1. Der allgemeine Charakter der Philosophie Lockes:
Selbstvergewisserung und Selbstbescheidung des Denkens
Lockes Philosophie wird noch heute allgemein als platter "Empirismus"
mißverstanden, wobei `Empirismus' in dieser Auffassung charakteristischerweise reduziert wird auf die angebliche Lehre von "Sinnesdaten", die analog zu Dingen im Raume von dem Bewußtsein als einer Art Behälter aufgenommen würden. Dieses Mißverständnis wird auch dem häufig zitierten Leitspruch des Empirismus: "Nihil est in intellectu quod non (prius) fuerit in sensibus" untergeschoben. Eine genauere Betrachtung der Philosophie Lockes führt dagegen zu einem tieferen Verständnis der Weise, in der das in der Wahrnehmung "Gegebene" als Bewußtsein "erfahren" wird und führt so aus einem tieferen Verständnis der Sache zu einer Distanz zu den üblichen Verstellungen des Verständnisses der Lockeschen Philosophie, die selbst oftmals Ausdruck einer das Unverständnis hervorrufenden Unaufmerksamkeit sind. Der ernsthaften Betrachtung wird deutlich, daß Lockes Denken zu den ursprünglichen Bemühungen des Geistes sich über sein Wesen klar zu werden gehört. Es ist gerade darin menschlich groß, daß es aus seiner Einsicht in seine Endlichkeit zu Selbstbescheidung und Glauben findet. Lockes Philosophie muß aus ihrem zeittypischen Bestreben verstanden werden, das Bewußtsein in seiner neuzeitlichen Verunsicherung gegenüber der dogmatisch aufgefaßten "äußeren" Realität der als Glaubenswahrheiten und metaphysischen Sätze dargestellten Auffassungen von Subjekt, Welt und Gott zu beruhigen, indem durch eine Vergewisserung des Bewußtseins selbst über seine ihm selbst verfügbaren Kräfte eine neue Basis des Welt- und Selbstverständnisses gewonnen werden sollte. Sie sollte dem kritisierten Dogmatismus gerade darin überlegen sein, daß sie zugleich die Basis dieser Kritik war. Lockes Philosophie ist insofern ein Beitrag zur Selbstaufklärung des Bewußtseins über die Gründe seines sich in der Gesamtwirklichkeit vollziehenden Wandels im Verständnis seines Welt-und Selbstbezugs.
Das Ergebnis dieser Selbstaufklärung ist ernüchternd und zugleich befreiend: Das Bewußtsein erfährt sich in seiner völligen Abhängigkeit von Inhalten, über die es nur von sich selbst her, also gerade nicht im Sinne bisheriger Realitätsbegriffe vom vermeintlich unabhängigen Gehalt her, verfügen kann. Dieses Verfügenwollen des Bewußtseins ist gerade darin in seiner eigenen Begrenztheit gefangen, daß es sich nur aus den in der Verfügung schon verstellten Gehalten erfahren kann. Es kann zu keinem "An-sich" durchdringen,
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sondern bleibt noch in seiner Selbst-vergewisserung vom Schein der Dinge, den es selbst erzeugt, um sich in ihm von der Dinglichkeit her zu spiegeln, geblendet. In diesem verblendeten Sicherscheinen des Bewußtseins von der Dinglichkeit her will es sich selbst als Ding festhalten. Dieses Sich-Festhaltenwollen ist das Wesen der Dinglichkeit selbst, auf deren Weise es sich selbst und daraus alles andere mißversteht: auch Gott, der für das nach Halt suchende Bewußtsein der letzte Bezugspunkt sein soll. Dieses Mißverständnis ist aber dennoch
Verständnis, insofern das Festhaltenwollen Folge des wirklichen urgründigen und untergründigen Bewußtseinswissens um seine eigene Nichtigkeit ist. Das Dasein des Bewußtseins weiß sich in seinem "Da" als zufälliges, nur mögliches Sein-inder-Erscheinung und erfährt sich gleichzeitig in seinem Bewußtsein der Nichtigkeit als gegen diese Nichtigkeit protestierendes Seinwollen, das gerade aufgrund seiner Vergänglichkeit die Dauer sucht, sie aber von sich her nur im Modus der Vergänglichkeit als Illusion des Selbststands vermeinen und das heißt: verfehlen kann.
Lockes Philosophie führt das Denken aus seiner anmaßenden Selbstverblendung zurück zu seiner Nichtigkeit und bietet ihm nur das Wissen um Gott als Zuflucht, das ihm gerade aus dieser Erfahrung der eigenen Nichtigkeit als letzter Wurzel der Frage nach dem Grund des Da-seins überhaupt zuwächst. Aus diesem Wissen um Gott, das in der Erfahrung der Nichtigkeit gründet, kann der Mensch ein neues Verhältnis zum Gegebenen finden, in dem er sich selbst gerade in seiner Begrenztheit von den Dingen her als von Gott gehalten erfährt und sich seinen endlichen Sinn als in seiner Begrenztheit von Gott geschaffenen Sinn schenken läßt.
Dieses unverfügbare Wissen um Gott soll im Zentrum der Untersuchung stehen. Um die Bedeutung dieses Wissens innerhalb der Lockeschen Philosophie deutlicher zu machen, soll zunächst skizziert werden, inwiefern sich diese belehrte Unwissenheit aus der Erkenntniskritik Lockes ergibt. (1) Die eigentliche Gotteslehre ist nur vor dem Hintergrund dieser Erkenntniskritik zu verstehen. Für sich genommen ist die Gotteslehre beinahe nichtssagend oder wirkt wie eine erneuerte rationalistische Dogmatik. In gewisser Weise ist die Erkenntniskritik schon die Theologie Lockes selbst, insofern in der Begrenztheit und Zufälligkeit des Wissens die Notwendigkeit eines Geistwesens sichtbar wird. Die explizite Gotteslehre kann als Versuch Lockes verstanden werden, seine Einsichten mit der religiösen Tradition zu vereinen und "materialistische" Fehlinterpretationen seiner eigenen Lehre abzuweisen.
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2. Lockes Erkenntnislehre: Die Apriorität des Aposteriorischen
2.1. Lockes erkenntnistheoretische Kritik der apriorisch
konstruierenden dogmatischen Metaphysik im ersten Buch des Essay
Im ersten Buch des Essay richtet Locke seine Kritik gegen die (nicht einfach mit Descartes' Philosophie zu identifizierende) Vorstellung von "ideae innatae", also angeblich göttlich-ewiger, präreflexiver ("angeborener"), inhaltlich
erfahrungsbedingender Prinzipien des Wissens wie zum Beispiel den Sätzen der Identität und des Widerspruchs. Seine Kritik geht so vor, daß sie die Bedingungen der Möglichkeit von Wissen überhaupt untersucht, um von den gewonnenen Einsichten aus die Unbegründetheit und damit den dogmatischen Charakter der bisherigen Metaphysik sichtbar zu machen. Locke ist dabei jedoch kein dogmatischer Skeptiker, sondern will auch den Skeptizismus gewissermaßen als heimliches negatives Pendant des Dogmatismus treffen (I, 29-31). Allein aus der "Betrachtung der Dinge selbst" ("in the consideration of things themselves", I, 115) will Locke die Quelle der vernünftigen Erkenntnis suchen. Mit diesem Prinzip nimmt er bereits teil an dem aufklärerischen Programm, durch erfahrungsbezogene autonome Selbstreflexion die bevormundende Fremdbestimmung des Denkens durch Autorität und Tradition in Moral, Politik und Religion zu überwinden (I, 68; I, 85; II, 362, 415-427, 444-448). Locke erkennt die oben genannten Prinzipien a ls Abstraktionen: Das, was Erfahrung apriorisch erst möglich macht (`Identität' als Erfahrung von "="), wird vom Erkenntnisvorgang als abstraktes Ansich isoliert (verbalisierter Grundsatz der Identität), als etwas dinglich Erfahrbares für sich vorgestellt (A=A, Ich=Ich, Ding=Ding) und seine Struktur rational analysiert (Der erste Teil der Bestimmung muß der zweiten entsprechen und ihr So-sein bestimmen). Das eigentliche Geheimnis der Identität liegt aber in dem der Kopula voraufgehenden Vorgang, insofern man sie also nicht als Zeichen, sondern als Erkenntnisstruktur versteht, aus der das "Erkannte" und sekundär Verbalisierte erst hervorgeht, ohne daß sich dieses Hervorgehen sekundär bestimmen ließe. Vielmehr geht es dem Bestimmen voraus und läßt dieses das zu "Bestimmende" systematisch verfehlen. Locke hält damnach das Erkenntnisvermögen als eine nicht hintergehbare "Kraft" kurz gesagt für in seinen formalen und inhaltlichen Vorstellungen selbst schon intuitiv (selbstevident) verfahrend (I,49, II, 270, 177f): "For in this (intuitive knowledge, A.d.V.) the mind is at no pains of proving or examining,
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but perceives the truth as the eye doth light, only by being directed towards it." (II, 177). Die Abstraktionen, die nur dann sinnvoll zu verwenden sind, wenn man sich ihres abgeleiteten Charakters bewußt bleibt, haben eine Funktion für die zeichenhaft-äußerliche Vermittlung von Wissen (II, 280). In dieser abstrakten Vermittlung liegt natürlich die Gefahr, das zeichenhaft Vermittelte wieder in seiner kommunikativen Äußerlichkeit zu fixieren und sich so vom ursprünglichen Wissen und damit von sich selbst zu entfremden (3). Ideen werden also von Locke als Erscheinungen von Kräften angesehen, die etwas in der Zeit stattfindendes Vergängliches und gerade nicht etwas vorgängig mit sich Identisches darstellen, also nicht abbilden, sondern "etwas" eben als etwas ins Bild gebrachtes oder als Bild gesetztes sichtbar machen: ans Licht bringen. Das Denken verfügt nicht über die Realität, sondern diese entzieht sich ihm in dem Maße es sich ihrer inne zu sein meint, wärend es vielmehr in ihr und aus ihr sich veräußernd stattfindet: Denken ist abgefallenes Sein, Abfall des Seins, Sündenfall, aber noch im Fallen nur gehalten vom in sich bleibenden Sein. Der Geist kann das Sein an sich, von dem auch hier nur poetisch verweisend, nicht denotativ geredet werden kann, nicht festhalten; wenn er etwas zu halten vermeint, dann ist es wieder nur er selbst gewesen: Dieses etwas, was der Geist festhalten und behalten (Gedächtnis) kann, also jeden Bewußtseinsinhalt, nennt Locke bezeichnenderweise "idea". Das angeblich "empirische", weil vom Geist "innerlich" als von außen kommend zur Erscheinung gebrachte ("Raum") ist in Wirklichkeit immer schon intelligibel. Das isoliert gedachte Intelligible, der Verstand, ist aber gerade in der Selbstverständlichkeit seiner Raumsetzung immer schon transzendent-empirisch (bzw. rezeptiv). Das Apriorische und
Aposteriorische sind ineinander dialektisch verschränkt, bilden eine prälogische Einheit. Eines ist n ur aus dem Anderen zu "verstehen", jede Isolierung und Trennung führt zu einseitiem Scheinverständnis. Das eigentlich Rätselhafte ist dabei die Trennung, in der diese Einheit uns im Denken (durch das Denken) erscheint, wobei nur die Ahnung der Einheit uns die Trennung als solche spürbar macht, ohne daß wir sie deshalb bewußt überwinden können: denn unser Bewußtsein hängt an ihr, und wir selbst in unserer Endlichkeit/Leiblichkeit/Zeitlichkeit/ Individualität sind sie. (4)
2.2. Die Darstellung der Kraft in der Erscheinung des Raums
Die Wahrnehmungen, die als Folge der Aufmerksamkeit (Aufnahmebereitschaft) dem
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Bewußtsein gleichursprünglich und daher "gleichzeitig" als Ideen zur Erscheinung kommen (sensations=ideas of perception, I, 166, 127, 184, 183) und die Ideen, die der Verstand ohne Aufmerksamkeit auf Äußeres selbst gewinnt, indem er seine Operationen perzipiert (ideas of reflection, I, 123) sind die zwei einzigen Quellen der Erfahrung, wobei die erstere der zweiten in der Erkenntnis vorhergeht; denn nur die schon stattfindenden Operationen der Wahrnehmung können Gegenstand der zweiten Erkenntnis werden. Andererseits geht im Stattfinden der Operationen das in der Reflexion Gewußte der Wahrnehmung als solcher ontologisch schon voraus. Kurz gesagt: In der Reflexion erfährt sich der Geist als das, was sich in der Wahrnehmung immer schon vollzieht. Dieses reflexive Wissen um das perzeptive "Wissen" ist allerdings nicht der Vollzug des Wissens der Erfahrung in der Wahrnehmung selbst: Als reflexives Wissen weiß sich das Bewußtsein gerade vom perzeptiven Vollzug abgespalten (5). In diesem Wissen liegt jedoch gerade der Hinweis auf das apriorische Moment in der Erfahrung selber. Das Unverfügbare "hinter" dem zu wissenden Erfahrungsgeschehen ist etwas dem Bewußtsein selbst Zugrundeliegendes. Das Bewußtsein kommt in der Erfahrung zu sich (in den beiden Bedeutungen des Ausdrucks: "wach" und "identisch"). Als sich wissendes Bewußtsein weiß es seine Erfahrung als Erfahrung des Bewußtseins. In der philosophischen Reflexion seines Sich-wissens weiß es seine Erfahrung als Ausdruck einer vorgängigen Einheit von Bewußtsein und Erfahrung, die nicht "erfahren" und daher auch nicht gewußt werden kann, sondern allem Wissen, es ermöglichend, vorausliegt: Seine sich verbergende Erscheinungsweise ist gerade die Erfahrung selbst. Die Nichteinholbarkeit und damit Unverfügbarkeit des dem Einzuholenden und Verfügbaren Vorausliegenden macht gerade den Charakter der Notwendigkeit und Erkenntnisgewißheit aus, der mit der Erfahrung in actu rezipiert wird.
Sensation und Reflexion als Quellen aller Erfahrung können zu komplexen Gebilden verbunden werden (complex ideas). Daneben gibt es aber auch Ideen, die einfach sind, obwohl sie komplexe Verhältnisse angeben: die Ideen von Raum und Zeit. Raum und Dauer werden bei Locke als einfache Ideen bestimmt (I, 264). Der Raum als Idee der Möglichkeit von Punkten (I, 239) beruht nicht allein auf der Empfindung der Festigkeit. "Space" und "solidity" sind nicht notwendig verbunden (I, 232). Die Festigkeit wird nur als Eigenschaft der Raumerfüllung
wahrgenommen. Raum allgemein ist durch das Denken erfahrene unvergängliche Bedingung der Möglichkeit der Ideen der `sensation', die aber nur mit der Erfahrung zusammen in Erscheinung treten kann.
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Das der Anschauung vorausliegende, in seiner Notwendigkeit anhand der relativen Passivität des Verstandes (Die Empfindung ist "gegeben") erfahrene Ursprüngliche darf nicht selbst reifiziert gedacht werden (I, 503). Es ist das Ergebnis von Kräften, die wir in der Tatsache der Gegebenheit der Empfindungen erfahren, die gerade auch in den sekundären, sonst subjektiv genannten Qualitäten erscheint.
2.3. Die Vergänglichkeit der Erscheinung als Zeitlichkeit der Reflexion
Während die Räumlichkeit mit den Ideen der Sensation untrennbar verbunden ist, insofern die Empfindung über sich hinausweist, liegt eine solche Verbindung für die ideas of reflection nicht vor. Unser Wollen und Vorstellen sind die allgemeinsten Ideen unserer Reflexion. Sie erscheinen nicht als räumlich, wohl aber als zeitlich, da ihre wesentlichen intentionalen Relata wechseln, aufeinander folgen. Zeit wird als die Möglichkeit des Moments verstanden. Abhängig ist die Sukzession letztlich vom Begehren oder Willen, der
vordergründig als die Kraft gedacht wird, die das Denken antreibt und daher auch den Vorstellungswechsel bedingt. Der Wille als in seinem Wollen bleibend unbefriedigte und daher objektbezogene Begierde (I, 332) erscheint gegenüber dem Vorstellen doch das abgeleitete Vermögen zu sein, obwohl in ihm das aktive Moment stärker ist, insofern durch seinen wesensnotwendigen Bezug zu
vorgestellten Relata das Wollen vom Vorstellenkönnen überhaupt abhängig ist. Letztlich sind beide Vermögen nicht trennbar: Sie sind nur der subjektive Ausdruck derselben Verschränkung von Wahrnehmung und Denken, der dem Denken das scheinbar Objektive erst vermittelt.
2.4. Die gemischten modi, die Substanzideen und die meta-
physische Fundierung des Wissens bei Locke
Nach Locke findet mit den einfachen und komplexen Ideen noch keine Erkenntnis im strengen Sinne statt, da sie intuitiven Charakter haben: lediglich die Erfassung von Übereinstimmung (Wiedererkennen) oder Verschiedenheit (als Ausbleiben des Wiedererkennens) von Ideenzeichen gilt als Erkenntnis. Die Relation von Ideen wird demonstriert. Diese Operation ist von der aktualen Erfahrung unabhängig, hat also bleibende Gültigkeit und ist in ihrer Gültigkeit apriorisch demonstrierbar, insofern die Regeln der Verknüpfung erfahrungsunabhängig sind. Unter den gemischten modi versteht Locke abstrakte Ideen, die als eigene
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Archetypen des Verstandes aufgefaßt werden müssen. Sie bestehen aus
verschiedenen einfachen Ideen und repräsentieren keine äußeren Gegenstände. Die Idee der Substanz entsteht durch eine Tätigkeit des Verstandes, bei der er einfache Ideen mit der Unterstellung (suppose, presume) einer darunterliegenden für sich existierenden Einheit versieht, die das
gewohnheitsmäßige Auftauchen bestimmter Ideen oder Ideenverbindungen scheinbar erklärt, obwohl die Ideen selbst nicht auf etwas anderes als sich selbst verweisen.
Schon die Aussage, daß 1. etwas und 2. existiert, ist problematisch, vor allem wenn sie von der unmittelbaren Erfahrung abgelöst und vom einzelnen auf allgemeines erweitert wird. Weniger problematisach ist das intuitive mitgewußte Wissen um die eigene Existenz des Denkens. Zwischen beiden Gewißheiten steht die der Existenz Gottes: Sie ist also problematischer als die eigene, aber sicherer als die des Fremden. Als notwendig zu denkende Grundlage der eigenen Existenz ist die Gottes aber für das reflektierende Denken die reflexiv gewisseste Existenz.
Auch hier führt die Reflexion zu tieferen Einsichten der Zusammenhänge von äußerer, innerer und göttlicher Existenz: Die innere Gewißheit des Bewußtseins wird nur wach an der Erfahrung der Ideen, indem sich das zeitbildende Begehren mit seinem unendlich entfernten Gegenstand zusammenzuschließen "scheint", wodurch sich das Begehren zugleich zeitlich erfüllt, wie es unbefriedigt bleibt. Der Hunger führt zur Befriedigung durch das Essen und bleibt doch als Hunger erhalten. Das schmerzhaft erfahrene und als bleibend gewußte Bedürfnis ist das, was das Bewußtsein von Existenz bedeutet. Das Glück bestätigt dieses Bewußtsein, indem es immer nur partiell sein kann. Insofern gibt es eine Priorität des Unbefriedigten, der Sehnsucht und der "Sorge" im bleibenden Verlangen. Eine vollständige, das Bedürfnis selbst vergessenmachende Befriedigung würde zugleich das Bewußtsein der Existenz beseitigen. Entbehrung und Leid dagegen führen gerade wegen ihres "abschreckenden" Charakters das Bewußtsein zu einer intensiveren Erfahrung seiner Existenz und seiner Existenzweise. Reiner Schmerz ist allerdings genauso unmöglich wie reines Glück: Der Baum kann immer nur am grünen Holz verfaulen. Insofern enthüllt sich die Erfahrung des Schmerzes immer nur als Ausdruck mimimal befriedigten Vorblicks auf das Glück. Dieses Existenzgefühl des Bewußtseins gewinnt sich also aus Erfahrung und Denken ineins. Die göttliche Existenz liegt dabei dem Bewußtsein des bleibenden Glücksverlangens in seiner zeitlichen erfahrungsvermittelten relativen
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Unbefriedigtheit zugleich als Bedingung seiner Möglichkeit wie als Ausdruck seines Begehrens (Hoffnung) zugrunde.
3.ANMERKUNGEN
(1) Die Erkenntniskritik sieht sich in einer ähnlichen Lage wie ein Auge, das sein eigenes Sehen sehen wollte. Im Spiegel sieht es dieses gerade nicht, sondern nur sich selbst, wie es im Sehen erscheint. Es sieht auch nicht das Licht, in dem es sieht, sondern nur das Sichtbare. Und diese Sichtbarkeit nennt man "Licht". Vgl. Schulte, Günther: Das Auge der Urania. Bilder und Gedanken zur Einführung in Erkenntnistheorie. Frankfurt/M. 1975.
(2) Für die Darstellung der Erkenntnislehre war mir die Dissertation von Helke Panknin, 1992, eine große Hilfe. Ich habe mich bei meiner Lektüre auf die von ihr besonders hervorgehobenen Passagen des Lockeschen Werks konzentriert. Sie entsprechen den von mir angegebenen Textstellen.
(3) Von hier aus ist auch zu verstehen, welche hohe Bedeutung Lockes Einsichten zum Beispiel für die Pädagogik haben, aber auch für die Gesellschaft im ganzen. Eine Gesellschaft, in der kein Freiraum für Eigenreflexion bleibt oder diese durch bestimmte Formen der Wissensvermittlung systematisch verhindert wird, nimmt zugleich und gleichursprünglich in jeder Hinsicht dogmatische und
Äußerlichkeit des Denkens und Verhaltens für das Denken selbst. Dies ist keine Selbst-ent-fremdung, die man sowieso nur paradox thematisieren kann (Wer sich selbst fremd wird, kennt noch das fremd Gewordene als Nicht-fremdes), sondern ein Sich-selbst-nicht-kennen ("falsches Bewußtsein").
(4) Beim Denken steht man sich immer selbst im Wege, aber wenn man sich aus dem Weg geht, verliert man den Boden unter den Füßen.
(5) Wenn es dies vergißt, kann es zur Ontologisierung des Erkenntnisvollzugs kommen: wobei das Wissen um das Wissen den Vollzug des Erkennens systematisch von sich selbst her auslegt: subjektiver Idealismus, der sich als absoluten mißversteht. Der Erkenntnisvollzug ist nur als bleibendes Geheimnis thematisierbar.
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4. LITERATURVERZEICHNIS
Primärliteratur
Locke, John: An Essay concerning Human Understanding. Collated and annotated with prolegomena, biographical, critical and historical by Alexander Campbell Fraser. 2 Bde. New York 1959. Nachdruck der 1. Auflage von 1894.
Sekundärliteratur
Kopper, Joachim: Transzendentales und dialektisches Denken. Köln 1961.
(=Kantstudien. Ergänzungshefte, Bd 80).
Ders.: Reflexion und Determination. Berlin, New York 1976. (=Kantstudien. Ergänzungshefte, Bd 108).
Panknin, Helke: Die transzendentale Bedeutung der Kraft in der Erkenntnislehre Lockes und Humes. Frankfurt a.M./Berlin/Bern/New York/Paris/Wien (Lang) 1992. Mainz, Univ, Diss., 1991. (=Europäische Hochschulschriften, Reihe 20, Philosophie, Bd. 376).
Specht, Rainer: John Locke. München 1989.
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Martin Gabel, 1992, John Locke: Theorie der Erkenntnis, München, GRIN Verlag GmbH
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