einschränkung interpretiert werden, da, wie weiter unten gezeigt wird, die Normalverteilungsannahme nicht
gegeben ist.
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geben keinen Anlass für den Ausschluss einer oder mehrerer Items (kleinster MSA-Wert bei .81).
Diese Befunde ermutigten zur Bildung dreier Subskalen zum Zwecke weiterer Untersuchungen 53 . Doch vorab war es erforderlich, die Normalverteilung zu prüfen und die Skalen der Reliabilitätsanalyse zu unterziehen. Der Kolmogorov-Smirnov-Test ist das gebräuchlichste Verfahren zu Prüfung der Verteilungsform.
Wie aus Tabelle 4 ersichtlich, weichen alle Subskalen signifikant (mit p <.05) von der Normalverteilung ab. Zusätzlich sind die rechtsschiefen Verteilungen in Abbildung 9 graphisch dargestellt.
Die Reliabilitäten der Gesamt-, wie auch der Subskalen, lassen auf zuverlässige Messinstrumente schließen. Als Reliabiltätskoeffizient wurde Cronbachs Alpha gewählt. Die Ge- 53 Dieerste Skale (AsMaLa) nimmt 10 Variablen zu manifestem und latentem Antisemitismus auf, in der zwei-
ten (IKrit) sind fünf Items zur Israelkritik verortet und die dritte Skale (AsVer) umfasst vier Aussagen zur Ver-
antwortungsablehnung.
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samtskale ist mit einem Alpha von .91 als ausgezeichnet reliabel zu bezeichnen. Leichte Unterschiede offenbaren sich beim Vergleich der Alpha-Koeffizienten der Teilskalen. Während die zu einer Skale zusammengefassten Variablen des manifesten und latenten Antisemitismus mit einem Alpha von .90 dem der Gesamtskale entsprechen, fallen die Koeffizienten von Israelkritik und Verantwortungsablehnung etwas schlechter aus (α =.83 bzw. α =. 80). Zu beachten ist aber die geringere Itemanzahl der beiden Skalen. Aufschlussreich für die Qualität der Items ist ein Blick auf die im Anhang befindlichen Itemtotalkorrelationen. Der Trennschärfekoeffizient für die Variable „aspo9p“ liegt nur bei .27, somit ist dieses Item für die Gesamtskale das kritischste. 54 Für die anderen Variablen ergeben sich Trennschärfekoeffizienten zwischen .45 und .72. Betrachtet man die Itemtotalkorrelationen nur über die Teilskalen, sind die Koeffizienten etwas höher.
Auch die Stereotypenliste mit ihren 31 Items (für Juden) wurde einer Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation unterzogen. Nach Verwerfung von zehn Variablen mit ungenügenden Ladungen und nochmaliger Faktoranalyse konnten vier Faktoren mit einem Eigenwert > 1 extrahiert werden. Diese klären kumulativ 58,8 Prozent der Gesamtvarianz auf. Die rotier-
54 DerItemtext von aspo9p lautet wie folgt: „Die Israelis sind Besatzer und haben in den Palästinensergebieten
nicht zu suchen.“ Zu den Formulierungen anderer Variablen sei auf den Anhang verwiesen.
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te Komponentenmatrix (siehe Tabelle 5) lässt erkennen, dass sich im ersten Faktor vornehmlich die„alten“ negativen Eigenschaftszuschreibungen konzentrieren und in der zweiten Komponente diejenigen Stereotype vorhanden sind, welche gelegentlich in der modernen Diskussion zum Verhältnis Deutscher zu Juden herangezogen werden. Die beiden anderen Faktoren integrieren positive bzw. auf Tradition bezogene Eigenschaften. Das Kaiser-Meier-Olkin Kriterium und der Bartlett-Test fallen zur Zufriedenheit aus. Im Anhang sind die Ergebnisse der Vorraussetzungsprüfung und die Tabelle zur erklärten Gesamtvarianz eingefügt. Auf die Darstellung weitere Analysen der Stereotypenliste wird verzichtet, da sie nicht als Teil der Antisemitismusskale vorgesehen ist, sondern nur dazu dienen wird, Diskriminierungsunterschiede herauszuarbeiten.
III.5.2. Itemanalyse der RWA 3 D-Skale
Das Vorgehen zur Untersuchung der Itembatterie des Autoritarismus unterlag einem ähnlichen Prozedere wie bei den Antisemitismusskalen. Allerdings war es in dieser Arbeit nicht von Interesse die dimensionale Struktur von RWA zu überprüfen, um Items zum Zwecke der Skalenverbesserung zu selektieren, oder anderweitig die Skale zu verändern. Entsprechend den oben aufgeführten empirischen Befunden wird die RWA 3 D-Skale als valides und reliables Messinstrument betrachtet, dass in seiner Gesamtheit so zur Anwendung kommen sollte.
Mittels Hauptkomponentenanalyse und Varimax-
Rotation ergaben sich für die Gesamtskale drei Faktoren, deren Eigenwert über eins lag. Sie erklären zusammen 56,5 Prozent der Gesamtvarianz. Inhaltlich ist die Interpretation der Komponenten sehr schwierig. Wie Tabelle 6 verdeutlicht, laden alle Items die autoritäre Aggression erfassen sollen und beide, in positiver Merkmalsrichtung formulierten, Variablen zur autoritären Submission auf Faktor 1. Auf der zweiten Komponente finden sich die anderen vier positiv gepolten Items wie-
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der. Drei der vier negativen Items zu autoritärer Submission und Konventionalismus laden hoch auf den schwächsten extrahierten Faktor - beachtenswert auch die Doppelladungen einiger Variablen. 55 Somit stimmt die hier gefundene Skalenstruktur nicht eindeutig mit der postulierten von Funke (2002a) überein.
Der Bartlett-Test gibt ein signifikantes (p
=.000) Ergebnis wieder, außerdem belegt das KMO-Kriterium mit einem Wert von .85 die Eignung der Variablen für das fak-toranalytische Modell. Im Gegensatz zu den Subskalen des Antisemitismus sind die ermittelten Werte der RWA 3 D-Skale mit einem p=.118 in der Stichprobe hinreichend normalverteilt. Abbildung 10 veranschaulicht die Normalverteilung und Tabelle 7 zeigt die Ergebnisse des Kolmogorov-Smirnov-Anpassungstests.
Mit einem Reliabilitätskoeffizienten von Cronbachs Alpha =.78 kann die Autoritarismusskale zwar als zuverlässiges Messinstrument für die Stichprobe erachtet werden, bei Betrachtung der Itemtotalkorrelationen fällt jedoch die unzureichende Messgüte einiger negativ gepolter
55 Die Tabelle zur aufgeklärten Gesamtvarianz und das KMO-Maß bzw. die Bartlett-Signifikanz wurden in den
Anhang ausgelagert.
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Items auf. Generell sind sämtliche Items positiver Polung trennschärfer. Die Itemkennwerte der Variablen „rwa1cn“, „rwa3sn2 und „rwa5an“ sind besonderes kritisch, alle anderen Items weisen Koeffizienten zwischen .34 und .64 auf (siehe Anhang).
III.5.3. Itemanalyse der Skale zur Sozialen Dominanzorientierung
Six, Wolfradt und Zick (2001) weisen in ihrer Veröffentlichung darauf hin, dass die von Sidanius und Pratto angenommenen zwei Faktoren der SDO 6 -Skale in ihrer Untersuchung auf die Merkmalsrichtung der Items zurückzuführen sei (vgl. Kapitel II.3.3.1, S. 40). Die hier durchgeführte Faktoranalyse (Hauptkomponentenanalyse mit Varimax-Rotation, ohne Vorgabe der Faktoren) bestätigt die Befunde der erstgenannten Autoren. Zwar wurden vier Komponenten mit Eigenwert größer eins extrahiert, aber auf den ersten Faktor laden sechs der acht negativen (Gruppengleichheit) und auf den zweiten sechs der acht positiven (Gruppenüberlegenheit) Variablen. Faktor 3 enthält zwei negative und Faktor vier zwei positive Items (Tabelle 8). Insgesamt erklären die vier extrahierten Komponenten 55 Prozent der Gesamtvarianz. Die Vorraussetzungsprüfungen zur Faktoranalyse ergeben ein hohes KMO-Kriterium von .86, ebenso fällt der Bartlett-Test befriedigend aus.
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Der Test auf Normalverteilung (siehe Tabelle 9) belegt, dass die Stichprobenwerte für die SDO-Skale hinreichend normalverteilt sind. Abbildung 11 veranschaulicht die nichtsignifikante Abweichung des Stichprobenmittelwerts vom theoretischen Skalenmittelwert.
Zur Analyse der internen Konsistenz diente wieder Cronbachs Alpha. Mit einem Wert von α =.82 kann das Instrument hinsichtlich seiner Messgüte als reliabel erachtet werden. Die Item-totalkorrelationen der Variablen liegen bis auf eine Ausnahme zwischen .30 und .59. Nur die Trennschärfe des Items „sdo14p“ ist deutlich niedriger. Im Anhang sind die Koeffizienten der Variablen abgedruckt.
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III.6. Die Testung der Hypothesen
III.6.1. Die Testung der Antisemitismusstruktur
Hyp. 1: Antisemitische Einstellungen identifizieren sich über vier Komponenten: manifester Antisemitismus,
latenter Antisemitismus, Verantwortungsabwehr und überzogene Israelkritik.
Hyp. 1.1: Manifester und latenter Antisemitismus erfassen die „eigentlichen“ negativen Vorurteile gegenüber
Juden, sie sind aber qualitativ verschiedenartig und deshalb strukturell trennbar.
Hyp. 1.2: Verantwortungsabwehr und überharte Israelkritik stellen moderne Ausdrucksformen antisemitischer
Ressentiment dar.
Die in Kapitel III.5.1, S.86f. durchgeführten exploratorischen Faktorenanalysen weisen auf verschiedene Komponenten antisemitischer Einstellungen hin. Eine strukturelle Trennung von manifestem und latenten Antisemitismus war jedoch nicht zu finden, wohl aber für Verant-wortungsablehnung und Israelkritik. Somit wäre die Annahme der Hypothese 1 nur eingeschränkt gerechtfertigt. Zur endgültigen Entscheidung, ob die Unterhypothesen 1.1 und 1.2 nun falsifiziert bzw. verifiziert werden können, sollte die Struktur des Antisemitismus mittels konfirmatorischer Faktorenanalysen, also hypothesengeleitet, nochmals überprüft werden.
Die Entscheidung für die Berechnung Strukturgleichungsmodelle zu verwenden, basierte auf der als vorteilhaft erachteten Trennung von latenten und manifesten Variablen und der damit möglichen Abschätzung der Messfehler. Da im weiteren Verlauf der Hypothesenprüfung auch der Einfluss von RWA und SDO auf Antisemitismus getestet wurde, war die Spezifizierung eines Modells zur antisemitischen Struktur ein erster und notwendiger Schritt zur Erfassung der Zusammenhangsstruktur von RWA, SDO und den Komponenten des Antisemitismus.
Bevor die Befunde der konfirmatorischen Faktorenanalyse vorgestellt werden, sind einige Vorbemerkungen notwendig: Alle folgenden Strukturgleichungsmodelle (SEM) wurden mit Hilfe der Software LISREL (Scientific Software International, 2004) errechnet. Als Schätzmethode der Parameter kam Maximum-Likelihood zur Anwendung, wobei zusätzlich zu den „normalen“ auf asymptotische Kovarianzmatrizen als Datengrundlage zurückgegriffen werden musste, um das Satorra-Bentler χ 2 berechnen zu können. Obwohl die Maximum-Likelihood Methode relativ robust gegenüber Normalverteilungsverletzungen ist, erschien dies angebracht, um die starke Verteilungsschiefe der Antisemitismusskalen über das Satorra-Bentler χ 2 abzusichern. Da LISREL für die Modellschätzung die Kovarianzmatix bzw. die
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
asymptotische Kovarianzmatrix bereitgestellt wurde, die Generierung der Matrizen es aber verlangt, dass keine Missings im Datensatz enthalten sind, schrumpfte die Fallzahl von 411 auf 402 Probanden. Diese Stichprobengröße ist aufgrund der relativ wenigen zu schätzenden Modellparameter als ausreichend anzusehen. Die im Fragebogen beinhalteten Items der für die Strukturgleichungsmodelle relevanten Skalen hatten ein fünfstufiges Antwortformat. Für die Auswertung wird eine Intervallskalierung der Variablen angenommen.
Um die Anpassungsgüte der theoretisch implizierten Modelle mit der empirischen Datenstruktur abzuschätzen, existieren verschiedene Fit-Indices. Für diese Arbeit wird sich auf die Darstellung nachfolgender Gütekriterien beschränkt: Satorra-Bentler Scaled Chi-Square (χ 2 ) mit Freiheitsgraden (df) und den entsprechenden p-Werten, Root Mean Square Error of Approximation (RMSEA) mit 90 % Konfidenzintervall und P-Close-Fit sowie den Goodness of Fit Index (GFI) und den Comparative Fit Index (CFI).
Das gebräuchlichste Maß zur Überprüfung der Passung von theoretisch vorgegebener und empirischer Kovarianzmatix ist das Verhältnis von χ 2 -Wert zu den Freiheitsgraden des Modells. Ein sich daraus ergebender Wert unter zwei wird als sehr gute Modellanpassung interpretiert, Werte zwischen zwei und drei besagen eine zufrieden stellende Übereinstimmung. Obwohl der p-Wert des χ 2 -Tests bei den Modellen angegeben wird, soll ihm keine große Beachtung geschenkt werden, da bei relativ großer Stichprobe die Orientierung am p-Wert nur selten die Beibehaltung der Nullhypothese zuließe.
Der RMSEA ist ein Maß der durchschnittlichen Diskrepanz (zwischen empirischer Kovarianzmatrix und der durch das Modell reproduzierten Kovarianzmatrix) pro Freiheitsgrad. Seine Werte können zwischen 0 und 1 liegen, wobei ein Wert unter .05 als Maß für einen guten Modellfit angesehen wird. Da der RMSEA eine Punktschätzung ist, wird dessen Konfidenzintervall zusätzlich berichtet. Der P-Close-Fit testet den RMSEA gegen die Nullhypothese RMSEA =.05. Der p-Wert des RMSEA sollte sich daher nicht unterhalb dieser „5-Prozent-Schranke“ bewegen.
Als absolutes Anpassungsmaß gilt der GFI. Er dient zur Beschreibung der durch das Modell insgesamt aufgeklärten Varianz und kann ähnlich dem Determinationskoeffizienten der multiplen Regressionsanalyse interpretiert werden. Der GFI variiert zwischen 0 und 1, Werte über .95 weisen auf einen akzeptablen Fit des Modells hin.
Der CFI misst die Modellanpassungsgüte im Vergleich zum Nullmodell, also dem Modell, indem alle Variablen unkorreliert sind und gibt ebenfalls Auskunft über den durch das Modell
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erklärten Varianzanteil. Sein Wertebereich liegt zwischen 0 und 1, für einen guten Modellfit sollte der CFI Werte über .95 angeben.
Die manifesten Variablen der SEM sind nicht die eigentlichen Items, sondern verstehen sich als Testhälften der aufgenommenen Skalen. Um möglichst identische Hälften zu erhalten, wurden die Items über ihre Trennschärfen den manifesten Indikatoren zugeordnet. Die Testhälften bestehen somit aus den aggregierten Mittelwerten der ausgewählten Items 56 . Für die Benennung der halbierten Skalen wählte ich sich selbst erklärende Formulierungen in Analogie zu den Bezeichnungen der Subdimensionen bzw. der Prädiktoren: So integrieren „asman_s1“, „asman_s2“, „aslat_s1“ und „aslat_s2“ Items des manifesten und latenten Antisemitismus. Die Variablen „asver_s1“ und „asver_s2“ bzw. „ikrit_s1“ und „ikrit_s2“ bilden die Testhälften für Verantwortungsablehnung und überharter Israelkritik. Für die Prädiktoren RWA und SDO wurden die Testhälften als „rwa_s1“ und „rwa_s2“ bzw. als „sdo_s1“ und „sdo_s2“ bezeichnet.
Folgende Skalierungsverfahren kamen zur Sicherstellung der Modellidentifikation zur Anwendung: Bei der konfirmatorischen Faktorenanalyse (Überprüfung der Hypothese 1) wurden die Varianzen der latenten Variablen auf eins festgesetzt. Dies führt unter anderem auch dazu, dass die Kovarianzen der latenten Variablen als Korrelationen interpretiert werden können. Bei den Strukturgleichungsmodellen, in denen RWA und SDO als potentielle Prädiktoren des Antisemitismus aufgenommen wurden (Hypothese 4), sind jeweils die Regressionskoeffizienten der ersten manifesten Indikatoren auf die entsprechenden exogenen bzw. endogenen latenten Variablen auf eins fixiert.
Die Darstellung der Strukturmodelle beschränkt sich nur auf die Angabe der standardisierten Parameterschätzungen, falls erforderlich werden nicht signifikante Pfadkoeffizienten berichtet. In den vorher aufgeführten Konzeptmodellen sind alle relevanten Parameter, ohne statistische Angaben, enthalten. Wenn bei den SEM von signifikanten Ladungskoeffizienten die Sprache ist, wird das konventionelle α-Fehlerniveau (5 Prozent) zugrunde gelegt. Im Anhang können spezielle Modellanpassungen über die abgedruckten Syntaxen nachvollzogen werden.
56 Die Variablen der Antisemitismus-Testhälften sind diejenigen Items, die mittels exploratorischer Faktorenana-
lyse selektiert wurden. Bei RWA und SDO gingen alle Variablen der Itembatterien in die Analyse ein.
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Abbildung 12 zeigt das anfängliche Konzeptmodell. 57 Die Antisemitismusstruktur ist demnach eine vierdimensionale, manifeste und latente Formen antisemitischer Einstellungen sind noch voneinander getrennt. Leider war eine sinnvolle Berechnung dieses Modells nicht möglich, da LISREL die Warnung ausgab, dass die Varianz-Kovarianz-Matrix der latenten Variablen (PSI-Matrix) nicht positiv definiert ist. Auch lag die Korrelation zwischen den latenten Variablen „Asman“ und „Aslat“ über dem theoretisch möglichen Maximalwert von 1. Deshalb wurde ein strengeres τ-kongenerisches Modell spezifiziert, indem die Testhälften der manifesten sowie, der latenten Antisemitismusskale die Indikatoren nur einer latenten Variable „AsMaLa“ sind.
In Abbildung 13 ist das standardisierte Strukturmodell der dreidimensionalen Lösung dargestellt. Die Regressionskoeffizienten λy ij belegen, dass die Testhälften sich gut als Indikatoren der latenten Variablen eignen. Kein Pfad unterschreitet den Wert von .76, auch sind den T-Werten zufolge alle geschätzten Koeffizienten signifikant von Null verschieden. Des Weiteren können die Testhälften als relativ ausgewogen angesehen werden.
57 Dem Prinzip der konfirmatorischen Faktorenanalyse folgend, werden nicht alle theoretisch anzunehmenden
Pfade im Konzeptmodell angezeigt, sondern nur diejenigen dargestellt, die zur Hypothesentestung dienlich sind,
aber die Liberalität des Modells bereits beschränken. Das bedeutet, dass es beispielsweise nicht notwendig er-scheint, die Testhälften der Israelkritik konzeptuell in Beziehung zur latenten Variable „AsVer“ zu setzen.
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Interessant ist ein Blick auf die Korrelationen der latenten Variablen η i : In recht hohem positiven Zusammenhang stehen manifester/latenter Antisemitismus und Verantwortungsablehnung (Ψ 21 =.73), auch überharte Israelkritik und Verantwortungsablehnung korrelieren relativ hoch positiv miteinander (Ψ 32 =.54). Die schwächste Korrelation besteht zwischen manifestem/latentem Antisemitismus und Israelkritik (Ψ 31 =44). Doch passt das Modell auf die Daten? Die Modellanpassung ist mit einem χ 2 -Wert (nach Satorra-Bentler) von 39.37 bei 17 Freiheitsgraden zufriedenstellend. Der RMSEA liegt mit .057 etwas über der .05-Schranke, allerdings wird ein 90 Prozent-Vertrauensintervall von .034 - .081 berechnet. Auch der P-Close-Fit des RMSEA wird nicht signifikant. Das absolute, wie auch das inkrementelle Anpassungsmaß, sind hoch und untermauern den akzeptablen Fit des Modells. Der Wert des GFI beträgt .97, der des CFI .99. Somit spricht einiges dafür, dass das theoretisch implizierte Modell die Zusammenhänge auf Populationsebene gut beschreibt.
Im zweiten Schritt wurde überprüft, inwieweit komplexere - also unter die dreidimensionale τ-kongenerische Lösung genestete - Modelle eine nicht signifikant schlechtere Modellanpassung aufweisen. Aus theoretischen Überlegungen ist der Vergleich des dreidimensionalen mit einem strengeren eindimensionalen (ebenfalls τ-kongenerischen) Modells von besonderer
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Bedeutung. 58 Hierfür eignet sich der χ 2 -Differenzentest. Er setzt die Differenzen der χ 2 -Schätzungen und der Freiheitsgrade beider Modelle zueinander ins Verhältnis und mittels des resultierenden p-Wertes kann abgeschätzt werden, ob das strengere Modell signifikant schlechter passt als das liberalere. 59 Tabelle 10 stellt beide Modelle gegenüber. Neben der χ 2 -Statistik und den Fit-Indices werden zusätzlich die Ergebnisse des χ 2 -Differenzentests präsentiert.
Modellvergleich
Tabelle 10: Anpassungsgüte Dreifaktor- bzw. Einfaktormodell und ∆Sχ 2 -Test
Offensichtlich steigt der χ 2 -Wert bei der eindimensionalen Lösung unverhältnismäßig stark an, sämtliche Fit-Indices deuten darauf hin, dass das Ein-Faktor-Modell nicht mit den erhobenen Daten übereinstimmt. Auch der ∆p-Wert wird signifikant, damit muss das einfaktorielle Modell zugunsten des liberaleren dreifaktoriellen Modells abgelehnt werden.
Den Ergebnissen folgend, können antisemitische Einstellungen über drei Faktoren beschrieben werden: Manifester/latenter Antisemitismus, Verantwortungsablehnung und überharte Israelkritik. Empirische Evidenzen bezüglich einer strukturellen Trennung von manifestem und latentem Antisemitismus lassen sich nicht finden bzw. war eine entsprechende Modellspezifikation methodisch nicht möglich. Mit den anderen beiden Faktoren integriert das drei-
58 Eigentlichwäre zuvor der Vergleich zwischen vierdimensionalem und dreidimensionalem Modell vonnöten
gewesen, gerade weil Hypothese 1.1. eine strukturelle Unterschiedlichkeit von manifestem und latentem Anti-
semitismus unterstellt. Leider ist die Durchführung aufgrund der oben beschriebenen methodischen Unzuläng-
lichkeiten der vierfaktoriellen Lösung nicht möglich. Die nichtpositive Definition von PSI und die über 1 liegen-
de Korrelation der latenten Variablen „AsMan“ und „AsLat“ könnte aber auch so interpretiert werden, dass die
Trennung beider Variablen einfach nicht gerechtfertigt ist.
Das eindimensionale Modell ist deshalb strenger als das dreidimensionale, weil bei ihm eine Korrelation der
latenten Variablen von r =1 festgelegt wird.
59 Satorra und Bentler (1999) weisen darauf hin, dass bei Anwendung des Scaled-χ 2 der Chi-Quadrat Differen-
zentest in modifizierter Form durchgeführt werden sollte. Zu diesem Zwecke entwickelten die Autoren ein Pro-
gramm, welches die Berechnung des Tests mit korrigierter Formel ermöglicht. Die Software ist verfügbar unter:
http://www.abdn.ac.uk/~psy086/dept/Programs/sbdiff.exe.
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dimensionale Modell auf die Historie oder auf das politische Tagesgeschehen bezogene Einstellungen zu Juden bzw. zu Israel. Offenbar stehen diese mit dem Antisemitismus in enger Beziehung. Inwieweit Verantwortungsablehnung und Israelkritik aber Ursache oder Resultat des manifesten bzw. latenten antisemitischen Vorurteils sind, ist anhand des Modells nicht ergründbar. Der Diskussionsteil wird diese Frage noch einmal aufgreifen.
Hypothese 1 mit ihren Unterhypothesen gilt demzufolge nur eingeschränkt als verifiziert. Zwar finden sich verschiedene Ausdrucksformen des Antisemitismus, eine strukturelle Verschiedenheit, wie sie bei Hypothese 1.1 angenommen wurde, ist aber nicht zu rechtfertigen.
III.6.2. Das Ausmaß der Kommunikationslatenz bei Antisemiten und Nichtantisemiten
Hyp. 2: Kommunikationsvermeidung ist bei Antisemiten und indifferent Eingestellten ausgeprägter vorhanden
als bei Nichtantisemiten.
Mit dem Konzept der Kommunikationslatenz beschrieben Bergmann und Erb (1991a, 1991b) in Anlehnung an Luhmann (1984) eine Besonderheit des deutschen Antisemitismus - seine öffentliche Äußerung steht unter der Zensur oder erfährt gesellschaftliche Ächtung. Die Relevanz der oben aufgestellten Hypothese gründet sich auf der Mutmaßung, dass auch das Kommunikationsverbot dem Wandel unterliegt und die Durchbrechung der Latenz demnach zunehmend möglich wird. Dass Nichtantisemiten weniger zurückhaltend in der Mitteilung ihrer Ansichten zu Juden und der Shoa sind, ist nicht unplausibel. Aber befürchten Antisemiten tatsächlich Kritik und den Verlust gesellschaftlichen Ansehens im Falle des (nicht strafrechtlich relevanten) Mitteilens antisemitischer Gesinnung? Möglicherweise sind es auch oder besonders die Indifferenten - also die diejenigen, die nicht explizit antisemitisch eingestellt sind und dennoch einigen Vorurteilen gegenüber Juden zustimmen - die sich nicht trauen ihre Meinung öffentlich kundzutun (vgl. auch Kapitel III.4.1, S. 81, Fußnote 51)?
Zur Beantwortung dieser Fragen bzw. der Testung von Hypothese 2 mussten erst einmal geeignete Skalen für manifesten/latenten Antisemitismus und für Kommunikationsvermeidung gebildet werden. Die Dimensionen Verantwortungsablehnung und Israelkritik fanden aus the-oretischen Erwägungen keine Berücksichtigung. Da mit Hilfe exploratorischer wie auch kon-firmatorischer Faktorenanalysen bereits die Subskale manifester/latenter Antisemitismus kon-
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struiert bzw. überprüft wurde, bot es sich an, auf dieses Instrument zurückzugreifen. Problematisch war aber, dass ein - aufgrund der faktoranalytischen Ergebnisse aufgenommenes -Item inhaltlich Kommunikation vermeidendes Verhalten zu erfassen schien. Deshalb war es erforderlich Variable „aslat8p“ aus der Skale zu streichen. 60 Eine nochmalige Hauptkomponentenanalyse mit anschließender Reliabilitätsprüfung bestätigte, dass sich die faktorielle Struktur nicht und die Messgüte des um ein Item geschrumpften Instruments nur vernachlässigbar veränderten. Der Reliabilitätskoeffizient Alpha sank von .91 auf .90.
Anschließend wurden die im Fragebogen aufgenommenen Variablen zur Kommunikationsvermeidung zu einer Skale zusammengefasst. Den empirischen Befunden zahlreicher anderer Untersuchungen zufolge ist eben besprochenes Item „aslat8p“ zur Erfassung von Kommunikationslatenz zweckdienlich (bspw. Bergmann und Erb, 1991a; Frindte et al., 1999a). Trotz der engen Verbindung zu den in dieser Studie verwandten Variablen des manifesten/latenten Antisemitismus wurde Item „aslat8p“ in die Skale zu Kommunikationsvermeidung integriert, auch wenn deren Konfundierung mit den manifesten/latenten Antisemitismusvariablen wahrscheinlich ist. Die Überprüfung der internen Konsistenz der Skale zur Kommunikationsvermeidung ergab ein nur mäßiges Alpha von .47. Allerdings umfasst das Instrument nur drei Items. Ebenso sind die Itemtotalkorrelationen der Variablen nicht optimal (.21, .30 und .37).
Der zweite Schritt bestand in der Unterteilung von Antisemiten und Nichtantisemiten bzw. Kommunikation vermeidende und Kommunikation nicht vermeidende Probanden hinsichtlich antisemitischer Meinungsäußerung. In der Literatur wird die Einteilung in antisemitisch oder nicht antisemitisch sehr kontrovers diskutiert, fast jede empirische Antisemitismusstudie gruppiert nach anderen Gesichtspunkten. Nicht nur stichprobenbedingt, sondern auch deshalb ergeben sich unterschiedlich gefundene Ausprägungen antisemitischer Einstellungen.
Folgender Gruppierungsschlüssel kam hier zur Anwendung: Diejenigen Versuchpersonen, die auf dem fünfstufigen Antwortformat der Skale „manifester/latenter Antisemitismus“ ausschließlich bzw. in Kombination „stimme nicht zu“ (), „stimme eher nicht zu“ () oder „weder noch“ () oder nicht mehr als eine Variable mit „stimme eher zu“() bzw. „stimme voll zu“ () ankreuzten, wurden als nicht antisemitisch gekennzeichnet. Alle Probanden, die maximal drei Variablen mit oder bejahten oder acht Items mit und einem weiteren
60 Itemtext der Variable aslat8p: „Mir ist das ganze Thema Juden irgendwie unangenehm“.
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Item mit oder zustimmten, erhielten die Bezeichnung indifferent. Die als antisemitisch charakterisierten Testpersonen mussten mindesten vier der neun Aussagen mit oder ankreuzen bzw. sieben mit und zwei weitere Variablen mit oder markieren. Wenn Pro-banden zwei von drei Items der Skale zur Kommunikationsvermeidung mit oder zustimmten, erhielten sie die Bezeichnung kommunikationsvermeidend.
Da es momentan keine einheitliche Vorgehensweise zur Gruppierung gibt und Clusteranalysen in diesem Falle als ungünstig erachtet wurden, erschien dieser Schlüssel der tauglichste zu sein. Dennoch, die so vorgenommene Einteilung ist letztendlich willkürlich, sie folgt aber verschiedenen Überlegungen: Erstens, Personen die nur einer Variable hoch zustimmten, sind
in Verbindung mit der Bejahung einer oder mehrerer Aussagen muss entsprechend gewertet werden. Und drittens, für die Charakterisierung der Antisemiten ist es nicht vorrangig von Belang, dass sie den überwiegenden Teil oder alle Items bejahten, weil die Skale relativ scharfe Aussagen enthält. Beachtenswert ist weiterhin, dass die Indifferenten nicht mit „tendenziell antisemitisch eingestellt“ gleichgesetzt werden sollten, auch wenn es unter ihnen einige gibt, auf die dies zutreffen mag.
Ein Kreuzvergleich der Gruppen (siehe
Abbildung 14 und Tabelle 11) untermauert die Vermutung, dass Nichtantisemiten deutlich weniger Vermeidungsverhalten zeigen, als Indifferente und Antisemiten. Auf Basis der zugrunde liegenden Gruppeneinteilung müssen in der Stichprobe annähernd sechs Prozent der Probanden als antisemitisch identifiziert werden. Weitere sieben Prozent äußerten sich indifferent, sind also weder eindeutig den Nichtantisemiten noch den Antisemiten zuzuordnen. Knapp 13 Prozent der
Probanden stimmten den Aussagen, die
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auf die Scheu des öffentlichen Thematisierens der eigenen Meinung gegenüber Juden hinweisen, zu.
Doch kann mit derartigen deskriptiven Maßen noch nicht erschlossen werden, ob die augenscheinlichen Unterschiede wirklich signifikant sind. Anstatt mehrerer T-Tests zum Mittelwertvergleich empfiehlt sich die Durchführung einer einfaktoriellen ANOVA mit Scheffé-Test. Im vorliegenden Fall belegt die Varianzanalyse eine zunächst nicht näher spezifizierte signifikante Unterschiedlichkeit zwischen den Gruppen (F (2) = 50.279; p =.000) Die Varianzhomogenität ist laut des Levene-Tests gewährleistet (vgl. auch die dazugehörigen Statistiken im Anhang).
Mittels der Ergebnisse des multiplen Vergleichstest nach Scheffé können zwei homogene Untergruppen differenziert werden, wobei eine aus den Nichtantisemiten und die andere aus den Indifferenten und Antisemiten besteht (Tabelle 12). Dies bedeutet, dass sich die Gruppe der nicht antisemitisch Eingestellten hinsichtlich ihrer Kommunikationsvermeidung von den anderen beiden Subgruppen signifikant unterscheidet, aber die Indifferenten und Antisemiten untereinander nicht bedeutsam verschiedenartig im Ausmaß zurückhaltender Meinungsäußerung sind.
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Somit legen die Befunde nahe, Hypothese 2 anzunehmen. Die eingangs entgegen gestellte Mutmaßung, dass Antisemiten die Latenz offen durchbrechen und es vornehmlich die Indifferenten sind, die sich nicht trauen ihre Meinung zu sagen, ist aus den Daten nicht ersichtlich. Allerdings sollte die Hypothese mit Bedacht als verifiziert betrachtet werden, der Diskussionsteil geht später näher darauf ein.
III.6.3. Die Zuschreibung von Stereotypen bei Christen, Juden und Muslimen
Hyp. 3: Juden werden negative Eigenschaften in höherem Maße zugeschrieben als Christen.
Auf Basis der mittels Faktorenanalyse extrahierten Hauptkomponenten, mit ihren zugehörigen Stereotypen, wurden zum Differenzvergleich diejenigen 14 Eigenschaften ausgewählt, die auf die ersten beiden Faktoren laden und allesamt negativ besetzt sind.
Vor Betrachtung der Differenzen war es erforderlich, alle Stereotypenlisten, in denen bei einer oder mehreren Gruppen nur „weder noch“ - Zuschreibungen () auftraten zu entfernen, da sie Reaktanzantworten darstellen könnten. Ebenso unberücksichtigt blieben Eigenschaftslisten mit einzelnen fehlenden Werten. Insgesamt füllten 281 der 411 Probanden diesen Teil des Fragebogens nach oben festgelegten Kriterien aus. Um sicherzustellen, dass sich die fak-torielle Struktur nicht bedeutend veränderte, wurde nochmalig eine Hauptkomponentenanalyse über alle 21 selektierten Stereotype nur für diese 281 Testpersonen gerechnet. Weder die Anzahl der Faktoren, noch deren kumuliert erklärte Gesamtvarianz oder die Faktorladungen
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der Variablen unterschieden sich wesentlich von den anfänglichen Faktorenanalysen, in denen alle Fragebögen eingingen.
0,5
0
-0,5
-1,5
Abbildung 15: Eigenschaftsdifferenzen negative Stereotype
Die Bildung der Differenzvariablen „Christen-Juden“ und „Christen-Muslime“ erfolgte über die Mittelwertdifferenzen der 14 negativen Eigenschaften für alle drei Gruppen. Abbildung 15 zeigt, dass Juden, wie auch Muslime bei fast allen Attributen negativer eingeschätzt werden als Christen, es aber bei einigen Eigenschaftszuschreibungen augenscheinlich deutliche Unterschiede zwischen Juden und Muslimen gibt. So meint der Durchschnitt der Testpersonen beispielsweise, dass Juden wie Muslime politisch radikaler, verschwörerischer, unheimlicher und unversöhnlicher als Christen sind. Die Differenzwerte für Muslime fallen bei genannten Eigenschaften indes höher als die der Juden aus. Anders bei den Stereotypen geldgierig und geizig. Die Differenzen zwischen Christen und Muslimen sind sehr schwach und positiv, bei Juden dagegen negativ, was bedeutet, dass Juden geiziger und geldgieriger seien als Christen und Muslime.
Doch können die Differenzen der Eigenschaften über die Gruppen als signifikant erachtet werden? Zur Beantwortung dieser Frage wurden T-Tests bei gepaarten Stichproben durchgeführt, einmal für die Stereotype über die Paare „Christen-Juden“ bzw. „Christen-Muslime“ und außerdem für die Eigenschaftsdifferenzen „Christen/ Juden -Christen/ Muslime“. Die Ergebnisse der im Anhang beigefügten Tests ergeben signifikante Unterschiede zwischen den
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entsprechenden Gruppen für die meisten Eigenschaften und bestätigen die beispielhaft aufgeführten (augenscheinlichen) Differenzen der graphischen Abbildung. 61
Obwohl ein Vergleich positiver Stereotype nicht Gegenstand der Testung von Hypothese 3 ist, wird kurz darauf eingegangen, da die Befunde sehr interessant sind. Eigenschaften wie
intelligent, schlau, klug
und
fleißig
luden in den Faktoranalysen auf eine dritte Hauptkomponente und sollen als positive Eigen-
schaftszuschreibungen verstanden werden. Allerdings ist semantisch unklar, inwieweit z.B. die Stereotype schlau und intelligent positiv oder negativ besetzt sind. Abbildung 16 zeigt, dass den Juden die Attribute schlau und fleißig in der Tendenz stärker zugeschrieben werden als Christen. Hingegen sind in der Einschätzung der Testteilnehmer Muslime im Verhältnis zu den anderen Gruppen weniger fleißig und weniger klug. Mit Ausnahme der Mittelwertdifferenz schlau c - schlau m ergeben sich signifikante Unterschiede (beachte aber Fußnote 61 auf vorheriger Seite) für alle positiven Stereotype über die Gruppen (siehe Anhang).
Wenn die Differenzen negativer wie positiver Eigenschaften zwischen den Gruppen insgesamt gesehen auch recht gering sind und sich deshalb die Unterschiedlichkeit bei den Eigenschaftszuschreibungen nur tendenziell offenbart, zeigen sich dennoch signifikante Abweichungen. In einem Satz zusammengefasst weisen die Probanden Juden in höherem Ausmaße als Christen einen politisch-radikalen, unversöhnlichen, gerissenen, geld- und raffgierigen Charakter zu, ambivalent dazu meinen sie aber, dass Juden schlauer und fleißiger seien. Muslime hingegen werden in erster Linie als politisch-radikaler, verschwörerischer, unheimlicher und unversöhnlicher, nicht aber als geiziger oder geldgieriger im Vergleich zu Christen und Juden charakterisiert.
61 Der Gefahr des kumulierten Alphafehlers bei der Durchführung mehrerer Mittelwertvergleiche via T-Tests
sollte mit der Bonferoni-Korrekturformel entgegengewirkt werden (vgl. Bortz, 1999, S. 261). Bei insgesamt 54
Tests (Vergleich von 14 negativen und vier positiven Stereotypen über drei Gruppen) ist ein adjustiertes α-
Fehlerniveauvon α´=.0009 pro Test anzunehmen. Wenn bei den Eigenschaftsdifferenzen von signifikanten Un-
terschieden gesprochen wird, so bezieht sich dies auf die von SPSS angegebenen p-Werte p =.000.
Der Rückgriff auf nichtparametrische Tests war nicht notwendig, da die Mittelwerte der Differenzen für große
Stichproben als normalverteilt angenommen werden können (zentraler Grenzwertsatz) und somit die für den T-
Test erforderliche Normalverteilungsvorraussetzung als erfüllt gilt.
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Hypothese 2 ist somit bestätigt. Im Diskussionsteil wird später besprochen, warum die Pro-banden Juden zwar einerseits negativer als Christen stereotypisieren, aber andererseits meinen, sie seien schlauer und fleißiger als letztgenannte Gruppe.
III.6.4. RWA und SDO als Prädiktoren des Antisemitismus
Hyp. 4: Autoritarismus und Soziale Dominanzorientierung sind geeignete Prädiktoren des Antisemitismus.
Hyp. 4.1: Beide Konstrukte vermögen die Subdimensionen des Antisemitismus verschieden stark zu erklären.
Zur Überprüfung von Hypothese 4 bzw. deren Unterhypothese, wurde nochmalig der SEM-Ansatz zur Hilfe genommen. Da bereits Kapitel III.6.1, S. 94ff. das methodisch notwendige Procedere (Stichprobengröße, Erstellung der Kovarianzmatrizen, Testhälftenbildung, Identifikation der Modelle, Beschreibung der Fit-Indices,) bei der Modellbildung erläuterte, soll sich dieser Abschnitt gleich auf die Vorstellung der aufgestellten Modelle konzentrieren.
Abbildung 17: Konzeptmodell RWA und SDO auf Antisemitismus
Wie das Konzeptmodell (Abbildung 17) verdeutlicht, werden die durch die konfirmatorische Faktorenanalyse bestätigten drei Faktoren des Antisemitismus als endogene latente Variablen eingeführt. Mittels der Spezifikation zweier latenter exogener Variablen wird nun der Einfluss von RWA und SDO auf den Antisemitismus geprüft. Als Ausgangspunkt dient ein möglichst
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liberales, aber identifizierbares und theoretisch sinnvolles Messmodell. Durch die schrittweise Fixierung bestimmter Parameter bzw. durch die Löschung nicht signifikanter Pfade erhöht sich die Restriktivität des Modells. In Konsequenz sollte das generierte Endmodell die optimalste Passung zwischen der theoretisch implizierten und der empirischen Zusammenhangsstruktur widerspiegeln. Es ist leicht vorstellbar, dass sich bei dieser Vorgehensweise eine Vielzahl (unter dem liberalsten Messmodell geschachtelten) Modelle ergeben können. Die nachfolgende Darstellung beschränkt sich daher nur auf den Vergleich der wichtigsten. Eine Berechnung von Modellen mit Faktoren zweiter Ordnung oder Paralleltestmodellen erfolgte nicht.
Bereits das hier verwandte liberalste τ-kongenerische Modell, welches alle Regressionspfade γ ij der latenten exogenen („RWA“, „SDO“) auf die latenten endogenen Variablen („AsMaLa“, „AsVer“, „IKrit“) zulässt, erreicht eine zufrieden stellende Anpassungsgüte. Die χ 2 -Statistik bzw. die Werte der Fit-Indices können Tabelle 13 entnommen werden.
Modellvergleiche
a Berechnung von ∆Sχ² und ∆p nach Korrekturformel von Satorra und Bentler (1999).
Tabelle 13: Anpassungsgüte τ-kongenerisches und τ-äquivalente Modelle mit ∆Sχ 2 -Test
Da sich die Ladungen der manifesten Indikatoren auf (ihre) latenten Variablen „AsVer“, „IKrit“ und „SDO“ augenscheinlich nicht voneinander unterschieden, wurden die Testhälften der drei latenten Konstrukte gleich gesetzt. Durch diese Restriktion entstand ein τ- äquivalentesModell. Nach Testung des τ-äquivalenten gegen das kongenerische Modell und einem resultierendem ∆p =.202 ist die Modellpassung des erstgenannten Modells nicht signifikant schlechter als die des τ-kongenerischen (Tabelle 13). Mit Ausnahme eines Pfades sind alle Regressionskoeffizienten λx ij , λy ij und γ ij signifikant. Der nicht bedeutsame Pfad (γ 12 ;t =.58) entspricht der Ladung des latenten exogenen Konstruktes „SDO“ auf die endogene Variable „AsMaLa“.
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Also wurde ein weiteres Modell spezifiziert, das diesen Pfad nicht mehr beinhaltet. Im Modellvergleich passt es nicht signifikant schlechter auf die Daten als das liberalere kongenerische Basismodell (∆p =.396). 62 Mehr noch, das RMSEA sinkt geringfügig auf .053 und analog dazu wird dessen 90 Prozent Vertrauensintervall ebenfalls etwas besser (.038 bis .067). Auch die Werte der Fit-Indices sind mit .96 (GFI) und .98 (CFI) hoch genug, um von einer sehr guten Modellanpassung zu sprechen zu können (vgl. auch Tabelle 13).
Abbildung 18: Strukturmodell RWA und SDO auf Antisemitismus (τ-äquivalentes Modell 2)
Aus Abbildung 18 sind die Werte der Pfadkoeffizienten zu entnehmen. Es wird ersichtlich, dass RWA relativ stark auf den manifesten/latenten Antisemitismus (γ 11 =.52), aber auch auf Verantwortungsablehnung lädt (γ 21 =.46). Etwas geringer ist der Wert des Regressionskoeffizienten von RWA auf überharte Israelkritik (γ 31 =.29). Nur mäßige, aber signifikante Ladungen gehen von SDO auf Verantwortungsablehnung und Israelkritik (γ 22 =.12 bzw. γ 32 = -.19). Wie oben dargestellt lädt SDO nicht signifikant auf den manifesten/latenten Antisemitismus. Ohne der Diskussion vorgreifen zu wollen besagen diese Ergebnisse, dass RWA offenbar eine gewichtigere Rolle als die Soziale Dominanzorientierung bei der Erklärung antisemitischer Einstellungen einnimmt.
Erwartungsgemäß stimmen die Schätzungen der Pfadkoeffizienten λy ij bis auf die zweite Nachkommastelle mit denen der weiter oben durchgeführten konfirmatorischen Faktorenana-
62 BeiVerwendung des Satorra-Bentler Chi-Quadrates ist ein Modellvergleich der beiden τ-äquivalenten Model-
le über den Sχ² Differenzentest methodisch nicht möglich, da das geschätzte Sχ² des restriktiveren niedriger als
das des liberaleren Modells ist. Das Verhältnis der „normalen“ χ² ließe den Differenzentest aber zu.
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lyse überein. Beachtenswert auch die Ladungen der Testhälften (λx 11 und λx 21 ) des latenten Konstruktes „RWA“. Obwohl alle Hälften über dieselbe Vorgehensweise (Aufteilung unter Rückgriff auf die korrigierten Itemtotalkorrelationen) konstruiert wurden, ergeben sich deutliche quantitative Unterschiede der beiden manifesten Indikatoren hinsichtlich ihrer Aufklärungskraft. Worauf diese Verschiedenartigkeit beruht, kann methodisch, wie auch inhaltlich nicht erklärt werden.
Abschließend noch ein Blick auf die Korrelation zwischen RWA und SDO (Tabelle im Anhang). Da beide Gesamtskalen in der Stichprobe normalverteilt sind und deren Intervallskalierung angenommen wird, ist die Anwendung der Korrelationsanalyse nach Pearson statthaft. Mit einem r =.31 (p =.001) steht der in der Stichprobe gefundene Zusammenhang in Analogie mit den in der Literatur berichteten Ergebnissen.
Die Entscheidung für oder gegen die Annahme von Hypothese 4 fällt nicht leicht. Zumindest gilt die Unterhypothese 4.1 als verifiziert. Auch ist den empirischen Evidenzen zufolge der Autoritarismus ein geeigneter Prädiktor des Antisemitismus und seiner Subdimensionen. Zwar erklärt die Soziale Dominanzorientierung, wenn auch nur sehr mäßig oder (optimistischer ausgedrückt) tendenziell, die Ablehnung von Verantwortung. Aber unerwartet ist der schwache negative Einfluss von SDO auf Israelkritik bzw. die zu vernachlässigende Bedeutung für die Ausprägung und Aufrechterhaltung manifester/latenter antisemitischer Einstellungen. Wie diese Ergebnisse theoretisch zu interpretieren sind, wird Bestandteil des Diskussionsteils sein.
III.6.5. Der Zusammenhang zwischen soziostrukturellen Variablen und Antisemitismus
Hyp. 5: Soziostrukturelle Faktoren wie Alter, Schulabschluss, politische Orientierung und Religion stehen mit
manifestem und latentem Antisemitismus in Zusammenhang.
Die Literatur zur Antisemitismusforschung berichtete wiederholt von Zusammenhängen antisemitischer Einstellungen mit Alter, Bildungsgrad und politischer Orientierung. Vereinzelt fanden sich empirische Evidenzen für die Variablen Geschlecht und Religiosität bzw. konfessionelle Bindung.
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Um zu analysieren, ob ähnliche Beziehungen auch bei den hier Befragten auftraten, wurde zunächst eine univariate ANOVA gerechnet. Als abhängige Variable diente die bereits weiter oben eingeführte Subskale zum manifesten/latenten Antisemitismus. Für Alter, Schulbildung, politische Orientierung, Geschlecht und konfessionelle Zugehörigkeit sollte deren Einwirkungen auf antisemitische Einstellungen untersucht werden. Wie die in den Anhang ausgelagerte Tabelle der Zwischensubjekteffekte belegt, beeinflussen die ersten drei genannten unabhängigen Variablen bedeutsam die Ausprägungen der Subskale. 63
Allerdings konnte der Levene-Test die Varianzhomogenität der abhängigen Variable nicht bestätigen (siehe Anhang). Die Gleichheit der Fehlervarianzen, als eine notwendige Vorraussetzung für die Durchführung der Varianzanalyse ist demnach nicht gegeben. In diesem Falle wird geraten, die Signifikanzschranke strenger anzusetzen (α =.01). Folgt man dieser (methodisch unsauberen) Empfehlung, bleibt der Einfluss von Alter und politischer Orientierung, nicht aber der des Schulabschlusses signifikant.
Zur Identifizierung homogener Untergruppen der Variablen kam der Scheffé-Test zur Anwendung. Danach unterscheiden sich bei der Variable „Alter“ leicht die bis 35jährigen von den Personen über 46 Jahren hinsichtlich ihrer Antworten auf dem Antisemitismusindex. Deutlicher differenziert der Test zwei Gruppen der Variable „politische Orientierung“ bezüglich ihres Mittels auf der Skale „manifester/latenter Antisemitismus“. So trennen sich die politisch rechts stehenden signifikant von denen, die angeben eine linke bzw. mittlere politische Sichtweise zu vertreten. Etwas schwieriger gelingt die Aufteilung bei der Variable „Schulbildung“. Zwar diskriminiert der Test drei homogene Untergruppen, doch liegen die zum Vergleich herangezogenen Mittelwerte relativ eng beieinander (siehe Anhang). Die Profildiagramme (Abbildungen 19 bis 21) veranschaulichen graphisch die Stufenmittelwerte der Faktoren Alter, politische Orientierung sowie des Schulabschlusses. Augenscheinlich werden durch sie auch die Ergebnisse des Scheffé-Tests ersichtlich. Beachtenswert ist bei Betrachtung von Abbildung 21, dass nur sechs Probanden angaben über (noch) keinen Schulabschluss zu verfügen
63 Wenn von Einfluss der Variablen die Sprache ist, unterstellt dies keinen kausalen Zusammenhang.
Nachfolgend die F-Werte und p-Werte der Variablen: Alter F (5) = 3.593, p =.004; Schulbildung F (4) = 2.422, p
=.049; polit. Orientierung F (2) = 10.435, p =.000; Geschlecht F (1) = .344, p =.004; Religion F (2) = .220, p =.803.
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Versteht man alle oben beschriebenen Variablen als (mindestens) ordinalskaliert, so ist es möglich die Stärke und die Richtung der Zusammenhänge mit Hilfe der Rangkorrelation nach Spearman zu berechnen. Die Beziehungen zwischen Alter und manifestem/latentem Antisemitismus bzw. zwischen politischer Orientierung und antisemitischen Einstellungen sind schwach positiv, aber signifikant. Für Schulbildung ergibt sich eine gegenläufige, ebenfalls signifikante Korrelation. In Werten ausgedrückt beträgt der Korrelationskoeffizient für Alter/Antisemitismus r =.26, für politische Orientierung/Antisemitismus r=.24 und für Schulbildung/ Antisemitismus r = -.24 (jeweils p =.000). Des Weiteren ist der im Anhang befindlichen Tabelle ein sehr schwacher positiver Zusammenhang (r =.14, p =.004) zwischen konfessioneller Bindung und antisemitischen Einstellungen zu entnehmen. Die Geschlechtszugehörigkeit der Probanden erscheint nahezu bedeutungslos.
Hypothese 5 kann folglich nur teilweise angenommen werden, da nicht alle untersuchten soziostrukturellen Variablen mit Antisemitismus in Beziehung stehen.
III.7. Zusammenfassung und Diskussion der empirischen Ergebnisse
Zunächst einige Anmerkungen zur Stichprobe: Da die Hypothesentestung mittels SEM eine hohe Anzahl von Testteilnehmern benötigt, wurde im Vorfeld der Untersuchung die minimal erforderliche Stichprobengröße auf ca. 300 Probanden veranschlagt. Trotz der im Rahmen einer Diplomarbeit gebotenen Beschränkungen gelang es deutlich mehr Personen für die Befragung zu gewinnen. Auch war angedacht, die Einstellungen möglichst heterogener Bevölkerungsgruppen hinsichtlich soziostruktureller Variablen zu erfassen. Dieses Ziel konnte nicht befriedigend erreicht werden. Zwar liegt das Alter der Befragten zwischen 18 und 83 Jahren, doch verfügt die Mehrheit über einen hohen Bildungsabschluss und übt eine berufliche Tätigkeit vornehmlich in akademischen, sozialen oder staatlichen Bereichen bzw. im Dienstleis-tungssektor aus. Unverhältnismäßig wenige Untersuchungsteilnehmer gaben an, eine „eher rechte“ bzw. „rechte“ politische Sichtweise zu vertreten. Inwieweit diese Verzerrung auf Aspekte der sozialen Erwünschtheit, auf ein zu undifferenziertes Antwortformat oder eben doch auf eine Stichprobenbesonderheit zurückzuführen ist, muss unbeantwortet bleiben. Insgesamt gesehen kann bei dieser Stichprobe also nicht von einem repräsentativen soziodemographischen Abbild der Bevölkerung ausgegangen werden. Umso bemerkenswerter ist daher der Befund, dass immerhin sechs Prozent der Untersuchten als (manifest/latent) antise-
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mitisch und weitere sieben Prozent in ihren Einstellungen zur jüdischen Minderheit als indifferent einzuschätzen sind.
Den Analysen der Skalen bzw. deren zugrunde liegende Items zufolge sind mit Ausnahme der Skale zur Kommunikationsvermeidung alle in der Untersuchung verwandten Itembatterien als ausreichend reliabel zu betrachten.
Die Konstruktion möglichst ökonomischer aber geeigneter Skalen für die Komponenten manifester/latenter Antisemitismus, Verantwortungsablehnung und Israelkritik über faktoranalytische Itemselektion war - soweit dies ohne weitere Validierungsstudien einzuschätzen isterfolgreich. Nicht unerwartet sind die Verteilungen der ermittelten Werte der Skalen stark rechtsschief, also in der Stichprobe nicht normalverteilt. Diesem Umstand wurde, wenn es die Methodik ermöglichte, bei den Auswertungen Rechnung getragen.
Hinsichtlich der von Bergmann und Erb (1991a) übernommenen Stereotypenliste ließen sich zu deren Studien analoge Faktoren der Eigenschaften generieren. Besonders deutlich trennten sich die negativen Stereotype von den positiven und traditionsbezogenen Eigenschaftszuschreibungen. Zum Vergleich der Diskriminierungstendenzen wurden insgesamt 14 negative und 4 positive Eigenschaften ausgewählt und Differenzvariablen gebildet. Die von Funke (2002a) postulierte dreidimensionale Struktur des Autoritarismus konnte fak-toranalytisch nicht repliziert werden. Zwar erreichte die RWA 3 D-Skale eine befriedigende interne Konsistenz, die mit den in der Literatur berichteten Befunden übereinstimmen, jedoch war auffällig, dass drei der 12 Variablen ungenügende Itemtotalkorrelationen aufwiesen. In Übereinstimmung zu den Berichten von Six, Wolfradt und Zick (2001) stehen die Faktorladungen der Items der SDO-Skale in Abhängigkeit zu ihrer Merkmalsrichtung. So extrahierte die Faktorenanalyse zwei wesentliche Komponenten, die als Gruppengleichheits- und als Gruppenüberlegenheitsfakor beschrieben werden können. Der ermittelte Reliabilitätskoeffizient spricht für die hohe Messgüte der Itembatterie. Wie bei der RWA 3 D-Skale auch, weicht der Stichprobenmittelwert der SDO-Skale nicht signifikant vom theoretischen Skalenmittelwert ab. Die Skalenwerte sind demnach in der Stichprobe hinreichend normalverteilt.
Im Folgenden sollen die Ergebnisse der Hypothesentestung in Analogie zur Gliederung des vorherigen Abschnitts besprochen werden. Leider ist eine Gegenüberstellung der gewonnenen empirischen Befunde mit den Untersuchungsergebnissen früherer Antisemitismusstudien wegen der unterschiedlichen theoretischen Konzeptionen bzw. Skalenkonstruktionen wenig zweckmäßig und wird deshalb nicht erfolgen.
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Die konfirmatorische Faktorenanalyse lieferte überzeugende empirische Evidenzen dafür, dass antisemitische Einstellungen sich über ein Konstrukt aus manifestem/latentem Antisemitismus, Verantwortungsablehnung und überharter Israelkritik beschreiben lassen. Eine ursprünglich vermutete strukturelle Trennung von manifesten und latenten (latent im Sinne einer diffusen Antipathie gegenüber Juden) Antisemitismen konnte jedoch nicht gefunden werden. Wie ist das zu erklären? Vermutlich werden diejenigen Personen, die manifest antisemitisch eingestellt sind, auch dazu neigen Juden unsympathisch zu finden, Kontakt mit ihnen zu vermeiden bzw. subtilen diskriminierenden Äußerungen gegenüber Juden zuzustimmen. Mit anderen Worten: Antisemiten mit tradierten, manifesten judenfeindlichen Einstellungsmustern vertreten wahrscheinlich ebenso die hier als latent bezeichneten Formen des antisemitischen Vorurteils. Damit erscheint ein positiver Zusammenhang zwischen manifestem und latentem Vorurteil zunächst plausibel. Doch dem eben Gesagten steht die Überlegung entgegen, dass latent antisemitisch Eingestellte nicht zwangsläufig manifeste antisemitische Überzeugungen aufweisen müssen.
Für die einfaktorielle Beschaffenheit von manifestem und latentem Antisemitismus kommen demnach verschiedene Erklärungsmöglichkeiten in Frage: In der Stichprobe gab es keine ausschließlich „latenten Antisemiten“ oder sie gaben sich nicht zu erkennen und beantworteten die Items nicht wahrheitsgemäß. 64 Schließlich wäre es auch möglich, dass die Variablen zu manifestem und latentem Antisemitismus nicht geeignet sind, um zwei verschiedene Formen des Vorurteils zu erfassen. Die erste Mutmaßung erscheint am unwahrscheinlichsten, ist jedoch nicht gänzlich auszuschließen. Da die konstruierten Subskalen keine validierten Instrumente sind, könnte eine starke inhaltliche Überlappung der Antisemitismusvariablen durchaus zutreffen.
Den stärksten Erklärungswert besitzt meines Erachtens aber die Auslegung, dass latent antisemitisch Vorurteilsbehaftete in hohem Maße sozial erwünscht antworteten. Ähnlich wie bei den Indifferenten dürfte deren Vorurteil schwächer als das der „harten“ Antisemiten ausgeprägt sein und verlangt deshalb weder nach (Ersatz-) Kommunikation noch ist es Bestandteil oder Ausdruck einer mehr oder minder politischen Randposition. Die höhere Zurückhaltung der eigenen Meinung von „latenten Antisemiten“ basiert in meinem Verständnis also auf ei- 64 „LatenteAntisemiten“ sind nicht mit den Indifferenten zu verwechseln. Bei den Indifferenten (siehe Hypothe-
se 2) handelt es sich um Personen, die weder den Antisemiten noch den Nichtantisemiten eindeutig zuzuordnen
waren. Sie wurden aufgrund ihrer Antworthäufigkeit gekennzeichnet und stimmten latenten und/oder manifesten
antisemitischen Einstelllungen zu. „Latente Antisemiten“ hingegen hätten nur den Items zugestimmt, die ein
diffuses Unbehagen, eine nicht näher definierbare Antipathie gegenüber Juden hegen. Es sei nochmals darauf
hingewiesen, dass „latenter Antisemitismus“ eine theoretische Hilfskonstruktion auf Basis der Variablen darstellt
und seine Existenz nicht empirisch nachweisbar war. Auch steht der Latenzbegriff nicht in Verbindung mit psy-
choanalytischen Vorstellungen.
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nem negativ ausgefallenen „Kosten-Nutzen-Vergleich“. Somit stünde für die „Latenten“ die Äußerung ihrer tatsächlichen Einstellung in keinem akzeptablen Verhältnis zu den damit ver-bunden Befürchtungen gesellschaftliche Kritik zu erfahren. Obwohl vom Verfasser Anonymität zugesichert werden konnte - aufgrund der Personencodierung war die Identitätsermittlung unmöglich - ist die Sorge um eine unfreiwillige Bekanntgabe der vorurteilsvollen Beurteilung gegenüber der jüdischen Minderheit nicht unbegründet. Die Probandengewinnung gelang in erster Linie über das Schneeballprinzip. Dabei wurden Fragebögen von den Untersuchungsteilnehmern an ihr soziales Umfeld weitergeleitet und nach dem Ausfüllen in den meisten Fällen unkuvertiert an die entsprechende Person des Bekanntenkreises zurückgegeben. So ist vorstellbar, dass einige Testteilnehmer - möglicherweise insbesondere die „latenten Antisemiten“ - die Anonymität angezweifelt und sozial erwünscht antworteten.
Die errechneten positiven Zusammenhänge zwischen manifestem/latentem Antisemitismus und Verantwortungsablehnung bzw. überharter Israelkritik werden wie folgt interpretiert: Antisemiten lehnen eine besondere historische Verantwortung gegenüber den Juden ab und äußern sich stark israelkritisch. Diese Feststellung beschreibt erst einmal nur die Korrelationen und ist damit eine Wiederholung der empirischen Ergebnisse. Doch warum gehen antisemitische Einstellungen mit der Abwehr von Verantwortung und Israelkritik einher? Da die Korrelationsbefunde keine Aussagen über die Genese des Antisemitismus bzw. über eine kausale Verknüpfung der Konstrukte herzustellen vermögen, ist die Beantwortung der Frage rein hypothetisch. Denkbar wäre beispielsweise, dass sich Antisemiten bei der Befürwortung der besonderen Verantwortung in einen kognitiven Widerspruch verwickeln würden. Vorstellbar ist ebenso ein komplexes Gebilde aus übersteigertem Nationalismus - für dessen Begründung die Anerkennung von Verantwortung und Schuld entgegensteht - den damit verbundenen politischen Anschauungen und antisemitischen Einstellungen. Gegensätzlich zu diesen Interpretationen des Zusammenhangs stünde die Mutmaßung des bedingenden Einflusses von Ver-antwortungsabwehr auf die Entstehung antisemitischer Einstellungen. Letzte These ist aber nicht ohne gesellschaftliche Brisanz, da sie den Verantwortung ablehnenden Personen eine zumindest tendenzielle Neigung zum Antisemitismus unterstellt.
Die mittelstarke Korrelation zwischen antisemitischen Einstellungen und Israelkritik bestätigte die vermutete Beziehung beider Konstrukte. Sie wird so gedeutet, dass Antisemiten israelkritische Äußerungen zur Bestätigung ihrer Vorurteile nutzen bzw. im öffentlichen Raum auf Israelkritik als ersatzweise antisemitische Kommunikation zurückgreifen und zwar dann, wenn die Thematisierung judenfeindlicher Ressentiments erhebliche Nachteile mit sich brin-
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gen würde. Meines Erachtens ist die Einwirkung israelkritischer Haltungen auf die Ausbildung des manifesten/latenten Antisemitismus eher unwahrscheinlich, da hierfür die undifferenzierte Gleichsetzung der Juden mit der Politik des Staates Israel notwendig wäre.
Bei der Analyse des Ausmaßes der Kommunikationsvermeidung lieferten die Daten klare Belege für die Unterschiedlichkeit der Nichtantisemiten gegenüber den Indifferenten und den antisemitisch Eingestellten. So wurden zwei heterogene Klassen differenziert, wobei die Nichtantisemiten signifikant niedrigere Werte auf der Skale aufwiesen, als die indifferent Vorurteilsbehafteten und Antisemiten. Eine Trennung beider letztgenannten Gruppen ist den Befunden nicht zu entnehmen. Die der Hypothese 2 entgegen gestellte Mutmaßung, dass für Antisemiten die Kommunikationsvermeidung weniger von Bedeutung als für die Indifferenten sei, konnte demnach empirisch widerlegt werden.
Zur Interpretation der Ergebnisse: Nichtantisemiten werden sich vermutlich weniger bei der Thematisierung ihrer Meinung zu Juden zurückhalten, weil ihre Einstellungen gesellschafts-konform sind. Gegensätzlich dazu die Indifferenten und Antisemiten. Offenbar besteht das Kommunikationsverbot antisemitischer Äußerungen in der Öffentlichkeit auch weiterhin bzw. nehmen beide Gruppen die Zensur als gegeben an und äußern ihre Ressentiments gegenüber Juden nur verhalten. Den Daten zufolge scheint sich also keine Wandlung des Kommunikationsverbotes abzuzeichnen.
Allerdings unterliegt die Beurteilung der Befunde einigen Einschränkungen. Die Skale zur Kommunikationsvermeidung erreichte keine befriedigende Messgüte und bestand aus nur drei Variablen. Die Gruppierung in Nichtantisemiten, Indifferente und Antisemiten erfolgte nach einem wohlüberlegten und meines Erachtens brauchbaren Schlüssel, ist aber letztendlich willkürlich. In der Stichprobe gab es nur relativ wenige antisemitisch und indifferent eingestellte Personen. Dies schmälert zwar nicht das Ergebnis des Tests auf homogene Untergruppen, jedoch wäre für den Vergleich zwischen Indifferenten und Antisemiten, hinsichtlich ihres Ausmaßes an Kommunikationsvermeidung, eine höhere Fallzahl wünschenswert gewesen.
Nach Auswertung der Differenzvariablen bestätigte sich die These, dass Juden signifikant negativere Eigenschaften zugeschrieben werden als Christen. Dies gilt nicht nur für Stereotype wie politisch radikal, verschwörerisch und unheimlich, sondern auch für Eigenschaften wie unversöhnlich, nachtragend sowie gerissen, geldgierig und geizig. Bei Betrachtung der stereotypisierten Vorurteile gegenüber Muslimen offenbart sich die durchschnittliche Einschätzung der Probanden, wonach Muslime in höherem Maße politisch radikaler, verschwö-
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rerischer, unheimlicher und unversöhnlicher als Christen und Juden seien. Sie werden aber im Vergleich zu beiden Gruppen als weniger geizig und geldgierig charakterisiert. Folglich sind die Eigenschaftszuschreibungen für die beiden nichtchristlichen Gruppen verschiedenartig. Noch stärker ist diese Divergenz bei den positiven Stereotypen ersichtlich. Juden im werden im Vergleich zu Christen und Muslimen als fleißiger und schlauer beurteilt, währenddessen die Testteilnehmer Muslime als weniger klug stereotypisieren. Zur Deutung der Eigenschaftsdifferenzen sind mehrere Argumentationsrichtungen möglich. Beispielsweise wäre es denkbar, dass Christen (bzw. die Zugehörigkeit zu einer christlich geprägten Gesellschaft) die „Eigengruppe“ der Stichprobe darstellen und die negativere Bewertung (z.B. unheimlich) der Nichtchristen, also der Juden und der Muslime, aufgrund ihrer subjektiv wahrgenommenen Fremdheit geschieht. Vermutlich werden Muslime als fremdartiger als Juden charakterisiert und deshalb mit einem größeren Bedrohungspotential versehendies spräche für die höheren Differenzwerte der Eigenschaften verschwörerisch und unheimlich. Doch stößt eine derartige Interpretation relativ schnell auf Widersprüche. Eine weitere Ursache für die negativeren Eigenschaftszuschreibungen der Muslime (vor allem politisch radikal, verschwörerisch) könnte im politischen Tagesgeschehen des Erhebungszeitraums, also in den Selbstmordanschlägen durch Mitglieder der Hamas und der Al-Aksa-Brigaden im Kontext des Nahost-Konfliktes liegen. Zwar antwortete Israel mit scharfen Vergeltungsmaßnahmen, die Ausprägungen der beiden aufgeführten Eigenschaftsdifferenzen sind aber für Juden geringer. Möglicherweise trennten die Probanden zwischen dem Staate Israel und den Juden. Die ambivalente Stereotypisierung (gerissen, geldgierig, geizig resp. fleißig, schlau, klug) der letztgenannte Gruppe ist meines Erachtens Resultat der Nachkriegsgeschichte bzw. der Moderne. Obschon die Stereotype gerissen und geldgierig seit Jahrhunderten zur Diffamierung der Juden dienten, wurde wohl im Zusammenhang mit der Ablehnung von Entschädigungsleistungen erneut darauf zurückgegriffen und ist auch heute noch Bestandteil einer diskreditierenden Charakterbeschreibung. Die Anerkennung der mit der israelischen Staatgründung einhergehenden Aufbauleistung spiegelt sich in meinem Verständnis in der Eigenschaftszuschreibung fleißig wieder. Inwieweit die Semantik Schlauheit positiv oder negativ belegt, ist kaum mit Sicherheit feststellbar. Da Juden aber ebenso die Eigenschaft klug in höherem Maße als Christen und Moslems zugeordnet wird, soll eine Interpretationsrichtung skizziert werden: Vielleicht gründet sich der Ursprung des Stereotyps auf die Charakterisierung von „Prototypen“, die als redegewandt, belesen, erfolgreich und in der Summe möglicherweise deshalb als klug gelten (Bubis, Spiegel, Friedmann)?
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Wenn bei der Herausarbeitung der Eigenschaftsdifferenzen über die Gruppen von Unterschieden gesprochen wurde, sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass die Unterschiede zwar signifikant, aber zumeist quantitativ sehr gering waren. Insofern sind sie als Tendenzen zu betrachten.
Die Ergebnisse zur prädiktiven Bedeutung von Autoritarismus und Sozialer Dominanzorientierung für den manifesten/latenten Antisemitismus, Verantwortungsablehnung bzw. für Israelkritik überraschten. Generell beeinflusst RWA in deutlich höherem Maße den Antisemitismus und seine modernen Ausdrucksformen als SDO. Insbesondere der Einfluss des Autoritarismus auf manifeste/latente antisemitische Einstellungen ist hoch positiv. RWA vermag den Stichprobendaten zufolge aber auch Verantwortungsabwehr und überharte Kritik an Israel vorherzusagen. Im Gegensatz dazu steht die Eignung der Sozialen Dominanzorientierung als Prädiktor oben genannter Komponenten. Ihr Aufklärungspotential für Verantwortungsablehnung und Israelkritik ist eher gering. Für letztgenanntes Konstrukt ergibt sich ein negativer Regressionskoeffizient. Nicht signifikant wirkt die SDO auf den manifesten/latenten Antisemitismus ein.
In Kapitel II.2. bzw. II.3.1.2. wurde der Antisemitismus unter die Fremdenfeindlichkeit verortet, seine historischen Besonderheiten aufgeführt und theoretische Begründungen hinsichtlich des Einwirkens von Autoritarismus auf fremdenfeindliche sowie antisemitische Einstellungen dargelegt. Insofern bestätigen die empirischen Befunde dieser Studie die theoretischen Vorüberlegungen, dass manifester/latenter Antisemitismus durch Autoritarismus erklärt werden kann. Der empirisch gefundene Einfluss autoritärer Charakterstrukturen auf Verantwortungsablehnung wird in erster Linie mit dem starken Zusammenhang der Komponenten manifester/latenter Antisemitismus und Abwehr von Verantwortung begründet. Gleichwohl ist es aber auch denkbar, dass hoch autoritäre Probanden nicht bereit sind eine besondere Verant-wortung Deutscher gegenüber Juden zu akzeptieren, ohne manifest/latent antisemitisch vorurteilsbehaftet zu sein. Eine schlüssige theoretische Begründung für letztgenannte Interpretation ist mir aber nicht möglich. Schwierig ist ebenso die Auslegung der (mäßigen) Vorhersagbarkeit israelkritischer Meinungen durch Autoritarismus. Möglicherweise drückt sich dadurch eine generelle Intoleranz Autoritärer gegenüber der Politik des Staates Israel aus. Offenbar sehen die sozial dominant Orientierten in der jüdischen Minderheit keine Gefahr des Status- und Machtverlustes der Eigengruppe. Folglich ist deren Diskriminierung nicht erforderlich. Nur tendenziell wehren Personen mit hohen SDO-Werten Verantwortung ab und sind nicht israelkritisch. Beide Befunde stehen im Einklang mit der Theorie, da dem Ansatz nach
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sozial dominante Personen wohl kaum Verantwortung für eine Fremdgruppe übernehmen würden. Die in der Tendenz gefundene positive Einschätzung der Israelpolitik könnte darauf zurückzuführen sein, dass sozial Dominante zum einen Repressionen gegenüber anderen Gruppen zum Zwecke des Machterhaltes befürworten und zweitens der israelischpalästinensische Konflikt für das in Deutschland vorhandene Gesellschaftssystem nicht von Belang ist.
Die ermittelte Korrelation zwischen RWA und der von Six, Wolfradt und Zick (2001) übernommenen SDO-Skale stimmt mit dem von den Autoren gefundenen Zusammenhang überein (r =.31 resp. r =.29). Allerdings operationalisierten Six, Wolfradt und Zick den Autoritarismus über die auf den deutschen Sprachraum angepasste RWA-Skale von Altemeyer (vgl. Six, Wolfradt & Zick, 2001, S.30). Die oben aufgeführte SEM-Ergebnisse, wie auch die errechnete Korrelation, sprechen für die postulierte konzeptuelle Eigenständigkeit beider Konstrukte.
Für Alter und politische Orientierung fanden sich substantielle Gruppenunterschiede hinsichtlich der Ausprägung manifester/latenter antisemitischer Einstellungen. So steigt mit zunehmendem Alter das Ausmaß antisemitischer Vorurteile in der Stichprobe an, wobei eine leicht unstetige Zunahme bei den Untersuchungsteilnehmern über 46 Jahren zu verzeichnen ist. Die Altersstruktur wird als Resultat der unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen der Probanden ausgelegt. So erscheint es nahe liegend, dass die - relativ betrachtet - hohen Mittelwerte der älteren Generationen auf Prägungseinflüsse der NS- bzw. Nachkriegszeit zurückzuführen sind. Obwohl in den 50er und 60er Jahren die Verbrechen des Nationalsozialismus an den Juden verurteilt wurden, hat eine kritische Auseinandersetzung in Schule und Gesellschaft und der damit einsetzende Einstellungswandel erst später stattgefunden. Diejenigen Personen, die angaben eine (eher) rechte politische Position einzunehmen, erreichten die höchsten Stufenmittelwerte auf dem Antisemitismus-Index. Der positive Einfluss von rechter politischer Orientierung auf antisemitische Einstellungen kann mit stark konservativen oder auch nationalistischen politischen Wertevorstellungen begründet werden. Dementsprechend ist die Einordnung in ein Rechts-Links-Spektrum eine Verallgemeinerung mehr oder weniger komplexer (politischer) Werte- und Normvorstellungen.
Nicht ganz so eindeutig wie bei Alter und politischer Orientierung gelang die Gruppenunterscheidung bei der Variable Schulabschluss. Aus den Datenergebnissen kann aber geschlussfolgert werden, dass mit niedrigerer Bildung die Diskriminierungsbereitschaft gegen Juden zunimmt. Bezüglich der Religionszugehörigkeit und des Geschlechts der Probanden ergaben sich keine nennenswerten Befunde.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
III.8. Fazit und Ausblick
Die primären Anliegen der Studie waren die Erforschung der Struktur antisemitischer Einstellungen und die Untersuchung möglicher Einflussfaktoren. Diese Zielsetzungen der empirischen Arbeit wurden nach Meinung des Autors erreicht. So lieferten die Analysen der Stichprobendaten überzeugende empirische Evidenzen dafür, dass sich der Antisemitismus über drei Komponenten erklärt. Manifeste und latente Antisemitismen stehen in enger Beziehung zu Verantwortungsablehnung und der Äußerung überharter Israelkritik. Abwehr von Verant-wortung und israelkritische Ansichten werden daher als mögliche moderne Ausdruckformen des Antisemitismus verstanden. Die Befunde untermauerten die Annahme, dass auch in der heutigen Zeit antisemitische Vorurteile der Kommunikationsvermeidung unterliegen. Als geeigneter Prädiktor des Antisemitismus wurde der Autoritarismus bestätigt. Der vermutete Einfluss der Sozialen Dominanzorientierung auf antisemitische Einstellungen entsprach nicht den Erwartungen.
Für die weitere Forschung wäre eine vereinheitlichte theoretische Konzeption des Antisemitismus wünschenswert, auch um metaanalytische Vergleiche treffen zu können. Meines Erachtens wurde insbesondere den Aspekten Verantwortungsablehnung und Kommunikationslatenz im Rahmen der Antisemitismusforschung noch zu wenig Beachtung geschenkt. Zwar gibt es in der „scientific community“ einen gewissen Konsens hinsichtlich deren Relevanz, aber die Operationalisierung beider Konzepte ist nicht befriedigend. Von Interesse sollte ebenso die weitere Prüfung der überharten Israelkritik als ersatzkommunikativer Ausdruck antisemitischer Vorurteile sein. Obwohl sich die Soziale Dominanztheorie zunehmend in der Fremdenfeindlichkeitsforschung etabliert, ist - nach meinem Kenntnisstand - ein umfangreich validiertes Messinstrument der in die Theorie implementierten Sozialen Dominanzorientierung für den deutschen Sprachraum noch nicht erhältlich. Dies ist umso bedauerlicher, da das theoretische Gerüst der SDT sehr viel versprechend erscheint.
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Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V. Anhang
V.1. Verzeichnisse
V.1.1. Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Dimensionen des Rechtsextremismus
Abbildung 2: Schematische Darstellung der Social Dominance Theory
Abbildung 3: Idealisiertes Modell der Einflussnahme von Persönlichkeitsvariablen,
Weltsicht , RWA und SDO auf die Ausbildung von Einstellungen
Abbildung 4: Heuristisches Modell zur Zusammenhangsanalyse relevanter Determinanten
und Indikatoren negativer ethnischer Vorurteile
Abbildung 5: Alter nach Gruppen.
Abbildung 6: Bildung nach Gruppen
Abbildung 7: Derzeitige Beschäftigung nach Gruppen
Abbildung 8: Graph zur Entscheidung der optimalen Faktorenzahl.
Abbildung 9: Verteilung der Antisemitismusskalen AsMaLa, Ikrit, AsVer.
Abbildung 10: Verteilung RWA 3 D-Skale.
Abbildung 11: Verteilung SDO-Skale
Abbildung 12: CFA-Konzeptmodell, vierdimensionale Lösung
Abbildung 13: CFA-Strukturmodel, dreidimensionale Lösung.
Abbildung 14: Graph zum Kreuzvergleich Gruppen AS und Kommunikationslatenz.
Abbildung 15: Eigenschaftsdifferenzen negative Stereotype
Abbildung 16: Eigenschaftsdifferenzen positive Stereotype
Abbildung 17: Konzeptmodell RWA und SDO auf Antisemitismus
Abbildung 18: Strukturmodell RWA/SDO auf Antisemitismus (τ-äquivalentes Modell 2)
Abbildung 19: Graph Stufenmittelwerte Alter bezüglich AS
Abbildung 20: Graph Stufenmittelwerte polit. Orientierung bezüglich AS.
Abbildung 21: Graph Stufenmittelwerte Bildung bezüglich AS
131
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.1.2. Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: RWA 3 D-Skale, Variablenbezeichnung und Itemtext 84
Tabelle 2: Skale zur Sozialen Dominanzorientierung, Variablenbezeichnung und Itemtext. 85
Tabelle 3: Dreidimensionale Faktorlösung AS-Gesamtskale 87
Tabelle 4: Test auf Normalverteilung der Antisemitismusskalen. 88
Tabelle 5: Vierdimensionale Faktorlösung Stereotypenliste 89
Tabelle 6: Dreidimensionale Faktorlösung RWA 3 D-Skale 90
Tabelle 7: Test auf Normalverteilung der RWA 3 D-Skale 91
Tabelle 8: Vierdimensionale Faktorlösung SDO-Skale 92
Tabelle 9: Test auf Normalverteilung der SDO-Skale 93
Tabelle 10: Anpassungsgüte Dreifaktor- bzw. Einfaktormodell und Sχ 2 -Test. 99
Tabelle 11: Kreuztabelle Gruppen Antisemitismus und Kommunikationslatenz. 103
Tabelle 12: Post-Hoc-Vergleichstest der Gruppenmittelwerte AS/KomLat. 104
Tabelle 13: Anpassungsgüte τ-kongenerisches und τ-äquivalente Modelle mit Sχ 2 -Test 108
132
„Juden, Deutsche und Nahost 2002/2003“
Liebe Teilnehmerinnen, liebe Teilnehmer,
vielen Dank, dass Sie sich entschlossen haben, an dieser Studie mitzuwirken. Mit dieser Befragung möchten wir Sie bitten, uns Ihre Meinung zur Rolle der Juden in unserer Gesellschaft und zum Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern im Nahen Osten mitzuteilen.
Die Beantwortung der Aussagen auf den nachfolgenden Seiten ist natürlich freiwillig. Sie würden uns jedoch sehr in unserer Arbeit unterstützen, wenn Sie diesen Fragebogen ausfüllen. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie benötigen und beantworten Sie den Fragenbogen bitte gewissenhaft und vollständig. Wir versichern Ihnen, die Daten nur für Forschungszwecke zu verwenden und garantieren absolute Anonymität.
Falls Sie noch Fragen zu dieser Untersuchung oder Interesse an den Ergebnissen haben, können Sie sich an folgende Adresse wenden:
Friedrich- Schiller- Universität Jena
Institut für Psychologie Lehrstuhl für Kommunikationspsychologie Nahost- Studie Am Steiger 3/ Haus 1 07743 Jena Email: Studie_2003@web.de
F 1
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.3. Antisemitismusskalen
V.3.1. Skale zum manifesten und latenten Antisemitismus
V.3.2. Skale zur Verantwortungsablehnung
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.3.3. Skale zur überharten Israelkritik
V.3.4. Skale zur Kommunikationsvermeidung
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.4. Itemanalyse der Antisemitismusskalen
V.4.1. Kumulativ aufgeklärte Gesamtvarianz (Faktoranalyse AS-Gesamtskale)
V.4.2. Eignungsprüfung für das faktoranalytische Modell (AS-Gesamtskale)
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.4.3. Reliabilitätsanalysen der Antisemitismusskalen
V.4.3.1. Reliabilitätsanalyse AS-Gesamtskale
Item-total Statistics
ASMA7P
ASMA8P
ASMA9P
ASMA10P
ASLAT1P
ASLAT2P
ASLAT7P
ASLAT8P
ASLAT11P
ASVER1P
ASVER4P
ASVER5P
ASVER6N
ASPO3P
ASPO5P
ASPO6P
ASPO9P
ASPO11P Reliability Coefficients 19 items Alpha = ,9101 Standardized item alpha = ,9137
V.4.3.2. Reliabilitätsanalyse Teilskale Verantwortungsablehnung (AsVer)
Item-total Statistics
ASVER4P
ASVER5P
ASVER6N Reliability Coefficients 4 items Alpha = ,7963 Standardized item alpha = ,7935
146
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.4.3.3. Reliabilitätsanalyse Teilskale manifester und latenter Antisemitismus
Item-total Statistics
ASMA7P
ASMA8P
ASMA9P
ASMA10P
ASLAT1P
ASLAT2P
ASLAT7P
ASLAT8P
ASLAT11P Reliability Coefficients 10 items Alpha = ,9025 Standardized item alpha = ,9062
V.4.3.4. Reliabilitätsanalyse Teilskale überharte Israelkritik
Item-total Statistics
ASPO5P
ASPO6P
ASPO9P
ASPO11P Reliability Coefficients 5 items Alpha = ,8270 Standardized item alpha = ,8287
147
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.5. Analyse der Stereotypenliste
V.5.1. Kumulativ aufgeklärte Gesamtvarianz (Faktoranalyse Stereotypenliste)
V.5.2. Eignungsprüfung für das faktoranalytische Modell (Stereotypenliste)
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.6. Itemanalyse der RWA 3 D-Skale
V.6.1. Kumulativ aufgeklärte Gesamtvarianz (Faktoranalyse RWA 3 D-Skale)
V.6.2. Eignungsprüfung für das faktoranalytische Modell (RWA 3 D-Skale)
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.6.3. Reliabilitätsanalyse RWA 3 D-Skale
Item-total Statistics
RWA4CP
RWA6SP
RWA8AP
RWA10CP
RWA12SP
RWA1CN
RWA3SN
RWA5AN
RWA7CN
RWA9SN
RWA11AN Reliability Coefficients 12 items Alpha = ,7826 Standardized item alpha = ,7909
V.7. Itemanalyse der SDO-Skale
V.7.1. Kumulativ aufgeklärte Gesamtvarianz (Faktoranalyse SDO-Skale)
150
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.7.2. Eignungsprüfung für das faktoranalytische Modell (SDO-Skale)
V.7.3. Reliabilitätsanalyse SDO-Skale
Item-total Statistics
SDO2N
SDO3P
SDO4P
SDO5N
SDO6P
SDO7N
SDO8P
SDO9P
SDO10N
SDO11N
SDO12N
SDO13P
SDO14P
SDO15P
SDO16N Reliability Coefficients 16 items Alpha = ,8249 Standardized item alpha = ,8301
151
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.8. Testung Hypotese 1
V.8.1. Konfirmatorische Faktorenanalyse - Syntax (Lisrel), 4 dimensionales Modell
TI CFA 4Dim
DA NI=12 NO=402 MA=CM
CM FI=asmodell2.cov
AC FI=asmodell2.asy
MO NY=8 NE=4 TE=DI,FR PS=SY,FR LY=FU,FI
SE
1 2 3 4 5 6 7 8 /
LE
AsMan AsLat AsVer IKrit
FI PS(1,1) PS(2,2) PS(3,3) PS(4,4)
VA 1.0 PS(1,1) PS(2,2) PS(3,3) PS(4,4)
FR LY(1,1) LY(2,1)
FR LY(3,2) LY(4,2)
FR LY(5,3) LY(6,3)
FR LY(7,4) LY(8,4)
PD
OU ME=ML
V.8.2. Konfirmatorische Faktorenanalyse - Syntax (Lisrel), 3 dimensionales Modell
TI CFA 3Dim
DA NI=12 NO=402 MA=CM
CM FI=asmodell2.cov
AC FI=asmodell2.asy
MO NY=8 NE=3 TE=DI,FR PS=FU,FR LY=FU,FI
SE
1 2 3 4 5 6 7 8 /
LE
AsMaLa AsVer IKrit
FI PS(1,1) PS(2,2) PS(3,3)
VA 1.0 PS(1,1) PS(2,2) PS(3,3)
FR LY(1,1) LY(2,1)
FR LY(3,1) LY(4,1)
FR LY(5,2) LY(6,2)
FR LY(7,3) LY(8,3)
PD
OU ME=ML
152
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.8.3. Konfirmatorische Faktorenanalyse - Syntax (Lisrel), 1 dimensionales Modell
TI CFA 1Dim
DA NI=12 NO=402 MA=CM
CM FI=asmodell2.cov
AC FI=asmodell2.asy
MO NY=8 NE=1 TE=DI,FR PS=FU,FR LY=FU,FI
SE
1 2 3 4 5 6 7 8 /
LE
AsGesamt
FI PS(1,1)
VA 1.0 PS(1,1)
FR LY(1,1) LY(2,1)
FR LY(3,1) LY(4,1)
FR LY(5,1) LY(6,1)
FR LY(7,1) LY(8,1)
PD
OU ME=ML
V.9. Testung Hypotese 2
V.9.1. Gruppenvergleich mittels einfaktorieller ANOVA
153
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.9.2. Reliabilitätsanalyse Skale zur Kommunikationslatenz
Item-total Statistics
FASLA4P
FASLA12P Reliability Coefficients 3 items Alpha = ,4740 Standardized item alpha = ,4697
V.10. Testung Hypothese 3
V.10.1. T-Test Eigenschaften Paare Christen - Juden (negative Stereotype)
154
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.10.2. T-Test Eigenschaften Paare Christen - Muslime (negative Stereotype)
155
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.10.3. T-Test Eigenschaftendifferenzen Paare Christen/Juden - Christen/Muslime (negative Stereotype)
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.10.4. T-Test Eigenschaften Paare Christen - Juden und Christen - Muslime (positive Stereotype)
V.10.5. T-Test Eigenschaftendifferenzen Paare Christen/Juden - Christen/Muslime (positive Stereotype)
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.11. Testung der Hypothese 4
V.11.1. SEM-Analyse RWA und SDO auf Antisemitismus - Syntax (Lisrel), tau-kongenerisches Modell
TI RWA und SDO auf AS tau-kongererisches modell
DA NI=12 NO=402 MA=CM
CM FI=asmodell2.cov
AC FI=asmodell2.asy
MO NX=4 NK=2 NY=8 NE=3 TD=FU,FI TE=DI,FR LX=FU,FI LY=FU,FI PH=SY,FR
PS=FU,FR GA=FU,FR
SE
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 /
LK
RWA SDO
LE
AsMaLa AsVer IKrit
VA 1.0 LX(1,1) LX(3,2)
FR LX(2,1) LX(4,2)
VA 1.0 LY(1,1) LY(5,2) LY(7,3)
FR LY(2,1) LY(3,1) LY(4,1) LY(6,2) LY(8,3)
FR TD(1,1) TD(2,2) TD(3,3) TD(4,4)
PD
OU ME=ML
V.11.2. SEM-Analyse RWA und SDO auf Antisemitismus - Syntax (Lisrel), tau-äquivalentes Modell 1
TI RWA und SDO auf AS tau-äquivalentes Modell 1
DA NI=12 NO=402 MA=CM
CM FI=asmodell2.cov
AC FI=asmodell2.asy
MO NX=4 NK=2 NY=8 NE=3 TD=FU,FI TE=DI,FR LX=FU,FI LY=FU,FI PH=SY,FR
PS=FU,FR GA=FU,FR
SE
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 /
LK
RWA SDO
LE
AsMaLa AsVer IKrit
VA 1.0 LX(1,1) LX(3,2) LX(4,2) LY(6,2) LY(8,3)
FR LX(2,1)
VA 1.0 LY(1,1) LY(5,2) LY(7,3)
FR LY(2,1) LY(3,1) LY(4,1)
FR TD(1,1) TD(2,2) TD(3,3) TD(4,4)
PD
OU ME=ML
158
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.11.3. SEM-Analyse RWA und SDO auf Antisemitismus - Syntax (Lisrel), tau-äquivalentes Modell 2
TI RWA und SDO auf AS Neu3 sdo und ikrit gleich, n. s. Pfade raus
DA NI=12 NO=402 MA=CM
CM FI=asmodell2.cov
AC FI=asmodell2.asy
MO NX=4 NK=2 NY=8 NE=3 TD=FU,FI TE=DI,FR LX=FU,FI LY=FU,FI PH=SY,FR
PS=FU,FR GA=FU,FI
SE
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 /
LK
RWA SDO
LE
AsMaLa AsVer IKrit
VA 1.0 LX(1,1) LX(3,2) LX(4,2) LY(6,2) LY(8,3)
FR LX(2,1)
VA 1.0 LY(1,1) LY(5,2) LY(7,3)
FR LY(2,1) LY(3,1) LY(4,1)
FR GA(1,1) GA(2,1) GA(3,1)
FR GA(2,2) GA(3,2)
FR TD(1,1) TD(2,2) TD(3,3) TD(4,4)
PD
OU ME=ML
V.11.4. Korrelationsanalyse RWA und SDO
159
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.12. Testung Hypothese 5
V.12.1. Gruppenvergleich mittels univariater ANOVA
160
Sebastian Petzold Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie.
V.12.2. Post-Hoc-Vergleichstest der Gruppen zu Alter, politische Orientierung, Bildung bezüglich ihrer Stufenmittelwerte auf der AS-Skale
161
Arbeit zitieren:
Diplom - Psychologe Sebastian Petzold, 2004, Antisemitische Einstellungen in Deutschland. Eine Explorationsstudie., München, GRIN Verlag GmbH
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