Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Modernität 3
2.1 Ralf Dahrendorfs Modernitätsbegriff 4
2.2 Die Bedeutung der Modernität für die gesellschaftliche und politische Ent-
wicklung 4
3. Das Ergebnis der sozialen Revolution des Nationalsozialismus 5
4. Gleichschaltung und Redistribution: aktive Maßnahmen zur
Herstellung sozialer Modernität 6
5. Die Gleichschaltung 7
5.1 Die Parteien 7
5.2 Das politische System 8
5.3 Die Gleichschaltung in der gesellschaftlichen Sphäre 9
6. Redistribution in der Produktionssphäre 9
6.1 Die Bodenreform 9
6.2 Die Kollektivierung der Landwirtschaft 10
6.3 Die Verstaatlichung von Industrie und Wirtschaft 11
7. Redistribution in der Verteilungssphäre 12
7.1 Einkommenspolitik 12
7.2 Bildungspolitik 12
7.3 Die Gleichstellung von Mann und Frau 13
8. Die Vollendung der sozialen Revolution in die Modernität in der DDR? 14
Verwendete Literatur 15
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1. Einleitung
Die Politik der Sowjetischen Besatzungszone/DDR setzte die vom Nationalsozialismus eingeleitete soziale Revolution in die Modernität fort (Siehe: Dahrendorf 1971, S. 432-447). Diese zunächst befremdlich klingende These stellt Ralf Dahrendorf auf den letzten Seiten seiner 1965 erstmals veröffentlichten Monographie „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ auf. Um diese These und die zentrale Bedeutung der Modernität zu verstehen, muss man sich Dahrendorfs spezifisches Verständnis des Begriffes vor Augen führen. Modernität zielt bei Dahrendorf eben nicht, wie man gemeinhin assoziieren könnte auf Technisierung, Rationalisierung und Ökonomisierung, sondern in erster Linie ist die soziale Verfasstheit einer Gesellschaft von Interesse. Angetrieben von dem Versuch der Beantwortung seiner Version der „deutschen Frage“, der Frage nach der Verfassung der Freiheit in Deutschland, stellt Dahren-dorf immer wieder die Notwendigkeit einer sozialen Suprastruktur der Modernität deutlich heraus.
Unter der grundsätzlichen Prämisse von Dahrendorfs Modernitätsthese soll diese Hausarbeit nun, nach einer ausführlicheren Darstellung des spezifischen Modernitätsbegriffs, anhand ausgewählter Politikfelder und spezieller Politikmaßnahmen in der SBZ/DDR im Zeitraum von 1945 bis Ende der 1960er Jahre zeigen, wie die Sozialstruktur der Gesellschaft in Richtung Modernität beeinflusst wurde. Abschließend soll untersucht werden, wie umfassend und nachhaltig die Maßnahmen der DDR-Führung waren, also inwiefern sich Dahrendorfs These der Vollendung der sozialen Revolution in der DDR bestätigen lässt. Nicht von Interesse bei der Betrachtung ist die Bewertung der DDR-Politik hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die politische Verfasstheit der Gesellschaft, also die Kennzeichnung von Liberalität / Illiberalität des Systems oder einzelner politischen Maßnahmen.
2. Modernität
2.1 Ralf Dahrendorfs Modernitätsbegriff
Der Begriff der Modernität (auch Moderne, Modernisierung) unterliegt in den Sozialwissenschaften zahlreichen Definitionen und spezifischen Ausrichtungen. Im Allgemeinen kennzeichnet Modernität eine Entwicklung des Fortschritts, eine Entwicklung in Abhängigkeit eines „zeitlichen Rahmen und dem qualitativen Verhältnis von Alt und Neu“ (Nohlen 2001, S. 310). In der Politikwissenschaft gemeint sind i.d.R. „Vorgänge umfassenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandels von traditionalen Gesellschaften zu hochgradig arbeitsteiligen, wirtschaftlich entwickelten, funktional differenzierten und demokratisierten Gesellschaftssystemen“ (Schmidt 1995, S. 621).
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Ralf Dahrendorf fasst als Soziologe seinen Modernitätsbegriff wesentlich enger. Als einziges Kriterium zur Beschreibung von Modernität wird die soziale Verfasstheit einer Gesellschaft herangezogen. Ein zentrales Moment seiner Monographie „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ ist die Dichotomie zwischen Traditionalität und Modernität der „sozialen Suprastruktur“ (Dahrendorf 1971, S. 446) der Gesellschaft.
Wichtigstes Kennzeichen sozialer Modernität ist nach Dahrendorf die „traditionsfreie Gleichheit der Ausgangstellung aller Menschen“ (ebd., S. 416). Zur Quantifizierung dieser Größe unterscheidet er zwischen erwerbbaren und zugeschriebenen Positionen in der Gesellschaft. Erwerbbar sind solche, in die man durch persönliche Leistung gelangen kann. Zugeschrieben sind solche, die einem „ohne sein Zutun zugefallen sind“ (ebd., S. 107). Entscheidend für den Grad der Modernität ist nun, in welchem Maße die „Sozialpersönlichkeit der Menschen durch zugeschriebene Positionen gebildet und das Verhalten der Menschen durch den unausweichlichen Erwartungshorizont zugeschriebener Position geprägt wird“ (ebd., S. 108). Je weniger also die zugeschriebenen Positionen die Rolle des Individuums in der Gesellschaft bestimmen, je mehr die eigenen Leistungen dazu beitragen in jede gewünschte Position zu gelangen, desto moderner ist auch die soziale Struktur der Gesellschaft.
Die in der deutschen Gesellschaft einflussreichsten zugeschriebenen Positionen nach Dahren-dorf sind Geschlecht, Familie, Religion, Region und Schichtzugehörigkeit, die Bindung an sie Kennzeichen von Traditionalität. Moderne Gesellschaften müssen die Bindung der Menschen an diese Positionen auflösen (Vgl. ebd., S. 416ff). Geschlecht, Glaube und geographische wie soziale Herkunft haben in ihnen keinen Einfluss auf die Chancen und Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung des Individuums. In diesem Sinne ist zum Beispiel die ausschließliche Selbstrekrutierung einer einzelnen sozialen Schicht ausgeschlossen. In ihrer Vollendung handelt es sich um die Verwirklichung einer klassenlosen Gesellschaft: „Der Staatsbürger [als mögliche Rolle des Individuums einer liberal-modernen Gesellschaft] ist der Feind der Klassen, weil er keine Menschen zweiter Klasse neben sich duldet“ (ebd., S. 86). Allenfalls eine Schichtung der Gesellschaft ist möglich, solange diese durchlässig ist, also Möglichkeiten des Auf- und Abstiegs des Individuums innerhalb der Schichthierarchie immer bestehen.
2.2 Die Bedeutung der Modernität für die gesellschaftliche und politische Entwicklung Doch verwirklicht die Modernität nicht automatisch die Möglichkeit zur freien Entfaltung des Individuums in der Gesellschaft. Dahrendorf bezeichnet die Suprastruktur der Modernität als schwankend zwischen liberaler und totalitärer Verfasstheit. Die oben genannten Kriterien sind sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien verwirklichbar. Die Durchsetzung der Moderne kann gewaltsam gelingen mittels „Polizei und Armee“ (Dahrendorf 1971, S. 122) oder aber
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durch „politisches Handeln“ (ebd., S. 124). In beiden Fällen jedoch ist sie oftmals eine Entwicklung „gegen die ausdrücklichen Wünsche der [...] Betroffenen“ (ebd., S. 124), die ihr Lebensglück in der durch die traditionalen Bindungen gegebenen Zugehörigkeit und Sicherheit sehen. Dennoch ist die Modernität unabdingbare Sozialstruktur für Dahrendorfs zentralen Untersuchungsgegenstand, der Verfassung der Freiheit. Erst mit ihr lassen sich die beiden Dimensionen des Individualrechts verwirklichen: Die Gewährung gleicher Rechte für alle, sowie die reale Chance von diesen Rechten Gebrauch zu machen.
Das Individuum in einer modernen Gesellschaft schließt „neben den Privilegien, in denen soziale Ränge sich verfestigt haben, auch jene traditionalen Verhaftungen aus[...], die zur Freiheit geborene Menschen in das Gehäuse der Hörigkeit bannen.“ (ebd., S. 124). Nur in der Modernität wird das „prekäre Glück traditionaler Bindung durch das verlässlichere rationaler Entscheidung“ ersetzt, nur so kann der Gefahr einer drohenden „Versäulung“ (Vgl. ebd., S. 126) der Gesellschaft begegnet werden. Die elementare Bedeutung der Modernität für die Entwicklung von Gesellschaften, unabhängig von ihrer tatsächlichen Ausprägung in liberaler oder totalitärer Hinsicht, wird hierbei deutlich. Darum soll im Folgenden näher betrachtet werden, auf welchen Wegen und wie umfassend die von den Nationalsozialisten begonnene soziale Revolution in die Modernität in den Anfangsjahren der DDR fortgesetzt wurde.
3. Das Ergebnis der vom Nationalsozialismus begonnenen sozialen Revolution Eine Verfassung der Freiheit setzt nach Dahrendorf eine Gesellschaft mit moderner Sozialstruktur voraus. Dass eine solche sich in der Weimarer Republik trotz demokratischen Systems nicht durchsetzen konnte, ist unter anderem mit dieser nicht erfüllten Vorraussetzung begründet. Die im Deutschland dieser Zeit starke Regional- und Schichtbindung, eine „Struktur gewordene[...] Unmündigkeit seiner Menschen“ (Dahrendorf 1971, S. 418), sowie die Zergliederung der Macht in „partielle[...] Institutionen“ und „autonome[...] Nebenzentren“ (ebd., S. 417) kennzeichnen eine äußerst traditional geprägte Gesellschaft. Aber ebenso behinderte diese Sozialstruktur die Etablierung des totalen Machtanspruches der Nationalsozialisten. Der Wunsch nach Ausschaltung potentieller „Quelle[n] des Widerstandes“ (ebd., S. 418), also aller Institutionen und Machtzentren die sich der Möglichkeit permanenter Kontrolle entziehen, war somit die Triebfeder der von den Nationalsozialisten begonnenen und unbewusst vollzogenen sozialen Revolution in die Modernität.
Zahlreiche Politikmaßnahmen zum „Aufbau des [...] totalitären Führerstaates im Zeichen des permanenten Ausnahmezustandes“ (Ruck 1993, S. 35) hatten neben ihrer offensichtlich beabsichtigten Wirkung der Festigung des Hitlerregimes eine erhebliche Veränderung der Sozialstruktur zur Folge. Ein Großteil der unter dem Begriff „Gleichschaltung“ zusammengefassten
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Maßnahmen sind geeignet traditionale Bindungen der Menschen untereinander neu zu definieren oder gar aufzulösen. Die „’Gleichschaltung’ der Länder im Frühjahr 1933“ (Ruck 1993, S. 35) beispielsweise, einhergehend mit der ständigen Beschwörung des Mythos des gesamten deutschen Volkes als Schicksalsgemeinschaft war der Anfangspunkt des allmählichen Zurückgehens regionaler Identifikation, die in den Kriegsjahren von Regimeseite geforderte und auch vollzogene Mobilität weiter Bevölkerungskreise, sowie die gegen Kriegsende folgende Flucht von Millionen Deutschen sein vorläufiger Höhepunkt. Weitere Maßnahmen der „zügige[n] Demontage der traditionellen Institutionen“ (Ruck 1993, S. 46) aus der Weimarer Zeit waren die Zerschlagung der Parteien, die Auflösung, bzw. Eingliederung vormals autonomer gesellschaftlicher Institutionen in die neuen NS-Organisationen, die zunehmende Kontrolle von Erziehung, Bildung, Wissenschaft und anderer staatsferner Institutionen durch den Staat, sowie die rücksichtslose Verfolgung politischer Gegner. Die rasche Besetzung politischer und gesellschaftlicher Leitungspositionen mit Anhängern der NSDAP, v.a. auch auf kommunaler Ebene (Vgl. Ruck 1993, S. 50), sowie das Zurückdrängen und die später vehemente Verfolgung der zu Weimarer Zeiten einflussreichen Schicht des Adels, sowie Teilen des Großbürgertums im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 (Vgl. Dahrendorf 1971, S. 428) waren Ereignisse, die durch den konsequenten Austausch gesellschaftlicher Eliten die traditionale Sozialstruktur aufzulösen begannen. Die soziale Rolle des Individuums wandelte sich lt. Dahrendorf im Nationalsozialismus vom „Untertanen“ der traditional geprägten Gesellschaft hin zum „Volksgenossen“ (Dahren-dorf 1971, S. 421), „autoritären Regierungen nach dem Muster der deutschen Tradition [war
somit] die soziale Grundlage“ (ebd., S. 431) entzogen.
Dennoch blieb die soziale Revolution in die Modernität unvollendet. Von Anfang an gewann Hitler große Teile der gesellschaftlich relevanten Kräfte (v.a. Industrie, Armee, Berufsbeamtentum und Kirche) nur mit dem Versprechen der Wahrung ihrer „Binnenautonomie“ (Lepsius 1993, S. 89) als Partner. Auch wenn in den ersten Jahren der Nazidiktatur massiv von Staatsseite in betreffende Institutionen eingegriffen wurde, war die „Gleichschaltung nicht durchgängige Realität“ (Dahrendorf 1971, S. 425), blieben in „Ecken der Tradition, Quellen des Widerstandes und der Gegenrevolution“ (ebd., S. 431) soziale Schichtstrukturen und regionale Bindung teilweise erhalten.
4. Gleichschaltung und Redistribution: aktive Maßnahmen zur Herstellung sozialer Modernität
Seit Beginn der sowjetischen Besatzung im östlichen Nachkriegsdeutschland ist eine „bewußte Formierung sozialer und politischer Strukturen“ (Staritz 1987, S. 7) zunächst durch die
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Sowjetische Militäradministration (SMAD), später durch die SED, bzw. die Führung der DDR zu beobachten. Offiziell beschließt die Führung der DDR auf der zweiten SED-Parteikonferenz vom 9.-12. Juli 1952 den „Aufbau des Sozialismus zur grundlegenden Aufgabe in der Deutschen Demokratischen Republik“ (2. SED-Parteikonferenz 1952). Die Charakterisierung der politischen Kultur sozialistischer Systeme als Zielkultur, geleitet von dem politischen Willen einer „zielgerichtete[n] Neukonstruktion der Gesellschaft“ (Thaa 1992, S. 19), trifft spätestens ab diesem Zeitpunkt auch für die DDR zu.
Die Neukonstruktion der Sozialstruktur der DDR-Gesellschaft wird im wesentlichen auf zwei Pfaden erreicht. Der Sozialismus, der als „erste Gesellschaftsformation [...] einen Gesellschaftsaufbau nach einem Plan“ (Beyme 1975, S.35) vollziehen will, bedient sich in der DDR zur Durchsetzung dieses Plans des Mittels der Gleichschaltung von Parteien, Verbänden und anderen Institutionen, als ein Pfad zu sozialer Modernität in totalitärer Ausprägung. Ein zweiter und wirkungsvollerer Weg wird mittels der „Redistribution der social outcomes unter den Mitgliedern der Gesellschaft“ (ebd., S. 43) beschritten. Dabei wird in Redistribution in der Produktionssphäre und in der Verteilungssphäre unterschieden (Vgl. ebd., S. 43ff). Erstere soll die Planwirtschaft ermöglichen und mit ihr ein hohes Niveau des sozialen „outcomes“ sichergestellt werden. Letztere soll für eine gleichmäßige und gerechte Verteilung des gesellschaftlich produzierten Wohlstandes, und somit für den Abbau von Gruppen- und Schichtdifferenzen sowie die Angleichung der Menschen hinzu sozialistischer Moral, Werten und Kultur sorgen. Der „Aufbau des Sozialismus“ wird in der sozialistischen Ideologie so zur notwendigen „Redistributionsperiode“ (ebd., S. 34) auf dem Weg von der kapitalistischen Gesellschaft zu einer klassenlosen Gesellschaft mit den „obersten Zielwerten Freiheit und Sicherheit“ (ebd., S.34).
Einige Maßnahmen konkreter Politik der DDR in der „Aufbauphase“ des Sozialismus werden hinsichtlich der Verwirklichung dieser Zielvorstellung in den nächsten Kapiteln näher betrachtet.
5. Die Gleichschaltung
5.1 Die Parteien
Bereits am 10. Juni 1945, wenige Wochen nach der Kapitulation Deutschlands, ließ die sowjetische Besatzungsmacht in der von ihr verwalteten Zone die Gründung von Parteien zu. Unter der SMAD-Maßgabe eines antifaschistischen und demokratischen Charakters formierten sich KPD, SPD, CDU und LDPD als maßgebliche politische Kräfte. Beeinflusst durch die Erfahrung der Katastrophe des Nationalsozialismus erklärten sich die Vertreter der bürgerlichen Parteien am 14. Juli 1945 bereit zur Zusammenarbeit mit SPD und KPD in der „Ein-
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heitsfront der antifaschistisch-demokratischen Parteien“, beschlussfassend nach „den Prinzipien der Einstimmigkeit und Verbindlichkeit“ (Staritz 1987, S. 95). Die strukturelle Einbindung der bürgerlichen Parteien durch diese Blockbildung und die „materielle und politische Unterstützung“ (ebd., S. 81) des Zentralkomitees der KPD durch die SMAD führte trotz nicht mehrheitlichen Rückhalts in der Bevölkerung rasch zur Durchsetzung des Führungsanspruches der Partei in der SBZ. Das Verlangen nach der politischen Einheit der Arbeiterbewegung brachte am 21. April 1946 die Vereinigung von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), allerdings „unter vielfältigen Pressionen“ (ebd., S. 121) seitens SMAD und KPD auf die SPD. 1948 schließlich begann die Transformation der SED zur Kaderpartei, mit dem Ergebnis einer Ordnungsstruktur, die es erlaubte ihren „Führungsanspruch an allen politischen und wirtschaftlichen Fragen“ (ebd., S. 132) durchzusetzen. Der Aufbau der National-Demokratischen Partei (NDPD) und der Demokratischen Bauernpartei (DBD) unter SED-Anleitung im selben Jahr ließ die bürgerlichen Parteien endgültig an Bedeutung verlieren.
Der sozialen Differenzierung der Gesellschaft konnte nunmehr in diesem gleichgeschalteten Parteiensystem kaum noch politisch Ausdruck verliehen werden. Ebenso war eine Rekrutierung konkurrierender politischer Gruppen aus ihnen angestammten sozialen Schichten, und eine damit verbundene pluralistische Interessenvertretung einzelner Bevölkerungsteile unmöglich geworden.
5.2 Das politische System
Der Staatsgründung der DDR am 7. Oktober 1949 war die Festlegung vorausgegangen, dass nur ein Staat mit einer „zentralisierten, nach einheitlichen Prinzipien gestalteten Politik“ (Glaeßner 1999, S. 57) in der Lage sei, die angestrebten gesellschaftspolitischen Ziele zu erreichen. Dementsprechend gestaltete sich der Staatsaufbau ab 1952 als zentralisierter Einheitsstaat, unter Auflösung der noch 1945 durch die SMAD neugegründeten Länder. Die zentralisierte Verwaltungsneugliederung, insbesondere die Auflösung des ehemals führenden Preußen, ist zum einen Beitrag zum Abbau von traditionaler regionaler Bindung der Bevölkerung, und sichert zum anderen „die Anwendung des Prinzips des demokratischen Zentralismus“ (Neugebauer 1979, S. 92) bei dem alle „grundlegenden Entscheidungen [...] der Staatspolitik und ihre Durchführung [...] [verbindlich] auf zentraler Ebene“ (ebd., S. 93) gefällt werden. Die Aufhebung der Gewaltenteilung, sowie das oppositionsverhindernde Blocksystem in der Volkskammer gestatteten es der SED von Anfang an ihre verfassungsgemäß gegebene führende Rolle in allen Staatsorganen wahrzunehmen. Somit waren der Partei alle Instrumente zur Durchsetzung einer die Sozialstruktur beeinflussenden Politik, hin zur vom
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Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht in den Sechzigern zunehmend beschworenen „sozialistische Menschengemeinschaft“, in die Hand gegeben.
5.3 Die Gleichschaltung in der gesellschaftlichen Sphäre
Der Elitenwechsel durch umfassende Entnazifizierungsmaßnahmen durch die SMAD 1945 im Bereich der öffentlichen Verwaltung, sowie in den „wirtschaftlichen Kommandohöhen“, die „auf keinen Fall den alten Eliten überlassen werden sollten“ (Staritz 1987, S. 101), und die bevorzugte Einsetzung von SPD- und KPD-Anhängern auf diese Posten, bildete ein geeignetes Fundament zur Errichtung der angestrebten neuen Gesellschaft.
Eine wesentliche Rolle spielten die Massenorganisationen, die z.T. schon vor der Staatsgründung entstanden. So wurde die zahlenmäßig größte Organisation, der FDGB als Gemeinschaftsprojekt von SPD und KPD im Juni 1945 gegründet, zunächst als Dachverband der entstehenden Industriegewerkschaften. Im Zuge der Unterstützung der SMAD-Politik zur Zerschlagung nicht-linientreuer Betriebsräte und des Machtzuwachses der SED wandelte sich die Stellung des FDGB zur „einzige[n] Gewerkschaftsorganisation in der DDR“ mit der neuen Aufgabe „politisches Bewußtsein ‚in die Arbeiterklasse hineinzutragen’“ (Staritz 1987, S. 140).
Alle DDR-Massenorganisationen erkannten ausdrücklich die Führungsrolle der SED an und ihre Führungspositionen waren mit SED-Mitgliedern besetzt. Diese Tatsache macht sie hinsichtlich ihrer Aufgabe, dem Versuch „alle Gruppen und Schichten der Gesellschaft zu organisieren, indem sie an deren spezifische soziale Stellung [...] und Aktivität anknüpfen“ (Völkel 1979, S. 127), zu einem wirkungsvollen Instrument der DDR-Führung auf dem Weg der Neukonstruktion der Gesellschaft. In ihrer Funktion als „Transmissionsriemen“ besteht die wesentliche Zielstellung in der „Veränderung der Einstellung und Verhaltensweisen der Mitglieder im Sinne der von der SED gesetzten Leitbilder“ (ebd., S. 127). Für den von Ralf Dah-rendorf konstatierten Mechanismus der Konfliktkanalisierung in der DDR mittels des Instruments der „gelenkten Diskussion“ (Dahrendorf 1971, S. 439) haben die Massenorganisationen bei der „Schaffung von Foren für eine auf Einzelfragen bezogene Kritik“ (Völkel 1979, S. 127) eine wichtige Funktion.
6 Redistribution in der Produktionssphäre
6.1 Die Bodenreform
Gravierende Auswirkungen für die Entwicklung zu sozialer Modernität auf dem Gebiet der DDR hatte die zügig durchgeführte Bodenreform. Die SMAD verfügte am 30. Oktober 1945 die entschädigungslose Enteignung aller Verbündeten des Naziregimes, sowie weiterer durch
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die SMAD benannter Personen. Der beschlagnahmte Grundbesitz ging an die Verwaltung der Länder und wurde von dort parzellenweise auf landlose und landarme Bauern, Landarbeiter und „Volkseigene Güter“ (VEG) übertragen (Vgl. Staritz 1987, S. 108ff). So erfolgte vorwiegend aus politischen Gründen die „Zerschlagung des ostelbischen Junkertums durch die Land-reform“ (Thaa 1992, S. 46) und damit eine der Grundlagen der traditionalen Sozialordnung in diesem Gebiet.
Die teilweise mit Volksabstimmungen durchgeführten Enteignungen dienten der SED als plebiszitäre Akklamation für ihren Führungsanspruch. Nicht nur die Zerstörung der „’Bastionen des Feudalismus, bzw. des Kapitalismus’“ (Lambrecht 1979, S. 282) sollte so erreicht werden, sondern es wurde auch „eine wirtschaftliche Machtbasis [...], die Loyalität gegenüber den entstehenden kommunistischen Herrschaftsverhältnissen erwarten ließ“ (Thaa 1992, S. 46) geschaffen. Dass sich „die Bodenreform [...] für die SED rentiert hatte“ (Staritz 1987, S. 143), zeigte ihr Wahlergebnis im agrarisch geprägten Mecklenburg von 49,5% der Stimmen, angesichts vorangegangener Wahlen ein deutlicher Zugewinn (Vgl. ebd., S. 143). Die CDU, die einer Bodenreform grundsätzlich zustimmte, konnte sich mit ihren Forderungen nach Entschädigungen für die nicht-nationalsozialistisch belasteten Enteigneten und der „genossenschaftlichen Bewirtschaftung der großen Flächen“ (ebd. S. 111), statt der parzellenweisen Aufteilung auf Kleinbauern nicht durchsetzen. Bemerkenswert ist hierbei, wie sehr die Bürgerlichen schon den Konzepten der späteren DDR-Führung entgegenkamen.
6.2 Die Kollektivierung der Landwirtschaft
Aus ökonomischen Gründen forcierte die DDR in den Jahren 1952 - 1960 die Kollektivierung der Landwirtschaft, da die nach der Bodenreform vorgenommene Parzellierung des Grundbesitzes auf die „werktätigen“ Neubauern, die z.T. nur mittels massiver Subventionierung überleben konnten, kaum noch weitere Produktionssteigerungen zuließen. Die neue Struktur der landwirtschaftlichen Produktionsweise umfasste die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, neue Formen gesellschaftlicher und individueller Arbeit, sowie eine geregelte Verteilung der Einkünfte (Vgl. Lambrecht 1979, S. 285), welche nach unterschiedlichen Graden in drei Typen von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) geregelt waren. Der zunächst auf dem Freiwilligkeitsprinzip geförderte Zusammenschluss der Agrarbetriebe zu einem der drei Typen von LPGs wurde wegen stockendem Fortschreiten im Frühjahr 1960 von der SED mit Zwangsmaßnahmen „zu einem hektischen Abschluss“ (Lambrecht 1979, S. 284) geführt. Mit diesem „bisher gravierendsten Einschnitt in die deutsche Agrargeschichte“ (ebd., S. 285) wurde auch die Sozialstruktur auf dem Lande nachhaltig verändert. Nach regimeeigenen Darstellungen sollte der Zusammenschluss der Einzelbauern „der Restauration
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des Kapitalismus ein für allemal die Grundlagen [...] entziehen“ (Spieckermann/Kriener 1970, S. 25). Der „jahrhundertealten Tradition des privaten Wirtschaftens“, die „tiefverwurzelten Ansichten und alten Gewohnheiten“ (ebd., S. 25) vieler Bauern wurde mit der kollektiven Produktionsweise auch eine moderne Sozialstruktur übergestülpt.
In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre begann die DDR schrittweise den Weg zu einer „industriemäßigen Landwirtschaft“ zu verfolgen, um zum einen durch die großbetriebliche landwirtschaftliche Produktionsweise für ein erhöhtes Wachstum der Produktivität zu sorgen und zum anderen „’die Produktions- und Lebensbedingungen des Dorfes denen der Stadt’“ (Lambrecht 1979, S. 291) anzugleichen. Hierdurch ist der Wille zur Überwindung der traditionalen Sozialdifferenzierung zwischen Stadt und Land gekennzeichnet.
6.3 Die Verstaatlichung von Industrie und Wirtschaft
Im Zusammenhang mit den Enteignungen der Großgrundbesitzer in Vorbereitung der Boden-reform enteignete die SMAD zugleich die Inhaber zahlreicher Banken und großer und mittlerer Industriebetriebe, was mit der Mitschuld der Großindustriellen an der Katastrophe des zweiten Weltkrieges begründet und auch gegenüber der Bevölkerung legitimiert werden konnte. Zum Teil durchgeführte Volksabstimmungen über die Enteignungen schienen den Kurs der SMAD zu bestätigen. Diese Politik wurde auch in den Anfangsjahren der DDR fortgesetzt, bis hin zur „letzte[n] Nationalisierungswelle [...] von Februar bis Mai 1972“ (Beyme 1975, S. 46). Die enteigneten Betriebe wurden zunächst von der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) verwaltet. Mit Gründung der DDR im Zuge der Zentralisierung des Staats-und Wirtschaftsapparates 1950 wurde das DWK in verschiedene Ministerien zur zentralen Planung der Wirtschaft umgewandelt. „Einen wesentlichen Schub in Richtung Zentralisierung“ (Staritz 1987, S. 196) stellte die Verabschiedung des ersten Fünfjahrplans auf dem III. SED-Parteitag 1950 dar. Der sozialistischen Ideologie entsprechend, eine Gesellschaft nach einem Plan aufzubauen, war somit das Instrument geschaffen, umfassend in das Wirtschaftsleben einzugreifen. Der weitere Rückgang privater Wirtschaftstätigkeit, und die Zunahme verstaatlichter Betriebe schien eine Planung der Wirtschaft auch notwendig zu machen. Gleichzeitig brachte das Prinzip der langfristigen Planung wesentliche Einschränkungen der Handlungsspielräume von Betriebsräten und Gewerkschaften mit sich. Für letztere ist in diesem Zusammenhang mit der „Funktionalisierung gewerkschaftlicher Arbeit“ eine „Umwandlung der Gewerkschaften aus Vertretungs- in Transmissionsorgane“ (ebd., S. 173) zu konstatieren.
Anknüpfend an die Sichtweise, Modernisierung als ein „Wandel in den Werthaltungen in sozialen und politischen Systemen [... der] die ökonomische Entwicklung begleite“ (Glaeßner
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1982, S. 99) zu begreifen, ist festzuhalten, das der Rückgang der Privatwirtschaft eine Grundlage bürgerlicher Existenz raubt, die diese als soziale Klasse wesentlich konstituiert.
7 Redistribution in der Verteilungssphäre
7.1 Einkommenspolitik
Im „Übergang zum Sozialismus“ sind „Umverteilungsmaßnahmen in der Einkommenspolitik“ (Beyme 1975, S. 76) eine der einfachsten und wirkungsvollsten Maßnahmen sozialistischer Parteien große Teile der Bevölkerung für die anstehenden Veränderungen zu begeistern. Lohnpolitik stellt dabei eine direkte Redistributionsmaßnahme dar, im Gegensatz zu den indirekten Maßnahmen der sozialen Konsumtion (z.B. Krankenversorgung, kostenlose Bildung, Mietsubventionen). Der sozialistischen Ideologie folgend soll allerdings die Individuelle Konsumtion (Einkommen) gegenüber der sozialen Konsumtion nach und nach in den Hintergrund treten (Vgl. ebd., S. 78).
Angesichts der ökonomischen Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre (Abgeschnittenheit von westdeutschen Grundstoffindustrien, Demontagen und Reparationsleistungen an die Sowjetunion, Kriegsschäden, usw.) jedoch ließ sich dieses Konzept nicht nachhaltig umsetzen. Bereits am 9. Oktober 1947 wurden mit dem SMAD-Befehl 234 gegen den Willen vieler Arbeiter und Arbeiterfunktionäre leistungsabhängige Formen der Entlohnung eingeführt, und die „Akkordarbeit wieder verbindlich, auf die nach Kriegsende überall verzichtet worden war“ (Staritz 1987, S. 132), wobei kaum noch Unterschiede zur kapitalistischen Lohnarbeit auszumachen waren. Die Tatsache, das „materielle Anreize [...] eher der Steigerung ökonomischer Effizienz als der Förderung der Gleicheit“ (Beyme 1975, S. 84) dienen, zeigt das hier der DDR-Führung mehr daran gelegen war, die Überlegenheit der „sozialistischen“ Wirtschaft zu beweisen, als die Neukonstruktion der Gesellschaft hinsichtlich sozialer Modernität voranzutreiben.
7.2 Bildungspolitik
Von zentraler Bedeutung für die Beeinflussung sozialer Strukturen ist in jedem politischen System das Bildungswesen. Für die DDR heißt das konkret, das „Bildung und Erziehung [... die] Entwicklung zur sozialistischen Persönlichkeit“ (Rudolph 1979, S. 313) fördern sollen. Als wichtiges Instrument des DDR-Bildungswesens ist dabei die „Einheitsschule mit ihren aufgezeigten Implikationen der Chancengleichheit und des Abbaus von Bildungsschranken“ (ebd., S. 316) eingeführt worden, um die Selektion von Bildungsbiographien abhängig von sozialer Herkunft von Anfang an einzudämmen. Grundlegender allgemeinbildender Schultyp wurde die polytechnische Oberschule mit zehn Klassenstufen, weiterführende Schulform die
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Erweiterte Oberschule (EOS), welche i.d.R. nach 2 Jahren mit Abschluss der 12. Klasse zur allgemeinen Hochschulreife führte.
Von Bedeutung für die Lenkung der Gesellschaft in Richtung sozialer Modernität ist aber vor allem die veränderte Bedeutung der Hochschulen als „Bestandteil des ‚einheitlichen sozialistischen Bildungssystems’“ (Glaeßner 1979, S. 353), mit denen „mittelfristig [...] die Brechung der Bildungsprivilegs der alten Ober- und Mittelschichten“ (Thaa 1992, S. 45) angestrebt wurde. Neue Zielstellung war dagegen „die Schaffung einer ‚neuen Intelligenz’“ (Glaeßner 1979, S. 355) durch die besondere Förderung von Arbeiter- und Bauernkindern. Dazu wurden insbesondere die Auswahlverfahren der Hochschulen so modifiziert, dass die Sozialstruktur der Studenten möglichst der Sozialstruktur der Bevölkerung entsprach. Große Anstrengungen zur Erreichung dieses Ziels unternahm die DDR auch in der Erwachsenenbildung, z.B. mit der Möglichkeit des nachträglichen Erwerbs der Hochschulreife an den Volkshochschulen ab 1946/47 und der Errichtung sogenannter Arbeiter- und Bauernfakultäten (Vgl. ebd., S. 360ff). Diese Politikmaßnahmen ebneten den Weg für das von Ralf Dahrendorf genannte Kennzeichen sozialer Modernität des „privilegienfreien Zugang[s] zu Elitepositionen“ (Dahrendorf 1971, S. 444).
7.3 Die Gleichstellung von Mann und Frau
Ohne Zweifel ist die „Befreiung von der ‚Haussklaverei’ und [... die] Integration in den Arbeitsprozeß“ (Beyme 1975, S. 99) als wichtigster Anspruch zur Emanzipation der Frau in der DDR mit einer Frauenerwerbsquote von 50,7% im Jahre 1971 (Vgl. ebd., S. 99) weitgehend realisiert. Weiterhin ist die „Verteilung der arbeitenden Frauen auf [...] als typisch weiblich geltende Berufe“ nicht so stark ausgeprägt, wie in den meisten kapitalistischen Ländern. Dennoch kann von vollständig hergestellter Gleichberechtigung noch nicht die Rede sein. Die hohe Frauenerwerbsquote ist nicht zwangsläufig mit einem hohen Grad der Emanzipation verbunden, sondern in erster Linie notwendige Folge des hohen Arbeitskräftebedarfs in der DDR. Die dadurch entstehende Doppelbelastung der Frau mit der Bewältigung von Beruf und Familie kann durch den verstärkten Aufbau von Vorschuleinrichtungen als Teil des sozialistischen Bildungssystems (Kinderkrippe, Kindergarten) in den Anfangsjahren der DDR nur ungenügend abgefangen werden. Weitere Beeinträchtigung der Chancengleichheit zwischen Mann und Frau werden bei der niedrigeren Entlohnung von Frauen und bei der Besetzung von politischen und wirtschaftlichen Spitzenpositionen deutlich, in denen Frauen kaum vertreten sind (Vgl. Beyme, S. 100ff).
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8. Die Vollendung der sozialen Revolution in die Modernität in der DDR?
In der DDR „ist [...] die radikale Revolution in die Modernität vollendet worden“ (Dahrendorf 1971, S. 444) konstatiert Ralf Dahrendorf resümierend über seine Analyse der DDR-Gesellschaft. Interpretiert man diese Aussage in negative Richtung eines „Schlußstrich unter den Prozess der Aufhebung der sozialen Bedingungen eines Autoritarismus traditionaler Prägung“ (ebd., S. 444) muss man ihm zweifellos Recht geben, eine Rückkehr zu einer autoritären politischen Verfasstheit auf Grundlage sozialer Traditionalität ist in dieser Gesellschaft aufgrund der aufgezeigten Politikmaßnahmen unmöglich geworden. In positiver Richtung der „von ungewollten Bindungen freie[n] Gleichheit aller Menschen“ (ebd., S. 44) bleiben auf dem Weg zur Vollendung der Modernität noch einige Schritte zu gehen. Zwar scheinen Klassengegensätze, allen voran der zwischen von Bürgertum und Proletariat nach den ersten Jahren des DDR-Regimes durchaus aufgehoben. Neben dem noch offensichtlich großem Einfluss zugeschriebener, statt erwerbbarer Positionen in Fragen der Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sowie dem noch immer präsenten Gegensatz zwischen Stadt und Land aber, existieren noch einige weitere Anhaltspunkte die von Vollendung nur schwer sprechen lassen.
So diskutiert Gert-Joachim Glaeßner das „nicht zu unterschätzende[...] Konfliktpotential“ der „relative[n] Resistenz und Dauerhaftigkeit ‚traditionaler’ Einstellungen“ (Glaeßner 1982, S. 129) in sozialistischen Systemen und die Reaktion der zunehmenden Diskussion der herrschender Eliten über „sozialistische Moral, das Wesen und die Entwicklung der sozialistischen Persönlichkeit“ (ebd., S. 129). In der weiteren Literatur zu dieser Problematik, welche nach Dahrendorfs Veröffentlichung von „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“, z.T. mit den Erfahrungen der Wende, herausgebracht worden ist, werden Risse im Bild der vollendeten Modernität deutlich. Winfried Thaa konstatiert aufgrund der „Erosion der Forschrittsidee“ (Thaa 1992, S. 435) eine seit den Siebzigern zunehmende Entstehung von Teilöffentlichkeiten in der DDR-Gesellschaft, einhergehend mit einer Unzufriedenheit zwischen der Bevölkerung und den herrschenden Eliten, zwischen „’denen’ und ‚uns’“ (ebd., S. 438). Das führt zu der Frage, ob sich die Bürokratie inzwischen als eigene Klasse konstituiert hat (Vgl. Glaeßner 1982, S. 175). Der Klassenbegriff ist für die Situation in der DDR sicherlich übertrieben, da es sich nicht um eine völlig abgeschlossene soziale Gruppe handelt, zeigt aber dennoch deutlich, dass sich die herrschenden Eliten und die Bevölkerung mit der Zeit immer weiter voneinander entfernen. Mit dieser Entwicklung differenziert sich auch zunehmend das von Dahrendorf entwickelte Bild des vom „Volksgenossen“ des Nationalsozialismus zum „Genossen“ des Sozialismus gewandelten homogenen sozialen Individuums.
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Verwendete Literatur
- Beyme, Klaus (1975): Okönomie und Politik im Sozialismus, ein Vergleich der Entwicklung in den sozialistischen Ländern, München: Piper Verlag. - Boldt, Hans (1990): Deutschland nach 1945, in: Deutsche Verfassungsgeschichte, Bd. 2: Von 1806 bis zur Gegenwart, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 293-343. - Dahrendorf, Ralf (1971): Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
- Glaeßner, Gert-Joachim (1979): Hoch- und Fachschulen, in: Günter Erbe / u.a.: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der DDR, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 92-99. - Glaeßner, Gert-Joachim (1982): Sozialistische Systeme, Einführung in die Kommunismus- und DDR-Forschung, Opladen: Westdeutscher Verlag. - Glaeßner, Gert-Joachim (1999): Demokratie und Politik in Deutschland, Opladen: Leske + Budrich.
- Lambrecht, Horst (1979): Die Landwirtschaft, in: Günter Erbe / u.a.: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der DDR, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 281-312. - Lepsius, Rainer (1993): Machtübernahme und Machtübergabe, in: Demokratie in Deutschland, Göttingen: Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.
- Ludz, Peter Christian (1964): Studien und Materialien zur Soziologie der DDR, Köln und Opladen: Westdeutscher Verlag.
- Neugebauer, Gero (1979): Der Staatsapparat, in: Günter Erbe / u.a.: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der DDR, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 92-99. - Nohlen, Dieter (2001): Kleines Lexikon der Politik, München: Verlag C.H. Beck. - Ruck, Michael (1993): „Führerabsolutismus und polykratisches Herrschaftsgefüge -Verfassungsstrukturen des NS-Staates“, in: Karl-Dietrich Bracher/ Manfred Funke / Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.): Deutschland 1933 -1945: Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. - Rudolph, Irmhild (1979): Das allgemeinbildende Schulwesen, in: Günter Erbe / u.a. (Hrsg.): Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der DDR, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 92-99.
- Schmidt, Manfred G. (1995): Wörterbuch zur Politik, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag. - 2. SED-Parteikonferenz (1952): Beschluss der II. Parteikonferenz der SED zu gegenwärtigen Lange und zu den Aufgaben im Kampf für Frieden, Einheit, Demokratie und Sozialismus vom 12. Juli 1952, in: Dietrich Staritz (1987): Die Gründung der DDR, Von der Besatzungsherrschaft zum sozialistischen Staat, München: Deutscher Taschenbuch Verlag.
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- Spieckermann, Hans / Kriener, Arnolf (1970): LPG Bauer auf neue Art, Die moderne sozialistische Landwirtschaft in der DDR, Berlin: Staatssekretariat für westdeutsche Fragen.
- Staritz, Dietrich (1987): Die Gründung der DDR, Von der Besatzungsherrschaft zum sozialistischen Staat, München: Deutscher Taschenbuch Verlag. - Thaa, Winfried (1992): Gesellschaftliche Differenzierung und Legitimitätsverfall des DDR-Sozialismus, das Ende des anderen Wegs in der Moderne, Tübingen: Francke Verlag.
- Völkel, Walter (1979): Nationale Front, Blockparteien, Gesellschaftliche Organisationen, in: Günter Erbe / u.a.: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der DDR, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 120-128.
- Wolle, Stefan (1998): Die heile Welt der Diktatur, Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, Berlin: CH. Links.
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Gregor Wiedemann, 2005, Die soziale Revolution in die Modernität in der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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